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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Goethes Leipziger Lieder.

Reading edition

Die Lieder, von welchen in diesen Briefen öfter die Rede ist, und von denen Goethe auch in Wahrheit und Dichtung erzählt, daß sie ohne seinen Namen gedruckt aber wenig bekannt worden seien, daß er später die besseren seinen übrigen kleinen Poesien eingeschaltet habe,[149] diese „Knospen und Blüthen, die der Frühling 1769 trieb“[150], erschienen unter folgendem Titel

Neue Lieder

in Melodieen gesetzt von Bernhard Theodor Breitkopf.

Leipzig bey Bernhard Christoph Breitkopf und Sohn. 1770.

Es geht indeß aus unseren Briefen (S. 96) hervor, daß die Sammlung bereits im Jahr 1769 gedruckt ist. Auf dieses „älteste Liederbuch“ hat zuerst Tieck wieder aufmerksam gemacht, welcher im sechsten Band der neuen Jahrbücher der Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache und Alterthumskunde die Lieder wieder abdrucken ließ, worauf sie auch Viehoff in seiner Erläuterung der Goetheschen Gedichte (I. S. 45 ff.) mitgetheilt hat.

Ein Theil dieser Gedichte ist auch im „Almanach der Deutschen Musen“ aufs Jahr 1773 (2. 3. 7. 16.) und 1776 (4. 6. 10. 13.), so wie in der Leipz. Zeitschrift „die Muse“ vom J. 1776 (3. 7. 11.) mitgetheilt worden und zwar mit einigen im Ganzen nicht wesentlichen Abweichungen, die einer früheren Bearbeitung angehören. Was sich vermuthen ließ, daß sie aus Abschriften entnommen seien, die aus Goethes Aufenthalt in Leipzig herrührten, ist jetzt zur Gewißheit geworden.

Es war nämlich im Nachlaß von Friederike Oeser das allerälteste Liederbuch Goethes aufbewahrt, ein geschriebenes Heft mit dem Titel

Lieder mit Melodien Mademoiselle Friederiken Oeser gewiedmet von Goethen

dieselbe Sammlung, von welcher in dem poetischen Briefe an sie (S. 142 ff.) die Rede ist. Es enthält nur zehn Lieder, von welchen neun in der gedruckten Sammlung sich finden;[151] das zehnte ist nicht in dieselbe aufgenommen, aber auch dieses ist in der „Muse“ (S. 126 f.) abgedruckt, und im Inhaltsverzeichniß Goethe als Verfasser angegeben. Wie die Lieder so zeigen auch die Melodieen in dem handschriftlichen Heft hie und da Abweichungen, aber nur geringfügige, von den gedruckten. In demselben Nachlaß fand sich auch eine, aber nicht von Goethes Hand herrührende Abschrift des Hochzeitliedes vor, in welcher offenbar die erste Gestalt desselben aufbewahrt ist.

Da man die Leipziger Lieder an dieser Stelle ungern vermissen würde, lasse ich sie hier folgen und theile die Abweichungen jener älteren Bearbeitungen sowie am Schlusse das noch unbekannte Gedicht mit.

1. Neujahrslied.

Wer kömmt! Wer kauft von meiner Waar! Devisen auf das neue Jahr, Für alle Stände. Und fehlt auch einer hie und da; Ein einz'ger Handschuh paßt sich ja An zwanzig Hände.

Du Jugend, die du tändelnd liebst, Ein Küßgen um ein Küßgen giebst, Unschuldig heiter. Jetzt lebst du noch ein wenig dumm, Geh nur erst dieses Jahr herum, So bist du weiter.

Die ihr schon Amors Wege kennt, Und schon ein bißgen lichter brennt, Ihr macht mir bange. Zum Ernst, ihr Kinder, von dem Spaas! Das Jahr! zur höchsten Noth noch das, Sonst währt's zu lange.

Du junger Mann, du junge Frau, Lebt nicht zu treu, nicht zu genau In enger Ehe. Die Eifersucht quält manches Haus, Und trägt am Ende doch nichts aus Als doppelt Wehe.

Der Wittwer wünscht in seiner Noth Zur seelgen Frau, durch schnellen Tod Geführt zu werden. Du guter Mann, nicht so verzagt! Das, was dir fehlt, das, was dich plagt, Find'st du auf Erden.

