← Table of contents
Millionen; Der Tod des Iwan Lande

Millionen (continued 2)

Reading edition

... Wie dem auch sei, er fürchtete sich wenigstens nicht, diese arme Emma in Schutz zu nehmen ...

Es war spät geworden. Man hatte schon über die Maßen getrunken, zur Genüge geschrien und gelacht. Die Müdigkeit zeigte sich in der unruhigen Aufregung. Emma wurde sehr rot und war stark verschwitzt. Ein erregender Geruch ergoß sich von ihr, Parfüms und Puder. Die glatte, weiche Haut auf den Schultern und der Brust schien feuchtglänzend und lockte an. Sie selbst begann ebenfalls das Sehnen der Erwartung zu empfinden. Ihre Augen, gelb wie die einer Katze, wurden feucht und schamlos. Sie setzte sich den Männern auf den Schoß, tanzte Matshiche, kniff in die Arme, schmiegte sich mit den nackten Schultern an die Lippen. Die Männer wurden allmählich toll. Nur Mishujew und Podgurski, der unbeirrt seinen Likör trank, blieben auf ihren Plätzen. Die anderen drängten sich an sie heran, man konnte sehen, daß sie sehr bald einem von ihnen als Beute für die zügelloseste, unverhüllteste Leidenschaft zufallen würde.

Alle empfanden klar die Nähe des Augenblicks, in dem das jetzt noch verhüllte Weib durch einen von ihnen entkleidet würde; das Bewußtsein, daß dieses Weib dazu bereit war, und die Begierde, der erste zu sein, erregte die Männer so stark, daß ihre Beine zu zittern begannen.

Opalow konnte kaum sitzen bleiben. Er bückte sich tief zu ihr hinab, so daß er den erregenden Geruch ihrer Achseln aufsaugen konnte; er war blaß wie ein Kranker. Er wußte, daß sie einem andern und nicht ihm zufallen würde, aber eine kleine, lüsterne Hoffnung verließ ihn nicht.

„Sie sind wahrhaft schön ... Einen solchen Bogen der Augenbrauen, solche Nackenlinie, wie die Ihre, habe ich immer im Traum gesehen. Oh, wenn der Traum zur Wirklichkeit würde!“ sprach er leise, und durch das gemacht ritterliche Bestreben, ihr zu zeigen, daß er sie „trotz allem“ achtete, klang armselig und elend der Wunsch heraus: gib dich mir hin! so tue es doch! ... Für dich hat es ja nichts zu sagen, dich einmal so — einfach — hinzugeben ... mir allein! ... Gib dich mir hin!

Durch den Lärm und das Geschrei hörte Mishujew sein bebendes Flüstern. Offensichtlich gefiel Opalow dem Weib, aber obgleich sie lachte und ihn durch augenblickliche Berührung ihrer nackten Arme und glühenden Beine in Erregung brachte, verfolgten ihre Katzenaugen unablässig Parchomenko und den Börsianer. Mishujew blickte sie traurig an; sie war ihm ebenso zuwider wie die Männer: ihren kräftigen weiblichen Körper zog es ganz deutlich zu Opalow hin, und ihr Zusammensein wäre, trotzdem sie schon lange Kokotte war, sicher licht und kraftvoll gewesen. Und doch hatte sie nicht den Mut, ihrem Verlangen nachzugeben; sie wartete wie eine Sklavin, bis jemandem beliebte, sie en passant zu sich zu nehmen und durch seine gleichgültige Gier zu besudeln.

Die elenden, elenden Menschen! dachte Mishujew, aus irgend einem Grunde fühlte er in diesem Augenblick sich selbst als Elendesten und Einsamsten.

„Sie wissen, in meiner Novelle ‚Feuer‘ habe ich eine Frau geschildert, die Ihnen ähnlich ist ...“ flüsterte Opalow, während sich sein Gesicht mit roten Flecken bedeckte.

„Spucken Sie nur gleich darauf, mein Lieber,“ fiel ihm plötzlich Podgurski ins Wort, „nichts, aber gar nichts werden sie davon haben. Dies Gericht ist nicht für uns beide!“

Opalow zitterte und wurde verwirrt, als wäre er ertappt worden. Seine Aufregung war augenblicklich verschwunden, aber um das peinliche Gefühl zu verbergen, versuchte er, einen unverfrorenen Ton anzuschlagen:

„Aber vielleicht doch! Was, Emmchen? Man kann doch nie wissen, nicht wahr?“

Er fragte zum Scherz, aber gegen seinen Willen blieben seine Blicke eine Weile mit geheimer Frage an ihren Augen hängen. Sie lachte und warf sich zurück, ihre Augen verschleierten sich, während sich ihr offener, flaumweicher Busen und die kräftigen, gewölbten Schenkel in geheimer Lust ausreckten. Doch gleich sorgte sie sich, daß es Parchomenko nicht merke und blickte zu ihm hinüber.

Der aber schien wirklich alle ihre verborgenen Gefühle und Wünsche abzulesen. Die frühere Grausamkeit huschte über sein schwarzbärtiges Gesicht. Einige Augenblicke sah er sie scharf an, wobei sein einer Augenwinkel zitterte; plötzlich leuchtete er in brutalem Entzücken auf.

„Hören Sie, meine Herren!“ rief er, auf den Stuhl springend, „wir sind unserer drei ...“

„Fünf!“ korrigierte ihn spöttisch Podgurski.

„Und nur ein Weib! Alle auf die eine — das wäre eine Barbarei! Ich schlage vor, Emma zu verlosen!“

„Pfui!“ Emma tat entsetzt.

„Oder nein ... nicht verlosen! ... Lieber, wissen Sie was: eine amerikanische Auktion machen! Das wird amüsant! Wer höher bietet! ... Hier — für eine ‚Liebes- und Freudennacht‘!“

„Eine herrliche Idee!“ stimmte ihm der Börsianer voller Achtung bei.

„Was? Nicht wahr! Podgurski, Sie werden den Auktionator machen! ... Emma, her auf den Stuhl ... Bluse runter! Die Ware soll offen vor uns liegen!“

„Muß das sein!“ rief das Frauenzimmer und lachte abgerissen, als wäre sie mit kaltem Wasser bespritzt worden. Aber trotz ihres geheuchelten Lachens sah Mishujew, wie früher, eine scharfe Röte auf ihr Gesicht treten.

„O nein, nein! Da hilft nichts! Eine amerikanische Auktion! ... Sträube dich nicht lange!“ schrie Parchomenko, der durch seine Erfindung selber mehr und mehr in Aufregung geriet.

Mishujew sah sie regungslos an.

Und dann spielte sich vor seinen Augen in einem wilden Taumel von Geilheit und Leidenschaft eine aufregende, blödsinnige Szene ab.

Emma wollte sich nicht selbst auskleiden und sträubte sich lange. In ihren Augen leuchteten Funken armseliger abgehetzter Scham, und ihre Backen bedeckten sich mit rosigen Flecken. Parchomenko, der schon schwer zu atmen begann, zerrte ihr fast mit Gewalt die Bluse von den runden, strahlenden Schultern, und plötzlich bebten und schwankten vor den gierigen Augen der Männer zwei elastische, junge Brüste, die nun, nachdem sie von dem engen Korsett und den Spitzen des Seidenhemdes befreit waren, ein wenig voller wurden.

Von diesem Moment an fiel Mishujew das sinnlose Gesicht Opalows auf: der stand da in keuchender Gier, gespannt wie eine Saite, damit ihm auch nicht eine Regung des entblößten, weiblichen Körpers verloren ginge. Als das Weib mit dem nackten Oberkörper auf den Stuhl gehoben wurde und sich instinktiv mit den Armen zu decken suchte, taumelte er. Mishujew schien es, daß er nur den einen Gedanken hatte, auf sie zuzustürzen und diese verhüllenden Arme loszureißen.

„Ah ... ah ... die Hände, die Hände!“ rief Parchomenko wie betrunken. „Hände weg! ... Alles muß zum Vorschein kommen! Was für eine Auktion wäre das ... So geht es nicht!“

Eine Minute lang sträubte sich Emma innerlich; es war sonderbar, diesen Kampf bei einem Weibe mitanzusehen, das sich all und jedem für Geld hingibt. In dieser Szene lag etwas, das über ihre Kräfte ging, und gerade das peitschte in den Männern die Gier nach Wollust und Grausamkeit höher auf. Selbst Mishujew fühlte, wie ihm eine trübe, heiße Welle zu Kopfe stieg.

Plötzlich funkelte in ihren Augen ein fast stolzer, doch gleichzeitig hilfloser, haßerfüllter Strahl auf ... langsam hob sie die Hände empor.

Jetzt stand sie offen vor ihren Augen, unwiderstehlich durch ihre Unterwürfigkeit an sich lockend. Der Körper bog sich schamlos nach hinten aus, nur ihre dunkelgewordenen Augen auf dem wie ausgestorben lächelnden Gesicht blickten kühl und bange. Es war schön und furchtbar: man konnte kaum glauben, daß es sich da nur um eine Kokotte, eine Sängerin aus dem Varieté handelte.

Was geht jetzt in ihr vor? schwirrte es undeutlich durch Mishujews Kopf.

„Also!“ rief Podgurski, während er mit dem Messer an den Rand des Kelchglases klirrte, und mit seiner Stimme übertönte er das scharfe, leiderfüllte Klirren. „Ein Weib, namens Emma, wird in öffentlicher Auktion meistbietend versteigert. Besichtigung, ja sogar Berührung mit den Händen ist Kauflustigen gestattet! ... Nach eingehender Schätzung ...“ er wurde für eine Weile verlegen und endete mit entschlossener Stimme auf gut Glück, „na, dreihundert Rubel. Wer bietet mehr?“

„Vierhundert!“ rief Parchomenko und hob seinen Kelch.

„Nu, was, — so soll es fünfhundert heißen!“ der Börsianer verschluckte sich fast vor Entzücken; sein Gesicht erhielt mit einem Mal einen gierigen und zügellos geilen Ausdruck.

Podgurski blickte ihn an und lächelte.

„Fünfhundert,“ sagte er, „wer mehr? Eins ...“

Opalow, tiefrot und schweißbedeckt, lächelte verwirrt und sinnlos. In seinem Hirn schwankte der wahnsinnige Gedanke: sich von irgend woher das Geld zu leihen. Und wie ein Blitz durchliefen sein Denken gleichzeitig verflechtende Vorstellungen, die sich wie ein Alpdruck auf ihn legten: die Rechnung am nächsten Tage für das Hotelzimmer, das er noch zu bezahlen hatte, die Rückreise nach Moskau und das blasse, vergrämte Gesicht seiner Frau. Aber der nackte, herrliche weibliche Körper stand abgerundet und strahlend vor seinen Augen.

Irgendwie ... später bekomme ich es ... dachte er, nahe daran, jeden Halt zu verlieren; aber doch war er sich noch ganz klar, daß er an keiner Stelle Geld bekommen könnte, daß er nach Hause fahren müsse, daß er es doch nicht wagen wird. Und ein erbärmliches, erniedrigendes Lächeln verzerrte sein hübsches, feines Gesicht.

Die Auktion dauerte fort. Die ungewöhnliche Umgebung, das halbnackte Weib, offen zum Verkauf ausgestellt, wie auf einem orientalischen Markt, all dies erregte die Männer bis zur äußersten, fast gefährlichen Spannung. Man konnte glauben, daß sie, abgesehen von diesem Weib, überhaupt noch kein nacktes Weib jemals früher gesehen hätten. Mishujew merkte, daß selbst er sich dem Einfluß nicht entziehen konnte. Seine breiten Nüstern blähten sich allmählich auf. Er sah die glühenden Gesichter an, ließ den Blick drohend über den nackten weiblichen Körper gleiten, und ein kurzer Gedanke schwirrte durch seinen Kopf.

Wie wäre es, sie ihnen vor der Nase wegzuschnappen ...?

In seinen Augen leuchteten stechende Funken auf. Das machtvolle Bewußtsein seiner Kraft berauschte ihn.

„Schneller doch, meine Herren ... Es ist kalt ...“ sagte Emma. Sie schauerte und zuckte die nackten Achseln. Die vollen Brüste schwankten und standen wieder still; die erhitzten Männerkörper traf es wie ein Peitschenhieb.

„Sechshundert!“ winselte Parchomenko voller Entzücken.

Der Börsianer stammelte mit jüdischem Akzent etwas wie eine Entschuldigung.

„Was?“

„Aber das geht doch schon zu weit, meine Herren ... Scherz mag Scherz bleiben, aber Emmachen ...“

„Nicht auf die Emma kommt es mehr an,“ erwiderte Parchomenko, ganz hingerissen, mit den Augen glänzend.

„N—nein ... Auktion ist Auktion!“ sagte Podgurski, „wer bietet mehr? Sechshundert ... wer mehr?“

Etwas eigentümlich Quälendes ging in Mishujew vor: ein dunkles, brutales Verlangen stieg aus der Tiefe empor und trat mit dem Widerwillen und der bewußten Verachtung gegen alles um ihn und auch gegen sich selbst in einen kurzen Kampf. Aber etwas war stärker als die Verachtung.

„Eins! zwei ...!“

Parchomenko sprang auf Emma zu, und sie machte schon eine instinktive, demütige Bewegung zu ihm hin.

„Siebenhundert!“ sagte Mishujew leise, und sein düsteres Gesicht wurde durch den finsteren Ausdruck brutaler Gewalt, die sich zur Freiheit losgerissen hatte, verzerrt.

Parchomenko wurde stutzig.

„Eins ... zwei ... drei! verkauft!“ rief Podgurski.

Und plötzlich begann Emma krampfhaft zu lachen. Aber in ihren untermalten Augen zeigten sich Tränen der Verletzung und Scham, die ihr vielleicht selbst unbegreiflich waren.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

VI

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Der Morgen dämmerte schon, und ein feiner blauer Schein zog vom fernen Rand des Meeres über die schlafende Stadt hin. Die Nacht verblaßte und rückte zag in die Berge hinauf, die Schatten wurden grau, alles schien durchsichtig, und selbst die Berge in der Ferne lagen wie Wolken vor Sonnenaufgang im bläulichen Nebel da.

Mit lautem Hufschlag jagte eine Droschke durch die leeren Straßen nach der Villa, in der Emma wohnte.

Immer noch zitterte in Mishujew die Erregung, die ihn plötzlich gepackt hatte. Das gekaufte Weib war ganz in seinen Händen, und in dem unbewußten Gefühl uneingeschränkter Gewalt tasteten seine Finger instinktiv über den nachgiebigen, weiblichen Körper, der hinter trockenen Falten eines grauen, weißseidengefütterten, breiten Mantels glitt. Sie war noch immer nur oberflächlich bekleidet und bebte vom Kopf bis zu den Füßen, doch anscheinend nicht einmal vor Kälte. Ihre großen Augen blickten beim blassen Dämmerlicht erschrocken und sonderbar aus dem bleichen, geschminkten Gesicht mit der zerstörten Frisur hervor.

