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Millionen; Der Tod des Iwan Lande

Der Tod des Iwan Lande (continued 3)

Reading edition

Kaltes Grauen atmete aus diesem Brief. Das Bild Ssemjonows, der in Einsamkeit stirbt, stand vor ihm wie eine ununterbrochen blutende Wunde auf.

Der arme Wassja, woher dieses Grauen, dieser Haß? Ein solcher Tod; ein Grauen, für das es keinen Namen gibt! Es ist nicht möglich, daß es so ohne weiters, aus sich selbst heraus dazu kommen konnte. Nur weil er einsam ist, fühlt er es, einsam in Schmerz und Furcht. Ich muß zu ihm.

Und alle Gedanken und Gefühle Landes flossen in dem Einen zusammen: zu ihm. Er wußte nicht, was er ihm sagen, wie er die gesunkene Seele wieder aufrichten würde; aber in ihm lebte der lichte, feierliche Glaube, daß die Liebe alles vermag: die Liebe wird durch alles Leiden gehen, wird die Seele erwärmen und neu beleben; wie ein Blumenkelch beim Sonnenaufgang wird sich diese Seele entfalten, erfrischen, wird einen liebevollen, weihevollen Glauben annehmen.

Das Blut schoß ihm so stark ins Gesicht und Herz, daß ihm vor den Augen trübe wurde. Ein leidenschaftliches Gefühl riß ihn in einen Fieberzustand hinein. Er trat mechanisch auf die Steinstufen hinaus, stand lange ohne Mütze da, mit dem Blick in den weiten Himmel, von dem ein unsichtbarer, feiner Sprühregen niederrieselte, versunken. Ein kalter, elastischer Windstoß peitschte ihm eine breite Welle Nässe ins Gesicht, fuhr durch seine Haare, schnitt ihm fast den Atem ab.

... Ich muß mir Geld verschaffen! zuckte es durch seinen Kopf ... Aber ich habe niemanden! dachte er gleich weiter ... Die Mutter zu bitten ist zwecklos — sie gibt ja doch nichts. Alles, was ich will, ruft in ihr nur Erbitterung hervor, und den Wunsch, das Gegenteil zu tun. Aber weiter habe ich keinen ... Schischmarjow hat selbst nichts.

Lande kehrte mit irrenden Blicken ins Zimmer zurück. Plötzlich sagte er sich, unverwandt die Lampe anstarrend:

... Ich gehe zum Vater Paul.

Wie er zu diesem Entschluß gekommen war, hätte er nicht erklären können. In seine Erinnerung kehrte einfach das Bild eines alten emeritierten Pfarrers zurück; die rosige Glatze, das gutmütige Greisengesicht, die weiße Priestersutane und jener fast zärtliche, mitfühlende Blick der Äuglein, mit dem er ihn bei Begegnungen begrüßte.

Gleich am nächsten Tag, noch immer mit verbundenem Kopf, schritt Lande, der aussah, als wäre er nach schwerer Krankheit genesen, quer über den großen, mit staubigem Gras bewachsenen Platz, öffnete die Pforte und trat in einen kleinen, gemütlichen, beinahe warmen Hof ein. Der Tag war grau, trocken, unbeweglich; aber die großen goldüberströmten Bäume sahen wie sonnenübergossen aus, und im Hof war es still und licht. Unbeweglich standen unter den Fenstern in einem winzigen Vorgärtchen naiv-bunte Blumen. Es roch nach Äpfeln, herbstlichen Blättern, Weihrauch und dem eigentümlichen Geruch der Stille und Ruhe.

Der alte Pope saß auf der sauber gehobelten Bretterveranda in einer reinen, weißen Sutane, ganz rosig und weiß.

Lande schritt eilig auf ihn zu.

„Guten Tag, Vater Paul!“

Der alte Pope blickte ihn an, als wäre er nicht im geringsten über den Besuch verwundert.

„Guten Tag!“ erwiderte er freundlich. „Setzen Sie sich! womit kann ich Ihnen dienen?“

Lande setzte sich ebenso eilig auf die gegenüberstehende Bank.

„Ich habe eine Bitte an Sie ...“ sprach er rasch, weil ihm schien, daß das Ungeheure, das seine Seele füllte, jedem Menschen gleich vom ersten Worte an verständlich sein müßte. „Ich habe einen Kamerad ... Sie kennen ihn wahrscheinlich — er heißt Ssemjonow.“

Der alte Pope schwieg.

„Habe gehört ...“ antwortete er unbestimmt und strich mit der kleinen, verschrumpften Hand über den Bart und die silbernen, trockenen Haare.

„Also ... Dieser Ssemjonow liegt jetzt an der Schwindsucht ... Ist nahe am Sterben ...“ beeilte sich Lande.

„Gottes Wille!“ sagte der alte Pope feierlich und schlicht.

Er seufzte tief und bekreuzigte sich.

„Ich habe von ihm einen Brief erhalten,“ sprach Lande, indem er seinen Kopf vertrauensvoll zu dem Popen herüberbeugte, „einen furchtbaren Brief! ... Man sieht, daß ihn die letzte Verzweiflung gepackt hat, von der nichts in der Seele zurückbleibt als Haß und Wut ... Ich werde Ihnen diesen Brief zeigen!“

Lande zog hastig den Brief aus der Tasche der Studentenlitewka hervor.

Der alte Pope sah auf das Papier, redete aber kein Wort.

„Wieviel Schmerz, Einsamkeit, Gram er trägt, er ...“ sagte Lande mit trauriger Anspannung. „Wieviel Verzweiflung und Unglauben! ... Grauen packt einen, wenn man diesen Brief liest ... Grauen und Mitleid bis zu Tränen! Sie verstehen, welchen Schmerz ein Mensch erleiden muß, wenn er im äußersten Unglauben stirbt! Kein Wort gibt es für diese Qual! ... Hier, lesen Sie doch den Brief!“

Der Pope sah wieder den Brief an, streckte aber seine Hand nicht danach aus.

„Ich habe das Gefühl, die feste Überzeugung,“ fuhr Lande fort, während er noch immer den Brief, ohne es zu bemerken, in der ausgestreckten Hand hielt, „daß es ihn bedeutend erleichtern würde, wenn ich zu ihm kommen könnte. Ich fühle, daß ich es kann, weil ich den Glauben daran habe. Er wird fühlen, daß er nicht mehr einsam ist, und das allein wird schon genügen ... Nur habe ich kein Geld für die Reise,“ fügte er plötzlich mit kindlichem Lächeln hinzu.

