← Table of contents
Millionen; Der Tod des Iwan Lande

Millionen

Reading edition

Gediegenes Gold kann nicht für sie gegeben werden, und Gold nicht zugewogen werden als ihr Kaufpreis.

Hiob 28, 15.

I

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Zwischen dem dunklen Himmel und dem Meer schwebte der Schein des Mondes. Rund und klar stand er, gleichmäßig wie ein Rauchschleier, über dem Horizont. In den Ästen der Gartenbäume schwankten und hüpften kleine bunte Lampions, als wären sie ein Schwarm feuriger Kolibris, an unsichtbaren Drahtfäden auf und nieder. Von der sinnlos beleuchteten Bühne her, wo ein schwarzgekleideter Kapellmeister komisch wie ein Hampelmann Arme und Frackschwänze herumschleuderte, als ob er in jedem Augenblick davonfliegen wollte, wirbelten festgeprägte Geigentöne nach allen Seiten, sprangen auf, lachten, sangen, und flogen in leichtem kapriziösem Reigen durch die dunklen Bäume zum offenen, lichtbegossenen Seestrand hinaus. Dort tanzten sie vor den Blicken des hellen Mondes, unsichtbar und unbestimmbar in ihrem gespensterhaften Augenblicksleben.

Seine kraftvollen Arme auf dem kalten Marmor des Tischchens verschränkt, blickte Mishujew in finsterem Schweigen zur Seite. Sah er auf die Bühne, schien ihm seine Umgebung voll sinnlosen Lärms und kleinlicher Hast, wenn er sich aber dem Meer zuwendete, dann war alles majestätisch-ruhig und nachdenklich-frei, wie der hohe helle Mond selbst.

Sein welliger, blonder Bart und die massigen Schultern erweckten die Vorstellung schwerer Kraft und harter Willensstärke, aber seine Augen waren ungesund, eingefallen, als wenn sie den Tod in sich trugen.

Am benachbarten Tisch zechte eine kleine Gesellschaft: die Herren mit Hüten, welche unternehmend auf den Seiten eingeknickt waren und reizvolle Frauen mit auffallend schönen Gesichtern und unnatürlich blaugeschminkten Augenlidern. Man lachte sehr laut, stieß gegenseitig mit wespenschlanken Kelchen an und witzelte ohne Unterlaß. Bei jedem Scherz erhoben sie ihre Stimmen und schauten sich nach Mishujew um, wobei sie unwillkürlich ein glänzendes, erwartungsvoll suchendes Aussehen annahmen. In der Nähe standen vornübergebeugt die Kellner, hielten zärtlich ihre weißen Servietten unter dem Arm und wandten kein Auge von Mishujew ab, als wären sie bereit, sich auf seinen ersten Wink kopfüber ins Meer zu stürzen.

Mishujew sah alles das und bemerkte doch nichts. Früher hatte es ihn zuweilen noch amüsiert, jetzt war es ihm nur zu ärgerlicher Gewohnheit geworden, wie die Luft, von der man sich niemals trennen kann und die man dabei selten notwendig hat.

„Theodor, warum siehst du heute so verärgert aus?“ fragte ihn Maria Sergejewna, während sie mit den Fingern schüchtern über seinen gespannten Ellbogen fuhr.

Sie trug ein herausfordernd schönes Kleid, das ihre Füße nur ganz wenig freiließ. Auf ihrem dunklen üppigen Haar schwankten die zarten Blumen ihres Hutes, die traurig zu den angeschminkten Wangen, den müde flimmernden Augen und den leidenschaftlich roten Lippen paßten.

Schwerfällig wie ein kranker Bulle schob ihr Mishujew seinen breiten Kopf entgegen, blieb aber stumm.

Sie war noch immer so erregend schön, wie ehemals, und ebenso leuchtete noch ihr ungewöhnlich gepflegter Körper durch die schwarzen Spitzen. Bei ihrem Anblick überkam alle Männer die drängende Vorstellung von irgend welchen unmöglichen, märchenhaften Genüssen. Doch in Mishujew war durch die einfache Tatsache, daß sie ihren eigentlichen Namen — Maria Sergejewna — verloren hatte und jetzt Mary hieß, und daß sie ihn nicht mehr „Fedja“ und „Sie“ nannte, sondern mit „Theodor“ und „Du“ anzusprechen begann, daß sie ihren Mann verließ, um mit ihm zusammenzuleben, — durch dies alles war in ihm die ehrfurchtsvolle Leidenschaft, die er für sie noch bis in die letzte Zeit empfand, ertötet worden. Von Zeit zu Zeit schlug kalter, unerklärlicher Widerwillen in ihm hoch.

Selbst wenn Mishujew ihren nackten unterwürfigen Körper, der schüchterne Liebkosungen heischte, mit bestialischer Gier zerquetschte und küßte, hatte er nicht mehr das einstige Gefühl der Lust, sondern nur ein schales, grausames Vergnügen, unnatürliche Lagen, die ihr Schmerzen, Erniedrigungen brachten, zu erfinden.

Es schien, als rächte er irgend etwas an ihr, worunter er selbst unaussprechliche Qualen litt.

Maria Sergejewna verstand den Grund, und so wurden ihre Augen schüchtern und traurig, als wagten sie nicht, um Schonung zu bitten.

„Gehen wir,“ sagte Mishujew kurz, während er die neugierigen Blicke der Umsitzenden scharf auffing, und stand auf.

Sie erhob sich sofort eilig mit ihrer gewöhnlichen, anziehenden Ungeschicklichkeit, die Mishujew früher fast zu Tränen gerührt hatte. Bald verwickelte sie sich in die Spitzen des Rockes, bald ließ sie das Taschentuch, dann den Pompadour fallen, und erschrak jedes Mal in komischer Schüchternheit; schließlich ging sie neben ihm.

Sie stiegen an den Strand hinunter, wo allein die dunkle See und der helle Mond herrschten, und setzten sich am äußersten Ende des Seestegs auf eine Bank. Vor ihnen und zur Rechten und Linken und zu allen Seiten breitete sich die See aus; in dem glänzenden Wasser wirbelte ohne Ruhe eine Säule aus Mondenschein. Ein endloses Tonwogen aus Geräuschen, Plätschern und dumpfen Schlägen gegen die Mole, in der die ganze Zeit hindurch eine kristallene Stimme, die immer lauter klang und doch nicht vernehmbar war, ertönte, schwebte ununterbrochen über der uferlosen, stürmenden Meeresfläche und griff in rätselhafte, traurige Saiten; es rief Erinnerungen und unfaßbare Verzweiflung in der innersten Tiefe der Seele wach. Von Zeit zu Zeit trieb ein elastischer Wind heran, dann prickelten unsichtbare Wassersplitter mit feinem kaltem Staub auf Gesicht und Händen; Schauer durchdrangen die beiden.

Mishujew starrte auf die Mondlichtsäule, die sich im melancholisch-dunklen Wasser drehte, und schwieg. Wie immer, wenn er des Nachts in die Tiefe schaute, zitterte in ihm ganz still ein triebhaftes, schwermütiges Gefühl. Es rührte sich kaum merklich und zwang ihn doch, das zu vergessen, was um ihn war. Alles wurde leer und finster.

„Ich wollte mit dir sprechen, Theodor,“ sagte Maria Sergejewna; vom ersten Worte an tönte aus ihrer Stimme die Furcht heraus, daß er auf sie zornig werden könnte, bevor er sie noch gehört hätte.

Mishujew schwieg; es schien, als vernähme er in dem Geräusch und dem Klatschen der Wellen, die unter der Brücke verrollten, ihre Stimme gar nicht. Am Ufer entlang, soweit es nur im Mondenlicht sichtbar war, legte sich ein blanker Streifen Gischt und schmolz wie Schnee; hinter ihm rückte bereits, prasselnd und schwellend, eine neue Welle heran.

Maria Sergejewna blickte mit Augen voll unsichtbarer Tränen auf Mishujew, stand auf und zerrte krampfhaft am Taschentuch.

„Es ist nicht zum Ertragen!“ sagte sie mit gepreßter, schwacher Stimme; sie fühlte, wie sie ebenso unter der Erniedrigung als unter dem kalten Wind erzitterte. „Weshalb quälst du mich?“

Ohne sie anzusehen, zuckte Mishujew hartnäckig mit den Achseln.

Maria Sergejewna schwieg; sie fuhr nur fort, am Taschentuch zu zerren und am ganzen Körper zu zittern; wunderbar zart und elegant hob sie sich auf dem Hintergrund der ungeheuren wogenden Fläche ab.

„Ich halte es nicht mehr aus ...,“ sie sprach schnell und steigerte die Stimme mehr und mehr; „du hast kein Recht, mich zu verachten ... hast kein Recht, mich zu quälen und zu erniedrigen! Wenn ich auch deinen Millionen gegenüber nicht standhalten konnte, wie du behauptest ...“

„Nichts behaupte ich,“ erwiderte Mishujew finster und starrte unverwandt in die Lichtsäule, die mit Milliarden tanzender blauer Sterne in den Wellen glitzerte und am Horizont in ein geheimnisvoll helles, scharf vom finsteren Himmel abgeschnittenes Märchenreich zerfloß.

Wieder schwieg Maria Sergejewna, von qualvoller Ratlosigkeit verwirrt und zerdrückt. Ihr ganzes Wesen empfand, daß er es ihr gegenüber behauptet hatte, trotzdem aber wollte in ihrer Erinnerung kein beweisendes Wort auftauchen. Sie fühlte sich nur in kalter Leere widerstandslos versinken; sie war so schwach und hilflos geworden, daß sie unterging, ohne zu wissen, welch Wort noch gesagt werden könnte, wie und gegen wen sie sich verteidigen müßte.

„Aber du glaubst es ... ich weiß ... und wenn es selbst wäre, so ... Du hast es ja selbst gewollt ... nun gut, ja ... nicht standgehalten! Wollte einmal aus dem Vollen leben ... meinetwegen ...!“ Maria Sergejewna drückte in voller Verzweiflung beide Hände an die Schläfen. „Aber welchen Preis habe ich für diese Millionen bezahlt, sie haben mich meiner Seele beraubt ... ich lernte es, mich als das verworfenste Ding ... Irgend was! Entweder ... oder ... oder ... Wie du willst, kann ich aber nicht mehr weiter ... kann nicht mehr! Ich ...“

Sie verlor sich in ihren Worten; sie schaute nur mit zerbrochenem, kraftlosem Blick in die furchtbare Finsternis des Wassers. Ihre Hände flogen; ihre Lippen bebten.

„Wenn du dich selbst so einschätzst, — — so als das verworfenste Ding — — — welche Stellung soll ich dann zu dir nehmen?“ fragte plötzlich Mishujew, ohne seine glänzenden Augen vom Wasser abzuwenden.

„Ah!“ schrie Maria Sergejewna ganz entgeistert auf, ließ den Pompadour und das Taschentuch, die im Augenblick ins Meer gerissen wurden, fallen, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und ging schnell fort, fast laufend; sie verwickelte sich in ihr langes Kleid, das der Wind sofort erfaßt hatte. Die schlanke Frauengestalt schwankte schattengleich in dem leeren, windigen Raum, der über der finsteren, unaufhörlich am Ufer zerbrechenden Wasserfläche lag.

Mishujew begleitete mit seinen Blicken dieses winzig weiße Stückchen Stoff, das sich über dem Kamm der schäumigen Wellen hoch emporzuheben schien und dann plötzlich in der Schwärze der eingesunkenen kalten Tiefe verschwand.

Etwas Warmes regte sich in seiner Seele.

Er ging ihr nach, ohne sich selbst in Gedanken darüber klar zu werden, und holte sie bald ein.

Ihre kleinen, abfallenden Schultern waren eingezogen, und über ihnen schimmerte die feine Linie des im Mondlicht erblaßten Halses. Als sie seine Schritte hörte, blieb sie augenblicklich stehen, hob aber den Kopf nicht an, sondern hielt wie vorher das Gesicht mit den Händen bedeckt und den großen hellen Hut gesenkt; zart, niedlich und bis zu Tränen bemitleidenswert.

„Nun, genug doch ... Mä...russja,“ rief Mishujew, ihren früheren Namen mit dem jetzigen verwechselnd in plötzlich erwachter inniger Zärtlichkeit und legte den Arm um ihre Schultern. „Verzeihe mir ... Ich wollte dich nicht kränken!“

Er erwartete, daß sie ihn launisch zurückstoßen, ihre Hände losreißen würde und kühl und fremd bliebe, er empfand bange Furcht davor. Er fühlte, daß er dann vollständig einsam wäre. Aber sie legte nur ihren Kopf an seine Brust und schob ihr Gesicht mit unruhig fragendem Schimmer in den Augen, die vom Mondenschein und Tränen geweitet waren, seinen Lippen entgegen. In ihren feuchten Pupillen und in den Mundwinkeln, um die ein leidendes Lächeln glitt, sah Mishujew den demütigen, erfreut-vergebenden Ausdruck, wie ihn geprügelte und wieder geliebkoste junge Hunde und kleine Kinder haben.

Im Augenblick war dieses Gefühl der Wärme und des Mitleids, das ihn selbst angenehm berührt hatte, wieder verschwunden, als wäre es nie gewesen; es hatte nur eine Kühle von Ärger und wachsender Erregung zurückgelassen. Er küßte sie kalt auf die warmen, feuchten Lippen und sagte, indem er ein wenig zurücktrat:

„Sei bitte nicht so launisch ... Das wird auf die Dauer langweilig ... was willst du eigentlich ... ich begreife dich nicht!“

Er schwieg, blickte starr auf die Seite und fügte hinzu:

„Ist Zeit nach Hause zu gehen ...“

Sie lächelte verwirrt, als wollte sie sagen: verzeihe mir — — vielleicht hatte ich wirklich Unrecht, ich weiß es nicht — — mir schien, daß du mich nicht liebst, — — daß du mich verachtest; — — und das ist ja unerträglich schwer ...

Sie geriet in Hast. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der weiße, kühle Mond und das unaufhörlich rauschende Meer blieben hinter ihnen zurück; ihnen entgegen flog schon ein Schwarm tanzender Töne. Doch immer noch war etwas Fremdes zwischen den Beiden.

Als sie nach Hause fuhren, fühlte Mishujew an seinem Schenkel die Berührung ihres elastischen Körpers, der unter trockenem, sprödem Stoff verschwand, sah ihr feines wie mit lichtlosen Farben gemaltes Profil, den Kopf, wie von einer unerträglichen Last gebeugt und fragte sich, was zwischen ihnen wäre ... zwischen ihm, dem Manne, der sie so viele Jahre hindurch verehrte, ohne daß er gewagt hätte, sich ihre Nacktheit, ihre Liebkosungen in Gedanken vorzustellen, und ihr, der reizenden, gütigen Frau, die ihren stillen Gatten so stark geliebt hatte, sich so einfach, wie eine ältere Schwester, zu ihm selbst verhielt und sich ein so keusches und reines Aussehen bewahrte, trotzdem sie verheiratet war.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

II

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

In heller Sonne erglänzte der Strand wie vergoldet, und selbst das Meer am Ufer schäumig grün, in der Ferne blau, fast lilafarben, schien mit goldenem Glanz überstreut zu sein, Sonne und Himmel atmeten, ferne Berge verschwammen mit den Sommervillen, die außerhalb der Stadt wie verstreutes Spielzeug im Grase auf ihren Abhängen lagen, in weißem Glanz.

