Zwischen den Sperrgebieten
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Heulend streicht der Nordwest um die roten Sandsteinfelsen Helgolands, schmettert die zu schweren Brechern aufgewühlte See gegen die Molen, jagt sie an den Wänden hoch, daß sie gischtend über die Quadern hinweglecken, um dann krachend zusammenzubrechen. Um den Leuchtturm wirbelt er, jauchzt in den Drähten der Funkenstation und rüttelt an den schiefergedeckten Häuschen, deren Bewohner seit Jahren schon drüben auf dem Festlande weilen. Selten nur tönt der hallende Schritt eines Menschen durch die schmalen Gäßchen. Den Kragen hochgeschlagen, das Sturmband unter dem Kinn, kämpft er gegen den Sturm an, der an jeder Ecke neu gegen ihn heranspringt.
Im Schutz der Molen läuft »U 95« aus. Kaum steckt es die Nase am Molenkopf vorbei, als es auch schon von der See gefaßt wird. Ein wildes Stampfen und Schlingern beginnt, als wollten die anlaufenden Brecher dem Boote das Auslaufen verwehren. Mit Kurs Südwest zu West quält es sich vorwärts. Der Sturm reißt den weißen Ölqualm in Fetzen aus dem Schornstein. Ein Zittern geht jedesmal beim Einsetzen durch das Fahrzeug, es dröhnt und klingt in das Stampfen und Knattern der Motoren, daß jeder Befehl gebrüllt werden muß, soll er verstanden werden.
Nach Stunden erst flaut der Sturm ab, die See aber läuft noch tiefaufgewühlt heran. Eine weite und gefährliche Fahrt steht »U 95« bevor. Durch den Kanal, die Biscaya, durch die Straße von Gibraltar soll das Boot nach der Adria fahren, um von dort aus im Mittelmeer Handelskrieg zu führen. Voll aufreibender Fährnisse jeder Art ist der Weg. Minen, Netze, U-Boot-Jäger und Untiefen lauern an vielen Stellen. Den schwierigsten Teil bringen schon die Tage, wo es gilt, durch den Kanal in Sicht der französischen und englischen Küste durchzubrechen. Stunden stehen bevor, in denen jeder Einzelne alles hergeben muß, was überhaupt nur ein Mensch – und was noch mehr ist, ein U-Boots-Mann zu leisten vermag. Es heißt vorläufig mit den Kräften haushalten. Der Kommandant beschließt daher, die Nacht auf dem ruhigen Grunde zuzubringen. Eine Stelle, an der die Seekarte weißen Sand verzeichnet, wird aufgesucht. Das Geknatter der Motoren verstummt, immer weiter läuft der Zeiger des Tiefenmanometers, dann ein leichtes, kaum fühlbares Aufstoßen, und »U 95« ruht still in dreißig Meter Tiefe auf dem Grunde der Nordsee. Bald liegt alles bis auf die Wachen in Maschinenraum und Zentrale in tiefem Schlaf.
Eben dämmert im Osten der Tag, als das Boot seine Fahrt auf den Eingang des Kanals zu aufnimmt. Der Seegang hat bedeutend nachgelassen; einzelne leichte Spritzer jagen noch über Vor- und Achterschiff, aber auch sie werden, je weiter der Tag vorschreitet, seltener. Das Wetter ist klar und sichtig; Nordhinder Feuerschiff wird in weitem Abstand passiert, kein Fahrzeug angetroffen. Hier beginnt die Gefahrzone, die die schärfsten Ansprüche an die Aufmerksamkeit der an Deck befindlichen Mannschaften stellt. Alles steht klar auf Stationen. Das ungeheuere englische Minenfeld liegt voraus. Leicht kann der Sturm einzelne Minen losgerissen haben, die durch die Strömung ostwärts abtreiben. Unentwegt starren die Leute auf die einzelnen ihnen zugewiesenen Abschnitte, ob nicht zwischen den kleinen Wellen die schwarze oder vom Seetang grünlich gefärbte Rundung heranschwimmt.
