Haß und Liebe.
Reading edition
Haß.
»Norine, Norine! Wo steckt sie nur wieder?«
»Ja – ruft Ihr nur!« Die Gerufene hockt – die Füße dicht an den Leib gezogen, eng zusammengekauert – in der dunkelsten Ecke des im Hofe gelegenen Katzenstalles und horcht mit trotzig aufgeworfenen Lippen in souveräner Nichtachtung auf die Rufe der alten Köchin. »Könnt immerfort rufen!« sagt sie entschlossen leise, und ihre jungen Katzen an sich ziehend, brütet sie sich fest und immer fester in ihren Entschluß hinein. Ja – sie war mit sich einig. Sie würde sie nicht empfangen. Es hätte des zufällig von ihr überhörten Ausspruchs der alten Köchin, »daß Stiefmütter alle Hexen seien«, nicht erst bedurft, um sie zu bestimmen, nachdem sie Paul Dierkes, des Bäckers Jungen, hatte auf der Hintertreppe des Ladens sitzen und zur Mittagsstunde eine unbestrichene harte Semmel verzehren sehen.
»Wenn man eine rechte Mutter hat,« philosophierte sie, »so bekommt man ein warmes Mittagbrot in einer Stube, und braucht nicht, wie der arme Paul Dierkes, eine unbestrichene Semmel – – und auf der Hintertreppe« – Norine wußte es eigentlich selbst nicht, wie es unter der Leitung einer »rechten« Mutter zuging. Sie hatte die eigene nicht gekannt – Norine wußte auch nicht, daß der vielbeklagte Paul Dierkes an ebendemselben Tage einige Kuchen aus dem Bäckerladen heimlich entwendet hatte, welcher Thatsache er es dankte, daß er zu Mittag eine Semmel verzehrte, aus Furcht vor der Strafe, die ihn gerechterweise von seiten der Eltern bei seiner Heimkehr treffen mußte.
Norine saß also – während die Stiefmutter erwartet wurde – zusammengekauert in dem Stall bei ihren Katzen. Der aus Brettern aufgebaute, sehr zerfallene Raum mochte vor Zeiten eine Wagenremise vorgestellt haben – spätere Bewohner des Hauses hatten ihn zur Herberge eines Pferdes eingerichtet, und jetzt diente er endlich der Familie Raimond als Holzkammer, während Norine sich darin eine Abteilung für ihre Katzen reserviert hatte – die sie allmählich ausdehnte – so daß nur noch ein geringer Teil des Stalles dem Hause, ein großer aber dem Kinde als Spielort diente. An dieser Stelle durchlebte Norine die Freuden und Leiden ihres jungen Daseins. An dieser Stelle pflegte, fütterte, unterhielt sie ihre alte Mietz und deren schneeweiße Jungen – an dieser Stelle empfing sie, gegen das Verbot des Hauses, ihren Spielkameraden Paul – an diese Stelle endlich trug sie ihren Zorn bei der Vermeldung des väterlichen Entschlusses, dem Hause eine Vertreterin und ihr – Norine – eine zweite Mutter zu geben. Und diese Vermeldung! Sie war ebenso kurz und zerstreut und gütig gemacht worden, wie der Vater eben alles machte, was ihn von seinen Büchern ablenkte. Er hatte allerhand dem Kinde unverständliches gesagt von Vormundschaft einer gebildeten Dame, deren Mutter plötzlich gestorben – von Pflichten als langjähriger Freund der Toten und von ernstester Sympathie und dergleichen mehr. Norine hatte halbverwirrt zugehört und den Vater abreisen sehen, und von irgendwoher war eine Meldung angelangt, die seine Verheiratung ankündete. »Komme in drei Tagen an!« hatte der Bericht gelautet und seither rannten die alte Doris und die schnippische Lisbeth fortwährend treppauf treppab, um zum Empfang der neuen Herrschaft alles »blank« zu machen, wie Doris sagte. Ja, sie konnten rennen! Norine hatte sich die Sache nach allen Seiten beleuchtet – das Endresultat blieb dasselbe. Sie brauchten keine Frau im Hause. Was sollte sie da? Der Vater hatte ja seine Bücher und sein Essen brachte die Doris immer zur rechten Zeit, und seine Kleider wurden auch manchmal gebürstet. – Das hatte Norine gesehen. Wozu brauchte man also eine Frau? Norine hatte gehört, wie eine Nachbarin zur alten Doris sagte, »es sei Zeit, daß das Kind eine Mutter bekäme.« – Das Kind! Damit hatte man sie gemeint. Na, sie wollte ihnen allen schon zeigen, daß sie keine Mutter brauchte, und da konnten Doris und die schnippische Lisbeth sich zum Empfang der neuen Dame immer putzen. Sie rührte sich noch nicht einmal von ihren Katzen weg, und wenn sie noch so zottelig um den Kopf wäre und noch so beschmutzt vom spielen. Norine besah sich die kleinen Hände. Ja, beschmutzt waren sie, aber das war ihr eben recht so. Wen kümmerte es, wenn – horch! Wagengerassel. Norine bog den Nacken horchend vor. Ja – richtig! Da marschierten auch schon Doris und die Lisbeth mit den Feldblumensträußen aus der Küche herauf.
»Norine! Norine!«
»Ja – ruft nur!« Das Kind hat mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit ihre Kätzchen an sich gelockt. »Die kann lange rufen,« flüstert sie dem einen Tierchen ins Ohr und kichert verstohlen in sich hinein.
»Norine, der Wagen kommt. Wo bist Du?« Die Stimme erschallt im Hinterhof. Das Kind bleibt unbeweglich sitzen, die Blicke fest und trotzig auf die Thüre geheftet. Sie fährt im nächsten Augenblick zusammen, da Doris vor ihr steht.