Das grellfarbige Publikum des Badeortes schob sich über die Strandpromenade, bog breit wie ein Strom an dem ovalen Kurgarten um und leuchtete so wandlungsreich bunt, daß es unmöglich war herauszufinden, woher alle diese hellen Kleider, Hüte, Beine, Schultern und Gesichter mit den lebhaften Augen kämen. Es sah aus, als vergrößere sich die Menge ganz von selbst, wie ein schnell wachsendes Blumenbeet. Wirbelndes Sprechen, Lachen und Klingen verflocht sich schrill über den Köpfen und verband sich mit den Wellenschlägen an den Quadersteinen, dem schnellen Gerassel der Equipagen und dem deutlichen Trommeln der Hufe zu einer liebenswürdigen Musik.

Maria Sergejewna und Mishujew fuhren in einem leichten Jaltaer Wagen über die Strandpromenade, und der weiße Schleier, der von Maria Sergejewnas Hut herabwehte, schwirrte schnell an Pferdeköpfen vorbei, zwischen würdevollen Kutschern und dem auseinanderfließenden Zuge von Schirmen und Hüten.

Vor einem Laden, in dessen Schaufenstern kapriziöse Damenhüte wie exotische Vögel und Blumen prangten, hielt der Wagen plötzlich an, als wenn er an eine unsichtbare elastische Barriere gestoßen hätte. Leicht und schnell, wie vom Wind getragen, sprang Maria Sergejewna vom Tritt der Equipage direkt in die dunkle Tür des Ladens hinein.

Mishujew trat schwer, ohne sich seitlich umzusehen, auf das Trottoir und trat hinter ihr ein.

Sofort stürzten einige höfliche Verkäufer und Verkäuferinnen mit dienstbereiten Verbeugungen auf Maria Sergejewna zu, scharrten mit den Stiefelsohlen und lächelten mit plötzlich belebten Mienen. Eine Minute lang machte es den Eindruck, als drängte sich dort eine Schar glücklicher, ergebener Menschen, die freudig eine lang ersehnte, gute Freundin umringten. Wie von einem Wirbelsturm herausgerissen öffneten sich im Nu Dutzende Kartonschachteln, und blaue, rote, bunte Bänder flogen über Haufen weißer Hüte wie Blumen auf Schnee.

Es waren einfache Stoffhüte „Babyfasson“ vorgelegt worden; Maria Sergejewna wünschte sich einen auszusuchen. Sie glaubte, daß sie in diesem Hut wie ein graziöses, mutwilliges Mädchen aussehen müßte.

Die Verkäuferinnen plapperten mit übertriebener Lebhaftigkeit, die Verkäufer spreizten die Stimmen, um für Franzosen gehalten zu werden, und durch die offene Ladentür drang das Getöse und die Farben der Sonne hinein, und Maria Sergejewna wählte und suchte, während sie sich wie ein Kind über das Spiel der Farben und Modelle freute. Sie glänzte mit den Augen, lehnte ab, schwankte, lachte und war ununterbrochen in Bewegung. Sie musterte ihre Figur im großen Spiegel und reckte sich mit dem ganzen Körper, um ihr Profil sehen zu können. Und in jedem neuen Hut — mit blauen, roten, bunten Bändern — auf dem schwarzen Haar schien ihr matt-rosiges Gesichtchen noch schöner und jünger.

Mishujew saß inzwischen unbeweglich am Ladentisch, wie ein schwarzer Fleck inmitten der lärmenden Menge, die schweren Hände auf den aufrecht stehenden Spazierstock gestützt. Er sah schläfrig aus, wie ein nicht ausgeruhter, kranker Mensch, der nichts mehr sieht, nichts hört — nicht Sonne, noch Lachen, noch weibliche Anmut, — nichts, außer einer unheilvollen Bewegung, die langsam, schweigsam sein Leben Schritt für Schritt von innen heraus untergräbt, ohne daß er sich dagegen auflehnen könnte.

Manchmal blieb sein Auge an dem niedlichen erregten Gesichtchen Maria Sergejewnas haften, dann wendete er es wieder ab und stemmte den starren Blick gegen den ersten besten Gegenstand, — gegen die Tischecke, den lackierten Stiefel eines Kommis oder die harten Schulterknochen einer Verkäuferin, die wie selbstverständlich unter der koketten Seidenbluse hervortraten.

„Theodor, schau mal her ... ich werde den hier nehmen. Ich glaube, er steht mir gut, nicht? ... Oder den hier? ... Wie meinst du ... rate mir? ...“ Maria Sergejewna fragte ihn; sie konnte die leichte Unruhe, die in ihrer Stimme und ihrem Blick zitterte, nicht unterdrücken.

Ihr war froh und leicht gewesen. Die Szene vom Abend vorher hatte mit einer leidenschaftlichen Versöhnung geendet; sie war fast ganz aus ihrer Erinnerung geschwunden, verscheucht von Sonne, Lärm und dem Spiel des Geldes, an dessen Hinauswerfen sie sich noch immer nicht gewöhnen konnte.

Doch jetzt trübte das düstere Gesicht Mishujews ihre Freude. Es flößte ihr Schrecken ein. Es erinnerte sie, daß Küsse und wollüstige Zärtlichkeiten doch nur hinausschoben, was in ihr Leben eingedrungen war, ohne es aufzulösen und zu vernichten.

... Sind wir damit wirklich noch nicht durch? Wird es wieder diese widerwärtigen Szenen, die das Leben zur Last machen, geben? ... an der äußersten Fläche ihrer Gedanken huschten die Fragen vorüber.

„Nun, welchen also? Sprich doch!“ fragte sie nochmals, und schon klang in ihrer Stimme die eigentümliche Nuance geheimer Bitten wieder, als flehe sie ihn um Schonung an.

„Nimm alle,“ antwortete Mishujew, der an etwas anderes dachte, gleichgültig.

Sie lachte; alle Verkäufer und Verkäuferinnen lächelten entzückt. Einer brüllte über den Einfall des Millionärs laut auf.

Mishujew sah ärgerlich die lachenden Gesichter an, er zog die Augenbrauen zusammen. Sofort wurden alle ernst, und Mishujew, dem diese augenblickliche, gefällige Veränderung der Mienen nicht entgangen war, geriet in Empörung. Ein dringendes Verlangen, wie es ihn oft packte, stieg ihm auch jetzt zu Kopf: sie anzubrüllen, jemand mit dem Fuß zu treten, zu schlagen ...

— — So! Euch gefällt alles, wozu ich Lust habe? Schön! ... In seinem Gehirn loderten tolle Worte auf, doch er blieb still und senkte nur hilflos die Augen.

„Nein, warum bist du so ... Rate mir doch!“ drängte Maria Sergejewna kokett; Mishujew merkte, daß sie sich jetzt nur an ihn klammerte, damit kein anderer herausspüre, was sie in ihm mit heißem Schrecken erriet.

Jetzt fühlte er Mitleid mit ihr; es erwärmte ihn. Doch in seiner Seele wurde es noch trüber und hilfloser.

„Nimm den mit blauem Band ... Der steht dir am besten,“ sagte er klanglos.

„Wirklich!“ Erfreut lächelte ihm Maria Sergejewna zu.

Sie hob beide Hände zum Kopf, und unter der weißen Bluse sah er plötzlich ihren gekrümmten Rücken wie nackt; — weich und erhaben. Ein Verkäufer, der geknöpfte Lackschuhe trug, ließ einen schüchtern-lüsternen Blick über sie gleiten, begegnete aber plötzlich den Augen Mishujews. Im Augenblick klappte er zusammen, sein Gesichtchen wurde schlaff und bedeckte sich mit einer Maske von Gefälligkeit und Furcht.

— Ungeziefer! — dachte Mishujew mit jähem Anfall ekelnden Zornes und sah dem Verkäufer starr in die Augen. Der schrumpfte sichtlich zusammen, wurde dünner und kleiner. Fast eine Minute lang dauerte dieses eigentümliche grausame Spiel, das Mishujew krankhafte Befriedigung verschaffte. Er bemerkte, daß das Knie des Verkäufers, von einem zu engen Beinkleid umschlossen, zitterte.

... Übrigens, dachte Mishujew mit der früheren trüben Schwermut weiter, ... wenn ich selber der Kommis wäre, so würde die da und ähnliche andere ihm gehören, und ich müßte ihr wie ein Sklave verstohlene Blicke zuwerfen.

Er wendete sich ab. Alles wurde ihm zuwider: dieses Gesindel, das vor ihm auf dem Bauche rutschte, und diese Frau, die erst gestern von einem rohen Wort verletzt war und ins Wasser gehen wollte, und sich heute wieder von dem armseligen Vergnügen des Geldausgebens bis zur Selbstvergessenheit fortreißen ließ.

„Bist du bald fertig? ... Gehen wir doch!“ sagte er und erhob sich.

„Ja, ja, ich bin schon fertig. Ich habe mich schon entschlossen!“ beeilte sich Maria Sergejewna zu antworten. „Schicken Sie mir diesen ... nein, nein, den da, ... den mit dem hellblauen!“ warf sie hin, während sie sich nach Mishujew umsah, der wie eine schwarze Masse in der hellen Türöffnung stand.

„Gehen wir, bleiben wir ein wenig in den Anlagen,“ sagte sie, als sie in die Sonne heraustraten und auf allen Seiten von warmer, reiner Luft und fröhlichem Lärm empfangen wurden.

„Gut,“ Mishujew willigte vollkommen gleichgültig ein.

Sie hatten, den Equipagen ausweichend, schon die Straße überschritten, als er laut angerufen wurde.

„Fjodor Iwanowitsch! warten Sie einen Augenblick!“

Am Trottoir hielt ein glänzendes Automobil, und hinter drei Damen, die einem Strauß von Spitzen und Blumen glichen, streckte ein strahlender, schneeweißer Herr einen hellgelben Handschuh hervor und winkte.

„Theodor, man ruft dich ... Parchomenko!“ Maria Sergejewna berührte Mishujew am Ärmel und nickte an seiner Stelle lächelnd dem schneeweißen Herrn zu.

Parchomenko sprang von seinem Sitz herab, schwenkte jetzt seinen Hut durch die Luft und eilte rasch auf Maria Sergejewna zu:

„Maria Sergejewna, Sie Zauberin! Und ich suche Sie in der ganzen Stadt.“

„Wirklich!“

Maria Sergejewnas kleines Händchen preßte sich kokett an seine Lippen. Sie lachte.

Die Damen im Automobil nickten ihr mit den Hüten zu, der strahlende Parchomenko lachte und verlegte allen den Weg, das Automobil spiegelte, das Publikum sah sich nach ihnen um. Es schien, als hätte die ganze Stadt, die Berge und Blumen begonnen, nur für sie zu leuchten, zu glänzen und zu lachen. Ein schwindsüchtiger Pope, der mühsam seine trübselig grün gewordene Sutane vorbeischleppte, blickte mit großen glänzenden Augen auf sie hin und verschwand traurig; er löste sich gleichsam in Glanz und Fröhlichkeit der Menge auf.

Ein junger Mann und zwei Damen gingen an der Gesellschaft vorbei. Sofort fing der Herr eilig, als fürchtete er etwas Hochwichtiges zu versäumen, an, seinen Damen zuzuflüstern, wobei er mit den Augen winkte:

„Das sind Mishujew und Parchomenko — die Moskauer Millionäre! ...“

„Wo ist Mishujew? Welcher ist es?“ Die Damen wandten sich voll Neugierde um.

„Der dort mit der Dame steht ... der große Kerl ...,“ der junge Mann wies hastig hin, und zwei Paar aufgeregt neugierige Frauenaugen richteten sich auf Mishujew.

Mishujew drehte sich herum, aber Parchomenko sah strahlend die Damen an.

„Sehen Sie, uns kennen hier schon alle Menschen, Fjodor Iwanowitsch!“

„Erlauben Sie bitte,“ sagte jemand im Vorbeigehen; aus der gebrochenen Stimme hörte Mishujew scharfen Haß hervor. Er sah sich um und erblickte einen weißblonden jungen Mann, der unter einem schäbigen Jackett ein blaues Hemd trug. Seine hellen und offenbar guten Augen schauten auf Parchomenko mit einem im Grunde sanftmütigen Haß.

„Lassen Sie einen doch vorbeigehn,“ wiederholte er noch leidender.

Parchomenko maß ihn mit einem raschen wegwerfenden Blick und trat achtlos auf die Seite.

„Maria Sergejewna, wollen wir heute nach Suuk-Su fahren ... Gestern haben wir es hin und zurück in zwei Stunden gemacht. Ehrenwort! Wunderbar angenehm, mein Ehrenwort ... wie Vögel! ... Wir werden dort Abendbrot essen und dann zurück! ... Bei Mondenschein hat es etwas Bezauberndes, auf Ehrenwort!“ schrie er ganz strahlend; offenbar bis in die Zehenspitzen von der Freude über die eigene Existenz erfüllt.

Maria Sergejewna weigerte sich, mutwillig und kokett den neuen Hut schüttelnd, der ihr in der Tat das Aussehen eines graziösen Mädchens gab.

„Wir waren erst vorgestern dort!“

„Ja, aber im Auto ist es etwas ganz anderes. Über die Berge weg! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie leicht man von einem Berg auf den anderen fliegt ... Ja, geradezu die Empfindung, als fliege man im Traum ... auf Ehrenwort!“

„Nun gut ... später. Jetzt will ich spazieren gehen. Gehen wir! Das Meer ist heute wunderschön.“

Die drei Damen Parchomenkos, alles üppig blonde, phlegmatische Schönheiten, stiegen lachend und wie im Spiele aus dem Automobil.

„Fjodor Iwanowitsch, warum sind Sie denn heute so mürrisch?“ Parchomenko strotzte vor Freude.

„Er ist jetzt immer mißgestimmt,“ antwortete Maria Sergejewna für ihn, als wäre sie selbst daran schuld, und berührte Mishujews Gesicht mit einem schüchternen Blick.

„Sie sollten ihn doch dazu verleiten, ein Auto zu kaufen, — das bringt ihn augenblicklich in andre Stimmung. Aufblühen wird er,“ lachte laut Parchomenko. „Mit dem Auto kuriere ich mich jetzt in allen Nöten. Ehrenwort, — kein Scherz!“

Die Damen gingen zu viert voran, allgemeines Aufsehen erregend. Parchomenko rannte neben ihnen her, steckte sie mit seiner lärmenden Freude und Sicherheit an, wobei er ihnen fortgesetzt vor die Füße lief; nur Mishujew schritt schwer hinterdrein. Während sie mitten durch die festlich gekleidete Menge, die wie ein sonnendurchwärmter Bienenschwarm summte, gingen, blickte Mishujew aufmerksam und lange in die Gesichter, die ihnen entgegenkamen, als suchte er aus ihnen etwas herauszulesen.

Sie begegneten wieder dem schwindsüchtigen Popen und dem weißblonden Menschen im blauen Hemd. Diesmal ging ein hochgewachsener, hagerer, ernster Mann neben ihm. Mishujew kannte ihn; nun erinnerte er sich auch an den blonden. Der Ernste war ein bekannter Schriftsteller, der andere ein junger, schwindsüchtiger Dichter.

Der Schriftsteller warf einen flüchtigen, unfreundlichen Blick über die Gesellschaft und wandte sich ab. Der Dichter sagte ein paar Worte zu ihm, und in dieser Stimme wie in dem zornigen Blick des anderen lag ein spöttisch-feindseliger Zug gegen Mishujew, Parchomenko und ihre gutgepflegten, schönen Damen.

Bald von der Sonne überstrahlt, bald im Schatten der Schirme, zogen in bunter Reihenfolge männliche und weibliche, hübsche und häßliche Gesichter vorüber. Ein lebendiger Kaleidoskop, der sich in jedem Augenblick veränderte, rollte vor ihren Augen ab, und Mishujew verfolgte mit gewohnheitsmäßiger, krankhafter Unruhe dieses einförmige, eigentümliche Spiel: er sah, wie alle die gleichgültigen menschlichen Augen, die flüchtig über die herankommenden Gesichter glitten, plötzlich auf ihm haften blieben und den Ausdruck stumpfer Neugierde annahmen. Das war alles so gewohnt und eintönig, daß es Mishujew mitunter vorkam, als habe die ganze festliche Menge nur ein einziges — ein flaches Gesicht, das ihm über alle Maßen widerwärtig war.

