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Junge Herzen

Die Geschichte einer Wäscherin.

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Sie bewohnte ein niederes, aus Brettern erbautes Häuschen in einem der entlegensten Stadtteile, dort wo der große Teich gelegen war, der im Winter zu starrem spiegelglattem Eise zufror und die ganze waghalsige Stadtjugend auf seine glänzenden Flächen lockte.

Ihr Häuschen stand dicht an der Eisbahn, und der Wind heulte oft um die scharfe Ecke, in welcher der einstöckige kleine Bretterbau gelegen war, und rüttelte an den grauen Fensterläden, daß sie geräuschvoll aneinander schlugen und der grauen Außenseite etwas Unheimliches verliehen.

»Ein unfreundlicher Aufenthalt,« dachten die Fremden, welche von ferne das einsame, von den anderen Bauten durch eine kahle Wiese getrennt liegende Häuschen sahen, aber die Schuljugend dachte anders darüber. Die rosige kleine Schar, die auf dem Eise lärmend und jubelnd übereinander purzelte, sich Arme und Beine wund stieß und unter abwechselndem Lachen und Wehgeschrei mit den schmerzenden Gliedmaßen in das Innere des niederen Häuschens flüchtete, um sich Trost zu holen! Diese kleine Schar hielt die zwei spärlich möblierten engen Stübchen mit den weißen Gardinen und dem helllodernden Kaminfeuer für das reizvollste Plätzchen der ganzen Erde. Der feuchte Dunst vom Seifenschaum, der aus dem großen Waschzuber dicht am Fenster emporzusteigen pflegte, hüllte tagtäglich mehr denn ein Dutzend herein- und heraushuschender Kinderköpfchen in seine feuchte Wolken ein, und die leichten Schaumflöckchen, die sich in kleinen flickernden Bläschen auf die zerzausten Lockenköpfchen niedersetzten, zogen mit eigenartigem Zauber die Kleinen stets von neuem an. Oder war es doch nicht der flockige schneeige Seifenschaum, der sie lockte? War es vielleicht jene alte, etwas heisere, ganz unmelodische, aber überaus drollige tiefe Stimme, die von der Ecke her über das plätschernde Seifenwasser fort ihr ernst scherzendes:

»Sieh! sieh! sieh! wollt ihr wohl weitergehen!« ertönen ließ, was solche besondere Anziehungskraft übte?

Mutter Krüger war eine alte Frau. Sie war vor vielen Jahren – die Alten des Städtchens erinnerten sich undeutlich des Tages, unbegleitet und ungekannt in das Häuschen eingezogen, hatte mit einem stillen, Schonung gebietenden Antlitz die freundlichen Annäherungen der geschäftigen Nachbarn abgelehnt, um einsam, wie sie gekommen, in ihren vier Wänden zu verharren. Müßige Zungen ließen es an allerlei verdächtigen Reden nicht fehlen. »Sie ist eine durchgebrannte Frau, sie hat eine ›Geschichte‹,« flüsterten sie unter einander. Aber wenn sie gleich ihre Geschichte hatte – die verschlossenen, wehmütig herabgezogenen Lippen wahrten ihr Geheimnis gut, und mit der Zeit gewöhnte man sich daran, die hinkende Gestalt (Mutter Krüger schleppte das rechte Bein nach) – hinter den weißen Vorhängen des Vorderstübchens unter einer Wolke heißen Dunstes auf- und niedertauchen zu sehen und die energische Handhabung des Waschbrettes bis auf die Straße hinaus zu vernehmen.

