Des Nachbars Junge.
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Er war ein verwahrlostes Kind und in dem ganzen Stadtviertel wegen seiner losen Streiche gefürchtet; dennoch zog mich etwas in seinem sommersprossigen, kugelrunden, von roten, struppigen Haaren umgebenen Gesichte seltsam an und ließ mich, wenn er auf den an den Parterrefenstern entlang laufenden Balkons der gleichgebauten Häuser seine halsbrecherischen Gelenkübungen vornahm, interessiert und besorgt zu ihm aufsehen.
Eine Zeit lang pflegte der bewegliche Bursche die gefährlichen Schaustellungen in der Gymnastik an allen Eisengittern und Fenstervorsprüngen den staunend bewundernden Blicken der versammelten Schuljugend zum besten zu geben; seit aber seine Produktionen zu Nachahmungen reizten, die unter den weniger gelenkigen Knaben einige gebrochene Gliedmaßen zur Folge hatten, seitdem die biederen Nachbarsfamilien den verderblichen Einfluß des verwahrlosten Knaben erkannten, war das Machtverbot des »Nichtumgehens« mit Charley Gregor sprichwörtlich geworden, und so begnügte sich der vereinsamte Gymnastiker, seine Produktionen scheinbar zum Schrecken der Vorübergehenden oder zu seiner eigenen Unterhaltung unbeirrt fortzusetzen, bis er eines sonnenhellen Morgens bei einer seiner gewagtesten Verrenkungen (er hing mit einem Bein an der Bretterwand, welche den Garten seines Vaters von dem meinen trennte, während sein niederbaumelnder Kopf sich auf gleicher Linie mit seinen rücklings herabhängenden Armen hin und her wiegte) die Augen aufschlug, und mein erschrecktes Gesicht über dem Fenstersims gebeugt sah. Im Nu schnellte der kleine Mensch hoch – saß fest und sicher auf dem Zaun und lachte mit absichtlich schief gezogenem Munde, in dem die gelblichen Zähne weit auseinander standen, unverschämt dreist zu mir herein, während er sich mit einer unglaublichen Behendigkeit auf dem Zaun entlang schob und sich so meinem Fenster näherte. War es die mir innewohnende weibliche Scheu vor der Roheit des Kindes, war es das instinktive Abwehren der mir drohenden Annäherung, ich machte einen Schritt in das Zimmer zurück; dann aber besann ich mich. Der gänzliche Mangel an Ehrerbietung einer Erwachsenen gegenüber, der sich in seinen dreisten Blicken aussprach, veranlaßte mich, die in mir aufsteigende Empörung zu unterdrücken, und, ganz der Stimme des Mitleids in mir folgend, bog ich mich vor und sprach den Knaben an.
»Ich fürchtete, du würdest fallen!«
Die Antwort war eine rohe Lache, die, kaum aufgeschlagen, ganz kurz abbrach und verstummte. Aus dem unschönen Knabenantlitz schaute mich sekundenlang ein tiefblaues Augenpaar starr, forschend an; dann verschwand der sinnige Ausdruck, der flüchtig auf seinem Antlitz gelegen und machte einem höhnischen, zweifelnden Lächeln Platz.
»Und wenn ich gefallen wäre – who'd care?« (wer machte sich was daraus?)
»Jeder; dein Vater zuerst!«
»Der?« Charley Gregor warf mit einer verächtlichen Lache den Oberkörper rücklings auf den Zaun und blickte aus halb geschlossenen Lidern hervor auf die herabgelassenen Jalousien seines väterlichen Heims; dann schwang er sich wieder auf, schüttelte die buschige Mähne in die Stirn zurück und spie – wie um die Verkommenheit seines Wesens zu demonstrieren – mit einer gewissen Großthuerei weithin über den Garten. Sein Kopf war etwas abgewandt; als er ihn nach kurzer Pause wieder erhob, schien ihn meine fortgesetzte Anwesenheit am Fenster zu erstaunen.
»Bad case – me?« (Verlorne Seele – ich?) rief er kurz, halb fragend, halb behauptend.
»So?« entgegnete ich lächelnd, »weshalb denn?«
»Unverbesserlich!« Er stieß das Wort mit einem Anflug von Stolz hervor und steckte aufrecht sitzend beide Hände tief in die Hosentaschen, bauschte dieselben weit auseinander und klappte sie, mit einem festen kleinen Schlag gegen seinen Körper, wieder zusammen.
»Das Ihr Vogel?« fragte er plötzlich zutraulicher – den Bauer unausgesetzt ansehend. Ich nickte.
»Gekauft?« Die drollige Frage gefiel mir.
»Er gehörte meinem Kinde,« berichtete ich.
Charleys Augen hoben sich fragend.
»Haben Sie ein Kind?«
»Jetzt nicht mehr,« sagte ich leise, »es ist gestorben!«
»So?« Charleys Ausruf war ein Mittelding zwischen Neugierde und Mitgefühl, und seine Blicke begannen über den Hausdächern ziellos umherzuirren und sanken endlich mit salbungsvollem Ausdruck auf seine dickbesohlten Stiefeln herab.
»Viele Leute sterben,« begann er endlich, mit der Miene eines bejahrten Tröster, dem nach langem Suchen das richtige Wort eingefallen ist, »kenne 'ne Menge Leute, die gestorben sind. Viele sterben an Masern. Böse Krankheit – Masern!«
Ich antwortete nichts. Meine Gedanken waren weit zurückgeschweift. Sie hingen an dem Bilde eines kleinen dunkellockigen Knaben, dessen hellklingende Stimme mir durch kurze Jahre das Dasein gelichtet hatte, um dann zu verstummen – auf immer – und mich einsam zurückzulassen. – –
Wie lange ich in stillem Sinnen verblieb, weiß ich nicht. Als ich aufsah, war ich allein. Charley Gregor war geräuschlos verschwunden. Ich dachte eine Weile über sein plötzliches Verschwinden nach, und empfand ein unbehagliches Gefühl von Reue darüber, die rauhen Trostesworte, die, wie ungeschickt sie auch schienen, doch von gutem Willen sprachen, so unerwidert gelassen und – so folgerte ich – das Kind dadurch gekränkt und verscheucht zu haben.
Ich begann mir ernstliche Vorwürfe zu machen, daß ich die weiche Regung des verwahrlosten Knaben zurückgestoßen und ihm vielleicht auf immer den Mut genommen, sie wieder zu offenbaren. Wer konnte wissen, wie tief ihn meine Nichtbeachtung seines wohlgemeinten Trostes geschmerzt – wie zerknirscht –
Mein reuiger Gedanke wurde durch ein dumpfes Gemurmel unterbrochen. Von meinem Fenster aus konnte ich trotz des eingetretenen Dämmerlichts sehen, wie ein Menschenhaufen sich vor der gegenüberliegenden halb verfallenen alten Kirche ansammelte, und besorgten Blickes zur Spitze derselben aufschaute, von wo aus rasch aufeinanderfolgende kleine brennende Hölzchen herniederfielen. Brannte es? War ein Feuer ausgebrochen? Ich bog mich geängstigt weit aus dem Fenster und durchspähte prüfend den oberen zackigen Vorsprung des verfallenen Baues.
War es möglich? Ich stand vor Entrüstung zitternd aufrecht. Dort oben, hinter einer der vorspringenden zerstückelten Figuren versteckt – lugte der rote Kopf Charley Gregors vorsichtig auf die Menge herab, während er mit empörendem Eifer kleine Stücke von der bröckeligen Holzballustrade ablöste – sie mittelst eines Zünders anblies und bedächtig unter die unten versammelte Menge vertrieb. Der leichte Abendwind trug glücklicherweise die brennenden Hölzer hin und her und löschte die bläulichen Flämmchen, bevor sie die Menschen erreichten, wo sie nur noch als kleine Kohlen glimmend zur Erde regneten. Ich sah noch, wie eine ganze Handvoll solcher Funken auf einmal herniederfiel, sah, wie eine vorsichtig kletternde kleine Gestalt mit der Behendigkeit einer Katze die hintere Steinwand entlang – vom Vorsprung zum Fenster und dann weiter abwärts glitt, und, plötzlich inmitten der Menschengruppe stehend, mit dieser hinaufschaute nach der Stelle – von der aus er selbst noch vor wenigen Sekunden die brennenden Hölzer geworfen.
Ich schloß, über die besonnene Schlechtigkeit dieses Knaben entrüstet, das Fenster, und trat, empört über seine klar zu Tage getretene Verderbtheit, mißgelaunt ins Zimmer zurück.
Es war mir unerquicklich, daß mich während der Nacht das sommersprossige Gesicht des »Gregor-Jungen« verfolgte. Bald sah ich ihn an hohen zackigen Felsen hängen, bald auf irgend einem Dachvorsprung sitzen, von dessen Kante aus er die gefährlichsten Sprünge machte, und so überraschte es mich nicht sonderlich, als ich in der Frühe an meinem Schreibtisch sitzend, eine wohlbekannte Stimme in geheimnisvollem Flüsterton rufen hörte:
»Hay Missus!« Ich blickte von meinen Manuskripten auf. Vor der obersten Scheibe meines Fensters baumelten zwei unreinliche Spitzen zweier sehr unreinlicher Stiefel. Es war unschwer zu erkennen, wessen Körper über den dicken Sohlen schwebte. Ich trat auf den Balkon hinaus. An den Stäben des zum oberen Geschosse gehörigen Balkons hielt er sich, während sein herabspähender Kopf eine günstige Stelle zum Hinabspringen zu suchen schien.
»Pleasant morning!« (Angenehmer Tag!) rief er, mit der familiären Miene eines täglich willkommenen Besuchers, und ich vergaß über dem unbefangenen Gruß des Knaben, wie über der beängstigenden Lage seines Körpers meine Indignation von vorher.
»Ein sehr angenehmer Tag, aber du wirst gleich stürzen,« rief ich so ruhig wie möglich zurück.
»Aus dem Weg', ich komme!« Der Warnungsruf kam nicht einen Augenblick zu früh. Der feste kleine Mensch landete geräuschvoll auf dem Balkon und stand an meiner Seite. Mein unerwarteter Gast trat dicht vor die Schwelle meines Zimmers und spähte mit unverfrorener Dreistigkeit in das Innere desselben.
»Hat er hier bei Ihnen sitzen dürfen?«
»Wer?« fragte ich, durch den sinnigen Ernst seines Gesichtes stutzig gemacht.
»Der tote Junge!« Wie schmerzlich mich die rohe Benennung auch berührte, so lag doch in der halb brutalen, halb feierlichen Betonung der Worte etwas Ergreifendes. Ich nickte stumm Bejahung.
»War wohl ein famoser Junge?« Diese Bezeichnung paßte kaum auf das zarte dreijährige kränkliche Wesen, das seine kurze Lebenszeit meist liegend zugebracht. Mein Gast machte sich wie es schien, ein falsches Bild von ihm, das ich für den Augenblick nicht zerstören mochte.
»Weshalb meinst du, daß es ein gutes Kind war?« fragte ich.
Die Antwort kam rasch, bestimmt.
»Cause ye'r sorry!« (Weil Sie traurig sind.)
»Aber das wäre ich doch auch bei dem Verlust eines unartigen Kindes!«
Charley Gregor lachte mich an, als hätte ich einen Witz gemacht. Er stemmte seinen linken Fuß rückwärts gegen die Mauer und schob sich in kleinen Sprüngen stoßweiße vor.
»Sie hatten ihn doch lieb!«
»Ja!«
»Schlechte Jungens mag man aber nicht!« Er sah mich bei dieser Erklärung ganz ernst an, wie um seine Lache von vorhin zu entschuldigen.
»Weshalb denn nicht?« entgegnete ich, »sie sind deshalb doch unsere Kinder!«
Charley Gregor stand ganz still. Er hatte sich etwas abgewandt, so daß ich nicht erkennen konnte, was in seinem Antlitz vorging. Als er es nach längerem Schweigen zu mir wandte, lag darauf ein Ausdruck kindlicher dringlicher Wißbegierde.
»Und wenn er ganz schlecht gewesen wäre, hätten Sie ihn doch lieb gehabt?«
»Gewiß!«
Charley wurde dringlicher. Seine Augen glänzten eigen.
»Und wenn er auf dem Felde Scheiterhaufen gemacht hätte, und Schule geschwänzt, und Milchkannen gestohlen?«
»Auch dann!« Charley zog wieder den schiefen Mund und lachte. Ich blickte mit Wehmut auf den Knaben, der so unbewußt in seinen zweifelnden Fragen eine bittere Herzensklage aussprach. Eine Aufwallung von Mitleid überkam mich. Ich trat ihm näher.
»Gehst du nicht zur Schule, Charley?«
»Manchmal!«
»Weshalb nur manchmal?« Charley warf ein Bein über die Brüstung des Balkons.
»Meistens schwänze ich!« Ich sah voraus, wie die alte höhnische Stimmung ihn zu überkommen drohte und mühte mich, sie fern zu halten.
»Aber das ist unrecht. Das betrübt deinen Vater!« Die rote Mähne flog von der Stirn zurück. Die blauen Augen sahen groß zu mir auf.
»Mein Vater macht sich gar nichts draus!« erklärte er sehr bestimmt.
»Woher weißt du denn das?«
»Er sagt's. Er hat mich aufgegeben. Sagt, aus mir wird doch nichts! Früher hat er gehauen – dann bin ich davongelaufen – dann hat er mich eingesperrt, wenn der Lehrer klatschte, daß ich geschwänzt hatte. Jetzt kümmert er sich nicht mehr drum. ›Thu, was du willst‹, sagte er, und so thue ich, was ich will. Gestern habe ich geschwänzt, heute auch – niemand kümmert sich drum! Kann ich 'mal reingehen?«
Charley Gregor trat, ohne meine Erlaubnis abzuwarten, mit der ihm eigenen Dreistigkeit in meine Behausung ein. Ich habe nie vergessen können, mit welch eigentümlich andächtiger Bescheidenheit sich der brutale Straßenjunge bei diesem seinem ersten und letzten Besuch bei mir verhielt. Die Hände tief in den Taschen vergraben, wie um sich vor »Anfassen« zu bewahren, oder um die Unreinlichkeit zu verbergen, umkreiste er dreimal das Nipptischchen, auf dem die Reliquien meines heimgegangenen Kindes gesammelt lagen.
»Kleiner Schuh!« sagte er einmal halblaut, indem er mit überlegenem Lächeln das kleine lederne Bekleidungsstück betrachtete, »ich kenne ein kleines baby – da unten am Wasser wohnt's – das hat solch kleine Füße. Manchmal gehe ich hin und bringe ihm ein Stück Zucker, und das steckt es auf einmal in den Mund und schiebt die ganze Faust nach. ›Charley‹ kann es noch nicht sagen, es sagt ›Tally‹, und wenn es lacht, sperrt es den Mund ganz weit auf und dann sieht man nur drei Zähne; mehr hat es nicht!«
Es war ein herzgewinnendes Lachen, mit dem er die kleine knabenhafte Beschreibung begleitete, und es erhellte sein Gesicht, wie ein Sonnenstrahl. Ich fuhr ihm lächelnd über das krause Haar, und er sah verwirrt zu mir auf. Seltsam war es, daß sich mir jeder seiner Blicke und jedes seiner Worte so fest einprägten! Ich saß lange, nachdem er mich verlassen, und sann über seinen Besuch nach. Wie anders erschien mir der Knabe jetzt! Und wie schlug mein Herz vor Erbitterung gegen den Mann, den Vater des an Gemüt reichen Knaben, der den Weg nicht fand zum Herzen seines Kindes! Liebte er wirklich das Kind nicht, oder verstand er es nur nicht, das trotzige Wesen desselben zu lenken?
Es war Abend geworden. Die milde Frühlingsluft zog mich hinaus in den Garten. Es war ringsum still, und wider meinen Willen schweiften meine Gedanken zu dem Nebenhaus hinüber. Dort lag alles im Dunkel. Schlief man bereits? So intensiv gespannt horchte ich hinüber, daß ich das Geklirre der Kette an der Gartenthüre des Nebenhauses überhörte, und erst als eine Stimme »Missus« rief, wandte ich mich um und gewahrte meinen Knaben auf der Straße stehend.
»Charley! du?«
»Kommen Sie mal dicht 'ran ans Gitter,« sprach er in seiner kategorischen Art, und ich trat dicht auf ihn zu.
»Ich wollte Ihnen nur sagen, daß das alles eine Lüge war, was Sie mir sagten, und daß es doch einerlei ist, was ich thue. Ich werde Ihnen auch sagen, wieso. Der Lehrer war wieder da und hat geklatscht, und wie er fort war, da ist mir eingefallen, was Sie gesagt haben von schlechten Kindern, die doch geliebt werden, und da bin ich zu meinem Vater 'reingegangen, und habe ihm sagen wollen, daß ich bei Ihnen war und – und – na – so allerhand – wollt' ich ihm sagen – – –«
»Nun, und?«
»Da hat er gesprochen und hat gesagt, er wollte nichts wissen. ›Bist ein Vagabond‹, sagte er – ›ob du auf dem Galgen endest oder im Zuchthaus, das ist mir gleichgültig! Meinetwegen kannst du stehlen oder dich ersäufen, mir ist's gleich, wenn ich dich nur nicht mehr sehen muß,‹ sagte er. – So, und nun bin ich nur gekommen, um Ihnen zu sagen, daß es alles Lüge war, Missus!«
Es war ein seltsam weißes entschlossenes Gesicht, das er mir, vom Mondlicht umflossen, zukehrte, bevor er sich wandte und rasch davonschritt.
Eine mir unklare Angst trieb mich, ihn anzurufen.
»Charley! Charley Gregor!« Ich erhielt keine Antwort. Seine Schritte klangen nur undeutlich zu mir zurück, als ich, ein Tuch über den Kopf geschlungen, von einer unbestimmten Angst gejagt, die Straße entlang eilte.
Warum sagte ich mir nicht einmal: Thörin, was rennst du durch die Nacht? Was kümmert's dich, was drunten am Fluß geschieht? In dem großen dunklen Hause liegt alles im Schlummer, was also treibt dich atemlos dem Ufer entlang, dem kleinen verwahrlosten Knaben nach, der – ich allein wußte es, unter der rauhen Fläche eine wunde, liebebedürftige Seele barg. Schnell! Schnell! Die kleinen Füße laufen behend. Das Ufer ist leer. Kein Mensch, der ihn aufhält!
»Charley! Charley!« Irrte ich, oder wandte sich das Kinderantlitz mit den tiefen Augen noch ein letztesmal zu mir? Ein dumpfer Aufschlag – ein Schrei! – – –
Wo kamen die Menschen her, die sich ans Ufer drängten? Waren es meine Rufe, die sie beschieden? Und der sich da durchdrängte, barhäuptig, bleich, hohläugig – der sich aufschluchzend über die nasse Leiche beugte, die in meinem Schoße lag, war das der Vater, dessen starres Herz den Knaben von sich gestoßen, dessen Worte ihn vertrieben?
»Charley, o Charley!« Der Ruf hallte weithin durch die Nacht, und der ihn ausstieß, hob ein greises, gramgefurchtes Antlitz zu mir auf.
»Ich habe ihn nicht verstanden, Madame!«
Das war's! Alle Bitterkeit schwand aus meinem Herzen. Auf das bleiche Knabenantlitz niederschauend, wiederholte ich leise die Worte:
»Er hat dich nicht verstanden – Charley!«