»Norine – du läßt mich immerfort rufen. Komm' rasch – der Wagen –«
»Laß ihn kommen!«
»Aber du mußt doch wenigsten gewaschen –«
Das Kind hat sich erhoben. »Ich will nicht!«
Die Alte kennt die Haltung und den Blick. Wenn Norine mit so steifem Körper vor ihr steht – wenn die dunklen Kinderaugen so starr in die ihren sehen – dann ist der Kleinen durch nichts beizukommen. Sie wagt es dennoch mit ganz leiser Mahnung:
»Norine – dein Vater hat gewünscht, daß du –«
»Ich sage dir, ich will nicht!« In den tiefdunkeln Augen blitzt es auf. Die kleinen Hände sind geballt. Doris steht einen Augenblick noch zaudernd vor ihr – dann hört sie nahendes Geroll von Rädern und geht kopfschüttelnd zur Hausthüre hinauf, um dort mit Lisbeth ihre neue Herrschaft zu empfangen.
Norine ist leise auf ihren Platz zurückgekehrt. In ihrem Arm hält sie zwei ihrer weißen Lieblinge – zu ihren Füßen schnurrt die alte Mietz und blinzelt fast verständnisinnig zu der kleinen Herrin auf.
Das Kind ist ernst geworden. Mit vorgebeugtem Nacken horcht es auf das Geräusch, das vom vorderen Hausflur zu ihr dringt. Zuerst Schleifen von Koffern – dann das Öffnen der Salonthüre, die der Thätigkeit ungewohnt, in ihren Angeln knarrt – darauf der Lisbeth piepsende Stimme, die zum Eintreten lud und – – Norine drückte in einer Aufwallung von heftiger Zärtlichkeit ihre Katzen an sich.
»Hört Ihr's? Hörst du's, Mietz, was sie für'n Lärm machen um eine wildfremde Frau, die 'ne Stiefmutter ist und die uns alle hassen wird, und die sofort versuchen wird, uns zu trennen? Paul Dierkes weiß das; er hat's gesagt, daß alle Stiefmütter Katzen hassen und daß sie Euch heimlich fortbringen wird, aber – ich werde aufpassen – ich leid's nicht, mein Mietz, ich leid's nicht!«
Das Kind hatte diese Worte mit energischem Zurückwerfen seines verwahrlosten Köpfchens gesprochen und dann hatte es wieder hinaufgehorcht auf die Stimme »da oben.«
»Das Kind?« hörte sie den Vater fragen, und gleich darauf mit atemloser Spannung die Antwort der alten Doris. Was sagte sie da? »Nicht finden können!?« Norine versetzte ihrer Katze einen verwunderten kleinen Stoß.
»O, Ihr Katzen, hört Ihr's, wie sie lügt, die gute Alte? hört Ihr's? Da, nun geht die Thüre zu. Jetzt sind sie drin. Nein – doch nicht. Da sprechen sie ja noch. Das ist des Vaters Stimme!« Das Kind muß seinen Kopf dicht an die Öffnung der Thüre lehnen, um zu verstehen.
»Hat sich versteckt – sucht doch im Hofe,« spricht der Vater und eine fremde Frauenstimme unterbricht ihn:
»O bitte – laßt sie, ich möchte sie selbst suchen!« Das mußte die neue Stiefmutter sein. Gewiß rückte sie sich ihre blaue Brille zurecht und legte die altmodische seidene Mantille ab. Na – sie sollte nur suchen kommen – das konnte sie ja, aber zum Glück hatte der Stall so verschiedene kleine dunkle Ecken, wo Norine sich mit ihren Lieblingen oft verkrochen und dahin würde Madame mit der Brille und der spitzen Nase wohl – »horch Mietze – ich höre was! Es schleicht ganz sachte an der Holzmauer entlang. Wenn das die Stiefmutter – – Mietze, rasch!«
Kind und Katzen turnten mit unglaublicher Behendigkeit über die umhergestreuten Holzblöcke hinweg, als sich vom Hofzaun her eine Stimme hören ließ und die Gestalt eines Knaben von der Mauer herab sichtbar wurde.
»Norine!« Die Gerufene blieb zögernd stehen.
»Paul Dierkes – bist du's?«
»Ja!«
»Komm' 'rüber!« Es hätte der kategorischen Aufforderung nicht bedurft. Der sehr blonde, sehr gelenke – verschmitzt blinzelnde Bäckerssproß stand schon an ihrer Seite.
»Ist sie da?« Seine Kopfbewegung nach der Richtung des Hauses hin war nicht mißzudeuten. Er meinte die Stiefmutter. Norine nickte.
»Na – wie war's?«
»Weiß nicht,« sagte die Kleine, ein triumphierendes, braunes Gesichtchen zeigend, »ich war nicht drin!«
»Ach was! Donnerschock!« Der Knabe stand ihr gegenüber.
Er blickte mit unverhohlener Bewunderung in das dunkle glühende Gesicht der Kleinen und wiederholte im Flüsterlaut seinen Lieblingsausruf: »Donnerschock!«
Sein Lob that ihr wohl.
»Komm herein,« sagte sie einladend, die Schritte in das Innere des Stalles wendend. Dicht vor ihrem Katzennest blieb sie stehen und wandte den Kopf: »Aber nicht necken,« drohte sie ernsthaft.
»Na, vor mir kannst du sicher sein,« erwiderte der Bursche grinsend, »ich dachte, die Gefahr für deine Katzen käme von dort.«
Norine hatte sich auf die Erde gesetzt und ihre Lieblinge an sich gelockt. Paul stemmte den Fuß auf eine quer über dem Boden liegende Planke und ließ sich herbei, mit überlegenem Blick auf die Tiere herabzulächeln.