Die Damen und Parchomenko lachten laut auf, Mishujew ging hinter ihnen, und das Gefühl der Einsamkeit, die ihm längst zur Gewohnheit geworden war, lief unablässig neben ihm her. Er wünschte, fortzugehen, wo nichts und niemand um ihn wäre — weder Sonne, noch Menschen, noch Lärm. Dort stehen bleiben und lange, sehr lange ganz still für sich stehen. — —

Der freudestrahlende Parchomenko wandte sich um und rief ihm etwas zu. Irgend eine Abgeschmacktheit, ohne Sinn und Witz, aber sonderbar aufdringlich durch das zur Schau getragene Selbstbewußtsein, daß alles, was er sprach, schön und äußerst interessant sein müßte.

— — — Dieser glückliche Trottel — dachte Mishujew, während er auf seine Füße hinunterschaute; plötzlich regte sich stumpfer Neid in ihm. Wollte man diese Empfindung in Worte übersetzen, so wäre der Unsinn herausgekommen: — ach, wenn ich doch solch ein Idiot wäre! Dann könnte ich ebenfalls glücklich sein wie er, mit meinen Automobilen, Millionen, Maitressen, mit all den Menschen, die mich selbst gar nicht bemerken, sondern nur das, was nicht meine Person ausmacht, die mich fürchten, hassen, an mir kleben bleiben.

„Hier kommt auch unser General!“ rief Parchomenko. „General, kommen Sie doch her! Ohne Sie ist es langweilig!“

Ein alter General mit breiten roten Streifen und einem verschrumpften, rosigen Gesichtchen auf einem Hals, dünn wie bei einem Küchlein, den der schmale, graue Backenbart nicht zu verdecken vermochte, lief, die Füße nachschleppend, auf sie zu. Er begann, den Damen mit freudestrahlendem Gesicht und kraftloser, greisenhafter Koketterie die Hände zu küssen. Man sah ihm an, daß er im voraus fürchtete, fortgejagt zu werden.

Parchomenko zeigte eine Freude, als wäre ihm ein amüsantes Spielzeug gebracht worden.

„Nun, wie ist’s, General, hat der Dampfer von gestern viel hübsche Frauen gebracht? Hat Ihr Herz oft gezuckt?“ er lachte laut und drehte sich vor den Damen, die auf der Bank Platz genommen hatten, auf den Stiefelabsätzen herum.

„Wußten Sie schon, Maria Sergejewna,“ wandte sich Parchomenko zu ihr, und man sah seinem rosigen Gesicht an, daß er im Begriff war, etwas ungemein Geistreiches zum Besten zu geben, „der General geht jeden Abend zur Landungsbrücke; er will der Unvorsichtigen nachstellen, die sich ihm anvertrauen würde ... Er ist ein Don-Juan, wie er im Buche steht. Auf Ehrenwort, — ohne Spaß!“

„So, General — und ich wußte gar nicht, daß Sie so gefährlich sind!“

Eine der blonden Damen Parchomenkos redete ihn gedehnt mit voller, schmachtender Stimme an.

„Oh, Sie kennen ihn eben nicht!“ Parchomenko verschluckte sich vor Entzücken; „jeden Abend läuft er hin. Nur wird er von diesen hartherzigen Damen leider so unhöflich wie möglich behandelt: er sucht an jedem Abend für sie Wohnungen, er schleppt ihre Sachen, er zahlt die Droschkenkutscher, und am nächsten Tag laufen sie, — Gott sei’s geklagt! — mit irgend einem Fähnrich über die Boulevards, und der General wandelt wieder zum Dampfer hin! Auf Ehrenwort, — — — ohne Spaß!“

„Was Sie sagen!“ Die üppige Blonde tat äußerst erstaunt.

„Sie müssen stets etwas ausdenken, Pawel Alexejewitsch!“ verteidigte sich der General und errötete.

„Ja, reden Sie nur! Ich etwas ausdenken! Und wer hat Sie vor drei Tagen in Dschalita mit einer Gymnasiastin erwischt? wie, — was?“

„Aber, bei Gott ist es wahr, Pawel Alexejewitsch ... das war meine Tochter Njurotschka! was wollen Sie, bei Gott! ...“ sein Gesicht wurde noch röter.

„Eine Tochter? Wir kennen sie schon — — diese Töchter!“

„Nein, wirklich, meine Tochter ... Njurotschka!“

„Daß sie Njurotschka heißt, glaube ich schon! Und daß ...“ Parchomenko hielt sofort wieder ein und kniff die Augen zusammen; offenbar bereitete er einen recht pikanten Witz vor. „Übrigens ist es schon glaublich, daß Sie nur noch väterliche Gefühle hegen können. Sehr möglich!“

Die Damen lachten, ihre Blicke etwas gesenkt, mit jenem eigentümlichen über die Lippen gleitenden halben Lächeln, in dem noch ein besonderes weibliches Geheimnis zu lauern scheint.

Der General kicherte ebenfalls, doch in seinem freundlichen Gesichtchen zeigte sich ein schmerzlicher Zug, als könnte seine Njurotschka dadurch verletzt sein. Einen Augenblick wollte er sich einfach umdrehen und fortgehen, wagte es aber nicht und kicherte nur krampfhaft weiter.

„Dats ist wunderbar, dats ist wunderbar,“ murmelte er, während seine Äuglein ratlos umherliefen.

„General,“ plötzlich leuchtete Parchomenko noch intensiver auf, „warum sagen Sie immer ‚dats‘ und nicht ‚das‘? Damit es sich komischer ausmacht oder haben Sie einen hohlen Zahn?“

„Sage ich denn dats?“ Der General errötete.

„Aber natürlich, dats! Sagen Sie doch: das! So — — — deutlich: das!“

„Ist es denn nicht ganz gleich?“

„In keiner Weise gleich ... Das ist ja furchtbar komisch! Auf Ehrenwort! Nun, sagen Sie mal: das!“

Der Alte lachte, und seine greisen Wangen wurden immer rosiger.

„Nein, Sie müssen es rausbekommen!“ Parchomenko ließ nicht von ihm ab.

„Dat—s!“ sagte der General mit heldenmütiger Anstrengung.

Parchomenko drehte sich vor Entzücken auf den Absätzen herum. Die Damen lachten. Auch Maria Sergejewna lachte und hob ihr feines Profil empor.

„Das, das, General!“ schrie Parchomenko. Sein strahlendes Gesicht war von Wonne übergossen. Er sah aus, als wollte er zurufen: Immer lustiger noch, alter Spaßvogel! ... Du siehst ja, ich bin in guter Laune ... Nur los!

„General, Sie sind der geborene Komiker ... Auf Ehrenwort!“ schrie er unter Lachausbrüchen.

Der alte General lächelte verwirrt, und seine Wangen glänzten hilflos.

Maria Sergejewna hatte mit dem Alten, nach dem sich schon die Spaziergänger umsahen, Mitleid. Sie sprach mit ihm weich und zärtlich, erkundigte sich nach seiner Gesundheit und nach der Tochter, der Gymnasiastin, die sie einige Minuten vorher in einem Haufen anderer, ebenso junger und fröhlicher Mädchen gesehen hatte. Der Alte schmolz sofort unter ihrer Zärtlichkeit und lächelte jetzt ganz anders, während er ihr nach Greisenmanier, wie ein gestreichelter, altersschwacher Kater, den Hof machte.

Aber Parchomenko begann wieder geistreich zu werden und ihn zu necken. Mishujew blickte auf sie; es widerte ihn an; der Alte tat ihm leid. Er wollte ihn in Schutz nehmen, bekam aber kein Wort heraus.

Der junge Dichter und der ältere Schriftsteller kamen wieder an ihnen vorbei. Mishujew hörte, wie aus einer Gruppe junger Menschen, die auf einer benachbarten Bank saßen, einer rief:

„Seht mal dort, seht ... da kommt Tschetyrjow und Marussin!“

„Wo, wo denn?“

Gespannte Mädchenblicke begleiteten die gebeugten Gestalten der beiden Poeten, die sich langsam in der bunten, festlichen Menge entfernten, von ihr wie ein trauriger Fleck geschieden. Mishujew hörte, wie in der jungen Gesellschaft eine heftige Diskussion über Tschetyrjows Talent losbrach.

Als wäre diese Begegnung schuld, wurde ihm mit einem Mal traurig zumute; wieder zog es ihn von hier fort irgendwohin, wo er allein bleiben und lange — lange stehen könnte, ohne etwas zu sehen, etwas zu hören.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

III

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Soeben war der abendliche Dampfer eingetroffen, und mitteilsame Feuer brannten auf der anderen Seite der Bucht und spiegelten sich dort wie bunte Blumengirlanden im dunklen Wasser wieder. Von diesem Ufer aus konnte man keine Menschen erkennen, und die schwarze Masse des Schiffes erschien rätselhaft, wie ein dunkles Seeungeheuer, das neben der Mole aus der Tiefe aufgetaucht ist. Aber man hörte schon aus der Ferne das schnelle Gerassel der anfahrenden Equipagen; man fühlte, daß in die lustige Stadt gleich eine ganze Flut neuer Menschen, die das Ende der langwierigen Reise angeregt hat, einströmen würde.

An diesem Tage machte Maria Sergejewna mit Parchomenko und seinen Damen einen Ausflug in den benachbarten Kurort, und Mishujew ging allein spazieren. Er schlenderte langsam über den Strand, vom Kurhaus und dem Kurgarten, wo sich das Nachtpublikum drängte, möglichst entfernt. Er fühlte sich so gut, wie seit langem nicht mehr. Der mondlose, zarte Abend, mit seinem durchsichtigen, goldenen Sternenschmuck, die ruhigen, rhythmischen Töne des leichten Wellenschlages, ergriffen stille, zärtliche Saiten seiner Seele. Die argwöhnische Behutsamkeit, die ihn die ganze Zeit über nicht verlassen hatte, verblaßte jetzt, und lautlos singende Trauer senkte sich in sein Herz. Er wünschte allein zu sein, sich etwas Nahes und Liebes ins Gedächtnis zurückzurufen.

Nachdenklich schritt er über die Strandpromenade, dort, wo sie leer und still war, und leise, herzliche Gedanken zeichneten vor ihm tastend bekannte, halb vergessene Gesichter wieder auf. Mishujew sah sie fast körperlich mit offenen Augen, wie sie unfaßbar durch die blaue abendliche Dämmerung zwischen den großen, blassen Sternen dahinglitten.

Allmählich kehrten seine Gedanken, wie auf einer Kreisbahn, zu der Zeit zurück, als er nach seiner Rückkehr aus dem Auslande, ernüchtert von sinnlosem Herumbummeln, seinem alten Freunde und dessen Frau, Maria Sergejewna, begegnet war. Er war damals ermüdet, überreizt, bis zum Haß gegen alle Menschen erbittert. Sie hatten ihn wieder mit einer ihm ungewohnten Einfachheit ihres Verkehrs erwärmt, ihn in den engen Kreis ihres hellen, gemütlichen Lebens gezogen; es gab viele Tage und Abende, die voll der Zutraulichkeit, der Freude und dem eigenartigen Zauber, den die Nähe einer schönen, guten Frau hervorruft, waren. Dann entstand verborgene Liebe — eine seltsame, anziehende Verbindung der keuschesten Achtung und der schamlosesten, begehrlichen Phantasien. Und schließlich kam der Augenblick, als in ihr die erst nur schüchterne Antwortsaite erzitterte; dann mit einem Mal war alles, was ganz unmöglich schien, woran er nicht einmal zu denken wagte, nahe geworden und umbrauste ihn mit dem heißen Feuer weiblicher Leidenschaft. Neue Verwicklungen traten ein; schmerzlich, abscheulich wie Alpdrucke. Lange hatte der schwere, von vornherein aussichtslose Kampf ihres Gewissens gegen den vorwärtsstürmenden Drang ihrer Körper gedauert. Da gab es grelle Durchblicke tollen Glückes, wie an jenem Abend, als das strenge, schwarze Kleid plötzlich zu Boden sank und das herrliche, nackte Weib unterwürfig und schamlos wurde; aber das Glück ging in einem breiten Sumpf niedrigster Heuchelei, Schande, unwillkürlichen Betrugs und Lüge unter, die dem Menschen gegenüber, den sie beide liebten und achteten, zur Infamie wurde, der Schmutz schwoll immer höher und höher an, stieg bis an die Kehle, und als sie endlich kaum noch atmen konnten, kam es zu einem kurzen, jähen Bruch.

Mishujew erinnerte sich, wie hell und leicht es um sie war, als alles wohl oder übel beendet schien und sich ihnen ein neues Leben eröffnete. Aber das Vergangene hatte seinen feinen Stachel zurückgelassen und drehte ihn noch bis heute in der vernarbten Wunde um. Als die erste Leidenschaft verflogen war, schien es Mishujew, daß ein furchtbarer, nie gutzumachender Fehler geschehen sei. Die Leiden und Schwankungen, die Maria Sergejewna erlebte, begannen ihm mit verborgener, giftiger Sprache zuzuflüstern, daß er eine ganz erbärmliche Rolle spiele. Diese Frau liebte ihren Mann und nur diesen, und er, Mishujew, der allein durch sein Geld bemerkenswert war, hatte für sie nur zufällige Bedeutung. Früher hatte sie so einfach und arm gelebt; jetzt wünschte sie ganz unschuldig und naiv Glanz und Freude. — Und weiter nichts ...

Wozu war es dann gut, drei Menschenleben zu vernichten? fragte er sich mit Entsetzen.

Irgendwo durchlebt ein erniedrigter, verlassener Mensch einsam das Mysterium seiner Schmach, die sich weder gut machen noch vergessen läßt; eine junge Frau wurde von allem losgerissen, wie ein beiseite geworfenes Spielzeug ...

Und in mein Leben trat nur ein käufliches Weib mehr ein, dachte Mishujew mit peinigender Roheit, er fühlte selbst, wie sein Gesicht sich verzerrte und zitterte.

Ich habe kein Recht, so von ihr zu denken! vielleicht liebt sie mich wahr und aufrichtig! wandte er sich mit der Bemühung, die aufgetauchten qualvollen Gedanken zu verdrängen, gegen sich selbst. Für einen Augenblick wurde alles in seiner Seele durcheinandergerüttelt, aber bald fühlte er wieder, daß der Gedanke nicht ertötet war, sondern sich nur tief in sein Inneres verkrochen hatte, wo er unfaßbar, wie eine kleine Schlange, die sich unter Steinen birgt, immer tiefer und tiefer fraß.

Mishujew warf den Kopf zurück, unterdrückte mit furchtbarer, fast körperlicher Anstrengung die Erinnerungen; er ging lange die Promenade hin und zurück, ohne festes Überlegen, nur mit formlosen Gedankenfetzen, die er müde durch seine Seele streute. Der Abend wurde inzwischen immer dunkler, immer tiefer und ruhiger glänzte der blaue Himmel, heller prangten die Sterne über den Bergen, und die verstummende See seufzte leicht und leise auf, als schliefe sie ein.

Wenn ich nur einen Menschen hätte, an den ich mich halten könnte! dachte Mishujew plötzlich und erinnerte sich im selben Augenblick an einen Menschen, der ihm in jener Zeit, als er frei mit dem Geld um sich warf und von großangelegter schöpferischer Arbeit träumte, nahegestanden hatte.

