Millionen (continued 3)
Reading edition
„Bei dir ist es etwas anderes,“ erwiderte Mishujew ein wenig traurig, „du bist berühmt, aber du bist vor allen Dingen ein Dichter, das heißt ein Mensch, der die Menschen nur durch die Kraft seiner eigenen Seele bezwingt und an sich lockt. Wenn ich wüßte, daß es in Rußland so viele Jünglinge gibt, die es für ein besonderes Glück halten, gar nicht mal mit mir zu sprechen, sondern mich allein nur sehen, mir scheint, ich wäre ganz hingerissen von dieser jungen Welle. Dann würde ich vielleicht glücklich sein ...“
„Dafür gibt es viele Menschen, denen du hilfst ...“
„Das ist nicht das richtige!“ Mishujew schüttelte den schweren Kopf, „ich schaffe doch nicht selbst dieses Geld, am Ende gehört es ihnen doch, und dann — — ich weiß: Auch die, denen ich wenig Geld gebe, hassen mich, und die, die viel bekommen, sind böse, daß es nicht mehr ist; im Grunde sehen alle nur mit versteckter Feindseligkeit das Gute an, das ich mir selbst durch mein Geld verschaffen kann. Ihnen kommt es vor, als stehle, als vergeude ich ihr Gut, ihr Glück ...“
Ein tragischer Unterton erklang in Mishujews Stimme. Nikolajew blieb mitten im Zimmer stehen und wurde nachdenklich. Sein Gesicht wurde ernst und vertieft.
„Das ist vielleicht wahr, aber du hast dennoch Unrecht.“ Er warf sein Haar zurück, als hätte er etwas gefunden, was er beinahe verloren hatte.
Er erinnerte Mishujew, daß dieser seine Reichtümer, die ihm nun einmal an die Hand gekommen waren, auch fest in seiner Hand verschließen konnte. Ob ein Millionär, der die Arbeit von Massen anhäuft, eine Daseinsberechtigung hat oder nicht, gleichviel, Millionäre existieren und die Menschen sind nicht nur weit entfernt, sie zu töten; sie unterwerfen sich ihnen sogar. In der Gewalt eines jeden Millionärs liegt es, die größten Infamien zu begeben, oder aber Gutes zu tun. Mishujew hat das letztere gewählt; das können vernunftbegabte Menschen unmöglich mißverstehen.
Nikolajew belebte sich, während er redete, auf’s äußerste, seine Augen glänzten, er lächelte breit und freudig. Mishujew saß auf dem Divan, sah ihn mit feuchten Augen an und fühlte, wie in ihm etwas warmes aufwuchs, und die Hoffnung auf einen kommenden lichten Tag emporstieg. Er verlor sein gewöhnliches gespannt ungesundes Aussehen und wurde so zutraulich, wie ein gutmütiger Bär.
„Du hast in deiner Hand fast zehntausend Arbeiter,“ sagte Nikolajew mit einem glutenden Gefühl, das augenscheinlich seine ganze Seele durchströmte, und bemühte sich unwillkürlich, mit seiner Stimme die Klavierlaute und die stürmischen Koloraturen eines glänzenden Soprans, die aus dem Saal herüber drangen, zu übertönen.
„Aber sie haben nicht dich allein zum Herrn; dein Bruder besitzt sie ebensogut. Warum tat er denn nicht dasselbe wie du? ... Oder warum handelst du nicht so wie er? Jede Kopeke, die du für die Arbeiter hingibst, gibst du ihnen doch aus freien Stücken ... Zwingen kann dich niemand! Und meinst du, der Arbeiter, der weiß es nicht? ... Die wissen mehr, als wir beide!“
Mishujew schaute ihm naiv und vertrauensvoll ins Gesicht.
„Weißt du, als sich die Nachricht von deinem Selbstmord verbreitete, wollten es die Arbeiter nicht glauben ... Mir selbst hat ein alter Arbeiter mit Tränen gesagt: ‚Das ist nicht möglich ... ein solcher Mensch nimmt sich nicht das Leben. Da will er sich eben vor Feinden verborgen halten, und wenn es erst wieder an der Zeit ist, dann kommt er hervor und zeigt sich!‘ — — — Hier hast du es!“ schrie unwillkürlich Nikolajew aus, und seine Augen erglänzten in einer solchen Begeisterung, als ob er etwas Großes und Heiliges vor sich stehen sah.
Mishujew fühlte, wie seine Hände und Füße vor tiefster Freude und einem kaum erträglichen Glücksgefühl erzitterten. Er sah mit einem Male die unübersehbare Menge dieser ruhigen, zermarterten, hungrigen Arbeiter vor sich und erblickte ein ganzes Meer von Augen, die offen und vertrauensvoll auf ihn schauten. Er sah auch sich selbst, aber nicht als den schweren düsteren Menschen, der er stets war, sondern als energischen, tatbereiten Mann, der fest und sicher auf sein Ziel losgeht. Der scharfe Gedanke an ein untergegangenes persönliches Leben traf ihn wie ein Nadelstich, aber der augenblickliche Schmerz versank sofort in einer grellen Flut machtvoller Empfindungen.
„Ach, Bruder,“ sagte er mit zitternder Stimme, „nicht umsonst dachte ich soviel an dich und sehnte mich nach diesem Wiedersehen!“
Nikolajew, dessen Augen noch immer glänzten und der aussah, als ob er auf etwas in sich lauschte, lächelte selig und froh.
Sie schwiegen lange, jeder von seinen starken Gedanken erfüllt. Hinter der Tür zerfloß eine prächtige glanzvolle Stimme. Es schien gar nicht eine Frau zu sein, die dort sang.
Beim Souper in dem hellen eleganten Speisezimmer, am Tische, der mit glänzenden Flaschen und frischen Blumen vollbestellt war, saßen Mishujew und Nikolajew so fröhlich und animiert wie noch nie. Alle anderen schwiegen und hörten ihnen ehrfurchtsvoll zu.
Nikolajew erzählte Mishujew von seiner Idee, eine neue Zeitschrift zu gründen, die die besten jungen Kräfte vereinigen sollte. Er schlug Mishujew vor, für dieses Unternehmen Geld zu geben, und dieser war mit Freude einverstanden.
Alles schien ihm jetzt herrlich, gut und voll Leben. Alles war von Nikolajew reflektiert und belebt; er ließ von ihm kein Auge.
Nikolajews Frau, eine bekannte Sängerin, die Frau mit den grauen Augen, nahm sich besonders der beiden an, machte sich in einem fort um Nikolajew zu schaffen, als umschlinge sie ihn mit ihrer Zärtlichkeit, Sorgfalt und Schönheit.
