Goethes Briefe an Friedrich Rochlitz.
Reading edition
I.[217]
Sie sind überzeugt daß ich herzlichen Antheil an dem sonderbaren Glückswechsel nehme, der Sie so unvermuthet betroffen hat. Da dieser Faden gerissen ist so säumen Sie ja nicht andere wieder anzuknüpfen und wäre es auch nur zuerst sich zu zerstreuen. Mögen Sie mir manchmal schreiben, so soll es mir angenehm seyn. Ich bin zwar nicht der beste und treuste Correspondent, indessen ließe sich ja wohl manchmal etwas über dramatische Kunst verhandeln, in der Sie schon die artigen Proben gegeben haben.
In eben dem Sinn wiederhole ich meinen Wunsch daß Sie um den ausgesetzten Preis mit concurriren möchten.[218] Denn indem Sie das thun, regt sich denn doch eine kleine Welt in Ihrer Einbildungskraft und zieht Sie ab, von andern Gedanken, die sich Ihnen in der Zeit vielleicht aufdringen würden.
Das kleine neue Stück[219] gedenke ich, ohne Nahmen, aufführen zu lassen, nicht weil ich es für geringer halte als das vorige,[220] sondern um desto reiner zu sehen welchen Effect es thut.
Ich werde einige kleine Veränderungen daran machen und Ihnen kürzlich alsdann die Ursachen anzeigen.
Für das überschickte Geld folgt hierbey die Quittung. Unsere Canzleyleute werden sich für den reichlichen Überschuß einen guten Feyertag machen.
Manches was ich über Ihren Fall schreiben könnte weiß sich ein gebildeter Mann selbst zu sagen, einiges, das ich aus meiner langen Erfahrung wohl darüber sagen möchte, darf ich nicht schreiben. Vielleicht treffen wir bald irgend wo zusammen und mein Vertrauen soll dem Ihrigen von Herzen begegnen.
Gehen Sie, mit völlig wieder erlangter Gesundheit, ins neue Jahrhundert hinüber und nehmen Sie, wie bisher, mit Geist und Talent an demjenigen Theil was etwa den Menschen zunächst bescheert seyn mag und erhalten mir eine freundschaftliches Andenken.
Jena am 25 Dec. 1800.
Goethe
II.
Die Aufführung des kleinen Stücks ward von Zeit zu Zeit, wie es bey Theatern zu gehen pflegt, aufgeschoben; desto angenehmer ist mirs daß ich gegenwärtig von einer sehr guten Aufnahme desselben sprechen kann, ohngeachtet ich mit der Darstellung nicht ganz zufrieden war. Daß ich den Verfasser verschwieg erregte von einer Seite Neugierde und ließ von der andern den Eindruck desto unbefangner. Das nächstemal soll es noch besser werden, indessen hat doch schon eine Liebhabergesellschaft, die sich hier befindet, sich das Stück ausgebeten, welches denn auch ein gutes Zeichen ist.
Das Original sende ich mit Dank zurück. Die wenigen Veränderungen die ich gemacht habe, betreffen einige harte Worte, welche man unter Personen einer gewissen Art, besonders unter Soldaten, mit Recht vermeidet, sodann einige Scherze welche sich auf Philosophie beziehen, die ich im doppelten Sinne nicht billigen kann, weil man entweder dadurch keine Wirkung hervorbringt, oder weil man die Menge veranlaßt über etwas zu lachen das sie nicht versteht und das sie wenigstens verehren sollte.[221]
Verzeihen Sie diese Pedanterie; man weiß aber nicht eher als nach einem längern Lebenslauf was ächte Maximen, die uns über das Gemeine heben, für einen hohen Werth haben, der so selten anerkannt wird.
Darf ich Sie nun mit einigen Aufträgen beschweren?
Ich wünschte Nachricht von einem Manne, welcher sich Johann Leonhardt Hoffmann nennt, und einen Versuch einer Geschichte der Farbenharmonie 1786, in Hendels Verlag, zu Halle, herausgegeben. Die Dedication an Herrn Gottfried Winkler, in welcher sich der Verfasser einen Franken nennt, ist von Leipzig aus datirt, wo er sich eine Zeit lang aufgehalten und mit Oeser Umgang gehabt haben mag. Vielleicht haben Sie Gelegenheit etwas näheres über diesen Mann zu erfahren, der mir von gewissen Seiten interessant geworden ist.[222]
Alsdann hätten Sie wohl die Güte mir ein gebundnes Exemplar, von dem im October 1800 geschlossnen Jahrgang der musikalischen Zeitung zu verschaffen. Den ersten bis zum October 1799 besitze ich. Die Auslage werde ich mit Dank sogleich erstatten.
Sollte Ihnen nicht ein Liedchen bekannt geworden seyn, das von Capellmeister Himmel componirt ist, es drückt die Unruhe eines verliebten Mädchens aus, das sich seinen Zustand nicht erklären kann, jeder Vers endigt sich mit einer Partikel z. B. Ich weiß nicht woher, wohin, warum. Es ist ein Scherz, den man in einer Gesellschaft wohl gern einmal hören mag.
Die Fragen wegen Wilhelm Meisters möchte ich am liebsten einmal mündlich beantworten. Bey solchen Werken mag der Künstler sich vornehmen was er will, so giebt es immer eine Art von Confession und zwar auf eine Weise von der er sich kaum selbst Rechenschafft zu geben versteht. Die Form behält immer etwas unreines und man kann Gott danken, wenn man im Stand war so viel Gehalt hinein zu legen, daß fühlende und denkende Menschen sich beschäfftigen mögen, ihn wieder daraus zu entwickeln. Die Recension in der allgemeinen Litteraturzeitung[223] ist freylich sehr unzulänglich, für jeden, der selbst über das Werk gedacht hat; doch ist sie nicht ohne Verdienst, wenn man sie als die Meinung eines einzelnen ansieht, der seine Gedanken darüber äußert. Freylich hat man Ursache von einer Recension mehr zu verlangen, besonders von einer so späten.
Ich wünsche, daß Ihre Gesundheit wieder hergestellt seyn möge, so wie ich mich auch von den Übeln, die mich betroffen haben, nach und nach wieder erhole.[224]
Darf ich bitten mich unserm verehrten Weise bestens zu empfehlen.
Weimar d. 29 März 1801
Goethe
III.
Mögen Ew. Wohlgeb. mir noch bis zum neuen Jahre wegen des Stückes Frist geben so soll alsdann darüber die Schuldige Erklärung folgen. Bis jetzt hat die Beurtheilung der dießjährigen Kunstausstellung, mir und meinen Freunden viel Zeit weggenommen. Zum neuen Jahre soll der Aufsatz deshalb als Beylage der Litteraturzeitung erscheinen. Auch beym Theater haben uns einige kühne, doch glücklich vollbrachte Unternehmen, diese Zeit her, beschäftigt. Die Brüder nach Terenz von Herrn von Einsiedel und ein reducirter Nathan,[225] beyde sind schon mehrmals wieder verlangt worden und sie gehen bey jeder Vorstellung besser.
Von Faust kann ich nur so viel sagen: dass in den letzten Zeiten wohl manches daran gearbeitet worden; in wie fern er sich aber seiner Vollendung, oder auch nur seiner Beendigung nahen dürfte, wüßte ich wirklich nicht zu sagen.[226]
Leben Sie recht wohl und erhalten mir ein freundschaftliches Andenken.
Weimar am 17 Dec. 1801.
Goethe
Noch einen Wunsch muß ich äussern, dessen Erfüllung ich durch Ihre Gefälligkeit hoffe. Ich besässe nämlich sehr gern, wenn die winklerische Auction vorbey sein wird, einen Katalogen derselben, wozu die Preiße geschrieben wären. Ich habe schon, bei vorhergegangenen Rostischen Versteigerungen, dem Secretair Thiele und andern ähnliche Aufträge gegeben; aber niemals, ich weiß nicht warum, zu meinem Zweck gelangen können. Vielleicht können Sie mir durch Ihre Verbindungen dazu verhelfen. Ich will sehr gern demjenigen, der die Bemühung übernimmt, was Sie für billig halten, bezahlen.
IV.
Ob die Meynung, welche Sie mir über den Gegensatz der Recitation und des Gesanges, in Ihrem letzten Briefe äußern, die wahre und richtige sey, will ich nicht entscheiden; so viel aber kann ich sagen: daß sich die meinige selbst sehr dahin neigt.[227] Sobald ich mich in einer ruhigen Lage befinde, theile ich meine Gesinnungen kürzlich mit.
Heute komme ich mit einem kleinen Ansuchen und zwar folgendem:
Zu der, durch den Tod unseres Batsch, erledigten Stelle, bey dem neuen Botanischen Institut, im Fürstengarten, zu Jena, ist unter andern auch Herr Doctor Schwägrichen[228] aus Leipzig empfohlen. Von seiner litterarischen Laufbahn, so wie von seinen Reißen und andern Bemühungen, sind wir so ziemlich unterrichtet; nun möchte ich aber noch von Ihnen ein vertraulich Wort, über seine Person, sein Äußeres, seine Lebensweise und seinen academischen Vortrag vernehmen.
Es ist mir bey Besetzung dieser Stelle außer dem Wohl des Ganzen auch noch mein eigenes Verhältniß vor Augen, indem das Institut seit seiner Gründung geleitet worden und meine Neigung zu diesen Kenntnissen mir einen sittlichen mittheilenden und umgänglichen Mann wünschenswerth macht.
Nächstens auch ein Wort über die Oper.
Mich zu geneigtem Andenken empfehlend.
Weimar am 6 December 1802.
Goethe
V.
Indem beyliegender Brief schon geschlossen[229] ist fällt mir ein dass Sie mir ein freundliches in Berlin geschriebenes Wort über die Natürliche Tochter zusagten. Lassen Sie mich solches ja nicht entbehren. Bey dem seltenen Charivari, das gleich im deutschen Publicum entsteht, wenn man vor ihm irgend eine Production aufstellt, hat der Schrifftsteller warlich nöthig diejenigen zu vernehmen die sich einstimmend verhalten ich bitte daher um jenes Blatt um so mehr, als ich zur Fortsetzung wirklich Aufmunterung brauche.
G.
VI.
Ew. Wohlgebornen
seit langer Zeit auch wieder einmal zu schreiben veranlaßt mich die vorseyende Expedition unsres Theaters nach Leipzig, das ich Ihnen auf das beste zu empfehlen wünschte. Sie haben immer viel Güte für unsre braven Künstler gehabt, die sich gewiß viel Mühe geben, wenn ihnen auch nicht immer ihre Zwecke gelingen sollten.
Ew. Wohlgebornen werden gewiß den Vorstellungen mit Aufmerksamkeit beywohnen, und ich wünschte daß Sie Ihre Bemerkungen mir künftig mittheilten. Es ist noch manches das ich anders wünschte, und doch läßt sich theils nicht alles leisten wovon man überzeugt ist, und man gewöhnt sich auch nach und nach an Menschen und an Manieren und läßt geschehen was geschieht; Dagegen ein frischer scharfer Blick manches entdeckt und der gute Rath eines Fremden manches leichter und wirksamer anregt als die Lehren eines lange bekannten und gewohnten Vorgesetzten.
Diesen Ihren guten Rath bitte ich unsern Schauspielern bey ihrem Aufenthalt in Leipzig nicht zu entziehen, besonders da der Übergang von einem kleinen auf ein großes Theater für die erste Zeit immer seine Schwierigkeiten hat. Dringen Sie gefälligst besonders darauf, daß man die Schauspieler an allen Ecken und Enden des Hauses verstehen müsse.
Verschiedene von Ew. Wohlgebornen Stücken sind eingelernt. Haben Sie die Güte die Proben zu besuchen, damit sie zu Ihrer Zufriedenheit mögen gegeben werden.[230]
Diesen Wünschen füge ich noch eine Empfehlung hinzu. Wahrscheinlich kommt in einiger Zeit ein Engländer der Chevalier Osborn[231] nach Leipzig, ein schon bejahrter, höchst erfahrner und interessanter Mann von dem besten Charakter. Er ist Mitglied der königl. Societät zu London und wünscht den Leipziger Gelehrten aufgeführt zu werden. Sie erzeigen ihm wohl um seinet- und meinetwillen diese Gefälligkeit. Der ich mich mit vorzüglicher Hochachtung unterzeichne
Weimar den 3 April 1807.
Goethe
VII.
Ew. Wohlgebornen
empfangen meinen lebhaften Dank für Ihren vertraulichen Brief, dessen Inhalt ich bestens zu benutzen gesucht habe. Unsre Regie wird sich gleich bey ihrer Ankunft Ihren fernern gütigen Rath erbitten.
Einen Prolog habe ich nach Ihren Wünschen auch mitgegeben.[232] Wollten Sie die Gefälligkeit haben, ihn durchzusehen und zu beurtheilen ob er am Platz paßt, welches man in der Entfernung nicht so gut empfinden kann.
Da übrigens die älteren Schauspieler Ihnen schon bekannt sind und sich eher zu produciren wissen; so wollte ich Ihnen besonders unsere jüngeren empfehlen, den Nachwuchs, dessen Emporkommen uns bey der Lage unseres Theaters höchst angelegen seyn muß.
Demoisell Elsermann, ein munteres Kind, von gutem Betragen, wird Ihnen gefallen und Sie vielleicht anlocken ihr über diese oder jene Rolle etwas zu sagen. Sie hat etwas Manier von Berlin mitgebracht, worüber sie aber schon aufgeklärt ist und nur manchmal einer kleinen Erinnerung deshalb bedarf.
Die Herren Lorzing und Deny sind gute gesittete Leute, nicht ohne Talent und vom besten Willen. Da sie nun mehr in Routine kommen, so wird es auch mit ihnen vorwärts gehen.
Im Ganzen bin ich überzeugt, daß der Aufenthalt in Leipzig für unsre Gesellschaft sehr wohlthätig seyn wird, besonders wenn sich einige Kenner und Freunde zu Mittelspersonen zwischen ihr und dem Publicum machen wollen; welches höchst nothwendig ist, damit man sich bald wechselseitig befreunde und keine Mißverständnisse entstehen.
Ich wünsche, daß alles gut gehen möge, und daß Ew. Wohlgebornen zuletzt mit Zufriedenheit das Amt eines Epilogisten übernehmen möchten. Denn wenn man einen Prolog noch allenfalls in der Ferne schreiben kann, so darf der Epilog nur aus einer unmittelbaren Nähe entspringen.
Zu Ende dieses Monats geh' ich nach Carlsbad und hoffe dort für meine von Zeit zu Zeit sich wieder zeigenden Übel, wo nicht völlige Genesung, doch Linderung. Möge dieser mein Brief auch Sie von jedem Anfall befreyt antreffen. Gesundheit brauchte man wohl niemals mehr als gegenwärtig. Mich zu geneigtem Andenken empfehlend.
Weimar den 12 May 1807.
Goethe
VIII.
