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Junge Herzen

Das Lied.

Reading edition

Aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes lugte der blonde Krauskopf eines Kindes. Die kleine Gestalt mußte auf Fußspitzen stehen und aufs äußerste gereckt sein, denn den vorübergehenden Passanten ward nur die Spitze einer aufwärtsgehenden kleinen Nase und ein Wulst in die Stirne fallender krauser gelber Haare sichtbar. Um so deutlicher aber drang eine Kinderstimme auf die Straße herab, welche in monotoner Wiederholung mit der ganzen Beharrlichkeit eigensinniger Kleinen halb klagend halb gereizt den Ruf »Jinnie oh Jinnie« ertönen ließ.

Die Ausdauer des Kindes, verbunden mit dem drollig vorgestreckten unsicher schaukelnden Köpfchen hätte etwas Lächerliches gehabt, wenn nicht in dem tiefen, von Thränen erstickten Tonfall etwas Rührendes gelegen, das den Vorübergehenden unwillkürlich zurückblicken ließ.

Frau Martha Terris hob gerade mit Hilfe ihres Hausmädchens den Kinderwagen von den Stufen ihres gegenüber gelegenen Wohnhäuschens, um darin ihr acht Wochen altes Erstgeborenes in der Morgensonne auf und ab zu fahren, als der Ruf des kleinen Menschen vom zweiten Stockwerk des Thompsonschen Hauses zu ihr herabdrang:

»Jinnie oh Jinnie!«

»Thompsons Junge hat schon wieder seinen Anfall,« bemerkte sie mit einem Aufblick nach der Richtung der gelben Locken – dann nahm sie mit einem besorgten »leise, leise« der Dienerin das schlafende Baby ab und bettete es sorglich in die Kissen des Wagens.

»Ich sehe es kommen, daß der Schreihals sie weckt,« murmelte sie halb vor sich hin, einen ängstlichen Blick von ihrem schlafenden Sproß fort zum Fenster hinaufsendend, und mit der ihr eigenen entschlossenen Hast setzte sie das kleine Gefährt in Bewegung, damit das Räderrollen ihre Stimme übertönte, und wandte sich geärgert dem beharrlich rufenden Krauskopf zu.

»Neddie Thompson – wen rufst du denn?«

Die zwei kleinen Hände, die zur besseren Stütze des hin und her balancierenden Körpers die Fensterbank umklammert hielten, fuhren weiter hinaus und klammerten sich von neuem ein. Das Kind mußte sich innen an der unter dem Fenster entlanglaufenden Holzeinrahmung festgestemmt haben, denn der blonde Lockenkopf tauchte plötzlich über der Brüstung hervor, und ein sehr verweintes blaues Augenpaar heftete sich auf die Fragerin.

»Wen du rufst, wollte ich wissen!« Der Ton der guten Frau war wenig geeignet, das Zutrauen eines Kindes zu erwecken; der Schmerz des Kleinen mochte indes alle anderen Bedenken in den Hintergrund gedrängt haben – das Köpfchen nickte wie zur Bekräftigung seines Rechtes zweimal und der zuckende Mund erklärte beharrlich ernsthaft: »Jinnie will ich!« Frau Terris blickte während einiger Sekunden vor Mißbilligung stumm geradeaus.

»Hat man je so etwas« – murmelte sie, unterbrach sich aber mit einem sehr beredten Achselzucken. »Wo ist denn deine Jinnie?« fragte sie streng.

»Fort!« Der Antwort folgte jene Pause, in der von oben der sehnsüchtige Kindesruf wieder angestimmt wurde, und gleich darauf drang aus dem Innern des Wagens leises Wimmern.

