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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band

Geschichte von England (continued 5)

Wilhelm Beseler translation

Auf der andren Seite hingegen standen fast alle ausgezeichneten juristischen Talente der damaligen Zeit. Sawyer und Finch, welche beim Regierungsantritt Jakob’s Fiskal und Prokurator gewesen waren, und die während der Verfolgung der Whigs unter der vorigen Regierung der Krone mit nur zu großem Eifer und zu glücklichem Erfolge gedient hatten, befanden sich unter den Vertheidigern der Angeklagten. Ihnen zur Seite standen zwei Männer, welche, seit Maynard’s Thätigkeit durch sein vorgerücktes Alter vermindert worden war, für die beiden besten Juristen galten: Pemberton, der zur Zeit Karl’s II. Oberrichter der Kings Bench gewesen, wegen seiner Menschlichkeit und Mäßigung aber dieses hohen Postens entsetzt worden und deshalb wieder zur advokatorischen Praxis zurückgekehrt war, und Pollexfen, der lange die Assisen im Westen geleitet und von dem man, obgleich er sich bei den blutigen Assisen durch Annahme von Aufträgen für die Krone und besonders durch sein Auftreten gegen Alice Lisle sehr unpopulär gemacht hatte, dennoch wußte, daß er im Herzen ein Whig, wenn nicht gar ein Republikaner war. Ferner war dabei Sir Creswell Levinz, ein Mann von gründlichen Kenntnissen und reichen Erfahrungen, aber von auffallend ängstlichem Wesen. Er war einige Jahre vorher von der Richterbank entfernt worden, weil er sich nicht hatte entschließen können, den Zwecken der Regierung zu dienen. Jetzt scheute er sich wieder, als Vertheidiger der Bischöfe aufzutreten und hatte sich zuerst geweigert, ihnen seine Dienste zu widmen; aber die ganze Corporation der Gerichtsadvokaten, die ihn beschäftigten, hatten ihm erklärt, daß wenn er diesen Auftrag zurückwiese, er nie wieder einen erhalten sollte122.

Sir Georg Treby, ein reichbegabter und eifriger Whig, der unter der alten städtischen Verfassung Syndikus von London gewesen war, stand auf der nämlichen Seite. Sir Johann Holt, ein noch ausgezeichneterer whiggistischer Advokat, wurde wahrscheinlich deshalb, weil Sancroft gegen ihn eingenommen war, nicht mit zur Vertheidigung berufen, war aber vom Bischof von London privatim um Rath gefragt worden123. Der jüngste Rechtsbeistand der Bischöfe war ein junger Advokat, Namens Johann Somers. Er war weder durch hohe Geburt noch durch Vermögen begünstigt und hatte auch noch keine Gelegenheit gehabt, sich öffentlich auszuzeichnen, aber sein Genie, sein Fleiß und sein vielseitiges großes Talent waren einem kleinen Kreise von Freunden wohl bekannt, und sein gründliches, klares System der Beweisführung, sowie sein jederzeit taktvolles Benehmen hatten ihm trotz seiner whiggistischen Ansichten die Aufmerksamkeit des Gerichtshofes der Kings Bench bereits gesichert. Johnstone hatte den Bischöfen eindringlich vorgestellt, wie wichtig es sei, seinen Beistand zu gewinnen, und Pollexfen sollte erklärt haben, daß Niemand in Westminsterhall zur Behandlung einer geschichtlichen und die Verfassung berührenden Frage so befähigt sei, als Somers.

Die Jury wurde vereidigt; sie bestand aus Männern, welche sehr geachtete Stellungen in der Gesellschaft einnahmen. Der Vormann war Sir Roger Langley, ein Baronet von alter und angesehener Familie. Ihm zur Seite stand ein Ritter und zehn Esquires, von denen mehrere sehr vermögend waren. Es befanden sich einige Nonconformisten unter ihnen, denn die Bischöfe hatten wohlweislich beschlossen, kein Mißtrauen gegen die protestantischen Dissenters zu zeigen. Ein Name jedoch erregte große Besorgniß, der Name Michael Arnold’s. Er war Hofbrauer und man fürchtete, daß die Regierung auf seine Stimme rechnen könne. Es wird erzählt, daß er sich bitter über die Stellung beklagt habe, in die er versetzt war. „Was ich auch thun mag,“ soll er geäußert haben, „so habe ich die Gewißheit, halb ruinirt zu werden. Sage ich Nichtschuldig, so werde ich nicht mehr für den König brauen; sage ich Schuldig, so werde ich für niemand Andren mehr brauen“.124

So begann denn die gerichtliche Verhandlung, die, selbst wenn man sie nach Verlauf von mehr als anderthalb Jahrhunderten mit kaltem Blute liest, das ganze Interesse eines Drama’s hat. Die Advokaten stritten auf beiden Seiten mit einer mehr als berufsmäßigen Schärfe und Heftigkeit, das anwesende Publikum hörte mit so gespannter Aufmerksamkeit zu, als hätte das Schicksal jedes Einzelnen von dem Ausspruche der Geschwornen abgehangen, und die Aussichten auf den Sieg wechselten so plötzlich und so ergreifend, daß die Menge zu wiederholten Malen in der nämlichen Minute von der größten Angst zur lebhaftesten Freude und umgekehrt von der lebhaftesten Freude zu noch größerer Angst übersprang.

