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Türkische Märchen

Note 36 — 24. DAS HÖLZERNE MÄDCHEN UND SEINE LIEBHABER

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Die Reihe kam an den Zimmermann, während die anderen drei sich hinlegten und schliefen. Beim Stillsitzen überwältigte den Zimmermann die Müdigkeit, so daß er, um sie zu vertreiben, sein Zimmermannshandwerkzeug in die Hand nahm. Er fällte einen geraden Baum, schnitzte ihn sauber aus, machte Kopf, Hände und Füße und formte eine Mädchengestalt. Danach kam die Reihe an den Goldschmied. Auch ihm kam beim Nichtstun der Schlaf. Da fiel sein Blick auf das Mädchen vor ihm, das der Zimmermann gemacht hatte. Er lobte die Kunstfertigkeit des Zimmermanns und, um den Schlaf zu bannen, wollte er auch seine Kunst zeigen. Er machte der Gestalt Ohrringe, Armbänder und anderen Frauenschmuck. Als er mit seiner Wache fertig war, kam die Reihe an den Schneider. Als dieser aufstand und die wunderbare Gestalt sah, war er sehr erstaunt und rief aus: „Da muß ich meine Kunst in würdiger Weise zeigen.“ Er machte ihrer ganzen Figur entsprechend prächtige Gewänder und bekleidete sie damit von Kopf bis zu Füßen. Wer sie ansah und nicht wußte, daß sie eine Figur war, hätte sie für ein lebendiges Wesen gehalten, gleich als ob sie geformter Geist sei. Als die Wache des Schneiders zu Ende war, weckte er den Asketen und legte sich selbst schlafen. Als der Asket aus dem Schlaf die Augen öffnete und das geformte Bild erblickte, da wurde er wie einer, dem in Abgeschiedenheit von der Welt das göttliche Licht erscheint, und er trat näher an die Figur. Was sieht er da? Eine Gestalt, die selbst Asketen verführte, ein wunderbares Bild, dessen gewölbte Augenbrauen die Gebetsrichtung der Liebenden und dessen rubinrote Lippen die Nahrung für Herz und Seele sind. Sofort hob er seine Hände zu dem Schöpfer der Geister und betete: „O Herr der Stärke und Allmacht, o Gewaltiger, der du das reine Wesen Adams aus dem Dunkel des Nichtseins in das Gefilde des Seins gebracht hast und aus dürrem Holze die Früchte wachsen läßt, o Gott bei deiner großen Güte bitte ich dich, daß du mich vor meinen Genossen nicht beschämst und diese seelenlose Figur beseelen, ihr durch deine Gnade Leben schenken und ihre Zunge dich zu loben und zu preisen lösen mögest.“ Als er so bat, da schenkte Gott der Ewige, weil der Asket ein heiliger Mann war, dessen Gebet Erhör fand, in seiner Güte dieser Figur Seele und Leben und sie wurde ein glückliches, junges Mädchen, das wie eine schlanke Zypresse daherwandelte und wie ein Papagei sprach. Als es Morgen wurde und durch den Strahl der Sonne die Welt erleuchtet wurde, da fiel der Blick der vier Gefährten auf das herzraubende Götterbild, und sie wurden alle durch die Fesseln ihrer Locken gefangen und umflatterten wie ein Schmetterling das Licht ihrer Schönheit. Es entstand ein heftiger Streit und Zank unter ihnen. Der Zimmermann sagte: „Da ich sie geschaffen, so gehört sie mir; ihr habt kein Anrecht darauf.“ Der Goldschmied sagte: „Ich habe Gold und Schmuck an sie verwandt und Geld, das die Hälfte der Seele ist, für sie geopfert. Deswegen gehört sie mir.“ Der Schneider sagte: „Da sie durch meine Bemühungen zu höchster Schönheit und Vollendung gelangte und liebenswert wurde, so bin ich die Veranlassung, daß sie fähig wurde, den Lebensodem zu erlangen. Deswegen kommt sie mir zu.“ Der Asket sagte: „Dieses Mädchen gehört mir. Sie ist ein Werk meiner tiefen Frömmigkeit und ist mir eine Probe der im höchsten Himmel weilenden Hūrīs.36 Mein Recht ist klar.“

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