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Millionen; Der Tod des Iwan Lande

Der Tod des Iwan Lande (continued 2)

Reading edition

Lande unterschied, daß zwei auf Papier gedruckte Szenen aus der Heiligen Schrift kindlich mit widersinnigen Farben bemalt waren; den weiblichen Gesichtern waren Schnurr- und Kinnbärte aufgesetzt worden.

„Ah so!“ sagte er gleichmütig.

Das Kind schluchzte still.

„Weine nicht ... Wir lassen ihn nicht mehr ...“ Ssonja sprach ganz mechanisch; sie wandte keinen Blick von Lande.

„Aber es ist doch ein Kind, Firsow!“ Lande nahm ihn an der Hand und versuchte, ihn zu beruhigen.

„Das weiß ich, daß es ein Kind ist!“ Firsow warf den Kopf in den Nacken. „Wenn er kein Kind wäre, so hätte ich ihn vielleicht totgeschlagen! ...“

„Was reden Sie!“ Lande machte eine abwehrende Handbewegung.

„Gewiß ... totgeschlagen, totgeschlagen hätte ich ihn!“ schrie Firsow hartnäckig und klopfte mit den Fingerknochen auf den Tisch.

„Lassen Sie das, Firsow,“ befahl Lande energisch und nahm ihn an der Hand; dann sah er sich nach Ssonja um. „Lassen Sie ... wegen einer solchen Bagatelle! ...“

Firsow richtete sich blitzschnell auf, als ob er gerade auf diese Worte gewartet hätte.

„Bagatelle?“ wiederholte er, das Wort unnatürlich dehnend.

„Ja, wie kann man denn dem irgendwelche Bedeutung beimessen! Verstehen Sie denn nicht, daß Sie unendlich viel mehr sündigen als der arme Knabe?“ sagte Lande überzeugend und traurig.

„Ha! ... Das halten Sie für eine Bagatelle? So ...“ fing Firsow an, und plötzlich rief er in dem früheren, geheuchelt wütenden Ton, als ob er sich künstlich erhitzen müsse:

„Eine Bagatelle ist das?“ Er kreischte schrill und stampfte mit den Füßen. „Hinaus, hinaus mit dir! Gotteslästerer, Teufel! Hinaus, daß hier keine Spur von dir bleibe.“

„Firsow,“ sagte Lande erstaunt, „was haben Sie?“

„Hinaus!“ brüllte Firsow. Er hörte absichtlich nicht, spritzte Speichel, trampelte mit den Füßen und geriet nun wirklich in Wut.

Zum zweiten Mal in seinem Leben schien es Lande, daß es nicht ein Mensch war, der schreit, sondern irgend ein hinterlistiges, böses Wesen in ihm. Der Ekel stieg ihm in den Hals; aber dieses Gefühl war ihm so ungewohnt und qualvoll, daß er sich schnell abwandte und zurückwich.

„Ich gehe fort ...“ sagte er hastig. „Sie sind heute sehr eigentümlich ... Lieber will ich morgen kommen ... Nur nehme ich auch Sserjoscha mit, sonst können Sie ...“

Firsow erstickte fast vor Wut, sperrte die Augen auf, blieb aber stumm.

Lande wandte sich zu Ssonja.

„Wir nehmen ihn zu uns, Ssonja!“ sagte er.

Ssonja warf einen raschen Blick auf ihn, nickte schweigend mit dem Kopf, hob angestrengt den dicken, verweinten Jungen auf den Arm und ging zur Tür.

„Wir gehen fort, Firsow, und nehmen Sserjoscha mit ...“ wiederholte Lande.

„Glück auf den Weg!“ rief heiser Firsow und blieb wie angewurzelt vor den Heiligenbildern in der Ecke stehen.

„Wir nehmen ihn ja nur, weil Sie zu aufgeregt sind,“ sagte Lande in versöhnlichem Ton.

„Schon gut, schon gut!“ nickte Firsow schadenfroh mit dem Kopf. „Bringen Sie ihn nur zurück ... Dann werden wir weitersehen!“

Eine Sekunde lang stand Lande unbeweglich und blickte lange und gramvoll Firsow gerade in die Augen. Aber der wandte sich ab und ließ seine Blicke über die Heiligenbilder, den Fußboden, die Wände laufen.

„Aber was haben Sie?“ rief Lande bitter. „Niemals waren Sie so zu mir.“

„Schon gut, schon gut!“ murmelte Firsow. „Sie haben sich auch was in den Kopf gesetzt. Bilden Sie sich nichts ein! ... Es gibt noch andere wie Sie, wenn Sie sich auch nicht in den Vordergrund drängen ... Wie manch andere! Jawohl, und ... diesem Lausebengel werde ich es noch beibringen, wie er ...“

„Aber er ist doch vor allen Dingen Ihr Sohn!“ Lande schlug sich mit der Faust an die Brust.

„Es ist nicht Ihre Sache, mich über meine Pflichten gegen meinen Sohn zu belehren! Verstehen Sie? Nicht Ihnen und nicht mich! Der Herr weiß, wo das Richtige ist ... Der Sohn — ich weiß, was ein Sohn ist! Ich habe keinen Sohn über meinem Gott!“ rief er wieder, indem er sich plötzlich umwandte. „Hier! ...“

Er konnte nicht zu Ende reden und begann, sich krampfhaft an die Heiligenbilder zu klammern, während er etwas auf den Boden fallen ließ und sinnlos murmelte:

„Hier alles ... alles ... alles hier!“

Lande blickte Firsow fragend an, zuckte schwer mit den Achseln und ging aus dem Zimmer:

„Ich werde jetzt lieber fortgehen ... meine Gegenwart regt Sie wahrscheinlich auf ...“ sagte er weich.

Ssonja stand an den Stufen mit dem Kind auf dem Arm.

„Gehen wir, es ist unmöglich, mit dem Vater zu sprechen ... Er ist jetzt fast wahnsinnig!“

Er nahm das Kind zu sich auf den Arm und trug es, die Wange an das weiche kindliche Bäckchen geschmiegt. Ssonja ging hinter ihm und schaute mit einem unnatürlich begeisterten Blick auf Landes Nacken, während sie mechanisch die von Tränen genäßte Hand abwischte.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

X

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Am andern Tag trat Firsow, im Rock und hohen Kragen, trocken und gerade wie ein Stock, in Ssemjonows Zimmer. Lande saß angekleidet am Fenster und schrieb, den Kopf zur Seite geneigt, eifrig, mit etwas kindischen, säuberlichen Schriftzügen ein großes Manuskript ab, das ihm Ssemjonow zur Abschrift verschafft hatte. Der kranke Student lag noch auf dem Bett und rauchte.

„Ah, Firsow!“ rief Lande freudig und erhob sich, um ihm entgegenzutreten, wobei er auf das sauber abgeschriebene Blatt einen Klecks machte. Ssemjonow bemerkte von weitem diesen Klecks, sagte aber nichts.

Firsow warf einen kühlen Blick auf Lande; reichte aber die Hand nicht.

„Ich bin gekommen, meinen Sohn abzuholen!“ sagte er trocken und übermäßig offiziell.

„Sserjoscha ist schon längst in den Garten gelaufen ...“

„Ssonja ging mit ihm spazieren ...“ warf Ssemjonow in gleichgültigem Ton hin.

„Ich danke Ihnen!“ Firsow verneigte sich ebenso unnatürlich nach seiner Richtung. „Und nun bitte ich um Entschuldigung ...“

Und er wandte sich zum Fortgehen.

„Was soll das heißen, Firsow?“ fragte Lande betrübt.

„Nichts!“ Firsow zuckte mit merkwürdig flottem Vergnügen die Achsel.

„Aber lassen Sie doch das!“ erwiderte Lande.

„Macht eine Pose wie ein Idiot!“ bemerkte Ssemjonow zornig.

Firsow drehte sich rasch zu ihm herum; er geriet aus einem stockdürren plötzlich in einen äußerst biegsamen Zustand.

„Ich weiß nicht, wer der Idiot ist!“ erwiderte er scharf. „Aber da es nun dazu kommt ... so bitte, ich will mich mit Ihnen auseinandersetzen.“

Er legte rasch Stock und Hut auf den Stuhl und setzte sich ebenso rasch und impulsiv daneben.

„Sehr notwendig!“ schnaubte Ssemjonow. „Hampelmann!“

„Ruhig, Wassja!“ bat Lande.

Firsow tat, als ob er nichts gehört hätte und drehte sich kurz nach Lande um.

„Ich sehe mich gezwungen, etwas weit zurückzugreifen ...“ begann er hochtrabend, mit offensichtlichem innerem Behagen an der vorbereiteten Rede. „Sie ... Iwan Ferapontowitsch, hatten einmal auf mich einen bedeutenden Einfluß ausgeübt, ich muß das gestehen ... ja, ich will es aufrichtig gestehen ... Ja, ich darf schließlich sagen, daß wir sogar Freunde waren.“

Tiefe Ziegelröte trat auf die welken, trockenen Backen Firsows; für einen Augenblick schien es, daß er in seiner Rede gestolpert wäre, als fürchtete er, Lande könne es bestreiten.

„Ich war Ihnen immer zugeneigt, Firsow ...“

Ein Zug verborgener, ihn selbst erniedrigender Befriedigung huschte über Firsows Mienen; doch sofort wurde er grob und unverschämt.

„Sie haben mich durch den äußeren Eindruck Ihrer Handlungen, deren wahren Sinn ich damals meiner Jugend wegen nicht durchschauen konnte, verlockt ...“

„Ich glaube, ich habe Sie doch als erwachsenen Menschen kennen gelernt ...“ fiel ihm Lande, der ihm mit äußerstem Interesse zuhörte, naiv ins Wort.

Firsow wurde wieder von einer besonderen blaugelb gedeckten Röte überzogen.

„Jawohl ... Allerdings, ich ... Ich wollte gesagt haben, daß, als Sie, noch ein Jüngling, Arme und Kranke besuchten und alles verteilten ... und so weiter, da meinte ich, einen wahren Christen gesehen zu haben ... und auch Ihre Reden bekräftigten mich darin ... Ich fühlte große Sympathie für Sie. Ich muß es auch jetzt gestehen ... Dadurch, daß Sie infolge Ihrer Beredsamkeit die vertrauensvolle Jugend fortrissen, wurden Sie sozusagen zum Mittelpunkt ... zu einem Abgott für viele. Selbst ich, ein Mann, — ich darf es ohne Überhebung sagen —, von innerem Halt und gefestigtem Charakter, ein Mann von Überzeugungen, konnte lange Zeit nicht den wahren Sinn Ihrer Reden und Handlungen begreifen ...“

„Und welchen Sinn hatten sie, nach Ihrer Meinung?“ fragte Lande mit Interesse.

„Das werden Sie schon selbst wissen ...“ Firsow warf ihm einen schlauen Blick zu und hob den Finger, als ob er ihn zur Seite schieben wollte.

„Nun, doch?“

„Den folgenden ... wenn Sie es durchaus zu hören wünschen ... Indem Sie sich am Dienst der Kirche in keiner Weise beteiligten, wollten Sie gleichsam betonen und ... und hervorheben, daß die wahre christliche Religion außerhalb der Kirche liegt ... Jawohl! Und Sie haben auch in der Tat viele verlockt, so daß sie aufhörten, die Kirche zu frequentieren und sogar in eine Kritik der Dogmen verfielen! ... Viele, aber nicht ich ... Ihnen ging es natürlich gegen den Strich, ich aber bin kein dummer Junge von Student; nicht Sie wären imstande, mich zu beirren. Eher werde ich Sie auf den wahren Weg leiten!“

„O Gott!“ seufzte Lande schmerzlich auf. „Was Sie nur da alles zusammenreden, Firsow!“

Ssemjonow drehte sich mit unterdrückter Aufregung schwer auf dem Bett hin und her.

„Jawohl, jawohl!“ wiederholte Firsow hochmütig. „Nicht mich.“

„Und doch kann ich nicht verstehen, was das alles soll ...“ Lande schlug die Hände auseinander.

„Das Folgende!“ schrie Firsow grob; sein dunkelgrauer Backenbart ging borstig in die Höhe. Es war offensichtlich, daß er sich verwickelt hatte und sich, da er es einsah, in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte. „Erlauben Sie, schließlich, Ihnen geradezu die Frage zu stellen: Sind Sie ein Christ oder nicht?“

Ssemjonow schnaubte.

„Ich weiß wirklich nicht ... und wir wollen doch lieber ein andres Mal darüber sprechen ...“ versuchte Lande, den es um Firsow schmerzte, das Gespräch abzulenken.

Wie von einem Strom mitgerissen, schlug Firsow kurz Wort für Wort herunter: „Soo, — — Glauben Sie an die rechtgläubige Kirche?“

Lande lief aufgeregt im Zimmer umher.

„Was ist das für eine Frage, Firsow? Wozu das? Übrigens, wenn es Ihnen wichtig ist, an die Kirche glaube ich ganz und gar nicht, das ist selbstver— ...“

„So—o!“ fiel ihm Firsow ins Wort, während er aufsprang und sich mit enger Freude die Hände rieb. „Dieses Gespräch im Zusammenhang mit vielem anderen, sowie mit der Lossagung von Ihrer Mutter ...“

Lande riß die Augen weit auf.

„Das ist nicht wahr, ich habe mich niemals von meiner Mutter losgesagt ... nur habe ich mich entschlossen, getrennt von ihr zu leben, weil —“

„Aber wozu redest du noch ein Wort mit diesem Aas!“ brauste Ssemjonow plötzlich auf und setzte sich im Bett auf, zerzaust und gelb. „Weshalb erlaubst du jedem Strolch, in deine Seele hineinzufassen!“

„Ich verstehe!“ stieß Firsow in dem früheren falschen Ton zwischen den Zähnen hervor, und zog vorsichtig seine Mütze zu sich heran. „Mehr habe ich nicht zu fragen, obgleich ich noch einiges sagen wollte ... was möglicherweise —“ er fügte es mit augengesenkter stolzer Bescheidenheit hinzu — „Ihnen einen gewissen Nutzen bringen könnte ... Aber da es einmal ... genug! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe ... Und Sie können versichert sein, daß ich so handeln werde, wie es mir meine Pflicht und mein Gewissen vorschreiben! ... Jawohl!“

Und Firsow erhob sich triumphierend.

„Ach, du altes Mistvieh!“ schrie wütend Ssemjonow, wollte aufstehen, begann aber furchtbar heiser zu husten und fiel, von kaltem Schweiß übergossen, mit dem Gesicht in die Kissen zurück. Der dünne bloße Fuß, der sich unter der Decke hervorgestreckt hatte, zitterte in krampfhafter Anstrengung.

Schadenfroh sah ihn Firsow an und bleckte die Zähne. „Ja, so—o!“ sagte er gedehnt von oben herab, dann wendete er sich ebenso wieder an Lande. „Und Ihnen möchte ich noch das eine sagen: alle Ihre Handlungen sind nichts als Heuchelei und Lüge ... Den wahren Glauben haben Sie nicht, vielleicht können aber Menschen, die Sie für tieferstehend halten, als sich ... Sie sind eben ein Diener des Antichrist und ...“

„Scher dich zum Teufel!“ kreischte, außer sich vor Wut Ssemjonow, und seine kranke, gespannte Stimme zerschnitt die Luft, wie ein Peitschenhieb. „Raus mit dir!“

Firsow sah ihn stolz an, setzte die Mütze auf und öffnete die Tür.