Ew. Wohlgeboren
haben mir ein sehr großes Vergnügen gemacht. Denn gewiß ist eine Theater-Direction ein sorgenvolles Geschäft, besonders wenn man den Kennern und der Menge zugleich gefallen, die Fortbildung der Künstler und gute Einnahmen zugleich erleben will. Ihr Schreiben setzt alle die Verhältnisse so klar auseinander, daß ich gegenwärtig zu seyn und sehr bekannte Zustände mit eigenen Augen zu sehen glaubte. Haben Sie die Güte den Antheil, den Sie dieser Anstalt gegönnt, immer fort zu erhalten, auch wenn einiges vorkommen möchte was nicht ganz Ihre Billigung hat. Leiten und Lenken Sie dieses Schifflein aufs Beste.
Sehr gern hätte ich Ihnen gegen Ihre Betrachtungen auch die meinigen mitgetheilt, die beym Lesen Ihres Briefs in mir erregt wurden; doch ist man durch diese Brunnen-Cur so zerstreut und verstört, daß man nicht leicht brieflich etwas kluges zusammen bringt. Haben Sie jedoch indessen die Güte mir von Zeit zu Zeit einige Nachricht zu geben, welche mir, je ausführlicher und umständlicher sie ist, nur zur angenehmeren Unterhaltung dienen wird. Für den Augenblick habe ich den Effect des Brunnens sehr zu loben. Könnte es in der Folge so bleiben, so wäre das sehr erwünscht. Mich bestens empfehlend
Carlsbad den 5 Juni 1807.
Goethe
IX.
So ist denn unser theatralisches Unternehmen in Leipzig glücklich vollendet, mit Ehre und Vortheil belohnt und was mir gleich lieb ist, ich sehe unsre Schauspieler nach dieser Epoche froher williger thätiger, und hoffe sowohl für uns einen unterhaltenden Winter als auch künftig für Leipzig eine neubelebte Sommerunterhaltung. Denn wir haben mancherley artige und mitunter seltsame Dinge vor uns, an denen wir uns zu üben gedenken.
Haben Sie, mein werthester Herr Rath, den besten Dank für Ihren freundlichen Antheil. Ich weiß die stille geräuschlose Behandlungsart recht gut zu schätzen, mit der Sie den unsrigen nachzuhelfen wußten. Wenn es mit dem Epilog eine Irrung gab,[233] so bin ich vielleicht selbst daran Schuld, weil ich mich nicht deutlich erinnere, ob ich unserer Regie deshalb geschrieben habe, mich auf einen natürlichen Gang der Sache und auf Ihr Einwirken, wie bey dem ersten Abschied,[234] verlassen habe. Auch dafür nehmen Sie Dank, was Sie gewollt gethan und verschwiegen.
Ihre Briefe nehme ich manchmal wieder vor mich und habe sie schon öfter gelesen. Sie dienen mir zum Leitfaden in dem täglichen Theaterlabyrinth, das einer der wunderlichsten Irrgärten ist, die ein Zauberer nur erfinden konnte. Denn nicht genug, daß er schon sehr wunderlich bepflanzt ist, so wechseln auch noch Bäume und Stauden von Zeit zu Zeit ihre Plätze, so daß man sich niemals ein Merkzeichen machen kann, wie man zu gehen hat.
Leider ist hier in Weimar die sondernde Critik nicht sehr zu Hause. Man nimmt alles zu sehr im Ganzen. Stücke, Schauspieler, Aufführung, alles wird entweder nur gebilligt oder gemißbilligt, wobey denn Vorurtheil und Laune herrschend werden, und man sich weder des Lobes recht erfreuen, noch den Tadel sehr zu Herzen nehmen kann.
Daher ist es mir unendlich viel werth, daß unsere Schauspieler wenigstens gewahr geworden, daß eine solche Critik existirt, welche die Mängel begünstigter und die Tugenden gleichgültiger, ja unbegünstigter Personen zu würdigen weiß.[235] Ich selbst werde diesen Winter das Schauspiel öfter besuchen, und meine innern und äußern Sinne zu genauerer Prüfung schärfen. Denn ich gestehe gern, das hiesige Publicum machte mir durch willkührliche Zuneigung und Abneigung oft so böse Laune, daß ich, jemehr ich mir in den Proben Mühe gegeben hatte, desto weniger Lust fühlte, der Aufführung selbst bey zu wohnen. Nun aber, da mich eine Stimme von außen her aufregt und bestätigt, so werde ich wieder eine Weile auf meinem Wege strecklings fortgehen und mich der Resultate vielleicht selbst erfreuen.
Die gute Aufnahme meiner Stücke hat mir eine besonders angenehme Empfindung gemacht. Ich dachte wohl, daß sie auch einmal Epoche haben könnten, aber nach der Lage des deutschen Theaters glaubte ich's nicht zu erleben. Artig ist es, daß sogar das kleine Schäferspiel, das ich 1768 in Leipzig schrieb, auch noch auftauchen mußte und gut empfangen ward.[236]
Nochmals vielen Dank, den ich gerne mündlich abgestattet hätte, wenn ich nicht, da mir die Brunnenkur ganz wohl bekommen ist, mich vor einer allzuraschen Geselligkeit gefürchtet hätte. Jetzt will ich sehen, ob ich meine stille Nachkur auch zu Ihrem und Ihrer Mitbürger künftigen Vergnügen benutzen kann. Leben Sie recht wohl, und wenn es möglich ist, so besuchen Sie uns diesen Winter.
Weimar d. 21. Sept. 1807.
Goethe
X.
Wenn ich Ew. Wohlgebornen auf Ihr früheres Schreiben nicht antwortete und das Stück nicht zur Aufführung brachte, so waren die Zweifel daran Schuld, die bey mir aufstiegen und welche sie gewissermaßen selbst angeregt hatten. Wenn das Stück seine Wirkung thun soll, so gehört nothwendig ein Mann in Jahren dazu, den man gewöhnlich den zärtlichen Alten nennt, den man aber eigentlich den würdigen Alten nennen sollte. Er muß Zutrauen und Neigung erregen und in seiner Art liebenswürdig seyn, in dem Grade daß, wie bey Ihrer Privataufführung der Fall war, wenn ihm die Actrice den Korb giebt, eine Zuschauerinn allenfalls geneigt wäre ihn zu entschädigen. Ich glaube nicht, daß einer unsrer Schauspieler sich anmaßt diese Wirkung völlig rein hervorzubringen, ob sie sich gleich auch in unserm Verhältniß bis auf einen gewissen Grad denken läßt. Ich habe daher das Stück das nunmehr gedruckt ist einigen Personen zu lesen gegeben, und werde es Herrn Becker zustellen um es mit nach Lauchstädt zu nehmen. Ew. Wohlgeboren kommen ja wohl selbst hinüber und geben einige Anregung, daß das Stückchen nach Ihren Wünschen und Überzeugung aufgeführt werde; wozu ich vor meiner Abreise nach Carlsbad, welche bald erfolgen wird, das Nöthige einleiten werde. Leben Sie wohl und fahren Sie fort meiner mit Neigung zu gedenken.
Weimar den 2. May 1808.
Goethe
XI.
Ew. Wohlgebornen
erhalten hierbey das mitgetheilte der Antigone mit Dank zurück. Es wäre in mehr als einem Sinn sehr Schade, wenn Sie diese Arbeit nicht fortsetzen wollten. Auch auf dem Theater glaube ich daß sie Glück machen werde. Ist das Stück vollendet, so bitte mir es zuzuschicken. Ob und wie man eine solche Production auf die Bühne bringen könne, darüber läßt sich zum Voraus nichts entschieden aussprechen, weil sich gar zu viel unvorhergesehene Hindernisse in den Weg stellen, und ich selbst vielleicht weniger als sonst das Ungewohnte einleiten mag. Doch ist es mein Wunsch und Vorsatz Ihre Antigone zu Anfang künftigen Jahrs auf die Bühne zu bringen, deshalb ich sie mir Anfang Decembers wo möglich erbitten müßte. Der ich recht wohl zu leben wünsche und mich zu geneigtem Andenken empfehle
Weimar den 30 October 1808.
Goethe
XII.
Ew. Wohlgebornen
danke vielmals für die überschickte Antigone.[237] Sie hat mir bey einem flüchtigen Durchlesen gar wohl gefallen und dem ersten Anblick nach sollte ich glauben sie müßte ausführbar seyn. Ich werde sie in ruhigen Stunden mit dem Original vergleichen, damit ich einsehe, wie Sie verfahren sind.
In dem Vertrauen das ich zu Ihnen hege kann ich indessen nicht verbergen, daß unser Theater in einer Crise steht, bey welcher ich noch nicht übersehen kann, ob ich die Direction, die ich für den Augenblick niedergelegt, wieder aufzunehmen werde im Fall seyn, deswegen ich mir das Nähere jenes Stück betreffend vorbehalten muß.
Nun aber eine Bitte. Ich bin Herrn Dr. Kappe[238] soviel Dank schuldig, daß ich ihm wenigstens etwas Gefälliges erzeigen sollte. Mein Gedanke ist, ihm ein Velin Exemplar meiner Werke anzubieten. Wenn Sie erlaubten so würde ich es wohlgepackt an Sie addressiren; es ist nur broschirt, ich wünschte aber daß es in Leipzig durch Ew. W. Vorsorge geschmackvoll gebunden würde. Was würde man für 12 Bände zu bezahlen haben? Ich würde das Geld gleich beyliegen. Mit Bitte um baldige Antwort empfehle ich mich bestens
Weimar den 8 December 1808.
Goethe
XIII.
Ew. Wohlgebornen
bin so frey das Exemplar für Herrn Doctor Kappe zu übersenden. Ist es gebunden, so erbitte mir die Anzeige des Kostenbetrags. Sie hätten ja wohl die Gefälligkeit bey Dr. Kappe anzufragen, ob Sie es in Leipzig lassen oder ihm nach Dresden schicken sollen. Ich schreibe ihm alsdann auf alle Fälle selbst. Bis dahin kann ich wohl auch etwas näheres von dem Schicksal unsers Theaters und Ihrer Antigone schreiben. Eins scheint mir unerläßlich, daß Sie sich nun auch die gleiche Mühe mit Ödipus, und Ödipus auf Colonus geben: denn eigentlich thut Antigone nur den vollkommnen Effect in Gefolge von jenen beyden Stücken. Sie könnten um sich ein Stück Arbeit zu ersparen, die Solgersche Arbeit zu Grunde legen und diese nur deutschen Ohren mehr annähern. Doch davon läßt sich weiter sprechen wenn wir erst dazu kommen, Antigone voraus aufzuführen.
Ich wünsche recht wohl zu leben und bitte meines Antheils und Danks gewiß zu seyn.
Weimar den 26 December 1808.
Goethe
XIV.
Ew. Wohlgebornen
erhalten abermals einen Brief von mir, mit Bitte um eine kleine Gefälligkeit.
Ein junger Mensch, Fr. Wessel bey der Dessauer-Bühne, die sich gegenwärtig in Leipzig befindet, hat sich hier gemeldet und will in jugendlichen seriosen Baßpartieen auch komischen Rollen etwas leisten, sowie auch im Schauspiel nicht ganz unnütz seyn. Dürfte ich Ew. W. ersuchen mir etwas über ihn zu sagen, besonders wie es mit seiner Stimme und seinem Gesang beschaffen ist; doch ohne Jemand deshalb etwas merken zu lassen.
Schon aus diesem Auftrag ersehen Sie, daß ich wieder bey unserm Theater einzugreifen bin veranlaßt worden. Ihre Antigone wird ausgeschrieben und wahrscheinlich noch im Januar gegeben. Verzeihung, wenn ich heute nicht mehr sage.
Weimar den 9 Januar 1809.
Goethe
XV.
Ew. Wohlgebornen
bin ich höchlich dankbar für die ausführliche Nachricht den Schauspieler und Sänger Wessel betreffend. Wie lehrreich müßte es seyn, mehrere Theaterglieder so recensirt zu sehen! Ja, wie sehr wäre es zu wünschen, daß man werdenden Schauspielern solche klare Spiegel vorhalten könnte; freylich vorausgesetzt, daß sie einen so deutlichen Anblick ihrer selbst ertrügen. Erinnern Sie sich eines Weidners bey der Dresdner Gesellschaft, der mir von einem Reisenden als Chorführer in der Braut von Messina sehr gelobt worden, so sagen Sie mir ja auch wohl ein Wort über ihn.
Für die Besorgung der Bände gleichfalls meinen aufrichtigen und lebhaften Dank. Hierbey einen Brief an Herrn Hofrath Kapp. Der Geldbetrag folgt mit der fahrenden Post. Heute nichts weiter als meine besten Wünsche.
Antigone ist auf den 30. angesetzt. Leider füllt sie nicht den ganzen Abend und ich muß eine kleine Operette hinter her geben. Bis jetzt weiß und vermuthet noch Niemand den Autor.
Weimar den 22 Januar 1809.
Goethe
XVI.
Ew. Wohlgebornen
erhalten hierbei die 9 Thaler Sächß. Sollte noch irgend eine Auslage sich nöthig gemacht haben, so bitte mir es zu melden.
Von Antigone habe ich die Leseprobe und eine Theaterprobe gehört. Sie wird gut gesprochen und anständig gespielt. Mir macht es sehr große Freude diesen herrlichen sophocleischen Schatz in einer Art von Auszug zu sehen und zu vernehmen. Heute Abend ist Hauptprobe; morgen Aufführung. Das was wir in unsern Tagen Effect nennen kann das Stück nicht machen; aber ich glaube doch es wird sich in den Kreis der ruhig edlen Darstellungen, die wir von Zeit zu Zeit vortragen, mit einschließen und sich erhalten. Mehreres nächstens
Weimar den 29 Januar 1809.
Goethe
XVII.
Weimar den 1 Februar 1809.
Nur mit Wenigem sage ich, daß Antigone Mondtag den 30sten glücklich aufgeführt worden.[239] Der Effect war, den ich voraussah. Das Stück hinterließ einen sehr angenehmen erfreulichen Eindruck. Jedermann war zufrieden und halb erstaunt, indem man von dieser Klarheit und Einfalt kaum etwas kennt. Die verständliche Sprache brachte hiebey den größten Vortheil. Die Schauspieler haben durchaus deutlich und richtig gesprochen, manche vortrefflich durchaus, wo man Madam Wolff als Antigone und ihren Gatten als ersten Chorführer zu rühmen hat, andere theilweise sehr gut, und wie gesagt, man konnte überhaupt völlig zufrieden seyn. Heute wird es wieder gegeben und ich hoffe das Stück soll sich immer mehr bey dem Zuschauer einschmeicheln. Über Ihre Behandlung selbst wüßte ich auch nur Gutes zu sagen; daß sie zweckmäßig sey, hat die Ausführung bewiesen. Etwas von der angegebenen Musik habe ich weggelassen, damit Recitation und Declamation nicht gestört werden. Was ich hie und da geändert, ist nicht der Rede werth. Herr Unzelmann ist nicht zu vergessen, dem ich den Krieger im Anfange und den Boten zuletzt zugleich aufgetragen: er hat trefflich erzählt. Also nur soviel für dießmal mit meinem Dank. Wer der Verfasser sey ist bis jetzt ein Halbgeheimniß geblieben.