Mutter Krüger hatte ihre regelrechten Kunden, solche, die sie allwöchentlich beschäftigten, und die sich aus Interesse für die redlich Arbeitende zu zeitweiligen Besuchen bei ihr herbeiließen. Diese Besuche der guten Stadtdamen waren für Mutter Krüger wenig erfreulich – destomehr aber entzückte sie die immer reichlicher werdende Schar kleiner Leute, die sich mit Leidenschaft an die einsame Frau anschlossen und in ihr die Vertraute allen Kummers und aller Freuden sahen. Wie doch Kinder hinter der verschlossensten Maske ein warmes Gemüt herauszufühlen wissen! Und wie auch wieder so ein Kindeslächeln die Eiskruste eines erkalteten Herzens hinwegzuschmelzen vermag! Von dem gramgefurchten Antlitz schwand mit der Zeit der wehmütige Hauch, und die Kinderwelt meinte, auf Erden keinen so neckischen Mund finden zu können, wie den ihrer alten Freundin, und keine verständnisvolleren Augen als die großen grauen ernsthaften der Mutter Krüger, die – wenn sie mißbilligten – so beschämend blickten. Die kleinen Schulmädchen erinnerten sich recht gut der Sache mit dem Ordnungsheft, das plötzlich vor der Prüfungszeit von den mit Tadeln reichlich bedachten Schülerinnen vernichtet worden war, und wie sie, die Missethäter, aus Furcht vor der ihnen drohenden Entlassungsstrafe drei Tage lang geschwänzt hatten. Mutter Krüger hatte sie gleich so seltsam angesehen, als sie zu ungewöhnlich früher Morgenstunde bei ihr eingetreten waren und verlegener denn sonst ihren Gruß erwiderten. Es war auch wohl ein Zufall gewesen, daß die Alte gerade Zeit hatte, von ihrem Waschfaß fortzuhinken, um sich vor den Kamin unter die kleinen Schelme zu setzen.

Toni Hellmuth erzählte später, wie merkwürdig es ihr gewesen sei, daß Mutter Krüger ihr wiederholt mit der feuchten Hand das Haar gestreift, nachdem sie, gerade sie, es wieder gewesen war, die jenen Schulstreich angestiftet! Ja, sie gestand sogar, daß sie nahe daran gewesen, der guten Alten die Sache zu verraten; aber da war gerade der Krach gekommen –

»Wie wir just um den Kamin so behaglich sitzen,« hatte Toni in ihrer knabenhaften lebhaften Art erzählt, »kam das Gepolter gegen die Thüre, und jede einzelne von uns wußte ganz genau, daß es der Lehrer war, und wie der Blitz waren wir von der Erde auf und hinter den Wäschehaufen versteckt, und da öffnete die Krüger langsam die Thür und richtig – es war der Lehrer!« Das Gespräch zwischen dem kleinen strengen Mann und der einfachen Alten wurde aufs genaueste von den versteckt lauschenden Kindern in der Stadt nacherzählt.

»Daß die Kinder Bertha, Elisabeth und Toni schwänzen – seit drei Tagen schwänzen – das wissen Sie gewiß,« hatte der gestrenge Mann lauernd, fragend, tadelnd gemeint und »Mein Herr« war darauf die ruhige Erwiderung der Alten.

»Und da das Trio bei den Eltern nicht aufzufinden war« – sprach der abscheuliche Mann, unbeirrt von der Zwischenantwort der Wäscherin mit seiner monotonen Lehrerstimme weiter, »so vermuten wir berechtigterweise, daß sie sich bei Ihnen – gute Frau – verbergen – hem! hem!«

»Herr,« hatte der Mutter Krüger leicht vibrierende Stimme gesprochen, »ich sagte Ihnen schon, daß ich von dem begangenen Streich nichts wußte; eines aber ist gewiß,« – hier machte Frau Krüger einen Schritt ins Innere des Zimmers und begann nachlässig den umhergestreuten Wäschestoß so aufzutürmen, daß das rotstruppige Haar Toni Hellmuths mit seinem verräterischen Wulst besser verdeckt wurde – »eines ist gewiß, Herr, unter all den Kindern Ihrer Schule ist kein einziges, das Mutter Krüger so wenig ehrt, um sie zu einer Hehlerin zu machen!«

In dem Zimmer war es still gewesen, nachdem der kleine Mann gegangen. Mutter Krüger war schweigend an ihren Waschzuber getreten. Ebenso schweigend kamen die kleinen Missethäter aus ihren Ecken hervorgekrochen, um sich mit verschämt gesenkten Köpfchen zur Thüre zu schleichen. Mutter Krüger aber hatte erst dann den Blick gehoben, als Toni Hellmuth, auf der Schwelle stehend, mit dunkelrotem verhülltem Antlitz ihr »ich schäme mich, Mutter Krüger,« gestammelt hatte, und Mutter Krüger nickte nur und lächelte sie mit dem alten Lächeln an.

