Geschichte von England
Wilhelm Beseler translation
seit der
Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.
Aus dem Englischen.
Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.
Vierter Band

Leipzig, 1854.
G. H. Friedlein.
Siebentes Kapitel.
Jakob II.
Inhalt.
Seite
Wilhelm, Prinz von Oranien 5
Sein Äußeres 5
Sein früheres Leben und seine Erziehung 5
Seine religiösen Ansichten 7
Seine militairischen Talente 8
Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit 10
Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen 10
Seine Freundschaft für Bentinck 10
Marie, Prinzessin von Oranien 12
Gilbert Burnet 14
Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der Prinzessin 17
Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien 18
Seine Gesinnungen gegen England 18
Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich 19
Seine Politik durchaus consequent 22
Vertrag von Augsburg 24
Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition 25
Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor 26
Wilhelm verwirft den Rath 26
Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde 27
Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury 27
Wycherley, Tindal, Haines 28
Dryden 29
„The Hind and Panther.“ 30
Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner 32
In Schottland theilweise Duldung gewährt 35
Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet 36
Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung 37
Admiral Herbert 37
Die Indulgenzerklärung 37
Stimmung der protestantischen Dissenters 39
Stimmung der anglikanischen Kirche 40
Der Hof und die Kirche 40
„Brief an einen Dissenter.“ 42
Benehmen der Dissenters 43
Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell 45
Lobb 46
Penn 46
Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter 46
Howe 47
Bunyan 47
Kiffin 49
Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die Indulgenzerklärung 52
Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen Katholiken 53
Jakob’s Feindschaft gegen Burnet 57
Sendung Dykvelt’s nach England 59
Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern 59
Danby 60
Nottingham 60
Halifax 61
Devonshire 62
Eduard Russel 64
Compton. -- Herbert. — Churchill 65
Lady Churchill und die Prinzessin Anna 66
Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern nach dem Haag zurück 68
Zulestein’s Sendung 69
Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm 70
Einfluß der holländischen Presse 71
Stewart’s und Fagel’s Correspondenz 71
Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom 72
[8. Kapitel]
Wilhelm, Prinz von Oranien. Wilhelm Heinrich, Prinz von Oranien-Nassau, nimmt in der Geschichte Englands und der gesammten Menschheit eine so bedeutende Stelle ein, daß es wünschenswerth erscheint, die markirten Züge seines Characters mit einiger Ausführlichkeit zu zeichnen.1
Sein Äußeres. Er stand jetzt in seinem siebenunddreißigsten Lebensjahre, war aber körperlich und geistig älter als andere Leute in diesen Jahren. Man könnte fast sagen, er sei niemals jung gewesen. Sein Äußeres ist uns fast eben so gut bekannt, als seinen eigenen Heerführern und Räthen. Bildhauer, Maler und Münzschneider haben ihre ganze Geschicklichkeit aufgeboten, um seine Züge der Nachwelt zu überliefern, und diese waren von der Art, daß kein Künstler sie verfehlen und daß, wer sie einmal gesehen, sie nie vergessen konnte. Sein Name erinnert uns sogleich an eine schmächtige und zarte Gestalt, an eine hohe und breite Stirn, an eine wie der Schnabel eines Adlers gebogene Nase, an ein Paar Augen, die an Glanz und Schärfe mit denen des Adler wetteiferten, an eine gedankenvolle, etwas finstre Miene, einen festen und etwas mürrischen Mund, an eine bleiche, eingefallene und durch Krankheit und Sorgen tief gefurchte Wange. Dieses gedankenvolle, ernste und feierliche Aussehen konnte kaum einem glücklichen und lebensfrohen Manne angehört haben; aber es verräth in unverkennbarer Weise die Befähigung zu den schwierigsten Unternehmungen und einen durch kein Mißgeschick und durch keine Gefahren zu erschütternden Muth.
Sein früheres Leben und seine Erziehung. Die Natur hatte Wilhelm mit allen Eigenschaften eines großen Herrschers reich ausgestattet und die Erziehung hatte diese Eigenschaften in nicht gewöhnlichem Grade entwickelt. Mit einem scharfen natürlichen Verstande und einer seltenen Willenskraft sah er sich, als sein Geist zu erwachen begann, als vater- und mutterlose Waise, als das Oberhaupt einer großen, aber unterdrückten und entmuthigten Partei und als den Erben ausgedehnter aber unbestimmter Ansprüche, welche die Furcht und die Abneigung der damals in den Niederlanden herrschenden Oligarchie erregten. Das gemeine Volk, das seit einem Jahrhundert seinem Hause treu ergeben war, bewies so oft es ihn sah, auf nicht zu verkennende Weise, daß es ihn als sein rechtmäßiges Oberhaupt betrachtete. Die geschickten und erfahrenen Minister der Republik, die seinen Namen tödtlich haßten, brachten ihm täglich ihre erzwungene Huldigung dar und beobachteten dabei die Fortschritte seines Geistes. Die ersten Regungen seines Ehrgeizes wurden sorgfältig bewacht, jedes unüberlegte Wort, das ihm entschlüpfte, wurde niedergeschrieben, und er besaß nicht einen einzigen Rathgeber, auf dessen Ausspruch Vertrauen gesetzt werden konnte. Er war kaum funfzehn Jahre alt, so wurden alle Diener, die seinem Interesse ergeben waren und die sein Vertrauen genossen, von der mißtrauischen Regierung aus seinem Hause entfernt. Er sträubte sich dagegen mit einer weit über seine Jahre hinausgehenden Energie, aber vergebens. Aufmerksame Beobachter sahen mehr als einmal Thränen in den Augen des jungen Staatsgefangenen. Seine von Haus aus zarte Gesundheit war eine Zeit lang durch die Gemüthsbewegungen, die seine traurige und vereinsamte Stellung erzeugte, ernstlich erschüttert. Eine solche Lage macht den Schwachen muthlos und bestürzt, dem Starken giebt sie eine verdoppelte Kraft. Von Schlingen umgeben, in denen ein gewöhnlicher Jüngling umgekommen sein würde, lernte Wilhelm vorsichtig und zu gleicher Zeit energisch auftreten. Schon lange bevor er das Mannesalter erreicht, verstand er es, Geheimnisse zu bewahren, die Neugierde durch trockene und wohlüberlegte Antworten abzutrumpfen und alle Leidenschaften unter dem nämlichen Scheine ernster Ruhe zu verbergen. In der feinen Weltbildung und in literarischen Kenntnissen machte er dagegen nur geringe Fortschritte. Dem Benehmen des holländischen Adels jener Zeit fehlte die liebenswürdige Anmuth, welche bei den gebildeten Franzosen in höchster Vollkommenheit zu finden war und in geringerem Grade auch den englischen Hof zierte; seine Manieren waren durchaus holländisch. Selbst seine eigenen Landsleute nannten ihn plump, und Ausländern erschien er oft noch mehr als dies. In seinem Verkehr mit der Welt im Allgemeinen schien er jene Fertigkeiten, welche den Werth einer Gunstbezeugung erhöhen und einer Verweigerung die Spitze abbrechen, nicht zu kennen oder sie zu verschmähen. Die Literatur und die Wissenschaften interessirten ihn wenig; er wußte nichts von den Entdeckungen eines Newton und Leibnitz, von den Poesien eines Dryden und Boileau; dramatische Darstellungen langweilten ihn und er war froh, wenn er den Blick von der Bühne abwenden und von öffentlichen Angelegenheiten sprechen konnte, während Orestes raste oder Tartüffe der Elmira die Hand drückte. Er besaß zwar einiges Talent zu Sarkasmen und entfaltete nicht selten ganz unbewußt eine sonderbar klingende, aber kräftige und originelle natürliche Redekunst, aber nach den Titel eines Schöngeistes oder eines Redners strebte er nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf diejenigen Studien gerichtet gewesen, welche einen tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmann bilden. Von Kindheit an hörte er mit Interesse zu, wenn wichtige Fragen über Bündnisse, Finanzen und Krieg besprochen wurden. Von der Geometrie lernte er soviel als zum Bau einer Schanze oder eines Hornwerks nöthig war. Von fremden Sprachen lernte er mit Hülfe seines ausgezeichneten Gedächtnisses soviel als er bedurfte, um Alles, was mit ihm gesprochen wurde, und jeden Brief, den er empfing, verstehen und beantworten zu können. Das Holländische war seine Umgangssprache. Er verstand Lateinisch, Italienisch und Spanisch, sprach und schrieb Französisch, Englisch und Deutsch, zwar nicht elegant und grammatisch richtig, aber fließend und verständlich. Keine Fähigkeit konnte wichtiger sein für einen Mann, der dazu bestimmt war, große Bündnisse zu organisiren und Armeen zu commandiren, die aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt waren.
Seine religiösen Ansichten. Eine Klasse von philosophischen Fragen war durch die Umstände seiner Aufmerksamkeit dringend empfohlen worden und scheint ihn mehr interessirt zu haben, als man es von seinem allgemeinen Character hätte erwarten sollen. Die Protestanten der Vereinigten Provinzen bestanden wie die unsrer Insel aus zwei großen religiösen Partein, welche zwei großen politischen Parteien fast genau entsprachen. Die Oberhäupter der städtischen Oligarchie waren Arminianer und wurden im Allgemeinen von der Menge als nicht viel besser denn Papisten betrachtet. Die Prinzen von Oranien waren gewöhnlich die Schutzpatrone der calvinistischen Theologie gewesen und verdankten keinen geringen Theil ihrer Popularität ihrem Eifer für die Lehren von der Gnadenwahl und dem endlichen Beharren, einem Eifer, der nicht immer durch Kenntnisse erleuchtet oder durch Humanität gemäßigt war. Wilhelm war von Kindheit auf in dem theologischen System, dem seine Familie anhing, sorgfältig unterrichtet worden, und betrachtete dieses System mit größerer Vorliebe, als man in der Regel für seinen ererbten Glauben hegt. Er hatte über die großen Probleme, welche auf der Synode von Dortrecht erörtert worden waren, nachgedacht und in der strengen, unbeugsamen Logik der genfer Schule etwas gefunden, was seinem Verstande und seinem Gemüth zusagte. Das Beispiel von Unduldsamkeit, das einige seiner Vorgänger gegeben, ahmte er jedoch niemals nach; er empfand gegen alle Verfolgung eine entschiedene Abneigung, die er nicht allein da aussprach, wo ein solches Eingeständniß offenbar staatsklug war, sondern auch in Fällen, wo es den Anschein hatte, daß sein Interesse durch Verstellung oder Stillschweigen hätte gefördert werden können. Gleichwohl waren seine theologischen Ansichten noch entschiedener als die seiner Vorgänger. Die Lehre von der Prädestination war der Grundstein seiner Religion. Er erklärte oft, daß wenn er diese Lehre aufgeben müßte, er zugleich mit derselben allen Glauben an eine waltende Vorsehung aufgeben und ein reiner Epikuräer werden müßte. Diesen einzigen Punkt ausgenommen, wurde die ganze Fülle seines kräftigen Geistes frühzeitig von dem Theoretischen ab und auf das Praktische gelenkt. Die Fähigkeiten, deren es zur Leitung wichtiger Geschäfte bedarf, gediehen bei ihm schon in einem Alter zur Reife, wo sie sich bei gewöhnlichen Menschen kaum erst zu entfalten begonnen haben. Seit Octavius hatte die Welt kein solches Beispiel frühzeitiger staatsmännischer Befähigung gesehen. Erfahrene Diplomaten erstaunten über die treffenden Bemerkungen, die der siebzehnjährige Prinz über öffentliche Angelegenheiten machte, und mit noch weit größerem Erstaunen sahen sie diesen Knaben in Lagen, wo man hätte erwarten sollen, daß er starke Leidenschaften verrathen werde, eine eben so unerschütterliche Ruhe bewahren, wie sie selbst. Mit achtzehn Jahren saß er bereits unter den Vätern der Republik, ernst, besonnen und einsichtsvoll wie der Älteste unter ihnen. Mit zweiundzwanzig Jahren ward er an einem Tage der Trauer und des Schreckens an die Spitze der Verwaltung gestellt. Mit dreiundzwanzig Jahren war er durch ganz Europa als Feldherr und Staatsmann berühmt. Er hatte innere Factionen niedergeworfen, war die Seele einer mächtigen Coalition und hatte im Felde gegen einige von den größten Generälen seiner Zeit mit Ehren gefochten.