Goethe
XVIII.
Ew. Wohlgebornen
verzeihen, daß ich auf einen schon lange erhaltnen Brief noch nicht geantwortet. Ich habe hier einige Monate auf die Bearbeitung und auf den Druck eines Romans verwendet, der in wenig Tagen die Presse verlassen wird.[240]
Da Sie sich in diesem Fache selbst so löblich hervorgethan; so wünschte ich wohl Ihre Meynung über meine Arbeit zu hören, und wenn es Ihnen gelegen wäre, öffentlich. Es giebt, wie Sie selbst wissen, mehr als eine Art dergleichen Productionen zu beurtheilen: eine gedrängte, welche die Hauptmomente hervorhebt, würde mir sehr willkommen seyn.
Daß die Theatercommission Ihre kleine Schuld bey Herzogl. Canzley saldire, nehmen Sie wohl freundlich auf. Wir sind Ihnen so mancherley schuldig, daß wir wenigstens nicht unterlassen können, bey dieser geringen Gelegenheit Ihnen unsre dankbare Aufmerksamkeit zu bezeigen.
Der ich mit den besten Wünschen für Ihr Wohlseyn mich zu geneigtem Andenken empfehle
Jena den 28 September 1809.
Goethe
*XIX.
Das Vertrauen womit ich mir ein Urtheil über mein Neustes von Ihnen erbat ist durch Ihren liebenswürdigen Brief gar schön belohnt worden; ich danke Ihnen dafür auf das herzlichste. Billig ist es wohl daß die Freunde des Schönen und Guten mir ein tröstliches Wort über diese Production sagen, die wenigstens ein fortgesetztes redliches Streben andeutet und die mich in manchem Sinne theuer zu stehen kommt; ja, wenn ich die Umstände bedencke unter denen das Werckchen fertig geworden; so scheint es mir ein Wunder daß es auf dem Papier steht.
Seitdem es abgedruckt ist habe ich es nicht in der Folge gelesen, eine solche Prüfung pflege ich gewöhnlich zu verspäten. Ein gedrucktes Werck gleicht einem aufgetrockneten Fresko Gemälde an dem sich nichts mehr thun läßt. Soviel es mir noch im Sinne schwebt und wie es sich mir durch Ihre Bemerckungen vergegenwärtigt, möchte ich wohl noch einige Schraffuren anbringen der Verknüpfung und Harmonie willen. Weil aber das nicht angeht; so tröste ich mich damit daß der gewöhnliche Leser dergleichen Mängel nicht gewahr wird, und der Kunstgebildete, eben indem er die Forderungen macht, für sich selbst das Werk ergänzt und vollendet.
Daß Sie ein solcher Leser und Schauer sind wußte ich wohl und erfahre es auch diesmal. Haben Sie doppelten Danck für die Theilnahme und für die Mittheilung; haben Sie dreyfachen daß Sie es in einer Zeit thun in welcher mancher andre, mit Fug und Recht, seinen Freunden schwiege und sich mit seinem eigenen Glück beschäftigte. Möge das Gute das Ihnen bereitet ist so klar zu Ihnen treten als Sie Welt und Kunst erblicken und so beständig bey Ihnen verweilen als Sie Ihren Freunden zuverlässig sind. Meines fortdaurenden Anteils bleiben Sie gewiß.
Weimar d. 15. Nov 1809
Goethe
XX.
Ew. Wohlgebornen
gehe schon wieder mit einer Bitte an, wobey ich doch ausdrücklich bemerke, daß es mit der Erfüllung derselben keine Eile hat. Wenn die Nachricht die ich wünsche, auf Weihnachten zu mir gelangt, so kommt sie noch zeitig genug.
Indem ich mich mit der Geschichte der Chromatik beschäftige, treffe ich wieder auf einen Mann, von dessen Lebensumständen ich schon längst eine nähere Nachricht gewünscht hätte.[241] Er heißt Johann Leonhard Hoffmann, und sein Buch: Versuch einer Geschichte der mahlerischen Harmonie überhaupt und der Farbenharmonie insbesondre, mit Erläuterungen aus der Tonkunst und vielen practischen Anmerkungen. Halle, in Joh. Christ. Hendels Verlage 1768.
Die Dedication ist Leipzig im Sommermonat desselbigen Jahrs datirt, an Herrn Gottfried Winkler gerichtet. Daraus, und aus der Art wie in der Vorrede von Oesern gesprochen wird, sieht man, daß der Verfasser sich eine Zeit lang in Leipzig aufgehalten hat. Er scheint ein zarter, wohl denkender Mann gewesen zu seyn, der schöne Kenntnisse sowohl in der Mahlerey als in der Musik verräth, und wenn er seinem Unternehmen auch nicht ganz gewachsen ist, doch wegen feiner und glücklicher Bemerkungen alle Aufmerksamkeit und in der Geschichte eine ehrenvolle Erwähnung verdient. Könnten Ew. Wohlgebornen mir von den Lebensumständen dieses Mannes einige Nachricht verschaffen, so würden Sie mich sehr verbinden.
Theilte wohl Ihr Freund etwas von seinen Zeichnungen nach Faust auf kurze Zeit mit; so würde es mir und manchem unsrer kleinen Gesellschaft zu großem Vergnügen gereichen. Sie sollten bald wieder zurückerfolgen.
Mich bestens empfehlend
Weimar den 20 November 1809.
Goethe
XXI.
Durch Demoiselle Longhi von Neapel,[242] eine schöne und treffliche Harfenspielerinn, wünsche ich mein Andenken bey Ihnen, mein Werthester, wieder aufzufrischen, und ich hoffe, es soll mir gelingen. Ich bin überzeugt, Sie werden diesem Frauenzimmer um ihrer selbst- und meinetwillen freundlich seyn.
Eigentlich aber bewegt mich nicht sowohl das schöne Talent, das sich wohl selbst empfiehlt, zu dem gegenwärtigen Schreiben: das gute Kind ist hier in den bedenklichen Fall gerathen, daß ihre zwey kleinen Finger auf eine rheumatische Weise geschwollen sind; das Schlimmste wohl, was derjenigen begegnen kann, die sich auf Harfe und Pianoforte bis Petersburg zu produciren gedenkt. Ist unser vortrefflicher Kapp,[243] dem ich selbst soviel schuldig geworden bin, in Leipzig; so haben Sie ja die Gefälligkeit, ihn für diese hübsche Italiänerinn zu interessiren, indem Sie zugleich von mir tausend Empfehlungen ausrichten. Mehr sage ich nicht und brauche es nicht, weil es hier nur einer kurzen Einführung bedarf, und dieser Brief noch spät geschrieben wird. Möchten Sie durch gegenwärtiges veranlaßt, mir einmal wieder ein Wort von sich zu vernehmen geben, so würden Sie mir sehr viel Freude machen. Mit den besten Wünschen!
Weimar den 22 April 1811.
Goethe
XXII.
Ew. Wohlgebornen
sind versichert, daß es mir sehr leid gethan hat, Sie bey Ihrer Durchreise nicht begrüßen zu können. Sich einmal wieder anzutreffen und über manches auszureden, giebt auf mehrere Jahre ein wo nicht besseres doch gewiß entschiedeneres und klareres Verhältniß. Indessen will ich mich durch die Sicherheit Ihrer Neigung und Ihres Wohlwollens trösten.
Wenn Sie wünschen, daß ich dem braven Freyherrn von Truchseß[244] meine Bearbeitung des Götz für das Theater mittheilen möge; so will ich deshalb mein Bedenken eröffnen. Er hat an dem Stücke, wie es zuerst herausgegeben worden, so vielen und warmen Antheil genommen, ja sich gewissermaßen selbst in die Person des alten biedern Helden versetzt, daß es ihm gewiß nicht angenehm seyn würde, nunmehr manches ausgelassen, umgestellt, verändert, ja in einem ganz andern Sinne behandelt zu sehen.
Eigentlich kann diese Umarbeitung nur durch den theatralischen Zweck entschuldigt werden,[245] und kann auch nur in so fern gelten, als durch die sinnliche Gegenwart der Bühne und des Schauspiels dasjenige ersetzt wird, was dem Stücke von einer andern Seite entzogen werden mußte. Da ich also überzeugt bin, daß beym Lesen Niemand leicht die neue Arbeit billigen werde, weil nicht zu verlangen ist, daß der Lesende die mangelnde Darstellung sich vollkommen supplire; so habe ich bisher gezaudert diese Bearbeitung drucken zu lassen, ja selbst meine nächsten hiesigen Freunde, die das Manuscript zu sehen verlangt, an die Vorstellung gewiesen, von der sie denn nicht ganz unzufrieden zurückkehrten.
Ich bin überzeugt, daß Ew. Wohlgebornen sowohl als der würdige Truchseß-Götz, es nicht misbilligen, wenn ich diesen meinen Gründen soviel Gewicht gebe, um die gewünschte Mittheilung abzulehnen. Verzeihen Sie daher und erhalten mir ein freundliches Andenken.
Ein etwas wunderliches biographisches Bändchen erhalten Sie zu Michael. Wilhelm Meisters Wanderjahre durchzuführen haben mich meine eigenen Wanderungen abgehalten. Bey jenem Büchelchen aber bitte ich Sie sich zu überzeugen, daß Sie unter diejenigen gehören, für die ich es schreibe. Mit entfernten Freunden und Geistesverwandten mich zu unterhalten, ist dabey meine einzige Absicht: denn diese sind es ja eigentlich nur, die man zu Zeugen seines vergangnen Lebens und Treibens, und zur Theilnahme am gegenwärtigen aufrufen kann.
Weimar den 11. September 1811.
Ew. Wohlgeb. wahrhaft zugethaner Goethe.
XXIII.
Mit vielem Danke, mein Werthester, sende ich den mitgetheilten Aufsatz zurück. Wer das deutsche Publicum kennt, dessen selbstische Eigenwilligkeiten Sie so gut schildern, wer zunächst erfahren hat, daß sie vor allem Neuen, so sehr sie darnach gierig sind, wenn es einigermaßen problematisch ist, eine ängstliche Apprehension fühlen, und daher den Miswollenden freyes Spiel geben, um sich nur jener Furcht entledigt zu sehen — der weiß gewiß dankbar anzuerkennen, wenn ein Freund als Mittelsperson auftreten mag, damit die Menschen sich geschwinder mit dem befreunden, was ihnen fremd und wunderlich erscheint.[246] Besonders in den letzten zwanzig Jahren mußte man große Geduld haben: denn mehrere meiner spätern Arbeiten brauchten zehn und mehr Jahr, bis sie sich ein größeres Publicum unmerklich erschmeichelten; wie denn ja mein Tasso über 20 Jahr alt werden mußte, ehe er in Berlin aufgeführt werden konnte. Eine solche Langmuth ist nur dem zuzumuthen, der sich bey Zeiten den Dédain du Succès angewöhnt hat, welchen die Frau von Staël in mir gefunden haben will.[247] Wenn sie den augenblicklichen leidenschaftlichen Succès meint, so hat sie recht.[248] Was aber den wahren Erfolg betrifft, gegen den bin ich nicht im mindesten gleichgültig; vielmehr ist der Glaube an denselben immer mein Leitstern bey allen meinen Arbeiten. Diesen Erfolg nun früher und vollständiger zu erfahren, wird mit den Jahren immer wünschenswerther, wo man nicht mehr viel Stunden in Gleichgültigkeit gegen den Augenblick zuzubringen und auf die Zukunft zu hoffen hat.[249]
In diesem Sinne machen Sie mir ein großes Geschenk durch Ihren Aufsatz und bethätigen dadurch abermals die frühere mir schon längst bewährte Freundschaft. Doch darf es mich nicht einmal überraschen, daß Sie in meine Intentionen auch bey dieser Arbeit so tief eindringen, da Sie unter diejenigen abwesenden Freunde gehören, die ich mir vergegenwärtige, wenn ich mir meine alten Mährchen in der Einsamkeit zu erzählen anfange; und ich darf wohl versichern, daß der nächste und eigentliche Zweck ist, gegen solche auf indirectem Wege wieder einmal laut zu werden, da die directe Communication so manches Hinderniß erfährt.[250]
Daß Sie meine asiatischen Weltanfänge[251] so freundlich aufnehmen, ist mir von großem Werth. Es schlingt sich die daher für mich gewonnene Cultur durch mein ganzes Leben, und wird noch manchmal in unerwarteten Erscheinungen hervortreten: wie ich denn von Ihrem liebevollen Glauben hoffen kann, daß Sie überzeugt sind, der erste Theil sey mit Bewußtseyn und mit Absicht geschrieben, und enthalte auch nicht das kleinste geringfügig scheinende, was nicht künftig einmal nach seinem Geschlecht und Art in Blüthe und Frucht hervortreten soll. Freylich, das Publicum, wenn man es an ein Saatfeld führt, bringt gleich die Sicheln mit, und bedenkt nicht, daß noch mancher Monat bis zur Erndte hingeht, ja wohl noch das ganze grüne Feld eine schöne Zeit unter einer Schnee- und Eisdecke zu ruhen hat.
Es würde mir unendlich interessant seyn, wenn Sie mir mittheilen wollten, was Sie über die Farbenlehre aufgesetzt haben. Die Wirkung von dieser wird noch mehr retardirt, als die Wirkung meiner andern Sachen. Denn hier kann man das Publicum am leichtesten irre führen, indem man mir anderes Verdienst wohl läßt, aber in dieser Sache, die ja nicht in mein Fach schlage, ein verzeihliches Travers Schuld giebt. Indessen macht es mich schon glücklich, daß ich diese Arbeit, die ich so lange mit mir herumgetragen, endlich losgeworden. Was für eine große Übung es für mich gewesen, diesen Gegenstand durchzuarbeiten, ermessen Sie selbst; und welche wichtigen Bemerkungen ich mache, indem ich meine Gegner beobachte, wage ich kaum auszusprechen. Doch ist es ja kein Geheimniß, daß Niemand überzeugt wird, wenn er nicht will.
Warum sollte ich nun nicht auch wünschen, meine Freunde kennen zu lernen und besonders Ihre Ansicht, die mir in so mancher Betrachtung werth seyn muß.
Mich zu daurendem Wohlwollen empfehlend
W. d. 30 Jan. 1812.
Goethe
XXIV.
Da mich das herannahende Frühjahr wahrscheinlich bald von Weimar weg und nach Böhmen locken wird, so will ich nicht versäumen Ew. Wohlgeb. nochmals zu schreiben, und mich Ihrem Andenken bestens zu empfehlen.