Er blickte dem Popen ins Gesicht, und mit einem Male kam es ihm vor, als seien diese gutmütigen Äuglein — keine Äuglein, sondern tiefe Löcher, die nur infolge der rosigen und strahlenartigen Runzeln gutmütig schienen, während in ihrer Tiefe etwas Böses auf der Lauer liegt. Mit instinktivem Schreck verstummte er und sah verwirrt den Popen an.

Der Pope schwieg und sah ihn ebenso an. Es war still, hinter des Popens Rücken fiel lautlos kreisend ein goldenes Blatt zur Erde nieder.

„Hier, lesen Sie doch bitte den Brief durch!“ stammelte Lande eilig und streckte dem Popen das gefaltete Blatt Papier bis zu den Knieen entgegen.

Der alte Pope seufzte, strich die Haare und den Bart und nahm den Brief.

Er las ihn lange, ruhevoll, als wäre es die friedliche, süße Lebensbeschreibung eines Heiligen. Dann seufzte er wieder, faltete den Brief und gab ihn Lande zurück.

„Nun sehen Sie!“ rief Lande, indem er lebhaft mit der Hand auf den Brief wies, nahm ihn und legte ihn neben sich auf die Bank.

„Das Briefchen nehmen Sie bitte zu sich; bei mir ist nicht der Ort für solches Zeug!“ sagte der Pope streng.

Lande verstand die Worte nicht, griff aber doch zum Brief und steckte ihn in seine Tasche.

„Da möchte ich Sie um Geld bitten ... Sie sehen, es ist notwendig, daß jemand zu ihm fährt,“ sagte er ernst und einfach.

Der alte Pope seufzte.

„Jawohl, das ist sehr gut möglich. Nur werde ich Ihnen dafür kein Geld geben. Sie müssen es schon entschuldigen ... Ich habe es zwar, verstehen Sie gut, gebe es aber nicht.“

Gleichsam eine kalte, schwere Last schlug Lande plötzlich auf den Kopf. Er sprang voller Verzweiflung auf.

„Warum? Sie haben doch selbst gelesen!“

Der alte Pope stand ebenfalls auf.

„Ja, verstehen Sie gut, weil ich diesen Ssemjonow seit lange schon und zur Genüge kenne. Es ist ein gottloser, frevelhafter Mensch, verstehen Sie gut, ein Ungläubiger, ein Apostat. Und, verstehen Sie gut, ich rate auch Ihnen nicht, zu fahren.“

Lande riß die Augen weit auf.

„Das heißt, ich soll mich von ihm lossagen? Ihn in Verzweiflung sterben lassen?“

„Dieser Tod ist der Lohn für seine Handlungen!“ meinte der alte Pope, die Hände hinter dem Rücken, und wieder lugte hinter der rosigen Maske etwas Böses hervor.

„Aber fürchten Sie Gott!“ rief Lande. „Was sprechen Sie, Väterchen!“

„Nicht Ihnen steht es zu, mich zu belehren, verstehen Sie gut!“ erwiderte der Pope.

„Aber Sie sind doch ein Diener der Kirche ... der Kirche Christi!“

„Der Herr Ssemjonow hat sich seit lange schon von der Kirche losgesagt, und es würde sich für die Kirche nicht schicken, ihm nachzulaufen, verstehen Sie gut!“

Mit stummer Verzweiflung sah ihn Lande an. Der alte Pope stand, die Hände ruhig auf dem Rücken gefaltet, vor ihm.

„Aber ... ich kann doch nicht ohne Geld fahren ...“ stammelte Lande mechanisch.

„Versuchen Sie es doch als blinder Passagier ... Oder Sie könnten auch zu Fuß gehen!“

Lande blickte ihn verwundert an, aber das Gesicht des Popen schien ernst zu sein.

„Aber das ist doch zu weit!“

Der alte Pope seufzte.

„Weit ist es. Ja, verstehen Sie gut, es soll ja nach Ihrer Meinung eine große Tat sein. Also werden Sie auch die Mühe nicht scheuen ...“

Und mit einem Mal wurde es Lande kalt neben diesem rosigen, grauhaarigen, weißgekleideten Popen. Er wandte sich mechanisch um und ging zur Pforte.

„Aber ich muß ja so schnell wie möglich dorthin ... Er kann sterben, bevor ich ankomme ...“ er blieb nochmals stehen.

Der alte Pope antwortete boshaft, jetzt schon mit unverhülltem Spott:

„So Gott will, werden Sie ihn noch am Leben antreffen.“

Lande schwieg. Wie eine weiße Wolke auf goldnem Untergrund stand der Pope in der Mitte des reinen, friedlichen Hofes.

„Nun schön,“ meinte Lande, „so werde ich wohl gehen müssen. Ich werde zu Fuß gehen, wenn ich mir kein Geld verschaffen kann — doch nicht darauf kommt es an ... Aber wie müssen Sie sich denn schämen!“ fügte er trauervoll und feierlich hinzu.

Da hob der Pope das dürre Händchen.

„Verstehen Sie gut, machen Sie, daß Sie fortkommen.“

„Väterchen, ich wollte Sie nicht beleidigen!“ rief Lande.

„Gehen Sie nur, gehen Sie!“

In der stillen, hellen Stimme des Geistlichen lag ein so kalter, unbequemer Druck, daß Lande nichts mehr sagte, den Kopf senkte und hinausging.

Er hörte, wie der alte Pope an die Pforte kam und den Haken anlegte.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XXII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Am Abend teilte Lande seinen Entschluß der Mutter mit. Sie sah ihn so erzürnt an, daß sich ihr gutes, altes Gesicht verzerrte; dann rief sie mit zischender Stimme:

„Wieder Dummejungenstreiche! ... Herrgott, wann soll das bloß ein Ende nehmen!“

Sie stand auf, ging mit kalter, stumpfer Bitterkeit im Herzen hinaus und schlug heftig die Tür hinter sich zu.

Lande blickte ihr traurig nach, nahm seine Mütze und ging zu Schischmarjow.

Der Student saß allein im Zimmer vor einem kleinen Samowar und trank Tee. Ein großes Buch lag aufgeschlagen vor ihm.

Beim Anblick Landes erhob er sich linkisch und streckte ihm die Hand hin.

„Ah, das bist du ... Guten Tag! Nimm Platz! willst du Tee? ...“ er sagte es nicht, sondern schrie es fast mit seiner schroffen Stimme.

„Nein,“ erwiderte Lande, „ich habe schon Tee getrunken ... Ich habe einen Brief von Ssemjonow erhalten.“

„So! ... Und was schreibt er?“

„Lies ihn selbst — ich kann es dir nicht erzählen.“

Der kleine Student las lange aufmerksam den Brief. „Ja, der arme Junge!“ seufzte er, als er zu Ende kam. Er faltete beide Hände, die aus den kurzen Ärmeln der Jacke hervorstachen, zwischen den Knieen und rieb sie aneinander, als fröre ihn.