Ihn sehen, sprechen, dachte Mishujew mit naiver Sehnsucht; dabei lächelte er unwillkürlich über die schwungvolle Gestalt des berühmten Dichters Nikolajew, die mit einem Mal in der Dämmerung des südlichen Abends unerwartet vor ihm auftauchte.

„Tut nichts, Bruder, wir werden uns schon durchsetzen! Wir sind eine zähe Bande!“ ertönte eine Stimme voll Kraft und Wagemut in der komischen Aussprache der Wolgagegend neben ihm.

Mishujews Herz erzitterte.

Eine junge Dame in einem Reitkleid, das fest den prallen weiblichen Körper umschloß, und ein kräftiger Tatar mit schiefen, wie auf Saiten gespannten Beinen, trabten mit dröhnendem Hufschlag an ihm vorbei. Die Dame lachte abgerissen und beugte sich auf den Sattel nieder, der Tatar bewahrte seine majestätische Selbstgefälligkeit; doch kaum waren sie vorüber, als sie auch schon in der Abenddunkelheit zerflossen.

Ganz mechanisch fühlte Mishujew seine Gedanken zu dieser Frau hingezogen: vielen solchen Frauen stand er nahe. Ihre unergründlichen Augen, ihre ausgemeißelten Arme, erhabenen Brüste, schlanke Taillen und harte Schenkel liefen in fast lückenloser Reihe durch den zerfließenden Nebel seiner Vergangenheit. Sie fielen ihm leicht zur Beute, nur kosteten sie ihn mehr oder weniger. Mit geschlossenen Augen stürzten sie sich unter den Goldregen, blühten unter ihm auf und wurden glatt und gleißend wie gut gefütterte Panther.

Schon seit langer Zeit hatten sie aufgehört, Mishujews Leben zu erheitern; schon seit langem blieb er auch, wenn er auf ihren elastischen Brüsten, ihrem samtenen Körper, zwischen den in leidenschaftlicher Qual erzitternden, weißen Beinen lag, doch nur der, der er immer war, — ein einsamer, suchender, trauertragender Mensch.

Mishujew ging weiter, und wieder begannen sich aus einem riesigen, verwickelten Knäuel einsame Gedanken zu entwirren.

Von der Landungsbrücke rollte ihm schon eine ununterbrochene Flut von Droschken entgegen, als wenn sie irgendwo einen Damm durchbrochen hätten. Gesichter, Hüte, Pappschachteln und Koffer zogen vorüber; unbekannte neue Augen leuchteten auf und verschwanden. Der Fahrweg der Promenade begann unter dem ununterbrochenen Lauf der Räder lebendig zu zittern und zu dröhnen. Mishujew sah sich alles mit Widerwillen an.

Wieviel da sind! ... Wer hat sie alle in die Welt gesetzt! dachte er angeekelt. Vor ihm erhob sich ein riesiger, trüber Leib, den ein unwiderstehlicher, ewiger Drang bis an den Himmel aufgebläht hatte, und er sah aus ihm Millionen abscheulicher Geschöpfe, Gott weiß wozu, hervorkriechen, durchschlüpfen, sich schütteln, über die Erde wimmeln — von niemandem begehrt, niemanden interessierend.

Lärm und Dröhnen erschütterte die Strandpromenade wie ein Lawinensturz, und verstummte dann in der Ferne, in den Straßen der Stadt, ebenso schnell, wie es entstanden war.

Immer seltener und seltener rollten die Droschken vorbei; jetzt wurde wieder das gleichmäßige, nachdenkliche Atmen des Meeres deutlich, als stünde man an einem öden Ufer. Mishujew schritt noch einmal bis zum Ende der Straße hinunter, an dem ein Kaffeehaus, das mit rotbefezten, lärmenden Türken vollgepfropft war, aufleuchtete, und kehrte wieder mechanisch um.

In der Nähe des Stadtgartens kamen ihm häufiger die üblichen Spaziergänger entgegen. Ein Offizier mit einem Dämchen, das die engumkleideten, biegsamen Schenkel beim Gehen wiegte, zwei oder drei satte Herren mit blutig flimmernden Zigarren zwischen den Zähnen, schlenderten vorüber. Dann umwehten ihn ein paar Backfische mit einem zarten Aroma von Parfüm und dem leichten Hauch, der ihren Röcken entströmte; ihr Gelächter und Geschwätz betäubte ihn für einen Augenblick. Plötzlich sah er den alten General mit dem schmalen Backenbart und den ungeheuerlich breiten, roten Hosenstreifen kurz vor sich. Neben ihm ging ein hübsches Mädchen; ihre zarte Röte und die keusche, strenge, vorschriftsmäßige Tracht des Mädchengymnasiums fielen unwillkürlich sofort ins Auge.

Als der General Mishujew erblickte, geriet er in Hast. Er begann sofort, ihn zu grüßen und ihm zuzulächeln, während er sein rechtes Bein etwas unbeholfen hinter sich herschleppte. Sonst fürchtete er Mishujew und kam nicht an ihn heran, heute aber wünschte er sehr, vor seiner Tochter mit der Bekanntschaft eines leibhaftigen Millionärs zu renommieren, so daß er es wagte. Aus seinen Augen und selbst aus seiner Stimme strahlte kleinlicher, naiver Stolz; ungezwungener, als es nötig wäre, sagte er:

„Ah, Fjodor Iwanowitsch! Gehen spazieren. Was machen Sie?“

„Guten Abend,“ sagte Mishujew rücksichtsvoll und doch mit einer für ihn selbst unmerklichen Nuance von Hochmut und lüftete nachlässig den Hut.

„Gestatten Sie ... hier ... das ist meine Tochter Njurotschka,“ stellte der General vor. In seiner Stimme lag Schüchternheit, die aber nicht durch die Person Mishujews, vielmehr durch etwas anderes in ihm hervorgerufen schien.

Mishujew drückte ein kleines, bebendes Händchen. Das ganze Mädchen war zittrig wie ein Vorfrühlingstag. Als sie ihre feuchten, dunklen Augen auf Mishujew richtete, lächelte er ihr unwillkürlich zu. Auch sie lächelte.

Sie gingen alle drei zusammen weiter. Der General war hastig und drosch auf irgend einen Unsinn los, mit dem offensichtlichen Bestreben, das verwirrte Mädchen zu ermuntern und ihr zu zeigen, wie freundschaftlich er mit diesem Millionär stände. Anfangs wurde er sogar ohne Grund vertraulich und machte nach einem ziemlich mißlungenen Scherz den Versuch, Mishujew den Arm um die Taille zu legen. Doch rechtzeitig kamen ihm Bedenken. Trotzdem mißfiel Mishujew schon der Anklang an Vertraulichkeit; er wurde kühl.

Das Mädchen errötete fortwährend und blickte Mishujew nicht an. Er konnte nur ihr kleines Ohr, die flaumweiche Haarlocke und den unfaßbar zarten Umriß der errötenden Wange sehen. Sie schritt nach vorn gebeugt, als schämte sie sich, und ihre Absätzchen klopften nicht laut und nur unsicher auf. Wenn der General besonders schiefe Witze machte, senkte sie den Kopf noch tiefer, und ihre Wange begann zu brennen. Doch sobald Mishujew, unwillkürlich dem Wunsch nachgebend, sie aufzumuntern, etwas Lustiges sagte, warf sie plötzlich den Kopf, dessen Kinn so mollig wie ein Kissen war, in den Nacken zurück und lachte hell auf. Mishujew blickte auf dieses Kinn: es war so abgerundet und zart, daß man glauben konnte, bei seiner Berührung müßte man ein Gefühl der Wärme empfangen. Unwillkürlich begann er liebenswürdig und lustig auf sie einzuwirken, um sie nur zum Lachen zu bringen.

Sie hatte eine ganz wunderbare Art zu lachen: da beginnt zuerst etwas zu klingen und reißt ab, dann schaut sie ihm mit den dunklen Augen gerade ins Gesicht, ihr Blick geht in ein verschämtes Lächeln über und wird plötzlich ganz ernst.

Sobald sie nur das erste Mal gelacht hatte, wurde es Mishujew froh zumute, und ihm gefiel dieses Pärchen — dieses mädchenhafte Weib und selbst der gutmütige, ängstliche General mit den ungeheuerlich breiten Hosenstreifen und den vorbeigelingenden Witzen. Auch machte es ihm Spaß, daß der Greis sie „Kindchen“ und sie ihn „Papachen“ anredete. Das war so naiv und schön.

Sie gingen durch den ganzen Park, wo sich die duftige, blaue Dämmerung verdichtete und einsame Pärchen mit leisem, geheimnisvollem Lachen und Flüstern umherstreiften. Leichte Stimmung ließ sich auf Mishujew nieder, wie er sie seit langem nicht mehr gekannt hatte; er wurde einfach, gesprächig und lustig. Er begann von seinen Auslandsreisen zu erzählen, schilderte recht humorvoll, wie er sich auf der Spitze der Cheops-Pyramide ausnahm und kam dann, um dem Mädchen vertrauter zu werden, auf seine Gymnasialzeit zu sprechen.

„Sind Sie denn aufs Gymnasium gegangen?“ Aus irgend einem Grunde wunderte es den General.

„Ja, wir sind sehr einfach erzogen worden; auch unsere Mittel waren damals bescheidener.“

Mishujew verstummte. Er rief in der Erinnerung das beinahe vergessene Bild des Pennals hervor und mußte lachen.

„Was für komische Käuze hatten wir unter unseren Paukern.“

„Wir hatten auch solche —“

„Warum ‚hatten‘? Sind Sie denn nicht mehr auf dem Gymnasium?“ fiel ihr Mishujew erstaunt ins Wort und sah sie lächelnd an. Ihm war es angenehm, daß sie schon eine „Erwachsene“ sein sollte.

„Nein. Ich habe es hinter mir ... schon lange ...“ erwiderte das Mädchen leise.

„Ach, was denn ‚lange‘!“ der General lächelte liebevoll, „es sind im ganzen drei Monate!“

„Mir kommt es vor, als wäre Gott weiß wie viel Zeit vergangen,“ erwiderte das Mädchen noch leiser und fügte kaum hörbar hinzu: „so viel Wasser ist verflossen! ...“

„So—o!“ sagte Mishujew mit komischer Wichtigkeit, und plötzlich kam ihm der Wunsch, sich einfach zur Seite zu wenden und ihr einen Kuß auf die Backe zu drücken. Einen festen, reinen und vollen Kuß.

Er blickte sie aufmerksamer an und sah, daß sie ihm anfangs viel jünger, als sie in Wirklichkeit sein mochte, vorgekommen war. Von der Seite aus sah er die weiche Linie ihrer Brust, die dicht neben ihm abgerundete Schulter und den Arm, den der Stoff des Kleides fest umgab.

„Und was wird nun? Auf die Hochschulkurse?“ fragte er zärtlich.

„Ich weiß nicht ...“ antwortete das Mädchen kaum hörbar und senkte den Blick.

Der General krächzte und fuhr ungeschickt über seinen Backenbart.

Für eine Minute entstand Schweigen, und Mishujew fühlte, daß er eine wunde Stelle berührt hatte. Sie taten ihm plötzlich leid, und ihm kam der fröhliche Gedanke, daß sich alles eigentlich mit einem Schlag in Ordnung bringen ließe. Aber ihm war es peinlich, davon anzufangen, und um das Schweigen zu verscheuchen und das Mädchen aufzuheitern, begann er wieder von seinen Lehrern zu erzählen.

„Wir hatten einen Mathematiker ... so dick und majestätisch wie der vortragende Rat im Ministerium. Die ganze Stunde hindurch pflegte er aus einer Ecke in die andere zu gehen und seine Lebensweisheit zu verzapfen. Dabei war sie in einem einzigen Satz erschöpft. Ja, so schritt er durch das Klassenzimmer, immer aus einer Ecke in die andere, drehte die Finger vor dem Bauch und sprach, doch äußerst gravitätisch: ‚Es gibt Phi—lo—sophen ... es gibt Männer der Ar—beit ... und es gibt Lieblinge des Schicksals! ...‘“

„Sie, Fjodor Iwanowitsch, hat er sicherlich den Lieblingen des Schicksals zugeteilt,“ lächelte einschmeichelnd der General und trippelte kurz mit den Füßchen.

„T—ja ... Ein Mann der Arbeit konnte ich jedenfalls schwerlich genannt werden.“

„Und ein Philosoph?“ bemerkte das Mädchen neckisch, wurde aber sofort verwirrt.

Mishujew lachte und fühlte wieder den Wunsch, sie zu umarmen und zu küssen, unbedingt auf die Backe und so mit vollem Klang!

Aber das Mädchen senkte wieder den Blick. Immer noch drückte ihr ganzes schlankes Figürchen leise Trauer aus.

„Ja, ja ...“ Mishujew beeilte sich zu antworten. Ihn hielt der launische Wunsch fest, daß sie nicht wieder schweigsam und traurig werden dürfe.

„Wir hatten auch einen Lehrer der Geographie. Hoch gewachsen, hager wie ein Stock; wir nannten ihn nur ‚die Makkaroniröhre‘. Der erklärte uns immer das Sonnensystem mit verteilten Rollen: er selbst war die Sonne, ich stellte gewöhnlich die Erde vor, ein kleiner Judenjunge — den Mond usw. Die Sonne hockte auf den Fußspitzen in der Mitte der Klasse und drehte sich langsam um sich selbst, die Erde lief um die Sonne im Kreise, der Mond sauste aus allen Leibeskräften um die Erde herum ... Anfangs ging alles gut, aber bald kamen wir durcheinander, und es trat eine Weltkatastrophe ein: der Mond rannte in die Erde hinein, Mars stieß Jupiter mit dem Kopf vor den Bauch, und dieser majestätische Planet setzte sich plötzlich auf die Sonne und verursachte ein vollkommenes Chaos!“

Das Mädchen warf den Kopf in den Nacken, und ihr Lachen klirrte so sorgenlos heiter durch die Luft, daß Mishujews Herz vor Freuden mitklang. Er wünschte, daß sie weiter lache und begann von allem möglichen zu plaudern, wie es ihm gerade in den Kopf kam, und obgleich das, was er erzählte, äußerst unbedeutend war, brachte er es dennoch mit solcher Komik heraus, daß es allen außerordentlich lustig schien. Das Mädchen lachte nun ununterbrochen, warf den Kopf zurück und zeigte ihr reizendes Kinn. Dem General traten vor lauter Lachen Tränen in die Augen, und alle Passanten sahen sich nach den lärmenden Drei um.

„Ich hatte einen bekannten Diakon, in Ssamara ... Er war ein toller Säufer! Kommt da jemand irgend einer heiligen Handlung wegen zu ihm. Da tritt ihm die Diakonin entgegen und erklärt geheimnisvoll: Vater Diakon könne jetzt nicht empfangen! ... — Warum denn, — ist er voll des Spiritus ...? — Jawohl, ja — — ganz voll! — — — Ah, so! und der Besucher entfernte sich teilnehmend.“

„Voll des Spiritus!“ Das Mädchen lachte und blickte Mishujew nun wieder gerade ins Gesicht, mit einem Ausdruck, als erwartete sie von ihm noch eine Geschichte, die am allerlustigsten wäre.

Der General aber schleppte sich hinterher, hinkte und schwieg. Er war mit einem Mal verstummt, und in seinem gerunzelten Gesicht spiegelte sich irgend eine Unstimmigkeit wieder. Er erschrak über die unerwartete Fröhlichkeit und Einfachheit Mishujews. In seinem Innern zu allertiefst seiner Seele begann sich trübe Befürchtung zu regen. Er hatte ihr noch keine Form gegeben; es war nur die schüchterne und ohnmächtige, vogelartige Angst um sein reines, zartes Mädchen.