»Ein abscheulicher Junge,« schimpfte die junge Frau, indem sie das Gefährt energisch hin und her schaukelte, »wenn meine junge Dame da drinnen sich jemals einfallen lassen sollte, einen solchen Singsang anzustimmen, ich wollte ihr meine Meinung über derartige Anwandlungen klar machen – das wollt' ich. Sei doch mal still du – Neddie Thompson – such' doch deine Jinnie!« Frau Terris sah sich nach diesem ihrem Ausbruch wohlgemeinter Entrüstung genötigt, ihr nun hellweinendes Baby eine Strecke zu fahren. Sie bog ohne weitere Beachtung des Gegenstandes ihres Verdrusses in die Straßenecke ein. So bemerkte sie denn auch nicht, wie die Rufe vom zweiten Stock nachließen, wie die kleinen Hände sich nach der empfangenen Strafpredigt von dem Fenstersims lösten und das Stumpfnäschen – darüber der gelbe Lockenwulst – aus dem Rahmen desselben verschwand. Es hätte sie jedenfalls in Erstaunen gesetzt, zu bemerken, wie nach einer Viertelstunde die kleine dicke Kindergestalt sich unbeholfen rückwärts schiebend die steile Wendeltreppe hinabkletterte, durch die wegen der milden Sommerluft offenstehende Hausthüre trat und mit unbeschuhten Füßchen und barhäuptig die Straße erreichte und unbekümmert darum, daß die heiß und heißer werdenden Sonnenstrahlen ihm auf das unbedeckte Köpfchen fielen – seinen Weg geradeaus nahm und um die scharfe Ecke verschwand. Noch mehr würde es die junge Frau gewundert haben zu hören, wie der kleine Fußgänger von einem alten Gärtner angehalten, nach dem Ziel seiner Wanderung befragt, mit wohlgelungener Nachahmung des Terrisschen Tonfalls »ich such' meine Jinnie« erwidert hatte.

Als Frau Terris nach einstündigem Spaziergang die Richtung ihres Hauses wieder einschlug – das Gefährt mit dem schlafenden Terrisbaby vor sich herschiebend – gewahrte sie zwischen dem ihren und dem Thompsonschen Hause eine Anzahl gestikulierender Menschen, welche unter bedauerlichem Achselzucken nach allen Richtungen hindeuteten und die Köpfe schüttelten.

»'s ist der Junge von drüben,« erklärte das herbeigeeilte Hausmädchen, das – ihrer Pflichten eingedenk – die Vorkommnisse der Nachbarschaft in Abwesenheit der Herrin getreulich überwachte und zungengeläufig herzählte. »'s ist der Junge von drüben!«

»Gestürzt?« fragte Frau Terris rasch – etwas Neugier, etwas Angst im Ton.

»Gestürzt nicht. Verschwunden – verloren – fort. Sie suchen ihn überall!«

»Gracious Goodness! (»Herr des Himmels!«) welch ein Junge! Wo mag er nur sein!«

Ja – wo mochte er sein? Die trostlos versammelten Nachbarn sprachen einer dem andern den Satz nach und blickten mit der allen müßigen Gaffern eigenen Albernheit die Häuser zuerst, dann die Bäume und endlich sich gegenseitig mitleidsvoll an.

Frau Terris verlor unter ihnen die Geduld. Ohne weiter auf die immer größer werdende Menschenzahl zu achten, faßte sie behutsam die Räder des Kinderwagens und bedeutete dem redseligen Dienstmädchen, ein gleiches auf der Rückseite zu thun.

»Tragen Sie sie leise hinauf,« befahl sie – »ich gehe zu Thompsons hinüber, um zu hören!«

Frau Terris hörte bei den Thompsons wenig, aber das Wenige genügte, um sie einigermaßen zu verstimmen. Frau Thompson fiel von einer Ohnmacht in die andere, während Thompson Gatte mit Hilfe der willigen Nachbarn die nahegelegenen Straßen absuchte. Die Dienerschaft allein vermochte es, der energischen Frau Terris schluchzend Rede und Antwort zu stehen.

»Jinnie war entlassen worden – Jinnie das schwarze Kindermädchen. War zu spielerisch – machte keine Arbeit mehr ordentlich. Missus hatte recht und Neddie – der süße Engel – Kinder seien ja alle gleich – und die Jinnie, das raffinierte Ding, geberdete sich so toll, kein Wunder, daß der »süße Engel« Neddie anfing zu weinen und sich an sie hängte, so daß »Missus« ihn nach oben trug. Missus habe beim Einkochen aufgepaßt, sie hätten Quittengelee gemacht, und während sie in der Küche beschäftigt waren – hätte der süße Engel – der herzige Engel –

»Ob ihm denn niemand begegnet sei?«

»Ja – der alte Gärtner von der Bahnhofsecke. Er habe den Kleinen angehalten – das »süße Kind« habe mit dem Kopfe vorwärts gedeutet und immer gesagt: »Such' meine Jinnie – such' meine Jinnie!«

»Und der gräßliche Mensch habe ihn gehen lassen?« Stummes Kopfschütteln – erneuetes Schluchzen – weiter erfuhr Frau Terris nichts, und was sie gehört, ließ sie etwas von ihrem vielgepriesenen Selbstvertrauen einbüßen.