Seine militairischen Talente. Seine persönlichen Neigungen waren mehr die eines Kriegers als die eines Staatsmannes, aber wie sein Urgroßvater, der schweigsame Prinz, der die batavische Republik gründete, nimmt er unter den Staatsmännern einen viel höheren Rang ein als unter den Feldherren. Der Verlauf der Schlachten ist allerdings kein untrüglicher Prüfstein für die Talente eines Befehlshabers, und es würde ganz besonders ungerecht sein, wollte man diesen Prüfstein bei Wilhelm anwenden, denn das Schicksal wollte, daß er fast stets Feldherren, welche vollendete Meister in ihrer Kunst, und Truppen gegenüberstand, welche in der Disciplin den seinigen weit überlegen waren. Indessen läßt sich mit gutem Grunde annehmen, daß er als General im offenen Felde Manchem, der in geistiger Beziehung tief unter ihm stand, keineswegs gleichkam. Mit Leuten, die sein Vertrauen besaßen, sprach er über diesen Gegenstand mit der edlen Offenheit eines Mannes, der Großes vollbracht hat und der recht wohl auch einige Mängel eingestehen kann. Er sagte, er habe keine Lehrzeit für den militairischen Beruf bestanden; er sei schon als Knabe an die Spitze einer Armee gestellt worden, unter seinen Offizieren habe sich keiner befunden, der fähig gewesen wäre, ihn zu unterweisen; nur aus seinen eigenen Fehlern und deren Folgen habe er etwas lernen können. „Ich würde einen guten Theil meines Vermögens darum geben,“ rief er einmal aus, „wenn ich einige Feldzüge unter dem Prinzen von Condé mitgemacht hätte, ehe ich gegen ihn commandiren mußte.“ Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Umstand, welcher Wilhelm verhinderte, eine ausgezeichnete strategische Bildung zu erlangen, der allgemeinen Entwickelung seiner Geisteskräfte zu Gute gekommen ist. Bewiesen seine Schlachten auch nicht den großen Taktiker, so berechtigten sie ihn doch zu dem Titel eines großen Mannes. Kein Mißgeschick konnte ihn nur einen Augenblick seiner Festigkeit und des vollständigen Besitzes aller seiner Fähigkeiten berauben. Seine Niederlagen wurden mit einer so wunderbaren Schnelligkeit wieder gut gemacht, daß er, noch ehe seine Feinde das Tedeum gesungen hatten, schon wieder zum Kampfe gerüstet war; auch beeinträchtigten solche Schläge in keiner Weise die Achtung und das Vertrauen, dessen er sich von Seiten seiner Soldaten erfreute. Diese Achtung und dieses Vertrauen verdankte er in nicht geringem Maße seinem persönlichen Muthe. Den Grad von Muth, dessen der Soldat bedarf, um einen Feldzug ohne Schande zu bestehen, besitzen die meisten Menschen oder wenigstens können sie denselben in einer guten Schule erlangen. Ein Muth wie der des Prinzen Wilhelm aber ist in der That selten. Er wurde auf jede nur mögliche Weise geprüft, durch Krieg, durch Wunden, durch schmerzhafte und entnervende Krankheiten, durch Seestürme, durch die beständig drohende Gefahr, ermordet zu werden, eine Gefahr, die schon sehr starke Nerven erschüttert hat und durch welche selbst die eiserne Tapferkeit Cromwell’s einen harten Stoß erhielt. Aber Niemand konnte je etwas entdecken, was der Prinz von Oranien fürchtete. Seine Rathgeber konnten ihn nur mit Mühe dazu bringen, daß er einige Vorsichtsmaßregeln gegen die Pistolen und Dolche von Verschwörern ergriff.2 Alte Seeleute erstaunten über die kaltblütige Ruhe, die er inmitten tobender Brandungen an einer gefahrvollen Küste bewahrte. In der Schlacht zeichnete ihn seine Tapferkeit unter Zehntausenden tapferer Krieger aus, erweckte die hochherzige Anerkennung selbst der feindlichen Heere und wurde selbst von der Unbilligkeit feindlicher Factionen nie bestritten. Während seiner ersten Feldzüge setzte er sich der Gefahr aus, als ob er den Tod gesucht hätte, war beim Angriff stets der Erste, beim Rückzug der Letzte, kämpfte mit dem Schwerte in der Hand im dichtesten Gewühl, und mit einer Flintenkugel im Arm, den Harnisch von Blut überströmt, hielt er noch immer Stand und schwenkte im furchtbarsten Feuer seinen Hut. Seine Freunde beschworen ihn, er solle doch sein für das Vaterland unschätzbares Leben mehr schonen. Sein berühmtester Gegner, der große Condé, bemerkte nach der blutigen Schlacht von Seneff, der Prinz von Oranien habe sich in jeder Beziehung wie ein alter General benommen, nur in sofern nicht, als er sich wie ein junger Soldat ausgesetzt. Wilhelm leugnete, daß er sich der Tollkühnheit schuldig gemacht habe. Er stelle sich, meinte er, nur aus Pflichtgefühl und aus kalter Berechnung dessen, was das öffentliche Interesse erheische, immer auf den Posten der Gefahr. Die Truppen, die er befehlige, seien wenig an den Krieg gewöhnt und fürchteten ein Handgemenge mit den französischen Veteranen; es sei daher nöthig, daß ihr Anführer ihnen zeige, wie man Schlachten gewinnt. Und in der That wurde auch mehr als eine Schlacht, welche rettungslos verloren schien, noch durch die Kühnheit gewonnen, mit der er seine zersprengten Bataillone sammelte und eigenhändig die Memmen niederhieb, welche das Beispiel zur Flucht gaben. Zuweilen sah es jedoch ganz so aus, als ob er ein eignes Vergnügen daran finde, sein Leben zu gefährden. Es wurde bemerkt, daß er nie heiterer, freundlicher und liebenswürdiger war, als im blutigen Getümmel der Schlacht. Selbst bei seinen Zerstreuungen liebte er das Aufregende der Gefahr. Kartenspiele, Schach und Billard machten ihm kein Vergnügen; seine Lieblingserholung war die Jagd, und die gefährlichste war ihm die liebste. Er machte oft Sätze, daß seine kühnsten Begleiter nicht Lust hatten, ihm zu folgen. Selbst die verwegensten Sportvergnügungen Englands scheint er für weibisch gehalten zu haben, und im großen Parke von Windsor sehnte er sich nach dem Wilde, das er in den Forsten von Geldern zu jagen gewohnt war, nach Wölfen, Ebern und riesigen Sechzehnendern.3
Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit. Seine Tollkühnheit war um so merkwürdiger, da er von ungemein zarter Körperconstitution war. Er war von früher Jugend an schwächlich und kränklich gewesen, und im ersten Mannesalter waren seine Leiden durch einen heftigen Pockenanfall noch verschlimmert worden. Er war engbrüstig und schwindsüchtig. Sein schwächlicher Körper wurde durch einen beständigen heiseren Husten erschüttert. Er konnte nicht schlafen, wenn sein Kopf nicht durch mehrere Kissen unterstützt wurde, und nur in der reinsten Luft konnte er ohne Beschwerden athmen. Dabei quälten ihn oft heftige Kopfschmerzen. Körperliche Anstrengungen ermüdeten ihn sehr bald. Die Ärzte pflegten die Hoffnung seiner Feinde dadurch aufrecht zu erhalten, daß sie einen Termin festsetzten, über den hinaus, wenn sich überhaupt irgend etwas in der Wissenschaft mit Sicherheit bestimmen lasse, sein zerrütteter Organismus unmöglich ausdauern könnte. Dennoch verließ seinen Geist während seines ganzen Lebens, das nur eine lange Krankheit war, bei keiner wichtigen Gelegenheit die nöthige Kraft, um seinen leidenden und siechen Körper aufrecht zu erhalten.
Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen. Er war mit heftigen Leidenschaften und mit leichter Reizbarkeit geboren; aber die Welt hatte keine Ahnung von der Stärke seiner Gemüthsaffecte. Vor den Blicken der Menge verbarg er seine Freude und seinen Kummer, seine Zuneigung und seinen Groll unter einer phlegmatischen Ruhe, die ihm den Ruf des kaltblütigsten und gleichgültigsten Menschen verschaffte. Wer ihm eine gute Nachricht brachte, konnte selten ein Zeichen von Freude entdecken; wer ihn nach einer Niederlage sah, spähte umsonst nach einer Spur von Unmuth. Er lobte und tadelte, belohnte und bestrafte mit der kalten Gelassenheit eines Mohawkhäuptlings; aber wer ihn genauer kannte und ihn näher betrachtete, der bemerkte wohl, daß unter dieser Eisrinde beständig ein ungestümes Feuer brannte. Nur selten raubte der Zorn ihm seine Selbstbeherrschung; wenn er aber einmal in Wuth gerieth, so war der erste Ausbruch seiner Leidenschaft furchtbar. Es war dann in der That nicht rathsam, ihm zu nahe zu kommen. In diesen seltenen Fällen jedoch gab er, sobald er seine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte, Denen, die er beleidigt, so vollständige Genugthuung, daß sie sich fast zu dem Wunsche versucht fühlten, er möchte aufs neue in Wuth gerathen. Seine Liebe war nicht minder stürmisch als sein Zorn. Wo er einmal liebte, da liebte er mit der ganzen Kraft seiner starken Seele. Wenn der Tod ihn von einem geliebten Wesen trennte, fürchteten die wenigen Zeugen seiner Schmerzensausbrüche für seinen Verstand und für sein Leben. Einem sehr kleinen Kreise intimer Freunde gegenüber, auf deren Treue und Verschwiegenheit er sich unbedingt verlassen konnte, war er ein ganz andrer Mensch als der verschlossene und stoische Wilhelm, dem die Menge jedes menschliche Gefühl absprach. In ihrer Gesellschaft war er freundlich, gemüthlich, offenherzig, selbst gesellig und witzig, konnte Stunden lang bei Tische sitzen und vollen Antheil an einer heiteren Unterhaltung nehmen.
Seine Freundschaft für Bentinck. Am höchsten in seiner Gunst stand ein Kavalier seines Hofstaates, Namens Bentinck, der aus einem edlen batavischen Geschlecht stammte und der Gründer eines der großen patrizischen Häuser Englands werden sollte. Bentinck’s Treue hatte sich in nicht gewöhnlicher Weise erprobt. Zu der Zeit, als die Vereinigten Provinzen gegen die Macht Frankreichs um ihre Existenz kämpften, wurde der junge Prinz, auf dem alle ihr Hoffnungen ruhten, von den Pocken befallen. Diese Krankheit hatte bei mehreren Mitgliedern seiner Familie einen tödtlichen Ausgang genommen und zeigte auch bei ihm anfangs einen sehr bösartigen Character. Die Bestürzung des Volks war groß. Von früh bis Abends waren die Straßen im Haag mit Leuten angefüllt, die sich ängstlich nach dem Befinden Seiner Hoheit erkundigten. Endlich nahm das Übel eine günstige Wendung. Seine Genesung wurde zum Theil seinem eignen Gleichmuth, zum Theil der unerschrockenen und unermüdlichen Freundschaft Bentinck’s zugeschrieben. Nur aus seinen Händen nahm Wilhelm Speisen und Arzneien an; er allein hob ihn aus dem Bette und legte ihn wieder hinein. „Ich weiß nicht, ob Bentinck während meiner Krankheit geschlafen hat oder nicht,“ sagte Wilhelm mit inniger Rührung zu Temple; „soviel aber weiß ich, daß ich in den sechzehn Tagen und Nächten nicht ein einziges Mal etwas verlangte, ohne daß Bentinck augenblicklich an meiner Seite gewesen wäre.“ Bevor der treue Diener seine Aufgabe ganz vollendet hatte, wurde er selbst angesteckt. Trotzdem überwand er noch immer Müdigkeit und Fieberschauer, bis sein Gebieter als Reconvalescent erklärt wurde. Jetzt endlich bat er um Erlaubniß, nach Hause gehen zu dürfen. Es war die höchste Zeit, denn seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen. Er kam in die größte Gefahr, genas aber und eilte, sobald er das Bett verlassen konnte, zur Armee, wo er in vielen heißen Feldzügen immer dicht an Wilhelm’s Seite gefunden ward, wie er es in einer Gefahr andrer Art gewesen.
Dies war der Ursprung einer so innigen und reinen Freundschaft wie irgend eine, von der uns die alte oder neue Geschichte erzählt. Die Nachkommen Bentinck’s bewahren noch heute viele Briefe auf, die Wilhelm an ihren Ahnherrn geschrieben, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß wer diese Briefe nicht gelesen hat, sich keinen richtigen Begriff von dem Character des Prinzen bilden kann. Der Mann, den selbst seine Verehrer in der Regel für den zurückhaltendsten und frostigsten Menschen hielten, vergißt hier jeden Rangunterschied und schüttet alle seine Gedanken mit der Offenherzigkeit eines Schulknaben aus. Ohne Rückhalt theilt er Geheimnisse von der höchsten Wichtigkeit mit und legt mit der größten Einfachheit umfassende Pläne vor, welche alle Regierungen Europa’s berührten. Mit seinen Mittheilungen über solche Dinge verbindet er Mittheilungen von ganz andrer, aber vielleicht nicht weniger interessanter Art. Alle seine Abenteuer, alle seine persönlichen Ansichten, seine langen Jagdritte nach gewaltigen Hirschen, seine Gelage am St. Hubertustage, das Gedeihen seiner Anpflanzungen, das Mißrathen seiner Melonen, der Zustand seines Gestüts, der Wunsch, einen frommen Zelter für seine Gemahlin zu erlangen, sein Verdruß, als er erfährt, daß einer seiner Kavaliere, nachdem er ein Mädchen aus guter Familie unglücklich gemacht, sich weigert, sie zu heirathen, seine Anfälle von Seekrankheit, sein Husten, seine Kopfschmerzen, seine andächtigen Stimmungen, seine Dankbarkeit für den göttlichen Schutz nach Errettung aus einer großen Gefahr, seine Anstrengungen, sich nach einem Unglücksfalle dem göttlichen Willen zu unterwerfen, dies Alles ist darin mit einer liebenswürdigen Redseligkeit geschildert, die man von dem verschwiegensten und ernstesten Staatsmanne jener Zeit kaum erwarten sollte. Noch auffallender sind die sorglosen Ergüsse seiner Zärtlichkeit und die brüderliche Theilnahme, die er an seines Freundes häuslichem Glücke nimmt. Als Bentinck ein Erbe geboren wurde, sagte Wilhelm: „Ich hoffe, er wird ein so braver Mann werden als Sie einer sind, und sollte ich einen Sohn bekommen, so werden unsere Kinder einander hoffentlich ebenso lieben, wie wir uns geliebt haben.“4 Während seines ganzen Lebens blickte er mit väterlicher Liebe auf die kleinen Bentincks. Er ruft sie bei den zärtlichsten Diminutiven, er sorgt für sie in ihres Vaters Abwesenheit, und so schwer es ihm wird, ihnen ein Vergnügen zu versagen, so will er sie doch nicht an einer Jagdpartie teilnehmen lassen, wo ihnen die Gefahr droht, von einem Hirsche gestoßen zu werden, noch ihnen erlauben, bei einem Abendschmause bis spät in die Nacht hinein zu verweilen.5 Als ihre Mutter während der Abwesenheit ihres Gatten krank wird, findet Wilhelm inmitten der wichtigsten und dringendsten Staatsgeschäfte noch soviel Zeit, um an einem Tage mehrere expresse Boten mit kurzen Briefen abzuschicken, in denen er von ihrem Zustande Nachricht giebt.6 Einmal als sie nach einem heftigen Anfall außer Gefahr erklärt wird, ergießt sich der Prinz in die wärmsten Dankesbezeigungen gegen Gott. „Ich schreibe,“ sagt er, „mit Thränen der Freude in den Augen.“7 Es liegt ein eigner Reiz in diesen Briefen von der Hand eines Mannes, dessen Alles überwältigende Energie und unbeugsame Festigkeit selbst seinen Feinden Achtung abnöthigte, dessen kaltes und unfreundliches Benehmen in den meisten seiner Anhänger keine innigere Zuneigung aufkommen ließ und dessen Geist beständig mit gigantischen Plänen beschäftigt war, welche die Gestalt der Welt veränderten.
Seine Güte ward keinem Unwürdigen zu Theil. Temple hatte frühzeitig Bentinck für den besten und treuesten Diener erklärt, den je ein Fürst zu besitzen das Glück hatte, und er verdiente diesen ehrenvollen Titel sein ganzes Leben hindurch. Die beiden Freunde waren in der That wie für einander geschaffen. Wilhelm bedurfte weder eines Führers noch eines Schmeichlers. Da er ein festes und wohlbegründetes Vertrauen in sein eignes Urtheil setzte, so war er kein Freund von Rathgebern, die ihn mit Vorschlägen und Einwendungen überhäuften. Zu gleicher Zeit besaß er eine zu scharfe Unterscheidungsgabe und einen zu edlen Sinn, als daß er an Schmeicheleien hätte Vergnügen finden können. Der Vertraute eines solchen Fürsten mußte ein Mann sein nicht von erfinderischem Genie oder von gebieterischem Character, aber bieder und treu, im Stande, jeden Befehl pünktlich zu vollziehen, Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren, Ereignisse umsichtig zu beobachten und treulich zu berichten. Und ein solcher Mann war Bentinck.