Diese reichen Herrschaften ... zuckte es durch seinen Kopf: für den da wäre es nur eine Kleinigkeit ...

Die Vorstellung davon, was Mishujew mit seinem kleinen Mädchen anstellen könnte, malte sich immer deutlicher vor ihm aus, war aber so grauenhaft, daß der General sich fürchtete, sie in Gedanken festzuhalten.

„Njurotschka! ... Es ist wohl schon Zeit — nach Hause ...“ rief er sie ungeschickt an.

Das Mädchen sah sich verwundert um.

„Es ist noch früh, Papachen!“

Der General murmelte etwas verwirrt vor sich hin. Sein Gesichtchen war gerötet, die Äuglein liefen ganz sinnlos umher. Mishujew sah sich ebenfalls nach ihm um und begriff instinktiv die feinsten Windungen seines Denkens. Etwas Bitteres, Altgewöhntes regte sich in ihm. Zuerst war es schmerzlich, aber gleich stieg irgendwoher, aus dunkelster Tiefe, der scharfe versteckte Gedanke auf: Geld geben, auf die Hochschulkurse bringen ... In gebrochenen, aber blitzgrellen Zickzacklinien wand sich ihr blendender, junger, zum ersten Male entblößter Körper durch seine Vorstellung; zitternde, naive Ausbrüche noch unerfahrener Wollust ... Und dann die tolle, feurige Hingabe. — Unwillkürlich blickte er das Mädchen von der Seite an, und sie schien bereits nackt vor ihm zu stehen; er sah ihre runden, bloßen Arme, die kleine, elastische Brust, die weichen Haarlocken auf ihrer runden Schulter. Etwas schlug, wie eine heiße Welle, an seinen Kopf, aber er kam sofort wieder zu sich.

Das Mädchen schaute auf und fragte etwas.

„Ja,“ antwortete Mishujew. Er fühlte eine große Freude, daß diese alpdrucksartige Vision verschwunden war. Er hatte den leidenschaftlichen Wunsch, die Befürchtung des Generals, die er erriet, zu verscheuchen, wieder schlicht, ebenmäßig, freundlich zu werden.

Er hat ja recht, wenn er mich fürchtet, dachte er schwermütig. Aber auch ich habe keine Schuld ... so würde jeder andere an meiner Stelle handeln. Was soll man tun ...

Mit großer Anstrengung gelang es Mishujew, die wieder heranrückenden, gierigen und beherrschenden Gedanken beiseite zu drängen; doch wurde ihm traurig, hoffnungslos traurig zumute, als befände er sich einer Macht gegenüber, die stärker ist, als sein Widerstand.

Und Wort für Wort kam er, von diesem traurigen Bewußtsein und dem warmen Gefühl für das reine zarte Mädchen ergriffen, auf sein Leben zu sprechen.

„Wie glücklich Sie sind,“ plapperte naiv Njurotschka. „Überallhin können Sie reisen, alles sehen, erfahren! Wir sind jetzt zum ersten Mal in Jalta und fühlen uns schon wie im Paradies!“

„Darin liegt ja gar nicht das Glück,“ erwiderte Mishujew traurig: „leben kann man überall; Menschen leben am Nordpol wie in Kamschatka, in der Sahara und den Pinski-Sümpfen ... Und selbst, die dort leben, können sich dazu erheben, sich eine eigene Poesie zu schaffen. Leben kann man auch ohne Palmen, ohne Wärme, ohne große Städte. Das ist alles Unsinn ... reine Formsache. Nur eins kann der Mensch nicht entbehren — Menschen. In der Einsamkeit wird der Mensch stumpf, schwach, wird ohnmächtig und unnütz ...“

„Und mir scheint, ich könnte auch in einer Wüste leben, wenn nur Blumen, die duften und Vögel und das Meer ...“

„Das scheint nur so,“ lächelte Mishujew, „uns Menschen sind komplizierte und tiefe Gefühle gegeben ... Und um sie mit Leben zu erfüllen, ist eine Umgebung erforderlich, die ebenso kompliziert, fein und tief wäre. In Himmel, Bäumen und Meer allein kann sich eine Menschenseele nicht auslösen. Man kann noch soviel reisen und sehen ...“

„Ja. Aber Sie haben doch immer Menschen um sich soviel Sie wollen ... Sie können doch soviel Gutes tun,“ bemerkte Njurotschka schüchtern. Und ehe er noch etwas erwiderte, fühlte sie, wie sich ihr Herz leise zusammenzog.

Mishujew verzog seine Mundwinkel ein wenig; dadurch machte er auf sie plötzlich einen überaus plumpen, krankhaften Eindruck.

„Ah!“ sagte er bitter, von einer plötzlichen heißen Aufwallung fortgerissen: „Gutes! wenn aber jeder, der zu einem kommt, nur um dieses Guten willen kommt ...“

„Aber nicht jeder!“ erwiderte das Mädchen mit eigentümlich mitleidsvoller Hast.

Mishujew schwieg. In seiner Seele ging etwas Sonderbares vor: er war auf sich äußerst ärgerlich, daß er so redete, daß er irgend einem Mädchen gegenüber seine Seele entblößte; ein kühler Stolz preßte seine Lippen, und dennoch wollte er sich gerne, ohne daß die rechte Gelegenheit war, einfach aussprechen. Dieser Wunsch siegte.

„Vielleicht wirklich nicht jeder,“ sagte er mit Überwindung. „Aber wenn die meisten Menschen nur kommen, um Geld zu holen, so scheint es immer, daß einer, der einfach, ohne Hintergedanken, mit offenem Herzen kommt, sich nur verstellt, und im Innern seiner Seele dasselbe will. Daß auch er nicht gekommen wäre, wenn er nicht Geld finden würde. Und da wird man im Voraus argwöhnisch ... Manchmal überläuft einen solche Bitterkeit, daß man alles von sich abstößt, grob und brutal wird ... Das ist entsetzlich, wirklich!“

Etwas zitterte wieder in Mishujews Stimme, er kniff die Lippen ein und verstummte. Wieder wurde es still und das Getöse des Meeres schien dem Mädchen einsam und traurig. Sie wurde nachdenklich, und tausende zarte, liebevolle Worte schwirrten durch ihren Kopf. Eine mütterliche Zärtlichkeit erfüllte ihre mädchenhafte, naive Seele, sie wünschte ihn zu liebkosen, zu trösten.

Der General schaute verwundert von hinten auf die riesige gebückte Gestalt Mishujews. Anfangs glaubte er ihm nicht, er wurde sogar von stärkerem trüben Schrecken erfaßt: ihm kam es vor, als wollte sich Mishujew gerade in Njurotschkas Augen als Unglücklichen aufspielen. Aber später schämte er sich dieses Gedankens und bedauerte Mishujew auf seine besondere Greisenart — mit väterlicher Zärtlichkeit:

„Mir scheint ...“ begann das Mädchen leise.

Doch die Stimmung war bei ihm schon verflogen. Das kühle Denken bekam Oberhand. Mishujew tat seine Offenherzigkeit vor solchen im Grunde belanglosen Leuten, wie irgend einem General a. D. und seiner Tochter, einer Gymnasiastin, die er sich einfach kaufen konnte, leid. Zwar wurde ihm dieses Gefühl selbst peinlich und er wurde sich seiner Grobheit bewußt; er zeigte sich aber trotzdem plötzlich hochmütig und kühl.

„Nein, das sind alles Bagatellen ...“ fiel er ihr kühl ins Wort und fing unvermittelt an, von etwas Unnötigem und Uninteressantem zu sprechen.

Njurotschka blickte ihn rasch an, aber Mishujews Gesicht blieb regungslos und reserviert. Sie wurde plötzlich blaß, richtete sich mit einem Male auf und starrte vor sich hin, während ihre Finger unter der trüben, schmerzlichen Empfindung, verletzt zu sein, erzitterten. Gleichsam, als wäre sie von jemandem entkleidet und verhöhnt worden, sie und alles, was sie mit reiner, inniger Zärtlichkeit in sich entdeckt hatte.

Der General versuchte Mishujew zu trösten, aber er benahm sich ungeschickt, so daß er selbst verwirrt wurde und nur irgend welchen Unsinn murmelte.

Als sie ans Ende der Promenade gekommen waren, hatten alle das Gefühl peinlicher Öde; sie verstanden, daß es Zeit sei, auseinander zu gehen. Der General fiel vollständig zusammen. Er wußte nicht, wie er ihrem Zusammensein ein Ende machen sollte, wurde unschlüssig, trippelte mit den Füßen und redete blödes Zeug über den Abend, das Meer, das Jaltaer Leben. Mishujew schwieg und antwortete nur einige Male ohne aufzublicken:

„Ja, das ist richtig ...“

„Sehen Sie mal, Fjodor Iwanowitsch ...“ begann wieder der General, aber gerade da zupfte ihn die Tochter am Ärmel und sagte, mit abgewendetem Blick, leise, aber fest:

„Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, Papachen ... Mir ist kalt.“

„Sofort, sofort, Kindlein,“ beeilte sich erfreut der General. — „Nun, auf Wiedersehen, Fjodor Iwanowitsch, auf Wiedersehen.“

Er drückte lange die Hand Mishujews; er konnte sich nicht entschließen, fortzugehen. Er hatte das Gefühl, daß noch etwas fehle. Njurotschka wartete schweigend, blaß und traurig. Ihr taten alle leid — sie selbst, der Vater, und Mishujew und das Helle und Schöne, das gekommen und wieder vergangen war. Es war ein Gefühl des Mitleids und der schweren Verletzung, das ihr fast Tränen herauspreßte.

Sie lachte nur beim Abschied, über irgend eine Bemerkung des Vaters, schwach und abgerissen, auf, warf aber doch das Köpfchen in den Nacken und zeigte ihr reines zartes Kinn.

In der letzten Minute rührte sich in ihr eine warme Empfindung und sie sagte mit klingender Stimme:

„Fjodor Iwanowitsch, darf ich Sie bitten, mit zu uns heranzukommen.“

„Danke schön,“ erwiderte Mishujew kühl.

Das Mädchen errötete und ihre Augen wurden traurig, ratlos.

Den ganzen Weg schwieg sie und hörte darauf, wie der Kies surrend unter ihren Füßen knirschte. Ihre Seele war von einem verwirrten Gefühl erfüllt, als wäre irgend ein Glück abgerissen; ihr Mitleid mit Mishujew wurde noch stärker.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

IV

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Die Nacht trennte das Meer von der Erde. Hinter der grell beleuchteten steinernen Brüstung der Strandpromenade stand die dichte Finsternis wie eine Mauer; ein unbegreifliches, unaufhörliches Leben schien sich in ihr versteckt zu halten. In dem unsichtbaren freien Raum bewegte sich etwas, stieß schwere Seufzer aus, plätscherte, als ob es schluchzte, schwoll an, flaute ab, und schwoll dann wieder irgendwo in der schwarzen Ferne, die mit dem schwarzen Himmel zusammenfloß, von neuem an. Dort in der Finsternis, vor den menschlichen Augen verborgen, tobte unaufhörlich ein ewiger geheimnisvoller Kampf, als arbeiteten Millionen Wesen unter dem Schutz der kurzen Nacht daran ihr grausames düstres Werk zu vollenden. Die Strandpromenade, die von den blassen Lampen der Laternen mit totem Licht begossen wurde, war von durchsichtiger aufhorchender Leere umgeben. Die Bäume verschwammen zu einer dunklen eintönigen Masse, und nur dicht neben den Lampen schimmerten hell, aber leichengrün einzelne erstarrte Blätter. Von Zeit zu Zeit wuchsen irgendwo einsame Schritte deutlich heran, im Lichtkreise zeichnete sich scharf ein schwarzer Schatten ab, wuchs, dehnte sich aus, bog sich über die Brüstung zum Meer hinab und verschwand in der Finsternis ebenso schnell, die deutlich verhallenden Schritte in die Ferne tragend.

Mishujew ging allein; sein Kopf schien ihm unendlich groß und sein Herz leer.

Das rastlose Meer lärmte in ewiger Trauer; über den Bergen funkelten große Sterne, und die Seele Mishujews erfüllte ein Gefühl, als stehe er über einer Welt, in der alles längst abgestorben war, jedes Leben für immer geendet hatte, und das Auge nur tote Schneefelder und ferne Sterne, die von der Kälte ewigen Schweigens angeschmiedet sind, erblickt.

Tote Trübsal weinte leise in seinem Herzen; es war für ihn ganz gleich, wohin er in der Leere und dem Schweigen der Nacht gehen sollte. Warme Erinnerung lebte noch in ihm, und in den Ohren gellte, wie aus weiter Ferne, klingendes Lachen. Blonde Haare, feuchte Augen, das weiche, reine Kinn eines in den Nacken geworfenen Köpfchens huschten durch sein Gedächtnis. Aber die Gedanken flogen schnell, wie Wolken am Mond in grauer Winternacht, vorüber. Weder Ziel noch Anfang oder Ende hatten sie, und trübselig war ihre dunstige rasende Geschwindigkeit.

Langsam und schwer, wie ein Mensch, der ernstlich krank ist, ging Mishujew bis ans Ende der Promenade, blieb stehen, ging zurück, und er wäre nicht imstande gewesen, mit Worten auszudrücken, worüber er in dieser Zeit dachte. Es gab keine bestimmten Worte, es gab keine Personen, denen gegenüber er seinen Wunsch, sich aufzulehnen, äußern konnte. Aber seine kranke Seele, die das Bewußtsein eines unüberwindlichen Unrechtes, das sie bisher noch nicht begriffen hatte, niederdrückte, verlangte nach etwas.

Eine stürmische Bewegung, grell und lebendig, wie menschliche Liebe und menschliche Freude, schlug vor seinem Blick empor. Aber rings umher blieb alles leer; ihm schien es, daß nicht nur auf dem breiten Kai, sondern in seinem eigenen Leben nur seine schweren Schritte widerhallten, als zählten sie, ohne Zweck und Grund Stufen eines toten Weges, der für niemanden von Nutzen ist.

„— — Es ist Zeit, zu sterben!“ dachte Mishujew plötzlich mit verzerrtem Lächeln.

In einem Augenblick wurde es ihm leicht und frei ums Herz, als hätte dieses Wort die Hülle alles Schweren und Düsteren abgestreift; und nun stellte es sich heraus, daß nichts dahinter war — — — als vollkommene Leere. Das Gefühl der Leichtigkeit und Raumlosigkeit erfüllte für einen Augenblick seinen Körper und machte ihn ebenso leer und frei, band ihn von Mishujew, dem schwergewordenen, düsteren, abgelebten Menschen los. Aber dieses Gefühl kam nur für einen Augenblick und erlosch, wie ein Funke in Finsternis und Wind.

Wenn allein der Tod übrig bleibt, so ist Alles wahr: dann ist es richtig, daß sein Leben in der Tat widerwärtig und sinnlos ist; er braucht nicht weiterzuleben.

Plötzlich wurde es ihm so schwer zumute, daß er wünschte, weinen und sich auf die Erde werfen zu können, mit dem Gesicht nach unten, und so liegen zu bleiben.

Aber was ist denn geschehen? Bin ich krank? fragte er sich voller Verzweiflung. Er erstickte fast unter einem furchtbaren Druck und begriff nicht warum. — Ich besitze alles, was einem Menschen nötig ist; sogar viel mehr. Tausende Menschen träumen davon, ein Hundertstel von dem zu haben, was ich besitze ... träumen davon, wie von einem unerreichbaren Glück! Von all meinem Leid wird jeder Mensch nur sagen, daß ich an meinem eigenen Fett ersticke. Was fehlt mir denn. Ich habe alles ...

