EPILOG.
Reading edition
Was auch kommen mag auf dieser Welt, immer gestaltet sich eine Zeit neu und ungeahnt. Unsre Erde trägt keine Propheten, und nur durch ihre Unergründlichkeit sind die Orakel so wahr. Wer erträumte wohl je das nächste Geschlecht? Woran keiner dachte, das geschieht, wo der Fluss am ruhigsten floss, dort tritt er über.
Tausende von Jahren belehren uns nicht über ein einziges, das sich noch nicht entrollte, unzählige von Schicksalen lassen unser eigenes stets neu. Die Notwendigkeit schafft mit ihren blinden Augen zu Tage, andre Mächte fordern wieder, was ihr trotzt, und so liegt die Welt unausgefochten im Kampf.
Oft schon, glaube ich, wurde als das grösste Unheil des Christentums das Pharisäertum erwiesen, jene unheilvolle Macht, die von Grund auf, anscheinend auf alle Zeiten, den Charakter verunstaltete, den das neue Zeitalter erhielt. Wie unendlich viel, und wie unendlich wenig das Dogma verrät, diese These wurde nie aufgestellt, die Pharisäer umstanden das neue, wie das alte Testament; und so wurde es uns verdunkelt bis zur Unkenntlichkeit und entfremdet.
Jenes Unwesen selbst, verlor aber im Laufe der Zeit alle Macht; und da es tief in der Erde sitzt und in den Menschen wohnt, sann es auf eine neue Stätte. Wo aber fand es den Boden, den es nun zu sterilisieren, das Ding, das uns nun zu entfremden galt? Wo anders, als da, wo das Gute hingeflüchtet war, unangetastet, köstlich und steil, hoch über unsren Häuptern, und doch verborgen. Mit schlauem Zerstörungssinn erblühte es da inmitten der Kunst!
Gut meinende Seelen, die aber vom Schweigen des Pythagoras nichts ahnten, hatten selbst dem verderblichen Heere die schmale Bresche verraten und wurden die ersten Pfähle auf jenem schrecklichem »chemin battu«, den jetzt die Mode so verwegen und unbefangen betritt.
Hier müssen wir einen Augenblick zurückgreifen. Bekanntlich war es Grillparzer, der Beethoven’s Grabrede hielt; nun wurden ihm kurzsichtigerweise und nach Wagner’s Erscheinen folgende Worte daraus noch nachträglich verwiesen:
»Beethoven’s Nachfolger«, schloss der unmusikalische Dichter, wird von vorn anheben müssen, denn er selbst hat geendet, wo die Kunst endet.« Und dabei ahnte Grillparzer wohl gar nicht, wie wahr er sprach!
In der That hub Beethoven’s Nachfolger von vorne an und erklomm einen Berg, um auch er — und dies ist bedeutsam — zu enden, wo die Kunst endigt.
Wo sie aber zu Ende ist, dort behauptet wie eine wahnsinnige tote Karrikatur die heutige Musik ihren unredlichen Platz.
Wagner, dieser einfache Mann, der ohne Stil, nur von Gedanken gedrängt, sie so gross und unschuldig niederschrieb, hätte er doch den Missbrauch seiner tiefen, weittragenden Worte geahnt. — Mit Siegeln nur hätte er dann seine Bücher vermacht!
Denn die göttlich stillen Seen, die ein Adler erschaute, sind nun ihrer Einsamkeit entweiht und von der lauten Menge umlagert. Eine so schauderhafte Vulgarisation, eine so triviale Gier, hohe Gefilde zu umlärmen, hat sich ihrer bemächtigt, dass alles Urteil befangen liegt, und keiner seine eignen Worte mehr spricht. Die Halbgebildeten, die Ungebildeten, sie stürzen alle voran. In dieser eitlen Wut ist jedes Unterscheidungsvermögen gelähmt, einer ist der schwächere Abdruck des andern, und alle halten sich krampfhaft an dieselbe Schnur. Nie aber verklingt das letzte hohle Wort!
Ein Abhang im Schatten, ein Fels in der Dämmerung tönt voller als heutige Musik!
Ach! käme doch einer, der unsre Geheimnisse in ihre alten Schleier hülle, bis wir gelernt haben, sie wieder zu verschweigen.
Vielleicht werden wir dann die Früchte ernten, die wir so jäh herunterrissen, vielleicht gelangen wir dann auf Umwegen ans Ziel, vielleicht erschliessen sich uns dann neue Aussichten, ein neues Land und neue Bewandtnisse.
Betrachten wir es genau: Das hehrste Sujet der Menschheit haben unsre grossen Geister scheu umschifft, und ihre unbeschreiblich zarte Jüngerschaft haben sie nicht gesagt oder nicht zu sagen vermocht.
Wir aber wissen wohl in aller Stille, dass durch sie von Ferne eine Gestalt sich uns nähert, die uns so unerklärlich und unfassbar bleibt.
Wir fühlen in der beglückenden Harmonie eines Plato, in Shakespeare’s Tiefe, in Goethe’s Erhabenheit, im Fluge Beethoven’s, in Mozart’s Klang, in Wagner’s Blick, in der Sensibilität eines Schopenhauer (um einmal all die armen Abgedroschenen zu nennen!); wir fühlen, dass aus allen grossen Gemütern etwas ausgeht, was uns mit einer seltsamen Ahnung durchschauert betreffs eines, Gott sei Dank, noch nicht zu oft genannten Namens.
Aber welches Genie schwänge sich auf eine so schwindliche Brücke und ergriffe den intangibelsten aller Fäden?! —
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... Ein Frosch sass im nassen Grasse, befriedigt und ... ... Ein Frosch sass im nassen Grase, befriedigt und ...
... wilder undunkelter Bach stürzt er im Schatten dahin. — ... ... wilder umdunkelter Bach stürzt er im Schatten dahin. — ...
... Licht fällt, dass Kühle und Dunkelheit überrall einbrechen, ... ... Licht fällt, dass Kühle und Dunkelheit überall einbrechen, ...
... symetrisch aufzubauen wusste! Seine Gedanken machten ... ... symmetrisch aufzubauen wusste! Seine Gedanken machten ...
... Dichter«, wird von vorn anheben müssen, denn er selbst ... ... Dichter, wird von vorn anheben müssen, denn er selbst ...