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U-Boot-Abenteuer im Sperrgebiet

Der kritische Augenblick

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»Nanu, was schleppt der Kerl denn hinter sich her? Können Sie sehen, mit was für 'nem Trog der dort lossegelt?« Wendet sich der Kommandant von »U 119« fragend an den neben ihm stehenden Wachoffizier, der gleich ihm seit längerer Zeit schon einen Schlepper beobachtet. Schwerfällig stampft er in der Dünung der großen Syrthe durch die See und macht kaum Fahrt. In den nächsten Minuten entpuppt sein Anhängsel sich als großer Leichter. Er muß schwer beladen sein, da er ziemlich tief eintaucht und, vom Winde abgetrieben, seinen Vorspann mehr zu ziehen scheint als dieser ihn.

Am frühen Morgen ist das deutsche Tauchboot an der tripolitanischen Küste angekommen, um dort den Schiffsverkehr zwischen Italien und den spärlichen Resten der Kolonie, die dem ehemaligen Bundesgenossen noch geblieben sind, zu stören. Zu Lande sind die Senussen und Araber erfolgreich bis an die Küste herangekommen und haben längst die glorreichen Eroberer auf schmale Küstenstreifen bei Tripolis und Homs gejagt; nun soll ihnen auch die Verbindung zur See abgeschnitten werden. Den ganzen Tag über hatte sich nicht das geringste Rauchwölkchen gezeigt, das auf irgend welchen Schiffsverkehr hätte schließen lassen. Gegen Mittag war wohl einmal das spitze lateinische Segel eines eingeborenen Küstenfahrers aufgetaucht, der Kerl stand aber so dicht unter Land, daß durch die Verfolgung bald die Anwesenheit eines deutschen U-Bootes verraten worden wäre. Erst jetzt vor der Dämmerung taucht der Schlepper mit seinem Anhängsel auf. Der »edle Römer« scheint sich völlig sicher zu fühlen. Seine Seitenlichter brennen, als herrschte hier tiefster Frieden, als gäbe es kein Sperrgebiet und keine U-Boote, die in ihrem Jagdbereich schon dafür sorgen, daß sich niemand ungestraft sehen lasse.

Im Süden geht der Mond auf. In seinem bläulichweißen Lichte, das über der ruhigen See dahinzittert, heben sich die Umrisse der beiden Fahrzeuge, die ruhig und unbekümmert ihren Weg fortsetzen, scharf ab. Einen Augenblick nur dauert die Ueberlegung auf dem Turm des U-Bootes. Sollte der Bursche, der geradezu zum Abschießen herausfordert, etwas Hinterhältiges im Schilde führen? Er sieht zwar nicht so aus, der Teufel aber kann wissen, welch' neue Art von U-Bootsfalle das Ding dort vorstellen mag. Jedenfalls soll er vorerst von allen Seiten in voller Muße angesehen werden. Gestoppt, jederzeit klar zum Tauchen, liegt »U 119« und läßt die beiden Schiffe in ziemlich naher Entfernung an sich vorüberziehen. Sie sind tatsächlich gänzlich schimmerlos. Ein kleiner Schlepper, der den Leichter anscheinend von Tripolis nach Homs ziehen soll. Mit dem wird nicht viel Federlesens gemacht.

»Stoppen Sie sofort!« schallt der Sprachtrichter durch die dunkle Nacht zum Italiener hinüber. Noch kann er nicht sehen, woher die Stimme kommt, aber er weiß Bescheid! Ein sinnloses Gebrüll antwortet dem Befehl, ein Hasten und Jagen hebt an Deck an. Während die italienische Mannschaft noch planlos umherjagt und »U 119« längsseit des Leichters geht, hat sich der Kapitän des Dampfers endlich zu einem seiner Nationalität würdigen Entschlusse durchgerungen. Klatschend fällt die Schleppleine ins Wasser, mit Hartruder dreht das Fahrzeug auf Land zu und sucht Hals über Kopf das Weite. Wohin er will, ist ihm wohl selbst schleierhaft. Der Kurs führt direkt in die Brandung. Anscheinend aber will er lieber dort zu Grunde gehen, als in die Hände des U-Boots fallen. Den Leichter überläßt er seinem Schicksal.