Das Minenfeld! Nochmals wird der Schiffsort festgestellt, auf der Karte genau der Kurs abgesetzt, dann geht es getaucht weiter. Stundenlang. Nach einer Weile kommt die Meldung aus dem Vorschiff, daß an Steuerbordseite ein Gegenstand entlangschrammt. In der tiefen Stille, die im Innern herrscht, kommt ein deutliches Kratzen und Scheuern näher heran. Jetzt ist es an der Zentrale, um sich Sekunden darauf nach achtern zu verlieren. Ein Minenhaltetau. Na, alle Minen scheinen ja noch nicht losgerissen zu sein.
Mehrere Stunden noch, bis zum Einbruch der Dunkelheit, dauert die Fahrt, dann taucht »U 95« vorsichtig auf. Weit und breit ist die See frei, kein Sperrbewachungsfahrzeug ist zu sehen. Denen ist der Mut zum Verharren wohl durch die von der flandrischen Küste vorstoßenden deutschen Seestreitkräfte, die ihre Erkundungsfahrten durch die Downs bis nach der Themsemündung und weiter noch bis Lowestoft ausdehnen, längst vergangen.
Kein Lichtstrahl schimmert von der in Friedenszeiten so reich befeuerten Küste Kents auf See. Auch die Feuerschiffe, die wegen der zahlreichen, der Themse vorgelagerten Sände sonst ein unumgängliches Hilfsmittel für das Einsteuern in den Strom waren, sind eingezogen. Wie eine dunkle Straße, deren Ende sich unabsehbar anscheinend in der Nacht verliert, liegt voraus der Kanal; nur einzelne Sternbilder zeigen den Weg. Einsam und ruhig zieht »U 95« die gefährliche Straße hinein. Kein Auge schließt sich während der Stunden des Durchbruchs durch die engste Stelle. Mit scharfen Nachtgläsern bewaffnet, suchen die Leute das Dunkel zu durchdringen, ob nicht irgendwo der weiße Kamm der Bugwelle eines herannahenden Feindes auftaucht.
An Backbord voraus scheint ein Gewitter zu stehen. Greller Lichtschein flammt auf, der sekundenlang die tiefdunkle Nacht hell erleuchtet. Dumpfes Murren, wie ferner Donner kommt heran. Unablässig, wie wenn ein schwerbeladener Wagen über schlechtes Pflaster hinwegrollt, klingt es nach. Dann, plötzlich steigt am nachtschwarzen Himmel ein Stern hoch, neigt sich, um mit weitausstrahlendem Schimmer wieder zur Erde zu sinken. Ein zweiter, ein dritter folgt ihm – die flandrische Front. Deutlicher hebt sich auch jetzt aus dem fernen Grollen der dumpfe Ton schwerer Geschütze ab, die selbst um diese vorgerückte Stunde nicht schweigen. Der Kampf hier kennt keine Nachtruhe.
Zwei Stunden noch, dann liegt die Front wieder in tiefem Dunkel achteraus. Eine Weile begleitet das ferne Murren und Grollen die Fahrt, bis überall tiefe Stille sich breitet, die nur von dem eintönigen Rauschen des Kielwassers und dem Hämmern der Motoren unterbrochen wird.
Die englische Küste steht in tiefstem Dunkel. Ab und zu nur leuchtet der grelle Lichtstrahl eines Scheinwerfers, der sekundenlang über die See geistert, auf, um jäh mit einem Schlage wieder zu verschwinden. Die Franzosen scheinen dagegen vor einem Angriff von See oder von Luft aus bedeutend weniger Furcht zu haben. Rötlicher Dunst verrät deutlich, wo sich größere menschliche Ansiedlungen befinden. Ein Kinderspiel wäre es, hier heranzulaufen und einige Granaten als Gruß des deutschen U-Bootes abzugeben. Doch andere Aufgaben harren seiner.
»Voraus ein Schiff!« brüllt der Posten des Verdecks zum Turm hinauf, wo im gleichen Augenblick auch schon ein stilliegender schwarzer Gegenstand gesichtet wird. Ein Bewachungsfahrzeug! Hart Steuerbord wird das Ruder herumgewirbelt, alles ist klar zum Tauchen, jeden Augenblick kann die Mannschaft in das Innere springen und die Luks hinter sich schließen. Der Gegner merkt nichts, scheint sanft zu dösen.
