Geschichte von England (continued 2)
Wilhelm Beseler translation
Daß die Indulgenzerklärung verfassungswidrig war, darüber sind beide große Parteien Englands zu allen Zeiten einig gewesen. Jeder, der in politischen Fragen ein Urtheil hat, muß einsehen, daß ein Fürst, der eine solche Erklärung erlassen darf, nichts Geringeres ist als ein absoluter Monarch. Auch kann man zur Vertheidigung dieser Handlung Jakob’s nicht die Gründe geltend machen, mit denen viele willkürliche Maßregeln der Stuarts vertheidigt oder entschuldigt worden sind. Man kann nicht sagen, daß er den Umfang seiner Prärogative verkannt habe, weil sie nicht genau bestimmt gewesen sei, denn er überschritt die Grenze angesichts einer ganz kürzlich erst festgestellten Grenzmarke. Funfzehn Jahre früher hatte sein Bruder auf Anrathen der Cabale auch eine Indulgenzerklärung erlassen, welche im Vergleich zu der Erklärung Jakob’s gemäßigt und vorsichtig genannt werden konnte. Die Erklärung Karl’s dispensirte nur von Strafgesetzen, die Erklärung Jakob’s dispensirte auch von allen Religionseiden. Die Erklärung Karl’s gestattete den Katholiken, nur in Privatwohnungen ihren Gottesdienst zu halten, nach der Erklärung Jakob’s konnten sie Tempel bauen und ausschmücken und sogar mit Kreuzen, Bildern und Rauchfässern in Prozession durch Fleet Street ziehen. Dennoch war die Erklärung Karl’s in alter Form für gesetzwidrig erklärt worden. Die Gemeinen hatten sich dahin ausgesprochen, daß der König nicht befugt sei, in kirchlichen Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Karl hatte hierauf das mißliebige Schriftstück vor seinen Augen vernichten lassen, hatte mit eigner Hand das Siegel davon abgerissen und sowohl durch eine von ihm eigenhändig unterschriebene Botschaft als auch mündlich vom Throne herab in vollem Parlament beiden Häusern fest versprochen, daß der Schritt, der so großen Anstoß gegeben, als nie geschehen betrachtet werden solle. Die beiden Häuser hatten dann ohne eine einzige opponirende Stimme eine gemeinschaftliche Dankadresse für diese Erfüllung ihrer Wünsche an ihn gerichtet. Nie war eine Verfassungsfrage mit reiflicherer Erwägung, mit unzweideutigerer Klarheit und mit vollkommnerer Einhelligkeit entschieden worden.
Jakob’s Vertheidiger haben zu seiner Entschuldigung häufig das Erkenntniß anführt, welches der Gerichtshof der Kings Bench in der abgekarteten Klage gegen Sir Eduard Hales abgab; aber dieser Entschuldigungsgrund hat gar kein Gewicht. Jakob hatte diesen Ausspruch notorisch durch Bitten, durch Drohungen, durch Entlassung gewissenhafter Beamten und durch Besetzung der Richterbank mit anderen höfischer gesinnten Richtern erlangt. Und obgleich dieses Erkenntniß von der Advokatur wie von der Nation allgemein für verfassungswidrig erklärt wurde, erstreckte es sich doch nur so weit, daß der König aus besonderen Staatsgründen einzelnen Individuen Dispensationen von ausschließenden Gesetzen bewilligen dürfe. Daß er durch ein Alles über den Haufen werfendes Edict alle seine Unterthanen ermächtigen konnte, ganze Bände von Gesetzen nicht mehr zu befolgen, dies hatte kein Gerichtshof angesichts der feierlichen Entscheidung des Parlaments von 1673 zu behaupten gewagt.