Kaum Sekunden dauert es, bis die Deutschen bei ihm längsseit sind. Die Sache beginnt ein humoristisches Aussehen anzunehmen. Kaum haben die Kerle begriffen, daß auf ihrem Untersatz ein Entrinnen vor der überlegenen Geschwindigkeit des Verfolgers ausgeschlossen ist, als sie sich Hals über Kopf in ihr eiligst über Bord gesetztes Boot stürzen und mit ihm in der Dunkelheit zu entkommen trachten. Auch das nützt ihnen nichts. Das U-Boot schießt um den Schlepper herum und lädt die Italiener recht nachdrücklich ein, sich doch ein wenig an Deck zu bemühen.

So ganz einfach ist das aber nicht. Entweder haben die Kerle Angst oder sie wollen nicht, kurz, sie hängen an ihren Duchten, als wenn sie festgeklebt seien und brüllen dabei, als stäken sie am Spieße. Nicht einmal der von einem sprachgewandten U-Bootsmann einladend hinübergegebene Ruf »Avanti Savoia« verfängt. Bis endlich ein gut deutsches Wort mit ihnen geredet wird. Sie kriechen an Deck und jetzt erklärt sich allerdings nur zu bald das für Italiener immerhin merkwürdige Beharrungsvermögen. Die ganze Gesellschaft, vom Kapitän bis hinunter zum Heizer, ist – sinnlos betrunken. Schlapp torkeln sie an Deck herum und sind gänzlich haltlos. Mit vieler Mühe wird endlich aus ihnen herausgeholt, daß sie sich bereits an Land, noch vor Antritt der Fahrt, die nötige Seebereitschaft durch Uebernahme größerer Gebinde Alkohols gesichert hatten. Mochten doch diese Maledetti inglesi e loro amici, dieses verd... Engländerpack mit seinen Freunden, im Sperrgebiet zur See fahren, wenn es ihnen Spaß machte, sie aber, die Italiener, sollte man freundlichst damit verschonen. Und dann wagen es diese Kerle, rührselig werden zu wollen. Stammelnd und lallend versichern sie, daß sie nie etwas gehabt hätten gegen die Germani, das seien immer ihre Freunde gewesen. Ah, come sono buoni e bravi, gute und brave Leute ... bis dem Kommandanten, der eine Zeitlang dieses widerlich jämmerliche Winseln um das – ach so teure – Leben ruhig angehört hat, der Ekel aufsteigt. Ein einziges Wort nur, eine Bewegung nach dem längsseit tanzenden Boote. Runter! Da versteht die Gesellschaft. Bedeutend schneller als sie heraufgekommen, stürzen sie in ihr Boot, rudern, rudern, als gelte jede Sekunde das Leben.

Während der Schlepper sich mit Hilfe einer Sprengpatrone eiligst aus dem Sperrgebiete entfernt, geht »U 95« auf die Suche nach dem Leichter, der in der Zwischenzeit etwas abgetrieben ist. Bald tauchen seine dunklen Umrisse wieder aus der Nacht hervor. Er ist bis obenhin mit Militärgut beladen. Auch er verläßt, ebenso schnell wie der Schlepper vor ihm, die Oberfläche. In der Nacht ereignet sich nichts mehr, und mit östlichem Kurs fährt »U 119« weiter.

Eben rötet sich im Osten der Himmel, als an Steuerbord der weiße Leuchtturm von Homs aus der See auftaucht. Gleich dahinter ragt ein Fabrikschornstein in die klare Luft, das spitze Minare einer Moschee; weiße, glatte Mauern von Araberhäusern und dazwischen an erhöhten Stellen gelbe Regierungsgebäude und Kasernen zeichnen sich ab. Die beiden alten Forts drohen von überragender Stellung hinaus auf See.