Sie scheint ihn wirklich aufrichtig zu lieben! dachte Mishujew und empfand jetzt auch zu ihr warme freundschaftliche Zuneigung. Was für Menschen versteht er, an sich zu ziehen? Nicht wie ich ... Er seufzte mit bitterem innerem Lächeln.
„Und was meinen Sie, Ssergej Petrowitsch,“ wandte sich ein Herr mit gefälligem Ausdruck in seinen feuchten jüdischen Augen an Nikolajew, „werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an Ihren ‚Lebenden Gedanken‘ einladen?“
„Darüber wird besser später entschieden werden,“ antwortete Nikolajew flüchtig, aber über sein Gesicht glitt ein unangenehmer Schatten.
Mishujew fiel es auf, daß eine Minute lang Schweigen eintrat, und daß in den großen Augen der Frau, die mit weißen Händen eine Schüssel reichte, ein scharfer feindseliger Ausdruck aufzuckte.
„Fürchtet er wirklich Tschetyrjow,“ dachte Mishujew mit grenzenlosem Staunen.
Er wußte, daß Tschetyrjow von vielen höher geschätzt wurde als Nikolajew, hätte aber niemals in Gedanken zugegeben, daß es für diesen irgend eine Bedeutung haben könnte. Ihm war der Gedanke an Neid und Feindseligkeit gegen einen Rivalen bei Nikolajew geradezu qualvoll, und er versuchte, sich aus diesem Argwohn selbst einen Vorwurf zu machen. Aber im selben Moment begegnete er dem Blick der grauen Augen, die gierig und unruhig auf Nikolajew ruhten und dachte mechanisch:
Diese Frau liebt ja Nikolajew nur, weil er berühmt ist ...
Dieser unerwartete Gedanke schnitt ihn schmerzlich durch das Herz. Aber die grauen Augen waren sofort wieder hell, zärtlich und eindringlich, und Nikolajew scherzte wie früher, lachte und seine Reden klangen dahinstürmend, wie immer. Mishujew konnte trotzdem die frühere Stimmung nicht mehr wiederfinden, als ihn die Pferde durch die leer gewordenen Straßen des schlafenden Moskau trugen. Mit finsteren Augen verfolgte er die schwarzen, im Laternenlicht schwankenden Gestalten der Prostituierten, die einsam an den Bürgersteigen standen; in seiner Seele wälzte sich schwer und ungelenk ein kranker, unheimlicher Gedanke.

XIV


Auf dem weißen Schnee als Hintergrund erschienen die untersetzten, verräucherten Fabrikgebäude, die schwarzen Schornsteine und Zäune und die Menge selbst, die sich wütend und zum Widerstand bereit auf dem Fabrikhof und den benachbarten Straßen hin- und herschob, grauschwarz, als ob sie sich im Schmutz gewälzt hätte.
Die Fabrik war in der Gewalt des Streikkomitees. Der Hof schien im Gewimmel der dichten Menge von Köpfen, der roten aufgeregten Gesichter und bewegten Arme, wie lebendig. Von der Direktion requirierte Truppen und Polizisten hatten sich in regelmäßigen grauen und schwarzen Linien an den beiden Straßenseiten aufgestellt; man sah schon von weitem, wie die Pferde unruhig die Köpfe schüttelten und graugekleidete Offiziere über den Schnee liefen.
Nur von der Moskwa her war noch ein Zugang freigeblieben, und von dort zogen in unaufhörlichen, ungeordneten Haufen immer neue Arbeiter heran.
Mishujew, den man telephonisch gerufen hatte, kam in einer einspännigen Droschke herbeigeeilt, und fuhr direkt in den Hof hinein. Er sah blaß aus und seine Lippen zitterten. Er war ganz plötzlich geweckt worden, so daß ihm keine Zeit geblieben war, zu überlegen, was er tun könne. Er fühlte nur den energischen Willen, alles in Ordnung zu bringen, und den Glauben, daß es ihm gelingen würde. Er verstand, daß er, wenn es überhaupt möglich wäre, auf die Arbeiter einzuwirken, der einzige sei, der in Betracht käme. Und zu dem Gefühl banger nervöser Aufregung gesellte sich das sichere Bewußtsein, daß die Arbeiter ihm folgen werden, und daß er die nahenden Greuel einer Zerstörung abwenden kann.
Schon in der Ferne hörte er das wachsende vielstimmige Brausen, das nur durch einzelne scharfe Ausrufe unterbrochen wurde. Als das Pferd in vollem Trabe ums Tor bog, betäubte ihn furchtbarer Lärm. Er sah eilig über die schwarze Masse der Köpfe und die roten Mauern des Gebäudes, aus dessen gesamten Fenstern Hände hervorgestreckt und geschwenkt wurden, erhob sich in der Droschke, die unter seinem Gewicht knarrte, und ließ sich dann wieder schwer niederfallen.
Bei seinem Erscheinen sank plötzlich der Lärm, und nur in den hinteren Reihen ertönte noch dumpfes Murren und einzelne Ausrufe. Auch aus den Direktionsfenstern wurde er bemerkt, und zwischen zwei Schutzleuten, die auf den obersten Steinstufen standen, erschien, blaß und kopflos, der Fabrikdirektor Schanz.
Eine plötzliche Welle riß Mishujew fort. Er ging rasch die Steinstufen hinauf, nahm den Hut ab und schwenkte ihn. Es wurde still, eine Menge roter, aufmerksamer, junger und alter Gesichter blickten ihn schweigend von unten an. Man konnte nur noch hören, wie in den hinteren Reihen und auf der Straße etwas aufbrauste und wie Wellenschlag auf- und niederwogte.
„Meine Herren,“ rief Mishujew laut und energisch, mit dem Gefühl, daß er gehört werden würde, „ich bin soeben zurückgekehrt und kenne die Angelegenheit nur in allgemeinen Zügen. Ich gehe sofort zu den Verhandlungen mit den Mitinhabern und der Direktion, und ich bitte Sie, bis zum Schluß dieser Verhandlungen nichts zu unternehmen. Glauben Sie mir? Ja? Einverstanden?“
Noch bevor in der Menge dröhnende Zurufe des Einverständnisses erschollen, winkte jemand im dritten Stock der Fabrik mit etwas Weißem, und Mishujew begriff instinktiv, noch ehe er genauer sehen konnte, wer es war, daß er dadurch gegrüßt werden sollte. Sein Herz wurde warm und freudig, voll stürmischen Verlangens, alles zu ordnen.
Ihretwegen.
Er ging schnell ins Haus ... in den Ohren trug er die tausendstimmigen Zurufe der veränderten freudigen Gesichter.