Eine halbe Stunde später kommt eine Begegnung, die freilich bedeutend unangenehmer werden kann. Aus dem Dunkel der Nacht huscht plötzlich ein Schatten heran ... keine zweihundert Meter ab .... »Schnelltauchen!« Dumpf schlagen die Luks zu .... Sekunden später schließt sich das Wasser über dem Turm, eben als drüben ein greller Feuerschein aufflammt .... Fünf Meter Wasser stehen über dem Boot, als das brausende Schlagen von Schiffsschrauben, die sich in rasender Eile nähern, heranklingt. Sekunden nur, dann steht der Zerstörer über dem Boot .... Der Herzschlag scheint den Leuten im Innern zu stocken ... wenn nur diesmal noch alles klargeht ... um den Bruchteil einer Sekunde nur kann es sich handeln ... er ist vorbei. Ein trockenes Knacken, ein zweites schwächeres gleich darauf .... Wasserbomben. Für diesmal zu spät.
Zwei Stunden fährt »U 95« getaucht westwärts weiter, als das Boot ganz unvermittelt vorn hochgerissen wird. Gleichzeitig kommt aus dem Vorderschiff die Meldung, daß deutliches Scharren und Scheuern an der Außenhaut zu vernehmen ist. U-Bootnetz! Einen Augenblick stockt der elektrische Antrieb. »Äußerste Kraft zurück!« ... Das Scheuern hält an – anscheinend hat das Bugruder sich im Netz verfangen und wird festgehalten. ... »Äußerste Kraft voraus!« ... Einige Sekunden macht das Boot Fahrt, dann ein kurzer Ruck ... die Stahltaue des Netzes scharren weiter nach dem Turm zu ... wieder ist die Fahrt aus dem Schiff.
Die Stimmung ist zwar nicht besonders rosig, aber keineswegs gedrückt. Nicht zum erstenmal macht der Kommandant mit einem englischen Unterwasserzaun Bekanntschaft. Die Hauptsache ist, daß die Maschinen intakt und das Boot heil geblieben ist.
»Alle Tanks fluten!« Der Zeiger des Tiefenmanometers schnellt um fünfzehn Meter vor. »Dreimal äußerste Kraft voraus!« Jetzt heißt es, biegen oder brechen. Ein leichtes Zittern ... einige kurze scharfe Rucke, dann schießt »U 95« mit voller Geschwindigkeit voraus. Einzelne Tampen des zerrissenen Netzes schlagen noch an das Achterschiff, dann ist das Hindernis durchbrochen.
Der Steuermann, der eben zu seiner großen Beruhigung festgestellt hat, daß der Kreiselkompaß seine ungeheuere Geschwindigkeit noch immer ohne Störung beibehalten hat, wischt sich den Schweiß von der feuchten Stirn und meint dann aufatmend zum leitenden Ingenieur, der neben ihm in der Zentrale steht: »Nu fehlt heute nacht bloß noch 'ne U-Bootsfalle, dann haben wir aber auch den ganzen englischen Abwehrzadder erlebt!«
Die Nacht scheint aber den Ahnungen des Steuermanns nicht Recht geben zu wollen. Es ereignet sich nichts weiter. Noch funkeln die Sterne am Himmel, als »U 95« auftaucht. An Steuerbord schimmert das Feuer von Beachy Head minutenlang herüber, erlischt für eine Weile, um abermals aufzublitzen. Es kann sich nur um ein Signal für ein Schiff handeln, das die Fahrt über den Kanal wagen will, ein Leitlicht, nach dem sich der Kapitän des Fahrzeuges richten mag. Das Dringendste wäre zunächst, die durch das Netz vielleicht verursachten geringen Beschädigungen festzustellen, das hat aber schließlich Zeit bis zum Morgen, da das Boot einwandfrei arbeitet. Wichtiger für den Augenblick scheint dem Kommandanten, sich davon zu überzeugen, welchem Fahrzeug eigentlich der ungewohnte Lichtschein von Beachy Head gilt. –