»Schade!« sagte er plötzlich, ein ernstes Gesicht ziehend, und das Mädchen sah rasch zu ihm auf.
»Was ist schade?«
»O nichts – ich dachte nur so – wie schade es wäre, wenn die neue Madame es mit den Tieren so machte, wie es meine mit dem Dot« –
»Dot? War das dein Hund?« Der Knabe nickte.
»Was hat sie gemacht?« fragte Norine, gespannt aussehend und Paul machte mit der Hand die rasche Bewegung des Erdrosselns.
»Tot?« fragte das aufhorchende Kind und der Knabe erwiderte trocken: »Mausetot!«
Mit sehr erregtem Gesicht und einer raschen Geberde halb der Angst halb des Zorns umfaßte die Kleine die weiße Katzenfamilie und drückte sie schützend an sich:
»Wenn sie es wagt,« rief sie mit funkelnden Augen, »wenn sie es wagt« – der warnend erhobene Zeigefinger des Kameraden ließ sie abbrechen.
»Was?« –
»Es kommt Jemand!« Beide Kinder standen jetzt aufrecht Seite an Seite. Beider Kinder Augen hingen an der niederen Thüre des Bretterhäuschens. Des Knaben Blicke hatten einen lauernden, die des Mädchens einen trotzig herausfordernden Ausdruck. Der Schatten der auf den Weg fiel, zeichnete die Linien einer jugendlich schlanken weiblichen Gestalt. Im Rahmen der Thüre bückte sich ein von dichten Flechten umgebener blonder Frauenkopf.
»Bist Du Norine?« Die Stimme, die da sprach, war ganz dazu angethan, Groll zu verscheuchen. Zürnende Kinderherzen geben sich dem Eindrucke jedoch nicht so leicht hin. Norine stand, die dunklen Augen fest auf die Fremde gerichtet, unbeweglich da. Trotzig, schweigend preßte sie die Lippen aufeinander.
»Also hierher hast Du Dich geflüchtet? Und das ist Dein Freund? Paul – nicht wahr? Siehst Du, Das weiß ich Alles schon!« Der Knabe schoß rasch einen Blick hoch und senkte ihn wieder, dann schob er die Hände in die Hosentaschen und grub etwas verlegen den Absatz seines Stiefels in die lockere Erde ein.
»Sind das Deine Katzen?«
Norine stellte sich plötzlich schützend davor.
»Siehst Du?« flüsterte der Knabe unter vielsagendem Augenblinzeln.
War der jungen Frau die Pantomime entgangen, oder wollte sie nichts gesehen haben? Über ihr Antlitz flog ein leichtes Rot, das sofort wieder verschwand.
»Ich möchte mir Deine Lieblinge gern genauer ansehen,« wandte sie sich an Norine, ohne den Knaben zu beachten, »aber« – hier lächelte sie ein wenig – »ich fürchte mich vor Katzen!«
»Ha – ha!« Es war eine hämische Lache, die der Knabe aufschlug, und seine Dreistigkeit gab dem jüngeren Kinde die Haltung wieder. Sie machte Miene, in sein geringschätziges Lachen einzustimmen, sah aber doch, wie von einem ihr innewohnenden Etwas gedrängt, mit großen Augen zu der jungen Frau auf.
»Magst Du gern Vögel?« fragte diese jetzt, und ohne auf eine Erwiderung zu warten, fügte sie ihrem Satz rasch noch einen bei: »Ich habe noch einen Vogel – einen goldgelben. Wenn Du ihn sehen möchtest – wenn Ihr ihn sehen möchtet« – verbesserte sie sich zögernd, »so könnt Ihr nur mit mir hinaufkommen!«
Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich und stieg ohne Weiteres die kleine Treppe hinauf, die vom Hinterhof in das Haus führte.
Die beiden Kinder sahen sich einen Augenblick an.
»Wenn Du gehen willst« – sagte der Junge.
»Na – willst Du denn?«
»Du kannst ja gehen,« gab Paul in unlogischer Erwiderung zurück und gleich darauf, »was ist es denn für'n Vogel?«
Sie hatten sich, indem sie sprachen, gegenseitig der Thüre zugeschoben. Nun, da sie auf der Außenschwelle standen, marschierten sie ohne weitere Kommentare auf die Hintertreppe zu, und waren – ehe sie sich's recht eigentlich bewußt waren – an der offenen Thüre des für die Stiefmutter neu eingerichteten Wohnzimmers.
In der Mitte des behaglichen kleinen Raumes stand die junge Frau. Sie hatte den Rücken zur Thüre gekehrt, während sie, vor einem Vogelbauer stehend, dem zwitschernden Tierchen durch die Goldstäbe seines Käfigs ein Stückchen Zucker hinhielt.
»Kommt nur herein!« sagte sie, ohne sich umzuwenden, und Paul schob Norine mit knabenhaft verlegenem Ellenbogenstoß in das Zimmer. Er folgte langsam und hielt sich – Gleichgültigkeit heuchelnd – in der Nähe des Ausgangs.
»Er heißt Jack – mein Vogel,« sagte die junge Frau, einen freundlichen Blick auf das Mädchen werfend. Da das Kind, ohne seine feindselige Miene abzulegen, stumm zu dem gelben Tierchen aufsah, sprach auch sie während einiger Minuten nichts. Es entstand eine kleine Pause in der das Vögelchen lustig weiter zierpte und an dem Zucker pickte. Plötzlich wurde das Schweigen unterbrochen.
»Woher haben Sie'n?« fragte Paul in dreister Neugier, und die Antwort kam sehr rasch und in eigenartig tiefem Tonfall.