Die Anklage beschuldigte die Bischöfe, in der Grafschaft Middlesex ein falsches, böswilliges und aufrührerisches Libell geschrieben oder veröffentlicht zu haben. Der Generalfiskal und der Staatsprokurator versuchten zuvörderst den Beweis zu führen, daß die Angeklagten das Libell unterschrieben hatten. Zu dem Ende wurden mehrere Personen aufgefordert, die Handschriften der Bischöfe zu recognosciren. Aber die Zeugen thaten dies mit solcher Unlust, daß kaum einem von ihnen eine klare und deutliche Antwort zu entlocken war. Pemberton, Pollexfen und Levinz behaupteten, daß keine genügenden Beweise vorhanden seien, die der Jury vorgelegt werden könnten; zwei von den Richtern, Holloway und Powell, traten dieser Ansicht bei, und die Hoffnung der Zuschauer stieg bedeutend. Da erklärten plötzlich die Kronanwälte, daß sie einen andren Weg einzuschlagen gedächten. Powis führte mit unverkennbarer Beschämung und Widerstreben einen Sekretär des Geheimen Raths, Namens Blathwayt, der zugegen gewesen war, als der König die Bischöfe verhörte, in die Zeugenloge ein. Blathwayt versicherte eidlich, daß er gehört habe, wie sie ihre Unterschriften selbst anerkannt hätten. Dieses Zeugniß war entscheidend. „Warum haben Sie,“ sagte der Richter Holloway zu dem Fiskal, „da Sie einen solchen Zeugen hatten, ihn nicht sogleich vorgeführt? es wäre dadurch viel unnöthiger Zeitverlust erspart worden.“ Es ergab sich bald, warum der Kronanwalt sich nur höchst ungern durch die dringendste Nothwendigkeit hatte bestimmen lassen, zu diesem Beweismittel zu greifen. Pemberton hielt Blathwayt zurück, unterwarf ihn einem umständlichen Verhör und verlangte eine genaue Erzählung alles dessen, was zwischen dem Könige und den Angeklagten vorgegangen sei. „Das wäre etwas ganz Neues!“ rief Williams. „Glauben Sie,“ sagte Powis, „daß Sie ein Recht dazu haben, an unsere Zeugen jede impertinente Frage zu richten, die Ihnen in den Sinn kommt?“ Die Advokaten der Bischöfe waren jedoch nicht die Männer, die sich so leicht werfen ließen. „Er ist darauf vereidigt,“ sagte Pollexfen, „die Wahrheit, die ganze Wahrheit zu sagen; wir wollen und müssen eine Antwort haben.“ Der Zeuge wurde verlegen, gab ausweichende Antworten, wollte die Fragen nicht richtig verstanden haben und bat um den Schutz des Gerichtshofes; aber er war in Händen, aus denen nicht leicht wieder loszukommen war. Endlich schlug der Generalfiskal sich wieder ins Mittel. „Wenn Sie durchaus auf Ihrer Forderung bestehen,“ hob er an, „so sagen Sie uns wenigstens, welchen Gebrauch Sie von der Antwort zu machen gedenken.“ Pemberton, der während der ganzen Verhandlung seine Pflicht muthig und geschickt erfüllte, erwiederte ohne Besinnen: „Mylords, ich will dem Herrn Generalfiskal antworten, ich will offen mit dem Gerichtshofe reden. Wenn die Bischöfe sich unter dem Versprechen von Seiten Seiner Majestät, daß ihr Geständniß nicht gegen sie angewendet werden solle, zu dieser Schrift bekannten, so wird man sich hoffentlich nicht eines unredlichen Vortheils gegen sie bedienen.“ — „Sie erheben eine Beschuldigung gegen Seine Majestät, die ich kaum auszusprechen wage,“ sagte Williams; „da Sie es so genau nehmen, dann verlange ich auch für den König, daß die Frage zu Protokoll genommen wird.“ — „Was meinen Sie damit?“ fragte jetzt Sawyer. „Ich weiß, was ich meine,“ antwortete der Apostat, „ich verlange, daß die Frage vor Gericht zu Protokoll genommen wird.“ — „Nehmen Sie zu Protokoll, was Sie wollen, Herr Prokurator, ich fürchte Sie nicht,“ sagte Pemberton. Es folgte nun ein lauter und heftiger Wortwechsel, den der Oberrichter nur mit Mühe beschwichtigen konnte. In jedem andren Falle hätte er die Frage ohne Zweifel zu Protokoll nehmen und Pemberton verhaften lassen. Aber an diesem wichtigen Tage wagte er dies nicht. Er warf oft einen Seitenblick auf die dichten Reihen der Earls und Barone, die ihn scharf beobachteten und die ihn beim nächsten Parlamente zur Rechenschaft ziehen konnten. Ein Anwesender meinte nachher, es habe ausgesehen, als ob alle zuhörenden Peers Stricke in der Tasche gehabt hätten.125 Blathwayt wurde endlich gezwungen, über den ganzen Vorgang einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Es stellte sich heraus, daß der König den Bischöfen gegenüber keine ausdrückliche Verpflichtung eingegangen war; ebenso aber ergab es sich auch, daß die Bischöfe wohl Grund hatten, eine stillschweigende Zusage anzunehmen. Aus dem Widerstreben, mit dem die Kronanwälte den Sekretär des Geheimraths in die Zeugenloge einführten und aus der Heftigkeit, mit der sie sich Pemberton’s Kreuzfragen widersetzten, geht klar hervor, daß sie der nämlichen Ansicht waren.