Das mitgetheilte Blatt über meine Farbenlehre folgt hierbey mit vielem Dank zurück, nur Schade, daß es nicht mehrere waren. Gerade diese Art von unschuldigen augenblicklichen Äußerungen sind mir unendlich werth und besonders hier, wo ich mit Vergnügen sehe, wie eine Sache, mit der ich mich so viele Jahre beschäftiget, auch in dem Gemüthe eines Freundes aufgeht, und sich dasselbe nach und nach zu gewinnen weiß.
Diesen Winter hat mich das Theater sehr von anderen Thätigkeiten abgezogen, ich muß erwarten, ob die Carlsbader Einsamkeit, die ich wenigstens im Monath May hoffen darf, mir Raum giebt, etwas für Poesie, Wissenschaft, oder was es sonst wäre, zu thun.
Leben Sie unterdessen recht wohl, und lassen Sie Sich in litterairischen Dingen nichts anfechten; wir haben unsere Kräfte zu nothwendigerem Gebrauch jetzt aufzusparen.
Das Gemäldeverzeichniß habe ich höheren Orts mitgetheilt, und bin nicht ganz ohne Hoffnung einiges Erfolgs, leider genießt man jetzt kaum, was man besitzt, wie sollte man noch mehr zu besitzen wünschen! Sollte sich die Aussicht nach Norden wieder erheitern, so wäre vielleicht dort etwas zu thun.
Mit den besten Wünschen mich zu freundschaftlichem Andencken empfehlend
W. d. 7 Apr. 1812.
Goethe
*XXV.[252]
Mögen Sie, theuerster Mann, Morgen, mit den werthen Ihrigen, an meinem Familientische Theil nehmen; so sind Sie herzlich willkommen.
Wollten Sie Sich um zwölf einfinden; so hätten wir noch Zeit einige Kunstwerke zu betrachten. Ich sende den Wagen. Mich bestens empfehlend
W. Dienstag d. 7ten Dec. 1813.
Goethe
*XXVI.
Wenn ich bey Ihrem Besuche, mein werthester, etwas zu erinnern habe, so ist es daß er nicht lange genug dauerte. Auch das Zusammenseyn hat seine Jahreszeiten, deren eine sich aus den andern entwickelt.
Lassen Sie diese schönen kurzen Tage auch in der Entfernung Frucht tragen.
Mögen Sie aus dem Duzzend Entwürfen Sich viere herauslesen;[253] so soll mirs angenehm seyn sie in Ihren Händen zu wissen. Mir geben diese Blätter eine bestimmte Erinnerung eines vergangenen Augenblicks und ihre Mängel dürfen mir daher so werth seyn, als wenn es Vorzüge wären. Mag ein Freund dies mit empfinden, so muß es mich freuen.
Erhalte Sie Ihr guter Geist über der Woge des Augenblicks gedencken Sie meiner in Liebe und bleiben überzeugt daß ich Ihre schöne Persönlichkeit rein zu schätzen weiß. Die Meinigen wünschen Ihnen und den Ihrigen bestens empfohlen zu seyn.
W. d. 28 Dez 1813
Goethe
XXVII.
Ew. Wohlgeboren
danke verbindlichst für den übersendeten Catalog, und bitte mir die Erlaubniß aus, gegen Michael dieselben mit einigen Aufträgen beschweren zu dürfen.
Bey Gemälden, noch mehr aber bey Zeichnungen, kommt alles auf die Originalität an. Ich verstehe hier unter Originalität, nicht, daß das Werk gerade von dem Meister sey, dem er zugeschrieben wird, sondern daß es ursprünglich so geistreich sey, um die Ehre eines berühmten Namens allenfalls zu verdienen.
Die Nummern des Catalogs, auf welche ich meine Aufmerksamkeit richte, werde ich Ew. Wohlgeboren übersenden, mit besondern Bemerkungen dabey, was ich nach der Analogie hoffe oder erwarte. Mögen Ew. Wohlgeboren hiernach die Blätter beschauen, berutheilen und würdern, und solche erstehen oder erstehen lassen, so werd' ich es dankbar erkennen, und alles was Sie beschlossen und angeschafft ohne Weiteres mit Vergnügen genehmigen, überzeugt, daß ich mich selber nicht besser hätte berathen können. Anweisung auf eine proportionirte Summe erfolgt zugleich.
Diese Bemühungen wage ich um desto eher, Ihnen, mein verehrter Freund! anzusinnen, als Sie durch eine so gütige auszeichnende Aufnahme meines biographischen Versuchs, Sich gleichsam als meinen wohlwollenden Schuldner bekennen. Fahren Sie fort mich auf meinem Wege mit guten Wünschen und Theilnahme zu begleiten. Der Verlust den wir alle mehr oder weniger erlitten haben, und der Sie, leider! so hart betroffen, kann nur verschmerzt werden, wenn wir uns immer treuer an einander schließen, und der Deutsche immer mehr einsehen lernt, daß nirgends für ihn Heil zu finden sey als bey seinen Landleuten. Unter diesen frommen Wünschen und Vorsätzen, dürfen wird freylich nicht an's Öffentliche denken, welches leider schon durch die traurigsten Spaltungen zu zerfallen droht. Möge dies Glück wenigstens Privatpersonen aufbewahrt seyn, daß sie fortfahren einander zu schätzen und zu lieben.
Weimar den 27. Febr. 1815.
ergebenst Goethe
XXVIII.
Mit Beantwortung Ew. Wohlgeboren freundlichen Schreibens, vom 29 July komme leider erst nach dem Feste. Hätte ich gleich im Frühjahr die Aufträge, wie ich sie zu geben gedachte niedergeschrieben, so würden Ew. Wohlgeb. solche entweder selbst oder durch einen Freund, gewiß zu meiner Zufriedenheit haben ausrichten lassen. Nun aber hielt mich meine Reise zu lange am Rhein und Mayn, und in den ersten Augenblicken meines Hierseyns konnte zu keiner Fassung gelangen, und leider entschlüpfte mir so die schönste Gelegenheit meine Sammlung abermals mit bedeutenden Kunstwerken zu vermehren. Nehmen Sie jedoch auch in dem gegenwärtigen Falle meinen aufrichtigen Dank für Ihre gütigen Bemühungen, und die aufrichtige Erklärung, in welcher ich Ihren längst erprobten Charakter aufs neue mit besonderer Rührung anerkannt. Seyn Sie überzeugt, daß ich in ähnlichen Fällen mich vollkommen beruhigen werde, wenn Sie, oder diejenigen denen Sie Ihr Vertrauen schenken, zu meinem Vortheile würken mögen. Gegenwärtig aber würden Sie mir eine besondere Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir einen Catalog mit beygefügten Preißen für die Gebühr verschaffen möchten. Die Durchsicht desselben, wenn sie mir auch hie und da vielleicht eine unangenehme Empfindung erregte, würde für mich auf alle Fälle belehrend seyn, und ich werde Ihnen dieses, sowie so manches andere Gute herzlich verdanken.
Mit Bitte, mich allen werthen Gönnern und Freunden angelegentlichst zu empfehlen
Weimar den 23. Octbr. 1815.
ergebenst! Goethe
XXIX.
Ew. Wohlgeb.
schöne Gabe[254] ward mir schon längst und diente mir in trüben Stunden zur angenehmsten Erheiterung, besonders gab die Schreckensgeschichte jener Schlachttage einen bedeutenden Wink, wie man geringeren Übeln nicht unterliegen solle, da der Mensch die größten besteht und aus ihnen oft gerettet wird.[255]
Die Bildung Ihres Charakters und Styls, erscheint hier im vortheilhaftesten Lichte: es thut immer eine große Wirkung, wenn der Mann auch seine schlimmsten Erfahrungen würdig darzustellen weiß.
Mit dem Altern ist es freylich so eine Sache. Die Jahre könnte man allenfalls noch wohl ertragen, wenn sie flüchtig wie die früheren vorüber gingen, da sie aber so manches, auch von Außen, heranschleppen, womit sich die Jugend selbst nicht befaßen möchte, so spürt man freylich den Mangel an Kraft und Ausdauer doppelt und dreyfach. Hat man indeßen so lange des Guten genoßen und sich in das Schlimme gefügt, so bleibt wohl nichts übrig, als daß man seine Kräfte zusammen nehme, um bis ans Ende etwas werth zu seyn.
Erhalten Sie mir Ihre Theilnahme und bleiben der meinigen gewiß. Empfehlen Sie mich den werthen Ihrigen und auch in dem Löhrisch-Keilischen Hause.
Schließlich, da ich mich zu Ihnen versetzt hatte, fällt mir noch ein Wunsch ein: könnten Sie mir gelegentlich eine recht gute Federzeichnung von Guercin um billigen Preiß verschaffen, es sey Landschaft, Kopf, oder Halbfigur, so geschähe mir ein ganz besonderer Gefalle. In jener von mir versäumten Auction waren deren mehrere.
Nochmals mich bestens empfehlend.
Weimar d 10. Decbr. 1816.
ergebenst Goethe
XXX.
Ew. Wohlgebornen
geneigtes Schreiben hat mir viel Freude gemacht, ich sehe daraus daß mein Andenken bey Ihnen lebendig ist, und daß Sie auf die freundschaftlichste Art meine Neigung zu befriedigen wünschen und mir für belehrende Unterhaltung Sorge tragen wollen. Ich nehme daher das Anerbieten wegen des Guercin. Bildes dankbar auf, bitte mir solches zu senden, und nicht zu verhehlen was ich dafür schuldig werde.
Die geschnittenen Steine betreffend, so laßen Sie Sich nicht reuen mir davon gemeldet zu haben. Seine Waare muß man ausstellen, ausbieten, wenn man sie los werden will. Unsere gnädigsten Herrschaften sind gegenwärtig nicht geneigt dergleichen anzuschaffen; ich habe jedoch einen andern Gedanken: Wir stehen mit den Hanauer Goldarbeitern[256] in gutem Verhältniß theils wegen des Falkenordens, theils wegen mancher Geschenke welche die Fürsten öfters abreichen müßen. Solche Fabriken haben hunderterley Gelegenheit auf Dosen, bey Schmuck, Ringen und d. gl. dergleichen anzubringen. Möchten Sie mir ein detaillirtes Verzeichniß zusenden, was die Steine vorstellen, von welcher Größe sie sind, vielleicht legten Sie auch einige Gypsabgüsse der größten, oder für vorzüglich gehaltenen bey; so wollt ich das alles nächstens nach Hanau spediren, da ich ohne dem etwas dort zu bestellen habe. Es sollte mir Freude seyn Ihren Wünschen hiedurch entgegen zu kommen.
Möchte ich vernehmen daß Sie sich wohl und heiter befinden.
Weimar d. 20. März 1817.
ergebenst Goethe
*XXXI.
Ew. Wohlgeb.
können, mitten in Leipzig, umgeben von eignen Kunstschätzen und Sammlungen andrer, Sich unmöglich einen Begriff machen wie es mir zu Muthe sey, in dem zwar geistvollen; doch gestaltlosen Jena, auf einmal eine so liebwerthe Erscheinung zu sehen als das Bild, mir zur freundlichsten Gabe dargereicht.[257] Es hat mich schon zu hundert Betrachtungen veranlaßt, und soll immer vor meinen Augen, mich an Ihr Verdienst und Ihre Neigung zu mir täglich erinnern.
Nehmen Sie meinen vorläufigen eiligen Danck und verzeihen wenn ich das schöne Geschenck nicht so unbewunden annahm als Sie es anboten. Wer sich fast unabläßig mit der wilden Welt herumbalgen muß vermißt oft das Zarte Gefühl den Händedruck eines Freundes gebührend zu erwiedern; lassen Sie mich also doppelt und dreyfach Ihren ethischen Schuldner bleiben.
Jena d. 9 Apr. 1807.
ergebenst Goethe
Herr Angermann hatte die Artigkeit mir das Kästchen hier persönlich zu überreichen.
Wegen der Gemmen nächstens.
XXXII.
Ew. Wohlgeboren
herzlicher, aus freier Brust geschriebener Brief, hat mir große Freude gemacht.[258] Ich hatte freilich auf Sie gezählt, daß Sie aber so schnell, augenblicklich, unmittelbar sich äusern, dafür weiß ich Ihnen den größten Danck. Freund Meyer, dessen Um- und Übersicht alter und neuer Zeit, Sie in dem kühnen Aufsatze[259] nicht verkennen werden, trägt mit mir diese Gesinnungen schon viele Jahre auf dem Herzen, und es schien gerade der rechte Augenblick, wo das Absurde sich selbst überbietet, wo alle ächte Gleichzeitigen, besonders die Väter und Pfleger talentvoller, durch diesen Zeitwahnsinn verrückter Söhne, in Verzweiflung sind, mit historischem, billigem, das Talent würdigendem die Abweichung scharf bezeichnendem Vortrag aufzutreten. Tausend und aber Tausend Wohldenkende, werden sich gewiß schnell versammeln, der reine Menschen- und Kunstverstand wird laut werden, und wir kommen auch denen zu statten, die jetzt wider Willen dem Strohm in den sie sich eingelassen haben gehorchen.
Von dem Überschwenglichen der Tollheit wie Sie es mir schildern, hatten Wir freilich noch keinen Begrif, da Wir aber, es entstehe daraus was wolle, immer auf diesen Fleck zu schlagen gedenken, so haben Sie die Gefälligkeit, mich von Zeit zu Zeit von dem Besondern zu unterrichten. Wir mögten, wie auch schon in dem ersten Aufsatz geschehen, das talentvolle Individuum schonen und fördern, wie Sie auch thun und gethan haben, aber auf die falschen, kranckhaften und im tiefsten Grunde heuchlerischen Maximen, derb und unerbittlich loßgehen, und, wie sie ganz richtig anrathen und verlangen, dasjenige immer und dümmer[260] wiederholen, was würcken soll. Das nächste dritte Heft wird nicht allein in diesem Fache, sondern auch in andern aufrichtig seyn.
Haben Sie die Güte mir alles anzuzeigen, was Sie von Persönlichkeiten und Individualitäten wissen, ich mache keinen Gebrauch davon, ehe ich Ihnen die Redaction vorgelegt habe. Es ist eine Gewissenssache mit der wir zusammen würcken müssen. Die Masse ist breit, aber schwach, und ich denke ihnen noch, von ein paar andern Seiten in die Flancke zu fallen.
Hievon nur diese Andeutung! Wie erfreulich ist mir, der reine, freie Ausdruck Ihres Briefes, auch nur als Sprachäusserung betrachtet, und zu welchen ekelhaften, befremdeten[260] Narrheiten, wollen uns die Deutschen Männer zwingen! auch gegen die werden wir auftreten, und welche wackere junge Theilnehmende wir für unsere Überzeugung hoffen können, davon zeugt beiliegendes Heftchen.
