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Helianth. Band 3

Siebentes Buch. Hochsommertag oder Der große Mummenschanz (continued 3)

Reading edition

Jetzt rückte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts, seinen Stuhl nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst wie völlig verwirrt, dann fragend, endlich strafend, und sagte: „Ja, nun brennen alle Kandelaber, Papa! Renate, ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih geschrien!“

Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da Josef das heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht zu einer scheußlichen Grimasse wurde, aber sein Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete erleichtert auf.

„Ja, dann,“ sagte er zögernd, „dann wird der Herzog wohl zu mir kommen wollen?“

Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er Angst vor Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff sein Glas und richtete sich mit Würde auf. „Dein Wohl, mein Kind,“ sagte er, „von Herzen dein Wohl und das seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, denn von ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und —“ Er stockte, und Renate vermeinte, er erinnere sich, daß der Herzog verheiratet war, dann fuhr er mit plötzlich bebender Stimme fort: „— und Edles gehört.“ Das Glas entfiel seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen, er drehte sich zu Josef um und stammelte: „Josef! Josef! Mein Sohn ist wiedergekommen! mein Sohn hat mich nicht verlassen, er war tot und ist wieder lebendig — geworden —“

Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber ganz grade stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal schnell und fest die Lippen auf seinen Kopf drückte und wieder grade stand.

Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten in der Sonne, den hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam deutlich den Schatten des Zeigers auf der braunen Metallscheibe; die Stunde freilich war nicht zu erkennen; dann verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle Frage, er sei gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen wolle? — Ja, er sei müde, sehr müde ... kam die Antwort. Sie sah, sich wendend, wie er gebückt, glücklich lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen ließ, und spürte, als habe das Wort ‚müde‘ sie verzaubert, nun eine rieselnde und süße Mattigkeit in allen Gliedern, die zugleich alles umher in Goldstaub und grünes Geflimmer auflöste. Sie überwand sich aber, plötzlich von einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült, rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte, so legte sie die Arme auf seine Schultern, hob ihren Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und deutlich die stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten Wange und darin das Augenloch mit den von allen Seiten zusammen- und hineingezerrten Falten dünner Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert wäre, wenn sie nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun stehn blieb, nicht weit von dem seinen, sekundenlange, während sie lächelte und ihn mit großer Zärtlichkeit anblickte. Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er ihre rechte Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den Mund drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: „Es genügt. Ich habe nun nichts mehr zu wünschen und kann —“

Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in Schlafverlangen, empfand noch, daß sie im Gehen, daß da Ulrikas und Magdas Gesichter waren, daß sie sprach und ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den Garten schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete mit Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares Grün, von Bläue durchbrochen, ganz nahe über ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer Hängematte. Sie wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber nicht fertig, und dann war nichts mehr.

Sechstes Kapitel

Garten

Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die Schönheit der Welt.

Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, ungeblendeten Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts lächelnde, farbige Träume, vor Augen die nahe von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder — voll großer, noch grüner Beerenscheiben —, durchspannt von einer leeren Hängematte, durchstochen von langen, haarfeinen Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber seltsam schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas; sie saß, seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock, am Stamm der Kastanie; auf der goldenen Tunika mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille ein Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten schwer aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben sich ins hohe Gras gestützt; die linke lag im Schoß zwischen einer großen, grünbeerigen Holunderscheibe und einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch weißem, feuchtem Kern. — Glücklich in sich, glaubte Renate sich atmend zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein Kind, auswärts strebend nach keiner Richtung, sondern alles in sich habend, Natur und Menschen, Gegangenes und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar, nun darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef ist im Haus, Onkel gesund und froh, und Woldemar fern und nah ... Holunderbeeren ... Wann sah ich die einmal schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika sie im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch alles wieder heil.

„Sage, was denkst du, Ulrika?“ fragte sie leise. Ulrika wandte langsam das Gesicht herüber, ihre Augen glitten über Renate hin und blieben stehn; mit einem eigentümlichen Blick von Glücklichkeit und Ferne, den Renate nicht recht verstand, sagte sie: „Ich horche ...“

Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle hinter sich Magdas Singstimme zu hören. Allein es war still. Ein kleiner Vogel zirpte entfernt im grünen Dickicht. Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate, zu fragen.

„Du“, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, „hast eine Stunde geschlafen, und ich war glücklich unterweil.“ Sie hob den Stoff im Schoße ein wenig an, so daß Holunder und Kastanien ins hohe Gras rollten, glättete ihr Kleid, ein paar winzige Blätter und Stacheln fortstreifend, und fuhr fort: „Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich auch der Vormittag war schön, er war so heiter —, aber all das Bunte war nicht in mir, sondern lose herum, und auch das Glück meine ich nicht, das heiter ist, sondern das ernste. Eine Stunde davon, — vielleicht ist das so viel, wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein Wunsch ihm freigestellt würde vom Schicksal. — Und nun geht es wieder weiter.“

Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate ihre langsame Stimme. „Sage nun alles“, bat sie schlicht.

Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah aufwärts, und mit einem Schlage war ihr ganzes Gesicht so heilig, daß Renate auf das tiefste erschrak und sich und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und bald nur noch hörend.

„All meine Gedanken?“ sagte Ulrika leise. „Ich will es versuchen. Eben stand alles still. Ein Vogel zirpte irgendwo, und mehr war nicht. Die Sonne wanderte, ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt geht weiter. Es geht langsam im Anfang, da kann ich noch allerlei am Ufer sehn, das geräuschlos zurücktritt, und es dir nennen.

„Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles. Zwischen Seele und Seele blieb alles so unverändert, wie ich es dir damals beschrieb, du wirst es noch wissen. Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist lange her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß es, und daran dacht’ ich heut, als dein Vetter Josef von der Selbstsucht sprach. Auch er hat mir einmal davon gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen die Giftblumen aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug durch die Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen Honig zu schmelzen, das ist die Aufgabe des Werdenden bis zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. — Alle seine Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen.

„Doch liebe ich ihn nicht. — Ich fürchte ihn vielleicht.

„Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, glaubte den Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte meine Mutter und die Freunde, schrieb Briefe und las, nannte mich stolz eine Dienerin und fühlte daneben immerhin das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es nicht, denn ich liebte die Kunst.

„Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht lieben, sagt er, man darf sie nur haben. Zu lieben ist die Welt, Kunst ist nichts. — Der Schatten auf einem Blatt, die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein das zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung, die Ebene, menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen durch Trauer und Hoffnung, Trübsal, Geduld, Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner ernsten Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit einer ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder erkennen und ihn ansehn und sich verwundern und sagen: Wir sind es. — Und dann sind sie schön.

„Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn, sie sahen ihm lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte ja tastend im Irrsal, aber er erzog sein Herz. Er diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein, Schicksale kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom rollte um sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume schlugen Wurzel auf ihm, und die Vögel spielten auf im Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es! — In seinem Schatten schlief ich ein und war froh.

„Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht. Er liebte so vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz, er sagte, es sei weich, und ich gab es und gern. Er trägt ja das Abbild fremder Gesichter in Büchern nach Hause, und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt sie mit flüchtigem Strich auf den reinen Grund seiner Liebe zum Lachen und Weinen, — wie schön ist die Welt!

„Und alles war gut.

„Alles schien gut, ich wußte es, ich fühlte es nicht. Denn ich war immer nur ein armer Mensch; das, was ich konnte, tat ich wohl, jedoch am Grunde meines Lebens wucherte es fort, die trüben Gedanken, wer kann sie verscheuchen? Denn ich liebe ihn nicht.

„Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen ihm und mir, nicht daß, wenn er liebend und eifrig sein ganzes Innres vor mich hinschüttete, daß hinter den goldenen Bergen immer die graue Wand sichtbar blieb, daß ich seufzen mußte und sein fernes Herz hören hinter dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Stürmen und Flüssen, dort, wo ich nicht bin.

„Dies ist es nicht.

„Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern. Oh — jenseit ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er wandert fern und wohl zu Hause ist. Du kannst es heute sehn und morgen, wann du willst — betreten kannst du’s nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus, Nachtlager, Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es selbst gemacht, es ist nur, weil er ist.

„Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben könnte, weil ich nicht hineingelangen kann dort. In meinen grauen Stunden liege ich davor, die Stirn gebeugt auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen Hände und fühle im kalten Stein den zuckenden Schlag seines Herzens, denn voll von ihm, so voll ist jenseit die göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und tönen macht, — ich aber bin dort nicht.

„Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn er liebt? Wer kann jemals aufhören, zu begehren, wo alles unendlich ist! Wer kann sich an die Brust schlagen und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein Vogel, ich flute und bin doch kein Strom, ich singe und bin nicht Gesang, ich brenne und bin nicht die Glut, ich schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und es ist nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.“

Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und sagte nach langer Zeit kaum vernehmbar leise:

„Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich — wenn ich nun lausche auf das ferne Pochen seines Herzens, so höre ich es näher und näher, nahe, ganz nahe, und endlich ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter trage ich das seine. Drei Monate sind es bald ...“

Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, ihre Lippen zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort, sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein Hauch:

„Gott! — Gott! — Gott! — Nun habe ich dir alles gesagt, was göttlich und schön war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren Spiegel, vor dein Gesicht. Nun — laß ichs — — fallen.“

Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate sich langsam auf, kniete, bückte sich auf Ulrikas Hand und küßte sie. In demselben Augenblick stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so schwer auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die Knie bis zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen Gesang der Liebe; Renate, hülflos auf die Daliegende blickend, weinte vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie dalag wie eine Angespülte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verströmt und war nun wohl so leer in dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der sie träfe, einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still, getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.

Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte nach einer ihrer Hände; aber wenn sie auch neben einer Gestürzten lag, so empfand sie doch nur, daß sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich größeren gebettet hatte, und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen sie. „Weine nicht, oh weine nicht!“ bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag sonnig, begünstigt, was kann denn nur fehlen?

Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und sah, daß Ulrika nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen waren heiß, aber trocken, sie griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte ruhiger:

„Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und sind da wie so vieles in der Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder Plage, und wir wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so erzogen, daß wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klüger als ich, aber ich gehörte doch zu denen, die nichts wissen, denen am Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der neuen Wohnung hin und wieder so etwas hören wie: Vorläufig genügen ja vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das nicht, denn hier ist — wie sagte dein kluger Vetter? — eine Lücke im Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie der Teufel mit Gott.“

Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mußte, hörte sie immer härter und zorniger weitersprechen:

„Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen haben, um zu wissen, du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht tat, so lasen wir doch nur, — wie man auch von einer Löwenjagd liest, ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. —“

Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: „Du, sage doch gleich: soll ich Magda bitten, daß wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du weißt, ihr gehört Helenenruh, und —“

„Du weißt ja noch nicht alles,“ unterbrach Ulrika, aber sie lächelte danach und sagte: „Du bist doch ein praktisches Mädchen, Renate, ich hatte das gar nicht gewußt.“ Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort:

„Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch heut kann ichs nicht glauben.“ Ihre Augen glänzten stumpf, als sie sagte: „Wir werden von bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm erzogen, und —“ sie jammerte jetzt fast — „was soll ich mit einem Kind? was weiß ich von einem Kind?“ Sie lachte plötzlich verzerrt, ja grausam, indem sie schloß: „Ich hab nun schon seit Wochen die Vorstellung, daß ich sehe, wie mein schwarzer Flügel Kinder bekommt, immer eins nach dem andern.“ Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr Gesicht.

Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr war, das dies nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: „Nein!“ Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, biß sich auf die Lippen und sagte wieder: „Nein!“ und ein drittes Mal: „Nein!“ Sie sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote Haar. „Was sagst du?“ hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und stammelte: „Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du ...“

Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, strich mit der rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schloß einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika über den Knien und arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Koloß, der aus dem Wege sollte und mußte, und dann hatte sie ihn aus dem Weg. Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn. — Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: „Man denkt diese Dinge nicht, man tut oder läßt sie.“ Noch brauste es um sie, sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroßer Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grün und Schatten.

„Ja, und nun ist es genug,“ sagte sie kalt, „komm, sprich nun weiter, du Gute!“ und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig an zu sprechen:

„Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in Deutschland. Ich schrieb ihm, daß — daß wir ja nie verheiratet waren, daß ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; daß ich seine Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, daß ich nun alles verstünde, weil ich selber liebte; daß ich ihn um Freiheit bitten müßte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja auch wohl alles, für mich war es das, — freilich, was wissen wir von den Gedankengängen eines Andern?

„Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, sagte er, so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht in der Hand. Aber daß ich einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu ertragen. Er ließe mich nicht frei.

„Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick viel schwerer gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte. Es war wohl auch kein Mut, es war — die Henne verjagt den Habicht blindlings, — hieß es nicht so? — Ich war eiskalt vor Angst, aber ich sagte ihm die Wahrheit.

„Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht! Laß! laß!“ rief Ulrika, die Hände vor den Augen. Sie ließ die Hände fallen, sah vor sich hin und sagte: „Wie Asche von Papier, so war es. Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht gewesen, auch weiß niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur ungefähr, wo es liegt, und — du lieber Gott,“ schloß sie kopfschüttelnd, „was könnte Benvenuto geschehn!“

Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, — als sei der Maler plötzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Züge sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als ob sie jemand ansehe, und hörte sie gleich darauf sagen: „Sieh da, Jason!“

Richtig — Renate wandte sich — stand dort Jason, halb verdeckt vom Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, schwarz gekleidet, sehr weiß von Gesicht durch das Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im Grase Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und sagte: „Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.“

Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art, zu sehn, sagte, wie ihr selber schien, einfältig: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt, Jason.“

„Es sieht doch aber gut aus,“ versetzte er beharrlich, „ihr kennt nur viel zu wenig meine Vorliebe für schöne Gegenstände. Jetzt zum Beispiel habe ich Lust, Brahms’ deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin deswegen hergekommen.“

Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an, aber die erhob sich gleich, stand frei da und sagte: „Gern, Jason, wenn Renate will ...“

Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das Rechte meine; daß es gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit schönem Geräusch zu füllen und das Herz zu erleichtern, sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das Gebüsch auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn, da sie Jason sagen hörte: „Was liegt denn da?“

Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange Renates, eine Holunderdolde und zwei grüne Kastanien, ein seltsam armes Häuflein, wie Spielzeug von einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde.

„Blumen, Früchte und eine Spange,“ sagte Jason, sich bückend, nahm die Spange auf und gab sie Renate, indem er leicht bemerkte: „Das übrige Spielzeug kann da liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann andre Kinder und spielen damit.“

Jason wußte, schiens, wieder alles.

Kapelle

Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im rechten Winkel zu einander, so daß sie sich sehen konnten, und spielten ohne Noten einen der heiter und festlich stampfenden Tänze nach dem andern, zuweilen sich zulächelnd, so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht leicht emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die laute Musik wieder ihre leise, fast nur atmende Stimme hörte, mit der sie den reinen Gesang ihrer Liebe aus sich schöpfte.

„Bravo,“ sagte Jason, als sie geendet hatten, „das hat mir sehr gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und kaum zu begreifen, wenn man so vier Hände sieht, immer zwei ganz für sich, springend hin und her, greifend und tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört. Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig wie schöne Kleider. Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich, Feuerbach ist auch lauter schöne Kleider und kein Herz.“

Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl vor der Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Händen wie ein delikates Instrument.

„Kein Herz,“ sagte sie, „Jason, das geht zu weit, — aber —“

„Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,“ unterbrach er sie, „ich meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H —, warte, wir werden das gleich haben, Halsband, Handwerk —“ er zählte, innerlich suchend, weiter —, „Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir nehmen,“ schloß er blinzelnd und zufrieden, „und nun, was wolltest du sagen?“

„Ja, nun weiß ichs nicht mehr,“ lachte Renate. „Ulrika, vielleicht weißt du es.“

Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig nachsänne. Jason aber war aufgestanden. „Ja. — Ja, gewiß,“ meinte er zerstreut, vor sich hinsehend, „allein ...“ Er ging die Stufen hinunter, hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden und ging plötzlich durch den Raum und hinaus.

„Was hatte er denn?“ fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu können, ein paar Griffe im Baß, formte einen Übergang, hörte gleich darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen und Lösungen, die sie sich aufgaben und ausführten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und gewillt zu sprechen schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika:

„Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. — Ich habe Reinhold gebeten, vorzufahren,“ sagte er leicht zu Renate hinüber, „möglicherweise ist es eilig. Aber du mußt dich nicht sorgen, Kind, ich kann mich auch irren“, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf Ulrikas Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte Renate fremd lächelnd zu und ging mit Jason hinaus.

Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren Fensters stehn, die alle drei weit offen waren. Nur Grün, nur Grün ... murmelte sie, hinausblickend. Oben hing ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun erinnerte sie sich des Onkels, — ob er noch schlief —? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs Schulter bücken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die gepreßten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder grade stand. — Überflutend plötzlich wünschte sie inständig nach oben: Wäre doch der Tag schon zu Ende! — Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren? fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem Rücken um und sah Jason wieder eintreten. „Du bist nicht mit ihr?“ fragte sie enttäuscht.

Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, weil er geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, setzte sich davor, legte leise den Deckel nieder und drückte einmal fest und weich die Handflächen darauf. — Muß ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte Renate sich ängstlich und verdrossen, — aber was dachte ich denn bei diesem Schließen von Ulrikas Klavier? — Sie wollte sich Worte Ulrikas ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem schönen Augenblick, wo sie lag und sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: „Ulrika hat vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...“

Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate, daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, und rief hocherfreut: „Was ist mit deinem Kopf, Jason?“

Er faßte nach der Stirn. „Ist etwas?“ fragte er unsicher.

„Das Schütteln, Jason, wo ist es?“

„Das Schütteln?“ fragte er. „Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es gewußt und habe es gesagt,“ fuhr er fröhlich fort, „die Zeit, prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man muß nur zu warten verstehn und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und Einzige, was überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen. — So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel Mißbrauch getrieben mit der Liebe.“

Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hören, glitt auf die Fensterbrüstung und fragte, da er schwieg: „Inwiefern, Jason?“

„Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu sein. Ja, wie kann sie denn? Muß sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang, mitten im Leben des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie nicht eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen kann, mit keiner Münze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen dürfen? Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum Geliebten: Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch: Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was soll das bedeuten? und mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe, machen sie groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies und jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten sie und zeugen Kinder und meinen, damit drückten sie nun ihre Liebe aus. Sie schmieden Pläne und haben schöne Gedanken, sie streiten herum, weinen und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten und Kücheneinrichtungen, und all das halten sie für Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da wohl etwas Richtiges, denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt annehmen zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und wissen nicht, daß der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verläßt und kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl, wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben, solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung, nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott will, wirst du nach deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden, deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, daß sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der dein weißer, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt wurden, dieweil die Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.“

Lindenallee

Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer völligen Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen, engen Wegen, an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem Haus gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht hoch über der Fensterbank, sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie sie ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu Josef auf, der in der linken Fensterhälfte ein wenig zurückstand und rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in dieser Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die stillen, dunklen Augen her, lächelte und nickte. — Welch ein Frieden, ach, welche Erleichterung!

Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster über den Beiden, dem des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hörte Jason etwas sagen und sah währenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der Fabrik sein mußte. Es mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. — Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, indem er stehen bleibend sie zum Halten zwang:

„Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, wenn du mich solche Sätze sagen hörst wie soeben.“

Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen Augen unter sich, versetzte sie: „Nein, Jason, ich finde es immer so schön, daß ich zu keinem andern Gedanken komme.“

„Das,“ sagte Jason, die Stirn senkend, „das ist es. Du triffst den Nagel auf den Kopf wie immer. So schön, daß ihr euch nicht das geringste dabei denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche Einrichtung!“ Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er weiter, indem er sagte: „Ich weiß es alles und trage es in schönen Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heißt: sie leben es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst du dich dann vielleicht des langmütigen Jason und seiner blühenden Erkenntnisse? Nein, denn dann seid ihr alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschluß als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, — ja, könntet ihr wohl an einem meiner Sätze gehn wie an einem sichern Geländer, könntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine Reden immer willkommen sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch klug? — Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergißt, und dieses nennt man das tägliche Leben.“

„Es ist deine Schuld, Jason,“ sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rückwand der Kapelle und undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. — „Es ist deine Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst es, wie soll ichs nennen, sanft einschläfernd. Du bist zu gut, Jason.“

„Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte mich hören?“

Schwester Sonnenblume — tönte es seltsam in Renate nach, wer hatte das einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so angeredet an jenem Tage, wo Sigurd —, wo die Todesnachricht von Esther kam. — „Nun, was giebt es denn da?“ hörte sie Jason indem halblaut sagen und wandte sich.

Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle stehend, über die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemüsegartens hinweg sah sie die rote, häßliche Rückwand des Herzbruchschen Hauses im Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das Buschwerk zu heben und zu drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich verwundert: Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! — Indem erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem, faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strümpfen mit gerollten Wülsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber starrte, deren Gesicht eben deutlich im Blätterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie außer sich Irene an:

„Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt verfolgen? Sie — oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?“

Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, über den Zaun zwischen ihnen faßten sie sich und fingen an sich zu küssen, so daß Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, die Unterlippe zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise: „Scht! man spricht nicht in der Tragödie.“

War das Ernst oder — —? — Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken, da stand Klemens allein und keuchte, in den Büschen rauschte es noch. Er wurde jetzt der Beiden ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er stehn, stützte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: „O Gott!“ und noch einmal: „O Gott!“ so zerbrochen, daß Renates Herz klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte den Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug überm Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn.

„Nein,“ sagte er endlich, „geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.“

Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell übers Gesicht. Mit beiden Händen am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu bemerken und schnob: „Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte Mummenschanz ist an allem schuld!“ trocknete sich die Augen mit den Händen und blickte Renate trostlos an.

„Es war ja schon das zweite Mal,“ sagte er leise; „wenn wir uns sehn, geraten wir aneinander, so oder so. Ja, wie bin ich denn hier hereingekommen?“ fragte er, stecken bleibend.

„Ich vermute,“ sagte Jason ruhig, „Sie wollten eigentlich ins Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen, sind Sie in Ihrer Verwirrung hineingegangen, weil Sie’s kannten.“

„Das wird es gewesen sein“, versetzte er stumpf.

Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im schwarzen, wehenden Kleid, kam sie leicht und schwebend daher.

„Hören Sie nur,“ sagte Klemens, der sie nicht sah, „ich habe sie immer geliebt. Aber das ging mich allein an, und sie haßte mich ja, ich sie auch wegen ihrer lächerlichen Lebensführung.“

Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete die Hände unter der linken Brust, sah zugleich schmerzlich und beseelt und fast glücklich aus.

„Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, oder mittags meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag draußen gewesen, um zum Großherzog zu gelangen, konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu Herzbruchs. Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten Zeuges zu zanken, — es durfte ja keiner ohne Kostüm draußen herumlaufen, da bekam ich dies geliehn, und sie verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an dynastischen Festen, und da —“ Indem drehte er sich seitwärts und sah Irene dastehn.

„Ich war bei meinen Eltern,“ sagte Irene leise, „aber es ist niemand im Haus. Da kommst du wieder, und es ist wohl recht, und — da bin ich.“

„Zu mir?“ fragte Klemens entsetzt. „Da sei Gott vor! Und dein Mann?“

„Ich — du — zu meinem Mann schickst du mich?“ fragte sie leiser. „Und ich war doch schon da ...“

„Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da gemacht?“ stöhnte er.

„Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm bleiben könnte. Es war schrecklich ...“

Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich, aber Irene kam nun zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate fühlte, daß sie innerlich zitterte.

„Was sagte er?“ fragte Klemens.

Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: „Nichts. Gar nichts. Er saß da und — sah mich an. Da bin ich wieder gegangen.“

Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie und schluchzte: „Du! schämst du dich denn nicht?“

„Eins, zwei, drei, marsch,“ sagte Renate kräftig, „entweder Sie beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie gehn Ihres Weges, Punkt.“

„Klemens! Klemens!“ flüsterte Irene angstvoll, aber er bearbeitete seine Stirn mit den Fäusten und weinte in sich hinein.

„Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,“ flüsterte Irene an Renates Ohr, „wir müssen Geduld haben.“

Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte Irene verstört an und sagte: „Meinst du denn, ich wollte meinem Freunde seine Frau wegnehmen? Meinem Freunde, von dem ich alles habe, was ich bin? Das einzige, was er hat?“ Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände aus, er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend, drehte um und stürzte den Weg hinunter wie ein Trunkener. Irene hob, ihm nachsehend, ihre Handgelenke, wischte um die roten Eindrücke und sagte leise: „Du tust mir unrecht, Ot—, Kle—“ Sie schrak zusammen und flüchtete sich zu Renate.