Die Handschrift war jedoch bewiesen. Aber jetzt wurde ein neuer und ernster Einwand erhoben. Der Beweis, daß die Bischöfe das gesetzwidrige Libell geschrieben hatten, war nicht genügend; es mußte auch bewiesen werden, daß sie es in der Grafschaft Middlesex geschrieben hatten. Allein dies konnten der Fiskal und der Prokurator nicht nur nicht beweisen, sondern die Angeklagten waren sogar im Stande, das Gegentheil zu beweisen, denn Sancroft hatte von dem Augenblicke an, wo der Geheimrathsbefehl erschien, bis zu dem Augenblicke, wo die Petition dem Könige überreicht wurde, seinen Palast in Lambeth nicht verlassen. Die ganze Anklage fiel daher in sich selbst zusammen und das Publikum erwartete mit großer Freude eine vollständige Freisprechung.

Die Kronjuristen änderten nun abermals ihre Taktik, ließen die Anklage auf Abfassung eines Libells ganz fallen und unternahmen es, zu beweisen, daß die Bischöfe in Middlesex ein Libell veröffentlicht hätten. Das war nicht leicht. Die Überreichung der Petition an den König war in den Augen des Gesetzes unzweifelhaft eine Veröffentlichung. Aber wie war diese Überreichung zu beweisen? Es war bei der Audienz im königlichen Kabinet außer dem Könige und den Angeklagten Niemand zugegen gewesen. Den König konnte man nicht wohl als Zeugen vereidigen. Das Factum der Veröffentlichung konnte also nur durch das Eingeständniß der Angeklagten constatirt werden. Blathwayt wurde noch einmal vernommen, aber vergebens. Er sagte, er erinnere sich wohl, daß die Bischöfe ihre Unterschriften anerkannt, nicht aber, daß sie das auf dem Tische des Geheimen Raths liegende Papier als das nämliche anerkannt hätten, welches sie dem Könige überreichten, noch daß sie überhaupt über diesen Punkt befragt worden waren. Mehrere andere Beamte, die im Geheimrathszimmer zugegen gewesen waren, wurden aufgerufen, unter ihnen Samuel Pepys, Sekretär der Admiralität; aber keinem von ihnen war es erinnerlich, daß von der Überreichung irgend die Rede gewesen sei. Williams bemühte sich vergebens, sie durch verfängliche Fragen zu dem gewünschten Zeugnisse zu verleiten, bis endlich die Rechtsanwälte der Gegenpartei erklärten, daß ein solches Drehen und Wenden noch an keinem Gerichtshofe vorgekommen sei, und Wright selbst zugestehen mußte, daß die Vernehmungsweise des Generalprokurators allen Regeln zuwider sei. Da ein Zeuge nach dem andren verneinend antwortete, wiederhallte der ganze Saal von lautem Gelächter und triumphirendem Jubel, welche zum Schweigen zu bringen die Richter gar nicht versuchten.

Der harte Kampf schien endlich gewonnen zu sein; für die Krone war nichts mehr vorzubringen. Hätten die Anwälte der Bischöfe nun geschwiegen, so war die Freisprechung gewiß, denn es war nichts ausgesagt worden, was auch der parteiischeste und gewissenloseste Richter einen rechtskräftigen Beweis für die Veröffentlichung hätte nennen kennen. Der Oberrichter schickte sich bereits an, den Geschwornen das Resumé vorzulegen und er würde sie ohne Zweifel angewiesen haben, die Angeklagten freizusprechen, als Finch, der zu aufgeregt war, um mit gehöriger Besonnenheit handeln zu können, noch auftrat und gehört zu werden verlangte. „Wenn Sie gehört sein wollen,“ sagte Wright, „so können wir Sie nicht hindern zu sprechen; aber ich muß Ihnen bemerken, daß Sie Ihren eigenen Vortheil nicht erkennen.“ Die anderen Vertheidiger bewogen Finch, sich wieder niederzusetzen und baten den Oberrichter fortzufahren. Eben wollte er dies auch thun, da kam ein Bote an den Generalprokurator mit der Nachricht, daß Lord Sunderland die Veröffentlichung beweisen könne und sogleich im Gerichtssaal erscheinen werde. Wright bemerkte den Vertheidigern in ziemlich spitzigem Tone, daß sie sich diese neue Wendung der Dinge lediglich selbst zuzuschreiben hätten. Die Gesichtszüge der versammelten Zuschauer verfinsterten sich; Finch war einige Stunden lang der unpopulärste Mann im ganzen Lande. Warum konnte er nicht ruhig sitzen bleiben wie seine verständigeren Collegen Sawyer, Pemberton und Pollexfen? Seine Sucht, auch etwas zu sagen, der Wunsch eine schöne Rede zu halten, hatte Alles verdorben.

Inzwischen wurde der Lordpräsident in einer Sänfte durch die Halle getragen. Nicht ein einziger Hut wurde gelüftet und viele Stimmen riefen: „Papistischer Hund!“ Bleich und zitternd, mit zu Boden gesenktem Blicke trat er vor die Schranken und gab mit unsicherer Stimme seine Zeugenaussage ab. Er versicherte eidlich, daß ihm die Bischöfe ihre Absicht, dem Könige eine Petition zu überreichen, mitgetheilt hätten und daß sie zu dem Ende in das königliche Kabinet eingelassen worden seien. Dieser Umstand in Verbindung mit dem, daß sich, nachdem sie das Kabinet verlassen, eine von ihnen unterzeichnete Petition in den Händen des Königs befand, war für das Factum der Veröffentlichung ein Beweis, der einer Jury wohl genügen konnte.