Ganz entschieden lag etwas Eigentümliches in ihr: wie manchmal in der Melodie eines eleganten, unverschämten Tanzes beharrlich eine versteckte Note unverständlicher Trauer durchzittert, so blickte hin und wieder aus der halbnackten, bemalten Kokotte eines Café-Chantants schüchtern und trauervoll irgend etwas anderes — ein unglückliches, niedergeschlagenes Weib, hervor. Und wenn sie lachte, trank, tanzte, die Männer auf die zutapsenden Finger klopfte, glitt um ihre geschminkten Mundwinkel und die untermalten Augen ein unfaßbarer Schatten verborgenen Schmerzes. Das gab ihr einen scharfen, beißenden Reiz. Im Restaurant, beim elektrischen Licht, hatte sich dieser eigentümliche, auffallende Gesichtszug unter der schamlosen Maske begehrlicher Verkäuflichkeit verborgen. Jetzt dagegen, wo doch alles zu Ende war und sie nur darauf zu warten hatte, was dieser Mann, von dem sie gekauft worden war, mit ihr anfangen würde, trat er wieder, ohne sich zu verbergen, auf ihre abgeblaßten, müden Mienen und verband sich traurig mit der Dämmerung des blassen einöden Morgens.

Und dieser unterwürfige Ausdruck war es gerade, der Mishujew mit tollem Rausch erfüllte und seinen ganzen, mächtigen Körper mit dem scharfen Zittern unerbittlichen Verlangens durchtränkte. Je demütiger sie seinen Händen nachgab, je müder und trauriger ihre Augen blickten, desto dunkler und schwerer stieg irgendwo aus der dunklen Tiefe seiner Seele der Trieb nach wollüstiger Grausamkeit herauf.

Bei der Villa angelangt, schritten sie durch den Garten, in dem südliche Blumen betäubend dufteten. Mishujew hinter der Kokotte, die ihn wie eine demütige Sklavin zu sich ins Haus führte.

In ihm schienen zwei Wesen zu leben: das eine entsetzte sich davor, was sich seiner bemächtigt hatte; das andere wurde unter dem Bewußtsein der vollen Gewalt trunken und wollte nicht mehr sehen, was das erste ganz klar verstand. Und je höher in ihm der Widerwillen gegen sich und das Mitleid mit diesem müden Weib, das offensichtlich litt und sein Leiden zu verbergen suchte, aufstieg, desto unaufhaltsamer wurde sein Verlangen nach schmutzigster, brutalster Wollust. Er hatte das Gefühl, als wäre er völlig in der Gewalt eines uralten Tieres, das plötzlich in ihm erwacht war, obgleich er es längst getötet glaubte, und das ihn jetzt in seinen Abgrund schleppte; er sah sich klar niederstürzen, ihm graute davor und dennoch glitt er immer tiefer und tiefer hinab.

„Wohnst ... du allein?“ fragte er abgerissen. Er zitterte und fühlte, wie seine Füße in der Qual der Erwartung schwächer und schwächer wurden. Und plötzlich sah er, wie sein ganzes Empfinden abriß und irgendwo hinuntersauste. Ein widersinniger Gedanke blitzte durch das glühende Gehirn, ein rotes Feuer leuchtete vor seinen Augen auf und etwas Blindes, Ungeheures nahm ihn ganz in Besitz.

Mit einer letzten Willensanstrengung rief er sich zu:

— — Was ist das? Wahnsinn! Eine Lumperei! ... Doch diese Aufwallung glitt gleich wieder ohnmächtig ab und in dumpfer Ergebenheit sagte etwas im Innern seiner Seele: „Mag sein! warum denn nicht, wenn ich es kann und will? Ja, eine Bestie, ein Despot ... meinetwegen! ... Sehr gut!“

Und in seiner Stimme klang es fast wie wilde Schadenfreude, wie wenn er sich an einem rächte, der schöner und reiner war als er und den er jetzt vollständig von sich stieß, als er plötzlich Emma befahl, stehen zu bleiben.

„Höre,“ sagte er plötzlich heiser, „laß uns hier!“

Emma blieb stehen. Sie verstand ihn nicht gleich und sah sich unwillkürlich nach dem Grase im Schatten der Bäume und Rosenbüsche um. Aber er erfaßte diesen Blick im Flug und ergriff sie in einem furchtbaren Ausbruch brutaler Schonungslosigkeit an der Hand.

Emma wich zurück, und ihr Gesicht nahm sofort denselben niedergeschlagenen und bemitleidenswerten Ausdruck an, wie vorher im Restaurant, als man sie mit Gewalt entkleidete. Und wieder sah sie sich um, aber nunmehr so hoffnungslos wie ein völlig erschöpftes Tierchen.

„Was wollen Sie! ... hier ist es unmöglich ...“ flüsterte sie mit weiß gewordenen Lippen.

Als sie zurückwich, öffnete sich ihr Mantel, und ihre nackten Schultern kamen, blaß beleuchtet vom bläßlichen Dämmerlicht, zwischen weißer zerbrechlicher Seide zum Vorschein.

„Und wenn ich es will! ...“ Mishujew lächelte kurz und seltsam.

Sie erwiderte etwas, wich weiter zurück und sah sich mit weit geöffneten traurigen Augen um. Es entstand ein kurzer krampfartiger Kampf, und plötzlich stand mitten im märchenhaften Morgengarten ein fast nacktes Weib, nur in einzelne Spitzenfetzen wie in Meeresschaum eingewickelt.

Mishujew packte es an dem nackten biegsamen Hals und drückte es mit furchtbarer Kraft, unter dem qualvollen Genuß, daß er dem Weibe Schmerz bereitete, zu Boden nieder.

Es trieb ihn, etwas zu tun, das möglichst schmerzlich, abscheulich, widerwärtig wäre. Während er klar, wie von einem Blitz beleuchtet, die ganze Erbärmlichkeit und Lumpenhaftigkeit des wilden Impulses empfand, schleuderte er die ganze Last, die ihn so lange bedrückte, auf diese unglückliche Prostituierte nieder und zerstampfte sein ganzes langjähriges Leid, das niemand verstanden, das alle zurückgestoßen hatten, in den Kot einer gemeinen, sinnlosen Erregung.

Emma stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus; im selben Augenblick schlug Mishujew, gleichzeitig mit dem letzten erlöschenden Krampf voller Befriedigung, eine riesige Welle Ekel und Verachtung über den Kopf. Er schob das Weib krampfhaft von sich und erhob sich mit schwerem feuchten Atem, am ganzen Körper schweißbedeckt, erhitzt, matt.

Mit einem Male war alles, was ihm noch soeben trübe und unüberwindlich schien, verschwunden; er sah sich im Morgenlicht mitten im Garten neben einer gemarterten Frau, schmutzig und abstoßend wie ein Tier.

Sie raffte ihre Kleiderstücke und Röcke zusammen und wickelte sich sofort in die Spitzenfetzen ein. Dann schaute sie sich um, und trat mit einem unbegreiflichen Blick in den dunklen Augen vor ihn. In diesen Augen sah er Widerwillen und scharfen ohnmächtigen Haß leuchten.

Sie schwieg still und zitterte in ihrem Mantel am ganzen Leibe. Mishujew lächelte, wartete eine Weile und ging dann verwirrt zur Seite. Er wußte nicht, was er noch sagen und tun sollte.

Plötzlich empfand er entsetzliche, beißende Scham und eine eigentümliche erniedrigende Furcht. Alle Menschen, die er heute gesehen hatte — Tschetyrjow, Parchomenko, Maria Sergejewna, Marussin, Opalow — schwirrten blitzschnell an ihm vorüber. Die haßerfüllten strafenden Augen Tschetyrjows steckten hinter diesen furchtbaren, vom gleichen unversöhnlichen Haß erfüllten Frauenaugen; er schrie beinahe vor Schmerz, Scham und völliger Verzweiflung auf.

Doch inzwischen legte sich ein sonderbarer Schatten auf ihre Augen. Teils Angst, teils Gefälligkeit und Habsucht. Sie machte eine Anstrengung, um zu sprechen, ihre Lippen erzitterten, und Mishujew, der sie anblickte, bekam mit einem Male vor ihr Furcht.

Das schien kein Mensch mehr zu sein, sondern etwas anderes, erbärmlich Widerwärtiges; ihre gierigen und bösen Augen blickten verlogen und frech, die Lippen waren gefällig zu einem glitschigen Lächeln verzogen. Sie machte zwei Schritte vorwärts und legte den nackten Arm um seinen Nacken.

Das blasse Morgenlicht glitt über ihre reinen Linien und verlor sich in dem weichen Schatten der vollen, üppigen Brüste.

Ihn überlief etwas wie ein Schreck, aber im nächsten Augenblick blieb nur noch Widerwillen gegen sie und gegen sich selbst zurück. Es kam ihm sinnlos vor, daß in ihm eine Minute vorher noch dieser furchtbare Sturm getobt hatte, von dem jetzt nichts zurückgeblieben war. Furchtlos und töricht war er vorübergegangen; er empfand einfach Übelkeit.

„— Nicht nötig, —“ sagte er ungeschickt. „Das Geld schicke ich später zu.“

Sie streckte sich ihm noch einmal entgegen, lächelte ihm verlockend mit den verlogenen Lippen zu, aber Mishujew wandte sich jäh um und ging mit schweren Schritten fort.

Kreischend schlug die Gartenpforte hinter ihm zu. Ihn umwehte ein Hauch von Leere und Schweigen; vor ihm breitete sich die schwach beleuchtete, blaue Straße aus.

Er hörte noch, wie leichte, weibliche Schritte eilig über den Kies liefen, dann erstarb das Geknister der Seidenröcke in der Ferne; es wurde ganz still und einsam.

Still und traurig-einsam wurde es auch im Herzen Mishujews, und der ganze Alpdruck der vergangenen Nacht versank in diesem schweigenden, ohnmächtigen Leid. Er blieb inmitten der Straße stehen und sah mit trockenen Augen hinauf in den bläulichen Himmel, auf dem bereits ein paar rötliche Morgenwölkchen wie ein Vogelzug, der in sonnige Gelände eilt, dahinschwammen.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

VII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Am Abend spielte eine Kapelle im Stadtgarten. Die riesige, hellbeleuchtete Muschel auf der Bühne war mit Musikanten gefüllt, die sich wie sonderbare Insekten hin und her bewegten. Ganze Reihen schlanker, eleganter Bogen glitten wie die Beinchen von Heupferdchen auf und nieder, und der Kapellmeister, der ebenfalls wie ein Käfer auf den Hinterbeinen aussah, schien seine Schwingen bald ineinander zu schlagen und sie dann wieder breit zu entfalten. Süß pfiffen die Flöten, die Geigen schrien auf und stoben auseinander, schließlich rundete einsam eine ernste, traurige Trompete die letzten schönen, samtenen Töne ab.

Durch alle Alleen ergossen sich — scheinbar unerschöpflich — lärmende Menschenhaufen. In der Luft lagen ununterbrochen die Geräusche, die das Scharren unzähliger Füße hervorruft, die Gespräche schwollen bald wie eine Welle an und wurden stärker, bald aber ebbten sie unvermutet ab und verliefen sich irgendwo in der Tiefe der dunklen Alleen, um sofort wieder in einen breiten Wildbach von Lachen, Ausrufen und klingenden Schaumkronen weiblicher Stimmen zurückzuschlagen.

Lachende Gesichter glitten eigenartig, phantastisch in trübem Spiel des bläulichen elektrischen Lichtes, aneinander vorüber; plötzlich entstanden sie, verwickelten sich, schoben sich zusammen und trennten sich, wie in der komplizierten Figur eines ungewöhnlichen Tanzes. Und von oben bedeckte der Samt des nächtlichen Himmels, schweigsam und feierlich, mit seinen hellen südlichen Sternen die Erde.

Das Fest schimmerte voller Leben, in sorgloser Fröhlichkeit; nur Mishujew kam es vor, als wäre er in dieser festlichen Menge einzig ein düsterer Fleck, ein Siegeldruck der Einsamkeit und Nutzlosigkeit.

An diesem Tage war Maria Sergejewna, die in einem neuen blauen Kleid besonders reizend aussah, wieder in Gesellschaft Parchomenkos ausgefahren. Den ganzen Tag hindurch fühlte Mishujew, wie trübe Unruhe gleich einem schwarzen Schatten über ihm hing. In der letzten Zeit wurde die junge Frau etwas zu interessant und lustig; Mishujew wußte, daß Parchomenko hinter seinem Rücken mit unablässiger Beharrlichkeit hinter ihr her war. Er konnte sich leicht vorstellen, wie geschickt, frech und selbstsicher Parchomenko sein schmutziges Spiel treiben und die Kreise immer enger ziehen würde. Die junge Frau aber war von den ununterbrochenen Freuden des neuen Lebens, in dem sie, nach so vielen Jahren der Dürftigkeit und Langweile, wie in einem plötzlich aufgewirbelten Strudel umhergeschleudert wurde, hingerissen und tanzte gar zu sorgenlos den gefährlichen Tanz über dem Abgrund. Selbst ihre Kostüme, in denen sie die Bescheidenheit einer anständigen Frau sehr geschickt mit pikanten Andeutungen auf die Entblößungen einer Kokotte vereinigte, sprachen deutlich für die taumelnde Erregung, die die allgemeine Jagd nach ihrem Körper, der in voller Pracht geschmückt und aufgeblüht war, hervorrief.

Sie selbst dachte wohl kaum darüber nach, aber Mishujew wußte, daß es in solchem Zustand nur irgend eines Zufalls bedurfte — einer Mondnacht, einer kecken Zudringlichkeit, eines nicht erwarteten, leichtsinnigen Kusses, — und die junge Frau würde erst wieder zur Besinnung kommen, wenn alles zu Ende war.

Mishujew schien die Vorstellung sinnlos und unsäglich schmerzlich, daß sich Maria Sergejewna einem Manne hingeben könnte, für den sie nichts als ein gelungenes Werkzeug zur Aufpeitschung seiner übermüdeten Sinne bedeutete. Das war zu ekelhaft und paßte durchaus nicht zu ihrem reizenden Bilde. Manchmal hielt er einen solchen platten Vorgang für ganz undenkbar. Sie war schön, klug, gebildet und hatte zwei Männer geliebt, die über dem Durchschnitt standen. Nach ihnen konnte ein Verhältnis mit diesem Halbtier, diesem Halbidioten, diesem Parchomenko, nur eine unbegreifliche Gemeinheit sein.

Aber manchmal kam ihm der qualvolle Gedanke:

Wodurch bin ich denn besser als er? ... Gut, zugegeben, ich sei intelligenter und feinfühliger. Aber gab ich ihr denn, als ich mich mit ihr vereinigte, meine Intelligenz und meine Qualen, und nicht nur die gleiche tierische Lüsternheit? Als wäre für mich nicht im letzten Grunde wirklich nur ihre Seele und nicht ihr schöner nackter Körper Bedürfnis gewesen. Und Parchomenko? ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß er fähig wäre oder es auch nur wagte, eine Frau zu besitzen, die unendlich höher steht als er. Aber ich selbst — dort war es, im Garten — quälte diese unglückliche Emma, tötete in ihr den letzten Rest menschlicher Würde, zerfleischte sie wie ein Tier, ohne mich im geringsten darum zu kümmern, was sie im Augenblick gerade denken und fühlen mochte. Wenn ich sogar gewußt hätte, daß sie ein viel feineres Gedanken- und Gefühlsleben besitzt als ich, würde ich es dann anders gemacht haben? ... So wird auch dieser ... Wenn sie, durch Zufall oder Gewalt die Seine wird, so wird er ihren Körper wie jeden anderen an sich pressen, und die Tatsache, daß sie höher steht als er, wird seinen Genuß höchstens noch steigern.

