NEMESIS. Eine zeitgemässe Betrachtung.
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Dass die Welt ihre grossen Menschen so vielfach verkannte, trug besonders für die Kleinen schlimme Folgen.
Denn die Grossen kommen über kurz oder lang darüber hinweg (sei’s nur, indem sie das Leben überwinden!), und ihre Landsleute halten dann frohlockend an ihre Namen als an ihr Eigentum fest; und starben diese Grossen im Elend, so trägt das Schicksal und der Einzelne die Schuld, denn die Allgemeinheit rettet sich ja stets.
Dass es das ewig selbe Spiel bleibt, übersieht man, und klüger wähnen sich die Menschen jedesmal geworden, wenn sie pietätvoll ihren grossen Toten Säulen, Monumente und Brunnen errichten.
Aber die Rache gräbt unermüdlich, und alles rächt sich tausendfach!
Weil der Flecken nun so klar am Tage liegt, wie taub und blind wir für unsre Helden waren — glaubt ihr, darum sei er getilgt und der urteilslose Unverstand samt seinen Folgen abgeschafft?
Ein Unterschied ist freilich da: der Vielbescholtne krankt nunmehr an seinem üblen Ruf, darf nicht mehr schelten — wagt es nicht — und lässt geschehen. Flugs dehnen sich da kleine Menschen himmellang, und bleibt die Menge scheu vor ihren Produktionen, so verzagen sie nicht mehr, denn die berühmtesten Vorbilder schweben ihnen vor, und die Tradition der Verkannten haben sie ja für sich!
»Wirklich?« fragen sie mit einem unendlichen Lächeln, »mein Werk gefällt euch nicht?«
Da blickt einer zaghaft zum andern, und einer nickt, und kleinmütig nicken sie alle, denn sie sind die junge Generation und büssen für den Unverstand der alten umgekehrt!
Das grosse eine Merkmal des Schönen, dass es zwanglos um sich greifen und unfehlbar, sei ihre Zahl vorerst noch so gering, die Herzen treffen muss — auf dieses eine Merkmal, das doch zugleich auch unsre eigne Würde rettet, auf dies pochen wir nicht mehr, denn unsre Augen sind nicht unschuldig genug, und unsre Vergangenheit ist zu sehr getrübt!
Den Lohn tragen wir nun davon! Auf dem schönen Erdreich, dem wir keine Frucht entnahmen, schiesst das Unkraut so munter wie nur je empor, und auf geweihtem Acker kauert dieselbe alte Schlange!
Und die grossen Menschen?
Je nun, man weiss vorerst nie, wo sie stecken, und sie haben nach wie vor ihre Müh’. Auch sind die Zeichen nicht günstig. Aber vielleicht wirft uns die Flut der Zeit wieder einen ans Land, der den Weg wüsste aus all den verschlungenen Pfaden heraus und sich zur Stunde grämt, weil ihn der breite Fluss des Irrtums überrauscht!