Goethes Briefe an Adam Fr. Oeser und seine Tochter Friederike.
Reading edition

Friederike Oeser.
Adam Friedrich Oeser[58] wurde am 17. Febr. 1717 in Preßburg geboren, und zeigte in früher Jugend Neigung und Talent zur Malerei. Im J. 1730 ging er nach Wien, besuchte die dortige Akademie und bildete sich unter Donner in der Modellir- und Bildhauerkunst. Durch ein Bild, das Opfer Abrahams, erwarb er sich in seinem achtzehnten Jahr die goldene Prämie. Gegen Ende des Jahres 1739 begab er sich nach Dresden. Hier wurde Winckelmann mit ihm bekannt, der, nachdem er Nöthenitz 1754 verlassen, in Dresden bei ihm wohnte,[59] und dem er, als er in Italien war, für mancherlei Geschäfte der Vermittler war;[60] er nennt ihn seinen einzigen Freund, der es auch bleiben werde.[61] Oeser hatte, wie Winckelmann selbst dankbar anerkennt, auf die Ausbildung seines künstlerischen Sinnes (den er nach seiner Unterweisung auch durch Zeichnen zu schärfen suchte),[62] großen Einfluß, den man in der Schrift über die Nachahmung der alten Kunst vielfach wahrnehmen konnte[63], und zum Schlusse der Erläuterung sagt er selbst: „die Unterredungen mit meinem Freunde, Herrn Friedrich Oeser, einem wahren Nachfolger des Aristides, der die Seele schilderte, und für den Verstand malte, gaben zum Theil hiezu (zu der Schrift) die Gelegenheit. Der Name dieses würdigen Künstlers und Freundes soll den Schluß meiner Schrift zieren.“[64] Namentlich soll er auch auf Winckelmanns Schrift über die Allegorie, die von ihm schon in Dresden begonnen war, bedeutenden Einfluß gehabt haben,[65] und dies ist um so wahrscheinlicher, als die Neigung für das Allegorische bei Oeser so sehr vorherrschend war, daß sehr häufig das, was er sich nebenher dachte, vor dem eigentlich Künstlerischen seiner Werke hervortrat und jenes als das unwichtigere erscheinen ließ. Sein Freund Kreuchauff schrieb über Oesers neueste Allegoriegemälde (Leipzig 1783), wie früher auch über Gellerts Monument (Leipzig 1774).
Während des siebenjährigen Krieges lebte Oeser mehrere Jahre mit seiner Familie — er war seit 1745 verheirathet — in Dahlen und ging gegen das Ende desselben nach Leipzig, wo er 1763 durch Hagedorn, welcher sich Weißes als Vermittler bediente,[66] zum Director der neu errichteten Kunstakademie ernannt wurde. Zugleich war er Professor an der Dresdner Akademie und Hofmaler.
Wie anregend und nachhaltig sein Unterricht und Verkehr auf Goethe während seines Aufenthalts in Leipzig wirkte, das berichtet dieser selbst und noch lebhafter sprechen es die von Frankfurt an ihn geschriebenen Briefe aus. Auch in Straßburg[67] blieb er mit ihm in Verkehr; als er auf der Rückkehr in Mannheim zuerst einen Gipsabguß vom Laokoon sah (in Leipzig war nur ein Abguß des beckenschlagenden Fauns[68]), theilte er die Ansichten, welche ihm dabei aufgingen, Oeser in einem Briefe mit, der freilich auf seine Auslegung nicht sonderlich achtete, sondern den guten Willen mit einer allgemeinen Aufmunterung erwiederte.[69] Auch später schrieb er von Frankfurt aus an ihn[70]; doch ist aus dieser Zeit leider nichts erhalten. Als aber Goethe nach Weimar gekommen war, wurde wiederum ein persönlicher Verkehr mit Oeser angeknüpft.
Die Veranlassung dazu gaben die Reisen, welche der Herzog ziemlich jedes Jahr, gewöhnlich zur Zeit der Messe, nach Leipzig machte, auf welchen ihn Goethe zu begleiten pflegte, wo denn Oeser stets aufgesucht wurde. Schon im März 1776 kam Goethe nach Leipzig und blieb mehrere Tage dort, sah seine alten Freunde, Käthchen, Oeser wieder und lernte Corona Schröter jetzt näher kennen;[71] gegen Ende desselben Jahres wurde wieder ein Ausflug dahin unternommen.[72] Im Mai 1778 kamen sie wieder nach Leipzig[73] und gingen von da nach Dessau, Berlin und Potsdam; Wieland schreibt von dieser Reise: „Alle Lande, wo sie gewesen, sind ihres Ruhmes voll.“[74] Mit dem Herzog war Goethe auch im April 1780[75] und im Mai 1781[76] in Leipzig und wiederholte seinen Besuch im September desselben Jahres mit dem jungen Friedrich von Stein.[77] Im folgenden Jahr reiste Goethe wieder Ende December mit dem Herzog nach Leipzig, blieb aber, nachdem dieser am Weihnachtsabend fortgereist war, bis in den Anfang des nächsten Jahres, und machte sich nun mit der Stadt, die ihm eine neue kleine Welt war, auf neue Weise bekannt, indem er außer dem Kreise seiner alten Freunde viele neue Bekanntschaften machte. Auf einem Balle waren ungefähr 180 Personen zugegen, schöne Gesichtchen mitunter und gefällige Menschen; er dachte dabei: „warum hast du nun die Menschen vor 15 Jahren nicht so gesehen, wie du sie jetzt siehst? und es ist doch nichts natürlicher, als daß sie sind, was sie sind.“ Daß aber seine Liebe und Verehrung gegen Oeser die alte blieb, beweist die schöne Schilderung, welche er Frau v. Stein von ihm entwirft, wie der herzliche Brief, welchen er nachher an ihn schrieb.[78] Aus den folgenden Jahren wissen wir von keiner Reise nach Leipzig, erst Ende Decembers 1796 hören wir, daß Goethe wieder mit dem Herzog nach Leipzig reiste, wo er eine Menge Menschen, unter ihnen einige recht interessante, auch die alten Freunde und Bekannte sah, und auf einem großen Ball von den Herrn Dyk und Comp., und wer sich sonst durch die Xenien verletzt und erschreckt hielt,[79] mit Apprehension wie das böse Princip betrachtet wurde.[80] Die letzte Reise, die uns bekannt ist, fällt ins Jahr 1800 nach Oesers Tode.[81] Bei diesem Aufenthalt in Leipzig besuchte er G. Hermann und forderte ihn nach einem langen Gespräch über Metrik auf, eine Deutsche Metrik zu schreiben, worauf dieser erwiederte, ehe das geschehen könne, müsse Goethe die Deutsche Verskunst schaffen.
Oeser wurde durch Goethe auch mit dem Weimarschen Hofe bekannt, der Herzog lernte ihn in Leipzig kennen und verkehrte gern mit ihm;[82] er sah den alten Forster zuerst bei Oeser und freute sich, wie die beiden Männer mit einander umgingen. „Oeser stallt ganz vortrefflich mit ihm; er hat eine hohe Freude an dem tollen Seefahrer. Wie sich nun der alte Oeser leicht imponiren läßt in gewissen Studien und viel aufs Amüsiren hält, so vergißt er scheints Alles bei ihm und läßt sichs herzlich wohl sein.“[83]
Die nächste Folge waren Einladungen nach Weimar, welchen Oeser schon im Jahr 1776 folgte.[84] Diese Besuche wiederholten sich im folgenden Jahr[85] und später kam Oeser ziemlich jedes Jahr wenigstens einmal nach Weimar. Dort finden wir ihn im Januar,[86] im Juni[87] und nachdem er mit der Herzogin Amalie eine Reise nach Mannheim gemacht hatte, im Herbst des Jahres 1780,[88] im Frühjahr[89] und im Herbst 1782,[90] im Juli 1783[91] und im selben Monat 1785.[92] Er war nicht nur als erfahrner Kenner, dessen Rath und Vermittelung bei Erwerbung von Kunstsachen man gern in Anspruch nahm, in Weimar willkommen,[93] sondern nahm an allen künstlerischen Unternehmungen dort thätigen Antheil. „Oeser ist hier und gar gut,“ schreibt Goethe, „schon habe ich seinen Rath in vielen Sachen genützt. Er weis gleich wie's zu machen ist, das was bin ich wohl eher glücklich zu finden;“ und nachdem er fort ist, meint Goethe: „Wenn ich ihn nur alle Monat einen halben Tag hätte, ich wollt' andere Fahnen aufstecken.“[94] Er malte für das Liebhabertheater einen Vorhang und Decorationen, namentlich für die Vögel, welche am 18. August 1780 in Ettersburg aufgeführt wurden.[95] Ebenso half er durch Rath und That bei den Anlagen, welche im Park und in Tiefurt gemacht wurden, und verfertigte das Monument, welches die Herzogin Louise dem Herzog Leopold von Braunschweig errichten ließ. In einem Briefe an Knebel vom 25. Jan. 1780 theilt er ihm einen Entwurf dazu mit, welchen er mit einigen Bemerkungen erläutert; dann schließt er charakteristisch genug: „Ich denke nicht, daß ich mich dieser Idee zu einem Monument zu schämen habe, meines Wissens ist der Gedanke neu und ich hoffe den Beyfall der Kenner zu erhalten. Die, so der Herr General Superintendent angegeben, kan ich unmöglich verdauen, es kommt mir vor, als wenn es sich so ausnehmen würde, daß der Hr. G. S. und ich die Erwartung des Publicums mit nichts Besserm zu befriedigen wüßten, als daß er aus einem alten Autor eine Stelle herläse und ich das Buch dazu hielte, anstatt daß er und ich was neues sagen sollten, und uns den gerechten Vorwurf müßten gefallen lassen, daß das Publicum die Stelle selbst aufschlagen und lesen könnte und nicht brauchte danach zu gehen. Die Alten studiren oder copiren ist nach meinen Begriffen zweyerley.“
Der Mann voll Geschmack und Geist, der stille Künstler von Weltmanns Klugheit, wie ihn Goethe bezeichnet,[96] gefiel gar sehr durch seine heitere Laune und anziehende Unterhaltung und erwarb sich die allgemeine Zuneigung. In ganz vorzüglichem Maaß gewann er die Gunst der Herzogin Amalie, zu deren Geburtstag (24. October) ihr alter Oeser, wie sie ihn zu nennen pflegt, sich gewöhnlich mit mancherlei schönen Gaben einstellte.[97] „Die Herzogin,“ schreibt Goethe,[98] „war sehr vergnügt, so lang Oeser da war, jetzt geht's freilich schon ein wenig einfacher zu. Der Alte hatte den ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu deuten, zu besprechen, zu lehren u. s. w., daß keine Minute leer war;“ und sie selbst schreibt:[99] „Unterdessen, daß Sie und fast Alles von hier diesen Sommer herumschwärmten, habe ich mich in mein kleines Tiefurt zurückgezogen, und meine Gesellschaft war der alte Professor Oeser von Leipzig, der 5 Wochen bei mir wohnte, und bei dem einem auch bei dem unfreundlichsten Wetter, womit uns dieser Sommer heimsuchte, keine Stunde zu lang wird.“[100] Mit gewohnter Liberalität unterstützte sie ihn auch bei der Erziehung seines Sohnes, wovon folgendes Billet von ihr an den Steuerrath Ludecus (im Album des Schillerhauses in Weimar) Nachricht giebt.