Die kleine Begebenheit wurde nicht vergessen. Kinderherzen sind eigen rachsüchtig im Haß, wie sie eigen erkenntlich sind in der Liebe.

Die Arreststrafe wurde hart zugemessen. Tagelang blieben die Kinder vom Eisplatze und von der kleinen lieben Hütte verbannt, und als sie endlich wieder vor dem Häuschen erschienen, da lag auf den Gesichtern der Ausdruck eines rachedurstigen entschlossenen Vorhabens.

Mutter Krüger stand sinnend am Fenster und blickte auf die Straße hinab. Es hat immer sein Unheilkündendes, wenn Kinder dort, wo sie jubeln könnten, in kleinen engen Gruppen beieinanderstehen und finster – leise miteinander sprechen! Das stille Antlitz, mit den glattgestrichenen weißen Haaren und dem einverstandenen Lächeln sah mit gespannten Blicken auf die Kinder nieder. Vielleicht war es ein Ahnungsgefühl, was sie empfinden ließ, daß es etwas zu verhindern geben dürfte. – Mutter Krüger schloß leise die Gardinen, ging – Besorgungen heuchelnd, auf die Straße. Absichtlich einen Umweg machend, kam sie ganz unerwartet auf die Kindergruppe zu, welche sich froh überrascht der alten hinkenden Gestalt entgegenwarf. Die Stimmen klangen alle durcheinander. Mitteilsamkeit, Schwatzhaftigkeit, Vertrauensseligkeit, alles zusammen sprach sich in den leidenschaftlichen Erzählungen der Kleinen aus, und über alle anderen hob sich die Stimme Toni Hellmuths:

»Er hat uns jeden Tag nachsitzen lassen, und wer, denkst du, hat es verraten, daß wir bei dir waren?« Große Pause. »Der bucklige Zeitungsträger war's!« Dies mit einer staunenden Eröffnungsmiene und geheimnisvoll hastig. »Sie sollen aber beide was abhaben, wir machen uns große Schneebälle und thun diese Steine hinein, und der Lehrer muß doch hier vorüber, wenn er nach Hause will, und dann rufen wir dem Zeitungsjungen von drüben allerhand Schimpfnamen zu, so daß er wütend wird und herauskommt – – na, und wenn der Lehrer seine Steine an den Kopf hat, ducken wir uns ganz klein, so daß er uns nicht sieht und der abscheuliche Zeitungsjunge kriegt die Schuld. So! Ist es nicht großartig?« Das erregte Kindergesicht erhob sich voll rachedurstiger Entschlossenheit. Erst als sie geendet, sah Toni den eigenartig schmerzlichen Ausdruck in Mutter Krügers Angesicht. Die Finger ihrer runzeligen Hand umschlossen jäh und fest die vertrauensvoll in die ihren eingeschlichenen Kindesfinger und Toni sah geängstigt zu ihr auf.

»Was ist's, Mutter Krüger – bist du böse?«

»Böse?« Die alten Lippen sprachen langsam die Silben nach. Die Stimme klang trotz des wehmütigen Zuckens ihrer Lippe – tapfer ermunternd, wie fast: »Wie sollt' ich böse sein – ich denke nur soeben an ein kleines Mädchen, die in meiner Heimatstadt zu Hause war und – aber es ist kalt hier unten, ich hebe die Geschichte von dem armen Mädchen auf, oder – wollt ihr euren Plan verschieben und mit mir –«

»O ja, ja!« Wie gut die Alte ihre Kleinen kannte! Wie wohl sie wußte, daß ein jeder Plan in nichts zerfiel, sobald sie etwas zu erzählen sich bereit erklärte!

Hell prasselte das Feuer im Kamin. Es warf über das Stübchen, in das die Kinder eintraten – seinen goldigroten Glanz.