Stimmung der protestantischen Dissenters. Die Stellung der Parteien war jedoch von der Art, daß Jakob’s Indulgenzerklärung, obgleich der kühnste von allen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit, wohl geeignet war, gerade demjenigen Theile der Gesellschaft zu gefallen, der allen anderen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit den beharrlichsten Widerstand entgegengesetzt hatte. Es stand kaum zu erwarten, daß der durch ein hartes und streng gehandhabtes Gesetzbuch von seinen Landsleuten getrennte protestantische Nonconformist geneigt sein werde, die Gültigkeit eines Erlasses zu bestreiten, der ihn von unerträglichen Bedrückungen erlöste. Ein kalter und philosophischer Beobachter würde ohne Zweifel erklärt haben, daß alles Übel, das aus allen intoleranten Gesetzen, welche je von Parlamenten erlassen wurden, hervorgehen könne, nicht zu vergleichen sei mit dem Unheil, welches durch eine Übertragung der gesetzgebenden Gewalt vom Parlament auf den Souverain entstehen würde. Aber eine so ruhige und philosophische Überlegung kann man nicht von Leuten erwarten, die unter einem vorhandenen Drucke seufzen und denen die lockende Aussicht auf sofortige Erleichterung dargeboten wird. Ein puritanischer Theolog konnte allerdings nicht leugnen, daß die jetzt von der Krone beanspruchte Dispensationsgewalt mit den Grundprinzipien der Verfassung unvereinbar war. Aber es war vielleicht zu entschuldigen, wenn er fragte, was die Verfassung eigentlich für ihn sei. Die Gleichförmigkeitsacte hatte ihn trotz königlicher Versprechungen von einer Pfründe vertrieben, die sein rechtmäßiges Eigenthum war, und hatte ihn in Armuth und Abhängigkeit zurückgeworfen. Die Fünfmeilenacte hatte ihn von seiner Heimath, von seinen Verwandten, von seinen Freunden, von fast jedem öffentlichen Zufluchtsorte verbannt. Kraft der Conventikelacte war er seines Vermögens beraubt und aus einem schmutzigen Kerker in den andren mitten unter Straßenräuber und Diebe geworfen worden. Außerhalb des Gefängnisses wurde er beständig von den Gerichtsdienern verfolgt; er hatte Angeber durch Geldgeschenke zum Schweigen bringen, hatte sich in schimpflicher Verkleidung durch Fenster und Fallthüren heimlich zu seiner Gemeinde schleichen müssen, und während er das geweihte Wasser auf den Täufling sprengte oder das Brod des heiligen Abendmahls austheilte, hatte er in beständiger Angst auf das Zeichen horchen müssen, welches ihm sagte, daß die Sbirren der Justiz sich näherten. War es nicht bitterer Hohn, einen so ausgeplünderten und bedrückten Mann aufzufordern, daß er für das Eigenthum und die Freiheit seiner Plünderer und Bedrücker zum Märtyrer werden solle? Mochte die Indulgenzerklärung seinen glücklichen Nachbarn noch so despotisch erscheinen, ihm brachte sie Erlösung. Er wurde aufgefordert, nicht zwischen der Freiheit und der Knechtschaft, sondern zwischen zwei Jochen zu wählen, und es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn er das Joch des Königs für erträglicher gehalten hätte als das der Kirche.
Stimmung der anglikanischen Kirche. Während solche Gedanken die Gemüther vieler Dissenters beschäftigten, war die anglikanische Partei in Angst und Bestürzung. Diese neue Wendung der Dinge war in der That beunruhigend. Das Haus Stuart im Bunde mit republikanischen und königsmörderischen Secten gegen die alten Kavaliere Englands; der Papismus im Bunde mit dem Puritanismus gegen ein kirchliches System, an welchem die Puritaner nichts weiter auszusetzen hatten, als daß es zuviel Papistisches beibehalten: das waren Zeichen und Wunder, welche alle Berechnungen der Staatsmänner über den Haufen warfen. Die Kirche sollte also mit einem Male von allen Seiten angegriffen werden, und zwar unter der Leitung Dessen, der ihrer Verfassung nach ihr Oberhaupt war. Es war kein Wunder, wenn sie von Erstaunen und Entsetzen ergriffen wurde. Und zu dem Erstaunen und dem Entsetzen gesellten sich noch andere bittere Gefühle: Groll gegen den meineidigen Fürsten, dem sie nur zu treu gedient, und Reue über die Grausamkeiten, die sie in Gemeinschaft mit ihm verübt hatte und für die er sie jetzt, wie es schien, bestrafen wollte. Ihre Strafe war gerecht, sie erntete was sie gesäet hatte. Als nach der Restauration ihre Macht den Höhepunkt erreicht, hatte sie nur Rache geschnaubt. Sie hatte die Stuarts aufgefordert, gedrängt, fast gezwungen, die kürzlich geleisteten Dienste der Presbyterianer mit schnödem Undanke zu vergelten. Hätte sie sich in jener Zeit ihrer höchsten Blüthe, wie es ihr geziemte, ihrer Feinde angenommen, so würde sie jetzt, in der Zeit der Noth, Freunde in ihnen gefunden haben. Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte sie noch die Taktik ihres Bedrückers gegen ihn selbst kehren. Es gab unter den Anglikanern eine gemäßigte Partei, welche den protestantischen Dissenters immer freundlich gesinnt gewesen war. Allerdings war diese Partei nicht zahlreich, aber die Talente, Kenntnisse und Tugenden ihrer Mitglieder machten sie achtunggebietend. Sie war von den höchsten Würdenträgern der Kirche nicht mit günstigem Auge betrachtet und von den Frömmlern aus der Schule Laud’s schonungslos verunglimpft worden; aber von dem Tage, an welchem die Indulgenzerklärung erschien, bis zu dem Tage, wo Jakob’s Macht aufhörte Schrecken einzuflößen, schien die ganze Kirche von dem Geiste der verleumdeten Latitudinarier beseelt zu sein und von ihren Rathschlägen geleitet zu werden.
Der Hof und die Kirche. Nun folgte eine Art von Versteigerung, die sonderbarste, von der uns die Geschichte erzählt. Der König auf der einen, die Kirche auf der andren Seite begannen einander zu überbieten, um die Gunst Derer zu erlangen, zu deren Unterdrückung sie bis dahin verbündet gewesen waren. Die protestantischen Dissenters, die noch vor wenigen Monaten eine verachtete und geächtete Klasse gewesen waren, hielten jetzt die Wage der Macht in ihrer Hand. Die Härte, mit der sie behandelt worden waren, wurde allgemein verdammt. Der Hof suchte die ganze Schuld auf die Hierarchie zu wälzen, und die Hierarchie warf sie zurück auf den Hof. Der König erklärte, daß er die Separatisten wider Willen nur deshalb verfolgt habe, weil seine Angelegenheiten in einem Zustande gewesen wären, bei dem er es nicht hatte wagen dürfen, dem Klerus der Staatskirche zu nahe zu treten. Dieser versicherte, daß er nur aus Ehrerbietung vor der Autorität des Königs an einer Strenge Theil genommen habe, die seinen Gefühlen durchaus fremd sei. Der König brachte eine Sammlung von Anekdoten von Rectoren und Vikaren zusammen, welche durch Androhung von Verfolgung von protestantischen Dissenters Geld erpreßt hatten. Er sprach häufig und öffentlich über diesen Gegenstand, drohte mit einer Untersuchung, welche die Pfarrer der ganzen Welt in ihrem wahren Character zeigen werde und erließ in der That mehrere Verordnungen, durch welche Agenten, auf die er sich verlassen zu können glaubte, ermächtigt wurden, den Betrag der Summen zu ermitteln, welche in verschiedenen Landestheilen von Bekennern der herrschenden Religion Sectirern abgepreßt worden waren. Die Vertheidiger der Landeskirche führten dagegen Beispiele von rechtschaffenen Pfarrern an, welche vom Hofe Verweise und Drohungen erhalten, weil sie auf der Kanzel Duldsamkeit empfohlen und sich geweigert hatten, kleine Gemeinden von Nonconformisten auszuspüren und zu Tode zu hetzen. Der König behauptete, daß einige Mitglieder der Staatskirche, die er privatim vorgenommen, sich erboten hatten, den Katholiken ausgedehnte Zugeständnisse zu machen, unter der Bedingung, daß die Verfolgung gegen die Puritaner ihren Fortgang behalte. Die angeklagten Anhänger der Staatskirche leugneten heftig die Wahrheit dieser Beschuldigung und behaupteten, daß, wenn sie sich mit dem, was der König für seine eigene Kirche verlangte, einverstanden erklärt hätten, er ihnen sehr gern gestattet haben würde, sich durch Verfolgung und Ausplünderung protestantischer Dissenters zu entschädigen.34
