Der deutsche U-Boot-Walfisch
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Lind und warm strahlt die Frühlingssonne vom wolkenlosen Himmel herunter. Ein leichter Südwind kräuselt die dunkelblauen Wasser der Biscaya, die so sanft und harmlos liegt, als wollte sie von ihrem wilden Stürmen und Toben in den Wintermonaten ausruhen.
Mit langsamer Fahrt zieht »U 285« mit Südkurs durch die spiegelglatte, sonnenflimmernde See dahin. Die Luks sind geöffnet. Alles, was dienstfrei ist, liegt langgestreckt auf Vor- und Achterdeck, um sich nach dem tagelangen Unterdeckbleiben einmal wieder gründlich auszulüften. Auf der Brücke haben Kommandant und leitender Ingenieur es sich, soweit es eben die Platzverhältnisse gestatten, bequem gemacht. Der Koch reicht durch die Zentrale eine Kanne duftenden Mokkas hinauf, und leichter Dampf der solange entbehrten Zigaretten wirbelt in die klare Luft. Auf dem Verdeck liegen drei Leute auf dem Bauch und dreschen einen handfesten Männerskat. Die mit Recht so beliebten Zuschauer um sie herum fehlen nicht. Eine Weile vernimmt man nichts weiter als das derbe Aufklatschen der reichlich geölten Karten auf das stählerne Deck, bis eine ernstliche Meinungsverschiedenheit entsteht, die sich in schwerkalibrigen Zärtlichkeiten Luft macht. Der Streit greift auf die aus ihrem süßen Mulsch Erwachten, die sich in der Nähe des Turmes niedergelassen haben, über und erreicht eben seinen Höhepunkt, als der Kommandant sich vermittelnd einmischt:
»Na, Jungs, ihr seid doch nicht Passagiere erster Klasse auf einem Reichspostdampfer, daß ihr hier so 'nen Krach schlagt, ihr vergrämt mir ja mit eurem Palawer die Engländer.«
Als hätte es nur dieses Zauberspruchs bedurft, so glätten sich die Wogen der Erregung, und ruhig und mit allen Schikanen klappert der Skat weiter.
Weit und breit ist in der Biscaya, in der sonst kein Schiff fahren konnte, ohne irgendwo Rauch oder ein Segel zu sichten, nichts zu sehen. Die zahlreichen Dampferwege, die aus allen Richtungen der Erde hier zusammenlaufen, scheinen seit der deutschen Sperrgebietserklärung verödet. Nicht einmal die französischen Sardinenfischer, die sonst in ganzen Flottillen um diese Zeit hier angetroffen werden, wagen es auszulaufen, seit hier und im Kanal zwei deutsche U-Boote je ein Dutzend von ihnen zur Strecke gebracht haben. Die Neutralen haben endlich, bis auf wenige Ausnahmen, das Fahren eingestellt, seit sie eingesehen haben, daß es den Deutschen mit ihrem energischen Vorgehen bitterer Ernst ist. Und die englischen Schiffe? Sie fahren, weil sie müssen, weil von Tag zu Tag der Hunger furchtbarer an die Tore Englands klopft. Nicht nur Lebensmittel fehlen, das Trommelfeuer an der Westfront frißt Stahl in unheimlichen Mengen. Neuer Ersatz muß herangeschafft werden.
Seit dem frühen Morgen ist trotz schärfsten Ausgucks nichts gesichtet worden. Es heißt also vor allem die Fahrstraße finden.
Mehrere Stunden schon zieht »U 285« mit halber Fahrt quer durch die Biscaya, ohne daß sich irgendetwas ereignet. Eben will der U-Boot-Oberbootsmannsmaat Müller triumphierend einen Grand mit vieren ansagen, als alles wie elektrisiert hochspringt. Oben auf dem Turm nimmt die idyllische Kaffeeszene ein jähes Ende, und der Grand mit vieren wandert schleunigst zur Konservierung in die Hosentasche des glücklichen Besitzers, der Nummer Eins des Bootes.
Aus südlicher Richtung dringt dumpfhallender Donner heran. In unregelmäßiger Folge heben sich einzelne Schläge ab. Geschützfeuer!