„Dieser halbkrepierte Hund!“ sagte er abgesetzt mit unendlichem Haß und Genuß, hinter der Tür. „Schweigen sollte der wenigstens, wenn er schon von Gott geschlagen ist! Will auch noch mit den andern weiter!“

Lande stand blaß und kopflos mitten im Zimmer und lächelte unbeholfen. Ssemjonow sah ihn an und begann sich, wie verschämt über seine Wut, immer noch zitternd und nach Luft ringend, anzukleiden.

„Gott! ... Soviel Haß und Grimm, und weshalb? Habe ich denn ...“

Ohne aufzublicken, warf Ssemjonow still hin: „Du mußt das einfach nicht beachten ...“

Aber Lande hörte ihm nicht zu. Er hatte nur das einzige, unüberwindliche Bedürfnis, sofort, ohne Verzug, den Haß und Grimm auszulöschen, die neben ihm und, wie ihm schien, durch seine Schuld emporgelodert waren, weil er nicht verstanden hatte, ihnen vorzugreifen, und die ihm jetzt unerträglich das Herz verbrannten; ohne Überlegung stürzte er kopfüber aus dem Zimmer.

„Wo willst du hin?“ rief Ssemjonow. Er erschrak über dieses unnötige und seiner Ansicht nach erniedrigende Vorhaben Landes.

„Ich komme gleich wieder ...“ murmelte Lande, lief die Stufen herunter und stürzte auf den Flügel zu, in dem Firsow wohnte. Die Tür war zugeschlossen; Lande prallte hart an ihr zurück.

„Firsow! Machen Sie auf!“ schrie Lande; er klammerte sich an die Türklinke.

Hinter der Tür konnte man nichts als dumpfes, triumphierendes Schweigen hören, es schien, daß gleich hinter ihr jemand verborgen war, der sich in geheimem Vergnügen sein Schweigen auskostet. Lande drehte und rüttelte an der Klinke.

„Firsow! Es ist ein Irrtum! machen Sie auf — ich will Ihnen alles erklären ... Machen Sie auf!“

Firsow ließ nichts von sich hören. Lande sah sich mit traurigen Augen um, biß sich auf die Lippe, um nicht von seinem Schmerz überwältigt zu werden, und trat zurück.

Aus dem Garten kam die zarte, schlanke Ssonja, vor der Sonne von einem durchsichtigen weißen Kopftuch geschützt, unter dem große Augen forschend und düster hervorblickten, auf ihn zu.

„Wanja,“ sagte sie streng und ernst, „gehen Sie von hier fort, Sie erniedrigen sich.“

„Ssonjetschka,“ erwiderte Lande ernst, „kann man denn das lassen? Es ist doch entsetzlich, sinnlos ... Wozu, weshalb diese Wut?“

„Er ist ein Schuft, ein Stück Dreck, ein Nichts!“ sagte Ssonja überzeugt. „Er haßt Sie schon lange, weil Sie besser sind als er ...“

„Ach, was Sie für dummes Zeug reden, Ssonja!“ wehrte Lande ab.

„Es ist wahr!“ rief Ssonja beharrlich und riß das Kopftuch herunter.

„Na, mag sein ... Nicht darum handelt es sich, Ssonja, wer besser oder nicht ... Nicht das ist wichtig.“

Auf den Stufen erschien Ssemjonow, halbbekleidet, ungekämmt und safrangelb.

„Lande,“ rief er kurz. „Komm her, gleich! Sonst prügle ich dich durch, bei Gott!“

In seiner Stimme klang deutlich Liebe und Mitleid und eine gewisse helle Verwunderung.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XI

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
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Abends brannte in Firsows Häuschen Licht. Bei der toten, starrgelben Flamme saß er kerzengerade, unbequem am Tisch und setzte eine Anzeige gegen Lande an den Bischof auf. Die Feder schabte am Papier wie eine nagende Maus; es war heiß, schwül, von der dumpfen Luft und dem schweren Haß, der die beleidigte Seele Firsows füllte.

Hinter dem Fenster leuchtete der weiße Mond, atmete leicht die kühle, blaue Nacht. Auf dem Boulevard hätte man beim Mondenlicht lesen können; alles war durchsichtig-blau und rein, wie mit grünlich-blauer Emaille überzogen. Spaziergänger gingen ihn entlang; ihre schwarzen Schatten legten sich leicht und scharf auf die glatte Erde.

Lande und Ssemjonow, der eine in seiner alten Litewka, der andere im Studentenmantel, den er vollständig zugeknöpft hatte, ließen die Menge hinter sich und setzten sich auf die Bank über dem Abhang.

„Und ich sage dir,“ Ssemjonow schwenkte entschieden den Stock, „daß die Menschen sich in der Suche nach einem sogenannten Glück zur Genüge gequält haben. Es ist längst an der Zeit, darauf zu spucken und auseinanderzugehen ...“

„Nein,“ erwiderte Lande traurig aber fest, „das ist Verzweiflung, und Verzweiflung ist eine Sünde; sie bedeutet, daß man den Mut sinken läßt. Wir kennen den Willen Gottes nicht und können uns daher nicht selbständig von ihm trennen. So oder anders, wir werden doch den Willen desjenigen, der uns geschickt hat, erfüllen. Und ich meine, daß wir nicht verbittert, nicht verzweifelt sein sollen. Wir müssen trachten, wie es am besten zu erfüllen ist, was wir nicht unerfüllt lassen können; — das ist das Leben! Es ist das Beste für den Menschen.“

Ssemjonow schwenkte verächtlich den Stock, und sein schwarzer Schatten wiederholte diese Bewegung.

„Und wer will uns lehren, wie es am besten zu erfüllen ist?“

„Unser Herz,“ antwortete Lande überzeugt. „Unser Gewissen.“

„Na, Bruder, das Gewissen ist bei den Menschen verschieden ...“

„Darüber braucht man nicht nachzudenken, Wassja ... Niemand beruft uns dazu, die verschiedenen Gewissen abzuschätzen und zu vergleichen: jeder Mensch hat nur an sein eigenes zu denken ... Es ist Überhebung, Wassja ... alles unbedingt gleich abzuschätzen und klarzumachen; auch sein Urteil über alles zu fällen. Es ist nur nötig, daß sich jeder Mensch aufrichtig mit allen seinen Handlungen im Recht glaubt.“

„Das ist alles sehr schön ...“ Ssemjonow schmunzelte. „Hat aber wenig Zweck ... so, mein Lieber!“

Ihnen näherten sich, auf dem dunklen Hintergrund der Häuser und Bäume vom Mondenlicht klar umrissen, Schischmarjow, Molotschajew, Marja Nikolajewna und Ssonja, die sich mit der Hingabe und Verliebtheit, die Backfische stets erwachsenen, schönen Mädchen gegenüber empfinden, an Marja Nikolajewna schmiegte.

Marja Nikolajewna drückte Lande unschlüssig und linkisch die Hand und lächelte unwillkürlich, weil ihr seine Gestalt am Abend des Überfalls in Erinnerung kam. Sie wandte sich ab und legte ihren weichen, vollen Arm um Ssonja; Molotschajew stand schön und groß am Abhang, wie von kaltem Silber des Mondlichts angeschmiedet, der kleine Schischmarjow sprach eiligst auf Lande ein.

„Höre, Wanja, das ist doch wirklich zum Teufel!“ sagte er mit scharfer Stimme, während er nervös die Hände bewegte und rieb. „Bist du denn wirklich ganz außerstande, Menschen zu unterscheiden? Dieser Firsow ist doch ein allgemein bekanntes Dreckstück, ein Mucker, Angeber, ein Mitglied des echtrussischen Verbandes, und du gibst dich mit ihm ab ... Mir hat Ssonja erzählt, daß du ihn beinahe um Verzeihung angefleht hast.“

„Er ist kein so schlimmer Mensch ...“ erwiderte Lande leise.

„Aber auf Schritt und Tritt begeht er Schuftereien.“

„Er begreift nicht, was er tut und wie sehr er sich dadurch selber schadet. Hätte er das verstanden, würde er es nicht getan haben ... Man muß es ihm klarmachen, ihn mehr bemitleiden, dann wird er es begreifen ...“

„Pfui Teufel!“ Ssemjonow spie entrüstet aus.

Schischmarjow starrte Lande fragend an.

„Sei mir nicht böse, mein Lieber! ...“ sagte Lande sanftmütig zu Ssemjonow. „Ich rege dich in einem fort auf, aber ich bin wirklich ...“

„Wenn du es wissen willst,“ fiel ihm scharf und hitzig Schischmarjow ins Wort, „eine solche Liebe ist einfach sinnlos. Lieben muß man Menschen, die der Liebe oder wenigstens des Mitleids wert sind; aber wer nur Verachtung verdient, der muß verachtet und vernichtet werden, wie man krankheitserregende Keime vernichtet, um die Luft, die von allen eingeatmet wird, zu säubern und gesund zu machen. Diese berühmte Nächstenliebe, diese unterschiedslose, widersinnige Liebe, hat nur dazu geführt, daß man eine ganze Menge von dem Schädlichen, das unbedingt vernichtet werden müßte, kultiviert und erhält!“

„Es gibt sehr viele Menschen, denen wir, ich und du schädlich vorkommen. Ich glaube nicht, daß es unter den Menschen Schädlinge geben kann ...“

„Du kannst unmöglich nicht daran glauben!“ erwiderte Schischmarjow hitzig und zupfte die Ärmel seiner kurzen Litewka zurecht.

Die schlanke Ssonja atmete gespannt auf; hielt aber gleich wieder den Atem ein, ohne ein Auge von Lande zu lassen.

„Nein, ich glaube es nicht!“ Lande schüttelte den Kopf. „Wenn es auch böse Menschen gibt, so sind es doch nicht schädliche Menschen. Hätte es nicht ihr Böses gegeben, so könnten auch nicht die besten Eigenschaften des menschlichen Geistes: Selbstvergessen, Vergebung, Selbstaufopferung, reine Liebe sich zeigen und entwickeln ... aber sie müssen in Erscheinung treten, ohne sie wäre das Leben nur sinnloses Vegetieren.“

„Ich danke dafür!“ erwiderte Schischmarjow aufgeregt. „Demnach wäre auch der Gestank nützlich, weil er die frische Luft zu schätzen lehrt?“

„Vielleicht,“ Lande lächelte. „Nur ist es etwas ganz anderes ... und zu einfach: ein Mensch ist Vieles zusammengenommen. Er ist doch zu schön und kraftvoll, als daß man an ihn das gleiche Maß anlegen könnte, mit dem man Mist mißt!“

„O Gott! Und der Mensch macht noch Kalauer!“ lachte Ssemjonow mit komischem Entsetzen.

„Ich? ... das war kein Witz, — das kam mir so in den Mund.“ Lande wurde verlegen.

„Der liebe Wanja! ...“ flüsterte Ssonja leise Marja Nikolajewna zu; sie blühte in einem hellen Lächeln auf, das ihrem stets exaltierten Gesicht gar nicht eigen war.

Marja Nikolajewna seufzte leicht. Das Lächerliche und Jämmerliche, das sie in der letzten Zeit an Lande gesehen und das ihr unbewußt leid getan hatte, — war an diesem Abend allmählich weiter und weiter von ihrem Herzen fortgezogen, bis es plötzlich irgend wohin ganz verschwunden war. Und ein stilles, frohes Gefühl trat an seine Stelle. Sie wendete Lande ihren Kopf zu, blickte auf sein mageres Gesicht, das unter dem Mondlicht und dem angespannten Denken blaß geworden war, und sagte sich:

„... Es ist alles richtig, was er sagt! Eine Wahrheit, die vor ihm allein offen liegt! ... Man kann es nicht mit Worten ausdrücken, aber wahr ist es ... Der liebe, der gute! ...“

Sie errötete, wandte sich ab und drückte Ssonja fest an sich.

„Wann werden Sie endlich genugsam gestritten haben, meine Herren?“ warf Molotschajew mit selbstsicherer Nachlässigkeit ein. „So werden Sie Ihr ganzes Leben lang verstreiten ... Gehen wir lieber rudern ... Mag doch jeder so leben, wie es ihm gefällt!“

„Sie verkünden eine heilige Wahrheit,“ erwiderte Ssemjonow und schwenkte die Hand. „Nur werde ich gerade ihrer richtigen Bemerkung gemäß nicht rudern, sondern schlafen gehen.“

„Auch ich kann nicht mitkommen,“ sagte Schischmarjow; „ich habe noch einiges zu lesen.“

Lande lächelte.

„So werden Sie wohl allein mitfahren, Marja Nikolajewna, weil ich auch fortgehe ... Ich fühle mich nicht ganz wohl.“

Sie gingen auseinander. Als das Boot in die Mitte des Flusses hinauskam, wurde es um sie ganz besonders hell und geräumig; es war leicht zu atmen. Ssonja kauerte unbeweglich auf dem Boden des Bootes und starrte von ihrem Sitz unverwandt in den Mond.

Das Wasser neben dem Boot war schwarz, schwer und bodenlos; in der dunklen Tiefe barg sich kaltes Grauen. Marja Nikolajewna beugte sich über Bord, und ein gieriger Hauch schlug aus der Tiefe in ihr Gesicht. Trübe spiegelte er sich in ihm wieder; es sah blaß und tot aus.

„Ah, es ist ängstlich!“ sagte sie und lehnte sich zurück.

Molotschajew warf den Kopf hoch, lachte und begann zu singen. Seine Stimme schlug wie herausfordernd an die glatte, düstere Oberfläche und hallte irgendwo im freien Raum wieder.

„Der Dampfer ...“ sagte Ssonja leise.

Sie sahen sich um und erblickten etwas Riesiges, Schwarzes, dicht neben sich aus der Finsternis herauswachsen. Schwarzer Dunst quoll, wie eine ungeheure, niederwuchtende Säule empor und beschmutzte Himmel und Sterne. Ein rotes Feuer blickte sie scharf und gierig an.

Man hörte schon, wie das Wasser düster aufwirbelte. Ein scharfes, messinghartes Pfeifen durchbohrte die Luft, erfüllte den Himmel, das Wasser, im selben Augenblick bedeckte der riesige Schatten den Mond vor ihnen, füllte alles mit Finsternis an, peitschte eine schwere kalte Welle auf und hüllte sie in einen erstickenden Rauch ein, der sich mit den Spritzern und der Gischt aus der aufgerührten Tiefe vermischte. Das Boot ging in die Höhe, prallte gegen etwas an, stürzte einen furchtbaren nassen Abgrund hinab; für eine Minute schien es, daß sie untergehen. Aber im selben Augenblick floh der Schatten vorüber, der Mond sprang empor und blieb wieder, hell und unbeweglich, über dem Wasser stehen, das jetzt in wilder Freude quirlte und glitzerte.

„Wunderbar!“ Molotschajew war ganz hingerissen.

„Wunderbar!“ rief gleichzeitig Marja Nikolajewna mit klingender Stimme, und preßte die Hände an die Brust. Und glänzend vor Jugend und frischer Kraft fügte sie hinzu: „Das Herz riß mir geradezu ab. Ich meinte, wir ertrinken ... Der Tod!“

„Aber ich war gar nicht erschrocken!“ warf unerwartet und ruhig Ssonja hin: „Ist es denn nicht gleich, wann wir sterben! ... Ich hatte keine Angst!“

Molotschajew riß mit komischer Verwunderung die Augen auf. „O Gott! ... Ein kleiner Lande! Es wäre doch schon an einem genug!“

Marja Nikolajewna blickte ihn an, er schien ihr kräftig und schön; sie seufzte tief auf und lachte dann im Einklang mit ihm.