Der Hof hatte seine Physiognomie verändert. Die Schärpe und der Priesterrock der anglikanischen Geistlichen konnten sich daselbst kaum noch sehen lassen ohne spöttisches Lächeln und boshaftes Geflüster hervorzurufen. Die Hofdamen erlaubten sich nicht mehr zu kichern und die Kammerherren verbeugten sich bis zur Erde, wenn sich das puritanische Gesicht und die puritanische Tracht, welche in den vornehmen Zirkeln so lange Zeit Lieblingsgegenstände des Spotts gewesen waren, in den Gallerien des Palastes zeigten. Taunton, das zwei Generationen hindurch die Veste der Rundkopfpartei im Westen gewesen war, das die Armeen Karl’s I. zweimal tapfer zurückgeschlagen, sich zur Unterstützung Monmouth’s wie ein Mann erhoben hatte und von Kirke und Jeffreys in eine Schlachtbank verwandelt worden war, schien plötzlich die Stelle erobert zu haben, welche Oxford einst in der königlichen Gunst eingenommen.35 Der König gewann es über sich, ausgezeichneten Dissenters sogar mit kriechender Höflichkeit zu begegnen. Einigen bot er Geld an, Anderen städtische Ehrenämter, noch Anderen Begnadigung von Verwandten und Freunden, die wegen Theilnahme an dem Ryehousecomplot oder wegen Anschluß an die Fahne Monmouth’s auf dem Kontinent umherirrten oder in den Zuckerplantagen von Barbados schwitzten. Er stellte sich sogar, als ob er mit den freundlichen Gesinnungen der englischen Puritaner gegen ihre auswärtigen Glaubensbrüder sympathisirte. Eine zweite und dritte Proklamation erschien in Edinburg, welche die den Presbyterianern durch das Februaredict gewährte nichtssagende Duldung bedeutend erweiterten.36 Die verbannten Hugenotten, die der König seit vielen Monaten mit ungnädigem Auge angesehen und denen er die von der Nation aufgebrachten milden Gaben vorenthalten hatte, wurden jetzt unterstützt und gehätschelt. Es wurde ein Ministerialbefehl erlassen, der die öffentliche Mildthätigkeit nochmals zu ihren Gunsten aufrief. Die Vorschrift, welche von ihnen den Anschluß an die anglikanische Gottesverehrung als Bedingung des Empfangs einer Unterstützung verlangte, scheint zu dieser Zeit stillschweigend aufgehoben gewesen zu sein, und die Vertheidiger der Politik des Königs hatten die Frechheit zu behaupten, diese Vorschrift sei auf Andringen der Prälaten der Staatskirche erlassen worden, während wir aus den sichersten Quellen wissen, daß sie von ihm selbst im Einverständniß mit Barillon ersonnen worden war.37
Während der König sich so die Gunst seiner alten Gegner zu erwerben suchte, waren die Freunde der Landeskirche nicht weniger thätig. Von der Bitterkeit und dem Hohne, mit dem die Prälaten und Priester seit der Restauration die Sectirer zu behandeln pflegten, war kaum noch eine Spur zu erkennen. Die, welche man ganz kürzlich noch Schismatiker und Fanatiker genannt hatte, waren jetzt geliebte Mitprotestanten, Glaubensbrüder, die vielleicht schwach sein mochten, aber deren Gewissensskrupel immerhin zarte Rücksichtnahme verdienten. Wenn sie nur in dieser Krisis der englischen Verfassung und dem reformirten Glauben treu blieben, so sollte ihre Hochherzigkeit bald und reich belohnt werden. Anstatt einer Indulgenz, welche keine gesetzliche Gültigkeit hätte, sollten sie eine wirkliche, durch eine Parlamentsacte gesicherte Indulgenz haben. Ja, viele Mitglieder der Staatskirche, die sich bisher durch ihr starres Festhalten an jeder in der Liturgie vorgeschriebenen Geberde und Formel ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt nicht nur zur Duldung, sondern sogar zur Gleichstellung geneigt. Der Streit um Chorröcke und Stellungen, sagten sie, habe nur zu lange Christen von einander getrennt, welche doch in den wesentlichen Glaubenspunkten übereinstimmten. Wenn der Kampf auf Tod und Leben gegen den gemeinsamen Feind vorüber wäre, dann würde man sehen, daß die anglikanische Geistlichkeit zu jedem billigen Zugeständnisse bereit sei. Wenn die Dissenters nur nicht unbescheiden wären, so würden ihnen nicht blos bürgerliche, sondern auch geistliche Ämter offen stehen, und Baxter und Howe würden ohne einen Flecken an ihrer Ehre oder ihrem Gewissen auf der Bank der Bischöfe sitzen können.