»Hart Steuerbord, große Fahrt!«
Während »U 285« dreht und vermehrte Fahrt aufnimmt, verschwindet die Mannschaft auf Stationen. Zwar ist noch nichts zu sehen, jeder Augenblick aber muß den Befehl zum Tauchen bringen. Kann sich doch der Harmloseste unter den Leuten – und harmlose U-Bootsleute gibt es schwerlich in dieser Gegend, – sagen, daß irgendetwas anliegt. Drüben muß ein deutsches U-Boot im Kampfe sein. Es heißt dem Kameraden so schnell als möglich zu Hilfe zu kommen.
Mit äußerster Kraft prescht »U 285« auf den Geschützdonner zu, daß die See mitunter bis auf das Deck hinaufkämmt. Ein Glück, daß die Biscaya heute so glatt ist und die Fahrt nicht hindert. Scharf spähen die Augen voraus ...
»Drei Strich, Steuerbord, Rauch!«
In wenigen Minuten schon sind zwei weitauseinanderstehende Masten und drei Schornsteine zu erkennen. Wahrscheinlich ein Hilfskreuzer. Unaufhörlich blitzt es vorn und achtern bei ihm auf. Etwa vierzig bis fünfzig Hektometer ab von ihm spritzt das Wasser in hohen Säulen empor. Dort muß wohl der Kamerad stehen, von dem sie nichts sehen können. Er antwortet nicht. Ein böses Zeichen. Sollte er schon niedergekämpft sein?
Immer näher kommt »U 285«, das inzwischen halb getaucht hat, an den feuernden Dampfer heran, dann entweicht die letzte Luft aus den Tanks, der Turm verschwindet unter Wasser, und nur die Sehrohre noch bleiben in dem flimmernden Sonnengeriesel der Oberfläche. An Backbordseite nähert sich das Boot dem noch immer feuernden Feinde. Jede Einzelheit an Bord ist bei der geringen Entfernung deutlich auszumachen. Ein großer schwarzer Dampfer ohne Flagge mit zwei übereinanderliegenden Promenadendecks. An der Reling ist kein Mensch zu sehen, alles ist anscheinend nach Steuerbord gestürzt, um Zeuge der Vernichtung eines deutschen U-Bootes zu sein .... Wenige Minuten später hebt sich an der Backbordseite mittschiffs eine Sprengwolke aus der See und verhüllt Schornsteine und Brücke. Langsam, träge neigt der Hilfskreuzer sich nach Backbord. Das ganze Deck ist zu übersehen. Vier Geschützrohre, die senkrecht zum Himmel ragen, ein Gewimmel von übereinanderstürzenden Menschen, die den Halt verlieren ... bis die See in die Schornsteine strömt und die Masten auf die Oberfläche aufschlagen ...
Während der Engländer die Fahrt in über tausend Meter Tiefe antritt, ist »U 285« längst auf die Stelle zugejagt, wo die Granaten eingeschlagen waren. Nichts! ...
Kein Mensch kümmert sich um den versinkenden Dampfer. Zunächst gilt es die Kameraden zu retten. Auf Turm und Verdeck steht die Besatzung mit Rettungsringen und Bootshaken, um sofort, sobald sich etwas Lebendes zeigt, helfend eingreifen zu können. Vom beschossenen U-Boot aber ist nichts mehr zu sehen. Sollte die Vernichtung geglückt sein? Dann müßte doch wenigstens ein Ölfleck die Stelle des Unterganges verraten.
Unaufhörlich kreuzt »U 285« hin und her, um die verräterische glatte Stelle, das einzige untrügliche Zeichen, daß die Kameraden den Tod fanden, an der Oberfläche zu finden. Nichts ... Die Sache wird immer rätselhafter. Ist das Boot heil geblieben, und daraus läßt eben das Fehlen des Öls schließen, mußte es die Explosion des Torpedos vernommen haben und längst aufgetaucht sein, um sich davon zu überzeugen, was eigentlich geschehen ist.
