Der Tod des Iwan Lande
Reading edition
I


Gegen den Winter wurde es im Städtchen still. Alles, was in ihm an Jugend und Regsamkeit war, fuhr in die großen Städte. Zu Hause blieben nur die Alten an Körper und Geist. Sie lebten in eintöniger, althergebrachter Ordnung: spielten Karten, gingen in den Dienst, lasen und meinten, daß so das Leben verlaufen müßte. Auf den Straßen lag in reiner Helle das starre Leichentuch des Schnees; in den Häusern regten sich matt und schläfrig Menschen, die mit allem schon zu Ende gekommen waren. Im Frühling jedoch, wenn die schwarze, feuchte Erde zu duften begann und überall das Grün aufleuchtete, die Sonne freudig wärmte und jedes Hügelchen durchtrocknete; wenn abends alles leise, gespannt lauschend dalag, dann brachte jeder Tag irgend einen anderen mit der Bahn nach Hause, und auf den Straßen zeigten sich lebhafte, frische Gesichter, jung und freudig, wie der Frühling selbst. So wie es selbstverständlich ist, daß die Vögel ihre alten Nester wieder aufsuchen, das Gras auf den alten Plätzen wächst, kehrten auch im Frühling gerade alle die jungen, lebensfreudigen Menschen in ihr kleines, stilles, etwas trauriges Städtchen zurück.[2]
Auch in diesem Mai war der Sohn des erst kürzlich verstorbenen Vorsitzenden des Landschaftspräsidiums, der Student der Mathematik Iwan Lande, angekommen.
Den ganzen Tag über saß er bei der Mutter, die ihm mit trüben, müden Tränen vom Tode des Vaters erzählte; erst als es zu dämmern begann, nahm er seine Mütze und ging zum Boulevard hinunter. Die Allee lief am Ufer eines großen Flusses, der unter den Frühlingswassern gestiegen war, entlang. An einer Stelle fiel vom Ufer ein steiler Abhang ab; an seinem Rande standen zwei Bänke aus altem, grünem Holz, deren Bretter in der Feuchtigkeit weich geworden waren.
Hinter dem Fluß fing es an, finster zu werden. Die Ferne rückte mehr und mehr in die dunkle Weite zurück. Auf dem verdunkelten, tiefen Himmel leuchteten still und unmerklich Sterne auf; alles war voll jener feierlichen Stille, in der etwas Unsichtbares majestätisch und ruhig über der Erde zu schweben scheint.
Nur tief unten auf dem Fluß brüllte gedehnt, mit unbegreiflich banger Wehmut die Dampfpfeife eines Schiffes auf, als ob sie vor etwas warnen oder an ein trauriges und unvermeidliches Ereignis erinnern sollte, und auf der breiten, gläsernen Wasserfläche, die eigentümlich hell blieb, während alles von finsterem Schwarz umhüllt wurde, zeigte sich ein unruhiger, schwarzer Flecken, der hinter sich einen gleichmäßigen, breiten Streifen zurückließ.
Auf dem Boulevard war es menschenleer und öde. Nur aus den Fenstern des Klubs fielen gelbe Lichtstreifen, in denen sich lautlose Schatten bewegten, auf die Erde, und dicht an dem Abhang schimmerten undeutlich einige dunkle Gestalten. Zitternde Feuerchen von Zigaretten leuchteten auf, und schon aus der Ferne erschollen Stimmen und Lachen. Lande ging ruhig und still darauf zu und lächelte. Er war elastisch aber schwächlich; seine Schritte waren auf dem weichen Boden fast nicht zu vernehmen.
„... Singen wir ein Lied oder rufen wir mal, daß man es am anderen Ufer hört!“ sprach eine klangvolle, weibliche Stimme; ihre Worte blitzten weich und freudig durch die dichte, warme Luft.
„Fangen Sie nur an,“ antwortete eine frische Männerstimme; jemand lachte.
Lande kam näher und sagte:
„Guten Tag!“
Er sprach leise, aber deutlich und ruhig und wurde sofort gehört.
„Ah, Lande!“ rief ein junger, eckiger Student Schischmarjow freudig und so laut, daß es in den Ohren klang; über die Köpfe der anderen weg reichte er eine große Hand, die aus den kurzen Ärmeln der Litewka herausguckte.
Zart lächelnd drückte ihm Lande mit Vergnügen, lange und fest, die Hand und begrüßte ebenso liebevoll und zärtlich auch die anderen. Alle nahmen freudig und lebhaft seine magere Hand, und in dieser allgemeinen Freude lag so viel Schönes, so aufrichtige Einfachheit, daß selbst ein zugereister Maler Molotschajew, ein großer, starker Mensch, mit breitem Hut, der Lande noch nie zuvor gesehen hatte, von ihr angesteckt wurde. Als der auf ihn zukam und ihn anredete: „Ich bin Lande, machen wir uns bekannt,“ antwortete der Maler:
„Mit großem Vergnügen!“ und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, blickte Lande gleichsam durch die reinen und ruhigen Augen in die Seele.
„Ich habe bereits von Ihnen gehört!“ fügte er hinzu.
Seine Stimme war fest und klingend, wie wenn man an eine Messingglocke anschlägt.
„Wirklich?“ fragte Lande, lächelte und wandte sich sofort ab. Aber darin lag keine Gleichgültigkeit, sondern eine gewisse verborgene Intimität, als ob er das längst gewußt hätte.
„Wovon sprecht Ihr denn?“ fragte Lande.
„Marja Nikolajewna möchte zu gern auf den Mond springen!“ gab lachend der kleine Student zurück.
„Das ist nett von ihr!“ Lande nickte ihr liebenswürdig zu.
Ein kranker Student, Ssemjonow[3], hustete heiser.
„Du bist noch immer krank?“ fragte Lande zärtlich und nahm ihn an den Schultern.
„Immer noch ...“ erwiderte Ssemjonow traurig, „wie früher.“
„Na, ist nicht so schlimm!“ meinte Lande, aber seine Stimme zitterte.
„Nein, Bruder, ich bin ganz kaputt!“ erwiderte Ssemjonow, wobei er sein von der Krankheit greisenhaft gerunzeltes Gesicht zu einem unnatürlichen Lächeln verzerrte; durch seine Stimme brach wider Willen fein und grell scharfe Verzweiflung. „Bald wird aus mir das schönste Unkraut sprießen!“
Alle wurden still. Ein kalte, fremde Regung, die ihnen aber doch entsetzlich nahe war, richtete sich in ihrem Innern auf. Deutlich klang die leise Stimme Landes, wie eine schwach aufgezogene Saite, als er sprach:
„Aber nicht doch, Täubchen! So soll man nicht über etwas reden, das niemand weiß. Wir werden alle einmal sterben, nicht ich, nicht du allein, nein alle, und wir werden es alle gleich erfahren, ob es ein Ende, ein Unkraut ist, wie du sagtest, oder ein neues Leben. Alle! Fühlst du denn wirklich nichts hinter diesem Wort? Unmöglich kann doch eine solche Kraft von Leiden, Lieben und Denken spurlos verschwinden, einfach als Unkraut aufgehen. Alle fühlen das auch und glauben es, auch du glaubst es. Nur willst du nichts glauben, weil du dich wie ein Kind vor dem Neuen, Unverständlichen fürchtest. Wir kennen doch den Tod nicht, und an ihm ist uns gerade furchtbar, daß wir ihn nicht kennen ...“
Die naive Aufrichtigkeit, die aber in ihrer Einfachheit feierlich wirkte, mit der Lande seine unklaren, in der Luft wogenden Worte sprach, umzog das gequälte Gehirn wie ein unfaßbar weicher Duft, wie ein warmer Strahl, der die Seele liebkost, das gespannte Denken beruhigt, es auf etwas Unbestimmtes und Helles ablenkt, wie zu einer fernen Morgenröte hin. Eine kindlich zutrauliche Hoffnung leuchtete schüchtern in der dunklen Tiefe des zitternden Herzens auf, und ohne sich weiter in Landes Worte zu vertiefen, sie allein mit dem Gefühl aufnehmend, lächelte Ssemjonow ruhiger und heiterer.
„Selig sind, die glauben!“ sagte er leicht scherzend. Alle atmeten freier auf und kamen wieder in Bewegung. Das unsichtbare, kalte Gespenst trat leise zurück und nahm seine fürchterlich schwere Hand von ihrem Gespräch.
Ein hochgewachsener Mensch, schwarz wie ein Schatten, kam den Boulevard hinunter; seine langen Beine scharrten über den raschelnden Sand.
„Da ist Firsow,“ sagte Lande und rief, ein wenig seine Stimme anstrengend: „Firsow!“
„Wer ist das?“ fragte Molotschajew leise.
„So ein Beamter am Kameralhof ...“ Schischmarjow machte eine wegwerfende Handbewegung. Er schien auf Lande ärgerlich zu sein.
Der schwarze Schatten blieb langsam stehen.
„Das sind Sie wohl, Iwan Ferapontowitsch?“ fragte eine knarrende, hölzerne Stimme mit einem undeutlichen Nebenklang, sodaß man den Ton, der in ihr lag, nicht erkennen konnte.
„Ich,“ rief Lande zurück.
Füße schlürften, und der flache Schatten verwandelte sich allmählich in einen langen, dürren Menschen. Firsow kam näher.
„Willkommen bei uns, Iwan Ferapontowitsch, willkommen!“
Mit übertriebener Freundlichkeit setzte er zu sprechen ein und drängte sich über die Füße der Sitzenden hinweg zu Iwan Lande. Es machte den Eindruck, als ob er sich Mühe gab, nach Möglichkeit zu lärmen und begeistert zu sein.
„Passen Sie auf! ... Sie!“ bemerkte unfreundlich Ssemjonow.
„Guten Abend, Firsow! Wie geht es Ihnen?“ sagte Lande mit festem Händedruck.
„Ja,“ antwortete Firsow, die Hände reibend, „wie sollte es mir schon gehen? Dienst und wieder Dienst. — So geht das ganze Leben! Doch natürlich lebe ich auch im Geiste. Wenn ich in der Kirche bin, da erneuere ich mich.“
Durch seine Stimme klang, während er von seinem Leben sprach, kaum hörbar ein falscher Ton von Selbstbeweihräucherung, als wollte er damit vor Lande prahlen.
„Reich ist Ihr Leben gerade nicht!“ bemerkte Schischmarjow mit unverhohlenem Spott.
Mit einer langsamen, fast knisternden Bewegung wandte sich Firsow zu ihm.
„Meinen Sie?“ Mit zusammengepreßten Zähnen fügte er hinzu: „Einen größeren Reichtum als die Gemeinschaft mit Gott kenne ich nicht. Sie denken darüber wahrscheinlich anders.“
In seiner Stimme zitterte leise eine versteckte Drohung, doch Schischmarjow blickte ihn verächtlich an und wandte sich ab.
„Tja ...“ sagte Firsow gedehnt nach einer Pause. „Iwan Ferapontowitsch, ich hatte neulich hier auf dem Gericht als Geschworener zu tun. Eine ganz interessante Sache kam uns in die Hände. Verstehen Sie, ein Arbeiter war wegen schweren Diebstahls angeklagt ... früher war er hier auf der Dampfweberei als Meister gewesen. Ich glaube, Sie kennen ihn übrigens: Tkatschow heißt er ...“
„Tkatschow?“ rief Lande erschrocken. „Das ist ja nicht möglich!“
„Jawohl,“ meinte Firsow vergnügt. „Wegen Diebstahls. Die Sache ist an sich eine Bagatelle, aber sein Verhalten ... Denken Sie sich nur: er wollte keinen Verteidiger haben; er plaidierte selbst. ‚Ich habe gestohlen, natürlich,‘ sagte er, ‚aber, meine Herren Geschworenen, wer von Ihnen ohne Sünde ist, der soll mich als erster verurteilen.‘ Eine Gotteslästerung, im Grunde genommen! Aber doch verstand ich da erst, welche Macht in diesen Worten liegt ...“
„Auf die Worte kommt es hier gar nicht an!“ warf Ssemjonow ein.
Firsow sprach in äußerster Entrüstung:
„Nein, gerade auf diese Worte! Nur auf die Worte!“
Und er versuchte unklar auseinanderzusetzen, daß gerade diese Worte wie ein Wunder, als „Gotteswort“, ganz unabhängig von dem Menschen, der sie aussprach, um sie auf sein eigenes, bitteres Leben zu beziehen, „auf die Herzen schlugen“. Aber alles, was er sprach, war so trocken und ohne Leben, daß ihm niemand zuhörte.
Marja Nikolajewna streckte ihren Arm, der in dem weiten, weißen Ärmel wie der Flügel eines großen Vogels aussah, in die Luft und rief fröhlich:
„Der Mond, der Mond geht auf!“
Firsow brach jäh ab und blickte sie gekränkt an.
„Tja, allerdings ... Der Mond ist wahrscheinlich wichtiger!“
„Alles ist wichtig,“ sagte Lande beruhigend und lächelte zärtlich.
Aus der tiefen Finsternis lugte hinter dem schwarzen Horizont etwas Rotes hervor und wurde allmählich runder und größer. Im dunklen Wasser glänzten sofort Funken auf, und eine feine, zittrige Brücke von Gold spannte sich geradlinig von einem Ufer zum anderen, wie eine geheimnisvolle, wortlose Aufforderung, in eine neue, azurne Welt hinüberzusteigen.
„Wie schön!“ rief Marja Nikolajewna mit voller, begeisterter Stimme, und freudig leuchtete diese frische und kräftige Stimme über den Abhang.
Lande richtete seinen Blick auf sie und schaute auf ihr junges, schönes Gesicht, das mit tiefen Augen an ihm vorbei in die Ferne sah.
„Iwan Ferapontowitsch,“ sagte Firsow mit trauriger, knarrender Stimme, während er sich erhob, „wir werden uns gewiß noch sehen ... Jetzt muß ich gehen.“
„Gewiß sehen wir uns noch!“ sagte Lande, indem er weich und schwach seine Hand mit den kalten, feuchten Fingern drückte.
Firsow verabschiedete sich schweigend von den andern und ging, die Füße über den Boden schleifend, fort.
„Welch Vergnügen macht es dir, mit dem anzufangen!“ Schischmarjow zuckte kühl die Achseln, als er fort war. „Ein Mucker, ein Geizhals ... treibt sich in Kirchen umher und quält zu Hause sein Kind.“
„Er ...“
„Ach, sprechen wir nicht davon, bitte!“ fiel ihm Schischmarjow geärgert ins Wort.
Lande lächelte traurig und verstummte.
Der Mond tauchte über der Erde auf und hing rund und schweigsam in der Luft.
„Hier, malen Sie mal so etwas, Molotschajew!“ sagte Marja Nikolajewna, ohne den Kopf zu wenden. „Ich werde Sie dann gleich für einen großen Künstler halten!“
Molotschajew blickte schweigend auf den Mond, seine Augen weiteten sich und wurden weicher und tiefer, als ob er etwas Geheimnisvolles und Großes sähe, das für niemanden außer ihm sichtbar war.
Schischmarjows Augen folgten ihm mit verächtlicher Aufmerksamkeit.
„Gleich wird er es malen!“ Er wandte sich an Lande und fing eilig, scharf und besorgt an, zu sprechen. „Lande, wir hatten auf der Werschilowschen Mühle folgende Geschichte: Werschilow wollte seinen Arbeitern faules Fleisch geben, und da haben sie ihm die Fenster eingeschlagen und den Geschäftsführer durchgeprügelt ... Zweiundzwanzig Mann sind verhaftet.“
„Na, Lande, hatten die Leute recht?“ fragte Ssemjonow mit gutmütiger Ironie.
„Ja ...“ antwortete Lande fest.
Ssemjonow stieß einen unbestimmten Laut aus und wurde düster.
„Ihre Familien sind in einer entsetzlichen Lage ... Eine furchtbare Geschichte!“ Schischmarjow schüttelte den Kopf. „Wir haben hier einiges für sie getan, — — aber ...!“
Alle schwiegen. Lande blickte auf den Boden und bewegte ein wenig seine dünnen Finger.
Ssemjonow hustete leise; der Schall hallte deutlich über dem Abhang wider. Unmerklich, wie auf Schleichfüßen, stieg der Mond über etwas Schwarzem, Unbegreiflichem immer höher und höher; je höher er stieg, desto begreiflicher und heller wurde dieses Schwarze, und bald lag das gegenüberliegende Ufer klar, wenn auch gespensterhaft, vor ihnen, und weiße Nebelstreifen wurden auf den Wiesen sichtbar. Auch aus dem Flusse hob sich der gleiche, kalte Nebel, und weiße, schweigsame Schatten begannen über das kalte, tiefe Wasser zu gleiten.
Feucht und kalt wurde es. Ssemjonow knöpfte seinen Paletot zu, stülpte sich die Mütze tief über den Kopf, sodaß seine Ohren tief in ihr steckten, und stand auf.
„Ich muß nach Hause ...“ sagte er. „Es wird kalt ... Und du, Ssonja, kommst du mit?“
„Nein,“ antwortete nachdenklich ein Mädchen, so dünn wie ein Grashalm, das die ganze Zeit unbeweglich dicht über dem Abhang gesessen hatte.
„Wie du willst ...“ sagte Ssemjonow gleichgültig mit trüber Stimme. „Es ist kalt ... Komm mal zu mir, Lande!“
„Gut!“
„Auf Wiedersehen!“
„Was?“ fragte Molotschajew mechanisch.
„Der Maler ist in Gedanken versunken! Auf Wiedersehen!“
Ssemjonow bückte sich krankhaft und ging langsam den Boulevard entlang.
„Höre, Ljonja ...“ meinte Lande plötzlich langsam; es war merkbar, daß er die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte. „Man muß diesen Menschen helfen ...“
„Ja, was möglich war, ist getan worden. Es gibt kein Mittel“ antwortete Schischmarjow.
Lande stand auf.
„Weshalb keine?“ sagte er nachdenklich. „Du mußt morgen zu mir kommen ... Ich gehe jetzt. Meine Mutter wartet auf mich.“
Es wurde bald sehr kalt. Die Erde wie der Himmel, das Wasser, die Gesichter der Menschen — alles wurde hellblau und schien durchsichtig und kühl zu sein, wie blaues Eis. Schischmarjow ging mit Ljonja nach der einen Seite, Lande, Molotschajew und Marja Nikolajewna nach der anderen.