Die Veröffentlichung in Middlesex war also ebenfalls bewiesen. Aber war das veröffentlichte Schriftstück ein falsches, böswilliges und aufrührerisches Libell? Bis jetzt hatte es sich nur darum gehandelt, ob eine Thatsache, die Jedermann als wirklich geschehen kannte, nach den technischen Regeln des Beweises constatirt werden konnte; jetzt aber erhielt der Streit ein höheres Interesse. Man mußte die Grenzen der königlichen Hoheitsrechte und der bürgerlichen Freiheit, das Recht des Königs, von Gesetzen zu dispensiren, und das Recht der Unterthanen um Abstellung von Mißständen zu petitioniren, untersuchen. Drei Stunden lang vertheidigten die Anwälte der Petenten mit energischem Nachdrucke die Grundprinzipien der Verfassung und bewiesen aus den Protokollen des Hauses der Gemeinen, daß die Bischöfe nur etwas Wahres behauptet hätten, indem sie dem Könige vorstellten, daß die von ihm beanspruchte Dispensationsgewalt mehr als einmal vom Parlament für ungesetzlich erklärt worden sei. Somers erhob sich zuletzt. Er sprach wenig über fünf Minuten lang, aber jedes seiner Worte war gewichtigen Inhalts, und als er seinen Platz wieder einnahm, war sein Ruf als Redner und als constitutioneller Jurist fest begründet. Er untersuchte die Ausdrücke der Anklage, in welcher das den Bischöfen zur Last gelegte Vergehen dargestellt war, und bewies, daß jedes Wort, Adjectiv oder Substantiv, durchaus unangemessen sei. Die Anklage laute auf ein falsches, böswilliges und aufrührerisches Libell. Falsch sei das Schriftstück nicht, denn jede darin behauptete Thatsache sei durch die Parlamentsprotokolle als wahr bewiesen. Auch böswillig sei das Schriftstück nicht, denn die Angeklagten hätten nicht Streit gesucht, sondern die Regierung habe sie in eine Lage versetzt, in der sie sich entweder dem königlichen Willen widersetzen oder die heiligsten Pflichten des Gewissens und der Ehre verletzen mußten. Aufrührerisch sei das Schriftstück eben so wenig, denn die Verfasser hätten es nicht unter dem Volke vertheilt, sondern es privatim den Händen des Königs allein übergeben; auch sei es kein Libell, sondern eine anständige Petition, wie sie nach den Gesetzen Englands, ja nach den Gesetzen des römischen Kaiserreichs und nach den Gesetzen aller civilisirten Staaten jeder Unterthan, welcher glaubt, daß ihm Unrecht geschehen, mit Fug und Recht dem Souverain überreichen dürfe.

Der Fiskal replicirte kurz und schwach. Der Prokurator sprach sehr ausführlich und mit großer Bitterkeit, so daß er oft durch Zurufe und Zischen des Publikums unterbrochen wurde. Er ging so weit zu behaupten, daß kein einzelner Unterthan und keine Gemeinschaft von Unterthanen, außer die Parlamentshäuser, berechtigt sei, eine Petition an den König zu richten. Die Zuschauer waren wüthend und selbst der Oberrichter war ganz betroffen über die Frechheit dieses feilen Achselträgers.

Wright schritt endlich zum Resumé. Seine Rede bewies, daß seine Furcht vor der Regierung durch die Furcht vor dieser zahlreichen, glänzenden und heftig aufgeregten Versammlung gemäßigt wurde. Er sagte, er wolle nicht seine Ansicht über die Dispensationsfrage abgeben, er habe dies nicht nöthig, er könne dem Staatsprokurator in vielen Punkten seiner Rede nicht beistimmen, ein Unterthan habe allerdings das Recht, zu petitioniren, aber die dem Gerichtshofe vorliegende specielle Petition, sei ungebührlich abgefaßt und daher in den Augen des Gesetzes ein Libell. Allibone sprach die nämliche Ansicht aus, bewies aber in seinem Vortrag eine so gänzliche Unkenntniß des Rechts und der Geschichte, daß er sich die Verachtung Aller zuzog, die ihn anhörten. Holloway umging die Dispensationsfrage, sagte aber, ihm scheine die Petition so gefaßt, wie sie Unterthanen, die sich in ihrem Rechte gekränkt glaubten, wohl zu überreichen befugt seien, und sie sei daher kein Libell. Powell trat noch kühner auf. Er erklärte geradezu, daß seiner Ansicht nach die Indulgenzerklärung null und nichtig und die Dispensationsgewalt, wie sie neuerdings ausgeübt worden, mit allen Gesetzen durchaus unvereinbar sei. Wenn man solche Übergriffe der Prärogative dulden wolle, so seien die Parlamente ganz überflüssig, die ganze gesetzgebende Gewalt liege dann in den Händen des Königs. „Diese Entscheidung, meine Herren,“ sagte er, „stelle ich Gott und Ihrem Gewissen anheim“.126

Es war dunkel geworden, als die Jury sich zurückzog, um über ihren Schiedsspruch zu berathen. Diese Nacht war eine Nacht voll ängstlicher Spannung. Es existiren noch einige Briefe, welche während jener Stunden der Ungewißheit abgesendet wurden und die daher ein ganz besonderes Interesse haben. „Es ist sehr spät,“ schrieb der päpstliche Nuntius, „und noch ist die Entscheidung nicht bekannt. Die Richter und die Angeklagten haben sich nach Hause begeben, die Geschwornen aber bleiben beisammen. Morgen werden wir den Ausgang dieses wichtigen Kampfes erfahren.“