Ein Ruf vom Vorschiff, eine nach rechts weisende Hand ... Ein dunkler Fleck ... Blut! Wie eine purpurne Wolke liegt es im Wasser, bald hier, bald da leuchten rubinartige Blitze unter dem feurigen Schimmer der Abendsonne auf. Unablässig zerrt die See an den Rändern und verteilt und vergrößert die unheimliche Stelle. Ratlos ruhen die Blicke auf der Oberfläche, verblüffte Gesichter starren einander an. Keine Schiffstrümmer, nichts, nicht das kleinste Anzeichen, das verriete, welcher Art das Opfer der englischen Granaten eigentlich war. Es gibt keine Lösung für dieses Rätsel.
Eben als »U 285« Fahrt aufnimmt und auf die Stelle zudreht, wo der Hilfskreuzer versackt ist, wird vom Turm aus nach einigen hundert Metern ein dunkler Körper gesichtet. Langgestreckt wiegt er in der leichten Dünung auf und ab. Nur wenig tauchen einzelne Stellen aus dem Wasser, leicht schäumend lecken die Wellen darüber hinweg ... das gekenterte U-Boot? ...
»Backbord zehn!« Vorsichtig hält das Boot auf den treibenden Gegenstand zu, dreht und stoppt dicht bei ihm.
Maßlos verblüffte Gesichter starren auf das Wasser ... fast unwirklich scheint, was ihre Augen dort sehen ... dann ein Gelächter, ein wieherndes Geheul, ein Springen und Tanzen, wie es in solch überschäumender Herzlichkeit sicherlich noch nicht auf einem U-Boot, das draußen am Feinde harten Vernichtungskrieg führt, erlebt wurde. Ein toter Walfisch!
Armes Biest! Es hat sein Leben lassen müssen, weil es sich unterfing, in den Augen der Königlich Großbritannischen Marine einem deutschen U-Boot ähneln zu wollen. Mußte es sich aber auch gerade im Sperrgebiet herumtreiben, wo englische Kaltblütigkeit überall Gespenster sieht! Und konnte doch nicht einmal den kleinsten Torpedo abfeuern. Mitten in den dicken Speckrücken hat ein Volltreffer eine erhebliche Lücke gerissen, aus der das warme Blut als Zeuge des englischen Waffenruhms sich ergoß.
Zu retten gibt es hier ebensowenig wie drüben, wo nur noch schwarzer Ruß auf dem Wasser und Bootstrümmer die Stelle verraten, an der der glorreiche Sieger mit Mann und Maus sank. –
In dunkler Nacht pendelt »U 285« auf der Dampferstraße dahin. In hellem Schimmer glänzt ein Stern nach dem andern auf, bis die See wie mit bläulichweißem Licht übergossen scheint. Tiefe Stille herrscht an Deck. Die Ereignisse des Tages, der so öde begonnen hatte, um dann doch noch einen so schönen Erfolg zu bringen, wirken bei jedem einzelnen nach. Die rötlichen Glühpünktchen der Zigarren und Zigaretten leuchten vom Turm und Oberdeck, die Luks sind geöffnet, leise und gleichförmig dringt das Rattern der Motoren aus dem Achterschiff.
Ein Knistern und Sirren in der Antenne. Alle spitzen die Ohren und lauschen. Poldhu, die englische Großstation, gibt ihren täglichen Bericht. Kaum können sie den Augenblick erwarten, wo der F. T.-Gast, der jetzt unten den Funkspruch abhört, an Deck kommt, um dem Kommandanten Meldung zu machen. Nach einer halben Stunde ist es so weit. Ein halbes Dutzend französische Dörfer, die auf keiner Karte verzeichnet sind, wurden erobert, ein 42-Zentimeter-Geschütz erbeutet. Der Vormarsch ist unwiderstehlich. Noch kräftiger, erheiternd fast nimmt sich die gefunkte Flunkerei der Franzosen aus. Freilich, der Schluß beider Berichte erwähnt starke feindliche Gegenangriffe ....
Dann kommt die Meldung der britischen Admiralität: »Einer unserer Hilfskreuzer hat nach heftigem Gefecht heute nachmittag in der Biscaya ein feindliches Unterseeboot vernichtet, weitere Einzelheiten fehlen vorläufig.«
Stillvergnügte Gesichter sehen sich an, bis einer herausplatzt: »Täuw man, min Jung! Up die Einzelheiten kannst du lang lurn! De willt wi di woll vertellen.« –