II


„Ich werde nach Ihnen einen Akt malen!“ sagte Molotschajew, während er sich nahe an das Gesicht Marja Nikolajewnas, das hell vom Mond bestrahlt wurde, neigte.
„Warum nicht gleich zwei!“ lachte sie, und ihre Augen funkelten vor fröhlichem Vergnügen.
Lande hob den Kopf, sah sie an und sagte:
„Das ist gut ...“
Er wollte ihnen sagen:
... Das ist gut, daß ihr beide so jung, so schön und daß ihr so ineinander verliebt seid! Er sprach aber nicht weiter und lächelte nur.
„Was wollen Sie also für die Arbeiter tun?“ Marja Nikolajewna erinnerte sich an Landes Worte und machte ein ernstes Gesicht.
Lande schlug leise die Hände auseinander.
„Auch nichts besonderes ... nur so, für die allererste Zeit ... ich habe Geld ...“
Molotschajew blickte ihn an. — Von diesem mondbeleuchteten, mageren, gar nicht schönen Gesicht mit den großen, herrlichen Augen wehte eine schlichte und unentwegte Entschlossenheit auf den Maler hinüber. Ein Gefühl unangenehmen, unbestimmten Neides regte sich in Molotschajew, als ob sich in der Tiefe seiner Seele irgend ein versteckter, trüber Geist unter einem Lichtstrahl zusammenzöge.
„Wollen Sie es hingeben?“ fragte er, mit einem mißtrauischen Zug um die Lippen.
„Ja,“ antwortete Lande.
„Das ganze Geld?“ fragte Molotschajew wieder, als hörte er einen schlechten Scherz.
„Ich weiß wirklich nicht, mein Täubchen ...“ antwortete Lande gutmütig, dabei selbst überlegend, als ob er sich mit ihnen beratschlagte. „Vielleicht auch das ganze ... je nachdem es notwendig ist.“
„Und Sie ... haben Sie viel Geld?“ sagte Molotschajew mit verstellter Ironie ... Er macht sich originell! dachte er, wurde aber sofort ärgerlich, weil er fühlte, daß er nur aus Neid die Unwahrheit dachte.
Marja Nikolajewna sah Lande aufmerksam an.
„Ich habe ...“
Lande strich die Mütze zurecht und fuhr ruhig fort: „Nicht sehr viel ... ich habe vier Tausend.“
Und wieder mußte Molotschajew denken:
... Hat doch eine wirkungsvolle Pause gemacht!
Dann blickte er zufällig auf Marja Nikolajewna und vergaß an Lande.
„Sie haben ein Gesicht wie aus einem Stuckschen Gemälde wenn Sie lachen oder wenn Sie nachdenklich werden!“ sagte er mit begeisterter, aufrichtiger Stimme, und seine Augen glänzten freudig.
Marja Nikolajewna lachte; ihre weißen Zähne schimmerten unter dem Mondlicht für einen Augenblick hell und geheimnisvoll zwischen den scharfumrissenen, halbgeöffneten Lippen. Lande blickte sie an und sah, daß ihr Gesicht in der Tat weiß und kräftig, zart und brutal war, wie auf einem Gemälde von Stuck. Und sie war auch sonst so hochgewachsen, schlank und kräftig; ein frischer und erregender Duft strömte von ihr aus.
„Wollen Sie ihnen wirklich gleich alles geben?“ fragte Marja Nikolajewna Lande und versuchte ihr Gesicht vor Molotschajew zu verbergen.
„Gleich alles geben!“ lächelte Lande freudig und zärtlich ihrer Schönheit und ihren klaren Augen zu.
Auch seine Stimme war so ruhig und innig, daß Marja Nikolajewna für einen Augenblick nachdenklich wurde. Irgend eine warme und sanfte Saite hallte feinfühlig im Innern ihrer Seele wider.
... Reizend ist er und ganz eigenartig ... Ein Seliger. Sie erinnerte sich wie Ssemjonow einmal Lande genannt hatte ... Nein, er ist kein Seliger.[4]
Sie wünschte, daß er es nicht wäre. Nicht weil er vor ihr stand. Aber in dieser Nacht stieg das Verlangen in ihr auf, daß jenes Machtvolle und Schöne, das im Mondenschein, im gestirnten Himmel, in der feierlich-ruhig schlafenden Erde um ihr war — jetzt auch, im Lebendigen und Bewußtsein schlicht und einfach aufleuchte.
„Ich muß hier ...“ Lande war unschlüssig. Er wäre am liebsten mit ihnen zusammengeblieben.
„Adieu!“ Molotschajew reichte ihm kühl und hastig die Hand.
Lande überlegte; dann ging er still lächelnd fort.
... Laß sie schon ...! sagte er sich; seine Seele wurde weit und gerührt, als umarmte er die ganze Welt.
Marja Nikolajewna ging lange schweigend neben Molotschajew; feierliche Stille schien auch ihre Seele zu überwältigen.
„Dieser Lande ist wohl übergeschnappt!“ meinte Molotschajew. „Ein Narr ... Vielleicht nicht mal ein Narr, ganz im Gegenteil!“ fügte er mit einer Grimasse hinzu; doch plötzlich fuhr er nachdenklich fort:
„Sein Gesicht ist nicht schön, aber sehr interessant.“
„Sie wissen nur von Ihrer Kunst etwas; — nichts mehr!“ sagte Marja Nikolajewna, lachte halblaut und wandte ihr Gesicht dem Mond zu.
„Nein, ich sehe alles Schöne!“ erwiderte Molotschajew, wobei er in diese unbedeutenden Worte einen besonderen Sinn legte, der aber ihr nahe und verständlich war.
„Und außer dem Schönen?“
„Weiß es der Teufel! Wohl nichts!“ Molotschajew zuckte die eine Achsel.
Marja Nikolajewna lachte. Unter der weißen Bluse hob sich durch das Lachen ihre Brust; sie sah bei dem Mondenschein, scharf umrissen von tiefen, feuchten Schatten, fast nackt aus.
Mit weitgeöffneten Augen schaute Molotschajew sie an; es trieb ihn gebieterisch zu ihr. Er beugte sich nieder und sah von der Seite ihre dunklen, glänzenden Augen, die nicht auf ihn blickten, die wortlos zu warten und etwas geheimnisvoll zu verheißen schienen.
Es war still. Nur irgendwo fern hinter den düsteren und kalten Häusern schlug einmal ein kleines Hündchen an.
Eine seltsam gespannte Erregung steckte in allem.
„Leben möchte ich!“ sprach Marja Nikolajewna erst leise, aber ihre Stimme wurde wie von selbst lauter und stärker. „Etwas tun möchte ich, lieben möchte ich ...“
Plötzlich brach sie in unerwartetes klingendes Lachen aus. „Auf den Mond springen möchte ich, wie es Schischmarjow nennt!“
„Schlafen, schlafen gehn!“ fügte sie mit singender Stimme hinzu. „Das ist es! Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen ...“ antwortete Molotschajew immer noch zitternd und seufzte tief auf.
Sie standen schon an der Pforte zu ihrem Haus.
„Auf Wiedersehen!“
Leichte Schritte klangen hinter dem Zaun. Irgendwo schnappte einmal und ein zweites Mal ein Schloß; man hörte, wie die Tür schwer nach innen nachgab, jemand schläfrig irgend etwas fragte, und wieder alles still und leer wurde.
Molotschajew ging lange durch die leeren, vom Mondlicht überschwemmten Straßen, sah auf die ferne Mondesscheibe und dachte an nichts, obwohl er voller Freude war.