Der Prokurator der Bischöfe brachte mit einer Anzahl Bedienten die ganze Nacht auf der Treppe zu, welche nach dem Berathungszimmer der Geschwornen führte. Es war durchaus nothwendig, die an den Thüren Wache haltenden Beamten scharf zu beobachten, denn man vermuthete, daß sie von der Regierung gewonnen waren, und sie konnten daher, wenn sie nicht sorgfältig bewacht wurden, einen höfisch gesinnten Geschwornen mit Speise und Trank versehen, so daß er dann im Stande war, seine elf Collegen auszuhungern. Es wurde daher strenge Wache gehalten und nicht einmal ein Licht, um eine Pfeife anzuzünden, eingelassen. Gegen vier Uhr Morgens ließ man einige Becken mit Wasser zum Waschen passiren. Die vor Durst verschmachtenden Geschwornen tranken gierig die Gefäße aus. Die umliegenden Straßen waren bis zum Morgen von einer großen Volksmenge angefüllt. Von Stunde zu Stunde kam ein Bote von Whitehall um sich nach dem Stande der Sache zu erkundigen. Verschiedene Male hörte man drinnen im Zimmer einen heftigen Wortstreit; aber etwas Gewisses erfuhr man nicht.127

Zuerst waren neun für die Freisprechung und drei für die Verurtheilung. Zwei von der Minorität gaben bald nach; Arnold aber beharrte auf seinem Ausspruche. Thomas Austin, ein reichbegüterter Landgentleman, der die Zeugenaussagen und Reden aufmerksam verfolgt und sich ausführliche Notizen gemacht hatte, wollte die Sache mit ihm speciell erörtern. Arnold aber lehnte dies ab, indem er ärgerlich sagte, er sei nicht gewöhnt zu raisonniren und zu debattiren, sein Gewissen gestatte ihm nicht, die Bischöfe freizusprechen. „Wenn Sie dabei beharren,“ sagte Austin, „so sehen Sie mich an. Ich bin der Größte und Stärkste von uns Zwölfen; ehe ich aber eine Petition wie diese als ein Libell anerkenne, bleibe ich hier, bis ich nicht mehr dicker bin als ein Pfeifenrohr.“ Es war sechs Uhr Morgens, als Arnold endlich nachgab. Es wurde bald bekannt, daß die Geschwornen einig waren; wie aber ihr Ausspruch lautete, war noch ein Geheimniß.128

Um zehn Uhr versammelte sich der Gerichtshof wieder. Das Gedränge war noch ärger als am vorigen Tage. Die Geschwornen erschienen in ihrer Loge und es trat eine lautlose Stille ein.

Das Verdict der Geschwornen; Freude des Volks. Sir Samuel Astry sprach: „Finden Sie die Angeklagten oder einen von ihnen des Vergehens, dessen sie angeklagt sind, schuldig oder nicht schuldig?“ Sir Roger Langley antwortete: „Nicht schuldig.“ Sobald diese Worte über seine Lippen waren, sprang Halifax auf und schwenkte seinen Hut. Auf dieses Zeichen brachen alle Bänke und Gallerien in donnernden Beifallsjubel aus. Im nächsten Augenblick stimmten die zehntausend Menschen, welche die große Halle füllten, mit noch lauterem Jubel ein, von dem die alte eichene Decke erdröhnte, und noch einen Augenblick, so ließ die draußen versammelte Menge ein drittes Hurrah erschallen, das man in Templebar hören konnte. Die Böte, welche den Fluß bedeckten, antworteten mit gleicher Begeisterung, ein Kanonenschlag knallte auf dem Wasser, dann wieder einer und wieder einer, und so flog die frohe Nachricht binnen wenigen Augenblicken über den Savoy und über die Friars hinaus bis zur Londonbrücke und zu dem Mastenwalde der jenseit derselben liegenden Schiffe. Wohin die Botschaft kam, brachen Straßen und Squares, Marktplätze und Kaffeehäuser in Freudenjubel aus. Der Jubel aber war minder auffallend, als die Thränen. Denn die Gefühle der Leute waren so angespannt worden, daß selbst die kalte, an Äußerungen von Gemüthsbewegung wenig gewöhnte englische Natur überwältigt wurde und Tausende vor lauter Freude schluchzten. Inzwischen sprengten von den Endpunkten der Menge Reiter fort, um die Kunde von dem Siege der Kirche und der Nation durch alle Hauptstraßen zu verbreiten. Aber selbst dieser gewaltige Ausbruch der Freude vermochte den hämischen und furchtlosen Sinn des Staatsprokurators nicht zu erschüttern. Er versuchte es, sich in dem betäubenden Lärme Gehör zu verschaffen und forderte die Richter auf, Diejenigen, welche durch ihr Geschrei die Würde des Gerichtshofes verletzt hatten, verhaften zu lassen. Einer aus der jubelnden Menge wurde wirklich festgenommen. Indessen sah das Tribunal doch ein, daß es geradezu lächerlich gewesen wäre einen Einzelnen für eine Übertretung zu bestrafen, welche Hunderttausende begangen hatten, und entließ ihn daher wieder mit einem leichten Verweis.129

Es war jetzt nicht daran zu denken, etwas Andres vorzunehmen, denn das Getöse der Menge war so arg, daß man eine halbe Stunde lang im Gerichtssaale kein Wort verstehen konnte. Williams stieg unter einem Sturme von Zischen und Verwünschungen in seinen Wagen. Cartwright, der eine unbezähmbare Neugierde besaß, hatte die Thorheit und Unschicklichkeit begangen, nach Westminster zu kommen, um zu hören, wie das Urtel ausfallen würde. Man erkannte ihn an seiner Priestertracht und seiner Korpulenz und verfolgte ihn durch die ganze Halle mit Geschrei. „Nehmt Euch vor dem Wolfe in Schafskleidern in Acht,“ sagte Einer. „Platz für den Mann mit dem Papst im Bauche!“ rief ein Andrer.130