„Sie können Lande nicht verstehen!“ erwiderte Ssonja feindselig.

Molotschajew hob verachtungsvoll den Kopf. „Mag sein ... Warum auch! Dafür verstehe ich das Leben, die Liebe, die Schönheit ... mit meinem ganzen Wesen! ... Das Leben, die Kraft, die Jugend, die Schönheit — sie mögen leben! Marja Nikolajewna, nicht wahr?“

Marja Nikolajewna seufzte angestrengt und reckte sich still und stark mit der glücklichen Sehnsucht der verlangenden und wartenden Jugend.

„Ja, richtig ...“ antwortete sie leise.

„Ach!“ rief Molotschajew wild, leidenschaftlich und sinnlos glücklich, und sein rufender, rätselhafter Schrei flog unendlich weit über das Wasser. Langsam und gleichmäßig stiegen und senkten sich die Wellen um das Boot, und die Lichtsäule des Mondes glitzerte und wiegte sich, mit ihnen.

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XII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
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Im Garten war es finster, es roch stark nach warmer Feuchtigkeit. Die Bäume und Büsche waren nicht mehr im einzelnen zu erkennen, sie waren alle in eine tief dunkle Masse zusammengeschweißt, in der nur geheimnisvoll, unbeweglich Johanniswürmchen, wie winzige, weiße Fünkchen in dem dunklen Strom der Nacht, aufleuchteten.

Molotschajew und Marja Nikolajewna gingen durch die Finsternis; sie mußten sich auf dem unsichtbaren, festen Weg mit den Füßen vorwärtstasten.

„Setzen wir uns,“ sagte Marja Nikolajewna; ihre Stimme hob sich scharf von der gespannten Stille des Gartens ab.

Sie fanden, ebenso tastend, die Bank und setzten sich nebeneinander.

Nach wie vor glänzten hier und dort weiße Funken in der Tiefe der Finsternis auf. Molotschajew beugte sich nieder und griff in dem nassen, warmen Gras nach einem Leuchtwürmchen. Bläulich phosphoreszierendes Licht, das einem saphirgrünen Punkt entströmte, erhellte seine breite, kräftige Hand. Marja Nikolajewna neigte sich, und ihre Köpfe fielen in dem schwachen Lichtschein fest zusammen.

„Es ist nicht erloschen ...“ sagte Marja Nikolajewna leise, als ob sie fürchtete, das regungslose, still leuchtende Würmchen zu erschrecken.

Der stille Hauch ihrer Worte berührte weich und zart Molotschajews Wange. Er hob die Augen und sah im durchsichtigen Schein ihr feines, zartes Profil und den oberen Teil der vorgestreckten Brust.

Irgendwo neben ihnen fiel etwas weich ins Gras und man hörte, wie ein Zweig sacht ins Wiegen kam. Sie seufzten beide und sahen sich um. Molotschajew schüttelte das Leuchtwürmchen vorsichtig von der Hand ab; es wurde wieder finster und roch noch intensiver nach warmem, feuchtem Gras.

In Molotschajews Brust drängte bebend ein lockendes Gefühl; er meinte, die gespannten, rufenden Schläge ihres Herzens zu vernehmen. Vor seinen Augen, in trübem Grau, flimmerte eine schlanke, etwas geneigte, weibliche Gestalt; sie war in der Finsternis wie weit von ihm entfernt; nur der feine, erregende Duft ihres Körpers und ihres trockenen Haares strich dicht an seinem Gesicht vorbei. Die Dunkelheit wurde immer angespannter, die Finsternis verdichtete sich mehr und mehr, alles trat zurück, umgab sie mit toter Leere, in der es nur sie allein, nur eine Sehnsucht ihres kräftigen, überreizten Körpers gab. Immer enger zog sich zwischen ihnen die Entfernung zusammen; und allmählich traten sie, von einem eigenen, sinnbetäubenden Licht, still wie die Nacht, wie ihr Verlangen erhitzt und bebend wie ein Geheimnis, übergossen, aus dem Dunkel hervor. Molotschajew streckte leise die Hand aus, glitt auf den erzitternden, weichen Körper zu und umarmte ihn.

Langsam legte sie den Kopf in den Nacken, so daß ihre unsichtbaren, weichen Haare auf Schulter und Arm Molotschajews fielen; eine unüberwindliche Macht hatte sie in eins verschmolzen; es war nichts zwischen ihnen, als einzig das schmerzlich süße kreisende Verlangen.

Doch plötzlich zersprang die Finsternis in tausenden Feuern, erklang in dröhnenden Lauten, verschwand zwischen den vortretenden Bäumen, Büschen und den spöttischen nächtlichen Fünkchen: Marja Nikolajewna war Molotschajews Händen, biegsam wie eine gleißende Schlange entschlüpft, und lachte silberhell und spöttisch, während sie zur Seite sprang. Die wirbelnden und klingenden Töne ihres Lachens überstürzten sich; sie waren weit in den Garten, ihn mit einem Schlag aufweckend, eingedrungen.

Molotschajew erhob sich verwirrt, kopflos und reckte schwerfällig seinen großen, schweren Körper, der noch immer in jeder Fiber bebte.

„Marja Nikolajewna ...“ seine Stimme klang dumpf, zitternd. „Was sollen die Scherze?“

„Was?“ Marja Nikolajewna fragte mit geheuchelter Neugierde; ihm schien ihr Ton boshaft und höhnend.

„Was für Scherze? Was ist denn los?“

Wieder wirbelte ihr silberhelles Lachen in der Finsternis und klang zurück; heiße Furcht und gierige Wünsche tönten heraus. Von unten drückte sich in Molotschajews Kopf eine schwere, rachsüchtige Reizung durch. Die Haare klebten an seiner weißen Stirn, Nebel schwamm vor seinen Augen, im Kopf schwindelte es dumpf und still.

„Ah!“ schrie er heiser, beugte trotzig den Kopf, wie ein Stier, nach vorn, und schob sich langsam auf sie zu. Er vergaß an alles, entfernte sich von allem, sah nur noch, wie sie ihn biegsam und neckisch anlockte. Mit seinem ganzen Wesen empfand er, daß sie ihn ebenso heiß begehrte, daß sie nur fürchtete, ihn neckte und ihm trotzte. Das instinktive Verlangen vermischte sich plötzlich mit wollüstigem Haß, mit dem Durst nach brutaler Vergewaltigung und schamlosen Schmerzen.

„Na—na—na! ...“ schrie das Mädchen erschrocken auf und schlug ihn mit irgend einem nassen stechenden Zweig, der ihm das Gesicht mit kalten Tropfen bespritzte, über die Hand.

„Gehen wir lieber nach Hause ... Sie sind heute zu — — gefährlich!“ sagte sie, noch zitternd und doch schon ihren Sieg auskostend. Mit dem brennenden Genuß, mit dem der Mensch in einen tiefen Abgrund schaut, nahm ihn das Mädchen höhnend unter den Arm.

Und sie gingen. Sie blickte ihm von unten ins Gesicht; spottete über seine Ohnmacht, sprühte Tau und Funken ihres nervösen, erregenden Lachens auf ihn nieder und er, der Ungeschickte, Brünstige, Wilde, er ging demütig, feige neben ihr und bezwang das wütende Verlangen, sie zusammenzuknicken, aufs Gras zu drücken, zu unterwerfen, durch seine Kraft und Leidenschaft zu vernichten.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XIII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Die Nacht war heiß, drückend, voll sonderbarer, unruhiger Träume, voll erhitzten, unbefriedigten Blutes. Erst beim Tagesgrauen fiel Marja Nikolajewna in einen ruhigen, weichen Schlaf, erwachte aber früh, am sonnigen Morgen. Ein ganzer Strom lichter, frischer Luft drang zum Fenster herein und erfüllte das Zimmer mit dem unendlich leichten, blendenden Licht des freudigen Morgens.

Die Kissen waren zerknüllt, das Laken hing zum Boden herunter, das Hemd war von den Schultern geglitten, zeigte die zarten, weichen Füße, wand sich eng an den runden und feinen Körper, der es wie weiße Wellen trug. Die schwarzen Haare waren auseinander gefallen, die Arme hatte sie in einer wonnigen, geschmeidigen Bewegung hinter den Kopf verschränkt, ihre Augen blickten freudig, fragend; eine gewisse undeutliche und doch bestimmte Erwartung lebte in ihrer dunklen Tiefe.

Sie schämte sich dessen und fand es doch gleichzeitig eigenartig und äußerst interessant, was sich gestern im Garten abgespielt hatte. Die rosigen Zehen an ihren kleinen vollen Füßchen spreizten sich leise; darin, daß es die einzige, kaum merkliche Bewegung des von der Erinnerung gespannten, geschmeidigen Körpers war, lag ein trotziger, selbständiger Zug.

Sie senkte langsam den Blick, ließ ihn über den ganzen Körper gleiten; ihr Herz schlug plötzlich angenehm und bange; sie schauerte zusammen, wußte selbst nicht warum, sprang auf, streckte sich geschmeidig und leidenschaftlich und blieb mit einem einzigen Ruck halbnackt und rosig hochaufgerichtet stehen.

Ssonja, die bei ihr schlief, schlug die Augen auf. Sie lag klein und schmächtig unter der grauen Decke, und sah, ohne sich zu regen, forschend und ernst Marja Nikolajewna an, als ob sie wüßte, was in ihr vorging, aber es erst durchdenken müßte.

Marja Nikolajewna sah ihre weitgeöffneten, strengen Augen, fuhr erschrocken, schmerzhaft zusammen und stürzte sich auch jetzt, ohne zu wissen, warum, auf Ssonja, umschloß den mageren Körper mit ihren vollen, nackten Armen und drückte ihn an ihre elastische Brust.

„Ach, Ssonjka, Ssonjka,“ sagte sie freudig und schamhaft, „wie schön ist es zu leben!“

Ssonja hob den blassen, zerzausten Kopf, überlegte ein Weilchen und sagte dann:

„Ich weiß es nicht ...“

Marja Nikolajewna warf ihr einen einsichtigen, in sich vertieften Blick zu und lachte dann mitleidig und überlegen:

„Bist noch ein dummes Ding, Ssonjka! ... Du verstehst noch nichts.“

Ssonja setzte sich auf, die dünnen nackten Arme fielen am Körper herab.

„Ich verstehe alles!“ erwiderte sie mit unumstößlicher Überzeugung, „nur kann ich es manchmal nicht aussprechen! ... Nur das Große ist im Leben wichtig! ...“

Marja Nikolajewna fing an, hin und her zu schaukeln, sah dabei aber nicht sie an, sondern ihre feine, bläuliche Haut, die sich an den Gelenken der durchgedrückten, rosigen Arme in Falten legte und sich bewegte.

„Ssonja, warum bist du nur so lächerlich und ernst?“

„Ein ernster Mensch kann nicht lächerlich sein. ... Beides zusammen gibt es nicht,“ erwiderte Ssonja mit nachsichtiger Überlegenheit, als spreche sie mit einem mutwilligen Kind.

„Doch, es kann! Du Lächerliche, Ernste ... du Liebe!“ Marja Nikolajewnas Stimme klang singend, ganz durchstrahlt von leidenschaftlicher Freude. „Du wirst wahrscheinlich niemals anders werden ... Und wirst auch nie leben!“

„Ich weiß, wie ich leben werde ...“ erwiderte Ssonja nachdenklich.

„Wie?“

„Ich weiß schon ... Nicht wie alle ... wie es sich wirklich zu leben verlohnt, um ... zu etwas Höherem ... Ich werde wie Wanja leben,“ schloß sie triumphierend. Plötzlich errötete sie furchtbar und wurde zu einem wunderbar zärtlichen, lieben Mädchen, das man unter Tränen und Lachen abküssen möchte.

Marja Nikolajewna küßte sie auch, lachte und schüttelte sie, und beide wälzten sich halbnackt im Bett und verwickelten sich in dem Laken; die eine geschmeidig, kräftig und elastisch, die andere dünn und zerbrechlich. Zwei Mädchen, die das Weib in sich fühlen.

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XIV

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

An diesem Tag reiste Ssemjonow mit dem Nachmittagszug nach Jalta. Dort konnte er, wie die Ärzte sagten, denen er nicht glaubte und doch glauben wollte, gerettet werden. Alle hatten sich versammelt, um ihn zur Bahn zu begleiten.

Ssemjonow fühlte sich sehr schlecht. Ihn freute nichts mehr. Ein nagender, unverständlicher Schmerz hüllte ihn wie ein schwerer Nebel, der ihn alles um sich nur undeutlich und trübe sehen ließ, ein. Gleichgültig und kühl reiste er fort, als ob sein Körper schon abgestorben sei, sein Geist aber nach innen gerichtet wäre, in die bodenlose Tiefe seiner einsamen Schmerzen. Er war weder erfreut, noch verdrossen, daß alle zum Abschied zu ihm gekommen waren. Ihm war es gleich. Nur Lande machte ihm Sorgen, und diese unbegreifliche, bekümmerte Aufmerksamkeit, die er für ihn hatte, berührte die anderen eigentümlich, wie ein Lächeln auf dem Gesicht einer starren, kalten Leiche.

„Nun, Lande, bleibe und lebe hier!“ sagte er mit trockenem Hüsteln. „Und wie wirst du essen?“

„Irgendwie ...“ beruhigte ihn Lande lächelnd und fügte scherzhaft hinzu: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie sähen nicht ...“

„Bist ein Dummkopf!“ versetzte Ssemjonow zornig. „Du bist doch kein Vogel ... Wenn man dich nicht füttert, wirst du vor Hunger krepieren. Eigentlich sehr komisch! ... Wäre ich der liebe Gott, ich hätte dich längst schon lebendig zu mir aufgenommen ... und in ein Irrenhaus gesteckt.“

Lande lachte ansteckend lustig und gutmütig.

„Liebster Wassja, du bist der beste von allen Menschen, die ich je gesehen habe ...“

„Und du der Dümmste ...“ Ssemjonow machte eine verdrossene, ungeduldige Handbewegung.

Er schwieg eine Weile.

„Schischmarjow versprach, dir Stunden zu verschaffen.“

„Na, also schön!“ Lande war erfreut.

Schischmarjow und Molotschajew kamen zusammen.

„Sie fahren?“ fragte gleichgültig der Maler.

„Natürlich!“ erwiderte Ssemjonow unfreundlich.

„Einen Schüler hätte ich für Lande gefunden,“ sagte Schischmarjow.

„Nun denn ... hörst du?“ Ssemjonow blickte auf Lande.

„Es ist schon bald Zeit, zur Bahn zu fahren.“ meinte Schischmarjow besorgt, während er auf die Uhr sah.

Als Ssemjonow einen Augenblick hinausging, fragte Molotschajew teilnahmslos.

„Wohin reist er? Nach Jalta? Mit welchen Mitteln?“

„Als Hauslehrer,“ antwortete Schischmarjow und zuckte die Achseln: „wie es Studentenbrauch ist!“

„Als Hauslehrer?“ Molotschajew wunderte sich, und ein Schatten von Mitleid glitt für eine Sekunde über sein Gesicht. „Wie kann er als Hauslehrer gehn? Ihn wirft doch jeder Windstoß um!“

Lande stand auf, drückte hastig die Hand gegen seine Wange, wie in plötzlichem Schmerz, setzte sich aber sofort wieder.