„Erinnern Sie sich nicht mehr, wie viel ich voriges Jahr dem jungen Oeser versprochen habe zu seiner weiteren Vorsetzung in der Welt. Der alte Vater hat sich wieder an mich gewandt zwar nur durch die dritte Hand. Ich bin es auf eine gewisse Art dem Alten schuldig, der Sohn verdient es nicht, aber der Vater. Wenn ich nicht irre so sind es 50 oder 100 fl. Wenn Sie sie haben, so bringen Sie sie selber an Goethe, der sie übermachen wird an den alten Vater. Leben Sie wohl.Amelie.“
In späteren Jahren hören wir von Oesers Besuchen in Weimar nichts, wovon sein vorgerücktes Alter die Ursache gewesen sein mag; doch scheint seit Goethes Italiänischer Reise der Verkehr mit ihm nachgelassen zu haben.
Oeser starb an einem Stickfluß den 18. März 1799; Goethe ehrte sein Andenken durch eine sein Verdienst anerkennende Würdigung in den Propyläen vom Jahr 1800 (III. S. 125 ff.).
Man hat sich, und nicht mit Unrecht, darüber gewundert, daß Goethe in der Schrift „Winckelmann und sein Jahrhundert“ Oesers mit keinem Worte gedenkt, der doch so großen Einfluß auf beide gehabt hatte. Dieses Stillschweigen, wie die etwas skeptische Weise, mit welcher Goethe in Wahrheit und Dichtung von jenem Einfluß Oesers auf Winckelmann spricht,[101] ist wohl eine Wirkung der Italiänischen Reise. Daß Oeser auf Goethes künstlerische Auffassung bedeutend einwirkte, und noch später ihm als Kenner und Künstler hochstand, liegt klar vor, der Aufenthalt in Italien aber modificirte sein künstlerisches Urtheil gar sehr. „Ich dachte wohl,“ sagt er,[102] „hier was rechts zu lernen; daß ich aber so weit in die Schule zurückgehen, daß ich so viel verlernen, ja durchaus umlernen müßte, dachte ich nicht.“ Auch hier ging er dankbar von Winckelmann aus und kehrte immer zu ihm zurück, aber er erkannte auch, daß von ihm der Begriff zwar richtig und herrlich aufgestellt, alles Einzelne aber noch im ungewissen Dunkel sei.[103] Da fand er nun einen Führer an Heinrich Meyer, der den sichern von Winckelmann und Mengs eröffneten Weg ruhig fortging.[104] „Er hat eine himmlische Klarheit der Begriffe,“ schreibt er von ihm. „Er spricht niemals mit mir, ohne daß ich alles aufschreiben möchte was er sagt, so bestimmt, richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte. Sein Unterricht giebt mir, was mir kein Mensch geben konnte. Alles was ich in Deutschland lernte, vornahm, dachte, verhält sich zu seiner Leitung wie Baumrinde zum Kern der Frucht.“[105] Meyer war durch eine umfassende, auf sorgfältige Beobachtung gegründete Kenntniß der Kunstwerke ausgezeichnet, die er sich nach Winckelmanns System geordnet hatte, das er wohl inne hatte und auszubauen verstand. Er war durch seinen nüchternen, klaren Verstand und seine Ruhe von Oesern ganz außerordentlich verschieden und bot Goethe das dar, dessen er damals bedurfte. Nach einer andern Seite hin war der Verkehr mit Moritz[106] für die Auffassung des Schönen und der Kunst anregend und fördernd, auf welche Goethes naturwissenschaftliche Studien eine so eigenthümliche Einwirkung hatten. Ohne gegen Oeser undankbar zu werden, dessen früheren Einfluß auf sich er so wahr und warm geschildert hat, lernte er seinen Werth als Künstler und Kritiker unbefangner würdigen, und kam wohl zu der Überzeugung, daß das, was Winckelmann in früheren Jahren Oeser verdankte, zu hoch angeschlagen werde gegen das was er in Rom durch sich selbst und Mengs geworden sei. So schwieg er über Oeser, um nicht härter über ihn sich auszusprechen, als er selbst wohl wünschte.
Was von Goethes Briefen an Oeser und seine Tochter Friederike erhalten ist, befindet sich jetzt im Besitz der Bibliothek zu Weimar, von wo aus mir die Erlaubniß zur Veröffentlichung derselben gegeben worden ist. Ein Theil derselben war bereits im Morgenblatt 1846, Nr. 112 ff. 117. gedruckt worden.
Manche Papiere und Nachrichten, welche Oeser und seine Familie angehen, verdanke ich der gütigen Mittheilung seines Enkels, Herrn Geyser, in dessen Besitz sich auch das von Tischbein aus Cassel gemalte Bild von Friederike Oeser befindet, welches hier copirt ist.
An Adam Friedrich Oeser.
I.
Theuerster Herr Professor,
Zwölf Tage bin ich nun wieder in meiner wehrten Vaterstadt, von Anverwandten, und Freunden, und Bekanndten umgeben die sich über meine Ankunft teils freuen, teils verwundern, und alle sich bemüen, dem neuen Ankömling, dem halben Fremdling gefällig zu seyn, und ihm eine Stadt, die zu sehr Antithese von Leipzig ist um viel Annehmlichkeiten für ihn zu haben durch einen freundschafftlichen Umgang erträglich zu machen. Wir wollen sehen wie weit sie's bringen, jetzo kann ich nichts sagen, ich binn zu zerstreut, und mit meiner neuen Einrichtung zu sehr beschäfftigt, als daß mein Herz für das was ich verlohren habe, und für das was ich hier wieder finde, viel Empfindung haben sollte. Ich schreibe Ihnen auch für dießmal nichts, als daß meine Ankunft nach einer glücklichen Reise, eine erwünschte Ruhe über meine Famielie verbreitet hat, daß meine Kranckheit, die nach dem Ausspruch meiner hiesigen Ärtzte nicht so wohl in der Lunge als in denen dazu führenden Teilen liegt, sich täglich zu bessern scheint. Daß Ihr Tischer[107] nachdem er sich einige Tage bey uns aufgehalten, mit guten Empfelungsschreiben an den Ort seiner Bestimmung, in der Hoffnung seine Sache so gut als möglich auszuführen gereißt ist, und sich Ihnen und Ihrem ganzen Hause bestens empfelen läßt. Und das sey für diesesmal alles. Jede danckbaare Empfindung für alles was ich Ihnen schuldig binn, sey biß zu einer ruhigern und glücklichern Zeit aufgehoben, sobald ich diese so sehr erwartete Epoche werde erreicht haben, will ich Ihnen einen längern und bessern Brief schreiben; mittlerweile erhalten Sie mir Ihre Liebe, Ihre Freundschafft die mir so sehr geschmeichelt, die mich so sehr aufgemuntert hat, erhalten Sie mich in dem Andencken Ihrer verehrungswürdigen Gattin und Ihrer liebenswürdigen Kinder, und aller meiner Freunde; Hrn. Kreuchauf, Hrn. Cravinus, Hrn. v. Hardenberg, Hrn. v. Lieven, Hrn. Huber, bitte ich insbesondere meiner Ergebenheit zu versichern, und meinem Successor Hrn. Grönig den schnellsten Fortgang in der Kunst zu wünschen. Ich binn mit der beständigsten Hochachtung,
Theurester Hr. Professor
Franckfurt am Mayn, am 13 Sept. 1768.
Dero ergebenster J W Goethe
II.
Franckfurt, am 9 Nov.
1768.
Hochgeehrtester Herr Professor,
Das Aussenbleiben Ihres Junges, hat diesen Brief, den ich so balde zu schreiben schuldig war, um einen Monat und drüber verzögert. Mit ihm hoffte ich ein Paquet Briefe, und ein Paquet Kleinigkeiten nach Leipzig zu schicken, die nun auf eine andre Gelegenheit warten mögen.
Wenn Sie nicht mehr Nachricht von ihm haben als ich; so werden Sie unruhiger seyn als ich; denn ich dencke immer, er hat entweder an Sie geschrieben, oder ist durch einen andern Weeg zu Ihnen zurückgekehrt. Bald hoffe ich's zu erfahren; ein guter Freund hat es auf sich genommen, sich in Grehweiler zu erkundigen wie es mit ihm und seinen Sachen steht.
Meine Gesundheit fängt an, wieder etwas zu steigen, und doch ist sie noch nicht viel über's Schlimme. Inliegender Brief, den ich mich unterstanden habe an Ihre Mademoiselle Tochter zu schreiben, sagt mehr von diesem Punckte, und mehr von meinem übrigen Leben.
Die Kunst, ist, wie sonst, fast jetzt meine Hauptbeschäfftigung, ob ich gleich mehr drüber lese, und dencke, als selbst zeichne, denn jetzt da ich so allein lauffen soll, fühle ich erst meine Schwäche; es will gar nicht mit mir fort Herr Professor, und ich weiss vor der Hand nichts anders, als das Lineal zu ergreifen, und zu sehen, wie weit ich mit dieser Stütze in der Baukunst und in der Perspecktiv kommen kann.
Was binn ich Ihnen nicht schuldig, Theuerster Herr Professor, dass Sie mir den Weeg zum Wahren und Schönen gezeigt haben, dass Sie mein Herz gegen den Reitz fühlbaar gemacht haben. Ich binn Ihnen mehr schuldig, als dass ich Ihnen dancken könnte. Den Geschmack den ich am Schönen habe, meine Kenntnisse, meine Einsichten, habe ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiss, wie leuchtend wahr, ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz geworden, dass die Werckstatt des grossen Künstlers mehr den keimenden Philosophen, den keimenden Dichter entwickelt, als der Hörsaal des Weltweisen und des Kritickers. Lehre tuht viel, aber Aufmunterung tuht alles. Wer unter allen meinen Lehrern hat mich jemals würdig geachtet mich aufzumuntern, als Sie. Entweder ganz getadelt, oder ganz gelobt, und nichts kann Fähigkeiten so sehr niederreissen. Aufmunterung nach dem Tadel, ist Sonne nach dem Reegen, fruchtbaares Gedeyen. Ja Herr Professor wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen hätten ich wäre verzweifelt. Sie wissen was ich war da ich zu ihnen kam, und was ich war da ich von Ihnen ging, der Unterschied ist Ihr Werck. Ich weiss wohl, es war mir wie Prinz Biribinckern nach dem Flammenbaade,[108] ich sah ganz anders, ich sah mehr als sonst; und was über alles geht, ich sah was ich noch zu tuhn habe, wenn ich was seyn will.
Sie haben mich gelehrt demütig ohne Niedergeschlagenheit, und stolz ohne Präsumtion zu seyn. Ich würde kein Ende finden, zu sagen was Sie mich gelehrt haben; verzeihen Sie meinem danckbaaren Herzen diese Apostrophe, diese Sentenzen; das habe ich mit allen tragischen Helden gemein, dass meine Leidenschafft sich sehr gerne in Tiraden ergiesst, und wehe dem der meiner Lava in den Weeg kömmt.