Die freigesprochenen Prälaten flüchteten sich vor der Menge, die sie um ihren Segen bat, in die nächste Kapelle, wo eben Gottesdienst gehalten wurde. Viele Kirchen der Hauptstadt waren an diesem Morgen geöffnet und wurden von vielen Andächtigen besucht. In allen Kirchspielen der City und der Vorstädte gingen die Glocken. Unterdessen konnten sich die Geschwornen kaum einen Weg aus der Halle bahnen. Von Hunderten mußten sie sich die Hand drücken lassen. „Gott segne Euch,“ rief das Volk; „Gott segne Eure Familien! Ihr habt wie brave Gentlemen gehandelt und uns Alle heute gerettet.“ Während die Peers, welche zur Unterstützung der guten Sache herbeigekommen waren, fortfuhren, warfen sie Hände voll Geld unter die Menge und hießen sie auf das Wohl des Königs, der Bischöfe und der Geschwornen trinken.131

Der Generalfiskal überbrachte die Nachricht Sunderland, der sich gerade mit dem Nuntius unterhielt. „Seit Menschengedenken,“ sagte Powis, „hat man nicht einen solchen Jubel und so viel Freudenthränen gesehen wie heute“.132 Der König hatte am Morgen das Lager auf der Hounslowhaide besucht. Sunderland schickte sofort einen Courier mit der Botschaft an ihn ab. Jakob befand sich in Feversham’s Zelte, als der Expresse ankam. Er war sehr ärgerlich über die Nachricht und rief auf Französisch aus: „Sie sollen es bereuen!“ Er brach sogleich nach London auf. So lange er anwesend war, hielt der Respekt die Soldaten ab, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen; kaum aber hatte er das Lager verlassen, so hörte er hinter sich ein lautes Jubelgeschrei. Er wunderte sich darüber und fragte, was das bedeute. „Es ist nichts,“ erhielt er zur Antwort, „die Soldaten freuen sich nur über die Freisprechung der Bischöfe.“ — „Das nennen Sie nichts?“ sagte der König und wiederholte dann noch einmal: „Sie sollen es bereuen!“133

Er hatte in der That Ursache, verstimmt zu sein, denn seine Niederlage war vollständig und im höchsten Grade demüthigend. Wären die Prälaten auf Grund mangelhaften Beweises freigesprochen worden, etwa weil sie die Petition nicht in Middlesex geschrieben hatten, oder weil es ihnen streng nach den Regeln des Gesetzes nicht bewiesen werden konnte, daß sie dem Könige die Petition, um dessentwillen sie in Untersuchung waren, überreicht hatten, so würde die Prärogative keinen Stoß erhalten haben. Zum Glück für das Land aber war die Thatsache der Veröffentlichung vollkommen festgestellt worden und die Vertheidiger der Angeklagten hatten daher das Dispensationsrecht angreifen müssen. Dies hatten sie mit großer Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Kühnheit gethan. Die Anwälte der Krone waren, wie allgemein anerkannt wurde, in dem Kampfe unterlegen. Nicht ein einziger Richter hatte die Indulgenzerklärung für gesetzlich zu erklären gewagt, einer hatte sie sogar in den stärksten Ausdrücken als ungesetzlich bezeichnet. Die ganze Stadt sprach davon, daß die Dispensationsgewalt den Todesstoß bekommen habe. Finch, der den Tag vorher allgemein geschmäht worden war, wurde jetzt allgemein gepriesen. Man sagte, er habe die Sache nicht in einer Weise entschieden sehen wollen, wobei die große Verfassungsfrage auf immer zweifelhaft geblieben wäre. Er habe eingesehen, daß die Freisprechung seiner Klienten ohne Verdammung der Indulgenzerklärung nur ein halber Sieg gewesen sein würde. Es ist gewiß, daß Finch weder die Vorwürfe verdiente, mit denen er überhäuft wurde, so lange der Ausgang noch zweifelhaft war, noch die Lobpreisungen, die ihm gespendet wurden, nachdem derselbe so günstig ausgefallen. Es war thöricht, ihn zu tadeln, weil die Kronanwälte während des von ihm veranlaßten kurzen Verzugs unerwartet einen neuen Zeugen fanden. Eben so thöricht war die Annahme, daß er seine Klienten absichtlich einer Gefahr ausgesetzt habe, um ein allgemeines Prinzip festzustellen, und noch thörichter war es, ihn wegen etwas zu loben, was eine grobe Verletzung seiner Berufspflichten gewesen sein würde.