Ihr, die ihr Misogyne heißt, Der Wein heb' euern großen Geist Beständig höher. Zwar Wein beschweret oft den Kopf, Doch der thut manchem Ehetropf, Wohl zehnmal weher.

Der Himmel geb zur Frühlingszeit, Mir manches Lied voll Munterkeit, Und Euch gefall' es. Ihr lieben Mädgen singt sie mit, Dann ist mein Wunsch am letzten Schritt Dann hab' ich alles.

2. Der wahre Genuß.

Umsonst, daß du ein Herz zu lenken Des Mädgens Schoos mit Golde füllst. O Fürst, laß dir die Wollust schenken, Wenn du sie wahr empfinden willst. Gold kauft die Zunge ganzer Haufen, Kein einzig Herz erwirbt es dir; Doch willst du eine Tugend kaufen, So geh und gieb dein Herz dafür.

Was ist die Lust die in den Armen Der Buhlerinn die Wollust schafft? Du wärst ein Vorwurf zum Erbarmen, Ein Thor, wirst du nicht lasterhaft. Sie küsset dich aus feilem Triebe, Und Glut nach Gold füllt ihr Gesicht. Unglücklicher! Du fühlst nicht Liebe, So gar die Wollust fühlst du nicht.

Sey ohne Tugend, doch verliere Den Vorzug eines Menschen nie! Denn Wollust fühlen alle Thiere, Der Mensch allein verfeinert sie. Laß dich die Lehren nicht verdrießen, Sie hindern dich nicht am Genuß, Sie lehren dich, wie man genießen, Und Wollust würdig fühlen muß.

Soll dich kein heilig Band umgeben O Jüngling; schränke selbst dich ein. Man kann in wahrer Freyheit leben, Und doch nicht ungebunden seyn. Laß nur für Eine dich entzünden, Und ist ihr Herz von Liebe voll; So laß die Zärtlichkeit dich binden, Wenn dich die Pflicht nicht binden soll.

Empfinde Jüngling, und dann wähle Ein Mägdgen dir, sie wähle dich, Von Körper schön, und schön von Seele, Und dann bist du beglückt, wie ich! Ich, der ich diese Kunst verstehe, Ich habe mir ein Kind gewählt, Daß uns zum Glück der schönsten Ehe Allein des Priesters Seegen fehlt.

Für nichts besorgt als meine Freude, Für mich nur schön zu seyn bemüht. Wollüstig nur an meiner Seite, Und sittsam wenn die Welt sie sieht. Daß unsrer Gluth die Zeit nicht schade, Räumt sie kein Recht aus Schwachheit ein, Und ihre Gunst bleibt immer Gnade, Und ich muß immer dankbar seyn.

Ich bin genügsam, und genieße, Schon da, wenn sie mir zärtlich lacht, Wenn sie beym Tisch des Liebsten Füße Zum Schemmel ihrer Füße macht. Den Apfel, den sie angebissen, Das Glas, woraus sie trank, mir reicht, Und mir, bey halbgeraubten Küssen, Den sonst verdeckten Busen zeigt.

Wenn in gesellschaftlicher Stunde, Sie einst mit mir von Liebe spricht, Wünsch ich nur Worte von dem Munde, Nur Worte, Küsse wünsch ich nicht. Welch ein Verstand der sie beseelet, Mit immer neuem Reiz umgiebt! Sie ist vollkommen, und sie fehlet Darinn allein, daß sie mich liebt.

Die Ehrfurcht wirft mich ihr zu Füßen, Die Wollust mich an ihre Brust. Sieh Jüngling, dieses heißt genießen! Sey klug und suche diese Lust. Der Todt führt einst von ihrer Seite Dich auf zum englischen Gesang, Dich zu des Paradieses Freude, Und du fühlst keinen Übergang.

3. Die Nacht.

Gern verlaß ich diese Hütte, Meiner Liebsten Aufenthalt, Wandle mit verhülltem Tritte Durch den ausgestorbnen Wald. Luna bricht die Nacht der Eichen Zephirs melden ihren Lauf, Und die Birken streun mit Reigen Ihr den süßten Weihrauch auf.

Schauer, der das Herze fühlen, Der die Seele schmelzen macht, Flüstert durchs Gebüsch im Kühlen. Welche schöne, süße Nacht! Freude! Wollust! Kaum zu fassen! Und doch wollt' ich, Himmel, dir Tausend solcher Nächte lassen, Gäb' mein Mädgen Eine mir.

3,2 ff.Meiner Schönen Aufenthalt, Und durchstreich mit leisem Tritte Diesen ausgestorbnen Wald.

5.Wandle mit vergnügtem Schritte. Alm.

7 f.Und die Birken, die sich neigen, Senden ihr den Duft hinauf. Alm.

11.Wandelt im Gebüsch im Kühlen.

15.Tausend deiner Nächte lassen,

4. Das Schreyen.

Nach dem Italienischen.

Einst gieng ich meinem Mädchen nach Tief in den Wald hinein, Und fiel ihr um den Hals, und ach! Droht sie, ich werde schreyn.

Da rief ich trotzig, ha! ich will Den tödten der uns stört! Still, lispelt sie, Geliebter, still! Daß ja dich niemand hört.

4,1.Jüngst ging ich meinem Mädchen nach

8.Damit dich niemand hört.

5. Der Schmetterling.

In des Pappillons Gestalt Flattr' ich nach den letzten Zügen Zu den vielgeliebten Stellen, Zeugen himmlischer Vergnügen, Über Wiesen, an die Quellen, Um den Hügel, durch den Wald.

Ich belausch ein zärtlich Paar, Von des schönen Mädgens Haupte Aus den Kränzen schau ich nieder, Alles was der Tod mir raubte, Seh ich hier im Bilde wieder, Bin so glücklich wie ich war.

Sie umarmt ihn lächelnd stumm, Und sein Mund genießt der Stunde Die ihm güt'ge Götter senden, Hüpft vom Busen zu dem Munde, Von dem Munde zu den Händen, Und ich hüpf um ihn herum,

Und sie sieht mich Schmetterling. Zitternd vor des Freunds Verlangen Springt sie auf, da flieg ich ferne. „Liebster komm ihn einzufangen! „Komm! ich hätt' es gar zu gerne, „Gern das kleine bunte Ding.“

5,1.Und („so“ Muse) in Pappillons Gestalt

6. Das Glück.

An mein Mädgen.

Du hast uns oft im Traum gesehen Zusammen zum Altare gehen, Und dich als Frau, und mich als Mann; Oft nahm ich wachend deinem Munde In einer unbewachten Stunde, So viel man Küsse nehmen kann.

Das reinste Glück, das wir empfunden Die Wollust mancher reichen Stunden Floh, wie die Zeit, mit dem Genuß. Was hilft es mir, daß ich genieße? Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse, Und alle Freude wie ein Kuß.

6.Mit der Überschrift: An Annetten.

7 ff.Sie sind die süß verträumten Stunden, Die durchgeküßten sind verschwunden, Wir wünschen traurig sie zurück. O wünsche dir kein größeres Glücke; Es flieht der Erden größtes Glücke, Wie des geringsten Traumes Glück.

7. Wunsch eines jungen Mädgens.

O fände für mich Ein Bräutigam sich! Wie schön ists nicht da, Man nennt uns Mama. Da braucht man zum Nehen, Zur Schul nicht zu gehen. Da kann man befehlen, Hat Mägde, darf schmählen, Man wählt sich die Kleider, Nach Gusto den Schneider. Da läßt man spazieren Auf Bälle sich führen, Und fragt nicht erst lange Papa und Mama.

7,1.Ach fände für mich

9 f.Da schickt man zum Schneider Gleich bringt der die Kleider.

8. Hochzeitlied.

An meinen Freund.

Im Schlafgemach, entfernt vom Feste, Sitzt Amor dir getreu und bebt, Daß nicht die List muthwillger Gäste Des Brautbetts Frieden untergräbt. Es blinkt mit mystisch heil'gem Schimmer Vor ihm der Flammen blaßes Gold, Ein Weihrauchwirbel füllt das Zimmer, Damit ihr recht genießen sollt.

Wie schlägt dein Herz beym Schlag der Stunde, Der deiner Gäste Lärm verjagt! Wie glühst du nach dem schönen Munde, Der bald verstummt und nichts versagt. Du eilst, um alles zu vollenden, Mit ihr ins Heiligthum hinein, Das Feuer in des Wächters Händen Wird wie ein Nachtlicht still und klein.