»Sie hieß Christine,« begann Mutter Krüger fast heiter ihre Erzählung.

»Kein hübscher Name – was? Und nun gar, wenn man ihn abkürzte und Christe rief, und das thaten die Straßenjungen gar gerne, und wenn sie sie ärgern wollten, fügten sie noch ein Wort hinzu und nannten sie ›lahme Christe!‹

Sie war nämlich – habe ich euch schon erzählt, daß sie lahm war? Sie war als Kind gefallen und daher kam es. Manchmal bemerkte man es gar nicht. Wenn sie in den Werktagen in einem alten Rocke der Bäckersfrau – bei der sie Kost und Logis erhielt – umherlief, und die Falten ihr im Schmutz des Weges nachschleppten, konnte man ihr Hinken zu den anderen willkürlichen Körperverdrehungen zählen, mit denen Christe die Nachbarschaft halb trotzig, halb geärgert unterhielt.

Christe war nie zur Schule gegangen. Sie mußte des Morgens und des Abends das frische Backwerk in der Stadt herumtragen und des Mittags lag sie auf den Straßen und trieb aus Langeweile oder aus schlechter Laune allerhand böswillige Streiche. Sie war – was man so einen Taugenichts nennt, und die Nachbarskinder hatten große Angst vor ihr und nur einer – der Kaufmannssohn – ja so, ich muß der Reihe nach erzählen, sonst wißt ihr ja nicht, wie sie zu der Freundschaft mit ihm gekommen war.«

Mutter Krüger atmete tief auf. Ihr Gesicht wurde nachdenklicher – ihr Blick wandte sich dem Fenster zu. Die Straßen lagen im Dunkel. Der Wind hob und fegte die Schneeflocken kreuz und quer durcheinander und warf sie spielend gegen die Fensterscheibe, so daß es in der Stille des Zimmers wie ein schüchternes Pochen erklang.

»Christine hatte ihn eines Morgens auf ihrem Rundgang durch die Stadt in einer Pfütze liegend und laut schreiend gefunden, aus der sie ihn, ohne viel Worte zu machen, herausgezogen und in ihrer derben gutmütigen Art recht ungeschickt unter der Pumpe eines Nachbarhofes gesäubert hatte. Möglich, daß sie ihn dabei geschüttelt oder gezerrt, bis er sein Zetergeschrei erhob. – Die Nachbarn kamen herbeigelaufen und stießen das Mädchen ziemlich unsanft von der Thüre fort. Christine ging trotzig ab. Sie ging an dem Kaufmannsladen nicht mehr vorüber, und wenn der kleine Bursche – der mehrere Jahre jünger war wie das Mädchen – sie anrief, machte sie ihm drohende Zeichen und schüttelte sich vor Abscheu, und wie er einmal über ihr Gebahren hell auflachte und ihr schmeichelnd einen Apfel hinhielt – ging sie – naschig wie sie war, auf ihn zu und aß ihn mit ihm auf. Sie wurden gute Freunde – diese beiden.

An einem Tage schlugen sie sich und dann vertrugen sie sich wieder und wenn sie sich gerade gezankt hatten, ging der Junge zerstreut umher – und vernachlässigte seine Schularbeiten so sehr, daß ihn der Lehrer dafür strafen mußte.

Dies paßte nun aber dem Kleinen gar nicht und eines Tages lauerte er voller Zorn den Lehrer an der Straßenecke ab, um einen ganz abscheulichen Plan, den er sich mit den anderen Knaben ausgedacht hatte – durchzuführen. Sie spannten nämlich eine dünne Schnur über den Weg, den der Mann zu gehen hatte, und was geschah? Der Lehrer denkt an nichts Arges – sieht in der Dunkelheit des Abends die Schnur nicht, stolpert – fällt und – das war das Schreckliche – bleibt wie tot liegen. Ja, ja, – wie tot, und der Junge, der das Unglück angestellt hatte, bekommt große Angst und rennt mit seinen Freunden davon.