Dem freudigen Tage folgte eine nicht minder freudige Nacht. Die Bischöfe und einige ihrer achtungswerthen Freunde bemühten sich vergebens, tumultuarische Freudenbezeigungen zu verhindern. Die ältesten Leute erinnerten sich nicht, jemals, selbst nicht an dem Abende, als es in London bekannt wurde, daß die schottische Armee sich für ein freies Parlament erklärt hatte, die Straßen von so zahlreichen Freudenfeuern erhellt gesehen zu haben. Um jedes Feuer hatte sich ein Haufe gelagert, der auf das Wohl der Bischöfe und auf den Untergang der Papisten trank. Die Fenster waren ebenfalls glänzend erleuchtet, jedes gewöhnlich durch sieben Lichter, von denen das mittelste und längste den Primas vorstellte. Dazu hörte man fortwährend das Knallen von Schwärmern, Raketen und Gewehrschüssen. Ein ungeheurer Holzstoß brannte gerade dem Haupteingange von Whitehall gegenüber; andere wurden vor den Thüren katholischer Peers angezündet. Lord Arundell von Wardour beschwichtigte wohlweislich den Pöbel mit ein wenig Geld; im Palast Salisbury am Strand aber wurde ein Widerstandsversuch gemacht. Die Dienerschaft Lord Salisbury’s machte einen Ausfall und feuerte; aber nur der unglückliche Büttel des Bezirks fiel, der gerade gekommen war, um das Feuer auszulöschen, und die Schaar wurde bald in den Palast zurückgetrieben. Kein Schauspiel jener Nacht amüsirte das gemeine Volk so sehr, als eines, das ihnen vor mehreren Jahren wohl bekannt gewesen war, und das ihnen jetzt nach einer langen Pause wieder gegeben wurde: die Verbrennung des Papstes. Dieses vor Zeiten sehr beliebte Schauspiel kennt unsere Generation nur aus Beschreibungen und Abbildungen. Eine Figur, die aber keineswegs jenen plumpen Conterfeyen von Guy Fawx glich, welche noch jetzt am 5. November zur Schau umhergetragen werden, sondern die mit einiger Geschicklichkeit von Wachs verfertigt und mit nicht geringen Kosten mit Gewändern und einer Tiara geschmückt war, wurde auf einen Stuhl gesetzt, ähnlich dem, auf welchem noch heute an einigen hohen Festtagen die römischen Bischöfe durch die Peterskirche zum Hochaltare getragen werden. Seine Heiligkeit war gewöhnlich umgeben von einem Gefolge von Cardinälen und Jesuiten, und ihm zur Seite stand ein als Teufel mit Schweif und Hörnern verkleideter Hanswurst. Kein reicher und eifriger Protestant sah bei dieser Gelegenheit eine Guinee an, und wenn man der Sage glauben darf, betrugen die Kosten einer solchen Prozession zuweilen nicht weniger als tausend Pfund. Nachdem der Papst eine Zeit lang über den Köpfen der Menge zur Schau umhergetragen worden war, wurde er unter lautem Jubel den Flammen überliefert. Zur Zeit der Popularität Oates’ und Shaftesbury’s wurde das Schauspiel alljährlich am Geburtstage der Königin Elisabeth in Fleet Street unter den Fenstern des Whig-Clubs aufgeführt. Der groteske Gebrauch war so berühmt, daß Barillon sich einmal in Lebensgefahr begab, um aus einem Versteck zuzusehen.134 Seit der Entdeckung des Ryehousecomplots war die Ceremonie bis zu dem Tage der Freisprechung der Bischöfe unterblieben. An diesem Abende aber tauchten in verschiedenen Stadttheilen Londons mehrere Päpste auf. Der Nuntius war höchlich entrüstet und der König fühlte sich durch diese Verhöhnung seiner Kirche schwerer gekränkt als durch irgend eine andre ihm zugefügte Beleidigung. Die Behörden konnten jedoch nichts thun. Der Sonntagmorgen graute bereits und die Glocken der Pfarrkirchen riefen zum Frühgebet, ehe die Feuer zu erlöschen und die Volksmassen sich zu verlaufen begannen. Es erschien nun alsbald eine Proklamation gegen die Ruhestörer. Viele von ihnen, meist Lehrlinge, wurden verhaftet: aber die Anklagen gegen sie wurden von den Gerichten von Middlesex nicht angenommen. Die Magistratsbeamten, von denen viele Katholiken waren, geriethen mit der großen Jury in Streit und schickten sie mehrere Male zurück, aber ohne Erfolg.135

Eigenthümlicher Zustand der öffentlichen Meinung zu jener Zeit. Inzwischen verbreitete sich die frohe Nachricht durch das ganze Land und wurde allenthalben mit Jubel aufgenommen. Gloucester, Bedford und Lichfield gehörten zu den Städten, die sich durch besonderen Eifer auszeichneten; Bristol und Norwich aber, welche nach Bevölkerung und Reichthum London am nächsten standen, kamen bei diesem freudigen Anlasse auch in der Begeisterung der Hauptstadt am nächsten.

Die gerichtliche Verfolgung der sieben Bischöfe ist ein Ereigniß, das in unsrer Geschichte einzig dasteht. Es war der erste und letzte Fall, wo zwei mächtige in der Regel einander entgegengesetzte Gefühle, von denen jedes für sich allein bei heftiger Erregung hinreichend war, um den Staat zu erschüttern, in vollkommener Eintracht verbündet waren. Diese Gefühle waren die Liebe zur Kirche und die Liebe zur Freiheit. Während vieler Generationen war jeder heftige Ausbruch des kirchlichen Gefühls, mit einer einzigen Ausnahme, der bürgerlichen Freiheit nachtheilig gewesen; und ebenso war jeder heftige Ausbruch des Freiheitsgefühls, mit einer einzigen Ausnahme, dem Ansehen und Einflusse des Prälatenthums und der Priesterschaft verderblich. Im Jahre 1688 war die Sache der Hierarchie einen Augenblick die Sache der Volkspartei. Mehr als neuntausend Geistliche, mit dem Primas und seinen ehrenwerthesten Suffraganen an der Spitze, erklärten sich bereit, Haft und Eigenthumsberaubung für das große Grundprinzip unsrer freien Verfassung zu erdulden. Die Folge war eine Coalition, welche die eifrigsten Kavaliere, die eifrigsten Republikaner und alle zwischeninne liegenden Parteien der Gesammtheit umfaßte. Der Geist, welcher Hampden unter der vergangenen Generation aufrecht erhalten hatte, verband sich mit dem Geiste, welcher Sacheverell unter der folgenden aufrecht erhielt, um den Erzbischof, der ein Hampden und ein Sacheverell zugleich war, aufrecht zu erhalten. Diejenigen Klassen der Gesellschaft, denen an der Erhaltung der Ruhe am meisten gelegen ist, welche in stürmischen Zeiten gewöhnlich am ersten bei der Hand sind, die Regierung zu unterstützen, und welche einen natürlichen Widerwillen gegen Aufwiegler hegen, folgten ohne Bedenken der Leitung eines ehrwürdigen Mannes, des ersten Peers des Reiches, des ersten Dieners der Kirche, eines Tory’s in der Politik, eines Heiligen in seinem Privatleben, den die Tyrannei wider seinen Willen in einen Demagogen verwandelt hatte. Auf der andren Seite flehten jetzt selbst Diejenigen, welche das Episcopat als einen Überrest des Papismus und als ein Werkzeug der Willkürherrschaft stets verabscheut hatten, auf den Knien um den Segen eines Prälaten, der bereit war, eher Ketten zu tragen und seine alterschwachen Glieder auf die nackten Steine eines Kerkers zu legen, als daß er die Interessen des protestantischen Glaubens verrathen und die Hoheitsrechte der Krone über das Gesetz gestellt hätte. Mit der Liebe zur Kirche und der Liebe zur Freiheit verband sich in dieser wichtigen Krisis noch ein drittes Gefühl, das zu den achtungswerthesten Zügen unsres Nationalcharacters gehört. Ein durch Willkürgewalt unterdrückter Mensch findet bei uns, hätte er sonst auch nicht den mindesten Anspruch auf Achtung und Dankbarkeit, gewöhnlich eine rege Theilnahme. So wurde zu den Zeiten unserer Großväter die Gesellschaft durch Wilkes’ Verfolgung heftig aufgeregt. Wir selbst sahen die Nation durch die gegen die Königin Karoline geübte Härte fast bis zum Wahnsinn gereizt. Daher wurde England, selbst wenn von dem Ausgange des Prozesses gegen die Bischöfe keine wichtigen politischen oder religiösen Interessen abgehangen hätten, es wahrscheinlich nicht ohne starke Regungen von Mitleid und Unwillen mit angesehen haben, wie einige Greise von makelloser Tugend von der Rache eines jähzornigen und unerbittlichen Fürsten verfolgt wurden, der ihrer Treue seine Krone verdankte.

Von diesen Gefühlen angetrieben, stellten sich unsere Vorfahren in einer ungeheuren und compacten Masse der Regierung entgegen. Die mächtige Phalanx war aus allen Ständen, allen Parteien, allen protestantischen Seelen gebildet. Im Vordertreffen standen die geistlichen und weltlichen Lords, dann kamen die begüterte Gentry und der Klerus, beide Universitäten, alle Gerichtshöfe, Großhändler, Krämer und Pächter, die Lastträger, die sich in den Straßen der großen Städte plagten, und die Landleute, welche das Feld bebauten. Die Koalition gegen den König umfaßte selbst die Matrosen, die seine Schiffe bemannten, selbst die Schildwachen, die seinen Palast bewachten. Die Namen Whig und Tory waren einen Augenblick vergessen. Der alte Ausschließungsmann reichte dem alten Verabscheuer die Hand; Episcopalen, Presbyterianer, Independenten und Baptisten vergaßen ihre langjährigen Fehden, um nur an ihren gemeinsamen Protestantismus und an ihre gemeinsame Gefahr zu denken; Theologen, die in der Schule Laud’s gebildet waren, sprachen nicht nur von Duldung, sondern sogar von Einigung. Der Erzbischof erließ bald nach seiner Freisprechung einen Hirtenbrief, der eines der merkwürdigsten Schriftstücke jener Zeit ist. Er hatte von Jugend auf mit den Nonconformisten in Streit gelegen und sie mehrmals mit ungerechter und unchristlicher Heftigkeit angegriffen. Sein Hauptwerk war eine häßliche Karrikatur auf die Calvinistische Theologie.136 Er hatte für den 30. Januar, den Jahrestag der Hinrichtung Karl’s I., und für den 29. Mai, den Jahrestag der Rückkehr Karl’s II., Gebetsformulare abgefaßt, welche so heftige Schmähungen gegen die Puritaner enthielten, daß die Regierung es für nöthig erachtet hatte, dieselben zu mildern. Jetzt aber war sein Herz erweicht und geöffnet. Er ermahnte die Bischöfe und die Geistlichen feierlich und eindringlich, ihren Brüdern, den protestantischen Dissenters, mit zarter Rücksicht zu begegnen, sie oft zu besuchen, sie gastlich zu bewirthen, sich freundlich mit ihnen zu unterhalten und sie womöglich zum Anschluß an die Kirche zu bewegen, sich aber, wenn ihnen dies nicht gelänge, in ihrem Wirken für die segensreiche Sache der Reformation herzlich und liebreich zu verbinden.137

Viele fromme Leute dachten in späteren Jahren mit schmerzlicher Sehnsucht an jene Zeit zurück. Sie schilderten dieselbe als den flüchtigen Schimmer eines goldenen Zeitalters zwischen zwei eisernen Zeitaltern. Waren solche Klagen auch natürlich, so waren sie doch nicht begründet. Die Coalition von 1688 war und konnte nur das Erzeugniß einer an Wahnsinn grenzenden Tyrannei und einer alle großen Institutionen des Landes gleichzeitig bedrohenden Gefahr sein. Daß eine solche Coalition seitdem nicht wieder vorgekommen, hat seinen Grund darin, weil noch nie wieder so schlecht und verkehrt regiert worden ist. Man darf nicht vergessen, daß, wenn auch Eintracht an sich besser ist als Zwietracht, doch Zwietracht das Zeichen besserer Zustände sein kann als Eintracht sie andeutet. Unglück und Gefahr zwingen die Menschen oft, sich zu verbinden. Glück und Sicherheit bestimmen sie oft, sich zu trennen.

Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.

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