Das Boot stoppt. Aufmerksam spähen die Augen nach allen Seiten, und bald ist das Rätsel gelöst. Fünfzehn Minuten etwa sind vergangen, als die Lichter eines Schiffes an Backbord des Leuchtfeuers auftauchen. Nicht nur die Seiten- und Dampferlaternen des Herankommenden brennen, auch die Promenadendecks sind hell erleuchtet, aus mehr als hundert Seitenfenstern strahlt eine Flut von Licht nach außen. Was mag das bedeuten? Ein hellerleuchtetes Schiff mitten im gefährdetsten Sperrgebiet? Ein Neutraler wird doch nicht so wahnsinnig sein, hier unbekümmert, als gäbe es keine deutschen Tauchboote, spazieren zu fahren. Ein englisches Lazarettschiff, das nach Frankreich will, um dort jedenfalls Verwundete abzuholen! In einigen hundert Metern Entfernung muß es an dem gestoppt liegenden »U 95« vorbeifahren. Schon sind alle Einzelheiten deutlich zu erkennen. Drei riesige Kreuze aus Glühlampen leuchten vorn, mittschiffs und achtern an der Bordwand, ein funkelnder Streifen zieht sich vom Bug nach dem Heck. Alles vollständig vorschriftsmäßig. Näher rauscht das Lazarettschiff heran. Auffallend ist, daß der Dampfer, wie man es bei den leeren Schiffen von solchen Abmessungen doch voraussetzen müßte, nicht hoch aus dem Wasser ragt, und leer muß er sein, da er jetzt doch höchstens Verbandsmaterial, Krankentragen und Ähnliches an Bord haben kann. Die Sache scheint faul! Keine zweitausend Meter ist der Engländer jetzt ab. Im Glanze der zahlreichen Deckslichter enthüllt sich im nächsten Augenblick eine ungeheure englische Niedertracht.
Aus dem Dunkel des Vorschiffs huscht plötzlich eine ganze Menge von feldmarschmäßig gerüsteten englischen Soldaten die unter der Brücke liegende Treppe hoch, auf die Promenadendecks. Eine Täuschung ist unmöglich! Ganz deutlich hebt sich alles genau übereinstimmend in den Gläsern ab. Was da drüben an khakifarbenen Männern zu sehen ist, sind keine Sanitätssoldaten. Gewehrläufe blitzen in den Deckslichtern! Eine Gruppe wird so scharf beleuchtet, daß die ganze Ausrüstung bis in die kleinste Einzelheit festzustellen ist. Ein Irrtum ist gänzlich ausgeschlossen! Da kommt auch schon die Bestätigung. Während die Engländer sich völlig sorglos unterhalten, öffnet sich eine nach den Niedergängen führende Tür. Wütendes Schimpfen klingt durch die Nacht, hastig jagt ein Offizier die unvorsichtigen Leute nach dem Achterschiff in das Dunkel; in größter Eile stürzen sie davon. Warum diese Heimlichkeit bei Sanitätern? Ähnlich scheint es mit der Ladung im Schiffsinnern beschaffen zu sein: Kriegsmaterial für die Front. Die ungeheuren Gewichte schwerer Geschütze und größere Mengen von Munition drücken das Lazarettschiff bis zur Grenze der Schwimmfähigkeit herunter.
Morgen werden die Engländer in hysterisch-ohnmächtiger Wut zwar in die Welt hinausbrüllen, ein harmloses Lazarettschiff sei von einem deutschen U-Boot versenkt worden, hier aber gibt es kein Bedenken. Der eine Torpedo, der im Rohre harrt, rettet Tausenden von Kameraden Leben und Gesundheit.
In wenigen Minuten liegt der Engländer im Ziel des schußbereiten Bootes, das einige hundert Meter querab getaucht wartet.