Marie, Prinzessin von Oranien. Wilhelm war in der Ehe nicht weniger glücklich als in der Freundschaft. Anfangs hatte jedoch seine Ehe kein besonderes häusliches Glück versprochen. Seine Wahl war hauptsächlich durch politische Rücksichten bestimmt worden, und es sah nicht wahrscheinlich aus, daß zwischen einem hübschen sechzehnjährigen Mädchen, die zwar ein sanftes Gemüth und natürlichen Verstand besaß, im übrigen aber unwissend und einfach war, und einem Bräutigam, der, obwohl noch nicht ganz achtundzwanzig Jahr alt, doch seinem körperlichen Zustande nach älter war als ihr Vater, der ein kaltes, abstoßendes Benehmen hatte und dessen Kopf beständig mit Staatsgeschäften und Sportvergnügungen angefüllt war, eine innige Zuneigung würde entstehen können. Eine Zeit lang vernachlässigte Wilhelm seine Gemahlin, indem er durch andere Frauen von ihr abgezogen wurde, besonders durch eine ihrer Hofdamen, Namens Elisabeth Villiers, welche Talente besaß, die sie wohl geeignet machten, seine Sorgen zu theilen, obgleich sie aller persönlichen Reize entbehrte und sogar durch ein häßliches Schielen entstellt war.8 Er schämte sich zwar seiner Fehler und bemühte sich nach Kräften, sie zu verbergen, aber trotz aller Vorsicht wußte Marie wohl, daß er ihr nicht ganz treu war. Spione und Ohrenbläser thaten auf Anregen ihres Vaters ihr Möglichstes, um ihren Zorn zu entflammen. Ein Mann von ganz andrem Character, der vortreffliche Ken, der mehrere Monate lang im Haag ihr Kaplan war, wurde so aufgebracht durch die ihr widerfahrenden Kränkungen, daß er mit mehr Eifer als Besonnenheit drohte, ihren Gemahl ernstlich zur Rede zu setzen.9 Sie selbst ertrug jedoch alles Unrecht mit einer Sanftmuth und Geduld, welche ihr nach und nach Wilhelm’s Achtung und Dankbarkeit erwarben. Indessen war auch noch eine andre Ursache der Entfremdung vorhanden. Es kam ohne Zweifel eine Zeit, wo die Prinzessin, welche nur zu Stickereiarbeiten, zum Spinetspiel und zum Lesen der Bibel und der „Pflichten des Menschen“ erzogen war, das Oberhaupt einer großen Monarchie wurde und das Gleichgewicht Europa’s in ihrer Hand ruhte, während ihr ehrgeiziger, geschäftskundiger und beständig auf große Unternehmungen sinnender Gemahl bei der britischen Regierung keine vorausbestimmte Stelle für sich fand und nur durch ihre Güte und so lange es ihr gefiel Macht ausüben konnte. Es kann nicht befremden, daß ein Mann, der die Gewalt so liebte wie Wilhelm, und der sich seines Herrschergenies so bewußt war, in hohem Maße die Eifersucht empfand, die während eines Königthums von wenigen Stunden zwischen Guildford Dudley und Lady Johanna Zwietracht hervorrief und einen noch viel tragischeren Bruch zwischen Darnley und der Königin von Schottland herbeiführte. Die Prinzessin von Oranien hatte nicht die leiseste Ahnung von den Gefühlen ihres Gemahls. Ihr Lehrer, der Bischof Compton, hatte sie in der Religion sorgfältig unterrichtet und ihr Gemüth namentlich gegen die Künste der römisch-katholischen Theologen gestählt, sie aber in völliger Unkenntniß der englischen Verfassung und ihrer eignen Stellung gelassen. Sie wußte, daß ihr eheliches Gelübde sie zum Gehorsam gegen ihren Gemahl verpflichtete und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß dieses gegenseitige Verhältniß einmal umgekehrt werden könnte. Sie war bereits neun Jahre vermählt, ehe sie die Ursache von Wilhelm’s Verstimmung entdeckte, und von ihm selbst würde sie dieselbe auch nie erfahren haben. In Folge seiner ganzen Gemüthsart brütete er eher über die ihn niederdrückenden Sorgen, als daß er denselben einen Ausdruck gab, und in diesem speciellen Falle wurde sein Mund durch ein ganz natürliches Zartgefühl versiegelt. Endlich aber kam durch die Vermittelung Gilbert Burnet’s eine vollkommene Verständigung und Aussöhnung zu Stande.
Gilbert Burnet. Burnet’s Ruf ist mit auffallender Böswilligkeit und Hartnäckigkeit angegriffen worden. Der Angriff begann schon frühzeitig in seinem Leben und wird noch jetzt mit unverminderter Heftigkeit fortgesetzt, obgleich er bereits über ein und ein Viertel Jahrhundert im Grabe liegt. Allerdings ist er auch für den Parteihaß und den muthwilligen Spott eine Zielscheibe, wie sie sich keine bessere wünschen können, denn die Mängel seines Verstandes und seines Characters liegen klar am Tage und können Niemandem entgehen. Es waren jedoch nicht die Fehler, welche man als seinen Landsleuten eigen zu betrachten pflegt. Er allein unter den vielen Schotten, die sich in England zu Auszeichnung und Wohlstand emporgeschwungen haben, hatte den Charakter, welchen Satiriker, Romanschreiber und Schauspieldichter allgemein den irischen Abenteurern zuschreiben. Seine physische Lebendigkeit, seine Ruhmredigkeit, seine unverhohlene Eitelkeit, seine Faseleien, seine herausfordernde Indiscretion und seine kecke Dreistigkeit boten den Tories unerschöpflichen Stoff zu Spötteleien. Auch unterließen seine Feinde nicht, ihm nebenbei über seine breiten Schultern, seine dicken Waden und sein Glück in Heirathsspekulationen auf verliebte reiche Wittwen mehr witzige als artige Complimente zu machen. Obwohl jedoch Burnet in vieler Beziehung dem Spott und selbst dem Tadel Blößen darbot, so verdiente er doch keineswegs eine solche Geringschätzung. Er besaß einen regen Geist, einen unermüdlichen Fleiß und eine vielseitige, ausgedehnte Belesenheit. Er war zu gleicher Zeit Geschichtsschreiber, Alterthumsforscher, Theolog, Prediger, Tagesschriftsteller, Polemiker und thätiger politischer Parteiführer, und in allen diesen Eigenschaften zeichnete er sich unter vielen geschickten Mitbewerbern vortheilhaft aus. Die vielen geistreichen Abhandlungen, die er über Tagesbegebenheiten schrieb, sind jetzt nur noch Forschern bekannt; aber seine History of his own Times, seine History of the Reformation, seine Exposition of the Articles, sein Discourse of Pastoral Care, sein Life of Hale und sein Life of Wilmot werden noch immer neu aufgelegt und fehlen in keiner guten Privatbibliothek. Gegen eine solche Thatsache vermögen alle Anstrengungen der Verleumder nichts. Ein Schriftsteller, dessen umfangreiche Werke in verschiedenen Zweigen der Literatur noch hundertdreißig Jahre nach seinem Tode zahlreiche Leser finden, kann große Fehler gehabt haben, muß aber auch große Vorzüge gehabt haben, und diese hatte Burnet: einen fruchtbaren und regen Geist und einen Styl, der allerdings von tadelloser Reinheit weit entfernt, doch stets klar, oft lebendig ist und sich zuweilen selbst zu feierlicher und glühender Beredtsamkeit erhebt. Auf der Kanzel wurde die Wirkung seiner ohne irgend welche schriftliche Notizen gehaltenen Predigten noch erhöht durch eine edle Gestalt und einen imponirenden Vortrag. Er wurde oft durch das Beifallsgemurmel seiner Zuhörer unterbrochen, und wenn die Sanduhr, die sich damals auf jeder Kanzel befand, abgelaufen war und er dieselbe emporhielt, forderte ihn die Gemeinde durch lauten Zuruf auf fortzufahren, bis der Sand noch einmal abgelaufen wäre.10 Die großen Mängel seines sittlichen Characters und seines Geistes wurden durch große Vorzüge mehr als ausgeglichen. Obgleich durch Vorurtheil und Leidenschaft oft auf Irrwege geführt, war er doch im strengsten Sinne des Worts ein Ehrenmann. Konnte er auch den Versuchungen der Eitelkeit nicht immer widerstehen, so stand sein Character doch hoch über den Einflüssen der Habsucht und der Furcht. Er war von Gemüth leutselig, hochherzig, dankbar und nachsichtig.11 Sein Glaubenseifer, obwohl stetig und glühend, wurde im Allgemeinen durch Humanität und durch Achtung der Gewissensfreiheit in Schranken gehalten. Trotz seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an das was er als den Geist des Christenthums betrachtete, war er doch gleichgültig gegen Gebräuche, Namen und Formen der kirchlichen Verfassung und war selbst gegen Ungläubige und Ketzer, deren Lebenswandel tadellos war und deren Irrthümer mehr die Wirkung falscher Begriffe als eines verderbten Characters zu sein schienen, durchaus nicht zur Strenge geneigt. Aber gleich vielen anderen braven Männern jener Zeit betrachtete er die Sache der römischen Kirche als eine Ausnahme von allen gewöhnlichen Regeln.
Burnet genoß schon seit mehreren Jahren eines europäischen Rufes. Seine Geschichte der Reformation war von allen Protestanten mit lautem Beifall aufgenommen und von den römischen Katholiken als ein gewaltiger Schlag gefühlt worden. Der größte Gelehrte, den die römische Kirche seit dem Schisma des sechzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, Bossuet, Bischof von Meaux, war mit der Bearbeitung einer ausführlichen Erwiederung beschäftigt. Burnet war von einem der glaubenseifrigen Parlamente, welche während der durch das papistische Complot verursachten Aufregung tagten, mit einem Dankvotum beehrt und im Namen der Gemeinen von England ersucht worden, seine geschichtlichen Forschungen fortzusetzen. Er war von Karl sowohl als von Jakob in deren engere Unterhaltungszirkel gezogen worden, hatte mit mehreren ausgezeichneten Staatsmännern, besonders mit Halifax auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war der Gewissensrath einiger sehr hochstehenden Personen gewesen. Er hatte ferner einen der glänzendsten Wüstlinge jener Zeit, Johann Wilmot, Earl von Rochester, von Atheismus und Ausschweifung zurückgebracht. Lord Stafford, das Opfer des Oates, war, obgleich Katholik, in seinen letzten Stunden durch Burnet’s geistlichen Zuspruch über diejenigen Punkte, in denen alle Christen übereinstimmen, erbaut worden. Wenige Jahre später begleitete Burnet einen noch erlauchteren Dulder, Lord Russell, vom Tower auf das Schaffot in Lincoln’s Inn Fields. Der Hof hatte nichts unversucht gelassen, um einen so thätigen und tüchtigen Theologen zu gewinnen. Weder königliche Schmeicheleien, noch die Verheißung einträglicher Stellen waren gespart worden. Aber Burnet war, obwohl in früher Jugend von den servilen Lehren angesteckt, denen der damalige Klerus durchgehends anhing, aus Überzeugung Whig geworden und er blieb seinen Grundsätzen durch alle Wechselfälle des Lebens treu. Er hatte jedoch keinen Antheil an der Verschwörung genommen, welche soviel Schmach und Unheil über die Whigpartei brachte und verabscheuete nicht nur die Mordpläne Goodenough’s und Ferguson’s, sondern war auch der Meinung, daß selbst sein geliebter und verehrter Freund Russell gegen die Regierung weiter gegangen sei, als es sich rechtfertigen ließ. Endlich kam eine Zeit, wo die Unschuld kein hinreichender Schutz war. Burnet wurde, obgleich er sich keiner Übertretung des Gesetzes schuldig gemacht, von der Rache des Hofes verfolgt. Er begab sich auf den Continent und nachdem er etwa ein Jahr auf jene Wanderungen durch die Schweiz, durch Italien und Deutschland verwendet, von denen er uns eine anziehende Beschreibung hinterlassen hat, ging er im Sommer 1686 nach dem Haag, wo er mit Freundlichkeit und Achtung aufgenommen wurde. Er unterhielt sich sehr freisinnig mit der Prinzessin über Politik und Religion und wurde bald ihr geistlicher Beistand und vertrauter Rathgeber. Wilhelm erwies sich als ein viel freundlicherer Wirth, als es zu erwarten gewesen wäre. Denn von allen Fehlern waren ihm Zudringlichkeit und Indiscretion am meisten verhaßt und Burnet war, wie selbst seine Freunde und Verehrer zugestanden, der zudringlichste und indiscreteste Mensch, den es geben konnte. Aber der scharfsichtige Prinz bemerkte sehr wohl, daß dieser vorlaute und schwatzhafte Theolog, der beständig Geheimnisse ausplauderte, naseweise Fragen stellte und unerbetenen Rath aufdrängte, bei alledem ein freimüthiger, furchtloser und kluger Mann war, der die Gesinnungen und Absichten der britischen Secten und Factionen genau kannte. Auch war der Ruf von Burnet’s Beredsamkeit und Gelehrsamkeit weit verbreitet. Wilhelm selbst war kein Freund vom Lesen, aber er stand jetzt seit vielen Jahren an der Spitze der holländischen Regierung zu einer Zeit, wo die holländische Presse eines der gewaltigsten Werkzeuge war, durch welche die öffentliche Meinung in Europa bearbeitet wurde, und obgleich er an literarischen Genüssen kein Vergnügen fand, war er doch viel zu klug und scharfsichtig, als daß er den Werth des literarischen Beistandes nicht hätte erkennen sollen. Er wußte sehr wohl, daß eine populäre Flugschrift zuweilen ebenso gute Dienste leistet als ein Sieg auf dem Schlachtfelde. Auch sah er ein, wie wichtig es sei, daß er immer einen Mann um sich hatte, der mit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung unsrer Insel vertraut war, und Burnet eignete sich vortrefflich dazu, als lebende Encyclopädie über britische Angelegenheiten benutzt zu werden, denn seine Kenntnisse waren, wenn auch nicht immer ganz zuverlässig, doch von erstaunlicher Vielseitigkeit und es gab in England wie in Schottland wenige ausgezeichnete Männer irgend einer politischen oder religiösen Partei, mit denen er nicht verkehrt hätte. Es wurde ihm daher die nämliche Gunst und das nämliche Vertrauen gewährt wie nur irgend Einem außer denen, welche den kleinen intimsten Kreis von Privatfreunden des Prinzen bildeten. Nahm sich der Doctor Freiheiten heraus, was nicht selten der Fall war, so wurde sein Gönner noch kälter und mürrischer als gewöhnlich gegen ihn und äußerte zuweilen eine kurze, beißende Bemerkung, die einem Menschen von gewöhnlicher Dreistigkeit für immer den Mund geschlossen haben würde. Trotz solcher Vorfälle aber dauerte die Freundschaft dieses sonderbaren Paares mit wenigen kurzen Unterbrechungen so lange, bis sie durch den Tod aufgelöst wurde. Es war in der That nicht leicht, Burnet zu kränken. Seine Selbstgefälligkeit, seine heitere Sorglosigkeit und seine Taktlosigkeit waren so groß, daß er wohl oft Anstoß gab, aber nie Anstoß nahm.
Burnet wird gewöhnlich als ein auffallend ungenauer Geschichtsschreiber getadelt; aber ich halte diesen Vorwurf für ungerecht. Er scheint nur deshalb ungenau zu sein, weil seine Darstellung einer besonders strengen und unfreundlichen Kritik unterzogen worden ist. Wenn ein Whig sich die Mühe nehmen wollte Reresby’s Memoirs, North’s Examen, Mulgrave’s Account of the Revolution oder Clarke’s Life of James the Second einer ähnlichen Prüfung zu unterwerfen, so würde es sich bald zeigen, daß Burnet keineswegs der ungenaueste Geschichtsschreiber seiner Zeit war.
Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der Prinzessin. Alle Eigenthümlichkeiten seines Characters machten ihn ganz dazu geeignet, der Friedensstifter zwischen Wilhelm und Marien zu werden. Wenn Personen, die einander achten und lieben sollten, durch eine Ursache von einander fern gehalten werden, welche drei freimüthig gesprochene Worte beseitigen könnten, so ist es ein Glück für sie, wenn sie einen indiscreten Freund haben, der mit der ganzen Wahrheit herausplatzt. Burnet sagte der Prinzessin ganz offen, welches Gefühl an dem Herzen ihres Gemahls nagte. Sie erfuhr jetzt zum ersten Male mit nicht geringem Erstaunen, daß, wenn sie Königin von England würde, Wilhelm ihren Thron nicht theilen sollte. Sie erklärte mit den innigsten Worten, daß es keinen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gebe, zu dem sie nicht jeden Augenblick bereit wäre. Unter vielen Entschuldigungen und feierlichen Versicherungen, daß kein andrer Mensch ihm ein Wort in den Mund gelegt habe, sagte ihr Burnet nun, daß das Heilmittel in ihrer Hand liege. Wenn die Krone ihr zugefallen sei, könne sie leicht ihr Parlament dazu bewegen, daß es ihrem Gatten nicht nur den Königstitel gewährte, sondern ihm sogar durch ein Gesetz die Zügel der Regierung in die Hand gab. „Aber,“ setzte er hinzu, „Ihre königliche Hoheit müssen wohl überlegen, ehe Sie einen solchen Entschluß aussprechen, denn es ist ein Entschluß, dessen Zurücknahme weder rathsam noch leicht sein würde, wenn er einmal angekündigt wäre.“ — „Ich bedarf keiner Zeit zur Überlegung,“ antwortete Marie. „Es ist genug, daß ich eine Gelegenheit habe, um dem Prinzen meine Achtung zu beweisen. Theilen Sie ihm mit was ich gesagt habe, und bringen Sie ihn zu mir, damit er es aus meinem eigenen Munde höre.“ Burnet wollte den Prinzen sogleich herbeiholen, aber er war viele Meilen weit entfernt auf einer Hirschjagd. Erst am folgenden Tage konnte die entscheidende Unterredung stattfinden. „Ich habe erst gestern erfahren,“ sagte Marie, „daß zwischen den Gesetzen Englands und den Gesetzen Gottes ein solcher Unterschied obwaltet. Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie jederzeit der Gebieter sein sollen, und ich verlange keinen andren Lohn dafür, als daß Sie das Gebot, welches den Gatten vorschreibt, ihre Frauen zu lieben, ebenso befolgen, wie ich das Gebot halte, welches den Frauen vorschreibt, ihren Gatten zu gehorchen.“ Dieser Beweis von edelmüthiger Zuneigung gewann ihr Wilhelm’s Herz vollständig. Von diesem Augenblicke an bis zu dem traurigen Tage, an welchem er ohnmächtig von ihrem Sterbebett hinweggetragen wurde, herrschte vollkommene Freundschaft und unbegrenztes Vertrauen zwischen ihnen. Viele von ihren Briefen an ihn sind noch vorhanden und sie enthalten zahlreiche Beweise, daß es diesem Manne, der in den Augen der Menge für so unliebenswürdig galt, gelungen war, einer schönen und tugendhaften Frau, welche in Hinsicht der Geburt über ihm stand, eine bis zur abgöttischen Verehrung gehende Liebe einzuflößen.
Der Dienst, den Burnet seinem Vaterlande erzeigt, war von hoher Bedeutung. Es war eine Zeit gekommen, wo es für das Wohl des Staates sehr wichtig war, daß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin vollkommene Eintracht herrschte.
Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien. Bis nach der Unterdrückung des Aufstandes im Westen hatten ernste Ursachen des Zwiespaltes Wilhelm sowohl von den Tories als von den Whigs getrennt. Er hatte mit großem Mißfallen die Versuche der Whigs beobachtet, der ausübenden Gewalt einige Befugnisse zu entziehen, die er zur Aufrechthaltung ihrer Wirksamkeit und ihrer Würde für nöthig hielt. Mit noch größerem Mißfallen hatte er die Unterstützung gesehen, welche ein großer Theil dieser Partei den Anmaßungen Monmouth’s angedeihen ließ. Es schien als ob die Opposition zuerst die Krone Englands des Tragens nicht mehr werth machen und sie dann einem Bastard und Betrüger aufs Haupt setzen wollte. Zu gleicher Zeit war das religiöse System des Prinzen weit verschieden von dem, welchem die Torypartei huldigte. Sie waren Arminianer und Prälatisten. Sie sahen mit Verachtung auf die protestantischen Kirchen des Continents herab und hielten jede Zeile ihrer eignen Liturgie und Rubrica für kaum weniger geheiligt als die Evangelien. Seine Ansichten über die metaphysischen Seiten der Theologie waren calvinistisch. Seine Ansichten bezüglich der Kirchenverfassungen und der gottesdienstlichen Formen waren latitudinarisch. Er gab zu, daß das Episcopat eine gesetzliche und zweckmäßige Form des Kirchenregiments sei; aber er sprach mit Bitterkeit und Hohn von der Bigotterie Derer, welche die bischöfliche Ordination für ein wesentliches Erforderniß einer christlichen Gesellschaft hielten. Gegen die durch die Liturgie vorgeschriebenen Gewänder und Gesten hatte er keine Bedenken, aber er gestand, daß ihm die Gebräuche der anglikanischen Kirche lieber sein würden, wenn sie ihn weniger an die Gebräuche der römischen Kirche erinnerten. Man hatte ihn ein ominöses Gemurmel von sich geben hören, als er in der Privatkapelle seiner Gemahlin zum ersten Male einen Altar nach anglikanischer Weise geschmückt sah, und es schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, als er Hooker’s Ecclesiastical Policy in ihrer Hand sah.12
Seine Gesinnungen gegen England. Er verfolgte daher lange den Streit zwischen den englischen Parteien mit Aufmerksamkeit, aber ohne eine starke Vorliebe für die eine oder die andre Partei zu hegen. Er wurde auch bis ans Ende seines Lebens in der That niemals weder ein Whig, noch ein Tory. Es fehlte ihm das was die gemeinsame Grundlage beider Charactere ist, denn er wurde nie ein Engländer. Er rettete zwar England, liebte es aber nie und erlangte ebensowenig die Liebe der Engländer. Für ihn war es nur ein Verbannungsort, den er mit Widerwillen besuchte und mit Freuden verließ. Selbst als er dem Lande die Dienste leistete, deren günstige Wirkungen wir bis auf den heutigen Tag fühlen, war sein Hauptzweck nicht die Wohlfahrt desselben.
Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich. All’ sein patriotisches Gefühl gehörte Holland. Hier befand sich das prächtige Grabmal, in welchem der große Staatsmann ruhte, dessen Blut, dessen Namen, dessen Character und dessen Genie er geerbt hatte. Hier war der bloße Klang seines Namens schon ein Zauberspruch, welcher durch drei Generationen die liebevolle Begeisterung der Landleute und Handwerker erweckt hatte. Die holländische Sprache war die Sprache seiner Kinderstube; unter dem holländischen Adel hatte er seine ersten Freunde gewählt; die Vergnügungen, die Bauart und die Gegenden seines Heimathlandes wurzelten tief in seinem Herzen. Zu ihm wendete er sich immer wieder mit unveränderter Zärtlichkeit von einem stolzeren und schöneren Nebenbuhler ab. In den Sälen von Whitehall sehnte er sich nach dem traulichen Hause im Busche im Haag und er fühlte sich nie glücklicher, als wenn er die Pracht von Windsor mit der bescheidenen Einfachheit von Loo vertauschen konnte. Während seiner glänzenden Verbannung fand er einigen Trost darin, daß er durch Bauen, Pflanzen und Graben um sich her einen Schauplatz schaffen konnte, der ihn an die regelmäßigen Gebäude von rothem Backstein, an die langen Kanäle und an die symmetrischen Blumenbeete erinnerte, unter denen er seine Jugend verlebt hatte. Doch selbst die Liebe zu seinem Vaterlande war einem andren Gefühle untergeordnet, welches schon frühzeitig in seiner Seele die Oberherrschaft gewann, das sich mit allen seinen Leidenschaften vermischte, das ihn zu großartigen Unternehmungen anspornte, das ihn aufrecht erhielt, wenn Kränkungen, Schmerzen, Krankheit und Sorgen ihn zu Boden drücken wollten, das gegen das Ende seiner Laufbahn einmal kurze Zeit erloschen zu sein schien, aber bald heftiger als je wieder hervorbrach und ihn noch beseelte, als das Sterbegebet an seinem Lager gesprochen wurde. Dieses Gefühl war der Haß gegen Frankreich und den prachtliebenden König, der in mehr als einer Hinsicht Frankreich repräsentirte und der mit seinen specifisch französischen Tugenden und Vorzügen jenen unruhigen, gewissenlosen und dünkelhaften Ehrgeiz verband, der zu wiederholten Malen den Zorn ganz Europa’s über Frankreich gebracht hat.
Es ist nicht schwer, die Fortschritte des Gefühls zu verfolgen, welches nach und nach die Alleinherrschaft in Wilhelm’s Seele erlangte. Als er kaum erst dem Knabenalter entwachsen, war sein Vaterland in prahlerischem Trotze gegen Recht und Gerechtigkeit überfallen, verwüstet und allen Excessen der Raubsucht, Ausschweifung und Grausamkeit preisgegeben worden. Die Holländer hatten sich in ihrer Bedrängniß vor dem Eroberer gedemüthigt und um Gnade gefleht. Darauf war ihnen der Bescheid geworden, daß wenn sie Frieden wünschten, sie ihre Selbstständigkeit aufgeben und alljährlich dem Hause Bourbon huldigen müßten. Die schwer beleidigte Nation hatte, zur Verzweiflung getrieben, ihre Deiche durchbrochen und das Meer als Bundesgenossen gegen die französische Tyrannei zu Hülfe gerufen. Mitten in den Greueln dieses Kampfes, während die Landleute entsetzt vor den Eroberern flohen, während Hunderte von schönen Gärten und Lusthäusern in den Fluthen begraben, während die Berathungen der Generalstaaten durch die Ohnmachten und das laute Weinen alter Senatoren unterbrochen wurden, welche den Gedanken nicht ertragen konnten, die Freiheit und den Ruhm ihres Vaterlandes zu überleben, war Wilhelm an die Spitze der Geschäfte berufen worden. Eine Zeit lang dünkte ihm jeder Widerstand hoffnungslos. Er sah sich vergebens nach Hülfe um. Spanien war ausgesogen, Deutschland zerrissen, England bestochen. Es schien dem jungen Statthalter, als ob ihm nichts weiter übrig bliebe, als mit dem Schwerte in der Hand zu fallen, oder der Aeneas einer großen Völkerwanderung zu werden und in Gegenden, welche außer dem Bereiche der Tyrannei Frankreichs lagen, ein neues Holland zu gründen. Dann wäre kein Hinderniß mehr vorhanden gewesen, das die Fortschritte des Hauses Bourbon hätte hemmen können. Noch wenige Jahre und dieses Haus würde seine Besitzungen durch Lothringen und Flandern, Castilien und Arragonien, Neapel und Mailand, Mexico und Peru vergrößert haben. Ludwig hätte sich dann die Kaiserkrone aufsetzen, einen Prinzen seines Hauses auf den Thron Polens erheben und der Alleinherrscher in Europa von den scythischen Wüsten bis zum Atlantischen Ocean, sowie in Amerika von den Gegenden nördlich vom Wendekreis des Krebses bis zu den Gegenden südlich vom Wendekreis des Steinbocks werden können. Dies waren die Aussichten, die sich Wilhelm darboten, als er in das öffentliche Leben eintrat und welche ihn bis zu seinem letzten Tage unaufhörlich verfolgten. Die französische Monarchie war für ihn das was die römische Republik für Hannibal, was das ottomanische Reich für Scanderbeg, was die südliche Herrschaft für Wallace war. Die Religion gab diesem glühenden und unverlöschlichen Hasse ihre Weihe. Hunderte von calvinistischen Predigern verkündeten, daß die nämliche Macht, welche Simson vom Mutterleibe an dazu bestimmt, die Geißel der Philister zu werden, und welche Gideon von der Dreschtenne abgerufen, um die Midianiter zu schlagen, Wilhelm von Oranien zum Vorkämpfer aller freien Nationen und aller reinen Kirchen erkoren habe, und diese Ansicht war nicht ohne Einfluß auf sein Gemüth geblieben. Dem Vertrauen, welches dieser heldenmüthige Fatalist in seine erhabene Bestimmung und in seine heilige Sache setzte, ist zum Theil seine auffallende Gleichgültigkeit gegen jede Gefahr zuzuschreiben. Er hatte ein großes Werk zu vollbringen und bis es vollbracht war, konnte ihm nichts schaden. Daher kam es auch, daß er trotz der Prophezeiungen der Ärzte von hoffnungslos scheinenden Krankheiten genas, daß Schaaren von Mördern sich vergebens gegen sein Leben verschworen, daß der offene Nachen, dem er sich in sternenloser Nacht auf einem tobenden Ocean an einer verrätherischen Küste anvertraute, ihn wohlbehalten ans Land trug und daß auf zwanzig Schlachtfeldern die Kanonenkugeln auf allen Seiten an ihm vorübersausten. Die Begeisterung und Ausdauer, womit er sich seiner Sendung widmete, haben kaum ein Beispiel in der Geschichte. Seinem großen Ziele gegenüber achtete er das Leben Anderer ebenso gering als sein eigenes. Selbst die menschlichsten und edelmüthigen Soldaten jener Zeit waren zu sehr daran gewöhnt, das Blutvergießen und die Verheerungen, welche von großen kriegerischen Unternehmungen unzertrennlich sind, mit kalter Gleichgültigkeit zu betrachten, und Wilhelm’s Herz war nicht allein durch berufsmäßige Unempfindlichkeit, sondern auch durch die noch starrere Unempfindlichkeit gestählt, welche die Wirkung des Pflichtgefühls ist. Drei große Coalitionen, drei lange und blutige Kriege, in denen ganz Europa von der Weichsel bis zum westlichen Ocean unter den Waffen stand, sind lediglich seiner unbezwinglichen Energie zuzuschreiben. Als im Jahre 1678 die Generalstaaten erschöpft und entmuthigt nach Ruhe verlangten, stimmte er noch immer dagegen, das Schwert in die Scheide zu stecken, und der Friede wurde nur geschlossen, weil er seinen wilden und entschlossenen Geist nicht auch Anderen einhauchen konnte. Noch im letzten Augenblicke schlug er in der Hoffnung, dadurch die Unterhandlungen abzubrechen, von denen er wohl wußte, daß sie dem Abschlusse nahe waren, eine der blutigsten und hartnäckigsten Schlachten jener Zeit. Von dem Tage an, wo der Friede von Nymwegen unterzeichnet worden war, begann er auf eine neue Coalition zu sinnen. Sein Streit mit Ludwig, der nun vom Schlachtfelde in das Kabinet versetzt wurde, ward bald durch eine Privatfehde noch erbitterter. Die beiden Rivalen waren einander in Talenten, Character, Manieren und Ansichten gerade entgegengesetzt. Ludwig, fein und würdevoll, verschwenderisch und ausschweifend, ein Freund