„Ich will zu ihm fahren!“ sagte Lande.

„Wozu?“ fragte Schischmarjow ernst und aufmerksam. Seine scharfe Stimme drang Lande wie ein feines hartes Messer ins Herz. „Was kannst du dort ausrichten?“ wiederholte Schischmarjow, da Lande mit der Antwort zögerte.

„Ich weiß nicht, was ich tun kann ... Ich habe nur ein solch Gefühl, daß ich fahren muß.“

Schischmarjow fühlte sich schon seit langem Lande entfremdet, dessen Sanftmut dem kleinen Studenten nur Ohnmacht, Unfähigkeit zu kämpfen schien. Manchmal erkannte er dahinter noch etwas, das in ihm Überraschung und Staunen hervorrief; aber er dachte darüber nicht weiter nach, sondern betrachtete es mit absichtlich gleichgültigen Augen, wie alles, was nicht klar und einfach vor seinem scharfen, schroffen Denken lag.

Jetzt sah er Lande mit ernstem Blick ins Gesicht, vergrub die breiten Hände noch tiefer zwischen den Knieen und erwiderte: „Ich verstehe das nicht. Du betonst dieses Gefühl so kraß, als steckte etwas Mystisches darin. Nach meiner Meinung wirst du mit deiner Gegenwart absolut nichts helfen können. Wirst nur dich selbst und ihn abquälen ... Laß es lieber ... wozu denn?“

„Du sagst, wozu? ...“ erwiderte nachdenklich Lande. „Schon in dieser Frage ist ein Gedanke enthalten, der die Menschen zugrunde richtet ... Man darf nicht fragen. Man muß handeln, wie man empfindet. Das ist höher als wir: indem wir unser Maß anlegen, verkrüppeln wir nur die Seele!“

Schischmarjow zuckte die Achseln ohne die Hände aus ihrer Lage zu befreien. „Was willst du mit deiner Seele!“ erwiderte er ärgerlich. „Laß sie gefälligst in Ruhe ... Es muß doch ein für allemal irgend ein Unterscheidungsvermögen für Handlungen geben ... Wenn du hinfahren willst, so mußt du dir doch erst klar machen, welchen Nutzen es haben kann.“

Lande seufzte traurig. „Ich weiß nicht ... vielleicht wird es auch gar keinen Nutzen haben ...“ meinte er beklommen.

Schischmarjow zog verwundert die Augenbrauen hoch. „Was hat es dann also für einen Zweck?“

„Was für einen Zweck es hat? Jene Wahrheit, die ich empfinde und die mich ruft!“ sagte Lande mit einer Stimme, die tief aus seiner Brust kam.

„Wieder einmal die Wahrheit!“ meinte Schischmarjow ironisch.

„Natürlich ist sie die höhere, da es nichts gibt, das noch höher wäre!“ erwiderte Lande ernst.

Schischmarjow riß geradezu die Schultern in die Höhe. „Die höhere Wahrheit ist nur eine, diejenige, die uns die Vernunft, die Logik, gibt!“ rief er. „Wir besitzen nichts, was nicht durch Denken erworben ist!“

Lande schlug die Hände zusammen. „Was sagst du! Wie armselig, wie dürftig wäre das Leben, wenn dem wirklich so wäre!“

Schischmarjow sprang auf und schwang die Arme hoch; seine schmalen Schultern flogen dadurch fast bis an die Ohren.

„Wie — armselig? Meines Erachtens ist es gerade armselig, sich mit Märchen einlullen zu lassen, seinem Denken im Voraus Schranken zu setzen.“

„Die Vernunft kennt selbst ihre Schranken ...“ erwiderte leise Lande.

„Keine Schranken kennt sie!“ rief scharf Schischmarjow. „Die Horizonte des Denkens sind grenzenlos! Wenn wir auch momentan noch nicht alles wissen, folgert daraus doch durchaus nicht, daß wir es nie erfahren werden. Das Denken ist ebenso grenzenlos, wie die ganze Welt! wie alle Möglichkeiten ... Wie Möglichkeiten selbst sich erweitern, so erweitert sich auch das Denken ... endlos!“

„In das Leere hinein?“ fragte Lande mit weit geöffneten Augen.

„Ja, ins Leere!“ rief heiß und scharf, noch schärfer als früher, Schischmarjow.

„Aber das ist doch grauenhaft!“

„Mag es grauenhaft sein ... Ich weiß selbst gut, daß es unvergleichlich leichter ist, sich durch den goldenen Traum von einer allumfassenden Weltseele und ähnlichem mehr in den Schlaf wiegen zu lassen! Aber ich für meinen Teil ziehe doch das Leere einer Wahrheit vor, die nur deshalb Wahrheit ist, weil sich mit ihr leicht und bequem leben läßt. Hmm!“ Er verstummte und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Die roten Hände waren tief in den Taschen der Uniformjacke vergraben, und die Finger bewegten sich dort rasch und unruhig.

„Ich will mit dir nicht streiten,“ sagte Lande schlicht, „du bist klüger als ich und dann soll man auch darüber nicht streiten. Aber gerade weil ich die ganze kolossale Größe innerer, menschlicher Kraft, menschlichen Geistes empfinde, kann ich nicht glauben, daß er aus absoluter Leere kommen und ebenfalls ins Leere zurückkehren soll, wie ein sinnloses Sumpffeuer, das im Schlamm entsteht! Zu hell brennt er, zu kraftvoll entfaltet er sich, umschlingt die ganze Welt, beleuchtet, erwärmt sie ... Nein, ich fühle die Wahrheit ... Und ... Ich werde doch zu Ssemjonow hinfahren, Ljonja!“

„Das ist etwas anderes ...“ erwiderte Schischmarjow zurückhaltend. „Wenn du es willst, wenn er dir leid tut, magst du fahren ... Das ist deine Sache!“

Er setzte sich wieder zum Tee und fing an, in dem halbleeren Glas mit dem Löffel klirrend herumzurühren. Seine Schultern zitterten noch immer vor Erregung.

„Ich werde fahren, nur habe ich kein Geld.“

„Na, Bruder, ich habe auch keines!“ erwiderte Schischmarjow im Ton einer Entschuldigung und schlug wie ein Schuldiger die Arme auseinander.

Lande krachte mit den Fingern.

„Ach Gott ... was soll ich tun?“

Schischmarjow schlug wieder die Arme auseinander. „Warte noch! Vielleicht wird es sich noch irgendwie machen lassen ...“

„Nein,“ Lande machte eine entschlossene Handbewegung. „Es ist keine Zeit, zu warten ... Ich gehe ...“

Schischmarjow erhob rasch den Kopf; ein lächelnder Zug der Verwunderung weitete seinen Mund.

