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Helianth. Band 3

Neuntes Buch. Charfreitag oder Die Eltern (continued 3)

Reading edition

Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte, und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermüdung und großer unbewußter Würde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen ihres Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß er sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien so überaus unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt war; die Oberlippe zu lang wie die Nase, die obendrein eingedrückt war; und nun erst diese zwei unmäßigen Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das mißfarbene Haar war dünn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen, klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner.

Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich auf, im Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl für diesen Menschen, und nun überrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang. Ach, die schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war und nun an vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut, daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise nichts als: „Nun?“

Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd mit einem Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend war ihr dann das innerliche Dröhnen seiner Stimme, als er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie etwas wünsche.

„Befinden?“ sagte sie, „gut. Und wünschen möcht ich gern, daß du dich wieder hinsetzest wie eben.“

Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht aufstützte und Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen des Fensters legte, erhobenen Haupts, und diese Haltung von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch besser. Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu lieben, ist das Leichteste von der Welt.

Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich sacht, schwebend und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme Weise geteilt in Nähe und Ferne, so daß es eng war um sie selber und alles andere fern, und daß sie niemals mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig.

„Und nun, Erasmus,“ bat sie nach einem Weilchen, die Augen schließend, „mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt gleich. Ich will dir sagen, wie ich es meine.

„Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis. Gott schickte alle Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß er sterben müsse, aber er weigerte sich. Da kam Gott selber und begann, ein Grab zu graben. Und während er dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.“

Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von diesem Vorgang keine Darstellung gab, sah sie deutlich die alten, dunkelgrünen Kacheln mit den undeutlich gepreßten Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit dem Fuß auf den eingestemmten Spaten.

„Nicht,“ fuhr sie fort, „daß ers wüßte, — denn er wußte alles. Nicht daß ers wüßte, sondern daß ers einmal von Angesicht zu Angesicht erführe, so wie’s gewesen war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es ja gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen könnte, sagen: Also war es ...“

Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und sagte nach einer Weile, während seine Augen schwer wurden und angestrengt unter der Last der Stirn: „Ich muß wohl. — Es wird schwer gehn.“

„Ich will dirs abfragen“, sagte sie sanft, und er nickte langsam vor sich hin.

„Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was du hast. Ein sehr schönes Ohr. Aber das andre wird auch so sein. Hier —“ sie zog mit dem Finger den Umriß in die Luft — „hier oben ist eine sehr schön gebogene Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen ist sehr lang und gerundet.“ Ja, wie schön, dachte sie innerlich, in einem so unvollkommenen Gesicht eine so vollkommene Sache; vielleicht gilt überhaupt nur die und das andere gar nicht! „Es ist genau,“ schloß sie, „wie ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.“

Er hatte das Gesicht hergewandt. „Weswegen denn das?“

„Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen doch immer! — Aber nun will ich fragen.“

Nach einem langen Stillschweigen dann, während es draußen dunkler wurde und der Regen rauschender fiel, die kleinen Bilder an den Wänden fast ihre Farbe verloren, begann sie:

„Erasmus, wie warst du als Junge?“

Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hörte: „Zu!“ und sie dachte, es käme noch eine Ergänzung, aber nichts.

„Und als Jüngling?“

„Böse.“

„Und als Mann?“

Er beugte sich weiter vor und sagte: „Hülflos.“

„Zugeschlossen“, wiederholte sie leise. „Du durftest nicht zeigen, was in dir war. Oder du mußtest es heimlich tun, nicht wahr? Wenn du deiner Stiefmutter etwas schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn sie nicht darin war.“

„Woher weißt du das?“ fragte er erstaunt.

„Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so langsam gewesen und kamst immer zu spät, und Alle lachten. Da ließest du es lieber ganz sein. Und keiner, dachtest du, mochte dich leiden.“

„Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem Gesicht.“

„Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa gefürchtet, es war grad umgekehrt. Und dann war Josef immer da und viel leichter, nicht? In der Schule fielen dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht. Ach, guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen kleinen Stern hinter einer schweren Wolke. Nun wird alles besser werden.“

„Als aber“, fing sie bald darauf wieder an, „Mathematik und Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen guten Ofen, der wärmte, nicht wahr? Darin warst du Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu achten. Bekamst du da Freunde?“

„Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu Hause wie ich, wenn auch in andrer Weise. Er machte mir Zeichnungen, und ich seine Aufgaben. Schließlich lief er doch weg.“

„Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, und du gingst —“

„Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.“

„Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?“

„Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. Da stand er einmal neben mir, und wir kamen ins Gespräch.“

„So. Du kamst in Gespräche ...“

„Diesmal.“

„Wie lange bliebst du in Berlin?“

„Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. Dann in Marburg.“

„Warum warst du da böse?“

„Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, niemand nützen. Mir lag nur an meiner Arbeit.“

„Was für eine Arbeit?“

„Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der Schallwellen ...“

„Ach,“ sagte Renate verstehend, „wegen deiner Ohren! — Was ist daraus geworden?“

„Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen mußte, blieb alles liegen.“

„Du warst ganz allein?“

„Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.“

„Und dann kamst du in die Fabrik?“

„Nein,“ sagte er, sich abwendend, „da kam ich erst nach Flor.“

Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst wieder, daß es dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen immer in einen furchtbaren Knoten geschlungen trug, und der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte wie an eine Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein Allmächtiger. Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte zerhauen werden.

Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: „Wie war das — in Flor?“

Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich. Er könne es nicht sagen. Er hätte keine Worte dafür. Es sei dumpf gewesen.

„Als ich wieder aufgewacht war,“ sagte Renate mit mehr Sicherheit, „da konntest du nicht kommen und sagen: Du gehörst mir!?“

Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein Mensch ins Wasser fiele und ein Andrer hole ihn heraus ...

„Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins Wasser springt es sich leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen und etwas Mut. Ins Wasser wäre Josef auch gesprungen.“

„Vielleicht“, gestand er, „glaubte ich, du würdest mirs ansehn.“

„Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und nun sehe ich.“

„Es hat so sein müssen.“

„Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir uns wiedersahn in Altenrepen, was dachtest du da?“

„Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden hatte.“

Renate schwieg. „Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht zwei Schatten gehabt hätte ...“

„Zwei, Renate?“

„Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht brennt am Tag. Glaubst du an Doppelgänger? Ich glaube, es war einer.“

„Bei Josef war alles möglich.“

„Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. — Und dann ging Josef, und du dachtest —“

„Er wird bald wiederkommen.“

„Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.“

„Er kam auch nach anderthalb Jahren.“

„O das hast du gewußt?“

„Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.“

„Wann denn?“

„Einmal — du warst im Garten, mit Saint-Georges erst, dann allein. Du gingst zum Zaun und kamst nicht wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann mußte ich dir nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah ich euch, wie ihr auf der Schaukel wart.“

„Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du wie immer ...“

„Du auch. Man beherrscht sich ja.“

„Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam dann?“

Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er schwieg, denn in dem Augenblick brauste der Regen schallend auf, eine, zwei Sekunden lang, worauf er ebenso schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf hörte sie nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel blau sah im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle wandernd einher und winkte nach allen Seiten, daß der Regen aufhöre. Renate mußte lächeln.

Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute ist, die geboren hat! Auch erst so kalt und steif, wie als Erasmus mich trug, und dann so gewichtlos und warm?

„Komm zu mir!“ bat sie mit schwacher Stimme. Er kam und mußte sich auf den Stuhl neben ihr setzen, worauf sie seine eine Hand nahm und hielt. Sie war trocken, warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß man kühlen! — Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und kühl, wenn uns glüht, denn er ist beides. — Wer hatte denn das gesagt? Jason wohl, es klang so nach Jason. Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die große Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre Bildung. Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund, unedel — bis auf den Daumen, der für sich allein aussah wie — Renate fiel ein — ein Konnetabel von Frankreich. Sie schloß nun die Hände um das ganze, große und gestaltete Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach Josefs Tod:

„Gab es nur die eine Lösung?“

Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, zu dem sie gehörte, und den Renate neben sich kaum noch erblicken konnte, sagte:

„Ja. Wenn es eine war. Immerhin — ich bin frei geworden. Sogar mein Verstand —“ Sie hörte ihn unbehülflich lachen.

„Wie meinst du das?“

„Es war alles locker geworden.“ In der Hand liefen Wellen, die an ihren Händen zuckten und zerrten, immerfort hin und her. „Vorher war das — wie Gänge. Aus einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. Dann lange Zeit nichts, und das war schlimmer. Dann wie gesagt ... Dann das Studium, und meine Arbeit; dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein Gang und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng, ich konnte eben drin hingehn. Es war alles vorgeschrieben, und — auch Lesen, Spaziergänge — das war nur, wie wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.“

Er schwieg — und fuhr wieder fort mit einem Stoß.

„Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ... Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre; und er war allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte mir beweisen, daß ich ganz recht getan hatte. So war Josef.“

Es kam nichts mehr. Renate sagte: „Weiter, Erasmus!“ die Hand festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill.