Einst hatte sie ihren Gatten lieb, der doch unendlich intelligenter und feiner veranlagt war als ich; dann gab sie sich mir hin, weil ich ihr Luxus und Vergnügen verschaffte. Ich habe sie durch die Aussicht auf ein neues Leben fortgerissen, Parchomenko erreicht dasselbe durch seine Frechheit, seinen Despotismus, ... durch irgend etwas sonst noch ... Zu mir war sie ohne Liebe gekommen, nur weil ich reich bin ... sie kam wie das gemeinste Frauenzimmer, ja, es war noch schlimmer, weil sie ihre Verkäuflichkeit hinter einer angeblichen Liebschaft versteckte ... Diese Gemeinheit!

Es war schmerzlich, daran zu denken; so schmerzlich, als ob er sich selbst durch ihre Erniedrigung in den Schmutz trat. Und doch lag in diesen zusammenhanglosen, erdrückenden Visionen ein bohrender Genuß, als träufelte er sich ätzendes Gift auf eine blutende Wunde.

Mishujew schlenderte durch die Menge, die sich von allen Seiten drängte und ihn mit dem Duft von Parfüms und weiblichen Körpern, mit dem Knistern seidener Röcke, umwehte. Er ging langsam vorwärts, blickte mit achtlosen Augen auf seine Füße, und seine kranke Seele stieß sich in dem erfolglosen Streben nach etwas wund, was er sich selbst nicht nennen konnte.

In einer Allee begegnete er dem alten General und seiner Tochter, der kleinen Njurotschka, die so silberhell lachte, den Kopf zurückwarf und dabei das niedliche Kinn zeigte. Sie sah Mishujew schon von weitem, wurde still und warf ihm einen komischen Seitenblick, in dem eine unbewußte, schüchterne Aufforderung lag, zu. Ein erfrischender Zug wehte Mishujew aus diesem blutjungen, reinen Gesichtchen entgegen; doch er zog sich in sich zusammen, lüftete schwer den Hut und ging weiter.

Einige Tage vorher hatte sich der General ein Herz gefaßt und ihn um seine Hilfe gebeten, damit er das Mädchen auf die Universität nach Moskau schicken könne. Fjodor Iwanowitsch hatte es versprochen. Anfangs freute es ihn sogar; ihm schien es ganz reizend, dem niedlichen Mädchen zu helfen; bald aber entstand wieder in dem Tumult seiner Seele ein krankhafter Verdacht: vielleicht bot der General ihm, dem Millionär, seine Tochter an, und gewiß war es undenkbar, daß sie davon nichts wissen sollte. Mishujew sah klar vor Augen, wie er dann dem Mädchen in Moskau begegnen würde, und wie sie beide vom ersten Moment an zwischen sich besondere Beziehungen fühlten: sie ist durch seine Wohltat gebunden und er der, welcher auf Dankbarkeit rechnet. Nach kurzem Kampf und Tränen wird sie gewiß das Erlebnis als unvermeidlich hinnehmen und die Geliebte des Millionärs werden. Eigenartig und beißend wird im Anfang der Genuß ihrer Schamhaftigkeit und des jungfräulichen Körpers sein; dann wird sie fesche Kleider anziehen und zur gewöhnlichen Maitresse werden.

So unvermeidlich, so einfach das war; es machte auf Mishujew einen furchtbaren Eindruck.

Aber weshalb? fragte er sich: vielleicht wird es gar nicht dazu kommen, vielleicht werden wir Freunde bleiben oder sie gewinnt mich wirklich lieb und an ihrem unberührten Leben wird auch das meine frisch und gesund? ... Warum erwarte ich nur Gemeinheit, — es gibt doch noch andere Lebensmöglichkeiten ... Menschen leben glücklich und ehrlich ... warum ich nur ... Oder trage ich einen besonderen Krankheitskeim in mir. Alles, was ich nur berühre, muß zu Schmutz und Moder werden? Wie ein Alpdruck! Ich bin krank und töte mich selbst durch solche widerwärtigen Halluzinationen ...

Das Gesicht Mishujews verzerrte sich, als würde sein Herz von einem Messer durchschnitten; mit einem Male wurde es ihm bange, noch weiter inmitten dieser aufregend dummen Menge zu bleiben. Er ging aus dem Garten, trat in ein kleines Restaurant über dem Meer und setzte sich allein an ein Tischchen auf der Veranda.

„Fjodor Iwanowitsch! Warum sitzen Sie so allein?“ rief jemand vom Kai herauf, und der dicke, freche, unsaubere Podgurski kam mit glänzenden, hungrigen Augen und der hervorstechenden Leinwandweste auf ihn zu.

„Guten Tag ... Sie langweilen sich wohl?“

Er setzte sich neben ihn und fragte:

„Na also, Fjodor Iwanowitsch, was wollen wir trinken?“

Mishujew lächelte. In der Gegenwart dieses unglücklichen, frechen Burschen fühlte er sich aus irgend einem Grunde freier. Zu einfach sah bei Podgurski der gefräßige Wunsch zum Buschkleppen hervor. Er lag ganz natürlich und offen in ihm. Aber trotzdem konnte man herausmerken, daß gerade seine Beziehungen zu Mishujew nicht davon abhingen, ob dieser Geld geben würde oder nicht.

Podgurski sah sofort, daß sich Mishujew langweile, und in seinem Gesicht spiegelte sich der treuherzige Wunsch wider, ihn aufzuheitern, damit es überhaupt um ihn fröhlicher würde.

„Wissen Sie das Neueste? Opalow hat gestern bei Parchomenko dreizehnhundert Rubel gewonnen!“

„Wirklich?“ Mishujew gab sich mit gutmütiger Liebenswürdigkeit den Anschein, als ob es ihn sehr interessierte.

„Ja, und wissen Sie, was er zuerst getan hat? ... Hat sofort die Emma beim Kragen genommen und sie irgendwohin geschleppt, und so eilig, daß er sogar seine Krawatte liegen ließ ... Das muß eine Wonne gewesen sein.“

„Nicht viel brauchte er wohl, um in Wonne zu leben!“ lächelte Mishujew.

„Für Sie mag das nicht viel sein, aber für Opalow, dessen Weib in einem Flanellschlafrock herumläuft und alle drei Monate schwanger wird, der eine Fünfundzwanzigrubel-Kokotte aus dem Elysium für den Gipfel weiblichen Reizes hält, für ihn ist es eine neue Welt — von Parfüms, Spitzen, Luxus, gepflegtem Körper, verfeinerter Wollust! Oh!“

Mit verächtlicher Gutmütigkeit dachte Mishujew, daß das für einen so armen Kerl wie Opalow wirklich ein Glück sei; in ihm regte sich fast etwas wie Neid.

„Wissen Sie was? ...“ Podgurski wurde plötzlich lebhaft: „fahren wir ins Kasino?“

„Was sollen wir dort anfangen?“

„Wie, was? spielen!“ rief Podgurski mit einer Stimme, als hätte er Mishujew etwas äußerst Erfreuliches mitgeteilt.

„Aber, wozu ...“ gab Mishujew matt zur Antwort. „Zu langweilig.“

„Na, dann fahren wir zu Emma herunter — wollen sehen, wie Opalow in Wonne schwelgt!“

Mishujew antwortete nichts, und Podgurski, der sofort die Ablehnung erriet, machte einen neuen Ansatz:

„Wie kann ich es Ihnen recht machen!“ er rieb sich mit besorgter Miene die Stirn. „Wissen Sie was? Wenn Sie wollen, führe ich Sie in so ein Haus ... Sie verstehen — nur Mädchen unter dreizehn Jahren ... Und es gibt welche, die noch nach dem Kinderzimmer riechen ...“

Podgurski küßte seine aneinander gelegten Fingerspitzen.

„Es wurde schon an die drei Mal aufgehoben. Jetzt sind sie da wohl etwas eingeschüchtert, aber wenn man es auf ein paar Hundert nicht ankommen läßt, kann man da Dinger sehen, wie man sie selbst in Paris nicht immer trifft! Fahren wir doch! ... Warum denn nicht?“

„N—ein, wirklich ...“ Mishujew machte eine Grimasse des Widerwillens.

„Warum?“

„So.“

Podgurski sah ihm prüfend in die Augen.

„Ach, das sind Grundsätze!“ lächelte er unverfroren. „Und ich habe bisher immer geglaubt, Millionäre leiden nicht an so was!“

„Können Sie denn Millionären nicht einmal das primitivste Reinlichkeitsgefühl zubilligen?“ fragte Mishujew ernster als er wollte und lächelte mit verzerrten Mienen, als wäre eine seiner Backen in einem Krampf zusammengezogen.

Podgurski blickte ihn aufmerksam an und wechselte plötzlich das Thema. Er begann Witze zu erzählen, sich über Parchomenko und das Jaltaer Publikum lustig zu machen; unvermittelt bat er dann um hundert Rubel.

Mishujew griff mechanisch in die Tasche und gab ihm das Geld, während er an etwas anderes dachte. Als er die Geldtasche öffnete, durchbohrte Podgurski mit scharfen Blicken die buntfarbigen Ränder der Geldscheine, die daraus hervorlugten, und als Mishujew die Tasche auf den Tisch legte, konnte er seine Augen nicht gleich von ihr abwenden.

„Eins kann ich nicht verstehen! ...“ sagte Mishujew langsam, wie zur Antwort auf seine eigenen Gedanken.

„Was?“

Mishujew antwortete nicht gleich und blickte mit einem betrübten Ausdruck zur Seite, als wagte er es nicht, etwas Wichtiges und Schwieriges auszusprechen.

„Sehen Sie,“ er stotterte und blickte noch immer nicht auf, „worauf ich auch zu sprechen komme, was ich auch tun mag, niemand sieht es mit denselben Augen an wie bei einem anderen ... Niemand sagt es mir, daß meine Gedanken, meine Gefühle falsch sind, sondern alle meinen: der Millionär ... die Millionen ... Wenn Sie wüßten, wie das ... langweilig ist!“

Mishujew verzog sein Gesicht zu einem ungeschickten Lächeln; an ihm zeigte sich, daß er statt „langweilig“ eigentlich ein stärkeres und ernsteres Wort brauchen wollte.

Podgurski sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. Er hatte das Gespräch von neulich längst vergessen und konnte nicht verstehen, was Mishujew damit sagen wollte.

Schließlich wird Tschetyrjow wohl recht behalten! dachte er gespannt: es reißt ihn offenbar ordentlich zusammen! ... Ein Dummkopf ist er trotzdem ... wird am eigenen Fett ersticken!

„Etwas Anormales ist doch bei all dem,“ fuhr Mishujew mit trauriger, krankhafter Miene fort. „Warum betrachten Sie einen Tschetyrjow z. B., der hundertmal so viel verdient wie Sie, ganz gleichgültig, während ...“

„Hm, Tschetyrjow ...“ erwiderte Podgurski, „wieviel der auch verdient, er verdient alles durch seinen eigenen Buckel. Solange die Kräfte reichen, arbeitet er, wird er krank, kommt er aus der Mode, wird aus ihm dasselbe, was mit mir geworden ist ... Und was für einen Verdienst hat er schon ... Sein Leben unterscheidet sich nur sehr wenig von meinem. Aber ein Millionär — das ist etwas ganz anderes. Eine andere Lebenshaltung, andere Möglichkeiten ... Seine Stellung ist schon ganz Besonderes und auch alle Beziehungen zu ihm — einfach Ausnahmebeziehungen. Im Grunde begreife ich nicht, was Sie so quält?“

„Nicht gerade quält, nur ... aufregt,“ erwiderte Mishujew. Mit einem Mal empfand er unangenehm, daß seine Herzensergießung einen zu ernsten Charakter angenommen hatte; er schämte sich, Podgurski gegenüber so offen zu sein.

Podgurski schwieg still und wartete interessiert.

„Mich regt diese Sonderstellung meiner Person in der Gesellschaft auf,“ fuhr Mishujew gegen seinen Willen fort; er konnte dem erwartungsvollen Schweigen Podgurskis nicht widerstehen. „Kann man denn wirklich nicht zugeben, daß ich ganz ebensolch ein Mensch bin, wie alle anderen, daß ich ebenso denke, ebenso fühle ...“

„Ich meine es anders,“ lächelte Podgurski, „wie Sie wollen, aber Geld ist eine große Macht. Und Sie können es auch gar nicht unausgenützt lassen; jeder lebt eben davon, was er hat. In Fällen, wo wir anderen nur mit unserem Ich rechnen, mit seinen guten oder schlechten Eigenschaften, führen Sie unwillkürlich Ihr Geld ins Feld ... das weiß jeder Mensch. Was uns betrifft z. B. ... Ich spucke darauf, aber dennoch fühle ich, daß Sie nicht ich, nicht Opalow, nicht Tschetyrjow sind ... Vielleicht tun Sie mir nichts, nicht Böses noch Gutes, aber doch Sie können es tun. Und ... weiß es der Teufel! Das stört ganz entschieden. Ich habe es soeben erst gesagt, ich möchte auf Ihre Millionen am liebsten spucken, und doch aufrichtig, ich habe mich gleich dabei im Ton vergriffen ...“ Podgurski lächelte treuherzig und machte eine schicksalsergebene Bewegung mit den Händen.

Mishujew nickte ihm zu. Er blickte ihn jetzt gerade an und schien mit Spannung auf etwas zu warten.

„Was Sie auch wollen,“ sprach Podgurski fast verdrießlich weiter. „Ich kann doch nicht vergessen, daß Sie Millionär sind, daß Sie von Genüssen und Möglichkeiten leben und lebten, die ich nicht im Traum gesehen habe; daß Sie mir auf den Tisch tausend Rubel legen könnten. Sie können es aber auch nicht tun und können mir im Gegenteil irgend etwas einbrocken. Nehmen wir bloß Parchomenko ...“

„Ich spreche doch nicht von Parchomenko!“ versetzte Mishujew mit einer Betonung, die ihn von diesem Namen scharf trennen sollte.

„Aber für uns sind Sie beide ganz egal!“ rief Podgurski mit treuherzigem, überzeugendem Eifer. „Wir wissen doch nicht, wie Sie denken, wie Sie fühlen!“

Er verstummte für eine Sekunde und schien etwas gefunden zu haben.

„Hier, es regt Sie auf, daß alle Sie anders ansehen ... Aber Sie selbst, Fjodor Iwanowitsch, tun Sie doch einmal was, um uns ihre wahre Seele zu zeigen — nicht die des Millionärs, nein, einfach die Mishujews? Es ist Ihnen doch selbst unmöglich, nur für eine Sekunde aus dem Auge zu verlieren, daß Sie Millionär sind! Statt sich gute Beziehungen zu anderen Menschen zu verdienen, sie durch irgend etwas hervorzurufen, regen Sie sich auf, fordern Sie diese Beziehungen ... So sei unser souveräner Wunsch! ... Das ist doch auch ...“

„Mir scheint, ich gebe mich eher zu einfach,“ versetzte Mishujew hitzig.

Podgurski zuckte nur die Achseln.

„Das sagen Sie, ‚zu‘. Für mich gäbe es darin kein ‚zu‘, wenn ich mich einmal zusammennehme und alles, was mich quälte, Opalow erzählte. Aber Sie sehen da gleich ein, ‚zu‘. Ihnen kommt es vor, als lassen Sie sich herab, indem Sie mit mir offen reden. Sie schämen sich wohl gar Ihrer Offenheit? Ist doch wahr, nicht?“

Der Ton Podgurskis wurde dreist, und unbegreifliche Gehässigkeit klang jetzt heraus.