Wie nun die Menschen gelaufen kamen, schrieen sie vor Schreck laut auf, und die lahme Christine, die den Lärm hörte, drängt sich heran und beguckt sich neugierig den Menschenhaufen. Wie sie aber dasteht – fällt es plötzlich den Leuten ein, daß eigentlich alle bösen Streiche immer von ihr angestellt wurden, und daß sie sich nun so dreist durch die Menge schob, machte die Menschen erst recht aufsässig.

›Natürlich war es wieder die lahme Brut,‹ schrie eine dicke Frau aus der Menge und

›Sie ist ein gefährliches Geschöpf!‹ riefen andere zurück.

Christine sagte gar nichts. Sie war vielleicht erschreckt oder überrascht oder auch nur zornig auf die Menschen, die so ungerecht auf sie schimpften. Sie biß die Lippen trotzig zusammen und warf den Kopf zurück, und wie man den wirklich schwer verletzten Lehrer aufnahm und forttrug, fielen die Leute über das Mädchen her und tobten – bis man sie festnahm. Das Kind sagte kein Wort. Sie ließ sich von dem herbeigerufenen Beamten abführen, und machte zu all dem Lärmen um sich her ein böses höhnisches Gesicht. Sie that so, als machte ihr die Sache gar nichts aus, und um die Wahrheit zu gestehen – sie machte ihr wirklich nicht viel, weil sie bestimmt erwartete, daß der kleine Kamerad aus dem Kaufmannsladen kommen würde und die Geschichte erklären, – denn Christe war ein gerechtes Mädchen – trotz ihrer Fehler, und daß man andere leiden lassen konnte – für selbst gethanes Unrecht, das konnte sie nicht glauben.«

Die Erzählerin schwieg und sah die kleine Gruppe von Zuhörern aufmerksam und ernsthaft an. Wie still sie saßen! Wie tief befangen die schamroten Gesichtchen sich zu Boden neigten. War's, daß Mutter Krügers Schweigen eine stumme Aufforderung enthielt – war's, daß in dem gerechten Herzen Toni Hellmuths, der Anführerin der Kinderschar – ein Etwas sie zum reuigen Handeln antrieb – das Kind stand plötzlich hochaufgerichtet vor dem Herde – die kleinen Hände griffen halb verlegen, halb mit Ungestüm die Steine auf, die für den geplanten Angriff in Bereitschaft lagen, und stieß sie, einen Seitenblick auf Mutter Krüger gerichtet, mit hastiger Geberde in das Feuer.

»Der erste Tag verging,« sprach die Wäscherin gedankenvoll zur Erde sehend fort, »der erste Tag und auch der zweite – dann der dritte, und – er – kam nicht.«

»O, wie abscheulich!« Der Ruf aus dem Munde des kleinen Mädchens ließ Mutter Krüger aufblicken. Das schmale Fenster rüttelte unsicher in seinen Fugen und eine Zugluft drängte sich durch die Ritzen und wehte die Vorhänge leicht auseinander. Die welken Hände der Alten schlossen sich über ihre Knie und der abwesende Blick ihrer Augen – die eigen verschleierte Stimme, mit der sie weiter sprach, gaben Zeugnis davon, daß sie für sich zu sprechen, sich allein zu sein wähnte.

»Er war feige,« stieß sie düster und kurz hervor, »feige und undankbar. Er bekannte nichts. Der Lehrer starb an den Verletzungen. Sein Tod machte die Leute neu erregt. Zuerst war das Geschehene wie ein Kinderstreich gewesen – jetzt nannte man es ein Verbrechen.

Das Gericht war milde – glaubte milde zu sein – das Mädchen wanderte auf zwei Jahre ins Korrektionshaus. Christine wurde – auf ihr verzweifeltes Leugnen hörte man nicht mehr – in die Anstalt jüngerer Verbrecher geschafft und der Kaufmannssohn blieb, ohne sich durch ein Wort als der wirkliche Thäter zu verraten – daheim.«