Kennen Sie schon den Aufsatz? so ist es Ihnen wohl angenehm ihn zu besitzen, und Freunden mitzutheilen. Man muß jetzt auch Parthei machen das Vernünftige zu erhalten, da die Unvernunft so kräftig zu Wercke geht. Lassen Sie uns bedenken, daß wir dies Jahr das Reformationsfest feiern, und daß wir unsern Luther nicht höher ehren können, als wenn wir dasjenige was wir für Recht, der Nation und dem Zeitalter ersprießlich halten, mit Ernst und Kraft, und wäre es auch mit einiger Gefahr verknüpft, öffentlich aussprechen, und wie Sie ganz richtig urgiren, öfters wiederholen.
Das mir geneigt gespendete Bild, gewährt mir immer viel Freude. Aus einem Kunstwerk, das wahrhaft gut ist, läßt sich viel heraussehen, und was es anregt ist immer unendlich.
Ich weiß nicht ob ich schon gemeldet habe, daß meine Vorliebe fürs Sechszehende Jahrhundert mich auch verleitet hat, eine ansehnliche Sammlung Majolika aus Nürnberg mir eigen zu machen,[261] welche, glücklich angekommen, einen vergnüglichen Anblick geben, dabey aber auch aussagen, daß dergleichen subalterne Kunstwerke nur in Masse können beurtheilt werden, wo sowohl ihre Vorzüge als ihre Mängel zur Schau stehen. Finden Sie, um billige Preise, von dieser Art in Leipzig, so erzeigen Sie mir den Gefallen davon Notiz zu geben.
Die Abdrücke der Sammlung geschnittener Steine sende in diesen Tagen zurück. Zu jenem ersten Vorschlag bewog mich die Meynung[262] es sei eine Sammlung Cameen, die zu Schmuck, Putz und Modezwecken, für Kenner und Nichtkenner brauchbar sind. Mit Intaglios will man siegeln, und da möchte man interessante beliebte Personen, deren sich, besonders für die neue Denkweise, unter der Folge römischer Kaiser wohl wenige finden möchten.
Den Abdruck eines Titelblatts sende hiebey, vielleicht bald nach Johanni das Heft selbst.[263] Meinen längern Aufenthalt in Jena, benutze, da ich gerade nicht Lust zu frischem Thun empfinde, zum Wiederabdruck älterer, auf Natur sich beziehende Schriften. Zu Sichtung und Redaction aufgehäufter Manuscripte. Bey dieser Gelegenheit erscheint, beinahe zum Entsetzen, wie wir von den disparatesten Gegenständen afficirt, aufgeregt, hingerissen werden können. Hiedurch nun, werde ich genöthigt mancherley Stückwercke mit Lebensereignißen in Verbindung zu bringen, damit das Ganze nicht allzu verworren und seltsam aussehe. Und gerade diese Mittelglieder sind es die ich Ihrem Antheil empfehlen möchte. Lassen Sie zunächst unsere wechselseitige Unterhaltung auf das lebhafteste würken, es giebt Epochen, wo es räthlich ja unvermeidlich ist das Eisen gemeinschaftlich zu schmieden.
Mit vielem Antheil und Vergnügen höre ich, daß Sie Konnewitz[264] wieder hergestellt, und sich und den Ihrigen einen angenehmen Aufenthalt bereitet haben. Ich mußte mehrmals meine Existenz aus ethischem Schutt und Trümmern wieder herstellen, ja Tag täglich begegnen uns Umstände, wo die Bildungskraft unserer Natur, zu neuen Restaurations-Reproductions-Geschäften aufgefordert wird, helfe der Geist nach, so lange es gehen will.
Hier also ein Abschluß weil doch einmal zu schließen ist. Baldige Erwiederung hoffend
Jena den 1. Juny 1817.
ergebenst Goethe
XXXIII.
Ew. Wohlgeboren
verpflichten mich abermals durch ein so freyes und wohlgedachtes Schreiben, das so viele reine Erfahrung und gemüthliche Thätigkeit voraussetzt. Wie sehr freut mich, daß die Hoffnung der Weimarischen Kunstfreunde auf lebendige Mitwirkung gleich denkender Männer so schön erfüllt wird. Von dem Mitgetheilten werde mit Vorsicht später hin Gebrauch machen, denn es möchte gut seyn vor der Hand zuzusehen wie jene Äußerung im Publikum wirkt und wo man am schicklichsten nachhilft.
Nun eine kleine Bitte: In dem Catalog von Dauthe S. 92. No. 81 (das Blättchen lege bey,) stehn die Cartons aus Hampton-Court. Da nun die Worte hinzugefügt sind: vortreffliches Werk, so vermuthe ich daß es gute Abdrücke sind und als dann möcht' ich sie gerne besitzen. Gäben Sie wohl jemand den Auftrag welcher die Abdrücke beurtheilen könnte und sie für mich acquirirte, so geschäh mir ein besonderer Gefalle. Zehn bis Zwölf Thaler wohl auch mehr wollte ich dafür geben. Die Auslage ersetze sogleich dankbar.
Da ich zu Ende July, vielleicht Anfang August, wahrscheinlich nach Carlsbad gehe, so hab' ich das Vergnügen Sie in Franzensbrunn zu treffen und hoffe einen Abend mit Ihnen zuzubringen, worauf ich mich von Herzen freue. Mögen Sie, nach Ihrer Ankunft daselbst, mir ein Wort schreiben: wie es dort aussieht, so werden Sie mir einen Vorschmack unseres Zusammentreffens geben.
Das Kästchen mit den Siegelabdrücken ist wohl durch die Post schon zu Ihren Händen gelangt? — Mehr sag ich nicht denn auch ich bin sehr gedrängt manches zu arrangiren, das, wo nicht geendigt doch gefördert werden muß.
Möge die persönliche Erneuerung und Anfrischung unseres schönen Verhältnisses uns bald gegönnt seyn
Weimar d. 26. Juny 1817.
in Hoffnung! G
Anfragende Nachschrift.
Sollte nicht in der seltsamen Sammlung des Bauschreiber Dedike irgend etwas befindlich seyn das einen Kunstfreund erfreuen könnte? es ist fast unmöglich daß ein Sammler zeitlebens dem Absurden nachjage, ohne daß ihm nicht auch einmal irgend was Schätzbares in die Hände liefe. Haben nicht vielleicht einen Freund fähig dergleichen zu beurtheilen und gefällig es zu erstehen? Unter den kleinen bronzenen Figuren sollte sich vielleicht etwas finden, vielleicht auch unter den getriebenen halb oder schwach erhobenen Bildern, wo nicht von alter doch von neuer guter Kunst, sollte nicht unter den Tellern etwas von Majolika stecken? Da diese Dinge schwerlich zu hohen Preißen weggehen, so würde man kaum irren können
Weimar d. 27 Juny 1817.
G
XXXIV.
Verzeihen Sie, werthester, daß ich erst spät auf Ihre Anfrage zur Antwort komme; ich führe jetzt ein etwas unstätes Leben, und spiele rouge et noir[265] zwischen Weimar und Jena[266], wo es an beiden Enden zu thun giebt, zwar nicht außer meiner Sphäre, doch auch innerhalb derselben nicht ganz erfreulich.
Haben Sie herzlichen Danck für alle Bemühung und Theilnahme, auch für Ihre Betrachtung über mein Thun und Wesen. Das Liebste muß ich immer liegen lassen, und für lauter Treiben und Arbeiten komme ich zu keinem Genuß, am wenigsten zu einer Besinnung, was man erhalten, fördern, fahren lassen, oder verbrennen soll. Wir wollen sehen wie lange wir's treiben, und was wir noch vor uns bringen. Gönnen Sie mir Ihre Theilnahme für und für, und erhalten mir und meinem Andenken guten Willen in Ihrem Wirkungskreise.
Das übersendete Kupfer ist leider wie Sie selbst sehen, keineswegs trostreich; dem guten Manne der so wunderlich aus dem Blättchen heraussieht, wird das Denken äußerst schwer, und der Beschauer kann sich einer peinlichen Empfindung nicht erwehren. Der Fehler, den die Künstler durch Vergleichung selbst gefunden haben, ist freilich sehr entstellend. Der Keim zu allen diesem, lag schon im Original, das ich den wackern Boisseres übersendete, von Copie zu Copie ist es immer schlimmer damit geworden.
Mögen Sie das mit Schonung an die guten Leute bringen, die mit so vielem reinen Willen ihre Kunst geopfert haben, denn der Stich ist wircklich verdienstlich. Ich selbst muß die Sache ignoriren, denn als ich hier einigen Freunden das Blatt vorzeigte, wurde ich übel angelassen. Dieses wenige zu sagen, finde ich in Jena gerade eine ruhige Stunde; kommen Sie in Fall mir etwas zu schicken oder zu fragen, so senden Sie es nach Weimar, und bleiben meiner Theilnahme und Danckbarkeit versichert.
Jena den 24 Novembr. 1817.
ergebenst Goethe
XXXV.
Daß Ew. Wohlgeboren nicht schon längst auf Ihren werthen Brief geantwortet, ist der verspätete Druck beykommenden Heftes eigentlich Schuld. Nehmen Sie es freundlich auf und gedenken dabei vergangener Zeiten.
Briefe, wie Sie solche wünschen, finden sich wohl unter meinen Papieren. Leider verbrannte ich 1797 eine zwanzigjährige geheftete Sammlung aller eingegangener Briefe, die ich mir bei meinen biographischen Arbeiten sehnlichst zurückwünschte; die neueren, bis auf wenige Jahre, stehen in Kisten geschlagen in Bodenkammern, wo jetzt unmöglich zu arbeiten ist. Ferner habe ich eine schöne Sammlung eigenhändiger Briefe der Schriftzüge wegen gesammelt,[267] auch diese will ich durchgehen um etwas für Sie herauszufinden. Nur gegenwärtig bitte um Geduld! Außer mancherley äußern Zudrang habe ich noch meinen Divan auf die Messe zu bringen und was dergleichen mehr ist.
Nun noch eine vertrauliche Frage, die ich mir baldigst zu beantworten bitte. Nach der augenblicklichen Erschütterung von Jena möchten wohl auch die Griechen daselbst, zwölf an der Zahl, auswandern. Ich kenne mehrere davon, vorzügliche, fleißige und stille Menschen.[268] Sollten sie wohl sämmtlich oder zum Theil in Leipzig Unterkommen finden wenn sie sich gebührend meldeten? Sagen Sie mir, da Sie die dortige Constellation kennen, wie Sie hierüber denken, es soll, was Sie mir vertraulich äußern, niemand erfahren. Über die wunderlichen Zustände des Tages kein Wort, jeder muß diese Vorfälle bei sich selbst verarbeiten.
Mit unwandelbarer Neigung und Vertrauen
Weimar d. 4. April 1819.
Goethe
XXXVI.
Ew. Wohlgeboren
danke nur mit wenig Worten für die gegebene Nachricht. Können Sie gelegentlich diesen jungen Männern ohne Beschwerde einige Freundlichkeit erzeigen, so werden Sie ein gutes Werk thun. Empfehlungsschreiben, wie sie wohl verdienten, habe ich ihnen nicht mit gegeben. Dagegen habe einem Stuttgarder Musikus, Namens Kocher, Sie in meinem Namen zu begrüßen aufgetragen; er hat mir durch musikalischen Vortrag und Gespräch wirklich Interesse abgewonnen. Mögen Sie ihm einige Aufmerksamkeit schenken und mir Ihre Gedanken über ihn und seine Composition eröffnen da ich mir in einer fremden Kunst wohl Antheil aber kein Urtheil erlaube.[269]
Wegen gewünschter Briefe ging mir in diesen Tagen der Gedanke bei: meinen Freund von Knebel, in Jena, deshalb anzusprechen. Er führt seit vielen Jahren mit allen deutschen Literatoren Correspondenz und vielleicht gewinnen wir da einige Ausbeute.
Mit den herzlichen Wünschen
Weimar den 15 April 1819.
aufrichtig ergeben, Goethe
XXXVII.
Es ist der Mühe werth gelebt zu haben wenn man sich von solchen Geistern und Gemüthern begleitet sieht und sah; es ist eine Lust zu sterben wenn man solche Freunde und Liebhaber hinterläßt, die unser Andenken frisch erhalten, ausbilden und fortpflanzen. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihren herrlichen Brief, dessen ich mich als des schönsten Zeugnisses zu rühmen habe. Nächstens erhalten Sie ein Exemplar meines Divans, dem ich gleichfalls eine günstige Aufnahme versprechen darf.
Wahrscheinlich kommen meine Kinder auf einer kleinen Reise[270] durch Leipzig, die ich in Ihr Connewitz[271] zu führen bitte, damit sie mir, nach dem Augenschein, die Wiederherstellung Ihres so lieben und auf eine zeitlang verleideten Lustsitzes bescheinigen.
Weimar d. 18. Aprl. 1819.
und so fort und ewiglich verbunden Goethe
XXXVIII.
Ew. Wohlgeb.
erhalten hiebey eine geringe Ausbeute, der ersten beiden Buchstaben meiner Handschrift Sammlung, damit ich vorläufig meinen guten Willen beweise. Diese vier Briefe haben wenigstens das Interesse, daß man in gewiße Zeiten, Zustände und Charaktere hineinsieht, von denen wir kaum mehr einen Begriff haben. Bodmers Hand zu entziffern möchte wohl die größte Schwierigkeit seyn, doch ist es interessant genug zu sehen welche Bücher man damals zu lesen anrieth. Finden sie diese Blätter einer Abschrift zu künftigem Gebrauche werth, so erbitte sie mir sodann zurück. Ich gehe die Sammlung nach und nach durch und sende mehr vielleicht auch Bedeutenderes.
Weimar den 27. May. 1819.
Mit aufrichtigen Wünschen danckbar anhänglich J W Goethe
XXXIX.
Sie haben mich, theurer, trefflicher Mann, mit immer gleichem Schritt und unverwandter Gesinnung durchs Leben begleitet und mich, der ich so viele Mißklänge von außen zu vernehmen hatte, stets mit reiner, wahren, ächten Theilnahme erfreut, daß ich sehr undankbar sein müßte wenn ich nicht eine darbietende Gelegenheit ergriffe, meinen Dank endlich auszusprechen. Nehmen Sie daher im Ganzen freundlich auf, was Ihnen im Einzelnen zusagte[272] und gedenken mein jetzt und künftig in Geist und Liebe.
Lassen Sie mich noch eine Bemerkung hinzufügen welche einem alten Autor wohl ziemen mag. Es giebt dreierley Arten Leser: Eine, die ohne Urtheil genießt, eine dritte, die, ohne zu genießen urtheilt, die mittlere die genießend urtheilt und urtheilend genießt; diese reproducirt eigentlich ein Kunstwerk aufs neue. Die Mitglieder dieser Classe, wozu Sie gehören, sind nicht zahlreich, deshalb sie uns auch werther und würdiger erscheinen. Ich sage nichts Neues, Sie haben hierüber gleichfalls erfahren und gedacht.
Leben Sie recht wohl und seyen meinen Kindern freundlich, wenn sie auf ihrer Rückreise von Berlin[273] in Leipzig verweilen sollten wovon ich noch keine gewisse Nachricht habe.
