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Helianth. Band 3

Siebentes Buch. Hochsommertag oder Der große Mummenschanz (continued 2)

Reading edition

Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, — und sieh — — ganz nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel seiner Kirchendiener.

Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe. Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung, alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. — Aber da, ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern waren. Einmal — wie war es doch? — das große Hurra, etwas vom großen Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...

Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf! Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte, denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde, und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor ... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen, öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich doch nicht, ganz wie — wie — wer war es denn? — Renate? — Nein ... Dora! Dora Vehm ...

Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte um. — Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.

Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab, unendlich fremd und hoffärtig, — aber langsam kehrte Blick und Erkennen zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg anzurühren.

Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt, wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte, daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr, über Georgs Schulter hinweg gerichtet.

„Was ist denn?“ flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da, neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. — Ach, Unfug! schnob er innerlich, das ist ja Zuf— und sah im selben Augenblick, daß Renates Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.

„Es ist ja ...“ murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache Hand und winkte.

„Wer?“ fragte Georg; er hatte nicht verstanden.

„Saint-Georges“, wiederholte Renate, völlig wach. „Ach, bitte, Georg — — ja, wie stehn wir denn da?“ fragte sie erstaunt und trat ohne weiteres Befremden zurück. „Bitte,“ fuhr sie fort, „gehen Sie hin und sagen Sie ihm, er möchte — ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt im Burghof auf mich warten.“

Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn, gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.

„Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,“ sagte er, „nachher am Ankleidezelt zu sein, im Burghof.“

Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die Augenschlitze gradaus zu spähn, — denn so schien es. Todmüde wandte Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her, waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch schlaftrunken: So führt ein Blinder den andern. — Dann zog sich alles in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht.

Drittes Kapitel

Theater

Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas Hand und faßte sie. „Was war dir denn?“ hörte sie Ulrika fragen, „du weintest.“ Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein wenig entfremdet von der großen, dunkelroten Krone von Haar, die mit grünen Bändern durchflochten einem maurischen Turban ähnlich war, und sammelte ihre Gedanken. „Laß dich anschaun,“ sagte sie, „wie köstlich du aussiehst!“

Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befühlen in ihrem großen, grünen Mantel, dessen weißseiden gefütterte Falten sie im linken Arm trug, die goldene engärmlige Tunika darunter, und den weiten, mattlila Kleidrock. „War es denn nicht schön?“ fragte sie, wieder besorgten Gesichts, „ich meine, — weil du weintest ...“

„Habe ich geweint?“ fragte Renate erstaunt. „Richtig, Georg war ja da, — wo ist er denn geblieben? — Ja, es war schön, aber — es war schauerlich — oh!“ sie zog die Schultern zusammen. „Ich bin völlig zu Eis geworden, weißt du.“ Sie lachte. „Nun, und das hat halt schmelzen müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen weiß.“

Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, fand jedoch wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel abgenommen wurden, auch das Kopfzeug.

„Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!“ rief Ulrika entzückt, als die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder, gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine Tänzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark verjüngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll.

„Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen Decken“, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen. „Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich,“ murmelte sie dabei, „was wird aus uns werden?“

Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.

„Bitte, wollen Sie nun —“ hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich unsicher: „Ja, nun mußt du laufen!“

Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor, blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab, flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach, aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. —

Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand heraufklimmen.

„Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,“ sagte sie tief in Gedanken, „oder vielmehr —, da hörte etwas auf. Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit, aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach — —, sehen konnten sie, wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, — ja mit Eis anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen — furchtbar!“ Sie lächelte und fuhr eifrig fort. „Da konnt ich denn freilich merken, — das heißt, weißt du, ich merke es erst jetzt, — wie wenig ich in Wirklichkeit allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen, Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und erst unten, weißt du, — ja, was lachst du denn?“

„Ich lache, weißt du,“ sagte Ulrika, „weil du, weißt du, immer weißt du sagst!“

„Sage ich das? Ja, weißt — nein wirklich! — aber da kannst du sehn, wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten, und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen —“

„Ha,“ unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, „das hast du doch gemerkt!“

„Ich habe es gefühlt, du Närrchen,“ sagte Renate lachend, „aber ich weiß es erst jetzt!“

„Ist das ein Unterschied bei dir?“ fragte Ulrika verwundert. Renate sah sie an. „Ja, bei dir etwa nicht?“

Ulrika schien innerlich zu kämpfen. „Du magst recht haben,“ gestand sie endlich, „aber — wenn es so ist — dann —“

„Ist es unsre ganze Macht“, funkelte Renate. „Nein, weißt du, sie rissen mich in Stücke mit ihrem Lärm.“

„Und das war das Grausige?“

Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. „Das Schöne“, sagte sie leise. „Es war nur noch Brausen, ich war wie — weit fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das einmal erlebt zu haben, — ein zweites Mal ...“ Sie schauerte.

„Und den Festzug hast du noch vor dir“, neckte Ulrika.

Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:

Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge, Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...

Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? — Nein, und — nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden? Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre Art ... Die Augen öffnend, rief sie: „Sieh nur, was kommt da?“

Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, — ah, es war der Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe, nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, — jedoch in der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse der Edelleute. — Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht, das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte er mit heller Stimme rufen: „Sie kommen! Der König kommt! Es lebe Heliodora!“

„Herzog muß es heißen,“ flüsterte Renate lachend, über sein beflammtes Gesicht huschte leichter Schreck, dann lächelte er und fuhr richtig fort:

„Am eisernen Tische fand dein weißes Roß Den Auserwählten, doch es war kein Schild; Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste Sein karges Brot!“

Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres Hofes, sagte: „Da, komm, mein braver Junge!“ und, den süßen Botenlohn ihrer Jamben verschluckend, hob sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn — er war klein wie ein zehnjähriger — an die Brust und küßte ihn fest auf den Mund. Der Junge schloß die Augen, hing einen Augenblick still, riß sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als ob er sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung fröhlich nach.

Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der Schauspieler im weißen Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen Strümpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah sich staunend um. — Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares! — Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig an Georg, aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: „Wo bin ich? Welch ein Traum umfängt mich denn?“ hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte mit natürlichem Hochmut:

„Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint, sollst du mein Gatte sein!“

Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine Schauspielerin im nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher er komme, wer er sei. — Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom Pferde, es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: „Sakrament, Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!“ und ließ die Jamben des Stadtpoeten rollen:

„Wie leicht ist Fragen, — Antwort, ach, wie schwer! Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war! Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl, Ein Roß, ein holdes Weib ...“

Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn über eine Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden! und herrschte ihn kühl an:

„Ich erkenne — Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. — Zeichen der Würde, weiter nichts. Ich selbst — Bleibe mein eigen, hörst du wohl —“ Sie endete, plötzlich selbst erregt: „Mein eigen!“

Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend, lächelnd: „Das Stück ist aus, — nun wollen wir zu Georges, der Bauer machte Augen wie ein Dorsch!“ worauf sie, zierlich und hochmütig angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres Hofstaats in den Wald hineinging.

„Verstehst du denn die Menschen?“ fragte sie, stehen bleibend, und drückte die Handflächen lachend gegen die Wangen. „Du weißt doch, was für einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt aufführen zu sehn, — ja, wo ist er denn nur geblieben?“

Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, riß ihn aus und sagte nachdenklich im Weitergehn:

„Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt habe, wenn ich fertig bin und die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man mich hineinschiebt, — das ist — Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber vorher — — die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu haben, und — das Zurechtrücken im Stuhl, und das Präludieren ... ja, es ist sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, — aber anders spiele ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...“

Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden Ankleidezelte waren da, aus dem einen spähte eine Frau mit nackten Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.

„Eins,“ hörte sie Ulrika sagen, „du hast es leider nicht gesehn, das war köstlich. Der Junge, den du geküßt hast, — ich sah ihn nachher unter dem Gedränge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin, und auf einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann legte er sie auf den Mund, — so —“ Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken legend, als schütte sie Beeren in den Mund. — „Danach nahm er die Hand wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, deckte die Hand drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.“

Renate begriff noch nicht recht. „Ach, er konnte meinen Kuß nicht im Mund behalten?“ sagte sie lachend. „Ja, wie alt war der Junge denn?“

„Dreizehn,“ versetzte Ulrika, „er sieht viel jünger aus, weil er so klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner Schüler, und Bogner sagt, er könnte jetzt schon mehr als er.“

„Ja, so ist Bogner“, lachte Renate, den Vorhang hebend.

Zelt

Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich entkleiden, setzte sich in Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst, während ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar lösten.

„Du siehst so dunkel aus“, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: „Mio marito e ritornato.“

„So ...“ Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer Weile: „Anderthalb Jahr war er fort?“

Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach Berlin ... Weiter ließ sich zur Zeit wohl nichts sagen.

Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, die Zöpfe mit Perlen und Goldbändern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit weißem Flor unter dem Kinn zu befestigen. — Renate stand auf.

Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch des dunkelvioletten Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: „Was soll denn nun werden?“

Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die Falten des Kleides und zog sie nach unten, während die Zofe sie oben über Renates Kopf und Schultern auf die Hüften senkte. Dann fuhr sie in die schilfgrüne, engärmelige Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei; Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen Quadraten.

„Den kenne ich ja gar nicht“, sagte Renate verwundert und betrachtete voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der Wendekreise und Figuren aus den Sternen. „Seine Durchlaucht“, gestand die Zofe lächelnd, „haben ihn mir heute morgen gegeben.“ Ulrika sagte nur: „Ha!“ während Renate errötete und sich freute. Das war schön, das war ein schöner Gedanke, sie heute zu gürten. Sie hakte den Gürtel wortlos über den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer großen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, goldenen Überärmeln, riesengroßen Tüten, deren Zipfel, als sie übergezogen waren, bis auf die Füße hinunterhingen.

„Bin ich schön?“ fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und zurücktretend, die händefaltende Ulrika, „ach, es ist eine Lust heute, schön zu sein! Den Mantel nachher,“ sagte sie und mußte plötzlich zum Türvorhang eilen, im Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfaßte die seine und sagte leise: „Komm herein, Georges, ich bin so froh, daß du —“

Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. „Wir befinden uns in einem Irrtum“, sagte eine nicht völlig unbekannte Stimme; er lüpfte die Kappe über der Achsel; im Dunkel, dort wo das Gesicht war, wurde etwas häßliches Rotes sichtbar.

„Josef!“ stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ die Kappe wieder fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein seiner Augen, dazu auch seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf überragte. Sie ließ seine Hand fallen.

„Komm herein“, sagte sie und trat zurück. Er folgte.

Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wünschenden, hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den großen Raum hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie, einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, stand und sagte kurz zu Ulrika hinüber: „Es ist mein Vetter Josef.“

Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. — Renate vergrub die Unterarme in die Ärmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: „Ich habe damals nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du nicht, daß du gehen würdest?“ Die schwarze Kappenspitze bewegte sich bejahend. „Heute muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht ist.“

„Wie unverständlich“, hörte sie Josef sagen. „Wenn du dir von meinem Kommen etwas versprichst für deinen Onkel, so dürfte es wohl gleich sein, aus welchem Grunde ich komme.“

„Ich wußte es längst,“ murmelte Renate unwillig, „ich fühlte es.“

„Wir sind es immer,“ hörte sie Josefs kühle Stimme sagen, „die alle fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer müßt ihr selber zwischen euch stehn und den Dingen.“

„Du sprichst gegen dich selbst, Josef?“

„Ich sehe, was kommt,“ versetzte er ruhig, „und außerdem äußere ich eine Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber abzusehn, so bin ich derjenige, — du weißt.“

Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: „Seit heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs.“ Ihre Augen glitten zu Ulrika, die überrascht und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm, das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder — erleichtert. Dann hörte sie ihn sagen:

„Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. — Er ist ein Mann,“ setzte er großmütig hinzu, kam zu Renate, sie ließ ihm die rechte Hand, er ergriff und küßte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie schweigend und mit Innigkeit.

„Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein Vater dich gesehn hat.“ Er neigte den Kopf.

„Dann fort!“ rief Renate, „auf dem Festwagen wird Platz für dich sein.“ Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner ließe sagen, das Automobil stünde am andern Ende der Burg. — Sie verließen das Zelt.

Im Wagen

Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten sie zur Fahrstraße; dort, in der Nähe des schwarzen Wagens, saß auf einem Baumstumpf der rotbeinige Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge sprang zur Seite und errötete tief, vielleicht weil er seine linke Hand mit dem Taschentuch verbunden hatte, und da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig hergeschlendert, die Hände mit seinem Zeichenblock auf dem Rücken und mit der Miene eines jungen Hundes: es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn ... Renate fragte leise, sich zu ihm bückend: „Was hast du mit deiner Hand gemacht?“

„Mich gerissen,“ log er finster und flammenrot im Gesicht.

„Laß mal sehn“, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend den Kopf. Da ehrte sie seinen männlichen Ernst und stieg in den Wagen, Ulrika zu sich nehmend. Die Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und Josef standen noch, miteinander sprechend, zusammen, es schien, sie hatten sich schon begrüßt, — kletterten dann auf die hochgeklappten Vordersitze nebeneinander, so daß Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich hatte, Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab.

„Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,“ sagte Renate nach einer Weile, „keusche Männer sind so selten.“

Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: „Warum keusch?“

Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend, sagte hurtig: „Keusche Männer sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.“

„Heißt er Tobias?“

„Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hündlein hat und einen Engel in Bogner.“

„Und keusch ist wie Tobias,“ lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut, „oder betete Tobias nicht drei Nächte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie nahm?“

„Sarah, siehst du,“ erwiderte Josef, „war keusch; sieben Männer mußten Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und ‚Azaria, mein Bruder‘ trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.“

„Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht plätschern gehört!“

„Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.“

Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand: „Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.“

„Oh, verblüffend!“ staunte Josef, „wie das dumme Vieh!“ und Renate erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen, hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:

„Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht, denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen, der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, — ach Gott, jeden und jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel, aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!“

Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. — Mio marito ... klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef sagen hörte: „Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!“

„Rede weiter, Josef“, befahl sie, ihn anblitzend.

„Jedermann,“ sagte Josef, „der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen, Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben beliebten Art: die keusche Dirne, — denn wer, Bogner, hätte sich nicht eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? — sondern durchaus bis zu einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle? Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In einem Lande —“

Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn, wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste.

„In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas, hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben. Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an Antlitz und Seele gleicherweis —“

„Du schweifst ab, Vetter!“ unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes, nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der Achsel um die Arena trägt.

„Keuschheit“, erklärte Josef, „hat mit der Selbstzucht wie mit allen übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt aufhören, Tugenden zu sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der einst so poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend, wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen —“ Ulrikas Züge spannten sich aufhorchend —, „sie verfügt über die verblüffende Gabe der Willkür, diese Gabe — — es giebt ein Augenleiden, das besteht in sogenannten Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen will — und solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht ihn wahrhaftig nicht, sie übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder überfühlt, was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, von Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es nämlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern, sondern: was jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist genial, — glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins sind,“ Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo bleibt er nur den ganzen Tag? —

Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend weiter:

„Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber, sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann muß all und jedes ganz von vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung. Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu verschließen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, wer wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die stärksten Seelen gehn am längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, daß es ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, nicht bloß ein Ebensoviel. Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines Hauptes, sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet unser Gespräch.“ Der Wagen hielt.

Festzug

Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und sonnige Landstraße kletternd — sie seien dicht vor der Stadt, erklärte Bogner —, fand sich nahe gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen Wand, die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über mit einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren bedeckt war. Indem kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene Mitra, ein golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate einen verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch über den blanken Schädel und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die gemalten Figuren füllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rückwand des Festwagens. Die Gestalten — Heilige schienen es in reichen Trachten — waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. Statt Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie entworfen, und Tobias und sein Hündlein hätten sie gemalt. Ja, da stand Tobias, blaß und mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder auch erklären.

Es wären die neun Monate, fing der Junge an.

„Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?“

Tobias sah verlegen zu Josef auf. „Weil es“, hörte Renate seine Stimme hinter der Maske, „nur neun giebt, mein Knabe. Ihr könnt das erstens daran erkennen, daß der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz neue Rechnung gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die Eigenschaft der Natur ist, sich an nichts und niemals zu gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten drei keine Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich Dezember, Januar und Februar, wo die Erde schläft oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekämest du drei schöne Jahresstücke, die ungefähr unserm März bis Juni, Juli bis Oktober und November bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit und Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem Frühling, mit dem März beginnen, einem schönen Sankt Sebastian, dessen Stricke gesprengt zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt, und dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind mit farbigen Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, — aber, Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst ...“

„Nein, diesen noch,“ bat Renate entzückt, „das scheint Sankt Christofer —“ sie zählte ab, „— Oktober, warum Oktober?“

„Siehst du nicht,“ sagte Josef, „daß es nicht Sankt Christofer ist, sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen Dionysos-Christus auf der Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es die große, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin nachlesen.“

„Was doch dieser Maler alles weiß!“ lächelte Renate verwundert und bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres Mantelfutters entfaltete. Sie ließ sich den dunkelblauen Mantel auf die Achseln legen und wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: „Einen Augenblick!“ hakte den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem Bausch, trat zurück und sagte: „Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein Haar?“

Renate, an sich herunterblickend, meinte: „Der Naumburger Uta? Seh ich so hold und kindlich aus?“

„Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,“ sagte er, „aber die Hand mit dem Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als der alte graue Stein. Komm weiter!“

Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurück, denn dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten, nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer Farbe, seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, Ranken, Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen.

„Dein Ritter Georg hat es so gewollt,“ äußerte Josef, „man macht es so in Indien, aber ohne meinen Chinesen hätte er es nicht bekommen.“

„Chinesen? Ach, der auch deine Maske —“

„So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer bei Dämmrung,“ meinte Josef, „aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines Tages an.“

Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie fürs erste gar nicht begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem weiten Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich eingestemmt, milchweiß — das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, — am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand — wunderbar — die lange Düte des großgewundenen weißen Horns.

Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten Renate; sie faltete die Hände, ihr ward glühend heiß und jetzt auf eine unerklärliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte sich an seine Brust und sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf:

„Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!“ Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme:

„Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst du?“

Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich stützte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf und das weiße Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar fabelhaft aus.

„Welch gutes Herz du doch hast, Renate,“ hörte sie Josef sagen, „aber das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man alles für Natur.“

Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter ... Ein wenig entfremdet wurden für Renate all diese Edelleute, Frauen in Mänteln und engärmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern, Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln und Niederland, und schließlich erschien langsam die neue Zeit in den von der Tracht veränderten Zügen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen Kardinalskäppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, über das Feld zur Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf den Rücken der Elefanten, wo auf kleinen grünen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel groß, befestigt waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen, Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten, Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau, Weiß und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang links und rechts flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden zweier Neubauten wie von den Wänden eines Steinbruchs. Die Häuserfronten an der Straße waren kaum sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und den Gesichtern und Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern wie über Korn oder Haide flackerte darüber die Sonnenluft in den heißen, blauen Himmel.

Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, — sieh, da stand auf der untersten breiten Plattform, — mit buntem Steinmosaik belegt, zwei Schuh hoch über dem Pflaster, — der riesige Erzbischof mit dem Krummstab auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene Glocke, die gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann — in Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen — ihr die Hand, sie stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterströmende Gefälle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte; dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben fußhohe Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele holde Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich wieder da war und ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform; zwei schwarze, überlebensgroße Reiher standen da links und rechts, die scharfen langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei grünspangrünen gotischen Bögen, die blendend glitzerte, mit gehämmertem Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? — Er hatte scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen echt sein sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den Reihern nieder, aber nur um jählings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden Niedersturz ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mädchen, Kränze im Haar und lange Lilienstengel in den Händen, unten der Erzbischof war klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen vorgespannt. Aber kühn geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick über den wogenden Strom der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern und Blumen, hundert durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und sich verändernden Farben, und jählings durch ein riesenhaft erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts, anprallend, zurück und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur hangenden, smaragdgrünen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen schön und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der Farbenstreifen, — und schon — weit in die Ferne davongeschossen, kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe, schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, und schließlich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen Riesenkugel hoch über dem Dächermeer der Stadt.

Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Füßen kniete ja Bogner, mit den violetten Falten ihres Kleiderrocks beschäftigt, die er — ganz mit den Bewegungen eines gefälligen Ladeninhabers — um ihre Füße die Stufen hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig und schwarzbewamst — Bogner war doch sehr vertraueneinflößend, und obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter durch die kreischenden und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das Kinn umschloß. Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate die Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Füßen links auf die oberste, frei gebliebene Stufe. — Bogner ordnete noch ihre blauen Mantelfalten, daß der Goldstoff seines Futters und ihrer Überärmel sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das auf dem roten Mantel lag, so daß seine Beine herunter hingen. Im selben Augenblick fühlte auch Renate schon, daß sie sich bewegte. Die Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit stählernen Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich im Auf und Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn.

Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte Renate sich hinbewegt in der Höhe des ersten Stockwerks an den Häusern vorüber. Sie freute sich, alle Furcht war verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als nun wieder der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen der Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue, weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hüte und Tücher, winkende Hände, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende Gesichter, Augen und schallende Münder, so viele immerhin, daß die Häßlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu ihren Füßen Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen von Fabel- und Legendengetier, — es war eine sonderbare Wanderschaft durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen geträumt, aber wie töricht war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu ertragen, war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. Wie war sie nur dahineingeraten? — Sie konnte sich im Augenblick nicht besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter diesen transparenten bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu? — Ein großer Mummenschanz, Renate, hörte sie ihn gutmütig murren.

Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewiß, die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die Ecke, langsam, langsam in eine breitere Straße hinein, die nun unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in Blumengirlanden, Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten groß niederwerfenden, brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, in die Zimmer hinein und wieder hinausgeschüttet mit vollen Händen: es regnete Blumen. Renate fühlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Sträußen, einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die Mädchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten, Erasmus — da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien begeistert und schleuderte Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ, mit ungeheurem Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe, ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und Gelächter, in Lüften tauchten auf und schwebten vorüber andre Ungetüme, Lindwurme mit beweglichem, feuerzüngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen, aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweißen Luftschiffes regneten blitzende Schauer grünweißer Fähnlein, ein feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in schwingenden Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weiße, gehörnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rüsselschwingenden Riesentiere auch, die ihm großmütig nachschritten. Da warf jemand von einem Eckbalkon einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß es überall von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut flatternd, dicht über und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den roten Krallen. Ach, da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und biß hinein mit Behagen, während er schon mit der freigewordnen Hand nach einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels.

Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstäubte mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stießen sie in Pausen haardünne Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, wo sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe schlug hoch, und herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die Josef, Renate den Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stieß ihm die Fußspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte.

Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate leise, sich vorbeugend, da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.

„Nicht eigentlich,“ hörte sie ihn raunen durch das Getose, „ich sitze unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur überzeugen, ob die Reiher ordentlich arbeiteten.“

„Musik?“ fragte Renate erstaunt.

„Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!“

Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt mit Musik, Fanfaren, Märschen, Glocken und dem menschlichen Gelärme dazu, aber jetzt plötzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geöffneten Klappe ein seltsam barbarisches Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken und Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam in die Tiefe, die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik und verging im übrigen Brausen.

Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, ermüdete Renate schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit ungeheuren, schleierartigen Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen, Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, Schreie vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie saß kalt und matt, aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen vor der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, um von andrer Seite her vorbeizuziehn.

Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit schwachen Beinen das Pflaster unter den Füßen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in einem Sofa, vor ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berührte ihre Lippen, sie sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Züge, trank und schmeckte kühle Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun fehlte die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg einzutreten, wenn er ausblieb. Sie warteten.

Viertes Kapitel

Getümmel

Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewöhnlich hoch und breit war, nämlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne sichtbaren Kopf für Georg von oben, und er wunderte sich flüchtig, daß er diesen gewaltigen Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel für ihn, zu spüren, wie folgsam und sicher das Ungetüm unter seinem leichten Schenkeldruck ging und Wendungen machte — denn er hatte keine Zügel — immer schön in ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn herum, in der übrigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden auf der Brust und um den Hals, und es lächerte Georg, daß sein Vater auch die rote, weiß gewässerte Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens umgelegt hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater in einem fort mit Magda schäkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar trug, auch entzückend anzusehn war, — anstatt seine Reitkünste zu beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schräger nach der Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot, und nun merkte Georg auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm, seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise Georgs hineinhängende Füße nicht naß machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und ein Klavier, auf dem Benno saß, die Beine an sich gezogen, und nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die Überschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder zu einer Tür hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und düstern Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren sonderliche Tönung er lange keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen. Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, aber nun war die Überschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und wie er höher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen Ruck ...

Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam und hatte ein wehendes Haferfeld mit riesengroßen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich langsam, die Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige, braune Furche war davor, in der seine Füße standen, und er saß mit vornüberhängendem Leibe in etwas Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm waren Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden in allen Tiefen lagerte die Ebene.

Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurück. Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst umkleiden mußte ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, daß Arena und Tribünen in der Tiefe völlig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei Viertel und eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen. Georg fuhr zusammen, in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla— — Er sprang in rasender Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Händen die Verschlüsse der Decke, brachte mit unsäglicher Mühe eine nach der andern der neuen, harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im Sattel. Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, Georg zerrte ihm wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, dann brach er durch Gestrüpp und Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und Buchenstämme. Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, dann zwang er ihn in schräger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfuß trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas vorne nieder und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel zu nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so kräftig anknallend, daß er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen Augenblick, halb gelähmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er in tobendem Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. Betäubt nach Unkas blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rücken liegen, kletterte etwas tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich, schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang auf und schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen und welken Blättern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch Haselgesträuch ins Freie und saß auf.

Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. War dies wirklich? fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er schlafen können? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen, Unnatur, Wahnsinn?

Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor würgender Angst, zu spät zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend vor Rührung empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, zwölf Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was ich fühle ... da waren sie in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg der Landstraße. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bäume flogen vorüber, ach, es ging längst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war, über den Pferderücken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die Straße so breit gemacht hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte, schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... großer Gott, das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich schon, da kam er angestürzt, — um Himmels willen, die ganze Straße war versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die dunklen Oberkörper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte vor Wut, riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch in den trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm rissen, Unkas lag unter fortwährendem Stolpern fast mehr auf der Erde, als er lief, endlich war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, die entsetzlich langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig auseinanderwichen, ebenso die nächsten, denn sie schrien hinter Georg her: Achtung! der Großherzog! — Großherzog, es war zum Totlachen und die ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. Georg wollte und mußte hindurch, schrie, so laut er konnte: „Platz! Platz für den Großherzog!“ Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: „Wie spät ist es?“ Eine Stimme schrie hinter ihm: „Gleich zwei!“ dann noch mehrere durcheinander: „Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei!“ Georg hielt, riß die Uhr heraus, sie zeigte unwandelbar drei Viertel eins.

Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten Nacht, murmelte Georg fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen überall und sahn ihn an, er bemerkte, daß er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter, begriff, daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, — also dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? — Nun waren da Häuser, er kam nur noch im Schritt vorwärts, Gott sei gelobt, da glänzte der weiße Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach Zügeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er faßte, und fragte ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen Seiten Hände streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang in den Wagen, keuchend: „Zum Rathaus, so schnell wie möglich, durch leere Straßen!“ Völlig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke und schloß die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend fühlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen Gliedern, hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber er fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, düsterrote Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf und stellte die Zeiger auf fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu spät, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen und Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen Schmuckplatz, über eine Brücke, und wieder Straßen und Straßen. Er las alle Schilder über den Läden, die Reklamen, Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie stand da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von roten Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao, Schüsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand über einem kleinen Weißzeugladen voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter Langettenkanten und Anordnungen von Weißknöpfen auf blauen Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen Parterrefenstern zwischen Blumen und schwärzlichen Gardinen dunkel sein Gesicht im Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, auch die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich in der schwarzen Hälfte des Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu sehn, die Beule fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel unter der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen in der Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich wieder in die Ecke und stützte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu werden, in seinem Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte. Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, aus einem Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine schmale, einsame Straße, ein Überdach war rechts, das Deutsche Theater, Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen Lettern: Wählt Plate! — Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Eckläden voll von Anzügen, alten Büchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon über zwei und zwölf, ich komme nie hinein! stöhnte Georg, und sofort darauf sagte eine Stimme: Sie kommen nicht hinein ...

Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte: Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke, Pferd und Kutscher wellig in den großen Spiegelscheiben des Warenhauses dahinziehn, dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, nun mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, nun mit Pyramiden und Säulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke geschüttelt und sah vor sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein Stück noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte dem Kutscher etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrängen. Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im Theaterkostüm, so mußte es kommen: — Na, na! junger Mann! sagte jemand, aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches Aufsehn, aber er kam durch, plötzlich war da der leere Platz, Georg zitterte und jauchzte, lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes vorüber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf ihn eindringen und prallten in der Luft zurück, er sprang die Stufen hinauf, und Renate wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ...

Verspätung

Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, jetzt ist der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen Großherzog, kein Drum und Draußen, nur meinen Willen und mein Handeln. — Renate raffte ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: „Nun?“ Er faßte sie, da standen überall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen Zimmers durch die offene Tür sichtbar, und er sagte heiser, sich räuspernd: „Bitte, kommen Sie dort hinein“, und zog sie mit sich.

Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen wollte; Georg sah gradeaus, während ihm Anfänge über Anfänge durch den Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hälfte Großher— — wie dumm! — Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fühlte sich kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus, keuchte ... Renate wurde ängstlich vor seinen Augen; das eine war kleiner als das andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg nun sagte: „Renate ...“ flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und drückte die linke Hand auf seinen Mund.

Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er ihre Gebärde falsch verstanden hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte, und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: „Lieber Junge, du kommst ja zu spät ...“

Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er riß die Augen auf, starrte sie verständnislos an und hörte sie sagen, während ihre Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glänzten und funkelten: „Dein Vater war heut morgen schon ...“

Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die Aufregung ... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den Zähnen und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen aus, daß sie sich auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn auf der Lehne, gestoßen und geschüttelt vom Lachkrampf.

Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ... Andersherum: Eins — zwei — drei —. Gotische Bögen. Renate lachte und lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berührung. Vater! dachte er endlich. Ja, ja, — ja, freilich, so etwas denkt man wohl nie von seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater ist ... Warum gut? — Nun Haltung! sagte er sich fast bewußtlos, merkend, daß er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen! dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.

Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, sagte sich: Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: „Verzeihen Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...“

Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd hinein, Renate durchzuckte es, daß dies doch böse war, für später, was sollte daraus werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte, so daß ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie hinaus.

Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete Blumen, die Menge war außer sich. Georg lächelte und winkte, Renate hielt sich zurück, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder in den Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in den Saal zurück. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit außerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hüte schwangen und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurück, winkte, lächelte und fuhr davon.

Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war er zuhause, um halb vier mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, Uniform und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog in Stellvertretung der Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben Galatafel im Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles in der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination und offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er schluchzte trocken ... Niemals — niemals — niemals ... Und sie würde die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, als ob er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht. Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er nüchtern, und Vater — oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf. Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen? — Niemals — niemals —. Ihm brannte die Brust, er fühlte sich matt und elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er, Montfort hat recht in jeder Beziehung.

Heimkehr

Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte Lakaien, die er wegschickte. Seine Zimmer sahen ihn fremd an und fürchterlich unnütz. Er ging durch das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön dämmrig lag es in der Nachmittagssonne, die breite goldene Dämme durch die Fenstervorhänge hineinstellte. Still, sehr schön, edel — trotz Cora — stand das wolkige Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so konnte es wohl nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen auf die Knie, legte die Stirn auf den Bettrand und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ sich rücklings auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar für die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer das Telephon, aber erst, da es gar nicht wieder aufhören zu wollen schien, entschloß er sich aufzustehn, ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte sagen: Prinz Trassenberg, — aber — nein, Großherzog war er ja noch immer nicht ganz, so sagte er nur wie Birnbaum „Ja?“

Eine Männerstimme fragte: „Hoheit?“

„Ja.“

„Zwillinge!“ schrie die Stimme Schleys so fürchterlich laut, daß ihm das Ohr schmerzte, „Zwillinge! Zwei Sozialisten!“

Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann entfuhr es ihm: „Was? Virgo? deine Frau? Donnerwetter!“

Schley drüben schien zu lachen, rief dann: „Ich glaube, Hoheit, du bist der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint bei Zwillingen das einzig Mögliche.“

Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff Zwillinge verdeckte für den Augenblick alles, er konnte nur fragen: „Und Virgo?“ wobei er nun denken mußte: Dieser Name — und Zwillinge ...

„Danke, vortrefflich,“ hörte er Schley sagen, „ein wenig sehr matt, aber sie ist immerhin im besten Alter, — freilich, als der zweite heraus war, bin ich dem Tode fast so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu wollen, — stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor Wut. So ein kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen ...“

Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen, und Virgo im Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen zerrten an ihren Beinen ... Er schüttelte sich.

„Ich habe geflucht und gebetet,“ sagte Schley, „und der Arzt, es war zum Tollwerden, er tat wie ein Athlet, der seine Tochter Kunststücke machen läßt und lacht, wie gut sie’s kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens fest.“

Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen über die Namensfrage, und wie Virgos Mann sich erbost hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen Georgine heißen sollte.

„Nun?“ fragte er. „Ja, weißt du,“ hörte er Schley kleinlaut sagen, „beim ersten schrie sie immerfort: Georg! ...“ Georg zuckte das Herz. Da hatte sie gelegen und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? — „Beim zweiten“, fuhr ihr Mann muntrer fort, „sagte sie gar nichts, da knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer durfte, sagte sie nur: Wolf... — mit ihrer tiefen Stimme, und wie sie dalag —“ Georg sah sie daliegen, sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen unter dem knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen Gesicht — „und mich ansah,“ sagte Schley, „ja, — da bin ich umgefallen ...“ Seine Stimme zitterte heiser. „In meinem Leben habe ich nicht so geweint“, sagte er.

Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang auf, die Glucksche Melodie: Ach ich ha—be sie — verlo—o—ren ...

„Also heißen sie Georg und Wolfgang“, sagte Schley.

„Hoffentlich“, meinte Georg matt, „kann man sie unterscheiden.“

„Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich weiß längst nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer Ohrring, der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wärst?“

Ja, Georg war einverstanden. „Und bitte: tausend Grüße, und wenn ich nur einen Augenblick heute frei hätte, so käme ich.“

„Ja, höre, Georg, noch etwas —“ sagte Schley, „hast du meinen Schwager getroffen?“ Georg verneinte. „Er wollte dich treffen und ging schon früh fort; er hatte kein Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er nicht, auch nicht zum Essen, aber er hat angeläutet — ich war grade in die Apotheke hinüber — und hat sagen lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn hättest — er würde wieder anrufen ...“

Georg dachte nach. Halb vier, fünf, — „Ja, zwischen sechs und sieben wäre es möglich“, sagte er.

„Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug soll ja großartig ...“

„Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl, leb wohl!“

„Adieu, Georg!“

Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den Armstuhl zurück. Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine Augen, er setzte sich zurück, beschattete die Augen, den Ellbogen aufstützend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos Photographie, während es durch ihn hinsang: All mein Glück — ist nun — dahi—in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther für Renate, ich gab Virgo für Renate. Esther starb, und Virgo bekam Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich ... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn: Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft fühlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hörte er sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef, oh ich weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und Cornelia Ring, — Cordelia ... An seinen Lippen brannte plötzlich Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen schossen ihm in die Augen, — oh nicht weinen! sagte er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh wie war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde ganz unnatürlich. Ja, sehr — denn wie konnte ich so tief und lange schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf, sich vorsetzend.

Ach, ich ha—be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig stand er auf. Nun also Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und — richtig, sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt Georg Hermann; wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er die Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flüsterte: Renate, Gott im Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann schüttelte er sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, den Arm gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte er verständnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gütig aussehendes Gesicht über einer grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach so! es geht ja weiter, immer weiter ...

„Wie heißen Sie?“ fragte er leise.

„Albert Neffe, königliche Hoheit“, sagte eine farblose Stimme. Das Wort königliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten Manne die Hand und sagte, unfähig, laut zu sprechen:

„Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun. Heut können Sie mir helfen. Also hurtig!“

Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken drehte, fragte er ihm nach: „Wie alt sind Sie?“

Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weißen Strümpfe und hörte ihn sagen: „Königliche Hoheit, zweiundfünfzig.“

„Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!“ Der Diener lächelte gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke im linken Mundwinkel sichtbar, und im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen alten Mannes. — Er verschwand im Schlafzimmer.

Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! Der sah erst aus, als ob er die Livree auch nachts nicht auszöge, auch nicht im Traum. Er war ja nur Gesicht, alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und nur — Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so aus wie er, — und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur — — Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das macht die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit ... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell, aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer.

Fünftes Kapitel

Heimkehr (die andre)

Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, daß ihr Gesicht sich wieder in Lächelfalten verzog. „Komm bloß fort,“ raunte sie ihr zu, „es ist furchtbar mit mir, ich — ich sage dir gleich alles!“

Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb sie stehn, aber kaum daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: „Georg —“ prustete sie nur, ergriff Ulrika am Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich unterwegs, heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. „Wie ist es denn,“ fragte sie unten, „kommst du mit mir?“

Während sie Ulrika leise sagen hörte: „Ja, ich möchte gern“, fiel ihr Josef ein — wo war er geblieben? — und alles andre, ihr Herz wollte sich zusammenziehn, aber der helle Sonnenglanz über dem bunten, lebhaften Gedränge im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von selber aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im starken Blau, die zwischen die scharfen, altertümlichen Dächer und Kanten herabzusinken schienen, machten sie leicht und sicher. Josef wird schon dort sein, dachte sie, jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es wird alles gut. „Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.“ Der große Türsteher murmelte etwas ... „Ja, meinen Wagen,“ antwortete sie, sich umsehend, „da steht er ja!“ Sie gingen hin, stiegen ein, rollten ab.

Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. „Ich habe den guten Georg eben sehr gekränkt,“ begann sie, „weißt du — ich bekam einen Lachkrampf, ach, gar nicht seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du, es hatte sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf diese Weise los. Ja, weißt du — Nein,“ unterbrach sie sich verstimmt, „dies beständige Weißtu —, ich bin ja ganz kindisch geworden. — Ich sagte dir ja,“ fuhr sie gefaßter fort, „daß der Herzog und ich uns zusammengefunden haben, und eben nun — kommt Georg und will mir einen Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!“ Sie fiel der lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und stammelte: „Ach, Kind, ich bin ja so glücklich! Nicht wegen Woldemars, — das heißt, natürlich auch seinetwegen, zumeist seinetwegen, aber — du weißt ja nicht: Josef ist schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh zurückkamen im vorigen Herbst, erinnerst du dich des Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr lachtet soviel — Kind, was ist denn mit dir?“ unterbrach sie sich, da Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte.

„Nur weiter,“ bat sie freundlich, „ich komme nachher schon mit meinen Geschichten.“

Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer warmen, fuhr Renate fort: „Er wollte sich aber seinem Vater nicht zeigen, und ich, weißt du, ich war so töricht —, ach, wie war ich doch töricht!“ Sie schwieg, sich verlierend, sprach dann hastig weiter:

„Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen wollte, sagte er nicht, aber da er mich merken ließ, daß er überhaupt nur um meinetwillen wiedergekommen war, und weil er auch gleich sagte: Wenn ich es von ihm verlangte, so — ja, da war ich so töricht — — ach, aber das war es ja nicht, — was man tut und denkt und sagt, das ist es ja alles nicht ...“ Sie legte das Gesicht in die Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte, murmelte endlich: „Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn lieb, Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich ihn wohl —, nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß bestimmt, daß ich ihn niemals lieben könnte, aber wenn er da ist, so bin ich — schwach, — wehrlos, weißt du, irgendwie, — ja — es läßt sich eben nicht sagen. Ich bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin durch und durch hochmütig und bin kälter und abweisender als je, aber hinterher könnte ich manchmal zu Boden sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich wohl, was die aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt du —, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm und dem Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut, und — er war fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich — —

„Es war — unmöglich“, schloß sie. Danach schüttelte sie alles ab, setzte sich zurück, nestelte den Schleier unter dem Kinn los, nahm den Kronenring ab und behielt ihn im Schoß. Ihr war sehr warm; auch die Luft, die voll durch die offenen Wagenfenster hereinströmte, war allzu lau, um zu erfrischen. Sie sah, daß sie schon die Steigung der Döhrener Heerstraße hinanrollten, rechts lagen die roten, festungsähnlichen Werke der Zuckerfabrik, in der Tiefe die Bahngleise.

„Und du?“ fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu Ulrika wendend und ihre Hand fassend.

„Du,“ antwortete Ulrika nach einer Weile, „sage, was du willst, du bist doch immer frei und rein und triffst das Rechte. Ich bin am Klavier aufgewachsen, damit ist wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewächs habe ich mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen Freund gerankt, der Flügel war alles, und dann —“

Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich vorübereilen: Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals nachgedacht — hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen Anfang zusammengefaßt hatte ...

„Und dann“, hörte sie die Freundin weitersprechen, „merkte ich eines Tages, daß einer mich dicht über der Wurzel abgeschnitten hatte. Ich verdorrte nicht, oh nein!“ sie lächelte glücklich und verloren, „im Gegenteil, es war ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und reich, nur — — ich hatte keine Wurzel mehr.“ Sie brach ab.

Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote Mauerzüge und die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs hinter den staubigen, sonnigen Äckern und Gärtnereien neben der Straße. Da irrten ihre Gedanken schon ab und vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen und fühlte die Beklemmung. War er wirklich schon da? — Oh, Josef war ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon fertig vorfinden lassen wollen, oder auch — es konnte ja fehlschlagen — ihr den Anblick der Enttäuschung ersparen. —

„Ja, wie ist es denn nun?“ hörte sie Ulrika fragen, „Josef kommt also heute?“

„Ich hoffe, er ist schon da.“

„Ja, störe ich dann aber nicht ...“

Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch heimlich einen Halt in Ulrika mit sich genommen hatte, umschlang sie zärtlich und beschämt und dachte — ihr versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne —, wie grausam besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, sobald er nur eben ins Schwanken geriet, unbekümmert, ob der, nach dem er griff, nicht heftiger selber im Schwanken war.

„Ach, vielleicht“, sagte sie verstört und furchtsam, „ist die Krankheit meines Onkels ja doch unheilbar, und dann — dann wird es gut sein, wenn ich dich in der Nähe ... ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich auch noch mit mir!“

Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, der Arzt habe es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß nicht um eine Gehirnkrankheit handle, sondern um ein Gemütsleiden, und — „ja, ja,“ fiel Renate erleichtert ein, „er war immer ein so weichmütiger Mensch —, und sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu Herzen nimmt, daß er — daß er eben aus dem Gleis kommt, sich selbst vergißt und nur den einen Gedanken verfolgt ...“

„Wir kennen es“, sagte Ulrika langsam, „ja Alle selber so gut, die Anfänge davon, dies —“ sie schauderte — „oh dies besinnungslose Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, nicht weiter Wissen, minutenlang, und — wir sind da!“ schloß sie hastig. Der Wagen hielt.

Veranda

Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie durch den Vorgarten zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden Hausmädchen war nichts anzusehn, Renate wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab und trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie den Tisch in der Veranda gedeckt, dann, durch die Tür, draußen Erasmus, noch gepanzert, mit Magda, die einen seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate hörte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr, Beide kamen auf sie zu, Erasmus in bester Haltung, aber — was war mit seinen Augen? Sie glühten und glichen Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich ängstlicher zusammen. Wäre nur Josef erst da! dachte sie, alles von ihm erhoffend.

Erasmus nahm ihre Hand, küßte sie sogar und sagte mit seiner dunklen Stimme: „Na, endlich, wir haben einen bärenmäßigen Hunger.“

Renate umarmte Magda. — „Du siehst wirklich vortrefflich aus,“ sagte sie mühsam zu ihm, sich von Magda losmachend, „du solltest immer so gehn, weißt du!“

Er lachte verlegen: es sei etwas warm, — und sie hatte ihn im Verdacht, daß dies gute Aussehn der Grund war, weshalb er sich noch nicht umgezogen hatte. Doch zog es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch Ulrika, die hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe hinauf und stand vor der Tür, hinter der sie Schritte hörte. Er ging wieder auf und ab! Nun machte er halt; nun ging er wieder zurück ... Sie öffnete leise und trat ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr entgegen.

Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand sie fassungslos, ihre Hände falteten sich, sie flüsterte: „Onkel ...“

„Ja,“ sagte er, „ja, was ...“

Er sprach ja! Er sprach ja wieder!

Aber was nun? Josef, oh wärst du da! Sinnverwirrt, angstvoll, die einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt, senkte sie die Stirn, wußte nichts. Als sie wieder aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte nach dem Fenster, nach der Straße. — Stand Josef unten? — Sie machte zwei Schritte vor, unten die Straße war leer. — Aber — war er nicht größer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte, hohe und gerundete Schädel, die steile, von den Brauen fast vornübersteigende Stirn und dicht unter den Augen das weiß und glatt nach unten fließende lose Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer Figur der Zeit, aus der sie kam; er glich einem heiligen Antonius oder Hieronymus.

Sie ging nun zu ihm und berührte seinen Arm. Er wandte das Gesicht, ein wenig tiefer als das ihre, mit einem Zucken, sah sie fremd an. Nein, nicht völlig fremd, nicht wie sonst, und — Unruhe ist es, frohlockte Renate, und allen Willen und Einfluß aufbietend, bat sie: „Komm, Onkel, es ist Essenszeit!“ Schob die Hand in seinen Arm, zog und drängte sanft. Er folgte.

Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, angstvoll, triumphierend im Innern, führte sie ihn die Treppe hinunter in die Halle. Erasmus stand draußen an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler und die Weinranken gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda mit einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen Vater, die Frauen wandten sich, Renate legte den Finger vor den Mund und sah, wie Erasmus seine erschreckten Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda vorübergehend, flüsterte Renate: „Noch ein Gedeck!“ und führte den Onkel um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand auf den Stuhl am weitesten rechts, vor der Seitenwand der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in seiner Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus seinem Vater gegenüber und sagte, so leicht sie konnte: „Nun erzähle, Erasmus, wie war es! Hoffentlich hast du nirgend Schaden angerichtet mit deinen Blumen!“

Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein, dann der Diener, der vor dem alten Mann deckte. Erasmus bewährte sich außerordentlich und sagte, es sei ungemein lustig gewesen. Dann redete er kräftig darauflos, er sei überhaupt der einzige, der richtig begreifen könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme, — oh, er gab sich glänzend preis! — und ob Renate wohl ein einzig Mal bedacht hätte, daß es sein saurer Schweiß wäre, in den sie sich kleidete, niemals dächte sie daran. „Kinder, Kinder,“ sagte er, „was Mädchen, was Mädchen! Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben wie im Theater, wo immer dieselbe Korporalschaft über die Bühne marschiert im Triumphzug des Germanikus, oder war es in Aida?“ Und er fing an zu erzählen, wie sie als Schüler Statisten gemacht hatten, — Renate lachte das Herz im Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die Augen von Einem zum Andern bewegen sah, nur seinen Vater vermeidend, der indessen in sich versunken war, die Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas zu essen.

Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das Gesicht Magdas, die eben ihr Glas aus Ulrikas Hand nahm, stillstehn, indem sie nach draußen blickte. In die Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs Gesicht, frei, die heile und die schreckliche, rote Hälfte; er trug noch die schwarze Kutte, deren Kapuze hinter seinem Kopf abstand, seine Hände unten waren etwas gespreizt, er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an, vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus setzte eben den Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor sich auf den Untersatz, ergriff sein Glas und wollte sich wohl zu Renate wenden, aber sie drehte sich weiter, — und da saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den Händen. Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig auf, trat zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und sagte: „Josef ist im Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?“ Und sich zurückwendend, winkte sie Josef mit den Augen.

Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah seine Augen, die erst angstvoll und suchend nach den ihren griffen, aber gleich glitt der Blick weiter, und dort stand Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah seinen Vater an. Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten, seine Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als sollten sie ihn durchbohren, Renate sah etwas in seinen geschlossenen Händen, das — nein, das nicht ein Obstmesser zu sein schien! Und da war auch schon wieder das Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob, während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme sagte: „Da bin ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich verändert. Laßt euch nicht stören“, sagte er zu Ulrika und Magda, die aufgestanden waren.

Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn, lächelte und sagte: „Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, du hättest uns vergessen! Da kommst du ja grade recht zum Essen.“

Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef legte seinem Vater einen Augenblick die Linke auf die Schulter, Renate sah, wie der alte Mann sich duckte, seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer ungeheuren Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und meinte: „Ein Adonis bist du gewesen, mein Junge.“

Josef lachte herzlich. „Du weißt ja, Papa, es ist Adonislos, daß ihn die Evierinnen zerfleischen!“

Sein Vater fiel munter ein und sagte: „Setz dich, setz dich doch, iß und trink und erzähle!“

Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. Erasmus war nicht mehr da, und sie setzte sich schnell an seinen Platz. Der Diener, der schon gewartet hatte, kam leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete unter dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten bemerken, daß es doch das Obstmesser gewesen war, denn es fehlte. Sie zuckte einen Augenblick, Erasmus nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte rundum, lachte und sagte, atmend aus voller Brust:

„Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange warst du fort, Josef? Keine drei Jahre, weißt du, schreiben hättest du wohl einmal können, wo du überall gesteckt hast.“

Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte halblaut: „Iphigenie! sie hat sich nicht verändert, oje-oje!“ und Renate merkte, daß sie den rechten Unterarm auf der Tischplatte vor sich liegen hatte, den linken aufgestützt und das Kinn in der Hand.

Ein wenig später war Renate unter fernem Stimmengeschwirr und Lachen sich nicht mehr klar, was sie tat, sprach oder empfand, fühlte sich selber undeutlich in lebhaftester Erregung und Bewegung und hörte nur einmal Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: „Sieht sie nicht aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm in der Brust hätte, Papa?“ und er sagte noch weiter etwas von Rosen und Lilien ihres Gesichts, die von diesem, unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins Wanken und völlig durcheinandergekommen seien. Sie hörte ihr eigenes Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer oder Ulrikas Kleidung die Rede, — nein, er beschrieb das mittelalterliche Bild, das er vom Garten aus gesehen habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf seines Vaters, — ein bißchen Veronese, aber sonst ganz ...

Plötzlich stand alles für einen Augenblick still, sie sagte: „Ja, nun müßt ihr aber etwas hören! — Ich habe mich verlobt.“

Es war still geworden.

„Verlobt?“ fragte ihr Onkel leise; seine dunklen Augen standen fest, dann senkten sich langsam die Lider darüber. „So. — Ja, mit wem denn?“ hörte Renate ihn noch leiser fragen.

Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck seines rechten Gesichts und die linke Braue leicht angehoben.

„Mit dem Herzog, — Herzog Trassenberg, Onkel,“ sagte sie unsicher, für Sekunden ratlos, was dies bedeute, und fügte mit wankender Stimme hinzu, er habe zwar ihr Wort noch nicht, aber ... Da wußte sie, daß ihr Onkel an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ängstlich zur Seite nach Josef spähn; Josef beugte sich ein wenig zu ihm und sagte ironisch: „Ja, willst du eigentlich nicht gratulieren, Papa?“

Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate, gelang ihm die Beherrschung nicht, er legte die Hände zusammen und fragte furchtsam: „Josef — verzeih, aber — ich habe immer gedacht ...“

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