III


Als Lande nach Hause kam, saß seine Mutter am Tisch; sie wartete augenscheinlich schon lange mit dem Abendbrot auf ihn.
Zu Hause war es seit dem Tode ihres Mannes leer und öde; sie tat sich selber leid. Ihr schien, daß alles in der Welt zu Ende, gestorben sei; ihr Leben war durch eine dunkle und verhängnisvolle Macht in zwei gleiche Hälften gespalten worden. Das, was früher in ihm langweilig und schwer gewesen war, vergaß sie und sah hinter sich furchtbar weit, alles nur freudig und warm, wie von hellem, wärmenden Licht durchströmt. Jetzt aber blieb es kalt und leer. Nur wenn sie an den Sohn dachte, flimmerte etwas Lichtes vor ihr auf, und sinnvoller wurde alles, was sie tat.
„Wanja?“ fragte sie leise hinter der Lampe.
„Ich bin es, Mütterchen!“ antwortete Lande, warf seine Mütze auf den Tisch, ging auf sie zu und setzte sich neben sie, den Kopf gegen ihre volle, aber nicht mehr elastische Schulter, die warm wie eine Ofenbank war, gelehnt. Sie streichelte ihn über den Kopf, über die lockeren, sehr weichen und hellen Haare und dachte, daß ihre ganze Zukunft und Freude, ihr Glauben und Sinn, ihr ganzes unbegreifliches, fürchterliches Leben nur noch in diesem Sohne ist.
„Willst du essen?“ fragte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Ja.“ Lande fing an, ihre volle Hand mit den kurzen, verschrumpften Fingerchen still und zärtlich zu küssen.
„Mein lieber Junge!“ sagte die Mutter mit Tränen in den Augen.
„Mutter, was hat uns Vater eigentlich hinterlassen. Alles in allem?“
Die Mutter war über die Frage nicht im geringsten verwundert, weil Lande darüber klar sein mußte, ob er weiter studieren könnte oder nicht.
„Nicht viel, Wanja ...“ sagte sie traurig, während sie an etwas anderes dachte. „Hier das Haus, und dann die Pension hat man mir, Gott sei Dank, nicht zu schlecht bewilligt. Aber an Bargeld haben wir nur vier Tausend.“
„So dachte ich es auch. Das Haus und die Pension gehören dir selbstverständlich, Mama, und das Geld, erlaube, daß ich es jetzt nehme — ich brauche es ...“ Lande empfand im gleichen Augenblick, daß ein schweres, banges Gefühl seine Seele durchströmte.
„Ah ja ... nimm, nimm es ... es ist dir ja auch vermacht worden ...“
Die Mutter sah Lande nachdenklich an und strich mit der Hand über sein Haar.
„Was willst du denn damit anfangen?“ fragte sie still und zärtlich, ihm wie einem Kind zulächelnd.
Nicht für einen Augenblick kam Lande der Gedanke, ihr es zu verschweigen. Er sah ihr in die Augen schlicht und klar, sein Gesicht wurde heller, und er antwortete freudig:
„Ich will es den Familien der Arbeiter geben, die Werschilow auf die Straße geworfen hat.“
„Was?“ fragte die Mutter. Sie lächelte und sagte: „Ein Dummchen bist du, ganz ein Kind, obgleich du schon einen tüchtigen Bart hast.“
Lande lächelte traurig und schwieg.
„Mach aber nicht etwa Ernst damit! Von dir wäre es schon zu erwarten!“ sagte sie, plötzlich mit einer ganz anderen, mit banger und warnender Stimme. Doch ehe sie noch zu Ende gesprochen hatte, sah sie an seinen klar und fast zu weit geöffneten Augen, daß er es wirklich im Ernst meine. Eine Minute schwieg sie und starrte ihm erschrocken ins Gesicht, dann meinte sie, mehr um sich zu beruhigen: „Unsinn! Und was wird denn aus dir selber?“
„Irgendwie wird es sich machen ...“ sagte Lande traurig. Er fühlte, wie eine unübersteigbare, eisige Mauer unsichtbar zwischen ihnen aufstieg.
„Unsinn!“ wiederholte die Mutter hartnäckig, als ob sie sich gegen etwas Feindseliges und Böses wehren müsse. Und tatsächlich waren auch seine Absichten für sie unannehmbar, weil dadurch alles in Nichts aufgelöst wurde, womit sie ihr langes, emsiges Leben aufgebaut hatte.
Er antwortete nicht mehr. Er schwieg und fühlte, wie sich ein blutender Fetzen aus seinem Herzen riß.
Als er nachts im Bett lag, dachte er:
... Was tun? Die Mutter wird es nicht verstehen und nicht verstehen wollen. Es wird für sie ein furchtbarer Schlag sein; aber ich kann nicht anders ... Wir würden uns einander in den Weg stellen, und da ich sie liebe, müßte ich ihr nachgeben. Und das darf nicht sein! Also muß ich von ihr fort ...
Ein heißes Gefühl entstieg diesem Entschluß; doch in der dumpfen Finsternis verlöschte es sofort wieder; er empfand sich plötzlich einsam, von allem losgerissen. Zum ersten Mal in seinem Leben sollte er die Verbindung mit einem unendlich geliebten Menschen abbrechen; es schien ihm unsagbar schwer, er bangte sich davor. Da sah er plötzlich den todkranken Ssemjonow auf sich zukommen; eine unerklärliche Erregung durchwühlte ihn.
... Hier liege ich nun, dachte er, allein mit der Überzeugung, daß ich alles zerbreche, daß ich Kummer und Schmerz zufügen muß; und vielleicht ist dennoch ... trotz allem ... nichts weiter um mich, nichts vorhanden, nur Leere, unendliche Leere ... Da sind irgendwo Sterne, nichts als Sterne! Und ich bin nicht einmal ein Sandkorn, viel weniger, unendlich weniger, mein Leben ist in der Ewigkeit kaum ein Augenblick, fast als ob es gar nicht existierte ... Und ich lebe, glaube, gebe selbst von meinem Leben ab ... Was tue ich denn?
Die Haare bewegten sich auf seinem Kopfe, das eine Bein zitterte unaufhörlich. Für einen Augenblick glaubte er, in irgend einer kalten, toten und majestätisch-furchtbaren Leere zu hängen. Unten und oben, alles ist dunkel und leer. Dann erinnerte er sich an ein Kätzchen, das ein Kutscher Werschilows in seiner Gegenwart am Genick packte, hoch hob und dann gegen den Boden schleuderte. Das Kätzchen war auf der Stelle tot. Ihm kam es vor, als ob er selbst, am Genick gepackt, in der Leere hänge, dem Tode nah, und hilflos seine Glieder bewege. Und gleich wird er niedergeschleudert werden, ein donnernder Schlag trifft ihn, und alles wird still, unbeweglich, dunkel sein. Das Gefühl der Einsamkeit wurde für seine überreizten Nerven unerträglich; es trieb ihn, von jemandem zu hören, daß er nicht in dieser Welt, die riesig wie eine Ewigkeit ist, allein sei.
Krampfhaft warf Lande den Kopf zurück. Seine aufgerissenen Augen starrten gespannt in einen schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftat, sein ganzes Wesen zerfloß in überquellender Verzückung; unwillkürlich begann er, zu einem zu beten:
... Herr, Herr ... Herr Gott ...
Seinen Kopf durchwirbelten in unglaublichem Chaos Gedanken, flimmerten, schlugen zusammen, verwickelten sich ineinander; alles in ihm ging in dem Gebet auf. Ihm kam nichts als diese Worte in den Kopf; in ihnen drängte sich sein ganzes Selbst zusammen, und in dem Übermaß der Spannung, die bis an die Grenzen des Ertragbaren ging, wuchs etwas Machtvolles, Großes, das unmöglich zwecklos sein konnte, heran.
... Herr, Herr!
Und er fühlte, daß ihm jemand zuhöre, gebieterisch und ruhevoll.
Plötzlich begann in dem Wirbel der Gedanken, unerwartet, unbewußt für ihn selbst, ein einziger Gedanke hervorzutreten, zu erstarken und aufzuleuchten.
... Ich bete, während ich in einem warmen Bett liege; und die Arbeiter Werschilows schlafen jetzt nach einem schweren, auswegslosen Tag auf kahlem Fußboden ...
Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, in ihm und um ihn. Alles war still, gespannt still, und Lande vernahm jeden seiner schweren und krampfhaften Atemzüge.
... Ja, was soll denn daraus werden? Was soll ich tun? fragte er den in ihm um Rat. Und tief in seiner Seele entstand, erst unmerklich, dann immer stärker und klarer, der abgerissene Wunsch, aufzustehen und sich auf den kalten Boden zu legen.
... Doch darauf kommt es ja nicht an! sagte er sich.
Der Trieb wurde immer größer, überwältigend groß und fing an, ihn zu quälen.
... Herr! er versuchte dagegen anzukämpfen und wieder zu beten, aber der Aufschrei hallte leer und tot in seiner Seele wider.
Da sprang er, von einem augenblicklichen Verlangen hingerissen, rasch vom Bette auf, sank in die Knie und legte dann die heiße Stirn auf den kalten Boden. Ringsherum war alles ebenso still und finster.
Seine Augen wurden plötzlich feucht; in seiner Seele wurde es ruhig; es ging wie ein Aufseufzen nach sehnsüchtiger Erwartung durch seinen Körper. Und sofort mahnte er sich daran, morgen den Arbeitern das Geld zu geben, ihnen alles abzugeben, was er nur geben kann, sich selbst, das Freudigste und Lichteste in seiner Seele fortzugeben. Wie er es tun würde, das wußte er noch nicht und an das dachte er auch nicht, wie er auch nicht mehr daran dachte, daß er die Mutter betrüben, viele Menschen gegen sich aufbringen und sein eigenes Leben erschweren konnte.
Ein volles, frohes Gefühl erwachte in ihm und erfüllte alles um ihn her mit breiten, klaren Lichtwellen. Die Furcht schwand wie Rauch. Vom Boden stieg Kälte auf, und sein Körper zitterte; aber es machte ihn glücklich, als ob er sich dadurch mit jemandem vereinigte und aufhörte, einsam zu sein. Und dann trat alles in Nichts zurück: die Härte des Fußbodens wie seine Kälte, die Finsternis, sein eigener, halbnackter, lächerlich zusammengekauerter Körper — alles trat in Nichts zurück und wurde unfaßbar, überflüssig.
... Herr, mein Herr! betete Lande wieder mit unstillbarem Verlangen.
Und in diesem angespannt freudenvollen Zustand, der dem größten, tiefsten Glücke glich, erstarrte er allmählich, wurde ruhig, verlor die Besinnung und war auf dem Boden eingeschlafen, als ein grauer, durchsichtiger Schein sich durch das Fenster schlich.
Es war das letzte Mal in seinem Leben, daß ihm Zweifel gekommen waren, daß er für einen Augenblick in der Voraussicht der schweren Wandlung beirrt wurde. Nun öffnete sich eine helle und gerade Bahn in seiner Seele.