„Ach was!“ meinte Schischmarjow, und er machte eine Miene, als wenn er etwas Angenehmes sagte: „unsereiner, ein armer Teufel, kann nicht nach solchen Feinheiten fragen! Hat noch bisher keinen umgeworfen? Also wird es noch weiter gehen.“

Unter dem Fenster tauchte ein schwarzer, durchbrochener Schirm, dann ein zweiter hellroter auf.

„Marja Nikolajewna und Ssonja kommen!“ sagte Lande.

Sie traten zusammen mit Ssemjonow herein. Ssonja war ernst, still, machte ihren Schirm zu und setzte sich ebenso Lande gegenüber in die Ecke. Marja Nikolajewna lachte erregt und verlegen, grüßte kaum und blieb mitten im Zimmer stehen, drehte den offenen Schirm auf dem Boden herum, lachte, strahlte mit den Augen und den bloßen Armen und schien Molotschajew überhaupt nicht zu sehen.

Als sie eintrat, fühlte Molotschajew, wie irgend eine Sehne in der Kniekehle nervös zu zittern anfing. Er stand auf und trat an das Fenster; nachlässig angelehnt warf er nur hin und wieder einen raschen, gierigen Blick auf sie.

Der Fuhrmann kam. Man hatte schon von weitem den Wagen rasseln und die Gäule schnauben hören.

„Na, gehen wir!“ sagte Ssemjonow gleichgültig.

Lande wollte den Koffer nehmen, aber Molotschajew rief:

„Ach, was wollen Sie denn damit!“ Er griff selbst zum Koffer und hob ihn auf, als ob es eine Feder wäre, und trug ihn mit dem Vergnügen, seine Kraft zeigen zu können. Marja Nikolajewna sah ihn nur flüchtig an und schaute gleich auf Ssemjonow. Der gebeugte, kranke Student saß schon in seinem verblichenen, grünlichen Mantel mit grüngewordenen Knöpfen in dem Wagen, die Mütze hatte er tief über die Ohren gestülpt.

„Na, lebet wohl!“ rief er traurig, als das Pferd anzog.

„Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen!“ riefen ihm junge, lebhafte Stimmen zu.

„Ja, halt!“ Der Fuhrmann hielt ein. „Also du, Lande ... Übrigens, was geht es mich an? Wie du willst! Lebe wohl!“ er schnitt sich selbst das Wort ab und fuhr weiter.

Seine gebeugte, unscheinbare Gestalt hüpfte lange noch inmitten der Straße. Sie nahm sich ganz seltsam aus, war dunkel, es schien, daß in dem hellen, lichten Tag voll Glanz und Freude nur auf ihn allein die warme Sonne nicht scheinen wollte ... Ssonja weinte still.

„Ich begleite Sie, Marja Nikolajewna!“ sagte Molotschajew; aus seiner Stimme hörte sie gebieterischen Willen.

Ein ganz eigenartiger Schreck bemächtigte sich ihrer.

„Ich bleibe hier bei Ssonja,“ sagte sie, obgleich sie zuvor nicht daran gedacht hatte.

Molotschajew wurde tiefrot, und wieder stieg ein wollüstig-rachsüchtiges Gefühl in ihm langsam empor.

„Das ist schön!“ rief Lande freudig. „Gerade mit Ihnen möchte ich jetzt sprechen!“

Molotschajew überflog ihn mit einem Blick; widerwärtige Eifersucht sog an seinem mächtigen, schönen Körper und warf ihn in ohnmächtigem Grimm zusammen.

„Wie Sie wollen ... Auf Wiedersehen! Gehen wir, Schischmarjow!“

In Ssemjonows Zimmer war es leer und kühl. Marja Nikolajewna hatte sich an das Fenster zum Garten gesetzt, Ssonja faßte ihre weichen Knie, und Lande stand neben ihr.

„Warum wollten Sie gerade mit mir sprechen?“ fragte Marja Nikolajewna und lächelte.

Lande lächelte ebenfalls aber freudig.

„Weil Sie so jung und schön und gut sind, möchte ich gerade mit Ihnen sprechen ... Die Sonne scheint so warm, so gut ...“

Marja Nikolajewna lachte hell und glücklich.

„Als ob ich wirklich so wäre!“

„Ganz gewiß. Sie sind es! ...“ wiederholte Lande mit naiver Überzeugung. „Und wie schön ist das.“

„Was?“

„Daß es wie Sie schöne, zarte, junge Frauen gibt! Ich glaube immer, daß Gott nur dazu den Menschen weibliche Jugend, Schönheit und Zartheit geschenkt hätte, damit sie nicht ganz an Freude und Liebe verzweifeln, solange ihre entsetzlich schwere, freudlose Arbeit am Leben dauert.“

Ssonja ließ kein Auge von ihm, unter den Lauten seiner Stimme wurden ihre blassen Wangen rosiger und lebendiger.

„Dann werden also, sobald diese Arbeit einmal beendet ist, gar keine Frauen mehr nötig sein?“ fragte Marja Nikolajewna nachdenklich.

„Nein, weshalb?“ erwiderte Lande freudig. „Sie werden bleiben ... ebenso herrlich, nur werden dann alle und alles ebenso herrlich, jung und zart sein. Dann wird einst alles hell und heiter werden, jetzt aber sind sie nur ein Strahl von dort, von dieser hellen Zukunft.“

Lande schwieg eine Weile und fügte hinzu:

„Mir tut es immer leid ... ich weiß nicht, vielleicht ist es ein häßliches Gefühl ... wenn sich ein junges, glückliches Mädchen einem gierigen, brutalen Mann hingebt ... Ich bin froh über ihr Glück; aber gleichzeitig tut sie mir leid. Als ob jemand ein klares Flämmchen, das für alle geleuchtet hatte, in seinen Besitz nimmt, fortschleppt, auslöscht ... Ich glaube, übrigens, daß ich nicht aus schlechtem Gefühl so empfinde ... es tut mir nur leid, weil viel zu wenig Menschen solche Flämmchen besitzen! ...“

„Aber es kann doch gar nicht anders sein!“ erwiderte Marja Nikolajewna leise und senkte den Kopf. Ihr erschien, daß er von ihr sprach.

„Ja, ja,“ gab Lande eilig zu, „gewiß nicht! ... Mir tut es nur leid, daß die Jugend und Schönheit nicht Allgemeingut sein kann. Übrigens, die Menschen glauben, daß das schlecht wäre ... Ich weiß nicht ... vielleicht ...“

Es war still und hell. Die reine, durchsichtige Luft versilberte jeden Laut und kleidete jeden Atemzug in Freude. Marja Nikolajewna wandte Lande ihre Augen zu, und eine seltsame Empfindung durchzuckte sie: für einen Augenblick überkam sie leidenschaftlich, wie nie zuvor, das Verlangen nach Leben; ihr schien, daß sie dazu imstande wäre und es tun wird: alle zu lieben, allen Lust, Genuß, Licht und Freude, ihre Jugend und Schönheit, ihren herrlichen, kraftvollen Körper hinzugeben. Das durchlief sie und verschwand; es blieb nur, wie eine tiefe Furche, nachdenkliche Zärtlichkeit und stille Zuneigung für diesen stillen, schwachen Menschen mit den herrlichen Augen zurück, der neben ihr stand. Lande sah sie klar und heiter an; da wünschte sie, undeutlich, zum ersten Mal, mit ihm eins zu werden. Ein leichter, schamhafter Gedanke huschte voran und beleuchtete klar die zukünftige Vereinigung ihres reichen Körpers mit jenem sonderbaren, träumerisch-zarten Wesen, das er in seiner Seele trug. Eine Vorahnung des unendlichen Glückes überflutete sie wie eine unaufhaltsame Woge von Rührung und Wonne.

Marja Nikolajewnas Schultern zogen sich geschmeidig zusammen. An ihren Knien machte Ssonja plötzlich eine kaum merkliche spröde Bewegung, als ob etwas leise gekracht hätte.

„Mir war noch nie im Leben so eigentümlich und wohlig zumute,“ sprach Marja Nikolajewna unwillkürlich laut.

„Sie müssen sich doch immer gut fühlen!“ sagte Lande mit feuchten Augen. „Es ist doch solch ein Glück, so viel Schönheit in sich zu fühlen, zu wissen, welche Freude man allen damit bereitet.“

„Nicht immer!“ erwiderte Marja Nikolajewna kaum vernehmlich, während sie den Kopf zurückwarf und den Nacken gegen das kalte, harte Fensterkreuz stemmte.

„Vielleicht dann nicht,“ sagte Lande, „wenn die Menschen zu ihrem eigenen Schaden weiblicher Jugend und Schönheit roh, unachtsam gegenübertreten ... Wenn sie sie erst begriffen hätten, dann würden sie ihre besten Kräfte, alle Möglichkeiten ihrer Seele aufbieten, damit das Leben veredelt wird. Wie leicht wäre es dann, zu arbeiten und zu warten!“

„Lande!“ schrie vom Hof her Schischmarjow. „Wo bist du?“

Alle fuhren zusammen; es fiel ihnen schwer, zu sich zu kommen. Lande ging eilig heraus. Man hörte, wie ihm Schischmarjow eindringlich sagte:

„Wir sind zu dir gekommen. Die Mutter des Gymnasiasten, den ich für dich gefunden habe, bittet, ich möchte dich gleich zu ihr schleppen; sie will mit dir sprechen.“

„Ich komme gleich ...“ antwortete Lande mechanisch, fast traurig.

Marja Nikolajewna seufzte tief, legte ihren Arm um Ssonjas dünnen Hals und zog sie an sich.

„Manja ...“ rief Ssonja feierlich.

Marja Nikolajewna blickte ihr schweigend in die Augen. Sie waren dicht an den ihren. Dunkel, entschlossen, voll unnatürlicher Erhebung und Begeisterung.

„Ich wollte dir sagen ...“ fuhr Ssonja ebenso feierlich fort. „Heirate Wanja!“

Eine zarte, gleich wieder geschwundene Röte hatte die Wangen des Mädchens bedeckt. Schweigend drückte sie Ssonja einen zarten Kuß auf die hohe, kühle Stirn, wo der glattgestrichene Scheitel ansetzte.

Lande trat herein.

„Ich muß gehen!“ sagte er mit Bedauern.

„Ich gehe mit Ihnen mit,“ Marja Nikolajewna blickte ihm eigenartig, lange und tief ins Gesicht. Sie erhob sich und ordnete die Frisur. In ihr war ein festes, ruhiges und volles Gefühl.

Sie trat hinter Lande auf die Stufen hinaus und sah plötzlich neben Schischmarjow das schöne, herbe und ein wenig blasse Gesicht Molotschajews, der sie unverwandt anstarrte. Sie wandte sich verdrossen ab.

... Wie konnte ich das gestern nur! ging es ihr ärgerlich durch den Kopf.

Als Ssonja allein geblieben war, schaute sie lange regungslos durch das Fenster; das Laub des Gartens verschwamm vor ihren Augen. Dann stand sie auf, seufzte krampfhaft, legte den leichten Ärmel des Kleides zurück und biß sich aus voller Kraft in den blassen, dünnen Arm. Auf der bleichen, feinen Haut traten zwei Reihen roter Flecken hervor. Ssonja sah lange trotzig zu, wie die weißen Fleckchen sich rasch mit Blut füllten und ein kleines purpurrotes Kränzchen bildeten.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XV

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
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Spät abends, als die blaue Dämmerung schon hinter der Stadt verklungen war und der Staub sich gelegt hatte, war es still und wohl. Lande kam allein von seinem Schüler, trug den Kopf gesenkt und dachte nach:

... Fünfzehn Rubel ... Fünf genügen mir vollständig; zehn muß ich Wassja schicken ... Nur wird er sich ärgern! ...

Lande rieb gequält die Stirn.

... Ich werde ihm schreiben müssen, ich habe jetzt zwei Stunden ... meinte er und wurde froh.

Es war schon ganz dunkel geworden; alle Konturen schienen weich und zart. Am offenen Fenster, das wie ein schwarzer Flecken aussah, saß Landes Mutter. Trauer und Einsamkeit lagen auf ihrer kaum sichtbaren, in der Finsternis des Zimmer zerfließenden Gestalt. Lande erkannte sie von weitem, sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Er sah sie zum ersten Male wieder, seitdem sie ihm gesagt hatte, sie wolle von ihm nichts eher wissen, bis er seine törichten Ansichten vom Leben geändert hätte. Als sie es ihm mit kreischender Stimme zurief, war es Lande unmöglich, sie anzusehen. Er war in schwerer Trauer fortgegangen. Später fürchtete er, sie aufzusuchen; er glaubte, daß sie ihn noch einmal mit dieser fremden Stimme, die sie selbst quälen und beunruhigen mußte, anschreien könne.

Aber als er sie jetzt einsam und gebeugt am Fenster sitzen sah, erweiterte sich sein ganzes Wesen in lichter Zärtlichkeit und brennendem Mitleid. Er sprang über einen Graben, stellte sich auf einen Eckvorsprung und umarmte schweigend die Mutter. Und sie sagte kein Wort, weinte nur freudig und fing an, seinen Kopf zu küssen, ihn an ihren weichen, greisenhaften Busen zu drücken und sein Gesicht mit warmen Tränen zu benetzen.

„Mama, meine Mama!“ flüsterte Lande leise, und seine Lippen haschten nach der vor Zärtlichkeit und Freude zitternden Hand.

„Mein lieber, mein goldner Junge!“ klang eine unendlich teure, schluchzende Stimme an sein Ohr. Eng verflochten sich ihre Seelen.

„Du gehst nicht mehr fort ... du verläßt deine Mutter nicht mehr?“ fragte sie ihn.

„Ich gehe nicht fort, gehe nirgends mehr hin!“ antwortete er aus vollem Herzen.

Die Nacht kam still und unmerklich. Lande stand immer noch auf dem Gesims, und ihm schien, daß ihm in der ganzen Welt nichts als diese stille, süße Liebe und Liebkosung gefehlt hatte.

Groß und schwarz, kam jemand von der anderen Seite des Grabens heran und fragte:

„Iwan Ferapontowitsch, sind Sie es?“

Lande sah sich um, erkannte Molotschajew und sprang auf den Bürgersteig hinunter.

„Ich komme gleich, Mama!“ sagte er eilig. Er schwang sich über den Graben und fragte: „Ich bin es ... Was wollen Sie?“

Molotschajew atmete schwer und dumpf; er sah verlegen aus.

„Ich möchte Ihnen ein paar Worte sagen! Wollen wir nicht lieber gehen?“

„Gewiß ... Bitte!“

Sie gingen die finstere, leere Straße hinunter. Molotschajew atmete immer noch schwer und schaute gespannt vor sich hin.

„Ich wollte Ihnen sagen ... Sie haben sich mit Ihrer Mutter ausgesöhnt?“ Die Frage kam ihm selbst unerwartet.

Lande lächelte. „Ich hatte mich niemals mit ihr gezankt.“

„Ach ja ... ich habe ganz vergessen,“ sagte Molotschajew und verzog boshaft die Lippen, „daß Sie sich mit niemandem zanken, niemanden stören, niemals ... Nur wollte ich Ihnen gerade erklären, daß Sie mich stören!“ Er sprach mit Überwindung, und mit wachsender Wut.