»'s ist keine Kleinigkeit,« erzählte sie später dem heimgekehrten männlichen Terris; »wenn ich bedenke, daß ich es war, der den abscheulichen Jungen ausschimpfte, daß ich es war, der ihm sagte, er solle das Frauenzimmer suchen, anstatt sich – hörst du mich auch, mein lieber Terris?«

Es machte Terris einige Schwierigkeiten zu hören, wenn seine Frau, wie das hier der Fall war, so auffällig beim Decken des Tisches mit den Tellern klapperte, und er, nebenbei gesagt, hinter dem Zeitungsblatt versteckt, die Kurse studierte; trotzdem hob er mit einem vorwurfsvollen Blick den Kopf und versicherte, daß er mit dem größten Interesse aufpasse, und aufs Lebhafteste gespannt sei – der Schluß des Satzes verlor sich in erneuetem Tellergeklapper.

»Es ging mich vielleicht nichts an, wirst Du sagen,« sprach Frau Terris mit erzwungen gleichmütigem Tone weiter, »wenn der Junge da herunter lamentiert, aber wenn man mit Mühe und Not sein eigenes Baby in den Schlaf gekriegt – Mary Ann ist seit zwei Tagen schwer einzuschläfern – und man will sie ein Stückchen auf und ab fahren, und so ein Junge maltraitiert einen mit seinem Singsang – da kann es dem besten Menschen passieren, daß man einmal derb die Meinung sagt und –«

Das Klappern der Teller hatte allmälig nachgelassen – die Stimme der ehrenwerten kleinen Frau ward allmälig unsicherer und Herr Terris fuhr nicht ohne Schrecken zusammen, als sich seine Gattin ohne alle Vorbereitung mit der ihr eigenen Heftigkeit plötzlich neben ihm niederwarf, ihr Gesicht an seiner Schulter barg und erst weinerlich, dann heftig schluchzend weitersprach:

»Wenn ich ihm auch gesagt habe, daß er seine dumme Jennie suchen sollte – dann brauchte er doch nicht – wenn ich bedenke, daß unsere Mary Ann eines Tages auf und davon – – oh Talbot, ich hätte es ihm nicht so zu sagen brauchen – hätt' ich?« Herr Terris hatte alle Ursache, sich zu schämen. Er hatte nicht einen Augenblick zugehört und befand sich in der unbehaglichen Lage, trösten zu sollen, ohne zu ahnen, um was es sich handelte. Der Erregung der Frau war es zuzuschreiben, daß es ihm gelang.

»Was kann ich in der Sache thun?« fragte er im Bewußtsein, daß nur eine Handlung ihm in den Augen seiner Martha Gunst verleihen würde, und wirklich blickte dieselbe dankerfüllt zu ihm auf.

»Du wirst gleich nach Tisch gehen und den abscheulichen Jungen suchen helfen, mein guter Talbot, nicht wahr?«

Der »gute Talbot« erfuhr zum Glück im Hinausgehen vom Hausmädchen, um welchen »abscheulichen Jungen« es sich eigentlich handelte.

Das Kind war fort. Der Tag verging – der zweite kam – das Kind blieb fort. Die Nachbarn bestätigten es mit Trauermienen und bedauerndem Aufblick zu den herabgelassenen Thompsonschen Jalousien, hinter denen die Herrin von Weinen erschöpft darniederlag und die alte Köchin während des langen Tages unter weinerlichen Stöhnlauten einherging und mit immer neuen Gefühlsausbrüchen die Anfragen der Nachbarn mit dem stets gleichen Jammerruf: »Das Kind ist fort – fort«, beantwortete.

