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Helianth. Band 3

Neuntes Buch. Charfreitag oder Die Eltern (continued 4)

Reading edition

„Aber,“ rief Georg das Wort, das er längst kommen sah, „aber du handelst ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! Du hängst ab nach zwei Seiten wie ein Gespaltener und —“

Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg ins Zimmer und rief, ihm unsichtbar, von dorther: „Nein, und du hast doch nicht recht! Ja, das Leben mag so sein, wie du sagst, aber — — soll es denn immer so bleiben? Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird? Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären wie du? Wer sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die Träumer, die Schwärmer, die Seher der Ferne. Haben nicht immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel der Menschheit, das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der sichtbaren liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte! Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel in die rosigen Wolken, und wer die Schrift liest, den erfüllt sie mit Sehnsucht. Sehnsucht, Georg, Sehnsucht! Was helfen denn eure Feststellungen, eure Hofmannsthals und Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an, diese Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die euch alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die Schwelgenden auf den unerreichbaren Gipfeln, wir —“

„— pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren in den Berg!“ rief Georg aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch. Danach verstummte er in plötzlicher Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja keinen Kern, wie soll ich ihn angreifen?

„Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu verschieden. Du —“

„Vielleicht, Georg, — und doch nicht. Ich verstehe dich ja, wir mißverstehen uns nur, ich meine genau das selbe wie du, nur —“

Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. „Hör auf, Benno, es hat keinen Sinn. Weißt du —, ich bin auch sehr müde. Tu mir die Liebe und laß mich jetzt ein bißchen allein.“

„Ich gehe, Georg, ich gehe! Hättest du mir doch nur gesagt, daß du vielleicht lieber schlafen möchtest. Es tut mir —“

Georg brüllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick angesichts dieser schmelzenden Betrübtheit, die schon die ganze Stunde schwarz sah, bloß weil er an ihrem Ende erklärte, müde zu sein.

Benno nahm zärtlich Abschied, und Georg versprach, ihn in Bälde zu sich zu rufen, worauf er entfloh.

Georg

Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, und fiel in den Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu schlafen und zu vergessen. Aber die Lehne war rauh und heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu schlafen, dachte, sich auf das Bett zu legen, aber — in Kleidern? nein, und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, — nein, in einer Viertelstunde vielleicht kam die Anna. So rückte und drehte er sich hin und her, ächzte leise und meinte zu fiebern. Nicht denken, nicht denken!

Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder das Recht, mich so als stärker zu fühlen und gütiger? Ist er mir verpflichtet? oder dem Dasein? Es ist schrecklich, aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an dem, den wir lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden.

Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen konnte, dies herausfühlen konnte aus mir: muß dann nicht doch ein quietistischer Hang vorhanden sein? ‚Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.‘ Ja, was will ich denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern; aber alles, was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ...

Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun das noch aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand bald den Wunsch, sich noch einmal nachzuprüfen, oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht hatte und nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch —, nun, was drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, aber es enthielt doch Angaben über den Weg.

Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu blättern und zu lesen.

Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da:

‚Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!), die letzte ist eitel Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte ein Gebilde, das dauern soll, die Prägung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die stärksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet, und nur aus Miasmen.

Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir großartig genug scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen. Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und Tritt nur Griff um Griff nach dem Nächstliegenden, Ausfüllen mehr schlecht als recht, statt Erfüllung, — warum zum Unheil muß mir ein anderer Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, schlimmer als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn wohl, ob wider meinen Willen:

Georg, der Trasse, Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer, Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.

Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir hängt? — Ah, ein Licht! eine süße Strophe: wer sagte sie mir noch?

Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb, stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwähnt habe, eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bösen Geist, den er schleppen mußte, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft einmal erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, und so hatte A. die beiden Strophen daraus im Gedächtnis behalten, die mein eigenes, leichtes Versgedächtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos, bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen mußten im Schlaf:

Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen Des Hauses ruht die Eumenide nun. Noch ist die Gottheit dringend anzurufen, So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn. Die ..... die Wölbung schwindet, Gestirne wandern über Wäldern fort. Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort, Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.

Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den Schlaf, so ist es kein fremder, kein erst im Augenblick mühsam aus uns erschaffener, sondern Kindheitsschlaf, und er ist es, der ‚uns wiederfindet‘.‘

Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz wunderschön! Bloß — wie soll ich damit regieren?

Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine gewisse Kraft der Sprache und der Formung, die eigentlich nicht nur an dieser Stelle ... sondern auch sonst im Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen.

Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter Geschlechtstrieb?

Darauf entschlief er.

Bogner

Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und schönen Spaziergang durch den klaren Nachmittag der Wiesen vor Bogners jetziger Behausung, die im Tiefland um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten Stadtwälle lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und flacher Gegend.

Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall bewohnte; das, wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes Haus, hinter dem sich das flache und schwarze Dach eines mächtigen Rundbaus — der Reitbahn — erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der Maler selber, sie begrüßten sich hocherfreut, er führte sie in den Flur und gleich durch einen dahinter liegenden Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde, deren eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen Rosse bewohnt war — Renate kam es bekannt vor, ohne daß sie sich gleich erinnern konnte —, während die übrigen mit Leinwanden und dergleichen Malsachen vollgestellt waren, in die Reitbahn.

In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell vom allseitig voll einflutenden Licht der breiten Fenster, die Renate für Augenblicke fast blendeten. Vor ihr, in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke, die nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern, liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte Leinwande waren im ganzen Umkreis an die Wandung gelehnt, häufig übereinander, hundertfach zuckend von abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben, und Renate ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln gegeneinander gestellten Bilder und drehte sich um.

Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, daß sie zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen, um die Augen auf das nächste der Bilder zu heften, wo ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde sie anzog.

Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe. Einher vor einer drei Viertel der Bildhöhe füllenden Wand von schwarzem Blau flog ein Gespann fahler Rosse, graugelb, lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch ihre Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern, langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter — kein Wagen, nur ein einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen in bräunlichem Metallglanz, trug die Gestalt eines fast nackten Mannes, um dessen Brustmitte geschlagen ein kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die Hand mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, mit kaum sichtbaren Streifen von Zügeln zu den Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das bräunliche Weiß seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, entseelt vom Lichte dahier, innerlich verfinstert und wie getränkt mit einer tieferen Essenz farbigen Daseins. — Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel des Bildes, aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, in Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in eine niemals endende Ferne hinein. Und all diese waren schändlich entstellt von Verhöhnung, Gelächter, Spott, Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in einer fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender Abscheulichkeit. — Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, das einen eher duldenden als tätlichen Ausdruck trug, zog ruhig dahin.

Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in einem außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern ihm, seinen Farben, nur entsickerte; in einer trotz der jagenden Fahrt gefesselten Stille; tosend und doch tief in Ruhigkeit; in Vereinsamung, in Entlegenheit; in einem so fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer einen Blick in verbotene Gegend zu werfen.

Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das nebenstehende Bild hin.

Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau Geharnischter über einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein nackter Neger, der den Bogen spannte —, dessen Pfeil stak rechts drüben in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite des Bildes überspannte. Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell, weißlich und silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen. Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen Harnischen und weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe herauf und jenseits wieder hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertümlichen silbergrünlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhöhe weit und breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr bewegte sich, den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem großartigen Pomp, geführt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte, so klein er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten.

Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die schmetternde Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang für sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den sonnenstillen Charfreitag.

So wagte sie sich vor das dritte Bild.

In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem und braunem, Stufen, Plattform und Säulengeländer, in einem Gewand von ähnlichem schwarzem Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend, sehr still — und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, den unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr der stehende Knabe in einem hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales Gesicht, von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch, und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes Lächeln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten Gliedern, weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu erkennen.

Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mänteln, in Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in bürgerlicher Festkleidung des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit Purpur und dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die schwer ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.

Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchfließend von links nach rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflüger, Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen, friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausführend, sein volles Dasein darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. Ah diese Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette grünlich weißer Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt in einer atemlosen Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener Himmel, vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert.

Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede Besinnlichkeit über der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit ihrer Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender und atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten Sekunde schon das menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit wie eine Blume tauchte. — Dann versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in Kleidern einen Weg zu bahnen, aber — hielt hier das bläuliche Licht im Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das braune Gold eines Harnischs sie auf —, so jetzt die tiefe Leidenschaftslosigkeit all dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden Hände; dazu der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so unbeirrten Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß sich ergeben hätte. Nun aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. — Auf einmal hatte sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die Einsamkeit, vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, zu dem Hirten am Waldrand, zum kleinen Pflüger unter dem Eichbaum, — und schon wieder fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen niemals diese Berggipfel übersteigen würden.

Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen und sah, daß es dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im nächsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von Unheimlichkeit wandte sie sich um.

Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen? Spiegelungen von — ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nähe der Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn, nicht zu diesem Menschen, der — jetzt erst traf sie der Schlag —, der dieses gemacht hatte.

Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme darin, sagte sie leise zu Jason: „Freund, erkläre mir dieses!“

„Dies“, sagte der bereitwillige Jason, „ist gemalt. Es ist ein Werk des Lebens und deshalb höher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit, sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein körperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung. Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was käme heraus dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrühren können, um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelöst als ein sehr einfaches Rätsel, nämlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den Himmel gelangtest, — wie fremd müßtest du dir erst werden! Und dies ist des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines höheren Lebens hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des Ewigen zuträgt.“

„Es scheint sehr einfach“, murmelte Renate kaum bewußt und mußte sich wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, daß er vor Erasmus stand, eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewußt, daß jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, — und nun dieser das Ende sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit dieser Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berührend, dankbar zum Einen, dankbar zum Andern: „Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! — Ich habe euch lieb.“

Achtes Kapitel

Magda

Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl der Feierlichkeit. Aller Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von Frische, saß er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden noch wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen. Draußen mußte es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte, zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa die Bilder der Jugendjahre, das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Türnische, hinter dem grauen Rupfen der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das Zucken eines ewigen Auges.

Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen, entschwunden uns für Minuten, erwachen wir jenseits als Andre.

Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also konnte er kaum eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna?

Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt auf den Armen, — dann der Tote, aufrecht im Sessel, ein Schläfer, der sich gestillt hatte am Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche sonst zu. Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am Sonntag. Was stand denn bevor? Was? — Dieser Gedanke war zu schwer und ließ sich nicht heben.

Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus.

Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Südflügels bedeckte, wie an unzähligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hälfte; Mauer und Fenster drüben erglänzten im Ausdruck der stillen Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der Welt; auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger schien, ruckte die Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weiße Turm mit dem Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige Überfahrt der bergichten Wolken schön vorüberglitt. Eine traumhafte Welle von Heimweh und Abschied ging langsam zitternd über dies hin und machte es um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.

Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür und das Eintreten Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und lautlosen Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann saß Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee, sie ließ die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Schoß, und fragte mit lichter Stimme:

„Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale noch über mir?“

„Ja, Anna.“

„Und die Bilder, und der Schrank — alles wie immer?“

„Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied nehmen.“

Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht nahe am ihren: „Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend etwas sehn?“

„Jetzt“, sagte sie ruhig, „sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen. — Sehen, wie du und Alle — nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin oder erregt. Sonst kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles geworden, aber —“ sie hob seine Hand, „man kann fühlen.“

Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber gefleckte des andern Auges, — er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund näher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen.

Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr noch habe vorlesen wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei doch alles kaum von Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein paar Worte von Bogner stünden zwischen dem Übrigen. Blätternd derweil hatte er bald gefunden.

„Ja, dies sagte er einmal: ‚Die den Menschen erzeugte, und die er erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.‘“

„Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!“ rief Magda unschuldig.

„Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner nicht ernst? Dann höre, was er noch sagte, hier steht es: ‚Der Mensch ist nur dazu da, um Natur in Kunst zu verwandeln.‘“

„Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur weiter!“

Georg las:

„Porzellan (nach einem Wort Bogners)

Das ist die edle Alchymie des Leidens, Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand Der Erde kräftig zartes Porzellan, Drin Kochendes sich kühlt, — das dauerhaft Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.“

„Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg“, bemerkte sie heiter.

„Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist dies:“ Er las ernst:

„Nur tiefer (Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis)

Der Tote, den du liebst, an seiner Hand Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt. Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt, Nur tiefer stehst du da in deinem Land.“

„Ulrika ...“ sagte sie leise. Dann: „Welch ferne, ferne Musik!“

Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die Schwere, die auf ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut erschien wehend der grüne Deich mit dem einsamen Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob sich darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich weiterlesen zu dürfen, und glitt langsam in den ersten Absatz einer Niederschrift, die allein vor den andern ein Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr wußte, was es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam.

‚Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen vergießt, und zwar in einem Maß, das dir unbegreiflich erscheint, und wenn du dann fragst, und sie sagt: Es ist nichts! oder: Ich weiß nicht warum, — so fliehe gleich von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben Jahr wird sie dir oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen Tränen sie damals ahnungsvoll vorausweinte.

Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer Rückkehr mitteilte, daß sie nicht bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei andere mit sich, nämlich Cordelias Verzweiflung ohne Maß und Grenzen, damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen, damals, als ich sie küßte.

Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehört freilich nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen; und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt.

Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist auch ein Grundsatz über Frauen — und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu wählen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit tödlicher Gewißheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum Unverstand tödlicher Gewißheit.

Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von Krankheit besessen, daß er einmal wochenlang hungerte, aus Unfähigkeit, in einen Laden, in ein Speisehaus zu treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte er und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den Straßen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene war. Heut ist er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder Wärter gerad so gut und besser besorgen — denn ein solcher wäre standhaft, während Cornelia sich mit verzehrt —, allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im Gefühl für mich; aber sie muß.

Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu bekommen, — da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim für idiotische Kinder sah ich strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen mit diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, an die sich all jene schöne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos, daß, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses — sagen wir eine gewisse ‚Luft‘ braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit zu heilen? (davon abgesehn, daß es in diesem Fall nicht einmal um Heilung geht.) Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben und nicht für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit wäre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte aller Ärzte Anwalt werden oder Pastor, um statt für Körperheil für Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. —‘

„Willst du nicht mehr lesen?“ hörte er sich, noch bevor er die letzten Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick überfliegend:

„Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, — aber es ist etwas lang. Du hast es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die Überschrift heißt: Ultimo, — so habe ich es genannt, weil es damit ‚am letzten‘ mit mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und — ich möchte dich bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, daß es — nun, daß es sich nicht um Einfälle handelt, sondern daß es — wirklich mein Äußerstes ist, nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich er—lebte. Es sind Wochen vergangen, während ich es schrieb, und das weiß ich noch, daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.“

Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann er zu lesen.

„Ultimo

Motto: Wahrheit ist es nicht; es ist meine Wahrheit.

I

Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung eines Dinges auf uns, das wir schön nennen, welcher Art dasselbe auch sei — der Natur, der Kunst, dem Handwerk entsprossen —, so wird die einfache Antwort lauten: Befriedigung.

Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen ausgehend uns treffen, die, vom tiefsten Erstaunen zur höchsten Freude, eine mehr oder minder mächtige Wallung in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in diesem ersten Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehören. Danach atmen wir auf; der Schrecken besänftigt sich, das Unglaubliche, die Fremdartigkeit des Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt, und nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns zufrieden. Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle zusammengeschossen, und das Schöne ist der Kristall. Die Verworrenheit der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des Schönen, die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften Erscheinung, sie vollendet in uns die Gewißheit, daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.

Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, daß, was wahrhaft schön ist, auch gut sei.

II

Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was dem Menschen gefiel, das taufte er schön. Nun aber hat es nichts Schönes oder Gefälliges gegeben, bevor der Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels — Dinge, die früher auf dieser Erde vorhanden waren als der Mensch — wohlgefällig zu empfinden; denn das Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren, wir erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so ist, kann einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig unbewußte Erkenntnis des Schönen ganz durch uns durchging: daß wir ein Ding machten mit unserer eigenen Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck brachte. Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir erkannten, nachahmen, was nachstreben heißt, nicht nachmachen, welches erst die Folge von jenem ist oder die Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir mußten empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen, das Empfangene durch unser Wesen verleiblicht haben, um es schließlich aus uns heraus zum Quellen, Erstehen, zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne — nunmehr zum zweiten Mal außer uns, vor uns stehend, wieder fremd und doch unser Eigentum nun, beglückte uns durch sein lächelndes Dasein.

III

Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel nachgeahmte, aus Binsen geflochtene, mit Lehm verklebte, gewölbte, gerundete, geglättete erste Form eines Gefäßes, ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich geworden, weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch sie gemacht hatte, nicht die Natur.

Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl der Sicherheit! Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen, in der ganzen Unleugbarkeit des Gefertigten, das sich abgesondert hatte aus dem notvollen, angstvollen Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen, der Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen, und er konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile bilden an einem Ganzen, die unter sich einen Frieden hatten; konnte ein Ganzes zerlegen, ohne daß es zerfiel; er war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst, ein Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und als ihm diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, sie wieder aufzulösen durch die Verzierung. Er besaß nun das Schöne.

Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der noch keines Guten sich deutlich bewußt war, schon war er gut durch eine Kraft der Güte, die ihm aus den Händen quoll in das Werk.

Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit, Besinnlichkeit und die Nimmermüdheit. Liebe kannte er nicht, aber liebevoll war er nun schon durch Geduld.

Geduld, die Erhalterin seiner Mühseligkeit; Geduld, welche dann ihn belohnte durch das erschaffene Schönding aus seiner eigenen Hand.

IV

Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir bis ins Unzählbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und Ei, unkenntlich, was früher gewesen; sondern die nun gegeneinander gerichtet stehn, die wir abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben, daß wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! Und daß wir den einen Schönling nennen, der bei vieler Liebe zum Schönen kein Herz in sich habe für das, was gut ist.

Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide einmal Eines gewesen sind, Schönes und Gutes, gleichviel denn, welches das Erste gewesen: müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die gleichen sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung?

Ja. — Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefällig ist uns das Schöne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig ist uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte, wegen des Friedens, den sie über unsre Verworrenheit brachte.

Verworrenheit — die ist immer, und die ist das Böse; Einfachheit und Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute.

Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Tröstung.

Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in ihm waren. Der an dem Einen litt, so daß er das Andre empfand.

Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam. Überfülle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung — und das Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er, daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu ändern willig werde. Er, der leiden lernte durch das Böse und sich heilen durch das Gute.

‚Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.‘

Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit, da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. ‚Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht.‘ (Römer 7, Vers 19 und 18.)

V

Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren, seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:

‚Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.‘

Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander gegenüber und wies auf den Vorgang.

So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.

Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern; ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, — was heißt das?

Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? — Wie lautet die Antwort? Weil jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. — Nein — oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. — Da wird er auch die andre Wange darhalten.

Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?

Geduld.

Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter des Guten!

VI

Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten; in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er vielmehr ungeduldig geworden, so daß ihm immer das Licht unter den Nägeln brennt, so daß er nur schreien kann: Auge um Auge!

Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame Panazee, und die ganze Menschheit strömte zu ihm und ließe sich impfen mit Geduld: würde sie — wie sie einmal beschaffen ist! —, würde sie heil werden und gut?

Nein, sondern die Lymphe würde sich, ‚wie sie einmal beschaffen ist!‘ in ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich zerdrückte, verschluckte, verbissene Ungeduld würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen müßte.

Sie kann — entfernen wir jenen deus ex machina wieder —, sie kann, wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie einhalten. Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken heißt zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts.

Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde?

VII

(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit ist weitaus die größte Mehrzahl mit sich, mit dem Leben, mit der Welt, selbst mit dem Leiden darin zufrieden. Vergeßlich beschaffen, würden sie ein andres, besser genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen, aber aus sich heraus wollen sie kein andres.

Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, daß sie nicht zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und daß alles anders sein sollte. Wie sie aber beschaffen sind, vermögen sie sich von der zeitlichen Grundlage, auf der sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen nicht ein ‚Alles‘, sehen kein Ausdemgrunde, das zu ändern wäre, sondern nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint dieses, der Andre das, welches geändert werden und welches geändert auch alles Übrige umwandeln müßte, — und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige sind, die das ‚Alles‘ erkannten und die volle Unmöglichkeit dieses Lebens, in das wir Alle verstrickt sind.

Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder sich selbst noch den Andern zu helfen, und wenn der Eine sich begnügt, ein System zu entwerfen: wie es eigentlich sein sollte, so hat der Andre nichts als den heiseren Nachtschrei zu Gott.)

VIII

Geduld dächte rückwärts und würde erfahren: die Schuld liegt bei mir; Ungeduld denkt nicht.

Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach.

Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit. Schwäche ist Mißtrauen; sie ist Befangenheit in der uralten Verwirrung, erkennt nicht das Gute, dessen Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mißtraut sich selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und vermutet ihn bei keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt ist Gott.

IX

Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben. Lösen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):

‚Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.‘

Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, V. 28):

‚So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.‘

Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen — dessen Dasein verbürgt war, so daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte —, und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie hatten keine Satzung daraus gemacht.

Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und anzog? War es nicht eben so, daß die alten Götter kraftlos geworden waren, daß sie sich erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre unhaltbar gewordene Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem geschrieben stand: ‚Dem unbekannten Gott‘?

Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen den Weg, denn die Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben!

Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft flammt so heraus, daß auch der Ungläubige sich ergriffen fühlen muß; daß er, solange er fühlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit, in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen, blindlings zu sein und zu glauben.

X

Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt ‚pisteuein‘ und ‚pistis‘ der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, daß etwas so ist, wie es sich darstellt, und darauf vertrauen.

Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heißt glauben?

Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr ist, der die Welt erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhält; daß er allmächtig ist, allwissend, und allweise; daß von ihm alles abhängt, daß er die Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: ‚Wer an mich glaubt, der wird leben!‘

Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. Pistis — der Glaube, so heißt es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es weiter?

Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen; waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so — wer beschriebe den ganzen Verlauf? — ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen Mummenschanz einer ‚allein seligmachenden‘ Kirche. Das Mißtrauen nahm überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen, die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben, Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.

Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen, Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar, ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war, bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen Liberalität.

Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine, Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens: die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung, ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?

Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne Unterlaß hinein.

XI

Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und durch sie, ‚in allem‘ seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja, zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein Herz, um zu glauben, was ich weiß?

Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, Nenn es dann, wie du willst, Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott! Ich habe keinen Namen Dafür! —

Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht, wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom Nichtandersseinkönnen? ‚Nenn es dann, wie du willst!‘ Ja, wenn ich die Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und Rauch. ‚Wer darf ihn nennen?‘ Was heißt ein ‚darf‘, wo alles ‚muß‘ sein sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, — nicht nur zur Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu belehren, so kann ich hinter diesen nicht ‚Glück, Herz, Liebe — Gefühl‘, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.

XII

So blieben denn zwei Möglichkeiten über.

Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt und ich halte für wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende oder erschließende sein möge: halte für wahr mit aller Kraft meines Herzens und meines Geistes — Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer aller Kreaturen. Credo quia — oder wie Strindberg sagt: etsi — absurdum.

Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit gewiß sein, ob sie auch über alle Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewiß sein und also für die Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden die Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren Sinn habe nach dem Willen des höheren Wesens, und daß sie diesen Sinn irgendeinmal offenbaren, sich auflösen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die zweite Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft, dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden.

Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, das will sagen auf die Menschheit. Die Fähigkeit, mich selber und meinesgleichen zu ertragen, die mir dort aus meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle des Glaubens träte das Sittengesetz.

Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier.

Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden, sich nicht verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug fühlt, gottlos, will sagen heillos zu leben. Für ihn die Worte: Geduld! und: Vertrauen! — Vertrauen auf den dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine untrügliche Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von Augenblick zu Augenblick hintastend zu gehn; auf das Nächste allein immer gerichtet, das Ferne nicht zu verfehlen; eine innere Sicherheit, eine Kraft, die denn Langmut verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie man sie mit sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg möge dann das schönste Wort leuchten, das ich fand:

‚Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.‘

Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche Errettung zu denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick führt der Weg der Geduldigkeit, und es glänzt uns der Stern der Hoffnung, daß wir nicht gänzlich zuschanden werden. (Römer 5, V. 3-5.)

Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es versuchen.

XIII

Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus irgend Gründen die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Möglichkeit für die Befangenen in Mißtrauen und Ungeduld? Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen, für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; für die Masse, die ‚Welt‘?

Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen erdacht und geschrieben; es hätte aber mir nicht eine solche Not sein können, es hätte nicht so sehr meine Sache sein können, wenn nur ich allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an etwas, das Alle, ob auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. Somit, daß, wenn ich einen Weg suchte, ich ihn nicht suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All derer, die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß und so unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wäre und ich nur ein Gegenstand in dem Sturm, der ihn schüttelt!

Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die ich selbst für den nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein ärmlicher Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun und Ungeduld, denk ich, sie werden fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ...

‚Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich immerdar.‘ (Römer 8, V. 22.)

‚Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht.‘ (Römer 3, V. 10-17.)

Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit, daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott.

Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von Gott.

Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder, damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die Vollkommenheit.“

Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:

„Und um so süßer verlockend das Wort ‚von Ewigkeit zu Ewigkeit‘ dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: ‚von Augenblicke zu Augenblick‘ knüpf ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.“

Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem, was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. — —

Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal, in der Mitte. — Georg setzte sich wieder und sagte:

„Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich Drei, was ist das?“

Sie erwiderte getrost: „Oh ja, sie werden wohl bald Kinder haben ...“

Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese Antwort gewünscht.

„Und nun,“ sagte sie, sich zurechtsetzend, „nun möchte ich noch über Benno mit dir sprechen“; wieder als ob sie vor einer Reise stünde und letzte Anordnungen treffen wolle. „Ihr werdet euch ja nun selten mehr sehn, und vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister und wird dort heiraten. — Sei nachsichtig mit ihm, Georg, denke nicht bitter und falsch von ihm, denn er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner der Stärksten im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von den Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es weicht und nicht nahe kommt. Er wird vielleicht niemals ganz sein können in Diesem oder Jenem, in der Kunst nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück. War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern, herumgestoßen und herumgescholten, und saß er an seinem Klavier, so war alles vergessen und er selig. Oft habe ich mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er sagte, am liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: ‚Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist!‘ Er hat keine Anlage zum Glücklichsein. Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer schwärmt er, nicht wahr? er liebt alles von weitem, in farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche ist ihm zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel mehr ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als ein Stoff, den er verarbeiten kann.“

Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen und weiterreden, da es ihr augenscheinlich wohltat.

„Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und auch nicht. Ja, er schwankt noch immer, aber natürlich wird er es tun“ Sie lächelte. „Es ist ja zum Lachen, denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß seine Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf ist, jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon nicht voll Bosheit, — die an ihm weiter nichts haben will, als einen berühmten Mann, und wird er das nicht —, nun, aber auch das wird ihm nicht groß Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht hat, und er leidet ja eben an ganz andern Dingen. Er wird dir wohl auch vorgeträumt haben vom Frühling und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die — hat er, Georg?“ Sie stimmte lebhaft ein in Georgs Lachen und fuhr fort: „Aber so braucht er das Leben. Er muß sein Glück immer in einem Unglück haben, und deshalb, siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft und Liebe nicht nehmen, denn — ich weiß, Georg — die gehören zu seinen Schätzen. Deren Verlust würde ihn wirklich schmerzen.“

„Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast! Es ist wahr, er macht mich leicht unwirsch und —“

„Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich es gesagt, aber du willst dich nicht immer danach richten! — Es wird ja auch gut sein, wenn ihr euch nicht so häufig seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich nicht, aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, — man muß sie gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und weiter. Es ist nun mal so mit uns Menschen. Ein Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter auseinander als Jahre der Trennung, aber —“

„Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du bist ja klüger als ich!“

„Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man ihn nicht einholen könnte.“

„Na, das war aber Unsinn, Anna!“

Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst und erhob sich, die Hände ausstreckend. Aber in diesem Augenblick schwoll das Feierliche um ihn fast gewaltsam auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen blauen Gestalt ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll zugleich.

„Und nun leb wohl, mein Georg!“ sagte sie mit wunderlicher Festigkeit, „mein Amt hat nun sein Ende. Ich hab dich noch einmal gesehn und weiß, daß ich nun nicht mehr vonnöten bin. Ja, Georg,“ sprach sie, seine Hände festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: „du hast wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling war keine Zeit, und so ist er doch lieber gleich zu mir gekommen statt zu dir. Es war ja auch nur dumm, erst dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne Augen getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu kriegen — denn das will ich, Georg! —, und du hättest es ja nicht gewußt! Mein lieber großer Junge, es werden nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit dir gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe es gewußt, daß ein Mensch nötig war, zu hoffen und zu glauben und bei dir zu sein mit tausend Gedanken der Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem ganzen glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, ich weiß, was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und an mich selber denken. Ich nehme dir nicht mein Herz. Ein Herz kann nicht verrückt werden, es bleibt immer, wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das schöne Gewebe des Lebens zusammen mit ihm flechten. Ich will auch meine Kinder haben und mein Haus, Alltage und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen der Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß haben wir uns vorhin schon gegeben, und ich will keinen andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder! Und heut abend hörst du mich singen.“

Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz an die Lippen hätte heben können, aus den seinen und ging zur Tür.

Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich stehn und hörte ihre Stimme, die, innig und warm, doch wie eines Engels Rede gesungen hatte, so leidenschaftlich und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf schüttelte seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen, aber es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und feiertäglichen Leere sagte er langsam und schwer:

„Das — war — es.“

Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her, erinnerte sich, daß sie noch gegenwärtig war, und fragte, da er nicht verstanden hatte: „Was sagst du, Anna?“

„Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen wollen, Georg. Denn —“ sie machte einen Schritt auf ihn zu — „ich weiß wohl, in was du dich verstrickt hast, aber — in alldem — — Georg, hat es dich nicht unsagbar glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater war?“

„Wie — meinst du?“

Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob zwei Riesen, zwei Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber auseinanderrissen, und seine Glieder verschwanden ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er glaubte zu fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen und nicht sprechen.

Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. „Georg!“ schrie sie, „weißt du’s denn nicht? weißt du’s denn gar nicht?“

Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er zerrieselte hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt wirbelten um ihn her und verschlangen sich; dann wurde seine Umgebung eigentümlich schief, er dachte: Was ist denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit, daß er lag. Über ihm flog eine klägliche Stimme: Georg, wo bist du denn? Er schloß die Augen.

Langsam quoll über die schwindende Übelkeit eine Erleichterung aus dem Dunkel; auch leises Wohlbehagen im Bewußtsein des tiefen Liegens. Er fühlte seine Hände naß, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht stören lassen und stöhnte nur leise. Hände tasteten an seinem Gesicht, er faßte ermüdet danach und öffnete die Augen.

In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wälzten sich zwei Ströme herum; einer, der über alle Begriffe glücklich war, hieß: Vater; der andre, der schwarz und gallebitter war, hieß: Tod, und auch: Schuld. Plötzlich war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte aber und mußte sich, da er nichts andres fand, mit Hand und Schulter gegen die Anna stützen. Bald versuchte er, zu denken, aber die Zange griff trotz mehrmaligen Ansetzens nicht zu.

Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich das Mädchen, und er hielt ihre eine Hand. Leer von Gefühl zu ihr aufblickend, begann er zu fragen:

„Sage mir ... Wer wußte dies außer mir?“

Sie schwieg, bedachte sich und zählte leise sprechend auf: „Renate und ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo und ihr Mann. Das sind Alle.“

„Woher?“

„Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals, kurz bevor er starb. Wir glaubten Alle, daß du es wüßtest.“

„So mußte es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und — wer war dann meine Mutter?“

„Jene Frau — in dem Haus. Virgo hat ihr Bild, du mußt es ja kennen, und dort sah es dein Vater. Sie war seine Freundin ...“

Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu. Er glaubte nach langer Zeit eine leise Berührung auf seinem Kopf zu spüren. Als er die Augen wieder öffnete, war er allein.

Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er sah, bedrohte ihn mit einer nicht zu fassenden Angst. Was jetzt, Gott, was jetzt? — Er merkte, daß er etwas Riesiges in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran rührte, würde es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du mußt allein fertig werden! — Aber im Augenblick fand er sich schon überwältigt. Sein letzter Gedanke war: Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie Bestimmung. Bogner, Bogner mußte helfen, und schon rasend vor Angst und Verlangen, war er an der Tür, wo er sich denn einen letzten Ruck gab, so ruhig er konnte, ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, wovon er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat. Dann war er im Freien.

Neuntes Kapitel

Georg

Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat und starrte besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne Waldung hinein. Etwas Bläuliches stieg daraus auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde Engel in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem er sagte:

Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben konnte für später, mußte er darin liegen, daß du jetzt gehst ...

Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr:

Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt habe, das tat ich aus Klugheit und um dir doch etwas zu halten zu geben für das, was ich wegnahm ...

Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam in einen blauen Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel war. Der Osthimmel, fern, graublau, wolkenlos, — und jenseits der Saatfelder unfern lagen die Häuser eines bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken, glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das Land, grün, übergoldet, schattenreich, singend von Stille.

Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die Landstraße war und jenseits die Rampe von Helenenruh, und daß der Schatten des Hauses ihn und alles umher bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte, daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und das Letzte, was er deutlich wußte, war das Hinwegwischen über etwas, das wie ein Dampf in ihm aufsteigen wollte. Noch nicht! murmelte er.

Ihm war auf dieser Wandrung — Wiesenpfade in unendlichen Windungen, über Knicktore, durch Gatter — nichts bewußt als das kalte Lustgefühl des Dahingehns, unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste, wahrnehmend in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch nichts; nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose Aus- und Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in der kühle und warme Wellen miteinander wechselten. Er stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging, er sah vor sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels, atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und hatte all die Zeit das starke Empfinden des Feierlichen und eines Ziels, dem er unweigerlich zustreben mußte.

In Wassergräben, dunklen, erschien ein beglückendes Blau; kleine Kreise regten sich blank, seltsam hoch über dem Blauen, auf der gläsernen Fläche; dick und gelb, wie aus Bernstein gedreht, standen die Knospen der Dotterblumen am Ranft. Er sahs und vergaß es. Der Ausdruck der Umzäunungen, über die er kletterte, erinnerte ihn an alles dumpf Vollkommene der im Freien hausenden Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl von Eindrücken glaubte er beständig zu empfangen, eine Unzahl von Gegenständen zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber er mußte vorüber, er sagte: ich weiß es längst! eh sie zu Worte gekommen waren und hinter ihm zurückblieben. Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch sein ganzes Leben; und alles war ihm daher bekannt. So ging er, brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig erklommenen Anhöhe bei kleinen, dunkelgrünen Wacholdern, die Schatten warfen, und sah in der machtvollen Sonne der Abendstunde die Stadt unfern, ihrerseits etwas erhöht, Dächer und Türme, scharf, klar, leuchtend, die Alleen der alten Wälle ringsum, deren schräge, schattenlose Böschungen, den toten Flußarm, teils dunkel, teils rasengrün, die Ketten von Hecken und Zäunen, die sich schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht übertupft mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die gingen, mit spielenden Kindern, weidenden Pferden; und alles ohne Laut, tief überleuchtet und in seiner ganzen glanzvollen Offenheit eingebettet in Abendfriedlichkeit und in Ostern.

Lange staunte er dies an. Mein! sagte er plötzlich und atmete tief. Da schwoll, tief in den dunkleren Süden hinein, das unendliche Wiesenland, wo das Auge fortgeführt wurde von immer enger zusammenrückenden Wäldchen, ganz kleinen Dörfern, und hinuntergezogen über den Rand in das verheimlichte Düster immer weiterer Länder. War es möglich, daß die nach allen Seiten hinuntergebogene Erde so bedeckt war mit tausendfachem Gelände?

Hoch oben in Lüften richtete eine Woge von Glockengeläut sich auf, stand mächtig im Luftraum und sank langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme sagte: Charfreitag ... Und nun — oh, welche Wehmut! — —

Nein, sagte eine andre Stimme nahe über ihm, sehr fest und unmißverständlich: Wenn er wirklich dein Vater war, so kannst du unmöglich eine Schuld haben an seinem Tode.

Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken über die Unumstößlichkeit des Satzes.

Das ist völlig wahr.

Ich kann es nicht glauben.

Hierauf kam keine Antwort.

Georg wandte sich langsam um, mußte aber schnell die Lider zusammendrücken und die Stirn senken, geblendet von dem riesigen Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel, aus dem die goldflammenden Garben mit einem göttlichen Ungestüm in alle Weiten schossen, und das Land brannte unter ihnen in Lohe. — Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie sinkt, und ich bin nicht fertig!

Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden, schwärzlich, und Wacholder, klein, dunkel und ernst. — Soll es hier sein? jetzt? Soll ich versuchen?

Plötzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu reden, so war dennoch dies immer die Aufgabe und die Bestimmung: zu werden, der ich nun bin, Fürst in diesem Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie ein prunkvolles Gefäß, mich zu stillen. Und was ich auch tat, ich mußte in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft wüchse, all dies? all diese Hiebe des Schicksals, dies fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder aufgehoben wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke? Dennoch voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich hingefochten hab durch mich selbst — nun auch das Siegel des Rechts, und ich darf der Sohn meines Vaters sein? Und dies heißt: von Gottes Gnaden?

Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu früh, viel zu früh! es muß ja noch — erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners Bilder! Wie? Ja, wo bin ich denn? — Nein, sieh, das muß Bogners Haus sein!

Wenige hundert Schritte weit südlich stand ein weißer mächtiger Rundbau mit schwärzlichem, flach geschrägtem Dach und flacher Laterne; breite Fenster unter dem Dachrand flammten glühend golden. Ein kleines weißes Haus davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhängen.

Plötzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite Pfade zwischen dem Haidekraut die Anhöhe hinunter, sprang über einen Graben und gelangte über eine triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige Schritte zur Rechten vor der Tür jenes kleinen Hauses endete. Es war durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau verbunden.

Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tür aufklinkte. Drin war ein dämmriger Gang mit geweißten Wänden und Türen, von dem rechts hinten eine Treppe abzweigte, und in einer der Türen erschien eine weibliche Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring.

Cornelia

Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das straff aus der Stirne gestrichene Haar. Die Stirn unter leisen Wellen von Kindlichkeit. Die Oberlippe. Die schmale und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die eines jungen Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte sich aber sonst.

Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames, bis sie vor ihm stand; legte eine Hand auf seine linke Schulter und gegen die andre die Stirn. Unter ihr Gesicht blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen biß, sich abmühend, zu sprechen, oder nicht zu weinen. — Da sie dies leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich.

Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln, als er gleich darauf spürte, was ihr eigen war: daß von dem überströmten Gesicht ein warmer Dunst aufstieg, wie von einem Kinde, und sehr rein.

Sie machte sich los, zog — oh die alte Bewegung! — ihr Taschentuch aus dem Gürtel, indem sie sich dehnte und die Schultern anhob, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach mit Bett, Tisch und Schrank.

„Wohnst du hier?“ fragte er. Sie nickte. „Lange schon?“

„Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber da wagt ich nicht, zu dir zu kommen. Dann schrieb Bogner — ich hatte ihm geschrieben —, ob ich nicht herüberkommen wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles drunter und drüber, — Gott, ihn hab ich ja auch im Stich gelassen, er hatte nun eine Haushälterin, aber die ging plötzlich, und so viel Ärger. So kam ich her. Von Magda hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie, dir nichts zu sagen. Da hab ich gewartet.“

„Ich kam spät“, sagte Georg. „Ja — und weshalb bist du nun hier?“

Sie zuckte die Achseln. „Ich konnte nicht. Er ist zu krank. Ich hielt es nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! Ich komme doch nicht los von dir.“

Georg lächelte innerlich, — sie war immer sehr einfach in Haltung und Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem Ausdruck an, der ihr langsam sagte, daß er sie nicht liebe wie sie ihn und daß sie das wisse. Sie senkte den Kopf und legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach Sekunden sagte sie:

„Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde dir dankbar sein.“

Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte er, indem er sie an sich zog und sagte:

„Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden. Ich habe leider sehr wenig Zeit. Das Beste wäre vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe keine Vorliebe für Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.“

Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand gezeigt.

„Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar nicht geeignet. Dazu hätte ich —“

„Der Mensch ist zu allem geeignet.“

„Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz unglücklich sein!“

„Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf irgendeine Weise. Möchtest du nicht Kinder haben?“

„Gar nicht! Vor fünf Jahren —, ja, da wär ich gestorben für ein Kind. Aber nun ist das —“

„Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine Unterschlagungen. Aber das hat alles Zeit, überlegt zu werden. Wir können jede Methode versuchen. Wenn ich nicht so wenig Zeit hätte ...“

Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die ihn nach unten zogen; daß er bei all diesem übrigens nur halb mit Bewußtsein teilnahm, und er machte sich los von ihr und trat an das Fenster, während ihm der Tote erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen wollte, und plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid.

Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen mit meinem Herzen. — Und vielleicht: um irgend etwas zu geben. — Plötzlich, auf einer Wagschale stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so triumphierendem Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt senkte.

Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter? Freilich war die Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, die ihm ins Auge brannten, da er sie bedachte, und diese hier war ganz schlicht.

Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, sanft sie nach hinten drückend, küßte sie behutsam und sagte voll Liebe:

„Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring; mit einem schönen, echten Stein. Und nun sollst du dich um mein Dasein schließen, willst du?“

Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft in die Arme schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und bat sie, ihn zu Bogner zu bringen. „Ist er allein?“

„Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, und Jason. Aber der kam schon mit mir.“

„So. Renate. Ja — willst du mich nun —“

„Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins Atelier!“ sagte sie und ging voran. Am Ende des Flurs öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu dessen Seiten die Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies ursprünglich ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft mit aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber über den oberen Rand der letzten rechts erhob sich, sich herwendend, der große braune und schwarze Kopf eines Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge.

„Lieber Gott,“ sagte Georg, „das ist Unkas!“

„Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?“

„Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der reiten wollte. Er wurde zu alt für mich und schwerfällig; Bogner wünscht nur mäßige Bewegung.“

Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand getreten, klopfte ihm liebevoll Hals, Bauch und die Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich, scheuerte sich an seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner Manteltasche, aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht vergessen, es tat seinen Dienst, wie es gewohnt war, hier wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt in der Fremde, aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut, plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf den Kopf hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich feuerte es nach hinten aus, daß die getroffene Holzwand dröhnte.

Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür geöffnet, Bogner streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs Hand und zog ihn in den Raum.

Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr bewußt; ein Andrer tat es für ihn, sein Inneres füllte ein gestaltlos sausender Regen, sonst nichts. Er stand lange vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und den Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt er einen Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte.

Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich vor ihm, und jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich gegenüber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte, die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was für ein Ausdruck? Wollte sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? — Und während sein Wesen sich krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel hinaus.

„Was ist dir?“ hörte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es dämmrig. Er mußte sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je, und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurühren, ihn mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, neuer Schmerzen, neuer Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu beginnen.

Dies erlosch. Ihm war kalt. — Sie wird jetzt kommen, wußte er plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn.

Die Blume

Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen vom Kopf zu den Füßen. Übergroß schwebte sein Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann brauste alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft. — Mich hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. Sie hat es nicht gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber nun hat sie es erkannt, an einer Bewegung, einem Nichts, an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde warten!

Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es doch Einbildung war, was er gesehn hatte? Bloße Einbildung? Diese Bewegung zu ihm? Weshalb denn dies Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, er hatte recht gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, ein Irrtum! das ganze Leben, alle Leiden, alles was je war, — aber dies war Wahrheit, dies, seine Liebe, ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten aller Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand überm Land wie ein Turm; die Glocke seines Herzens schwang wie ein großer Adler und schrie: Ewig! Ewig!

Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie sollte er hier finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags gebeten, deshalb hat es ihn hergetrieben, zu ihr, zu ihr, die alles lösen würde, alles, all seine Not, alle Schuld, alles!

Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. —

Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen hatte, und er erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verließ. Nur war die Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig. Über die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West, goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, das regnende Fallen rötlicher Dünste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden, die verhauchten. Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von Äpfeln im Kühlen, — und noch höher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch, dehnte sich mählich verblassend über den ganzen Himmel aus, der so rein war wie eine Seele. — Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmöglich?

Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, — Schatten selber gleichend, die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. Wird sie mich finden? Ich muß stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? — Er wagte nicht, sich zum Hause zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, Renate läßt sich Zeit ...

Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten und Ungeduld, beschloß er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, — aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? — Bogners Bilder, ja, Bogner! Bogner galt. ‚Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter vollbrachtens durch ihn.‘ Was für ein Spruch? — Er irrte mit Augen am Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners Bild ... Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur Ruhe gekommen nach schweren Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals schon mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, ja, heroische Früchte ...

Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches! Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht, sondern — — was? was? — — nicht, was geschieht, sondern — was der Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. — Er fügte die Stücke des Satzes zusammen, — ja, sie paßten.

Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt?

Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, Verbotne; aber er konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, — darum? — Ach nein, antwortete er sich selbst und lächelte dabei: Hätte ich es schon damals erfahren, so hätte ich es ja nicht überlebt. — —

Ja, und nun — was nun? — Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb alles still.

Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld!

Nichts ... Stille ...

In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschütten und sich umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Füßen.

Dort war — seine Füße standen im Haidekraut — eine kleine kahle Stelle darin, weißlich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht größer als ein Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie sie sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. — Georg atmete auf und lächelte.

Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen, so daß er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen, mattgrünen Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine Zweige abteilte, die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dämmrung sternhell, in einer unschuldigen und demütigen Haltung, — und Georg konnte im kleinen Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spüren, den sie ausatmete.

Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es keine Blume mehr? War es nur eine kleine grüne Seelengestalt, die hier mit sich allein war in der Windstille? Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, wie sie beschaffen war. Aber wieder, je länger er hinsah, um so mehr ward sie Blume vor seinen Augen, und er konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen Seiten gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein Hinten hatte noch Vorn, sondern nach überallhin war wie das Licht.

Und wie er jetzt — erzitternd — sie erfüllt fand von einem inneren Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich blickend; und daß sie ihm alles zeigte, was sie zu eigen hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit, ihr Wissen um jedes, was not war, — da dachte er in einer rieselnden Bestürztheit noch: Sie ist gekommen — und nicht Renate — —

Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt, zerschmolz ihm an Wesen und Dasein die letzte Schranke; ging er, wie eine Flamme so leicht, ein in die letzte Stille und war selber nur noch ein kleines Gewölk von Seele vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte.

Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte.

Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen, gelöst, heilig froh und gestillt in allen Tiefen.

Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme. Die ihr euch im Kelch einer Pflanze gesammelt habt als reinlicher Tau, ihr seid heilig. Heilig, du ewige Pflanze! Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte Unschuld der Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. Ich habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich Füße empfing, zu gehn, Hände, um zu fassen, und ein Herz, um Gutes und Böses zu sinnen. Aber ich, der wie du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe dennoch teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich halte dich in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die Riegel aller noch verschlossenen Erkenntnisse springen freudig auf und lassen die gefangenen Genien heraus in das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit! Oh sei mir väterlich, Welt, und ich will dir dienen!

An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden sein Haupt, an den Westrand schienen ihm seine Füße zu stoßen, — so lag er auf dem dunklen Rücken der Erde. Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See brach ein ferner, dunkler Chorgesang auf:

Aufgenommen, eingekehrt, Durchgeprüft und tief belehrt. Sohn und Sünder, Knecht und Held, Aufgenommen in die Welt. Nun behoben ist der Fluch, Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch: In Nachtgewalten — In Taggewittern — Sich süß erhalten — Sich nicht verbittern!

Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, aber der westliche Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. Als er sich umwandte, erschreckte ihn eine nahe, helle Gestalt, die noch Licht seltsam abzugeben schien und ohne Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit Überraschung und linder Freude erkannte er Cornelia und rief leise ihren Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, als ob sie über Wasser ginge, durch die Stille; er konnte den besorgten Blick ihrer Augen erkennen und sagte, ihre Hand ergreifend:

„Du hast gewartet?“ — Sie nickte.

„So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist“, sprach er sanft und geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm in den ihren schiebend, an ihrer Nähe und am Anschaun des Himmels.

„Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in seiner Welt. Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte an sich, wollte nicht zweifeln und tat alles verkehrt. Einer erfuhr danach, daß er recht war. Da sah er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, ich rede von Bogner?“ Georg lächelte. „Nein, ich rede — wie Alle — von mir.“

Er schwieg. — Sich umsehend nun, gewahrte er, an welch verlorener Stelle er hier in der Ebene stand, nicht weiter erhöht, als um einen Überblick zu haben. Unsichtbar, unhörbar im Nord lagerte die See; im Osten rauchte die Nacht. — Er sah heimlich von der Seite Cornelias Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie die Linie der Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen Auges den süßen Blick der Natur: nach überallhin wie das Licht. —

„Sieh,“ sagte sie, die Hand erhebend, „ein schöner Stern!“

Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch hell war dahinter. Sah dann einen zweiten, höher, entfernt zur Rechten; und einen dritten, wieder tiefer, weit rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im lichten Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die Sterne weisend:

„Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An Bogner und Jason und Renate, wie sie vorhin zusammen standen. Hast du’s gesehn?“

Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. Dann, als Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er sie halblaut sagen:

„Ja — die Drei. — Und sieh, was ich eben dachte: Bogners Kraft, und die Schönheit Renates, — und Jasons Vernunft —, diese Drei sind ...“

„Sind?“ fragte Georg ruhig.

Sie beschloß:

Unwandelbar.

Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele Stunden.

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