Als er in das Kontor eintrat, fiel ihm zunächst das kahle, mürrische Gesicht Stepan Iwanowitschs auf, der am Tisch saß. In seinen Mienen lag eine eigentümliche Mischung von Feindseligkeit, Verdruß und Hohn. Er sah den Bruder fast gar nicht an. Mishujew dagegen fesselten seine Mienen. Er bemerkte die anderen kaum und ging direkt auf den Bruder zu. Stepan Iwanowitsch hob kühl die Augen.
„Na, was sagst du jetzt?“ fragte er mit dünner Stimme.
„Was ich sage?“ erwiderte Mishujew voll Energie, „ich denke, daß sich alles in Stand bringen läßt, und wenn Sie mir freie Hand geben wollen, nimmt die Fabrik noch heute nachmittag die Arbeit auf!“
Er blickte dem Bruder hell und freimütig in die Augen, aber die Blicke Stepan Iwanowitschs blieben kühl, fast böse.
„Natürlich,“ erwiderte er unaufrichtig, „falls wir uns bis nachmittag ruinieren werden, nimmt die Fabrik die Arbeit auf ... für drei Tage.“
Mishujew sah sich um. Die fünf Menschen, die hier im Zimmer waren, blickten ihn schweigend an, und auf allen Gesichtern lag der gleiche feindselige, etwas zu entschlossene Ausdruck. Er fühlte sich einsam unter ihnen, und das rief in ihm eine eigene, hartnäckige Erregung hervor.
Jetzt sind wir Feinde! dachte er mit einem flüchtigen Blick auf den Bruder. Nun schön ... wollen sehen, wer die Oberhand bekommt.
„Warum ruiniert?“ Er warf den Kopf in den Nacken. „Willst du mir weiß machen, daß die Zulage von zwanzig Prozent unsere Millionen-Dividende aufzehren wird? Das wäre doch zu viel, Bruder!“
Mishujew machte eine bittere Handbewegung.
Es war ihm schwer, im Bruder, den er immer geliebt und bemitleidet hatte einen Feind sehen zu müssen.
„Nicht um die zwanzig Prozent handelt es sich hier,“ erwiderte Stepan Iwanowitsch trocken, ohne aufzublicken. „Zwanzig Prozent werden die Fabrik nicht ruinieren, obgleich sie sie bei der jetzigen Situation schwer genug belasten. Aber wo haben wir die Garantien, daß auf die zwanzig nicht vierzig, fünfzig folgen sollen? Meinst du denn wirklich, daß sie gerade zwanzig Prozent Aufschlag nötig haben? Das ist doch lächerlich!“ Stepan Iwanowitsch verzog das Gesicht zu einer wütenden Grimasse. „Diese zwanzig Kopeken auf den Rubel bedeuten für sie nur eine Flasche Wodka mehr. Nicht an den zwanzig Kopeken liegt es, sondern an der unversöhnlichen Begehrlichkeit dieser Leute, die glauben, daß wir die Mitesser sind, daß im Grunde die ganze Fabrik und das ganze Kapital hundert Prozent und nicht zwanzig oder vierzig, ihnen gehört, und daß sie das, das Ihre, herausreißen, und uns zum Teufel, auf die Straße jagen könnten!“
Die Stimme Stepan Iwanowitsch stieg dünn und böse in die Höhe, und wimmerte im letzten Ton schrill wie Hundewinseln. Mishujew blickte ihn ratlos und empört an.
„Woher nimmst du das Recht, so zu reden,“ sagte er leise, „die Leute sterben vor Hunger, schinden sich in schwerer Arbeit ab, wie du sie keine zwei Tage lang ertragen könntest, und du sprichst noch von Trinken, von Flaschen Wodka. Genug doch, Bruder! ... Ich dagegen behaupte, daß sie, wenn wir ihnen jetzt geben, was unumgänglich nötig ist, an die Arbeit gehen und von mehr gar nicht träumen werden. Weil sie noch besser als wir verstehen, daß wir nicht diese Ungleichheit geschaffen haben; nicht gegen unsere Person richtet sich ihr Haß.“
Stepan Iwanowitsch schüttelte in wütender Erregung seinen Kopf, als ob er nur Dummheiten hörte, schwieg aber. Dieses Schweigen, dieser hartnäckige trockene Widerstand gegen das, was Mishujew so einfach und richtig schien, erhitzte diesen noch mehr.
„Na, schön ... Gib ihnen nichts, wirf ihren Ausschuß die Treppe hinunter ... Laß sie deine Fabrik bis auf den letzten Ziegelstein in Grund und Boden reißen! Mag es dazu kommen, ich werde froh sein, wenn dieser Fluch von der Erdoberfläche verschwindet!“
Stepan Iwanowitsch verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, und dieses Lächeln war so böse und verächtlich, daß Mishujew erblaßte.
„Das sind alles Redensarten ...“ Stepan Iwanowitsch ließ jedes Wort geizig durch die Zähne gleiten. „Zerstören werden es die Truppen nicht lassen, und diesen ‚Fluch‘ hast du, Gott sei Dank, nicht weniger ausgenützt als ich! Ach!“
„Truppen?“ fragte Mishujew dumpf. Er empfand gegen den Bruder furchtbaren Haß und fühlte deutlich, daß der ihn ebenso haßte, „wir werden auf hungrige und in ihrem Rechte befindliche Menschen schießen lassen? Verstehst du denn, was du da sprichst?“
„Ich verstehe alles. Nicht ich habe Fabriken, nicht ich habe Arbeiter geschaffen. Ich bin sehr froh, daß es einmal weder das eine, noch das andere geben wird. Aber vorläufig gehört die Fabrik uns und nicht ihnen, und wenn sie nur ein Steinchen anrühren, werde ich sie wie tolle Hunde niederknallen lassen! Jawohl!“
Und Stepan Iwanowitsch erhob sich, groß und schwer wie ein Stein. Auf seinem breiten Schädel schimmerte trübe das blasse Licht des Wintertages.
„Und ich werde das nicht zugeben!“ schrie Mishujew heißer, „wenn du schießen läßt, so stelle ich mich zu ihnen. Ich will sehen, ob du dann noch den Mut dazu findest!“
Stepan Iwanowitsch wandte sich ab.
„Das ist deine Sache!“ sagte er dumpf und trat ans Fenster.
Mishujew stand lange auf demselben Fleck und fühlte, wie qualvoll seine Hände und Füße zitterten und sein Herz schlug.