„Du gehst hin? Das heißt, wie meinst du das. Zu Fuß?“

„Zu Fuß, natürlich ... Hin und wieder läßt man mich wohl ein Stück mitfahren ...“ antwortete Lande einfach.

Schischmarjow sah ihn unverwandt mit weit geöffnetem Mund an, wurde dann aber plötzlich ernst.

„Höre mal, Lande ... es muß eine Grenze für all diese Extravaganzen geben!“ sagte er, während er die Achseln in die Höhe zog, in überzeugendem Ton.

„Hier handelt es sich nicht um eine Extravaganz. Ich habe kein Fahrgeld, also gehe ich zu Fuß. Legen doch Pilgerinnen Tausende Werst zurück.“

„Pilgerinnen ...“ Schischmarjow wurde für einen Augenblick verwirrt. „Ja, die sind aber erstens Pilgerinnen, und zweitens nicht im Herbst ... Du wirst einfach unterwegs liegen bleiben!“

„Vielleicht bleibe ich doch nicht liegen.“

Die Erregung ergriff Schischmarjow von neuem.

„Die Pilgerinnen gehen um ihres Glaubens willen, der bei ihnen nur darin besteht ...“

„Auch ich gehe um meines Glaubens willen,“ lächelte Lande.

„Ja ... schon ... Aber du mußt doch wenigstens mit den Umständen rechnen!“

„Das ist so leicht, sein Leben nach den Umständen einzurichten!“ sagte Lande mit zartem Vorwurf, während seine hellen Augen weiterlächelten. „Dabei wird man schließlich ganz aufhören, an sich zu glauben und in allem nur nach den Umständen fragen ... Nein, mag es dabei bleiben, ich fühle, daß ich gehen muß, und ich werde gehen ... Auf irgend eine Weise ...“

„Aber begreife doch nur das Eine, daß du vor allen Dingen nichts daran ändern kannst!“

„Das wissen wir nicht!“ erwiderte Lande streng. „Das scheint nur so ...“

Schischmarjow schwieg. Er wußte nicht, was er noch sagen könnte.

„Das ist ja dumm, — du wirst gewiß Jalta nicht erreichen, wirst gewiß nichts besser machen! ... Das ist dumm und unmöglich.“

„Nein,“ seufzte Lande und sah ihn nachdenklich an, „ich weiß schon, daß es dir dumm, unmöglich, sinnlos scheint, aber ... ich werde doch gehen ... Versuche nicht, mich zurückzuhalten, Täubchen, tu das nicht!“

Schischmarjow zuckte mit einem sonderbaren Gefühl die Achseln.

„Weiß der Teufel, was das ist!“ murmelte er und neigte sich seinem Glas zu.

Sie schwiegen eine Weile.

„Nun, ich gehe, lebe wohl, auf Wiedersehen!“ sagte Lande und erhob sich.

„Sitze noch ein Weilchen!“

„Nein, Täubchen ... ich muß noch einiges vorbereiten.“

Er drückte Schischmarjow warm die Hand. Und plötzlich überkam den kleinen Studenten eine trübe Ahnung.

„Also, du gehst doch?“ fragte er mit dem Wunsch, zu lachen, aber etwas erzitterte in seiner Stimme.

Lande war um einen Kopf höher als er und sah ihn liebevoll von oben herab an.

„Ich gehe!“ er nickte mit dem Kopf.

Schischmarjow wollte noch etwas sagen, aber ein eigentümliches Gefühl schnürte ihm die Kehle zu, er zuckte nur schwer mit den Achseln.

Sie standen schon in dem engen Vorzimmer, in das nur ein schmaler Lichtstreifen durch den Türspalt fiel, als sich Lande plötzlich an Tkatschow erinnerte.

„Hast du den Mann, dessentwegen mich Molotschajew geschlagen hat, noch im Gedächtnis?“ fragte er. „Er ist einmal zu mir gekommen ...“

Und Lande erzählte sein Gespräch mit Tkatschow. Er erzählte schlicht und kurz, aber etwas Riesiges, Überwältigendes schob sich allmählich in Schischmarjows Kopf. Die grandiose Phantasie, auf eigentümliche Weise in der Gestalt des neben ihm stehenden Lande verkörpert, packte ihn und riß ihn fort. Er ergriff impulsiv Landes Hand und rief scharf:

„Aber das ist ja überwältigend! Und was hast du ihm geantwortet?“

„Ja,“ meinte Lande, „mir war es ein großer Schmerz, seinen Traum zu zerstören ... Es ist ein unglücklicher Mensch ... Mit einem solchen Sturm in der Seele wird man nie zur Ruhe kommen ...“

„Also, du hast dich geweigert?“ fragte Schischmarjow fast erschrocken.

Lande lächelte.

„Konnte ich denn darauf eingehen — ein Prophet zu werden, wenn ich keiner bin?“

Schischmarjow besann sich plötzlich, rieb die Hände und sagte düster:

„Ja, gewiß ...“

Er begleitete Lande bis an die Stufen heraus.

Der Mond war finster und grämlich.

„Lebe wohl!“ rief Lande zurück, während er sich in der Finsternis entfernte.

„Lebe wohl!“ tönte ihm die Antwort.

Schischmarjow stand lange auf den Stufen, kehrte dann in sein Zimmer zurück und setzte sich an den Tisch. Auf dem Tisch brannte die Lampe, aber ihr enger Lichtkreis fiel matt und welk an den Seiten herab. Die Zimmerecken waren in völlige Dämmerung gehüllt. Schischmarjow rückte das Buch näher; die Buchstaben drängten sich vor seinen Augen, ohne sich dem Gehirn einzuprägen. Eine eigentümliche Aufregung bemächtigte sich seiner. Er setzte sich bald, bald stand er auf, als wäre etwas Ungeheures über ihn gekommen, das ihn peinigte. Alle Gedanken und Gefühle waren von der Gestalt Landes erfüllt. Es war schwer, an ihn zu denken; die Vorstellungen sprangen durcheinander, verwickelten sich, eine löste die andere ab. Landes Stimme, weich und schwach, gellte in den Ohren; ein undeutliches Bild stand neben ihm, nebelhaft und groß.

Schischmarjow zuckte plötzlich die Achseln und lachte unnatürlich scharf, obgleich er noch nie zuvor gelacht hatte, wenn er allein war. Das Lachen gellte ihm selbst in den Ohren.

„Weiß der Teufel!“ sagte er heiser.