Alles scheint drüben in tiefem Schlafe zu liegen. Nichts rührt sich, als »U 119« näher heran kommt. Etwa zwei Seemeilen steht es ab, als vom Turm an die bereits klargemachten Geschütze der Befehl kommt:

»Dreißig Hektometer! Schieber: links, zwozehn! Auf das gelbe Gebäude mit der Funkenstation!«

Im nächsten Augenblick rollt der Donner des Schusses über die fast spiegelglatte See nach Land zu. Bevor sein Dröhnen aber dort vernommen wird, schlagen schon die Granaten mitten in die Kasernen, aus denen gleich darauf in dichten Scharen mehr oder weniger bekleidete Menschen herausstürzen. Und wieder blitzt es auf See auf, dröhnt der Donner, bersten die Granaten. In Fliegerschuppen und Regierungsgebäude fegen sie, schlagen die Marconistation vom Dache und spritzen in die dichten Haufen der planlos in wahnwitziger Angst Umherirrenden. An drei Stellen schon züngeln Flammen empor und wälzt sich schwerer Rauch, als die Italiener sich endlich darauf besinnen, daß in den beiden Forts auch Geschütze stehen. Zwar waren sie bisher gegen die immer näher andrängenden Eingeborenen nach Süden gerichtet, schnell aber werden sie jetzt nach See zu gedreht.

Vierzig Granaten hat »U 119« verfeuert, als drüben der erste Schuß fällt. Was die Italiener an Zeit verloren haben, suchen sie jetzt durch ungeheuerliche Munitionsverschwendung wettzumachen. In unaufhörlicher Folge blitzt es in den Forts auf, heben sich die Wassersäulen der einschlagenden Granaten. Bald haben sie sich eingeschossen. Immer dichter heran, in bedrohliche Nähe des Bootes fegen die Geschosse, bis sich der Kommandant, der seine Aufgabe voll erfüllt sieht, entschließt, zu tauchen und unter Wasser abzulaufen. –

Drei Tage und drei Nächte schon streift »U 119« ostwärts zwischen Kreta und der afrikanischen Küste durch das Mittelländische Meer. Von Tag zu Tag macht sich die Lähmung der feindlichen Schiffahrt fühlbarer. Die in Friedenszeiten und auch noch zu Beginn des Krieges so belebte Handelsstraße, über die Indiens, Chinas und Australiens Güter gingen, liegt öde und vereinsamt. Die Neutralen begannen zuerst mit der zwar bedeutend längeren, dafür aber ungefährlicheren Fahrt um das Kap der guten Hoffnung, die Engländer und Franzosen sind ihnen bald gefolgt. Die reinste Idylle hat sich an Bord entwickelt. Fühlbar heiß brennen die Strahlen der Sonne auf das stählerne Deck. Die Luft im Raum ist, obwohl alle Luken geöffnet sind, tagsüber schon recht unerquicklich, so daß man die kühlere Nacht herbeisehnt. Wenn auch alles ziemlich ungeduldig nach dem Feinde, der sich nicht zeigen will, ausspäht, bietet andererseits wieder die Verödung der Seewege doch manches Gute. Abends hält »U 119« dicht an Land zu, dort, wo es die Tiefenverhältnisse gestatten, und wenige Minuten später tummelt sich fast die ganze Besatzung im Wasser. Bei einigen Leuten, die absolut nicht wieder heraus wollen, bedarf es etwas energischerer Aufforderung von seiten des Kommandanten, nicht loszugondeln, um etwa auf eigene Faust U-Boot-Krieg zu führen. Später dann sitzt alles, nachdem dem Meisterwerk des Schmutje Ehre angetan wurde, an Deck, schmaucht vergnügt seinen Tobak und lauscht andächtig den neuesten Schlagern, über die das Grammophon verfügt. Eine harmlos fröhliche Ausgelassenheit herrscht, als sei nicht Krieg, als könnte nicht im nächsten Augenblick von irgendwoher der Feind auftauchen.

Fast unangenehm glatt liegt am nächsten Tage die See. Wie ein leises, kaum merkbares Atmen geht es über die Oberfläche, die stundenlang noch die Spur des Kielwassers bewahrt. Wundervoll sichtig ist das Wetter, klar und rein die Luft. Nichts zeigt sich. Fern im Süden blinkt wohl hier und da unter den Strahlen der flimmernden Sonne in grellweißem Schimmer die afrikanische Küste mit ihren kahlen Sanddünen auf, sonst aber ist das Bild seit Tagen schon stets das gleiche: das einsame, ruhige, verlassene Mittelmeer.

Wie gestern und vorgestern sonnt sich auch heute wieder alles, was nicht unten im Schiff beschäftigt ist, oben an Deck. Ein Teil der Leute hat mit vieler List ein Plätzchen erobert, das dem Kopf wenigstens einigermaßen Schutz gegen die blendende Lichtflut bietet, andere »kloppen« ihren Skat, spielen eine Partie Sechsundsechzig oder erzählen sich ihre letzten Abenteuer an Land, wobei natürlich die holde Weiblichkeit nicht zu kurz kommt. Aehnlich sieht es auf dem Turm aus. Dort sitzen die Offiziere und besprechen die weiteren Unternehmungen, die »U 119« von Alexandrien nach dem Suezkanal bringen sollen, suchen dann zum hundertsten Male mißmutig und verknurrt die Kimm ab, die immer noch ruhig in ihrem bläulichen Dunste liegt. Und über die Offiziere, die Schlafenden, die Erzählenden und Spielenden hin klingen die lockenden Töne aus dem Zigeunerbaron: »Wer uns getraut, ich sag' es euch, der Dom« ... »Eine Mine!« Schrill gellt der Ruf in den tiefen Frieden hinein, läßt die Schläfer hochfahren, Karten, Bücher und Papiere an Deck fliegen, kein Mensch achtet des Grammophons, das seine Melodien weiterschnurrt, alles hat nur Augen und Sinn für die Mine, die soeben gesichtet ist.

Etwa hundert Meter rechts voraus ragt ein dunkler Buckel vorn über die Oberfläche hinaus. Überall glitzert und flimmert das Wasser, der eine Punkt nur unterbricht die Gleichförmigkeit. Eine Treibmine? Soll sich die etwa von der Nilmündung oder vom Suezkanal losgerissen haben? Vorsichtig nähert sich das Boot dem gefährlichen Gegenstande, der so harmlos aussieht, als berge er nicht hundert Kilogramm Sprengstoff in seinem Innern. Die Gewehre sind an Deck geholt, um die Mine im Ablaufen abzuschießen. Etwa fünfzig Meter noch ist »U 119« ab, als von der Brücke lautes Gelächter und der Ruf ertönt: »Eine Schildkröte!« Eben will alles anlegen, um den ungewohnten Bissen für die Küche zu erobern, als die »Mine« durch das Geräusch der Motoren erwacht und langsam wegsackt.

Gegen Abend verschwinden die tiefen, blauen Farben des Wassers, machen vorerst einer grünlichen, dann hellgelblichen Tönung Platz und gehen schließlich in schmutziges Graubraun über. Die Mündung des Nils macht sich bemerkbar. Ganz in der Ferne, kaum noch wahrnehmbar, steht in den Strahlen der untergehenden Sonne grauer Landdunst.

Es dunkelt bereits. Von Land her kommt der Schein des Blinkfeuers der Ennostoshuck bei Ras et Tin durch die Nacht herüber, mehrere feste Feuer, und darüber, ganz im Hintergrunde, die rötliche Dunstkuppel des beleuchteten Alexandrien. Vorläufig ist nichts zu machen, als die Einfahrt nach ein- und ausfahrenden Schiffen zu beobachten. Die Aufgabe ist nicht leicht, da bei Nacht auf die große Entfernung hin, in der das Boot wegen der in die See vorgelagerten Sände gehalten werden muß, nur schwer Genaues auszumachen ist. Stundenlang pendelt »U 119« vor der Mündung auf und ab. Kein Schiff zeigt sich. Ganz ferne nur, im Norden tauchen für kurze Zeit die Lichter eines Dampfers auf. Er steht aber weit ab und läuft zu hohe Fahrt, als daß es sich lohnte, mit Aussicht auf Erfolg auf ihn Jagd zu machen.

Kaum graut der Morgen, als das Boot taucht, um nicht etwa durch Schiffe, die bisher im Dunkel verborgen waren, überrascht zu werden. Vorsichtig sucht das Sehrohr die ganze Gegend ab. Nach Land zu sind einige Fahrzeuge zu erkennen, in der Nähe aber scheint die See überall so einsam und verlassen, wie in den letzten Tagen. Erst gegen Mittag kommt von Alexandrien her eine starke Rauchwolke auf. Eine halbe Stunde später leuchtet die Bugwelle eines mächtigen, schwarzen Transporters mit zwei Schornsteinen, der mit hoher Fahrt herangebraust kommt, in der Sonne. Im Kielwasser, eine Seemeile ab, folgt sein Geleitschiff, ein Kreuzer der Foxgloveklasse. Er hat wohl etwas später losgeworfen und dampft jetzt zusehends auf. Der Transporter scheint voll beladen mit Menschen. Ueberall, auf den langen Promenadendecks des Dampfers, der anscheinend der Orientlinie angehört, auf Back und Achterdeck wimmelt es von Khakileuten, die wohl dem hoffnungslosen Salonikiunternehmen als neues Kanonenfutter für den Cernabogen dienen sollen.

Vierhundert Meter ist er ab, als die helle Blasenbahn auf ihn zuschießt. Eine Sekunde spiegeln sich im Sehrohr entsetzte Gesichter, deuten ausgestreckte Arme auf das nahende Verderben, stieben graugelbe Gestalten wirr durcheinander und strömt weißer Dampf zum Hilferuf aus der Dampfpfeife am vorderen Schornstein, dann hebt sich an der Vorderkante der Brücke eine mehr als dreißig Meter hohe Sprengwolke. Der eine Schuß genügt. Schwerfällig neigt sich der mehr als achttausend Tonnen große Kasten mit der Nase vorn über und sinkt.

Einige Minuten läuft »U 119« mit eingefahrenem Sehrohr auf den Geleitkreuzer zu, dann wird für den Bruchteil einer Sekunde nur ausgefahren. Eben verläßt der Torpedo das Rohr, als es drüben aufblitzt und das Dröhnen in unmittelbarer Nähe einfallender Granaten erklingt. Mitten hinein der Schlag des am Kreuzer explodierenden Torpedos. Dann tiefe Stille. Eine halbe Stunde später tauchen die Sehrohre schon ziemlich weit ab bis über die Oberfläche heraus. Dort wo der Transporter sank, ist nichts mehr zu sehen als mehrere Schiffsboote, die an der Untergangsstelle liegen und versuchen, aus dem Gewimmel der um sie treibenden Menschen zu retten, was noch lebt. Einige hundert Meter ab liegt bewegungslos der Kreuzer. Die See spült bereits über sein Heck, zusehends sackt er tiefer. Einen Augenblick überlegt der Kommandant, ob er herangehen und dem Engländer einen zweiten Schuß geben soll. Von Alexandrien aber nähern sich in hoher Fahrt mehrere Zerstörer. Bald müssen sie heran sein. Es hieße nur das Boot gefährden, denn für den Kreuzer kommt die Hilfe doch zu spät. An Einbringen ist bei ihm nicht mehr zu denken. –