„Fjodor Iwanowitsch,“ sprach ungewöhnlich weich und einschmeichelnd Schanz, und Mishujew erblickte neben sich sein spitziges Fuchsgesichtchen. „Mir scheint, Sie regen sich zu sehr auf und übertreiben die Sachlage. Schließlich verstehen wir doch alle, daß wir ohne Konzessionen nicht auskommen werden. Stepan Iwanowitsch wird das sicherlich auch zugeben ... Gewiß doch. Nur kommt es auf den Umfang der Zugeständnisse an. Soweit ich aus unseren früheren Beratungen ersehen konnte, treten Sie für die völlige Annahme aller Forderungen ein. Das ist doch wirklich unausführbar, Fjodor Iwanowitsch!“
Schanz berührte zärtlich Mishujews Ellenbogen und suchte seine Augen mit einem unaufrichtig-freundlichen Blick. Mishujew wandte sich ab.
„Sehen Sie gefälligst hier,“ fuhr Schanz bescheiden und beharrlich fort, als hätte er die Bewegung Mishujews nicht bemerkt, und lud ihn mit einer leichten Handbewegung ein, an den Tisch zu treten. „Ich möchte Sie nur mit einigen Zahlen bekannt machen, und Sie werden selbst sehen, was möglich ist, und was nicht.“
Seine zärtliche klebrige Stimme war so beharrlich, daß Mishujew sich ungewollt am Tisch niederließ und anfing, düster und aufmerksam zuzuhören.
„Hier, wir wollen von den bestehenden Lohnsätzen ausgehen ...“ sprach Schanz mit einschmeichelndem Ausdruck in der Stimme weiter, und machte sich äußerst geschickt ans Werk, Fjodor Iwanowitsch ein kompliziertes trockenes System auseinanderzusetzen. Er begann damit, ihm auseinanderzusetzen, daß die Lage der Arbeiter in ihrer Fabrik viel besser sei, als in der ganzen Gegend sonst. Sehr gewandt und zur richtigen Zeit erwähnte er den großen Aufwand für Schulen, Krankenhäuser und ein Theater, und die gute, fast mustergültige Einrichtung des Konsumvereinsladens. Dann gab er eine Übersicht der Marktlage, und zeigte die riesigen Verluste, die die Fabrik bereits beim vorigen Streik erlitten hatte.
„Und dabei wollen die Arbeiter noch nicht einsehen, daß dieser Streik nicht durch uns, sondern durch die Politik der Regierung heraufbeschworen worden ist,“ bemerkte er wie nebenbei, mit den Spitzen der kalten, knochigen Finger gestikulierend.
Dann öffnete er einen ganzen Haufen peinlich saubere Bücher, aus denen ersichtlich war, daß die Einführung neuer Maschinen die Arbeit verkürzte, die Produktion vergrößerte und lediglich dadurch schon den Lohn fast um die Hälfte steigerte. Wäre vor einem Halbjahr die Forderung der Lohnerhöhung erhoben worden und hätte die Fabrik Konzessionen bewilligt, so würden die Arbeiter auch in diesem Falle um dreißig Prozent weniger als jetzt verdient haben. Auf diese Weise beeilen sie sich, mit neuen Lohnforderungen, die nicht im geringsten durch die wirkliche Geschäftslage gerechtfertigt sind, aufzutreten und verhindern dadurch die Fabrikverwaltung, neue Erweiterungen des Etablissements vorzunehmen, die doch zur Verbesserung ihrer eigenen Lage führen müßten ...
Und vor Mishujews Augen begann sich nebelhaft das riesige Bild eines Zauberkreises zu entfalten. Er sah in endlosen Reihen Fabrikdächer, Millionen Schornsteine, die die ganze Erdkugel bedeckten, Milliarden Arbeiter, die in hungrigen Haufen von einem Ende der Welt bis ans andere drängten. Und es wurde ihm klar, daß sie auch, wenn sie sich ruinierten, wenn sie an die Arbeiter alles weggeben würden, doch nichts ändern könnten. Nur ein Glied dieser fürchterlichen Kette wäre zerrissen, nur ihre Fabrik gesprengt; es würde Arbeitslosigkeit eintreten, die hungrigen Massen auf andere Fabriken abströmen und dort wieder den Lohn durch ihre Unterbietung herabdrücken.
Direktor Schanz sprach ununterbrochen fort und wand schnell und geschickt immer neue Glieder seiner furchtbaren Logik ineinander. Die Spitzen seiner toten Finger bewegten sich wie die Fühlfäden einer Spinne vor Mishujew, und voller Entsetzen fühlte dieser, daß er nichts tun, nichts erwidern konnte, daß er sich folglich damit einverstanden erklären muß, wogegen sich seine ganze Seele sträubte.
Wie hinter einem Nebelschleier sah er, daß der Ursprung dieses Widerspruchs in ihm selbst lag: es gab trotz allem eine mögliche, unbedingte Lösung — nämlich, das, was er für wahr hielt, durchzusetzen, und wenn er auch dadurch ruiniert werden würde! Dann mußte er eben zu Grunde gehen. Was weiter kam — das war eine andere Sache. Andere müßten finden, wie dann zu handeln wäre; seine Sache blieb es allein, die Wahrheit bis zum letzten Ende durchzusetzen.
Aber Nebel umhüllte diesen einfachen und klaren Gedanken: seit vielen Jahren war er gewöhnt, in der Genauigkeit der Zahlen ein unumstößliches Gesetz, eine Art neuer Wahrheit zu erblicken. Auch jetzt ließ sich sein klares und festes Denken durch die eiserne Logik verwirren, wurde schwach und unstet. Er bemerkte selbst nicht, wie er nicht mehr um Gerechtigkeit und Wahrheit stritt, sondern nur noch um die Frage, ob es richtig sei, zehn Prozent zu bewilligen und nicht zwanzig.
Hinter den Fenstern brauste und murrte es, wie ein ferner Wasserfall, und erschütterte die trüben Fensterscheiben, von Zeit zu Zeit schlugen scharfe, laue Ausrufe herauf.
Schanz sprach und sprach noch immer und warf ohne Aufhören mit Zahlen um sich, als streute er aus einem unerschöpflichen Sack böse, unüberwindliche Zwerge, die Hände und Füße fesselten, in den Kopf eindrangen und dort der Macht der Tatsachen gegenüber das schwere Gefühl völliger Ohnmacht hervorriefen.
„Begreife nur,“ mischte sich Stepan Iwanowitsch, jetzt schon in ruhigerem Ton, ein: „hier kann es keinen Mittelweg geben. Auf zehn Prozent werden sie nicht eingehen. Es wurde von dreißig Prozent gesprochen, zehn sind heruntergelassen worden, der Ausschuß gab nach, aber nun noch auf zehn ... Nein! ...“
Mishujew hob seine trüben, müden Augen auf.
„Man muß entweder alles bewilligen,“ sagte Stepan Iwanowitsch, gegen den Tisch gestützt, „oder nichts ... Nichts, damit wir nach der unvermeidlichen Katastrophe die Möglichkeit in der Hand behalten, sie aus freien Stücken durch eine selbständige Zulage zu beruhigen ...“
„Und bis dahin?“ fragte erblassend Mishujew.
„Und bis dahin ...“
Stepan Iwanowitsch wandte rasch die Augen ab und knackte mit den gekreuzten Fingern.
„Nein!“ rief Mishujew und richtete sich in seiner riesigen Größe auf. „Ich kann es nicht, kann es auf keinen Fall zulassen, daß man die Leute erschießt, nur weil sie hungrig sind, weil ihre Interessen nicht unsere Interessen sind ...“
„Dann gehe du zu ihnen und schlage ihnen deine Bedingungen vor,“ Stepan Iwanowitsch schlug die Arme auseinander.
Mishujew stand schweigend mit zu Boden gesenktem Blick auf. Ihn packte leidenschaftlich der Wunsch, daß Nikolajew hier wäre. Es schien ihm, daß sie zu zweit imstande sein müßten, diesen Zauberkreis zu zerreißen.
„Ich werde auch in der Tat gehen ... lieber so schon, als ...“ seine Stimme riß schmerzlich ab.
„Hm, wie du willst ...“ Stepan Iwanowitsch schlug wieder die Arme auseinander. „Vielleicht gelingt es dir auch ... Aber ich muß dich warnen, du setzt dich einer großen Gefahr aus ...“
„Wodurch?“
„Du wirst ihre ganze Wut auf dich lenken. Dieselben Arbeiter, für welche du dich so sehr ins Zeug legst, werden in einem Augenblick alle deine Bemühungen vergessen haben. Und zeigst du dich gegen sie, werden sie dich mehr als jeden anderen hassen, gerade für alles, was du bisher ihretwegen getan hast, und dafür, daß sie an dich glaubten!“
Mishujew sah ihn schweigend an.
„Höre, Fedja,“ sagte Stepan Iwanowitsch zärtlich, „meinst du wirklich, daß mir das Ganze nicht selber nahegeht? Aber du setzt dich der größten Gefahr aus ... laß es ... ich bitte dich!“
Mishujew stand lange regungslos auf der Stelle, dann drehte er sich rasch um und ging hinaus. Er fühlte, wenn er nicht zu ihnen hinausginge ... ihm war, als hörte er Gewehrsalven, Aufschreie, sah Blut. Er warf den schweren Kopf in den Nacken und trat, voll eines dumpfen, toten Gefühls in der Brust, als ob er allein ein schweres Kreuz auf sich nähme, auf die Steinstufen heraus.
Lärm und weißes Licht umbrausten ihn. Tausende Gesichter wandten sich erwartungsvoll ihm zu; viele fast froh. Er fing an zu sprechen.
Alles, was dann geschah, kam wie ein plötzlich ausbrechender Taifun heran. Er hörte seine ersten Worte fast gar nicht, bemerkte aber sofort, wie schnell sich die Gesichter um ihn veränderten. Im Augenblick war der Ausdruck des Vertrauens und der Freude verschwunden; die Mienen wurden ganz andere. Mishujew fühlte es; er wurde plötzlich inmitten dieser ungeheuren Menge einsam. Wurde einsam und allen fremd. Er versuchte noch, sich aus der Leere, in die er geriet, aufzuraffen, aber seine Worte hatten schon die Kraft verloren. Das Band, das so aufrichtig und fest schien, zerriß in einem Augenblick, als wenn es niemals existiert hätte. Und vor Mishujew standen nur noch Feinde.
Später erinnerte er sich noch, daß ihm ein Drechsler, ein ihm bekannter kleiner, schwarzer Mann mit durchbohrenden Augen, zu erwidern begann:
„Genug der Lügen!“ schrie er. „Sie haben jetzt Ihr wahres Gesicht gezeigt ... Sie sind auch so einer, für den zuerst seine Millionen Rubel kommen, und dann wieder seine Millionen Rubel, und dann erst die Millionen Menschen, die von Ihnen nichts als ihr Recht gewollt haben. Wir verlangen das unsere! ... Schießt auf uns, schießt ... tut Eure Sache! ... Henker!“
Totenblaß versuchte Mishujew zu sprechen, fand aber keine Worte mehr; plötzlich packte ihn ein Angstgefühl, wie wenn man im Traum in einen entsetzlichen Abgrund fällt.
Jemand riß ihn am Arm, er stieß ihn instinktmäßig von sich und wollte die Stimme erheben, aber diese Bewegung wurde als Drohung aufgefaßt. Man packte ihn noch stärker am Arm, dann an der Brust, ein Schneeball flog ihm scharf ins Auge, und unter furchtbarem Gebrüll verschwand er, kopfüber und totenbleich in der Menge. Instinktmäßig riß er seine rechte Hand los und schlug aus seiner ganzen Riesenkraft jemand über den Schädel. Für einen Augenblick öffnete sich vor ihm leerer Raum, und er sah rotköpfige Kosacken in den Hof einreiten und Nagaiken in der Luft schwirren. Von furchtbarem Entsetzen gepackt, stürzte er ihnen entgegen, aber von hinten fiel man über ihn her, und er sank nieder, den schwarzen Drechsler mit dem zerschlagenen, roten Kopf nach sich ziehend.

XV


Die Morgenröte stieg strahlend, freudig aus dem Meer empor und umschlang immer greller den blauen, eben erwachten Himmel, der im Feuer eiliger Wölkchen aufloderte.
Die weite Wasserfläche ruhte noch. Klare, grüne Wellen schlugen schläfrig gegen den Bord des Dampfers; die schlummernde Kühle der Morgendämmerung lag über dem Meere und den blauen, öden Abhängen der schweren Berge. Nur hoch, sehr hoch oben über dem Meer brannten im blauen Himmel einzelne spitze Gipfel, die von ihrer Höhe herab bereits die Sonne erblickt hatten, wie rote, rosige und goldene Flammenzeichen.
Mishujew kroch schwerfällig auf das Verdeck und sah sich mit müden Augen, in denen die schlaflose Nacht brannte, um.
Auf dem Dampfer schlief man noch. Zwei oder drei Matrosen wuschen mit Schwallen von Wasser das nasse, gleißende Verdeck; aus dem Schiffsraum drang ein unbestimmter weckender Laut herauf. Der Dampfer polterte dumpf und gleichmäßig, unmerklich und eintönig quirlte das Wasser. Es war kalt, und die breiten Schultern Mishujews zuckten in häufigen krampfhaften Schauern. Das verschlafene Gesicht sah wie zerknüllt aus, seine Haare waren zerzaust.