Weimar d. 13 Juny. 1819.
und so fort und ewig verbunden Goethe
XL.
Nichts Angenehmeres hätte vor meiner Abreise nach Carlsbad bey mir einlangen können als ein Brief von Ihrer Hand, mein Theuerster, überschrieben. Die Lesung des Vorigen erregte mir ein Gefühl das ich in ähnlichen Fällen mehrmals empfand, das nämlich, daß mich keine Furcht für Sie anwandlen wollte. Eben aber, die Reise nach Böhmen anzutreten endlich bestimmt, wollte ich, zu meiner Beruhigung bey andern anfragen und in demselben Augenblick erfahre ich, von freyen Stücken, durch Sie selbst, Ihre Genesung. Lassen Sie mich dazu aufrichtig Glück wünschen und nach einem solchen Sturze eine dauerhafte Gesundheit hoffen. Der vielfache Drang vor meiner Abreise verbietet mir mehr zu sagen, deshalb ich auch auf Ihren ferneren geneigten Antrag zu antworten bis auf meine Rückkunft verschiebe: denn dergleichen überraschende, wohlmeynende Gesinnungen anzunehmen oder abzulehnen ist gleich bedenklich. Leben Sie inzwischen recht wohl und empfangen meinen aufrichtigen Dank, sowohl für baldige Nachricht Ihrer Beßerung, als die sogleich gegen uns gewendete Neigung Ihres lieben Gemüthes.
Möge ich bey meiner Rückkehr das Gute und Beßere von Ihrem Befinden vernehmen.
Jena den 23. August. 1819.
treulichst verbunden Goethe
XLI.
Nun möchte denn doch auch wieder einmal Zeit seyn bey Ihnen, mein werthester Herr und Freund, theilnehmend anzuklopfen nach Ihrer Thätigkeit zu fragen, damit man doch wieder als mitlebend erscheine. Seit dem August vorigen Jahrs hab' ich mir viel auferlegt und ist mir viel auferlegt worden, so daß diese Zeit, ob ich gleich gar keiner Zerstreuung Raum gebe und der entschiedensten Einsamkeit genieße, auch Tag und Stunde zu nützen suche, ich dennoch immer in Rückstand verbleibe. So schleicht sich denn auch die Erfahrung ein, daß das Alter weniger fördert als die Jugend und man nicht mehr von einer Thätigkeit zur andern so schnell übergehen kann.
Nehmen Sie ein Exemplar meines Divans als Zeichen des Zutrauens und der Hochachtung. Da ich mich einmal in jene Regionen gewagt, so hab ich, wie es auf Reisen zu gehen pflegt, mich länger verweilt, mehr Zeit und Kräfte verwendet, als billig, auch zuletzt keine Anstrengung gescheut um nur endlich wieder nach Hause zu kommen. Sagen Sie mir nun auch etwas von sich und wie es mit Ihren literarischen- und Kunstbeschäftigungen geht? Herr Weigel schreibt mir mit Entzücken von den Abenden, wo Sie Freunden eine Beschauung Ihrer Schätze gewähren. Möcht ich doch auch Theil daran nehmen können!
Weimar den 3. April 1820.
treulichst Goethe
XLII.
Ihre werthe Sendung mein Theuerster, ist mir keineswegs klein: denn sie sagt mir, daß Sie meiner gedenken, und nicht etwa nur im Augenblick des Schreibens, sondern auch in Zuständen, wo unser Wollen und Vollbringen im Conflict ist. Da ich nun auch auf gleiche Weise, mich gegen das Leben verhalten muß, in bewegter Ruhe, in ruhiger Bewegung, wenn nicht gar die ganze Weltgeschichte, wie schon ein paar mal geschehen, über uns herpoltert; so nehme ich immer im Stillen reinen Antheil an denen, die mit mir, früher oder später, heran kamen, gleiche Gesinnungen gehegt und gleiche Schicksale erlebt haben.
Und so sey Ihnen Dank für das niedliche Stück,[274] das Gelegenheit gab Ihrem Schreiben. So viele Jahre früher wäre es schon aufgeführt, unter gegenwärtigen Umständen habe es den zeitigen Machthabern eingehändigt, welche sich deßen gerne bedienen und auf die Fortsetzung begierig seyn werden.
Aus beyliegendem nehmen Sie auch freundlich Ihren Antheil.
Jena den 3. Octobr. 1820.
treulichst verbunden Goethe
XLIII.
Ew. Wohlgeb.
verzeihen wenn ich erst späte und nur mit wenigen Worten vermelde: daß wirklich an dem ersten Band von Wilhelm Meisters Wanderjahren gedruckt wird, damit er Ostern erscheinen könne. Auch dieser wunderlichen, verspäteten Production erbitte Gunst und Antheil.
Ihren auserlesenen Arbeiten[275] werde gern manche ruhige Stunde widmen und, wie sonst, daraus mannigfaltiges Vergnügen schöpfen. Erhalten Sie mir ein geneigtes Andenken! Gedrängt von vielen Seiten! Eiligst.
Weimar den 18. Febr. 1821.
aber treulichst Goethe
XLIV.
Wenn der Unglaube, wie das Alte und Neue Testament behauptet, die größte Sünde ja die Sünde der Sünden ist, so haben Sie, mein Werthester, viel abzubüßen, da sie an der guten Wirkung Ihrer allerliebsten Productionen immerfort Zweifel hegen. Gerade im Gegentheil kann ich versichern daß ich in den mitgetheilten werthen Bänden mich mit ältern Freunden und Bekannten gar gern unterhalten, neuere mit Heiterkeit begrüßt und so die angenehmsten Stunden verlebt habe.
Nehmen Sie nun von Ihrer Seite meinen Wanderer freundlich auf, wie er sich denn hiermit bescheiden und heiter darstellt. Da es uns Deutschen nun einmal nicht gegönnt ist in entschieden geistreicher Gesellschaft des Lebens zu genießen und uns gegenwärtig in Person an einander auszubilden: So möge denn was dem Einsamen gelingt zuletzt gesellig zusammentreten und uns empfinden lassen wie wir nachbarlich mit einander gelebt und uns wechselseitig liebend gefördert. Erhalten Sie mir ein fortdauerndes freundliches Andenken.
Weimar den 21. Juny 1821.
treulichst Goethe
Erlauben Sie noch Anfrage und Bitte. Bei Ihrem Mitbürger Fr. Peters sind Streicherische Flügel zu haben in Mahagonie Holz für 245 Thlr. in Nußbaum 200 Thlr. Conventionsgeld. Gewiß kennen Sie Mann und Waare, dürfte ich Sie ersuchen die Gegenwärtigen anzusehen und zu prüfen, mir auch alsdann Ihr Urtheil zu eröffnen, da ich denn eher einen Entschluß faßen könnte als auf allgemeine Empfehlung. Verzeihen Sie dies Bemühen; wir werden dagegen in unserm häuslichen Kreise desto öfters dafür erinnert werden.
LXV.
Ew. Wohlgebornen
unterlasse nicht zu vermelden, daß der empfohlene Flügel gestern glücklich angekommen,[276] sogleich von Herrn Hartknoch, einem Schüler unseres verdientesten Capellmeister Hummel, geprüft und, sowohl von ihm, als den sämmtlichen Zuhörern probat befunden worden. Nehmen Sie den besten Dank: mir eine so schöne Acquisition versichert zu haben und seyn überzeugt daß wir uns bey manchem Genusse Ihrer freundlichen Theilnahme dankbar erinnern werden.
Möge Ihr Sommer-Aufenthalt in dem herrlichen Schandau durch gute Witterung und Gesellschaft beglückt seyn. Ich hoffe gleiches in Böhmen, wohin ich mich, mehr der Veränderung und Zerstreuung als der Cur willen, nächstens begebe.
Lassen Sie, nach beiderseitiger Rückkehr uns von einander vernehmen.
Weimar d. 15 July 1821.
treulichst Goethe
XLVI.
Schreiben und Sendung, mein Theuerster, hat mich höchlich erfreut. Wer aus innerem Triebe treulich liebevoll arbeitet und mittheilt, darf an reiner Aufnahme nicht zweifeln. So haben Sie mich durch Ihre römische Geschichts Epoche[277] ganz eigentlich gefördert, indem ich, bei Veranlaßung der von Knebelschen Übersetzung des Lukrez, mich in der Zeit aufhalte die der welche Sie betrachten unmittelbar vorhergeht;[278] suche ich mich also in Ihrem Sinn recht eigentlich zu finden und übertrage Ihre Ansichten nur einige Schritte rückwärts, so bringt es mir gar viel Vortheil; denn es ist einer mündlichen Unterredung zu vergleichen.
Ihre treffliche mir wohlbekannte Schilderung jener Leipziger Unglückstage lese ich wieder[279] und bewundere abermals die besondere Fügung daß ein Mann von Ihrem Geist und Sinn, in Augenblicken wo uns die Sinne vergehen, das Übergewicht eines angebornen und wohlgeübten Talents empfindet, zur Feder greift das Unerträgliche in der Gegenwart zu schildern. Sie erhalten nächstens dagegen einen treuen Abriß meiner wunderlichen Militairlaufbahn; auch durch diese Erbkrankheit der Welt mußt ich einmal durch, damals ging ich der Weltgeschichte entgegen, nachher hat sie uns am eigenen Heerde aufgesucht.
Daß Sie Sich aus dem letzten Stücke von Kunst und Alterthum gerade dasjenige aneignen,[280] was ich im besten Humor geschrieben freut mich sehr. Der Zustand des Schreibenden, theilt sich dem wahren Leser sogleich völlig mit, und ich erkenne dankbarlich, den schönen Wiederklang freundschaftlich-einstimmiger Gesinnung.
Ist die Melodie von Zelter: Um Mitternacht, zu Ihnen gelangt? ich bin so oft ich sie höre, sehr davon erbaut.[281] Was Sie Selbst über Musik mittheilen wollen soll mir höchst willkommen seyn.
Möge Ihre schöne Thätigkeit von allen Seiten her belohnt werden.
Weimar, den 22. Aprl. 1822.
treulich verbunden J W Goethe.
XLVII.
Ew. Wohlgeb.
haben durch Ihr werthes Schreiben mir Hoffnung und Wunsch erfüllt, denn da ich selbst nicht sonderlich mehr mobil bin, so kann mir nichts erfreulicher seyn als wenn Freunde, deren Denkart und Gesinnung ich kenne, von ihren Reisebemerkungen Urtheilen und Gefühlen vertrauliche Mittheilung schenken, und so hab ich denn auch mit großem Vergnügen gesehen daß Sie genug Gutes und Löbliches von Wien und den dortigen Zuständen zu sagen wißen.
Auch ich war dieses Jahr wieder in Böhmen, fand meine alten Freunde und Neigungen wieder gewann neue dazu und fühlte mich in diesem Kreise sehr behaglich; auch nahm ich Theil an dem neueinzurichtenden Prager Museum und denke das nächste Jahr an die Fortsetzung einer längst gewohnten Lebensweise.
Betrübt haben mich deswegen Ihre Worte: „dazu nun das Volk, ich meyne die große Masse, in seinem Wohlstande, (Böhmen abgerechnet, das es nicht besser haben will, als es hat, und es besser zu haben schwerlich werth ist)“. Ich weiß recht gut daß dort nicht alles ist wie es seyn sollte; aber Ihre Worte scheinen mir doch zu hart und zu hauptstädtisch; ich darf Sie daher wohl bitten sich näher zu erklären und mir dadurch Anlaß zu geben bey meiner Rückkehr in jene Gegenden besser aufzumerken und da ich meine Neigung nicht wohl aufgeben kann, doch ohne allzu entschiedenes Vorurtheil meine Liebschaften prüfen zu können.
Von Paulus und Johannes wünschte doch auch nähere Schilderung.
Möge Ihnen alles Gute gegönnt und verliehen seyn! Das erste säuberliche Exemplar das mir vom Buchbinder zukommt erhalten Sie sogleich, ich darf es Ihrer herkömmlichen, mir so werthen Theilnahme nicht erst umständlich empfehlen.
Es ist mir in dieser Zeit gar vieles Gute begegnet; Hr. Dr. von Henning in Berlin hat Vorlesungen gehalten über meine Farbenlehre, ich lege seine Einleitung bey, die wohl für jeden gebildeten Geist verständlich und nicht ohne Intereße seyn möchte.
In Hoffnung baldigen Erwiederns wünsche Ihrer fortwährenden Theilnahme immer versichert zu bleiben.
Weimar den 20. Septbr. 1822.[282]
treulichst Goethe.
XLVIII.
Ew. Wohlgeb.
haben durch Ihre wahrhaft liebenswürdige Sendung,[283] ganz eigentlich meinem Hause Seegen gebracht. Ihre herzlich eindringende Darstellung des Messias, erregte den unwiderstehlichen Wunsch die alten verklungenen Gefühle in mir zu erneuen und nun unter Anleitung des wackern Eberweins durch freundliche Theilnahme von Künstlern und Liebhabern vernehme soviel von dem köstlichen Werck daß ich aufs neue darüber entzückt seyn und Ihnen für diesen Genuß aufs verbindlichste danken muß.[284]
Da nun hiebey das herrliche, sich immer gleichbleibende Piano, wie vor Kurzem unter den Fingern der Madame Szymanowska,[285] eine Hauptrolle spielt, so sind Sie dem Geiste nach manchen schönen Abend unter uns.
Vergönnen Sie daß ich von diesen häuslichen Festen, in Bezug auf Ihre Veranlaßung, öffentlich einige Worte verlauten laße, wie ich denn auch des übrigen Inhalts Ihres Bandes mit Hinblick auf die früheren Arbeiten zu gedenken habe.[286] Möge Ihnen alles wohlgelingen und Sie mich den so viele Jahre geschenckten Antheil auch fernerhin genießen laßen.
Weimar den 2. Aprl. 1824.
fort und fort J W Goethe
XLIX.
Ew. Wohlgeb.
gefällige Mitwirkung in einer kleinen, obschon für mich nicht unbedeutenden Angelegenheit mir zu erbitten, sehe ich mich in diesen Tagen veranlaßt.
Die Weygandische Buchhandlung, welche zuerst meinen Werther verlegt und einige weitere Ausgaben, ich erinnere mich nicht wieviel, davon veranstaltet hat, machte mich vor einiger Zeit mit der Absicht bekannt eine nochmalige zu versuchen, wünschte meine Anerkennung und eine Vorrede, wie sies nannten.
Gegen den neuen Abdruck war nichts einzuwenden, ob ich irgend einige einleitende Worte finden könnte mußte ich einer günstigen Stimmung überlassen.
Jetzt melden sie mir daß der Abdruck im Gange sey und nun von mir die öffentliche Anerkennung durch irgend ein Vorwort nöthig werde, wie sie denn das Honorar meinem billigen Ermessen anheim stellen.