„Wirklich?“ fragte Lande betrübt. Der Ton seiner Stimme, still und ernst, erregte Molotschajew, indem er ein undeutliches Gefühl der Scham in ihm hervorrief.

„Treiben Sie gefälligst keine Narrenspossen!“ schrie er grob und blieb stehen. „Sie wissen ganz genau, wovon ich spreche!“

Lande blieb ebenfalls stehen. „Schreien Sie mich nicht an ...“ sagte er, mit leidverzerrtem Gesicht. „Ich habe wirklich nicht gewollt ...“

„Und ich sage Ihnen,“ rief Molotschajew durch die fast knirschend auf einander gepreßten Zähne, immer lauter und lauter, und schwenkte den Griff einer Reitpeitsche vor Landes Gesicht, „daß ... wenn Sie sich mir in den Weg stellen, ich Sie ... wie einen Waschlappen beiseite schmeiße!“ Molotschajew erstickte vor Wut, wandte sich kurz um und ging mit raschen Schritten fort.

„Ich verstehe nichts ...“ sagte still und traurig Lande.

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XVI

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
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Im Stadtgarten war italienische Nacht. In der dunkelgrünen Baummasse glühten regungslos, wie märchenhafte Feuerblumen die bunten Flecken der Laternen. Militärmusik spielte. Ihre blechernen Töne füllten die grüne Dämmerung mit dem wilden Tanz kreisender, klingender Gespenster. Sie hallten unter den Bäumen wieder und schwebten einsam an das ferne Ende des Gartens, klangen durch dunkle, leere Alleen, überholten einander bald in kreischender metallner Traurigkeit, bald in ungestüm-scharfer Freude. Es waren nur wenige Menschen in den langen Alleen. Die unbeweglichen feurigen Blumen beleuchteten nur einsamen Tönen, die unsichtbar an ihnen vorbei flogen, den Weg.

In der Hauptallee und auf dem Platz neben dem Orchester und dem Buffet war es heller, einfacher und ruhiger. Die Musik dröhnte hier so nahe, daß man ihr betäubendes Gebrüll nur als Lärm empfinden konnte. Die Feuer flossen in ein grelles, gelbes Licht zusammen. Die Menge drängte sich dicht, lachend, plaudernd, in buntem Durcheinander. Es roch nach Puder, Kerzendunst und Parfüms.

Marja Nikolajewna war zusammen mit Lande hingekommen. Diese zwei Wochen ließ sie ihn kaum von sich. In seiner Gegenwart fühlte sie sich klar und ruhig; sie glaubte, ihn einfach und zärtlich zu lieben. Lande sprach ebenmäßig, still und gut, nie war in ihm Begehren oder Leidenschaft zu merken. Auch sie sprach mit ihm nicht von Liebe, aber tief in ihrer Seele, irgendwo in ihrem prächtigen Körper, glimmte verlegen die süße Erwartung eines lichten, herrlichen Augenblicks. Wenn sie Lande ansah, spiegelte sich in ihren Augen diese kristallklare, freudige Empfindung wieder.

Sie war mit Molotschajew schon seit langem nicht mehr zusammengetroffen. Er hatte zuerst versucht, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen, indem er sie plump an jene glühende Nacht erinnerte. Als sie jedoch erschrocken von ihm zurückwich, begann er mit seiner Abreise zu drohen; er war auch wirklich auf kurze Zeit fortgefahren. Sie atmete freier auf. Doch sobald sie erfuhr, daß er zurückgekehrt war, erwachte in ihr etwas wie bange Freude und Erwartung. Sie sah unruhig um sich, als ob sie sich vergewissern wollte, daß ihr niemand dieses Gefühl anmerke. Es rief viele qualvolle und sonderbare Regungen in ihr hervor.

... Was ist denn das? Bin ich denn wirklich so verdorben? schwirrte es quälend durch ihren Kopf ... Ich liebe doch Lande ... den lieben, den reinen. Nicht den andern ... das Tier!

Sie suchte sich Molotschajew vorzustellen; er war wie ein schönes, ungebändigtes Tier. Trotz ihres Widerwillens dachte sie doch mit interessierter Neugierde an ihn; ihre Nasenflügel spannten sich, ihre Brust hob und senkte sich und ihre Augen lagen weit geöffnet in den Höhlen. An dem Abend, an dem Molotschajew ein eigentümlich verworrenes Gespräch mit ihr gehabt, das in seinen simpeln Teilen Fieberphantasien glich, flogen wie abgerissene Fetzen dazwischen Andeutungen, scharf ausgeprägt, heuchlerisch lockend, während die Augen die Wahrheit sprachen.

Nachher, allein, hatte Marja Nikolajewna die undeutliche Vorstellung, daß in ihrem Körper ein Kampf tobte: etwas Reines und Helles ertrank ohnmächtig in heißen, wahnsinnig stürmischen Wogen hellroten Blutes. Nachts, als sie sich ankleidete, ergriff sie der brennende Wunsch, sich vollständig nackend zu entkleiden; lange, mit derselben ruhelosen Neugierde betrachtete sie ihren schlanken, nackten Körper, der in greller Windung aus der finsteren Tiefe des großen Spiegels zurückgeworfen wurde. Am Morgen darauf fühlte sie sich entsetzlich beschämt. In ihrer ohnmächtigen, einsamen Angst suchte sie Lande auf, rief ihn an, blickte in seine reinen, ruhigen Augen und erlangte bei seinem freudigen, zusammenhanglosen Reden die Ruhe zurück.

Sie wußte, daß Molotschajew zu dem Gartenfest kommen würde. Sie fühlte es an der unruhigen Kühle, die in ihrer Brust aufstieg, und von der ein leichtes Zittern durch ihre vollen Schenkel lief. — Er wird kommen ... Ich muß gehen! muß gehen! ... dachte sie halb unbewußt; ging aber nicht fort, wartete, und betrog sich selbst. Was geht er mich denn überhaupt an ... Ich habe nur Angst vor ihm ... vor seiner Brutalität! — rechtfertigte sie sich und fühlte, daß sie log.

Die Musik verstummte. Hinter den schweigsamen, regungslosen Bäumchen trat die Stille hervor; man hörte, wie erregt und abgerissen die Schritte der Spaziergänger über den Sand der Allee scharrten.

„Wissen Sie,“ sagte Lande, „daß Ssonja eine Pilgerreise zu Fuß unternehmen wird?“

Für eine Sekunde riß sich Marja Nikolajewna von ihren Gedanken los und sah ihn verwundert an: „Nicht möglich! Wohin?“

„Über hundert Werst weit ... Sie hat sich eine Reisegefährtin gesucht, eine einfache, alte Frau, und will gehen. Sie hat mich um Rat gefragt.“

„Und Sie haben ihr zugeredet?“

„Nein. Sie fragte mich so, daß ich sah, sie hat es nicht nötig. Ich habe nichts gesagt,“ erwiderte Lande ernst.

„Sie ist in Sie verliebt!“ meinte Marja Nikolajewna, mit einem häßlichen Gefühl, das sie aber selbst nicht merkte.

„Nein!“ erwiderte Lande entschlossen und ruhig. „Ihr scheint es vielleicht wirklich, daß sie in mich verliebt sei ... Ich habe es bemerkt. Aber das ist nicht richtig; — sie ist nicht in mich verliebt, sondern in ... ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll ...“ Lande lächelte schwach und schwenkte die Hand. „In das Große ist sie verliebt ... Sie ist ein wunderbares Mädchen, diese Ssonja! Sie hat ein großes Herz und wenig Liebe. Es gibt solche Menschen; sie sind unglücklich: sie möchten in ihr Herz etwas Riesiges einschließen, die ganze Welt, Heldentaten, Märtyrertum, und ihnen fehlt die Liebe, das Kleine zu fassen, das neben ihnen ist ...“

Marja Nikolajewna hörte Lande zu, blickte aber unverwandt, gespannt, auf den Lichtkreis am Eingangstor des Gartens. Dort sah sie plötzlich Molotschajew auftauchen, sah, wie er, da er sie offenbar nicht bemerkte, in eine andere Allee einbog, regte sich aber nicht.

„Molotschajew, hier sind sie!“ ertönte an der Seite die scharfe Stimme Schischmarjows, und die beiden kamen auf sie zu.

Molotschajew drückte schweigend die schmale, weiche Hand des Mädchens.

Schischmarjow fing sogleich an, energisch auf Lande einzureden. Marja Nikolajewna hörte sie nicht ... Sie atmete hastig, wobei sie ihre Brust hoch und nervös anhob, und schaute entschlossen vor sich hin; mechanisch klappte die Spitze ihres Schirms auf den Boden.

... Was geht in mir vor? fragte sie sich und biß sich mit launischem Ärger auf die Unterlippe.

„Mir kommt es vor,“ hörte sie plötzlich Landes Stimme, „daß sich die Menschen auf der Jagd nach dem Glück vor einer Tür zusammendrängen, wie die Eingeschlossenen bei einem Brand. Jeder glaubt, sich retten zu können, indem er sich so schnell als möglich, früher als alle anderen, zum Ausgang durchschlägt, aber in dem entsetzlichen Gedränge gehen alle unter.“

„Der Kampf ums Dasein!“ meinte Schischmarjow.

„Es darf keinen Kampf geben!“ erwiderte Lande fest. „Es ist unmöglich, herauszukommen, wenn man einen Haufen Leichen vor sich hochstapelt ... Man muß sich besinnen, stehen bleiben, sich nicht gegenseitig stören, einander aus dem Wege gehen ...“

„Wie jene zwei Franzosen, die sich gegenseitig höflich den Weg freiließen und beide im Schmutz wateten!“ warf Molotschajew mit einer Ironie dazwischen, aus der nicht Spott über Landes Worte, sondern über seine Person herausklang, und lachte kurz auf.

Die Musik begann leise und schwebend zu spielen, als ob sie nach dem vorhergegangenen Wirbelsturm der Töne ermüdet wäre.

„Das ist alles Sentimentalität!“ fuhr Molotschajew brutal fort und hob die Stimme an. „Wo Leben ist, soll es gelebt werden ... Nicht ich habe Schuld, wenn jemand schwächer ist als ich ...“

Er schwieg eine Weile und fügte hinzu:

„Ich werfe ihn in den Dreck, trete ihm auf den Kopf und steige hinüber ...“

Lande schüttelte traurig den Kopf.

„Genug in Tränen geschwommen ... Das ist ja kein Leben mehr, ein schläfriger Sumpf!“ sagte Molotschajew.

„Und wenn man Ihnen auf den Kopf steigt?“ fragte kühl, ohne aufzublicken, Marja Nikolajewna.

Molotschajew wandte sich rasch zu ihr um.

„Meinetwegen ... Das wollen wir erst mal sehen!“ und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: „Marja Nikolajewna, ich habe mit Ihnen zu sprechen ...“

Er lächelte unsicher; seine Stimme klang falsch.

„Ich möchte Ihnen etwas erzählen ... über ihn!“ er zeigte mit dem Kopf auf Lande.

Lande hob verwundert die Augen.

„Reden Sie hier!“ Das Mädchen zuckte die Schultern.

Molotschajew lachte wieder falsch.

„In seiner Gegenwart geht es nicht ... Aber Sie scheinen vor mir Angst zu haben?“ fügte er leise hinzu, während er ihr herausfordernd in die Augen blickte.

Marja Nikolajewna lächelte hochmütig.

„Gehen wir!“ sie erhob sich. „Lande, kommen Sie gleich nach!“

„Gut!“ antwortete Lande ruhig und wandte sich wieder zu Schischmarjow hin.

Im Augenblick fühlte sich Marja Nikolajewna schmerzlich vereinsamt; sie wurde unruhig. Sie hörte noch, als sie nach einer langen Allee hinübergingen, die sich endlos in Leere und Finsternis aufzulösen schien, wie Lande sprach:

„Der Mensch kann nicht glücklich sein, wenn er andere zwingt, seine Rechte zu respektieren, sondern nur, wenn er sie zu lieben lehrt. Aber es ist noch weit, bis es dazu kommen wird.“

Sie waren ziemlich tief in das Innere des Gartens gekommen. Die Töne der Musik drangen nur dumpf hierher und klangen ihnen wie ausgehöhlt in die Ohren. Die Laternen leuchteten tot und trübe, mit gewöhnlichem Lampenlicht. Die Bäume standen nicht mehr dicht, und zwischen ihnen lugte der Sternenhimmel und die Kälte durch.

„Was wollten Sie mir sagen?“ fragte Marja Nikolajewna.

Molotschajew atmete schwer.

Sein Entschluß kam ihm jetzt unter ihrem absichtlich kühlen Blick, ihrer geraden Gestalt gegenüber, die von einem strengen Kleid umschlossen wurde, plötzlich sinnlos und schmutzig vor.

„Ich ...“ er zwang sich das Wort gewaltsam ab, wußte aber nicht, wie er fortfahren sollte. Seine Kiefer schlossen sich unwillkürlich wie aus Eisen, als ob gerade jetzt das harte Schweigen notwendig wäre.

Marja Nikolajewna fühlte, wie sich ihr eine ungeheure, furchtbare Gefahr näherte. Und es war sonderbar, daß ihre Furcht gerade in diesem Gefühl verloren ging; ihr wurde freier zumute, es war packend interessant, als befände sie sich über einem Abgrund, sie wünschte, noch tiefer hinabzublicken, eine unklare Regung brannte ihr wie mit einer Stichflamme durch das Hirn und überflutete die Wangen mit greller Röte.

... Ach, wie interessant doch das Leben ist!

Wie einer außer ihm liegenden Kraft gehorchend, beugte sich Molotschajew herab, lachte heiser und streckte die Hände aus. Marja Nikolajewna wich mechanisch einen Schritt zurück, rasch, uneben, sodaß ihr großer, schwarzer Hut auf die Augen herunterglitt. Sie hatte die Empfindung, daß ihr Herz plötzlich abriß und hinabfiel.

„Marja Nikolajewna, wo sind Sie?“ rief fröhlich Lande.

Molotschajew zitterte, ließ die Arme sinken und sah sich verwirrt um.

Marja Nikolajewna blickte ihn spöttisch an, und mit einer Handbewegung, als wolle sie sich von einem Abgrund zurückschwingen, hob sie die Hände zum Hut.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XVII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Es war gegen neun Uhr abends. In dem durchsichtigen, lichten Schein, den die lichte Abendröte, der blasse Mond und die breite, glatte Fläche des Flusses warfen, konnte die Nacht nicht aufkommen.

Lande kam später als die anderen zum Abhang hinaus, ungewöhnlich traurig und schweigsam.

Schischmarjow trat ihm aufgeregt entgegen.

„Komm her! Ich habe einen Brief von Ssemjonow bekommen ... Das ist bei Gott albern! Um welchen Teufels willen treibst du solchen Unfug? Ssemjonow schreibt, du hättest ihm zehn Rubel geschickt.“

Lande richtete seine weiten, traurigen Augen hoch.

„Laß es, Ljonja,“ sagte er einfach und wandte sich dem Flusse zu. Auf sein mageres Gesicht fielen kalte, blasse Lichtreflexe.

„Wie kann ich das lassen!“ brauste Schischmarjow auf.

Lande lächelte gequält, ohne sich umzuwenden. Schischmarjow sah ihn an, bewegte die Lippen und wandte sich mit einem Gefühl von kühlem Ärger ab.

... Meinetwegen, kannst du zum Teufel gehen! dachte er.

„Was haben Sie? Warum sind Sie so traurig?“ fragte Marja Nikolajewna weich und liebevoll, während sie den Ärmel von seiner grauen Litewka leise mit den Fingern berührte.

Lande wandte sich rasch um, und seine Augen leuchteten in weichem und zärtlichem Lächeln auf.

„Meine Mutter quält mich!“ sagte er leidend.

Seltsam schimmerte dieses Leiden durch das helle, stille Lächeln.

Molotschajew ließ den Blick mit kühlem Haß über Marja Nikolajewnas Hand, die auf Landes Ärmel lag, gleiten, wandte sich ab und rauchte sich eine Zigarette an.

„Womit?“ fragte still das Mädchen.

„Sie verlangt ununterbrochen von mir ein Leben, zu dem ich nicht fähig bin ... Sie drängt in mich, daß ich Geld nehme und nach dem Ausland fahre; und ich will es nicht. Ich habe dort nichts zu suchen. Die Menschen sind überall gleich ...“

„Das Leben ist anders!“ versetzte Schischmarjow.

„Nein, auch das Leben ist gleich, weil die Menschen gleich sind. Ich glaube nicht, daß das Leben von der Anzahl der Eisenbahnen, Universitäten und ähnlichem mehr abhängen könnte. Das Leben ist im Menschen, man muß es nur auszunützen verstehen. Und übrigens ... wenn dort auch das Leben anders sein sollte, weshalb müßte ich denn hinfahren? Ich würde es sicher nicht leben können ...“

„Es wenigstens ansehen!“ rief Schischmarjow mit innerer Lebhaftigkeit und durchbrechender leidenschaftlicher Schwärmerei.

„Nein, das wäre schlecht von mir ...“ erwiderte Lande, lächelte sein sanftmütiges Lächeln und fügte hinzu: „Nein, aber ich möchte einfach irgendwohin gehen.“

„Wohin? ... Das heißt, in welchem Sinne ... von den Menschen weg, oder nur irgendwohin, von hier weg?“ fragte Schischmarjow mit mißtrauischem Zweifel.

Lande schwieg nachdenklich eine Weile, die Augen zum Himmel gerichtet und still die Augenbrauen hochgezogen. „Von hier fort, irgendwohin, wie auch von den Menschen ... Nicht für immer: nur eine Zeitlang ... Mir kommt öfters der Gedanke, daß es eigentlich jeder Mensch nötig hätte, sich hin und wieder von allem zu entfernen, in eine Wüste meinetwegen, zu gehen ... Ich habe mir immer gedacht, was für ein riesiges Ding doch das Leben ist und wie leichthin und einfach wir herantreten ... Deshalb glückt es wahrscheinlich den Menschen so selten. Es wäre im Grunde nötig, daß sich jeder Mensch in einer gewissen Periode seiner Entwicklung zurückzieht und sich für eine Zeitlang allein auf sich konzentriert.“

„Da hätten Sie sich nur zuerst zurückziehen sollen!“ fiel ihm Molotschajew grob ins Wort; sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich vor Wut. „Es wäre wahrhaftig das Vernünftigste gewesen.“

Lande blickte ihn lange eindringlich an. Dann seufzte er, zuckte die schmalen Achseln und sagte: „Ich weiß, daß ich Sie störe. Mir tut es leid.“

Marja Nikolajewna sah rasch mit einem halben Blick zu ihm hin. Ihre Hand, die an einem zerzausten Strauß halbverwelkter, blasser Blumen zerrte, hielt inne, geriet aber gleich wieder in nervöse, hastige Bewegung.

„Mir tut es auch sehr leid!“ versetzte Molotschajew in seinem gewöhnlichen, schroffen Ton.

Gerade in diesem Augenblick bog ein langer Mensch plötzlich vom Wege ab, ging über das Gras und schwang, nachdem er mit zwei sonderbar schleichenden Schritten hinter Molotschajews Rücken gekommen war, blitzschnell einen langen Knüppel in die Höhe und schlug ihn dem Künstler scharf über den Schädel.

Entsetzen, scharf wie eine Messerschneide, zuckte allen durchs Hirn. Marja Nikolajewna schrie gellend auf, sprang, sich in ihren Rock verwickelnd, zum Abhang und hielt sich kaum am Rand zurück, ganz herübergebogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Schischmarjow ließ die Mütze fallen und stand hilflos da. Lande sprang in die Höhe, ergriff Ssonja bei der Hand; das Mädchen richtete sich auf, und öffnete weit die Augen, aus denen wilde Neugierde und ein gewisses gieriges Gefühl strahlte. Molotschajew verlor nicht einen Moment die Ruhe. Sein schönes Gesicht zog sich in Schmerz und Schreck und schüttelnder Wut zusammen. Rasch und gewandt fing er mit der linken Hand den Stock auf, riß so scharf nach unten, daß Tkatschow beinahe vornüber gefallen wäre und hieb dann mit ihm, die Zähne verbissen, quer auf Tkatschows Gesicht, auf den Kopf und Hände ein.

Der vor Schmerz und ohnmächtigem Haß fast wahnsinnige Tkatschow taumelte, ließ den Hut fallen und suchte vergebens, sich mit den Armen zu decken. Man sah, daß von ihm Blut spritzte.

Der vierte dieser scharfen, furchtbaren Hiebe traf schon auf Landes Arm. Die Arme wie im Anfall einer sonderbaren Krankheit gegen Molotschajew ausgestreckt, ganz blaß, rief er fest und befehlend: „Nicht mehr ... weg mit dem Stock!“

Er deckte Tkatschow mit seinem Körper.

Eine Sekunde lang sah ihm Molotschajew mit toller Wut in die Augen. „Was ist da noch gefällig! — Endlich!“ sagte er heiser, den Stock krampfhaft gesenkt und in der Faust gepreßt, — plötzlich schwang er ihn kurz und hieb, eklig klatschend, Lande über die Backe.

Lande taumelte und wurde entsetzlich blaß. In seine Augen traten helle, dicke Tränentropfen, und sie öffneten sich so weit, daß sich hinter ihrem feuchten, leidenden Glanz sein ganzes Gesicht auflöste.

„Nun, mag es denn sein ... ja ...“ er ließ die Worte von den Rändern der feuchten, zitternden Lippen gleiten und schaute Molotschajew unverwandt gerade in die Augen, regte sich aber nicht und wandte sich nicht ab. Mit blinder, sinnloser Brutalität holte Molotschajew, nachdem er den Stock beiseite geworfen, aus, und schlug mit der linken Hand zu, machte dann einen Schritt vorwärts und schlug zum dritten Mal. Die letzte Ohrfeige klatschte noch stärker, deutlich und flach. Lande taumelte zurück, stolperte über die Bank und stürzte schwer, häßlich, von der Seite auf sie, mit den Beinen in die Höhe schlagend.

Molotschajew drehte sich jäh um, schleuderte Tkatschow mit furchtbarer Kraft beiseite und ging mit raschen, festen Schritten, ohne jemanden anzublicken, fort.

Was dann geschah, war wie ein schwerer Fiebertraum: alle schrieen auf einmal auf und stürzten im Haufen auf Lande zu. Tkatschow, mit dem Ausdruck des Entsetzens und Flehens auf dem schwarzen, düsteren Gesicht, setzte ihn mit bebenden Armen aufrecht hin. Marja Nikolajewna küßte seine blassen, zitternden Finger. Schischmarjow versuchte ihm die Mütze aufzusetzen und brüllte ganz zusammenhanglos irgend etwas vor sich hin. Ssonja umschlang ihn mit dünnen, durchsichtigen Armen. Sie taumelten am Rand des Abhanges, kopflos wie ein Schwarm unterm Schuß aufgeschreckter Vögel hin und her.

„Herrgott! was war das nur?“ fragte Marja Nikolajewna alle mit grenzenlosem Entsetzen und kroch an Landes Füße heran, mit dem unbewußten aber grellen Gefühl der Schuld, mit unendlicher Begeisterung und Mitleid, Liebe und Empörung. Ihr schönes Gesicht war verzerrt, die Haare auseinander gefallen, der Hut auf den Rücken gerutscht, der graue Rock wand sich hilflos im Staub.

„Iwan Ferapontowitsch ... verzeihen Sie ... Verzeihen Sie mir!“ stammelte Tkatschow.

Lande wandte ihnen sein im Augenblick angeschwollenes Gesicht zu, mühte sich, zu lächeln, faßte sie bei den Händen, streichelte sie unbewußt mit seinen zitternden und schwach gewordenen Fingern. Seine Augen waren dick geworden, aus Nase und Mund troff Blut, an der Schläfe war Erde und zertretenes, grünes Gras kleben geblieben.

„Das macht nichts ...“ sagte er, indem er mit Mühe die aufgedunsenen Lippen bewegte. „Er wollte mich nicht treffen ... Es wird ihm später selbst leid tun ... Ich gehe zu ihm ... warten Sie ...“

Ssonja schlug heiß ihre dünnen Hände zusammen, trat einen Schritt zurück, und, ganz von glückseliger Begeisterung durchglüht, rief sie mit heller Stimme aus:

„Wanja, Sie sind ein Heiliger!“

Lande machte eine schwächliche Handbewegung.

„Ach, was für Dummheiten reden Sie, Ssonja!“

Tkatschow riß sich verzweifelt die Haare.

Lande lächelte ihm eilig zu, erhob sich und ging mit ausgestreckten Armen vorwärts. Und da sahen alle, daß Molotschajew nicht fortgegangen war. Er stand zehn Schritte von ihnen, die Hände in den Hosentaschen und blickte mit schiefem, selbstbewußtem Lachen auf Lande.

Marja Nikolajewna zitterte am ganzen Körper; mit einer krampfhaften Bewegung stellte sie sich Lande in den Weg. „Sie dürfen es nicht, Sie dürfen es nicht!“ schrie sie mit schmerzlicher Anstrengung, mit klirrender Stimme.

Aber Lande schob sie ernst zur Seite.

„Sie wissen nicht, was Sie reden!“ sagte er einfach.

Mit demselben Ausdruck der Begeisterung und des Genusses zog sie Ssonja am Ärmel zurück.

Lande kam auf den unbeweglichen Molotschajew, der ihn unverwandt musterte, zu und streckte ihm seine Hand hin. Auf seinem verunstalteten Gesicht lag Mitleid. Molotschajew errötete tief und schwer. In seinen Augen flackerte erstickender Haß auf; mit kaltem Spott und Bosheit sprach er gedehnt durch die Zähne: „Diese rührselige Komödie!“

Dann drehte er sich rasch und entschlossen um und ging, ohne sich umzuwenden, fort.

Lande sah ihm lange nach; dann sank er auf einmal zusammen, setzte sich auf die Bank und schlug mit einer bitteren, gramvollen Bewegung die Hände vors Gesicht.

„Aber was heißt das, in der Tat!“ rief Schischmarjow empört. „Du bist wohl ganz und gar verrückt!“

Neben ihnen hatte sich ein Haufen Menschen von der Straße zusammengedrängt; jetzt kicherte man vergnügt und neugierig. Schischmarjow besann sich, sah sich rasch um, machte wütend kehrt und ging fort.

„Hol dich der Teufel, du Holzklotz ... Ein Seliger!“ stammelte er mit einer Erbitterung, die ihn selber schmerzte.

Tkatschow stand mit herabhängenden Armen, als ob er plötzlich mit kaltem Wasser begossen wäre da, und blickte Lande seltsam an; sachte verzogen sich seine dünnen, bösen Lippen. „Sowas kann zu rein gar nichts taugen ...“ sagte er mit beißendem Hohn, ganz unvermittelt, als ob er Lande antwortete und ihn warnen wollte.

Alle schwiegen. Der leidenschaftliche Drang, der sie erfaßt hatte, war ohnmächtig abgeflaut, es schien ihnen peinlich, überflüssig, stehen zu bleiben, man wünschte fortzugehen, dieser Szene, die allen widerwärtig war, ein Ende zu machen.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XVIII

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

In der Nacht bekam Lande Fieber. In dem zerschlagenen Kopf nagte und schwindelte es. Schischmarjow meinte, daß man ein nervöses Fieber erwarten könne, und Marja Nikolajewna mit Ssonja beschlossen, die ganze Nacht bei ihm zu bleiben. Lande sah sie zärtlich an und schwieg, weil seine Seele voll war von einem ungeheuer weiten, nur ihm verständlichen Gefühl. Die beiden Mädchen saßen lange an den Seiten des Tisches, jede hielt ein offenes Buch vor sich, ohne daß sie lasen und schauten trübselig in die Flamme der Lampe. Erst spät in der Nacht ging Ssonja fort, und Marja Nikolajewna blieb allein.

Ssonja blieb in dem dunklen Flur stehen. Niemand hatte sie gehen heißen, aber sie dürstete nach Qual und Rührung; sie preßte die Hände an die Brust und flüsterte leise, nur mit den Lippen: „Mag sie, mag sie ... ich werde fortgehen!“ und eine triumphierende, wenn auch bedrückende Regung drängte in ihr Herz.

Im Zimmer war es halbdunkel. Die Lampe erleuchtete trübe einen gleichmäßigen Kreis, der Marja Nikolajewna wie magisch schien. Sie saß, die Hände auf den Knieen gefaltet und den Kopf gesenkt. Saß unbeweglich, aber in dieser Bewegungslosigkeit ballte sich ein ganzer Orkan schwerer, chaotischer Gedanken. Sie dachte darüber nach, daß jetzt alles zu Ende sei: morgen wird die ganze Stadt wissen, daß sie hier die Nacht verbracht hat; dann wird etwas entsetzlich Schmutziges entstehen. Zuerst beängstigten und beschämten sie diese Gedanken lange Zeit, dann nahm ein einzelner Gedanke immer reiner und feierlicher eine bestimmte Form an und erwärmte ihre Seele: Von nun an ist sie endlich für immer mit Lande verbunden, mit dem lieben Lande, dem besten von allen Menschen, die sie kannte. Allen wird sie ebenso fremd sein, wie er, ihm aber wird sie mit ihrem ganzen Körper und mit voller Seele angehören; ein neues Leben, herrlich, voll Leid und Freude, wird sie wie eine lichte Wolke umfangen. Dieser Gedanke war so tief und führte sie so einfach und zwingend aus dem düsteren Chaos, daß ihr Herz vor Liebe und Glück erschauerte.

Marja Nikolajewna wendete sich zu Lande und schaute lange mit warmen Tränen auf ihn.

Lande lag auf dem Bett so, wie es ihm verordnet war, blaß, mager, die langen, weißen Arme auf der Decke ausgestreckt. Der Schein der Lampe reichte nicht zu ihm hin, so daß um das Bett durchsichtige Dämmerung war, in der sich Landes Gesicht hell und schön abhob. Seine zerschlagene, verunstaltete Backe blieb im Schatten.

Und plötzlich ließ sich Marja Nikolajewna, indem sie einfach dem unwiderstehlichen Trieb, der Seele und Leib in heißer Sehnsucht verzehrt, folgte, langsam vor dem Bett in die Kniee nieder, beugte sich über Lande, legte ihm still ihren schönen schwarzen Kopf auf die Brust und schloß die in dunklem Feuer glänzenden Augen.