»Steuerbord Bugrohr fertig!« Einen Augenblick später leuchtet die Mattscheibe auf: »Fertig!«
»Los!« Wenige Sekunden nur, dann erschüttert der starke Stoß der Explosion »U 95«. Unmittelbar vor dem achtersten Mast hat der Torpedo aufgetroffen. Eine Minute darauf scheint das Lazarettschiff ein feuerspeiender Vulkan zu sein. Auseinandergerissen sinkt das riesige Fahrzeug unter der hochgehenden Munition mit aufbäumendem Vor- und Achterschiff in die Tiefe und mit ihm die für die Front bestimmten Granaten, Patronen und Geschütze; die Tommys, die sich im Schutze des Genfer Zeichens so sicher wähnten, daß sie sich aus dem Dunkel ins helle Licht hervorgewagt haben.
Tiefschwarze Nacht lagert über dem Kanal. Gleichmäßig rauschen die Wellen. An Steuerbord leuchtet das Feuer von Beachy Head, der Wegweiser, der das englische »Lazarettschiff« sicher nach Frankreich geleiten sollte. –
Während von allen Seiten, durch die riesige Explosion angelockt, Zerstörer und Bewachungsfahrzeuge heranpreschen, ist »U 95« längst schon in sicheren Tiefen westwärts abgelaufen. Wenn auch nicht viel Lebendes an der Stelle des Unterganges zu bergen ist, werden die Helfer jedenfalls doch zu sehr beschäftigt sein, um an eine, im Dunkeln doch aussichtslose Verfolgung denken zu können. So taucht der Kommandant also eine Stunde vor der Morgendämmerung auf, um vor allem erst die Akkumulatoren wieder aufzuladen. Noch liegen vierundzwanzig Stunden Kanalfahrt vor dem Boot, die alle erdenklichen Zwischenfälle bringen können.
Mit gewöhnlicher Marschgeschwindigkeit zieht »U 95« in den anbrechenden Tag hinein. Kaum ist die Sonne aufgegangen, als es festzustellen gilt, ob durch das Netz irgendwelche Beschädigungen der Außenhaut verursacht wurden. Ein wirres Durcheinander von Drahtenden hat sich wie festgeschmiedet um das Vorschiff gelegt. Einer der vordersten Ölbunker ist eingebeult und leckt. Ein Glück nur, daß der unangenehme Zwischenfall sich nachts ereignete. Das sickernde Öl hätte im Tageslicht an der Oberfläche den Verräter gespielt, bis zur neuen Nacht hätte das Gehetzt- und Gejagtwerden dauern können. Nur zu leicht wäre es gewesen, der Spur an der Oberfläche zu folgen.
Mit allen verfügbaren Leuten wird das Netz beseitigt und das Leck gedichtet, und zwei Stunden später sind alle Schäden beseitigt, nur einige schampfiehlte Stellen am Vorschiff sind als ehrenvolle Narben zurückgeblieben.
Das Wetter ist klar und sichtig. »U 95« hält sich mitten im Kanal. Weder die englische noch die französische Küste sind in der immer breiter werdenden Straße zu sehen. Von Schiffsverkehr ist nicht viel zu bemerken. In weitem Abstande nur kommen die braunen Segel einiger Fischer, die dicht unter der englischen Küste kreuzen, in Sicht, am Spätnachmittag noch Rauchfahne und Masten eines anscheinend mit großer Fahrt laufenden Dampfers, der der französischen Küste zusteuert. Ebenso ruhig wie der Tag verstreicht die Nacht, und am Morgen steht das Boot am Westeingang des Kanals.
Ein Gefühl der Erleichterung bemächtigt sich der Leute. Wenn ihnen auch die zurückgelegte Strecke kein besonderes Heldenstück zu sein scheint, – haben sie doch auf ihren zahlreichen Fahrten oft schon ähnliche Hindernisse und Störungen kennengelernt – so liegt doch von jetzt ab die offene See vor ihnen, die weder Minen noch Netze kennt. Vielleicht zwar hat Herr Edison während seiner sechsunddreißigstündigen Arbeitszeit im Tage, die er auf dem Gipfel seines sagenhaften Berges verbringt, einen neuen amerikanischen Bluff erfunden, um die deutschen U-Bootsleute graulich zu machen. »Man tau«, würde der Obermatrose Tönjes sagen. Der Nachmittag schon bietet Gelegenheit, die Probe auf das Exempel zu machen.
