Gesiegt.
Reading edition
Die Klasse ist in Aufruhr. Die bevorstehende Landpartie hat die Knaben elektrisiert. Teils über die Tische gebeugt, teils auf Stühlen und Bänken knieend, hören sie, mit halbem Ohre nur, des Lehrers Worte, die ihnen die Marschordre auseinandersetzen sollen. Ungeduldige Füße schieben sich hin und her, erregte Köpfchen lehnen flüsternd aneinander, da – tönt von draußen schon Musik herein, und jeder Rücksicht bar, stürzt die entzückte Kinderschar sich jauchzend der Thüre entgegen.
»Hurra! 's geht los!« Kurt Henning steht, den andern voraus, im Vorplatz. Den Strohhut hochgeschwungen, das dunkle Antlitz voll Erwartung leuchtend, stürmt er voran, und nur des Lehrers streng befohlenes »Halt!« veranlaßt ihn, den Hut von neuem aufzusetzen, und langsam bis zur Schwelle des Schulzimmers zurückzukehren.
»Kommt alle wieder herein,« befiehlt Herr Karler, lächelnd die erregten Köpfe musternd, »stellt euch 'mal um mich – wir wollen einen Fahnenträger suchen. Wer ist der größte?« Jetzt gab's ein Schieben und ein Drängen um den Lehrer. Die kleinen Hälse recken sich, und alle Knaben werfen – Größe heuchelnd – die Köpfe weit zurück.
»Kurt Henning und Max Roland vor! die andern setzen sich!« Ein heftiges Gemurmel geht von Mund zu Mund – es fliegen unterdrückte widerspenstige Worte durch das Zimmer, und endlich stellt sich die begehrte Ruhe ein.
Kurt Henning und Max Roland stehen Schulter dicht an Schulter. Die hochgestreckten Köpfe beider bilden scheinbar eine Linie. Herr Karler legt gutmütig prüfend seine Rechte auf den Scheitel beider. Das buschige Haar Kurt Hennings drückt sich unter der Berührung nieder.
»Die Mähne täuscht, mein Sohn,« bemerkt Herr Karler, vertraulich über die unordentliche Lockenfülle streichelnd, »Max ist der größere! Hier Max – du trägst die Fahne! Stellt euch auf! Kurt hierher!« Unwillig läßt sich der Gerufene in die erste Reihe stellen. Die braunen Augen schießen unter seiner niedern Stirn hervor empörte, grimmige Blicke auf den blonden Kameraden, der, den andern voran – die bunt geschmückte Fahne trägt.
Das Zeichen ist gegeben. Hellsingend, unter brausendem Trompetenklang marschiert die junge Knabenwelt dem Thore zu. Die Straßen sind gefüllt mit Menschen, die den Zug mit Jubelruf begrüßen. Vor allen andern gelten die Zurufe dem blonden Max, der stolzen Hauptes seine Fahne schwenkt und die entzückte Menge grüßt.
Gleich hinter ihm, den Kopf gesenkt, ein Ausdruck tief empörten Trotzes auf der Stirn, geht Kurt. Er hält die festgeballten Fäuste in den Taschen und gibt dem Ingrimm, der ihn füllt, gebührenden Ausdruck, indem er mit den Stiefeln heftige Staubwolken aufwühlt und so den hintern Reihen ihren Marsch erschwert.
»Kurt Henning!«
Des Lehrers Ruf. Ein rascher Aufblick, dann stößt der Kleine mit einem Ausdruck selbstzufriedenen Trotzes einen letzten Staubwulst auf, bevor er sich dem Schritt der andern anpaßt.
»Aber Kurt, du bist doch sonst nicht trotzig!« Herr Karler steht an seiner Seite. Der Ton, in dem er spricht, ist gütig vorwurfsvoll. Der kleine Bursche senkt beschämt den Kopf, und preßt die Lippen aufeinander.
»Was ist dir denn, mein Junge?«
»Ich – ich wollte so gerne die Fahne tragen!«
»Ja so!« Der gütige Lehrer nickt verständnisvoll. »Ja so – das ist's!« Er klopft dem Kleinen auf die Schulter.
»Weißt du auch, daß es draußen Prämien geben soll? – erobere dir etwas – dann ist die Fahne bald vergessen!«
Kurt sieht rasch auf.
»Für was gibts Prämien?«
»Für Spiele und Wettrennen. Du kannst ja tüchtig rennen!«
Des Knaben Augen leuchten. Er wirft den Kopf zurück.
»Ja – das kann ich,« ruft er entzückt, und gleich darauf fällt seine Miene wieder. Mit einem halben Seufzer schließt er die so froh begonnene Rede: »Max läuft auch gut!« Der Lehrer sieht ihn ernsthaft an.
»Um so größer das Verdienst, wenn du ihn übertriffst! Nur tapfer gewagt! Der Kampf ist gleich!«
Und gleich war er. Mit muskulös entwickelten kleinen Körpern standen die Knaben der ersten Abteilung eine Stunde später nebeneinander aufgestellt, und warteten gespannt auf das Zeichen zum Wettlauf.
Die Hüte liegen auf dem Rasen. Die Jacken hängen an den Büschen ringsumher. Das Ziel ist angegeben. Herr Karler hält die Uhr.
»Eins! Zwei! Drei! Los!«
Der Staub fliegt hoch und legt sich wieder, und in dem Wirbel werden die Gestalten sichtbar, die Kopf an Kopf die Strecke durchlaufen. Drei von den Knaben blieben sofort zurück. Voran – in gleicher Linie – sind nur Kurt und Max. Das Ziel ist nahe. Wild fliegt die lockige Mähne Kurts ihm um das Haupt – die Augen sehen stumpfen Blickes starr hinaus. »Voran! Voran!« tönt es in seinem Innern. Nur wenige Sekunden noch, und er ist Sieger. Dicht neben ihm schallt Maxens Fuß in raschem – im gleichen Lauf mit ihm. Ein kurzer Sprung liegt zwischen beiden. Da – saust mit gazellenartigem Satz Max flugs voraus und steht – einen Augenblick dem andern zuvor – am Ziel.
»Hurrah! Ich! Ich!« Kurt hört's wie durch einen Nebel. Er sieht's undeutlich, wie Max Roland jubelnd seine Arme hochwirft. Die Lehrer und die Klasse nähern sich.
»Tapfer gelaufen beide! Gratuliere Max! Hast dich zu früh aufgegeben, Kurt!« hallt's durcheinander an des erschöpften Kindes Ohr, indes er mit glühend heißen Wangen an einem Baumstamm lehnt und mit den dunkeln Augen fragend, hoffend zu dem Lehrer aufsieht.
»Hat Max den Preis?« Er hört die eigene Stimme nicht. Die kleine Hand wischt mit dem Taschentuch zerstreut die Stirn und sinkt dann schlaff herab.
»Hat Max den Preis?« Er wiederholt es lauter, mit seinen Blicken mehr eindringlich fragend als mit Worten, und da Herr Karler teilnahmsvoll bedauernd mit dem Kopfe nickt – da sich der Knabe von den Augen aller mitleidsvoll betrachtet weiß, kämpft er gewaltsam seine Thränen nieder und sucht heroisch ein einsichtsvolles Lächeln zu erzwingen.
»Vielleicht kriegst du den Preis im Ballspiel!« raunt ihm ein kleiner Knabe tröstend zu, und Kurt schluckt einigemal an etwas dickem in der Kehle, bevor er, immer noch mit feuchten Augen ein halbleises »Ja vielleicht« erwidert.
Wie sie geräuschvoll den siegreichen Max umzingeln! Wie sie voll Jubel ihm den Kranz aufs blonde Haar aufsetzen! Mit welchem Eifer sie den Stift betrachten, der ihm als Prämie eingehändigt worden ist! Kurt siehts von weitem. Er hat vorsätzlich lange Zeit gebraucht, um seine Jacke und den Shlips zu ordnen, um so den Anschluß an die Klasse zu versäumen. Jetzt liegt er hingeworfen auf dem hohen Rasen – von einem Baumstamm liebevoll gedeckt, und läßt den Thränen der Enttäuschung, die ihm in die Augen treten, vollen Lauf.
Wäre er doch gar nicht mitgekommen! Wär' er daheim geblieben bei dem alten Vater, der ohnehin zögernd zugegeben, daß er am Ausflug teilnahm. Er hätte davon auch nicht viel gehabt – im stillen Häuschen bei dem Vater regungslos zu sitzen und zu lesen oder rechnen, wie es stets von ihm beansprucht wurde – beim Vater, der von früh bis spät so emsig schrieb und seinen Sohn kaum je beachtete – und doch! Wie ungleich besser als stets von neuem sehen zu müssen, wie der blonde Knabe ihm den Rang ablief – die Prämien alle nahm, während er sich doch so redlich mühte, einmal wenigstens –
»Ballfangen! Kurt – das Wettspiel! Komm' doch!« Es war derselbe kleine teilnahmsvolle Bursche von vorhin, der seine dünne Stimme fisteltönig hoch geschraubt zu Kurt hinüberklingen ließ, da Kurt sich weder aufhob, noch etwas erwiderte – durchsprang sein kleiner Freund die Strecke, die sie schied – und stand an seiner Seite.
»Kurt, komm' doch!«
»Mag nicht!« Er stieß es mürrisch aus und warf sich unwirsch auf die andere Seite.
»Komm doch!« ermuntert der Herangetretene eindringlich bittend – und da der andere nichts entgegnet, nur heftig mit dem Fuß ausschlägt, verliert der kleine Freund den Mut und schiebt sich rücklings gehend fort – dem Spiele zu.
Kurt liegt eine kleine Weile regungslos – die Augen in die Arme vergraben – auf dem Rasen. Von ferne hallen Rufe heller Stimmen zu ihm – er hört das Aufschlagen der geworfenen Bälle – das Schreien und Fallen und Stoßen der erregten Kinder und zwischendurch des Lehrers Stimme.
»Na – fängt denn keiner?«
Kurt hat den Kopf emporgerichtet. Die dunkeln Augen sehen gespannt dem Spiele zu. Wie sich alle schieben – wie sie rennen, um den Ball beim ersten Wurf zu fangen! War's denn so schwer, daß selbst der Max – Plötzlich mit einem Sprung steht er auf seinen Füßen; noch ehe er selbst sich über sein Vorhaben klar wird – ist er im Kreise derer – die da um den Ball wetteifern. Kühn, aufrecht – fest entschlossen steht der kleine Bursche da. Die Klasse sollte sehen, ob es jedesmal der Max sein mußte, der – –
»Eins! Zwei! Los!« Der Ball fliegt hoch und wieder nieder. Wild schreiend schieben sich die Kinder aneinander. Sie beugen sich zurück und vor und strecken ungestüm die Hände aus, und aus dem dichten Haufen lärmender, erregter Kinder windet sich ein einziges los, streckt sich triumphierend ein energischer Arm empor.
Kurt Henning hat den Ball.
»Er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!« ruft eine Stimme laut, und es entsteht ein lautes Lärmen, und Protest erhebt sich.
»Max Roland hatte ihn zuerst; dann fiel er hin – und dann nahm ihn Kurt Henning auf!« schreit der Ankläger von vorhin.
»Lüge!« stößt Kurt ingrimmig aus.
»Keine Lüge – er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!«
»Nein – das hat er auch nicht – Max hatte ihn!« schrieen die Kinder erregt und Herr Karler hebt – Ruhe gebietend – beide Hände.
»Kurt soll vortreten!«
»Sage Kurt – hast du den Ball beim ersten Wurf gefangen!«
Des Knaben Augen lodern unheimlich trotzig auf.
»Ich – ich –«
»Er hat ihn nicht gefangen!«
»Max hat ihn gehabt!« ertönen wieder die Anklagestimmen von vorhin.
»Ruhe! Ich frage euch nicht!« spricht ernst Herr Karler. »Kurt wird mir ganz allein die Wahrheit sagen!«
Ein Augenblick der Spannung! In des gefragten Kindes Hirn entsteht ein wüster Kampf. Sagt er »nein«, so fällt die letzte Chance, die ersehnte Prämie zu erhalten – fällt jede Aussicht, einmal von des gestrengen Vaters Mund gelobt zu werden! – sagt er ein »ja«, so spricht sich's morgen in der Stadt herum, daß er – nicht Max –
»Hast du den Ball richtig gefangen, Kurt?« Wie eigen warm des Lehrers Stimme klingt! Wie voll Vertrauen das graue Augenpaar ihn ansieht! Des Kindes Herz versteht den Blick; des Kindes Herz erwidert darauf. Den Kopf zurückgeworfen, daß die Lockenfülle weithin in den Nacken fliegt – die Augen groß und voll zum Lehrer aufgeschlagen, spricht Kurt ein deutliches ernsthaftes »Nein, Herr Karler!«
Die Stille, die dem Worte folgt, wird durch den Lehrer unterbrochen.
»Du bist ein braver Kerl, Kurt Henning!«
Die Dämmerung ist da. Müde und bestaubt marschiert die kleine Schar zur Stadt zurück. Die Frühstücksbüchsen hängen ihnen leer zur Seite.
Kurt Henning hat den Blick mit ernstem Ausdruck auf das kleine Haus gerichtet, das am Thore liegt und das er mit dem Vater bewohnt.
»Worüber sinnst du, Kind?« fragt ihn Herr Karler, dem etwas in dem Angesicht des Knaben zu denken gibt, und Kurt erwidert leise – sehnsuchtsvolle Augen zu dem Lehrer hebend:
»Ich hätte doch so gerne eine Prämie heimgebracht; mein Vater hätte sich gefreut!«
Herr Karler legt die Hand liebkosend auf des Knaben Haupt und gibt ein Zeichen, daß die andern stehen.
»Sag' deinem Vater, daß du ihm die Achtung deines Lehrers mitbringst, Kurt, das wiegt wohl eine Prämie auf! Gut' Nacht, mein Sohn!«
Weiß wohl der kleine Mensch den vollen Sinn der Worte zu verstehen, oder ist's der einfach kindliche Instinkt, der ihn so eigen wonnesam ergreift?
Die kleinen Hände schließen sich fest um des Mannes Rechte und feuchte Kinderlippen legen sich – von einem plötzlichen Impuls geleitet – auf dieselbe nieder.
»Gut' Nacht, Herr Lehrer!«
Die Klasse wartet, bis der kleine Schüler in den Flur des niederen Häuschens eingetreten ist. Herr Karler gibt das Zeichen, und vorwärts gehts im Schritt, dem Städtchen zu.
Aus einem Fenster des zurückgelassenen Häuschens beugt sich vom zweiten Stock ein müdes Köpfchen voller krauser wirrer Locken und nickt der Klasse grüßend zu, und über ihm neigt sich ein runzeliges, greises Haupt und sieht mit glücklichem und stolzem Lächeln auf das dunkle Köpfchen seines Sohnes nieder.