„Brief an einen Dissenter.“ Von den zahlreichen damaligen Flugschriften, in denen die Sache des Hofes und die Sache der Kirche vor dem Puritaner, der jetzt durch eine sonderbare Wendung des Geschicks das Loos seiner Verfolger entscheiden sollte, eifrig und ängstlich entwickelt wurde, ist jetzt nur noch eine in der Erinnerung, betitelt: Letter to a Dissenter. In dieser meisterhaften kleinen Schrift waren alle Argumente, die einen Nonconformisten überzeugen konnten, daß es seine Pflicht und sein Interesse sei, ein Bündniß mit der Staatskirche einem Bündnisse mit dem Hofe vorzuziehen, auf einem engen Raume in der übersichtlichsten Ordnung zusammengestellt, mit geistreichem Witze erörtert und mit einer zwar lebhaften, aber selbst in den Momenten der leidenschaftlichsten Heftigkeit die Grenzen des Anstandes und der seinen Bildung nie überschreitenden Beredtsamkeit zur Geltung gebracht. Die Schrift machte einen ungeheuren Eindruck, denn da sie nur einen Bogen stark war, wurden über zwanzigtausend Exemplare durch die Post versandt und die Wirkung zeigte sich in jedem Winkel des Reichs. Es erschienen vierundzwanzig Antworten darauf, aber die ganze Stadt erklärte sie für schlecht und die von Lestrange für die schlechteste von allen vierundzwanzig.38 Die Regierung war sehr ärgerlich und sparte keine Mühe, um den Verfasser des Briefs ausfindig zu machen; aber es war nicht möglich, rechtskräftige Beweise gegen ihn aufzubringen. Einige meinten die Denk- und Sprachweise Temple’s zu erkennen.39 In Wirklichkeit aber gehörte dieser umfassende und scharfe Verstand, diese lebhafte Phantasie, dieser elegante und kräftige Styl, diese ruhige und edle, halb hofmännische, halb philosophische Würde, welche die heftigste Aufregung des Kampfes nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen konnte, keinem Andren als Halifax an.
Benehmen der Dissenters. Die Dissenters schwankten und man darf ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Sie litten und der König hatte ihnen Linderung verschafft. Einige ausgezeichnete Geistliche waren ihrer Haft entlassen worden, andere hatten es gewagt, aus dem Exil zurückzukehren. Gemeinden, die ihre Zusammenkünfte bisher nur heimlich und im Dunklen hatten abhalten können, versammelten sich jetzt am hellen Tage und sangen laut ihre Psalmen vor den Augen von Magistratsbeamten, Kirchenvorstehern und Constablern. Bescheidene Gotteshäuser von puritanischer Bauart begannen sich in allen Gegenden Englands zu erheben. Der aufmerksame Reisende kann noch jetzt an einigen der ältesten Bethäuser die Jahrzahl 1687 erkennen. Dessen ungeachtet waren die Anerbietungen der Kirche für einen klugen Dissenter viel lockender als die des Königs. Die Indulgenzerklärung war in den Augen des Gesetzes null und nichtig. Sie suspendirte die Strafgesetze gegen Nonconformität nur auf so lange, als die Grundprinzipien der Verfassung und die rechtmäßige Autorität des gesetzgebenden Körpers aufgehoben blieben. Welchen Werth hatten Privilegien, die auf einen so schmachvollen und zugleich so unsicheren Besitztitel beruhten? Es konnte bald eine Thronerledigung eintreten, ein der Landeskirche anhängender Souverain konnte auf den Thron kommen und ein aus Mitgliedern der Landeskirche bestehendes Parlament gebildet werden. Wie beklagenswerth mußte dann die Lage der Dissenters werden, die sich mit Jesuiten gegen die Verfassung verbündet hatten! Die Kirche bot eine Indulgenz ganz andrer Art als die von Jakob gewährte dar, eine Indulgenz, die eben so rechtsgültig und heilig war als die Magna Charta. Beide streitende Parteien versprachen dem Separatisten Glaubensfreiheit; aber die eine Partei verlangte von ihm, daß er sie durch Aufopferung der bürgerlichen Freiheit erkaufen sollte, während die andre ihn zum Genuß der bürgerlichen und religiösen zugleich einlud.