Er hatte ein Gefühl, als hätte sich durch seine spröde, zähe Seele eine tiefe, feurige Furche gegraben, deren Ende sich vor ihm in der unendlichen Ferne seines zukünftigen Lebens verlor.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XXIII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Des Nachts, im Anfang des Herbstes, als die Luft schon dünn und kalt wurde, ging Lande still aus dem Haus. Er war in eine schwarze, alte Sutane, die er einem Mönch abgekauft hatte, gekleidet und trug einen Sack auf dem Rücken. So wird es leichter und einfacher zu gehen sein, dachte er.

Still und leer war es in der ganzen Stadt. Den Himmel verdeckte eine undurchdringliche Hülle weißer Wolken. Kein Mond, keine Sterne waren zu sehen. Langsam traten die schwarzen Häuser mit ihren abgeschlossenen blinden Fenstern und kalte Bäume, an die sich schwarze Finsternis klebte, zurück. Bald war Lande ins Feld hinausgekommen. Der Wind riß die Schöße seiner Sutane auf und lärmte in seinen Ohren, gedehnt und schwermütig. Leer, weit und kalt lag das endlose Feld vor ihm. Die Wolken zogen hier, wie es schien, noch ferner, noch höher vorbei. Auf den dunkeln Hügeln wiegte sich dürres Gras. Die ungeheuer breite Empfindung des freien Raumes füllte Landes Brust, und eigentümlich gleichzeitig mit ihr schien das deutliche Bewußtsein zu kommen, daß er Jalta niemals erreichen wird. Doch ohne Schwanken, ohne Gram und Verzweiflung trat ihm diese Ahnung in die Seele; ihm wurde im Gegenteil leicht und frei zumute, als ob er gerade dadurch auf den richtigen Weg, der ihn nun endlich zum Ziele führt, geraten wäre; sein Herz zog sich wie im Vorgefühl einer hellen Freude leicht zusammen.

Es war aber nur eine Ahnung, kein klarer Gedanke. In seinen Gedanken stand einzig das Bild des kranken, leidenden Menschen, zu dem er ging; über das, was aus ihm wurde, dachte er nicht nach. Leichten, elastischen Schrittes, als ob die Erde selbst seine Füße von sich schnellte, ging er die breite, weite Landstraße entlang, sah sich freudig und verwundert um und lauschte entzückt auf jeden Laut, den ihm der öde Wind, der traurig die Straße entlang zog, aus der Steppe hertrug.

Der Morgen kam, dann der Tag, dann wieder die Nacht und ein neuer Morgen. Fünf Tage lang ging Lande durch Dörfer und nächtigte bei Bauern, die ihn mißtrauisch anblickten und ihn nur unwillig einließen. Nur wenige sprachen mit ihm, weil nur wenige ihn zu verstehen vermochten, obgleich er alle klar und einfach anredete. Alte Bäuerinnen fragten ihn aus, die welke Backe in die Hand gestützt, fragten, woher er komme und ob er nicht vom Kloster des Hl. Seraphim komme; die Bauern aber warfen ihm nur Seitenblicke zu, und blieben stumm. Am fünften Tag schrie ihn ein vierschrötiger schwarzer Bauer mit schwarzem, wie mit einem Beil zurechtgehauenen Bart und bösen Augen, grob an. „Geh nur weiter, los, sonst, es ist nicht weit bis zum Gendarmen ... Da schleicht hier so manch einer herum!“

Ein so unfreundlicher, unverständiger, fremder Zug lag in dem allen, daß es Lande schrecklich bemitleidenswert schien. Mit weit geöffneten, neugierigen Augen sah er auf das Dorfleben, aber es glitt ebenso absonderlich, lebensarm und reich an ihm vorbei, wie die Bilder der großen, bunten Rinderherden, die ihm ihre starken, gehörnten Köpfe zuwandten und ihn mit rätselhaften, großen Augen begleiteten, wenn er an ihnen vorbeiging. Mit Liebe und Rührung betrachtete Lande diese Menschen, die Rindern glichen, und die Rinder, die wie eigenartige, sonderbare Menschen aussahen; aber er fühlte, daß er ihnen fern, überflüssig, fremd war. Ihm wurde schwer zumute; ihn überkam der schwärmerische Wunsch, mit seinem Blick irgendwo in der Weite einzudringen. Aber der Blick blieb stumpf und kraftlos. Nur wenn die Steppe ganz frei dalag, und die Sonne scheinbar nur für ihn allein in der unermeßlichen Welt leuchtete, war es Lande froh ums Herz. Doch das war nur selten; denn auf allen Seiten machten Menschen, zahllos wie die Ameisen, sich mit irgend etwas zu schaffen.

Als man ihm den nächsten Weg durch den Wald, der Lande wie eine zackige Wand gegenüberstand, zeigte, als er unter die feierlichen, friedlichen Laubkronen trat, da erfaßte ihn ein Freudentaumel; zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er ein Gefühl der Erleichterung darüber, daß es hier keine bekümmerten, verfinsterten Gesichter gab.

Den ganzen Tag hindurch ging er über kaum kenntliche, verwachsene Waldespfade, und den ganzen Tag standen nur hochgewachsene, nachdenkliche Bäume um ihn. Nach allen Richtungen hin dehnte sich ihre durchsichtige, grüne Tiefe. Stumme Vögel flatterten lautlos an ihm vorbei; als gäben sie sich den Anschein, daß sie den Wanderer nicht bemerkten. Irgendwo knisterten Zweige, als ginge jemand, doch nicht ein Mensch, durch den Wald. Dann wurde der Wald allmählich lichter, ein Geruch von Feuchtigkeit und die Empfindung einer unbegreiflichen, aber deutlich wahrnehmbaren Kraft zog heran, etwas glänzte zwischen den Bäumen. Es war ein großer, tiefer, wasserreicher Fluß. Nur an den Uferrändern wuchs grünes Schilf und wiegte seine schmalen Blätter wie grüne scharfe Dolche über der Tiefe; aber die ungeheure Masse des freien und vollen Wassers glitt in langsamer, ebenmäßiger Bewegung, rein und breit, dahin. Auf der anderen Seite stand wie eine dichte Mauer ein ebenso dunkelgrüner Wald; hinten rückten schweigsame Bäume heran und streckten knorrige Äste über den Fluß.

Es war einsam und blieb lange Zeit einsam; Lande saß nachdenklich am Ufer. Dann kam auf dem Wasser lautlos ein Kahn heran, ebenso grünlich, feucht und wild, wie die Baumstämme des Waldes, den ein nasser, knorriger Bauer kniend ruderte. Er störte die Fluß- und Waldesruhe nicht, zerrann vielmehr in dem Ganzen, sodaß das Auge über ihn ohne Anhalt, wie über Schilf, Wasser und Himmel, glitt.