„Sie merken es vielleicht selbst gar nicht!“ sagte er triumphierend.

„Da sehen Sie es,“ erwiderte Mishujew ernst und schob die breiten Achseln in die Höhe. „Bei jedem andern hätten Sie das gar nicht bemerkt, mir aber können Sie es nicht verzeihen ... Sie hören mir zu und denken sicherlich, daß ich posiere oder mir in origineller Dummheit gefalle ... werde am eigenen Fett ersticken ...“

Podgurski wurde unwillkürlich verwirrt und lachte.

„Das kann ich nicht bestreiten. Etwas wird wohl daran sein ...“

„Ja,“ Mishujew nickte traurig mit dem Kopf, „Sie wollen nicht einsehen, daß ich von ganzem Herzen froh bin, mit Ihnen zu reden, weil es mir vorkommt, daß gerade Ihr Benehmen, — wie es auch sei, ob gut oder schlecht —, von meinen Millionen unabhängig ...“

„Das glaube ich auch!“ Podgurski verbrauchte gegen seinen Willen in diesen Worten zu viel Edelmut.

Sofort verstummten beide, weil sie den falschen Ton heraushörten. Mishujew wurde finster, ohnmächtig; Podgurski ärgerlich.

„Einfach verrückt!“ dachte der, und der falsche Ton empörte ihn nicht mehr seinetwegen, sondern machte ihn auf Mishujew wütend.

Durch das geöffnete Fenster war die dunkle, wogende See sichtbar; vom Ufer klangen dumpfe Hufschläge und ferne Musik herauf. Podgurski fühlte, daß er sofort weitersprechen müßte, fand aber im Augenblick keine Worte. Das Schweigen dauerte an, es wurde immer schwerer, das Gespräch wieder aufzunehmen. Gleichsam als wäre etwas vollständig abgerissen. Ihre Stimmung wurde so schwerfällig, wie wenn etwas, woran es ihrer Seele ohnehin mangelt, nutzlos und unsinnig vergeudet worden wäre. Mishujew seufzte schwer und bewegte die schweren Arme, die er auf der Tischplatte gekreuzt hielt.

„Nun, ich werde gehen ...“ sagte er.

„Wohin? Bleiben Sie noch.“

„Nein, ich habe Kopfschmerzen. Auf Wiedersehen!“

Podgurski zuckte unmerklich verdrossen die Achseln.

Uff, Teufel, wie schwerfällig der Kerl ist, dachte er.

In diesem Augenblick sah er das Portefeuille mit Geld, das Mishujew auf dem Tisch vergessen hatte. Er wollte ihn rufen, aber etwas hielt ihn zurück.

Mishujew trat auf die Straße hinaus und schlenderte langsam dem Park zu. Etwas Eigentümliches war in seinem Gedächtnis zurückgeblieben und machte ihn unruhig: war es das schwere, mißlungene Gespräch mit irgend einem geriebenen Burschen oder eine huschende Bewegung hinter seinem Rücken als er aus dem Restaurant trat?

Was war es doch?

Plötzlich erinnerte er sich, daß er sein Portefeuille vergessen hatte. Noch bevor es ihm ganz zu Bewußtsein kam, fühlte er, daß etwas Scheußliches geschehen war. Ein trüber Gedanke kam ihm, eine Weile versuchte er schneller zu gehen, aber dann setzte sich in ihm der Gedanke fest, daß Podgurski das Geld stehlen werde. Das war ihm peinlich. Er machte Kehrt und trat wieder ins Restaurant ein.

Podgurski stieß beinahe mit ihm zusammen. Ein Blick auf sein etwas verwirrtes und doch freches Gesicht, dessen Augen feindselig zur Verteidigung bereit waren, genügte, um den Verdacht Mishujews zu bestätigen.

Eine Weile blickten sie sich gegenseitig in die Augen. Dann sprach Mishujew ungeschickt:

„Ich habe mein Portefeuille liegen lassen.“

Podgurski zwinkerte mit den Augen, riß die Lider hoch, sein ganzer Körper geriet in Bewegung, als wäre er sofort bereit, sich ins Suchen zu stürzen.

„Wirklich? Ich habe es nicht gesehen. Kellner!“

„Nicht nötig ...“ erwiderte Mishujew leise.

„Warum nicht nötig ... es muß sich doch finden ...“ Podgurski geriet in nervöse Hast; sein Gesicht bekam das Aussehen eines gefangenen Fuchses, der doch noch in jedem Augenblick zuschnappen will.

Mishujew sah ihm fest in die Augen.

„Für mich macht es doch nicht viel aus ...“ sagte er unsicher.

Er wünschte nur, Podgurski möge begreifen, daß er ihm wegen dieses verfluchten Geldes nicht zürnen würde, und es ihm offen gestehen.

Aber das Gesicht Podgurskis wurde noch wütender, sogar seine Zähne kamen, wie zum Beißen bereit, zum Vorschein.

„Was wollen Sie damit sagen? ... Ich sag Ihnen doch, ich habe nichts gesehen! ...“

Mishujew überflog ihn mit einem kurzen Blick, lächelte knapp und ging plötzlich mit einer wegwerfenden Handbewegung fort.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

VIII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Als Mishujew nach Hause kam, sich an den Schreibtisch setzte und gewohnheitsmäßig nach einem Haufen Briefe und Telegramme greifen wollte, trat Maria Sergejewna frisch und leuchtend ein. Mit ihr schien eine ganze Wolke Bergluft, Blumenduft und Meeresgeruch in das Zimmer zu strömen. Und an ihrem Gesicht, das grundlos lächelte, an ihren Augen, die schlüpfrig glänzten, merkte er, daß sie schon jetzt, bevor sie ein Wort gesprochen hatte, log. Log und sich fürchtete; eine Furcht, die nur schöne Frauen kennen. Das feine und durchsichtige Spiel von Schönheit, Hilflosigkeit und Lüge verleiht ihnen einen erregenden, unfaßbar geheimnisvollen Schimmer.

Sie rief seinen Namen, lief, etwas zu leicht und lebhaft, auf ihn zu und legte ihre warmen Hände auf seine breiten Schultern.

„Du bist schon nach Hause gekommen! ... Liebster, wie ich mich nach dir gesehnt habe!“

Mishujew sah ihr fest in die Augen, durch die dunkle Funken huschten, und wurde ernst. Stechende, krankhafte Verdächtigungen stiegen im Augenblick in ihm auf; er fühlte sich sofort matt und unsicher.

„Wenn du nur eine Ahnung hättest, wie nett es dort war! Wir fuhren die Chaussee nach Sympheropol herunter, weit — weit! Den ganzen Weg lang trieben wir Kindereien, sangen, lachten ... Nachher soupierten wir in Gurjew!“

Mishujew sah sie schweigend, aufmerksam an, und unter seinem schweren Blick rötete sich das zarte Gesichtchen kaum merklich, das Figürchen wurde geschmeidiger, wie bei einer Katze, die Pupillen leuchtend von unsicherem, falschem Licht.

„Nein, wirklich ... Du bist doch nicht böse, Theodor, daß ich mich so herumtreibe?“ sie guckte ihm in die Augen. „Ich habe dich wirklich vernachlässigt! ... Warum bist du auch nicht mit uns gefahren? Es war so schön! ... Und ohne dich ist es doch nicht das richtige!“

Sie wollte ihn küssen, bog ihren ganzen biegsamen Körper herüber und berührte ihn wie absichtlich mit ihrer elastischen Brust.

Mishujew rückte erregt zurück.

„Höre, Mary, heuchle gefälligst nicht!“ sagte er ungeschickt.

„Was denn?“ Maria Sergejewna machte große, aufrichtige Augen. Aber aus ihnen lugte noch durchsichtiger und heller die feige weibliche Lüge hervor.

„Ich sehe doch, daß mit dir etwas passiert ist,“ sagte Mishujew mit Überwindung. „Also brauchst du nicht zu lügen ... Sage geradeheraus, was du hast ... Das ist besser.“

Maria Sergejewna stieß ein falsches Lachen aus und schmiegte sich mit ihrem ganzen Körper, dem Busen, den Armen, Beinen, den kitzelnden Haaren an ihn; sie hoffte offenbar, ihn durch den Rausch ihres Duftes, ihrer Wärme und Elastizität umzustimmen.

Mishujews Körper wurde durch diese unwahre Liebkosung statt der sonstigen Erregung von unerträglicher, physischer Wut gepackt.

„Aber laß das doch, sag ich dir! ...“ er schob grob seine Schultern vor ihre Umarmung.

„Wie sonderbar du heute bist ... was regst du dich denn auf!“ Maria Sergejewna tat verwundert und machte fast mit Gewalt den Versuch, ihn zu umarmen. Aber Mishujew stieß sie so grob zurück, daß es sie augenscheinlich schmerzte, denn ihr hübsches Gesicht wurde für eine Weile von einem erschrockenen Ausdruck überzogen. „Bei Gott ...“ rief sie nochmals.

„So erzähle endlich!“ schrie er wütend.

Die kleine Frau erschrak und trat zur Seite, aber auch von weitem blickten ihn immer noch ihre durchsichtigen, unwahren Augen an.

„Ach nichts! ... Kleinigkeiten ... Ich wollte es dir anfangs gar nicht erzählen ...“

Eine Kältewelle rieselte über Mishujews Kopfhaut. Er fühlte, daß er unter einem tollen Wutausbruch das Bewußtsein verlieren würde, wenn sie nicht sofort mit der Sprache herausrückte; es mußte etwas Furchtbares geschehen.

Sie schien es selbst zu fühlen, denn sie kam vorsichtig auf ihn zu und legte ihre Fingerspitzen wie tastend auf seinen festen Ellenbogen.

„Siehst du ... du darfst aber nicht böse sein ... Es war nichts weiter ... Wir soupierten in Gurjew auf dem Balkon, du weißt, so über dem Meer ... dort ist es wunderschön, und ...“

Sie zog die Erzählung in die Länge, während sie sich immer noch vorsichtig mit den Fingern auf seinen Ellenbogen stützte; Mishujew fühlte, wie diese niedlichen Fingerspitzen leise zitterten.

Die Sicherheit, daß etwas Gemeines, nicht Gutzumachendes geschehen sei, wuchs mit Blitzesschnelle in seinem Gehirn.

„So erzähle endlich!“ brüllte er in einer Aufwallung von Zorn und Schmerz so laut, daß seine Stimme durch die ganze Wohnung dröhnte.

Maria Sergejewna sank beinahe in sich zusammen, ihre Augen wurden ganz rund, wie bei einer aufgeschreckten Katze.

„Siehst du ...“ stammelte sie hastig, halb die Worte verschluckend, ohne sich vom Fleck zu rühren. „Ich habe dort Wassja ... habe meinen Mann ... getroffen ... er bat mich, ich möchte zu ihm hereinkommen, er wollte mit mir sprechen ... Ich hätte es nicht tun dürfen, nicht wahr?“ Sie fragte unerwartet; es war deutlich zu erkennen, daß sie selber wußte, sie hätte es nicht tun sollen, und mit dieser Frage nur von neuem log.

Mishujew schwieg und atmete schwer.

Maria Sergejewna trat vorsichtig näher und berührte wieder seine Hand.

„Bist du mir böse?“ Aus dem Ton klang klar heraus, daß sie seinen Zorn voraussah und nun bemüht war, sich naiv zu zeigen.

Toll vor Wut erhob sich plötzlich Mishujew und schleuderte sie schweigend von sich. Maria Sergejewna fiel beinahe über ein Fauteuil; doch krallte sie sich fest und geschmeidig, wie eine fallende Katze ausgereckt, noch rechtzeitig in die Armlehne.

„Was hast du? ...“ begann sie mit blassen Lippen.

„Erkläre mir gefälligst,“ Mishujew sprach mit unheimlich zurückhaltender Stimme, während er sie mit kühlem Haß betrachtete. „Meinst du im Ernst, daß es für mich möglich ist, darüber nicht zu zürnen? ... Wozu heuchelst du?“

„Aber was habe ich denn Schlimmes getan?“ stammelte, jetzt in aufrichtiger Hilflosigkeit, Maria Sergejewna.

„Was? Hier, —“ Mishujew schwieg eine Weile still und suchte nach dem passenden Wort, in dem schmerzlichen Gefühl, daß er das Richtige nicht finden würde und ein anderes nehmen müßte: „Hier hast du es: eins von beiden, entweder du gestehst mir offen, daß ich für dich nichts bin, daß du zu mir nur als Maitresse kamst, während du ... oder ...“

Mishujew sprach nicht zu Ende. Plötzlich tat er sich selbst leid: er hatte diese Frau so innig geliebt, er opferte ihr einen Menschen, der ihm teuer war, handelte gemein und schmutzig, log, betrog, immer in dem Glauben, daß sie dafür ihm wenigstens nahe sein würde. Durch diese unveränderlich wiederkehrenden Begegnungen mit ihrem Mann war es schon oft zu qualvollen, erniedrigenden Eifersuchtsszenen gekommen. Er hatte ihr einmal sogar gestanden, daß ihn der Gedanke folterte, sie habe ihm nur seines Geldes wegen nachgegeben ... Jetzt sah er mit einem Mal, daß dem wirklich so war: sie hatte ihn nicht geliebt, sie liebte den andern, sie ist bereit, sich ihm wieder hinzugeben; ihn, Mishujew, belügt und betrügt sie, wie einen Narren, aus lauter Furcht. Er fühlte sich lächerlich; in einer dummen und erbärmlichen Situation.

„So würde nicht die niedrigste Dirne handeln!“

In diesen Worten klang ein ganzer Schwall toller, grober Worte zusammen. Ihn packte ein unbändiges Verlangen: sie zu schlagen, sie irgendwie bis zum äußersten brutal zu behandeln, um ihr zu zeigen, daß sie, da sie nun einmal des Geldes wegen zu ihm gekommen war, auch sein Eigentum geworden ist, mit dem er ganz nach Gefallen handeln kann.

Aber als er in ihrem Gesicht ohnmächtige, sklavische Furcht erblickte, ergriff ihn plötzlich ein so drückendes, peinigendes Gefühl, daß er sich schwer am Tisch niederließ, mit den Händen an den Kopf faßte und nur noch einen Wunsch hatte, nichts mehr zu hören und zu denken.

Einige Minuten lang dauerte das Schweigen. Mishujew saß immer noch unbeweglich am Tisch, und sein großer Kopf, der hilflos auf den Händen gestützt lag, erschien arm und bemitleidenswert.

Maria Sergejewna stand lange auf einem Fleck und sah ihn schüchtern an. Dann leuchtete mild und rührend weibliches Mitleid in ihren Augen auf. Sie bewegte sich leise, trat schüchtern auf ihn zu, blieb stehen; Mishujew konnte den schnellen, ungleichmäßigen Schlag ihres Herzens hören.

Zarte, warme Finger berührten leise wie ein Atemzug seine Haare.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

IX

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Ähnliche Szenen hatte es auch früher schon mehr als einmal gegeben, aber in ihrer Wiederholung wuchsen sie unheimlich an. Jede neue wurde immer sinnloser und abstoßender als die vorhergehende. Maria Sergejewna konnte es nicht verstehen: manchmal erschien ihr Mishujew wie wahnsinnig, manchmal aber warf sie sich mit brennender Reue allerhand Verbrechen, die sie niemals in ruhigem Zustand anerkannt hätte, vor. Sie sah, daß irgend ein unabwendbares Unglück an sie heranrückte, wußte aber nicht, wie sie den Alb überwinden sollte und litt ohnmächtig und jammervoll unter ihm.

