EINE MUSIKALISCHE BETRACHTUNG.
Reading edition
Vor einem mit Plakaten reich übersäten Kioske innehaltend, sagte kürzlich einer zu seinem Freunde:
»Sieh doch die vielen Konzerte! Bis über die Wände hinaus klettern die Annoncen!«
»Das ist schön!« rief der andere. »Da hast du unser liebes kunstsinniges München!«
»Ja, da hast du’s!« brummte wieder der eine.
Und wie es so geht auf dieser Welt, als sie eine kleine Strecke weiter gegangen waren, fingen sie fürchterlich zu streiten an. In der Hitze jedoch gebieten wir selten über die überzeugenden Worte, selbst wenn wir im Rechte sind, und grad ein Philister hat da oft leichtes Spiel.
Hier siegte denn auch der, dem beim Anblick der vielen Plakate das Herz freudiger schlug, und selbstbewusst und heiter kehrte er nach Hause zur Gattin.
Aber wie verdrossen ging der andre heim! Fiel ihm doch jetzt erst alles ein, was er im Eifer nicht fand; und wie sicher gestaltet sich nun seine Rede in den dunklen Strassen!
Immer feuriger ging er einher, als müsste er Schritt halten mit seinen Gedanken, und sah recht närrisch dabei aus!
Hier sei auch mir eine Bemerkung gestattet: Wage ich mich zwar jetzt mit dem Sprüchwort: Kinder und Narren etc. vor, so werde ich allerdings dem Vorwurf grosser Alltäglichkeit nicht entgehen, bringt uns heute doch fast jeder Plato’s finstre Höhle (die Höhle, ach, du lieber Gott, in der wir alle so gemütlich sitzen!), oder citiert jene grosse Neuigkeit von dem grössten Tragiker, nicht wahr, der zugleich etc. . . . . Denn nur in solchen und ähnlichen Reminiscenzen ergehen sich nunmehr unsere gewandten Bücher und halten streng an die Devise unsres Jahrzehnts:
»Kaviar für Alle.«
Vollends Sprüchwörter!
Gut, so will auch ich das meine nicht zu Ende sagen, doch bitte ich euch, lasst uns hören, was der Narr erzählte:
»Wie alt«, rief er, »wie alt ist doch die Klage nach entschwundenen Zeiten! Kein Zauber beschwört Vergangnes herauf! Wie der Regen, den die Erde so begierig trinkt, um dann wieder trocken zu werden und hart, so verschwinden spurlos nicht geträumte, ach! erfüllte Ideale von der Welt!
Wer ist es gewahr, dass Schritt für Schritt das Licht fällt, dass Kühle und Dunkelheit überall einbrechen, dass rasch und unbemerkt eine Epoche von uns scheidet? — Erst wenn sie sich ganz unsern Augen entrückte, erst dann wird die Verlorne im wahren Relief vor uns stehen. Aber wie Walther von der Vogelweide um zartere Minne, so werden wir umsonst darum klagen! Und inzwischen stellen wir uns blind und taub und lassen die Verwilderung um sich greifen! Nur ein sehendes Auge sieht die verlöschenden Fackeln, und nur dem feinen Ohre ist das wirre Gekreische vernehmbar.«
(Schade, dass der Mann seine Reden nicht schön und symmetrisch aufzubauen wusste! Seine Gedanken machten wilde Sprünge, und kamen dann im Bogen wieder.)
»Wisst ihr,« rief er da plötzlich, »dass jener thatsächliche Plan, sich per Eisenbahn bequem auf die Jungfrau zu begeben, nichts anderes ist als ein Symbol unsrer Zeit?
Denn nichts Höheres bedeuten unsre täglichen Konzerte, unsre Drehorgelorchester, und unsre ganze nivellierte Kunst. Überall ist der Pöbel ausgebrochen, zwar ein wohlgenährter, gut gekleideter und siegreicher Pöbel, aber erst recht der des Coriolan!
Es haben uns doch die Besten gesagt und die wenig Grossen bewiesen, wie aristokratisch die Natur verführt, wie scheu und sparsam sie ihre vornehmste Blume, die der Kunst, auf ihren höchsten Gipfeln treibt, nur ganz Bevorzugten nach harter Mühe erreichbar.
Was deutet uns ein zusammengepresster staubiger Büschel Edelweiss, an einer Strassenecke schreiend feilgeboten? Aber steil wie das Edelweiss und geheimnissvoll wie die Aloë ist die Kunst! Pöbelhaft war es daher von uns, sie mit Gewalt erstürmen zu wollen, und ein grober und hässlicher Wahn lag dieser »Massenbewegung« zu Grunde. —
Denn als wir allesamt anfingen sie zu duzen, was war da natürlicher, als dass uns die Kunst entfloh? Ihren letzten müden Strahl, an dem wir zehren, halten wir nun für den »Morgenschein kommender Aeren!«, und keiner sieht, keiner weist auch nur von fern auf unsern deutlichen Verfall.
Ob wohl je die Menschen vor einem solchen Wendepunkt gestanden sind?
Ob ein ähnliches Phänomen die Griechen einst zu Grabe läutete? und ob nach Überwucherung der damaligen Kräfte ein ähnliches Schlingkraut die Erde überzog?
Wer wüsste es zu sagen!? Blühten nicht damals die Redner und Bildhauer plötzlich in frecher Überzahl, just wie jetzt Kapellmeister und Solisten?
Ehe man sich dann versah, verklang das ganze hohe Lied in Düsterkeit und Barbarei. Sind wir etwa wieder da angelangt? — Das wäre wohl auch hier die Frage!
»Aber nichts wiederholt sich«, murmelte der Mann.
Er war auf der Brücke angelangt, und der rasche Fluss schien ihm neue Einfälle zuzutreiben, denn er stand lange und sann, wie wohl der Mann beschaffen sein musste, der unsre abwärts gehende Fahrt zu hemmen vermöchte und neues Land eroberte.
Über diesen gewaltigen Geist dachte der gute Kerl lange nach und ging dann brav nach Hause.