Die Gesellschafft der Musen, und eine fortgesetzte schrifftliche Unterredung mit meinen Freunden, wird mir diesen Winter ein kränckliches einsames Leben angenehm machen, das ohne sie für einen Menschen von zwanzig Jahren eine ziemliche Folter seyn möchte.
Mein Freund Seekatz[109] ist einige Wochen vor meiner Ankunft gestorben. Meine Liebe für die Kunst, meine Danckbarkeit gegen die Künstler, werden Ihnen das Maas meines Schmerzens angeben. Sollte Hr. CrStEinnehmer Weise die Gefälligkeit für mich haben wollen, einige Nachrichten von seinem Leben und seiner Kunst in die Bibliotheck einzurücken: so wollte ich sie Ihnen zusenden.[110] Haben Sie die Gütigkeit, ihn bey Gelegenheit darum zu ersuchen. Idris habe ich eben gelesen, meine Gedancken hiervon ein andermal. Meine Eltern grüssen Sie und Ihre Famielie, mit der Liebe und Danckbaarkeit, die sie einem Manne schuldig sind, dem ihr Sohn so viel schuldig ist. Leben Sie wohl. Ich binn
Theuerster Hr. Professor Der Ihrige Goethe.
III.
Franckfurt, am 24 Nov. 1768.
Hochgeehrtester Herr Professor,
Junge, geht Morgen ab, sollte ich diese Gelegenheit versäumen, an Sie zu schreiben? Ich beneide alle Welt, die nach Sachsen geht, und meine Briefe dazu; und doch ist meine Correspondenz nach Sachsen, jetzt fast das einzige, daran ich ein würckliches Vergnügen finde.
Sie werden Sich verwundern, was Ihr Tischer für Kostbaarkeiten mitbringt; wir haben uns alle gefreut, dass seine Reise, die Kranckheit ausgenommen, so glücklich gewesen ist, und hoffen, dass seine Rückreise bey dieser schlimmen Jahrszeit, so gut gehen wird, als es wahrscheinlich ist.
Wäre der Weeg nach Leipzig, nur nicht gar so schlimm, und gar so lang; ich wollte Sie einmal recht unvermuhtet überfallen. Denn Ich habe Ihnen gar zu viel zu sagen. Sie wissen ich hatte immer einen hübschen Fond von Reflecktiohnen die ich Ihnen meistenteils vortrug, freylich gingen sie manchmal etwas queer, nun, da belehrten Sie mich eines bessern; aber es giebt tausend Dinge, die man ohne Bedencken sagt, die man aber groses Bedencken trägt zu schreiben.
Meine Gedancken über den Idris, und den Brief an Riedeln,[111] über den Ugolino, über Weissens Grosmuht für Grosmuht, über die Abhandlung von Kupferstichen, aus dem Englischen,[112] sind zwar zum erzälen ganz erträglich, zum Schreiben noch lange nicht ordentlich, nicht richtig genug.
Die Cabinette hier, sind zwar klein, dafür sind sie häufig und ausgesucht, mein gröstes Vergnügen ist, mich recht darinne umzusehen. Es ist gut dass Sie mich gelehrt haben, wie man sich umsieht.
Sonst leide ich viel der Kunst wegen; mein Glück, dass ich schon gewohnt binn, um meiner Freunde willen zu leiden. Apostel, Propheten und Poeten, schätzt man selten in ihrem Vaterlande, und noch seltner zu der Zeit, da man sie alle Tage sehn kann; und doch kann ich mich nicht enthalten den guten Geschmack zu predigen; richtet man gleich nicht viel aus, so lernt man doch immer dabey, und sollte man auch nur bey der Gelegenheit erfahren, dass weit ausgebreitete Gelehrsamkeit, tiefdenckende spitzfündige Weisheit, fliegender Witz und gründliche Schulwissenschafften, mit dem Guten Geschmacke, sehr heterogen sind.
Das Frauenzimmer liebt sich hier sehr das erstaunliche, vom schönen, naiven, komischen halten sie weniger. Desswegen sind alle Meerwunder: Grandison, Eugenie,[113] der Galeerensclave,[114] und wie die ganze fantastische Famielie heisst, hier im grossen Ansehn. Von der Wilhelmine, die doch dem Himmel sey Danck, dreymal aufgelegt ist,[115] habe ich trutz aller Nachfrage in keiner Damenbibliotheck Ein Exemplar auftreiben können. Nächstens ein mehreres von diesen betrübten Umständen.
Wenn der Rothstein und die schwarze Kreide gut sind, so steht Ihnen mehr zu Diensten. Empfelen Sie mich gütig, Ihrer Frau Gemalinn, und der ganzen Famielie; wie auch meinen Gönnern und Freunden, denen Herren Creuchauf, Weisse, Clodius Hubert, v. Hartenberg, Cravinus, Gröning, namentlich. Meine Eltern empfelen sich Ihnen. Und ich binn, mit der zärtlichsten Hochachtung,
Ihr ergebenster Schüler und Diener, Goethe.
IV.[116]
Ich bin verschwunden wie ich erschienen bin. Liebster Mann, tausend Danck für alles, und unveränderliche Liebe in saecla saeclorum. Grüsen Sie ihre ganze Famielie, und Beckern[117]. Vergessen Sie die Abgüsse nicht und schicken sie bald. Der Herzog hat auf meine Beschreibung Lust zu den Snayers gekriegt, man muss sehn wie sie ihm gegenwärtig behagen. Drum bitt ich Sie, mir sie wohl gesäubert und wohl gepackt mit dem Postwagen zu übersenden. — Ich habe Leipzig ungern verlassen, — M. Becker soll mir manchmal schreiben.
Weimar d. 6. Apr. 1776.
Goethe.
V.
Wir wollen der Hrz. Louise auf ihren Geburtstag auf unsern Brettern ein neu Stück geben[118] und bedürfen dazu eines hintersten Vorhanges zum Wald. Wir mögten auf diesem Prospeckt gern eine herrliche Gegend vorstellen mit Haynen Teichen, wenigen Architeckturstücken &c. denn es soll einen Parck bedeuten.
Hätten Sie so was vorräthig so schicken Sies doch aber mit nächster Post, allenfalls ein Kupfer von Poussin, oder sonst eine Idee, wir bitten recht sehr drum. Sie haben erinnere ich mich so was auf einem Vorhang in Leipzig. Die Büste kriegen Sie ehstens. Ihr Andencken ist lebendig unter uns. Herzoginn Louise hat mir Vorwürfe gemacht dass ich Sie nicht zu ihr gebracht habe, also müssen Sie bald wiederkommen das gut zu machen. Addio ist Ihnen nichts weiter von meiner Gottheit offenbaart worden?
d. 7 Jan. 77. Goethe.
VI.
Wir sind durch einen andern Weeg wieder in unser Land gegangen, und haben Sie nicht mit nehmen können[119]. Es ist auch iezt Herzoginn Mutter in Ilmenau, ob Sies gleich wohl auch hätte freuen können Ihr dahin zu folgen.
Nun bitte ich inständig um die Basreliefs weil ich gern möchte die Rahmen fertigen lassen in ihrer Abwesenheit.
Gern unterhielt ich Sie von dem gebetnen Tische und von andern Sachen aber ich weis schon wies einem mit Ihnen geht.
Schicken Sie mir doch ein paar Zeichnungen zu steinernen Garten Bäncken ganz simpel aber schöne Formen.
Wenn ich von Ilmenau komme hören Sie mehr von mir.
Von dem Tische schreib ich Ihnen meine Gedancken. Ich hab mir wieder so ein fest Bild gemacht wie er aussehn soll und das ist wieder ein bisgen gothisch. Wir werden wieder Händel haben; es ist so schlimm was für mich zu machen als für irgend einen Philister. Schreiben Sie und schicken Sie bald.
d. 15 Jun. 78. Goethe.
VII.[120]
Weimar den 10 Merz. 1780.
Meinen besten Dank werthester Herr Professor bezeige ich Ihnen für das gütig überschickte. Das Gefängniss soll abgezeichnet sogleich wieder zurückkommen.
Sie schreiben: „das mitfolgende auf Papier entworffene soll Schuman in des obigen Tone ausführen“ ich finde aber nichts worauf sich diese Linien beziehen könnten.
Die Zeichnung des Tischfuses liegt wieder bei ich wähle die terms und bitte Sie versprochnermassen so wohl um die Reinlichkeit des Details als um die Stellung, Construktion und Verbindung des Ganzen.
Auch ersuche ich sie mir bald möglichst einen Theaterleuchter zu schicken, denn wir sind bald so weit dass wir des Lichts bedürfen.
Sie stehen mein lieber Herr Professor mit noch verschiednen andern Sachen auf meinem Zettelein und ich bitte Sie aber und abermal ja Ihren Plan sicher zu machen, dass Sie mit eintretendem Frühjahr bei uns sein können.
Den Brief werd' ich besorgen und die Kiste erwarten.
Goethe
VIII.
Ihre Briefe habe ich übergeben und Ihre Aufträge ausgerichtet. Wahrscheinlich erhalten Sie mit der heutigen Post auch Ihre Büste und ich hoffe dass Sie einigermassen mit der Arbeit zufrieden sein werden.[121] Ich habe mit Clauern gesprochen, wegen des Verlangens das Sie haben ihn auf eine Zeit bei Sich zu sehen. Er scheint unentschlossen und ich wünschte selbst, ehe ich Durchl. dem Herzog etwas davon sage und um Urlaub für ihn bitte, näher unterrichtet zu sein, auf was für eine Art, wie lang und zu welchem Zweck Sie ihn bei Sich zu haben wünschen, denn nach allen diesem wird der Herr mich gewiss fragen. Klauer selbst scheint wegen einiger näherer Bestimmung verlegen und ich wollte selbst rathen mit ihm dadrüber so ausführlich und deutlich als möglich zu handeln. Es giebt bei Arbeiten des Künstlers die schweer zu schätzen sind meistentheils zulezt ein Misvergnügen, wenn man sich nicht gleich Anfangs zusammen auf einen festen Fus gesezt hat. Es bleibt ihm ohnedem auch hier noch verschiedenes zu thun, wo er unter ein Viertel Jahr schweerlich fertig wird.
Ich schicke hier versprochener massen ein Exemplar der berühmten Correspondenz, die ich mir zu seiner Zeit wieder zurück erbitte. Ich weis nicht ob es Ihnen gehen wird, wie mir, Sie ist mir in der Erzählung hübscher und lustiger vorgekommen als Sie mir gedruckt erscheint.
Wollen Sie etwa einige architektonische Zeichnungen für Durchl. den Prinzen[122] hierher schicken so würde ich sorgen dass sie kopirt werden.
In dem ich dieses schreibe sind Sie wohl in einer wichtigen Handlung begriffen, wozu ich alles Glück wünsche.[123] Vielleicht steht die Statue schon auf ihrem Plaz und ich bin recht neugierig sie zu sehen.
Leben Sie recht wohl. Denken Sie gelegentlich an die Aufträge mit denen wir Sie belästigt haben. Weimar den 3 Aug. 1780.