von Prunk und Feind von persönlicher Gefahr, ein freigebiger Beschützer der Künste und Wissenschaften und ein grausamer Verfolger der Calvinisten, bildete einen auffallenden Contrast mit Wilhelm, der einfach in seinen Neigungen, unfreundlich in seinem Benehmen, unermüdlich und unerschrocken im Kriege, gleichgültig gegen alle Luxuszweige des Wissens und ein entschiedener Anhänger der genfer Theologie war. Die beiden Feinde beobachteten nicht lange jene Artigkeit, welche Männer ihres Ranges, selbst wenn sie einander an der Spitze von Armeen gegenüberstehen, selten aus den Augen setzen. Wilhelm gebrauchte zwar die Formalität, daß er Ludwig seine besten Dienste anbot; aber diese Höflichkeit wurde nach ihrem wahren Werthe gewürdigt und mit einer trocknen Zurückweisung vergolten. Der große König verachtete den kleinen Prinzen, der der Diener eines Bundes von Handelsstädten war und auf jedes Zeichen von Verachtung antwortete der unerschrockene Statthalter mit einer neuen Herausforderung, Wilhelm entlehnte seinen Namen, ein Name, den die Ereignisse des vorhergegangenen Jahrhunderts zu einem der glänzendsten und berühmtesten von ganz Europa gemacht hatten, von einer Stadt, welche nicht weit von Avignon an den Ufern der Rhone liegt und die, wie Avignon, obgleich von allen Seiten von französischem Gebiet umgeben, doch eigentlich nicht der französischen, sondern der kaiserlichen Krone als Lehen gehörte. Ludwig besetzte Orange mit der ihm eigenen übermüthigen Verachtung des Völkerrechts, schleifte die Befestigungswerke und eignete sich die Einkünfte der Stadt zu. Wilhelm erklärte laut bei Tische in Anwesenheit vieler Personen, der allerchristlichste König solle diese Beleidigung schwer bereuen, und als der Graf von Avaux ihn um eine nähere Erklärung dieser Worte bat, weigerte er sich auf das Bestimmteste, sie zu widerrufen oder wegzuerklären. Der Streit ging so weit, daß der französische Gesandte es nicht wagen durfte, sich im Empfangzimmer der Prinzessin blicken zu lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, öffentlich beleidigt zu werden.13
Wilhelm’s Gesinnungen gegen Frankreich erklären zugleich seine ganze Politik gegen England. Sein Gemeinsinn war ein europäischer. Der Hauptgegenstand seiner Sorge war nicht unsre Insel, ja selbst sein Geburtsland nicht, sondern die große Gemeinschaft der Nationen, der die Unterjochung durch ein zu mächtiges Mitglied drohte. Wer in dem Irrthume befangen ist, ihn als einen englischen Staatsmann zu betrachten, muß nothwendig sein ganzes Leben in einem falschen Lichte erblicken und wird nicht im Stande sein, irgend einen Grundsatz, sei es ein guter oder ein schlechter, ein whiggistischer oder ein toryistischer, zu entdecken, auf den sich seine wichtigsten Thaten zurückführen ließen. Betrachten wir ihn aber als einen Mann, dessen besondere Aufgabe es war, eine Masse von schwachen, zerrissenen und entmuthigten Staaten zu einem festen und starken Bunde gegen den gemeinsamen Feind zu sammeln, betrachten wir ihn als einen Mann, in dessen Augen England namentlich deshalb wichtig war, weil ohne dasselbe die von ihm beabsichtigte große Coalition unvollständig gewesen sein würde, so werden wir zugeben müssen, daß keine langjährige Laufbahn, von der uns die Geschichte erzählt, von Anfang bis zu Ende gleichmäßiger war als die dieses großen Fürsten.14
Seine Politik durchaus consequent. Der Leitfaden, den wir jetzt besitzen, wird es uns möglich machen, ohne Schwierigkeit den wirklich consequenten, obgleich anscheinend zuweilen gewundenen Gang zu verfolgen, den er gegen unsere inneren Factionen beobachtete. Er erkannte deutlich, was übrigens auch weit weniger scharfsichtigen Leuten als er war, nicht entging, daß das Unternehmen, an dem er mit ganzer Seele hing, wahrscheinlich gelingen würde, wenn England auf seiner Seite wäre, daß der Ausgang ungewiß sein würde, wenn England neutral bliebe, und daß es hoffnungslos sein würde, wenn England handelte, wie es in den Tagen der Cabale gehandelt hätte. Nicht weniger deutlich sah er, daß zwischen der äußeren und der inneren Politik Englands ein enger Zusammenhang stattfand, daß der Regent dieses Landes, wenn er mit dem gesetzgebenden Körper harmonirte, stets einen großen Einfluß auf die Angelegenheiten der Christenheit ausüben und daß ihm offenbar daran gelegen sein mußte, der ungebührlichen Machtvergrößerung irgend eines festländischen Potentaten entgegenzuwirken; daß auf der andren Seite der Souverain, wenn der gesetzgebende Körper ihm nicht traute und ihn in seinen freien Bewegungen hemmte, in der europäischen Politik nur von geringem Gewicht sein konnte und daß dieses ganze kleine Gewicht in die falsche Wagschale fallen würde. Der erste Wunsch des Prinzen war daher: Eintracht zwischen dem Throne und dem Parlamente. Wie diese Eintracht herzustellen war und auf welcher Seite Zugeständnisse gemacht werden mußten, dies waren seiner Ansicht nach Fragen von untergeordneter Bedeutung. Allerdings würde es ihm am liebsten gewesen sein, wenn eine vollständige Aussöhnung hätte bewirkt werden können, ohne einen Buchstaben von der Prärogative zu opfern, denn er hatte an der ungeschmälerten Aufrechthaltung derselben ein anwartschaftliches Interesse, und war von Natur mindestens eben so herrschsüchtig und ein eben so großer Feind von Beschränkung, als irgend ein Stuart. Aber es gab kein Kleinod der Krone, das er nicht, selbst nachdem sie auf sein eignes Haupt gesetzt worden, bereitwilligst zum Opfer gebracht hätte, wenn er überzeugt sein konnte, daß ein solches Opfer zur Erreichung seines großen Zieles unumgänglich nöthig war. Daher empfahl er auch der Regierung in den Tagen des papistischen Complots Nachgiebigkeit, obgleich er die Heftigkeit mißbilligte, mit der die Opposition die königliche Autorität angriff. Das Verfahren der Gemeinen bezüglich der inneren Angelegenheiten, sagte er, sei höchst unverständig, aber so lange die Gemeinen unzufrieden seien, könnten die Freiheiten Europa’s nicht sicher sein und dieser überwiegenden Rücksicht müsse jede andre weichen. Nach diesen Grundsätzen handelte er, als die Ausschließungsbill die ganze Nation erschütterte. Man hat keinen Grund zu der Annahme, daß er die Opposition aufgemuntert habe, diese Bill einzubringen oder die wiederholt gemachten Vergleichsvorschläge des Thrones zurückzuweisen. Als es aber klar wurde, daß, wenn diese Bill nicht durchging, ein ernster Bruch zwischen den Gemeinen und dem Hofe entstehen mußte, sprach er deutlich, obwohl mit gebührender Mäßigung, seine Ansicht dahin aus, daß man sich um jeden Preis mit den Vertretern des Volks versöhnen müsse. Als ein heftiger und reißender Umschwung der öffentlichen Meinung die Whigpartei eine Zeit lang völlig hilflos gelassen hatte, versuchte er es sein großes Ziel auf einem andren Wege zu erreichen, der seiner Natur vielleicht besser zusagte als der vorher betretene. Die veränderte Stimmung der Nation bot wenig Aussicht dar, daß ein Parlament gewählt werden würde, das geneigt war, die Wünsche des Souverains zu durchkreuzen. Karl war eine Zeit lang Herr. Ihn zu gewinnen, war daher des Prinzen erster Wunsch. Im Sommer 1683, fast in dem Augenblicke, als die Entdeckung des Ryehousecomplots die Niederlage der Whigs und den Sieg des Königs vollständig machte, traten anderwärts Ereignisse ein, welche Wilhelm nicht ohne die größte Angst und Besorgniß mit ansehen konnte. Die türkischen Heere rückten bis an die Vorstädte Wiens heran. Die große österreichische Monarchie, auf deren Unterstützung der Prinz gerechnet hatte, schien ihrem Untergange nahe zu sein. Bentinck wurde daher schleunigst vom Haag nach London gesandt, mit dem Auftrage nichts zu versäumen, was nöthig sein konnte, um den englischen Hof zu gewinnen, und ganz besonders war er angewiesen, in den stärksten Ausdrücken den Abscheu seines Gebieters gegen die Whigverschwörung zu versichern.
Während der nächsten achtzehn Monate war einige Hoffnung, daß der Einfuß Halifax’ überwiegen und daß der Hof von Whitehall zur Politik der Tripleallianz zurückkehren werde. An diese Hoffnung klammerte sich Wilhelm mit Vorliebe an und sparte keine Mühe, um Karl günstig zu stimmen. Die gastliche Aufnahme, welche Monmouth im Haag fand, muß hauptsächlich dem ernstlichen Bestreben des Prinzen, die wirklichen Wünsche von Monmouth’s Vater zu erfüllen, zugeschrieben werden. Sobald Karl gestorben war, schlug Wilhelm in unabänderlicher Verfolgung seines Zieles wieder ein andres Verfahren ein. Er hatte Monmouth aufgenommen, um dem verstorbenen Könige zu gefallen; damit nun der gegenwärtige König keine Ursache zu Beschwerden haben sollte, wurde Monmouth fortgeschickt. Wir haben gesehen, daß beim Ausbruche des Aufstandes im Westen die in holländischen Diensten stehenden britischen Regimenter durch die thätigen Bemühungen des Prinzen auf die erste Aufforderung in ihre Heimath zurückgesandt wurden. Wilhelm erbot sich sogar, persönlich ein Commando gegen die Rebellen zu übernehmen, und daß dieses Anerbieten vollkommen aufrichtig gemeint war, kann von Niemandem, der seine vertraulichen Briefe an Bentinck gelesen hat, bezweifelt werden.15
Der Prinz gab sich zu dieser Zeit augenscheinlich der Hoffnung hin, daß der große Plan, dem in seinem Geiste alles Andre untergeordnet war, den Beifall und die Unterstützung seines Schwiegervaters erhalten werde. Der hohe Ton, den Jakob damals gegen Frankreich annahm, die Bereitwilligkeit, mit der er sich zu einem Defensivbündnisse mit den Vereinigten Provinzen verstand, und seine Geneigtheit zu einer Verbindung mit dem Hause Österreich bestärkten diese Erwartung. Aber bald verfinsterte sich der Horizont. Die Entlassung Halifax’, der Bruch zwischen Jakob und dem Parlamente, die Prorogation desselben und die ausdrückliche Erklärung, welche der König den auswärtigen Gesandten gab, daß die festländische Politik seine Aufmerksamkeit nicht länger von inneren Maßregeln zur Befestigung seiner Hoheitsrechte und zur Förderung der Interessen seiner Kirche ablenken sollte, machten der Täuschung ein Ende. Es war klar, daß England, wenn Jakob sein Beherrscher war, im Fall einer europäischen Krisis entweder unthätig bleiben oder im Einklange mit Frankreich handeln würde. Und die europäische Krisis rückte immer näher. Das Haus Österreich war durch eine Reihe von Siegen gegen fernere Gefahr von Seiten der Türkei gesichert worden und hatte daher nicht mehr nöthig, die Übergriffe und Beleidigungen Ludwig’s geduldig zu ertragen.
Vertrag von Augsburg. In Folge dessen wurde im Juli 1686 zu Augsburg ein Vertrag unterzeichnet, durch den sich die Fürsten des Reichs zum Zwecke gegenseitiger Vertheidigung eng verbanden. Die Könige von Spanien und von Schweden waren diesem Bunde ebenfalls beigetreten, der König von Spanien als Besitzer der im burgundischen Kreise liegenden Provinzen, der König von Schweden als Herzog von Pommern. Die Verbündeten erklärten, daß sie nicht die Absicht hätten irgend eine Macht anzugreifen oder irgend eine zu beleidigen, daß sie aber entschlossen seien, keine Verletzung der Rechte zu dulden, welche das deutsche Reich unter Sanction des Völkerrechts und der öffentlichen Treue besitze. Sie verpflichteten sich, einander im Falle der Noth beizustehen und bestimmten das Truppencontingent, das jedes Mitglied des Bundes stellen mußte, wenn es nöthig werden sollte, einen Angriff zurückzuweisen.16 Der Name Wilhelm’s war in dieser Urkunde nicht genannt aber Jedermann wußte, daß sie sein Werk war und sah voraus, daß er in nicht langer Zeit wieder an der Spitze einer Coalition gegen Frankreich stehen werde. Zwischen ihm und dem Vasallen Frankreichs konnte unter solchen Umständen kein herzliches Einvernehmen stattfinden. Es erfolgte zwar kein offener Bruch und kein Austausch von Drohungen oder Vorwürfen; aber Schwiegervater und Schwiegersohn waren vollständig und für immer geschieden.
Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition. Gerade zu der Zeit, als der Prinz so dem englischen Hofe entfremdet wurde, verschwanden die Ursachen, welche bisher eine Kälte zwischen ihm und den beiden großen Parteien des englischen Volks hervorgerufen hatten. Ein großer Theil, der Zahl nach vielleicht die Mehrheit der Whigs, hatte die Ansprüche Monmouth’s begünstigt, aber Monmouth existirte jetzt nicht mehr. Die Tories auf der andren Seite hatten gefürchtet, die Interessen der anglikanischen Kirche mochten unter der Leitung eines Mannes nicht sicher sein, der unter holländischen Presbyterianern aufgewachsen und dessen Ansichten über die Gewänder, die Ceremonien und die Bischöfe als latitudinarisch wohl bekannt waren; seitdem aber jener geliebten Kirche von einer ganz andren Seite weit furchtbarere Gefahren drohten, hatten diese Befürchtungen fast ihre ganze Kraft verloren. So kam es, daß beide große Parteien in dem nämlichen Augenblicke ihre Hoffnungen und ihre Liebe auf den nämlichen Führer zu richten begannen. Alte Republikaner konnten ihr Vertrauen einem Manne nicht versagen, der viele Jahre hindurch das höchste Amt einer Republik würdig bekleidet hatte, und alte Royalisten sahen ein, daß sie in Übereinstimmung mit ihren Grundsätzen handelten, wenn sie einem dem Throne so nahe gehenden Prinzen die tiefste Ehrerbietung bezeigten. Unter diesen Umständen war es von höchster Wichtigkeit, daß zwischen Wilhelm und Marien die vollkommenste Einigkeit herrschte. Eine Mißhelligkeit zwischen der präsumtiven Thronerbin und ihrem Gemahl hätte in der großen Masse, die sich von allen Seiten her um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt schaarte, eine Spaltung hervorbringen müssen. Zum Glück wurde jede Gefahr einer solchen Mißhelligkeit im entscheidenden Augenblicke durch Burnet’s Dazwischenkunft beseitigt und der Prinz wurde das unbestrittene Haupt der ganzen Partei, welche der Regierung feindlich gegenüberstand, einer Partei, welche fast die ganze Nation in sich begriff.
Es ist nicht der mindeste Grund zu der Annahme vorhanden, daß er schon um diese Zeit das große Unternehmen im Sinne hatte, zu dem ihn später die gebieterische Nothwendigkeit trieb. Er wußte sehr gut, daß die öffentliche Stimmung in England, wenn auch durch Kränkungen gereizt, doch zu einer Revolution keineswegs reif war. Gewiß würde er gern das Ärgerniß vermieden haben, das ein blutiger Streit zwischen Personen, welche durch die engsten Bande der Blutsverwandtschaft und der Verschwägerung an einander gekettet waren, nothwendig erregen mußte. Auch sein Ehrgeiz ließ es ihm nicht wünschenswerth erscheinen, die Größe, die im gewöhnlichen Laufe der Natur und des Rechts ihm zufallen konnte, einer Gewaltthätigkeit zu verdanken, denn er wußte jetzt, daß, wenn die Krone auf regelmäßigem Wege auf seine Gemahlin überging, zugleich mit derselben auch alle ihre Vorrechte ungeschmälert auf ihn selbst übergehen würden, daß sie aber, wenn sie durch eine Wahl erlangt wurde, unter den Bedingungen angenommen werden mußte, welche die Wähler zu stellen für gut fanden. Er schien daher geduldig den Tag erwarten zu wollen, wo er mit unbestrittenem Rechte die Regierung antreten konnte, und sich bis dahin darauf zu beschränken, als erster Prinz von Geblüt und als Oberhaupt der Partei, welche in der Nation entschieden das Übergewicht hatte, und die auch darauf rechnen konnte, in beiden Häusern eines zu versammelnden Parlaments entschieden zu überwiegen, einen großen Einfluß auf die englischen Angelegenheiten auszuüben.
Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor. Indessen war er bereits durch einen Rathgeber, der weniger scharfsichtig, aber ungestümer war als er selbst, gedrängt worden, einen kühneren Weg einzuschlagen. Dieser Rathgeber war der junge Lord Mordaunt. Das damalige Zeitalter hat kein erfinderischeres Genie und keinen verwegeneren Geist hervorgebracht. Aber wenn ein Plan nur glänzend war, so fragte Mordaunt selten danach, ob er auch ausführbar sein würde, sein ganzes Leben war ein wilder Roman, zusammengesetzt aus geheimnißvollen Intriguen der Politik und der Liebe, aus heftigen und schnellen Wechseln des Schauplatzes und des Glücks, und aus Siegen, welche mehr denen eines Amadis und eines Lancelot, als denen eines Luxemburg und eines Eugen glichen. Die Episoden, welche mit dieser seltsamen Lebensgeschichte verflochten waren, entsprachen ganz der Hauptintrigue. Es waren darunter nächtliche Kämpfe mit edelmüthigen Räubern und Befreiungen vornehmer und schöner Damen aus den Händen von Entführern. Nachdem sich Mordaunt durch die Beredtsamkeit und Kühnheit ausgezeichnet, mit der er im Hause der Lords gegen den Hof aufgetreten war, zog er sich bald nach der Prorogation nach dem Haag zurück und empfahl dringend eine unverzügliche Landung in England. Er bildete sich ein, es sei eben so leicht, drei große Königreiche zu überrumpeln, als es ihm lange nachher wurde, Barcellona zu nehmen.
Wilhelm verwirft den Rath. Wilhelm hörte ihn an, überlegte sich die Sache und erwiederte endlich in allgemeinen Ausdrücken, er interessire sich sehr für die englischen Angelegenheiten und werde dieselben scharf im Auge behalten.17 Was aber auch seine Absicht sein mochte, es ist nicht anzunehmen, daß er einen voreiligen und hitzköpfigen fahrenden Ritter zu seinem Vertrauten erwählt haben würde. Die beiden Männer hatten nichts mit einander gemein als persönlichen Muth, der bei ihnen bis zum fabelhaften Heroismus ging, Mordaunt wollte lediglich die Aufregung des Kampfes genießen und die Menschen in Erstaunen setzen, Wilhelm hatte beständig ein erhabenes Ziel vor Augen. Nach diesem Ziele trieb ihn eine gewaltige Leidenschaft, die ihn im Gewande einer heiligen Pflicht erschien. Auf dieses Ziel steuerte er mit einer Geduld hin, die, wie er einmal sagte, der Geduld eines Bootsführers glich, den er auf einem Kanale gegen eine widrige Strömung hatte ankämpfen sehen, der immer wieder zurückgeworfen wurde, aber nicht aufhörte zu rudern und zufrieden war, wenn er nach stundenlanger Arbeit um einige Yards vorwärts gekommen war.18 Heldenthaten, die ihn seinem Ziele nicht näher brachten, mochten sie in den Augen des großen Haufens noch so ruhmvoll sein, waren seiner Ansicht nach kindische Eitelkeiten, aber kein Theil der wahren Aufgabe des Lebens.
Er beschloß, Mordaunt’s Rath zu verwerfen und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dies ein weiser Entschluß war. Hätte Wilhelm im Jahre 1686 oder selbst 1687 das versucht, was er 1688 mit so glänzendem Erfolge unternahm, so würden zwar vielleicht auf seinen Ruf viele Whigs zu den Waffen gegriffen haben, aber er würde bald gesehen haben, daß die Nation noch nicht hinreichend vorbereitet war, um einen bewaffneten Befreier aus fremdem Lande willkommen zu heißen, und daß die Kirche noch nicht genugsam gereizt und beleidigt worden war, damit sie den Grundsatz, der seit so langer Zeit ihr Losungswort war, schon hätte vergessen haben können. Die alten Kavaliere würden sich um das königliche Banner geschaart haben und es würde wahrscheinlich in allen drei Königreichen ein eben so langer und heftiger Bürgerkrieg als der unter der vorigen Generation ausgebrochen sein. Während dieser Krieg auf den britischen Inseln wüthete, was konnte Ludwig inzwischen nicht Alles auf dem Continent versuchen? Und welche Aussichten hätte dann Holland gehabt, das von seinen Truppen entblößt und von seinem Statthalter verlassen gewesen wäre?
Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde. Wilhelm begnügte sich daher für jetzt, Maßregeln zu ergreifen, um der mächtigen Opposition, deren Oberhaupt er geworden war, Einigkeit und Lebenskraft einzuhauchen. Dies war nicht schwer. Der Fall der Hyde hatte durch ganz England eine heftige Aufregung und Entrüstung hervorgerufen. Man fühlte, daß es sich jetzt nicht mehr darum handelte, ob der Protestantismus herrschen, sondern ob er geduldet werden sollte. An die Stelle des Schatzmeisters war eine Commission getreten, deren Oberhaupt ein Papist war. Das Geheimsiegel war einem Papisten anvertraut worden und der Nachfolger des Lordlieutenants von Irland war ein Mann, der durchaus keinen andren Anspruch auf einen so hohen Posten hatte, als daß er Papist war. Tyrconnel wäre der Letzte gewesen, den eine Regierung, welcher das allgemeine Wohl des Landes am Herzen lag, nach Dublin als Stellvertreter geschickt hätte. Seine brutalen Manieren machten ihn geradezu unfähig, die Majestät der Krone zu repräsentiren. Sein beschränkter Verstand und sein heftiges Temperament machten ihn untauglich, wichtige Staatsgeschäfte zu leiten. Sein unversöhnlicher Haß gegen die Besitzer des größeren Theiles des irischen Grund und Bodens machte ihn ganz untauglich, gerade dieses Land zu verwalten. Aber die Maßlosigkeit seiner Bigotterie wurde als ein genügender Ersatz für die Maßlosigkeit seiner anderen Leidenschaften betrachtet und aus Rücksicht auf seinen Haß gegen den reformirten Glauben gestattete man ihm, seinem Hasse gegen den englischen Namen freien Lauf zu lassen. Dies war also der wirkliche Sinn der Achtung Seiner Majestät vor den Rechten der Überzeugung! Er wollte, daß sein Parlament alle den Papisten auferlegte Ausschließungen beseitigte, nur damit er gleich drückende Ausschließungen über die Protestanten verhängen konnte. Es war klar, daß unter einem solchen Fürsten Glaubensabfall der einzige Weg zur Größe sein konnte. Dennoch wagten es nur Wenige, diesen Weg einzuschlagen, denn der Geist der Nation war furchtbar aufgeregt, und jeder Renegat hatte ein solches Maß von Hohn und Verachtung zu ertragen, daß auch die verhärtetsten Naturen nicht ganz unempfindlich dagegen bleiben konnten.
Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury. Allerdings hatten erst kürzlich mehrere bemerkenswerthe Übertritte stattgefunden; aber sie waren von der Art, daß sie der römischen Kirche wenig Ehre machten. Zwei vornehme Männer hatten sich in ihren Schooß aufnehmen lassen: Heinrich Mordaunt, Earl von Peterborough und Jakob Cecil, Earl von Salisbury. Aber Peterborough, früher ein thätiger Soldat, Hofmann und Diplomat, war jetzt durch Alter und Krankheit gebeugt und wer ihn, auf einen Stock gestützt und in Flanell und Pflaster eingehüllt, durch die Gallerien von Whitehall hinken sah, tröstete sich über seinen Abfall damit, daß er seinen Glauben erst gewechselt, nachdem er seine Körper- und Geisteskräfte überlebt hatte.19 Salisbury war sprüchwörtlich albern. Sein Körper war in Folge sinnlicher Genüsse dermaßen aufgeschwollen, daß er sich fast nicht mehr bewegen konnte, und dieser träge Körper war der Wohnsitz eines eben so trägen Geistes. In populären Spottliedern war er als ein Mensch dargestellt, der dazu geschaffen war, betrogen zu werden, als ein Mensch, der bisher die Beute von Spielern gewesen und der eben so gut die Beute von Mönchen werden konnte. Ein Pasquill, das zur Zeit von Rochester’s Rücktritt an die Thür von Salisbury House am Strand angeheftet wurde, schildert in starken Ausdrücken das Entsetzen, mit dem der weise Robert Cecil, wenn er aus seinem Grabe auferstehen könnte, sehen würde, auf was für ein Geschöpf seine Würden und Ehren gekommen waren.20
Wycherley, Tindal, Haines. Dies waren im Range die höchststehenden von Jakob’s Proselyten. Außerdem gab es noch Renegaten ganz andrer Art, unbemittelte Leute von Talent, die aber keine Grundsätze und keine Spur von Ehrgefühl besaßen. Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm Wycherley, der zügelloseste und hartherzigste Schriftsteller einer ganz besonders zügellosen und hartherzigen Schule, zu diesen gehörte.21 Gewiß ist, daß Matthäus Tindal, der sich später durch seine Schriften gegen das Christenthum einen Namen machte, um diese Zeit in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen wurde, ein Schritt, den, wie man leicht denken kann, die Theologen, mit denen er nachmals polemisirte, nicht vergessen hatten.22 Ein noch ehrloserer Apostat war Joseph Haines, dessen Name jetzt so gut wie vergessen ist, der aber damals als ein Abenteurer von vielseitiger Begabung, als Gauner, Falschmünzer, falscher Zeuge, falscher Bürge, Tanzmeister, Possenreißer, Dichter und Schauspieler wohl bekannt war. Einige von seinen Prologen und Epilogen wurden von seinen Zeitgenossen viel bewundert und sein Schauspielertalent war allgemein anerkannt. Dieser Mann wurde Katholik, ging im Gefolge Castelmaine’s mit nach Italien, wurde aber bald wegen schlechter Aufführung wieder entlassen. Wenn man einer Tradition glauben darf, die sich lange im Garderobezimmer erhalten hat, so hatte Haines die Frechheit zu behaupten, daß ihm die Jungfrau Maria erschienen sei und ihn zur Buße aufgefordert habe. Nach der Revolution versuchte er es sich mit der Stadt durch eine Buße auszusöhnen, die noch skandalöser war als sein Vergehen. Eines Abends, ehe er in einer Posse auftrat, erschien er in ein weißes Betttuch gehüllt und mit einer Kerze in der Hand auf der Bühne und trug einige gottlose, unanständige Knittelverse vor, die er seinen Widerruf nannte.23
Dryden. Mit dem Namen Haines wurde in vielen Libellen der Name eines berühmteren Renegaten, Johann Dryden’s verbunden. Dryden näherte sich jetzt dem Abend seines Lebens. Nach vielen Erfolgen und vielen Enttäuschungen hatte er endlich mit allgemeiner Zustimmung die erste Stelle unter den lebenden Dichtern Englands erhalten. Er hatte größere Ansprüche auf den Dank Jakob’s als irgend ein andrer Schriftsteller des Königreichs. Doch Jakob war an Versen wenig, sehr viel aber am Gelde gelegen. Vom Tage seiner Thronbesteigung an bemühte er sich kleine Ersparnisse zu machen, welche einer Regierung den Vorwurf der Knauserei zuziehen, ohne die Finanzlast merklich zu erleichten. Zu den Opfern seiner unverständigen Sparsamkeit gehörte auch der Poeta Laureatus. Es wurde Befehl gegeben, daß in dem neuen Diplom, welches durch die Erledigung der Krone nöthig geworden war, das jährlich gespendete Faß Sect, das ursprünglich Jonson bewilligt und auch dessen Nachfolgern zugestanden worden war, weggelassen werden sollte.24 Dies war die einzige Notiz, welche der König im ersten Jahre seiner Regierung von dem gewaltigen Satiriker zu nehmen geruhte, der im kritischesten Augenblicke des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill in den Reihen der Whigs Schrecken verbreitet hatte. Dryden war arm und seine Armuth drückte ihn nieder. Von Religion wußte er wenig und kümmerte sich auch nicht darum. Wenn irgend ein Gefühl tief in seiner Brust wurzelte, so war es der Widerwille gegen die Priester jeden Glaubens, gegen Leviten, Auguren, Muftis, römisch-katholische Geistliche, presbyterianische und anglikanische Geistliche. Er war von Natur kein hochherziger Mann, und seine Bestrebungen waren nicht von der Art, daß sie seinem Sinne höhere Würde und größeres Zartgefühl verleihen konnten. Er hatte viele Jahre lang sich seinen Unterhalt dadurch erworben, daß er dem verderbten Geschmacke des Publikums diente und reichen, adeligen Gönnern auf die plumpste Manier schmeichelte. Selbstachtung und ein feines Schicklichkeitsgefühl konnte man von einem Manne, der das Leben eines Bettlers und Speichelleckers geführt hatte, nicht erwarten. Da er die Bemerkung machte, daß seine Dienste unbeachtet bleiben würden, wenn er fortführe sich einen Protestanten zu nennen, so erklärte er sich zum Papisten. Augenblicklich ließ die Knauserei des Königs nach. Dryden wurde mit einem Jahrgelde von hundert Pfund belohnt und dazu verwendet, seine neue Religion in Prosa und in Versen zu vertheidigen.
Zwei ausgezeichnete Männer, Samuel Johnson und Walter Scott, haben ihr Möglichstes gethan, um sich selbst und Andere zu überreden, daß dieser denkwürdige Glaubenswechsel aufrichtig war. Es war natürlich, daß sie einen Schandfleck von dem Gedächtnisse eines Mannes verwischen wollten, dessen Genie sie mit Recht bewunderten und mit dessen politischen Ansichten sie stark sympathisirten; der unparteiische Geschichtsschreiber aber muß ein ganz andres Urtheil aussprechen. Es wird jederzeit starker Zweifel gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung erhoben werden, durch welche der Bekehrte unmittelbar gewinnt. Und in Dryden’s Falle ist nichts vorhanden, was diesen Zweifel entkräften konnte. Seine theologischen Schriften beweisen zur Genüge, daß er sich nie fleißig und ernstlich bemüht hat, die Wahrheit zu ergründen, und daß seine Kenntniß der Kirche, die er verließ, wie auch der, zu der er übertrat, höchst oberflächlich war. Eben so wenig benahm er sich in der Folge wie ein Mann, den ein starkes Pflichtgefühl zu einem Schritte von so hochwichtiger Bedeutung bewogen hatte. Wäre er ein solcher Mann gewesen, so würde die nämliche Überzeugung, die ihn in den Schooß der römischen Kirche geführt hatte, ihn abgehalten haben, allgemeine Regeln, welche diese Kirche in Übereinstimmung mit jeder andren christlichen Gemeinschaft als bindend anerkennt, gröblich und gewohnheitsmäßig zu verletzen. Es würde ein merklicher Unterschied zwischen seinen früheren und seinen späteren Werken zu erkennen gewesen sein; er würde mit Reue auf seine fast dreißigjährige literarische Laufbahn zurückgeblickt haben, während welcher er seine seltenen Talente für die Diction und den Versbau systematisch zur Verbreitung der Sittenverderbniß angewendet hatte. Nicht eine Zeile, welche darauf hinzielte, die Tugend verächtlich zu machen und unreine Begierden zu entzünden, würde von diesem Augenblicke an mehr aus seiner Feder geflossen sein. Leider aber ist es nur zu wahr, daß die Dramen, welche er nach seiner angeblichen Bekehrung schrieb, in keiner Hinsicht weniger unrein und profan sind, als die seiner Jugend. Selbst in seinen Übersetzungen wich er beständig von den Originalen ab, um Bilder aufzusuchen, die er hätte übergehen müssen, wenn er sie in den Originalen gefunden hätte. Das Schlechte wurde durch seine Übertragungen noch schlechter, und das Unschuldige wurde durch die Berührung mit seinem Geiste befleckt. Er machte die derbsten Satiren Juvenal’s noch derber, schob in die Erzählungen Boccacio’s schlüpfrige Schilderungen ein und befleckte die liebliche und reine Poesie der Georgica mit Schmutz, der Vergil’s Ekel erregt haben würde.
Dryden’s Beistand war denjenigen römisch-katholischen Theologen willkommen, welche gegen die ausgezeichnetsten Männer der Staatskirche mit Mühe einen Kampf unterhielten. Sie konnten es sich nicht verhehlen, daß ihr durch ausländische, in Rom oder Douay aufgelesene Ausdrücke entstellter Styl der Beredtsamkeit eines Tillotson und Sherlock gegenüber eben in keinem vortheilhaften Lichte erschien. Man glaubte es nicht gering anschlagen zu dürfen, daß man die Mitwirkung des größten lebenden Meisters der englischen Sprache gewonnen hatte. Der erste Dienst, der von ihm zum Dank für die bewilligte Pension verlangt wurde, war eine in Prosa geschriebene Vertheidigung seiner Kirche gegen Stillingfleet. Aber einem Manne, der nichts zu sagen weiß, hilft das Talent, Alles gut sagen zu können, nichts, und in diesem Falle befand sich Dryden. Er sah bald ein, daß er einem Gegner, dessen ganzes Leben ein langes Studium der Polemik gewesen, nicht gewachsen war. Der langgediente Gladiator entwaffnete den Neuling, versetzte ihm mit Verachtung einige Hiebe und wendete sich dann von ihm ab, um achtunggebietenderen Kämpfern entgegenzutreten.
„The Hind and Panther.“ Jetzt griff Dryden zu einer Waffe, in der er schwerlich einen ebenbürtigen Gegner zu fürchten hatte. Er zog sich auf einige Zeit von dem Geräusch der Kaffeehäuser und Theater in einen ruhigen Winkel von Huntingdonshire zurück und schrieb dort mit ungewohnter Sorgfalt und Anstrengung sein berühmtes Gedicht über die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden Streitpunkte. Die römische Kirche ist darin bildlich als eine milchweiße Hindin dargestellt, die beständig in Lebensgefahr schwebt, aber dazu bestimmt ist, nicht zu sterben. Die Thiere des Feldes sannen auf ihr Verderben. Der zitternde (quaking) Hase beobachtete eine furchtsame Neutralität, aber der socinianische Fuchs, der presbyterianische Wolf, der independente Bär und der anabaptistische Eber schossen hämische Blicke auf das makellose Geschöpf. Unter dem Schutze ihres Freundes, des königlichen Löwen, konnte sie es indessen wagen, mit ihnen aus der nämlichen Quelle zu trinken. Die anglikanische Kirche war als Panther dargestellt, der zwar Flecken hat, aber schön, für ein Raubthier nur zu schön ist. Hindin und Panther, von der blutdürstigen Bevölkerung des Waldes in gleichem Grade gehaßt, beriethen sich im Stillen über ihre gemeinsame Gefahr. Dann gingen sie zur Discussion der Punkte über, in denen sie verschiedener Ansicht waren, und hielten, mit dem Schwanze wedelnd und sich den Bart leckend, ein langes Zwiegespräch über die wirkliche Anwesenheit Christi beim Abendmahl, über die Autorität der Päpste und Concilien, über die Strafgesetze, die Testacte, die Meineide des Oates, Buttler’s schlecht belohnte Dienste für die Kavalierpartei, Stillingfleet’s Pamphlets und Burnet’s breiten Rücken und glückliche Heirathsspekulationen.
Das Unpassende dieses Planes springt in die Augen. Die Allegorie konnte in der That nicht zehn Zeilen hintereinander ununterbrochen beibehalten werden. Keine noch so kunstvolle Ausführung konnte die Fehler eines solchen Planes verdecken. Dessenungeachtet ist die Fabel von der Hindin und dem Panther unbestreitbar der werthvollste Beitrag zu der englischen Literatur aus der kurzen und unruhigen Regierungszeit Jakob’s II. In keinem andren Werke Dryden’s finden sich ergreifendere und erhabenere Stellen, eine größere Biegsamkeit und Kraft der Sprache und ein lieblicherer und abwechselnderer Wohllaut.
Das Gedicht erschien mit allen Vortheilen ausgestattet, welche königliche Gunst gewähren konnte. Eine Prachtausgabe für Schottland wurde in der in Holyrood House errichteten Officin gedruckt. Aber die Leute waren nicht in der Stimmung, um sich von dem durchsichtigen Style und den melodischen Reimen des Apostaten bezaubern zu lassen. Der durch seine Feilheit erregte Unwille, die durch die Politik, deren Lobhudler er war, hervorgerufene Besorgniß ließen sich nicht in Schlaf singen. Die gerechte Entrüstung des Publikums wurde von Vielen, die den Stachel seines Spotts gefühlt, und von Vielen, die seinen Ruhm beneideten, angeschürt. Trotz aller Beschränkungen, denen die Presse unterlag, erschienen täglich Angriffe auf sein Leben und seine Schriften. Bald hieß er Bayes, bald der Dichter Squab. Man erinnerte ihn daran, daß er in seiner Jugend dem Hause Cromwell in der nämlichen knechtischen Weise den Hof gemacht, wie jetzt dem Hause Stuart. Ein Theil seiner Gegner druckte boshafterweise die sarkastischen Verse wieder ab, die er zu einer Zeit, wo es ihm nichts eingebracht haben würde, wenn er Papist geworden wäre, gegen den Papismus geschrieben hatte. Von den vielen satirischen Arbeiten, welche bei dieser Gelegenheit erschienen, war die gelungenste das gemeinsame Werk zweier junger Männer, welche kürzlich ihre Studien in Cambridge vollendet hatten und als vielversprechende Anfänger in den literarischen Kaffeehäusern Londons begrüßt worden waren: Karl Montague und Matthäus Prior. Montague war von adeliger Abkunft, Prior’s Ursprung aber war so dunkel, daß kein Biograph im Stande gewesen ist, demselben auf die Spur zu kommen. Beide Abenteurer waren arm und strebsam. Beide hatten einen scharfen Verstand und einen lebendigen Geist, Beide schwangen sich später hoch empor. Beide verbanden in nicht gewöhnlichem Grade mit der Liebe zu den Wissenschaften Geschicklichkeit in denjenigen Gebieten des praktischen Lebens, gegen welche die Schöngeister in der Regel einen entschiedenen Widerwillen haben. Von den funfzig Dichtern, deren Lebenslauf Johnson geschildert hat, waren Montague und Prior die beiden einzigen, die sich durch eine gründliche Kenntniß des Handels und des Finanzwesens auszeichneten. Ihre Wege gingen bald weit auseinander, und ihre Jugendfreundschaft löste sich auf. Einer von ihnen wurde das Haupt der Whigpartei und wurde von den Tories angeklagt; der Andre wurde in alle Geheimnisse der toryistischen Diplomatie eingeweiht und von den Whigs lange in strenger Haft gehalten. Endlich wurden die so lange getrennt gewesenen Freunde nach vielen ereignißvollen Jahren in der Westminster-Abtei wieder mit einander vereinigt.
Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner. Wer die Fabel von der Hindin und dem Panther aufmerksam gelesen hat, muß bemerkt haben, daß während der Bearbeitung dieses Werks in den Ansichten Derer, welche Dryden als Dolmetscher benutzten, eine große Veränderung vorging. Anfangs wird von der anglikanischen Kirche mit Liebe und Achtung gesprochen und sie wird ermahnt, sich mit der römisch-katholischen gegen die puritanischen Secten zu verbinden; am Schlusse des Gedichts aber und in der Vorrede, welche nach Vollendung des Ganzen geschrieben wurde, werden die protestantischen Dissenters aufgefordert, mit den Katholiken gemeinschaftliche Sache gegen die anglikanische Kirche zu machen.
Dieser Umschlag in der Sprache des Hofpoeten deutete auf einen großen Umschlag in der Politik des Hofes hin. Der ursprüngliche Zweck Jakob’s war gewesen, nicht allein vollständige Befreiung von allen Strafen und bürgerlichen Ausschließungen, sondern auch einen großen Antheil an den kirchlichen und akademischen Stiftungen für seine Kirche zu erlangen und zu gleicher Zeit die Gesetze gegen die puritanischen Secten mit Strenge auszuüben. Alle von ihm gewährten besonderen Dispensationen waren römischen Katholiken gewährt worden. Alle Gesetze, welche auf den Presbyterianern, Independenten und Baptisten am schwersten lasteten, hatte er eine Zeit lang mit aller Strenge durchgeführt. Während Hales ein Regiment commandirte, während Powis im Geheimen Rathe saß, während Massey eine Dechanei bekleidete, während in Oxford mit königlicher Genehmigung Breviarien und Meßbücher gedruckt wurden, während in London die Hostie unter dem Schutze der Piken und Musketen der Fußgarde öffentlich ausgestellt wurde, während Ordensbrüder und Mönche in ihren Kutten in den Straßen von London einhergingen, saß Baxter im Gefängniß, war Howe in der Verbannung, standen die Fünfmeilenacte und die Conventikelacte in voller Kraft, mußten die puritanischen Schriftsteller zur ausländischen oder geheimen Pressen ihre Zuflucht nehmen, konnten puritanische Gemeinden sich nur des Nachts oder in abgelegenen Einöden versammeln, mußten puritanische Geistliche in Kohlengräber- oder Matrosenverkleidung predigen. In Schottland hatte der König neue Gesetze von beispielloser Härte gegen die Presbyterianer von den Ständen verlangt und erhalten, während er keine Anstrengung sparte, ihnen jede Erleichterung für die Katholiken abzupressen. Sein Verfahren gegen die verbannten Hugenotten hatte seine Gesinnungen nicht minder deutlich verrathen. Wir haben gesehen, wie er, als die öffentliche Mildthätigkeit eine große Summe zur Unterstützung dieser Unglücklichen in seine Hände gelegt, allen Gesetzen der Gastfreundschaft und der Rechtschaffenheit zum Hohn von ihnen verlangte, daß sie dem calvinistischen Ritual, dem sie mit großer Liebe anhingen, entsagen und sich der anglikanischen Kirche anschließen müßten, ehe er ihnen das Geringste von den seiner Verwaltung anvertrauten Gaben spenden könnte.
Dies war seine Politik gewesen, so lange er noch einigermaßen hoffen konnte, daß die anglikanische Kirche einwilligen werde, die Herrschaft mit der römischen Kirche zu theilen. Einmal stieg diese Hoffnung zur festen Überzeugung. Die Begeisterung, mit der die Tories seinen Regierungsantritt begrüßt hatten, die Wahlen, die demüthige Sprache und die reichen Geldbewilligungen seines Parlaments, die Unterdrückung des Aufstandes im Westen, die völlige Vernichtung der Partei, die ihn vom Throne hatte ausschließen wollen, dies Alles steigerte seine Zuversicht bis über die Grenzen der Vernunft. Er glaubte fest, daß seiner Macht und seiner Entschlossenheit jedes Hinderniß weichen werde. Sein Parlament leistete ihm Widerstand. Er versuchte die Wirkung von ungnädigen Blicken und Drohungen, und da er mit diesen nichts erreichte, versuchte er es mit der Prorogation. Aber von dem Augenblicke der Prorogation an wurde der Widerstand gegen seine Pläne immer stärker und stärker. Es schien klar, daß, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, er ihn im Widerspruch mit der großen Partei durchsetzen mußte, die seinem Throne, seinem Hause und seiner Person so glänzende Beweise von Treue gegeben hatte. Die ganze anglikanische Geistlichkeit, die ganze Kavaliergentry war gegen ihn. Vergebens hatte er kraft seines kirchlichen Supremats dem Klerus anbefohlen, sich jeder Erörterung von Streitpunkten zu enthalten. Jede Gemeinde der Nation wurde allsonntäglich gegen die Irrthümer Roms gewarnt, und diese Warnungen waren um so wirksamer, weil sie stets mit Versicherungen der Ehrerbietung gegen den König und des Entschlusses, Alles mit Geduld zu ertragen, was ihm zu verhängen belieben werde, verbunden waren. Die royalistischen Ritter und Squires, welche durch fünfundvierzig Jahre des Kriegs und der Parteiwuth dem Throne mannhaft zur Seite gestanden hatten, sprachen jetzt in sehr nachdrücklichen Worten den Entschluß aus, daß sie eben so mannhaft zur Kirche halten würden. Trotz seines beschränkten Verstandes und seines despotischen Characters sah Jakob nun doch ein, daß er sein Verfahren ändern müsse. Er konnte es ohne Gefahr nicht wagen, alle seine protestantischen Unterthanen zugleich zu beleidigen. Wenn er es über sich gewinnen konnte, der Partei, welche in beiden Häusern das Übergewicht hatte, Zugeständnisse zu machen, wenn er sich entschließen konnte, der Staatskirche alle ihre Würden, Einkünfte und Privilegien zu lassen, so mochte er auch fernerhin presbyterianische Versammlungen verbieten und die Gefängnisse mit baptistischen Predigern füllen. Blieb er aber dabei, die Hierarchie zu plündern, so mußte er sich entschließen, dem Vergnügen, die Dissenters zu verfolgen, zu entsagen. Wollte er von nun an mit seinen alten Freunden in Fehde leben, so mußte er mit seinen alten Feinden einen Waffenstillstand schließen. Er konnte die anglikanische Kirche nur dadurch bezwingen, daß er eine umfassende Coalition gegen sie bildete, welche Secten in sich schloß, die zwar in Lehre und Verfassung von einander selbst viel stärker abwichen als von ihr, aber doch durch ihre gemeinsame Eifersucht auf ihre Größe und durch die gemeinsame Furcht vor ihrer Unduldsamkeit bewogen werden konnten, ihre Feindseligkeiten so lange ruhen zu lassen, bis jene Kirche die Macht verloren hatte, sie zu tyrannisiren.