»Von meiner Mutter!«
»So?« Es war wieder der Junge, der das kleine Wörtchen in gedehnt gleichgültiger Manier sprach, und Norine stellte – in dem Bestreben, es ihm gleichzuthun – ihre erste Frage. »Wo ist sie?«
»Sie ist gestorben,« erwiderte die junge Frau, und die Kinder bemerkten, daß sie leise – ein wenig heiser sprach. »Sie war lange krank, aber ich mußte ihr jeden Tag den kleinen Jack an ihr Bett stellen, damit sie ihn selbst fütterte. Bevor sie starb, gab sie ihn mir. Du begreifst, wie ich ihn lieben muß – und wie –« sie brach plötzlich ab. Hatte sie doch zu sehr auf das Gemüt des Kindes gerechnet, oder war bei dem trotzig dastehenden Kinderpaar der Begriff »kindliche Liebe« noch nicht erwacht?
Über das Antlitz der jungen Frau zog ein Schatten, als sie sah, wie der Knabe den Mund über den gelblichen Zähnen schief zog – wie dann das Mädchen – einen verständnisvollen Blick zu ihm aussendend – mit ihm zugleich in eine spöttische Lache ausbrach und davonlief.
Im Zimmer stützte sich die junge Stiefmutter schwer auf einen Sessel. »Es ist nicht leicht,« sagte sie leise vor sich hin – und mit der Hand über die Augen fahrend, seufzte sie einigemal tief auf, dann trat sie an das Fenster und blickte in den Hof hinab.
Sie hatte Schweres auf sich genommen. Vielleicht empfand sie das in diesem Augenblicke erst voll und ganz, denn das junge Gesicht hatte einen ernsten, sinnenden Ausdruck angenommen, der sie um Jahre älter erscheinen ließ. Die beiden Kinder waren im Hofe angelangt. Der Knabe hatte sich auf den Zaun geschwungen und Norine lehnte gegen den Bretterbau. Sie mußten wohl von ihr sprechen. Die blonde Frau erkannte es an dem störrischen, trotzigen Blick, mit dem die Kleine das Haus streifte. Wie böse konnte das Kind aussehen! Wie abwehrend kalt war seine Haltung! Wie gerade die Linie, welche die dichten Augenbrauen miteinander verband!
Die junge Frau gedachte der kleinen Mädchenschar, unter der sie seit Jahren als Lehrerin gewaltet, bei der es nur eines günstigen Blickes, eines Lächelns bedurft hatte, um sie weich und gefügig zu stimmen. Das Lächeln war ihr schwer geworden, seit dem Tage, da ihr die Mutter, die lange kränkelnde, gestorben war. Aus ihrem einsamen Herzen heraus konnte sie mutig den Entschluß fassen, einem anderen verwaisten Wesen eine Stütze zu sein, und so willigte sie gern ein, ihre Hand in die des älteren Mannes zu legen. Auf den Widerstand, den ihr sein Kind entgegengebracht, war sie zum Teil gefaßt.
»Das Wort Stiefmutter klingt herb,« hatte sie selbst ihrem Manne gesagt, als dieser ihr flüchtig von dem Trotz des Kindes gesprochen, »ich begreife, daß sie sich gegen mich auflehnt, aber ich werde ihren Widerwillen besiegen!«
Einige Zweifel an dem Erfolg mochten in ihr aufgestiegen sein, als sie so nachdenklich am Fenster lehnte und auf die Kindergesichter hinabsah. Sie öffnete leise die Flügel des Fensters und horchte hinaus auf das Gespräch der beiden.
»Ich wette,« hörte sie den Knaben höhnisch sagen, »ich wette, daß sie die Katzen ertränkt!«
»Nein,« gab das Mädchen kurz zurück.
»Du wirst ja sehen,« reizte er weiter, und vom Zaune sich hinabbeugend, spie er mit Gleichgültigkeit in den Hof hinab.
Die Kleine sann einen Augenblick nach. Dann sah sie auf. Ihre Augen blitzten. »Ich lasse sie nicht hinein,« erklärte sie.
»Ha, sie wird Dich gerade fragen!« Der Hohn, der in seiner Rede lag, machte sie ersichtlich stutzig.
»Wie meine Alte den Dot wegschaffte, that sie's in der Nacht. Deine holt die Mietz auch Nachts!«
Norines Augen wurden groß und finster.
»In der Nacht?« wiederholte sie unsicher – dann in aufsteigender Besorgnis: »da schlaf' ich ja!«
»Ja eben!« Der Knabe weidete sich offenbar an dem Angstblick der Kleinen. Er schielte lauernd auf sie herab und schnellte plötzlich hoch.
»Weißt du,« begann er, »wenn es dir eine Beruhigung ist, so bleibe ich die Nacht hier und halte Wache.«
Norine blickte atemlos zu ihm auf.
»Wo?« sagte sie, über seine unerwartete Großmut verwirrt.
»Ach – ich schlafe im Stall auf der Erde. Uns Jungens« – prahlte er großthuerisch – »uns macht das nichts. Kannst ganz ruhig sein. Wenn sie kommt und deine Katzen holen will – na, laß' mich nur machen. Ist ein Schlüssel drin?«
Es war keiner drin und der Knabe beruhigte sich auch darüber.
»Thut nichts,« meinte er, »ich baue eine Barrikade!«
Es war Abend geworden.
Aus dem Schatten der Finsternis löste sich die schlanke Gestalt der jungen Frau ab. »Der Bösewicht!« sagte sie für sich, einen letzten Blick auf den Stall hinabwerfend, in dessen Inneres der Knabe verschwunden war, und dann stand sie lange regungslos da und starrte in den dunkel werdenden Hof hinaus, bis Norine auf wiederholtes Rufen der alten Doris ins Haus trat; dann eilte sie rasch in den Korridor hinaus dem Kinde entgegen.