»Mutter Krüger – du erzählst doch weiter – es ist nicht das Ende?«

»Das Ende?«

Die Alte wiederholte die Frage der Kleinen halb zögernd. Ihr Blick ruhte auf dem Feuer. »Vielleicht,« sagte sie, »sollte es für euch zu Ende sein, denn das, was folgt – aber nein, ihr sollt das Ganze hören. Das Mädchen blieb zwei Jahre in der Anstalt – zwei Jahre lebte sie unter allerhand kleinen und großen Verbrechern und wie die Zeit herum war – da konnte sie gehen. Wohin? – Danach fragte keiner. Das lahme Ding wollte wohl arbeiten, aber wer traute einem Mädchen, das aus der bekannten Strafanstalt entlassen worden war. Wo immer sie anfragte, jagte man sie höhnend fort. Es wurde ihr schwer gemacht, ihr ehrliches Brot zu verdienen – wochenlang – Monate – sie hatte viele Tage des Elends verlebt und endlich – – kam er.«

Mutter Krügers Auge blickte starr – ihre Stimme sank zum Flüstertone herab – wieder war es wie ein Selbstgespräch, das sie führte.

»Er war groß geworden, der frühere Kamerad – groß und schön, und seine Stimme klang so wahr und reuevoll – es war die erste Stimme, die in ihrem Leben weich und liebevoll zu ihr gesprochen hatte – er sagte ihr, daß er sie überall gesucht, daß er durch sein so feiges Schweigen ihr Leben verdorben, daß er gut machen wollte, was er gethan. Er konnte nicht Ruhe finden, während sie allein und unglücklich blieb und darum müsse sie ihm folgen – bei ihm bleiben – auf immer.

Sie war um Jahre älter als er. Sie hätte daran denken sollen, anstatt – anstatt –.« Die Stimme erlosch. Mutter Krüger hielt, wie sich besinnend – die Lippen geöffnet – dann lachte sie wie in jähem Erwachen, – die Hand auf die Brust, und erhob sich rasch. »Hörtet ihr nichts? Kamen nicht Schritte?« fragte sie seltsam beklommen und ihre Augen wanderten zum Fenster. Immer dichter fiel der Schnee, immer schärfer tobte der Wind. Er stob wie in blinder Raserei die Flocken auf und warf die Fensterläden krachend aus den Angeln. »Es war der Wind!« Die Alte sagte es leise in der den Kindern altgewohnten bekannten lieben Stimme und »es ist spät ihr Kleinen,« fügte sie hinzu, »und die Geschichte ist zu Ende, Sie heirateten sich, diese beiden – und – mein Gott« – die Wäscherin lachte leicht auf und sprach mit geradeaus blickenden Augen, »sie war nicht mehr jung, sie war nicht schön, und er war beides, und es war nicht seine Schuld, daß er eine jüngere fand, die zu ihm paßte und deshalb nahm die Frau mit der traurigen Vergangenheit eines sonnigen Tages ihre paar Habseligkeiten und ging ganz still fort und suchte sich ein neues« – – Die Stimme der Alten stockte.

»Was war das?« Mutter Krüger stand totenbleich aufrecht. Die kleine horchende Schar schob sich ängstlich auseinander, da sich das Antlitz ihrer alten Freundin mit weitgeöffneten stieren Augen auf die Thüre richtete, auf deren äußere Schwelle Männerschritte fielen. Die Hand der Frau hob sich, wie in ahnungsvollem Schmerz und deutete – mit gebieterischer stummer Geste auf das Nebenzimmer, und wie zum Schutze der sprachlos hereinhuschenden gehorsamen Kleinen – schleppte sie mit Aufwendung aller Kräfte ihren zitternden Körper vor die Thüre des Stübchens.

Wie der Wind heulte, wie die Flammen im Kamin hochschlugen, da die Eingangsthüre nach mehrfachem herrischen Klopfen aufgestoßen wurde. Ein Mann bei Mutter Krüger! Ein großer schneebedeckter Mann, mit vorgebeugtem breiten Nacken und einem düsteren, kranken Blick.

»Christine!« Der Ausruf war fast wie ein Schreckensschrei und die aufrechtstehende reglose Gestalt nickte mit bebender Lippe zweimal und wiederholte mit leiser Stimme:

»Ja – Christine!« Mochte es der schmerzliche Tonfall sein, der dem Manne wie eine Ermutigung klang – that es der Blick, der aus dem ergebenen alten Antlitz der Mutter Krüger auf ihn fiel? – Er machte einige Schritte zu ihr hin, blieb jedoch vor der ablehnend erhobenen Rechten stehen.