„Wir verglichen,“ stieß er sich wieder vorwärts, „wir verglichen mein Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte, ich würde verrückt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es nicht.“ Er stockte.

„Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und steinhart wird. Man muß sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so gelernt: Tod muß mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden, und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß auch sterben. — Wenn nun die Gerechtigkeit erfüllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich arbeitete so mit Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung über einen zweiten Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, empfand auch Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus giebt Plus.

„Ja, so hab ich gerechnet“, fuhr die immer mehr dröhnende Stimme fort, während die Hand in Renates Händen feucht wurde und klebend. „Und dann fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also keinen zweiten Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.“

Renate sagte leise: „Und dein Vater? Er hatte doch ver—“

Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine abwehrende Bewegung zu machen.

„Er — ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und die Welt? Nein, soweit war das schon richtig mit Gott.“ Er sprang auf und stellte sich irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich aufatmeten.

„Aber nun das mit dem unsteten Leben“, hörte sie seine Stimme verdeckt und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.

„Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl? Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas, es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er sühnte so — und es ging sie ja auch nichts an.“

Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.

„Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem zweiten, und Gerechtigkeit läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch Frauen, und es giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir doch weiter!“ stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend sah sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und nieder gleitend an den Kanten, — so wie ein Tier, das irr geworden ist von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er ließ sich aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile. Plötzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei.

„Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt: Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht. Kann Gott — ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine Gerechtigkeit, kann sie auch so —?

„Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu wägen? Nein, hin ist hin.

„Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was aber noch? Ich dachte: der Mensch kann mehr tun.“

Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hände darauf gefaltet. „Das hast du gedacht?“ fragte sie ergriffen.

„Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß immer weiter denken. Früher, wie gesagt, war da Gang und Höhle, und so ist es mit dem Denken: links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben — unten ...“

Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten und unbeholfenen Frageblick an, den sie kannte. „Mußtest du immer denken?“ fragte sie behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:

„Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch muß denken! Langsam kommt man vorwärts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So muß mans machen.

„Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? An den Menschen ist freilich immer zu tun, aber —“ er brach enttäuscht ab. „Ihnen ist ja nicht zu helfen!“

„Ich meine, versteh mich recht,“ fing er gleich wieder an, „nicht auf meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich denn ausrichten? Ich hab doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn ich jedem so viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß er so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! Dann hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind überall die Gleise: Krankenhäuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und dergleichen —“ Er schöpfte Atem. „Was ist denn damit gedient?

„Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert, das war ja für mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald abgekommen. Ich habe einfach — gerechnet! Ja!“ schloß er mit großer Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem Blick. Und nun sprach er schnell weiter:

„Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das Dasein hier, das ist ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein — wie Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen. Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine göttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, laß dir sagen,“ redete er inständig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, „das ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt. Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres Geheimnis, nicht wahr? Null ist nämlich in der Mathematik gleich Unendlich!“ schloß er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.

„Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-, Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, für uns, ja für uns Null. Oder x, die Unbekannte. Null ist gleich x. In jeder Aufgabe, die sich löst, muß x gleich Null sein.“

Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden und glühenden Augen zu hängen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien wie ein Auge voll großer Vernunft.

„Aber“, sprach er weiter, „wenn du nun Übertragungen vornimmst auf die menschlichen Zustände, so gehts wie mit allen Übertragungen des Göttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder warst du!“

Er rief ihr das zu — so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewußt zu werden, was das denn hieß, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und versuchte zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. — Sie sagte nur: „Weiter, Erasmus!“ und als hätte es nichts weiter gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie anzusehn, gegen den Tisch:

„Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt’ ich genommen, einem andern mußte ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest —“

Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen Entsetzen eingeflößt hatte.

„Weiter, Erasmus, weiter!“ flehte sie.

„Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. Wie läßt es sich binden? Kann man hineingehn? Ja, kannst du denken, was ich damals beabsichtigt, ganz ernst beabsichtigt habe?“

Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf eingestellt, fragend.

„Ja, Erasmus,“ sagte sie, in einem Blitz erratend, „du wolltest Mönch werden.“

„In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht. Ich muß tätig sein. Was sollte ich anfangen in einer Zelle?“

„Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? Da war wieder die Schranke, — und du!“ endete er unsicher.

„Ich weiß“, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was nun?

Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie im Anfang auf der Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter, den Kopf angelehnt, das hagere Gesicht durchglüht und beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er unbewußt zusammendrückte und zog.

„Erasmus,“ fragte sie, „glaubst du an Gott?“

„Ach,“ versetzte er ablehnend, „wer kann das wissen! Man glaubt und auch nicht. Die meiste Zeit des Lebens geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo man ihn haben müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was, sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann plötzlich, wenn man ihn braucht. Er wird sich um uns auch nicht kümmern.“

„Ja, aber wozu dann —“ fragte sie in plötzlicher und dunkler Ahnung eines ablenkenden Wegs.

Er setzte sich härter und gerader fest. „Wenn es einen giebt, muß er schon so groß sein, daß er sich um uns nicht bekümmern kann!“ sagte er verächtlich.

„Wirklich, ach! Was du nicht sagst!“ rief sie entschlossen, jetzt ganz leicht zu reden. „Ich glaube, an dieser Stelle hättest du getrost auch weiter denken können.“

„Wieso?“

„So groß“, sagte sie, „kannst du dir Gott denken, daß er deiner nicht achtet. Warum dann, Erasmus, warum nicht noch um so viel größer, daß er deiner doch achtet? Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das nicht erst wahrhaft Größe: so groß — und doch deiner achtend?“

„Das wäre!“ sagte er tief und sah sie mit Staunen an. „Das läßt sich ja begreifen!“

„Und das Unendliche,“ fragte sie voll Hast weiter und innerlich schon triumphierend: „wenn es das giebt, hat es einen Anfang? oder ein Ende?“

„Nein.“

„Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?“

„Nein.“

„Also wo!“

„Mitten.“

„Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?“

„In mir.“

„In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige Kreis, der du bist, und dessen Umlauf nirgend, und dessen Mitte allüberall ist. Wie konntest du denn — ach, nun fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre nur! Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen auf dem Damm immer Pfähle mit einem wagrechten Brett oben, wie Wegweiser, die senkrecht weg von der Bahn zeigten, und darauf war das mathematische Unendlichkeitszeichen gemalt — so!“ Sie malte mit dem Finger die liegende Acht in die Luft. „Und ich weiß noch, wie ich zu Papa gelaufen kam, als ich das Zeichen gelernt hatte, außer mir, weil da überall Wegweiser standen mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in sie münden. Aber in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen irgendwo, das Unendliche? Und sahst du nicht immer nach oben oder unten, nach draußen, um es zu finden? Was also hättest du tun müssen statt dessen?“

Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig und nahm all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil sie ihn antworten hörte: „Nach innen sehn!“ und hinzusetzen, ungläubig: „Aber — da war doch nichts!“

„Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, sagtest du eben, sei das Unendliche?“

„In mir.“

„Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?“

„Menschlicher.“

„Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?“

„Wie eine Null.“

„Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?“

„Verzehnfacht.“

„Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man — etwas, das verzehnfachen kann?“

„Eine Kraft.“

„Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer gewaltigen Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen für solche Kraft, wenn du sie dir vorstellst?“

Er zauderte. „Du meinst — Liebeskraft.“

„Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des Unendlichen, durch die sie Wesen hat und waltet! Hast du sie nicht gehabt?“

„Ich glaube ...“

„Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?“

„Man — man soll sie anwenden.“

„An wen?“

„An Menschen.“

„Was für einen Menschen?“

„Der sie braucht.“

„Kanntest du solch einen?“

„Ja.“

„Wer war denn das?“ rief sie, fast zerrend an seiner Langsamkeit.

Seine Augen verdrehten sich etwas. „Du.“

„Nun? Und nun?“

Er schüttelte den Kopf. „Aber — Renate! Da ist ja wieder die Schranke.“

„Nun Gott sei gelobt,“ sagte sie strahlenden Auges, „das war alles, was ich wollte!“

Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er auf sie zukam, und sagte: „Sollt ich nicht auf meine Art auch beweisen, Erasmus?“

Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern. „Du verdrehst es nur so“, meinte er stockend.

Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit nach der Anspannung des Denkens schwemmte heiß über sie hin. Sie legte einen Augenblick die Stirn gegen seine Schulter, stand auf einmal in ihrem Schlafzimmer, am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: War das der Anfang — —?

Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und in einem Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem Bett, auf dem sie saß, wie er krank darin lag vor Jahren. Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm und hörten ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines Gedächtnisses.

Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer wieder, und ihn immer wieder auf einen andern Weg bringen, bis er sich ausgeschöpft hat.

Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar eine Stimme.

Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd hinzu, außerdem wird noch das Leben sein, und alles —

Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend, daß sie umsank, langsam nach, lag und zog auch die Füße herauf. Ihre Augen fielen zu, sie glühte und gab sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust. Noch hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung Jasons:

Er hat es überstanden, — und du und ich, wir werden es auch überstehn. — —

Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke danach mit einem zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht. Sie horchte; nebenan war Stille. Eine halbe Minute wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als den dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern einer Dachrenne. Etwas — mußte nebenan sein, und da sie doch die Vorstellung hatte, das Zimmer sei leer, dachte sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt! mehrere Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag ihres Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete behutsam.

Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei entdeckend, daß sie ihr Kleid nicht mehr anhatte und weiß war in Unterrock und Leibchen. Ihr fröstelte; aber in dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür gehen wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon: „Erasmus!“ angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das Fußende des Bettes reichte.

Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam er um das Bett und stürzte vor sie hin, umschlang ihren Leib, wühlte die Stirn in ihren Schoß, ächzte und schluchzte, auf und nieder geworfen von Stößen, daß sie ihn kaum zu halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: „Ja, ja, Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig getan, das war ja nichts, ich weiß, ich hab es ja gewußt! Sag mir, was ich tun soll, ich will alles tun! Sag doch, o sag doch!“

Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf hoch, sah sie an mit unseligen Augen und sagte: „Gieb mir —“

Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal zum Sprechen an, und indem hatte sie erraten, was er wollte, und schrie, sein Gesicht an die Brust drückend: „Die Kinder!“

Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen und an sich Drücken flüsterte sie in ihn hinein, jagend in Worten, von denen sie kaum wußte: „Die Kinder, ja, ja, ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten! Warte nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, und wir wollen gleich — — Erasmus! Willst du gleich? Jetzt! Heut nacht, heut, o ich will dich lieben!“ schrie sie brennend, „ich will dich lieben wie Gott, und dann kommen sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus, das neue Leben, das nichts weiß! Ach!“ weinte sie, „wenn du nur erst sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du fühlst, wie es sich bewegt, dann wird es ja gut werden. Dann wird es ja gut werden!“

Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie ansähe, strömend von Tränen, durch die seine Züge dunkel und verschwommen erschienen wie in Wasser. Aber er sah sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins Leere zu starren oder in die Ferne, und so sagte er dann:

„Ja. Aber — — und dann ...“

„Was denn, Erasmus? was denn?“

„Dann muß man — es — sagen ...“

„Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?“

In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von Lüsternheit, mit dem er flüsterte: „Mein Sohn ...“

Sie erriet. Sie schrie: „Um Gottes willen, Erasmus, was willst du —“

„Wenn er soweit — ist ...“

„Nein, Erasmus!“ jammerte sie, „nein, nein!“

„Dann will ich ihm sagen — dein Vater — ist —“

„Nein, du tötest uns, Erasmus, nein!“

„Mörder —“

„Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht!“ klagte sie.

„Und dann — — wenn ers — erträgt ... Wenn — ich — einen Sohn — habe —“ sagte er langsam, „der es — erträgt, dann — ist es gut.“

Er sank an ihr nieder, erschöpft, sein Gesicht fiel auf den Bettrand, und sie saß leise weinend daneben, mit der Hand über sein feuchtes Haar streichend, und verstand, daß es so sein mußte. Es sei denn, das Leben selber brauchte seine Gewalt.

Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging zum Fenster, wo seine Gestalt den schmalen Raum ganz verdunkelte. Aber draußen war Helle, und Renate konnte aus ferner Höhe die leise Drosselstimme der Kindheit schlagen hören, friedfertig in Pausen, durch die Stille.

Es war Charfreitag; Ostern stand bevor.

Sechstes Kapitel

Bogner/Klemens

Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate über das Rasenoval wandernd, sah die drei Ankömmlinge und daß Renate sich einem von ihnen gesellte und mit ihm die Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge erkannte er Bogner. Der streckte die Hände aus, und Georg lief eilfertig und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung in die Arme, die er sich ausbreiten sah.

Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete, war eine tiefere Zärtlichkeit; aber Georg fühlte sich so aufgeregt und erweicht von dem unvermuteten Wiedersehn, daß es ihn mit Tränen bedrängte; daß er, für Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah und innerst erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen.

Wieder aus seinen Armen gelöst, erkannte er in dem großen Fremden, mit dem Renate eben in der Glastür oben verschwand, Erasmus Montfort und gleich darauf in dem Andern, überaus Schwarzbärtigen, Klemens. Sein Bart war zehnmal so groß, als er ihn im Gedächtnis hatte. Er schüttelte ihm nun die Hand, fühlte sich aber von Bogner, der Klemens zuplinkte, beiseite gezogen.

„Pst!“ raunte er, „Achtung! Er hat keine Ahnung!“

„Wer? Klemens? Wovon?“

„Von Irene. Daß sie hier ist.“

„Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit der Anna in Böhne sein.“

„Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.“

Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte ihn, indem er sich doch wundern mußte, wie die Drei so zusammen gekommen waren, nach Erasmus.

„Wir sind zu Fuß gekommen,“ sagte Klemens, „und suchten Bogner auf, um uns herführen zu lassen.“ Er wollte noch mehr sagen, aber ein Regenschauer ging so jählings über sie herunter, daß sie auseinanderfuhren, worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein, immer bereit, hielt die Tür schon offen. Ob die Damen schon aus der Stadt zurück seien, fragte Georg. — Noch nicht. — „Um so besser, dann kriegt ihr ihr Frühstück! Sagen Sie auch gleich in der Küche an, Egloffstein, daß noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum Essen?“

Klemens zögerte höflich und schwieg, Bogner dagegen bedauerte: sein Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am Nachmittag bei sich zu sehn. Er wäre auch ohne die Andern gekommen, ihn zu bitten.

Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastür gegenüber, durch die er den leichten Sonnenregen auf die Terrasse niederrieseln sah, glaubte Georg, Klemens nach der ersten Erfreutheit der Begrüßung nicht in einem Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien er kaum recht gesund, im Innern erschöpft und außer Ordnung. Das tiefe Schwarz des großen Bartes und der dicken Brauen erhöhte nebst dem glatten Graubraun seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie hatten sich verhärtet, und Georg dachte, er sieht ja aus wie der Dulder Odysseus, der heimkommt und sich nicht zurechtfinden kann.

Bogner an der andern Seite hatte übrigens nichts eben Väterliches an sich, sondern sich erstaunlich verjüngt. Fast vermißte Georg das lange Haar von Hallig Hooge an dem kurzüberschorenen Kopf. Es war dunkler nachgewachsen, nur der Scheitel noch leicht übergraut. Die hellen kleinen Augen in ihren Höhlen hatten einen fast lieblich zu nennenden Glanz, Fleisch und Haut über dem Skelett des Gesichts ihre frühere Festigkeit wieder, und brüderlich erschien nun, was Georg früher als väterlich empfand.

„Giebt es Neues bei dir?“ fragte er derweil. „Bilder? Wieviel? Nun, ich komme natürlich!“

„Acht Bilder im ganzen,“ erklärte Bogner, „die zusammen gehören. Allerdings mehr inner- als äußerlich, wenn du auch auf den meisten eine Gestalt wiederkehren sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es sind Heldendarstellungen, eine heroische Symphonie könnte mans nennen. Von den übrigen kannst du Studien sehn.“

„Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?“

„Ich möchte sie“, sagte Bogner lächelnd, „der Stadt schenken, Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?“

„Mit tausend Freuden! Was willst du dafür?“

„Das wird mir noch einfallen. Aber du mußt ihnen ein Haus baun. Höre einmal, was ich mir ausgedacht habe.“

Und Georg hörte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen und sah ihn gleich kostbar entstehen vor seinen Augen. Einen Tempel, nicht eben groß, dem Andenken von Georgs Vater gewidmet. Er würde auf eine Anhöhe zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume haben, mit neun länglichten Blättern und einem Kuppelraum in der Mitte. Dieser würde leer bleiben, mit Eingängen zwischen den Blumenblättern, — Bogner schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates Kapelle, um einige vermehrt, darin wiederholen solle, was Georg begeisterte, da sie bei Renate von niemand gesehen würden. Jedenfalls sollte der Mittelraum nur der Sammlung und Andacht dienen. An die äußeren Enden der Blätter würden die Bilder kommen; an das des neunten eine Statue, oder besser eine Büste des Toten.

Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte einigermaßen grämlich etwas von „Archaisiererei“, die dabei herauskommen würde. Tempel, heute! Wer denn heut ein Gefühl für Tempel hätte, so daß es ein Gebilde der Zeit würde, zumal hier im Norden.