»Du gehst schlafen, Norine?« Das Kind sah finster auf.
»Ja,« sagte es kurz im Weitergehen.
»Willst du mir nicht gute Nacht sagen?« Ohne den Blick zu erheben, machte das Kind vor ihrer Zimmerthüre halt. Die Antwort kam hart und frostig.
»Nein!«
»Norine, du« – eine Sekunde lang schoß es glühendrot über Stirn und Wange der Frau, dann sprach sie langsam und sanft weiter: »ich habe dein Gespräch mit Paul mitangehört. Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich deine Katzen –«
Ein heftiges Zuschlagen der Zimmerthüre Norines schnitt der Sprecherin das Wort ab. Norine war drin. Sie stand mit zusammengepreßten Lippen auf der inneren Schwelle und horchte auf die davongehenden Schritte der Stiefmutter.
Sie blieb einen Augenblick mit sich im Zweifel, ob das Triumphgefühl, das sie empfand, wohl ganz berechtigt war.
Liebe.
Es war spät geworden. Norine lag mit weitgeöffneten Augen in ihrem Bette. Die Erregungen des Tages ließen sie nicht schlafen. Es war ihr, als müsse sie wachen, um zu verhüten – nein doch – es war nicht nötig. Paul Dierkes hatte ja versprochen – Paul war ein guter Junge, ein sehr guter Junge, und sie wollte es ihm ewig danken, daß er in dem Stall auf der harten Erde – der Stallfußboden war sehr hart und nicht jeder Junge würde sich eine ganze Nacht hindurch hinkauern, blos um ihr einen Gefallen zu thun; und wach bleiben müßte er auch, denn wenn die Frau wirklich – ob sie wohl wirklich die Katzen so haßte? Ob sie es vorhatte, sie zu töten – zu ersäufen? O weh, welch ein Gedanke! Ersäufen? ihre Mietz – ihre geliebte alte Mietz, und die kleinen weißen Jungen, die so dumm und lieb mit der Schnauze herumleckten, wenn sie ihnen das Milchnäpfchen brachte – und die ganz jämmerlich schreien würden, wenn sie ersäuft – nein, nein – sie sollten nicht – sie durften nicht – Mietz würde auch kratzen – Mietz konnte kratzen, aber vielleicht würde sie die arme alte Katzenmutter heimlich von hinten packen und sie in das kalte Wasser – o nein – nein! Das Kind schrie bei dem Gedanken entsetzt auf. Mit einem Satz sprang es zum Bette hinaus und an das Fenster. Ha, wie dunkel es draußen war! Wie still! Und das Katzenhaus lag so einsam da – und ringsum regte sich nichts – gar nichts – – oder doch? – es regte sich was. Es ging jemand. Eine Gestalt kam die Hintertreppe herab und trat auf die Stallthüre zu – eine Frau war's – sie – die Stiefmutter – o Gott – die Katzen! Wenn sie herunter könnte – aber nein doch – Paul war ja da – Paul würde verhüten – o die böse Frau – die böse – die so gethan hatte, als könnte sie gut sein – gut sein – eine Frau, die den armen Tieren ein Leids anthun wollte – war nicht gut. Nur böse Menschen – nur böse Stiefmütter konnten Tiere hassen, und Katzen waren Tiere so gut wie andere, aber wie sollte sie, eine Stiefmutter, Katzen lieb haben? sie, die nie einen Liebling – doch – sie hatte ja ihren Vogel, dem sie Zucker reichte. Wie würde es ihr vorkommen, wenn jemand ihren Liebling heimlich faßte und – ha – welch ein Gedanke!
Norine stand einen Augenblick sinnend aufrecht und blickte mit finster zusammengezogenen Brauen in den Hof hinab. Der Rachegedanken, der ihr plötzlich gekommen, packte sie wie ein Blitz.
Das war's. Ja – das war's. Wenn sie meine Katzen holt – und – ja doch – da ging sie ja direkt auf den Stall zu, und jetzt – jetzt stand sie am Stalle und sprach durch die geschlossene Thüre auf Paul Dierkes ein, und er? – Paul mußte wohl Antwort geben, denn sie machte eine kleine Pause, als ob sie lauschte, und sprach von Neuem. Norine konnte nichts verstehen – sie starrte angstbeklommenen Herzens auf die Umrisse der Frau und auf die Stallthüre, die sich – war es denn möglich? – plötzlich öffnete, um Paul – Paul selbst herauszulassen. Norines Augen blitzten. Glühend heiß schoß es ihr in die Wangen. Was war geschehen? Was bedeutete das? Was hatte die Frau gesagt? womit dem Freunde gedroht? denn gedroht mußte sie haben, sonst verließ Paul seinen Posten nicht, und da – da standen sie beide – sie mit einem Fuß auf der Schwelle des Katzenhauses und Paul draußen – und jetzt würde sie hineingehen und die armen Tiere – o die Böse! die Schlechte! Norine fuhr mit jähem Ruck in die Höhe – die ganze Entrüstung ihres leidenschaftlich heftigen Herzens im Antlitz.
»Warte, du!«
Über den Korridor huschten leise Füßchen. An den Wänden entlang tappten sich unsichere Kinderhände. Die in weißem Nachtgewand dahinschleichende Gestalt der Kleinen blieb vor der Wohnzimmerthüre der Stiefmutter eine Sekunde lang horchend stehen, dann öffnete sie rasch und hastig und trat ein. Ringsum war alles still. Das Mondlicht fiel durch das offene Fenster und beleuchtete das Innere des Gemaches. Dort in der rechten Ecke stand der Käfig, jetzt mit einem leichten Battistzeug verhangen. Des Kindes Augen starrten – Leidenschaft und Haß im Ausdruck – darauf hin und rasch entschlossen riß sie das Tuch hinweg. Erschreckt flatterte das Tierchen auf und klammerte sich eingeschüchtert an den Gitterstäben fest. Des Kindes Hände faßten nach der Käfigthüre. Des Kindes Augen erglänzten triumphierend, als es, ohne zu zögern, die kleine Pforte öffnete. Anhaben konnte sie dem Tierchen nichts – aber davonfliegen sollte es – fort von ihr – damit sie spürte, was es heißt, seine Lieblinge entbehren.
