24. DAS HÖLZERNE MÄDCHEN UND SEINE LIEBHABER
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In alten Geschichten wird zuverlässig berichtet, daß vier Leute: ein Zimmermann, ein Goldschmied, ein Schneider und ein Asket sich verabredeten, auf Reisen zu gehen. Sie machten sich also auf den Weg. Nachdem sie einige Zeit gereist waren, mußten sie nach Gottes Ratschluß eines Tages in einer gefährlichen bergigen Gegend übernachten. Sie hatten sich verabredet, daß sie aus Furcht vor schädlichen wilden Tieren nur abwechselnd schlafen würden.
Schließlich wollten sie alle, um ihre Ansprüche zu entscheiden, vor Gericht gehen. Da sahen sie, daß ein Wanderderwisch im Derwischmantel daher kam. Einmütig setzten sie den Derwisch zum Richter ein. Sie wollten mit seiner Entscheidung, wie sie auch ausfalle, zufrieden sein. Sie riefen ihn also heran und setzten ihm die Angelegenheit genau auseinander. Kaum hatte aber der Derwisch das Mädchen gesehen, als er sich in sie verliebte und wie eine Flöte zu klagen und zu seufzen anfing. Der Derwisch, nur in Gedanken, seinen eigenen Kummer zu lindern, schaute die Vier an und sagte: „Ihr Muslime, es ist ja reiner Unsinn, was ihr da sagt. Fürchtet ihr euch nicht vor Gott, derartig häßliche Taten zu begehen und meine legitime Frau mir zu nehmen, indem der eine behauptet, er habe sie aus Holz geschnitzt, und der andere, er habe für sie gebetet. Sagt doch etwas, das Verstand und göttliches Gesetz erlauben. Diese Frau gehört mir und die Sachen, die sie trägt, habe ich ihr machen lassen. Vor einigen Tagen ist zwischen uns ein kleiner Streit entstanden, und in der vergangenen Nacht ist sie aus Ärger aus meinem Hause gegangen. Ich habe mich, um sie zu suchen, auf den Weg gemacht und sie mit Gottes Hilfe gefunden. Macht euch nicht lächerlich vor den Leuten mit derartigen sinnlosen Reden. Das ist ja Unsinn.“
Der Derwisch bestand noch mehr als die anderen auf seinem Anspruch. So gingen sie alle fünf mit ihren Ansprüchen in die Stadt direkt zum Stadtvoigt und erzählten ihm ihren Fall. Als der Stadtvoigt das Mädchen sah, verliebte er sich noch tausendmal mehr als sie und sagte: „Ihr verruchten Räuber, dies Weib ist die Frau meines älteren Bruders. Räuber haben ihn umgebracht und seine Frau entführt. Gott sei Dank, das Blut bleibt nicht ungerächt. Ihr habt euch selber gestellt.“ Er bestand also noch mehr als sie alle auf seinem Anspruch und führte sie vor das Gericht zum Kadi. Als ein jeder dem Herrn Kadi seinen Anspruch auseinandergesetzt hatte, blickte der Kadi auf das Gesicht des Mädchens.
Ein reizendes Mägdlein vor Augen er sah,
Anmutig vom Haupt zur Zeh stand sie da!
Ihr Wuchs jeden Schauenden liebekrank machte,
Verderben ihr stolzer Zypressengang brachte.
Den Erdball mit Not ihre Wimper bedroht,
Ihr gottloses Blinzeln mit Hölle und Tod.
Wo Markttag sie hielt auf der Liebe Basar,
Da bot man als Preis tausend Seelen ihr dar.
Wo die Flut ihrer Reize das Herze bestürmte,
Kein Damm widerstand, kein Verstand da beschirmte.
Der Ehrbarkeit Burg ward vom Gießbach verheert,
Von Liebe des Anstandes Grundbau zerstört!
Der Asket sagte: „Fürchte dich vor Gott und schäme dich vor dem Propheten und entscheide den Prozeß nach dem göttlichen Recht.“ Der Kadi und der Asket sagten sich gegenseitig Worte, wie sie ihnen gerade auf die Zunge kamen, und es entstand ein großer Streit. Ihr Zwiegespräch änderte sich in Zwiespalt. Diese sieben Leute waren aus Liebeskummer nahe am Blutvergießen und rüsteten sich zum Kampf. Da traten die Verständigen der Stadt zusammen in der Absicht, sie zu versöhnen, und sagten: „Ihr Gläubigen, euer Prozeß läßt sich nicht entscheiden und die Schwierigkeit kann niemand lösen, wenn nicht der Allmächtige in seiner Güte ihn erledigt. In einem Ausspruch des Propheten heißt es: ‚Wenn ihr in Zweifel seid bei den Dingen, so sucht Hilfe bei den Begrabenen.‘ So wollen wir denn mit euch auf den Kirchhof gehen. Ihr betet und wir wollen Amen sagen. Es ist zu hoffen, daß Gott der Erhalter dies Geheimnis offenbar mache.“ Alle erhoben sich und gingen auf den Kirchhof. Der Asket erhob die Hände und sprach: „O, du Mächtiger und Allwissender, du kennst den Grund dieses Prozesses. So löse in deiner großen Güte diese Schwierigkeit, damit deutlich werde, wer recht hat.“ So betete er unter heftigem Weinen, und alle Leute sprachen: Amen.
Während des Gebetes hatte sich das besagte Mädchen an einen großen Baum gelehnt. Plötzlich teilte sich jener Baum und nahm das Mädchen in sich auf. Dann schloß sich der Baum wieder, und das Geheimnis des Spruches: „Jede Sache kehrt zu ihrem Anfang zurück“ wurde klar.
Aller Streit und alle Feindschaft waren beseitigt und alle Welt wußte, daß jene vier Leute die Wahrheit gesagt hatten. Ihre Wahrhaftigkeit war sonnenklar. Die drei anderen waren Lügner; ihre Lügenhaftigkeit war offenbar, und sie selbst ein Gegenstand der Verachtung geworden. Die aber das Mädchen, das jetzt zu seinem Ursprunge zurückgekehrt war, geliebt hatten, waren betrübt und verstört.
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