Wie bebt von deiner Küsse Menge Ihr Busen, und ihr voll Gesicht, Zum Zittern wird nun ihre Strenge, Denn deine Kühnheit wird zur Pflicht. Schnell hilft dir Amor sie entkleiden, Und ist nicht halb so schnell als du; Dann hält er schalkhaft und bescheiden, Sich fest die beyden Augen zu.

8, Im Schlafgemach, fern von dem Feste Sitzt Amor dir getreu und wacht Daß nicht die List muthwill'ger Gäste Das Brautbett dir unsicher macht. Er harrt auf dich. Der Fackel Schimmer Umgläntzt ihn, und ihr flammend Gold Treibt Weihrauchdampf, der durch das Zimmer In wollustvollen Wirbeln rollt. Wie schlägt dein Herz, beym Schlag der Stunde, Der deiner Freunde Lärm verjagt! Wie blickst du nach dem schönen Munde, Der dir nun bald nichts mehr versagt. Du eilst dein Glücke zu vollenden Mit Ihr ins Heiligthum herein, Die Fackel in des Amors Händen Wird wie ein Nachtlicht still und klein. Wie glüht vor deiner Küsse Menge Der Schönen reitzendes Gedicht, Zum stillen Schertz wird Ihre Strenge, Denn deine Kühnheit wird zur Pflicht. Schnell hilft Ihr Amor sich entkleiden, Und ist doch nicht so schnell als du, Dann hält der kleine Schalck bescheiden Sich fest die beiden Augen zu.

9. Kinderverstand.

In großen Städten lernen früh Die jüngsten Knaben was; Denn manche Bücher lesen sie, Und hören dieß und das Vom Lieben und vom Küssen, Sie brauchtens nicht zu wissen. Und mancher ist im zwölften Jahr, Fast klüger als sein Vater war Da er die Mutter nahm.

Das Mädgen wünscht von Jugend auf, Sich hochgeehrt zu sehn, Sie ziert sich klein und wächst herauf In Pracht und Assembleen. Der Stolz verjagt die Triebe Der Wollust und der Liebe, Sie sinnt nur drauf wie sie sich ziert, Ein Aug entzückt, ein Herze rührt, Und denkt ans andre nicht.

Auf Dörfern sieht's ganz anders aus Da treibt die liebe Noth, Die Jungen auf das Feld hinaus Nach Arbeit und nach Brod. Wer von der Arbeit müde, Läßt gern den Mädgen Friede. Und wer noch obendrein nichts weiß, Der denkt an nichts, den macht nichts heiß; So geht's den Bauern meist.

Die Bauermädgen aber sind In Ruhe mehr genährt, Und darum wünschen sie geschwind Was jede Mutter wehrt. Oft stoßen schöckernd Bräute Den Bräutgam in die Seite, Denn von der Arbeit, die sie thun, Sich zu erhohlen, auszuruhn, Das können sie dabey.

10. Die Freuden.

Da flattert um die Quelle Die wechselnde Libelle, Der Wasserpapillon, Bald dunkel und bald helle, Wie ein Cameleon; Bald roth und blau, bald blau und grün. O daß ich in der Nähe Doch seine Farben sähe!

Da fliegt der Kleine vor mir hin Und setzt sich auf die stillen Weiden. Da hab ich ihn! Und nun betracht ich ihn genau, Und seh ein traurig dunkles blau. So geht es dir Zergliedrer deiner Freuden!

10,11.Da hab ich ihn! Da hab ich ihn!

11. Amors Grab.

Nach dem Französischen.

Weint, Mädgen! hier bey Amors Grabe, hier Sank er von nichts, von ohngefähr darnieder. Doch ist er wirklich todt? Ich schwöre nicht dafür. Ein Nichts, ein Ohngefähr erweckt ihn öfters wieder.

11,4.Von nichts, von ohngefähr erwacht er öfters wieder.

12. Liebe und Tugend.

Wenn einem Mädgen das uns liebt, Die Mutter strenge Lehren giebt, Von Tugend, Keuschheit und von Pflicht, Und unser Mädgen folgt ihr nicht, Und fliegt mit neuverstärktem Triebe Zu unsern heißen Küssen hin; Da hat daran der Eigensinn, So vielen Antheil als die Liebe.