IV


Am Morgen des nächsten Tages ging Lande ins Gefängnis. Hinter der Stadt glänzten die Mauern schon von weitem auf; in scharfem Weiß hoben sie sich längs der breiten Flußböschung von einer zarten, grünen Wiese ab. Die in der Sonne glänzenden Bajonette einsamer, schwarzer Soldatengestalten durchstachen kräftig die blaue Luft.
Lande wurde zu dem Inspektor geführt; einem Mann mit einem langen, so silberweißen Vollbart, wie er auf den flachen Ssusdaler Heiligenbildern gemalt wird. Der Inspektor starrte Lande höflich an und bewegte mit fragender Miene seine dünnen, mißtrauischen Lippen.
„Mein Name ist Lande. Sie kennen mich wahrscheinlich? Ich möchte sehr gern den Tkatschow sehen — denjenigen, der vorgestern vor Gericht freigesprochen wurde. Ich habe erfahren, daß er noch hier sitzt.“
Der Gefängnisinspektor mit dem Heiligenbilderbart machte eine leise Bewegung mit den knochigen Fingern.
„Das können Sie ... Er ist noch bei uns. Sehen dürfen Sie ihn, natürlich!“ wiederholte er, als ob er sich selbst noch einmal davon überzeugen wollte. „Ich lasse Sie zu ihm begleiten ... Oder soll er vielleicht hierher gerufen werden?“
„Ich würde lieber selbst zu ihm gehen, — er wird vielleicht gar nicht zu mir kommen wollen. Ich bin mit ihm eigentlich so gut wie unbekannt.“
Der Inspektor fixierte Lande scharf.
„Ssidorow, führe den Herrn hin!“ sagte er, indem er plötzlich die Augenbrauen barsch zusammenzog und aufhörte, Lande anzustarren.
„Wie dürfte ich denn über ihn verfügen, wissen Sie?“ sagte ihm Lande vertrauensvoll. „Ich möchte, sehen Sie, ihm vorschlagen ...“
„Das können Sie alles mit ihm selbst besprechen!“ herrschte ihn der Inspektor noch barscher an und machte sich mit Papieren auf dem Tisch zu tun.
Der Inspektor tat Lande seiner Grobheit und Kälte wegen leid; er beeilte sich.
Ein alter, rasierter und borstiger Soldat in schwarzer, sackartiger Uniform, die unter den Ärmeln zerrissen war, schob an Landes Seite den Aufschlag mit den verschlissenen Litzen in die Höhe und sagte:
„Zu Befehl, Euer Wohlgeboren! Bitte, Herr!“
Lande folgte ihm nach dem Hof.
Der Hof war sauber und groß, aber trotz des weichen Frühlingshimmels, der über ihm lag, war die Luft in ihm schwül. Es roch nach saurer Kohlsuppe, Flickstuben und dem intensiven, penetranten Geruch des Abortes.
„Schön ist es bei Euch gerade nicht ...“ meinte Lande.
Ssidorow ließ die kleinen Bauernaugen über den Hof schweifen, als suche er in komischer Ratlosigkeit, was an ihm eigentlich nicht schön sein könnte.
„Jawohl!“ antwortete er trotzdem so eilig und lustig, als ob es ihm ein großes Vergnügen wäre, mit Lande einer Meinung zu sein.
Lande sah, wie schwer und fest der Soldat mit den ungeschlachten Bauernfüßen ausschritt, und fügte hinzu:
„Ein schlimmer Dienst ist das hier: Menschen zu überwachen.“
„Jawohl,“ antwortete Ssidorow ebenso bereitwillig.
„Besser wär’s doch, im Heimatsdorf auf dem Feld zu arbeiten!“ fuhr Lande voll Mitleid mit dem Soldaten fort.
„Ja,“ meinte Ssidorow, „auch auf dem Feld zu arbeiten, das ist gut.“
Von seiner lustigen, bereitwilligen Stimme kam auch Lande in frohe Stimmung.
„Warum wird Tkatschow bisher noch nicht freigelassen? Er ist doch schon freigesprochen?“
„Er will von alleine nicht gehen!“ antwortete Ssidorow lächelnd.
„Warum?“
„‚Ich habe nirgends hinzugehen,‘ sagt er. So ’ne Geschichte. Ein komischer Kerl!“
Lande wurde nachdenklich; ein trauriger Schatten fiel ihm auf Gesicht und Seele.
Sie hatten den Hof passiert und gingen durch einen engen gewölbten Korridor; dort schien es nach dem hellen Sonnenlicht im Hof auffallend dunkel; überall sah man nur kalten, schmutzig-weißen Stein und altes, grünes Eisen.
Schmutzig und häßlich gekleidete Menschen jeden Alters, aber alle mit gleich blutlosem, ungesund aufgedunsenem Gesicht schlenderten teilnahmslos aus einer Tür in die andere. Sie begleiteten Lande mit unfreundlichen und frechen Blicken, blieben an der Wand stehen und schlichen dann wieder in die Tiefe der feuchten Korridore; in ihren sinnlosen, gleichgültigen Bewegungen lag etwas furchtbar Aufpeitschendes. In einer Zelle versuchte jemand zu singen, aber man konnte merken, daß er darauf mehr Kraft verwendete, als nötig war, und das Singen selbst glich mehr einem Fluchen — so wild war die Weise und so viel häßliche Worte enthielt das Lied.
„Tkatschow!“ rief Ssidorow fröhlich in den Korridor hinein.
„Hallo, Tkatschow! He ... du! ... Man ruft dich! Hörst du nicht?“ brüllten ungeordnet mehrere Stimmen, als ob sie froh wären, nicht mehr ziellos, sondern mit einem bestimmten Zweck schreien zu können.
An der Schwelle einer Zelle erschien ein Mann in einer zu großen Gefangenenjacke, mager, schwarz. Sein dunkles Gesicht mit hervortretenden Backenknochen sah Lande düster und mißtrauisch an.
„Ich möchte zu Ihnen ...“ Lande reichte ihm die Hand und lächelte vertrauensvoll; er bemühte sich, durch dieses Lächeln Tkatschow näher zu kommen und verständlicher zu werden.
Linkisch und doch, als ob er über den Besuch gar nicht verwundert wäre, gab Tkatschow die Hand.
„Ich wollte mit Ihnen über einiges sprechen,“ fügte Lande hinzu.
Tkatschow blickte ihn noch mißtrauischer an, biß auf seine dünnen, trockenen Lippen, trat dann unwillig zwei Schritte zur Seite und sagte mit gebrochener, etwas dumpfer Stimme:
„Hier wohne ich ... da ...“
Lande trat hinter ihm in die Einzelzelle ein. Es war ein gewölbtes Zimmer, so klein, feucht und dumpf, daß einem der Gedanke, hier wohne ein ausgewachsener Mensch und nicht etwa ein kleines verjagtes Tierchen, sehr sonderbar vorkam.
Tkatschow überlegte eine Weile, zog die Augenbrauen zusammen und schob dann Lande einen Schemel hin.
„Setzen Sie sich bitte ...“ sagte er mit unbestimmbarem Ausdruck.
Lande ließ sich nieder und sah Tkatschow weich an.
„Was wünschen Sie von mir?“ fragte Tkatschow, während er unter diesem Blick unruhig die Augenbrauen zusammenzog.
Wenn er es tat, nahm sein Gesicht nicht einen herben, sondern einen bemitleidenswerten Ausdruck an, wie er gekränkten Kindern eigen ist.
„Ich wünsche nichts ...“ erwiderte Lande gutmütig. „Ich habe nur von Ihnen gehört und bin gekommen.“
„Wozu denn aber?“ meinte mißtrauisch Tkatschow.
„So, mir tat es weh, daß Sie so erbittert und unglücklich sind; ich dachte mir nun, daß es Ihnen vielleicht leichter wird, wenn ich zu Ihnen komme ...“
„Mitleid? Brauche ich nicht!“ erwiderte Tkatschow abgerissen und dumpf und wandte sich nach dem Fenster ab, während seine schmutzigen, mageren Finger an die Tischkante drückten.
Lande ergriff leise Tkatschows Hand.
„Wozu sagen Sie das? ... Das ist doch nicht wahr! ... Sie sind doch unglücklich und erbittert, und gestohlen haben Sie nur, weil Sie wenig Mitleid und Liebe in Ihrem Leben gesehen haben. Ich bin zu Ihnen ohne jeden Nebengedanken gekommen, mit offenem Herzen, mit aufrichtigem Wunsch, Ihnen durch irgend etwas zu helfen ... Warum verletzen Sie mich also?“
Tkatschow blickte scheu auf Landes Hand, die ihn weich und vertrauensvoll bei den schwarzen Fingern hielt, und errötete plötzlich.
„Niemanden brauche ich ...“ erwiderte er leise aber trotzig und zog unauffällig seine Hand zurück. „Das ist alles dummes Zeug ...“
„Warum?“ fragte Lande mit schmerzlich erhobenen Augenbrauen.
Tkatschow wandte ihm seinen Kopf zu und lächelte verächtlich und angestrengt.
„Ihre naive Frage bringt mich in eine dumme Stellung,“ versetzte er in hochtrabendem Ton, durch den aber deutlich die Erbitterung klang. „Übrigens, aus welchem Grunde sollte ich mich denn mit Ihnen einlassen!“ Er zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Fenster, wo Tauben girrten, ohne daß man sie hinter dem Gitter und den Scheiben vernehmen konnte.
„Da ... ich füttre sie, meine Freunde!“ sagte Tkatschow nach dem Schweigen und lächelte verlegen mit einem Winkel seiner dünnen, abgemagerten Lippen.
„Die Tauben? ... Ja! ...“ Lande war über dieses Lächeln erfreut und lächelte selber. „Gewiß sind sie Freunde! Es ist doch nicht wahr, daß es nur ewige Feindschaft und die Notwendigkeit der Vernichtung gibt ... Eine solche Notwendigkeit kann es nicht, darf es nicht geben! ... Man muß im Gegenteil zu schützen suchen ... alle den Einzelnen und der Einzelne alle ... und Freunde sein, sogar Brüder! Ich glaube, wissen Sie, daß jetzt alles falsch ist, daß alles nicht so ist, wie es sein sollte. Man muß alles verbessern, abschließen, das ist eben die Aufgabe des Menschen! ... Ich glaube ...“
„Ich verstehe Ihre schönen Phrasen nicht!“ versetzte Tkatschow trotzig und düster, aber, wie es Lande vorkam, absichtlich schroff.
Lande lächelte traurig.
„Ich verstehe nicht, besser zu reden ... Verstehen Sie mich denn wirklich nicht? ... Ich glaube, doch! ... Ich wollte sagen, daß es das Böse und den Haß an sich gar nicht gibt, daß sie nur eine Folge der Arbeit an der Weltgestaltung sind und daß man sie bestätigen muß ...“
„Sieh mal!“ versetzte Tkatschow spöttisch. „Wie einfach!“
„Nein, nicht einfach ... schwer, furchtbar schwer ist es! Aber nicht unmöglich: kein Haß und Zorn ist so stark, daß man ihn nicht überwinden könnte!“
„Wozu erzählen Sie das alles?“ fiel ihm Tkatschow scharf ins Wort.
Lande beeilte sich, ihm zu antworten, als fürchtete er, daß Tkatschow fortgehen könnte. Er ergriff wieder seine Hand. „Ich sage es Ihnen, weil ich sehe ... es scheint mir, daß Sie aufgehört haben, an diese Möglichkeiten zu glauben, Sie meinen gewiß, daß das Böse ewig ist, daß das Böse überall triumphiert und daß man es nicht bekämpfen, sondern ihm nachgeben soll! Und das wäre schrecklich! ... Aber es ist nicht so. Sie haben einfach den Mut verloren, Sie sind verbittert worden, Sie verdichten jetzt selbst künstlich die Atmosphäre der Feindschaft um sich, als ob Sie in ihr erst richtig zu atmen gelernt haben ... Ach, Tkatschow, was für ein furchtbarer Irrtum ist das! Und Sie fühlen ihn doch: es wird Ihnen doch schwer, so zu atmen, bedrückend schwer. Ja?“
Tkatschow schwieg düster und atmete schwer durch die Nase.
„Man soll nicht Feindschaft mit Feindschaft vergelten!“ fuhr Lande, Glanz in den offenen Augen, fort, als ob er über seine Worte gar nicht nachzudenken brauche, als ob er überhaupt nicht spräche, sondern sänge, das Lied gleich aus dem Herzen quellen ließ. „Nur so wird sie überwunden. Und nie fühlte man solche Leichtigkeit, solche Befriedigung, als dann wenn Sie das Feindselige in sich überwinden, ohne auf fremde Feindschaft in gleicher Weise zu antworten. Weist Sie denn dieses Gefühl nicht dorthin, wo der Weg ist? Welche Freude ist es, das zu fühlen! Welche Marter könnte man nicht um dieser Freude willen ertragen! Und mögen auch die Menschen zu Ihnen schlecht, ja grausam sein; — die äußeren Verhältnisse können ja bei allen Menschen gar nicht gleich sein, und mit ihnen kann man sich, im Grunde genommen, leicht versöhnen, wenn nur ...“
„Haben Sie jemals gehungert?“ fiel ihm plötzlich Tkatschow bissig ins Wort. — „Wie, Herr Lande?“
„Ach, wozu, wozu reden Sie so!“ in Landes Stimme lag ein Flehen, das sich in die Seele bohrte. „Sie wissen doch, daß man Hunger und Qualen und selbst den Tod für seine Idee ertragen kann! ... Starben doch Märtyrer unter den entsetzlichsten Qualen! ...“
„Das sind eben Märtyrer!“ Tkatschow warf den Kopf in den Nacken.
„Meinen Sie denn, Tkatschow, daß die Märtyrer irgendwelche besonderen Menschen waren? Nein, ich, und Sie, und jeder, selbst der geringste Mensch, wird alles für eine Idee ertragen, wenn es nur seine Idee, sein Gefühl ist! Stimmt das nicht?“
„Vielleicht wahr ...“ meinte Tkatschow düster.
„Ja, wahr!“ Landes ganzes Gesicht leuchtete freudig auf. „Die Wahrheit lebt im Menschen, diese riesige Kraft, gerade im Menschen lebt sie! Und wenn dem so ist, dann kann der Mensch alles erreichen, dann kann jeder alles! ... Gegen jede Macht ankämpfen und siegen ... Warum haben Sie gestohlen, Tkatschow?“
Tkatschow erzitterte, fing an blaß zu werden, so daß man sehen konnte, wie ihm allmählich das Blut aus dem Gesicht wich, und starrte wütend, mit weit aufgerissenen Augen, aus denen furchtbare Qual hervorlugte, Lande an.
„Was geht das Sie an?“ schrie er ihm heiser zu, seinen langen, schwarzen Hals ausstreckend.
„Ich weiß warum,“ sagte Lande mit zitternden Lippen, „ich möchte darüber mit Ihnen sprechen ...“
Unverwandt durchstach Tkatschow mit einem furchtbaren Blick seine Augen. Nahe vor sich sah Lande die dunklen Pupillen, die völlig rund geworden waren; tief in ihnen wurzelte die ohnmächtige, unausreißbare Kränkung und Wut. Aus irgendwelchem Grunde schien Lande, daß ihn Tkatschow, wenn er jetzt blinzelt, niederschlagen oder ihm ins Gesicht spucken werde. Aber er blinzelte nicht.
Plötzlich senkte Tkatschow die Augen.
„Nichts wissen Sie!“ sagte er leise, grob und herausfordernd.
„O doch, ich weiß!“ erwiderte Lande fest. „Ich kenne Ihr ganzes Leben, ich habe viel von ihm gehört ... Und Sie haben selbst von vielem gesprochen, als Sie damals vor Gericht die Rede hielten ... Man hat es mir wiedererzählt. Sie haben alles so richtig und lebend geschildert, so daß schwerlich ...“
Ein törichter, prahlerischer Zug trat in Tkatschows Mienen.
„Und Sie meinten wohl, nur Ihr, die Herren Studenten, versteht zu reden? Nein, die Zeiten sind vorbei! Jetzt ...“ er redete fort, ohne bei der Sache zu bleiben.
„Sie haben doch auch nur gestohlen, obgleich Sie nie ein Dieb gewesen sind ...“ Lande hatte auf das Letzte nicht mehr gehört. „Ich weiß, Sie hatten stets ein bitteres Leben, und doch haben Sie weder gestohlen, noch tranken oder rauchten Sie. Ich weiß auch, wie Sie das Evangelium studierten, wie Sie aufhörten, Fleisch zu essen ...“
„Das ist dummes Zeug!“ erwiderte Tkatschow mit unnatürlicher, geheuchelter Verachtung.
„Nein, gewiß nicht dummes Zeug! Es ist eine gewaltige Tat, wenn der Mensch so an sich arbeitet! Dazu gehört eine große, eine ungeheure Kraft. Und Sie hatten sie, Tkatschow ... Warum fehlt Sie Ihnen jetzt?“ Lande fragte fest, flehend und griff nach seinen Händen. „Warum kämpften Sie nicht bis zum Ende mit sich?“
„Bis zu welchem Ende? Gestatten Sie die Frage, Herr Lande?“ Tkatschow verzog sein Gesicht zu einer schadenfrohen, aber gleichzeitig bemitleidenswerten Grimasse; er riß seine Hände los.
„Bis zum Sieg, Tkatschow! Alles kann der Mensch besiegen, wenn er um seine Idee kämpft. Sie hatten die Idee, daß alle Menschen Eins sind und daß das Leben und das Gefühl auch Eines, und schön sein muß! Und Sie würden gesiegt haben, Tkatschow — Sie sind ein starker Mensch! Warum haben Sie also den Mut verloren, was ist geschehen?“
Tkatschow schwieg. Auch Lande schwieg mit eigentümlichem Zittern. Die ungeheure Erregung, in der er sprach, erschöpfte ihn. Seine hellen Haare klebten an der Stirn, Lippen und Hände bebten und nur die Augen leuchteten wie früher, in Liebe und Mitleid.
Tkatschow schwieg ziemlich lange.
„Hören Sie, Herr Lande,“ sprach er mit erhobenem Kopf, doch ohne Lande anzublicken. „Sie sagten eben, daß Sie mich kennen; es ist richtig. Sie kennen ... kennen mein ganzes unglückseliges Leben und all das Leid, das in mir steckt ... Ja ... aber auch ich kenne Sie nicht weniger! Jawohl! Sie sind ein guter Kerl, — alle sagen das von Ihnen und ich weiß es auch. Besser als Sie gibt es bei uns in der Stadt, und vielleicht überhaupt keinen Menschen. ... Ich glaube, daß Sie vielleicht ein heiliger Mensch sind, weil Ihre Seele einfach ist ... gerade so wie Glas! Erlauben deshalb, daß ich frage: wo blieben Sie denn, als all das mit mir vorging?“
Lande hob die Hand.
„Nein, erlauben Sie, daß ich es jetzt ausspreche!“ schnitt ihm Tkatschow mit fester, gehässiger Stimme das Wort ab. „Alles haben Sie in meinem Leben bedeutet, Herr Lande, wenn ich die Wahrheit sagen soll. Ich kenne Sie schon lange. Sie waren damals noch ein Kind; ich war auch gerade noch nicht groß, als ... Sehr vieles haben Sie damals für mich bedeutet! Erinnern Sie sich aber, Herr Lande, wie ich zu Ihnen wegen Büchern kam? Sie waren damals in der Abreise, schnürten im Vorzimmer Ihren Koffer ... Ich hatte vorher drei Jahre auf Sie gewartet, und Sie — was haben Sie mir gesagt?“
Lande wurde in seiner qualvollen Erregung wie von Krämpfen durchschüttelt.
„Tkatschow, Tkatschow, das ist richtig ... aber ... doch ...“
Tkatschow wandte ihm ein schwarzes, steinernes Gesicht zu und sagte durch die gepreßten Zähne mit schneidender Stimme: „Sie haben mir gesagt, Sie wollten abreisen ... hätten keine Zeit, versprachen später einmal mit mir zu reden! Und das war alles ... Und ich erwartete damals von Ihnen ein Wort für mein ganzes Leben ... Irgendwas: entweder verstanden Sie mich nicht, sahen nicht, daß es in mir echt war, oder Sie merkten es, aber Ihre Abreise, Ihre privaten Angelegenheiten waren Ihnen wichtiger. So, Herr Lande, nicht? Oder verstehe ich es vielleicht falsch?“
„Bei Gott schwöre ich Ihnen,“ rief Lande, „daß ich geblieben wäre, wenn ich Sie damals verstanden hätte, Sie waren allein schuld, Tkatschow! Sie mußten offener, energischer an mich herankommen, gerade an die Seele pochen! Sie sahen doch, daß ich Sie nicht verstand!“
Tkatschow lächelte langsam und böse.
„Ich sah es! — Das ist es eben, daß ich es sah. Das war es auch, was mich ein für allemal von meinem Weg abbrachte!“
Lande riß weit die Augen auf.
„Hätten Sie Ihre Abreise, Ihre Interessen, einfach für wichtiger gehalten, Herr Lande, als daß ein Mensch mit seiner offenen Seele zu Ihnen gekommen war, so wollte ich wahrscheinlich auf Sie spucken und mir sagen: ‚Ein wertloses Menschenvieh, wie alle!‘ Aber das war es nicht. Ich sah, daß Sie mich einfach nicht verstanden, meine Qual nicht sahen ...“
Lande preßte die Finger zusammen.
„Jedem Menschen kann das doch passieren! Es gibt einen Zustand, den die Seele im Menschen schläft ... So schlief ich damals auch. Und Sie ... Warum haben Sie mich nicht aufgeweckt, nicht aus dem Schlaf gestoßen?“
Wieder lächelte Tkatschow langsam und böse.
„Und ich dachte so, Herr Lande ...“ seine Stimme klang wie eine feierliche, längst erwartete, in der Seele brennende Beichte. — „Hier ist ein Mensch — der Beste, — solchen zweiten werde ich in meinem ganzen Leben nicht finden, selbst ihm an die Seele zu pochen, ist schwer ...“
„Nicht immer, Tkatschow ...“
„Na, nicht immer ... Dafür ist es ja diesmal ein besonderer Mensch. Und auch er muß manchmal ordentlich gerüttelt werden, bis er den fremden Schmerz empfindet! ... Was ist dann erst mit den anderen? ... Die werden sich schließlich wohl gar nicht aus dem Schlummer stoßen lassen? ... wie, was meinen Sie?“ fragte Tkatschow spöttisch.
„Nicht möglich! Man muß rütteln ... man erreicht es schon!“
„Aber auf diese Weise, wenn man bei jedem Menschen einzeln pochen soll, werden die Kräfte nicht ausreichen. — Was soll dann noch zum Leben bleiben?“
Tkatschow verstummte triumphierend.
Landes Mienen wurden von einem hellen Schein überzogen: „Tkatschow, schon das ist doch ein ganzes Leben. Der Nachklang dieses Pochens allein ist schon ein Glück; ein packendes, ungeheures Glück, zu wissen, daß wir, wenn auch nicht in alle Herzen, doch in das gemeinsame Herz der Menschheit dringen, daß das von uns begonnene Pochen nicht abstirbt, daß andere ebenfalls pochen werden, nach uns, daß es von Herz zu Herz dringt, und einst ... Tkatschow! ...“
„A, ha—a!“ Tkatschow brach in ein heiseres Lachen aus, — vielleicht war es auch ein Schmerzensschrei. „Fju!“ Er stieß einen grellen Pfiff aus.
„Ihnen kommt es lächerlich vor, Tkatschow?“ fragte Lande mit Tränen der Begeisterung in den Augen. „Sie glauben nicht?“
„Und Sie meinten ja? Das heißt also nur in dem Wahn leben, im Leiden sein Glück zu suchen? Und ich selbst, ich soll ebenso sterben, wie ich lebte? Als ob ich gar nicht gepocht hätte? Oho! Trinken — Sterben, nicht Trinken — auch Sterben! Suchen Sie sich irgendwo anders einen Narren dazu!“
Seine Stimme wurde überlaut, frech und leer. Und wenn Lande noch eine Hoffnung gehabt hätte, daß Tkatschow ihn verstehen würde, so schob sich jetzt, beim Schall dieser Stimme, mit einem Mal eine unsichtbare, undurchdringliche Mauer empor, stand unüberwindlich zwischen ihnen, und ihre Kühle drang den beiden bis ins Herz hinan.
„Tkatschow,“ begann Lande zaghaft und ratlos. „Kommen Sie doch zu sich. Begreifen Sie denn nicht? ... Gehen Sie von hier fort, — diese entsetzliche Umgebung hat auf Sie eingewirkt!“
„Wo soll ich hingehen?“ spottete Tkatschow.
„Irgendwohin ... zu mir ... Ich habe für Sie Geld mitgebracht ... Sie nehmen es und reisen von hier ab, vergessen alles; und wenn die Zeit vergangen ist, sind Sie zu sich gekommen ...“
„Geld?“ fragte Tkatschow mit zusammengekniffenen Augen, und plötzlich rief er, entsetzlich grob, schroff und verzweifelt: „Ich brauche kein Geld von dir! Mit Geld will er mir das Maul stopfen! Schere dich fort! ...“
„Tkatschow, Tkatschow, warum? Lieber Tkatschow, ich habe doch ...“ stammelte Lande und griff krampfhaft nach seinen Händen.
Tkatschow riß sich heftig los, wandte sich schroff um und ging rasch aus der Zelle. Er kehrte jedoch sofort zurück. Auf der Schwelle blieb er stehen, blickte Lande einige Sekunden unverwandt und scharf an und sprach dann leise, wie vor sich hin:
„Der Selige ...“ Noch leiser, aber beißend als ob es ein feines Gift wäre, das er ausfließen ließ, fügte er hinzu: „Die heilige Seele auf Stelzfüßen ... Schafskopf! ...“
Dann machte er kurz, militärisch kehrt und ging den Korridor entlang.
„Tkatschow!“ rief Lande verzweiflungsvoll. „Tkatschow!“
Tkatschow antwortete nicht und ging fort.