Ununterbrochen, seit dem frühen Morgen, flammen aus den gelben Dünen, die im Lichte der untergehenden Sonne wie in Blut getaucht scheinen, feurige Blitze auf, spritzen hohe aus Sand und grünlich-giftigen Pulverschwaden gemischte Säulen, rollt der Donner der Geschütze in die Wüste hinein. Seit mehreren Tagen stürmen die Engländer, die vom Kanal aus ihre Bahn längs der Küste bis auf El Arisch vorgetrieben haben, gegen die türkischen Stellungen bei Gaza an. Zweimal und dreimal schon sind sie zurückgeschlagen, ein weites Leichenfeld deckt den Sand, und immer wieder versucht es der Gegner von neuem. Zu Lande und von See aus. Seit Stunden prasselt das Trommelfeuer, heben sich, eine neben der anderen, zur zusammenhängenden Wand anwachsend, die Sand- und Pulverwolken. In letztem, gewaltigstem Ansturm sollen die türkischen Linien durchbrochen und der Weg nach Jerusalem freigemacht werden.

Was an Schiffen in Alexandrien und Port Said verfügbar war, ist herangezogen. Aus sicherer Entfernung, von Land aus nicht erreichbar, heulen die dicken 30,5 Zentimeter-Granaten der schweren Schiffsgeschütze heran, dazwischen die Geschosse der Mittelartillerie. Der letzte Widerstand soll und muß gebrochen werden. Das Trommelfeuer steigert sich zu einem Höllenorkan, der ungeheure Stahlmassen gegen die türkischen Gräben schmettert. Dichte Rauchwolken umlagern die Schiffe, wachsen höher und höher bis an die Mastspitzen hinauf. Noch halten die Verteidiger, wenn auch ihre Gräben halb verschüttet sind, stand. Gegen die Batterien an Land und die Sturmtrupps der Infanterie setzen sie die eigenen Truppen, die immer wieder unter brausendem Allahruf zum Gegenstoß vorstürmen, ein. Gegen die Schiffsgeschütze, die immer größere Lücken reißen, sind sie hilflos.

Hoch über den Schiffen kreist ein Doppeldecker, dessen helle Tragflächen und große Schwimmer sich klar vom dunkelblauen Himmel abheben. Genau verfolgt er die Aufschläge und signalisiert seine Beobachtungen. Eben wendet er sich von Land wieder den Schiffen zu, als er plötzlich über sie hinaus der offenen See zuschießt. In jähem Sturze saust er nach unten, fast bis auf die Oberfläche hinab. Im nächsten Augenblicke tönt das trockene Hämmern und Knattern seines Maschinengewehrs, spritzen seine Geschosse hageldicht in die See. Dann steigt er wieder, kreist über den Schiffen. Wie auf ein Kommando stellen die das Feuern ein. Sekunden später haben sie Fahrt aufgenommen und streben in wilden Zickzackkursen mit äußerster Kraft nach Westen. Ihre Geschütze feuern gegen einen Feind, der nicht zu sehen ist.

Zur rechten Zeit! Aus den englischen Gräben lösen sich die Sturmtrupps, stürmen über den Sand hinweg gegen den Feind, dem ihre Schiffe soeben noch den letzten Rest geben sollen. Die aber sind im kritischsten Augenblick verstummt ... Aus einem rätselhaften Grunde, ganz gegen die Vereinbarung, brausen sie davon, verschwinden aus Schußweite, wo doch alles von ihnen abhängt ...

Die Engländer stutzen, zögern ... reihenweise mähen die türkischen Geschosse sie nieder, türmen neue Leichenhaufen neben und über die alten ... sie fliehen ... hinter ihnen drein stürmt in wuchtigem Stoß die türkische Infanterie: die erste Stellung wird überrannt, die zweite, erst vor der dritten macht sie halt. Einzelne erst, dann ganze Züge, Verbände, bis sich die ganze Masse des englischen Angreifers planlos in hastigem, überstürztem Rückzuge nach Süden zu retten sucht ... in die Wüste ...

Aus der sonnendurchzitterten Oberfläche der See stoßen zwei dünne Rohre empor, ein grauer Turm hebt sich, leicht spült das Wasser über Vor- und Achterschiff. Dann steigt am vorderen Sehrohr von »U 119« die deutsche Kriegsflagge hoch ...

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