Goethes Briefe an Chr. G. und J. G. E. Breitkopf.
Reading edition
I.[152]
Gebe dir Gott einen guten Abend Bruder Gottlob.
Daß du ein rechtschaffner Mensch bist, und brav, und dich herausmachst, das sagen mir alle Leute die von Leipzig kommen, und das freut mich höchlich, daß du dich nicht außer zu deiner Avantage änderst, du warst von ieher ein guter Junge, und hattest Menschenverstand, und Gedanken wie ein Mensch der eine Sache begreifft, und Einfälle nicht wie ieder; besuche uns doch einmal, die Mädgen sind hier sehr auf deiner Seite, ich hab ihnen so allerley von dir erzählt, und es sind einige muntre Köpfgen unter ihnen, die meynen es wäre was mit dir anzufangen; schreibe mir doch einmal, lieber Bruder, in was für Umständen du ietzo bist.
Ich lebe erträglich. Vergnügt und still. Ich habe ein halb Dutzend englische Mädgen die ich offt sehe, und binn in keine verliebt, es sind angenehme Kreaturen, und machen mir das Leben ungemein angenehm. Wer kein Leipzig gesehen hätte, der könnte hier recht wohl seyn; aber das Sachsen, Sachsen! Ey! Ey! das ist starcker Toback. Man mag auch noch so gesund und starck seyn, in dem verfluchten Leipzig, brennt man weg so geschwind wie eine schlechte Pechfackel. Nun, nun, das arme Füchslein, wird nach und nach sich erholen.[153]
Nur eins will ich dir sagen, hüte dich ia für der Lüderlichkeit. Es geht uns Mannsleuten mit unsern Kräfften, wie den Mädgen mit der Ehre, einmal zum Hencker eine Jungferschafft, fort ist sie. Man kann wohl so was wieder quacksalben, aber es wills ihm all nicht thun.
Adieu lieber Bruder. Habe mich lieb, und vergiss mich nicht. Aufs Früjahr geh ich nach Strasburg. Wer weiß wann wir da wieder was von einander hören. Schreibe mir doch die Zeit einmal, und wenn Bruder Bernhard nicht schreiben will, so lass dir sagen, ob er mir was zu melden hat und setze es mit in deinen Brief. Grüsse Stocken und seine Dame, und sag ihm er machte recht artige Sachen.
Goethe.
II.[154]
Sie werden es dem Vertrauen, das ich zu Ihrer Güte habe, zuschreiben, wenn ich mich in einer kleinen litterarischen Angelegenheit an Sie wende.
Im Jahre 1752 ward eine Ausgabe des Reineke Fuchs bey Ihnen gedrukt. In derselbigen sind Kupfer, um die es mir eigentlich gegenwärtig zu thun ist. Da sie sehr ausgedrukt, und an einigen Stellen aufgestochen sind, so läßt sich vermuthen, daß sie schon zu einer oder mehrern ältern Ausgaben gedient haben. Die älteste nun von diesen zu erfahren und, wo möglich, zu besizen, wünschte ich gar sehr, indem ich auf die Werke des Aldert van Everdingen, der sie verfertiget, einen großen Werth lege.[155] An wen könnte ich mich mit beßerer Hoffnung wenden, als an Sie, und bin wenigstens gewiß, daß ich einige sichere Nachricht durch Ihre Güte werde erhalten können. Sie verzeihen aus alter Neigung und Freundschaft der Freyheit, deren ich gebrauche, beehren mich mit einer baldigen Antwort und halten Sich versichert, daß ich Ihnen iederzeit mit vorzüglicher Hochachtung ergeben bleibe. Weimar den 20. Febr. 1782.
Goethe.
III.
Im Zutrauen auf unsre ehmaligen guten Verhältnisse, nehme ich mir die Freyheit Ihnen einen jungen Mann zu empfehlen der Ihnen diesen Brief überreichen wird. Er wünscht in Leipzig zu bleiben und dort ein besseres Schicksal zu finden als er bisher hat erfahren müssen. Ich hoffe er wird Ihnen nicht beschwerlich seyn. Haben Sie die Güte ihm zu erlauben daß er Sie manchmal sehe, sich Ihnen eröffne. Verschaffen Sie ihm wo möglich einige Bekanntschaften und Connexionen, damit er durch litterarische Arbeiten etwas verdienen könne. Er heißt Vulpius und ist mir als ein gutartiger junger Mann bekannt.[156] Verzeihen Sie diese Bitte und bleiben meiner fortdauernden Freundschaft und Hochachtung versichert. Weimar, d. 31 Aug 89
J W Goethe.
IV.
Ew Hochedelgeb. haben die Güte gehabt mir vor einiger Zeit drey Stücke der Bachischen Sonaten für Kenner und Liebhaber zu senden und zwar das Stück. Sie versprachen mir die übrigen nachzusenden, ich habe sie aber bißher noch nicht erhalten. Sollten Ew Hochedelgeb. die drey fehlenden Stücke noch nicht gefunden haben oder es viele leicht gar unmöglich seyn sie aufzufinden, so bitte ich mir gefällige Nachricht davon aus, damit ich mich etwa anderwärts umsehen kann.
Ich lege einige Abdrücke meines Wapens bey welche Sie verlangten.
Mit besonderer Hochachtung unterzeichne ich mich
Weimar d. Octbr. 1790.
Ew Hochedelgeb. ergebenster Goethe
V.
Da ich die noch fehlenden Bachischen Sonaten, und auch eine weitere Nachricht von Ew Hochedelgeb. nicht erhalten habe; so nehme ich mir die Freyheit die drey Stücke der Sammlung, die mir nun zu weiter nichts nütze sind zurück zu schicken, und selbige mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen zu begleiten.
Weimar d 4. Febr. 1791.
J W Goethe