25. DER LÖWE UND DAS SCHAF
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In den Märchenbüchern ist geschrieben und auch von den Weisen der Vorzeit ist erwähnt worden, daß einst in dem Hafen einer Insel ein großes Schiff, das von Menschen verlassen war, geblieben war. Dieses Schiff war vorher von einem Sturm betroffen und an das Ufer geschleudert worden und alle darin befindlichen Lebewesen waren umgekommen. Nur ein Schaf war gerettet worden. Dies Schaf verließ bisweilen das Schiff, weidete am Ufer, ging des Abends wieder in das Schiff und schlief dort.
Der Löwe hörte auf ihre Rede und wollte das Schaf töten, konnte aber keinen Vorwand finden. Während er nach einem Grunde suchte, kam das Schaf nach Gottes Ratschluß zum Löwen. Dieser sagte: „Du ungebildetes Tier, nimmst du gar keine Rücksicht auf Könige? Jedesmal wenn du kommst und gehst, dich hinsetzt und aufstehst, machst du meinen Thronsaal voll Staub.“ Das arme Schaf, das die wahre Sachlage nicht ahnte, sagte: „O Löwe, du Unvergleichlicher, unterlasse doch, bitte, derartige unverständige Scherze. Ist wohl auf einem Schiffe im Meere Staub, daß durch meine Bewegungen dein Thronsaal staubig werden könnte?“ Als der Löwe dies hörte, schwieg er, aber der Fuchs, der von allen seinen Günstlingen unter den Tieren besondere Gunst genoß, trat hervor und sagte: „Du Schaf, dein Benehmen ist schon an und für sich sinnlos und schmachvoll, aber diese Entschuldigung ist die reine Gemeinheit und wird allerlei Buße nach sich ziehen, denn gibt es eine größere Sünde als den Königen gegenüber das Wort zu ergreifen und ihre Perlen ausstreuende Rede Lügen zu strafen? In deiner großen Dummheit begreifst du nicht einmal deine Schuld und widersprichst dem Könige. Diese unverständige Entschuldigung ist wie die Entschuldigung, die der Stallknecht seinem Herrn gegenüber vorbrachte. Deine Entschuldigung ist schlimmer als dein Vergehen.“ Der Löwe fragte: „Was ist das für eine Geschichte?“ Der Fuchs antwortete:
„Es wird erzählt, daß ein angesehener Mann eines Nachts aus einer Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. Während er die Treppe hinaufstieg, hörte sein Stallknecht, der im Stall war, das Geräusch der Schritte. Er kommt heraus und sieht, daß in der Dunkelheit jemand die Treppe emporsteigt. Nun war der Stallknecht jedesmal von der jungen Hausherrin beehrt worden. Er dachte also, es sei die junge Frau, kam herbeigesprungen, um ihr unter die Arme zu greifen.20 Er konnte aber nicht abwarten, bis er die Hälfte der Treppe erstiegen hatte und drückt den Knöchel seines Herrn, aber da er diesen Knöchel nicht so weich wie sonst fand, faßt er Verdacht und schaut genauer auf das Gesicht. Da sieht er, daß der Knöchel, den er im Glauben, es sei der der jungen Frau, gedrückt hatte, der seines Herrn ist. Aus Furcht fängt er an um Verzeihung zu bitten und zu schwören: ‚Bei Gott, ich wußte nicht, daß Sie es waren, ich dachte, es sei die junge Frau. Jedesmal, wenn sie kommt, beehrt sie mich an der Treppe. Ich dachte, sie sei gekommen. Darum seien Sie mir, bitte, nicht böse und zürnen Sie mir nicht.‘ Mit diesen Worten entschuldigte er sich. Nun, die Entschuldigung des Schafes gleicht ihr. Deshalb muß es auch seine Strafe erhalten.“
Der Löwe zerriß sogleich mit diesem Vorwand das arme Schaf.
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