V


Spät abends kam Schischmarjow zu Lande. Der kleine Student mit den hastigen Bewegungen und der scharfen Stimme war von dem Entschluß Landes, sein Geld fortzugeben, vollständig hingerissen. Aber er hatte ein ganz eigentümliches Gefühl: das, was Lande tun wollte, entzückte und rührte ihn, er empfand eine ungewöhnliche Erhebung, aber zur gleichen Zeit war es ihm peinlich, als ob er selbst etwas schlechtes beging. Vergebens suchte er sich damit zu beruhigen, daß er nichts mit Landes Entschluß zu tun hätte; er konnte die peinliche Stimmung nicht überwinden. Er trat eilig ins Zimmer ein, drückte Lande die Hand und sagte, während er es vermied, ihm gerade in die Augen zu sehen:
„Nun, hier bin ich ...“
Lande öffnete sofort die Tischlade und nahm das Geld heraus — vier Pakete lange, schöne Scheine, die unter seinen dünnen Fingern trocken raschelten.
„Ich wollte dir sagen ...“ begann Schischmarjow plötzlich, als ob er von hinten einen Stoß bekäme, mit erzwungener Stimme. „Vielleicht gibst du nicht alles? ...“
Lande erwiderte einfach, als ob er an etwas anderes dachte: „Das bleibt sich gleich; wenn schon, dann Alles.“ Er überlegte, schwieg eine Weile und fügte hinzu: „Ljonja, ich werde nicht mit dir gehen, verteile es selbst; ich werde dir sagen, warum: Mutter ist furchtbar böse auf mich, wegen dieses Geldes ... ich muß sie beruhigen, mit ihr sprechen ...“
Schischmarjow nahm unschlüssig das Geld.
„Siehst du, auch deine Mutter ist unzufrieden ...“
Über Landes Gesicht zog ein blasses aber festes Lächeln.
„In solchen Fällen darf man nicht an eine Mutter denken!“ sagte er ernst.
Schischmarjow rührte sich immer noch nicht; er fühlte sich immer peinlicher.
„Ich weiß wirklich nicht ...“ meinte er. „Wie soll ich denn allein ...“
Lande lächelte wieder; jetzt hell und zärtlich.
„Irgendwie ...“ er machte eine gleichgültige Handbewegung.
„Dein Herz wird dir schon sagen. Und es ist ja auch weiß Gott keine schwierige Aufgabe.“
„Na, wie du willst!“ Schischmarjow willigte ebenso unentschlossen ein und nahm seine Mütze. Auf einmal tat ihm Lande so leid, daß ihm fast die Tränen kamen. Im Zimmer war es etwas ungemütlich, leer, man hatte den Eindruck mönchischer Einsamkeit. Lande sah krank und trübe aus. Gegen seinen Willen fand Schischmarjow seltsam und unbegreiflich, daß ein Mensch, der eine so gute, große Tat vollbrachte, nicht Freude und Stolz in seinen Mienen zeigte.
„Er ist ein sonderbarer Mensch!“ dachte Schischmarjow, und dieser Gedanke schwächte in ihm, fast unmerklich für ihn selbst, das Gefühl für Lande und dessen Tat ab.
„Auf Wiedersehen, mein Lieber!“ sagte Lande.
„Wanja!“ rief hinter der Tür die zitternde Stimme der Mutter.
Ein schmerzlicher Zug strich um Landes Lippen.
„Geh, Lieber!“ sagte er leise, aber fest zu Schischmarjow.
Schischmarjow stand verlegen da. Das Geld brannte ihm in der Hand, als wenn es gestohlen wäre.
„Du mußt das einfach lassen!“ sagte er mit einem leichten Unterton trüben, unangenehmen Ärgers.
Lande schüttelte den Kopf.
„Nein,“ sagte er, „es muß getan werden. Dort ist entsetzliche Not, Kummer ... Der Mutter scheint nur, daß sie leidet ... Ich mußte doch so wie so dieses Geld für mich verwenden.“
Landes Mutter trat ein. Ihr weiches, von Trauer und Gutmütigkeit durchschienenes, altes Gesicht sah jetzt aufgeregt und böse aus. Sie atmete schwer und häufig, so daß ihr Atmen in dem ganzen Zimmer hörbar war.
Lande ging ihr rasch entgegen, nahm ihre beiden Hände und legte sie auf seine Brust.
„Mama ...“ sagte er, ihr flehend in die Augen blickend. „Nicht doch!“
Schischmarjow verbeugte sich linkisch.
Die Mutter riß ihre Hände los.
„Was nicht?“ begann sie mit schroffer und lauter Stimme, der man anhören konnte, wie viel sie geschrieen und geweint hatte. „Du hast kein Recht dazu! Der Vater hat nicht sein ganzes Leben lang für irgendwelche Bettler gearbeitet! Du Dummkopf!“
„Geh, Ljonja!“ sagte Lande traurig zu Schischmarjow.
Die Mutter sprang erregt auf und stellte sich in den Weg, obgleich sich Schischmarjow noch gar nicht vom Fleck gerührt hatte. Ihre grauen Haare zerzausten sich auf ihrer Stirn. Gierige Angst lugte aus den rund gewordenen, fast wahnsinnigen Augen.
„Sie verleiten ihn dazu!“ schrie sie wütend. „Wie unterstehen Sie sich! Ich werde Sie anzeigen. Das ist Plünderung ... Sie haben sich schon gefreut!“ ...
„Ich ...“ stotterte Schischmarjow verwirrt und verletzt.
„Geben Sie das Geld her!“ kreischte die Greisin auf und riß rasch das Geld mit gekrümmten Fingern, die mit einem Mal knochig und hakenartig, wie Krallen aussahen, aus Schischmarjows Hand.
Auf dem Gesicht des kleinen Studenten zeigte sich wütende Empörung. „So nehmen Sie es doch,“ brüllte er, die Fäuste ballend, so laut, daß man es auf der Straße hören konnte.
Im Augenblick wurde es still. Die Greisin sah ihn mit offenen, erschreckten Augen an. Schischmarjow wandte sich zu Lande hin, bewegte die Lippen, rang nach Atem; ein Krampf verzerrte sein linkes Auge und die eine Backe.
„So geht’s denn doch nicht,“ sagte er mit Mühe. „Adieu ... ich gehe!“
„Geh, Ljonja ...“ antwortete ihm Lande ebenso traurig. „Sei mir nicht böse!“
Schischmarjow machte eine Bewegung, setzte eine ratlose Miene auf, als ob er noch etwas hinzufügen wollte, sagte aber nichts und ging fort. Im Zimmer wurde es still. Die Mutter Landes hielt die Hand mit dem festgepreßten Geld tief in der Tasche; und Lande sah sie traurig und sanftmütig mit offenen Augen an. Sie waren zu zweit in dem kleinen Zimmer, aber jeder fühlte sich, als ob er nur allein wäre.
„Schlage dir gefälligst diese Dummheit aus dem Kopf!“ sprach endlich die Mutter mit verkniffener Stimme.
„Es ist keine Dummheit ...“ Lande schüttelte den Kopf.
„Wem willst du damit imponieren?“ fuhr die Mutter spöttisch fort. „Schämst du dich nicht? Wozu hast du es gebracht!“ Ihre Worte klangen plötzlich weinerlich; gleich nahm sie auch die Hand aus der Tasche und fing an, zu weinen.
Lande schwieg, bitter die Hände ineinander gefaltet. Im Zimmer war es dunkel und grämlich.
„Du wirst mir später selbst einmal danken!“ sagte die Mutter leise.
„Ich weiß nicht. Höre, Mama, wenn du mir nicht das Geld gibst, werde ich es nicht von dir verlangen. Mag es für dich bleiben ...“
Die Mutter fühlte sich gekränkt und beleidigt. „Wie du das nur sagen kannst!“ rief sie mit Tränen der Entrüstung, während sie vorwurfsvoll die Hände ineinander schlug. „Will ich es denn für mich? ... Wozu brauche ich es denn! ... Für mich ist die Zeit zu sterben ... Was du da sprichst, überlege nur!“
Lande schwieg. Dann erst sagte er: „Ich weiß. Doch nicht das will ich sagen. Ich liebe Sie ja, Mama, ich liebe Sie herzlich. Aber Sie glauben, daß Sie mich vor dem Untergang bewahren, indem Sie mir dieses Geld zurückhalten; und ich glaube, daß Sie mich dadurch zugrunde richten. Meinen Sie denn wirklich, daß ich das Geld jemals für mich behalten werde? Ich würde es doch fortgeben, ganz gleich, ob diesen Leuten oder anderen, wenn ich es eben meinem Gefühl nach tuen müßte ... Und daher ...“
„Du bist am Ende ganz verrückt?“ rief die Mutter entrüstet. „Und wovon würdest du leben?“
„Irgendwie schlage ich mich schon durch; darüber braucht man nicht nachzudenken!“ sagte Lande überzeugt.
„Du willst mir wohl ewig auf der Tasche liegen?“ fragte sie giftig.
„Nein, ich werde von Ihnen fortgehen. Es ist für uns schwer, zusammen zu leben, es geht nicht gut: Sie werden mich nicht so leben lassen, wie ich möchte; und ich werde Sie quälen ... Lieber will ich allein leben.“
Die Mutter riß die Augen auf; das Blut schwand langsam aus ihrem Gesicht.
„Wanja ... was sprichst du!“ stammelte sie entsetzt.
Lande seufzte still, kam auf sie zu, sank in die Kniee und fing an, ihre tränennasse Hand zu küssen. Sie blickte auf seinen Kopf mit den weichen, schwachen Haaren, und fühlte, wie ein unüberwindliches Unglück auf sie heranrückte.
„Weine nicht, Mutter, du teure! ... So wird es besser sein ...“ sprach Lande kaum vernehmbar mit schwacher, zitternder Stimme.