Und in grellen Streifen zogen im Augenblick Reihen herrlicher Frauen, Theater, Meere, Städte, Bilder, Automobile, Pferde ... eine ganze Welt, voll Farben, Licht und Bewegung, das Luxuriöseste, Schönste, Angenehmste, was die Welt hervorbringen kann, ... an Mishujews Augen vorüber. Aber sein eigenes Gesicht blieb krank und schwermütig zurück. Alles entfernte sich, verblaßte, wurde plötzlich eintönig und ärmlich, wie verblichenes Flitterzeug.

Nicht das, nicht das ist es ... doch was denn? — Er richtete seine Frage irgend wohin ins Innere seiner schweigenden Seele. Plötzlich durchschüttelte eine Flut gegenstandsloser, unnützer Bitternis seinen ganzen mächtigen Körper; er fiel durch eine Spanne übermenschlicher Leidempfindung, die einen unendlichen Augenblick dauerte, in ein leeres kaltes Loch hinein, wo nichts mehr war als die äußerste Abspannung.

Schweigsam ging Mishujew bis an das Ende der Straße, und sank in seinem ganzen Wesen mit jedem Schritt mehr und mehr zusammen. Mit einem Male fiel ihm ein, wie oft er schon von einem Ende bis zum anderen gegangen war; er kehrte um. Und als sich aus den Scheiben eines Restaurants grelle Lichter über seinen Weg schoben, überschritt er die Straße und öffnete mechanisch die große schwere Tür.

Man muß etwas zu sich nehmen ... ich bin einfach schlaff geworden, dachte er gleichgültig.

Hinter der blendenden Spiegelfläche des Fensters erglänzten lebende Lichter, schwankten schwarze Silhouetten, schimmerten die scharf geschnittenen grünen Blätter der Zimmerpflanzen; weiße Tischtücher strahlten wie Bergschnee.

Sowie Mishujew die Tür geöffnet hatte und der Portier von seinen massigen Schultern den Überzieher abnahm, schlug ihm von allen Seiten verworrener Stimmenlärm, Gelächter und funkelndes Gläserklirren entgegen, es betäubte ihn nach der Stille der Nacht. Er wurde sofort erkannt. Bald hier bald dort tönte durch Gepolter, Klang und Getöse sein Name, eilig und fast warnend ausgesprochen. Einige Frauengesichter begleiteten ihn mit neugierigen Blicken, während er sich langsam zwischen den Tischen vorwärts schob. Neben dem Buffet rief ihn ein Bekannter, der Moskauer Schriftsteller Opalow, an.

„Fjodor Iwanowitsch!“ Er schien erfreut und erhob sich eilig; sein Gesicht, mit feinen Gesichtszügen und Augen, schmal und eigenartig, wie bei einer japanischen Puppe, fing mit dem Ausdruck lebhaftester Freude und völliger Zutraulichkeit zu lächeln an. „Fjodor Iwanowitsch, setzen Sie sich zu uns heran! ... Kellner, einen Stuhl her!“

Am Tisch saßen drei Herren: die zwei Schriftsteller, denen Mishujew am selben Tage auf der Promenade begegnet war, und ein aufgedunsener, kahlköpfiger, etwas unsauberer Mensch in Leinwandhosen, die für seine Beine zu eng waren, mit einer auffallenden entweder amerikanischen oder einfach clownmäßigen Weste.

„Sie sind wohl noch nicht bekannt?“ fragte Opalow, als sich alle langsam Mishujew entgegen neigten: „Tschetyrjow, ... Marussin, ... Podgurski ...“

„Ehemaliger Schriftsteller!“ fügte der aufgedunsene Herr hinzu mit einer Stimme, die die eines Hansnarren — vielleicht aber auch seine gewöhnliche sein konnte.

Mishujew nannte kurz und flüchtig seinen Namen. Es war ihm stets unangenehm, sich mit seinem Namen vorzustellen: es kam ihm kindisch vor, einen Namen herzusagen, den alle gewöhnlich schon vorher wußten; sich aber gar nicht vorzustellen, wäre auch nicht angegangen. Das erregte ihn.

„Sie kennt ja jeder, Fjodor Iwanowitsch!“ lachte Opalow; es war schwer zu unterscheiden, ob er es gutmütig oder mit gehässiger Ironie meinte.

Mishujew lächelte mißmutig, und dieses schiefe Lächeln fiel ihm selbst unangenehm auf: es konnte den Eindruck erwecken, als gebe er zu, daß ihn alle kennen oder als leugne er es oder auch als heuchle er eine Verneinung. Er fühlte, daß ihm Einfachheit fehlte und daß es allen aufgefallen war. Es verstimmte ihn wieder.

Der Kellner brachte eilig einen Stuhl und Mishujew ließ sich nieder, kreuzte sofort seine massigen Arme auf dem Tischtuch und starrte mit schwerem Seitenblick auf das Nachbartischchen, wo drei beleibte, aufgeputzte Damen und zwei glänzende, fesche Offiziere saßen. Für eine Minute entstand peinliches Schweigen. Opalow blickte Mishujew freundlich, aber so neugierig in die Augen, als wenn sich plötzlich ein Eisbär neben ihn gesetzt hätte. Der zottige Podgurski, der wie ein Bündel schmutziger Wäsche, in enge Höschen und ein Jackettchen aus Segeltuch gepreßt, aussah, schaute ebenfalls neugierig auf ihn; in seinen winzigen, scharfen Äuglein leuchtete ein freches, gieriges Feuerchen. Tschetyrjow und Marussin tranken schweigsam ihr Bier und schienen Mishujew nicht zu bemerken. Mishujew sah mit einem flüchtigen Blick, daß Marussins weiche, schwache Hände die ganze Zeit hindurch krankhaft zitterten, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß Marussin an der Schwindsucht litt. Auch seine Augen fielen ihm auf: etwas leicht Vergängliches und Durchsichtiges, wie ein Streifen zarten Frühlingshimmels, sahen ihm daraus entgegen. Mishujew empfand, daß er wahrscheinlich ein sehr unglücklicher, guter und reiner Mensch sein müsse. Warmes Mitleid regte sich in ihm.

Bis an die Decke dröhnte das Restaurant von Rufen, Gläserklirren und Gelächter. Manchmal fiel irgendwo mit trockenem Gepolter ein Stuhl um, laut klingelte ein ungeduldiges Löffelchen an eine Glaskante und hoch flatterten die feinen Töne der weiblichen Stimmen und ihr anrufendes Lachen, das sich wie unter eigenem Kitzel verschluckte. Kellner mit Servietten huschten vorüber, das Licht brach sich in den buntfarbigen Kelchen und Flaschen und strahlte in den Schmucksachen auf glatter, halboffener, weiblicher Haut. Nur durch die weiten Fenster blickte unverwandt die schwarze Nacht herein.

„Warum sind Sie denn allein? Wo ist Maria Sergejewna?“ fragte Opalow; aus seiner Stimme konnte man heraushören, daß der Name Maria Sergejewnas in ihm eine unfaßbare Vorstellung weiblicher Entblößung hervorrief.

Mishujew wußte, daß Maria Sergejewna auf alle Männer eine schmerzlich erregende Wirkung ausübte, und daß man von ihr mit einer besonderen Nuance im Tone sprach. Einst schmeichelte es ihm, er fühlte einen eigentümlichen Reiz, zuzuschauen, wie fruchtlos alle Männer durch diese Frau erregt wurden. Doch in der letzten Zeit fiel ihm darin etwas Verletzendes und Unangenehmes auf; er erinnerte sich, daß man erst begonnen hatte, mit ihr und über sie so zu sprechen, seitdem er zu ihr in feste Beziehungen getreten war. Ebenso schön war sie auch früher gewesen, aber damals umhüllte sie eine besondere Reinheit. Durch seine Berührung war diese Reinheit abgestreift worden, vor allen Menschen hatte er sie in der erniedrigenden und groben Gestalt eines allen zugänglichen Weibchens entblößt.

„Sie ist nach Ssemeïd gefahren,“ antwortete Mishujew ungern und mit einem Blick nach der Seite.

„So! Ich war ihnen heute begegnet ... Mit Parchomenko?“ Opalow war entzückt, und wieder spürte Mishujew aus diesem Entzücken etwas Besonderes heraus. Als hätte Opalow niemals daran gezweifelt, daß Maria Sergejewna früher oder später in Parchomenkos Hände übergehen müßte; jetzt aber wäre er zur Überzeugung gekommen, daß es sich schon vorbereitete. Nach Opalows Meinung war Mishujew schon der Liebhaber a. D.

„— — Anders kann er es sich gar nicht vorstellen,“ dachte Mishujew.

„Parchomenko, das war jener? ...“ erkundigte sich plötzlich Podgurski.

„Ganz recht — der!“ sagte Opalow, während seine eigentümlich japanischen Augen glänzten.

„Kennen Sie ihn?“ fragte Podgurski weiter. „Machen Sie mich bitte mit ihm bekannt. Ich habe in einer geschäftlichen Angelegenheit mit ihm zu tun.“

„Wollen Sie ihn anpumpen, — — — auf Nimmerwiedergeben?“ fragte Opalow offensichtlich scherzend.

„Und wenn schon. Meinen Sie, er gibt nichts?“

„Ja, der würde Ihnen wohl nichts geben,“ bemerkte Mishujew mechanisch.

„Und Sie, würden Sie etwas herausrücken?“ wandte sich unerwartet Podgurski an ihn und offenherzige Unverschämtheit klang aus seiner Stimme.

Mishujew war eine Weile vor Überraschung sprachlos. „Vielleicht,“ lächelte er dann.

„So, dann geben Sie mir bitte fünfundzwanzig Rubel! Warum auch nicht?“

Mishujew lenkte seinen schweren Blick in Podgurskis Augen, dachte eine Weile nach, lächelte dann wieder und reichte ihm einen 25-Rubelschein über den Tisch. Ihm gefiel die Aufrichtigkeit, die in dieser Frechheit lag.

Podgurski erwartete kaum etwas und war nicht einmal besonders gespannt, ob Mishujew ihm Geld geben würde oder nicht, aber beim Anblick des Geldes blitzten seine Äuglein noch frecher auf. Er nahm den Schein und schob ihn wie selbstverständlich in die Tasche der halb amerikanischen, halb clownartigen, vielleicht aber nur einfach schäbigen, fettverschlissenen Weste, die auf seiner Brust hin- und herrutschte.

„Danke!“

Mishujew bemerkte, wie sich Marussins gute Mädchenaugen mit zurückhaltendem Lächeln Podgurski zuwendeten, sich aber im Augenblick wieder verschämt senkten, ohne sein Gesicht gestreift zu haben. Tschetyrjow blickte schweigend über die Köpfe hinweg nach dem Innern des Restaurants und schien überhaupt nichts zu sehen.

„Sie sind aber ein frecher Patron!“ bemerkte Opalow; man konnte seinen Augen ansehen, daß auch ihm der Gedanke an eine Anleihe gekommen war; leider nur zu spät.

„Ach, ich spucke darauf!“ erwiderte Podgurski unverfroren. „Ich bin ein frecher Patron, Sie ein Feuilletonschreiber, er — ein Millionär; — was dabei das Schlimmste ist, das steht noch lange nicht fest!“

Opalow hob mit komischer Miene seine eigentümlichen Augen, aus denen stets beobachtende Neugierde blickte, zur Decke. Tschetyrjow und Marussin lachten gutmütig, und dieses gutmütige Lächeln des ungemütlichen Tschetyrjow überraschte Mishujew. Doch lächelte er selber mit.

„Und wissen Sie, was ich Ihnen sagen möchte ...“ begann Podgurski in einem Ton, als wollte er allen eine freudige Nachricht bringen, „laden Sie uns doch zum Sekt ein, Fjodor Iwanowitsch. Was? Warum denn nicht?“

Mishujew zuckte mit den mächtigen Achseln. Dieser durchtriebene Bursche, der ihm gleich beim ersten Wort auf die Schultern stieg, und dazu noch mit solcher Gradheit und Selbstverständlichkeit, fing an ihn zu amüsieren.

„Meinetwegen, gut. Nur müssen Sie selbst alles anordnen,“ sagte er.

„Schön, ausgezeichnet! ... Kellner!“ Podgurski schrie laut, ohne darauf zu achten, daß sich das ganze Restaurant nach ihrem Tisch umdrehte.

Der Geschäftsführer, ein schmächtiger Greis mit üppigem, grauem Backenbart, der schon lange in der Nähe Mishujews wie ein Jagdhund auf der Lauer gestanden hatte, trippelte rasch auf ihn zu, wobei er mit der süßesten Miene seine winzigen Händchen rieb. Podgurski ging daran, ein Souper zusammenzustellen. Er tat es so sicher, als hätte er sich sein ganzes Leben lang mit nichts anderem als feinen, üppigen Diners abgegeben. Mishujew schaute ihn sogar verwundert an. Podgurski, der alles mit der Gewandtheit eines Taschenspielers fertig machte und alles bemerkte, warf dazwischen:

„Gleich kommt der Millionär zum Vorschein! Sie denken, daß sie nur allein essen und trinken können.“

„Und wissen Sie, was Millionäre denken?“ fragte Mishujew hochmütig, ohne daß ihm selbst sein Ton zum Bewußtsein kam.

„Aber gewiß doch! Alles weiß ich! Als ich ein berühmter Schriftsteller war ...“

Alle brachen in Lachen aus. Aber Podgurski maß dem keine Bedeutung bei.

„... habe ich mir Millionäre angesehen, wie andere Hunde. Ich sehe sie durch und durch, wie ein Gläschen Wodka!“

Es wurde Sekt gebracht. Mit ihm kam der Geruch von Eis und Feuchtigkeit, als hätte man die Türen zu einem Keller geöffnet. Der alte Geschäftsführer schüttelte höflich den Backenbart und strengte sich an, in irgend einer Sache den rücksichtslosen Podgurski zur Vernunft zu bringen. Der lebte auf: seine dünnen Haare erhoben sich, einzeln und in Büscheln, seine Äuglein funkelten unverfroren und gierig, und die widersinnige Weste streckte sich frech hervor. Er machte Witze, trank, schrie, und man sah ihm an, daß er sich wenn nicht gerade glücklich, so wenigstens satt und behaglich fühlte. Mishujew schaute auf ihn und bemerkte mit intensivem Vergnügen, daß sich dieser Gentleman den Teufel um Mishujew, um dessen Millionen, um Tschetyrjow, um irgend etwas in der Welt kümmerte. Er hatte Sekt, Zigarren, seine Witze; alles andere kam für ihn nur insofern in Betracht, als es zu ihm gehörte und ihn fütterte.

Tschetyrjow und Marussin tranken nichts; sie aßen auch fast gar nichts. Sie schwiegen die ganze Zeit, wechselten selten einzelne Worte miteinander und hörten nur allem, was um sie vorging, so aufmerksam zu, wie nur Künstler zuzuhören vermögen. Dabei schienen sie Mishujew vollständig und mit Absicht zu übersehen. Ihn quälte es. Dafür wendete aber Opalow kein Auge von ihm. Immer noch war er erwartungsvoll neugierig. Die ganze Zeit gab er sich Mühe, das Gespräch mit Mishujew im Fluß zu halten, machte Witze, warf treffsichere Bemerkungen ein, in deren Spiel sein Wunsch, Mishujew zu gefallen, deutlich hervortrat.

Am Nebentisch saß eine starke, auffallend elegante Dame mit einem kleinen Ausschnitt auf ihrem zarten, rosigen Rücken.