Am allerentsetzlichsten war der Verlust an Selbstachtung und der Schmutz, den diese widerwärtigen Szenen hervorriefen. Sie erniedrigten sie und brachten sie in eine gewisse Abhängigkeit von ihrer Umgebung, selbst von den Dienstboten. Von allen Seiten sahen Augen und lauschten Ohren neugieriger, fremder Menschen, denen es gleich war, ob sie litten oder Dummheiten trieben, für die aber das Ganze ein amüsantes Schauspiel war. Sie mußten ihre Stimmen dämpfen, rasch die ätzenden Tränen verbergen, den schmerzverzogenen Gesichtern unwahre Mienen aufzwingen und sich unglücklicher als der elendeste Knecht fühlen.

In den letzten Tagen pflegten solche Szenen nur noch mit hysterischen Anfällen und völliger Erschöpfung zu enden. Es schien, daß sie von Zeit zu Zeit alles Schöne und Kultivierte verließ; in wilder Wut schlugen sich zwei Halbverrückte herum, die selbst nicht mehr wußten, was und wozu sie einander ins Gesicht schrien, und die nur darüber nachdachten, wie einer den anderen schmerzhaft zu kränken und zu verletzen vermöchte.

Mitunter überkam sie völlige Verzweiflung, und sie wünschten ein Ende, nur ein Ende zu machen. Aber in dem Augenblick, wenn Schmerz und Wut bis zum äußersten angeschwollen waren, fielen sie plötzlich zusammen, die Nerven gaben nach, es gab Tränen, gegenseitige Nachgiebigkeit, dann eine krankhafte, unerwartete Erregung, die sie beide in einem brennenden, wollüstigen Anfall zueinander trieb. Es kam ihnen wieder zum Bewußtsein, wie unsinnig das Vorgefallene war, und gleichzeitig überfiel sie hoffnungslose, qualvolle Reue.

„Wir sind verrückt!“ sagte Maria Sergejewna verzweifelt und schmiegte sich weinend an Mishujew, als suchte sie bei ihm Schutz. Er litt es schweigend; vor seinen Augen sah er den schwarzen Abgrund des unvermeidlichen Endes.

In derselben Weise war der heftige Auftritt auch an diesem Tage verlaufen.

Maria Sergejewna lag, todmüde, weich und erhitzt, mit tränennassem Gesicht und dunkelgewordenen Augen neben ihm. Das noch nicht befriedigte Verlangen zog sie mit krankhaft verstärkter Macht zueinander. Da sagte sie leise und treuherzig:

„Ich weiß, daß ich es deiner Ruhe wegen nicht tun sollte ... Aber glaube mir doch! Er tat mir einfach leid; so unglücklich kam er mir vor. Krank! ... Wie man es nehmen will ... Schuld habe ich doch ihm gegenüber! ...“

Und dem ermüdeten, vielleicht auch nach der Aufregung klaren Gehirn Mishujews schien es jetzt in der Tat ganz einfach und natürlich:

... Selbstredend hat sie ihm gegenüber Schuld ... Wie dem auch sei, einst liebte sie ihn doch ...

Alle Verdächtigungen schienen ihm sinnlos, unbegründet, nichts als unerträgliche Launen.

„Verzeihe mir ... ich bin tatsächlich verrückt ...“ stammelte er, voll schmerzlichen Mitleids, voll Liebe, Reue, Selbstverachtung und küßte das nasse, heiße Gesichtchen.

Sie glaubte sofort, daß nunmehr alles in Ordnung sei, — jetzt werden sie sich aussprechen, und vom nächsten Tag an wird alles so glücklich verlaufen wie noch nie zuvor. Sie überstürzte sich fast, um ihm alles zu sagen:

„Ich weiß, du meinst, ich hätte dich nicht lieb und wäre nur deines Geldes wegen zu dir gekommen ... Vielleicht hast du Grund, so zu denken ... Ich bin ein dummes, garstiges Ding, aber es ist doch nicht so: wirklich, ich liebe dich mehr als mein Leben! ... Du hast mir schon immer gefallen, schon lange ... Du bist so ... so groß, so stark, so feinfühlig! ...“

Im Zimmer war es finster, und Maria Sergejewnas Gesicht schimmerte trübe, weiß auf dem dunklen Divankissen. Ihre Augen taten sich weit wie zwei Abgründe auf. Ihre Stimme klang zart und abgebrochen, wie die eines gekränkten Kindes.

„Ich war immer froh, daß du dir deiner Macht bewußt bist und daß sich alle dir unterwerfen. Natürlich machte es mir auch Vergnügen, daß du für mich soviel hinauswerfen kannst, wie ich gar nicht wert bin ... Aber reiche Menschen gab es doch so viel! Wenn ich nur wollte ... Aber du bist größer, stärker als sie alle! ... Wir Frauen lieben im Manne die Kraft und die Macht ...“

Mit Tränen der Zärtlichkeit und der Rührung küßte sie Mishujew; unter ihren stillen, verliebten Worten war es um sie wohlig und glückverheißend geworden. Sie flüsterte eilig und treuherzig, sie glühte am ganzen Körper, sie war unterwürfig und hingebend! Ihm kam das stolze Bewußtsein seiner Kraft, das Bewußtsein, daß sie ihn liebt und sich ihm wie ihrer Sonne, für die allein sie existiert, hingibt.

„Ich bin ein dummes Ding, ich kann es nicht erklären,“ flüsterte leise Maria Sergejewna, „ich hatte ein so eintöniges, langweiliges Leben ... es schien, als ob alles schon vorbei wäre und mir nichts mehr bevorstände ... Da brachtest du etwas Kraftvolles hinein, ich war wie wahnsinnig vor Glück geworden! ... Ich träumte von dir, lief dir wie ein Backfisch nach.“

„Aber doch habe nicht ich es gebracht ...“ bemerkte Mishujew mit dem unbewußten Wunsch, noch weiter in sie zu dringen; seine Stimme erzitterte im voraus in leichter Angst.

„Nein — du! Du ... So wie du bist: groß, stark, mächtig wie ein König! Aber das ist nicht das Wichtigste: wärest du arm, so hätte ich mich dir ganz ebenso hingegeben ... Du bist mein Alles!“ Maria Sergejewna schmiegte ihren Körper mit rührender Schamhaftigkeit und doch schamlos an den seinen.

Sie flüsterte noch etwas, während sie unter seiner Liebkosung wie eine Blume aufblühte; Mishujew schien sein früheres Mißtrauen immer unbegründeter.

— Ich bin einfach nur ein Despot! dachte er.

Er wünschte nur, daß sie weiter spräche, noch mehr seine fürchtenden Gedanken zerstreue, sie widerlege, es beweise.

„Ja, aber ... dein Mann war doch klüger und talentvoller als ich ... Was bin ich denn im Grunde genommen ...“

Er fragte mit gedämpfter Stimme, als könne er dadurch seinen Wunsch verbergen; er erschrak selbst vor diesem Verhör, wie wenn er über einen Abgrund gleite. Er strengte sich an, sie zu überbieten, ihr den Gatten von neuem in Erinnerung zu bringen, ihr zu beweisen, daß jener besser sei als er.

„Wofür hast du mich im Grunde lieb gewonnen? ... Gewiß nicht, weil ich gesund bin wie ein Bulle?“ er sprach mit Absicht verletzend von sich; er war ganz gespannt in der sehnsüchtigen Erwartung nach Widerlegungen, nach leidenschaftlichen, erhebenden Worten.

Maria Sergejewna war durch seine letzte Frage tief beleidigt. Ihr ganzer Körper sträubte sich dagegen, als wäre er plötzlich entblößt auf die Straße geworfen worden; sie fing an zu beteuern, daß es nicht wahr sei.

„Aber, wie denn?“

Sie antwortete nicht gleich, fand nicht die richtigen Worte. Es war finster, und Mishujew konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht erkennen. Er wartete und fühlte mit Entsetzen, wie ein schlüpfriger, fürchterlicher Verdacht in dem Dunkel seiner Seele entstand und herumschlich.

Doch sie begann ihm auseinanderzusetzen, warum sie ihn für klüger, besser, origineller als die anderen hielte. Sie bewies es leidenschaftlich, aufgeregt, hastig. Aber er widersprach ihr immer wieder und erklärte mit falscher, gehässiger Stimme, daß ihr Mann ein hervorragender, prächtiger Mensch sei. Er schilderte ihn wahrheitsgetreu und erniedrigte sich selbst dabei. Vor Maria Sergejewna tauchte allmählich immer klarer und deutlicher die bekannte Gestalt auf; das feinfühlige Gesicht des schönen, zärtlichen, eigenartigen Menschen, das sie auch noch jetzt, ohne es zu wissen, liebte. Irgendwo in der Ferne zeigten sich Erinnerungen an das erlebte Glück, an die ersten Liebkosungen; sie riefen bis zur Unfaßbarkeit feine Trauer hervor. Sie erschrak und begann zu streiten, ganz eigentümlich zu streiten, als ob sie nicht Mishujew zu widerlegen suchte, sondern etwas anderes, das im Innern ihrer selbst entstanden war. Das krankhaft angespannte Gehör Mishujews erfaßte diesen eigentümlichen Klang der gebrochenen weiblichen Stimme. Auch in seinem eigenen Flüstern änderte sich etwas: er stieß seine Werte mit trockener, unbegreiflich gehässiger Hartnäckigkeit hervor. Und mit einem Mal merkte Maria Sergejewna mit Entsetzen, daß es ihr, sobald sie nicht mehr leugnen konnte, daß ihr Mann ein hervorragender, guter Mensch ist, an den Beweisen fehlte, weshalb sie Mishujew liebgewann.

Ohne Worte wurde es klar, daß sie ihren Mann liebte und ihn auch jetzt noch nicht vergessen hatte, und daß sie nur von dem Drang nach neuem, prunkvollem Leben, den sie bis jetzt mit solcher Beharrlichkeit, und, wie sie glaubte, auch mit Aufrichtigkeit geleugnet hatte, fortgerissen worden war.

Als sie dahin kam, verstummte sie plötzlich, ungeschickt, ratlos, schwach, während sie sich angstvoll sagte, daß sie jede Sekunde dieses Schweigens zugrunde richten müsse. Mishujew wartete, drückte noch immer mit seiner schweren Schulter auf ihre weiche Brust und schob sein Bein nicht von ihren runden, warmen Schenkeln zurück. Seine Augen starrten unverwandt geradeaus in die Finsternis, sein ganzer Körper lag abgestorben in der entsetzlichen Erwartung dessen, was er längst vorausgesehen hatte. Eine unabwendbare, eisige Kälte stieg allmählich von ihnen herauf und trennte sie voneinander. Sie versuchte, noch etwas zu sagen, brachte es aber nicht fertig und brach plötzlich in ohnmächtiges Weinen aus.

„Warum folterst du mich so! ... Ich weiß von nichts ... von nichts ...“

Mishujew schwieg und atmete schwer. Er fühlte, wie sein ganzer Körper, sein Herz und Gehirn in schwarze Leere versanken.

Maria Sergejewna schluchzte auf und verstummte. Er schwieg und wartete auf etwas. Ohne mit dem Weinen aufzuhören, hob sie schüchtern ihren Blick. Da klatschte plötzlich eine scharfe Ohrfeige mit furchtbarer Kraft über ihr Gesicht.

„Ah!“ schrie Maria Sergejewna; sie verlor für einen Augenblick vor Entsetzen und Schmerz fast die Besinnung.

„Luder!“ sagte Mishujew heiser. Schwer und vierschrötig, in der Finsternis unsichtbar, kroch er fort, wobei er sich bemühte, ihren warmen, regungslosen Körper nicht zu berühren, und ging rasch, an die Möbel stoßend, aus dem Zimmer.

„Ende!“ sagte in ihm dumpf eine Stimme.

Inmitten seines Arbeitszimmers blieb er stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin. Dort, hinten, suchte das gespannte Ohr irgend einen Laut zu fassen, aber alles blieb still, wie ausgestorben. Er fürchtete sich, auch nur einen Finger zu rühren, ihm schien, daß die leiseste Bewegung den Tod mit sich bringen würde. Sein ganzes Wesen war ein einziger, unsäglicher Schmerz. Entsetzliche Scham, tiefste Vereinsamung und tödliches, herzzerreißendes Mitleid mit sich und mit ihr verschlangen sich chaotisch mit kalter, böser Freude, als ob er endlich an jemandem Rache nahm, indem er, ihm zum Trotz, sich selbst vernichtet hatte.

„Ende!“ sagte Mishujew mit sonderbarem Lächeln.

Er wollte dieses unsinnige Lächeln unterdrücken, aber es wuchs in die Breite, wurde größer, zerrte an seinem Gesicht, er konnte die klappernden Kiefer nicht ruhen lassen, und mit einem Mal zuckte sein ganzes Gesicht in einem furchtbaren, wahnsinnigen Krampf auf.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

X

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Es war ein windiger Tag; die breite See, mit weißen Gischtkämmen bedeckt, scharf blau in der Ferne und grell-grün in der Nähe, wogte nicht, sondern schien sich zu drehen. Alles war scharf und buntfarbig: die Schatten, das Sonnenlicht, die prächtigen Toiletten der Damen, die auf dem Dampfer standen, die Borde und Taue des Schiffes. Der Wind erfüllte alles mit launischer, gleißender Bewegung; die ganze Umgebung wurde dadurch ungeheuer groß, die Menschen aber und das Städtchen, das hinter der Bucht strahlte, fast spielzeugartig klein.

Auf die Abfahrt des Dampfers mußte sehr lange gewartet werden. Mishujew wie Maria Sergejewna fühlten sich traurig, schwer und unbehaglich.

Grob rasselte der Krahn, während er schwere Kisten durch die Luft trug und in den Kielraum versenkte. Über die Schiffsbrücke, zwischen Verdeck und Ufer, strömte ungeduldig eine bunte Menge, unter der sich auffallend viele Damen befanden. Vom Ufer schrie man zum Bord hinüber, vom Bord zum Ufer, man warf sich gegenseitig Blumen zu, die von scharfen Windstößen ins Wasser gerissen wurden. Die Damen hielten die Hutkrempen fest; die Röcke flatterten bald auf, bald umschlangen sie die Kniee, zeigten die weichen Umrisse der Füße und verliehen dadurch dem Ganzen einen ungeduldigen, unsteten Charakter. Trotzdem sah es aus, als ob der Dampfer nie mit der Aufladung der zahllosen Kisten fertig werden und abfahren wird. Manchmal begann die Dampfhuppe ungestüm zu brüllen, und ihr gewaltiger, schriller Seufzer übertönte alle Laute, schwoll höher und höher an; erst als die Ohren bereits schmerzten und das Gebrüll ganz unerträglich wurde, riß es plötzlich ab, schrie kurz auf und verstummte. Eine seltsame Stille trat ein, lange hörte man in den fernen Bergen das verhallende Echo. Dann erhob sich wieder scharfes, eiliges Gerede, und ungeschlacht rasselte der Hebekrahn.

