Verkettung Gedichte von Martin Gumpert
Reading edition

Leipzig Kurt Wolff Verlag 1917
Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. Januar 1917 als achtunddreißigster Band der Bücherei „Der jüngste Tag“
Die Gedichte sind 1914—16 entstanden, sie gehören meinen toten Freunden
Nicht mehr will ich den Tag vertrinken Unter allen der abseits Weinende sein, Wortlos und müde hinauszusinken Die Arme empor des Nachts zwischen Kissen zu schrein.
Oder in Straßenbahnen voller Gesichter Plötzlich hochrot und in Tränen Erwachter zu stehn Um dann erfüllt, doch bezwungen vom Spruche der Richter Flackerndes Feuer geduckt zu vergehn.
Heute begriff ich die jammernden Stunden des Knaben, Flehend, bei Spielen der andern mitjubeln zu können, Nicht immer nach Wildheit der Lechzende sein, erschüttert von Gaben, Die sich unzeigbar verschenken und selten zu nennen.
Harte Schwielen wünscht ich mir in die Hände Oder auf Bäumen zu sitzen und Zweige zu brechen, Doch mir wuchsen die Tage in endlose schmerzende Brände Und ich verschloß mich stumm, meine Schlaffheit zu rächen.
Ich trug die Gesichter der groben ungläubigen Lehrer In meine zitternden Träume, zaghaften Nächte hinein, Wurde mir selber aufhorchend und wundernd der Hörer, Ließ mich gleiten, wurde in Qualen gemein, Ließ mich verleiten von jedem, das mich bewegte, Der nicht mehr da war, dunkel und trunken den Blick, Was mich so maßlos erbitterte und erregte Von mir gebracht fiel dröhnend auf mich zurück.
Jugend, Verrat, schwerträumend, bewußtlos verübt, Geschändet, verstoßen, verschlossen, wehrlosen Willens. Großes, hartherziges Grauen der höhnenden Stadt, Lachende, riesige Menschen, die mich in Händen gehabt, Die mir zerknickten die wachsenden Glieder zum Stoß: Ich blieb an den Wolken hängen Ich blieb an den himmlischen Winden hängen Ich sank in die Wiesen, Gras nickte mir zu, Den hohen Gesängen Der wissenden Wälder Gab ich mein brennendes brüderlich: Du.
Aufgehender Tag, teilhaft des Sinns solcher Zeit, Mutter, Dein Schoß regt sich verkündungsvoll, Stolz Deines Sohnes will donnernd erwachen, Heiliger Stunde dröhnt das Geläute der Welt. Kirchen stürzen zerschmettert, Gott geht zu Gast, Der fromme Geist zeigt schluchzend sein Herz, Süß liegt die ruhende Kraft bereit, Unseliger Schlaf auftut die Augen Zu vollstrecken des Geistes Geheiß: Denn Gott ist zornig, ist streng und zornig!
Durch Jungsein leergebrannt Die eingekreiste Glut, Vielmals vergossen Weg abendlicher Qual.
Denn da genügt kein Wort, Ist nirgends ein Wort, Das der Nacht Verhängnis Gerecht ermißt.
Wir sehen uns an Wänden Verrunzelt winzig stehn, Zwischen weichen Fingern zermalmend Überschreitet uns riesig die Frau.
Wir strecken um ein wenig Glück Die Hand, um enge Güte, Um einen Hof der Scham, uns stürzt Zärtlichkeit vom Angesicht.
Aber Feindschaft ist so groß, Kein Schoß verheißt Empfang, Ekel überspannt den Leib Seiner Unzulänglichkeit.
Blühte doch ein Tal der Ruhe, Käme Zeit des Morgens, Der ins Innen dringt Und Erlösung kennt.
Auf dem Rücken der Stadt Hockt der häßliche Zwerg, Die kreischende Nacht, Das Tor voll Qual.