„Ist es Ihnen schon aufgefallen, Fjodor Iwanowitsch,“ sagte Opalow, „daß die nackte Frauenhaut in der Restaurantbeleuchtung stets naß erscheint?“

„Fehlgeschlagen!“ schnitt Podgurski seine Worte autoritär ab; man sah ihm sofort an, daß er das versteckte Bestreben Opalows, zu gefallen, genau bemerkt hatte und es nun zu verspotten suchte. „Tüfteln Sie was besseres aus. Das war billig. Warum gerade bei Restaurantsbeleuchtung?“

Die weiten, schwarzen Augen blinzelten rasch, doch Opalow gab sich den Anschein, als verfechte er aufrichtig seine Bemerkung.

„Jawohl, gerade bei Restaurantsbeleuchtung ... Und, wissen Sie, das ist auch ganz natürlich: das Licht in Restaurants ist immer von feuchten Ausdünstungen durchtränkt ...“

„Sie schwitzen einfach!“ sprach Podgurski mit unwiderruflicher Entschiedenheit. „Aber das ist sicher: überall, wo es viele Frauen gibt, da riecht es nach Puder, Parfüms und faulem Fleisch.“

„Was Sie sagen!“ Mishujew lächelte.

„Ja, ja — — — das mag vielleicht wahr sein,“ bemerkte Tschetyrjow.

Als die Dame am Nebentisch sich erhob und ihre Federboa fallen ließ, musterte Opalow mit einem Blick ihre ganze Gestalt und sagte zu Podgurski, während er gleichzeitig Mishujew ansah:

„Nun, so sehen Sie hier: wenn eine Frau plötzlich eine Boa fallen läßt, scheint ihr ganzer Rücken für einen Augenblick nackt!“

„Das ist nicht schlecht,“ billigte Podgurski. „Sie sollten es nur Parchomenko erzählen. Der gibt Ihnen Geld für so was.“

„Sie haben neulich, wie ich glaube, gesagt, daß Sie Parchomenko nicht kennen,“ bemerkte Marussin und wurde verwirrt.

„Wirklich? Ja, möglicherweise habe ich es behauptet. Dann habe ich offenbar gelogen,“ erwiderte kaltblütig Podgurski.

Marussin machte den Versuch, ihn anzublicken, begann aber zu blinzeln, errötete etwas, und seine Verwirrung zeigte sich so naiv und aufrichtig, als wäre er und nicht Podgurski beim Lügen ertappt worden.

Und wieder dachte Mishujew mit zarter Liebenswürdigkeit von ihm: was für eine liebe Seele er ist!

„Ich kenne ihn schon lange, noch von Moskau her ...“ erzählte Podgurski. „Niemand kennt ihn vielleicht so gut wie ich ... Hier habe ich ihn!“

Podgurski streckte seine breite, verschwitzte Tatze aus. Und die Bewegung dieser unsauberen Hand mit den schwarzen, stumpfen Nägeln war so klettenartig und gierig, daß alle unwillkürlich auf sie blickten und selbst Mishujew von einem peinlich bangen Gefühl überlaufen wurde.

„Als noch der alte Parchomenko lebte, hielt er den Sohn unter einem strengen Regiment — er prügelte ihn und gab ihm keinen Groschen ... Er pflegte mit zwei Silberstücken à 20 Kopeken auf den Ladentisch zu klopfen: hier nimm und schere dich fort ... Damals suchte dieser Paschka überall nach Geld, gegen falsche Wechsel natürlich ... Dabei liefen wir uns beide in den Weg. Ich kenne solche prächtige Affären von ihm! Ich müßte nur noch ein Schriftstückchen in die Hände kriegen, dann würde ich bei ihm eine Erpressung anlegen, daß er wie ein Ferkel zu quietschen anfängt!“

„Ist das wirklich notwendig?“ fragte Marussin. Da er Podgurski nur mit Überwindung ins Gesicht sehen konnte, blinzelte er wieder mit den Augen.

„Sie kennen den Kerl nicht, Nikolaj Nikolajewitsch! Das ist ein furchtbares Insekt! Ein Reptil voll Gift! Wer es zertritt, dem werden vierzig Sünden erlassen! Platt wie ein Gummischuh, und von einer Niedertracht, daß es für drei Könige und vier Erzäbte ausreichen würde. Was für eine Grausamkeit in dem Aas steckt! Er hat da irgendwo gelesen, daß Kolonialoffiziere in Afrika Negerweiber auf Bretter nageln ließen und auf sie aus Revolvern um die Wette schossen. Was meinen Sie nun — das wurde seitdem sein Traum! Eine Frau zu kreuzigen. Und einmal tut er es sicher noch ... Als sein Vater im Sterben lag und kein Wort mehr herausbringen konnte, da fühlte sich dieser Paschka Parchomenko vor allen Dingen als Erbe, — er kam ins Schlafzimmer, griff den Sterbenden beim Bart und zerrte daran: Geier, hier hast du eine Belohnung für dein diebisches Leben! ... Und als er die Erbschaft in den Händen hatte, wurde er selber schlimmer als der Alte. Geizig ist der Bursche, wie ein Kettenhund! Dieses Dreckvieh. Millionäre existieren auf der Welt nur, damit man auf ihre Kosten Sekt trinkt; aber dieses Aas taugt nicht einmal zum Sekt!“

„Sie sind wohl fest davon überzeugt, daß Millionäre zu nichts anderem taugen?“ bemerkte Tschetyrjow.

Er fragte es anscheinend zum Scherz, aber alle, und auch Mishujew selbst, fühlten sofort, daß es eine Herausforderung gegen ihn war.

„Und zu was sonst noch, zum Teufel?“ antwortete frech Podgurski, der Tschetyrjows Ton aufgegriffen hatte und offensichtlich einen Skandal hervorrufen wollte.

Opalow blickte Mishujew versöhnlich in die Augen.

„Und welche Meinung haben Sie von Parchomenko?“ fiel er mit zu natürlicher Stimme Podgurski ins Wort.

Mishujew sah ihn von oben herab an und antwortete nicht. Der Haß, der handgreiflich in der Stimme Tschetyrjows, den er als Dichter liebte und achtete, lag, berührte ihn schmerzlich und machte ihn traurig. Mit drückender Ratlosigkeit fühlte er mit einem Mal, daß er von Feinden umgeben war.

„Mir scheint,“ sagte er, während er seine Hände, die auf der Tischplatte ruhten, unverwandt betrachtete, „daß Sie im Irrtum sind: man kann Millionär sein und dennoch zu etwas besserem taugen, als andere mit Sekt zu tränken.“

Tschetyrjow schob ihm seinen hartnäckigen, haßerfüllten Blick entgegen und lächelte kaum merklich. Mishujew zitterte und wurde rot.

„Sie scheinen sich gar verletzt zu fühlen,“ warf Podgurski mit doppelsinnigem Ausdruck ein.

„Ich fühle mich nicht verletzt,“ erwiderte Mishujew und errötete noch mehr. „Ich sagte das nicht, weil ich selbst Millionär bin ... Parchomenko ist eine Ausnahme. Das ist ein degeneriertes Subjekt, wie es in jedem Gesellschaftskreis vorkommen kann. Ich glaube allerdings, daß ein Mensch so oder anders sein kann, ganz unabhängig von dem Geldgewicht seiner Taschen.“

„Sicherlich!“ rief Opalow wieder zu aufrichtig.

„Parchomenko ist kein degeneriertes Subjekt,“ meinte Tschetyrjow kühl. „In einem Milieu, wo alles auf Geld aufgebaut, wo alles um Geld käuflich und verkäuflich ist, sind die Parchomenkos eine rein gesetzmäßige Erscheinung. Gerade so muß ein richtiger Millionär sein. Und wenn es andere gibt, so sind die schon eher in ihrer Art degeneriert ... Beispiele lebendigen Widersinns.“

Der Hauch der Feindseligkeit und des nahenden Streites wehte so deutlich aus dieser Stimme, daß Marussin seinen Kopf anhob und rot wurde, und Opalow auf seinem Stuhl zwischen Tschetyrjow und Mishujew in unbestimmte Bewegung geriet.

„Warum gleich?“ fragte Mishujew; ein trauriger Klang lag in seinen Worten. „Ich, z. B. ...“

„Nicht von Ihnen rede ich,“ erwiderte Tschetyrjow achtlos.

„Und wenn es selbst von mir wäre.“ Mishujew sprach leise, ohne die Augen zu bewegen.

„Von Anwesenden wird nicht gesprochen!“ mischte sich Opalow ein. „Das haben Sie wohl vergessen, Fjodor Iwanowitsch!“

Mishujew senkte den Blick noch tiefer und erwiderte noch leiser: „Nein, warum denn nicht ... Mir wäre es äußerst interessant zu erfahren, wie ... Ssergej Maximowitsch, den ich als Dichter liebe und schätze, darüber denkt ...“

Tschetyrjow wurde plötzlich ebenfalls rot. Und ohne ihn anzusehen, verstand Mishujew, daß ihm sein Gegner nicht glaube und meinte, Mishujew suche ihn nur umzustimmen. Das schien ihm noch kränkender. Ein Gefühl der Scham über seine Offenherzigkeit und trauriger Ratlosigkeit überkam ihn. Er hielt Tschetyrjow aus vollem Herzen für einen feinfühligen und ergreifenden Dichter und konnte nicht verstehen, warum ihn dieser nachdenkliche, wahrheitliebende Mensch, der ihn fast gar nicht kannte, bereits haßte und kränken wollte.

Mit schmerzlicher Mühe überwand sich Mishujew und sagte ebenso leise wie früher:

„Ich meine es ganz aufrichtig ...“

Ein warmer, bittender Klang zitterte in seinen Worten.

Marussin wurde gerührt, als er sah, wie ein so großer, starker, lebenserfahrener Mensch sanftmütig zu Menschen spricht, die ihn von sich fortstoßen. Ein leichter Ärger gegen Tschetyrjow regte sich in ihm.

„Ssergej Maximowitsch will wahrscheinlich ausführen,“ sagte er errötend und seine guten Augen aufschlagend, „daß die Anhäufung von Riesenvermögen in den Händen eines einzelnen Menschen ... ein Unsinn wäre ...“

„Na, da hätten wir ja ein Stück aus dem sozialdemokratischen Programm,“ bemerkte Podgurski spöttisch.

„Der Millionär selbst, wie er steht und geht, als lebender Mensch, ist meines Erachtens ein Unsinn!“ fiel ihm Tschetyrjow schroff ins Wort.

„Was haben Ihnen nur die unglückseligen Millionäre getan?“ Opalow versuchte wieder, das Gespräch in ein friedlicheres Fahrwasser zu bringen.

Aber diese Einmischung erregte Mishujew. Er las in den neugierigen Augen Opalows verstecktes Vergnügen.

„Nein, ich möchte Sie bitten, Ssergej Maximowitsch, sich eingehender auszusprechen,“ sagte er kühl aber zwingend.

Opalow blinzelte unsicher und lächelte ungeschickt.

„Wie habe ich mich noch auszusprechen!“ erwiderte Tschetyrjow düster. „Was ich denke, das habe ich bereits gesagt. Ich halte das Leben von Menschen, in deren Händen sich eine kolossale, ihnen nicht zukommende Macht konzentriert, für sinnlos. Sie können sich doch unmöglich dem Bewußtsein entziehen, daß sie an sich nicht eine Null, sondern noch etwas Tieferes sind ... daß sie ohne ihre Millionen für niemanden mehr nötig sind. Und da ergibt sich dann als logische Notwendigkeit für sie, sich entweder in volles Nichts zurückzuziehen oder diese Macht auszunützen. Wie aber kann sie ausgenützt werden? Was kann Geld, vieles Geld, verschaffen? Ausschweifungen, Gewalt, Luxus ... Es wäre unter solchen Umständen recht sonderbar, wenn man annehmen wollte, daß ein Mensch allem dem leicht entsagen würde, was sich ihm so gefällig und bequem in den Weg stellt. Der Reiche gefällt sich in Ausschweifungen, Vergewaltigungen, ... im Despotismus ...“

„Aber doch nicht darin allein ... Z. B. Tretjakow[1] ...“ warf Mishujew leise hin.

„Was war denn Tretjakow,“ schnitt ihm Tschetyrjow schroff das Wort ab. „Ein gleicher Despot wie andere. Ein Mensch, der sein ganzes Leben darauf verwendet hat, einen Druck auf die Kunst in der ihm genehmen Richtung auszuüben. Der eine neue Strömung widerwärtigster Tendenzkunst in Rußland ins Leben rief und die gesunde, normale Entwicklung unserer Kunst für ein Dutzend Jahre aufgehalten hat ...“

Die schwache aber scharfe Stimme Tschetyrjows konnte nur mit Anstrengung gegen den Restaurantslärm ankämpfen, sie klang angestrengt und böse.

„Eins von beiden: entweder muß der Millionär, wenn er die Richtung einschlägt, die seiner Lage angemessen ist, ein Mitfresser werden, muß Leben vernichten, indem er ihm allen Saft aussaugt, um selbst anzuschwellen, wie ein Wurm auf dem Aas, oder er muß das bleiben, was er zunächst ist: ein bedeutungsloses Anhängsel seiner Millionen ...“

„Kann denn aber der Millionär nicht selbst ein talentierter Mensch sein, ein Dichter, Maler, Bildhauer?“ fragte Opalow.

„Gewiß kann er es!“ Tschetyrjow zuckte kurz die Achseln. „Aber damit sich das Talent entwickelt, damit es aus sich etwas Größeres macht, sind Kampf und Leiden notwendig ... Was kann einem Menschen Leiden schaffen, dem das Leben ohne jede Mühe die verfeinertsten Genüsse ins Haus wirft. Unsinn ist das!“

„Fjodor Iwanowitsch!“ Höflich fiel ihm der alte Geschäftsführer, der lautlos herangetreten war, in die Rede: „Sie werden ans Telefon gebeten.“

Tschetyrjow verstummte plötzlich, und seine Augen wurden sonderbar eingezogen, als wenn er in sich seine wütende Rede in Gedanken weiter hielt.

„Wie?“ fragte Mishujew, der nicht gleich verstanden hatte, um was es sich handelt.

Sein Gesicht war blaß und traurig; ein schmerzlicher Ausdruck lag um seine traurigen Augen.

„Der Herr Parchomenko bitten Sie ans Telefon.“

„Ja, bei manchem mögen Sie vielleicht recht haben,“ sagte Mishujew, ohne Tschetyrjow anzublicken, „und ich verstehe Sie sehr gut, aber ... brutal ist es, wissen Sie! ... Entschuldigen Sie, meine Herren, ich komme gleich ...“ schnitt sich selbst das Wort ab und folgte dem Kellner.

Wieder begleiteten ihn neugierige Blicke, während er sich zwischen den Tischen durchschob.

Parchomenko forderte ihn auf, in ein Restaurant außerhalb der Stadt zu kommen; auch eine Chansonettensängerin Emma, die Mishujew ebenfalls flüchtig kannte, sollte dort sein.

„Und Maria Sergejewna?“ fragte Mishujew mechanisch.

„Maria Sergejewna ist nach Hause gefahren,“ antwortete der unsichtbare Parchomenko.

„Schön,“ antwortete Mishujew ebenso mechanisch.

In der Telefonzelle war es schwül und finster. Mishujew schloß die Augen und lehnte sich gegen die Wand. In seinen Ohren klang noch immer die schwache, haßerfüllte Stimme.

„Ja ... vielleicht hat er wirklich recht ... Aber weshalb dieser Haß! ... Warum sieht er das nicht ein? ...“

Mishujew führte seinen Gedanken nicht zu Ende. Er fühlte, wie sich sein Herz schmerzlich und trübe zusammenpreßte.

Als er zum Tisch zurückkehrte, waren Tschetyrjow und Marussin schon dabei, sich zu verabschieden.