»Ich habe dich gesucht,« sagte er zögernd, mit gesenktem Auge.

»Zum zweitenmale,« unterbrach sie ihn leise und hart.

»Ich – ich war sehr krank, Christine – ich habe böses erlebt – ich – bin allein!«

Der Kopf der Alten hob sich rasch.

»Und – sie?«

Er lachte bitter auf. »Sie,« erwiderte er höhnisch, »sie wurde meiner überdrüssig!«

Es lag in der heftigen gereizten Sprechweise des Mannes etwas vom gekränkten eigensinnigen Kinde, und seine Haltung der Frau gegenüber hatte mehr vom leidklagenden Sohne zur Mutter, als vom reuigen Gatten zur Gattin. Vielleicht fühlte sie das nicht zum erstenmal heraus, vielleicht klangen darum ihre Worte herber, als sie es wußte.

»Und weiter – was suchst du hier?«

»Was ich suche? Christine, ich war lange krank – ich bin allein –«

»Halt!«

Er wich vor der gebietenden Haltung scheu zurück. Mutter Krüger stand noch immer vor der angelegten Thüre des Nebenzimmers – das ihre Kleinen barg. Jetzt, da sie sprach, zog sie die Thüre ins Schloß und trat dicht vor den Mann hin.

»Sprich nicht zu Ende,« gebot sie kurz, »es wäre vergeblich. Unsere Wege gehen auseinander. Du hast gewählt zwischen uns – du ließest mich gehen. Jetzt bin ich alt und hier drinnen ist's ruhig geworden. Einmal glaubte ich vom Leben etwas erwarten zu dürfen. – Das ist vorbei. Du bist jung – deine Wunden werden vernarben. Unsere Wege gehen auseinander, das ist mein letztes Wort. Ich zürne dir nicht. Gott sei mit dir!« –

Der Wind, der die Hausthüre krachend zuwarf, fegte den nassen Schnee hinter der gebeugten Gestalt des Mannes her, der vor dem Hause stehend einen letzten Blick hinaufwarf auf das matt erleuchtete Fenster des niederen Häuschens. Im Innern des Stübchens lehnte Mutter Krüger mit umflorten Augen an den Rahmen der Thüre – durch die die kleinen Gäste mit scheuem »Gutenachtgruß« eintraten.

»Geht, Kinder, geht! Laßt mich allein!« Langsam entfernten sie sich und als die Thüre ins Schloß gefallen war, ertönte neben der alten Frau eine kleine verschleierte Stimme:

»Mutter Krüger!«

Sie zuckte zusammen.

»Toni? Du?«

Die kleine Mädchengestalt drückte sich eng an die alte Freundin. Mit unendlicher Weichheit legte das Kind ihre Wange an der Wäscherin Hand.

»Geh, Kind, geh!« Die Stimme der Alten war gepreßt, klanglos, und der greise Blick starrte verloren in die Dunkelheit hinaus. Die Kleine drückte sich, der Zurechtweisung nicht achtend, mit feinem Kindesinstinkt das Richtige fühlend, enger an die einsame Alte und blickte mit ihr geradeaus. Im Stürmen des Wetters, unter dem Rascheln der Läden und Thüren hallte auf dumpfem Schnee der Klang von schwer schleppenden aber festen Schritten.

»Er ist fort, Mutter Christine,« sagte sanft das Kind und beim Klang des Namens faßte die Einsame mit einem lauten Schluchzlaut das Kind in die Arme und weinte. Mit ihm zusammen trat sie an das Fenster und blickte lange schweigend in die Nacht hinaus, in der die Umrisse einer hohen vorgebeugten Gestalt in der Ferne sichtbar waren und allmählich im Dunkel der Nacht verschwanden. Und der Wind rüttelte an den Fensterläden um das einsame Haus und drinnen starrte noch lange ein altes gramgefurchtes Angesicht geradeaus ins Leere.

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