Doch wenn die Mutter es erreicht, Daß sie das gute Herz erweicht, Voll Stolz auf ihre Lehren sieht, Daß uns das Mädgen spröde flieht; So kennt sie nicht das Herz der Jugend, Denn wenn das je ein Mädgen thut So hat daran der Wankelmuth Gewiß mehr Antheil als die Tugend.

12,7.So hat daran der Eigensinn

10.Daß sie das kleine Herz erweicht.

13. Unbeständigkeit.

Im spielenden Bache da lieg ich wie helle! Verbreite die Arme der kommenden Welle, Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust. Dann trägt sie ihr Leichtsinn im Strome darnieder, Schon naht sich die zweyte und streichelt mich wieder, Da fühl ich die Freuden der wechselnden Lust.

O Jüngling sey weise, verwein' nicht vergebens Die fröhlichsten Stunden des traurigen Lebens Wenn flatterhaft je dich ein Mädgen vergißt. Geh, ruf sie zurücke die vorigen Zeiten, Es küßt sich so süße der Busen der Zweyten, Als kaum sich der Busen der Ersten geküßt.

13,1.Auf Kieseln im Bache, da lieg ich wie helle!

9.Wenn flatterhaft dich ja ein Mädgen vergißt.

14. An die Unschuld.

Schönste Tugend einer Seele, Reinster Quell der Zärtlichkeit! Mehr als Byron, als Pamele Ideal und Seltenheit. Wenn ein andres Feuer brennet, Flieht dein zärtlich schwaches Licht; Dich fühlt nur wer dich nicht kennet, Wer dich kennt der fühlt dich nicht.

Göttin! In dem Paradiese Lebtest du mit uns vereint; Noch erscheinst du mancher Wiese, Morgens eh die Sonne scheint. Nur der sanfte Dichter siehet Dich im Nebelkleide zieh'n; Phöbus kömmt, der Nebel fliehet, Und im Nebel bist du hin.

15. Der Misanthrop.

A. Erst sitzt er eine Weile Die Stirn von Wolken frey; Auf einmal kömmt in Eile Sein ganz Gesicht der Eule Verzerrtem Ernste bey.

B. Sie fragen, was das sey? Lieb oder lange Weile.

C. Ach sie sinds alle zwey.

16. Die Reliquie.

Ich kenn', o Jüngling, deine Freude, Erwischest du einmal zur Beute Ein Band, ein Stückgen von dem Kleide, Das dein geliebtes Mädgen trug. Ein Schleyer, Halstuch, Strumpfband, Ringe, Sind wirklich keine kleinen Dinge, Allein mir sind sie nicht genug.

Mein zweytes Glücke nach dem Leben, Mein Mädgen hat mir was gegeben, Setzt eure Schätze mir daneben, Und ihre Herrlichkeit wird nichts. Wie lach ich all der Trödelwaare! Sie schenkte mir die schönsten Haare, Den Schmuck des schönen Angesichts.

Soll ich dich gleich, Geliebte, missen, Wirst du mir doch nicht ganz entrissen, Zu sehn, zu tändeln und zu küssen, Bleibt mir der schönste Theil von dir. Gleich ist des Haars und mein Geschicke, Sonst buhlten wir mit einem Glücke Um sie, jetzt sind wir fern von ihr.

Fest waren wir an sie gehangen, Wir streichelten die runden Wangen, Und gleiteten oft mit Verlangen Von da herab zur rundern Brust. O Nebenbuhler, frey vom Neide, Reliquie, du schöne Beute, Erinnre mich der alten Lust.

16,4.Ein Strumpfband, einen Ring — ein Nichts

5-11 fehlen.

17. Die Liebe wider Willen.

Ich weiß es wohl, und spotte viel: Ihr Mädgen seyd voll Wankelmuth! Ihr liebet, wie im Kartenspiel, Den David und den Alexander; Sie sind ja Forçen mit einander, Und die sind mit einander gut.

Doch bin ich elend wie zuvor, Mit misanthropischem Gesicht, Der Liebe Sklav, ein armer Thor! Wie gern wär ich sie los die Schmerzen! Allein es sitzt zu tief im Herzen, Und Spott vertreibt die Liebe nicht.