Nun ist hier freylich kein großer Gewinn zu hoffen, doch möchte wohl jedermann von Zeit zu Zeit sich oder den Seinigen einen billigen Wunsch versagen zu dessen Befriedigung er sich ein zufälliges Mittel wünscht. Sie sehen leicht daß es in diesem Falle unerfreulich wäre direct zu handeln und vielleicht gar zu markten, darum ich dieselben ersuche die Vermittlung über sich zu nehmen, wozu folgendes möge die Einleitung seyn.
Ich lege funfzig Reimzeilen bey, denen ich Ihren Beyfall wünsche;[287] sie könnten den guten Leuten vorgewiesen werden, ohne jedoch solche bis zu abgeschlossenener Sache aus Handen zu geben. Ew. Wohlgeb. sind selbst Autor und haben mit den Verlegern genugsamen Verkehr um zu wissen was in dieser Sache recht und billig wäre.
An einen Contrakt für die Zukunft war vor funfzig Jahren nicht zu denken und ich erinnere mich kaum jener frühern Verhandlungen, auch möchte nach so vieler Zeit, nach den großen Veränderungen im Buchhandel gegenwärtig dieses als ein ganz neues Geschäft anzusehen seyn. Haben Sie die Güte die Betheiligten anzuhören und ihre Meynung zu vernehmen.
Es ist hier darum zu thun meine Zustimmung zur neuen Auflage zu honoriren, die denn durch das beykommende Gedicht, welches auch seinen Werth haben mag, deutlich ausgesprochen und vor dem Gesetz und dem Publicum legitimirt wird. Haben Sie die Güte mir deshalb Vorschläge zu thun in Bezug auf jene Erkundigungen nach eigenem Ermeßen und behalten wie schon gesagt das Gedicht an sich, bis zum Abschluß, wie ich denn auch alsdann wegen des Titels einiges zu bemerken wünsche.
Die herkömmlich gebundenen gehefteten und allenfalls rohen Exemplare haben Sie die Gefälligkeit mir auszudingen.
Laßen Sie mich gestehen daß es etwas eigen Reitzendes für mich hat, nach meinem neulichen, für sittlich und ästhetische Mittheilungen dankbaren Briefe, diesen ökonomisch-rücksichtlichen sogleich abzulaßen. Möge dies auch zu dem bestandenen guten Verhältniß noch einen freundlichen Bezug hinzufügen.
Weimar d. 30 Aprl. 1824.
redlich theilnehmend, aufrichtig ergeben Goethe
L.
Ew. Wohlgeb.
nehmen den allerverbindlichsten Dank für die geneigte Vermittlung; im Beygehenden erhalten Sie das Nöthige zu Beendigung des kleinen Geschäfts. Ein bejahrter deutscher Autor, weiß nur zu gut, daß er weder Engländer noch Schottländer ist und daß in solchen Fällen eigentlich nur von Anerkennung eines Rechtes, nicht von dem Äquivalent einer Arbeit die Rede seyn kann. Also nochmals aufrichtigen Dank, daß Sie mir ein unmittelbares Mißgefühl, worauf es insolchen Fällen meistens hinauszugehen pflegt, ersparen wollen.
Ich bedinge mir also funfzig vollwichtige Ducaten, wie man sie im Österreichischen ohne Widerrede annimmt, sogleich durch die fahrende Post gesendet; auch in der Folge 24 Exemplare gutes Papiers, einige hübsch gebunden, wie man es in Leipzig versteht und ausübt. Wollte man Titel und Gedicht alsobald abdrucken und mir den Bogen zur Durchsicht schicken, so würde es angenehm seyn.
Wäre dies nicht, so hätten Sie wohl die Güte eine Revision zu übernehmen, damit der poetischen Sorgfalt ihr Recht wiederfahre.
Daß Ihr neuster Band glückliche Wirkung thun würde, schloß ich aus dem was bey mir erregt worden. Nächstens übersende das neuste Heft Kunst u. Alterth. und bitte mit einem naiven Zeugniß meiner treulichen Theilnahme geneigt vorlieb zu nehmen.[288] Bey mir geht es immer etwas rascher zu als ich wohl wünschen möchte, doch wird sich zunächst auch wohl nachkommen laßen.
Weimar den 22. May 1824.
und so ferner treulichst Goethe
LI.
Wenn Sie, mein theurer, vielgeprüfter Freund, räthselhaft finden sollten daß mit dem Gegenwärtigen einige Fasanen anlangen; so gehört folgende Auflösung dazu.
Eine Gesellschaft von Musikfreunden, nachdem sie sich einen Abend mannigfaltig ergötzt hatte, gedachte, beym frohen Mahl, daß man Ihnen den größten Theil dieses Vergnügens schuldig sey, indem Sie uns mit einem so trefflichen, sich immer wohlhaltenden Instrumente versehen;[289] man trank Ihre Gesundheit und wünschte daß Sie von den guten Jagdbissen mitgenießen möchten. Hiernach ward nun der gute Gedanke laut, daß die Vögel sich gar wohl zu Ihnen bewegen könnten. Ein Jagdfreund übernahm die Besorgung und nun kommen sie, begleitet von den besten Wünschen zum neuen Jahr und in Hoffnung, daß Sie solche gleichfalls mit Freunden theilnehmend, und unsrer eingedenk genießen werden.
Weimar d. 18. Januar 1826.
treulichst J W Goethe
LII.
Ja wohl, mein Theuerster, war der freundliche Besuch den Sie uns gönnten ein schöner Beweis daß wir uns im Lebensgange an einander nicht geirrt haben; es zeigte sich daß wir, wenn gleich in einiger Entfernung, parallel nebeneinander fortgingen und, beym Wiederzusammentreffen, keiner am andern etwas Fremdes empfand; es war Ihnen bey mir behaglich, eben so mußt es wechselseitig seyn. Sie konnten der Freund meiner Freunde werden, es ergab sich alles ganz natürlich, ohne daß irgend etwas wäre auszugleichen gewesen, und so mußten wir wünschen Sie hätten noch einige Tage verweilt. Schwiegertochter und Kinder waren wiedergekommen; Herr Rauch traf ein[290] und wir hätten Sie herzlich gern an den guten Stunden des Wiedersehens und heitern Empfangs auch Ihren genugsamen Theil nehmen lassen. Auch hätte ich der guten Ottilie so gern einen Musickliebenden Gast entgegengeführt.
Hier nun will ich schließen, mit dem treusten Dank für Ihr werthes baldiges Schreiben, mit reinen Wünschen und Grüßen an die theure Ihrige und mit Ankündigung einer Rolle, deren Inhalt wir einen geneigten Empfang erbitten.
Weimar den 3. Juli 1829.
und so fortan! J W Goethe
LIII.
Möge der beykommende ernste Scheinbau, so wie die fromme Dreyheit dem theuersten Freunde eben solche vergnügte Empfindungen beym fortdauernden Anschauen verleihen als mir und meiner Umgebung die verunglückten Wagenlenker gewähren. Mögen diese Blätter als schöne Denkmale immer den Theilnehmenden vor Augen seyn, eines erneuten Verhältnisses, welches für alle Zukunft die anmuthigsten Folgen gewinnen muß.
Unter den mannigfaltigsten Erinnerungen und Grüßen nur noch den treusten Zuruf.
Weimar den 5. Jul. 1829.
und so fortan! J W Goethe
LIV.
Lassen Sie uns noch immer einige Briefe wechseln! Denn das ist ja der Vortheil einer, nach langen Jahren erneuten, persönlichen Gegenwart, daß, aus der wechselseitigen Erkennntniß der eben obwaltenden besondern Zustände, ein neuer Antheil hervortritt, weil der Geist nunmehr erfährt wohin er seine Richtung nehmen soll, und das Gemüth sicher ist eine reine Theilnahme werde günstig aufgenommen werden.
In diesem Sinne empfind ich dankbar: daß Sie mir die Stellen bezeichnen wollen welche Sie in den neuen Wanderjahren Sich angeeignet. Eine Arbeit wie diese, die sich selbst als collectiv ankündiget, indem sie gewissermaßen nur zum Verband der disparatesten Einzelnheiten unternommen zu seyn scheint, erlaubt, ja fordert mehr als eine andere daß jeder sich zueigne was ihm gemäß ist, was in seiner Lage zur Beherzigung aufrief, und sich harmonisch wohlthätig erweisen mochte.
Wenn ich daher die von Ihnen, mein Theuerster, angedeuteten Stellen wieder aufschlug, war es eine angenehme Unterhaltung mit einem abwesenden Freunde, wo ich, in Spiegelung und Wiederschein, gleiche Gesinnung, gleiches Bestreben, zu eigner Bestärkung gewahrte. Denn das darf ich wohl sagen: was ich in meinen Schriften niedergelegt habe ist für mich kein Vergangenes, sondern ich seh es, wenn es mir wieder vor Augen kommt, als ein Fortwirkendes an, und die Probleme die hie und da unaufgelöst liegen, beschäftigen mich immerfort, in der Hoffnung daß, im Reiche der Natur und Sitten, dem treuen Forscher noch gar manches kann offenbar werden.
Daß Sie die Weimarischen Zustände, und darin auch das Nächste was sich auf mich bezieht, konnten gewahr werden, und zwar mit Ihrer so rein-sinnigen als lebhaft-ergreifenden Beobachtungsgabe, ist, ganz ohne Frage, ein vielfaches Eingreifen in die Glieder einer, sonderbar genug verschränkten socialen Kette. Erhalten Sie sich und uns das dabey gewonnene werthe Verhältniß. Alle die sich gleichzeitig heranbildeten haben Ursache sich zusammen- und ihren Kreis gewissermaßen geschloßen zu halten; die Nachkommenden wollen vieleicht was besseres, gewiß aber etwas anderes.
Im Garten am Park Weimar d. 28. Jul. 1829.
In treuem Verharren, J W Goethe
LV.
Die letzten Wochen bin ich, im Drange eigenen Thuns und äußeren Einwirkens, in die Unmöglichkeit versetzt worden mich nach entfernten Freunden umzusehen; auch habe deswegen Ihren lieben, mir sehr willkommenen Brief nicht erwiedert. Ich möchte Sie ersuchen mit Betrachtungen über die Wanderjahre fortzufahren und mir von dem Einzelnen was besonders auf Sie gewirkt, was ein Weiteres aufgeregt, wo sichs angeschlossen und wie man alle solche gute Folgen nennen möchte gelegentlich ohnschwer Kenntniß zu geben. Es ist mir dies, wenn es von Freunden geschieht, die größte Belohnung für die Aufmerksamkeit die ich dieser Arbeit gewidmet. Die Umbildung der darin enthaltenen, schon einmal in anderer Form erschienener Elemente war für mich ein ganz neues Unternehmen, wozu mich nur die Liebe zu einzelnen Theilen, welche, mehr und mehr, auf eine zierliche Weise, einander anzunähern hoffte, bewegen und mich in einer anhaltenden thätigen Aufmerksamkeit freudig erhalten konnte.
Schon werd' ich von manchen Seiten her, von zart aufnehmenden Lesern wirklich auf die anmuthigste Weise belohnt, von solchen die, was ihren Gesinnungen und Gefühlen gemäß ist ergreifen, und sich als Menschen gegen den Autor, insofern er menschlich ist, verhalten.
Nun wird es mich sehr freuen auch von Ihnen mein Theuerster, der sich übersichtlich, denkend und vergleichend in solchem Falle verhält, manches gute Wort zu hören. Denn dem Autor in solchem Falle muß dran gelegen seyn zu erfahren, daß ihm seine Absichten nicht mißglückt, sondern daß vielmehr die geistigen Bolzen und Pfeile dahin gereicht und da getroffen, wohin er sie gerichtet und beabsichtigt.
Nun aber verpflichteten Dank für die ausführliche Kenntniß, die Sie mir von der Aufführung Fausts geben. Es ist wunderlich genug daß diese seltsame Frucht erst jetzo gleichsam vom Baume fällt. Auch hier hat man ihn gegeben, ohne meine Anregung, aber nicht wider meinen Willen und nicht ohne meine Billigung der Art und Weise wie man sich dabey benommen. Mögen Sie mir die Folge der Scenen wie man sie dort beliebt gelegentlich wissen lassen, so geschieht mir ein Gefalle; denn es ist immer wichtig zu beobachten wie man es angegriffen um das quasi Unmögliche, zum Trutz aller Schwierigkeiten, möglich zu machen.
Liebenswürdig ist es von den Deutschen daß sie das Werk nicht zu entstellen brauchten um es von dem Theater herab erdulden zu können. Die Franzosen mußten es umbilden und an die Sauce noch starkes Gewürz und scharfe Ingredienzien verschwenden. Nach der Kenntniß, die uns davon gegeben ist kann man begreifen wie das Machwerck dort große Wirkung thun mußte.
Soviel für jetzt und nicht weiter, damit dieses Blatt baldigst zu Ihnen gelange.
Weimar den 2. Septbr. 1829.
und so fortan! Goethe
LVI.
Den allerschönsten Dank, theuerster Mann, für die gefällig mitgetheilte Nachricht wie es meinem redigirten Faust vor und nach der Aufführung ergangen. Bey meiner vieljährigen Theaterverwaltung hab' ich eine solche oft verlangte ja dringend geforderte Vorstellung niemals begünstigt und sie auch jetzt hier am Orte im eigentlichsten Sinne nur geschehen lassen. Was man auch übrigens von der Aufführung halten mag, so geht doch besonders aus der in Leipzig die alte Wahrheit: man solle den Teufel nicht an die Wand mahlen, aufs deutlichste hervor.[291]
Wegen der freundlichen Anfrage welche Ihr lieber Brief enthält, will ich folgendes aufrichtig erwiedern.[292] Des Herrn Grafen Ankunft in Weimar, würde, nach der mir gegebenen Kenntniß, in den December fallen, einen Monat, der mich schon seit vielen Jahren, besonders aber in meinen alten Tagen, nicht zum besten behandelt, wo ich mich meist in meinem Zimmer aufhalte und leider nur den nächsten Freunden zugänglich bin. Einen so werthen Gast kann ich also auf diese Zeit nicht einladen, da ich keinen Tag und keine Stunde von meinem Befinden sicher bin.
Dies hindert aber nicht, daß ich in günstigen Augenblicken Durchreisende, hier verweilende würdige Personen sehe, spreche und mich mehrmals mit ihnen unterhalte. Würden also Herr Graf Mannteufel in jener Zeit Weimar besuchen, wo die beyden Höfe und eine mehrfach interessante Gesellschaft bedeutenden Fremden einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten wissen; so würde ich mich glücklich schätzen jede gute mir gegönnte Stunde mit einem solchen Manne zuzubringen, ihm von dem Meinigen was ihn interssiren könnte mitzutheilen, und dagegen an den Schätzen seiner Erfahrung und Sammlung freudigen Antheil zu nehmen. Mögen Sie dies, mein Theuerster, gefällig mit meinen besten Empfehlungen ausrichten und mittheilen, so werde solches dankbarlichst anerkennen.