„Ich weiß nicht,“ sagte Bogner, „ob Tempel zeitliche Gebilde oder zeitgemäß sein können. Gott ist nicht zeitgemäß.“

„Gott nicht, aber der Glaube.“

„Dann müßte es mehr Götter geben als einen.“

„Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich wandelt.“

„Die Kunst“, sagte Bogner nachdenklich, „hat meines Erachtens die Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen. Sonst kämen wir zu Problemen, und das Problem Gottes zu lösen, kann nicht ihre Aufgabe sein.“

„Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem für gelöst?“

„Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im Tempel das Gläubige sich ausdrückt, so löst es sich mit der einfachsten Darstellung der architektonischen Aufgabe. Stütze und Last, Säule und Gebälk, und ewig bleibt, meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat die uns empfunden, ihr Inneres läßt sich nicht ändern, aber ich bestehe durchaus nicht darauf, daß etwa das Kapitäl jonisch sein soll oder korinthisch. Das immerhin war zeitmäßig und landschaftlich griechischer Ausdruck, und —“

„Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenblätterkapitäle auf die dorische Säule? Übrigens“, schloß er in seinem ersten, bisher von Hitzigkeit abgelösten Tone der Grämlichkeit, „machen Sie, was Sie wollen.“

„Du bist zänkisch!“ sagte Georg nun, der mit Behagen dem Hin und Wider gefolgt war. „Du wirst der ganzen Architektur den Mund verbieten.“

Klemens nahm Rührei von der Schüssel, die Egloffstein hinhielt, und gab sich Mühe, zu lächeln. Ja, er hätte schon neulich einen Architekten sagen hören, daß sie, die Architekten von heut, sich nur hinsetzen könnten und warten, da die Baukunst nicht — wie vormals — imstande sei, der Zeit einen Ausdruck zu geben.

„Davon“, sagte Georg, „schreibt Victor Hugo sehr schön in Notre-Dame. Sonst übrigens ein albernes Buch. Völker, sagt er, haben ihre Geschichte in Baukunst geschrieben. Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu groß geworden. Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt in den wechselnden Zeiten.“

„Und welche wäre das heute? Die Dichtung? Literatur? Da redest du wieder aus der Vergangenheitsperspektive. Wenn du darin gesteckt und gelebt hättest, würdest du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau. Du hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst: das ist der Faden. Du, in deiner Abstraktion, kannst relativ sein, aber hier handelt es sich um Wirklichkeit, um Gegenwart, und das nötige Mittel der Relation, die Vergleichung, fehlt.“

„Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen Ausdruck für etwas Neues und Zeitmäßiges gefunden?“

„Das Warenhaus wohl?“

„Vielleicht.“

„Lassen Sie das auch gelten, Bogner?“ Klemens schien sich zu erleichtern im Wortstreit.

Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine geistige Erscheinung.

„Aber wieso?“ fragte Georg. „In einem weiten Sinn als Verkehrssinnbild?“

„Nun, Kaufhäuser gab es auch im Mittelalter. Das Warenhaus aber setzt die Dinge nur in Beziehung, ist — ganz Fläche. Das mittelalterliche Kaufhaus war ein Ausdruck des ganzen kaufmännischen Geistes und —“

„Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von heute und damals“, rief Georg. „Damals gab es nur zweierlei Bauten, Kirchen und Profangebäude. Die heutige Hundertfältigkeit —“ Georg verstummte einen Augenblick, um Klemens sagen zu lassen, das ließe sich höchstens von der italienischen und deutschen Renaissance behaupten, — um dann fortzufahren: „Immerhin wurden die Häuser früher allesamt von außen gebaut; sie bekamen eine Fassade, und die Räumlichkeiten wurden irgendwie hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre, die Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt gearteten —“

„Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit?“ hohnlachte Klemens. „Worin unterscheidet sich denn eine Postdirektion von einer Lebensversicherung, einer Bank, einer Konsumgenossenschaft, einem Rathaus? Eins wie das andre eine große Verwaltungsanlage. Das ist es eben. Heut ist alles geistig erklügelt, was damals aus einer Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.“

„Und wer ist dran schuld?“ rief Georg nun hitzig. „Du bist schuld! Denn der Staat ist es, der heut auf alles die Hand gelegt hat, und du willst den noch einfältigeren Sozialstaat. Nun, aber das weiß ich schon lange, daß die Zerrüttung überall herumprasselt.“

„Ich freilich fühle die neue Grundlage.“

„Schon? wo denn? Wir müssen ja immer tiefer. Jetzt kommt doch erst Amerika, und Taylor und die ganze Mechanisierung. Schon muß Bogner sich Kunstmaler nennen, damit man ihm glaubt, daß er kein Anstreicher ist, und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.“

„Das“, widersprach Bogner langsam, „kannst du so wohl nur für Deutschland festlegen.“

„Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur Schriftsteller.“

„Den homme de lettres, den écrivain — kaum im deutschen Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer der artiste, der, der diese Dinge macht.“

„Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie erfindet, erdichtet. Form und Gehalt.“

„Freilich,“ sagte Klemens sardonisch, „er nennt sich Schriftsteller, aber selbst Rudolf Herzog hält sich für einen ‚Dichter‘ und wird auch gehalten.“

„Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck bringst. Der Deutsche, als Künstler, fühlt Verantwortlichkeit, nämlich gegen etwas, das über ihm ist und Allen. Er fühlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen Zwang, ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich ist öffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet, ein Staatsinstrument. Racine, Corneille waren Staatsdichter.“

„Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarmée?“

„Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun, ich denke, das dürfte wohl doch klar sein, daß wir in Deutschland eine Art, ich will sagen dichterischer Menschen haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer seine gloire, dargestellt in äußerer Ehre, und Balzac hätte alles hingeworfen, so groß er war, wenn er auf andre Weise den Ruhm hätte erlangen können, der ihm vorstrahlte. Der Poet in der Dachkammer, hungernd und frierend, verachtet und entzückt, das ist unsre Form.“

Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein stand schon mit Zigarren vor Klemens; Georg zog seine Dose und bot sie Bogner. Als sie alle Drei rauchten, trat er an die Glastür und dachte, es sei doch das Beste im Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Männern mit Worten zu schlagen.

Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, die Arme auf der Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten Gesichts, und wickelte an seiner Zigarre.

Ob Irene nicht bald kommt? — Und Birnbaum, dachte er beunruhigt, Birnbaum wollte kommen ... Georg blickte verstohlen auf die Uhr und fand, daß es drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden.

Draußen war es wieder dunkel geworden, und der Regen plätscherte nach Kräften auf der Terrassenfläche.

In diesem Augenblick — da er sich schon nach drinnen wenden wollte mit einer Frage und gleichzeitig den Trieb verspürte, in den Regen hinein zu laufen — gingen Haltung und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von ihm, daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über die Beiden streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um den Nebenraum zu betreten. Dort stellte er sich ans nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe und überließ sich dem inneren Toben.

Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist doch alles nur Krampf und nur Einbildung! Es sind ja ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm ich denn da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen die Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? Warum hab ich mich nicht vor ihre Füße geworfen, oder warum gestand ich ihr nicht wenigstens ein, was mich quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz hänge, und bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner, Klemens? Was sind da für Widerstände? Renate? Daß ich sie liebe? Höllengelächter, und das machten wir uns zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre anders? Und bei Bogner, bei den Andern, was war da die Schranke? Daß ich hier Herzog bin? Das wäre fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der innerste Grund nicht sein.

Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht noch jetzt? Ich brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich ganz ruhig zu ihnen setzen und sagen: Bogner ... Ihm brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber schon im Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis da sein würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich angemeldet hatte. Er zog die Uhr, es war kurz vor eins, in einer Viertelstunde konnten sie hier sein. — Ist, fragte er wieder, eine Viertelstunde nicht genug? Kann Birnbaum nicht warten? Aber nein — nun, das sind wenigstens Pflichten, die kann man gelten lassen.

Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber wieder. — Nun such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr. Ja, Klemens hat mit sich selber zu tun, das sieht man ja. Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie mit mir? Hier rennt er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst wieder davongerannt, wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist, anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide um dasselbe leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der liebt sie auch und läßt sich auch hindern, wie ich. Und was, was ist denn der Grund, daß die Menschen sich lieben und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen hinsetzen können, um von ihren Leiden zu reden, statt — von Architektur.

Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein haben. Warum sind wir denn so? Und hinterdrein klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner uns hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es allein gehabt sein will? Gott im Himmel, bist du es denn also, der im Leiden wohnt und sich nicht will teilen lassen mit jemand? Warum denn enthüllst du dich nie?

Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen des Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne auf, gewaltige Speichen aus Golddunst drehten sich magisch über dem Wäldchen, und stark leuchtende Wolkenballen quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte.

Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein ging durch den Saal mit einem Stoß Servietten, und Georg war nahe daran, sich zu schämen, weil er vielleicht die ganze Zeit nicht allein gewesen war. Danach zauderte er nicht länger, nebenan einzutreten.

Klemens

Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine Schulter gegen den Rahmen gestemmt, die Hände in den Rocktaschen, löste aber seine Haltung bei Georgs Eintritt. Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn Georg, wo er das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, war die Antwort.

„Aus besonderen Gründen?“

„Keinen politischen jedenfalls.“ Sich mit dem Rücken anlehnend, die Arme kreuzend und so ins Freie blickend, begann er nach einer Sekundenpause zu erzählen. Er sei gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger Student, seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne einen Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von Bettlern, fechtenden Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen oder entlassenen Sträflingen und dergleichen.

„Komische Käuze,“ sagte er, „diese deutschen Handwerksburschen. Sie arbeiten nur bei deutschen Meistern, kehren, wenn es irgend geht, nur bei deutschen Wirten ein, lernen kein Wort von der Sprache, laufen an allem vorüber. Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und wegen des Wanderns. Unter den Bettlern hab ich manchen Freund gefunden. Da war ein armer Kerl in einem Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht durch. Am andern Morgen nahm ich meine Geige und hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben wir redlich geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des Lebens ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.“

„Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?“

„Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr viel. Nun, aber die Menschen dort solltet ihr sehn! Da ist soviel natürliche Herzlichkeit, soviel Offenheit und Entgegenkommen, soviel Dankbarkeit und Anmut dabei! Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, der Künstler immer geehrt, und nun — wenn ich so am Abend in eine kleine Stadt marschiert kam, und auf dem Marktplatz, neben der Kirche unter den Kastanien die ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen Konzert — so weit hab ichs grade gebracht! — durch die Stille und in die offenen Fenster zog: was das gleich Leben giebt und Hervorkommen, als fingen überall Wasser an zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und drängen sich ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter, und jede Frau, der man unterm Spiel einen feurigen Blick zuwirft, empfindet sich schön. Nun, und wenn das Konzert zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, und der Bürgermeister, und drücken mir die Hände und sind die feinsten Kenner und erlauben sich, mich zu einer Flasche Spumante einzuladen.“ Klemens lachte nicht ohne Wehmut. „Ich war dann immer der Sohn des Kammervirtuosen d’il rege di Prussia, und schon damals, vor zehn Jahren, hielten sie mich meines Bartes wegen für einen sehr würdigen Mann und fragten gleich nach der Frau und den Kinderchen. Endlose Geschichten hab ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre größte Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt mit einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten Tochter, die an Diphtheritis gestorben war. Wie ich sie hin und her getragen hab, und sie war so geduldig ...“

Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: „In Pisa, da war ein Schutzmann der mir zu spielen verbieten mußte, denn es gab einen Auflauf. Ja, das ist ein Land, da halten die elektrischen Bahnen, wenn einer Geige spielt. Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen ein, daß ich für dies Stück doch noch sammeln mußte, und fast hätte er selber seine — Kappe hingehalten. Es war ein rührender Mensch.“

Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, nicht ohne ein Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung zu etwas andrem gewesen, ihn seine Haltung verändern. Er nahm die frühere wieder ein, die Hände in die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen schienen ins Ferne eingestellt, während er sehr langsam sagte:

„Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich bin über die Alpen gelaufen und nach Deutschland, aber da war kein Zuhause. Aber wer die Hände einmal in fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.“

Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort:

„Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem war es böse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen, daß man eines Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit in der Natur des Mannes liegen. Drei Nächte lang schüttete er mir sein Herz aus. Das war grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert, kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behängt mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehässigkeiten, Verachtungen und Verhöhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der Kindheit, daß er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst und stürzte sich in den Schlund. So wars, und daß er noch jemand mit sich riß, war nicht seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne Wind und ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal: Hab ich gedurft? — In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich auszuschrein. In den drei Nächten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.“

Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb, die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne festen Blick: „Aber ich glaube, daß einmal geheilt werden kann, von Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn hergeschleppt, zu Renate.“

„Zu Renate?“ entfuhr es halblaut Georg.

„Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen —“ Er verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte.

Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?

Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, erkennen, wie sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand — er selber? — beschäftigt, dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus früheren Jahren kannte. — Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die ganze Verderbtheit der Welt.

Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein und meldete, Herr Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann Rieferling sei dort mit der Kuriermappe.

So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging.

Birnbaum

Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den alten Mann, der neben dem, noch von Georgs Vater her am Kamin stehenden grünen und hochlehnigen Sessel aufrecht stand und so gewartet zu haben schien. Hinter ihm Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er trug seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg, der ihn vor einer Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak nun über sein gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit stritt mit einer Erhabenheit. Sein Nacken war gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die Nase dazwischen hing übermäßig heraus, und in den geröteten Augen — das linke hing ab nach außen — war Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei der Hexe war! — Und so verstört, daß er sich nicht einmal verbeugt! Oder kann er das nicht?

Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, räusperte sich, machte einen Ruck zur Verbeugung und sagte heiser: „Ich bin gekommen, um Eure Hoheit untertänig um meine Entlassung zu bitten.“

Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig und hundert Mal gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, aber seine Entlassung, — um die der Alte, nur nicht so förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber dann sah er ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, die nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn zu. Noch ehe er ein Wort sagen konnte, hatte der alte Mann ihn umschlungen, weinte bitterlich auf über seiner Schulter und klagte laut: „Ich habe ja keinen als dich, Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich nicht mehr!“

Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen „keinen als dich“ und hielt diesem Jammer stand, bis er sich von selber beruhigte. Danach sprach er dem Alten begütigend zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm zuredend, daß er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür aus sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den Raum führen, der öde und kahl war mit leeren Regalen und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa, auf dem er früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: Das ist kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn?

Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, der die daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen Löschblattbogen auseinanderschlug, die Feder eintunkte und ihm hinhielt, sagte er, zu ihm aufblickend, trübe: „Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie hatten ja auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? Dann fangen Sie lieber gar nicht —“ Das Ende des Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen, denn eben traf sein Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden Druckzeilen am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag: Wir, durch Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog — und so weiter ...

„Ich will heute nicht schreiben“, sagte er kleinmütig und legte die Feder hin.

„Hoheit haben ja Zeit bis morgen“, sagte der Hauptmann.

„Rieferling,“ versetzte Georg verdrießlich, „Sie wissen immer was! Wo soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? Also muß ich doch schreiben!“ Ich grinse ja, dachte er und konnte die Augen nicht abwenden von Rieferlings sachtem Lächeln.

Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte er nach, die Feder wieder zwischen den Fingern. Letzten Endes war es ja wohl Papa, von dem die Gnade ausging. Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte er noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu schütteln, worauf er begann, Bogen um Bogen an die gewohnte Stelle, über der zum Überfluß Rieferlings Zeigefinger leicht in die Luft kippte, und nach einem Überfliegen des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei auf andre geschriebene Namen — Ellerberg, Alsen, von Dreyling, Gewecke, Fuchs, Richter und mehr, immer mehr — zwischen Druckzeilen, in denen von Beförderungen die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch das jedesmalige ‚Geruhen‘ hatte längst den letzten Hauch anfänglicher Skurrilität verloren. Lauter Dinge, die Zeit hatten bis morgen. Aber woher morgen die Zeit für sie? Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist keine Zeit für sie da?

Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah Schley vor dem Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte er nun und fragte: „Kannst du dir denn vorstellen, wie das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn wenigstens eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir nur noch die Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit vorhanden, daß es besser mit ihm wird?“

Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg die letzten Bogen versorgte, mit seiner langsamen und öligen Stimme, die Georg immer als überaus lindernd empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb ihrer strömte:

„Er will nämlich nach Palästina.“

„Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!“

„Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt. Und du weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen verrammelt sind, brichts durch die Wand. Da ist dann kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja eigentlich schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht gleich. Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. Dir wird das ja nicht unbemerkt geblieben sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat glaub ich kaum noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen Gedanken mehr zu haben oder so.“

Georg nickte. „Ich weiß ja. Aber ich hielt es für Einbildung, und er sagte selber, es sei Einbildung.“

„Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, nach dem Attentat, — ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen gefunden und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem Attentat geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. Aber er spricht da viel von den internationalen Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint nun eine ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal hat er sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch immer im Grunde hier nur geduldet ist. Das weißt du ja auch. Er sprach auch mit mir darüber, — na, sie wollen den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben. Und gestern — gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde ich ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll. Er wußte fast nicht wohin vor Angst, teils weil, wie er sagte, es jeden Augenblick zu spät sein könnte — ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten Vorstellungen —, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen würdest. Und auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig würde. Ja, es ging so weit, daß er sich vor dir niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht anders beruhigen, als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen. Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag ist, spielte eine gewisse — ja — eine Rolle.“

„Aber diese Palästinaidee“, versuchte Georg schwermütig zu widersprechen, „will mir noch nicht in den Kopf. Wenn —“

„Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun klammert er sich ja an dich, aber — ich darf das wohl sagen —, in Wirklichkeit wars doch alleine dein Vater, an dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das ist denn so wie’n Mensch, der aus’m Stück Land weggetrieben wird und kriegt ’n andres dafür, das genau so ist, aber es ist doch nicht das alte. Ich hab nicht in seiner Haut gesteckt, aber — heimatlos, Georg, heimatlos ist er doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er heimatlos gewesen!“ wiederholte er erregter, „und ob das nun Galizien ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina, da ist wenig Unterschied. Man muß sich da mal hineindenken! Nun grad diese internationalen Ermahnungen, das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die wirkliche Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, na, das ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in der Sprache. Er ist doch ’n fühlender Mensch gewesen, Georg, und hat er denn jemals seine richtige Sprache sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja nicht mal ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf einmal ein, und er weiß doch genug vom Zionismus und all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm nun ein, und daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig, es giebt so Menschen, die bringen es zu allem Möglichen, und dann — auf einmal — drehn sie sich um und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war auch solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der wollt eigentlich immer nur ’n kleinen Garten haben. — Das hat sich nun eben alles so zusammengezogen.“

Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal Schley lauter Dinge gesagt hatte, die nur in ihm selber warteten, gesagt zu werden.

Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer Husten und ein Geräusch, und Georg winkte Schley, hinüber zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte er ihm mit den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften. Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet, erschien wieder der alte Mann.

Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen Augen schien keine Nähe mehr wahrzunehmen. An dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete er eine Weile, ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich aufrecht anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. Georg sah voll Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit einem Mantel, der gewebt war aus Stille und Frieden. Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner Züge zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und — Knechttum, wie Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck des Menschen, der durch langes Dienen zum Herrscher geworden war. So wenig königlich er erschien, versammelten sich doch biblische Könige großäugig hinter seinem Stuhl.

Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, fühlte Georg für eine kleine Weile seinen Blick mit großer Liebe auf sich gerichtet. Dann wandte er ihn wieder ab, und dann hörte Georg seine Stimme, die aber so fern herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte sie einen tieferen und volleren Klang als jemals, so daß es war, als wäre seine Brust ganz voll davon und begänne nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam auch war, daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege gehört haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und Satzbau, zerdrückt und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten und verkrümmten Menschen, die Georg einmal erstaunt im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach Galizien, der so spät noch nach Palästina wollte?

Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg, der bald nicht mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede.

„Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du’s weißt und dir keine verkehrten Gedanken machst. ’n Mensch, der nicht darf gehn in die Kirch und hat keine Stelle, wo er darf allein sein mit seinem Gott, der ist kein rechter Mensch. Und ich bin solch ’n Mensch immer gewesen. Ich hab ’n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab ’n doch abgeschworen mit meinem Handeln. Darum bin ich ’n bescholtener Mann gewesen, von ’nem bescholtenen Volk. Du sagst, ich hab ’n gutes Leben gehabt, auch ’ne Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von deinem Vatter. Bin ich deshalb wohl ’n glücklicher Mensch gewesen? ’n Mensch, der nicht darf gehn vor die Tür, daß nicht die Andern ’n Finger aufheben un sagen: das ist keiner so wie wir, un: den könn’ wir nicht achten? Recht haben gehabt die Leute mit mir, und recht haben sie überall, wenn sie die Stelle nicht achten, wo der Jud steht, denn er steht mit verkehrten Füßen. Er denkt, daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten. Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. Darum muß er auch gehn so schnell und muß machen Fisematenten und ’n Gemeres unter die Leute, und ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen, daß seine Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch nicht brauchen zugeben, daß er nicht hingeht und baut sie noch mal. Darum wird er auch nich geacht’ von den Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im Galuth, der sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth! Nee, Georg, aber nee, das will ich nu nich sagen! Da darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient sich doch bloß die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch, was ich weiß! Und wenn du kommst, Georg, und sagst zehn Mal: Nein! und sagst: ich will kämpfen den Kampf um ’n alten Mann, — nun, was is ’n Jahr, und was sind selbst zwei Jahr für ’n Menschen, der jung ist? Und du wirst müde, Georg, und ich kann gehn und sitzen vor der Türe, — ich weiß doch, was ich weiß ...

„Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie ’s Volk, der soll essen seine Speise und beten in seiner Kirch, auf daß er kriegt ’ne Sprache und vernünftige Sitten. Wer glaubt denn, daß einer Gott ’n Gefallen täte mit dem koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am Schabbes und lesen aus ’m Buche ’ne Sprache, für die er hat keinen Sinn! Oder glaubst du ’n, daß Gott will reden ’ne Sprache, die der Mensch bloß kann reden mit ihm allein, und die Gott bloß versteht selber, und die er nicht zugleich kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit Gott, wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht reden mit Menschen, dem kommt keine Wahrheit aus ’m Herzen, und wenn er vielleicht nicht betrügen wird andre Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn er hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. Zweierlei Rede, das ist nix. Ich will hingehn und reden die Sprache. Ich wills versuchen.“

Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun war nichts mehr zu verstehn. Vor seinen verdunkelten Augen verschwamm der entfernte Wald zwischen den Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im Sonnenschein, und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er, kaum sich zu regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere Zeit und wandte sich endlich. Da stand Schley, der sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte, als ob er horchte. Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin.

Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg bei aller Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte. Gestorben? dachte er dumpf. Hier, in diesem Augenblick gestorben?

Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen und wandte sich zu Georg um. „Heimgegangen“, sagte er einfach.

Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen an, der dort saß, und an dem noch keine Verschiedenheit wahrzunehmen war von Andern oder dem, der er selbst vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der Zeit nicht natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht atmete in diesem Schlaf.

Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus den Augen liefen, und nun weinte er hellauf, daß es ihn schüttelte. — Danach stand er auf, um nachzusehn, ob Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen.

Irene

Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten hangend, den er in dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten Baum, herausgebrochen aus seinem, Georgs, Leben, voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher Leistung das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten der Erinnerung — oh die ersten Spiele der Kindheit! —, ging Georg durch die Räume, irgendwie in der Einbildung, die Anna im Gobelinzimmer zu finden. Da gewahrte er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster — das letzte im Vogelsaal, wie er nun erkannte — Klemens auf der Terrasse allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf dem Rücken, und Georg trat ans Fenster, klopfte und deutete mit der Hand an, daß er ins Gobelinzimmer ginge. Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war leer.

Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels zur Rechten den Widerschein des Herankommenden gewahrte, wurde die Flurtür zu seiner Linken geöffnet, und rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft weibliches blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten Kleide mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an einer Hand sehr behutsam hereinführend die Anna, hinter der Benno sichtbar wurde: Irene.

So, dachte Georg, was mag nun kommen? — Klemens stand da und blickte nur. Überdem wandte sich Irene, fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand fahren, machte zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben. In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg blauer schienen als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, während ihr Kopf langsam nach hinten sank. Ihre eine Hand sah Georg zittern in den Falten des Kleides, wo sie hing wie vergessen.

Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt seinen Rock vorne zusammen und schloß langsam die beiden Knöpfe.

„Klemens!“ sagte sie endlich, und Staunen und Bitten ihrer Züge schmolz in ein nahezu triumphierendes Warten.

„Mensch!“ grollte nun Georg, „worauf wartest du noch?“

Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen erschien ein grübelndes Fragen, als ob er durch Georgs Erscheinung sich erinnern wollte an etwas, was er selber vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich in Bewegung, als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch, und plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen, drehte sich wortlos um und trug sie um den Tisch, durch den Raum und ins Freie hinaus.

Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, und in die Nähe der Tür folgend, sah er ihn draußen stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie und Hofraum und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt in den tausendfach rieselnden Glanz hinauf.

Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend, fand er die Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene und beschwerte Gestalt des Menschen mit seiner Last über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu sehn, langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er in grüne und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug.

„Was war denn hier?“ fragte Magda.

Georg wußte weiter nichts zu sagen als: „Klemens.“

„Ach! Wo sind sie denn nun?“

„Verschwunden. Er hat sie weggetragen.“

„Gott sei gelobt!“

„Das sei er! Es giebt also doch noch —“ Findungen in der Welt, wollte Georg schließen, als ihm in seinem Stuhl der Entschlafene erschien.

„Aber,“ sagte er leiser, „unser alter Birnbaum ist hier eben gestorben.“

Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von sich. Auch als Georg auf sie zutrat, um sie in die Arme zu schließen, bewegte sie sich nicht.

„Das war der Letzte!“ sagte sie nach einer Weile, — wohl im Gedanken an andere Tote. Sie hielt die Augen geschlossen.

„Ja, dann bringe mich bitte —“ Sie verstummte, machte eine abwehrende Bewegung und sagte: „Aber ich kann ihn ja nicht sehn“, und trat weg von Georg.

In der Tür erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und verschwand, zur Meldung, daß angerichtet sei.

Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Träne an den Wimpern des Mädchens hängen, wartete noch Sekunden und sagte dann: „Egloffstein meldet, daß angerichtet ist.“

Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen Augen und ließ sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so lange Zeit ohne Bewegung, hob dann den Kopf, und Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne lächeln. Sie sprach wie im Traum: „Irgendwo — irgendwo — sind sie Alle wieder beisammen.“

Er ergriff ihre Hand und führte sie hinüber. —

Sie aßen dann schnell und schweigsam an der für zehn Personen gedeckten Tafel, an der außer ihnen nur noch Benno, Schley und Rieferling erschienen. Georg empfand wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal fragte ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit für sie habe. Sie habe ihn ja eigentlich für sich eingeladen und ihn noch den Tag über kaum gesehn. Auf Georgs Erwiderung, daß er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe, aber erst gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer kleinen Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten und mit ihr Tee zu trinken; sie möchte nur vorher etwas ruhn. — Gleich darauf wagte Benno eine bescheidene Frage nach einem Beisammensein mit Georg und war hocherfreut, daß Georg ihn gleich nach dem Essen mit sich nehmen wollte.

Zwar fühlte Georg sich müde und schlafbedürftig, brachte es aber nicht über sich, weder Benno abschlägig zu bescheiden, noch ihn mit der Anna zusammen zu bitten, denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit weicher Erwartung, — davon abgesehn, daß sie ein Recht hatte, mit ihm allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um Benno aufzufordern.

Allein hinter den Türen saß noch der ruhige Tote, umringt von seinen nicht mehr geträumten Träumen, die ihn lächelnd und weinend bekränzten ...

Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas und fühlte ihre Finger sich schließen. Bald darauf hob sie die Tafel auf, nickte Georg zu und ging sicher zur Tür. Er schob seinen Arm in Bennos, schüttelte Schley, der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen.

Siebentes Kapitel

Benno

„Ach!“ sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen Schritt in die Mitte des Zimmers getreten war, wo er stehen blieb wie angenagelt, so lang und so dünne er war, die Hände zusammenlegend und so höchstüberrascht und beglückt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch. „Ach! Hier ist ja alles wie früher! Georg! Aber das ist nicht zu glauben! Das ist unerhört!“ Und Georg sah sein heißes und immer gerötetes Profil mit dem Haken der Nase, der über den zitternd hangenden Schnurrbart hinweg nach dem entgegengekrümmten Kinn langte, sich hin und her drehen in kleinen Rucken, vor Freude rundäugig, und die vorstehenden Wangenknochen bebten. Er erging sich in Ausrufen. „Die Vitrine! Und die japanischen Koffer! Und da —“ Wieder mit einem Schritt stand er unter der Alabasterschale, die überm Sessel der Fensterecke hing, streifte sie mit zärtlich erhobener Hand — „die Lampe!“ — worauf er mit einem Knie in dem Sessel lag vor Rembrandts Drei Bäumen, „und die alten Bilder!“ Im nächsten Augenblick sich herumwirbelnd mit fliegendem Haar, stand er bei Georg, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glück und Scham und kaum hörbar: „Und daß ich noch hier bei dir stehen darf? Und Du sagen? Und dich anrühren! Einen Herzog! Es ist unerhört!“ Er schüttelte den Kopf, unter den Augen tausend Fältchen eines fast mütterlichen Lächelns.

„Großherzog,“ sagte Georg, „aber setz dich!“

Mit einem Schwung saß er schon im Sessel, hatte, bereits fertig in Attitüde, die Hände im Schoß, gradsitzend mit übergelegtem Bein, und bat mit Kehltönen: „Und jetzt mußt du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du hast Verse! Ich hätte dich heute morgen schon bitten wollen, aber — da war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht gewöhnen. Diese Renate dazu! Man sieht sie an — — und man ist einfach — — hin!“ Er endete verlöschend und ließ den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger.

„Aber Georg,“ fing er wiederum an, „du bist traurig. Ja, dieser herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...“

Georg sagte, daß er zwar traurig sei, deshalb aber doch Verse lesen könnte, wenn er nur welche hätte.

„Stehn keine in dem Buch?“ fragte der Enttäuschte mit einem Blick auf Georgs noch daliegende Aufzeichnungen.

„Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen. Aber warte, ein Gedicht muß darin sein, aber — es ist nicht sehr von Belang.“

Georg setzte sich und begann zu blättern. „Hier! Nein, das ist es nicht. Nun, dann waren es zwei, — also höre! Dies ist übrigens noch aus Berlin.“ Er las:

„Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein, Endlose Nächte, aufgebauschte Wonnen, Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein, Stein jeder Tag, gewälzt und dann entronnen — Jahrlange Mühsal und am Ziele Scherben, Verwelkte Kränze, Zweifel, Gram und Zorn, Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn: Und alles dies, damit wir endlich sterben. Und alles dies, daß uns wie dünnes Laub Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen, Noch im Gehör, das schon erstickt und taub, Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, — Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub, Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen.

„Seltsam, es paßt ja hierher ... Aber doch eigentlich wohl kaum. Nur daß es vom Sterben handelt ... So, hier haben wir das andre!

„Hora melancolica

Langsam gehen die Dinge uns vorüber, Wolkig hinunter in die Ewigkeit. O Hades fern! es lockt mich selbst hinüber. O später Tag! o müdes Leid! Als führen wir im Wagen eingeschlossen ... Da draußen gleiten Bäume, Feld und Haus, Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen, Wir aber sehen immer nur hinaus. Was könnten wir denn tun in unserm Fahren? Wir wissen kaum, wer das Gefährt bewegt, Und sehen nur verständnislos seit Jahren Den bleichen Weg, den wir zurückgelegt. Was halten denn die Augen, die im Weiher Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich? Ach, stürzte einmal doch herab ein Reiher Und trüg uns flügelbrausend in sein Reich! Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen, Darum die Bäume voller Schwermut stehn. Wir ziehn, wir ziehn, — so werden wir die Leisen, Die alles mit gekühlten Augen sehn. Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen, Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefähr, Dies macht das Herz so schauerlich erblassen Wie treibend Schlingkraut in dem wüsten Meer. Mit tausend Siegeln ängstlich eingemauert, Wir zwingen nichts hinein in unser Herz. Nur jeder Flügel, der vorbeigeschauert, Erfüllte uns mit immer tieferm Schmerz. Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende Nur Müdigkeit. Die Augen sinken zu; Sie wollen nichts mehr, die getäuschten Hände, Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh. Und endlich kam es so, daß wir nur gleiten. Genügsam wurden wir; die Blicke gehn Zu Wolken auf, um den Vergänglichkeiten Mit bitterem Begreifen nachzusehn. Die weicheren Gebilde in den Bahnen Des Äthers tun den kranken Augen wohl. O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen, Du einst unsterblich flammendes Idol: Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekümmert, Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt, Die jeden Makel an sich rasch zertrümmert, In ihre Reinheit grenzenlos verliebt! Die herrscherlich, mit Augen hart und stählern, Mit Löwenschritten und mit Adlersgriff, Die mantelsausend stürmte über Tälern Und über Berge nach den Brüdern pfiff? Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmählern, Und sicher trägt uns das gebauchte Schiff. Geschehen mag und gehen, was die Hände Nicht schufen, nur berührten fremd und blind: Der tatenlosen Liebe arme Spende, Der kleinen Hoffnung süßes Angebind. Vorüber ziehn die bunten Bilderwände, Wir schauen und vergessen, was wir sind. Die Dinge schweben her und gehn hinunter, Wahllos hinunter nach dem einen Tod. Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter, Unwissend Lächelnde ins Abendrot.“

Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder. „Das ist recht schön, Georg“, meinte er dann. „Aber — besonders finde ich es nun eben nicht.“

„Es soll ja auch gar nicht —“

„Weißt du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind solche — Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trübe, unbegreiflich — —, das ist alles solcher Hofmannsthal. ‚Was frommt es, alles dies gesehen haben?‘ Nicht wahr? Das ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung! Oder doch?“

„Vielleicht nicht eben länger, als ich daran schreibe. Nun lassen wir das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein Dichter und habe also höchstens die Erlaubnis, zu sagen, was ich leide.“

„Aber — —, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige Aufgabe des Dichters?“

Georg schüttelte trübe den Kopf. „Benno, du wirst nie im Leben dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir wollen nicht wieder davon anfangen. Ich lese dir lieber noch einiges von den Aufzeichnungen, sie stammen alle aus der Zeit von Hallig Hooge, — wenn du magst. Hier ist etwas über Flauberts Education sentimentale, magst du das? Also höre.

„Zu Flauberts L’éducation sentimentale

Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei fortschreitendem Lesen von Tag zu Tag mehr das, was der Titel, den es ursprünglich haben sollte, ausdrückt: ‚Dürre Früchte‘. Es ist dürr, langweilig und von erschrecklicher Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele und Seelen. Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber und um einander kreisende Daseinsgestalten, deren nüchternes Gesetz leider jeden Schein von firmamentaler Wirkung ausschließt. Der ‚Held‘ (der keiner ist und sein soll in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese in ihrer Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit tragende Ebene umgetriebener Figuren wie ein lauer Windzug, ohne Bewußtsein seiner selbst, ohne Frage, ohne Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne Geist. Was hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art romantischer Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur ästhetisch, das heißt in seiner Anschauung berührt (oder — was fast schlimmer ist — moralisch, das heißt an seiner bürgerlichen Existenz mit ihren Wünschen und Zielen, oder — was das einfältigste ist — an seinen Trieben), ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu steigern, zu vertiefen, mit einem Wort: zu wandeln; sondern nur heißt: Erlebnisse sammeln; und so ist er selber am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, unverirrt, unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der er auf der ersten Seite des Buches erschien: un jeune homme à longs cheveux et qui tenait sous son bras un album, — nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll wurde. Undurchdrungen also — und deshalb ungestaltet, das heißt: ohne Geist —, ungewandelt also — und deshalb ohne Innerstes, ohne Seele —, unberührt in beiden, die nicht vorhanden scheinen — ist er auch: ohne Leid. Kein Leiden ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden, Bürgerjammer und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber ab, wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst dieses das zu tun scheint aus Unruhe, aus mangelnder Freiheit, so fehlt ihnen selbst die leiseste Ahnung, daß es eine Welt geben könnte, außer der ihren.

„Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit gewaltigen Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der nicht erschaffen konnte, sondern nur schaffen, aufbauen, von außen arbeitend, nicht von innen, hin- und darstellend, weil für ihn — in seinen andern Büchern ist es nicht anders —, wie gezeigt, letztes Inneres — der Gott, die Seele, der Geist — nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, würde ich sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten des Giganten, der, wenn auch keinen Gott, so doch einen Dämon in der Brust und einen Ätna im Gehirn trug: Balzac.

„Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist: die Wandelbarkeit einer Seele; ist: Verändertwerden durch das Leben; ist: Durchsäuertwerden und Süßwerden von Leiden; ist Streben, Suchen nach dem ‚wahren‘ Leben als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden. Er kannte das menschliche Labyrinth in jeder Windung und Verschlingung nebst dem Minotaurus, aber er wußte so wenig wie Flaubert von der aus tausend Opferfeuern darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die Bilder des Firmamentes bildet.

„Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen, weder der französischen noch englischen oder russischen, findet sich der in der deutschen immer wiederkehrende Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere Form sich immer wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war, Parzival. Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und weniger wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff seines Gedichtes aus dem Französischen schöpfte, und zweitens, daß zwar immer von der ‚Form‘ des Franzosen, seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet wird, daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um ‚formales‘ Bemühen und formale Begabung handelt, ohne Wissen von wirklicher Form. Was Parzivals Schicksal war: Erkennen und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des Weges, das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens ist das, Erlösung des eigenen Ich und der chaotischen Welt im geformten Schicksal, in der reinen Form. (So tappte auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden konnte als einen unwandelbar ‚reinen Toren‘.) Auch Parzival war im Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, trinken und schöne Dinge sehen zu können, und: er fragte nicht.

„Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm Meister, der Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard Hagebucher, Hyperion, Michael Unger und tausend Unbekanntere in minder reinlicher Form enthalten als Gesetz, als Form allesamt den Einen und Erstgenannten: Parzival mit dem Panier über sich: ‚Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen.‘

„Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, wohlweislich diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: was bist du gewesen, und was bist du jetzt? In Wahrheit, bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein armseliger Fréderic Moreau war, qui tenait sous san bras un album, so bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß nichts kommt aus nichts, daß ich also nichts sein kann, wozu ich nicht zumindest den Stoff zuvor enthielt, das heißt: wenn ich heute etwas andres sein kann, daß ich es — oh meine Unschuld! — niemals ganz war.“

Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine Alabasterschale bebte und pendelte. „Ich kenne das Buch nicht, Georg,“ sagte er mit empörter Gewißheit, „aber ich kenne Bücher, die so sind!“ Georg sah, sich umdrehend, mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder —, die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung, das Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin und dorthin sich Pflanzen, das im Nachdenken, bei fast über den Wirbel hochgedrehtem Handgelenk über das Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den Unglücksausdruck der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen Stimme, ihren glühenden Betonungen und gezogenen Pausen der Überlegung.

„Und es ist entsetzlich!“ fuhr Benno nach langem, erschöpftem Dastehen fort. „Es ist die Fläche. Nicht die Fläche unserer Er—de — —, die sich wölbt und abhängt nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben gewölbt, und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was gegen den Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern der Scheibe, das muß nach innen zurückfallen. Schau—er—lich!“

„Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, — ja, das sind wir.“

Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. „Nein, sage das nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so scheint. Ich kenne diese Stunden, diese horas melancolicas, und sie sind — — entsetzlich!“

„Nun, Benno, aber was heißt das?“ fragte Georg behutsam. „Ich denke, du bist glücklich?“

Benno setzte sich still und sah vor sich hin.

„Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich wäre ein — — Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde. Ich bin verlobt — —, ich werde bald heiraten. Und sie — — oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie ist — — sie ist — wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, und so rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,“ gestand er voll Großmut und Menschenkenntnis, „warum wäre sie ein Weib! A—ber — — — Nein, an ihr liegt es nicht, nur — — — Es ist alles zuviel!“ schloß er, völlig erschöpft.

„Zuviel, Benno?“

„Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!“ stöhnte er auf wie ein gebrochener Held im Theater, die Hand vor der Stirn. „Alles ist zuviel! Es ist kaum zu ertragen!“ Er sprang auf. „Siehst du, was ist das Wunderbare immer wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte man hinauskommen über die Anfänge, und ich — — kann es nicht!!“

Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! — während er halblaut sagte: „Brentano!“

„Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden wie ich! Gehe hinaus — — im April! im März! an einem unverhofften Tag. Wie dich da alles verlockt! Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte. Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine unermeßliche Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du kommst dir vor, Georg, — — wie ein Schauer Schnee. Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu enthalten — — diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du willst weinen, du bist aufgebrochen, — und nun erst — wenn du liebst! Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die endlos stillen Straßen, die einsam leuchtenden Fenster, das nasse Pflaster, und der zitternde Stundenschlag. Und das dunkle Fenster endlich — — der Geliebten! Aber — — Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es enthält mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst, wenn du es betreten darfst. Es ist alles zuviel! Glaube mir, Georg, es war mir eigentlich schon zuviel, daß ich sie kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte — — von weitem — —, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!! Nun —“ sang er lieblich — „ist alles ganz einfach geworden. Ist aber der magische Kreis einmal durchbrochen, was — ist — dann — noch? Ihre Stimme hören — ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen —, ihren Gang zu sehen —, oh diesen Pendelschlag der Stunde ohne Ziffern! — ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen sucht an den Abhängen — —, oh Georg, wenn ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt — — unerhört!“

„Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?“

Benno lächelte schwermutvoll. „Ich genieße halt meine Freiheit“, sagte er natürlich. Dann lachte er verschämt. „Nun, Georg, so genau darfst du das nicht nehmen! Das Entfernte still zu genießen, wer will mirs verwehren? Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie ist lieb, sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich ihre Hand küssen darf, ihr Gesicht — —, und sie über alles sprechen zu hören, — — zu sehn, daß sie ungeduldig ist und hart und — — das, Georg, — — das schlägt mich zu Boden!“

„Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!“ fing Georg an und stand auf. „Es ist schön. Es ist, so wie du es betreibst, menschlich schön und ergreifend, aber: es ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark zu fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann. Die Kraft ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die ‚Intensität des Erlebens‘, ja, so heißt es heut. Erleben, schon das Wort ist mir unleidlich. Das sind diese Zusammenballungen, die nachher nichts können als zerfließen. Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung fürs Leben selbst. Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung zu den Andern — alldas bleibt unbeeinflußt. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, aber — auch ich habe erleben wollen, jedoch nicht — —, um Erlebnisse zu fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und wegen der Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal nicht getan habe, so tat ichs doch unbewußt, und zuletzt ist es alles in die eine Schleuse hineingeströmt. Ihr macht euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt, dann brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt, ist es schön, weil es fromm ist und zart, und du zu weich und zu gütig, das Leben entgelten zu lassen, daß es dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in die Literatur von heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was weiß ich, und kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband schnürt, wenn dich eben der göttliche Abend berauscht, so geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen ins Chaos hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter, die tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln der Dirne entdecken, wo es ‚verreckt‘. Sie rasen nach Gott durch die Welt, schlagen Fenster und Türen zusammen, brüllen: Ist keiner da? und dann endlich — endlich lächelt ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist nicht zum Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste ist, herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden der verlorenen Illusionen. — Diese Folgerungen — das heißt nur diese zufällig zeitlichen des Zuhältertums — ziehst du zwar nicht, Benno, aber im Kern ist es bei dir nicht anders. Hast du nicht immer verklärt und erhoben? Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?“

„Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man denn tun?“

Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? dachte er still. Auge im Auge mit einem Menschen das Leben ertragen, — das wäre schon viel. „Was man tun soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber — man sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, ‚die zehntausend Spinnen in der Kufe‘, das Getümmel der achtlosen Bestien; und die Heiligen darüber aus Regenbogen auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. Gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denen aber vertrau! Von dem fall nicht gleich ab, wenn er nicht augenblicks einstimmen will in deine Augenblickslaune. Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib in Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus Zweien das Eine. Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. Wenn ich das Leben süß gefunden habe, so war es darin.“ Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: Cornelia und Cordelia —: die Eine war, was die Andre, und darum verließen mich Beide. Eine Wiederholung nur, und ich habe es kaum gemerkt.

Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben sich. Er sagte:

„Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht. Immer hast du recht, und überhaupt — ich bin ja einmal so, daß ich immer auch den Gegenteil vollkommen begreife, a—“

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