Hier ist es! — dachte sie, und sie empfand, daß jetzt die eine Hälfte ihres Lebens, leer und sinnlos, von ihr abfiel, wie ein dürres Blatt. Alles schwamm an ihr in einer lichten Wolke vorbei; die Tränen rieselten in Strömen über ihre zarte, weiche Wange. Landes Herz schlug irgendwo in der Nähe, schwach und dumpf. Sie zog den unbekannten, eigentümlichen Geruch seines Körpers ein und fühlte die knochige, harte Brust.

Lande öffnete die Augen und schien nicht erstaunt zu sein. Er faßte sie still und behutsam an das kleine, abgerundete, weiche Kinn und hob ihren Kopf zu sich hoch. Sie weinte nicht mehr, die Tränen waren sofort auf den glänzenden Augen getrocknet; sie blickte glücklich und verlegen auf ihn, während sie darauf wartete, was er mit ihr tun werde. Sie reckte sich noch ein wenig höher, und ihre weichen, heißen Lippen drückten sich auf die Lippen Landes. Lande küßte sie zärtlich und still, wie man ein Kind küßt.

Das Mädchen fühlte, wie in ihr der feurige grenzenlose Überschwang ihrer Kräfte aufloderte. Dieses neue Gefühl, das ihr aber jetzt längst bekannt erschien, füllte mit einem Mal ihren ganzen Körper, der schon so lange gewartet hatte und jetzt wild erglühte. Sie schloß die Augen und begann, erst schüchtern, als ob sie es erst kennen lernen müßte, dann immer fester und anhaltender, ganz Genuß und Hingabe, zu küssen. Ihr weicher, elastischer Körper erzitterte und drückte sich unterwürfig und verlangend an ihn. Plötzlich öffnete sie schnell die dunkelgewordenen, fragenden Augen, und blickte fest in die Landes. Sie sah ein kaltes, erschrecktes, vernichtendes Gesicht, in diesem Augenblick schien es ihr unerträglich widerwärtig.

„Nicht so ... nicht doch auf diese Weise!“ sagte er mit verlegenem hilflosem Lächeln.

Das Bewußtsein, einen schweren, abscheulichen Fehler getan zu haben, zuckte wie grelles Licht durch das Gehirn des Mädchens. Gegen eine Sekunde lang sah sie Lande mit festen, in Scham und Verzweiflung glühenden Blicken an; eine helle, scharfe Röte setzte rasch ein, und überflutete ihr Gesicht. Ihre Wangen, Stirn, Hals flammten auf, und es schien, daß es für dieses rote Feuer der Scham und Verletzung kein Ende geben könne. Sie ächzte dumpf, warf sich zurück und erhob sich hastig, das Gesicht mit den Händen bedeckt.

Lande setzte sich verwirrt auf. „Marja Nikolajewna, ist das denn ... durchaus nötig? Ich liebe Sie ... nur nicht so! Wozu das?“ stammelte er gequält und streckte ihr seine zitternden Hände hin.

Das Mädchen wich zum Tisch zurück und fiel schwer in den Stuhl, ohne ihre Hände herunterzunehmen. Dann fing sie an, sich wie ein angeschossener Vogel hin- und herzubewegen, bald wollte sie aufstehen und fortgehen, dann setzte sie sich wieder, sinnlos lächelnd; ihre Blicke glitten bald mit Verzweiflung und Scham, mit innerer Verwirrung, bald mit einem Gefühl der Schuld und des Hasses über Lande hin.

„Nichts ... Das war so ... Ein Irrtum ... ich habe gescherzt ... ich weiß nicht ...“ sie strengte sich an weiter zu sprechen und fühlte doch, wie sie sich von ihm immer mehr entfernte.

Ssonja kam auf den Lärm leise herein und blieb auf der Schwelle stehn, mit großen und herben Augen. „Marja, was hast du?“ fragte sie streng; als ob sie sie warnen müßte.

„Nichts, nichts, Ssonjetschka!“ sagte das Mädchen abgerissen. „Ich geh fort ... es ist Zeit ...“ Sich in den Rock verwickelnd und ungeschickt mit der Schulter gegen die Tür stoßend, ging sie aus dem Zimmer und lief wie ein Gespenst über die leeren, kalten Straßen, durch Wind und Finsternis. Ssonja schloß hinter ihr vorsichtig die Tür und trat an Landes Bett.

„Ssonja, liebe ... wie schuldig bin ich! Was soll ich jetzt tun? Wie konnte ich das nicht voraussehen!“ sprach Lande und ergriff ihre Hände.

Ssonja preßte stark die Zähne zusammen, so daß die dünnen Backenknochen auf ihrem gespensterhaften Gesichtchen stark vortraten, und ein Gefühl unschöner Freude leuchtete in ihren Äuglein auf. „Sie sind nicht schuldig!“ sagte sie fest und entschlossen, und fügte mit bösem Triumph hinzu: „Alle sind sie Tiere, Bestien ... sie ist auch ein solches Geschöpf!“

Lande schlug verzweifelt die Hände zusammen. „Ssonja, was reden Sie!“ rief er.

„Ich hasse sie alle!“ sagte Ssonja, rachsüchtig die Augen kneifend. „Wie abgeschmackt sie alle sind, wie schmutzig ... wie die Hunde!“

Lande sah sie mit weitgeöffnetem Mund und Augen, mit unverholener Furcht an, ihm schien, daß dies nicht die kleine Ssonja, sondern irgend ein kleiner, böser Kobold wäre.

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XIX

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Die Prügelei am Abhang peitschte eine schleimige Welle klebrigen Klatsches auf. Der Name Marja Nikolajewnas wurde im Zusammenhang mit Lande durch die ganze Stadt geschleift. Wohin sie auch kam, traf sie dieselbe stechende Neugierde oder notdürftig umkleidete Verachtung. Das gehetzte Mädchen strengte sich vergebens an, dem Schmutzigen, Kalten, das sie unsichtbar umschloß, zu begegnen. Manchmal packte sie stumpfe Verzweiflung, in der das ganze Leben zerstört schien; dann wieder wuchs aus der matten Ruhe, die sie mit sich brachte, das Gefühl der Beschämung und körperlichen Kränkung und der Haß gegen Lande empor.

Doch als Lande zum ersten Mal zu ihr kam, regte sich in ihrem Herzen die trübe Hoffnung, daß alles wie ein häßlicher Traum vorübergehen und ihr Leben wieder wie früher schön und freudig sein würde.

Lande trat still ein; über Backe und Auge war eine dicke, weiße Binde gebunden, so daß sein Kopf unförmig groß aussah, wie eine riesige weiße Federblume, die sich auf einem dünnen, unsicheren Stengel wiegt.

„Guten Tag!“ sagte er still.

Marja Nikolajewna stand verwirrt auf, grüßte aber nicht; ihre zitternden Finger nestelten am Rand des Tisches.

„Ich bin gekommen um Ihnen zu sagen ...“ begann Lande, während er auf sie zukam und ihre Hand nahm. Die Hand zitterte; das Mädchen sah ihn mit ihren großen, feuchten Augen an.

„Ich bin gekommen ...“ wiederholte Lande. „Wenn Sie nur wüßten, wie lieb ich Sie habe, Marja Nikolajewna!“ rief er in einer plötzlichen Aufwallung aus. „Sie scheinen mir so licht, so herrlich, so heilig, wie ein Engel!“

Die Augen des Mädchens wurden rührend hell, die zarten, erhabenen Lippen zitterten leise in dem Versuch eines zaghaften Lächelns. Das Herz fing an, dumpf in der Brust zu schlagen.

Lande war es schwer, zu reden, er holte mit Mühe Atem und preßte die Finger zusammen.

„Nur kann ich nicht Ihr Mann sein ...“ schloß er mit abfallender Stimme.

Marja Nikolajewna fuhr zusammen, als ob sie einen Schlag ins Gesicht bekommen hätte. Die erwachende Hoffnung stürzte in einen Abgrund, blitzschnell schoß daraus das Bewußtsein einer neuen rohen Beleidigung empor.

„Was soll das? ... Hohn?“ fragte sie mit klirrender und gleichzeitig unheimlich-stiller Stimme, während sie sich voll aufrichtete. Gram ergriff Lande; er sah ihr mit traurigem Vorwurf in die Augen.

„Sie wissen doch, daß es keiner ist ... Niemals habe ich jemanden verhöhnt, wie viel weniger Sie ... Weshalb so reden? ... Ich sage, was ich fühle: ich liebe Sie, aber nicht so ... Ich weiß nicht, vielleicht bin ich ein Krüppel ... Aber gibt es denn wirklich keine andere Liebe ... und ist es denn durchaus notwendig? ... Mir ist nicht möglich ... verstehen Sie mich!“ Die Worte Landes verwickelten sich in unzusammenhängenden Worten, er bemühte sich vergebens, das heiße Gefühl gramvollen Mitleids zum Ausdruck zu bringen. Marja Nikolajewna verstand ihn nicht: zwischen ihnen war eine schwere Tür zugefallen, und die Worte draußen tönten nur entstellt, mit einer besonderen, verletzenden, Bedeutung hindurch. Für eine Minute lang benahm ihr Scham und Haß den Atem; ihr Kopf schwindelte. Sie hörte die Worte nicht, in den Ohren gellte irgend ein Tosen; die weiße Kugel auf dem dünnen Stengel drängte sich wie ein alpdruckartiger, widersinniger Knäuel vor ihren Augen.

„Ich bitte Sie ja gar nicht darum ... Gehen Sie fort!“

Lande hielt sie mechanisch bei der Hand; schon das rief in ihr Ekel hervor. Er legte seine ganze Seele, voll Leiden und Liebe, in die unzusammenhängenden Worte, die von seinen Lippen stürzten, doch das Mädchen riß ihre Hand aus der seinen. „Lassen Sie ... mich!“ wiederholte sie mit fremder, nicht eigener Stimme.

Lande fuhr mechanisch mit ihrer Hand an seinem Rock entlang; er strengte sich an, mit Augen voller Qual, in ihre Seele zu blicken. Sie antwortete ihm nicht, als ob sie taub wäre, und blickte ihn nicht an. Sein heißer Wille zerschlug sich ohnmächtig an diesem Haß, und drang nicht in die Seele; es war, als ob er sein entblößtes blutendes Herz, weit ausholend, gegen hartes, kaltes Eis schleuderte.

„Liebe, verstehen Sie mich doch. Es gibt doch eine andere Liebe ... es gibt doch,“ fragte Lande, ihre Finger drückend.

„Aber lassen Sie mich endlich los!“ sagte sie mit wildem, dumpfen Schmerz. „Es tut mir doch weh ...“

Lande kam zur Besinnung und ließ ihre Hand frei. „Verzeihen Sie mir ... ich habe es nicht gewollt ...“ stammelte er.

Das Mädchen sah ihn verächtlich von der Seite an. Mit unnatürlicher Ruhe ordnete sie das Haar, wobei sie Haarnadeln auf den Boden fallen ließ, und ging plötzlich an ihm vorbei aus dem Zimmer, unnahbar kühl und feindselig.

Um Lande her wurde es leer und dunkel. Durch die Fenster floß blaue, tote Dämmerung und füllte das Zimmer. In der Stille, die mit einem Mal entstanden war, leuchteten noch, wie es schien, Bruchstücke der gespannten geflüsterten Worte.

„Marja Nikolajewna!“ rief Lande leise, seine einsame Stimme hallte aus einer dunkeln Ecke etwas spöttisch zurück.

Die Tür knarrte und das Dienstmädchen trat, ein gefaltetes Stück Papier behutsam vor sich tragend, ein. Es hatte runde, dumme Augen und blickte Lande ängstlich an.

Lande nahm mechanisch den Zettel und las:

„Um Gotteswillen, lassen Sie mich in Ruhe! Vielleicht bin ich schlecht, garstig, aber Sie quälen mich. Ich kann nicht, ich hasse Sie, Sie sind mir ekelhaft ... Wie Ungeziefer!“ Das letzte war mit schiefen, unnatürlich eingedrückten Buchstaben angefügt.

„Ich muß sie allein lassen!“ schwirrte Lande durch den Kopf.

„Schön, sage dem Gnädigen Fräulein, ich komme nicht mehr ...“ sagte er fest, nahm seine Mütze und ging fort. Er trug das Gefühl endloser Ohnmacht in sich, wie ein Mensch, der sich einer steilen Mauer gegenüber sieht, die er nicht übersteigen kann.

„Ich muß fortgehen, abreisen ... irgendwohin, um ihr keine überflüssigen Schmerzen zu machen,“ dachte er.

Es war schon ganz dunkel, als ihn Tkatschow auf der Straße anrief. Schwarz und mager trat er irgendwo aus der Dämmerung auf ihn zu.

„Iwan Ferapontowitsch, — um Gotteswillen ... ich muß Sie sprechen ... Ich lauere schon den dritten Tag Ihnen auf.“

Lande blieb erfreut stehen.

„Guten Abend, Lieber! Warum sind Sie nicht zu mir gekommen? ... Sie hätten mir wirklich sehr viel Freude gemacht ...“

Tkatschow lächelte verlegen, während er Landes Hand mit seinen rauhen Fingern drückte.

„Ich wäre vielleicht auch gekommen ... Aber bei Ihnen sind Menschen und ich möchte unter uns reden ...“ murmelte er.

„Ach, wie froh ich bin, daß Sie endlich gekommen sind, Tkatschow!“ sprach Lande ganz erregt und drückte ihm fest die Hand. „Vielleicht gehen wir zu mir? Wir werden Tee trinken. Ich werde Ihnen alles von mir erzählen ... Ich habe jetzt niemanden, mit dem ich sprechen könnte ... und ich möchte mir vieles herunterreden ... Auch jetzt augenblicklich ... Gehen wir lieber!“

„Schön, gehen wir!“ gab Tkatschow leise zu.

Es war nicht mehr weit, und sie legten den Weg schweigend zurück. Lande steckte die Lampe an, brachte Tee, setzte sich Tkatschow gegenüber und blickte ihm liebevoll in die Augen.

„Wenn Sie nur wüßten, Tkatschow, wie ich mich über Ihren Besuch freue,“ sagte er mit heiterem Lächeln.

„Ich wollte schon längst zu Ihnen kommen ... seit jenem Mal ... da, im Wald ...“ antwortete Tkatschow verlegen, nach der Seite schielend.

„Ja, ja!“

„Und als der Sie schlug, da ist mir ein Licht aufgegangen! ... Ich verstand gleich ... daß die Wahrheit nicht auf meiner Seite, sondern auf Ihrer war. Es gibt keinen zweiten wie Sie, Iwan Ferapontowitsch!“ sagte er mit überquellendem Gefühl und erhob sich etwas vom Stuhl.

Lande lachte voll Freude.

„Wie schön Sie das gesagt haben, Tkatschow!“

Tkatschow seufzte gespannt, als ob er sich vorbereitete, eine riesige Last auf sich zu nehmen.