Mit schweren Tritten ging er auf Backbord hinüber und stand dort lange, bald das grüne, aufschäumende Wasser, bald die fernen Bergesgipfel, in denen schon der helle, sonnige Tag erglänzte, regungslos betrachtend.
Dann stieg er auf das obere Verdeck und ließ sich an einem der Marmortischchen, die fest auf ihrem Platz angeschraubt waren und unbequem und kalt wie Eis dastanden, nieder. Die massigen Arme auf dem Marmor verschränkt, sah er mit dem schläfrigen, engen Blick der eingefallenen Augen über das leere Verdeck.
Die Sonne stieg hinter dem Horizont rasch empor, und die Berge glühten schon bis an die Mitte im Morgenglanz. Man sah, wie schnell der kalte, blaue Schatten von einem Abhang nach dem anderen wich, wie er sich in Schluchten klammerte und dort immer tiefer und tiefer hinabglitt.
Auf dem Dampfer regte sich allmählich das Leben. Ein Kellner in weißer Jacke mit widerwärtig großen silbernen Knöpfen rannte vorbei, der erste Offizier, ganz von der Kälte durchschüttelt, ging von der Nachtwache hinunter, zwei junge Mädchen mit kaum erwachten Äuglein kamen aus der ersten Klasse herauf und sahen sich mit einem Ausdruck um, als wären sie furchtbar verwundert, daß es überall schon hell und schön ist, während sie soeben erst aufgestanden sind. Dann kam ein langer Engländer, wie aus einer Karikatur herausgeschnitten, mit Panamahut und streckte sofort die Beine von einer Bank auf die andere, wobei er eine ungeheuer lange Zigarre in Brand setzte. Ein kleiner Knabe in einem Matrosenjäckchen kam aufs Verdeck gelaufen und rannte mit den nackten Waden glänzend in die helle Sonne hinein. Immer mehr lächelnde Menschen, die noch schläfrig die Augen zusammenkniffen, erschienen, und als plötzlich die niedrige Morgensonne vollständig über dem Horizont auftauchte und ihr Licht strahlend über Wellenkämme, Segelstangen, das Verdeck und die grünen Ufer goß, lebte der Dampfer schon sein buntes, müßiges und vergnügtes Leben.
Zwei Französinnen mit lustig neugierigen Augen, wie Vögel, die den Morgen begrüßen, zwitschernd, setzten sich an das Nebentischchen, blickten sich nach rechts und links um, bemerkten den düstern Nachbar, sahen sich gegenseitig an und lachten.
Mishujew wollte fortgehen — ihn berührten alle die Menschengesichter und Menschenstimmen, die doch nicht die Wahrheit aussprachen, und alle die falschen Augen, unangenehm. Aber seine Hände und Füße zitterten, der Rücken schmerzte, in den Augenlidern schnitt es; er wünschte sich überhaupt nicht mehr rühren zu brauchen. Mit kurzem Klopfen gegen die Tischplatte rief er den vorbeistürmenden Kellner an und öffnete bereits den Mund, um sich etwas zu bestellen — als er einen neugierigen Blick der beiden Französinnen auffing, die schon wußten, daß er ein bekannter russischer Millionär sei; er blieb stumm. Ihm schien, daß es ihm in diesem Augenblick genügt hätte, den Schall der eigenen Stimme zu hören, um von einem Anfall blinder, nervöser Wut gepackt zu werden, die ihn in der letzten Zeit oft ergriff. Und er fand, daß es in der Welt nichts Ekelhafteres, Dümmeres und Unnützeres gäbe, als die eigene Stimme.
Der Kellner stand schweigend da und fing an, sich zu wundern. Da nahm Mishujew, für sich selbst unerwartet, den Bleistift und schrieb auf den glitschigen Marmor der Tischdecke:
„Bringen Sie Kaffee.“
Der Kellner legte den Kopf auf die Seite, wie ein zum Aufpicken bereiter Hahn, las mit einem Auge die Aufschrift, wunderte sich, stürzte aber sofort davon.
Mishujew war froh: warum war ihm das nur nicht früher in den Kopf gekommen? Das ist ja ganz einfach ... Man kann völlig verstummen und das Wenige, was man von den Menschen braucht, erhalten, ohne die eigene oder ihre falsche Stimme zu hören. Sogar etwas Neckisches glitt durch Mishujews Kopf, als ob er das Mittel gefunden hätte, sich vor allen zu verstecken.
Als der Kaffee serviert war, wandte er sich dem Meer zu, legte den schweren, kranken Kopf auf die Handfläche und versank in Nachdenken. Zwischen den Fingern, die den Schädel einpreßten, steckte wildzerzaustes Haar, und die Augen sahen trüb und leblos vor sich hin. Viele Tage waren für ihn schon zu einem einzigen Nachsinnen geworden, das sich schwer und mühselig durch den qualvollen Kopfschmerz schob. Und wenn er es in kurzem, krankem Schlaf vergaß und die starren Gedanken verschwanden, kam das unerträgliche, alpdruckartige Empfinden der Leere, in der er krampfhaft hin- und herschlug, sich an etwas zu klammern suchte, aber hilflos immer tiefer und tiefer sank. Im Laufe dieser Zeit hatte er eine bedeutende Entfernung zurückgelegt, eine Menge Menschen, Städte, Berge und Meere gesehen, doch in seinem Gehirn drückte sich alles so blaß und trübe ab, als wären es nur Erinnerungen an längst Vergangenes. Und beharrlich wiederkehrend, mit unentrinnbarer Genauigkeit wie in einem Kreise, in dessen Mittelpunkt sich sein kranker Kopf befand, standen vor ihm, klar, aber mit der verwirrten Klarheit eines Alpdrucks, stets dieselben Gesichter.
Auch jetzt rief Mishujew sie sich auf dem bläulich-grünen Panorama der vorbeischwimmenden Ufer, die er kaum noch bemerkte, eindringlich unter scharfen Schmerzen hervor.
Zuerst tauchte das verwirrte, ratlose Gesicht Nikolajews auf: er stand mitten in seinem Kabinett — dem zerfetzten, brüllenden, kaum bei Bewußtsein befindlichen Mishujew gegenüber —, schaute nach der Seite und knetete mit zittrigen Fingern die Quasten an seinem Gürtel. Mishujew erstickte in blinder Wut und strengte sich an, zu begreifen: wie konnte dieser Mensch, der beste von allen, die er je gekannt und geliebt hatte, nicht die fürchterliche Ungerechtigkeit verstehen, der er zum Opfer gefallen war. Menschen-Bestien, denen er nichts als Gutes getan hatte, denen er sein Leben weihen wollte und um derenwillen er zu allem bereit war, hatten ihn mißhandelt, schlugen ihn, wollten ihn totschlagen! ... Man mußte in Entsetzen geraten, in tolle Wut, bis in die Tiefe der Seele empört sein, — und statt dessen hörte er eine unaufrichtige, verwirrte Stimme, die ihm einredete, sie hätten keine Schuld.