Mishujew stand am Bord und litt unter einer furchtbaren, drückenden Last. Er fühlte, daß Maria Sergejewna ihn immer wieder anschaute, und sah von der Seite ihre dunklen Augen, die sich anstrengten, ruhig und lächelnd auszusehen, in denen aber durchsichtige Tränen standen.

Sie sagte nichts. Die Entscheidung war schon gestern getroffen; nach der schweren, abscheulichen Unterredung gab es jetzt nichts mehr, worüber sie sprechen konnten.

Nun schön ... Ende, — mag es das Ende sein ... wiederholte sich Maria Sergejewna lautlos, und nur ihre Hand im weißen Handschuh fuhr ohne Grund über den blanken Messing des Schiffsbords. An dieser ununterbrochenen, gespannten Bewegung konnte Mishujew verstehen, was sie fühlte und dachte, was für auswegslose Trauer ihr kleines Herz zerriß. Sie tat ihm leid; er fühlte eine unendliche Schuld gegen sie. Doch in seiner Seele war es leer, und es war unmöglich, sich eine Rückkehr zu dem früheren, zu den Zärtlichkeiten, dem gemeinsamen Leben und der gegenseitigen Wärme, vorzustellen. Etwas war gerissen, zwischen ihnen lag kalte Leere, und jetzt hatte er nur noch einen Wunsch: nichts mehr in die Länge zu ziehen! Nur schneller alles zu enden!

Tja ... dachte Mishujew, unbeweglich auf die bunte Menge starrend. Sie wird auch ohne mich fertig werden. Wird das bisherige festliche Leben führen, nichts entbehren, nur Lust und Freude suchen.

Ihm schien, daß sie einen anderen Mann finden müsse, den sie so wie einst ihn lieb gewinnen kann, der sie aber aufrichtig und mit dem Gefühl des Dankes, mit warmer, inniger Achtung liebt. Doch aus irgend einem Grunde konnte er sich diesen anderen nicht vorstellen; statt dessen stieg vor ihm bald das schwarzbärtige, runde Gesicht Parchomenkos bald die hängende Unterlippe des Börsianers auf.

Auch das ist möglich, dachte Mishujew — sie hatte die reine, aufrichtige Liebe zu ihrem Mann, sie tauschte sie gegen mich ein, weil ich ihr neue Eindrücke, die Möglichkeit eines sorgenlosen, lustigen Lebens gab. Jetzt wird es ihr schwer sein, zum früheren zurückzukehren ... sie muß in dem neuen Gleise bleiben ... Und sie wird fröhlich sein, sich glücklich hingeben, lachen, sich schön kleiden ... Bis das Leben selbst erblaßt und in Leere aufgeht ... Es ist doch schade! ... Aber ich allein bin schuld ... Na, schön ... Ich werde leben, wie ich schon gelebt ... es wird öde, widerwärtig, einsam zugehen! Leer ...

Die Messinghuppe fing zu brüllen an. Die Luft erzitterte, das Verdeck zitterte, und eine Minute lang schien es, daß auch das Meer und der Himmel unter dieser unmenschlichen Stimme, die in den Bergen widerhallte, erbebten. Auf dem Verdeck schrie man, man bewegte sich und schwenkte die Tücher.

Maria Sergejewna wurde blaß, und in ihren dunklen Augen drückte sich unterwürfige Trauer aus. Mishujews Herz zog sich zusammen. Beide fühlten in diesem letzten Augenblick die hoffnungslose, traurige Zärtlichkeit.

Man konnte den Moment nicht bemerken, in dem der Dampfer abstieß, nur der trübe, grüne Wasserstreifen wurde plötzlich breit und wuchs zwischen der nassen Steinumfassung der Mole und dem schwarzen Borde schnell an.

Mishujew stand auf dem Verdeck und schaute lange aus, um unter der Menge die schlanke, winderfaßte Gestalt Maria Sergejewnas zu finden. Der Dampfer fuhr mit voller Geschwindigkeit, und die Gischtkronen der freien Wellen zeigten sich zwischen ihm und dem Ufer. Der Kai wurde immer kleiner und kleiner, aber lange noch sah Mishujew die in der Richtung des Dampfers hergehende, helle, weibliche Gestalt, deren Kleid der sonndurchstrahlte Wind hin und her zerrte und hochhob.

Ihre Gesichtszüge konnte er nicht mehr erkennen ... nicht mehr sehen, ob sie steht oder geht. Nur ein kleines, helles Fleckchen schmiegte sich an die lange, graue Steinwand, mitten im Wind, den rollenden Wellen und dem weißen Gischt, den der Wind von ihren Köpfen reißt.

Immer kleiner und kleiner. Und als das Städtchen, und der Kai, und das kleine, weibliche Figürchen zu einem Panorama, das wie Spitzenwerk durchleuchtet war, zusammenflossen, stach ein scharfer Schmerz tief in sein Herz; er fühlte sich in der ganzen Welt allein.

Abgebrochen war das frühere Leben; es verschwand für immer in der blauen Vergangenheit. Vor ihm breitete das leere, bewegliche Meer, hebend und fallend, seinen windigen, kalten Raum aus.

— — Na, sei’s so ... dachte Mishujew. Vielleicht ist es zum guten ... Irgendwie werde ich schon damit fertig werden.

Auf dem Dampfer ging es lustig und farbig zu. Viele Frauen in schönen Kleidern, mit Blumensträußen in der Hand, gaben ihm ein festliches Aussehen, und als auf dem Vorderteil unerwartet Musik zu spielen begann, glich das Ganze einem fröhlichen Ausflug. Die Fahrgäste teilten sich in Gruppen, zwischen den Damen tauchte bald der Kapitän auf, der in seinem schneeweißen Kittel halb wie ein Geck, halb wie ein Seemann aussah. Scherze, Lachen, weibliche Ausrufe erschollen. Und hinter dem Schiff schäumte das Meer und schwamm in die vergehende Ferne zurück.

Im blauen Nebel zogen grüne Ufer und rosige Berge vorbei. Auf einem Felsvorsprung lag ein weißes Kloster hoch über dem Meer und schwebte lange, wie eine Möve, in der Luft, bis es in der blauen Weite zerfloß. Das Meer rollte und bewegte sich, die weißen Wellen hoben sich und fielen nieder.

Unermüdlich schritt Mishujew auf dem Verdeck auf und ab, schaute auf das verschwindende Ufer und sann nach. In seiner Seele klang und schmerzte ein trauriges, hoffnungsloses Gefühl.

Wohin fahren? Wozu? dachte er, während sein Blick gleichgültig über Meer und Ufer schweifte, die er schon so oft gesehen hatte — hier, wie an der Küste Italiens und in Ägypten — und die ihm von der ergreifenden, blauen Schönheit der Natur, die das Herz des Menschen frei wie einen Vogel an einem hellen Sommertag macht, nichts mehr zu sagen wußten.

Nur fiel es ihm auf, wie eigentümlich die Möven kreischten, die den Dampfer begleiteten.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XI

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Maria Sergejewna stand in der Mitte ihres Badezimmers, in dessen weißen und grauen Fliesen sich das elektrische Licht brach und spiegelte, und ein kräftiges Kammermädchen rieb sie stark und geschickt mit einem nassen Schwamm ab. Der nackte, feuchte Körper glänzte in dem Licht, und bei jeder Anstrengung des Mädchens gab das schlanke, elastische Figürchen Maria Sergejewnas langsam nach und richtete sich wieder auf. Die abgerundeten Brüste zitterten und schwankten, ihr stolzes Köpfchen richtete sich bald auf, bald sank es mit der schweren, auf den Rücken herabhängenden Frisur nieder, und man konnte glauben, daß das nackte Weib nur von süßer, physischer Lust bewegt wird.

In Wirklichkeit faßte ihr kleines, in einem Klümpchen zusammengezogenes Herz soviel Trauer, Kummer und qualvolle Ratlosigkeit, daß ihr schien, als müßte sie sterben.

„Vielleicht ist es zu kalt, gnädige Frau?“ fragte die Zofe, sobald sie bemerkte, daß die abfallenden Schultern Maria Sergejewnas leise erschauerten.

„Was?“ Maria Sergejewna erschrak und sah die Zofe mit weit geöffneten, traurigen Augen an.

„Ist das Wasser nicht zu kalt, gnädige Frau?“ wiederholte das Mädchen.

„Nein, ... es geht ...“

Die Zofe tauchte den Schwamm in lauwarmes Wasser und fing wieder, während sie an etwas anderes dachte, an, Maria Sergejewna geschickt und gleichgültig den Rücken zu reiben.

Es peinigte Maria Sergejewna; es war ihr unerträglich, nackt dazustehen und sich waschen zu lassen, während ihr das Herz in Stücke brach. Sie wollte allein bleiben, sich ins Bett werfen und den Kopf in die Kissen pressen. Sich niederlegen und absterben, für immer, nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen.

Aber die dressierte, gleichgültige Dienerschaft, die nur zu Aristokraten in Dienst tritt, und vor der sich Maria Sergejewna immer noch fürchtete, wie arme, einfache Menschen stets aristokratische Dienstboten scheuen, war im Hause und umgab sie vom frühen Morgen an mit neugierig-kalten, fast nachstellenden Augen. Sie wünschte, daß das, was am Tage zuvor geschehen war, verborgen bliebe, es sollte niemand erfahren, daß sie verlassen wurde, daß sie nur eine Maitresse ist, die man ins Gesicht schlägt, daß man sie wie das niedrigste Frauenzimmer durch den Schmutz schleifen konnte.

Von dem Augenblick an, da Mishujew, der nach einer schweren und hoffnungslosen Auseinandersetzung begriff, daß sie das Band zwischen sich zerrissen hatten, abgereist war, sorgte sich Maria Sergejewna mit allen Kräften, daß niemand etwas von dem Vorgefallenen erfahre. Am Dampfer bemühte sie sich, vergnügt auszusehen und zu lächeln; als sie ihre unermeßliche Qual im Herzen nach Hause trug, zwang sie sich, vor dem Diener die Herrin zu spielen; zu Hause strengte sie sich an, alles wie gewöhnlich zu tun, sie fühlte sich als Sklavin dieser gemieteten Leute, die sie nichts angingen.

Als ihr die Zofe höflich meldete, daß das Bad bereit sei, ging sie sofort ins Badezimmer, kleidete sich aus und gab sich, nackt und unglücklich, den unnötigen, schmerzlichen Bemühungen des Mädchens hin.

Schmerzlich zog sich das Herz der kleinen, nackten Frau, die, umgeben von Licht und Wärme, von sanftem Wasser und warmer, dampf- und parfumgesättigter Luft geliebkost, dastand, zusammen. Ein schweres Gefühl der Einsamkeit lag in dem gehätschelten Körper. Ihr schien, daß man sie verspottete.

„Genug, Klawdia, schon gut ...“ sagte sie mit Überwindung; sie fühlte, daß sie im nächsten Augenblick zusammenbrechen müßte.

„Aber die Dusche, gnädige Frau?“ meinte höflich die Zofe, und ohne die Antwort abzuwarten ging sie zu dem emaillierten Hahn, öffnete ihn und fing sorgfältig an, den warmen Regen, der von oben herabfiel, mit der Hand zu prüfen.

Maria Sergejewna, der die Tränen in die Augen kamen, stellte sich unter die Dusche.

Erst als die Zofe ihr einen trockenen, weichen Mantel umhing und sie im Schlafzimmer allein ließ, stürzte sie händeringend mit dem Gesicht auf die Kissen.

Die lange zurückgehaltenen Tränen brachen in einer heißen Welle hervor; sie weinte wie ein Kind, hilflos und still.

Ihr ganzes Leben ging an ihr vorüber, alle Leiden der Vergangenheit und die finstere Zukunft, die grausame Täuschung und das Bewußtsein eines entsetzlichen, nie wieder gutzumachenden Irrtums.

Seitdem sich ihr Leben von Grund auf geändert hatte, und die Gattin eines stillen und zärtlichen Mannes, eine Frau mit einer kleinen, doch sonnigen und einfachen Welt, verschwunden war, um einer unruhig schönen Frau, die in Spitzen, Seide, Diamanten, Prunk und Bequemlichkeit schwelgte, zu weichen, seit diesem Augenblick dachte Maria Sergejewna kein einziges Mal an ihr früheres Leben. Das war etwas Lichtes, Liebes, an dessen Verlust sie sich nicht ohne Schmerz erinnern konnte; der Schmerz aber würde sie endgültig der letzten Rechtfertigung für ihre Handlungsweise beraubt haben.

Es war eine furchtbare Tragödie gewesen, als ihr verlassener Mann, der ihr einst unendlich teuer war, in den letzten Minuten fast an Tränen erstickte und nur noch das eine stammeln konnte: „Mütterchen, Mütterchen ... willst du denn wirklich deinen Jungen verlassen! ... Was werde ich ohne dich tun!“ Ein schwerer chaotischer Kampf zerriß sie, ohne daß sie ihn fassen konnte. Das Herz zerbrach vor Mitleid mit dem weinenden erwachsenen Mann, der hilflos und nutzlos naive Worte wiederholte, die sie noch vor kurzem bis zu Tränen gerührt hätten. Als er schluchzend ausrief: „Was werde ich nur allein tun!“ — erinnerte sie sich plötzlich, daß sie sich ihn früher ohne ihre Zärtlichkeit und Pflege gar nicht vorstellen konnte. Im Augenblick sah sie seine Einsamkeit, seine Trauer, seine Armut, während sie Luxus, Pracht und Glück genießen soll. Und eine Minute lang kam ihr ihr Entschluß wie ein Wahnsinn vor.

Sie umarmte und küßte ihren Mann, sie trocknete mit der Hand seine nassen lieben Augen, die von Gram und Tränen entzündet waren. Das Herz sprang zwischen einer neuen farbenreichen Liebe, die ein ungekostetes herrliches Leben verhieß, und dem Zartgefühl und grenzenlosen Mitleid mit diesem weinenden Manne, der hilflos war, wie ein verlassenes Kind.

Maria Sergejewna hatte gefühlt, daß ihre Kräfte schwinden, daß die Träume von einem neuen Leben, die wie ein Märchen glänzten, verblassen und versinken. Um sich zu retten, um nicht alles beiseite zu werfen und zu bleiben, nahm sie sich zusammen und stählte ihr Herz durch eine Grausamkeit, die für sie selbst am schmerzlichsten war.

Als sie fortging und zum letzten Mal das bekannte Zimmer, die bekannte Lampe, das Bett, in dem sie das Glücklichste ihres Lebens genossen hatte, Skizzen, zu denen sie ihrem Manne einst Akt gestanden, die ihren Stolz, einen Teil ihrer Seele bildeten, die ganze vertraute Umgebung mit den Augen überflogen hatte, wurde ihr Herz von unerträglicher Qual durchschnitten. Etwas Entsetzliches heftete sich an dieses Fortgehen, aber sie nahm sich noch einmal, zum letztenmal, zusammen und ging hinaus. Und er weinte nicht mehr, rief sie nicht mehr zurück, sondern holte nur tief Atem und klammerte sich mit der Hand an ihren zurückgelassenen alten Umhang, als wenn er fürchtete, daß ihm auch dieses — das Letzte — noch genommen werden könnte. Diese eine Bewegung war furchtbar gewesen und die Erinnerung daran war nicht drückend, nicht qualvoll, sondern einfach grauenhaft, wie die an ein vollbrachtes Verbrechen.