Vom Westen kommend, taucht gegen drei Uhr über der Kimm ein Dampfer auf, dessen Umrisse nach kurzem deutlich auszumachen sind. Ein großer Transatlanter mit einem Schornstein und vier Masten. Tief beladen. Drei große weiße Buchstaben leuchten von der schwarzen Bordwand: U. S. A. Ein Amerikaner. Ein seltener Bissen – im Sperrgebiet. Fünf Seemeilen steht er ab, als ihm der erste deutsche Gruß zwischen den Masten dicht über Deck entgegenschlägt.
Ganz unerwartet scheint den Herrschaften drüben diese Begegnung nicht zu kommen. Im gleichen Augenblick fast dreht er hart Backbord auf die Irische Küste zu, während seine Hilferufe S. O. S., S. O. S., S. O. S. nicht abreißen wollen. So leicht aber entkommt man nicht, auch wenn man Amerikaner ist. Die deutschen Grüße werden eindringlicher. Zwei Granaten schlagen in das Achterschiff ein. Er stoppt noch immer nicht. Eben hallt der Donner eines neuen Schusses über das Wasser, als drüben mehrere große Kisten über das Heck gestürzt werden.
Ein leichter Dunst scheint aus der See aufzusteigen, dünn, wie ein feiner grauer Schleier hebt er sich über dem Wasser, wird stärker, dichter, wallt in ganzen Schwaden hoch, breitet sich aus, legt sich als schützender Brodem vor das amerikanische Schiff. Es ist verschwunden. Künstlicher Nebel. Schießen hat keinen Zweck mehr, trotzdem aber soll er nicht entwischen.
Mit äußerster Kraft prescht »U 95« seitwärts ab, um die Nebelwand zu umgehen. Eine halbe Stunde verstreicht, da tauchen vorerst die Mastspitzen, dann der Schornstein und schließlich der ganze Schiffsrumpf des Amerikaners wieder auf. Die erste Granate trifft auch gleich diesmal die richtige Stelle. Aus der Mitte des Schiffes dringt weißer Dampf; es stoppt! Vorsichtig nähert sich das Tauchboot dem Dampfer und umkreist ihn in sicherer Entfernung. Er ist unbewaffnet. Die Kerle drüben wissen genau, daß es sich hier um keine Komödie handelt, glauben indessen auch weiter noch die Schwerhörigen spielen zu können. Sie tun, obwohl seit zehn Minuten schon das Signal: »Verlassen Sie sofort das Schiff!« ausweht, als machten sie sich an ihren Booten zu schaffen, wollen aber anscheinend nur Zeit gewinnen, um feindlichen Streitkräften rechtzeitiges Heraneilen zu ermöglichen. Erst eine weitere Granate beschleunigt mit sanftem Nachdruck das Aussteigen.
Vier vollbesetzte Boote stoßen ab und kommen heran. Von weitem schon ertönt aus ihnen mörderliches Schimpfen. Das kann die Stimmung an Bord allerdings nur erheitern. Während die Amerikaner sich nähern, reißen Granaten ein Loch nach dem andern in die Wasserlinie ihres Dampfers, durch das die See in hellen Strömen eindringt. Und eben, als das erste Boot mit dem Kapitän anlegt, kentert sein Schiff und sackt weg. Mit ungeheuerer Beredsamkeit protestiert der Amerikaner gegen die »ungewarnte Torpedierung«. Eine barsche Aufforderung unterbricht seinen Redeschwall. »Bringen Sie Ihre Schiffspapiere!« Während der Mann an Deck weiterschimpft und zetert, werden die Papiere durchblättert. Alle erdenklichen schönen Sachen: vom Stacheldraht angefangen bis hinauf zu schweren und schwersten Granaten.
Wieder unterbricht der Kommandant den Zornigen: »Sie wollen gegen die Versenkung Ihres Schiffes protestieren, das bis oben hin mit Kriegsmaterial beladen ist? Na, Sie scheinen ja eine eigenartige Auffassung von unserer Seekriegführung zu haben!«
Etwas kleinlauter geworden, meint der Kapitän des versenkten Fahrzeuges, er wolle ja nur gegen das »ungewarnte Torpedieren« Verwahrung einlegen.