»Husch – husch!« Die Kinderhand scheuchte, das Tierchen flatterte unstät – zierpte – flog empor – sank herab und endlich ängstlich dem Fenster zu – Fort war es! Norine warf den Kopf zurück. Ihr Atem ging rasch.
»So – du!« Sie flüsterte die Worte mit einem Racheblick auf den Hofraum, dann streifte ihr Auge den leeren Käfig. Die Thüre stand noch geöffnet. Das leere Innere sah still aus wie ein Sarg. Norine wurde es unheimlich, sie tastete sich eilig dem Ausgang des Zimmers zu und schrak heftig zusammen, als ihr auf der Schwelle eine Gestalt entgegentrat.
»Norine!« Der Stiefmutter Stimme. Einen Augenblick des Schreckens und das Kind drückte sich in dem instinktiven Bestreben, sich zu verbergen, in den Schatten der Zimmerecke zurück.
»Norine!« Es war vergebens. Die Frau stand vor ihr. Norine sah auf. Die weiche Ansprache der Stiefmutter ließ sie ein Übergewicht des Rechtes empfinden. Was hatte sie auch anderes gethan, als Rache geübt? Und Rache durfte sie üben – wenn man ihr so viel böses anthat – wenn man ihr ihr liebstes – ihre Mietz – heimlich ah – sie brauchte sich nicht zu verbergen, und wenn die böse Frau sie fragte, wer den Vogel –
»Norine – o Gott – der Käfig!«
Die junge Frau hatte – im Rahmen der Thüre stehend – die Unordnung im Käfig entdeckt – ihr Blick übersah das Ganze und es war ein Weheruf sowohl als eine Anklage, die ihren Lippen entfuhr. »Wer – o wer?« Norine sah einen Moment vor sich nieder. Fehlte es ihr nun doch an Muth?
O nein! Wie um sich in ihrem Entschluß zu stärken, warf sie den dunklen Kopf in den Nacken. Mit lauter Stimme, deren Festigkeit unter dem Auge der blassen Frau ins Wanken geriet, schleuderte sie ihr zornig ihre Antwort entgegen:
»Ich war's. Ich hab's gethan – so!«
»Norine!« Ein einziger schmerzlicher Ausruf – dann herrschte mehrere Sekunden lang im Zimmer Schweigen. Dem Kinde gegenüber stand die junge Frau und lehnte wortlos ihre Wange an den leeren Käfig. Ihre Brust wogte heftig – die bleichen Lippen zuckten. Als sie endlich aufsah, das Kind ansprach, vibrierte ihre Stimme vor unterdrückter Erregung. Es war die resolute Lehrerin, die aus ihr sprach, und die bestimmte Form – die knappe Rede – imponierte ersichtlich der Fremdheit halber dem Kinde.
»Du hast etwas böses gethan,« sagte sie leise und ernst, »vielleicht weißt du nicht einmal, wie bös. Du hast ein Tierchen grausam vertrieben, das ohne die gewohnte Pflege verhungern oder erfrieren wird. Du hast an den armen Vogel nicht gedacht, du wolltest nur mir etwas zufügen. Das kann ich übersehen, denn man hat dich aufrührerisch gemacht – aber du könntest deinen Groll auf mich weiter in grausamer Weise kund thun, und das muß ich verhindern. Gehe jetzt in dein Zimmer zurück – es ist notwendig, daß du den morgigen Tag allein bleibst und über dein Verhalten nachdenkst!«
Seltsam – daß das Kind ohne Widerrede davonging! Seltsam, daß es schweigend sein Zimmer erreichte! Lag in der Haltung der jungen Frau ein etwas, das unwillkürlich Gehorsam forderte? Oder war es die Dunkelheit und die ringsum lagernde Stille, die das Kind verschüchterten? Norine wußte es selbst nicht. Erst als der Morgen anbrach und ihr von Doris das Frühstück überbracht wurde mit der Benachrichtigung, daß sie tagsüber ihr Zimmer zu hüten habe, kamen Leben und Zorn und Trotz mit alter Gewalt über das Kind und in lautem Gepolter schlugen die kleinen Fäuste gegen die von außen verriegelte Thüre. Durch das Haus hallten ihre zornigen Rufe – lauter und lauter werdend. Wie konnte man es wagen, sie einzusperren? Sie wollte doch mal sehen, ob das so einfach ginge.
Heraus wollte sie – sofort heraus! Die Hände schlugen sich rot. Die Stimme rief sich heiser, die Füßchen hatten sich wund gestampft und Norine bedeckte – von leidenschaftlicher, ohnmächtiger Wut übermannt – ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte hellauf.