Um dieses Grauenhafte nicht in jeder Minute vor Augen zu sehen, stürzte sich Maria Sergejewna in ein wirklich wahnwitzig leichtsinniges Leben.

Allmählich vergaß sie das Vergangene, wurde fröhlich, bekam Geschmack am Luxus, gewöhnte sich daran. Theater, Bälle, Toiletten, der Verkehr mit reichen Menschen umschwirrten sie wie ein Traum, und sie begann fast zu glauben, daß sie glücklich sei.

Nur selten, wenn sie allein blieb, hörte sie auf, in ihrer Umgebung unterzugehn, dann dachte sie daran, wie irgendwo in der Ferne, mit nagender Trübsal, ein verlassener einsamer Mensch lebte.

— — Wie geht es ihm? Was mag er jetzt tun? — dachte sie, wurde traurig, fühlte sich beschämt, und lief wieder unter Menschen, fuhr irgendwohin, lachte, kokettierte.

Jetzt aber war der Flitter wie Staub abgefallen, und klaffende Leere zeigte sich darunter. Sie wurde ratlos, und in ihrem armen Köpfchen wogte alles durcheinander, wohin gehen, was tun, an was das Herz hängen — alles war vorbei. Allein eine Maitresse war verlassen zurückgeblieben, eine Frau ohne Namen, ohne Anspruch auf Achtung. Sie hatte aufgehört, ein Mensch zu sein, und wurde zu einem Ding, einem Lappen, den man abgenutzt auf die Straße werfen konnte.

Und mit Schauer des Entsetzens fühlte sie, daß es kein Zurück mehr gab, daß sie nicht wieder so leben konnte, wie sie früher gelebt hatte. Daß sie auf einem goldenen Wege stand und ihn weiter gehen mußte. Wohin?

— — Das ist die Vergeltung, die Vergeltung ... — stammelte Maria Sergejewna mechanisch.

Auf dem Tischchen neben dem Bett lag das Geld, das ihr Mishujew zurückgelassen hatte, und mit Entsetzen sah sie es an, während sie wie ein eingesperrtes Tier die Kissen mit den verzerrten feinen Fingern zerkratzte.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Mishujew kam an einem regnerischen, schon herbstlichen Tage in Moskau an; sowie er aus dem Wagen stieg, war er von widerwärtiger, kalter Feuchtigkeit bis auf die Knochen durchdrungen.

Der ungeheuer weite, asphaltierte Platz vor dem Bahnhof gleißte wie ein See, nasse Droschken schwammen darauf, und die Schritte kältezitternder, durchfeuchteter Menschen klatschten eilig über ihn hin. In der Ferne, hinter dem grauen Regenvorhang, schimmerten undeutlich zahllose Dächer, Kirchenkuppeln und die trüben Flecken verwaschener Vorgärten. Ihm wurde ganz eigentümlich traurig bei dem Gedanken, daß es hier schon Tage lang keine Sonne, keinen blauen Himmel, keine fröhlichen Blumen mehr gegeben hatte. Alles machte den Eindruck, als wären alle diese eiligen, durchnäßten Leute bis zum äußersten lebensüberdrüssig; sie lebten nur, weil sie sich längst mit dem Regen, dem grauen Himmel, der Kälte und Nässe abgefunden hatten und sie nicht mehr beachteten. Wenn sie jetzt davon gehört hätten, daß irgendwo in der Ferne gerade in diesem Augenblick die Sonne grell leuchtete, das blaue Meer strahlte und das bunte Gras lachte — dann könnten sie einem solchen Glück gar nicht glauben wollen; — sie würden sich nur beeilen, weiter durch klatschende, kalte Pfützen zu laufen. Aber Mishujew dachte darüber nicht nach, weil er all das seit langem gewöhnt war; er war von dem goldenen Frühling nicht entzückt und wurde durch den grauen Herbst nicht mißgestimmt.

Er hatte niemanden von seiner Ankunft benachrichtigt, und so war er auch nicht erwartet worden. Seine Sachen übergab er einem Dienstmann, nahm sich eine Droschke und fuhr zitternd vor Feuchtigkeit in dem durchnäßten Wagen nach Hause.

Schon aus der Ferne erkannte er das altbekannte silbergraue Haus, dessen riesige Größe und groteske Verzierungen im Jugendstyl mit einem quer herüberlaufenden kolossalen Schild: „Gebrüder Mishujew“ sofort ins Auge fiel. An dem Haustor, das einer Höhle ähnlich sah, spielte sich noch immer das gleiche emsige Gewühl ab. Triefende Lastfuhrleute luden gelbe Kisten, aus denen das feuchte Stroh hervorlugte, auf; gelb-schwarze Wagen fuhren an und ab, erbittertes, hungriges Schimpfen hing armselig in der wasserdurchweichten Luft. Und im Hause, in den weiten Zimmern, die kalt wie der Platz draußen waren, durch meterhohe, trübe Fenster von der Straße getrennt, leuchteten in trockenem Grün elektrische Lampen; gebeugte Köpfe raschelten mechanisch, fast ganz regungslos zwischen Papieren und klapperten mit den Rechenbrettern.

„Alles nach Strich und Faden —“ dachte Mishujew, als ob er etwas Neues erwartet hätte, und ging, nachdem er seine Sachen abgelegt, durch das ganze Kontor. Und wie immer, wenn er in diese trockene, geschäftsmäßige Atmosphäre geriet, wurde sein Gesicht auch jetzt hochmütig und kühl, als zöge er zwischen sich und allem Anderen gewaltsame Grenzen.

Die Angestellten, die gut gekleidet und frisiert an den Tischen saßen, erhoben sich eilig und schweigsam von ihren Plätzen und verbeugten sich vor ihm. Mishujew nickte flüchtig mit dem Kopf. Viele von ihnen kannte er garnicht; er hatte absolut keine Ahnung, ob er sie schon früher einmal gesehen hatte. Allein der Prokurist, ein kahlköpfiger Greis mit einem Gesicht, das halb wie ein zerknüllter Rubelschein, halb wie das eines Heiligenbildes aussah, begrüßte ihn mit den Worten:

„Wünsche Glück zur Ankunft, Fjodor Iwanowitsch! ... Ihr Herr Bruder sind im Arbeitszimmer, warten schon lange auf Sie. Ist Ihnen die Reise gut bekommen?“

Mishujew lächelte unwillkürlich: er dachte, daß es doch eine ziemlich bescheidene Reise war — von Moskau nach der Krim und zurück — erinnerte sich dann aber, daß für den alten Mann, der sein ganzes Leben lang in diesem Kontor gesteckt hatte, schon ein solche Reise märchenhaft bedeutend sein müßte.

„Danke schön. So, so,“ sagte er kühl und doch liebenswürdig und ging nach einem flüchtigen Händedruck weiter.

Sein Bruder, Stepan Iwanowitsch Mishujew, saß tief gebeugt über dem großen, grabmalartigen Tisch und schrieb, während er mit seiner linken Hand auf einem schweren Rechenbrett hantierte. Das blasse bläuliche Licht vom Fenster glänzte matt auf seinem breiten kahlgewordenen Schädel. Das ganze Zimmer war dunkel, schwer und langweilig wie ein riesiges Einnahme- und Ausgabebuch, zwischen dessen Blättern ein Mensch herumkrabbelt. Als Mishujew eintrat, erhob der Bruder die Augen, und er sah die ihm bekannten, kühl-unzufriedenen Blicke. Unbehaglich berührte ihn der Gesichtsausdruck dieses Menschen, der dem Eintretenden, ohne zu wissen, wer es ist, bereits einen feindselig-geschäftlichen Blick entgegenwirft. Als Stepan Iwanowitsch genauer hinsah, verzogen sich seine Lippen geizig zu einem matten Lächeln.

„Ah, endlich gekommen!“ sagte er und erhob sich.

Die Brüder küßten sich.

Stepan Iwanowitsch war ebenso groß und schwer wie sein Bruder, aber sein Gesicht war gelb, ungesund, unter den Augen hingen ihm welke Beutel, und seine Stimme war so schwach und blaß, als ob er bis auf den Tod ermüdet wäre.

„Ich bin sehr froh, daß du gekommen bist,“ begann Stepan Iwanowitsch, als sie sich gegenüber saßen und Zigarren angezündet hatten, von denen er sich niemals trennte: — „Froh aus verschiedenen Gründen. Erstens wünschte ich natürlich, dich zu sehen, dann ist deine Gegenwart überhaupt nötig, weil es mit der Fabrik miserabel steht. Außerdem habe ich noch eine persönliche Angelegenheit ... Aber darüber später!“

Stepan Iwanowitsch wandte für einen Moment den Blick ab und verzog die Lippen wieder zu der geizigen Nachahmung eines Lächelns.

„Du hast wohl aus den Zeitungen gehört, daß die Fabrik nun die zweite Woche still steht. Die Forderungen werden dir wahrscheinlich auch schon bekannt sein?“

„Ja, ich weiß es ...“ erwiderte Mishujew kurz.

„Und?“

Stepan Iwanowitsch richtete einen forschenden, kühlen Blick auf ihn; Mishujew hatte unwillkürlich die Empfindung, daß hier nicht ein Bruder mit dem Bruder spräche, sondern ein Chef mit irgend einem Mitinhaber der Firma konferierte. Er wäre am liebsten nicht mehr auf diese Angelegenheiten, über die schon lange ohne Erfolg und mit noch geringerem Verständnis hin und her geredet wurde, eingegangen. Aber Stepan Iwanowitsch wartete, und so antwortete er mit Selbstüberwindung:

„Hm. Ich finde sie in vielen Punkten ganz berechtigt.“ Unwillkürlich blinzelte er mit den Augen und wandte den Blick ab, weil er fühlte, wie feindselig Stepan Iwanowitsch die Ohren spitzte. Der fuhr fort, den Bruder forschend anzublicken und schwieg lange, als ob ihm die Anstrengung viel Mühe kostete.

„... Schön. Und sage mir bitte, machst du es dir klar, daß uns diese Forderungen bei der heutigen Marktlage ruinieren?“

„Davon spreche ich nicht,“ erwiderte Mishujew widerwillig; — „ich stellte nur ihre Berechtigung fest und weiter nichts. Ob sie für uns vorteilhaft sind oder nicht — das ist etwas anderes.“

„Ja,“ erwiderte Stepan Iwanowitsch trocken, „ganz etwas anderes; aber ich glaube, gerade daran sollte man in erster Linie denken.“

Mishujew seufzte, als ob sich eine überaus verdrießliche Last auf ihn wälzte, hielt sich aber zurück und sagte mit absichtlich nachgiebiger Stimme:

„Ja, gewiß. Nur scheint es mir, daß auch die Frage nach der Berechtigung dieser Forderungen nicht ganz nebensächlich ist. Eins von beiden: entweder sind sie unberechtigt, dann kann man sie nur vom Standpunkt des Kampfes aus betrachten, oder sie sind berechtigt; in diesem Fall müßten wir doch auch an ihre Befriedigung denken.“

Er gab sich Mühe, ruhig zu bleiben; er hatte den festen Wunsch, jeden Streit zu vermeiden, aber schon beim Sprechen fühlte er die bekannte drückende Aufregung. Er sah, daß sein Bruder, wie immer, einzelne seiner Worte heraushörte, von den anderen aber, gerade die, welche ihn selbst am meisten erregten, als ganz unnötig und überflüssig außer acht ließ.

Stepan Iwanowitsch schwieg eine Weile und fuhr fort, ihn mit seinem kalten, fremden Blick zu fixieren. Dann seufzte er, wandte die Augen ab, klopfte mit den Fingern gegen die Tischkante und sagte mit gezwungener Miene:

„Nun, gut. Wir werden später weiterreden. Du bist gewiß von der Reise ermüdet. Hast du gefrühstückt?“

„Noch nicht.“

„Dann wollen wir zu mir hinaufgehen,“ — Stepan Iwanowitsch erhob sich schwer von seinem Platz.

Die Wohnung, die er inne hatte, war klein. Es war eigentümlich auffallend, daß in dem ganzen riesigen luxuriösen Haus nur ein Winkelchen wirklich ihm, seiner Ruhe, seinem Schlaf und seinem Körper gehörte. Überall sonst, oben, unten und an allen Seiten lebten und wimmelten wie Bienen in den Zellen eines riesigen Stockes fremde, unbekannte Menschen, von denen viele garnicht einmal wußten, wie dieser Stepan Iwanowitsch Mishujew aussieht, und ob er in Wirklichkeit existiert und nicht lediglich ein abstraktes Symbol darstellt.

Das Speisezimmer glänzte kühl in schwerer Eiche, und machte durch das weiße Tischtuch, die weißen Gedecke und das weiße Licht, das aus den Fenstern hereinströmte, einen eisigen, toten Eindruck.

„Nun, bist du gut gefahren?“ fragte Stepan Iwanowitsch und bemühte sich noch mehr, seine trockenen Lippen liebenswürdig zu verziehen und möglichst sanft auszuschauen. Er liebte seinen Bruder und bemitleidete ihn als kranken Phantasten.

„Nicht übel.“

„Und wo steckt deine Maria Sergejewna jetzt?“ Stepan Iwanowitsch lächelte, ohne Mishujew ins Gesicht zu sehen.

„Dort geblieben ... vorläufig ...“ sagte Mishujew; plötzlich stach ihm etwas schmerzlich durchs Herz. Irgendwo fern — fern sah er die kleine verlassene Frau, die er liebte, die ihn liebte und die jetzt aus irgend einem Grunde von seinem Leben für immer getrennt war, ihm fremd wurde, als hätten sie niemals einander geliebt und geliebkost und sich aneinander mehr als an allem in der Welt gefreut.

In diesem Augenblick konnte Mishujew nicht begreifen, warum es dazu kommen mußte. Alles, was ihm damals entsetzlich und unerträglich schien, kam ihm jetzt kleinlich und hergesucht vor, schwebte vor seinem Auge wie ein trüber, sinnwidriger Fleck. Aber doch fühlte er, daß es nicht anders sein konnte. Er nahm sich zusammen und begann, während er sich anstrengte, das Nagen an seinem Herzen nicht zu bemerken, vom Süden zu erzählen und sich nach Moskau zu erkundigen.

Die beiden Brüder saßen sich, schwer und groß, gegenüber; sie schienen auf den Boden und alles, was darunter wimmelte, mit furchtbarer Last zu drücken. Das kühle weiße Licht glänzte grell auf dem Parkett und der Emaille des Geschirrs; gelbblitzend funkelte der Wein; es sah aus, als strahlte inmitten des grauen, nassen Tages in ihm allein die fröhliche Sonne.

Es wurde wärmer, und das Gespräch kam leichter in Fluß. Mishujew kreuzte die Arme auf dem Tischtuch, und Stepan Iwanowitsch lehnte sich zurück und erzählte:

„Mir ist hier eine kleine unangenehme Geschichte passiert, und da du in derartigen Dingen erfahrener bist als ich“ — Stepan Iwanowitsch lächelte ungeschickt — „so möchte ich dich um Rat bitten.“

Mishujew blickte ihn neugierig an.

„Siehst du, da war bei uns ein Mädchen als Kassiererin eingetreten, jung und sehr hübsch. ... Du wirst sie sehen, weil ich dich bitten möchte, zu ihr hinzufahren.“

Stepan Iwanowitsch zündete sich eine Zigarre an, runzelte die Beutel unter seinen Augen: Und blinzelte durch den Rauch. Ihm war es offenbar peinlich; er fühlte sich lächerlich.