Der Kommandant lacht. »Unser Schuß genügt Ihnen wohl nicht? Und Ihre Nebelbomben? Ihr Auskneifen? ... Sie können an Land rudern!«
Jetzt wird der Amerikaner, der kurz vorher noch so hohe Töne redete, sichtlich verlegen. Er jammert und barmt, weist auf das Gesindel in seinen Booten, mit dem die Fahrt unter Land wohl eine Woche dauern könne. –
Mit den Booten in Schlepp steuert »U 95« nordwärts, um die Leute näher an die Küste heranzubringen. Eine Stunde später aber kommt ein Dampfer in Sicht, von dessen Bordwand die bunten norwegischen Farben leuchten. Wieder so ein Neutraler, dem das Geschäft über alles geht: Kohle von Cardiff nach Genua. Eine Weile darauf landet die schöne Kohle mehrere hundert Meter tief auf dem Grunde des Atlantik, ziemlich weit von ihrem Bestimmungsort, und die norwegischen Boote, die die Amerikaner bald überholen, segeln nach Land zu.
Der nächste Tag trifft das deutsche U-Boot mitten in der Biscaya. Hoffentlich beschert ihm der Zufall noch einige fette Bissen. Lange aufhalten darf es sich hier allerdings nicht, da noch mehr als die Hälfte des Weges zurückzulegen ist. Gegen Abend kommt ein stolzer Viermaster in Sicht. Eben ist er beim Halsen, um über Stag zu gehen, als ihm eine Granate durch die Takelage pfeift. Ein weiteres Segelmanöver tut nicht mehr not. Die Besatzung des Schweden, deren Schiff nach Plymouth bestimmt war, ist bald darauf an Deck des U-Bootes, das sie vorläufig beherbergen will, da der Weg nach Land weit ist. Es sind ruhige, verständige Leute, dankbar für die Aufnahme, die ihnen an Bord zuteil wird. Schnell haben sie in den unteren Räumen ein Plätzchen gefunden, wo sie möglichst wenig stören. Der nächste Tag schon bringt ihnen überdies Befreiung aus dem Bootsinnern.
Siebzig Seemeilen etwa steht »U 95« von Kap Finisterre ab, als ein englischer Erzdampfer ihm in den Weg läuft. Von weitem schon fällt eine ganze Pallisadenreihe von Ladebäumen auf. Mehr als vierundzwanzig stehen sie rund herum an der Reeling. Diese Schiffsart, die für Laden und Löschen der gewichtigen Erzmengen besonders gebaut ist, ist äußerst selten und wertvoll. Glücklicherweise erscheint kurz hinter dem Engländer ein spanischer Fischer, der die Schweden und die Besatzung des Engländers an Bord übernimmt.
Am Abend des dritten Tages kommt an Backbord Kap Trafalgar in Sicht. Die Straße von Gibraltar liegt voraus. Zitternd huschen die Scheinwerfer der Festung über die See nach Ceuta und nach Tanger hinüber, drehen, spüren, suchen, wollen die Straße sperren, als wüßten sie, daß soeben ein deutsches Tauchboot durchzufahren beabsichtigt, und erlöschen wieder. Die afrikanische Küste liegt im Dunkel. Armierte Fischdampfer und zahlreiche kleine Torpedoboote bilden hier die Bewachung. Unbehelligt zieht das Boot an ihnen vorbei in das Mittelländische Meer hinein.
Eine gefährliche Stelle birgt vor dem Ziele nur noch die Straße von Otranto. In tiefer Dunkelheit wird das Kap S. Maria di Leuca gerundet, kurz nach Mitternacht tauchen voraus die Schatten der in der Straße wachehaltenden Patrouillenschiffe auf. Einzelne werden umgangen, dann wird mehrere Stunden getaucht, bis die Gefahrzone passiert ist. Am Mittag wachsen aus den tiefblauen Fluten der Adria die kahlen Karstfelsen der dalmatischen Küste auf, und eine halbe Stunde später weht von Bord eines heranbrausenden Zerstörers die österreich-ungarische Kriegsflagge, gleitet »U 95« durch die Minensperre in den sicheren Hafen.