„Ich habe noch niemals“, sagte Jason ganz ergriffen, „an einem sonst vernünftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun kehrt er wieder um.“

Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar Schritte entfernt stehn und sagte:

„Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, daß du seine Frau gar nicht gewesen bist, daß du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. Das genügt mir. Wenn du doch Kinder hättest! Dann könnt’ ich denken, du hast wenigstens deine Pflicht getan. Aber so — bloß mit einem Manne gelebt und gelacht und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir —, und dann wirst du eines Tages kommen und sagen, du hättest dich wieder geirrt — so wie damals mit deiner Gottesmutter.“

„Warum so hart?“ sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fühlte, doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: „Geirrt? wie meinst du das?“

„Ich meine,“ versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Würde, „daß du damals ebensogut wie zu Otto zu mir hättest kommen können. Mich kanntest du freilich nicht und hättest mich schwerlich da gesucht, wo ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau dieselbe Zeit.“

Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief ganz erlöst: „Klemens! Aber dann wissen wir’s ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann war’s meine Schuld! Dann ist ja alles gut!“

Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: „Das meinst du! Ich finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spät. Wievielmal, sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und meine Freundschaft — all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, daß ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?“

„Der Dritte?“ fragte sie zurückweichend.

Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: „Hattest du nicht einen himmlischen Bräutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du nahmst einen Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen: Das Zeichen war falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester werden sollte? Darum sage ich —“ Er brach ab, sein Gesicht wurde weich, er sagte erschüttert: „Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stücke gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl!“ Er drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene stand hülflos.

„Vielleicht“, hörte Renate Jason neben sich sagen, „wunderst du dich nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erläuterung! Wie hinfällig sieht doch die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der Treue aus betrachtet.“

Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: „Was soll nun werden?“

„Ich kann nicht weiter“, erwiderte sie erschöpft, widerstand aber Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden blickend.

„Ja, nun — immer gleich helfen lassen“, sagte Jason. Irene blickte ihn fragend an. „O nein, nein, Kind,“ fuhr er gelassen fort, „möchtest du vielleicht Redensarten von mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum willst du nun durchaus von deinem Mann fort?“

„Ach, Jason, du bist furchtbar,“ seufzte Irene, „glaubst du denn auch nicht, daß ich Klemens liebe?“

„Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, daß du ihn liebst. — Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du, das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.“

Irene richtete sich auf. „Ich will ihn nicht heiraten. Ich weiß nur, daß ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt unaufhörlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tür herein, damals, und dann hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde ich wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn ein Mensch so schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen? Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von meiner Ehe, — ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun —“ schloß sie, sich zusammenraffend, „nun will ich zu meinen Eltern.“

Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die Tür und verschwand.

„Ist es zu begreifen, Jason?“ fragte Renate vor sich hin. „Sie lieben sich und bekämpfen sich doch.“

„Sie bekämpfen einander nicht,“ sagte Jason verloren nach oben blickend, „sie bekämpfen nur immer sich selbst — durch den Andern. Sie stehen in Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das Seine und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,“ schloß er leise, den Kopf senkend, „wie, meint ihr, müßte alle Last meines Wissens mich zu Boden drücken. Oder nein,“ verbesserte er sich trübe, „ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht — für den, der sie nicht braucht.“

Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre Hände, in die sie verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, daß sie sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff sie der Wunsch, zu baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid über dem Arm.

„Könntest du mir wohl helfen?“ bat sie verlegen lächelnd. „Ich habe mir doch dein Kleid für heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt will es nicht sitzen ...“

Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle, nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: „Bitte, Kind, erlaube, daß ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und helfe. Wie spät ist es eigentlich?“

„Es wird sechs Uhr sein,“ meinte Magda; „willst du nicht bleiben, Jason?“ fragte sie ihn, der an der Tür stand.

„Richtig, wohl,“ versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten Augen, „ich kann auch bleiben.“

Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und küßte sie auf die Stirn. Sie litt es lächelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur Verandatür ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und ging hinaus.

Siebentes Kapitel

Garten

Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung, betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und den Fenstern im leeren Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise erstaunend über die große Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter den geschlossenen Vorhängen den Flügel, die Wände, Vitrine und die gläserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen ließ. Die Sonne, dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. „Nun, Egon, bist du wieder da? Wie war es denn?“

Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. — Egon versicherte, es sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr. Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand; — aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare Anstrengung ... Er hörte sich wieder die Rede halten im Ständehaus: „... keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, das Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... Nur die sichtbare Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermüdlich zum Wohle ... Nur er, dessen kräftiger Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten aller Stunden erbitte ...“ Ach, dachte Georg, das war schön, das war schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerriß, weil er groß und mächtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum Springen füllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott, wenn ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, daß ich nur halb das empfinden könnte, was ich nun empfand.

Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, Kneifer, Kahlköpfe, vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hörte seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm heruntergleitend, ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten Dragoner und Füsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die krähende und überlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig war’s wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man müßte sie noch sehen können an der Wand. — Ja, nun werde ich wohl erst eine Weile Soldat werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann ich nicht verlieren, kann’s nicht, kann’s nicht. Aber gut, daß es schwer ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es dann? Er sprang auf, riß Haken und Knöpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte den Band fort, richtete sich grade auf und ging in den Garten.

Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf in Händen, rote Strümpfe an den Beinen. Als Georg ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte ein schwarzes Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war so bleich mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß Georg, ihm die Hand reichend, fragte, bemüht, laut zu sprechen: „Ist Ihnen etwas, Klemens?“

Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich räuspernd: „Danke, nein, danke! — ja! mir ist nicht grade wohl, aber — es kommt jetzt nicht darauf an.“

„Setzen Sie sich doch,“ bat Georg, „oder wollen Sie einen Schluck Wein?“ Allein Klemens schüttelte den Kopf, er tränke keinen Alkohol.

Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich Georg, um die Stimmung ein wenig zu heben. Es sei das Letzte gewesen, was er habe kriegen können, meinte Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen gesucht, sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein Bekannter ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg nirgend zu finden gewesen.

„Da saß ich am Waldrand und schlief,“ meinte Georg gelassen, „und nun, was habe ich verschlafen?“

„Das“, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden Blick, „kommt auf Sie an. Das heißt,“ setzte er hinzu, „das soll heißen, daß es dabei keinesfalls auf mich ankommt.“

Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte eine Weile geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg und sagte: „Da wir bisher, ich darf wohl sagen, gute Freunde waren, eine grade Frage, — um das Ganze zu vereinfachen: Glauben Sie, der zu sein, für den Sie gelten?“

„Nein“, sagte Georg ruhig.

„Schön, eine grade Antwort,“ fuhr Klemens fort; „also, wenn ich Ihnen dies heut morgen als Neuigkeit mitgeteilt hätte, so würde es Sie in Ihrem Wege nicht abgelenkt haben?“

„Heute vormittag? Nein.“ Wie ruhig ich bin, dachte Georg; ja, all dies hat nun längst seine Erledigung gefunden.

Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: „Wenn ich versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. Sie aber sind anders aufgewachsen, das heißt —“

Georg erriet seine Frage und antwortete: „Mein Vater und ich wissen es selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es nie. Sie sind in schönen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn ich das sagen darf —“ Klemens nickte freundlich, „ich brauche vor Ihnen nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben muß, wird Ihnen klar sein. Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran lag es. Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn Sie — weiter mein Freund bleiben werden ...“

Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien, mit großer Rührung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte kurz und sagte: „Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?“

Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schöne, kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit.

„Was soll ich bemerken?“ fragte Georg.

„Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir hatten dieselbe Mutter.“

Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige Gesicht mit der fleischigen, groben Nase, dem schönen Kinn und Mund im Bart und mußte langsam lächeln, dann erröten. — Ich erröte ja wieder, durchzuckte es ihn, — wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.

„Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts vormachst“, sagte er leise.

„Die geistige Brüderschaft“, meinte Klemens lachend, „wird wohl doch die größere sein.“

Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der selben Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die leichtere Haltung schuldig zu sein, und sagte: „Also sprich, was du zu sagen hast, ich habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja dabei zusehn und weiterreden.“

„Es wird am besten sein,“ meinte Klemens, „du selber sagst mir, was du weißt.“

„Ja, ich weiß fast nichts“, sagte Georg. „Und all das zu erklären, was ich weiß, würde lange dauern. Du kannst es später alles geschrieben lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde hier in der Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine Mutter soll gestorben sein; im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein schwächliches Kind zur Welt, und ich wurde —“

„Das Kind war meine Schwester Virgo“, sagte Klemens.

„Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war —?“

„Virgo,“ wiederholte Klemens trübe; „dafür, daß ich einen Bruder bekam, habe ich nun eine Schwester verloren.“

„Unsinn!“ tröstete ihn Georg, „was könnten Sie denn da verloren haben?“ Klemens lächelte wieder. „Höre, —“ sagte Georg, „dann ist dir vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges Kreuz —“

Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken Achsel aufknöpfte und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges Papier und ein Notizbuch hervorzog.

„Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,“ sagte er, „sie brachte seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und wurde nicht selten von ihr besucht und unterstützt, als ich aus dem Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte Leute drüberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe, aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier geschrieben.“ Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem Umschlag. „Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem Umschlag bedeuten: für meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar hat die alte Rüdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor ein paar Wochen, in Muttergefühlen, das alte Bündel hervorholte. Ja, nun hat sie ja Zwillinge —“ Klemens strahlte. „Ich“, fuhr er, Georgs Ungeduld bemerkend, fort, „nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich zufällig gestern den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstünde. Er hat mir dann den Brief übersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl nichts einzuwenden haben.“

Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen, die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines Kindes, und dachte wehmütig, daß dies die Schrift seiner rechten Mutter sei, solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben.

„Ist das der Name?“ fragte er leise.

„Ja,“ sagte Klemens, „Krotkaja oder Kaja Moscherowska —“ Georgs Blick fiel ab.

Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen die drei schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte einen widrigen Geschmack im Mund. „Ist dir nicht gut?“ hörte er fragen. Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und sah Egon dastehn. „Ich komme“, sagte er und stand auf. Er bemerkte den Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: „Also was steht in diesem Brief?“ Klemens sagte: „Es steht drin, daß meine Mutter nicht eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, — der du bist ...“

Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an diesen Zusammenhängen noch zu fehlen, aber sein Denken war jetzt gelähmt, er verschob es auf später. Allein — da stand wieder Klemens und beanspruchte noch Aufklärungen. In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den Brief in kleine Stücke und ließ sie wegfliegen.

„Es ist genug“, sagte er leise. „Komm morgen zu mir. Ich sage dir dann alles, was ich weiß.“

Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter hatte er nun, ach, er kannte sie ja sogar, auf Virgos Schreibtisch stand ihre Photographie, ja, sie war schön, sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild, ja, die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah die schönen schwarzen Zöpfe um jene Züge vom ‚reinsten Ebenmaß‘, wie Chalybäus es ausgedrückt hatte, schmal, die Mandelform der Augen und Virgos hochmütige Nase, nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner — seiner andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie das Bild seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ...

Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, fühlte er immer deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung seiner Mutter einen dunklen Hohlraum. Ja, dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich namenloser vor als vorher.

Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. „Du warst die Nacht nicht hier im Hause?“ mußte er plötzlich fragen.

„Ich? hier im Hause? Was sollte ich —“

„Entschuldige nur,“ lächelte Georg, „mir fiel etwas Dummes ein. Alles andre später, wenn’s dir recht ist, nicht?“ Klemens nickte ernst. „Ich werde meinem Vater sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn freuen.“

„Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,“ bemerkte Klemens mit ermunterndem Lächeln; „also auf Wiedersehn, vielleicht seh ich dich morgen bei Virgo?“

Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen hinaufgehen zur Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd und stand stumpf, nachdem die Tür geschlossen war. Egon war wieder da; er faßte vorn nach seinem Uniformrock, schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf die Achseln und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. Er öffnete die Tapetentür neben der Schenke, drehte die Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab und betrat die Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der Sonnenschein, breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende Balken, schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern hernieder. Mitten in einem von ihnen stand funkelnd der Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen von Lichten. Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem Steintisch, sonst war nichts. Langsam stieg er wieder hinunter.

Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der zugefallenen Tür zu seinem Eßzimmer etwas glänzend Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen ward es ein schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt zugleich eine weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern. Georg sah Schriftzüge auf dem einen, hob es an und las: Saint-Georges, in großzügigen, steifen, ein wenig ausgeflossenen Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und es stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und Fahnen waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten Bandende las er Jason al Manach, in kleiner, sehr zierlicher und ganz runder Schrift, die aus lauter Kreisen zu bestehen schien. —

Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und trug es hinaus. Sich im Schlafzimmer findend, wußte er nicht wohin damit; er ging durchs Badezimmer, die Tür zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk auseinander und heftete den blauen Falter auf das reine, weiße Kopfkissen.

Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er sich, das sonderbare Andenken der Nacht betrachtend.

Haus

Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber es blieb schwül in den langsam dunkelnden Zimmern. Sie ging durch die Räume hin und her, im Garten stand noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war lau und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die Sonnenuhr hinabschauend, und dachte: man müßte sie eigentlich verhängen bei Nacht wie einen Vogel, der nur am Tage singt. — Sonderbar verlassen und entseelt schien ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich verworren: sind auch nicht vielleicht wir ganz Andre in den Stunden, wo das Licht uns nicht trifft und der Schatten uns verließ? — Alles gute Getier aber hüllt sich in Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder betört wie Nachtigall und — Katze und — — Dunkelfalter, fand sie noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, ist auch wieder so eine Jasonische Erkenntnis, die man in der Hand hält und nichts damit anzufangen weiß ...

Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer der toten Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die Laterne brannte schon drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. — Da bin ich auf einmal ganz allein im Hause, dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald zwei Jahren! — Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn ich nur bestimmt wüßte, daß er nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch nur auf den Gedanken? — Da merkte sie, daß sie nur nach oben lauschte, daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte entschlossen zum Flur und fragen —, nein, die Dienstboten waren ja alle zur Illumination fortgeschickt. Hinaufgehn? — Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen, sagte der Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich wieder, und sie wußte nicht, war er im Hause oder in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs Vater begütigend zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem längere Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, wie schnell hatte der Onkel sich in alles gefunden! wie leicht war es, seine Gedächtnislücken durch ihn selber füllen zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien er so wenig zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. — Wie munter sie gewesen waren! — Renate hörte sich von ‚Heliodora, lächle mal‘, von ihrer Elefantenfahrt erzählen, und Magda wurde geneckt, daß sie mit Großherzögen zu Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt und sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude ließ ihn nicht im Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten zeigen, — und wie mühelos gelang es ihr und Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und ich war so tödlich müde, — das Bad muß schuld daran gewesen sein, denn nun bin ich wacher als je ...

Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück, erschrak ein wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung im schon dunklen Hohl des Spiegels, trat nahe daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten Zügen. — Wäre Jason geblieben, oh, stundenlang sollte er reden! aber nun hatte er sich mit den Andern irgendwie verloren. — Renate fiel ein, daß er sie geküßt hatte, und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, sagte sie zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! — Da sah sie Jason in der Kapelle Ulrikas Klavier schließen. — Ulrika, wo bist du, was ist mit dir? — Überall gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich nichts wußte, und dann kam das Entsetzliche. — Nun erwartete sie wieder ein Kind, — Renate grübelte, aber was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene Trauer. — Was war nur mit Ulrika? — Ach, nun hat sie wieder kein Telephon! War etwas mit ihrem Mann? — Sie sah Ulrikas heilig bleiches, innen glühendes Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück davon wieder und summte, Augenblicke lang sich vergessend und heiter: Und uns sind es Lichter und süßes Gebrause, — wie schön ist die Welt!

Der Morgen war doch so schön! — Das Einhorn! — Wie sonderbar erschreckte es mich! — Armer Georg, wie war er erst glücklich! — Aber statt Georgs erschien ihr sein Vater an ihrem Frühstückstisch des Morgens. Er war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie freute sich leise, — wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu haben, als sie zu verlieren, — Georg verlor die seine keinen Augenblick. — Und Irene und Klemens stürzten aufeinander los wie — ja wie Achill und die Amazone, um sich mit Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom Haß ...? Georges — Renate blieb stehn.

Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast laut. Böse auf sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum entbehrt hatte, aber so sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß ichs, jubelte sie auf, ich fahre zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich bestrafen. — Aber sie bewegte sich nicht. Bin ich angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser, ich telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach, es ist ja niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen, eine Stimme zu hören, trieb sie zum Telephon, schon die Hand am Hörer besann sie sich vergeblich, welche Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges’ oder Irenes, dann schämte sie sich und bezwang sich. — Sie stand wieder in der Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen hinunter zur Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und legte die Wange auf die Metallplatte, einen Augenblick erquickt von der Kühle.

Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, die Zimmer, und sah auf die leere Straße. Beleuchtet, durchscheinend hellgrün hingen die schweren Laubmassen der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein Geräusch in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es rauschte, — kamen sie schon zurück? unmöglich! — Begierig neigte sie sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, und sie zitterte, es könnte nicht in die Straße einbiegen. Da toste es nahe, schoß, ein flacher, offner Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen Strahlenkegel über die Straßen in die Gärten zu Fenstern und Hauswänden, im Brennpunkt glotzten grell die riesigen Augen, geblendet sah sie undeutlich eine einzelne Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend still neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle Gestalt erhob sich, Renate sah einen großen Radmantel, auf der Schulter ein weißes, ausgezacktes Kreuz und erkannte den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im Gefühl, daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht getan habe, lehnte sie sich weit hinaus und rief: „Woldemar!“ stieß sich vom Fenster zurück, lief zur Tür, durch den Flur, riß die Haustür auf und lief die Stufen hinunter ihm entgegen.

Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt vor ihm hielt sie inne, die Hand ausstreckend.

„Da bist du!“ sagte sie, leise vor Ergriffenheit, „es ist wunderbar, daß du kommst! Mir war so seltsam angst.“

„Angst, Renate, dir?“ hörte sie ihn fragen, selig über seine gute, ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend schien. Sie zog ihn an der Hand mit sich ins Haus, machte Licht im Flur und staunte, als unter dem fallenden schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen mit Orden, und das Ganze überspannt mit farbigen Schärpen.

„M—m!“ machte Renate, „weißt du, — wir sind ja zwei Schöne! Aber Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das kommt von dem engen Kragen!“

Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen Stock, in der andern den losgehakten dünnen Degen. „Laß mich um Gottes willen zu Worte kommen,“ flehte er, „sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine Ahnung, keine Ahnung, weshalb ich komme!“

Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter. Nicht meinetwegen? dachte sie, lachte indes fröhlich und fühlte sich ganz kalt. „Aber komm nur erst ins Zimmer“, sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran und machte Licht.

„Nun los,“ sagte sie, sich zurückwendend, „die Trommel gerührt, das Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?“

Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen und Sternen, strotzte sein ganzes, gerötetes Gesicht von Gelächter und Glückseligkeit, und Renate rief sich innerlich scheltend an: Er ist da, er ist glücklich über und über, und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen kommt, schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber seine Augen schienen ihm die Rede abzuschneiden, er brachte endlich heraus: „Du! Es ist schwer, dich anzusehn und nicht zu küssen.“

Sie lächelte ihn kalt an und sagte: „Das weiß ich. Es wäre mir aber lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung anders bezeigtest als die Andern. Komm, laß uns sitzen.“

In einen Sessel gleitend, hörte sie ihn laut lachen, dann saß er ihr gegenüber, den Stock quer über den Knien, beugte sich vor, bat: „Rate doch! Tu mir den Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!“

Renate tat ihm den Gefallen und riet: „Einen Orden.“

Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte an seiner Brust und sagte: „Ein großer Mummenschanz, Renate.“

Da mußte sie hellauflachen, sie schlug die Hände zusammen und rief: „Sagte ich es nicht? Wörtlich, genau wörtlich hast du’s eben gesagt, wie ichs heut mittag hörte, als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen Orden? Ja, dann vielleicht — einen Großherzog?“

„Bei Gottes Thron!“ rief er, „beinah richtig, einen Sohn habe ich bekommen, Renate, einen richtigen Sohn, und was mehr? Eine Tochter! — Und was mehr? — Zwei Enkel, männliche Söhne, eben geboren, Zwillinge! Gott sei Dank, nun weißt du’s!“ Er setzte sich zurück und rollte triumphierend den Stock über die Oberschenkel hinunter und hinauf.

„Nun, das glaube, wer Mut hat“, versetzte Renate, gänzlich begriffsverwirrt. „Das mußt du mir er—“

„Erklären?“ Er hob Arm und Handfläche und schüttelte sie heftig. „Nimmermehr! Kein Mensch findet da mehr hindurch. Aber fest steht: Georg ist mein richtiger, echter, natürlicher Sohn, — das heißt, verzeih! wirklich: natürlich, wie man sagt ...“ Er schloß ernst und mit leiser Stimme: „Von einer Frau, die ich sehr liebte, so gut ich das damals verstand.“

Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, daß jene Kinder zur gleichen Zeit geboren wurden, und er hatte ihr doch gesagt, daß er damals die Herzogin liebte. Er schien dies empfunden zu haben, denn er sagte hastig:

„Du mußt es recht verstehn. Ich erzählte dir von der Frau, der Sängerin, mit der ich meine erste Reise machte. Ich trennte mich von ihr, aber sie wollte es nicht verschmerzen, sie — kurz, ich war einen Monat vor meiner Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie sagte; sie bot alles auf, um mich zu — halten, zu binden, und — aus dieser Stunde wurde mein Sohn.“

Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd Renate. Breit, rot und mächtig sah sie ihn dasitzen, sein Gesicht glänzte metallisch, er sagte:

„Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war ein harter Kampf, aber — wenn Mann und Weib miteinander kämpfen, so giebts nur diesen Ausgang“, und Renate durchfuhr es: Irene! —

„Merkwürdig,“ sagte sie leise, „das gleiche, was du mir eben sagst, erfuhr ich heute an jemand anders ...“

„Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,“ hörte sie ihn leise lachen, dann fuhr er fort: „Georg wurde fast um einen Monat zu früh geboren; infolge des Erschreckens über meinen Unfall.“ Er stand auf und ging in den Raum hinein. „Ich kann nicht sitzen,“ hörte Renate ihn hinter ihr sagen, „es tut zwar scheußlich weh, aber —“

Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich aufstoßend. Wenn er ihr gegenüber war, sah Renate im Schatten der kleinen Schirmlampe seinen glühend roten Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte aufmerksam, ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam weiter von ihm fort.

„Vor dem Abendessen kommt Georg, — ich weiß nicht, was der Junge hat, er sah so — innerlich geduckt aus, freilich, das Beste weiß er ja noch gar nicht, — Herrgott, ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja, wo blieb ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken ganz eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei, ich kennte sie selber, es sei die kleine Virgo Schley, — erinnerst du dich? ach, du kennst sie ja selbst, — ich sagte dir, daß ich sie bei Georg sah und wie ich sie Helene ähnlich fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar geküßt, ich wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, Renate, es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn je und je gezweifelt, daß Georg mein Sohn sei? Nein, nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich hab es hingenommen, aber geglaubt habe ich es nie! — Nun das ewig lange Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem Kind, ich halte es nicht aus, ich breche auf. Kenne ja Schley, — du weißt: der neue Amtshauptmann, er wohnt noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung —, ja, also denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen hier draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, — da höre ich gleich: Zwillinge! Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei Männer hat dies kleine blasse Wesen hervorgebracht, ja, ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist ganz vergnügt, die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß schon alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage durch einen alten Brief, der — ja, verzeih bloß, ich kann das nicht alles aufsagen — jedenfalls — Virgo ist Helenes Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und wir saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein getrunken und —“

„Woldemar,“ sagte Renate erregt und stand auf, „muß denn nun immer Wein oder so was untergeschoben werden? Könnt ihr denn niemals aus euch selber weinen und euch vergessen, wenn das Herz überläuft?“

„Ihr, Renate,“ sagte er langsam, „wer ist: ihr?“

Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen die Zähne und sah ihn lauernd an.

„Verzeih, ist dir nicht gut?“ fragte er, auf sie zukommend.

Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen lassend, daß sie klirrte, schüttelte den Kopf und rief:

„Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut, mir ist ganz wirr im Kopf, — du weißt ja all das nicht! Das Festspiel am Morgen und der Zug, das konnte allein genügen für den Tag, und was gab es noch alles! Josef, weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder wie zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.“ Sie lachte. „Ach, und das ist längst nicht alles,“ sagte sie, wieder trübe, „komm, sei nicht böse —“

Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, glitt, den Daumen nach oben, unter den orangefarbenen und blauen Schärpen mit der Handfläche glättend nach unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte wieder und meinte: „Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über und über“, worauf sie zurückwich, in den Sessel glitt und ihn mit den Augen zu sitzen bat. Er gehorchte lächelnd und eifrig, indem er sagte: „Noch zwei Sekunden.“

„Und nun, wie ging es weiter?“ fragte Renate. Er besann sich.

„Du weintest“, sagte Renate ernst und weich. „Einmal weintest du, als ich deine Hand hielt, und du warst mir nicht fremd. Weißt du das noch?“

Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: „Ich weinte, weil jemand starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. Damals aber“, fuhr er heiterer fort, „dachte ich nicht an dich, obgleich du vor mir standest, aber heute dachte ich an dich. — Aber weiter! Es war sehr einfach. Es fand sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich erkannte es wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht wundervoll? Blut — geht — zu Blut, kein Magnet hat solche Kraft, die Berge, die eisernen, brechen nicht auf und wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf und macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, aber dies Land wollte seinen Fürsten und bekam ihn, — ja, so lacht man über Weissagungen und alte Sprüche, aber innerst im Herzen lebt man schlecht und recht nur nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr, hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl — wie eine große, metallene Spannung — die Vorstellung von zwei Wagen, die vor zwanzig Jahren wie von einem großen Magneten an ein und denselben Ort und zusammengezogen wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder saßen. Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen solche Dinge, und wir sind es, die sie — nein, aber nun muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte ich nur eine Ahnung, wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel — wo ist mein Degen? ach, draußen ...“

Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die Hand und litt es, daß er ihre Stirn küßte, dann tappte er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf den Flur, sah ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte ihm lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. — Danach fielen ihr die Arme schlaff nach unten, ihr Kopf glühte wie Feuer, sie ging dumpfen Sinnes und mit schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf.

Achtes Kapitel

Masken

Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, stieg aus dem Wagen und stand am Fuß der Freitreppe vor der Universität, über sich die beiden fleischroten, milchigen Sphären der Bogenlampen, von innen eigentümlich Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen weißer Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im weiten, hellen Schein dieses Lichts den dichtgemauerten Halbkreis der fast stillen Menge, hundert und tausend beleuchtete Gesichter rings um das springende Bronzepferd, dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen Wipfelwall der Allee. Jason, Josef, Saint-Georges — zählte Georg vertieft und ging die Stufen hinauf; es war verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn auch nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt? Saint-Georges, Jason, Josef, — Josef war vorher da und hielt eine wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, Josef, — ich kann es drehen wie ich will, ich weiß, daß sie etwas wollten, wenn sie den Namen meiner Mutter sagten, und — Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum Verrücktwerden — ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung auf mich hatte, — da steht ja Renate am Türpfeiler? Nun bloß nicht fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer ist denn das? — Die weißmaskierte Gestalt in Renates lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen ihn vor, — Saint-Georges, Josef — dachte er und hörte sie sagen: „Georg?“

„Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß ich so spät komme! Hast du lange gewartet?“

„Wie still sind die Menschen unten,“ sagte sie, „es war ganz schön hier oben.“

Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedränge unten in dem fremden Licht.

„Angenehm, daß sie mich nicht erkannt haben,“ sagte er leise, „ich nahm einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist gräßlich warm, findest du nicht?“ Er trocknete sich die nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason, Saint-... „Komm, Magda, wir sehen alles an,“ sagte er heiser, „oder möchtest du tanzen? Im kleinen Schloßhof in Herrenhausen wird getanzt.“ Er drängte sie am Arm neben sich her, durch die Halle, die breite Treppe hinauf, bunte Trachten, Masken liefen vorüber, andre stiegen mit ihnen, stießen zusammen, drängten sich, — sie stiegen langsam Stufe um Stufe.

„Ich glaube, Magda,“ seufzte Georg, „uns ist Beiden nicht nach Masken und Tanzen zumute, aber du weißt ja,“ schloß er bitter, „ich trage eine Maske mein ganzes Leben.“

„Oh, Georg,“ sagte sie schmerzlich, stehen bleibend, „glaubst du denn unrecht zu tun?“

„Ach, unrecht,“ meinte er wegwerfend, „das sind alles so Ausdrücke.“ Die Hand am Treppengeländer, beugte er den Nacken und starrte auf die Stufen hinunter. „Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weißt du gleich, um was es sich handelt, und hast Urteil und alles bei der Hand. In Wirklichkeit hat man vielleicht einen Mann, den man haßt, und ein verkehrtes Leben und liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu einem schrecklich leidigen und treibenden Gefühl, aber mit Ehebruch hat es gar nichts zu tun.“

„Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner Maske wohl dasselbe.“

„Komm weiter“, bat er leise, in dem Gefühl, daß sie recht habe, ohne es sich selber zugeben zu wollen.

„Ich muß dir verschiedenes erzählen“, sagte er, als sie oben in der Halle waren und gegen die Tore vorgingen, durch die es von Masken wimmelte, die er kaum ansehn mochte, ein so widriges Empfinden erregten sie ihm. Von unten ertönte gedämpfte Musik, sie standen über einem Gewimmel von unzählbaren winzigen Lichtern, roten, weißen, grünen und blauen, darin lag der weite Rasen unten, umringt von alten Bäumen; von oben und bei der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand es ganz schön. „Renates Vetter Josef“, hörte er Magda sagen, „ist wieder im Hause, jetzt ist er hier mit seinem Vater.“

„Hier?“

„Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in den Französischen Garten.“

„Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,“ bat Georg; „ach, Magda, verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich zu dir bin, es ist ein bittrer Tag, und ich weiß bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.“ Sie ergriff seine rechte Hand, drückte sie schweigend. „Diese Hitze könnte mich rasend machen,“ stöhnte Georg, „bei der Galatafel wars zum Platzen, und dann in dem grellen Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder und Parfüm und Schweiß, — ich muß noch ein paar Tage nach Helenenruh und mich in die Nordsee stürzen ...“

Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend, stieg Georg die großen Terrassen hinunter. Unten gerieten sie bald auf einen dunklen Seitenweg im Gebüsch; ein einzelnes, rotes Licht hing an einem Baumstamm, es roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine Kirche in Athen. Josef, Jason — da fängt es wieder an, dachte er verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff seine Hände und sagte leise und eindringlich:

„So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und nun bist du am Ziel und doch nicht glücklich?“

Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose Wesen seines Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm heftiger aus, „was ist denn Glück?“ sagte er stumpf. „Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich nicht Steineklopfer?“ — Und ohne etwas zu denken, fuhr er fort: „Glück? Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas, das man weiß und nicht mehr hat. Und wenn es ein Glück gäbe, wie du es meinst,“ sprach er verzweifelt weiter, Gedanken schwerfällig aus Gedanken ziehend, „glaubst du, daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick begreift?“

„Georg,“ hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, „du weißt immer einen Satz und eine Erklärung, aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem innern Zustand etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas bedeuten.“

Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das Wesen der Tragik, zerspellt zu sein in Erkenntnis und Empfinden, aber sie kam ihm zuvor, indem sie sagte: „Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht weiß ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir selber erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich sein kann, außer uns, neben uns her, und es ist wohl manchmal sehr schwer, es mit unserm wirklichen Wesen zu vereinen.“

„Nein, das meinte ich glaub ich nicht,“ sagte er, den Kopf hin und her bewegend, trübe, „aber du wirst wohl recht haben. Ja, nun meinst du, ich soll diese meine Klugheit an einem tüchtigen Strick wie — wie so einen Fesselballon in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, ich werde noch verrückt davon werden, komm bloß weiter!“

Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich, die Stirn auf ihre Achsel zu legen, er stand sekundenlang so, fühlte die sanfte Erlösung dieses Ruhns, aber in ihm lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich selber: Du liebst diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut, aber — „O Gott!“ seufzte er leise.

„Es kommen Menschen“, sagte Magda, er richtete sich auf, nahm ihre Hand und zog sie weiter.

Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, immer belästigt durch Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, die ihnen zuriefen oder nach ihnen schlugen, sie mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten, lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von ihm zur Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine Gasse von Girlanden und bunten Laternen gezogen, hinter denen die zuschauende Menge sich staute. Sie eilten freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen den Stämmen hindurch am Ende der Alleen schräg auf das Tor des Französischen Gartens zu. Der vorderste Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; hier waren weniger Menschen, in der Ferne rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken hindurch gelangten sie zu der ersten großen und gingen unter ihr hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen, sie traten hinzu und sahen auf einer kurzen und dicken Steinsäule ein metallenes Becken — „eigentlich ein Papierkorb“ sagte Georg — mit Wasser gefüllt, an dessen Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten; in der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische. Georg tauchte einen Finger hinein, das Wasser war beinahe kochend.

„Ein Genie, wer das erdacht hat,“ meinte er, „die Fische sollten das Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder sollte sie alle zu Mittag bekommen.“

„Arme kleine, tote Fische“, sagte Magda, und beim Klange ihrer Stimme befiel Georg ein sonderbar süßlicher Schmerz. Das war Anna Chalybäus’ Stimme, dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, seiner Vernunft unnennbar, mit schmerzlichem Schauder durch seine Brust. Er mußte plötzlich an seine tote Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr fand, nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: Helene —

Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war zu Ende, rechts neben einem freien Platz mit Bäumen rauschte laute Tanzmusik aus dem großen Pflasterhof des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse leuchteten, starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen Gittern das wogende Getümmel der Tanzenden. „Oh sieh wie schön!“ hörte er Magda sagen und sah nach links. Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates haushoher, düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue. Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und Bosketts wandelten die undeutlich buntgekleideten Gestalten in diesem Halbdunkel und standen auf ihren Postamenten, leise von unten beleuchtet, die Steingötter, -göttinnen und Urnen mit schweren Schatten und in starker und düstrer Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und Georg sah den Schattenriß eines Füllhorns in der Nähe, eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo, und nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn, ein zartes, leuchtendes Profil, dahinter einen großen, leicht zum Nacken gesunkenen schwarzen Kopf, dessen Umrisse die Umrisse von Früchten und Blumen schienen, und wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner von ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie mit einer Schwester.

Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches Wesen neben sich: eine rote, lottrige Tunika über schwarzen Trikots, eine schwarze, törichte Bartmaske unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen Dolch oder ein Schwert. Sie warf den Kopf zurück und bewegte Arme und Oberkörper mit solchen schiefen, zuckenden Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte, auch ihre Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen sie sagte: „Nun, mein Schöner?“

Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an gräßliche Dinge, er schnob kurz: „Was willst du?“ im halben Gefühl, Magda nichts gewahr werden zu lassen.

„Du siehst, was ich bin?“ fragte ihre Stimme, schon weniger verstellt. Georg wandte sich zu Magda und sagte: „Sie fragt, was sie vorstellt. Ich glaube, eine Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!“ sagte er zu Cora, ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber Cora war mit einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen um ihn herum, ergriff Magdas Arm und zischte theatralisch: „Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am Ziel Ihrer Wünsche?“

„Ich bin nicht Heliodora,“ sagte Magda ruhig, machte ihren Arm los, und Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora wütend an: „Geh zum Teufel, mit deinem Mummenschanz!“

„Der Großherzog hat befohlen,“ sagte sie höhnisch, „seinetwegen hat sich das Volk in Masken gehüllt!“ und wich zurück, schwenkte sich herum und ging schlenkernd, in den Hüften sich wiegend davon.

Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: „Wer war denn das?“ Sie schien zu lachen, er vermied deshalb eine Antwort und fragte: „Lachst du, Anna?“

„Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte dir einmal von einer Legende, die Jason uns erzählte, von Orest und der Eumenide, und ich mußte denken, wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht sehr zum Gruseln.“

„Nein, weiß Gott nicht“, murmelte Georg verdrossen. Ach, wie ist das wieder ganz Cora, seufzte er innerlich, im Kostüm und mit Schlangen und Dolchen als Rachegöttin vor mich hinzutreten. Aber ich muß sehn, daß sie uns nicht wieder über den Weg läuft.

Tempel

Sie traten aus dem Heckengang auf den äußeren Fuhrweg hinaus. Drüben standen die schwarzen Wipfelgruppen der englischen Anlagen unter matten Sternen, Georg roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht, jenseits des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fuß der hohen Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und da von den unteren Lichtquellen rötlich gefleckt war, auf den kleinen Rundtempel an der Ecke des Gartens zu; eine seiner Säulen stand ganz schwarz vor ihnen, dahinter mußte der Leuchtkörper sein, von dem die Wölbung innen und die Säulen links und rechts weißrötlich glühten. Auf dem breiten Wege ging nur hier und da ein stilles Paar. —

Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung des Lichts und des kleinen Tempels zu. „Dort steht eine Bank am Wasser,“ sagte Georg, „wir können dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald muß auch das Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck brennen, dann können wir’s schön sehn, auch im Wasser.“

So gingen wir vor drei Jahren, dachte er währenddem leise bekümmert, hätte gern etwas Liebreiches, Dankbares, Verzeihungbittendes gesagt, fand aber kein Wort, und sie gingen schweigsam dahin. — Was dachte sie nur? —

Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg stehn und nahm die Maske ab. Magda tat dasselbe, er sah dämmrig den Schein ihres Gesichts und der Augen im Dunkel, dahinter die graue Säule und sagte, vor sich niederblickend:

„Vielleicht — —, vielleicht ist diese Stunde die beste am Tag. Es ist wieder stiller in mir, ich — ich bin so froh, mit dir zusammen zu sein.“ Er suchte, beschämt, sich zerknirschend und traurig nach Worten. „Und —“ fuhr er stockend fort, „und —“ Er wußte nicht weiter, sah verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in dessen Mitte einsam eine dunkle Gestalt stand, an der seine Augen nun festhingen, so daß er alle Gedanken verlor.

Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben ihm, er ging über die Stufen in den Raum und sah sie neben einem unterwärts dunklen, innen stark leuchtenden, großen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet, leise auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen in den letzten Jahren, — wie lang doch ihre Wimpern waren, nun sie gesenkt ruhten! die Augen glitzerten feucht dahinter, die Stirn war freilich — irgendwie arm, so hoch, nicht streng, — vielleicht karg, — ach arm nur für meine Augen, dachte er trübe, weil sie keinen Reiz für meine Sinne hat. Näher tretend gewahrte er, daß vom Rande des metallenen Beckens unaufhörlich dünne Wasserfäden zu seinem Grunde niederrannen und glitzerten; in der Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht fast blendend emporquoll.

Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es schien ihm der Anfang eines Gedichts, und — wie töricht! schalt er sich, denn wer ist hier arm und wer nicht?

Magda sagte aufblickend: „Ich fürchtete schon wieder tote Fische, aber hier sind sie geschickter gewesen.“

„Ja, aber der Brunnen war hier immer,“ meinte Georg, „nur das Licht ist neu.“

Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in das glitzernde, unablässig rinnende Rund, legte eine Hand hinein und schauderte wollüstig von der kalten Flut. Magda hatte die beiden Hände auf den Rand gestützt und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend, sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter waren dicht voreinander, Magdas Augen hafteten — ihre fast brauenlosen Augenbögen zogen sich dabei zusammen — in den seinen mit leise schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem Ausdruck, dann bewegte sie langsam das Antlitz vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine Blume, die weht.

„Gott segne dich, Georg“, sagte sie leise. — Er senkte den Kopf, ihm quoll das Herz.

Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben an der Säule, in ihren Augen war ängstliche Verwunderung, und Georg sah dort, wohin sie blickte, nicht weit rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer, den Griff des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze nach vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt: „Man stößt von unten, Cora, von oben macht man’s bloß im Theater.“

Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und grotesk aussehend, hielt sie in der linken Hand.

„Ja, was willst du denn nun eigentlich?“ fragte Georg ungeduldig und bewegte sich zu Magda hinüber. Indem flog Cora empor und auf Magda zu, den Dolch in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend in Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken, raffte sich mit schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit vorgestreckten Armen nach Coras Handgelenken fassen, plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit der Stirn so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte. Sie hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die Hand vor den Augen. War sie verletzt? Und wo? — Er verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu stürzen, die er die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ ihn alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen, sie drehte das Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und fleckig im Schatten am Boden, er stand über ihr, da wurde der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu dunkler Wiese, ihr Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit fürchterlichem Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von drei Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem Hinterkopf an Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter, trat, niederbrechend, in weiches Gras, raffte sich hoch und stand.

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