VI


Marja Nikolajewna saß am offenen Fenster und schaute unverwandt, in Gedanken versunken auf die lange Straße, deren eine Seite von grünlich-blauem Mondenschein überflutet war, während die andere im tiefen Dunkel lag. Fern flimmerten hell und kühl die Sterne, schwarze Bäume standen wie versteinert im Mondschein. Es war leer und kühl.
Aus der Ferne ertönten einsame Schritte, die still und deutlich auf den Brettern des Bürgersteigs widerhallten. Ein unsichtbarer Mensch kam durch die Nacht, immer näher und näher. Es war sonderbar und geheimnisvoll, diese Schritte zu hören, als ob sich in der kühlen, klingenden Stille die Töne von selbst näherten und ein eigenes einsames Geheimnis mit sich trügen.
Marja Nikolajewna lehnte weit aus dem Fenster und als sich in der Dunkelheit ein schwarzer Schatten abzuheben begann, sah sie genauer hin, erkannte ihn und rief: „Iwan Ferapontowitsch, sind Sie das?“
Lande fuhr zusammen und blieb stehen, dann lächelte er freudig und ging auf sie zu.
„Wo gehen Sie hin?“ fragte das Mädchen, als er direkt vor ihr stand.
„Nach Hause ... zu Ssemjonow. Ich wohne doch jetzt bei ihm ... vorläufig ...“ erwiderte Lande schwach und müde.
Er stand dicht am Fenster, und das Mädchen sah ganz deutlich sein eingefallenes Gesicht mit unnatürlich großen Augen. Das Gefühl neugierigen Mitleides, jenes Gefühl, welches Lande stets in ihr hervorrief, erhob sich in ihrer Brust, ebenso rein, jung und kraftvoll, wie diese junge Brust selbst.
„Iwan Ferapontowitsch ...“ fragte sie weich; ihr war vor ihm bange. „Ist es wahr, daß Sie mit Ihrer Mutter vollständig gebrochen haben?“
Doch sofort erschrak sie und sprach hastig weiter, als ob es ihr um die unwillkürliche Frage leid tat: „Ich frage Sie, weil Sie und Ihre Mutter mir so leid tun ... und bei Ihnen darf man doch nach allem fragen ... nicht wahr?“
„Mich kann man fragen ...“ antwortete Lande mechanisch. Er hatte offenbar ihr Erschrecken nicht bemerkt; er sagte traurig und nachdenklich: „Ich habe mit ihr nicht gebrochen, — ich habe nie und mit niemandem gebrochen ... Meine Mutter liebe ich auch jetzt — vielleicht sogar mehr noch, weil sie unglücklich ist ... Ich bin nur fortgegangen, um allein zu leben ... Da mußte ich eben wählen: entweder nicht so leben, wie mich meine Überzeugung heißt, oder fortgehen ... Ich glaube, Sie hätten ebenso gehandelt ... wie ich.“
Marja Nikolajewna sah ihn mit zutraulichen Blicken an. „Nein, ich könnte es nicht ... wie käme ich dazu!“ wehrte sie mit schwachem Lächeln ab.
„Wissen Sie,“ fuhr Lande, der nicht zugehört hatte, fort, und ein Ton feierlicher Trauer lag in seiner Stimme, — „es ist leichter das Leben zu opfern, als ... doch nein, ich verstehe nicht, es auszusprechen!“ ... er lachte plötzlich kurz und traurig auf und verstummte.
„Wo waren Sie denn?“ fragte Marja Nikolajewna nach einer Pause.
„Im Kloster,“ antwortete Lande.
„Haben Sie zu Gott gebetet?“ fragte scherzhaft das Mädchen.
„Nein, ich ging so hin ... dort ist es so still ... Und übrigens, ich habe auch gebetet ...“ erwiderte Lande ernst, als ob er ihren Scherz weder verurteilen, noch an ihm teilnehmen könne.
„Glauben Sie denn an Gott?“ fragte sie mit jugendlich leichtsinniger Neugierde.
Lande blickte sie an.
„Es ist unmöglich, nicht an Ihn zu glauben!“ erwiderte er still und überzeugt, fast verwundert.
„Warum unmöglich? Ich z. B. glaube nicht an ihn.“ Marja Nikolajewna senkte ein wenig den Kopf, als ob sie auf die süßen Töne ihrer Stimme lauschte.
„Sagen Sie das nicht!“ versetzte Lande heiß und innig. „Das ist nicht wahr. Alle glauben, und auch Sie glauben ...“
Er streckte plötzlich seine Hand aus und ergriff ihre feinen, zarten Finger. „Blicken Sie nur auf und Sie werden sehen, daß es unmöglich ist, nicht zu glauben ... Schauen Sie in den Himmel, schauen Sie!“
Unwillkürlich hob Marja Nikolajewna den Kopf, und von unten erschienen Lande ihre großen Augen voll tiefer Sehnsucht.
Kein Ende sah man für die Weite des Himmels und keinen Boden gab es für die strahlende Tiefe. Je mehr sie hineinsah, um so ferner und höher, unfaßbar, gingen die Sterne fort und schwanden gegenstandslos in dem unübersehbaren Raum. Es war, als ob das geheimnisvoll-feierliche Schweigen irgend eine unergründliche schwingende Bewegung durch seine ewige Kühle zum Stillstand gebracht und gefesselt hätte. Eine überdenkliche Kraft hob ein gewaltiges, undurchdringlich durchsichtiges Gewölbe über den Weltenraum und erstarrte in ungeheurer Spannung.
„Wie furchtbar ist es da!“ sagte Marja Nikolajewna plötzlich mit bebender Stimme. „Und wenn das einmal zusammenstürzt ... Herrgott, könnte man sich denken, vorstellen, was da sein würde! ...“
Lande lächelte zärtlich und still; leise fuhr er gleichmäßig streichelnd über ihre Hand.
„Nein, es stürzt nicht zusammen!“ sagte er. „Schauen Sie, was für eine erdrückend grenzenlose Größe das ist, und wir sind so klein, so klein; wir können nicht einmal den tollen Wirbel sehen, in dem alles dahinsaust. Vergegenwärtigen Sie das sich nur: wie klein muß doch der Mensch sein! In jedem Augenblick, in jedem millionsten Teil eines Augenblickes trägt ein furchtbarer Rausch das Riesengebäude der Welt in unbegreifliche Fernen; wir aber sehen nur Starrheit ... Welch ein Orkan von überwältigenden Tönen muß das sein; uns gaukelt es feierliche Stille vor! ... Und trotzdem schreiten wir, die so winzig sind, so frei vorwärts, als ob alle diese Riesenmassen uns aus dem Wege gingen! Als ob uns eine Hand leitet, die uns durch jedes Hindernis hindurchführen kann. Das geringste Teilchen der feindlichen Kraft könnte uns hinwegwischen; aber die menschliche Geschichte bewegt und entfaltet sich so frei, als ob sie in allem der Mittelpunkt wäre. Damit etwas so Kleines, Schwaches derart auf seiner Bahn gehen konnte, sicher, daß es zum Ziele vordringen wird, ist es notwendig, daß es zu irgend einem Zweck in der Welt nötig wäre und daß es vom Weltwillen für eine Zeit bewahrt würde, wenn ...“
Lande schwieg eine Weile, sah mit glänzenden Augen nach oben und fuhr fort:
„Scheint es Ihnen nicht so, als ob alles erstarrt wäre und wartete, bis hier, auf der Erde, etwas geschieht, was einmal geschehen muß ... Und wenn das eintrifft, dann wird alles urplötzlich in Bewegung geraten, hier vernichtet, dort geschaffen werden, irgend ein neues Licht aufleuchten, neue Formen, neues Leben emporsteigen.“
„Manchmal ist es so,“ antwortete still Marja Nikolajewna. Ihr war eigentlich bange zumute. Etwas wuchs vor ihr hoch, ungeheuer groß wie aus der Ewigkeit in die Ewigkeit, wie aus einem unendlichen Raum in einen unendlichen Raum hinein. Die Stille der Nacht schwang sich wie eine feierlich dröhnende, dräuende Musik vor ihr.
„Wie wunderbar, wie kompliziert ist das alles!“ sprach Lande mit geheimnisvoller Begeisterung. „Selbst die Ewigkeit und die Unendlichkeit, die nicht klein, nicht groß sind, die keine Zeit besitzen, durch welche ein Augenblick im Leben der Welten mit dem Augenblick im Dasein eines Menschen zu vergleichen wäre ... Soll das die kalte, tote Ordnung einer durch seelenloses physisches Gesetz geschaffenen Maschine sein? Das ist die furchtbare Tragik im Prozeß des Schaffens, der alles umfaßt, der keine Teilungen, gleich für welche Zwecke, duldet. Ein Geist dieses Schaffens, eine Seele der Welt — sie existiert. Es wäre unmöglich, das nicht zu glauben, unmöglich, das nicht zu sehen! ... nicht zu hören, nicht zu empfinden ...“
Ein eisiges, mystisches Grauen schlich stockend in die Seele Marja Nikolajewnas. Sie zog sich nervös zusammen; ihre Augen weiteten sich, wie bei einer Katze, die etwas ängstigendes vor sich sieht.
Lande verstummte; es wurde still, so still, als ob jemand über die Erde schreitet; mit metallnem Klang setzt er schwer und geheimnisvoll Schritt vor Schritt.
„Meine Ohren klingen!“ sagte Marja Nikolajewna, am ganzen Körper zitternd. „Es ist kalt ... Auf Wiedersehen!“
Sie zog sich in die schwarze Finsternis des Zimmers zurück und schloß das Fenster, das auf seiner einen Scheibe blind glänzte.
Lande blieb allein und stand lange inmitten der leeren Straße; mit feuchten Blicken schaute er nach oben, zwischen die Sterne, in die dunkelblaue, kühle Tiefe hinein.

VII


In ein Laken, aus dem unten die dürren, nackten Beine herausblickten, eingewickelt, einem schlecht kostümierten Gespensterdarsteller ähnlich, öffnete Ssemjonow Lande die Tür. Den Augen Landes, die noch an die feuchte Luft und den reinen Glanz der Nacht gewöhnt waren, kam das gelbe trockene Licht der Lampe, die dünnen, gebrechlichen Möbel, das durcheinandergeworfene Bett mit den heißen Kissen und das trockene, gelbe Gesicht Ssemjonows, seine stockdürren, weißen Beine, im ersten Augenblick ganz unerträglich vor.
Ssemjonow setzte sich auf das Bett; sein Aussehen war entsetzlich. Sein erdfarbenes gerunzeltes Gesicht, die dünnen Haare, die schweißdurchtränkt an den mit trockener Haut bezogenen Schläfen klebten, der magere Körper, auf schmale, spitzige Schulterblätter gespannt, alles sprach in einfacher, furchtbarer Sprache von der sinnlosen Krankheit, die von niemandem in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit begriffen werden konnte, die sich im Innern eines Menschen verbirgt; und an einer kleinen Stelle der Zerstörung seine ganze Welt — sein Leiden, Verzweifeln und Grauen — einschloß.
Ssemjonow blickte mit geweiteten, fieberglänzenden Augen auf Lande; sobald er sich neben ihm auf das Bett gesetzt hatte, sagte er hastig: „Es ist gut, daß du herkommst ... Mir ist schlecht ... bange, irgend warum ... gewesen. Ich werde schon bald sterben, Lande ...“
Es schien, daß er nicht auf Lande sprach, sondern auf jemanden, der sich in der Tiefe seines leidenden Körpers grämte, einredete, um ihn von dem unvermeidlichen, und doch nicht auszudenkenden Ende zu überzeugen. Stechendes Mitleid riß Lande fort. Er wandte seinen Körper ganz zu Ssemjonow hin und legte beide Arme um die mageren Schultern, die nach kaltem Schweiß rochen. Durch das abgeriebene, fadenscheinige Hemd ließ sich der heiße Körper und die harten Knochen fühlen.
„Wassja ... mein Lieber, Armer!“ sagte er und versuchte ihn, beinahe weinend, von alldem zu überzeugen, was er selbst liebevoll und naiv glaubte: „Unmöglich kann ein Leben nur für die Erde existieren, zu riesig sind die Mühen und Leiden, als daß sie vergehen könnten, ohne sich über das Irdische zu erheben. Unbegreiflich, armselig und sinnlos wäre dann die Existenz des menschlichen Geistes mit seiner lichten Vernunft und dem geschmeidigen, reichen Denken in der unendlich großen, schönen, ewigen Welt.“
Lande sprach lange, eilig, als ob er fürchtete, daß es seinen Worten nicht gelingen werde, das Gewaltige, Dunkle, das langsam von der leidenden Seele Besitz nahm, zum Stehen zu bringen, ihm den Weg zu verlegen. Ssemjonow hockte regungslos zusammengekauert und blickte starr in die Flamme der Lampe. Seine dünnen rissigen Lippen waren fest aufeinandergepreßt und von der Seite sah Lande ein glänzendes Auge, in dem sich die gelbe Flamme der Lampe wiederspiegelte. Manchmal kam es ihm vor, daß Ssemjonow gar nicht auf ihn höre; dann wünschte er ihm ins Ohr zu schreien, ihn anzurufen, an der Schulter zu rütteln, voll Trauer und Verzweiflung. Doch mit Entsetzen bemerkte er, daß dieses einsame Leiden taub und verschlossen blieb, wie der Deckel eines eisernen Sarges, der ebenso kühl und stumm ist und ein furchtbares Geheimnis in sich birgt, das ihm allein offenbar ist.
„Wassja, ich weiß doch, du glaubtest!“ rief Lande. „Erinnerst du dich, wie glücklich und frei wir waren, als wir von Gott, vom ewigen Leben, von den ewigen Freuden sprachen! ... Warum schweigst du denn, Wassja? ... Sage doch etwas!“
„Höre, Lande ...“ erwiderte Ssemjonow plötzlich, ohne den Kopf zu heben, als ob er einen verborgenen Ausdruck seines Gesichts vor ihm verstecken müßte. Er sprach auch nicht wie sonst, oberflächlich und ironisch, sondern mit bemitleidenswerter und ratloser Stimme, mit kindisch schluchzenden Tönen. — „Ich wollte dir sagen, Lande ... ich möchte gar nicht sterben! ...“
Ein feiner Gram weinte und flehte aus jedem Wort; seine Stimme grub sich scharf in die Ohren.
„Ich möchte nicht, Lande ... Mag alles so sein, vielleicht ... und ich ... komme nur früher als ihr ... zum gemeinsamen Ziel ... Mag auch Gott und alles sein ... aber ... aber ich möchte doch nicht sterben, Lande! ... Um das Leben schmerzt es mich, um dich, um mich, die Sonne, das Gras ... um alles schmerzt es mich. Vielleicht sehe ich es nie mehr wieder ... Lande!“
Lande weinte; dicke Tränen flossen über sein gespanntes Gesicht und die Hände bewegten sich ohnmächtig hin und her.
Ssemjonow schwieg. Dann setzte er sich auf, während er in seinem dünnen, hellen Kinnbart kraute, überlegte ein wenig, und fiel wieder zurück. Sein gerunzeltes Gesicht veränderte sich auf einmal; wurde trocken und gelb.
„Ein Dummkopf bist du, Lande!“ sagte er mit einem boshaften Lächeln: „glaubst du denn wirklich, daß all dieses dumme Zeug über Gott irgend eine Bedeutung haben kann, wenn man tatsächlich ans Sterben kommt? ... Es ist ja ganz tröstlich und behaglich, über Unsterblichkeit nachzudenken ... man muß darüber denken, um zu leben. Aber wenn man stirbt und weder vor noch hinter sich irgend einen Gott sieht ... da läßt man sich nicht betrügen ... es hat auch keinen Zweck ... Rede nur nicht weiter! ... Es regt mich bloß auf!“
Die letzten Worte rief er mit dünner und böser Stimme, sein Unterkiefer klappte unaufhaltsam gegen den oberen.
„Da leide ich ... kannst mir glauben, daß ich nicht zum Scherz die Schmerzen habe —“ auf sein Gesicht trat ein krummes Lächeln. „Mein Leben ist schon zu Ende, alle Freuden, Sinn ... alles zu Ende! ... Nur das Leiden allein ist geblieben ... Man könnte glauben, hier wäre dein Gott vor allem nötig ... Sonst ist das Leiden sinnlos! ... Aber wo bleibt nun dein Gott? ... Warum zeigt er sich jetzt nicht? ... Wenn ich im Todeskampf liege und meine Beine kalt werden ... vor meinen Augen, bei vollem Bewußtsein kalt werden ... Verstehst du es? ... Ach, auch dann werde ich immer noch nicht wissen, ob es wahr ist, ob es einen Gott gibt! ... Wozu sollte ich es auch wissen.“
Ssemjonows Stimme pfiff und kreischte auf, bohrte sich in die Wände und brach plötzlich ab. Er wurde blaß, sperrte wild die Augen auf, zitterte am ganzen Körper, und mit einem Mal riß ein abgerissenes, feuchtes Husten sein von Angst, Haß und Schmerz verzerrtes Gesicht fast in Stücke.
Lande ergriff ihn und stützte ihn mit zitternden Händen. Ssemjonow rollte ihm seine Augen, ungeheuer vergrößert wie das Leiden selbst, entgegen; er strengte sich noch immer an, weiter zu reden.
„Ah, also was für einen Wert hat dann noch dein Gott!“ sagte er, nachdem er aufgeatmet hatte, und schielte erregt auf das Taschentuch, in dem Schleim und Blut klebte. „Für einen lebenden Menschen. Der Mensch erkennt ihn also, falls er überhaupt existiert, nur dann, wenn alles Menschliche in ihm ... alles Lebendige bereits gestorben ist ... wenn der Mensch nicht mehr da ist, nur eine Leiche ist, aber kein Mensch ... Gehe schlafen ... Ich lösche die Lampe aus ...“
Lande antwortete nichts; er fühlte sich unfähig, sein Gefühl und seinen Glauben einem anderen Menschen mitzuteilen, der zwei Schritt neben ihm bitter litt.
Ssemjonow blicke ihn scharf an und lächelte mit selbstquälerischem Genuß.
„Weißt du, worüber ich heute nachgedacht habe, Lande?“ begann er in seinem gewöhnlichen Ton, indem er den Mund spitz verzog. „Daß alle Menschen meine Brüder sind und daher wirklich kommen werden, um mir ihre letzten brüderlichen Küsse zu geben ... Nun will ich dir aber sagen,“ er strengte sich wirklich an, die Rückkehr des Wutanfalls zurückzuhalten, „daß, wenn mich irgend etwas trösten kann, es nur noch das ist, daß dann alle an mir verrecken werden!“
Er warf sich ins Bett zurück, und, klein, schmächtig, wie ein geschlachtetes Huhn, erstarrte er.
Lande löschte die Lampe aus und legte sich, ohne sich auszukleiden, nieder, das Gesicht in die Kissen gepreßt. In dieser Nacht schlief er nicht ein; sie verstrich für ihn fast unmerklich, als ob er außerhalb jeder Zeit stünde. Ohne Schlaf und Ruhe dachte er darüber nach, daß er selbst nicht weit genug in seinen freudevollen Glauben gedrungen und vertieft war, da er nicht die Kraft hatte, ihn anderen mitzuteilen. Noch litt er selber, wenn auch nur an fremdem Schmerz, noch verlangte er selber nach Gnade, Erlösung und Heilung, wenn auch nur für einen anderen. Zum ersten Mal stieg in ihm der Gedanke auf, daß das Leben für seinen schwachen Geist bunt und sonderlich sei; in seinem Glänzen und Flackern verlor er das wahre Licht. Nur Einsamkeit, konzentriertes Vertiefen in die eigene Seele konnte ihm die Klarheit und Festigkeit im Glauben, die in ihm durch Mitleiden ins Wanken kam, wiedergeben.
Dieser Gedanke, erst undeutlich und unbestimmt, legte sich ihm aufs Herz.

VIII


Jedesmal, wenn Marja Nikolajewna Lande sah, erfaßte sie eine frische, zärtliche Regung, die ihre Seele wie stilles, klares Morgenlicht erwärmte. Sie mochte erregt sein, sich langweilen, sich nach irgend etwas unklar und gierig sehnen, — im Augenblick, wo sie Lande mit seinen vertrauensvollen, guten Kinderaugen begegnete, wurde sie ruhig.
Dieses Gefühl klarer, heiterer Ruhe bemächtigte sich ihrer besonders stark an einem hellen und warmen Abend, fast einen Monat nach Landes Ankunft, als sie beide zur Stadt hinaus spazieren gingen.
Gleich an die letzten fast zur Erde geneigten Häuser des Außenviertels schlossen sich breite Flächen weißen Streusandes an. Die Sonne ging weit hinten unter; ihre langen Schatten liefen voran, hoben unnatürlich hoch die Füße, als ob sie ihnen, wie unendliche schwarze Pfeile, den Weg weisen müßten. In weiter Ferne, mitten im leeren Feld, saß auf den Hügeln ein Mensch, der sich, hell von der niedrigen Sonne beleuchtet, deutlich von dem blauen Himmel abhob.
„Da sitzt Molotschajew!“ sagte Marja Nikolajewna.
Man konnte sehen, daß sich der Maler über eine kleine Staffelei, die komisch auf den dünnen spitzigen Beinchen stand, beugte.
„Gefällt Ihnen Molotschajew?“ fragte Marja Nikolajewna, und das Gefühl in ihr erwartete gerade jene ruhige, gute Antwort, die, wie ihr schien, nur Lande allein zu geben vermochte.
Lande lächelte.
„Mir gefallen alle ...“ sagte er. „Alle Menschen sind im Grunde genommen gleich, und wer den Menschen im allgemeinen liebt, der liebt auch alle und jeden ...“
„Aber es gibt doch bessere und schlechtere Menschen?“
„Nein, das glaube ich nicht ... Das meint man nur so, wenn man die Menschen nicht nach den guten Gefühlen bewertet, die in jedem enthalten sind, wie er auch sonst sein mag, sondern in seinem Verhältnis zu einzelnen Tatsachen, die man gerade von seinem persönlichen Standpunkt aus für gut hält ... Das ist doch ungerecht ... Man muß von seiner Unfehlbarkeit sehr überzeugt sein, um so zu urteilen! Ja ... jeder Mensch besitzt Liebe, Herzensgüte, Feinfühligkeit, Ehrlichkeit, Selbstaufopferung — alles, woran nur die Menschenseele reich sein kann. Nur die Lebensverhältnisse der Menschen sind ungleich, und daher können sich diese Gefühle nicht in einer Richtung entwickeln ... Niemandem kann es aber ein Vergnügen machen, so einfach, um des Gefühls willen, böse, neidisch, grausam, gierig zu sein ...“
„Mir aber macht es manchmal Vergnügen, grausam zu sein ...“ erwiderte Marja Nikolajewna nachdenklich.
Mit liebevoller Zärtlichkeit sah Lande von der Seite auf ihre schlanke, abgerundete Gestalt und das zarte, durchsichtige Profil, das stets traurig aussah, wie auch in Wirklichkeit der Gesichtsausdruck sein mochte.
„Das wäre doch wirklich ein quälendes Vergnügen ...“ sagte er. „Eine richtige, ruhige Freude an Grausamkeit kann auch der verstockteste Bösewicht nicht haben, wenn er nicht gerade geisteskrank — also — eigentlich kein Mensch mehr ist. Jeder Mensch muß stets etwas lieben, bemitleiden, sich für etwas aufopfern; stets wird er sich einen Gott schaffen, weil Gott in seiner Seele lebt. Und nicht er ist daran schuld, wenn das Leben sein Gefühl nicht auf den richtigen Weg führt ... Das hängt nur von den äußeren Umständen, von der Richtung ab, in der das Leben zufällig fließt. Auch hier ... Molotschajew! — Er liebt leidenschaftlich seine Kunst, die Schönheit; ich weiß, er würde zu jedem Opfer für sie bereit sein. Folglich liegt in ihm die Fähigkeit zu lieben — und eine große Fähigkeit — verborgen. Ein Zufall, ein anderer Antrieb — und seine ungeheure Liebe fließt in eine neue Form, und aus diesem ... von unserem Standpunkt aus scheinbar beschränkten hohen Künstler wird ein Mann der großen Tat, ein Menschenfreund ... alles!“
„Sie glauben an die Menschen!“ sagte leise Marja Nikolajewna.
„Ja, ich glaube!“ antwortete Lande fest.
„Was gibt Ihnen diesen Glauben?“ aus irgend einem Grunde schämte sie sich sofort ihrer Frage.
„Der Glaube an Gott!“ antwortete Lande im gleichen Ton, als ob er nur fortzufahren hätte. „Ich glaube, ich empfinde es, daß der Geist Gottes, den Gott in das Chaos warf, um sich ähnliches zu schaffen, durch den Menschen hindurchgeht, damit er Gottes Wunsch erfülle, hindurchgeht, damit die große Einsamkeit Gottes erleichtert sei ... Ich kann es nicht ausdrücken, aber ich glaube an den Menschen, als den Anfang des Zukünftigen ... Ich glaube!“
Lande verstummte in starker Erregung und lächelte nervös, seine feuchten, glänzenden Augen leuchteten, er knackte die mageren, schwachen Finger durch.
Seine Aufregung teilte sich eigentümlicherweise dem Mädchen mit.
„Aber der Tod?“ fragte sie mit unklarer Beängstigung, schon dadurch ihre eigenen Gedanken beantwortend.
„Fürchten Sie den Tod?“ fragte Lande statt einer Antwort.
„Ich fürchte!“ aber als Marja Nikolajewna ihre gedehnte Stimme vernahm, mußte sie selbst lachen.
Sie hatten sich langsam den dunklen Streifen einer dicken Fichtenschonung genähert; jetzt hallte Marja Nikolajewnas Lachen klingend von dort wieder.
„Nein, Sie fürchten ihn nicht!“ auch Lande lachte freudig. „Und es ist auch nicht möglich, den Tod an sich zu fürchten ... Nichts in der Welt hat Angst vor dem Tode, als der Mensch allein, und auch er fürchtete nicht den Tod, sondern die Ungewißheit. Die Furcht vor dem Tode — das ist die Müdigkeit des schwachen Geistes, der in der ohnmächtigen Anstrengung erschöpft wurde, vorzeitig in das Geheimnis einzudringen. Ich glaube überhaupt nicht, daß es einen Tod gibt!“
Sie kamen in die harzduftende Dämmerung der ersten, grünen Fichtenstämmchen. Zwischen ihnen war es ganz dunkel, als ob es schon Abend wäre. Nadelzweige wiegten sich leise über dem grünen Gras am Wege. Irgend ein Vogel flatterte lautlos von Wurzel zu Wurzel; ein Zweig brach, der Wind strich durch.
„Sie glauben also an ein Leben nach dem Tode?“ fragte Marja Nikolajewna mit kindischer, inkonsequenter Neugierde.
„Ich fühle nur, daß ich nicht spurlos vernichtet werden kann ...“ antwortete Lande, gar nicht erstaunt über ihre Frage. „Was es aber sein wird, das weiß ich nicht. Überlegen und vorstellen kann sich der Mensch nur etwas, das in den Grenzen seines gegenwärtigen Daseins, seiner irdischen Vernunft und Empfindung vorhanden ist. Man kann sich nicht ewiges Leben vorstellen, weil es außerhalb unseres körperlichen Lebens liegt. Unser Körper erfaßt es nicht, er zwingt es zu sich, reduziert es bis auf seine Größe ... Man kann es nur ahnen.“
„Das verstehe ich nicht ...“ erwiderte das Mädchen zaghaft. „Wenn es existierte, so wäre es sonderbar ...“
„Nein, nicht sonderbar. Was sollte daran sonderbar sein, daß Sie nicht imstande sind, sich eine große Ahnung zu erklären, da wir doch selbst Gefühle, die in unserem Körper spielen, noch nicht erklären können ... Was ist denn Liebe? ... Und sie kommt Ihnen gewiß nicht sonderbar vor? ...“
„Liebe? Ja, die Liebe! ...“ Sie wiederholte das Wort leise für sich.
„Ewigkeit und Unendlichkeit, das sind die größten Eigenschaften des Geistes Gottes ...“ sprach Lande verträumt. „Noch so weit ist der Mensch von der Aufnahme dieser letzten Geheimnisse entfernt ... Und wenn einmal ...“
„Wer ist das?“ rief Marja Nikolajewna erschrocken, und blieb stehen.
Zwei Menschen traten hinter den Büschen hervor und kamen ihnen entgegen. Ihre abgehobenen, bunten Gestalten glitten lautlos in der grünen, feuchten Dämmerung des Waldes über die Erde. Sie näherten sich ohne Eile, fast langsam, mit herabbaumelnden Händen, aber etwas Besonderes, Beunruhigendes, wie eine versteckte Drohung, ging von ihnen aus.
Lande erhob ruhig den Kopf und blickte sie an. „Tkatschow!“ rief er verwundert.
Einige Schritte vor ihnen blieben die Beiden stehen und sahen sich finster nach allen Seiten um. Dieses unruhige Umsehen in der heiteren, stillen Dämmerung wirkte unnatürlich und furchterregend.
„Wir müssen fortlaufen!“ flüsterte Marja Nikolajewna entsetzt dicht in Landes Ohr.
Er erkannte ihre angehaltene, vertrocknete Stimme nicht wieder und sah sich verwundert nach ihr um.
Tkatschow — schwarz und farblos, in einer zerrissenen Jacke über dem Hemd, blieb auf dem Fleck stehen; der andere trat mit nackten Füßen gewandt auf sie zu. Für ihr ganzes Leben blieben Marja Nikolajewna seine bloßen, weit gespreizten Zehen, zwischen die sich Nadeln und die Spitzen des zartgrünen Grases schoben, im Gedächtnis eingeprägt.
„Langt wohl für ein Gläschen, was?“ sagte der Mann frech und streckte ihnen eine grobe Hand entgegen.
Marja Nikolajewna klammerte sich krampfhaft an Landes Ellbogen und schmiegte sich direkt an ihn. Tkatschow bewegte sich nicht.
„Na, wird’s bald?“ wiederholte der Barfüßler drohend.
Lande zog mit der freien Hand linkisch die Börse heraus. „Hier ...“ sagte er, dem Landstreicher ernst in die Augen blickend.
Tkatschow lächelte ihm von weitem höhnisch zu.
„Warum so wenig?“ fragte hastig der Barfüßler, während er die Börse rasch verschwinden ließ. „Gib das Jackett her ... Aber rasch ... Sie sollten lieber beiseite gehen, Fräulein ... Das schickt sich vielleicht nicht!“ fügte er höhnend hinzu.
Mit weit aufgerissenen Augen, und am ganzen Körper zitternd, stand Marja Nikolajewna halb abgewendet am Weg. Lande lächelte wieder traurig, zog das Jackett aus, und in dem alten Hemd, mit schlecht gebügelten Fältchen auf der Brust, wurde er noch magerer und schwächlicher.
„Die Hose ist viel zu gut,“ sagte der Barfüßler, wobei er sich unruhig umsah und das Jackett dicht vor der Nase Landes schüttelte. „Immer runter mit ihr.“
„Sie haben sie notwendig?“ erwiderte Lande ruhig, setzte sich aber gleich aufs Gras. „Gehen Sie, Marja Nikolajewna ... Gott mit Ihnen ...“
Plötzlich packte Marja Nikolajewna ein Anfall nervösen, wahnsinnigen Lachens. Als ob ihr jemand zum Scherz, aber stark die Kehle zudrückte, war ihr angstvoll und doch gleichzeitig lächerlich zumute. Der halbentkleidete Lande saß mit ernstem, weichem Gesicht auf dem Boden, und der Landstreicher zog an seinem Hosenbein. Tkatschow bewegte sich und stieß einen eigentümlich heiseren Laut aus, aber niemand wandte sich um; er zuckte mit einer Schulter, als ob ihm kalt würde, und stand wieder starr auf seinem Fleck, den Blick unverwandt auf Lande gerichtet.
„Gehen Sie, Marja Nikolajewna!“ wiederholte Lande.
„Na, Fräulein ... warten Sie mal!“ rief der Barfüßler hastig. „Was haben Sie denn da?“ Er griff mit der Hand nach ihrer Brust, wo eine lange Uhrkette schaukelte.
Etwas Entsetzliches, Widerwärtig-Grobes lag für das Mädchen in dieser Bewegung. Wie eine Schlange sich windend, glitt es zur Seite; dann mit einem Mal stürzte es, das Kleid hoch und wundervoll unordentlich gerafft, die Straße hinunter, als ob der Wind eine große Blume erfaßt hätte und dahintrüge.
„Wohin?“ rief kurz der Landstreicher und, Lande das Jackett gerade über den Kopf schleudernd, sprang er, gewandt und leicht, wie ein Raubtier an ihm vorbei, hinter dem Mädchen her. Im selben Augenblick durchzuckte ein wilder Schrei, scharf und fein wie eine Nadel, den Wald und bohrte sich hoch in den dunkel gewordenen Himmel ein.
Diesen Schrei hörte Molotschajew, der hinter einer Wegesbiegung daherkam. Mit der blitzschnellen, instinktiven Entschlossenheit, die ihm eigen war, warf er Kasten und Staffelei beiseite und rannte vorwärts. Der Barfüßler erblickte ihn früher als die anderen. Im Sprunge blieb er stehen, glitt ins Gras und duckte sich zur Erde, blickte eine Sekunde lang Molotschajew mit glühenden Pupillen an und schnellte plötzlich in die Büsche, ein paar Zweige krachend zu Boden schlagend. Marja Nikolajewna lief gegen einen Baumstamm und blieb, am ganzen Körper zerschlagen, mit aufgelöstem Haare und blöden Augen, stehen, ohne in dem Augenblick zu wissen, was sich mit ihr zutrug. Schwer atmend rannte Molotschajew in großen Sätzen an ihr vorbei, achtete nicht auf Lande, der ganz weiß, dünn und schwächlich auf dem Gras am Rande des Weges stand, sondern stürzte sich sofort auf Tkatschow. Tkatschow hatte ihn schon von weitem bemerkt; einen Augenblick schien es, daß er ebenfalls weglaufen würde; er blieb aber stehen, zog sich ganz in sich zusammen und wartete schwarz und trotzig auf den heranstürmenden Molotschajew. Schweigend lief der auf ihn zu, und ehe Tkatschow eine Bewegung machen konnte, schwang er breit die Faust in die Höhe und schlug ihm mit furchtbarer Kraft mitten ins Gesicht. Tkatschow ächzte leise, erschrocken, warf die Hände hoch; seine Mütze rutschte über seinen Rücken herunter, er fiel, schwer und fest, auf die Kniee. Ein zweiter Schlag traf ihn von oben auf den Kopf; zur Seite geneigt, den Kopf gegen die Erde gestoßen, eigentümlich und ungelenkig brach er auf dem Weg zusammen.
„Molotschajew, Molotschajew!“ rief Lande gellend und wie er da stand, nur in seinem Hemde, stürzte er auf ihn zu und ergriff ihn an der Hand. „Lassen Sie ihn!“
Molotschajew senkte die Arme; er atmete schwer, war rot und aufgeregt. Lande ließ sich eilig in die Kniee nieder und bemühte sich, Tkatschow aufzurichten. Der Geschlagene regte sich nicht; auf dem dünnen und langen Hals schwankte sein Kopf dicht über dem Boden hilflos hin und her.
„Sie haben ihn totgeschlagen!“ stammelte Lande mit Entsetzen.
„Wenn schon. Hat’s nicht viel besser verdient!“ erwiderte Molotschajew grob.
Doch Tkatschow stützte sich plötzlich mit den Händen auf den Boden und stand auf. Über sein Gesicht floß dickes Blut, an der Schläfe blieb Erde kleben; die ganze linke Gesichtsseite und die Nase hatten eine entsetzliche, schmutzig rote Farbe.
„Na, wieder zu sich gekommen ... Wird es sich wohl für ein anderes Mal merken!“ Molotschajews Fäuste zitterten und ballten sich zusammen, als hätte er den dringenden Wunsch, wieder zuzuschlagen.
Lande hörte nicht auf ihn; er nahm aus der Tasche seiner Hose, die auf dem Grase lag, das Taschentuch heraus und steckte es Tkatschow zu.
„Wischen Sie ... das Blut ... Ach, mein Gott, was ist das!“ stammelte er zusammenhanglos, mit unendlichem Entsetzen und Schmerz.
Tkatschow regte sich nicht, nahm auch das Taschentuch nicht. Das eine Auge war schon angeschwollen; und vom Kinn und den zerschlagenen Lippen troff Blut auf den fettverschlissenen Jackettaufschlag herab.
„Noch viel Geschichten mit ihm machen!“ meinte Molotschajew gleichgültig. „Ich werde ihn lieber dahin bringen, wo er hingehört, das wird besser sein ... He, da! Komm mit, aber schleunigst,“ er packte Tkatschow grob am Kragen und gab ihm einen Stoß, daß er ohnmächtig zwei Schritt vorwärts machte und ausglitt.
„Aber lassen Sie ihn doch!“ rief Lande zornig und stürzte sich mit seinem ganzen schwachen Körper auf Molotschajews Hand.
Molotschajew sah ihn verwundert und wütend an. „Weshalb spielen Sie hier den Narren, zum Teufel!“ fuhr er auf, aber plötzlich ließ er seine Hand sinken, sah schweigend den entkleideten Lande an, stieß die Luft durch die Nase und brach dann in donnerndes Gelächter aus. Marja Nikolajewna, die selbst nicht bemerkt hatte, daß sie auf sie zugekommen waren, warf erst einen erstaunten Blick auf Molotschajew, dann auf Lande, besann sich aber und, bis an die Ohren errötend, wandte sie sich schnell ab und ging den Weg entlang.
„Ach, Sie Hansnarr, Sie komischer!“ rief Molotschajew lachend.
Plötzlich verzerrte sich die schwarze, blutige Fratze Tkatschows und er lachte selbst heiser und böse, während er gleichzeitig Blut spie. Dieses Lachen des Geschlagenen war widerwärtig und schrecklich. Lande sah auf; er lächelte ruhig und traurig, wie immer.
„Aber so ziehen Sie sich doch an, zum Teufel!“ schrie Molotschajew, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging auf das Mädchen zu.
Lande schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, als ob er gar nicht existiere.
Tkatschow hörte mit dem Lachen auf, warf einen halben Blick auf Lande, dann auf den fortgehenden Molotschajew, wandte sich um und ging langsam davon.
„Tkatschow!“ rief Lande.
Tkatschow blieb stehen, wandte sich aber kaum um. Lande kam auf ihn zu.
„Tkatschow,“ sagte er mit flehendem Ton, seinen Arm berührend, „Sie haben das absichtlich gemacht, ich sah es an Ihren Augen! ... Warum das, Tkatschow, warum?“
Tkatschow blickte ihn schwer und düster an, als ob er nichts verstanden hätte und an ganz etwas anderes dachte.
„Hast du einen echten Menschen gesehen?“ fragte er heiser. „Da, kannst ihn sehen!“ er riß den langen, dünnen Hals nach der Richtung Molotschajews herum. „Das ist ein Kerl ... eine Kraft! ... Und du ... du bist so, ein Stück Dreck bloß! Zu nichts taugst du!“
„Mag sein,“ gab Lande zu, — „aber trotzdem, warum hassen Sie mich so? Wirklich nur, weil ich minderwertiger bin, als er?“
Tkatschow erwiderte: „Deswegen, weil ich so viele Jahre an dich geglaubt hatte! Bin selber, siehst du, dazu gekommen ...“ er schlug sich bitter gegen die zerschlagene Backe, — „und sehe jetzt, daß ich ein Schafkopf war, glaubte den süßen Schwindel. Aber mein Leben — wo ist es, he? Ist vorbei ... Ich sollte jetzt vielleicht ein Mensch sein, und bin ... Jetzt verstehst du es vielleicht? Du! ... Ihm aber ... dem bezahle ich’s noch! ...“ fügte er plötzlich hinzu und schwenkte mit ohnmächtigem Haß die schwarze Faust. — „Und wenn ich selber zum Teufel gehe, er soll an mich denken! ... Wart’ nur!“
Tkatschow drehte sich schnell um und ging fort. Lande kam es vor, als ob er noch weiter heiser vor sich hinbrummte; aber Tkatschow wandte sich nicht mehr um und verlor sich bald im grünen Walddunkel. Lande sah ihm lange nach, rang mit tiefer, ratloser Verzweiflung seine Hände, seufzte, zog sich langsam an, und schritt dann aus, um Marja Nikolajewna und Molotschajew einzuholen.
„Jetzt ist er verzweifelt; aber wenn er sich beruhigt, finde ich ihn noch ...“ schwirrte es trübe durch seinen Kopf.
„Hier habe ich Ihren Schrei gehört!“ erzählte lebhaft der Maler, indem er Kasten und Staffelei am Wege aufhob. „Ich habe Sie schon vorher bemerkt und wollte Sie einholen, hatte aber den Spachtel verloren und mußte erst lange suchen ... Nun, Gott sei Dank, ich bin doch noch zur rechten Zeit gekommen!“
Marja Nikolajewna sah sich kaum um, als sie Lande hinter sich fühlte. Er lächelte ihr vertrauensvoll und zärtlich zu, sie wandte sich aber schnell ab und mußte sich anstrengen, einen neuen Anfall ihres nervösen Lachens zu unterdrücken. In diesem Augenblick kam ihr Lande nur armselig und lächerlich vor.
Molotschajew sah ihn ebenfalls von oben bis unten an und sagte mit schadenfroher Verachtung:
„Ach, Sie! ... Held!“
„Ich bin kein Held!“ Lande machte eine wegwerfende Handbewegung mit einer bei ihm seltenen Aufwallung.
„Das merkt man!“ Molotschajew kleckste höhnisch.
Den ganzen Weg über machte er sich in grober und brutaler Weise über Lande lustig und erzählte mit prahlerischem Vergnügen von seiner ungeheuren körperlichen Kraft. Lande lächelte traurig, Marja Nikolajewna aber blickte mit einem eigentümlichen Gefühl physischer Neugierde von der Seite auf Molotschajew, und ihre feinen Nüstern, die, wie bei einem Rassepferd durchsichtig waren, blähten sich ein wenig. Er war ihr interessant und doch auch etwas widerlich.

IX


Es war noch finster, der Mond war noch nicht aufgegangen, als sich Lande seiner Wohnung näherte. Er dachte unablässig über Tkatschow nach; seine Gedanken waren eigentümlich starr und schneidend.
... Als er mich auslachte, litt er mehr als ich, ich sah es ... Das ist entsetzlich, aber wer hat Schuld, ich oder er ... oder irgend einer außer uns beiden? ... Ich weiß nicht ... Man muß kämpfen, aber wie kämpfen, wenn ich nicht einmal weiß, woher es kommt? ...
Es war still. Lande ging und starrte mit Augen, die nichts sahen, auf die dunkle Erde, die langsam unter seinen Füßen nach hinten glitt.
„Pa—a!“ schrie irgendwo in der Nähe verzweifelt, schmerzlich flehend ein Kind; plötzlich lebte die ganze öde, dunkle Straße in wilden, gräßlichen Tönen auf.
„Papa ... ich tu’s nicht wieder ... Papachen!“ schrie hilflos das Kind; es schien sich zu wehren.
„Tust es nicht? ... Tust es nicht? ... Tust es nicht? ...“ knarrte gleichmäßig eine abgerissene und fast ausgetrocknete Baßstimme, immer höher und nachdrücklicher im Ton. Es war, als ob in den kurzen Zwischenräumen von einem Wortfetzen zum anderen etwas Grauenhaftes geschah.
Unter einem Fenster stand jemand und lauschte gespannt. Der dünne, blasse Schatten eines jungen Mädchens mit weißem Gesichtchen und großen, bang glänzenden Augen schwankte eigentümlich undeutlich in der Dämmerung.
„Sind Sie das, Ssonja?“ Lande erkannte Ssemjonows Schwester und faßte ihre magere Hand. „Was geht hier vor?“
„Sie hören, er schlägt es tot!“ erwiderte sie mit eigenartiger, halb kindlicher, halb weiblicher Stimme; mit einer Bewegung grausamer, wilder Neugierde reckte sie den Hals zum Fenster hoch.
Lande, der sich nur mit Mühe von seinen Gedanken losreißen konnte, begriff im Augenblick alles, ächzte auf, rannte kopfüber in den Hof hinein, wobei er mit dem Knie gegen einen in der Finsternis unsichtbaren Holzpfahl stieß, sprang die Stufen hinauf und riß die Tür zum Zimmer auf.
Dort brannte groß und hell eine Lampe und warf eine Garbe goldiger Funken in einen Haufen Heiligenbilder, die in einer Ecke bis an die Decke aufgetürmt waren. Und in der Mitte des Zimmers stand, mit dem Gesicht zur Tür, in einer sonderbaren, fast wollüstig vornübergebeugten Stellung, Firsow ohne Rock, nur in der Uniformweste mit den kleinen glänzenden Metallknöpfen, und schlug, gleichmäßig durchziehend, mit einem langen, schmalen Riemen über einen geröteten schmalen Hinterteil, den er zwischen seinen langen, eckigen Knien fest eingeklemmt hielt.
„Tust es nicht wieder! Tust es nicht wieder!“ wiederholte er mit schneidender Stimme und schlug in den Zwischenräumen von einem Ausruf zum anderen klatschend und genußsüchtig mit dem Riemen, der in dunklen Streifen das zartrosige abgerundete Fleisch durchschnitt, darauf los.
Eine kalte, neblige Welle schlug Lande durch den Kopf, und ehe er sich besinnen konnte, was zu tun wäre, stürzte er, fast hingerissen von Wut, auf Firsow zu, ergriff die dünne, sehnige Hand und stieß ihn aus voller Kraft gegen die Brust. Firsow schlug mit den ausgleitenden Beinen hoch, ließ Riemen und Kind fallen, klammerte sich aber noch rechtzeitig an den Tisch. Es klirrte etwas und zerschlug am Boden.
„Was ist das wieder? Was wollen Sie?“ brüllte er, die Fäuste ballend.
Lande drückte das laut weinende Kind an sich und blickte Firsow mit weitgeöffneten, zornigen Augen entgegen.
„Firsow, kommen Sie zu sich!“ sagte er mit zitternden Lippen, aber mit eigentümlich unbesiegbarer Kraft.
Eine Minute lang blickte ihm Firsow halb wahnsinnig in die Augen und erkannte ihn nicht; dann wurde er plötzlich tiefrot; im gleichen Moment erlosch das düstere, wilde Feuer, das in seinen geöffneten Augen brannte. Er strich sich krampfhaft über den Kopf, und murmelte.
„Aah, Sie sind es, Iwan Ferapontowitsch! ... Entschuldigen Sie ... ich ...“
„Wieder, Firsow, wieder! Schämen Sie sich denn nicht; fürchten Sie nicht die Sünde!“
Er wandte sich um und schob das Kind Ssonja zu, die schweigend in der Tür stand.
Das gelbe lange Gesicht Firsows wurde kupferrot.
„Erlauben Sie, Iwan Ferapontowitsch ...“ sagte er heiser. „Sie können nicht wissen ... ich habe nicht ohne Grund ...“
„Welchen Grund könnte es dafür geben!“ rief Lande mit der früheren Kraft und mit zorniger Verachtung. „Kein Grund kann solchen Greuel rechtfertigen!“
Firsow trat plötzlich auf ihn zu und erhob seine knochige, zitternde Hand.
„Nein, doch!“ rief er, indem er die gelben Wurzeln der abgenützten Zähne zeigte und die Augen wieder weit aufriß. „Wissen Sie denn, was dieser Lausebengel hier getan hat? Wissen Sie es?“ Er stieß die Worte mit wachsendem Triumph aus.
„Was?“
„So, ‚was‘! Hier, bitte, Sie können es bewundern!“ Firsow trat siegesfreudig zur Seite und steckte den ausgestreckten langen Finger zwischen die Heiligenbilder.
Lande blickte hin, verstand aber nichts; er sah anfangs nur einen Kasten mit Farben, einen Pinsel und ein Glas voll schmutzigen, grünen Wassers.
„Was?“ wiederholte er.
„Hier!“ rief Firsow wieder mit dem gleichen Triumph und riß Lande am Arm zu den Heiligenbildern hin.