Mishujew sah ihn mit lustiger Verwunderung an. Ein junges hübsches Mädchen, keine Kokotte, keine Sängerin — das ließ sich so schlecht mit der Person Stepan Iwanowitschs in Einklang bringen, daß man glauben konnte, er scherze nur.

„Und um was handelt es sich?“ fragte Mishujew; er bemühte sich, dem Bruder seine Verwunderung nicht merken zu lassen.

„Ja, um was es sich handelt ... bin mit ihr intim geworden, da hast du alles! ...“ sagte Stepan Iwanowitsch mit Mühe.

„Na, und?“

„Wie soll ich dir das auseinandersetzen ... Du weißt, ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet und mich nicht mit Romanen abgegeben ... kann aber nicht bestreiten, daß dieses Mädchen etwas neues in mein Leben gebracht hat ...“

Ein junges hübsches Mädchen mit einem so reinen und weichen Kinn, daß man es unwillkürlich zu berühren wünscht, um seine Wärme zu fühlen, trat vor Mishujews Auge. Es lachte wahrscheinlich silberhell, gab sich selbstvergessen mit seinem ganzen jungen Körper dem Manne hin und bemerkte wohl garnicht, daß Stepan Iwanowitsch einen kahlen Schädel, ein vertrocknetes Gesicht und eine geschäftsmäßige, einfarbige Seele hatte. Vielleicht auch bemerkte sie das und bemühte sich, ihn zu erwärmen und zu erfreuen, ihm ihr ganzes, junges, fröhliches Glück mitzuteilen.

„Sie scheint mich wirklich aufrichtig gern zu haben,“ fuhr Stepan Iwanowitsch fort, während er immer noch mit zusammengekniffenen Augen durch die blauen Rauchwolken blinzelte. — „Natürlich gab sie sich sofort alle Mühe, aus mir einen Sozialdemokraten zu machen ...“

Stepan Iwanowitsch lachte unnatürlich, aber doch drang ein zärtlicher Klang durch dieses trockene Lachen.

„Hm!“ Mishujew mußte unwillkürlich lächeln, das kleine naive Mädchen tat ihm leid.

„Nun, das wäre alles noch nicht so schlimm ... die Sache ist aber, daß sie ... wie sagt man es gleich ... na, in gesegnet... daß sie schwanger geworden ist.“

„Ah!“ Mishujews Augen wurden weich und mitleidsvoll.

„Und ich sehe immer mehr, daß sie in meinem Leben einen Platz einnimmt, mit dem ich rechnen muß ... Ich fange an, mich zu fürchten, mit ihr herumzustreiten, fange an, nachzugeben, sie mischt sich in die Geschäfte ein, wird ärgerlich, stellt Bedingungen ... Mit einem Wort, es ist Zeit, ein Ende zu machen,“ — Stepan Iwanowitsch fiel sich selbst ins Wort, und seine Augen, die aufzuleben schienen, wurden wieder kalt und trübe.

„Weshalb gleich ein Ende zu machen,“ fragte Mishujew behutsam und weich: — „ist sie dir ennuyant geworden?“

„Ach was, ennuyant!“ versetzte Stepan Iwanowitsch, während sein Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck annahm: „ich fühle im Gegenteil, daß ich mich ohne sie ziemlich langweilen würde! ...“

Er verstummte unerwartet bei diesem trockenen geizigen Satz, aber Mishujew hörte mit warmer Teilnahme Vieles und Tiefes aus ihm heraus.

„Um was kümmerst du dich dann? ... Lebe doch mit ihr nach wie vor.“

„Leider ist sie nicht so eine ... Sie wird verlangen, daß man sie vor aller Welt öffentlich anerkennen soll ... Eine Maitresse wird die nicht ...“

„Dann tue es doch ... meinetwegen heirate ... vielleicht wirst du glücklich!“

Mishujew lächelte unwillkürlich wieder.

Doch diesmal huschte über das Gesicht Stepan Iwanowitsch’ nicht der frühere sympathische verwirrte Ausdruck. Es blieb geschäftsmäßig und kühl.

Mishujew aber stellte sich die niedliche Frau, die junge reine Mutter vor, von der und von derem Kinde etwas wie Sonne und freudige Farben in die Seelen eindringen würde. Die Gestalt Stepan Iwanowitschs, neu, belebt und einfach, hob sich, von diesem Strahl beleuchtet, undeutlich von ihm ab. Aber all das verschwand sofort wieder.

„Wenn ich heiraten wollte, so werde ich nicht eine Frau nehmen, die sich auf den Schreibtisch setzt, einem einen Helm aus Geschäftspapieren macht und lacht und weint zur gleichen Zeit ...“

Mishujew stellte sich seinen Bruder in einer papiernen Mütze vor und lachte auf. Stepan Iwanowitsch zuckte linkisch mit den Schultern und wandte sich zur Seite.

„Dir kommt es lächerlich vor, und mir ist es wirklich nicht zum Lachen ... Ich kann mir diese Dummheit nicht verzeihen ... Ich durfte es nicht soweit kommen lassen ... Und so bin ich geradezu gezwungen, dich zu bitten, zu ihr zu fahren und dich mit ihr auseinanderzusetzen. Kannst du das tun?“

Mishujew zuckte kurz und traurig die Achseln. Ihm tat mit einem Male der Bruder leid, in dessen dürre, tote Seele durch ein Wunder der goldene Schein gedrungen war, den er jetzt selbst aus ihr herausreißen wollte.

Wozu? fragte sich Mishujew. — Damit er wieder in seinem Kontor über Rechnungen und Wechseln sitzt? ... Langwierig und langweilig lebt? ... Gott weiß, warum und wozu ...

Aber er antwortete: „Natürlich kann ich das — doch wozu? ... Vielleicht ließe es sich irgendwie anders regeln? ... Muß es denn gerade so geschehen? Und vielleicht ...“

Ein kurzer sonderbarer Krampf zuckte über das Gesicht Stepan Iwanowitschs und Mishujew verstand mit einem Mal, was für ein fruchtloser und qualvoller Kampf in des Bruders Seele vorgegangen war. Er sah jetzt, daß jeder Widerstand überflüssig sei, wie in einer Leiche kein Kampf des Lebens mehr vorhanden sein kann; ein kaltes trübseliges Gefühl der Leere und Ohnmacht erfaßte ihn.

„Außerdem,“ sagte plötzlich Stepan Iwanowitsch mit ersichtlicher Mühe — „meinst du wirklich, daß ich das nicht begreife: Wäre ich nicht Millionär und hätte ihr nicht die Möglichkeit Vergnügen gemacht, die Seele eines Millionärs umzugestalten, und so weiter ... könnte sie mich denn lieb gewinnen? Ich glaube, ich eigne mich kaum für etwas so wenig, wie gerade für diese Beschäftigung!“

Stepan Iwanowitsch lächelte wieder, und an diesem wiederholten verzerrten Lächeln sah Mishujew wieder, wie sehr seinen Bruder dieses Gespräch quälte und niederdrückte.

„Warum gerade — Millionär!“ sagte er mit Mühe.

„Na, das läßt sich gewiß leicht verstehen ...“ antwortete Stepan Iwanowitsch, ohne aufzublicken.

Und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu:

„Wollen wir von etwas anderem sprechen?“ Eine schmerzliche Regung stieg in der Seele Mishujews auf; ein alter Gedanke rührte sich in ihm. Das Bild eines kleinen heiteren Weibes wurde trübe und zerfloß. Er seufzte schwer, seine Augen blickten so vertieft und krank, wie bei Menschen, die den Tod in sich tragen.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XIII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Es war schon gegen Abend, als Mishujew ausfuhr; der erste Frühschnee, der an einigen Stellen zu Wasser zerschmolz, an anderen, meist an Zäunen und auf Grasstreifen wie zarte weiße Flecke hängen blieb, war gefallen. Schnee und Wasser schienen in ihrer Vermischung tiefer und jünger; das Wasser schwärzer, der Schnee weißer. In den Straßen lag der Hauch junger, frischer Kühle, die Glocken auf allen, schon unsichtbaren Kirchen begannen zum Nachtgebet zu läuten, als ob ganz Moskau mit klangreicher Messingstimme dröhne und singe. Aus alledem strömte die Empfindung von Stärke und Kraft wie eine freudige Welle in den Kopf Mishujews, der von dem langen Gespräch mit dem Bruder abgespannt war. Seine vorzüglichen Pferde fuhren ihn an den schwarzen Seen vorbei, die sich weißgerändert an allen Straßen gebildet hatten und in denen Reflexe goldener Feuerchen spielten, durch die Straßen, an deren Seiten unaufhörlich eine fröhliche, belebte Menge entlang zog. Auch Mishujews Herz weitete sich in fröhlicher ungeduldiger Erwartung.

Er sah Nikolajew mit seiner breitschultrigen energischen Gestalt vor sich, der gemütvollen herzlichen Stimme und den widerspenstigen blonden Locken. Er empfand die Freude der Begegnung im voraus; die lebhaften Fragen und Antworten, dann das herzliche, „echte“ Gespräch, in dem vieles Schwere und Schmerzliche zum Ausdruck kommt und vergeht. Mishujews Mienen wurden fröhlicher, er fühlte sich so groß und kräftig, wie seit langem nicht mehr.

Aber es berührte ihn unangenehm, als er in dem Vorraum zu Nikolajews Wohnung Überzieher und Hüte hängen sah und hinter der Tür zum Saal eine glänzende weibliche Stimme, die die Arie aus einer Oper vortrug, vernahm. Klavierbegleitung ertönte, durch die Türspalten zog ein Strahl duftigen Zigarrenrauchs und weiblicher Parfüms heraus. Mishujew blieb eine Weile stehen. Er hatte garnicht bedacht, daß Nikolajew in dieser Zeit nur schwerlich allein anzutreffen war, und daß es möglicherweise garnicht zu einem Wiedersehen mit herzlichen Gesprächen, deren Erwartung ihn freudig erregte, kommen werde. Aber gerade da wurde die Tür stürmisch aufgerissen und Nikolajew trat mit breiten Schritten, im blauen Hemd und weiten Pluderhosen, wie ein echter Wolgaräuber, heraus.

„Fedja! Ah! Guten Tag, mein Täubchen! Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?“ schrie er, daß es durch das ganze Haus dröhnte, und packte ihn fest an der Hand. — „Warum siehst du so grün aus?“

Sie umarmten sich, und Mishujew küßte seine festen guten Lippen mit einem so rührenden Vergnügen, wie er es niemals gegenüber Frauen empfunden hatte.

„Nun, du bleibst immer derselbe!“ sagte er, Nikolajew verliebt ansehend.

Als sie in den Saal traten, fragte Mishujew leise:

„Bei dir ist viel Volk? ... Ich wollte mich ausplaudern, ohne daß uns jemand stört ...“

„Spuck darauf!“ antwortete Nikolajew mit einer breiten Handbewegung: „Kümmere dich nicht darum! Davon stürmt mir jetzt eine Teufelsmenge täglich das Haus! Ich habe mich schon daran gewöhnt ... Kann nichts dagegen tun, Bruder, bin eine Berühmtheit geworden!“

„Nun, sei’s Gott gedankt!“ sagte Mishujew voller Freude und schaute von der Höhe seiner massigen Gestalt, neben der der breitschultrige Nikolajew elegant aussah, zärtlich auf ihn herab.

Mishujew trat in den Saal, bis aufs Tiefste durch die Nähe dieses guten, lustigen händefuchtelnden Menschen erregt, der ihn, wenn er ihn liebte, wirklich nur um seiner selbst willen liebte.

Vom Klavier her trat ihnen eine hochgewachsene Frau in schwarzem Kleid, mit den grauen koketten Augen einer Schauspielerin entgegen.

„Hier, Lydia,“ erklärte laut und fröhlich Nikolajew, „hier hast du meinen Mishujew! ... Sieh mal, was für ein kolossaler Millionär!“

Mishujew lachte, und die schöne Frau mit den grauen Augen lachte ebenfalls. Auch ihre Augen lachten mit, aber Mishujew gefiel dieses Lachen nicht.

„Oh, es freut mich sehr,“ sagte sie mit klangvoller Stimme und streckte ihm ihren weißen üppigen Arm, der bis an die Ellenbogen entblößt war, entgegen.

Dann stellte sie ihn ihren Gästen vor. Es waren viele, aber alle zeigten Mishujew nur ein Gesicht: übertrieben freundlich, mit Zähnen, die durch ihr Lächeln frei wurden und versteckter Neugierde in den Augen. Das war eben jenes Gesicht, das Mishujew sein ganzes Leben lang verfolgte und das er haßte. Diesmal aber war er von dem Wiedersehen mit Nikolajew so freudig erregt, daß er gar nicht darauf achtete.

„Nun, Herrschaften,“ sagte Nikolajew, mitten im Saal stehen bleibend. „Ihr mögt hier jetzt singen, schreien, tanzen, was Ihr wollt ... und wir beide, er und ich, werden ein wenig plaudern gehen. Lydia, dürfen wir?“

„Ach, mein Gott, gewiß doch!“ Die Frau hob gleichzeitig mit ihren grauen Augen in ausgesucht schöner Pose beide Arme in die Höhe. „Gehen Sie, gehen Sie, ich lasse Ihnen Tee bringen.“

In Nikolajews Arbeitszimmer setzte sich Mishujew auf einen breiten türkischen Diwan und sah sich freudig im ganzen Zimmer um. Es war noch das alte: dieselben Bücher, Papiere, in Haufen überall aufgestapelt, auf dem Boden, in den Schränken, auf dem Tisch, den man unter ihnen gar nicht mehr sehen konnte. Und außer dem ledernen Diwan sprach nichts von Komfort, der gerade im Arbeitszimmer eines berühmten Schriftstellers so angebracht gewesen wäre. Mishujew erinnerte sich, daß dieselbe Unordnung und Bummelei auch im Zimmer des allen unbekannten Studenten Nikolajew geherrscht hatte. Auch Nikolajew selbst war ganz der frühere geblieben, nur war er etwas dicker geworden.

Das Gespräch setzte so einfach und vom ersten Satze interessant ein, wie alles, was Nikolajew anfing. Und als Mishujew fünf Minuten auf dem Divan gesessen hatte, und dem durch das Zimmer schreitenden Nikolajew zärtlich mit den Augen gefolgt war, da wußte der bereits alles: den Bruch mit Maria Sergejewna wie den Zusammenstoß mit dem Bruder, die Reisen ins Ausland mit ihren Hotels, Theatern und Museen, und die dumpfe, tote Herzensangst, unter der Mishujew schon so lange litt.

„Ich verstehe dich nicht,“ Nikolajew sprach zornig und gleichzeitig liebevoll, während er mit breiten Schritten aus einer Zimmerecke in die andere ging, „dasselbe erlebe ich auch ... Die Zeit ist schon längst vorüber, in der Menschen ganz einfach zu mir kamen, nur weil ihnen das gefiel, was ich tat und sprach. Jetzt wird jeder, der an mich herantritt, im voraus von der Ehrfurcht und Achtung zu dem berühmten Dichter erfüllt! Na, meinetwegen, das ist manchmal sogar angenehm. Es ist eben ein Gesetz der menschlichen Natur — der Mensch ist seiner Natur nach ein Sklave, aber es werden sich noch immer Menschen finden, die zu dir einfach mit offenem Herzen kommen.“

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings