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Helianth. Band 3

Neuntes Buch. Charfreitag oder Die Eltern (continued 2)

Reading edition

Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gestützt. Damals malte er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir hatten dann ein Gespräch in der Nacht, und — gewiß, wir sprachen auch vom Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da sagte er: nein, das sei vorläufig nichts für ihn ...

Heut sah ich Esthers Gespenst.

Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht stürmisch; der Himmel bewölkt und grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor mir auf, weibliche Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch wundere über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach jedem dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht nach innen schlägt. Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer unseligen Versunkenheit und — sehe sie in plötzlicher Biegung dem Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden.

Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen. Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlüssig, traurig ...

Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur fortgenommen.

Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und sah wieder den feurigen Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können würde, und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ...

Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell für die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten stand sie mit Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir herauf und ich ihn wieder hinunter, — noch glänzt mir ihr lächelnd erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug, kommen Sie herunter! — und ich hatte die meines Wissens einzige Anwandlung von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh schöne Zeit, die mirs lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich hätte nach Helenenruh fahren müssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu können und nicht unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn und durch die Ösen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich zwei eben stellenlos gewordene Inder, Türsteher eines verkrachten Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten überall hintragen mußten. Das war einen Tag schön, dann standen sie überall im Wege, und ich gab das Ganze auf.

Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach ihr vor ihr stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen!

Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno über die ewigen Dinge. Leicht genug mögen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer waren, so war doch das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer erwartete, und kam es nicht oft?

Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es eigentlich komme, daß er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage. — Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald ich es einmal getan habe? — Ach, ihr Männer, sagte er, da niemand eine Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die Frauen nicht um vieles wärmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es sage.

Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in jenem Augenblick, daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl waren, und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von andern Dingen angefangen hätte, wie das immer zu sein pflegt, wenn Wahrheiten vor der Tür stehen.

Nun sehe ich Dora Vehm, — was ward aus ihr? — Ich sehe sie beim Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel für Kinder, sondern lange, schwere Hämmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft, Anmut und Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es eine Wonne war, sie dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah Ägidi, der ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.

Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten, ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als daß ich sie habe, aber wie geht es zu, daß fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich gekritzelt darauf:

Halbgöttinnen gehn am Gestade, — das stahlblaue Meer Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße. Salzluft bereift der roten Lippen Süße, Gewänder flattern farbig um sie her.

Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. Renate und Magda waren zu Bogner gekommen, es war ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf meinem Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah sie am Strande alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und Cornelia. Sie hatten Schuh und Strümpfe ausgezogen, Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten allesamt weiße Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken, Renate eine burgunderrote, Magda eine grüne, Ulrika eine violette, und ich konnte durch das Fernrohr feststellen, daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren, Magdas, stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die Drei im Rund meines Tubus unten stehn und zu mir heraufwinken, flatternd, farbig, lachend auf dem weißen Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus der die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende Fische spülte ...

Meine letzte farbige Erinnerung. — Allein warum behielt sich mir das Heitre so oft?

Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches kann allein die Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann nicht nachschaffen aus Nichts, was damals erglühte, so geht der Vorgang selber unter, und es bleibt nur das optische Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war.

Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, seltsame Monde selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos ...

Wenn die versunkene Stadt — in der Nacht der Erlösung — sich aus den fallenden Wassern erhebt, — tönen die Glocken wie vormals ... Wandeln wie vormals die Straßen, — und die kindlichen Spiele — tun es wie je den Erwachsenen gleich.

Doch es blieb ein Vermächtnis — aus der versunkenen Jahre Gram — auf den seltsam alten — Gesichtern zurück. — Und es beleuchtet ein fremder Mond — Turm und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach.

Während rings aus dem riesigen Meere die alten — Gestirne steigen und wieder schaun, — was niemals altert. — — Wo keines Segels ernster Schatten, — kein Vogelflug nach der düsteren Ferne strebt.

Anders lächeln von Fenster und Tür — Mädchen auf Knaben, — und anders der Alten Schritt — über die steinernen Treppen und Höfe schallt.

Mädchen, die Sträuße tragen, — atmen befremdet den Duft, der von gestern erzählt ...

Im Schweigen der Glocken — hören sie Alle — ängstlich und deutlich — das schwellende Dröhnen — der kommenden Flut.

Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, fuhr ein unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang und stellte mich mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo ich meine Kindheit verlor.

Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer war. — Noch sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben, sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tür seines Stalles zu, und ich selber stehe da und — ich vergaß, was ich dachte, aber — es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor dem gänzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder Geburt. Da lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte — ja, was wußte ich wohl? Daß ich nun alles wußte, das wars.

Heiliges Kindheitsland, wo bist du? — Zurecht fallen die Verse mir jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand, da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib ‚erkannt‘ hatte; wo meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht empfand, — wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer unverständlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum, echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz.

Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, die tafelnden Arbeiter im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung. Während es dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu erhellen schien. Immer genügte die Anschauung, und sooft ich es selber sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie, und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch genau, und mir selber in jener Nacht brannte das Herz vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn, heut, wo es zu spät geworden ist.

Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der Aufzählung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich viel von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch.

Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der Aufzählung mit drangeknüpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll, aber war das der Zweck des Erlebens? — Und er sah sich selber herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm über dabei, — aber jetzt, da er die Lider schloß, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und Haar, Wangen und Brauen und endlich — Georg erbebte — auch der Blick der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig beglückenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages, eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. — — Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm nachblickend, während vor seinen wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete?

Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hülfe, auf Umkleiden verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und Schirm und eilte hinunter.

Viertes Kapitel

Magda/Renate

Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat, zufrieden mit dem, was er an sich beobachten konnte. Denn nicht nur, daß er die jetzt anwesende Renate, weil sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte, — so daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes Gesicht nur undeutlich wahrnahm — für Irene hielt, zumal sie die Füße im Stehn vorgeschoben und sich dadurch verkleinert hatte; nein, auch als er sie erkannte, war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende Kühle, und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach Irene wurde ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen fühle und nicht vor zehn Uhr zu erscheinen pflege. Renate — er sahs — hatte wieder geweint, und Georg hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen von Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen skurrilen Ausdruck zur Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, die Augen blank machte und etwas spitz wie die kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna — im stillen Renates Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der Form dem der Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem Rock und engen Ärmeln, die bis zum Ellbogen ein schlichter Schulterkragen bedeckte —, ob sie nicht auch fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut.

Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen, während sie, ohne die Augen aufzuschlagen, schwieg und fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens zu schließen. Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das Gesicht in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die Scheibe und lachte so einfältig, daß Georg ungehalten wurde.

„Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?“

„Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du’s“, sagte Anna unverständlich zu Renate hinüber, und indem erschien vor Georg lautlos Egloffstein, ihn blicklos anblinzelnd mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen, Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg überreichte. Der aber fand nun, ins Freie blickend, daß es nicht mehr regnete; über die Terrasse glitten Sonnenstrahlen. Es gab noch einen Kampf mit Renate um den Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er sie und Anna zu führen hatte.

Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, mit der Rechten Renates Handgelenk, seinen Arm unter dem ihren, was sie unbegreiflicherweise zuließ, — als er so am Ende des Hauses die Beiden die Stufen hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park, sich aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, im Gedanken des Wegs, den sie gingen, und an den Annas Rosenstrauß ihn erinnerte.

Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der stumpfe Sandweg mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern. Über die Büsche des Waldes, die zierlich begrünten, lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der Weite der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne Bewegung, während die grünen Gesträuche sich schüttelten im leichten Wind. Birken glänzten kalkigweiß, und stark war der Geruch all des Nassen, Erfrischten umher; österlich wie das Ganze selbst der eilig in grauweißen Wolken fahrende Himmel.

Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die Insel erschien, noch ganz schwarz, nur über dem Ufer unten grün mit Buschwerk gefleckt. Georg nahm die Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und wandte sie insgeheim gegen Renate.

Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen den kleinen Bögen des hohen Halskragens, die unterm Kinn und den Ohren nach außen gerollt waren wie die äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen kleine weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und daraus stieg, und darin ruhte die geschlossene, feste, reiche Blüte des kleinen Haupts mit den ewigen Farben: Hyazinthblau und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln im Winkel des Mundes; dem Stolz von Byzanz in der Biegung der Nase, — ach, Heliodora, wie war alldas doch festlich und schön gewesen! — Und er bekam den Blick nicht los aus diesem, gradaus schauenden ihres Auges, zwischen winzigen Schlägen der Wimpern aus dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall; diesem blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden Seele aus dem magischen Haus.

Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur Linken die schmale Brücke mit dem Rindengeländer; aber die Anna blieb, als er zu ihr einbiegen wollte, stehen, indem sie genau zu wissen schien, wohin sie gelangt war. So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg fand sich emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen Quellen im grauen Gestrudel des Himmels. Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von unendlicher Tiefe.

„Weißt du noch,“ hörte er Anna sagen, „wen wir hier herausgezogen haben?“

„Wir, Anna? — Übrigens hast du im Leben keine edlere Tat getan“, setzte er mit ungewolltem Spötteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Geländer aus, fand es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. Auch Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda den Kopf, machte sich los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also folgte er allein über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang zu führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin soviel Zartgefühl, das ihn beraubte.

Magda

Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang über die kleine Mulde hinaustrat, behutsam und so gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in einem Hausflur, worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden damit entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben dieses Jahres die alten Tode zugrunde gegangen seien. Immerhin empfand er die ernsthafte Feierlichkeit des leicht geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel taumlig über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und nasse Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem linden Feuer vereinzelter Strahlen; undeutlich an der Rinde erschien das dunkel metallene Schild.

Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie Georg sich erinnerte, sein Vater bald nach Helenes Tod eine zweite Brücke hatte schlagen lassen, die von der Landstraße aus zu erreichen war, so fand Georg den Rasen unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße, Kränze und Schleifen, und um den Stamm — welch holder Einfall eines Kindes! — war eine Girlande von Primeln geschlungen, — ein jungfräulicher Gürtel des Frühlings. Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab ihm ihre Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen so einen bevorzugten Platz zu geben. Sie standen dann stumm einander gegenüber, getrennt von dem blühenden Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke hinabgerichtet schienen wie die seinen, und wo der Geruch von Nässe wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen und dem leidenschaftlichen der Hyazinthen. Auf einer violetten Schleife, die seltsam an Renates Kleidung erinnerte, entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der Unvergeßlichen.

Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals. Drei Jahre bald war sie tot, aber worauf beruhte die Anhänglichkeit dieser Menschen an die immer unsichtbare Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und dann, daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen wandeln nach überall. Indem ward er des Sarges inne, der hier unter seinen Füßen stand. Er fühlte die Luft kühler und fröstelte.

„Sind viel Blumen da?“ hörte er Magda fragen.

„Eine Menge.“

„Voriges Jahr“, erwiderte sie, „waren es zwei Sträuße und ein Kranz. Was mag das bedeuten?“

Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn selbst bezog, und sagte leise: „Ja, die Menschen sind seltsam.“

Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe Stimme, und aus weiter Ferne herüber war eine Amselflöte zu hören.

„Sage mir, Georg,“ redete ihn das Mädchen wieder an, „glaubst du je empfunden zu haben, daß sie nicht deine Mutter war?“

Er hob die Achseln. „Wie kann ich das sagen? Ich empfand etwas. Aber ob ich auch, wenn sie weniger unsichtbar gewesen wäre ...“

„Aber“, sagte sie, „dein Papa, das hast du doch immer gefühlt!“

„Ja, Anna!“ bekräftigte er überzeugt — und schreckte zusammen. Was sagte er denn da? Aber wie mißverständlich hatte sie auch gefragt! — Noch nach einer berichtigenden Antwort suchend, sah er Magda horchend den Kopf anheben und hörte gleich darauf selber Stimmen und Schritte von Menschen. Wenig später standen sie wieder vor der Brücke.

Renate

Unweit am Ufer zur Linken, über der Flut, wo Blaues und Weißes sich schnell ineinanderschlang, saß eine sehr stille, violettblau gekleidete Gestalt, in sich versunken, — Renate auf ihrem Mantel, den sie über die Bank gebreitet hatte, und von ihr ging ein Gefühl von Ernst und Trauer aus. Nahe über ihr flüchteten weiße gestaltlose Nebelwolken unter dem blauen Gewölbe, das durch vielfache Lücken schien und glänzte, und Strahlen wanderten lautlos golden dazwischen umher, erloschen und brachen an anderer Stelle mit lächelnder Sanftmut hervor. Weit und offen darunter das Land glänzte in Heiterkeit; Grün der Wiesen, überall zart erblinkend von gelben Schlüsseln; die kleine weiße Versammlung der Birken, unweit hinter Renate, schien dazustehn gleich Jünglingen oder Mädchen, die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern wirbelten Büsche grün und licht, und die Gruppen der schwärzlichen Bäume hatten nichts Struppiges mehr, sondern Weichheit und die unsichtbare Verschleierung ihrer Knospen. In der bewegten Stille der Lüfte regten sich lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich, durch die lautlos weiche Geschäftigkeit der wandernden Lichtstrahlen.

Ach, mein Frühling! dachte Georg und fühlte sich wieder beglückt; er führte wortlos die Anna über den Brückensteg und den Weg zu Renate hinunter, nach einer Weile erst kurz bemerkend, daß sie dort sitze.

Renate blickte auf, als sie näher kamen, durch Georgs Augen streifend mit einem unverständlichen Blick voll Trauer und Güte. Das verwirrte ihn so, daß er nach einer Weile erst inne wurde, daß sie sich mit Magda stritt, die sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie müsse zur Generalprobe in die Stadt, und obwohl für Renate ein Vertreter bestellt sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg sollte es verbieten, da sie doch ihren Fuß für den Abend schonen müsse.

„Braucht sie abends ihren Fuß?“ hörte Georg sich ganz freundlich fragen.

„Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!“

Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen schneeweißen Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen sah, raffte sich auf, sie zu überzeugen, aber der Streit schien bereits entschieden, und er konnte sich nun wundern, die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm, zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen zu sehn.

„Kann sie denn sehn?“ fragte er ungläubig.

„O ja, heute ganz gut!“

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

„Gern!“ Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie saß, weiter auseinander neben sich, denn die Bank war ganz naß.

Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des Sitzens.

Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter der Hoftür, eine Begier, zu reden über irgendwas, da er sonst denken mußte, und schon hatte er sich an der Banklehne hin zu Renate hinübergelehnt und schwoll über.

In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche Nähe zu spüren. Früher — wieviel ferner als alle Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger Mensch, den sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich Erinnrung an seinen Vater ein. Was erinnerte denn so sehr an ihn? Es war — Magda hatte es getroffen — etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit und Überlegenheit. Freilich — seine Mundwinkel hatten ein Verächtlichkeitszucken, das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz echt scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in Pausen, wenn er schwieg und weithin blickte; dann hatte es einen Glanz von Unerschrockenheit, von Stetigkeit und — sie fühlte ein innres Erröten, als sie es dachte — fast von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte. Warum nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige Gesten? Ja, auch das war wie beim Vater ...

„Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir Charfreitag. Ein schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. Denken Sie an, ich habe da drei Wochen bis über die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt, daß es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie mal auf!“ Er redete nun immer freier und sorgloser, in schnellender Erleichterung von Satz zu Satz. „Ich will Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir verhält. Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. Ich stand in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der Bühne war ein glänzender Festzug, ich sollte eigentlich mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen ließen mich nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme nicht hinein. Komisch, was, aber wir können so weise werden wie Salomo, wir träumen doch immer wie die Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm, barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der Dichter sagt, und was meinen Sie, wer förderte sie zutage? Natürlich Ihr leider verstorbener Vetter Josef. Was sagte er nämlich, wie legte er es aus? Ganz einfach, nicht wahr, nämlich — ich käme bei Gott nicht hinein, in die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man so ‚das Leben‘ nennt. Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun ist es wahrhaftig eingetroffen. Im Allgemeinen und im Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine —, ich weiß ja nicht, ob es Sie —“

„Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie denken müssen, seit Sie Herzog sind, und —“

„Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr? Haben Sie das nicht gedacht?“ rief Georg, bog sich nach hinten und lachte schallend.

„Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer —“

„Schwer? Was für’n Unsinn, Renate! Wie kann so was schwer sein? Das ist genau wie mit dem Dichten, meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns immer, der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können“, schloß er überzeugt.

Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während dieses Schweigens sprach er ganz andre Worte zu ihr als im Augenblick zuvor. Er sagte, langsam und nachdrücklich Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er sich angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte:

Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den Menschen und mir ist etwas wie ein Schleier; nicht einmal Schleier, — nur Glas, durchsichtig, und scheinbar ist gar nichts da, und doch ist es etwas, das den geraden Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr Sein. Das ist die Lüge ...

Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum sag ich es nicht? Warum leg ichs nicht einmal in eine fremde, in ihre Hand, daß sie’s weiß, daß sie — ja, daß sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen als Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser ungeredet verbliebe?

Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann sich und begann von neuem so wie vorher.

„Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen, nicht wahr, ich will beispielsweise reden. Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie auch früher mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, die Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens am Einkommen beteiligt sind. Nun, herrlich, nicht wahr, menschenfreundlich und gerecht. Und was kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner Kapitalist. Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel, der Kapitalismus? Tausend Menschen sitzen mit Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man den Übrigen auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie doch, der steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun, um der sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu stopfen, denn wer satt hat, der ist zufrieden, das ist so alt wie Jerusalem. Ja, aber meinen Sie, das könnte mir passen? Da sehen Sie also, daß bei Menschenfreundlichkeit nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie komm ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe?

„Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da seine Verse mit der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu verhelfen. Dummes Zeug, nicht wahr, das sich reimt, na, aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein. Was tu ich? Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß einen Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich nun mal die Aufgabe habe, im Einzelfall den Mangel der Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich denke nach, nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter, die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug zum Leben bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes, nicht wahr? Alle Dichter höheren Grades, eben jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen und geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? Diese Werke kauft niemand; da sie gut sind, niemand. Was muß der Dichterverlag m. b. H. tun, um sich über Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben, die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie wollen, mit einem Wort: sie müssen einen richtigen Verlag gründen, den Konkurrenzkampf aufnehmen, und so weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind Dichter, sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen, einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was kommt zutage? Ein Verleger mehr zu den alten. Oder aber, ich muß einspringen, muß den Verlag unterstützen —, ja — na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen helfen, der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die Schafe mit Littiti.

„Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. Ein Schuldirektor überreicht mir in Audienz ein dickleibiges Manuskript: Umformung des gesamten Schulwesens. Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt man, fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, nicht wahr? Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder, nur praktischer. Also ich lese zwanzig Seiten und habe folgende Vision. Ich lege das Buch meinem Kultusministerium vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir die Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg ich vor den Landtag. Der sagt auch ausgezeichnet und streicht wieder die Hälfte. Das verbliebene Viertel geht an die Schulbehörde, und da sickert es nun über die Inspektoren zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und allda wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese braven und unbraven Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen und drei Hechte in die Schleuse der Versetzung zu treiben haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus der glorreichen Umformung meines Herders geworden?

„Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf und können sie lausen. Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen ändern zu wollen? Nein, die Menschen müssen sich ändern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie ändert man die?“

Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate auf, die sich langsam erhoben hatte.

„Ja, möchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um sie zu ändern, die Menschen?“ sagte sie leise. „Wie schön —“

„Ich, Renate, ich?“ Hohnlachend warf Georg sich zurück. „Ich? Ja, wie komm ich denn dazu? Einigermaßen sitze ich ja fest in meinem Leben, bin wenigstens fertig damit, aber — hab ich mich denn je geändert? Wie hab ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater —“ Er verstummte, für Sekunden sprach- und gedankenlos, und sah Artaxerxes, den Schwarzen, über das Wasser heranziehn, plötzlich abbiegen und um Renate, die vorn am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er leise fauchte.

„Mein Vater“, fuhr Georg mit Anstrengung fort, „war ein Mann der Tat. Er stand nun mal auf dem Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh auf einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft, in der wir leben, falsch aussieht, oder so — warten Sie — nun, wie wenn Menschen, nicht wahr, deren Natur für eine bestimmte Höhenlage, ein bestimmtes Klima geschaffen ist, in einer andern, höhern oder tieferen Luftschicht angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es verbiegt sich, es wächst verdreht, was nach unten will, nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch wahrhaftig, als säßen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und ließen die Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn?

„Mit einem Wort: daß ich hier sitze und Herzog bin, das ist der allergrößte Schwindel. Aber so geht es eben. Jahrelang habe ich nach diesem gestrebt und es für Glanz und Ruhm gehalten, wie der Dichter sagt, und nu — was is es nu? Wie die Engländer sagten, als sie auf dem Brocken gewesen waren: We have seen all the mist and missed all the scene. So ist es.“

Renate lächelte, und er lachte nach Kräften.

Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich:

„Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von denen sich reden läßt.“

Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: „Und die eigentlichen, die wir verschweigen —?“ Aber indem fiel Georg, erstarrt vom Erschrecken, ein: „Um Gottes willen, was war denn das eben? Das habe ich doch schon einmal erlebt! Nein, es war — anders, aber — die Worte, meine Worte eben —“

Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert Bildstücke seines Lebens, und mit einer Erleichterung endlich traf er auf Bogners gutes Gesicht und hörte ihn die Worte sagen: Und das sind denn wohl so die Dinge, von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in Helenenruh, am Ende auf dieser Bank? Nein, in einem Zimmer war es, im Gastzimmer. — Georg sprang auf und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in einer beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine Entschuldigung.

„Haben Sie“, fragte er, „das einmal erlebt, daß man glaubt, sich an ein andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? Aber nun weiß ich schon, es waren nur Worte Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren — —“ Er brach ab. „Soll ich Sie ins Haus bringen?“

„Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht so schlimm für meinen Fuß,“ bat sie, „ich möchte so gern ein wenig gehn und auch mehr von Ihnen hören. Sagten Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja, dann müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, und dann — dann werde ich Ihnen einen Rat geben!“

„Das wäre herrlich! Also gehn wir!“

Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der Bank vorüber, weiter am Teich hin, um auf einen der Wege zwischen die Wiesen abzubiegen.

Renate (Fortsetzung)

Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder in Gang.

„Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre. Das heißt, ich habe mich abgefunden mit dem hier, dem sogenannten Ich. Man bastelt überhaupt viel zuviel dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber — nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal wach ich auf, und kaum daß ich merke, ich bin für diesen schönen Charfreitag mir selbst überlassen, was fällt mir ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das Christentum. Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als hätte ich das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr Vater war doch Pastor, und Sie — verzeihen Sie die Frage! — Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens — es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...“

Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie ihm schien: „Warum meinen Sie das?“

„Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber — eine gottlose — ich meine: wirklich gottlose Frau, nicht wahr, das erschiene mir schlimmer als eine Betrunkene. Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein? Bei den Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und — auf den Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger an als — eben auf das Frommsein. Irgendwie Gottheit verwalten, einer Gottheit dienen, sei es Astarte, wenn sie glauben könnten an Astarte, aber — das ist ja freilich, was immer fehlt: der Glaube. Und Sie — Sie glauben aber an Gott?“

Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da sie an das Gatter neben dem Eichenwäldchen gelangt waren. Sich los von ihm machend, trat sie davor, legte eine Hand darauf, und während sie über das Land hinzublicken schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer über die lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und wieder wollten sie aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter hervorkommen, der Mund bewegte sich häufig, die Winkel bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich endlich frei von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher Stimme:

„Was wollten Sie denn wissen?“

Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen, da sie seine Frage nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. Indem näßte ein Tropfen seine Stirn, und er bemerkte, daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der Himmel war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden Wiesen wehte das Gras heftig, schon fiel ein feuchter Schauer von oben. Georg hängte Renate hastig ihren Mantel um die Schultern und sagte: „Ins Haus kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!“

Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen hinunter, bis Georg, in das Unterholz einbiegend, voranging, um die tropfenbehängten Zweige auseinander zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor einem riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei Meter hohe Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate eintreten, es war Raum in dem warmen mehligen Innern genug, daß auch er selber drin stehen konnte, und so standen sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer von hoch oben in den Wald einfiel und hier und da prasselte auf den jungen Blättern.

Tiefer ins Innre der Höhlung tretend — während Renate am Eingang eine Schulter anlehnte, ins Freie blickend —, sah Georg mit nicht geringer Beklommenheit in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der Rückwand sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, und daß er ihr nun so nah und in solcher Abgeschlossenheit mit ihr war wie noch nie. Ich glaube, ich könnte ihr gut sagen, daß ich sie liebe; Wirkung, irgendwelche Folgen würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es auch wohl kaum tun.

Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen Knoten ihres Haars, dessen sondres Braun an einer Stelle matt glänzte und heller schien in dem aus dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die Biegung ihrer Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- und Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer zu atmen schien. Weich lag die Stille umher mit dem Regengeräusch und fernem Gezwitscher von Meisen.

Renate sagte:

„Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn das für ein Glaube, den Sie haben möchten?“

Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus innen sprechen zu dürfen, und indem wurde sein Auge von einer neuen Erscheinung gefesselt. Das war nichts weiter als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich gegen den Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen, aber schon großen — vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen so groß gewordenen Blätter mit kleiner Zackung waren sich in einer so liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich auf ähnliche Weise immer wieder vorhanden, und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach und klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren und stillen Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und ungestört, wenn eines ein Tropfen traf, daß Georg die Augen nicht abziehn konnte von dem freundlichen Bild und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann an:

„So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort ausschauen müssen nach allen Seiten. Was hab ich gewonnen? — Weltanschauung — das Wort will zu viel und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? — Nein: wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist not, — und ein tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies Wissen — das möchte ich wohl. Ach wohl, ich habe immer gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun scheint mir fast, mir — und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem fehlt nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie — am Ernst.

„Und dann, Renate,“ fuhr er traurig fort, „dann wäre Religion nichts, das einem zuflösse von außen, vom Himmel, oder woher es auch sei. Sondern sie wäre wie eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein Temperament, wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man mit ihr berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.“

„Und das Christentum,“ hörte er nach einer Weile Renates Stimme durch den Regenstrom, „das, glauben Sie, könnte Ihnen —“

„Ich weiß ja nicht!“ rief er, sie unterbrechend. „Heut morgen sprach ich mit Anna und Benno darüber —, aber seitdem ist mir alles so zerfallen. Das Christentum ist für jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult der Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei Hearn, daß es in ihm weder einen Unterschied zwischen Religion und Ethik gebe, noch zwischen Ethik und Moral oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die Gesetze der Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, seien die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und Religion, Sitte und Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht wundervoll? Und weiter erinnere ich mich, daß er sogar sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes liege in seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. Das, das ist es! Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, die zu Religion geworden sind. Verstehen Sie mich doch, Renate, ich will keine Religion für mich, sondern für Alle. Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie sein? Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen? Warum auch übernahmen wir das Christentum? Sie wurde uns eingeimpft, diese unsinnige Lehre vom Leiden, diese versprechende Religion, die das Leben nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind die Japaner vielleicht bessere Menschen?“

Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, immer die mattgrünen stillen Blätter vor Augen, deren jedes ihm mehr und mehr eine Offenbarung hinzuhalten schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden. Dann als er schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit über die niederfallende Flut.

Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und lächelte ein wenig. „Ach Georg,“ sagte sie dann, „ein bißchen, ein ganz klein bißchen erinnern Sie mich doch immer an Jules Verne.“

„Ach! Aber warum denn das?“

„Weil er“, erklärte sie, „zuerst eine Möglichkeit annimmt, zum Beispiel die, daß eine Kugel voller Menschen sich zum Mond schießen lasse. Und auf dieser unbewiesenen Möglichkeit baut er nun weiter, ganz wissenschaftlich und logisch und richtig, und alles bekommt seine Ordnung und wird belegt und bewiesen — bis auf jene Möglichkeit. Und Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: der ist so! Und auf diesem ‚so‘ bauen Sie auch weiter nach allen Regeln der Logik, und es hat alles seine Richtigkeit, bloß das ‚so‘, das hat keiner bewiesen“, schloß sie lächelnd.

„Meinen Sie wirklich?“

„Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion des Leidens? Nun, und selbst wenn es das wäre, heute wäre, wer zwingt Sie, das anzunehmen?“

„Sie haben recht, Renate, ich — ich kenne es vielleicht gar nicht. Also habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich doch bitte!“

Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der überlaut strömende Regen leiser würde. Dies geschah auch bald, und Georg hörte sie sprechen, von ihm abgewandt, dem Wald zugewendet.

Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd, eine Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen.

„Wir“, sagte sie langsam, „blicken aus der Gegenwart in die Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne Christus, im Jahre Eins oder Dreißig, so scheint uns dort alles anzufangen wie die Rechnung unserer Zeit. Es scheint, als wäre von allem, was er brachte und war, nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes Neues erfunden habe, und wie wäre das möglich? Nur auf einem Grund läßt sich bauen, nichts ist neu von allen Seiten, und wie alle Andern, die uns heute ein völlig Neues gebracht zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es war alles schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht.

„Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz, überschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung der Sünden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre, alles umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau, der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und es dient nur, sie zu erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. So aber müßte man sie in Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlußstein des Baus, aber das Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung.

„Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem leibhaften, glühenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer eifriger, immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten, erst Worte gab, dann Taten — jene, die heute die Wunder heißen — zur Erhärtung, als Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig packend in die Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr Augen gab und Lippen und schlagende Flügel, und der also leibhaftig redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der Darlegung, und so kam es dann, daß er so widersprechende Worte sagte wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis daß es alles geschehe, und daß auch kein Tüttel vom Gesetz verloren gehn solle, und er nicht gekommen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er, denn die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des täglichen Lebens, und wie schön an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, daß sie das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche, nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer leibhaften Zukunft der Menschheit.

„Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt hat, und also sein Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war, überall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun der Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, — und langsam ließ sich gewahren, wie er sich verstrickte, und daß es nicht genug war, gut zu sein, daß es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und gegen die Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, daß er einmal zu zeugen haben werde für das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls — in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort — obschon vom Dulden und Geduldhaben —, bis jene Ahnung begann. Und so kam die Abschiedsnacht.

„Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und kehrte zurück. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden Menschen, der sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine schönen Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß er nur, wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch vorübergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besaß, war jene im Garten die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand? War er nicht unendlich einsam, eine dürftige, frierende Frucht in der Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und preßte und herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin und esset, dies ist mein Leib!

„Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens? Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm nun die glühenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie, die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er doch vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner Sonne sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu meinem Gedächtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, daß sie sich das Letzte trinken würden im Wein seines Blutes, wenn sie nur glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Sünden.

„Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und wer liebt.

„Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von ihm wußten, einfältig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer dem frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und als dann die noch Spätern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden.

„Was dann kam, wissen Sie, Georg.“

„Kaiser Julian“, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht — im Anfang; mit Eifer und Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft — unendlich schön, aber so erging es mir immer, daß ich auf das höchste entzückt und beglückt war, Botschaften zu hören, aber was sie niemals enthielten, war Glaube.

„Kaiser Julian?“ fragte Renate, sich umwendend, „warum der?“

„Der letzte Christ“, erklärte Georg trübe. „Wissen Sie, was Strindberg von ihm sagt? ‚Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus, ist aber doch ein Christushasser.‘ Das ist so beschränkt, wie Strindberg merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, glaube ich, und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr, und nur die Guten, nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich. Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur Formel, die es auszusprechen genügte, während es vorher Leben, Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian, der Abtrünnige, vermutlich der letzte christliche König gewesen, der gut war, ohne öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser Lehre besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. Ach, ist es nicht unerhört, daß diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden ist?!“

„Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?“

„Weil — also weil sie eben unannehmbar für mich geworden ist! Da ist mir alles weggeglaubt, möcht ich sagen.“

„Müssen Sie denn glauben?“ fragte sie plötzlich.

„Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich ausgegangen heut morgen. Denn — vielleicht ists doch nur Einbildung? Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint, glauben zu müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich nur nicht entziehen?“

„Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und — ich will Ihnen sagen, was mein Vater lehrte. Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles lenkende Weisheit. Und nun —“

„Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?“

„Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist vom Walten dieser Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes Wort und jeden Gedanken?“

Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß er von solchem Glauben weiter entfernt wäre als von allem andern.

„Aber mein Gott, Georg,“ rief sie nun verzweifelt, „was ums Himmels willen wollen Sie denn eigentlich?“

Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster Festigkeit und sagte:

„Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In diesem war Christus der Höchste, der sich so sehr — sagen Sie, ob ich begriffen habe! — so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung mit den Menschen Liebe wurde, und das heißt Zeugen. Dazu gehört der grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.“

Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide Hände auf seine Schultern legen. „Wir wollen uns doch bemühen, Georg, sollte uns das nicht fruchten?“

Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis verhindern wollte, — und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu verdrängen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch Wort um Wort kämpfend und hoffend, dies, was sie gab, müsse stärker sein und jenes verdrängen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle, mit der sie Mitleid hatte, — gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor seinem Sterben; sie sprach:

„Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:

„Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die eines unendlichen und unablässigen Staunens sein; des Staunens über die unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfaßlichkeit Gottes, das ist: des ewig seligen Daseins.

„Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und Abnutzung, ja schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. Wir sind immerfort sterbend.

Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang gefunden haben in das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen Wesen Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die Erde, — so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt immer wieder neu und erstaunlich macht.

„O aber wie willst du eingehen können in die ewige dorten, wenn du in die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist! Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schönern Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine sein dein Bemühn: lerne zu staunen! Lerne die mächtige Kraft der Neuheit, die schöpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreißen, den du liebend von Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer wieder knüpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von Gold, und um so süßer verlockend das Wort „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: „von Augenblicke zu Augenblick“ knüpf ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand einmal aus der meinen nehmen wird, mich für immer hineinzukleiden, oder ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.“

Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zärtlichkeit versuchte sie, durch ihren Blick Georgs über ihre Schulter gerichteten Blick zu sich herzuwenden, und sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im Ernst des Todes: „Hast du verstanden?“

„Ja,“ sagte Georg, „ich liebe dich!“

Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend von Enttäuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch Buschwerk und Bäume, bis sie den Weg erreichte.

Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschämung, falsch, — und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus, als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott verbürgt und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich, Engel? — Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht anders.

Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, daß dieser, der während der ganzen Zeit die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld — damit er erkenne, was sie hielten! — hingestreckt hatte, sich jetzt völlig achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd und fand sich bald im Freien der Mittelallee durch das Wäldchen und in der voll einfallenden Mittagssonne. Ganz fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von Renate und ging ihr nach.

Fünftes Kapitel

Erasmus

Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval in der Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte sogleich von rechts her auf dem unter der Terrasse einherführenden Wege drei Gestalten, langsam schlendernd in kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in schwarzen Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der Andre schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben Ölmantel sah sich um, gewahrte sie und blieb stehn, indem er mit einer leicht zurückfahrenden Bewegung die Hände ausstreckte.

Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn sie stand, angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit, die schmerzhaft ihren Kopf und auch ringsum vor ihren Augen alles zusammenzog und verdunkelte, gespensterhaft anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine Sonnenfinsternis. Und während sie inständig an der Frage nagte, wer jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter Schnelle und Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das schmerzhaft dumpfe Sitzen und Reden beim Frühstück, Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf der Bank gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen und trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den Anblick der Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich ausschlief. Die Wanderung mit Georg und ein heiliges Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust mit jedem ihrer Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick später war all dies erloschen; sie spähte mit heißer Angst links und rechts, wohin sie noch entfliehn könnte, sah die Gestalten fern wie Gestalten eines Traumes und setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein. Sie sah die zwei Andern und sah sie auch nicht; sie ging auf den großen zu, auf Erasmus, der entgegenkam, den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr anblickend fragte sie:

„Heut kommst du, Erasmus?“

Er erwiderte: „Es ist Charfreitag.“

Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das unausgesprochene hörte: Dein ernstester Tag.

Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschöpftheit in den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geöffnet wie im Kauen. Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen hinauf, über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo sie dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mußte zu ihm aufsehn.

Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er bemühte sich offenbar schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte:

„Woher kommst du?“

„Von zuhaus.“

„Zu Fuß?“ fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.

„Zu Fuß“, sagte er stumpf.

„Dann hast du wohl Hunger?“

„Ja,“ sagte er gequält, „Hunger.“

Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, und sie hielt ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, während alles zu Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: „Nicht danach!“

Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob die Hände, legte sie auf ihre Brust und fragte so: „Willst du?“ und stöhnte.

Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der Schulter fest, die sie fühlte, und verlor sich für Sekunden in einem Schluchzen der Geborgenheit. Im nächsten Augenblick hatte sie sich losgerissen, und sie schrie irgend etwas — „Warte!“ schrie sie, „warte noch! einen einzigen Augenblick!“ — und fand sich nach einer Flucht, von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut, um Hülfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: „Nicht beten! nicht beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn sein?“ Und sie stand wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Händen, wie blind.

Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wußte gleich, daß etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche jenen großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: ‚Zu lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.‘

Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als nach einer Zeit ihre flatternden Hände sichrer geworden waren, riß sie den Umschlag auf, nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Blätter heraus und las dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: ‚Auszug aus meinem Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April‘ und eine Jahreszahl. 28. März — das war der Todestag ihres Vaters. — Sie las weiter den Eingang: ‚Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...‘, und in einer der nächsten Zeilen das Wort ‚Erasmus‘.

Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke hinauf; sie wartete, aber umsonst, und — Nein, das muß er doch lesen! dachte sie und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich dahinter zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rücken nach ihr stehn. Während er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später stand sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand und sagte: „Dies mußt du lesen!“

Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.

„Jetzt?“ fragte er.

„Jetzt! Vorlesen, bitte!“ bat sie hülflos, zurückweichend, und sah ihn zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge gehn, die in der Sonne dunkelgelb glühten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen Armstuhl. Sie ging ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor ihrer Kälte.

„Das kann ich nicht lesen“, sagte er, die Hand mit den Blättern sinken lassend.

„Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von dir?“ Er nickte. „Und von mir?“ Er bejahte wieder. „Dann lies!“ sagte sie aufatmend und legte die Hände zusammen.

Erasmus las.

‚Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause.

Wir kamen — Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, und ich — am Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schöner Gang. Die spätmärzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der lehmig festen Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weißes und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche Sonne des Jahre rüstig am Werk, noch vor Abend die grauweißen Eiswälle des Gewölks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mächtige Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; die Sonne kämpfte rastlos. Strahlen vergoldeten das grüne Land in der Tiefe überall, und es dampfte. Unsern Weg entlang — Alleen weißblühender Kirschbäume — schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdländische Stadtsiedlungen niedriger weißer oder rosigbehauchter Kuppeln, Städte von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen, kräftig und derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser, in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den Himmel zeigten, andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blühten Aurikeln und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um die Beetränder. — Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu andrer Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom Begräbnis des Großvaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals unerwartet erschien: weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn, die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lächeln des Weisen: so hätte er uns hier grüßen sollen vom Zaun eines dieser freundlichen Gärten, Freund der Fluren, von dem es heißt:

Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten Die losen binden an die starken Schäfte, Die harten grünen Herlinge betasten Und brechen einer Ranke Überkräfte. Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze, Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben. Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben.

Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte, wars um so stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, in ihren Gärten oder vor den Türen war, schwarz gekleidete Männer und Frauen in Gruppen überall, leise miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen saßen die reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach uns blickend. Schön, wie hier vom Wesen des Toten letzte Flämmchen verflackerten, von bekümmerten Händen beschirmt. Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an Mauern putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl sie sich unbesorgt stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür in einem Kreise von Männern, barhaupt, kenntlich an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, brachte die allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit zum Ausdruck. „Ein Mann,“ sagte er, „wie es keinen zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber Freund.“ Er schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten, die wir sehen würden, über die er weiter nicht mit der Sprache herauswollte. Plötzlich hatten wir dann, um die Ecke in eine Seitengasse geführt, die reizvollste kleine Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, und leise wankten die Säulen.

Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben, den eine niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß; darüber blitzte von vielen Stellen her die Vergoldung schöner, altertümlicher Grabzeichen aus schmiedeeisernem Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem Dach, und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde. Zur Linken um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine alte Kastanienallee, blühend übersternt mit weißen und roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine Seitenwand mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein zweistöckiger, warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock, wie ich hernach sah.

Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu zeigen, gingen wir zwischen den gleich Betten säuberlich bereiteten Gräbern voller Blumen hindurch; allein das für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte naturgemäß keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck all dieser Löcher aus gelbem Sand.

Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine Gittertür hinweg einen anmutigen Blick: im Ausschnitt einer wohl hundert Schritt langen Allee noch unbegrünter kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah mannshohe grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal über drei Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm Sims; darüber den leise vergoldeten Korb des Balkons vor der oberen Glastür, und endlich das gebrochene, schwarzbraune Dach, auf welches eine große und schöne, schneeweiße Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt wurde und zu sprechen begann in einem zierlichen Vergleich mit einem Schrein oder Schiff, das sich auftun möchte, eine kleine Schar singender und musizierender Engel zu zeigen. Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme:

„Sie“ — seine Dorfleute meinend — „glauben, daß er mit solcher Liebe an der Erde hing, daß er sich nun nicht losmachen kann; und sie würden gewiß nicht erstaunen, wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit himmlischen Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn“ — er lächelte — „wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen ist die alte Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das Wunder das liebste Kind jeden Glaubens ist.“ Er verstummte, auf das schwärzliche Netzwerk der nächsten Lindenkuppel deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin, als sei sie gefangen. „Sie singt nicht,“ sagte der Gute, „alle Sänger sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich, —“ setzte er verständig hinzu, „viele sind ja noch nicht zurückgekommen, doch haben wir mehrere Meisenarten allein, die überwintern.“

Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist er mir mit dem Lehrer weit voraus, und so mag er lange bemerkt haben, was mir entging. Auch zeigte alles sich so frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den Lindengang hinab und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich vorbereiten auf Tod und Totes. Allein — was war nun das, was wir fanden im Haus?

Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte uns leise und führte uns durch ein großes und mit weißen Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen den Bücherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, — sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wächsern und lang in hohen Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch, wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; der Deckel lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein Vater das Tuch fortnahm.

Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wächsernen Gelbe, zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das Haar und der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hände waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefüllt mit stumpfem Blau, starrten sie nach oben.

Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa stand weinend und zuckte die Achseln. „Wer sagt denn, daß er tot ist?“ murmelte er dann erschöpft. Ich fragte: „Der Arzt ...?“ Er schüttelte den Kopf und bat uns, ihm zu folgen.

Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den Flur und öffnete eine Tür an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben großen, quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden, durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe Sonne in prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von uns drei großen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die beiden Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache Gemach mit weißer, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Möbeln aus den zwanziger Jahren, Schreibsekretär, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem einzigen Düsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glühendem Rot überzogen. Fee oder Göttin, dachte ich, was für ein Wesen mag das sein, dem dieser Feuerschrein als Behausung dient? — Und noch, während ich den Papa auf Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt und Züge einer flüchtig gesehenen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit Namen Renate.

Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite und enthüllte die sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt eines schönen, anscheinend blonden Mädchens in weißem Kleid, das uns aus groß offenen, hyazinthblauen Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne Bewegung, ohne Blick.

„Aber sie ist nicht tot?“ hörte ich die Stimme meines Bruders sehr tief. Mein Vater verneinte stumm. Wir traten näher.

Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht als alles. Die Starrheit der Augen beeinträchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond, sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei blieb, dann tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände und bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, daß es mir dort innen erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, blutrot gefüllt; in einer Figur aus gesponnenem Glase.

Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; kaum zu bewegen.

„Was ist mit ihr?“ fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater hörte ich das leise Klirren der Glastür und sah ihn ins Freie treten. Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hände auf die Tischplatte vor sich gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten.

Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch in dem Garten stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, weißwolkiger Obstbäume, blühende Zweige zu Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, — so hübsch, wie gesagt, so lebendig, daß ich ihm ernsthaft wünschte, als Pfarrer hierherzugehören, anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was ihm doch nie recht gelang.

Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine letzte Frage: „Was ist mit dem Mädchen?“

Er sagte: „Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb — der Arzt sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen — er starb unerwartet gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, als er noch atmete; da saß sie schon fast wie jetzt, nur furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie verlassen. Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon den dritten Tag. Und“, er stockte, „ich fürchte mich, ihn zu begraben.“

Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen der Lebenden und dem Toten? Und ich wiederholte ihm die Worte des Lehrers vom Nichtfortkönnen des Toten.

„Muß mans nicht glauben?“ murmelte er gedankenlos, ich weiß nicht auf welchen meiner Sätze als Antwort.

„Der Arzt?“

Sei ratlos wie er selber.

Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei zweifellos sehr innig gewesen.

„Das innigste!“ Nun wurde er beredt. „Sie lebten jeder nur dem Andern und durch den Andern. Ihre Mutter starb ja, als sie zwei Jahre alt war. Mein Vater hatte ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem Mädchen, seiner Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, Güte und Würde. Er war einer der tiefsten Menschen, und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich, in seiner Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. Stelle sie dir vor —, eine andre Cäcilie.“

„Vermutlich also“, fragte ich in plötzlicher Eingebung, „spielte auch dein Bruder die Orgel?“

Er nickte.

„So muß man“, sagte ich, „die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.“

Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich darauf komme?

„Willst du spielen?“ fragte er nach einer Weile.

„Leider“, mußte ich bekennen, „ist mir die Orgel ganz fremd. Es müßte auch ein Stück sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstück vielleicht, und ich lese, wie du weißt, keine Noten.“

Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der Kirche sei.

Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, so ereignete sich das Seltsame, daß die Orgel ertönte. Klar auftretende, lang gezogene Töne kamen herüber, andre Stimmen mischten sich präludierend herein, noch leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller Macht breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges Herze, frohlocke sing scherze! wundervoll jubelnd in die Lüfte. — Später erfuhr ich dann, daß der Lehrer, dem es eingefallen war, das „Leibstück des Seligen“, wie er sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt hatte.

Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir die befremdliche Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenüber — in der linken saß das Mädchen — den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der Rücklehne, seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie unbeweglich.

Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste.

Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, daß diese Beiden einander so verhaftet waren im Leben, daß sie sich nicht losreißen konnten; daß nun die Lebendige hier angeschlossen war an die Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenkönnens und Nichtlebens, — so mußte es einen Weg geben, das magische Band zu zerreißen. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub für die Welt? Sie blieb unverändert.

Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wälder legte sich wie ein dunklerer Strom über das schon versinkende Licht, und als er verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Weiß nur die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten.

So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für den erschöpften Papa die Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen, ihr zugewandt, die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe, starräugig im Dunkel.

Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir stets klar, daß in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr zarte Kräfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes Rätselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine Kraft zu gebrauchen.

Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem Tode des alten Mannes. Es ist nichts verändert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen gewaltsames Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich sein könnte, würde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen, bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich gab. Die Luft aber in diesem Haus —, sie kommt mir fast reiner als anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft das Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit verbracht, in der Nähe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die keinen Laut hören lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen, das augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, kamen und gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des Aderöffnens; hatte er danach auch das Mädchen beobachtet, so hüllte er sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin ungewöhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist abzusehn, — bei meinem Dämon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich hineindenke: Allmächtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann: Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen keine die Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hören durch die ewige Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum Hades, Psyche, dein Weg?

Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen, die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt, in dieser Aufgabe verfing, — davon zu schweigen, daß kein Andrer vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während mein Vater hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach — die übrigens gar nicht so verstört scheinen, sondern vielmehr als verstünden sie sehr gut, was hier vorgeht —, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, — tagein und tagaus, nachtein und nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er schläft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; später, als wir Milch und Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille, sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube daß er ist, muß ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte es ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber —

Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend saß, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklärte — ganz ruhig übrigens, beinah sanft —, er verlasse das Haus für eine Weile und würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden vorüber; auch dieser schön ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die Ungewöhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.

Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen hüllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu kommen.

Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel. Erasmus mußte die Wege in der Gegend von seinem früheren Besuche her kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg, der durch die Weingärten zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle, bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden, dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht mehr Montfort heißen, wenn er nicht vorhat, das starre Geschöpf in den Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist vernünftig, die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, Zauber, — wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den Strom versenken, und was auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatürliche Band wird zerreißen, und wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht ich und fühlte das Kostbare der vom Rhein herüber hauchenden Luft von fast feuriger Kälte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich mich zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte.

Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der Mond, ein kaltes Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin strömende Fläche, rastlos erfüllt von einem andern als dem Geiste der Feste, — zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken hinunterführte. Der Schattenriß eines langen Kahns war dort unten. Die kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen öde. Mein Bruder senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie liegen konnte, seitwärts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, aber weiter unten im Strom eine Furt. — Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf und am Ufer niederlegte, erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls das Mädchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern zurückgehen würde.

Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmäßig einmal über das andre die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder heraufholte. Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten ihn treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten später hörte ich den Kiel auf Steinen knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut und watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hüfte überstieg; ich hob die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt, bleich und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein floß durch die römische Provinz; wir senkten geheim ein Götterbild in den Strom, letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre.

Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert vom einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen begann. Dann hörte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende, die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs überm Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr würden diese jetzt kahlen Hügel überschüttet sein mit den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige Glut alles überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel einer unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom — — bei halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht, Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms, glänzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. Ganz mächtig im Eisigen dieser Flut spürte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner Seele, und so tief, daß es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die Götter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.

Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, — der schöne, leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschöpft, übergeneigt aus dem Wasser, die Fäuste im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß er sie in Blut baden möchte.

In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse an, als ich sagte, daß man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Roß oder jungfräuliches Rind geopfert haben würde. Die Unselige dauerte mich wahrhaftig, und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein mittelalterlicher Quacksalber würde ihr längst eine Ader geschlagen haben und womöglich das Rechte getroffen.

In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus verständigt sein mußte, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein kleines weißes Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tücher bereit hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen. Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein; weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn.

Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß sich, das Begräbnis für morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute strömen in Scharen herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates fernzuhalten, wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie anglüht rastlos mit brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke um die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts weiß und nichts ahnt, was dann?

Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hülflos. Ich greife mir an den Kopf und frage, woher das Ende kommen soll?

Und da ist es, das Ende.

Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei überzeugt, ich werde es dir nicht vergessen!

Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines Falles und sah, daß die Sonne noch über den Rand der Erde nicht herauf sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan schläft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem Vater zusammen. Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn strauchelten, liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das Mädchen, Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen können: sie sitzt dort, aber nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, ihre Wangen glühten, kleine Perlen standen in der Nähe des Haars. Als die Sonne da war, konnten wir sehen, wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles, scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines schlafenden Kindes.

Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war wieder schwer.

Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim Fortgehn dort zusammengefallen sein mußte, und ihn mit vereinten Kräften treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief. Später am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft, schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, daß ich mich abwandte.

Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug eilen konnten, ihn einzusargen. Schön war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn, entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die Orgel überlaut Te deum laudamus brausen. In die Haustür tretend, sahn wir den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Händen und weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die Orgel übertönte. Mir fiel ein, daß es gut sein möchte, wenn der löwenhafte Zerreißer jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette zerrissen hätte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns herumgehen ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!‘

Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie ohne ihr Zutun geraten war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, die Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing, eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen und namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder und wiederum väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht einmal sie zu denken wagte; unzähligen seiner Auslegungen um den Kern seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus dasitzen, ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter noch in der Hand, nichts als ergeben, — und mit einem zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder als hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, weiter in der ganzen wütenden Not und Mühsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des Gebärens, wälzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, — und endlich mit einem reißenden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich, fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut.

Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch ungläubig, — trug sie durch einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein stiller Mönch, und sagte: „Mach du mich rein!“ Ihre Knie beugten sich tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hände brannten von Eifer und Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und so lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte:

„Ich will dich lieben!“

Erasmus (Fortsetzung)

Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst sehr müde. Mit einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, daß sie nicht schlief, erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich auch, daß Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt —, ja, daß sie zuerst gesagt hatte: In mein Zimmer! Sie hatte die Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Körper schien Ähnlichkeit zu haben — und vielleicht auch die Seele, — mit einem von betäubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren Kopf nicht zu fühlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da, nur äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies — sie wußte es wohl — diese Leichte, diese Wärme, das war alles wie damals; damals als er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte ... Daß sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde, wußte sie, und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell draußen von entferntem Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im Fenster zur Linken — sie war etwas geblendet — befand sich ein menschlicher Schatten: Erasmus.

Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, ja, die ihr ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer Müdheit mit einem unendlichen seelischen Behagen gesättigt war. Eine von innen quellende Wärme, die duftete und an die wundervolle Wärme eines uralten Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte, sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu können, aber das Gewebe der Wärme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend auf und nieder, daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren Atemzügen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein Licht.

Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der Steppdecke, mit der sie bedeckt war, über die Wände mit ihren vielen kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an Erasmus haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter.

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