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Kurze Aufsätze

DAS TRAUMBUCH.

Reading edition

Man wirft mir so gerne vor, dass ich nicht schreibe! —

Aber erstens! — — —

Und zweitens gehört hiezu doch auch eine leidliche Erfindungsgabe, und ich bin nur deshalb so leichtgläubig, weil ich auf das Gegenteil von dem, was man mir sagt, von selbst gar nicht gerate, eine solche Veranlagung ist nicht eben produktiv!

Über Gegebenes, Menschen wie Dinge, kann ich lange und eindringlich nachdenken, nur muss ich sie haben! — Aus der Luft greife ich nichts, denn eine unübersteigbare Kluft trennt mich von jener Fähigkeit zu schaffen, die so beglückend und erhebend sein muss und wohl deshalb so selten ist.

Die einzige Genugthuung jedoch, welche mir diese endlich errungene Erkenntnis bot, war, dass ich mich frei sprechen konnte von aller Schuld, wenn keine Gedichte und keine Romane aus meiner Feder flossen, denn wie viel besser wusste ich als alle andern, dass ich keine zu stande brachte!

Als ich aber hierüber noch nicht im Reinen war und mir die Menschen so manches versicherten, was mich nicht überzeugen konnte und doch sehr verdross — fasste ich einmal einen verzweifelten Plan, den ich auf die äusserste Spitze treiben wollte und einem Mann von Fach zu eröffnen beschloss.

Ich liess mich bei ihm melden und erhielt einige Tage darauf ein zierliches Briefchen, worin er mich auf sein Landgut zu einer Unterredung berief.

Nun hatte ich nachts bevor, folgenden Traum: Ich, die nie im Leben geritten war, sass plötzlich hoch zu Ross, ritt andern Reitern, die mich beschworen einzuhalten, voran, liess mich dann langsam herabgleiten und stieg die Treppe zu unserm Hause hinauf.

Dann erwachte ich. — Da jedoch dieser Traum sehr lebhaft in meinem Gedächtnisse haften blieb, so schlug ich in meinem Traumbuch nach, ob eine Deutung darauf stünde und las folgendes: »Unterlasse nicht, was du vorhast!« Mir aber kam diese Weisung wirklich wie gerufen, denn schon lange wollte ich einen recht flagranten Beweis in Händen haben, der mich von meiner Leichtgläubigkeit endgültig kurierte. Derselbe Abend sollte mich ja noch belehren!

Dann verliess ich mein Haus und nahm den Zug.

Das Wetter war leuchtend, und zuletzt führte mein Weg auf einem schmalen Fusspfad durch ein hohes Kornfeld.

Ganz ergriffen hielt ich da inne; denn die Welt war an diesem Tage zu schön, ihr Schein zu unbeschreiblich!

Ovid’s Verwandlungen berührten mich mit einemmale als naturgemäss, und mir war, als würde ich selbst zu jenem singenden, summenden Kornfeld, so sehr entzückte mich gerade an dieser Stelle das goldene Leben unserer Erde.

Doch nur wenig Schritte trennten mich von der Besitzung, in der meine Autorität hauste, und nun erschien mir mein Plan erst recht in seiner ganzen Unausführbarkeit.

Eine Stunde später ging ich denn auch sehr gemessen denselben Weg wieder zurück: Zuerst war der Mann von Fach sehr ernsthaft drei Schritte zurückgewichen und hatte mich angestarrt. — Aber in sein langes herzliches und eindringliches Lachen musste ich am Ende doch einstimmen.

Träume! dachte ich nun und wurde nachdenklicher mit jedem Schritt, denn manches schien mir doch recht befremdend auf der Welt.

Wie kam es zum Beispiel, dass die Alten, diese klugen, spöttischen Griechen, denen die Wirklichkeit so voll genügte, solche Acht auf ihre Träume hielten, dass die Geschichte selbst sie uns ganz ernsthaft mit Daten und Thatsachen bringt? Vor jedem Schlachtenberichte stehen sie da als Avantgarde, und jeder Feldherr klügelt über den seinen!

Nun denke man sich nur einen modernen Geschichtsschreiber Napoleon’s oder Bismarck’s Träume und dann zum Schluss noch seine eignen verzeichnend. Und das mit der gebietenden Miene eines Plutarch!

Wäre es möglich, dass hier etwas dahintersteckte und es uns verloren ging?

Sonst dienen uns doch die Alten so gerne als Vorbild.

Wer aber würde sich heutzutage mit derlei befassen? Die eigentliche Bibliothek des Traumbuchs ist die Küche geworden und geschwätziges oder ungebildetes Volk beratschlagen es. Nur ich besass noch eins, kraft jener Erfindungsunfähigkeit, jener Sucht zu glauben, und auf glaubwürdiges zu lauern. Alle Exzesse und Irrtümer stehen da offen.

So dachte ich, von dem wogenden Kornfeld nicht länger impressioniert, im Dämmerlichte des sinkenden Tages einhergehend und eignem Grübeln.

Da plötzlich unerwartet, ungeahnt — stand vor meinen bestürzten Augen nicht das Gelingen meines Planes — eine andre Erfüllung, die meinen Traum wachrief wie mit einem langgedehnten Ruf, und wie einen kalten Hauch empfand ich meine eigne Blässe.

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