„Großväterchen!“ rief Lande, sich aufrichtend.

Auf dem anderen Ufer rief eine dünne, eigentümlich hallende Stimme:

„O—äää!“ verstummte aber sofort, wie es schien, in furchtbarer Entfernung.

Der Bauer legte das Ruder auf die Knie, quer über den Kahn, der langsam von selbst weiterglitt und einen dünnen, silberhellen Streifen, der wie gläsern klirrte, hinter sich zurückließ.

„Hier!“ rief der Bauer zurück.

„I—i!“ schallte es wieder aus dem Wald; eilig lief etwas in das Dickicht zurück.

Dann ruderte der Bauer und ruderte, und Lande saß im Vorderteil des Kahnes und spiegelte sich wie ein langer, schwarzer Streifen im Wasser wieder.

„Gehst du noch weit?“ fragte der Bauer mit dumpfer Stimme.

„Weit!“ antwortete Lande.

Der Bauer blickte ihn mit kleinen, raschen Äuglein an.

„So ...“ sagte er, hörte auf zu rudern und starrte aufs Wasser.

„Man sagt, in Sibirien soll viel mehr Raum sein ...“ fing er plötzlich an, als stände das, was Lande gesagt hatte, in Zusammenhang mit seinen alten, zähen Gedanken. „So geht das Volk herum, zu suchen, wo es besser ist ... Das ist ja richtig, man weiß nicht, wo man sich lassen soll, aber so hat es auch keinen Zweck ... Man geht, um Recht zu suchen, und es gibt kein Recht auf der Welt ... Ganz gleich, ob du hier oder da wohnst ... So wie ich zum Beispiel, im Wald ... Du denkst das so, als wäre niemand außer Gott über dir ... Alles kommt von Gott, und du selbst kommst auch zu Gott wieder, und außer ihm hilft dir niemand; aber im Gegenteil, — gleich kommt wer weiß wer, wer weiß wozu und greift zu ... wissen tun wir ja nichts, tappen wie im Dunkel herum; vielleicht muß es auch so sein, wer kann es wissen! ... Seine Gedanken macht sich jeder, aber wer wird sie aussprechen! ... So strengt man das Leben lang seinen Buckel an, rackert sich ab wie eine Schindmähre, ist man aber dazu gekommen, einmal freier aufzuatmen, sich an Gott zu erinnern — paff! und wieder einmal nichts mehr da! Und dann nachher — in die Schenke, was bleibt dir anderes übrig. Es gibt kein Recht, lieber Mann, kein Recht! Und ob hier oder da, alles gleich, die Erde ist überall gleich!“ Die Stimme des Bauers war eintönig, gedrückt, aber aus ihr schrie lautlos die verborgene Sehnsucht einer gemarterten Seele.

„Dieses Rechte liegt im Menschen selbst, und nicht in der Erde,“ antwortete Lande traurig. „Man muß einander lieben und bemitleiden, und das übrige wird schon von selbst kommen!“

Der Bauer lächelte düster.

„Das wissen wir gut, lieber Mann, was kommen wird!“ Er warf es achtlos hin, als bezöge sich das Gespräch auf den Tag, der morgen eintreten muß. „Wie sollen wir aber heute leben, das sage uns erst ... Lieben, meinst du ... Wie kommt man aber zum Lieben, wenn man manchmal bereit ist, sich einander wegen eines Stück Brot die Kehle abzuschneiden! ... Da hast du es.“

Der Bauer schwieg, dann fügte er in tiefem Baß hinzu:

„Die Herrschaften haben gut reden ... Die Herrschaften und die Popen! ... Nein, finde du mal erst das Recht hier!“ und er steckte Lande seine knorrige Faust, die vom Fischpökeln zerfressen war und mit der er das Ruder hielt, entgegen.

„So ist’s ...“ begann er nach einer Pause mit einer ganz anderen Stimme. „Gott sieht am besten, wo alles hinsteuert! ... Darum leben wir auch, sonst ... Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, und vielleicht kommt alles gerade darauf an: Gott will Gerechtigkeit mehr als Sattsein; deshalb stehen auch die Menschen Qualen aus, weil durch sie die Gerechtigkeit auf die Erde kommt! ... So ist’s, was, lieber Mann?“

„So, so!“ nickte Lande erfreut mit dem Kopf. „Alles, was es in der Welt gibt — alle Wissenschaften, und alle großen Taten und alle Gedanken, — alles wird durch Leiden weitergeführt ... Wenn es keine Leiden gäbe, wäre auch die Seele zum Stillstand und zum Sterben gekommen!“

Der Kahn stieß ans Ufer. Lande kroch unschlüssig und langsam heraus. Der Bauer blieb unten. Eine Minute sahen sie sich beide schweigend an. Etwas Starkes und Kräftiges verband sie miteinander; sie waren sich in dieser Minute beide fern und nahe, wie die beiden Enden eines ausgespannten Taues; beide hatten das brennende Verlangen, etwas zu sagen, etwas Bedeutsames, Einigendes; doch konnte er es nicht ausdrücken, weil es keine Worte gab, die gleich stark und gleich verständlich für sie beide, für den Bauern wie für ihn, gewesen wären.

„Lebe wohl, Großvater!“ sagte Lande traurig.

Der Bauer murmelte düster etwas Unverständliches vor sich hin, stieß vom Ufer ab und glitt wieder über den Fluß, knorrig und naß wie ein schwimmender Baumstumpf. Lande schaute ihm lange nach, bis er hinter einer Biegung verschwunden war, und sich die langen, silberhellen Streifen auf dem breiten Wasserspiegel wieder geglättet hatten. Gegen Abend verlor Lande den Weg; er fand aber eine alte verlassene Hütte und blieb in ihr über Nacht.

Die Nacht war kalt, schneidend, und Lande schlief schlecht vor Kälte und Müdigkeit.

Der Nebel, der die ganze Nacht zwischen den hohen, regungslosen Bäumen wie eine dichte, weiße Hülle hing, geriet gegen Morgen in Bewegung und wurde grau. Etwas Unfaßbares erzitterte in der Luft, und alles erwachte gleichzeitig leicht und rasch wie auf Verabredung. Ein Vogel zwitscherte leise, als ob er etwas zu fragen hätte. Ein Rabe erhob sich schwer von einem feuchten Ast und flog, während seine taudurchnäßten Flügel linkisch dürre Zweige streiften, geradeaus in den Nebel hinein. Das Gras erschauerte, die Blätter regten sich, und plötzlich fing alles an, strahlend hell zu werden. Der Nebel kam mit einem Ruck ins Schwanken und zog sich in leichte, wankende Säulen zusammen, die eilig, lautlos zwischen den Baumstämmen auf- und niederschwankten.