... Zwischen ihm und Millionen Menschen werden immer Millionen Rubel stehen, und: entweder muß er ein Einsamer oder eine Bestie werden. Ein Widersinn, der in sich selbst sein Verderben trägt ...

Als Tschetyrjow Mishujew erblickte, brach er sein Gespräch kurz ab und sah ihm mit kühler, herausfordernder Entschlossenheit entgegen.

„Sie gehen schon fort?“ Mishujew zwang sich die Frage ab.

„Ja.“

„Vielleicht sehen wir uns noch wieder?“ fragte er weiter, während er zwei Hände drückte. Die eine zitterte in Erregung, die andere vor Spannung und Krankheit.

„Vielleicht,“ antwortete Tschetyrjow kühl, und aus dieser Antwort wehte sein unversöhnlicher Haß noch härter und kälter heraus.

Mit unbegreiflicher Erwartung blickte Mishujew in das Gesicht Marussins. Aber es war verwirrt, und die guten, offenen Augen blickten fremd in die Ferne.

Eine furchtbare Gefühlsaufwallung schnürte Mishujew die Kehle zusammen. Es war Qual und Schmerz und plötzliches, glühendes Verlangen, etwas entsetzlich Böses zu tun, ihnen zu zeigen, daß er dennoch stärker ist als sie und sie wie Unkraut auf dem Wege zertreten, verkrüppeln kann. Aber der Drang verlor sich ebenso schnell wie er herangebraust war, und als Mishujew den Fortgehenden nachblickte, war sein Gesicht nur blaß und eigentümlich, wie bei einem Menschen, der den Tod in sich trägt.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

V

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Den Busen vorgestreckt, den Rock über den Knieen gerafft und wie zur Attacke geschwenkt, sprang ein Weib mit feschem und elastischem Changieren der Füße, die Schultern entblößt und den Hut frech aufs Ohr gerückt, in das Zimmer hinein.

Es wurde schon lange getrunken. Wein, Zigarrenrauch, die von elektrischem Licht, Ausdünstungen und Likörs durchsättigte Luft hatten die Männer so furchtbar erregt, daß das Weib zur Notwendigkeit wurde. Man brauchte eine Stelle, auf die man die übermäßige Spannung der schlaflosen tollen Nacht entladen konnte.

Beim Eintritt des Weibes brauste eine hinreißende, fast wahnsinnige Bewegung auf, Parchomenko stürzte ihr, rot, mit blutunterlaufenen Augen und feuchtem Schnurrbart, entgegen, warf einen Stuhl zur Seite, packte sie an der schlanken, dünnen Taille, die in ein durchbrochenes Mieder gespannt war, hob sie in die Luft und stellte sie im Fluge auf den Tisch. Eine Flasche fiel um, und ein Glas ging in Scherben.

„Au! Sie schmeißen mich um!“ schrie sie, und ihre unaufrichtige, gewohnheitsmäßig erregte Stimme peitschte die sinnlose Fröhlichkeit noch höher.

„Hurra!“ rief Parchomenko, „es lebe die Schönheit! Gebt ihr Wein ... Sie soll nachholen, was sie versäumt hat.“

Alle drängten sich in dichtem, engem Haufen auf das Weib. Die Augen verspritzten scharfe Funken, die Finger haschten gierig nach ihren ausgeprägten Schenkeln, den elastischen Beinen und den runden, entblößten Armen. Parchomenko führte ein Kelchglas mit gelbem Sekt an ihre lachenden scharlachroten Lippen; Opalow, dessen weiße Backen dunkelrote Flecken bekamen, küßte sie oberhalb des Handschuhs auf den bloßen Arm; ein dicker Börsianer, mit feuchtem Mund, der fast bis an das Kinn aufgerissen war, schmatzte und gluckste, wie ein feistes, sattes Tier im Augenblick der Begattung. Es schien, als ständen sie alle auf dem Punkt, sich auf dieses nackte, schmackhafte Fleisch, das hinter den schwarzen Spitzen hervorlugte, zu stürzen und es mit Winseln und Beißen zu zerfleischen.

Nur Podgurski trank gleichgültig seinen Likör, und Mishujew lastete, wie immer schwer und düster, auf dem Divan und schaute mit schläfrigen, großen Augen um sich.

Die anderen trugen das Weib auf den Divan und ließen es dort niederfallen, wobei sie ihm wahrscheinlich Schmerzen verursachten; aber die Frau lachte nur laut auf, schlug mit den Spitzen ihrer schamlosen Finger auf die Hände, die nach ihrem Körper griffen, und schrie herrisch und gleichzeitig unaufrichtig:

„Regen Sie sich nicht zu sehr auf! Nicht aufregen, meine Herren! ... Hände weg! Sekt her! ... Ich will heute betrunken sein! ... Ich bin vergnügt ... Wenn Sie nur dabei gewesen wären, wie mich heute das Publikum aufnahm! Ein Triumph!“

Und unvermittelt sang sie laut ein Stück aus einem feschen Chanson.

Opalow reichte ihr Wein und ließ dabei plötzlich eine elektrische Taschenlampe unter dem Kelch aufleuchten. Hellgoldene Funken durchzuckten den gelben Saft; der Sekt lachte wie lebendig. Es war sehr hübsch; die gelben Funken gaben den schwarzen, lachenden Frauenaugen, in denen sie sich widerspiegelten, ein wildes, phantastisches Gepräge.

„Ah, wie wunderbar! Noch einmal, noch mal, Schatz!“ schrie sie lachend.

Opalow wollte das Licht noch einmal andrücken, aber Parchomenko riß ihm die Lampe aus der Hand und richtete ihr den grellen, weißen Strahl direkt in die Augen. Sie wurden gelb und durchleuchtend wie bei einer Katze. Das Frauenzimmer kniff zuerst vor Schmerz die Augen zusammen, dann lachte sie. Und doch bemerkten alle die armselige, naive Schminke über den Wimpern und versteckte bemitleidenswerte Fältchen in den Augenwinkeln dieses jungen Weibes, das doch schon am Verwelken war. Sogar Podgurski und Opalow empfanden etwas wie Scham und Mitleid. Parchomenko verwickelte sich mit dem Fuß, scheinbar zufällig, in ihren Spitzenüberwurf, der auf dem Boden lag, zog den Fuß an und riß ihn entzwei.

„Um Gottes willen, was machen Sie!“ rief das Weib; Mishujew hörte den demütigen Schreck in ihrer Stimme.

Parchomenko tat, als wäre er beinahe gefallen und zerriß die Spitzen, jetzt schon offenbar absichtlich, noch weiter, sodaß ihr rundes Bein im engen, schwarzen Strumpf sichtbar wurde. Sein Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart zog sich in einer grausamen Bewegung zusammen; seine Mienen bekamen einen katzenartigen Ausdruck.

„Aber halten Sie doch!“ rief das Weib wieder; in ihren untermalten Augen zuckte erschrockene Wut.

Opalow hatte ein peinliches Gefühl und trat neben beiden mit unnatürlichem, unsicherem Lächeln auf seinem eigenartigen, japanischen Puppengesicht von einem Fuß auf den andern. Podgurski schien dem Vorgang ganz gleichgültig zuzusehen, aber gerade in dem Augenblick, als sich Mishujew mit Widerwillen einmischen wollte, sagte er plötzlich:

„Pawel Alexejewitsch ... lassen Sie das gefälligst!“ Parchomenko zitterte förmlich vor Entzücken. Er tat, als wollte er das Kleid ordnen und knetete in Wirklichkeit mit verschwitzten Händen ihre runden Knie, wobei er das Spitzenwerk so hoch raffte, daß ein Streifen ihres nackten, rosigen Körpers zum Vorschein kam ... Das Weib riß sich los und lachte hysterisch. Aber durch das Lachen klangen einfache, naive Tränen. Ihr schönes, teures Kleid tat ihr leid.

„Lassen Sie das, was tun Sie denn!“ wiederholte Podgurski.

„Lassen Sie sie in Ruhe, Pawel Alexejewitsch,“ unterstützte ihn Mishujew.

Aber Parchomenko hörte nichts oder wollte nichts hören. Sein rotes, schwarzbärtiges Gesicht sah in der wütenden, wollüstigen Grausamkeit fürchterlich aus.

„Haben Sie denn nicht gehört? Nehmen Sie die Hände weg, sage ich Ihnen!“ rief plötzlich Podgurski, nicht laut, aber drohend, und seine Stimme war so eigentümlich, daß Mishujew sich verwundert umsah. Er erwartete, daß Parchomenko antwortete. Aber der ließ augenblicklich von dem Frauenzimmer ab; durch seinen Blick, der noch in grausamer Erregung leuchtete, zuckte hastige Furcht.

„Wir bringen es gleich wieder in Ordnung,“ sagte versöhnlich Opalow. „Geben Sie mir ein paar Stecknadeln ...“ Er wandte sich freundlich an die Sängerin, die ihre Spitzenfetzen zusammenraffte.

„Sieh mal einer an, welch Edelmut!“ murmelte Parchomenko frech und gleichzeitig feige, während er wie ein Hund zur Seite wich und scheele Blicke herüber warf. „Man darf sich nicht mehr ein bißchen amüsieren ... wir haben noch ganz andere gehabt! ...“

„Alles hat seine Grenzen ...“ bemerkte Mishujew kühl.

Parchomenko verstummte für einen Augenblick; er schien allen Halt verloren zu haben. Bald wurde er aber wieder unnatürlich lebhaft und wandte sich an die Sängerin. Er hatte verstanden, daß der Auftritt niemandem gefallen hatte und war kleinlaut geworden.

„Ach was, Stecknadeln! ... Lassen Sie mich, Opalow ... Ich weiß ein besseres Mittel.“

Zwei Hundertrubelscheine erschienen in seiner Hand, und er steckte sie dem Weibe feierlich in den Ausschnitt, wobei er seine ganze Hand zwischen ihren flaumweichen, üppigen Brüsten versenkte.

„Hier, Emmachen! Sei nicht böse!“

Emma wurde sofort still; dann begann in ihren Äuglein ein gieriges Feuerlein zu funkeln; plötzlich küßte sie Parchomenko direkt auf den schwarzen, feuchten Schnurrbart.

„Ach, wie bist du gut!“ sagte sie, und es war schwer herauszuhören, ob sie es aufrichtig meinte oder nicht.

„Ja, gut!“ warf Podgurski dazwischen; „warum auch nicht, — zuerst das Kleid zerrissen, dann Geld gegeben! Ein Prachtkerl! ...“

Es sah gerade so aus, als wäre er auf dem Sprunge, sich auf Parchomenko zu stürzen und ihm eine in die runde, selbstgefällige Fratze hineinzuhauen.

„Eine schöne Art,“ fuhr er wütend, angeekelt fort; „reißen, zerschlagen und dann Geld herauswerfen! ... Jahrmarktswitze!“

Er sprach mit einem Nachdruck, als wünschte er nicht nur mit den Worten, sondern auch mit jedem Laut seiner Stimme zu verletzen.

„Sie sollten es doch mal versuchen, den Kellnern die Schnauzen mit Mostrich beschmieren ... Warum nicht, das wäre doch ebenso witzig ... Oder mit der Stirn einen Spiegel einzurennen!“

Parchomenko lachte winselnd, und Mishujew sah zu seinem Erstaunen in seinem Gesicht feige, ohnmächtige Wut, wie bei kleinen Kötern, die beißen möchten, es aber nicht wagen.

Podgurski ließ nicht mehr von ihm ab. Bald riet er ihm, allein in vier Galawagen spazieren zu fahren, dann schlug er ihm vor, ein Sektbad zu nehmen oder sich zu feierlichen Ausfahrten auf der Straße eine Mauer durchbrechen zu lassen, wie es ein Moskauer Kaufmann getan hatte.

Parchomenko lachte immer unnatürlicher; man sah ihm an, wie die Furcht in ihm gegen ohnmächtigen Haß ankämpfte.

Opalow fragte Podgurski leise: „Mit welchem Zauber packen Sie ihn?“

„Ich habe keinen,“ erwiderte Podgurski verächtlich und ernst. „Nur glauben diese Herren, daß ihnen mit ihrem Geld alles erlaubt ist. Stoßen sie dann einmal auf einen Menschen, der sich auf ihren Geldsack in ausgesprochenstem Maße zu spucken erlaubt, so werden sie gleich zahm ... Etwas anderes haben sie nicht anzubringen!“

Der dicke Börsianer bemühte sich mit lauter, jüdischer Delikatesse das unangenehme Vorkommnis zu vertuschen. Er lenkte das Gespräch auf andere Streiche von Millionären und erzählte ein paar passende Witze. Das schlug ein. Das Gespräch wurde allgemein, und Parchomenko sagte ganz fortgerissen, mit glänzenden Augen:

„Nein, das ist nichts ... Keiner hat das feine Gefühl ... Das ist alles roh, platt! ... Ich habe eine neue Idee: wie wäre es, mal so ein halbes Dutzend Ballettänzerinnen vor einen Landauer zu spannen ... So wie sie sind, im Trikot und Gazeröckchen ... und dann durch die Morskaja zu fahren. Das wäre doch elegant, das wäre schick!“

„Wie albern!“ Emma tat ärgerlich. „Wer würde sich so blamieren lassen!“

„Ach was! Werft ein paar Tausend hin, und jeder Makler von der Börse geht als Deichselpferd.“

Der Börsianer lachte laut; auf seinen feisten Lippen entstand ein kleiner Speichelstrudel.

„Wissen Sie, das wäre wirklich originell!“

„Aber sicher!“ rief Parchomenko voller Entzücken und Begeisterung. „Denken Sie mal an: rosige Beinchen, die blauen Gazeröckchen gehen in die Höhe, und die nackten Rücken! Man könnte ein wenig mit der Peitsche antreiben! ... Nein, wissen Sie, mit ein bißchen Phantasie kann man ein ganz anständiges Ding zustande bringen!“

Mishujew saß schwer auf dem Divan und trank fast nichts. Seine ungesunden Augen bewahrten die ganze Zeit über denselben düsteren, angewiderten Ausdruck. Je weiter, um so langweiliger und widerwärtiger wurde ihm zumute. Seine Schwermut begann in ein scharfes, schneidendes Gefühl überzugehen. Aber er saß und saß, ohne aufzustehen. Er hatte Angst, allein zu bleiben, um nichts zu denken, nicht nach Unbegreiflichem zu verlangen.

Das Schreien und Lachen betäubten ihn, jedes Wort und jede Bewegung jedoch riefen in ihm neuen Ekel hervor. Da, dieses Kaufmannssöhnchen, das bald einem Schaf, bald einem dicken Kater, der mit einer Maus spielt, ähnlich sieht, das ein Glück darin findet, nackte Ballettänzerinnen mit der Peitsche zu schlagen und eine elende Kurortkokotte zu mißhandeln ... ein feister Börsianer, der fortwährend schmatzte, als hätte er Rubel im Munde, die er wollüstig wiederkäut und saugt ... Der wirklich talentvolle Opalow, der auf seiner feinen, künstlerischen Seele mit Füßen herumtritt, um sich die Gunst des Geldmagnaten zu verschaffen ... Und Mishujew dachte mit Entsetzen, daß so die Menschen in Wirklichkeit sind und daß er unter ihnen noch viele Jahre leben soll. Ihm kamen Marussin und Tschetyrjow in Erinnerung, und er stellte sich mit kühler Trauer ihre fernen, unversöhnlichen Seelen, die ein Eigenes in sich tragen, das er nicht verstehen kann, vor. Schmerzlicher Zorn begann wieder in ihm aufzusteigen. Nur Podgurski allein, der jetzt mit Likören und Zigarren beschäftigt war, erweckte in ihm noch eine gewisse, vorüberfliegende Zuneigung.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings