DER ZUFALL?
Reading edition
Was giebt es unvermeidlicheres, berechneteres und dabei natürlicheres wie den Zufall?
Was ist abgefeimter und grausamer oder gütiger? Wir können ihn weder anklagen, noch ihm danken. — Nie können wir ihn überführen, ihm die Maske entreissen und sagen: »Dies hast du gewollt und über mich gebracht.« — Denn die natürlichste Verkettung der Dinge hat es herbeigeführt.
Was sollen wir mit diesem raffinierten Zufall anfangen, der unsere Schritte lenkt und doch nur als ein leerer Schleier in unsern Händen bleibt? — Am besten ist es wohl, ihm zu vertrauen; allein man lernt dies nur nach Jahren, und nach geprüften Jahren. Erst treibt es uns, ihn gewaltsam herbeizuführen, unsern Willen dem seinen gegenüberzustellen, und dann erst wird der Zufall so recht feindselig und allmächtig!
Was hängt er nicht alles an eine Begegnung? Ob wir eine Minute früher oder später in diese Gasse bogen, mag über eine unbeschreibliche Reihe von Unglückstagen entscheiden — sie von uns abwenden oder über uns bringen.
»Es giebt keinen Zufall!« — sagt Schillers Wallenstein. Aber damit sagte er schon zu viel; denn der Zufall entzieht sich uns so fern, dass er nicht einmal diese Behauptung ermöglicht.
Als ich in Paris anfing, mit dem Gedanken umzugehen, ich wäre am liebsten wieder zu Hause, erhielten wir eines Tages aus Marseille einen sorgfältig verpackten Schlüssel und einen Brief. Es war ein Angebot, die Wohnung einer Dame zu beziehen, währenddem diese im Süden weilte und ihr schöner Flügel wurde ganz besonders gerühmt, aber wir machten von all dem keinen Gebrauch, denn es kam so vieles dazwischen.
Da plagte mich eines Morgens ein unverkennbares Heimweh. Wir wohnten in einer jener engen Strassen, die den Himmel versperren und die Menschen zusammendrängen wie auf einem Schiff. Draussen war es regnerisch und schwül, und ich sehnte mich fort; da fühlte ich zufällig unter meinen Fingern den Schlüssel jener Wohnung, und um mich gewaltsam aus der Stimmung zu reissen, in der ich mich befand, machte ich mich zur Stelle auf den Weg nach diesem Hause. —
Als ich aber dort die ziemlich hochgelegene Wohnung betrat, lag sie in so rabenschwarzer Nacht, dass ich alsbald wieder hinunterging, um mir bei dem Concierge ein Licht zu verschaffen.
Dieser hatte indes seine Loge verlassen, und ohne auf ihn zu warten, zündete ich mir eine Kerze an und eilte wieder hinauf. —
Auch nicht ein Schimmer des Tageslichtes drang in diese Räume! Eiserne, verriegelte Läden schlossen es gänzlich ab, und der Lärm von Paris klang da gar seltsam herein, denn öde war es hier! — Als hätte ein Unglück die Bewohner plötzlich vertrieben, so dass sie alles liessen wie es war, nur dem Lichte wehrend, bevor sie flohen. Denn nichts war aufgeräumt. Im ersten Zimmer stand ein blauseidnes Bett aufgeschlagen und bestaubt, vom Baldachin hing eine lange Kordel zerrissen herab. Die Kerze beleuchtete nur immer dürftig eine einzige Stelle, aber im Vorübergehen sah ich Gegenstände verwahrlost herumliegen, zertrümmertes Krystall, zierliche Louis XV.-Möbel und einen offenen Schrank. Es war, als ob hier Diebe gehaust hätten, und als seien sie dann in der Hast über alles davongestiegen. So unheimlich war der Anblick all dieser Zimmer, dass ich, ohne mich länger umzusehen, den Salon suchte, wo der Flügel stehen musste, um dann schleunigst wieder fortzukommen. Ich entdeckte ihn denn auch, zwischen zwei Fenstern stehend und von einer Decke geschützt. Als ich diese zurückschob, hob sich ein Schwarm von vielleicht tausend Flöhen und stieb in gerader Linie auf mich los.
Ich fuhr zurück — wahrscheinlich zu rasch — die Kerze verlosch! —
Was dies für mich bedeutete, war mir sofort klar. Denn ich hatte im unverantwortlichen und unbegreiflichen Leichtsinn die Zündhölzer unten gelassen. —
Nie aber würde ich in dieser Finsternis die Hausthüre finden, und wenn ich sie fände, niemals unterscheiden — den Weg zurück wusste ich nicht. Es waren so viele Zimmer gewesen und kein Gang. Alles ineinand geschachtelt, wie es in französischen Wohnungen oft ist. Ich tastete nach dem Schlüssel, aber der Schrecken hatte mir alle Erinnerung benommen. Ich fand ihn nicht mehr.
Mit den Händen fuhr ich der Wand entlang bis zum Fenster, allein die Läden mussten einen eigenen Verschluss haben und schnitten mir in die Finger, ohne zu rücken. Behutsam ging ich vorwärts, vielleicht drang doch in irgend eine Kammer ein Schimmer von Licht und war von dort aus ein Zeichen möglich, aber überall war Finsternis und Staubgeruch als läge ich tief unter der Erde.
Der Concierge würde den Leuchter kaum vermissen, den ich unter vielen andern aus seiner Loge fortnahm, keinesfalls aber auf mich geraten und die Meinen hatten keine Ahnung wohin ich gegangen war, denn als ich von Hause fortging war ich allein gewesen. — So war zwar meine Rettung lange noch möglich, noch grösser aber die Gefahr, dass ich hier verschlossen und vergessen bliebe.
Meine Wanderungen nach der Hausthüre begannen von neuem. Griffe ich sie, so wollte ich dort stehen und rufen. Allein ich fand sie nicht!
Es liess sich keine Thüre von der andern erkennen, kein Zimmer, keine Kammer. Einige waren versperrt. Wie in einer Falle irrte ich blind umher und wurde immer unfähiger, mich zu orientieren; denn von den Räumlichkeiten hatte ich die Verhältnisse nicht entnommen, und der Ausgangspunkt war mir längs verloren.
So musste ich mich meinem Schicksal ergeben. Die Zeit verging, und wie rings um mich, so war es jetzt auch in meinem Herzen Nacht. Aber statt der Verzweiflung kamen mir da plötzlich Gedanken: Was für einen Sinn hätte denn ein solcher Abschluss? Welche Deutung konnte ich meinem Tode abgewinnen?
In meinem Leben konnte ich nichts entdecken, aber dies Leben selbst erschien mir da merkwürdigerweise wie ein arger Schuldbrief, und ich werde wohl nie mehr so tief und ruhig zu denken vermögen, wie in jenem so hoch über der Erde gelegenem Grab!
Wie spät es geworden sein mochte ahnte ich nicht. Immer wieder begannen meine finsteren Wanderungen, mein Tasten nach Thüren und mein Rufen. Meine eigne Stimme versetzte mich in solche Angst, dass es wie wahnsinnig in meinen Schläfen pochte. Den Hunger sah ich schon als meinen Gefährten, und heiss und blutig drang mir’s nun ins Gehirn. — Und wie betäubt stiess ich zuletzt gegen eine scharfe Kante und empfand etwas Kaltes unter meinen Händen.
Daraus schloss ich, dass ich mich wieder in einem Zimmer befand, denn dies fühlte sich wie ein marmorner Tisch. Ich fasste ihn mit der andern Hand: da durchzuckte mich jäh eine wilde, triumphierende Lebensfreude. Was da meine suchenden Finger ergriffen hatten, war — eine Zündholzschachtel!
Zitternd fachte ich eines an und starrte jetzt auf ein gespenstiges Wesen, das mit hohlen Augen unvergesslich auf mich blickte.
Allein bevor die Angst noch ihre Klammern auf mich legen konnte, gewahrte ich den hohen Spiegel, vor dem ich stand, woran die schmale Marmorplatte angebracht war, an die ich stiess. Lange Kerzen stacken da in Kandelabern, und mechanisch zündete ich sie an; von meinem eignen Bilde keinen Blick verwendend, denn wie von einem Drama war ich hier gefesselt.
Das Entsetzen auf meiner Stirne, die trostlose Ergebenheit meiner Züge, die Todesahnung war auf meinem Gesichte geblieben. Obwohl ich mich gerettet wusste, immer starrte ich noch wie eine Verlorene.
Was hinter diesen weitgeöffneten Augen vorgegangen war, wusste ich so wohl, der schon wie eingefallene Mund, warum er so bitter geschlossen war, das herabgezogene Kinn, der zurückgehaltene Grimm. — Und dabei war mir’s als erschaute ich das Selbsterlebte nun zum erstenmale.
So blieb ich vor dem Spiegel gebannt, bis meine Augen sich verkleinerten und die Farbe, als sei nichts geschehen, sich allmählich wieder einstellte. —
Der Raum, in dem ich mich befand, war ein kleines Durchgangszimmer, und die Begebenheit so einfach und natürlich!
Es hatte hier jemand eine Schachtel Streichhölzer vergessen. Weiter nichts!
Es war eben jener blinde und hundertäugige Zufall, jener unberechenbare Stern, der über unser Leben waltet und es erhält oder vernichtet.
Den Schlüssel, die Thür und den Weg ins Freie hatte ich nun bald gefunden; wieder hinab in das rege Paris.
Die Boulevards schimmerten im Abendrot, und die Knospen der Bäume waren nach dem Regen hold geschwellt.