Lande kroch aus der Hütte; seine dünne, schwarze Gestalt richtete sich über einem hellgrünen Grashaufen in der weißen Dämmerung wie eine schwarze Zickzacklinie auf. Die Nacht hindurch war er stark durchgefroren; sein Gesicht war blaß, grau, zerknittert. Er sah sich um, und im ersten Augenblick kam ihm in dem wogenden Nebel alles sonderbar verändert vor.

Aber der Morgen wurde immer heller. Der Nebel löste sich spurlos, sklavisch auf. Nah und fern erhob sich mit unsichtbarem, mächtigen Brausen das Leben des Waldes. Die Wipfel der Bäume loderten in grellem, rosigen Brand auf und zwischen ihnen in tiefem Blau der Himmel. Lande wurde von der lebendigen Wärme und dem Licht, das sich in mächtigen Strömen über alles ergoß, vollständig durchdrungen.

Er mochte nicht von hier fortgehen. Er ließ sich neben der Hütte auf die Erde nieder und saß still, mit gespannten, freudigen Augen alles um sich her beobachtend, ohne sich zu rühren.

Der Tag stieg auf. Sein grelles, unendlich-mächtiges, lebendiges Licht erwärmte das Herz. Lande saß bald, bald lag er unter einem Baum, der leichte goldene Blätter auf ihn streute, und verfolgte gierig das für ihn neue, geheimnisvolle Waldleben. Ihm schien, daß er langsam anfange, es, wenn auch undeutlich, zu verstehen.

Immer tiefere Ruhe überkam ihn; um so schwächer wurde sein Körper.

Er bemerkte diese Schwäche und aß ein wenig; aber die Bissen wollten nicht durch die Kehle rutschen, und nach dem Essen wurde er noch schwächer. Er stand auf, konnte aber kaum den Fuß anheben: eine eigentümliche Mattheit zitterte in seinen Knieen, ihm schwindelte es, der Kopf war schwer und das Herz schlug leise und schwach.

Ich bin krank, dachte Lande, aber ohne sich zu fürchten oder zu wundern, als wenn er es so erwartet hätte. Wahrscheinlich habe ich mich in der Nacht erkältet, ging es ihm mechanisch durch den Kopf, — ich muß hier bleiben. —

Eine undeutliche, ruhige Freude stieg allmählich in ihm auf. — Worüber bin ich froh? — fragte er sich und lächelte sich selbst zu. — Weil ich hier bleiben muß oder über etwas anderes? Ich weiß nicht ... aber wie licht, still und wohl mir ist! ...

Den ganzen Tag lang sah er ohne bestimmte Gedanken, ganz in ein beschauliches, zärtliches Gefühl versunken, vor sich hin.

So viel Licht, Farben, Durchsichtigkeit und Leben zitterte um ihn, daß ihm vor Glück und rührender Sehnsucht die Augen brannten.

Unaufhörlich tönte der Stimmenchor des Waldes über ihm, aber außer stillen Vögeln mit grünen Schwanzfedern, sah er nichts. Nur um die Mittagszeit kam aus dem Walde, hinter dem Gebüsch, ein magerer zottiger Bär hervor. Seine kleinen, schwarzen Äuglein blickten Lande aufmerksam und ernsthaft an. Er setzte sich auf die Hinterfüße, reckte den Hals ein wenig an, seufzte auf und starrte dann wieder auf Lande. Ein Vogel wiegte sich leise auf grünen Zweigen, die sich auf dem Himmel ausprägten. — Gott, wie schön! sagte Lande zu sich, seine Augen wurden feucht.

Der Bär stieß einen sonderbaren, beinahe schluchzenden Laut aus und streckte wieder seinen Hals.

Lieber Kerl! rief Lande, und plötzlich wünschte er sehr, auf den Bär zuzugehen und ihn über das braune, ausgetrocknete Fell, an dem die Zotten herunterhingen, zu streichen. Nur fürchtete er, daß er ihn erschrecken würde. Daß sich der Bär auf ihn stürzen könnte, das kam Lande gar nicht in den Sinn; in seiner Seele war es still und sanft; sie konnte keinen brutalen Gedanken fassen.

Soll ich ihm Brot geben? dachte Lande und lachte selbst über diesen Gedanken.

Der Bär stieß wieder einen schweren, langgedehnten Seufzer aus, blickte noch einmal mit den schwarzen Augen umher, stand auf und trottete, leicht wiegend, in den Wald zurück. Lande kam es traurig und gleichzeitig fröhlich an, zuzusehen, wie er sich unter den säulenhohen Bäumen entfernte.

Hier wäre es gut zu sterben, dachte er plötzlich mit feuchten Augen.

Und der Gedanke an den Tod, mit dem deutlichen, abgeschlossenen Bewußtsein seiner Nähe, trat gebieterisch aber ruhig in seine Seele.

Ssemjonow fiel ihm ein, doch blitzte dieser Gedanke nur auf, um sich gleich wieder in dem vollen, prächtigen Licht des Tages aufzulösen, als ginge er zu einem anderen, einem Mächtigeren, über.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XXIV

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
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Der Regen goß in Strömen, anhaltender Lärm hing über dem Wald. Manchmal schien irgend jemand in der Nähe, hinter einem Busch zu schluchzen, mit dünner, silberklirrender Stimme zu weinen; später hörte man deutlich, daß es nur Regentropfen waren, die klangen.

Lande lag in der Hütte. Es war naß, dumpf und undurchdringlich finster. Manchmal war ihm, als ob er über bodenloser Leere liege, dann hob er mit Mühe die heiße, zitternde Hand, stieß neben seinem Gesicht an unsichtbare, schwere, durchnäßte Zweige, und dicke, kalte Tropfen schlugen auf sein Gesicht. Der Kopf brannte ihm, Fieberfrösteln riß ihm den Körper in Stücke, und er wand sich in dem vergeblichen Bemühen, unter der nassen Sutane warm zu werden, ohnmächtig auf der Erde hin und her. Vor seinen offenen Augen sprühten in der Finsternis Feuerfunken, wirbelten goldene Kreise.

Ich sterbe, — dachte Lande. — Ja ... Herr, dein Wille geschehe!

Vor Kälte, vor Schmerz weinte er. Einsame, niemandem sichtbare Tränen fielen heiß auf die nasse Erde, rieselten ihm in den Mund und auf die krampfhaft klappernden Zähne.

Herr, Herr! — rief er still, und dieser einsame Laut war so sonderbar in Wald und Finsternis, daß es ihm selbst vorkam, als verfiele unter ihm alles für einen Augenblick in Schweigen, würde es still und lauschte. Und dann rauschte, fern und nahe, noch stärker der Regen, das Wasser gluckste.