Freylich fiel Ihr Besuch in die gute Jahreszeit, wo die Räume meines Hauses am heitersten zu benutzen sind und dem wohlmeinenden Wirthe bessre Gelegenheit geben seine Gesinnungen gegen Besuchende auszudrücken.
Mit den treusten Wünschen mich geneigtem Andenken und fortgesetzten Mittheilungen angelegentlichst empfehlend.
Weimar den 29 Septbr. 1829.
Und so fortan! J W Goethe
LVII.
Ja, und so wäre es ganz recht, und vertraulichem Verhältnisse wohl angemessen, daß man sich zur Unterhaltung ohne eigentlichen entschiedenen Zweck niedersetze und das Schreiben beginne. Veranlaßt durch Ihren lieben Brief fühle ich mich geneigt, nicht gerade in Beantwortung, vielmehr in Erwiederung Einiges ergehen zu lassen.
Über das Allgemeine was in den Wanderjahren etwa beabsichtigt, in welchem Sinne sie geschrieben, haben Sie, mein Theuerster, gar manches Gute und Ausreichende gesagt. Mit solchem Büchlein aber ist es wie mit dem Leben selbst: es findet sich in dem Complex des Ganzen Nothwendiges und Zufälliges, Vorgesetztes und Ungeschlossenes, bald gelungen, bald vereitelt, wodurch es eine Art von Unendlichkeit erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht durchaus faßen noch einschließen läßt. Wohin ich aber die Aufmerksamkeit meiner Freunde gerne lenke, und auch die Ihrige gern gerichtet sähe, sind die verschiedenen, sich von einander absondernden Einzelnheiten, die doch, besonders im gegenwärtigen Falle, den Werth des Buches entscheiden. Da würden Sie mir denn eine besondere Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie bemerken wollten, was sie vorzüglich, (wie man zu sagen pflegt) angesprochen, was Ihnen als neu oder erneut gegolten, was mit Ihrer Denk- und Empfindungsweise zusammen getroffen, was derselben widersprochen, was Sie, in Gefolg dessen, einstimmig oder im Gegensatz, weiter bey sich auszuführen geneigt gewesen. Das Büchlein verläugnet seinen collectiven Ursprung nicht, erlaubt und fordert mehr als jedes andere die Theilnahme an hervortretenden Einzelnheiten. Dadurch kommt der Autor erst zur Gewißheit, daß es ihm gelungen sey, Gefühl und Nachdenken in den verschiedensten Geistern aufzuregen. Hierüber habe ich in Briefen die anmuthigsten Äußerungen, und wie selbst junge und weibliche Seelen von ganz gelinden aber gründlichen Zügen ergriffen werden. Wollen auch Sie auf diese Weise mir wohlthätig seyn, so erkenne es mit verbindlichstem Dank. Nicht leicht unterhält man sich über dergleichen mündlich; eine gewisse Scheu hält uns ab; dagegen ist man im Schreiben freyer, und man vertraut wohl sein Innerstes gern in die Ferne.
Gar manches Wechselseitige, Wirksamkeit zu erregen entschieden geeignet, verspare für nächste Mittheilungen. Herr Canzler ist so eben aus Italien zurück und hat wohlgethan dem Zug nach Rom nicht zu widerstehen; er wird sich selbst anmelden und des freundlichen Empfangs auch von Ihnen gewiß seyn.
Da noch Raum übrig ist füge Einiges hinzu:
Handle besonnen, ist die praktische Seite von: Erkenne dich selbst. Beides darf weder als Gesetz noch als Forderung betrachtet werden; es ist aufgestellt wie das Schwarze der Scheibe, das man immer auf dem Korn haben muß wenn man es auch nicht immer trifft. Die Menschen würden verständiger und glücklicher seyn wenn sie zwischen dem unendlichen Ziel und dem bedingten Zweck den Unterschied zu finden wüßten und sich nach und nach ablauerten, wie weit ihre Mittel denn eigentlich reichen.
So weit! die treusten Wünsche für Ihre Zufriedenheit aussprechend; was Sie für Unterhaltung für den Winter sich ausgedacht haben wünsche zu erfahren.
Weimar d. 23. Nvbr. 1829.
herzlichst G
LVIII.
Um auf Ihren erfreulich erquicklichen Brief sogleich auch nur Weniges dankbar zu erwiedern bringe das zu Papiere was schon längst Ihnen zuzusenden die Absicht war.
In jenen traurigen Stunden, wo wir keine Hoffnung auf die Erhaltung unsrer verehrten Fürstin mehr haben konnten, sie aber doch noch am Leben wußten und uns immer noch mit irgend einem Wiederaufathmen einer so lange geprüften Natur schmeicheln mochten, war Ottilie bey mir auf dem Zimmer und Ihre neusten Bände[293] lagen eben vor. Sie ergriff einen und las in dem heiter geschriebenen Leben das wunderlich unschuldige Benehmen des seltsamen Organisten, sodann das Urtheil über die Reichardtischen Lieder und was sonst noch folgte, das alles unsre Aufmerksamkeit fesseln und unsre Neigung anziehen konnte, dergestalt daß ich diesen wahren geistreichen Darstellungen in solchen Tagen und Stunden sehr viel schuldig geworden.
Dieses wollte ganz einfach vermelden und hinzufügen: wie sehr es mich gefreut hat meine italiänische Reise von Ihnen so von Grund aus reproducirt zu sehen. Wie möchten wir denn vergangene Zustände uns selbst wieder hervorrufen und der Welt getrost mittheilen, wenn wir nicht Glauben und Überzeugung hätten es werden sich begabte Geister finden, die das alles aufnehmen wie es gegeben ist, in welchen gleiche Gesinnungen auf- und absteigen, gleiche Erfahrungen zu denselben Resultaten führen.
Und so bin ich mit meinen ältern und neuern Productionen in diesem Sinne gar wohl zufrieden. Ich habe mich möglichst vor allem didactischen gehütet und es durchaus in ein poetisches Leben einzugeisten gesucht. Nun muß es mich höchlich freuen wenn ein so löblich Mitarbeitender, Mitlebender auch sich selbst und Verwandtes in meinen Heften findet, sich an den Mängeln wie an den Tugenden erbaut; weil das Ganze zuletzt von einem redlichen Streben nach einem edlen Zwecke Zeugniß giebt, der nie erreicht, aber immer im Auge behalten, den Muth giebt Kräfte zu steigern, um sich und andern, bald einsam bald gesellig, einen Weg zu bahnen, der, zurückgelegt, selbst schon als erreichter Zweck betrachtet werden kann.
Hier muß ich aufhören um nicht gar ins Abstruse zu gelangen, ob ich gleich mich in keine Region begeben könnte, wohin Sie mich nicht, mit Beystimmung und Zufriedenheit, begleiten möchten.
Eilig sey dies Blatt zusammengelegt um nicht einen Posttag länger zu verweilen. Mit den treusten Wünschen von Herzen angehörig
Weimar den 6. Aprl. 1830.[294]
J W Goethe
LIX.
Lassen Sie uns doch ja, mein Theuerster, der Anmuth einer nachbarlichen schnellen Communikation genießen; eine solche Halbgegenwart ertheilt eigene Reize.[295] Und so sey es denn gesagt: daß ich mich in einem leidlichen, aber freylich nicht präsentablen Zustand befinde; aufnehmen und verarbeiten kann ich wohl, aber nicht erwiedern; so wie ich schon seit acht Tagen nicht dazu komme das Nächste wegzuräumen. Geduld also und Beharrlichkeit zum Bessern!
Der Anblick unschätzbarer Blätter dient zur innersten Wiederherstellung. Die wahre Universalmedizin ist das Vortreffliche. Ich werde mich, diese Stunden, unausgesetzt daran erfreuen, bis wir uns dabey zusammen stärken und kräftigen können.
Die musikalischen Mittheilungen hat mich Ottilie, zu meiner Erquickung, mit freundlicher Stimme vernehmen lassen. Ich darf Ihnen diese treue Musickschülerin nicht zu geneigter Förderniß empfehlen.
Sagen Sie mir von Ihren Tages- und Stunden-Ereignissen; wobey unser thätiger Freund sich gewiß im eigentlichsten Sinne bewährt.
Mehr nicht als die hoffnungsvollsten Grüße.
Weimar den 28. May 1831.
G
LX.
Wie doppelt lästig mir diese Tage her eine Abstumpfung alles Geistigen und ein Mißbehagen aller körperlichen Thätigkeiten geworden, darf ich wohl nicht aussprechen. An und für sich wäre das schon schwer zu erdulden gewesen, da ich Sie aber, theuerster Herr und Freund, nur einige Hundert Schritte von mir entfernt, von gleichem Übel befangen und uns in solcher Nähe eben so getrennt fühlte als wenn Meilen zwischen uns lägen; so gab das einen bösen hypochondrischen Zug; wie ein mißlungenes Unternehmen, eine so nah und in der Erfüllung getäuschte Hoffnung, nur störend in unsre Tage hineinschieben können. Sie empfinden eben dasselbe und auch, in meinen Sinn sich versetzend, schärfer, weil in höheren Jahren, man immer weniger geneigt wird auf die Genüsse des Augenblicks Verzicht zu thun.
Wenn ich nun auch eben in diesem Alter nach Besitz weniger habsüchtig bin als sonst; denn warum sollte man das zu erlangen suchen, was man zunächst verlassen soll; so lebt aber doch, in gewissen Fällen, die alte Begierde wieder auf, und es begegnet mir gerade jetzt, indem ich mich anschicke Ihr herrliches Portefeuille, welches, für mich und mit Freunden, immer Ihre Gegenwart vermissend, auf das aufmerksamste durchgesehen, zurückzusenden im Begriffe bin.
Wie dem auch sey: ein gewisses Gefühl heißt mich den Wunsch des Kunstliebhabers von den Freundesworten zu trennen. Die Form eines Promemorias soll Ihnen völlige Freyheit lassen meine, vielleicht indiscreten Äußerungen nach ganz eignem Gefühl und Convenienz zu erwiedern.
Weimar d. 4 Juni 1831.
Aufs Frische verbunden und verpflichtet J W Goethe
Zu geneigter Aufnahme.
Unter den trefflichen Kupferstichen welche uns in dem höchst bedeutenden Portefeuille mitgetheilt worden findet sich einer, dessen Besitz für mich von dem größten Werth wäre. Das Blatt stellt vor vier Kirchen-Vater die sich über eine wichtige Lehre des christlichen Kirchthums vereinigen, nach Rubens von Cornelius Galae. Von dieser höchst durchdachten und ausgearbeiteten Composition, besitze ich die Original Gouache von Rubens, genau in derselben Größe und man kann sich von der Ausführlichkeit derselben, durch das Kupfer den deutlichsten Begriff machen. Ich würde sie beylegen wenn sie nicht in den vielbepackten Portefeuilles begraben läge.
Einem Kunstfreund und Kenner darf ich nicht sagen wie zwey solche Blätter neben einander gelegt den Werth wechselseitig erhöhen indem eins von dem andern Zeugniß giebt was der Maler beabsichtigt und geleistet und wie der Kupferstecher, beym Übertragen und Übersetzen, einer so hohen Aufgabe sich würdig erwiesen; ja es läßt sich sagen: daß man beides erst neben- und miteinander kennen lerne und eigentlich besitze.
Möge, wie irgend sonst eine Leidenschaft, die sich nicht entschuldigt weil sie sich nicht helfen kann, auch dieser nicht zurüchzuhaltende Wunsch freundlich betrachtet werden. Der Liebende verzeiht dem Liebenden wohl einen Fehltritt, der Kunstfreund dem Kunstfreunde eine, vielleicht unbequeme, Anmaßung, die man einem geprüften Angehörigen vorzulegen wagt, ohne ihm die Freyheit des Entschlusses, nach Gefühl und Bezug, im mindesten schmälern zu wollen.
Weimar d. 4 Juni 1831.
vertrauensvoll J W Goethe
LXI.
Erlauben Sie, theuerster Mann, die treuste lakonische Erwiederung.
Zur ersten Seite Ihres Briefes: jede Mittheilung soll mir angenehm seyn, Erwiederung sey Tagen und Stunden überlassen.
Zur zweyten Seite, dem Postscript:
ad 1.)mit der größten Theilnahme haben wir Ihre unerfreuliche Rückreise vernommen und uns unterdessen aus unsern Unbilden auch zu erholen gesucht. Dem, nach so viel Seiten hin thätigen, von so viel Seiten her bedrängten Freunde Hrn. von Müller, ist eine kleine Stockung des Briefwechsels wohl nachzusehen.
ad 2.)Ich las jenes absichtliche Schreiben an Hrn. v. Müller vorerst, und rieth ihm dasselbe niemand sehen zu lassen, gewisse unangenehme Eindrücke befürchtend. Ich weiß nicht ob er mein Gutachten befolgte.
ad 3.)Möge das allgemeine Übel, wie man es auch nennen mag, das uns alle bedrängt, so leise als möglich auf Sie wirken.
ad 4.)Des „Malitiösen“ bedienen Sie Sich nur nicht gegen mich; es hat mich, jung, mit den allerschönsten Mädchen auseinander gebracht.
Was ich aber bey den Hindernissen Ihres Hierseyns, bey der für beyde Seiten unbefriedigten Abreise, vorzüglich schmerzlich empfand, war daß Sie, unmittelbar, an dem vorzüglichen Pianoforte gesessen hatten, welches wir Ihnen schuldig sind, ohne daß meine Enkel Ihnen, auch nur wenige Minuten, darauf vorgespielt hätten, um recht sinnlich auszudrücken: daß dieses Organ zu unserm häuslichen Daseyn vollkommen unentbehrlich ist.
Soviel für heute, einen freundlichen Gegengruß mir versprechend.
Weimar den 30. Jun. 1831.
unwandelbar J W Goethe
LXII.
Auf Ihr freud- und leidvolles Schreiben, theuerster Freund, will ich, da sich nichts entscheiden läßt, zwischenredend wenigstens einiges vermelden.
Unser werther und thätiger von Müller ist nach dem Rhein gereist, und wenn er auch hier wäre würde er auf Ihr höchst schätzenswerthes Anerbieten nichts erwiedern können. Wir erhalten die Briefe von Berlin durchstochen, wie sonst nur von Constantinopel, von Nordosten droht uns ein unsichtbares ungeheures Gespenst, von Südwesten ein halbsichtbares, aufgeregter Völkerschaften von welchem Übel sogar in Leipzig die gefährlichen Symptome nicht fehlen. Und so haben wir nur Ihrer edlen Weise zu folgen, still und gefaßt auf unserm Flecke zu seyn und das Unvermeidliche über uns weg, und, wenn das Glück gut ist, an uns vorbeygehn zu lassen.
Mehr nicht für heute und nur das Wenige zum, gewissermaßen unnöthigen, Zeugniß: daß wir in wahrer hochachtungsvoller Theilnahme Ihnen unausgesetzt zur Seite sind.
und so fortan!
Time and hour runns through the rougest day!
Weimar den 11. Septbr. 1831.
Goethe