„Das sind Bestien ... sinnlose, gemeine, begehrliche Bestien!“ schrie Mishujew, „was habe ich ihnen getan? warum?“
Aber Nikolajew blickte nach der Seite, und sein Gesicht sah eigentümlich, beinahe angeekelt aus.
„Sie haben dafür büßen müssen ... für einen Menschen ...“ sprach er leise.
„Büßen! ... Kann man denn das abbüßen? ... Sehr schön ... Büßen! Nur schade, viel zu wenig! Froh bin ich darüber, froh, froh!“
Mishujew schrie immer lauter und lauter, als ob er sich beeilte, die Wollust des Hasses, in dem er jetzt aufging, in diesem wilden Brüllen auszugießen. Aber je lauter er Worte voller Wut, die ihm jetzt einzig zu passen schienen, herausbrüllte, desto kühler und angewiderter wurde Nikolajews Gesicht. Sobald es Mishujew bemerkte und ihm voll quälender Bitterkeit vorzuwerfen begann, daß er ihn nicht verstehe und nicht mit seinem Schmerze mitempfinden wollte, sagte der mit stiller, aber grausamer Feindseligkeit:
„Diese Leute haben noch ganz anderes zu ertragen gehabt ... Mag sein, daß es in diesem Fall ein Irrtum war, ein blinder Ausbruch abgerackerter Menschen ... Aber, wenn wir die Wahrheit sagen wollen, was bist du denn für sie? Du bist ihnen doch der gleiche Feind wie alle anderen, wie dein Bruder ...“
„Ich?“ fragte Mishujew mit Entsetzen.
„Nun, du auch! ... Du lebtest auch von ihrem Schweiß und Blut, wie alle anderen ... Wenn du sie nicht noch getreten hast, ihnen sogar mitunter halfst ... so ... ist es doch, wahrlich ... kein großes Verdienst ...“
Das zerschlagene Gesicht Mishujews, mit der überhängenden Lippe und dem angeschwollenen Auge, wurde fürchterlich und bemitleidenswert.
„Also hatten sie, nach deiner Meinung, Recht, selbst wenn sie mich totschlugen?“ fragte er mit Entsetzen. Er rang nach Luft, wie ein Fisch auf dem Sand.
Nikolajew erblaßte, und nur stärker noch zitterten seine Finger, die an den Gürtelquasten zerrten.
„Wenn so, dann bist du ...“ begann Mishujew mit einer Empfindung, als stürze er in einen kalten Abgrund.
Und dann geschah das Ekelhafteste: Über Nikolajews Gesicht glitt ein feiger Zug, seine Augen liefen mit dem beschwerten Ausdruck eines versteckten Gedankens umher, und plötzlich fing er an, falsch tönende, blasse Worte der Versöhnung zu sprechen. Mit der Feinfühligkeit eines überreizten Menschen verstand Mishujew sofort den verborgenen Sinn: Nikolajew fürchtete einen Streit, damit Mishujew sich nicht weigere, Geld für die beabsichtigte Zeitschrift zu geben. Das Weitere spielte sich ganz eigentümlich ab: Mishujew wurde furchtbar verschämt. Er verstummte. Auch Nikolajew schwieg, sein freies, mutiges Gesicht bedeckte unsichere Röte. Eine Minute lang blickten sie einander in die Augen, und im Laufe dieser Minute schmolz und schwand ohne Spur das Band, das sie so viel Jahre verknüpft hatte und das so fest und aufrichtig gewesen war.
Als Mishujew eine halbe Stunde später fortging, waren sie nicht mehr zwei sich nahestehende Menschen, sondern zwei Feinde, die sich haßten und verachteten.
Später fand sich Mishujew im Eisenbahnwagen in einer toten, langen Nacht. Vorher war er wahrscheinlich in sinnlosen, dunklen Krämpfen überall herumgelaufen, bis er sich schließlich bei dem Menschen einfand, dem er sein ganzes Glück genommen hatte. Er wußte selbst nicht, weshalb er diesen Menschen aufsuchte, und erst als er seinen fragenden Blick sah, verstand er trübe: wahrscheinlich wollte er irgend jemanden, und wäre es auch ein Feind, finden, der ihm gerade ins Gesicht, ihm als Menschen ins Gesicht blicken würde.
Maria Sergejewnas Mann stand vor ihm, mager, mit langen, blassen Haaren, und sah ihm unverwandt mit einem Blick, der von unverlöschlichem Haß brannte, in die Augen.
„Was wünschen Sie?“ fragte er mit Mühe. „Ist Ihnen das, was geschah, nicht genug ... Sind Sie gekommen, um mich zu verhöhnen? Meinen Sie, daß Ihnen alles erlaubt ist?“
Mishujew erinnerte sich nicht mehr seiner eigenen Worte, sah aber deutlich, wie sich damals auf dem Gesicht dieses Mannes zuerst Nichtverstehen, dann trübes Begreifen, und schließlich kalter unversöhnlicher, fast triumphierender Hohn ausmalte.
„Aha ...“ sagte er leise, „es hat sich also gezeigt, daß es noch etwas gibt, das man auch um Geld nicht kaufen kann? ... Das ist gut!“
Und er fing an zu lachen, immer lauter und lauter, und jagte ihn schließlich wie einen Hund davon. Und Mishujew ging. Er hatte den lebendigen Faden der ihn zu diesem Menschen geführt hatte, längst verloren, und wußte gar nicht mehr, warum er gekommen war.
Nachts im Wagen schlief er nicht. Verschwommene, aber furchtbare Bilder quälten ihn. Vor seine Augen trat das Bild des großen Mannes, des Menschen, der Leben und Lebenswahrheit kennt. Er wußte nicht, wie und wann ihm der Gedanke gekommen war, zu dem großen Dichter zu fahren, zu dem Greis, dessen Namen er seit seiner Kindheit als das erhabenste Wort der Welt aussprach. Er erinnerte sich nur, daß ihn bei dieser Idee eine ungeheure Leichtigkeit und Hoffnungsfreude ergriff. So leicht und froh fühlte er sich noch, bis er die Antwort auf das abgesandte Telegramm erhielt. Sobald er aber verstand, daß der große Greis bereit sei, ihn zu empfangen, war alles geschwunden. Ihm schien es, daß er nur empfangen würde, weil er der Millionär Mishujew ist, und daß er selbst, der Mensch Mishujew, auch diesen einzigen Menschen nichts angehe und nichts angehen könne. Da war alles plötzlich matt geworden; Mishujew sah, daß es lächerlich war: er brauchte nirgends hinzufahren, niemand konnte ihm etwas sagen, was er selbst nicht wußte. Und ihm kam, zum ersten Mal in seinem Leben, der Gedanke, seinem Vermögen zu entsagen, arm zu werden, wie die meisten Menschen. Aber früher noch, als der Gedanke von ihm begriffen wurde, wußte er schon, daß es ihm unmöglich wäre.