Der melancholische Ton weckte so sehr das Mitgefühl wie die traurige Thatsache selbst. Was Wunder also, daß die guten Nachbarn aufhorchten, als am Abend desselben Tages die Stimme der alten Köchin vor den Stufen des Hauses in ganz anderer Weise erscholl. Allem Anscheine nach war sie ergrimmt. Man sah eine drohend geballte Faust – hörte eine unterdrückte, erregte, zornbebende Stimme:

»Fort ist das Kind. Jawohl, du schwarzes Ungeheuer, fort ist es, und wenn der süße Engel zu Tode hungert oder auf den Eisenbahnschienen umkommt – wer hat die Schuld, du nichtswürdiges Geschöpf? wer anders als du – du – was willst du überhaupt noch hier? Nach ihm fragen? So? Wenn du mir wieder unter die Hände kommst – ich – ich – fort von hier, sag ich, du schwarzes Ungeheuer oder ich« –

»Mit wem sie nur reden mag,« fragten sich die teilnahmvollen Beobachter, deren neugierige Köpfe bei dem ungewohnten Geräusch zu den Fenstern herauskamen, »wer mag denn da unten sein?«

Bevor sie sich indessen klar werden konnten, war die Thüre des Thompsonschen Hauses ins Schloß gefallen und von den Stufen erhob sich eine halberwachsene Mädchengestalt, die sich eingeschüchtert an den Häusern entlang hinschlich und im Dunkeln verschwand.

»'s war das Frauenzimmer, die Jinnie, ich wette, was du willst,« sagte Frau Terris, ihren vom Abendwind zerzausten Kopf von der Fenstereinrahmung zurückziehend und den männlichen Terris herausfordernd ansehend, »das freche Ding – hier noch herzukommen, nachdem sie die ganze Sache angerichtet – so ein Nigger!« Es gab in der Umgegend noch andere, die das Gebahren des Negermädchens für frech erklärten, so zum Beispiel schien es dem hinter seiner Schnapsflasche eingeschlafenen Bahnbeamten eine nie dagewesene Dreistigkeit von einem halberwachsenen Mädchen, ihn zu wecken, um zu fragen, ob sie auf eine Viertelstunde die Laterne nehmen dürfe, um etwas, was sie verloren, zu suchen, und dann hatte er in seinen Flüchen innehalten müssen, als sich das junge Ding so ängstlich seitwärts drückte und ihn aus großen Augen so eigen hilflos anstarrte.

»Frech war es, ihn zu wecken, aber – na, die Lampe stand ja da – seinetwegen – aber wiederbringen – verstanden?« Eine Frechheit war es wiederum von dem hinterlistigen Ding – das doch nur wie alle Neger stehlen wollte, an der Apfel- und Kartoffelbude der irländischen Marktfrau zur Abendstunde anzuklopfen. »Ob ein Herr Smith hier wohne? Oho – die Frage kannte man. Als ob nicht jeder wüßte, daß an der Grenze der Stadt – wo die Eisenbahn halt machte, kein Smith, sondern sie selbst, die bekannte Apfel-Kennedy, wohnte. Was sie denn von dem Smith wollte, he?«

»Ein kleines Kind habe sich verlaufen und ein gewisser Gärtner Smith solle dem Kinde auf der Avenue begegnet sein, sie wollte nur fragen –«

»So, na ja. Ob sie dächte, daß man das Zeug glauben würde. Wenn weiße Leute ein Kind suchten, schicken sie doch keinen Nigger danach aus. Ein rotköpfiger Junge wäre gestern vorübergekommen. Vielleicht war's der! Na, was sollte das heißen? Nur nicht so dicht 'rankommen, sie hätt' ihn nicht weiter beachtet. Da 'runter wär' er gegangen und die Leute aus der Schlächterei hätten ihn angehalten – ob sie wohl in ihrer Hast den Korb nicht umstoßen wollte – solch ein Nigger! Na – gestohlen hatte sie nichts – Gott sei Dank.«

Gestohlen hatte sie nichts und doch mußten die Bewohner der armseligen, kleinen Hütten, dicht hinter der großen Schlächterei, die umherschleichende, sich bei jedem Geräusch scheu verbergende Gestalt des Negermädchens mit Argwohn betrachten. Es war nicht erwiesen, daß sie stehlen wollte, trotzdem sie in der gut gekannten Manier aller Diebe und Schleicher an den verschiedenen Thüren anklopfte, um mit verstellt harmloser Miene zu fragen, ob dies Nr. 19 wäre, und dabei mit großen, suchenden Augen die spärlich möblierten, inneren Raume zu überblicken.

Nein – es war nicht Nr. 19. Es gab überhaupt hier keine Nummern, und wenn sie vielleicht etwas ausspionieren wollte, so könnte man dem männlichen Hüter des Hauses rufen – aha – das wirkte! So ein diebischer Nigger! – Die Drohung hatte sie fortgeschreckt! Es war also keine Gefahr mehr vorhanden. Die aus der Schenke heimkehrenden Männer täuschten sich auch wohl, wenn sie im Schatten des im Zickzack entlanglaufenden Holzzauns eine sich verbergende Gestalt zu sehen wähnten. Wie sollte auch zu so später Abendstunde – – sie konnten vorsichtshalber die konferierenden Stimmen etwas senken. Und die Stimmen, welche ohnehin in halb ängstlicher Weise verhandelten, senkten sich vorsichtig zu noch leiserem Ausspruche:

»Schaff es fort,« riet die eine, »ich rate dir gut,« und eine zweite erwiderte zögernd und undeutlich:

»s'ist hart, ich mag nicht!«

»Willst du's hierbehalten bis man's entdeckt, und wir bestraft werden?« Der Ton des Mannes klang rauh und die Unschlüssigkeit des Nachbars gab ihm ersichtlich Mut. »Ich sage dir, es steckt 'ne Summe dahinter, verspiel dein Glück nicht – ich dächte die Armut hättest du mit Frau und Kindern ausgekostet – Arbeit, nichts wie Arbeit und was dafür? Morgen werden Plakate ausgehängt – große Belohnungssummen geboten – schaff es auf drei Wochen fort und die Summen werden verdreifacht – ich rate dir – Höll' und Teufel – siehst du nichts? Bewegt sich nicht etwas auf der Erde entlang – auf allen Vieren – ein Mensch – nein verdamm mich – ein Mädchen – da – fort ist's. Sahst du denn nichts – ich träume doch nicht – war da nicht jemand?«

»Nichts gesehen. Komm nach Hause!«

Tiefe Dunkelheit überall. Die Schritte waren verklungen. Von der nahe gelegenen Stadtuhr schlug es zehn. Die letzten herabgeglommenen Kerzen aus den einzelnen noch gering erleuchteten Hütten verloschen. Über den ärmlichen Stadtteil war tiefe Finsternis gefallen, und plötzlich hob sich aus der ringsum lagernden Stille der Nacht eine menschliche Stimme im Gesang. Eigenartig leise, eigenartig tief zugleich erscholl es aus einer Mädchenkehle in halb zitternden Tönen. Durch die ruhenden Straßen und so eigen gedämpft, so sehnsuchtsvoll innig kam die Melodie, daß die schlafende Stadt weiter schlief; und der leichte Nachtwind trug die zitternden Töne fort zu den Fenstern der niedern Hütten – durch diese zu dem Bettchen eines Kindes, das sich halb träumend aufrichtete und mit unbewußt vorgestrecktem Köpfchen auf die Stimme hinaus horchte. Der Gesang kam näher – die Worte wurden deutlicher – der Ton trauriger:

»Oh my dear Nellie Grey

They have taken you away

And I'll never see my darling

Any more – any more – –«

Die Stimme brach ab. Was war das? War es eine Täuschung oder fiel das Mondlicht auf ein klagendes schlaftrunkenes Kinderköpfchen, das sich hinter der Scheibe des Eckhüttenfensters abzeichnete?

»I am sitting by the river,

I am weeping all the day –«

»Jinnie oh Jinnie!«

Es war keine Täuschung. Es war wirklich ein sehnender Kinderschrei gewesen, der in die Straßen hinabtönte, und mit einem aufschluchzenden Jauchzer riß das Lied ab. Vor dem Fenster des Erdgeschosses, aus dem die kleine Stimme gekommen, stand hochaufgerichtet das Negermädchen und streckte, halb wie zum Dankesruf, halb im Triumph, beide Arme empor:

»Neddie, darling Neddie!«

Was that's, daß das Einschlagen des Fensters die Schlafenden weckte – was galt es ihr, daß in den Hütten sich's zu regen begann? Was kümmerte es sie, daß hinter ihr Flüche, Schimpfworte, Drohungen erschollen? Das schluchzende Kind im Arm haltend, durchflog sie die Straßen – stolperte, richtete sich auf – stürzte, hob sich wieder – fort, weiter und immer weiter durch die Nacht, aus dem verödeten düstern Stadtteil in den belebteren helleren, ein einzigesmal rastend, um das zerzauste Köpfchen an ihrer Schulter sorglicher zu betten, das blasse Gesicht des verwirrt blickenden Kindes mit ihren Lippen zu streifen und ihren Lauf fortzusetzen, bis sie, hastig atmend – zu Tode erschöpft das Thompsonsche Haus erreicht, die Stufen zur Hausthür erklommen hatte, um wie eine Wahnwitzige an der Glocke zu ziehen, daß es klirrend, dröhnend durch alle innern Räume ging.

Die da nach wenigen Augenblicken mit Licht erschienen, fanden auf der Thürschwelle die in sich zusammengesunkene Gestalt des Negermädchens und neben ihr das verlorene Kind Neddie, das den schwarzen Kopf des Mädchens aufzurichten suchte und in dem gekannten tiefen Klageton sein »Jinnie, Jinnie« rief.

Von der Bewegung, die noch in der Nacht in den Straßen entstand, wußten die guten Nachbarn noch lange zu erzählen.

Ob man wohl glauben könnte, daß ein Neger – und noch dazu ein Lied – ein sentimentales Lied, das dem Knaben beim Einschläfern vorgesungen worden war, ihn gelockt – es war seltsam.

»Verlange nicht von mir, daß ich dir meine Gefühle schildere,« bat Frau Martha Terris am Frühstückstisch ihren Gatten, indem sie mit energischem Schlag ihre Rechte auf den Tisch niederklappte – »verlange das nicht! Ich werde, solange ich lebe, den Nigger nicht ansehen können, ohne versucht zu sein, ihr eine Verbeugung zu machen, und daß du's nur weißt, ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich nicht direkt hinübergehe und dem schwarzen Ding einen herzhaften Kuß gebe; denn – du merkst wohl, Terris, daß ich mit dir rede.« Herr Terris glaubte so etwas bemerkt zu haben. Seine Wohlerzogenheit als Ehegatte verbot ihm, der schwatzhaften kleinen Dame seine Ansicht über ihr menschenfreundliches Vorhaben kund zu thun. Er begnügte sich damit, einen verständnisinnigen Blick auf das vis-à-vis gelegene Haus zu werfen, und verkroch sich eiligst wieder hinter seine Zeitung, als Frau Terris mit einem entzückten kleinen Schrei auf das Fenster zuflog.

»Da ist der Junge! Sieh ihn dir an! Du kannst noch so eigensinnig das Gegenteil behaupten, ich erkläre dir, daß es kein hübsches Kind ist. Die Nase ist platt. Wenn ich dagegen unsere Mary Ann, – da ist das Mädchen Jinnie und der Junge küßt sie. Nichts auf der Welt wird mich jemals veranlassen, das Mädchen wie ein irdisches Wesen zu betrachten, denn wenn das Fenster da drüben leer geblieben wäre – nachdem ich es war, die den Jungen – du kannst versichert sein, Talbot, daß es mein Tod gewesen wäre – thatsächlich mein« –

Der Satz wurde nicht vollendet. Frau Terris Aufmerksamkeit wurde auf das Thompsonsche Fenster gelenkt, aus dem sich der blonde Krauskopf des besprochenen Kindes herausbog und sich lebhaft nickend hin- und herbewegte.

»Ich glaube gar – es spricht zu mir!« Frau Terris geriet über die besondere Auszeichnung fast in Verlegenheit. Des Kindes Stimme tönte freudig erregt zu ihr hinüber.

»Meine Jinnie wieder da!« meldete der rote Mund beglückt eifrig, und Frau Terris grüßte ganz gerührt zu den gelben Locken herüber und nickte – eine Thräne im Auge mit einem kräftig gesprochenen »God bless her« dem Thompson Jungen zu – dann warf sie sich – wie um eine verräterische Rührung zu unterdrücken, ihrem Manne entgegen:

»Ich bin glücklich, daß der abscheuliche Junge wieder da ist, Talbot – wenn ich bedenke, daß unsere kleine Mary Ann – ich war es ja doch, die ihn« – hier geriet die tapfere Frauenstimme ins Wanken und von dem Rockärmel des männlichen Terris kamen abgerissen die Worte – »ich – ich – o Talbot – ich bin so froh.«

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