O! wenn doch Paul da wäre! Paul würde schon Rat wissen, Paul würde es ihr schon zeigen – der Bösen – der abscheulichen Frau – sie dachte wohl – man würde sich das so ruhig gefallen lassen. O nein – das würde man nicht. Wenn sie dächte, man wisse nicht, weshalb die Stiefmutter sie einsperren ließ, so irre sie. Sie übersah die Sache ganz gut. Die Katzen sollten 'ran! Wahrscheinlich hatte das Paul gestern abend verhindert, und darum wollte sie heute – aber nein – das sollte ihr nicht gelingen – sie würde – sie würde – Norines Schluchzen ließ einen Augenblick nach. Das thränenfeuchte Gesichtchen hob sich energisch. Ihr Blick traf das Fenster. Dort, von dort aus konnte sie vielleicht – Norine beugte sich hinab. Enttäuscht fuhr sie zurück. Zu hoch! Und kein hervorspringendes Fenstersims – kein Halt. Wie sollte sie da? – horch, was war das? – Wer zischte ihr vom Zaun aus zu? Norine schob in erregter Hast einen Stuhl ans Fenster und sah hinaus:
»Ach – Paul!«
»Pst!« Der Knabe hing an der Außenseite der Holzmauer. Über derselben hob sich ein ungekämmter, blonder Kopf, den er in warnender Geberde nach dem Hause zu bewegte.
»Bin eingesperrt!« klagte Norine, das ablehnende »Pst« im Anblick des Freundes außer Acht lassend, und der Knabe schwang sich auf die Mauer und wiederholte durch Zeichen und Grimassen sein Begehr, von ihr nicht beachtet zu werden.
»Aber ich bin eingesperrt!« schluchzte Norine nochmals auf, »und meine Katzen!« –
Wiederum fuhren des Knaben Hände gestikulierend umher, und Norine glaubte in den Zeichen etwas Beruhigendes über ihre Lieblinge zu verstehen. »Sind sie noch da?« fragte sie ängstlich, und Pauls Kopf gab rasch nickend Bejahung, und Norine sah, wie der Knabe sich abwandte und – war's möglich? – mit zwar verlegener, aber doch richtiger Höflichkeit seinen Hut zum Gruß gegen jemanden lüftete.
»Guten Morgen, Paul!« Der helle Gruß kam vom Hofe herab.
Norine erkannte der Stiefmutter Stimme, und mit neu aufsteigendem bitteren Groll sprang sie vom Stuhl herab und in das Innere des Zimmers zurück.
Was wollte sie von Paul? Wozu war er gekommen? Warum that er so verlegen? Was bedeutete – –?
Norine hörte sie zusammen die Treppe hinaufsteigen, der Frau Stimme klang freundlich – gar nicht böse, und Paul? seine Stiefel knarrten – sie knarrten immer, wenn er leise zu gehen versuchte. Paul sprach wohl gar nichts – Norine hörte nur die andere gehaßte Stimme. Es öffnete sich die Wohnzimmerthüre. Sie schienen beide eingetreten zu sein. Was mochte sie mit dem Jungen wollen? Was hatte sie mit Paul zu reden? Norine kauerte sich vor ihr Schlüsselloch nieder. Die Stimme der Frau drang in halbverständlicher Rede zu ihr:
»Sie führte den Bäckerladen in unserer Stadt, und deine jetzige Mutter war ihre Halbschwester. Deine Mutter hatte sie gern. Ich weiß das genau, denn ich wurde als halberwachsenes Mädchen oft in den Laden geschickt, und dann sah ich es oft, wie deine Mutter, die Bäckerin, ihre Halbschwester im Hauswesen unterwies und ihr die Pflege ihres kleinen Sohnes – das warst du, Paul – anvertraute. Deine Mutter hatte sie lieb – und wenn sie das alles wäre, was du denkst, so hätte deine Mutter ihr nicht sterbend Mann und Kind anempfohlen – und das hat sie gethan. Du hast dich von ihr fern gehalten, seit sie an deiner Mutter Stelle getreten ist, und hast dir eingeredet, daß sie dich haßt. Sage mir nichts. Du hast es durch deine Lebensweise so weit gebracht, daß sie ratlos geworden ist und dich eben laufen läßt und« – die Rede brach ab. Paul machte scheinbar eine Entgegnung. Es gab eine kleine Pause, und Norine hörte einzelne Sätze – doch nicht im Zusammenhang.
»Unwahr von dir! Norine zu lieb – hast du gesagt – ganz unwahr – dich verbergen im Stall – wegen der entwendeten Kuchen – weil du dich fürchtest, nach Hause zu gehen. Gestehe, daß es so war! Ein Junge – Furcht vor Bestrafung. Und dem Kinde einreden – die Katzen – Willst du versprechen? –«
Norine schwirrte es im Kopfe. Soviel hatte sie verstanden, Paul war ein Treuloser. Er hatte nicht Großmut geübt, indem er seine Dienste zur Nachtwache antrug – er hatte sich dienen wollen, und sie hatte er glauben gemacht, daß – daß – ah – der Verräter, der abscheuliche Junge! Und stehlen that er auch – das konnte er nun nicht mehr ableugnen, und jetzt? Wie benahm er sich jetzt? Hockte drin ganz freundlich mit ihr – während sie – o! – sie war eine arme Hintergangene – ein verlassenes Wesen – das keinen wahren Freund hatte. Der Einzige, der immer so gethan hatte, als wenn er's so gut meinte – der war gerad' wie alle andern, und geliebt wurde sie von niemandem – von keinem Menschen – nur von ihren Katzen, und die – wer weiß, ob sie die jemals wiedersehen würde, denn selbst wenn die Frau da drinnen (Mutter würde sie niemals zu ihr sagen) die armen Tiere noch nicht überfallen hatte, so stürbe die Katzenbrut tagsüber vor Hunger – und sie, die sie wie eine Gefangene gehalten wurde, sie konnte dann auch sterben – ja, das konnte sie und das wollte sie auch, denn ohne ihre Mietz, ohne die lieben jungen Mietze konnte sie doch nicht sein – dann würde vielleicht der Paul Dierkes um sie weinen, und die andern auch – und Doris und der Vater – und alle die – die –
Norine kam mit ihrem herzbrechenden Phantasiebild nicht weiter. In heftigem Geschluchze warf sie sich auf die Erde nieder. Das heiße Gesichtchen wühlte leidenschaftlich erbittert auf den vorgestreckten Armen umher, während ihre Thränen unaufhaltsam stürzten. Stunden verstrichen. Das Kind lag regungslos auf der Schwelle, bis ihr, vom Weinen ermüdet, die Augen zufielen und sie unter schläfrigen kleinen Seufzlauten einschlief.
Die Mittagssonne war aufgestiegen und hatte sich wieder gesenkt, als Norine das sehr zerzauste Köpfchen hob und mit weit offenen Augen um sich blickte. Hatte sie Böses geträumt, daß ihre braunen Augen so starr und so entschlossen schauten? Die Lippen preßten sich auf einander und die Gestalt, die sich mit jähem Ruck auf die Füße stellte, blieb hochaufgerichtet, wie um sich gegen eine feindliche Macht zu rüsten, stehen.
»Ich will nicht!« schrie sie, sich plötzlich in losbrechendem Zorne gegen die Thüre werfend. »Ich will hinaus!« Ihre Hände faßten mit Aufwendung aller Kraft die Klinke und rüttelten.
Ein heftiger Ruck. Norine flog gegen die Wand zurück. Die Thüre war offen. Das Kind stand einen Augenblick verwirrt da und starrte geradeaus. Das Schloß war unversehrt. Man hatte also vorher geöffnet. Wie ein nach Freiheit lechzendes Wild schoß sie in den Korridor hinaus und die Treppe hinab. Ihre Katzen! Ihre armen Katzen!
Sicherlich waren sie tot – tot, wie sie im Traum gesehen – mit herabhängenden Pfötchen und geöffneten Mäulchen, und die Stiefmutter, die böse, stand triumphierend daneben, während sie wehklagte – –
Norines Füßchen trabten eiliger treppab. Mit hochklopfendem Herzen und zitternden Händen erreichte sie das Katzenhaus.
»Mietz – Mietz!«
Sie schrie es unwillkürlich – sie blieb vor Angst atemlos an der Thüre des Katzenhauses stehen.
Hatte sie sich getäuscht oder tönte ihr aus dem Innern desselben ein leises »Miau« entgegen? »Mietz!« rief sie noch einmal und ihre Stimme durchflog ein ängstlich freudiges Zittern – »Mietz!«
Sie stand horchend auf der Schwelle. Das Auge gewöhnte sich schwer an das dumpfe Licht. Sie trat näher und spähte hinein. Ein unterdrückter Ausruf des Schreckens zuerst – dann des Staunens entfuhr ihrem Munde.
Vor ihr auf der Erde – auf dem Holzblock, den sie einzunehmen gewohnt war, saß die Stiefmutter, auf ihrem Schooße – sechs weiße Kätzchen, in ihren Händen – sie waren weiß und weich, diese Hände – eine Schale mit Milch und geweichtem Brot.
Die Frau hob bei Norines Eintritt den Kopf. Sie lächelte. Und bei dem Lächeln zog es wie tiefe Beschämung in des Kindes Herz.
Regungslos – reuig – thränenvoll blickte sie in das schöne blonde Frauenantlitz, das mit solch gütigem Ausdruck zu ihr aufsah.
»Komm herein, Norine,« sprach der lächelnde Frauenmund, »die Tierchen wissen, daß ich mich ein wenig fürchte, und darum gewöhnen sie sich etwas schwer an mich – komm' herein!«
Norine regte sich minutenlang nicht. Ein nie gekanntes Gefühl von Weichheit und überströmender Wärme durchflutete ihr Inneres, und in ausbrechendem Gefühl von Reue und Liebe stürzte sie laut aufweinend zu der blassen Frau hin.
»Ich habe gedacht, Sie – du – Sie wären eine böse Stiefmutter!«
»Kind!« Die Frau hielt sie umfangen. Sie hob leise das thränenüberströmte Köpfchen hoch und sah ihr in die Augen.
»Norine – um eine böse Stiefmutter zu sein, müßte ich doch erst eine böse Frau sein, und das bin ich nicht!«
Norine wußte nicht, wie's geschah. Der herzliche Ton ergriff sie seltsam. Mit der ihr eigenen raschen Leidenschaftlichkeit der Bewegung hatte sie den Kopf gewandt und den sie umschlingenden Frauenarm geküßt.
»Jetzt sage ich auch Mutter,« flüsterte sie leise, verschämt, und aus dem über sie gebeugten Antlitz der jungen Frau fiel eine Thräne herab und netzte des Kindes Wange.
Es war dunkel geworden, als Stiefmutter und Kind Hand in Hand den Hof verließen. Norine drückte sich eng an die Frau und zusammen stiegen sie die Treppe des Hauses hinauf. Auf der oberen Schwelle trat ihnen eine Knabengestalt entgegen.
»Paul – Paul Dierkes!« Ihr Staunen war begreiflich.
Paul Dierkes, sauber, gescheitelt, mit blanken Stiefeln und gebürstetem Rockkragen – das war ein Rätsel!
»Ich – ich gehe morgen in Stellung,« stammelte er, ohne aufzublicken und mit verlegenem Schwenken seiner Mütze an die Frau sich wendend – dann schoß er rasch und mutig den Blick hoch und fügte halb leise als Versprechen hinzu:
»Ich werd's gut machen!« Fort war er. Norine sah ihm verblüfft nach. Die junge Frau bückte sich zu ihr nieder und lachte. »Wollen wir's auch gut machen?« fragte sie schelmisch. Das Kind sah einen Augenblick sinnend zu ihr auf und schlang plötzlich beide Arme um den Nacken der Frau:
»Meine Mutter,« sagte es leise – schmeichelnd.