Weshalb? fragte sich Mishujew, mit starrem Blick die dunklen Gespenster, die an dem Wagenfenster vorbeizogen, verfolgend. Und zur Antwort tauchten vor ihm armselige, lächerliche Bilder auf; er, ein Mann, der sein ganzes Leben lang das Allerbeste genoß, was es im Leben gibt, und der es zu genießen verstand, wird plötzlich absichtlich bettelarm, wird in ein Kontor gehen, zwanzig Rubel Monatsgehalt bekommen, und dann ... dann vielleicht ein bescheidenes Mädchen, das auf der Schreibmaschine tippt, heiraten? ... Wie dumm war das!
... Weshalb dumm?
Unbekannt weshalb, aber dumm und lächerlich, wie alles Sentimentale und Zwecklose.
Über seinem Kopf hing eine düstere Riesenmasse, die bekannte Empfindung qualvoller Leere packte ihn von allen Seiten, und plötzlich fühlte er die Nähe des Endes; seitdem sah er es stets vor Augen.
Noch einmal ein krampfhaftes Aufflackern: er erinnerte sich, daß irgendwo weit, in der Ferne, eine Frau lebte, die durch ihn unglücklich geworden war und die ihn einst geliebt hatte. Aber dieses Aufflammen erlosch ebenso schnell, wie alles, was jetzt in seinem Gehirn entstand und verging.
Qualvoll klar wurde ihm nur, daß er nirgends mehr hinzufahren hatte. Stets und überall blieb er, was er war. Nichts konnte das heilen, was in seiner Seele ein für allemal verkrüppelte.
Dieser neue Gedanke, daß es für ihn keinen Platz mehr in der Welt gab, und daß jeder neue Schritt nur ein Glied in der Kette von Leiden und Trübsal bildete, stieg auch jetzt klar und deutlich in sein Gehirn.
Er seufzte schwer, wendete seinen Blick von den vorbeigleitenden grünen Ufern des Mittelmeeres ab und schloß die Augen.
Gleich darauf hörte er neben sich sprechen.
„Wunderbar ist es, wissen Sie,“ sagte eine jugendliche russische Stimme, „wenn man mit einem Expreß von Norden nach Süden fährt ... Dann hat man den Eindruck, als käme der Frühling nicht mit jedem Tag, nein mit jeder Stunde ... man saust ihm einfach entgegen ... Ich kann es nicht ausdrücken, aber es scheint mir, einen größeren Genuß könnte es garnicht geben. Gestern war noch alles grau, kühl, heute gibt es schon geschmolzene Stellen und zerflossenen Schnee zwischen den Birken ... und morgen ist der blaue Himmel da ... Ach, wie schön!“
Mishujew öffnete mechanisch die Augen und blickte auf den Sprechenden. Es war ein ganz junger Mann, wahrscheinlich ein kranker, und er sprach zu einer sehr jungen Frau mit lebhaften, fröhlichen Augen. Sie standen am Bord, und der Wind blies ganz leise in ihr weiches Haar. An ihren strahlenden Gesichtern und daran, wie leicht und freudig ihr Atem ging, verstand Mishujew, ohne daß sie ihre verzauberten Augen von den Ufern, die sie offenbar zum ersten Mal sahen, abwendeten, daß darin wirklich Glück liege.
Dann ließ er seinen trüben Blick wieder über die Ufer gleiten, sah, was er schon hundertmal gesehen hatte, und schloß wieder die Augen, um in seiner wortlosen, schwarzen Leere zu versinken.
Auf der anderen Seite sprachen zwei Französinnen von Stierkämpfen.
„Und bevor ihn der Toreador tötet ... treiben alle Matadore mit ihren roten Mänteln den Stier immer nach einer Richtung ... verstehst du, immer nach einer Richtung ... bis er ganz verblödet wird ... dann erst stößt ihn der Toreador nieder ... Im Grunde ist das gar nicht mal schön!“
Mishujew wußte es.
Im Augenblick drängte sich vor seine geschlossenen Augen ein riesiger Stierkopf mit unbeweglichen, blutunterlaufenen Augen. Er sah ihm gerade ins Gesicht. Mishujew zitterte und erhob sich.
Überall waren Menschen; schwatzende, lachende Gesichter, die ihn mit neugierigen Blicken begleiteten. Er ging still an ihnen vorbei und kam bis an das Hinterteil.
Da stand er am Bord und schaute lange unverwandt auf die schäumige Spur, die der Dampfer hinter sich aufriß. Er sah so aus, als suchte er etwas in diesem trüben, unheimlichen Schaumstreifen. Mit einem Mal kam ihm vor, als habe er es gefunden; er blickte sich um, sah nach dem Himmel, den Bergen und dem Haufen fröhlicher, buntfarbiger Menschen, die in einiger Entfernung von ihm saßen. Und plötzlich, irgendwie seitwärts, ungelenk, stürzte er über Bord, mit dem blitzschnellen Bewußtsein der Ungeschicklichkeit dieser Bewegung und Scham vor den Menschen, die sie bemerken mußten.
Entsetzlicher Lärm schlug ihm um den Kopf. In Nase und Mund drängte eine klebrige, brennende Welle mit scharfem, reißendem Schmerz. Gleichzeitig erschütterte ein wahnsinniges, mit nichts vergleichbares Entsetzen sein Gehirn. Im furchtbaren Krampf sich gegen den Abgrund, der ihn ergriff, wehrend, tauchte er nochmals auf, sah durch den Nebel des Wassers, das ihm von den Haaren rieselte, in weiter Ferne den weißen Fleck des Dampfers und schrie:
„Hilfe!“
Aber sofort begann er in dem trüben grünlichen Abgrund, der ihm die Brust in Stücke riß, zu versinken. Ein Schwarm kleiner Fische sprengte wie Splitter nach allen Seiten auseinander, kehrte aber gleich zurück und starrte von allen Seiten mit runden rätselhaften Augen auf seinen ausgebreiteten schwimmenden Paletot, auf die gespreizten Beine in gelben Lackstiefeln und auf den toten blauen Kopf, der langsam tiefer und tiefer in der kalten grünen Finsternis untersank.