Lande verlor die Besinnung, regungslos auf der Erde zusammengekauert, die Kniee in einer kalten Pfütze. Er fieberte.

Aus der Finsternis lugte ein großer Hasenkopf. Die langen Ohren waren zurückgeworfen, die roten Augen starrten Lande unverwandt an. Etwas Schreckliches, Höhnendes lag in diesem schweigenden Kopf. Leise, langsam, kaum merklich nickte er Lande zu. Plötzlich leuchtete alles in gelbem Licht auf, als wäre irgendwo in der Nähe, hinter seinem Rücken, eine unsichtbare Flamme entzündet; in ihrem Licht erblickte Lande, wie von der Seite, seinen Körper, widerwärtig und armselig in einer Pfütze zusammengekauert, von der nassen, schwarzen Sutane beklebt, schmutzig, unglücklich, wie ein Wurm. Entsetzliche Angst drängte sich an sein Herz. Mit einem wilden, sinnlosen Schrei setzte er sich auf; dabei stieß er mit dem Kopf an die Zweige. Ganze Bäche kalten Wassers rieselten auf ihn herab, aber er kam nicht zu sich. Eine Menge bekannter Gesichter zogen lebend, augenglänzend, in einer endlosen Reihe, die sich in der Ferne verlor, an ihm vorüber. Sie näherten sich, neigten sich zu ihm, sahen ihn an und gingen weiter, hinter ihnen kamen neue heran. Die Flamme leuchtete nicht mehr hinter Landes Rücken; dafür schien von ihm selbst ein mattes, aber klares Licht auszugehen. Es legte sich auf die Gesichter, die sich verneigten, drang immer weiter und weiter, nach allen Seiten hin. Ihm wurde still und wohl. Dann brannte wieder die Flamme, und wieder wand sich ein schwarzer Körper wie ein zertretener Wurm auf dem Boden; wieder nickte kaum merklich ein Hasenkopf.

Es war kein Gedanke und keine Wahnvorstellung, kein Gefühl, nur das grelle Licht einer wunderbaren Erkenntnis, die Landes erhitztes Gehirn durchdrang. Im selben Augenblick wurde sein ganzes Leben in zwei Teile gespalten: Als hätte ihn das Gewaltige, das in seiner Unbegreiflichkeit Helle und Wundervolle, das, was er sein ganzes Leben lang getan hatte, jetzt verlassen und wäre langsam zerronnen, um alles ringsumher zu erfüllen, er selbst aber war von einem scharfen Leiden, einem einsamen, unbesiegbaren, letzten Schmerz gepackt worden, der ihm seine scharfen Krallen einbohrte und ihn mit schrecklicher Wucht zu Boden drückte.

„A—a—a!“ schrie Lande mit schwacher, dünner Stimme in die Finsternis hinein.

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XXV

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
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Rjasaner Bauern, Zimmerleute, die nach ihrer Heimat gingen, fanden im Wald, fern von jeder Wohnstätte, einen toten Menschen.

Die Leiche lag in einer Hütte, die aus dürren Zweigen zurechtgebaut war, mit angezogenen Beinen und krampfverzerrten Fingern. Der Kopf auf dem dünnen, langen Hals war halbverrenkt, so daß man das Gesicht nicht sehen konnte. Der Tote trug eine schwarze Sutane; ein Fuß war aus irgend einem Grunde entblößt. Von der Leiche ging ein schwerer, toter Geruch aus und verband sich eigentümlich schrecklich mit dem feinen, süßlichen Geruch welken Farnkrauts, das an dieser Stelle stand.

Einer der Zimmerleute, ein rotbärtiger, hochgewachsener Bauer, berührte den Fuß der Leiche mit der Stiefelspitze. Der tote Fuß bewegte sich kaum und wurde gleich wieder unbeweglich.

„Gestorben ...“ meinte tiefsinnig der Bauer, kratzte sich im Nacken, blieb eine Weile stehen und riß dann plötzlich, mit einem Gesicht, das von Angst und ihm selbst unbegreiflicher Wut verzerrt war, an der Leiche und schleppte sie am Fuß aus der Hütte heraus. Der Kopf schwankte und sprang über den Boden, die Hände schlugen auf die Erde, klatschten schwer nieder, und ließen sich, vom Staub bedeckt, nachschleifen. Doch mit einem Mal schlug ein so entsetzlicher, penetranter Geruch hoch, daß die Bauern zurücktaumelten.

„Oh, Teufel!“ sagte verwundert der Rotbärtige, als hätte man das auf keinen Fall erwarten dürfen.

Die Bauern standen und blickten auf die Leiche.

Bitter und einsam lag sie auf der Erde, schaute mit toten, wie von schweren Tränen getrübten Augen geradeaus über sich in den fernen Himmel. Kalt und stumm, mit für ewig zusammengepreßten Lippen, die ohne Worte von einem schrecklichen Geheimnis berichteten, verbreitete sie zusammen mit dem schweren Geruch ein gramvolles Schweigen um sich. Auf der Brust war der schwarze Stoff zerrissen, die ausgetrocknete Haut schimmerte lehmgelb hervor, welke Blätter und trockener Schmutz klebten daran, als hielte die Erde schon den Toten mit ihren grauen Fangarmen umschlungen und zöge ihn langsam aber unwiderstehlich zu sich hinab.

Lange standen die Bauern und sahen die Leiche an, als ob sie nicht darauf kommen könnten, was zu tun sei. Endlich seufzte ein alter, gravitätischer Bauer auf, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. Er bekreuzigte sich einmal, dachte eine Weile nach, sagte: „Sei dir das Himmelreich beschieden!“ und bekreuzigte sich dann noch zweimal. Und alle Bauern rissen, eilig, als wälzten sie dadurch eine drückende Last von sich ab, ihre Mützen herunter und fuhren mit Fingern durch die Luft.

Dann gingen sie davon, einer hinter dem andern, ohne sich umzuwenden.

Lange noch schien ihnen der goldene Wald und das Sonnenlicht, das Gras und der hohe Himmel wie von einem unsichtbaren Schleier verhüllt, von schwerem Schweigen gefesselt. Aber in Wirklichkeit quoll alles in Freude über, strahlte und flimmerte im Sonnenglanz und leuchtete durch ewig-lebendiges, selbst im Absterben noch fröhliches Grün.

Der Bauer, der zuletzt ging, blickte sich verstohlen um; nur ganz von ferne sah er hinter einem goldbraunen, lichten Busch den blassen Umriß eines ausgedörrten, unbeweglichen Fußes.

Es war an einer Stelle, wo jahraus, jahrein das Farnkraut besonders üppig wächst.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

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