Goethe
IX.
In der Zerstreuung, in die mich vielerley Geschäfte bey meiner Ankunft versezen, kann ich nur mein bester Herr Profeßor Ihnen für die viele Liebe und Freundschaft danken die Sie mir bey meinem Aufenthalt in Leipzig bezeiget. Da mir meine Stunden so knapp zugemeßen waren, wie viel bin ich Ihnen nicht schuldig dass Sie mir den größten Theil davon so angenehm und nüzlich haben verbringen machen.
Da ich übermorgen als den 3t. schon wieder von hier abreisen muß,[124] so bitte ich Sie wegen der abzuschickenden Statue mit dem Herrn Rath Bertuch zu korrespondiren, dem ich den umständlichen Auftrag gegeben habe. Er wird auf Ihre Nachricht den Fuhrmann zur rechten Zeit nach Leipzig schicken, und das nöthige besorgen.
Ich empfehle mich Ihnen und den Ihrigen aufs beste, wobey sich mein kleiner Reisegefährdte[125] mit anschließt. Verzeihen Sie alle Beschwerden die ich Ihnen mache, und bleiben Sie meiner vollkommensten Ergebenheit versichert. Weimar d. 1 Okt. 1781.
Das bewußte Basrelief wird nächstens anlangen.
Goethe
X.
Mein Dank kommt spät lieber Herr Professor und ist noch immer so warm als beym Abschiede, da ich gewiß sehr ungerne Leipzig verließ.[126] Sie haben mir meinen Aufenthalt so angenehm und nüzlich gemacht als möglich und ich bin wie immer bereichert von Ihnen weggegangen.
Zwar habe ich es gemacht wie das Volk Israel bey seinem Auszuge aus Egypten. Sie werden verschiedenes vermissen worunter besonders ein großer Pinsel ist, welchen ich aber mir ohne Furcht und Reue zugeeignet habe. Wenn wir so glücklich sind Sie aufs Frühjahr hier zu sehen[127] soll Ihnen alles vorgelegt werden was ich damit biß dahin zu Stande bringe. Die Farbe ist gekocht, die Kunststüke werden geübt, aber leider ists noch immer das Rähmchen was mir an solchen Arbeiten am besten gelingt.
Die verlangte Büste für Herrn Breitkopf ist eingepackt und geht mit dem Schaurischen Wagen ab. Den Riß des Observatorii habe ich in eine Schachtel an Rosten beypacken laßen, und auch dieser wird hoffentlich zur rechten Zeit anlangen.
Nun aber muß ich auf das dringendste um den berühmten Brunnen bitten. Der Versuch ist gemacht worden, man hat ihn in die Höhe gestaucht, welches wohl angeht. Freylich läuft er da in einer starken Röhre und in einem schwachen Spiegel. Haben Sie die Güte mir die Zeichnung so bald als möglich zu schicken, denn es warten die Anlagen der Weege und die Pflanzungen darauf und ob gleich die Jahrszeit strenge ist so sind doch immer unsere gnädigsten Herrn in Arbeit.
Große Steine sind auch zu dem berühmten Felsen hinzugeschafft und warten nur auf Ihre schöpferische Befehle um sich zu einem schönen Ganzen zu bilden. Lassen Sie nun unsere Hoffnungen nicht scheitern und kommen mit der ersten guten Jahreszeit.[128]
Empfehlen Sie mich den werthen Ihrigen und danken tausendmal für die viele gefällige Hülfe und freundliche Unterhaltung, womit sie bey meinem Aufenthalte gegen mich so freygebig gewesen sind.
Herrn Creuchauf recht viele Complimente.
Was macht mein Burscher? Werde ich balde ein Kunstwerk des neuen Hogarths sehen?
Ich habe auch gleich nach meiner Ankunft die feinen Pappen nachmachen laßen, sie sind aber zum erstenmale nicht ganz glücklich gerathen, es fehlt ihnen an dem nöthigen Leime, weswegen sich der Papiermacher mit der Witterung entschuldigt.
Wenn Sie zu uns kommen werden Sie Sich an den vortreflichen Eisenstufen ergözen die ich aus dem Trierischen erhalten habe. Sogar auch Ungarische sind mir zugekommen. Freylich nicht so schön wie die Ihrigen.
Geben Sie mir bald Gelegenheit, daß ich wenigstens einigermassen aus Ihrer Schuld komme in der ich so viel stehe.
Leben Sie nochmals auf das beste wohl.
Weimar 30 Jan. 1783.
Goethe
An Friederike Oeser.
I.[129]
Franckfurt am 6. Nov. 1768.
Mamsell,
So launisch, wie ein Kind das zahnt; Bald schüchtern, wie ein Kaufmann den man mahnt, Bald still, wie ein Hypochondrist, Und sittig, wie ein Mennonist, Und folgsam, wie ein gutes Lamm; Bald lustig, wie ein Bräutigam, Leb' ich, und binn halb kranck und halb gesund, Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund; Sehr missvergnügt, dass meine Lunge Nicht so viel Ahtem reicht, als meine Zunge Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt, Was ich bey Euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt. Da sucht man nun mit Macht mir neues Leben, Und neuen Muht und neue Krafft zu geben; Drum reichet mir mein Docktor Medicinä Extrackte aus der Cortex Chinä, Die jungen Herrn erschlaffte Nerven An Augen, Fus und Hand, Auf's neue stärcken den Verstand, Und das Gedächtniss schärfen. Besonders ist er drauf bedacht, Durch Ordnung wieder einzubringen, Was Unordnung so schlimm gemacht, Und heisst mich meinen Willen zwingen. Bey Tag, und sonderlich bey Nacht, Nur an nichts reitzendes gedacht! Welch ein Befehl für einen Zeichnergeist, Den jeder Reitz bis zum Entzücken reisst. Des Bouchers Mädgen nimmt er mir Aus meiner Stube, hängt dafür Mir eine abgelebte Frau, Mit riesigem Gesicht, mit halbzerbrochnem Zahne, Vom fleissig kalten Gerhard Dow An meine Wand, langweilige Tisane Setzt er mir statt des Weins dazu. O sage Du, Kann man was traurigers erfahren? Am Körper alt, und jung an Jahren, Halb siech, und halb gesund zu seyn? Das giebt so melanchol'sche Laune, Und ihre Pein Würd' ich nicht los, und hätt' ich sechs Alraune. Was nützte mir der ganzen Erde Geld? Kein krancker Mensch geniesst die Welt. Und dennoch wollt' ich gar nicht klagen, Denn ich binn schon im Leiden sehr geübt; Hätt' ich nur das, was uns die Plagen, Die Last der Kranckheit zu ertragen, Mehr Krafft als selbst die Tugend giebt. Verkürzung grauer Regenstunden, Balsam'sches Pflaster aller Wunden, Gesellschafftsgeister die man liebt. Zwar hab ich hier an meiner Seite Beständig rechte gute Leute, Die mit mir leiden, wenn ich leide, Sie sorgen mir für manche Freude, Es fehlt mir nur an mir, um recht beglückt zu seyn. Und dennoch kenn' ich niemand, der die Pein Des Schmerzens, so behende stillt, die Ruh Mit Einem Blick der Seele schenckt, wie Du. Ich kam zu Dir, ein Todter aus dem Grabe, Den bald ein zweyter Todt zum zweytenmal begräbt; Und wem er nur einmal recht nah um's Haupt geschwebt, Der bebt Bey der Erinnerung, gewiss so lang er lebt. Ich weiss wie ich gezittert habe; Doch machtest Du mit Deiner süssen Gabe, Ein Blumenbeet mir aus dem Grabe; Erzähltest mir wie schön, wie kummerfrey, Wie gut, wie süss Dein seelig Leben sey, Mit einem Ton von solcher Schmeicheley, Dass ich, was mir das Elend jemals raubte, Weil Du's besas'st selbst zu besitzen glaubte. Zufrieden reisst ich fort, und was noch mehr ist, froh, Und ganz war meine Reise so. Ich kam hierher, und fand das Frauenzimmer Ein bissgen — ja man sagt's nicht gern — wie immer, Gnug bis hierher hat keine mich gerührt.[130] Zwar sag ich nicht was einst Herr Schübler[131] Von Hamburgs Schönen prädicirt, Doch binn ich auch ein starcker Grübler, Seitdem Ihr Mädgen mich verführt, Die ich wohl schwerlich je vergesse; Und da begreiffst Du wohl, dass jede leicht verliert, Die ich nach Eurem Maasstab messe. Du lieber Gott! an Munterkeit ist hie An Einsicht, und an Witz Dir keine einz'ge gleich, Und Deiner Stimme Harmonie Wie käme die heraus in's Reich. So ein Gespräch, wie unsers war, im Garten, Und in der Loge noch, mit diesem seltnen Zug, So aufgeweckt, und doch so klug, Ja, darauf kann ich warten. Binn ich bey Mädgen launisch froh; So sehn sie sittenrichtrisch sträflich, Da heisst's: der Herr ist wohl aus Bergamo? Sie sagen's nicht einmal so höflich. Zeigt man Verstand, so ist das auch nicht recht. Denn will sich einer nicht bequemen Des Grandisons ergebner Knecht Zu seyn, und alles blindlings anzunehmen Was der Dicktator spricht, Den lacht man aus, den hört man nicht. Wie seyd Ihr nicht so gut, so Euch zu bessern willig, Auf eigne Fehler streng, und gegen fremde billig, Und zum Gefallen ohnbemüht, Ist niemand den Ihr nicht gewönnet. Ah, man ist Euer Freund, so wenig man Euch kennet, Man liebt Euch, eh man's sich versieht; Mit einem Mädgen hier zu Lande, Ist's aber ein langweilig Spiel, Zur Freundschafft fehlt's ihr am Verstande, Zur Liebe fehlt's ihr am Gefühl. Drauf ging ich ganz gewiss, hätt ich nicht so viel Laune, Bräch' ich mir nicht gar manche Lust vom Zaune, Lacht ich nicht da wo keine Seele lacht. Und dächt ich nicht, dass Ihr schon offt an mich gedacht. Ja, dencken müsst Ihr offt an mich, das sage Ich Euch, besonders an dem Tage Wenn Ihr auf Euerm Landgut[132] seyd, Dem Ort der mir so manche Plage Gemacht, dem Ort der mich so sehr erfreut. Doch Du verstehst mich nicht, ich will es Dir erklären, Ich weiss doch Du verzeihst es mir. Die Lieder die ich dir gegeben, die gehören Als wahres Eigentuhm dem schönen Ort und Dir. Wenn mich mein böses Mädgen plagte, Wenn der Verdruss mich aus den Mauern jagte, War ich verwegen gnug, und wagte Dich aufzusuchen eh es tagte, Auf Deinen Feldern die Du liebst, Die Du mir offt so schön beschriebst. Da ging ich nun in Deinem Paradiese, In jedem Holz, auf jeder Wiese, Am Fluss, am Bach, das hoffende Gesicht Vom Morgenstrahl geschminckt, und sucht' und fand Dich nicht. Dann schlug ich, angereitzt von launischem Verdrusse, Den armen Frosch, am sonnbestrahlten Flusse, Dann jagt' ich ringsumher, und fing Bald einen Reim bald einen Schmetterling. Und mancher Reim, und mancher Schmetterling Entging Der ausgestreckten Hand, die mitten In ihrem Haschen stille stand, Wenn aus dem Wald, von Stimmen oder Tritten Den Schall, mein lauschend Ohr empfand. Am Tage sang ich diese Lieder, Am Abend ging ich wieder heim, Nahm meine Feder, schrieb sie nieder Den guten und den schlechten Reim. Offt kehrt ich noch mit immer schlechterm Glücke Auf die fatale Flur zurücke, Biss mir zuletzt das günstige Geschicke Noch einen Tag den ich nicht hoffte gab. Doch ich genoss sie kaum die süssen letzten Stunden, Sie waren gar zu nah am Grab. Ich sage nicht was ich empfunden, Denn mein prosaisches Gedicht Stimmt diesesmal sehr zur Empfindung nicht. Du hast die Lieder nun, und zur Belohnung Für alles was ich für Dich litt, Besuchst Du Deine seelge Wohnung; So nimm sie mit; Und sing sie manchmal an den Orten Mit Lust wo ich aus Schmerz sie sang, Dann denck an mich, und sage: dorten Am Flusse wartete er lang, Der Arme der so offt mit ungewognem Glücke Die schönen Felder fühllos sah! Käm er in diesem Augenblicke, Eh nun, jetzt wär' ich da. Jetzt, dächt ich nun, war's hohe Zeit zum Schliessen, Denn wenn man so zwey Bogen[133] Reime schreibt, Da wollen sie zuletzt nicht fliessen. Doch warte nur wenn mich die Laune treibt, Und Deine Gunst mir sonst versichert bleibt, So schreib ich Dir noch manchen Brief wie diesen. Willst Du mir die Geschwister grüssen, So schliesse Richtern[134] auch mit ein. Leb wohl! Und wird das Glück Dein Freund beständig seyn Wie ich; so wirst Du steets des schönsten Glücks geniessen.