„Ich glaube so, Iwan Ferapontowitsch, daß nämlich ... ich kann es nur nicht glatt ausdrücken ...“

„Reden Sie nur, Tkatschow! ... Sie werden schon alles gut sagen!“ er streichelte ihm die Hand. „Reden Sie und trinken Sie Tee ...“

„Ich werde es sagen ... ich bin ja dazu gekommen ... Sie müssen nur zuhören, Iwan Ferapontowitsch!“

„Ich höre schon!“

„Alles, was ich damals im Gefängnis zusammengeredet habe, das war nur so, aus lauter Verzweiflung! Soviel habe ich gelitten, soviel Böses und Ungerechtigkeit und Niedertracht gesehen, daß ich den Glauben an den Menschen verloren hatte ... Ich dachte mir, daß es eben so sein muß! Ein Lump ist der Mensch ein für allemal und damit basta! Wo ich auch hinschauen mag — lauter Raubtiere überall! Eine solche Verzweiflung hatte mich damals gepackt, eine solche Wut, daß ich es Ihnen gar nicht sagen kann ... Und Sie würden es ja auch nicht verstehen können, Iwan Ferapontowitsch! ... Zu hassen begann ich die Menschen und mich und das Leben!“

Tkatschow riß die Augen auf, hielt ein, um tief Luft zu holen. Lande blickte ihm traurig in die Augen und streichelte still seine Hand.

„Aber dann ... Sie haben mir die Augen geöffnet, Iwan Ferapontowitsch ...“ sagte er mit zitternder Stimme. „An Ihnen sah ich, was ein wahrer Mensch heißt! ... wie ein Mensch sein kann! ... Da erinnerte ich mich auch, wie der Herr Sodom und Gomorrha wegen zweier Gerechten verschonen wollte ... Und da dachte ich mir, daß ein solcher Mensch das Leben umgestalten kann ...“

„Tkatschow!“ Lande wollte ihm ins Wort fallen.

„Nein, warten Sie, warten Sie erst ... Ich weiß es, jetzt ist nicht ein jeder imstande, Sie zu verstehen, aber das dringt ein, dringt durch alles hindurch! ... Später erinnert man sich schon, man wird schon verstehen ... Wenn Sie nur ... Ich habe einen Plan, Iwan Ferapontowitsch.“

Tkatschow hob sich wieder ein wenig vom Stuhl und beugte sich ganz dicht zu Lande vor, sodaß ihm sein heißer Atem auf dem Gesicht brannte und seine dunklen, düsteren Augen fast in Landes Gehirn eindrangen.

„Man muß die Nachricht von einem neuen Glauben in das Volk tragen!“ flüsterte er gedämpft, begeistert drohend mit entflammten Blicken.

„Was?“ rief erstaunt und erschrocken Lande.

„Ein neuer Glaube! ... Ja ... das Volk wartet. Eine wahre Sehnsucht ... so daß ... weil es überall unerträglich zugeht! überall! ... Zu Ihnen wird man aus allen Ecken und Enden kommen, aus ganz Rußland kommen! ... Nur muß man die Nachricht davon in Umlauf setzen ... Sie werden über allen stehen, alle führen ... Iwan Ferapontowitsch!“

Tkatschow zitterte und brannte am ganzen Körper.

„Was für ein Glaube, wovon sprechen Sie, Tkatschow!“ erwiderte Lande streng. „Was kann ich ihnen geben?“

„Sie? Alles können Sie, Iwan Ferapontowitsch! ... Und der Glaube ist nur so, des Anfangs wegen ... Nur um Bewegung hineinzubringen!“

Blaß und streng stand Lande auf.

„Das ist nicht das Rechte, Tkatschow!“ sagte er. „Verstehen Sie denn wirklich nicht, was Sie wollen, was das für ein furchtbares Übel, Betrug und Frevel wäre! Wahrheit kann nicht aus Betrug kommen, und ich kann es nicht ... Lassen Sie das nur!“

Tkatschows Gesicht verfinsterte sich in unendlichem Schmerz.

„Iwan Ferapontowitsch! Sie sind der Einzige ... einen anderen, einen zweiten gibt es nicht! ... Sollen denn in der Tat alle zugrunde gehen?“

„Niemand geht zugrunde, Tkatschow!“ erwiderte ebenso streng und feierlich Lande. „Was sagen Sie! ... Untergang wäre gerade das, was Sie im Auge haben ... Und es wird Ihnen nicht gelingen, weil das nicht kommen darf! ... Man braucht nicht zu vergewaltigen, zu betrügen ... Der Kampf soll bleiben, weil er nötig ist, wie ein reinigendes Feuer ... Aber jeder Schritt in diesem Kampf muß wahr sein ... Das ist das allererste, und eben diese unentwegte Wahrheit wird zum Siege führen. Können Sie es denn wirklich nicht verstehen, Tkatschow? Lüge ist ein Übel ... Man muß sich Mühe geben, nichts Übles zu tun!“

„Und nichts mehr?“ fragte Tkatschow.

„Ja, weiter nichts!“ erwiderte Lande fest. „Das spricht der Hochmut aus Ihnen, Tkatschow! ... Wer hat uns beiden das Recht gegeben, Menschen nach unserem Geschmack mit Gewalt und List umzumodeln? Vielleicht sind gerade wir beide die schlimmsten, verlorenen Menschen? ... Wie kann man wissen, wozu und weswegen alles um uns her geschieht! ... Gehen Sie Ihren Weg, wer Ihnen folgen will — mag folgen. Voran müssen Sie gehen und nicht hinterdrein schieben! Falls Ihr Leben gerecht war, wird Ihre Spur nicht verloren gehen, sondern durch alle Jahrhunderte weiterleben!“

Tkatschow schwieg mit gesenktem Kopf. Auch Lande verstummte und blickte liebe- und mitleidsvoll auf das gesenkte Gesicht.

„Also ... nicht? ...“ sagte Tkatschow mit Mühe, ganz dumpf. „Also ... habe mich getäuscht ...“

Und aus seiner dumpfen Stimme klang der große Schmerz, den grandiosen Traum, die trübe, aber innige Hoffnung ein für allemal zusammenbrechen zu sehen.

„Vergessen Sie es, Tkatschow!“

Es war schon Nacht, als Tkatschow die Straße entlang ging, ohne Zweck und Sinn durch die kalte, windige Stille schreitend.

„O, hol mich der Teufel!“ rief er laut mit grauenvoller Verzweiflung; er blieb starr stehen, die Hände krampfhaft in den Haaren vergraben, den Kopf gegen den kalten, harten Zaun gepreßt. „Er hätte es doch tun können ... Dieser Idiot, dieser unglückselige!“

Der Nachtwächter schlug irgendwo in der Finsternis die Stunde an.

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

XX

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Nach einer schlaflosen Nacht war Lande am nächsten Morgen schwach und krank aufgestanden. Die ganze Nacht dachte er an Tkatschow und Marja Nikolajewna.

... Wie kraftvoll sie beide sind, was für einen kolossalen Durst nach Leben sie haben! ... Der arme, liebe Tkatschow! welches Glück das ist, so das Leben zu lieben und so nach ihm zu streben ... Sie sind jetzt unglücklich, aber das geht vorüber, und die lebendige Kraft bleibt zurück, — sie werden glücklich sein, ob in Glück oder Leid.

Am Morgen beschloß er, zu Molotschajew zu gehen.

Der Künstler war zu Hause und saß düster auf dem Fensterbrett, eine Zigarette nach der anderen rauchend. Als er Lande erblickte, erhob er sich rasch und wurde rot.

Lande trat geradewegs ins Zimmer und streckte ihm schweigend mit einem Lächeln die Hand hin. Sein Gesicht war heiter und ruhig.

Für eine Sekunde ergriff Molotschajew plötzlich ein warmes Gefühl; er wünschte einfach, kräftig die gereichte Hand zu drücken; aber schon im nächsten Augenblick wurde in seiner Seele wieder alles durcheinander geworfen. Er witterte in der Handlungsweise Landes eine Beleidigung und zog sich ganz zusammen; sein schönes Gesicht drückte ablehnend höfliches Lächeln aus.

„Ist mir sehr angenehm ...“ näselte er und drückte mit einer Grimasse der übertriebenen Achtung Landes Hand.

„Nehmen Sie bitte Platz! Wie steht es mit Ihrer Gesundheit?“ fragte er, während er absichtlich mit seinem Blick die weiße Binde um den Kopf streifte.

Lande berührte die Binde und sagte schlicht:

„Nicht sehr gut. Sie haben mich furchtbar zugerichtet.“

Molotschajew verlor plötzlich den Halt. Eine tiefe Röte trat ihm ins Gesicht. Er versuchte, sich zu beherrschen und erwiderte in dem früheren, beleidigend höflichen Ton:

„Es tut mir wirklich äußerst leid ...“

Lande sah ihm mit einem klaren und ruhigen Blick in die Augen.

„Nein, warum denn?“ erwiderte er still. „Ihnen tut es gar nicht leid — Sie hatten doch den Wunsch, mich so zu schlagen, daß es schmerzt.“

Ein schweres, trübes Gefühl überwältigte Molotschajew. Als ob ihn etwas zu Boden gedrückt hätte. Das undeutliche Bewußtsein, daß nicht Lande lächerlich, daß vielmehr er selbst lächerlich, lächerlich und kleinlich sei, rieselte mit schmerzlicher Kälte durch sein Herz.

„Ich bin eigentlich zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen,“ sprach Lande kurz und ebenmäßig, „daß es mir sehr leid tut, Sie dazu gebracht zu haben. Ich weiß, daß Sie meinetwegen auf Marja Nikolajewna eifersüchtig waren ... Und ich wollte mich Ihnen gar nicht in den Weg stellen. Ich liebe allerdings dieses Mädchen des ungeheuer reichen Lebens wegen, das sie besitzt; aber ich habe sie stets ganz anders geliebt, als ... Jetzt haßt sie mich deswegen — weil sie sich getäuscht hat. Gehen Sie zu ihr — ich glaube, sie wird Sie lieb gewinnen ... Und mir verzeihen Sie, seien Sie nicht böse auf mich. Ich liebe Sie — Sie sind ein starker und schöner Mensch ... Jetzt gehe ich, — ich weiß, Ihnen kann es doch nicht angenehm sein, mit mir zu sprechen. Leben Sie wohl!“

Lande stand auf und reichte seine Hand. Molotschajew biß seine Lippe mit der gleichen Bewegung, wie es Marja Nikolajewna getan hatte und gab ihm die Hand. Lande ging fort. Der Maler empfand wieder die neidische Gehässigkeit. Er lief im Zimmer auf und ab und bemühte sich, absichtlich, dieses Gefühl zu schüren. Es gelang ihm scheinbar, und er lachte über Lande; aber gleichzeitig tat ihm irgend etwas leid. Er konnte nicht verstehen, was; aber die Empfindung war tief und beißend, und nach und nach schien es ihm, daß sie ihn nie mehr verlassen wird.

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XXI

Illustration from Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
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Landes Leben wurde immer einsamer; die Ahnung von etwas Unvermeidlichem stieg allmählich auf. Immer häufiger verzagte seine liebeglühende Seele; sie war wie ein lebender, grüner Zweig, den eine undurchdringliche und durchsichtige Eiskruste umschlossen hält. In den letzten Tagen war er stets allein gewesen. Nur Ssonja lief ihm unablässig nach, aber gerade sie, die einzige in der ganzen Welt, die ihm nahe stand, begann ihm Furcht einzuflößen. Ihm kam es immer wieder vor, daß sie, wie eine Geisteskranke, nicht ihn, sondern irgend einen andern in ihm sah, und daß sie, wenn nicht sofort, so in kurzer Zeit, ihre Täuschung gewahr werden wird. Dann muß sie ihn mit ihrer ganzen Seele hassen, und für diesen Haß kann es keine Grenzen und Schranken mehr geben.

Während einer langen, traurigen Nacht schrieb Lande einen langen, heißen Brief an Ssemjonow, in dem er an ihn viele qualvolle Fragen über Wahrheit, über Menschen, über Glück richtete. Auf diesen Brief antwortete der kranke Student folgendes:

„Lasse mich gefälligst in Ruhe! Ich sterbe und habe an wichtigeres, als an dich zu denken! Ich stehe jetzt der wichtigsten, der letzten und einzigen Frage des menschlichen Lebens gegenüber — wie ich sterben soll? Kann man denn von Menschen, von Liebe, von Einsamkeit reden, wenn der Mensch stets unter allen Umständen allein stirbt! Du kannst natürlich dieses Wort nicht in seiner wahren Bedeutung ermessen: seine Bedeutung ist — Grauen. Dieses Grauen muß ich allein ertragen, niemand kann mich — verstehst du es? — kann mich begleiten, selbst wenn er es am allersehnlichsten in der Welt wünschen würde. Jetzt ist für mich alles in zwei Teile zerfallen, die keinen inneren Zusammenhang mehr haben: der eine, geringfügige, ist das ganze Leben der Welt, der andere, unermeßlich große — das ist mein Tod. Jetzt, wo ich mich von allem getrennt habe und allein in der Leere stehe, seh ich ein, daß es auch in Wirklichkeit stets so war. Ich habe mir nur eingebildet, daß ich nicht allein lebe. Mein ganzes Leben lang mühte ich mich mit einem Eifer ab, der eines besseren Zweckes wert gewesen wäre, eine Art Gipsverband aus Glauben, Ideen, Liebe und Mitleid nun noch zu kleistern, ich meinte, daß er fest, unverwüstlich sei; doch von dem Augenblick an, wo ich mit der ganzen Schwere meines Ich über die Leere des Todes zu hängen kam, fiel alles sofort wie trockener Ton von mir ab, und ich stürzte allein wie ein Stein in die Tiefe. Über Nacht kann ich sterben, und die Menschen leben dann weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Also wozu schwatzt du mir da solchen Unsinn vor? Du hast angefangen, dich einsam und unglücklich zu fühlen, weil die Menschen deine heißen Gefühle nicht würdigten, nicht in deine brüderlichen Umarmungen geeilt sind. Sehr erstaunlich! Ja, hast du denn nicht gewußt, daß die Menschen, sobald du nur aufs Sterben kommst, nicht einmal dein Gefühl werden begreifen können? Aus den innigsten Umarmungen werden sie dich dann loslassen müssen. Du bist allerdings ein gläubiger Mensch, — ich hätte beinahe daran vergessen; aber du mußt doch, wenigstens einmal in deinem Leben, begreifen, daß wir, falls wir uns dort, im neuen Leben, von dem wir nichts wissen und nichts wissen können, wirklich alle begegnen sollten, denn immer noch in angemessener Weise darüber diskutieren können. Dann stützen wir uns auf Tatsachen, auf das, was wir dort kennen lernen werden. Ich weiß, daß man wärmer lebt, wenn man von anderen Menschen gewärmt wird, — das ist sicher, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren! Also schön, — laufe doch durch die Straßen und rufe: ‚O Menschen, Menschen, Menschen!‘ Man wird dir sicher nachlaufen und ebenfalls rufen: ‚O Lande, Lande, Lande!‘ ... Weiter aber nichts! Leiden wirst du doch allein, denn kriegst du dabei Bauchschmerzen, so wird sich deswegen auch dein allerbester Freund, dein Bruder, dein Weib, nicht aus Mitgefühl den Magen verderben.

Ich bitte dich noch einmal: laß mich in Ruhe! Einmal wirst du selbst verstehen, wie dumm alles ist. Du wirst die Menschen ebenso für die dumme Rolle, die du zu spielen versucht hast, hassen, wie ich sie jetzt hasse. Wenn du nur wüßtest, was für einen entsetzlichen, stickigen Haß alle in mir wachrufen ... Verflucht mögt ihr alle sein! Wenn es in meinen Kräften wäre, zerdrückte ich die ganze Erde. Wozu habe ich gelebt, Lande? Gott, wie grausig, öde, kalt! Um Gotteswillen, faßt mich nur nicht noch an!“

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