Ein Grund schien besonders für diesen Plan zu sprechen. Wenn es ihm nur gelang, die protestantischen Nonconformisten zu gewinnen, so durfte er sich mit der Hoffnung schmeicheln, vor jeder Rebellion sicher zu sein. Nach der Ansicht der anglikanischen Geistlichen konnte keine Kränkung irgend welcher Art einen Unterthanen berechtigen, den Gesalbten des Herrn gewaltsamen Widerstand zu leisten. Die Theorie der puritanischen Sectirer lautete ganz anders. Diese Sectirer trugen kein Bedenken, Tyrannen mit dem Schwerte Gideon’s zu Boden zu schlagen, und manche von ihnen scheuten sich auch nicht, den Dolch Ehud’s zu gebrauchen. Wahrscheinlich sannen sie eben jetzt wieder auf einen neuen westlichen Aufstand oder auf ein neues Ryehousecomplot. Jakob glaubte daher, daß er getrost die Staatskirche verfolgen könnte, wenn es ihm nur gelang, die Dissenters zu gewinnen. Die Partei, deren Grundsätze ihm keine Sicherheit gewährten, war dann durch das Interesse an ihn gefesselt, und die Partei, deren Interessen er angriff, erregte aus Grundsatz keinen Aufruhr.
Unter dem Einflusse solcher Erwägungen begann Jakob von dem Augenblicke an, als er sich zornig von seinem Parlament trennte, auf eine Coalition aller katholischen wie protestantischen Nonconformisten gegen die Landeskirche zu denken. Schon um Weihnachten 1685 meldeten die Gesandten der Vereinigten Provinzen den Generalstaaten, daß der Plan einer allgemeinen Duldung entworfen sei und bald ans Licht treten werde.25 Indessen erwiesen sich die Nachrichten, welche der holländischen Gesandtschaft zugekommen waren, als verfrüht. Die Separatisten scheinen jedoch im Jahre 1686 schon viel milder behandelt worden zu sein, als während des Jahres 1685. Aber nur ganz allmälig und nach vielen inneren Kämpfen vermochte es der König über sich, mit Allem, was er am meisten verabscheute, ein Bündniß zu schließen. Er hatte einen nicht oberflächlichen und launenhaften, nicht erst kürzlich entstandenen oder rasch aufgeschossenen, sondern in seiner Familie erblichen Groll zu überwinden, welcher durch große, während hundertzwanzig ereignißvoller Jahre zugefügte und erlittene Unbilden verstärkt worden und mit allen seinen religiösen und politischen, häuslichen und persönlichen Gefühlen verwachsen war. Vier Generationen von Stuarts hatten mit vier Generationen von Puritanern einen Krieg auf Leben und Tod geführt, und während dieses ganzen langen Krieges hatte kein Stuart die Puritaner so stark gehaßt, und war so stark von ihnen gehaßt worden, als er. Sie hatten es versucht, seine Ehre zu untergraben und ihn seines Geburtsrechts zu berauben; sie hatten ihn einen Brandstifter, einen Kehlabschneider und einen Giftmischer genannt; sie hatten ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe verdrängt; sie hatten ihn zu wiederholten Malen in die Verbannung getrieben, sie hatten einen Mordanschlag auf ihn gemacht, und sie hatten sich zu Tausenden mit bewaffneter Hand gegen ihn erhoben. Dafür hatte er sich an ihnen durch ein Gemetzel gerächt, wie es England noch nie gesehen. Ihre Köpfe und Glieder verwesten noch auf Pfählen auf allen öffentlichen Plätzen von Somersetshire und Dorsetshire. Bejahrte Frauen, die wegen ihrer Frömmigkeit und Mildthätigkeit von den Sectirern in hohen Ehren gehalten wurden, waren um geringfügiger Vergehen willen, die kein guter Fürst nur eines strengen Verweises werth gehalten haben würde, enthauptet oder lebendig verbrannt worden. In einem solchen Verhältnisse hatte selbst in England der König zu den Puritanern gestanden, und in Schottland hatte die Tyrannei des Königs und die Wuth der Puritaner einen Grad erreicht, von dem sich die Engländer kaum einen Begriff machen konnten. Einen so langjährigen und so tödtlichen Haß zu vergessen, war für einen ganz besonders harten und unversöhnlichen Character keine leichte Aufgabe.
Der Kampf, der im Innern des Königs stattfand, entging dem Blicke Barillon’s nicht. Ende Januar 1687 schrieb er einen interessanten Brief nach Versailles. Der König — dies war der wesentliche Inhalt des Schreibens — habe sich so ziemlich überzeugt, daß er nicht völlige Freiheit für die römischen Katholiken erlangen und dabei doch die Gesetze gegen die protestantischen Dissenters aufrecht erhalten könne. Er neige sich daher zu einem Plane allgemeiner Indulgenz hin, im Herzen aber würde es ihm weit lieber sein, wenn er auch jetzt noch seinen Schutz und seine Gunst zwischen der römischen und der anglikanischen Kirche, mit Ausschluß aller anderen religiösen Überzeugungen, theilen könnte.26
In Schottland theilweise Duldung gewährt. Wenige Tage nach dem Abgang dieser Depesche that Jakob zögernd und widerstrebend den ersten Schritt zur Annäherung an die Puritaner. Er hatte sich entschlossen, mit Schottland zu beginnen, wo seine Befugniß, von Parlamentsacten zu dispensiren, von den willfährigen Ständen anerkannt war. Demgemäß wurde am 12. Februar in Edinburg eine Proklamation erlassen, welche ängstlichen Gewissen eine Erleichterung gewährte.27 Diese Proklamation beweist vollkommen die Richtigkeit von Barillon’s Urtheil. Selbst in der Acte, durch die er den Presbyterianern Zugeständnisse machte, konnte Jakob seinen Widerwillen gegen sie nicht verhehlen. Die den Katholiken gewährte Duldung war vollkommen. Auch die Quäker hatten wenig Ursache sich zu beklagen. Aber die den Presbyterianern, welche die Hauptmasse des schottischen Volks bildeten, bewilligte Indulgenz war durch Bedingungen beschränkt, die sie fast werthlos machten. An die Stelle des bisherigen Religionseides, der sowohl Katholiken als Presbyterianer von Staatsämtern ausschloß, war ein neuer Religionseid gesetzt, der die Katholiken zuließ, aber die meisten Presbyterianer ausschloß. Den Katholiken war es erlaubt, Kapellen zu erbauen und sogar die Hostie überall, mit Ausnahme der Straßen in königlichen Burgflecken, in Prozession umherzutragen; den Quäkern war es gestattet, sich in öffentlichen Gebäuden zu versammeln; die Presbyterianer aber durften nur in Privatwohnungen Gottesdienst halten; es war ihnen streng verboten, Bethäuser zu bauen, sie durften nicht einmal eine Scheune oder ein Nebenhaus zu Andachtsübungen benutzen, und es ward ihnen nachdrücklich eingeschärft, daß, wenn sie es wagten, Conventikel unter freiem Himmel zu hatten, das Gesetz, welches sowohl den Predigern als den Zuhörern mit dem Tode drohte, mit schonungsloser Strenge angewendet werden sollte. Jeder katholische Priester durfte Messe lesen, jeder Quäker durfte vor seinen Glaubensbrüdern Reden halten; aber der Geheime Rath war angewiesen, darüber zu wachen, daß kein presbyterianischer Geistlicher sich unterfange, ohne specielle Erlaubniß der Regierung zu predigen. Jede Zeile dieses Dokuments und der dasselbe begleitenden Briefe beweist, wie schwer es dem Könige wurde, nur einigermaßen die Härte zu mildern, mit der er die alten Feinde seines Hauses von jeher behandelt hatte.28
Man hat wirklich Grund zu glauben, daß er bei Veröffentlichung dieser Proklamation noch keineswegs zu einer Coalition mit den Puritanern fest entschlossen war und daß er ihnen zuvörderst nur eben so viele Begünstigungen gewähren wollte, als durchaus nöthig waren, um die Anhänger der Landeskirche durch Einschüchterung zum Gehorsam zu bringen. Er wartete daher einen Monat, um zu sehen, welchen Eindruck das in Edinburg erlassene Edict in England machen werde. Diesen Monat verwendete er auf Petre’s Rath eifrig zu dem, was man closeting29 nannte.
Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet. London war voll von geeigneten Persönlichkeiten. Man erwartete die baldige Zusammenberufung des Parlaments zur Erledigung von Geschäften, und viele Mitglieder waren bereits in der Stadt. Der König nahm sich vor, sie Mann für Mann zu werben. Er hoffte, daß die eifrigen Tories — und aus solchen bestand das Unterhaus mit wenigen Ausnahmen — seinen dringenden Bitten schwer würden widerstehen können, wenn er dieselben nicht an die Gesammtheit, sondern an jeden Einzelnen, und nicht vom Thronsessel herab, sondern im vertraulichen Gespräch an sie richtete. Die Mitglieder, welche nach Whitehall kamen, um ihre Aufwartung zu machen, wurden demnach auf die Seite genommen und mit langen Privatunterredungen beehrt. Der König drang in sie, daß sie, als loyale Gentlemen, ihm nur in dem einem Punkte, der ihm mehr als alles Andre am Herzen liege, den Willen thun möchten. Er meinte, die Sache berühre seine persönliche Ehre. Die unter der vorigen Regierung von factiösen Parlamenten gegen die Katholiken erlassenen Verordnungen seien lediglich gegen ihn selbst gerichtet gewesen; diese Gesetze hätten ihm ein Brandmal aufgedrückt, ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe vertrieben, und er sei berechtigt, zu erwarten, daß Alle, die ihn liebten und ehrten, sich zur Abschaffung jener Gesetze vereinigen würden. Sah er, daß seine Zuhörer gegen diese Ermahnungen taub blieben, so nahm er seine Zuflucht zu Drohungen und Bestechungen. Denjenigen, die sich weigerten, ihm in dieser Angelegenheit zu Willen zu sein, wurde geradezu gesagt, daß sie keine Gunstbezeigung zu erwarten hätten. Trotz seiner Knauserei öffnete und vertheilte er seine Schätze. Mehrere von Denen, die zu einer Conferenz mit ihm eingeladen worden waren, nahmen aus seinem Schlafzimmer Geld mit fort, das sie aus königlicher Hand empfangen hatten. Die Richter, die sich gerade auf ihrer Frühjahrsrundreise befanden, erhielten Befehl vom Könige, die noch in der Provinz zurückgebliebenen Mitglieder zu besuchen und die Gesinnungen jedes Einzelnen zu erforschen.
Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung. Das Resultat aller dieser Nachforschungen war, daß die große Majorität des Hauses der Gemeinen entschlossen zu sein schien, sich den Maßregeln des Hofes zu widersetzen.30 Einer von Denjenigen, deren Festigkeit allgemeine Bewunderung erregten, war Arthur Herbert, der Bruder des Oberrichters, Parlamentsmitglied für Dover, Kammerherr und Contreadmiral von England.
Admiral Herbert. Arthur Herbert war bei den Seeleuten sehr beliebt und galt für einen der tüchtigsten adeligen Marineoffiziere. Man hatte allgemein vermuthet, daß er sich den Wünschen des Königs bereitwillig fügen werde, denn er fragte wenig nach der Religion, war vergnügungslustig und verschwenderisch, hatte kein Privatvermögen, bezog aus seinen Stellen ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund und wurde seit langer Zeit zu den ergebensten persönlichen Anhängern Jakob’s gerechnet. Als aber der Contreadmiral im Privatkabinet vorgenommen und das Versprechen von ihm verlangt wurde, daß er für die Aufhebung der Testacte stimmen wolle, antwortete er, seine Ehre und sein Gewissen erlaubten ihm nicht, ein solches Versprechen zu geben. „Niemand zweifelt an Ihrer Ehre“, sagte der König, „aber ein Mann, der so lebt wie Sie, sollte nicht von seinem Gewissen sprechen.“ Auf diesen Vorwurf, einen Vorwurf, der dem Geliebten der Katharine Sedley übel anstand, erwiederte Herbert mit männlicher Offenheit: „Ich habe meine Fehler, Sire, aber ich könnte Leute nennen, welche viel häufiger von ihrem Gewissen sprechen als ich und dabei ein eben so lockeres Leben führen.“ Er wurde aller seiner Stellen entsetzt und die Rechnung über seine Ausgaben und Einnahmen als Kammerherr wurden mit großer und, wie er klagte, ungerechter Strenge geprüft.31
Es war jetzt augenscheinlich, daß jede Hoffnung auf ein Bündnis zwischen der anglikanischen und römischen Kirche zu dem Zwecke, die Ämter und Einnahmen unter sich zu theilen und die puritanischen Secten zu unterdrücken, aufgegeben werden mußte. Es blieb weiter nichts übrig, als der Versuch, eine Koalition zwischen der römischen Kirche und den puritanischen Secten gegen die anglikanische Kirche zu Stande zu bringen.
Die Indulgenzerklärung. Am 18. März kündigte der König dem Geheimen Rathe an, daß er beschlossen habe, das Parlament bis Ende November zu prorogiren und allen seinen Unterthanen aus eigner Machtvollkommenheit völlige Gewissensfreiheit zu gewähren.32 Am 4. April erschien die denkwürdige Indulgenzerklärung.
In dieser Erklärung sagte der König, es sei sein innigster Wunsch, seine Unterthanen als Mitglieder derjenigen Kirche zu sehen, der er selbst angehöre. Da dies aber nicht sein könne, erkläre er, daß es seine Absicht sei, sie in der freien Ausübung ihrer Religion zu schützen. Er wiederholte alle die schönen Redensarten, welche acht Jahre früher, als er selbst ein Unterdrückter war, so oft aus seinem Munde kamen, die er aber nicht mehr gebrauchte, seitdem ein Wechsel des Glücks ihm die Macht verliehen hatte, selbst ein Unterdrücker zu werden. Er sei schon längst überzeugt, sagte er, daß man dem Gewissen keinen Zwang anthun dürfe, daß Verfolgungen der Zunahme der Bevölkerung und dem Handel nachtheilig seien und nie zu dem Zwecke führten, den die Verfolger erreichen wollten. Er wiederholte das schon oft gegebene und eben so oft gebrochene Versprechen, daß er die Staatskirche im Genusse ihrer gesetzlichen Rechte schützen wolle. Hierauf erklärte er, ebenfalls aus eigner Machtvollkommenheit, eine lange Reihe von Gesetzen für null und nichtig, hob alle Strafbestimmungen gegen alle Klassen von Nonconformisten auf, ermächtigte die römischen Katholiken wie auch die protestantischen Dissenters, ihren Gottesdienst öffentlich zu halten, verbot seinen Unterthanen bei Strafe seines allerhöchsten Mißfallens, irgend eine religiöse Versammlung zu stören, und schaffte auch alle diejenigen Gesetze ab, welche die Befähigung zu bürgerlichen und militairischen Ämtern von einem Religionseide abhängig machten.33