Goethe.
II.
Mademoiselle,
Sie ist lang ausgeblieben, die Antwort! soll ich Sie wohl um Vergebung bitten? Nein gewiss, wenn ich das dürfte; Wenn ich sagen dürffte: Mamsell, verzeihen Sie, ich hatte viel, viel Geschäffte, daran sich Herckules den Arm aus der Pfanne hätte heben mögen, ich konnte ohnmöglich, die Tage waren kurz, mein Gehirn, wegen der Einstrahlung des Steinbocks und Wassermanns, etwas kalt und feucht, und noch die ganze Reihe von alletags Entschuldigungen, um nicht auf sich kommen zu lassen, man sey faul, dazugerechnet; Sehen Sie, wenn ich in Umständen wäre, so was zu sagen, ich schrieb lieber in meinem Leben nicht. O Mamsell, es war eine impertinente Composition von Laune meiner Natur, die mich vier Wochen, an den Bettfus, und vier Wochen, an den Sessel anschraubte, dass ich eben so gerne die Zeit über, hätte in einen gespaltenen Baum wollen eingezaubert seyn. Und doch sind sie herum, und ich habe das Capitel von Genügsamkeit, Geduld, und was übrigens für Materien ins Buch des Schicksaals gehören, wohl und gründlich studiert, binn auch dabey etwas kluger geworden; Sie werden mir also verzeihen wenn dieser Brief, mehr ein Commentar zu dem Ihrigen, als eine Antwort darauf wird; denn so viel Freude ich über das Blätgen gehabt habe, so viel habe ich auch dawider einzuwenden, und — Honneur aux Dames — aber wahrhafftig, Sie haben unrecht.
Wir müssen uns besser verstehn, eh wir uns weiter herauslassen. Vorausgesetzt, dass ich nicht mit Ihnen zufrieden binn! Und nun will ich anfangen, von Anfang biss zu Ende, ordentlich wie ein Cronickenschreiber; der Brief wird so lang werden, wie die Glosse eines Dompfaffen, über einen kleinen, leichten Text.
Sie wissens von Alters her, — wenigstens ist es meine Schuld nicht, wenn Sie es nicht wissen — Sie wissen, daß ich Sie für ein sehr gutes Mädgen halte, die schon, wenn Ihr dran gelegen wäre, einen ehrlichen Menschen mit dem weiblichen Geschlecht wieder versöhnen könnte, und wenn er aufgebracht wäre wie Wieland. Wenn ich mich irre; so ist das wieder meine Schuld nicht. Zwey Jahre beynahe, binn ich in Ihrem Hause herumgegangen, und ich habe Sie fast so selten gesehen, als ein Nachtforschender Magus einen Alraun pfeifen hört.
Von dem also zu reden was ich gesehen habe — die Kirche urtheilt nicht übers Verborgne, sagte Paris — So versichre ich Sie, dass ich davon bezaubert binn; aber wahrhafftig die ‘Philosophen’ von meiner Art, haben meist Ulysses Kräuterbüschel, unter den andern Galanterien, in einem Sachet bey sich, dass Ihnen die stärckste Bezauberung nicht mehr schadet als ein starcker Rausch, Kopfweh den andern Morgen, aber die Augen sind doch wieder helle. Dieses wohl begriffen, damit wir uns nicht missverstehen.
Sie sind glücklich, sehr glücklich; wenn mein Herz nicht jetzt für alle Empfindung todt wäre, ich wollte es Ihnen vorerzählen, vorsingen wollt' ich's Ihnen. Das möglichste von Gessners Welten; wenigstens bild ich's mir so ein. Und Ihre Seele hat sich sehr nach dem Glück gebildet, Sie sind zärtlich, fühlbaar, Kennerinn des Reitzes, gut für Sie, gut für Ihre Gespielen; aber nicht so gut für mich; und Sie müssen doch auch gut für mich seyn, wenn Sie ein ganzrechtgutes Mädgen seyn wollen. Ich war einmal kranck, und ward wieder gesund, eben genug, um mit Bequemlichkeit meinem letzten Willen nachdencken zu können. Ich schlich in der Welt herum, wie ein Geist, der nach seinem Ableben manchmal wieder an die Orte gezogen wird, die ihn sonst angezogen, da er sie noch körperlich geniesen konnte, jämmerlich schleicht er zu seinen Schätzen, und ich demütig zu meinem Mädgen, und zu meinen Freundinnen. Ich hoffte bedauert zu seyn; unsre Eigenliebe muss doch was hoffen, entweder Liebe oder Mittleiden. Betrogner Geist bleib in deiner Grube! Du magst noch so demütig, noch so flehend im weißen Rocke flehen und jammern, wer todt ist ist Todt, wer kranck ist, ist so gut wie todt; geh, Geist, geh, wenn sie nicht sagen sollen, du bist ein beschwerlicher Geist. Die Geschichten, die mich auf diese Betrachtung führten, gehören nicht hierher. Nur eine will ich Ihnen ausführlich erzählen, wenn ich mich sie noch recht besinne. Ich kam zu einem Mädgen, ich wollte drauf schwören, Sie wärens gewesen, die empfing mich mit grossem Jauchzen, und wollte sich zu Todte lachen, wie ein Mensch die Carickaturidee haben konnte, im 20sten Jahre an der Lungensucht zu sterben! Sie hat wohl recht, dacht ich, es ist lächerlich, nur für mich so wenig, als für den Alten im Sacke, der für Prügeln sterben möchte, über die eine ganze Versammlung fast für lachen stirbt.[135] Wie aber alle Sachen in der Welt zwey Seiten haben; und einem ein schönes artiges Mädgen, leicht schwarz vor weis verkaufen kann; und ich überhaupt leicht zu bereden binn, so gefiel mir das Ding so wohl, dass ich mir einbilden liess, es wäre alles Einbildung, und man wäre glücklich, so lang man vergnügt wäre, und so weiter; und da erzählte sie mir wie sie auf dem Lande so vergnügt gewesen wären, wie sie blinde Kuh gespielt, nach dem Topfe geschlagen, geangelt, und gesungen hätten, dass mir's ward wie's einem jungen Mädgen wird die den Grandison liesst; das ist ein feines Bissgen von einem Menschen, so einen möcht'st du auch haben, denckt sie. Wie gern hätte ich auch mitgemacht, und meine Kranckheit verschlimmert. Dem sey wie ihm wolle, Mamsell, es ist nichts so schlimm, dass das Schicksaal nicht zum Guten machen könnte, Ihre Unbarmherzigkeit in den letzten Tagen, gegen den armen Verurteilten, machte ihn starck; Glauben Sie mir, Sie sind alleine Schuld, dass ich Leipzig ohne sonderliche Schmerzen verlassen habe. Freudigkeit der Seele, und Heroismus ist so communicabel wie die Elecktricität, und Sie haben soviel davon, als die Elecktrische Maschine Feuerfuncken in sich enthält. Morgen seh ich sie wieder! ein Abschiedsgruss zu dem, den man auf die Galeeren schmieden will, ist wahrhafftig nicht der zärtlichste. Es sey! Mich hat er starck gemacht; und doch war ich nicht mit zufrieden. Die Grösse der Seele, ist meist unempfindlichkeit, unter uns gesagt. Wenn ich's wohl betrachte, so handelten Sie ganz natürlich, mein Abschied musste Ihnen gleichgültig seyn, mir war er's warrlich nicht. Ich hätte gewiss geweint, wenn ich nicht gefurcht hatte, Ihre weissen Handschuhe zu verderben; eine überflüssige Vorsicht, ich sah erst am Ende, dass sie gestrickt und von Seide waren, da hätte ich immer weinen können, doch da war's zu spät. Dass ich ein Ende mache. Ich ging aus Leipzig und Ihr Geist begleitete mich, mit der ganzen Munterkeit seines Wesens. Ich kam hier an, und fing an Betrachtungen zu machen, dazu ich bissher nicht Zeit gehabt hatte. Und sah mich hier nach Freunden um, und fand keine; nach Mädgen, die waren nicht so specificirt wie ich's liebe, und war im Jammer, und klage Ihnen das in wunderschönen Reimen, und dencke, ob Sie den wohl dich bedauern wird, und den unglücklichen Schwanen, durch ein Briefgen trösten wird! Da kam ein Brieflein! Nun das ist wohl wahr, erquickt war ich; denn Sie stellen sich die Trockenheit nicht vor, in der man hier, von Seiten einer angenehmen Unterhaltung lechzt; aber getröst war ich nicht; Ich sah dass Sie meynten, Poesie und Lügen wären nun Geschwister, und der Hr. Briefsteller könnte wohl ein sehr ehrlicher Mensch, aber auch ein starcker Poete seyn, der aus Vorurteil für das Clair obscür, offt die Farben etwas stärcker, und die Schatten etwas schwärzer aufstriche, als es die Natur thut. Bon, Sie sollen recht haben, wo sie's haben. Nur, das ist doch zu arg, Sachen bey mir zu supponiren, die ich doch so wenig besitze, als den Stein der Weisen. Einen gesunden Kopf, ein gutes Herz, nun dazu liess ich mich noch wohl bereden, zu glauben dass ich das hätte; aber gelehrige Schülerinnen, Freunde, wie sich's gehört, darauf wart ich noch; wenn ich sie erwischt habe, die Paradiesvögel, da will ich's Ihnen schreiben. Dass Sie also unrecht hatten, mir ein Rezept zu verschreiben, wozu die Species in Leipzig waren, dass mich das nothwendig kräncken musste, das sehen Sie nun wohl ein. Es ist sehr unbillig; Sie haben mein Herz gegen den Abschied von L. unempfindlich gemacht, Sie wollen gar haben daß ich es vergessen soll! O Sie kennen Sich und Ihre Landsmänninnen zu wenig! Wer die Minna hat zu Franckfurt aufführen sehen, der weiss besser was Sachsen ist. Sie haben also unrecht! Ich wiederhole es noch einmal, ob ich gleich in dem Augenblicke nicht weiss warum; denn ich habe so viel davon geschrieben, dass ich's drüber vergessen habe, wovon eigentlich die Rede war. Es mag nun seyn wie's will, so war die ganze Sache eine unparteiische, uneigennützige Erinnerung, an ein gewisses Frauenzimmer; dass zum rechten guten Herzen auch Mitleiden gehört; dass das noch lange nicht der höchste Grad von Empfindlichkeit ist, wenn man arme Leute und Lerchen füttert. Dass das Lachen gegen das reelle Unglück, so wenig eine gute Cur ist, als das aus dem Sinnschlagen. Dass wir wenn wir satt sind, eine Rede von Genügsamkeit sehr schlecht bey einem Hungrigen anwenden, und endlich, dass der liebenswürdigste Brief, nicht das hundertste Theil von dem Reiz der Unterredung enthält. Denn Sie hätten mir alles das, und noch mehr, und nicht einmal so schön, vorreden dürfen, so wäre ich confundirt gewesen, und hätte mich nie unterstanden, die geringste von diesen impertinenten Anmerckungen zu machen. Wenn die Frauenzimmer immer wüssten, was sie könnten, wenn sie wollten! — Es ist gut dass es ist wie's ist, ich will zufrieden seyn, dass sie unsre Schwächen nicht ganz kennen. Nun genug von dieser Materie, von der ich so viel geschrieben habe, weil ich nie wieder davon zu schreiben hoffe. Möchte ich doch einem Unglückligen gedient haben, den etwa das Schicksaal künftig in Ihre Hände übergiebt, die je niedlicher sie sind, desto grausamer peinigen können. Ich hoffe künftig Ihnen mit keinen Klagen, mit keinem Jammer beschwerlich zu fallen, ich hoffe das Mitleid nicht nötig zu haben, wozu ich Sie ermahne. Trutz der Kranckheit die war, trutz der Kranckheit die noch da ist, binn ich so vergnügt, so munter, offt so lustig dass ich Ihnen nicht nachgäbe, und wenn Sie mich in dem Augenblicke jetzt besuchten, da ich mich in einem Sessel, die Füsse wie eine Mumie verbunden, vor einen Tisch gelagert habe, um an Sie zu schreiben.
Hierher gehört auch dass ich in diesem neuen Jahre, eine Farçe gemacht habe, die ehstens, unter dem Titel: Lustspiel in Leipzig erscheinen wird. Den die Farçen sind jetzt auf allen Parnassen contrebande, wie alles aus der Zeit Ludwigs des Vierzehenden.
Es lebe Ihre Connexion in der Sie mit dem Schicksaale stehn, ich werde mich auch auf den Fus mit ihm setzen; und Ihr Wahlspruch, möchte auch noch hingehn, und gut und artig seyn, wenn er nur nicht eben vom Rhingluff,[136] oder Gott weis wie er heisst, genommen wäre, zwanzig Dichter haben es eben so gut, und besser gesagt, warum muss nun eben der Mensch, mit dem Barbarischen Nahmen, die Ehre haben; Denn unter uns gesagt ich binn keiner von seinen Freunden. Ich kenne ihn weiter nicht, aber seine Verse die ich kenne, dementiren den ehrwürdigen Bart, und das feyerliche Ansehn das ihm Herr Geyser[137] gegeben hat; ich will drauf schwören, in der Natur, sieht er jünger aus. Sind denn die Gesänge schlecht? Wer wird gleich solche Gewissensfragen thun! Genug ich weis nicht was ich mit machen soll. Mamsell, Sie sollen wenn Sie's verlangen, meine Meynungen über allerley Dinge wissen, sagen Sie mir die Ihrige, und es wird die angenehmste, fruchtbaarste Materie, für unsern Briefwechsel seyn; aber Erfahrung macht Misstrauen. Ich rede frey vor Ihnen, wie ich vor wenigen in Leipzig reden würde, nur lassen Sie niemanden sehn wie ich dencke. Seitdem Clodius freundschafftlichere Gesinnungen gegen mich blicken lässt, ist mir ein grosser Stein vom Herzen;[138] ich habe mich steets vor Beleidigungen gehütet. Rhingulff ist ohne Zweifel in Leipzig, vielleicht kennen Sie ihn. Ich weiss nichts, denn ich binn ausser aller Connexion, mit allen schönen Geistern. Ich dencke so von R. wie von allen Gesängen dieser Art. Gott sey Danck, dass wir Friede haben, zu was das Kriegsgeschrey. Ja wenns eine Dichtungsart wäre, wo viel Reichthum an Bildern, Sentiments oder sonst was läge. Ey gut da fischt immer! Aber nichts, als ein ewig Gedonnere der Schlacht, die Glut die im Muth aus den Augen blitzt, der goldne Huf mit Blut bespritzt, der Helm mit dem Federbusch, der Speer, ein paar Duzend ungeheure Hyperbeln, ein ewiges Ha! Ah! Wenn der Vers nicht voll werden will, und wenns lang währt, die Monotonie des Sylbenmaases, das ist zusammen nicht auszustehn. Gleim, und Weise und Gessner in Einem Liedgen, und was drüber ist hat man satt. Es ist ein Ding das gar nicht interessirt, ein Gewäsche das nichts taugt als die Zeit zu verderben. Forcirte Gemälde weil der Herr Verf. die Natur nicht gesehen hat, ewige egale Wendungen; denn Schlacht ist Schlacht, und die Situationen die es etwa reicht sind sehr genützt. Und was geht mich der Sieg der Teutschen an, dass ich das Frohlocken mit anhören soll, eh! das kann ich selbst. Macht mich was empfinden, was ich nicht gefühlt, was dencken was ich nicht gedacht habe, und ich will euch loben. Aber Lärm und Geschrey statt dem Pathos, das thut's nicht. Flittergold, und das ist alles. Hernach sind in R. Gemälde ländlicher Unschuld; sie möchten gut seyn, in Arkadien angebracht zu werden; unter Deutschlands Eichen, wurden keine Nymphen gebohren wie unter den Myrthen, im Tempe. Und was an einem Gemälde am unerträglichsten ist, ist Unwahrheit. Ein Mährgen hat seine Wahrheit, und muss sie haben, sonst wär es kein Mährgen. Und wenn man nun das Sujet so chiffonirt sieht, so wird's einem bang. Da meynen die Herren das fremde Costume sollte was thun! Wenn's Stück schlecht ist, was sind des Ackteurs schöne Kleider! Wenn Ossian im Geiste seiner Zeit singt, so brauche ich gerne Commentars, sein Costume zu erklären, ich kann mir viele Mühe darum geben; nur wenn neuere Dichter sich den Kopf zerbrechen, ihr Gedicht im alten Gusto zu machen, dass ich mir den Kopf zerbrechen soll, es in die neue Sprache zu übersetzen, das will mir meine Laune nicht erlauben. Gerstenbergs Skalden hätt ich lange gern gelesen, wenn nur das Wörterverzeichniss nicht wäre. Es ist ein groser Geist, und hat aparte Prinzipia. Von seinem Ugolino soll mann gar nicht urteilen. Ich sage nur bey der Gelegenheit: Grazie und das hohe Pathos sind heterogen; und niemand wird sie vereinigen dass sie ein würdig Süjet einer edlen Kunst werden, da nicht einmal das hohe Pathos ein Süjet für die Mahlerey dem Probierstein der Grazie; und die Poesie hat gar nicht eben Ursache ihre Gränzen so auszudehnen, wie ihr Advocat meynt.[139] Er ist ein erfahrner Sachwalter; lieber ein wenig zu viel als zu wenig; ist seine Art zu dencken. Ich kann, ich darf mich nicht weiter erklären, Sie werden mich schon verstehen; Wenn man anders als grosse Geister denckt, so ist es gemeiniglich das Zeichen eines kleinen Geists. Ich mag nicht gerne, eins und das andre seyn. Ein grosser Geist irrt sich so gut wie ein kleiner, jener weil er keine Schrancken kennt, und dieser weil er seinen Horizont, für die Welt nimmt. O, meine Freundinn, das Licht ist die Wahrheit, doch die Sonne ist nicht die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht. Dämmerung; eine Gebuhrt von Wahrheit und Unwahrheit. Ein Mittelding. In ihrem Reiche liegt ein Scheideweg so zweydeutig, so schielend, ein Herkules unter den Philosophen könnte sich vergreiffen. Ich will abbrechen; wenn ich in diese Materie komme, da werd' ich zu ausschweifend, und doch ist sie meine Lieblings Materie. Wie möchte ich ein Paar hübsche Abende, bei Ihrem lieben Vater seyn; ich hätte ihm gar so viel zu sagen. Meine Gegenwärtige Lebensart ist der Philosophie gewiedmet. Eingesperrt, allein, Circkel Papier, Feder und Dinte, und zwey Bücher, mein ganzes Rüstzeug. Und auf diesem einfachen Weege, komme ich in Erkenntniss der Wahrheit, offt so weit, und weiter, als andre mit ihrer Bibliothekarwissenschafft. Ein groser Gelehrter, ist selten ein grosser Philosoph, und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert hat, verachtet das leichte einfältige Buch der Natur; und es ist doch nichts wahr als was einfältig ist; freylich eine schlechte Recommendation für die wahre Weisheit. Wer den einfältigen Weeg geht, der geh ihn, und schweige still, Demuth und Bedächtlichkeit, sind die nothwendigsten Eigenschafften unsrer Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich dancke es Ihrem lieben Vater; Er hat meine Seele zuerst zu dieser Form bereitet, die Zeit wird meinen Fleis seegnen, dass er ausführen kann was angefangen ist.
So ist's mit mir, wenn ich ins schwätzen komme, so verlier ich mich, wie Sie; nur dass ich mir nicht so bald helfen kann. Wenn ich sagte, ich habe viel geschwätzt, so passte das eher hierher, als es zu Ihrem Brief passte. Er war ein wenig kurz.
Lassen Sie sich durch mich zum Schreiben aufmuntern! Sie wissen nicht, wie viel Sie für mich thun, wenn Sie für mich, sich nur einige Zeit beschäfftigen. Und nur des seltsamen wegen, sollten Sie den Briefwechsel ins Reich unterhalten.
Noch einige Kleinigkeiten eh ich schliesse. Meine Lieder, davon ein Teil das Unglück gehabt hat, Ihnen zu missfallen, werden mit Melodien auf Ostern gedruckt, ich würde mich vielleicht unterstanden haben, Ihnen ein unterschriebnes Exemplar zu wiedmen, wenn ich nicht wüsste, dass man Sie durch einige Kleinigkeiten, leicht zum schimpfen bewegen könnte, wie Sie selbst zu Anfange Ihres Briefs sagen; den ich wohl glaube verstanden zu haben. Es ist mein Unglück dass ich so leichtsinnig binn, und alles von der guten Seite ansehe. Dass Sie meine Lieder von der bösen angesehen haben; Ist das meine Schuld. Werfen Sie sie ins Feuer, und sehen Sie die gedruckten gar nicht an; nur bleiben Sie mir gewogen. Unter uns, ich bin einer von den gedultigen Poeten, gefällt euch das Gedicht nicht, so machen wir ein anders.
Von Wielanden[140] möchte ich gar zu gerne was noch schreiben, fürchtet ich nicht die Weitläuffigkeit. Es giebt Materie zu einem andern Brief genug. Sie haben mir ia auch noch viel zu sagen, sagen Sie in Ihrem letzten Brief; (der der erste war) ey, nehmen Sie sich nur alle acht Tage eine Stunde, einen Monat will ich gerne warten, und da hoff' ich, wird ein freundschafftlich Packetgen mich trösten. Unter andern würden Sie mir eine sonderbaare Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir von den neusten, artigen und guten Schriften Nachricht gäben; hier erfährt mann's immer erst ein Vierteljahr nach der Messe. Ob ich gleich fast ganz auf die neue Literatur jetzo renuncirt habe, und keine Verse mehr, ausser wenn mich ein Räuschgen ermuntert, fliessen wollen, so mag ich doch den Neologismus nicht ganz auf einmal verlassen. Es hängt einem immer noch an, das Skarteckgenlesen, das in Leipzig offt für Gelehrsamkeit passirt.
Wie gern käm ich auf Ostern zu Ihnen, wenn ich könnte; wissen Sie was, kommen Sie zu mir, oder schicken Sie mir den Papa. Wir haben Plaz für Sie alle wenn Sie kommen wollen. Es ist mein ganzer Ernst. Fragen Sie nur den Meister Junge,[141] der wird Ihnen sagen dass das wahr ist. Und unser Tisch lässt sich so gut anstossen, wenn Gäste kommen, wie der Ihrige. Sie werden freylich diese Invitation nicht annehmen, die sächsischen Mädgen sind etwas delicat. Gut, zwingen will ich Sie nicht. Aber wenn Sie mich böse machen, so komm ich selbst, und invitire Sie in eigner Person. Wollen Sie es hernach auch nicht annehmen?
Franckfurt, am 13. Febr. 1769.
Ich binn Ihr ergebenster Freund und Diener Goethe.
III.
Franckfurt am 8. Apr. 1769.
Nun was ist denn das für ein gros Unglück, wenn ich Sie bitte, ein wenig zu plaudern? Wie kommen Sie drauf, einen ehrlichen Menschen der an nichts denckt, für einen Bösewicht anzuschreien, weil er einem Mädgen das Seine Zunge geläuffig und artig zu gebrauchen weiss, zu erkennen giebt, dass er diese vorzügliche Gabe Ihres Geschlechts zu schätzen weiss. Mich treffen alle Ihre vehemente Beschuldigungen, gar nicht; und Sie hätten besser gethan, wenn Sie nicht böse geworden wären.
Ich soll eine üble Idee vom schönen Geschlecht haben. Auf gewisse Art, ja! Nur müssen Sie mich verstehn, und meine Worte, nicht jedesmal mit einer schlimmen Glosse erklären.
Was ich erfahren habe, das weiss ich; und halte die Erfahrung für die einzige ächte Wissenschafft.[142] Ich versichre Sie, die Paar Jahre als ich lebe, habe ich von unserm Geschlecht eine sehr mittelmässige Idee gekriegt; und wahrhafftig keine bessre von Ihrem. — Nehmen Sie das nicht übel. — Sie haben mir's darnach gemacht; und selbst Sie, geben Sie mir nicht Anlass, in meiner Verstockung fortzufahren? Sie wollen mir Ihr Geschlecht, auf einer andern Seite zeigen! O, hätten Sie's bey der ersten gelassen, und Ihre Sache würde schlimm geblieben seyn, ohne schlimmer zu werden. Wie vortheilhafft ist denn diese neue Seite? Wir wollen sehen! — Dass jedes iunge, unschuldige Herz, unbesonnen, leichtgläubig, und desswegen leicht zu verführen ist, das liegt in der Natur der Unschuld. Läugnen Sie mir das! Und heisst denn das beschuldigen, wenn man die Sache sagt wie Sie ist. Und ist es denn Ihrem Geschlecht eine Schande leichtgläubig zu seyn? Es scheint als ob Sie's glaubten. Sie widersprechen mir, und wollen Ihr Geschlecht vertheidigen. — Dass nicht alle Mädgen Leichtsinnig sind das haben Sie bewiesen; ich muss es gestehen; Aber Sie haben mir zu einer gefährlichen Meynung geholfen: Der Klügere Theil ist also misstrauisch. Denn Misstrauen ist die Laune Ihres ganzen Brief's. Wodurch hab ich das verdient? O der Argwohn liegt in Ihrem Herzen, und da müssen nonchalante, grade, ehrliche Stellen meiner Briefe, boßhaffter Scherz seyn. Meine Blätter sind in Ihren Händen, und ich trutze drauf; Sie werden keine Bosheit drinne finden, die Sie nicht drinne suchen.
Das Urteil eines Frauenzimmers, über Wercke des Geschmacks ist bey mir wichtiger als die Kritick des Kritickers, die Ursache liegt am Tage, und alle Ihre Beredsamkeit soll mir meine Ehrlichkeit nicht verdrehen. Was ich sage, wenn Sie bekennen, dass das Versgen von Rhingulffen,[143] aus List hingesetzt war? Das werden Sie wohl rahten können. Ich werde sagen, dass Sie Ihre Mausfallen gut zu stellen wissen, und dass mir's lieb ist, dass ich mich habe fangen lassen. Sie können sehn, wie ehrlich ich binn; wären Sie grad gewesen, und hätten mich gefragt, ich würde nicht mehr und nicht weniger gesagt haben. Wäre Hr. Gervinus[144] nicht bey mir gewesen, so wüste ich gar nicht wie ich dran wäre. Aus seiner Erzälung habe ich weg; dass der Barde, in Leipzig wohl aufgenommen worden, dass er durchgehends gefallen hat; und ich sehe wohl dass er auch Ihnen gefallen hat, und dass ich übels von Ihrem Freund geschrieben habe. Es sey! Was ich geschrieben habe das habe ich geschrieben. Schreiben Sie's auf Rechnung des Brodneids, oder der wenigen Empfindung, dass mir der Barde nicht behagt. Mir ist's eins. Genug, ich kann nichts empfinden, wo nichts gedacht ist. Und der Republikanische Geist verläugnet sich nicht; Sachsen hat seine Wildheit und Kühnheit gemässigt, aber zu dem Concert des Lobs hat es ihn nicht stimmen können. Ich dancke Ihrem Vater, das Gefühl des Ideals; und die gedrehten Reitze des Franzosen, werden mich so wenig exstastiren machen, als die platten Nymphen von Dieterich, so nackend und glatt sie auch sind. Jede Art hat ihre Verdienste, nach ihrem Maasstab; ich binn ihr gehorsamer Diener allerseits, aber, wir wollen uns desswegen nicht entzweyen, Mamsell; seyn Sie immerhin, nicht so streng gegen die Autoren, nur seyen Sie auch nicht so streng gegen mich. Wie soll ich mich mit Ihrem Geschlecht aussöhnen, wenn Sie so fortfahren wie Sie angefangen haben. Und doch, wenn es Ihnen nicht anders möglich ist, so zancken Sie nur, Sie sind doch immer hübsch, Sie mögen freundlich, oder böse seyn.
Ihre Bäume in Delis[145] fangen nun bald an auszuschlagen, und so lang sie grün sind, hoffe ich auf keinen Brief von Ihnen. Unterdessen will ich Sie schon zwingen, manchmal an mich zu dencken; mein Geist soll so heftig an Ihre Büsche dencken, dass er Ihnen erscheinen wird eh Sie Sich's versehn; und meine Briefe, sollen Sie auf die Reitze des Landlebens, in Prosa und Versen aufmercksamer machen, trutz Hirschfelden dem Anatomicker der Natur; wenn keine andre Materie vorkommen sollte. Hr. Regis wird schweerlich mit uns zufrieden seyn können, es thut mir weh das ein so angenehmer Mann, hier so einen unangenehmen Accessit zum erstenmal gefunden hat. Ich binn — ich weiss selbst nicht recht, was — Aber doch so gut als jemals, von ganzem Herzen
Ihr Freund und Bewundrer Goethe.
Mehr Briefe an Friederike Oeser fanden sich in ihrem Nachlaß nicht vor. Allein Schöll hat (Briefe und Aufsätze von Goethe S. 49) nach Copien, welche Goethe zurückbehalten hatte, zwei in Straßburg geschriebene Briefe herausgegeben, welche, wie ich glaube, ebenfalls an sie gerichtet waren. Der erste ist überschrieben „an Mamsell F.“; der Aufenthalt in Sesenheim hatte ihm die Tage zurückgerufen, welche er in ähnlichem Verkehr in Oesers Landhause in Dölitz zugebracht hatte; der zweite, ohne Überschrift, folgt unmittelbar darauf auf demselben Bogen und hier ist die Beziehung auf Leipzig klar. Käthchen wird darin erwähnt, über welche nun Niemand zweifelhaft sein wird, und Fränzchen, vermuthlich jene Freundin, welche in Minna von Barnhelm die Franziska spielte, und in einem Briefe an Käthchen (S. 75) genannt wird. Zwar ist der Ton von den vorhergehenden merklich verschieden; man spürt, daß Goethe gesund und reifer geworden ist, man fühlt den Hauch der frisch aufkeimenden, ihn still beseligenden Liebe, übrigens paßt der Ton ganz zu seinem Verhältniß zu Friederike Oeser und auch das Element der Reflexion, welches diesem eigen war, tritt stark genug hervor. Ich lasse dieselben deshalb hier folgen.
IV.
An Mamsell F.
Am 14. Oct. (1770).
Soll ich Ihnen wieder einmal sagen, daß ich noch lebe, und wohl lebe, und so vergnügt als es ein Mittelzustand erlaubt, oder soll ich schweigen, und lieber gar nicht, als beschämt an Sie denken? Ich dächte nein. Vergebung erhalten, ist für mein Herz eben so süß als Dank verdienen, ja noch süßer denn die Empfindung ist uneigennütziger. Sie haben mich nicht vergessen, das weiß ich; ich habe Sie nicht vergessen, das wissen Sie, ohngeachtet eines Stillschweigens, dessen Dauer ich nicht berechnen mag. Ich habe niemals so lebhaft erfahren, was das sei, vergnügt ohne daß das Herz einigen Antheil hat, als jetzo, als hier in Straßburg. Eine ausgebreitete Bekanntschaft unter angenehmen Leuten, eine aufgeweckte muntre Gesellschaft jagt mir einen Tag nach dem andern vorüber, läßt mir wenig Zeit zu denken, und gar keine Ruhe zum Empfinden, und wenn man nichts empfindet, denkt man gewiß nicht an seine Freunde. Genug mein jetziges Leben ist vollkommen wie eine Schlittenfahrt, prächtig und klinglend, aber eben so wenig fürs Herz als es für Augen und Ohren viel ist.
Sie sollten wohl nicht rathen, wie mir jetzo so unverhofft der Einfall kömmt, Ihnen zu schreiben und weil die Ursache so gar artig ist, muß ich's Ihnen sagen.
Ich habe einige Tage auf dem Lande bei gar angenehmen Leuten zugebracht. Die Gesellschaft der liebenswürdigen Töchter vom Hause, die schöne Gegend und der freundlichste Himmel weckten in meinem Herzen jede schlafende Empfindung, jede Erinnerung an alles was ich liebe; daß ich kaum angelangt bin, als ich schon hier sitze und an Sie schreibe.
Und daraus können Sie sehen, in wiefern man seiner Freunde vergessen kann wenn's einem wohl geht. Es ist nur das schwärmende, zu bedaurende Glück, das uns unsrer selbst vergessen macht, das auch das Andenken an Geliebte verdunkelt; aber wenn man sich ganz fühlt, und still ist und die reinen Freuden der Liebe und Freundschaft genießt, dann ist durch eine besondere Sympathie jede unterbrochne Freundschaft, jede halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig. Und Sie, meine liebe Freundin, die ich unter vielen vorzüglich so nennen kann, nehmen Sie diesen Brief als ein neues Zeugniß, daß ich Sie nie vergessen werde. Leben Sie glücklich u. s. w.
V.
Saarbrück am 27 Juni (1771).
Wenn das alles aufgeschrieben wäre, liebe Freundin, was ich an Sie gedacht habe, da ich diesen schönen Weg hierher machte und alle Abwechselungen eines herrlichen Sommertages in der süßesten Ruhe genoß; Sie würden mancherlei zu lesen haben und manchmal empfinden und oft lachen. Heute regnet's, und in meiner Einsamkeit finde ich nichts reizenders als an Sie zu denken; an Sie, das heißt zugleich an alle, die mich lieben und auch sogar an Käthchen, von der ich doch weiß, daß sie sich nicht verläugnen wird, daß sie gegen meine Briefe sein wird, was sie gegen mich war, und daß sie — Genug, wer sie auch nur als Silhouette gesehn hat, der kennt sie.
Gestern waren wir den ganzen Tag geritten, die Nacht kam herbei und wir kamen eben auf's Lothring'sche Gebirg, da die Saar im lieblichen Thal unten vorbei fließt. Wie ich so rechter Hand über die grüne Tiefe hinaussah und der Fluß in der Dämmerung so graulich und still floß und linker Hand die schwere Finsterniß des Buchenwaldes vom Berg über mich herabhing, wie um die dunklen Felsen durchs Gebüsch die leuchtenden Vögelchen still und geheimnißvoll zogen; da wurd's in meinem Herzen so still wie in der Gegend und die ganze Beschwerlichkeit des Tags war vergessen wie ein Traum, man braucht Anstrengung, um ihn im Gedächtniß aufzusuchen.
Welch Glück ist's, ein leichtes, ein freies Herz zu haben! Muth treibt uns an Beschwerlichkeit, an Gefahren; aber große Freuden werden nur mit großer Mühe erworben. Und das ist vielleicht das meiste was ich gegen die Liebe habe; man sagt, sie mache muthig; nimmermehr! Sobald unser Herz weich ist, ist es schwach. Wenn es so ganz warm an seine Brust schlägt und die Kehle wie zugeschnürt ist, und man Thränen aus den Augen zu drücken sucht und in einer unbegreiflichen Wonne dasitzt, wenn sie fließen, o da sind wir so schwach, daß uns Blumenketten fesseln, nicht weil sie durch irgend eine Zauberkraft stark sind, sondern weil wir zittern sie zu zerreissen.
Muthig wird wohl der Liebhaber, der in Gefahr kommt, sein Mädchen zu verlieren, aber das ist nicht mehr Liebe, das ist Neid. Wenn ich Liebe sage, so verstehe ich die wiegende Empfindung, in der unser Herz schwimmt, immer auf einem Fleck sich hin und her bewegt, wenn irgend ein Reiz es aus der gewöhnlichen Bahn der Gleichgültigkeit gerückt hat. Wir sind wie Kinder auf dem Schaukelpferde immer in Bewegung, immer in Arbeit und nimmer vom Fleck. Das ist das wahrste Bild eines Liebhabers. Wie traurig wird die Liebe, wenn man so schenirt ist, und doch können Verliebte nicht leben, ohne sich zu scheniren.
Sagen Sie meinem Fränzchen, daß ich noch immer ihr bin. Ich habe sie viel lieb, und ich ärgerte mich oft, daß sie mich so wenig schenirte; man will gebunden sein wenn man liebt.
Ich kenne einen guten Freund, dessen Mädchen oft die Gefälligkeit hatte, bei Tisch des Liebsten Füße zum Schemel der ihrigen zu machen.[146] Es geschah einen Abend, daß er aufstehen wollte, eh es ihr gelegen war; sie drückte ihren Fuß auf den seinigen, um ihn durch diese Schmeichelei festzuhalten; unglücklicher Weise kam sie mit dem Absatz auf seine Zehen, er stand viel Schmerzen aus, und doch kannte er den Werth einer Gunstbezeugung zu sehr, um seinen Fuß zurückzuziehen.
Unter einer nicht unbedeutenden Anzahl von Briefen und Concepten von Friederike Oeser, welche ich durchgesehen habe, fand sich leider keiner der an Goethe geschriebenen. Um ein lebendigeres Bild von seiner Correspondentin zu erhalten, wird es nicht ohne Interesse sein ein Bruchstück aus einem Briefe an einen Freund in Dresden vom 21. Jan. 1770 hier zu lesen.
„Ich war, wie Sie wissen, der Liebling meines Vaters und seine stete Gesellschaft, auch selbst bey seinen Geschäften. Tausend kleine Streiche, die ich meinem phlegmatischen Bruder Hanß spielte, verriethen ein anschlägisches Köpfchen und oft eine kleine ‘fühlbare’ Thräne, bei dem Unglück einer Yariko, und eine Erbitterung über Beatens harte Gabe, ein gutes Herz, bey alle dem wurde oft auch ein gut Theilgen Ehrgeiz wahrgenommen. Doch plötzlich kam der grausame Krieg, der mir, vielleicht auf ewig, meine geliebte Vaterstadt entrissen! wir flüchteten vor seiner Wuth auf ein gräfliches Schloß,[147] wo wir uns 3 glückliche Jahre, von allen Unruhen entfernt, aufhielten. Hier l. N. wurde Ihre Freundin ein kleines Bauermädchen, die am liebsten Erdäpfel raufte oder zur Kirmes gieng! mein Vater war die meiste Zeit von uns entfernt, jeden Monat glaubten wir aufzubrechen, es wurde also kein Lehrer angenommen außer einem Schreibemeister, den seine gros gewachsene Schülerin noch täglich durch eine erstaunenswürdige Hand verewigt![148] meines Vaters kleine Reisebibliothek war alles womit ich mir bei grosen Regen die Zeit verkürzen konnte, ich las auch sehr fleißig, bey so traurigen Umständen und in diesen Zeiten erwarb ich mir meine Begriffe von der grosen Welt. Ich hatte von Jugend auf über mein verstümmeltes Gesichte klagen gehört, ich wußte also, schon in meinem 9. Jahre, daß ich nicht hübsch war (große Wissenschaft für junge Mädchen!) ich kannte das Unglück nur halb und wußte mich darüber zu trösten. „Hast du keinen schönen Körper, so sorge doch für andere schöne Tugenden (sagte ich zu mir selbst), du mußt geschickter werden als die ganze Welt, alles besser lernen als Mädchen die schön sind es zu lernen brauchen, denn dieses muß nothwendig der zweite Weg seyn, auf welchem man glücklich zu gefallen weiß. Es giebt lauter gute vernünftige Leuthe in der Welt. Und wenn du nur einmal gros bist, so mußt du dich in ihrer Gesellschaft ohne Nachteil zeigen können; wenn man diese oder jene wichtige Frage an dich thut, so mußt du dich in keiner Verlegenheit finden, darauf richtig zu antworten.“ Kurz l. N. meine Welt war ein gröserer Sammelplatz von Seltenheiten als Rolands Entdeckungen in dem Mond! und nie kann mehr Ehrgeiz in einem jungen Busen gelodert haben, doch Ehrgeiz ohne Stolz; ich war fast ganz unempfindlich wenn man mich über etwas lobte, besonders wie ich mich in meine Vorstellungen betrogen fand, und nach und nach die Leipziger Welt, als meine Welt, kennen lernte. Ich lernte sie und mich besser einsehen und da ich erst aus Ehrgeiz Beyspiele vor Augen genommen hatte (doch ist hier bloß von Geschicklichkeiten die Rede, denn mein Herz hatte seine besondere Ökonomie) die ich nie erreichen konnte, und ich endlich diese Kenntniß, als das sicherste Mittel, mich für mehr als gewöhnlicher Eitelkeit zu bewahren, zu nuzen suchte, so war es mir leicht, mich von dieser unglücklichen Sucht ziemlich zu heilen. Ich folgte nun ganz den Eingebungen meines ehrlichen guten Herzens, ich ward gegen eine Welt fast gleichgültig, in der ich böses hörte und viel unnüzes sah. Ich lernte meine Fehler nach und nach einsehen, und desto mehr Nachsicht gegen die Schwachheiten meiner Freunde (die ich nur zu gut entdeckte!) haben. Ich überließ mich gänzlich meinen Lieblingsneigungen, besonders dem Hange zum Lesen, wo ich dabey dem Rath vernünftiger Personen folgte, doch las ich nur solche Bücher, die mich reformireten und vergnügten, in dem grosen weitläuftigen doch unentbehrlichen Buch der menschlichen Erfahrungen lernte ich endlich auch ein paar Blätter umwenden. Und so bin ich das Mädchen geworden daß ich bin! daß Sie sehr gut kennen, l. N., und daß sich wohl schwerlich jemals von seinen Mängeln und grosen Fehlern ganz heilen wird. Wie ist nun dieses Mädchen geschickt, gründliche Urtheile über diese oder jene Abhandlungen zu sagen, da es nur die Schönheiten, die es fühlt, seinem Herzen und nicht seiner Kenntniß zu verdanken hat? und auch nicht eine Regel weiß, wodurch man das Gegentheil bei dieser oder jener Stelle beweisen könnte! Wollen Sie diese Urtheile meiner Empfindung anhören? so bin ich bereit Sie Ihnen bei jeder vorfallenden Gelegenheit mitzutheilen, aber um die Ursache, warum ich so empfinde, dürfen Sie mich nicht fragen! ich würde Ihnen höchstens: daß weiß ich selbsten nicht! antworten.“