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Kurze Aufsätze

SKIZZE.

Reading edition

Vor Jahren fiel mir ein Buch in die Hände, dessen Titel ich mich nicht mehr entsinnen kann, es war eine Übersetzung aus dem Griechischen und mit vielen Anmerkungen versehen, wovon eine einen alten Spruch citierte, der mir immer im Gedächtnisse blieb. Die Worte erinnere ich mir nicht, nur den Sinn, und der war folgender.

»Nicht der Mann ist die Weisheit, nicht die Frau ist die Liebe: Die Frau ist Weisheit, der Mann ist Liebe. Des scheinbaren Umtausches sich nicht bewusst, sucht der Mann in der Frau seine eigne Liebe, die Frau im Manne ihre Weisheit wieder.«

Dieser Spruch schien mir nach und nach so manches Unerklärliche und Unvereinbare, das in jenen Beziehungen nicht zu begleichen schien, schärfer zu beleuchten.

Ein »ganzer Mann« wird einer Frau in so entscheidenden Punkten überlegen sein, dass nur die tiefere Weisheit des schwächeren Teils ein Gleichgewicht herzustellen vermag und in jener Weisheit allein die Möglichkeit liegt, den Blick dieses Mannes ganz wiederzuspiegeln.

Ist dieser Spiegel getrübt oder zu stürmisch oder zu seicht, so wendet der Blick sich ermüdet ab und sehnt und sucht nach andern Augen, die wieder versprechen und wieder enttäuschen.

Umgekehrt sehen wir oft ganz unbedeutende Männer von einem weiblichen Wesen dauernd gefesselt, von dem sie nie Kenntnis gewinnen können, in dem aber die Weisheit verborgen liegt, die sie mit dumpfer Sehnsucht erfüllt. Eine solche Frau, deren innere Entwicklung ihren eigenen Weg zu folgen bestimmt war, sieht oft zu ihrem stillen Befremden einen ihr so fremden Mann so treu an ihrer Seite.

Was nun mit jener Weisheit in dem alten Spruche gemeint war, ist sicher nicht die Lebensklugheit noch Schärfe oder Kraft des Geistes, denn die wohnen alle dem Manne viel thätiger inne. Sie wird wohl eher dem Meeresspiegel vergleichbar sein, der tiefer und beschaulicher wird, je mehr sich darin versenkt. —

Jeder kennt jenes eigentümliche Gefühl, das ihn angesichts der gleichgültigsten Dinge anwandeln kann, ihn zwingt, innezuhalten und Gedanken einzulassen, die von aussen auf ihn einzudrängen scheinen und deren Bewandtnis er noch nicht erfasst.

So stand ich einmal auf einem weiten, freien Feld und dachte an die Druiden, wie die Welt in ihnen wiederhallte, in sie drängend wie ein Strom, so dass sie ihr das Rätsel fast entrieten und, von ihrer Ahnung überwältigt, Wahrheiten stammelten — in undurchdringlichen Worten.

Da fiel mir — anscheinend schauerlich unzusammenhängend — der Don Juan ein!

War etwa hier ein Gegensatz? — War hier etwas, was sich deckte?

Ich weiss es nicht. — Aber mit einem Male begriff ich, wie sich der Zauber und die Tragik im Dasein zweier Geschlechter in jener dunklen Gestalt und ihren Opfern sublimieren konnte, und ich begriff den klärenden Schein, den Mozart um sie wob.

Trat in diesem Wesen irgend ein verborgenes Gesetz in Kraft und blieb das nie Erreichte auf weit abliegender Bahn und keinem füglichem Gebiet verwiesen? —

Lag etwa im Blicke der Veleda jene Ruh’, die Don Juan in jedem schönen Auge suchte, jenem andern Zuge folgend, der die Liebe so unendlich adelt? — Und lag seine eigne Gewalt in seiner eignen Sehnsucht? —

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