FÜNFTE SZENE
Dorothea Tieck translation · Edition 4
(Dunsinan, im Schloß)
(Mit Trommeln und Fahnen treten auf Macbeth, Seyton, Soldaten.)
MACBETH Pflanzt unsre Banner auf die äußre Mauer; Stets heißts: sie kommen! Unser festes Schloß Lacht der Belagrung; mögen sie hier liegen, Bis Hunger sie und Krankheit aufgezehrt. Verstärken die sie nicht, die uns gehören, Wir hätten, Bart an Bart, sie kühn getroffen Und sie nach Haus gegeißelt.
(Ein Schrei von Frauen hinter der Szene.)
Was für Lärm?
([Weibergeschrei hinter der Szene.])
SEYTON Es ist Geschrei von Weibern, gnädger Herr.
(Geht ab.)
MACBETH Verloren hab ich fast den Sinn der Furcht. Es gab 'ne Zeit, wo kalter Schaur mich faßte, Wenn der Nachtvogel schrie, das ganze Haupthaar Bei einer schrecklichen Geschicht empor Sich richtete, als wäre Leben drin. Ich hab mich vollgeschluckt mit so viel Grauen: Entsetzen, meinem Mordsinn eng vertraut, Schreckt nun mich nimmermehr.—
(Seyton kommt zurück.)
Weshalb das Wehschrein?
SEYTON Die Königin, Herr, ist tot.
MACBETH Sie hätte später sterben können; es hätte Die Zeit sich für ein solches Wort gefunden.— Morgen, und morgen, und dann wieder morgen, Kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag, Zur letzten Silb auf unserm Lebensblatt; Und alle unsre Gestern führten Narren Den Pfad zum staubigen Tod. Aus, kleines Licht! Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild, Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr Vernommen wird; ein Märchen ists, erzählt Von einem Blödling, voller Klang und Wut, Das nichts bedeutet.
(Ein Bote kommt.)
Du hast was auf der Zunge: schnell heraus!
BOTE Mein königlicher Herr, Ich sollte melden das, was, wie ich glaube, Ich sah; doch wie ichs tun soll, weiß ich nicht.
MACBETH Nun, sags nur, Mensch!
BOTE Als ich den Wachtdienst auf dem Hügel tat— Ich schau nach Birnam zu, und sieh, mir deucht, Der Wald fängt an zu gehn.
MACBETH Lügner und Sklav!
(Schlägt ihn.)
BOTE Laßt Euren Zorn mich fühlen, ists nicht so: Drei Meilen weit könnt Ihr ihn kommen sehn; Ein gehnder Wald—wahrhaftig!
MACBETH Sprichst du falsch, Sollst du am nächsten Baum lebendig hangen, Bis Hunger dich verschrumpft hat; sprichst du wahr, Magst du mir meinethalb dasselbe tun.— Einzieh ich die Entschlossenheit, beginne Den Doppelsinn des bösen Feinds zu merken, Der Lüge spricht wie Wahrheit: Fürchte nichts, Bis Birnams Wald anrückt auf Dunsinan!— Und nunmehr kommt ein Wald nach Dunsinan! Waffen nun, Waffen, und hinaus!— Ist Wahrheit das, was seine Meldung spricht, So ist kein Fliehn von hier, ist Bleiben nicht. Das Sonnenlicht will schon verhaßt mir werden; O fiel in Trümmer jetzt der Bau der Erden! Auf, läutet Sturm! Wind, blas! Heran, Verderben! Den Harnisch auf dem Rücken will ich sterben.
(Alle ab.)