18. Das Glück der Liebe.

Trink, o Jüngling, heilges Glücke Taglang aus der Liebsten Blicke, Abends gauckl' ihr Bild dich ein; Kein Verliebter hab es besser, Doch das Glück bleibt immer größer Fern von der Geliebten seyn.

Ew'ge Kräffte, Zeit und Ferne, Heimlich wie die Krafft der Sterne, Wiegen dieses Blut zur Ruh. Mein Gefühl wird stets erweichter, Doch mein Herz wird täglich leichter, Und mein Glück nimmt immer zu.

Nirgends kann ich sie vergessen, Und doch kann ich ruhig essen, Heiter ist mein Geist und frey; Und unmerkliche Bethörung Macht die Liebe zur Verehrung, Die Begier zur Schwärmerey.

Aufgezogen durch die Sonne, Schwimmt im Hauch äther'scher Wonne So das leichtste Wölckgen nie, Wie mein Herz in Ruh und Freude. Frey von Furcht, zu groß zum Neide Lieb ich, ewig lieb ich sie.

19. An den Mond.

Schwester von dem ersten Licht, Bild der Zärtlichkeit in Trauer! Nebel schwimmt mit Silberschauer Um dein reizendes Gesicht. Deines leisen Fußes Lauf Weckt aus Tagverschloßnen Hölen Traurig abgeschiedne Seelen, Mich, und nächt'ge Vögel auf.

Forschend übersieht dein Blick Eine großgemeßne Weite! Hebe mich an deine Seite, Gieb der Schwärmerey dieß Glück! Und in wollustvoller Ruh, Säh der weitverschlagne Ritter Durch das gläserne Gegitter, Seines Mädgens Nächten zu.

Dämmrung wo die Wollust thront, Schwimmt um ihre runden Glieder. Trunken sinkt mein Blick hernieder. Was verhüllt man wohl dem Mond. Doch, was das für Wünsche sind! Voll Begierde zu genießen, So da droben hängen müßen; Ey, da schieltest du dich blind.

20. Zueignung.

Da sind sie nun! Da habt ihr sie! Die Lieder, ohne Kunst und Müh Am Rand des Bachs entsprungen. Verliebt, und jung, und voll Gefühl Trieb ich der Jugend altes Spiel, Und hab sie so gesungen.

Sie singe, wer sie singen mag! An einem hübschen Frühlingstag Kann sie der Jüngling brauchen. Der Dichter blinzt von ferne zu, Jetzt drückt ihm diätätsche Ruh Den Daumen auf die Augen.

Halb scheel, halb weise sieht sein Blick, Ein bißgen naß auf euer Glück, Und jammert in Sentenzen. Hört seine letzten Lehren an, Er hat's so gut wie ihr gethan Und kennt des Glückes Gränzen.

Ihr seufzt, und singt, und schmelzt und küßt, Und jauchzet ohne daß ihr's wißt, Dem Abgrund in der Nähe. Flieht Wiese, Bach und Sonnenschein, Schleicht, sollt's auch wohl im Winter seyn, Bald zu dem Heerd der Ehe.

Ihr lacht mich aus und rufft: der Thor! Der Fuchs, der seinen Schwanz verlohr, Verschnitt jetzt gern uns alle. Doch hier paßt nicht die Fabel ganz, Das treue Füchslein ohne Schwanz Das warnt auch für der Falle.

„Vielleicht ist in der letzten Zeile euch für auch zu lesen.“

Tieck.

An Venus.

Große Venus, mächtge Göttin! Schöne Venus, hör mein Flehn. Nie hast du mich Über Krügen vor dem Bachus Auf der Erden liegen sehn.

Keinen Wein hab ich getrunken Den mein Mädchen nicht gereicht. Nie getrunken, Daß ich nicht voll güt'ger Sorge Deine Rosen erst gesäugt.

Und dann goß ich auf dies Hertze, Das schon längst dein Altar ist, Von dem Becher Güldne Flammen, und ich glühte, Und mein Mädchen ward geküßt.

Dir allein empfand dies Hertze Göttin gieb mir einen Lohn. Aus dem Lethe Soll ich trinken wenn ich sterbe, Ach befreye mich davon.

Laß mir Gütige — dem Minos Sey's an meinem Todt genug — Mein Gedächtniß! Denn es ist ein zweytes Glücke Eines Glücks Erinnerung.

16. Nur für dich empfand dies Herze (Muse).

Notes in this chapter

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