Aus diesen Gründen konnte ein Dissenter sich wohl entschließen, sein Loos mit dem der Staatskirche zu verknüpfen, selbst wenn er hätte glauben können, daß der Hof es aufrichtig meinte. Aber wer garantirte ihm für die Aufrichtigkeit des Hofes? Jedermann kannte das bisherige Benehmen Jakob’s. Es war zwar nicht gerade unmöglich, daß ein Verfolger durch Vernunftgründe und Erfahrungen von den Vortheilen der Religionsduldung überzeugt werden konnte. Aber Jakob behauptete, nicht erst neuerdings überzeugt worden zu sein; im Gegentheil, er versäumte keine Gelegenheit, um zu versichern, daß er schon seit vielen Jahren aus Grundsatz aller Unduldsamkeit feind gewesen sei. Dennoch hatte er noch vor wenigen Monaten Männer, Frauen und junge Mädchen um ihrer Religion willen bis zum Tode verfolgt. Hatte er damals gegen die bessere Überzeugung seines Gewissens gehandelt? oder sagte er jetzt eine wissentliche Unwahrheit? Aus diesem Dilemma gab es keinen Ausweg und jede der beiden Annahmen war für den Ruf der Rechtschaffenheit des Königs gleich verderblich. Außerdem war auch allbekannt, daß ihn die Jesuiten ganz in ihrer Gewalt hatten. Erst wenige Tage vor der Bekanntmachung der Indulgenz war dieser Orden dem wohlbekannten Willen des heiligen Stuhles zum Trotz mit einem neuen Beweise seines Vertrauens und seines Beifalls beehrt worden. Sein Beichtvater, Pater Mansuetus, ein Franziskaner, dessen menschenfreundlicher Character und tadelloser Lebenswandel die größte Achtung verdienten, den aber Tyrconnel und Petre schon längst haßten, war entlassen worden. Den dadurch erledigten Posten erhielt ein Engländer, Namens Warner, der von dem Glauben seines Vaterlandes abgefallen und Jesuit geworden war. Den gemäßigten Katholiken und dem Nuntius war dieser Wechsel nichts weniger als angenehm, und jeder Protestant erblickte darin einen Beweis, daß die Jesuiten eine unumschränkte Herrschaft über das Gemüth des Königs ausübten.40 So großes Lob auch diese Väter mit Recht beanspruchen konnten, besondere Liberalität und Wahrheitsliebe konnte selbst die Schmeichelei ihnen nicht beimessen. Daß sie, wenn es das Interesse ihres Glaubens oder ihres Ordens galt, niemals Bedenken trugen, den Beistand des weltlichen Schwerts anzurufen, oder die Gesetze der Wahrheit und Treue zu verletzen, dies war der Welt nicht nur durch protestantische Ankläger, sondern auch durch Männer verkündet worden, deren Tugendhaftigkeit und Genie der Stolz der römischen Kirche war. Es war unglaublich, daß ein ergebener Schüler der Jesuiten der Gewissensfreiheit aus Grundsatz zugethan sein sollte; dagegen aber war es weder unglaublich noch unwahrscheinlich, daß er es für gerechtfertigt hielt, seine wahren Gesinnungen zu verbergen, um seiner Religion einen Dienst zu erzeigen. Es war gewiß, daß dem Könige im Herzen die Anglikaner lieber waren als die Puritaner; es war gewiß, daß, so lange er noch Hoffnung hatte, die Anhänger der Staatskirche zu gewinnen, er den Puritanern nie die geringste Freundlichkeit erwiesen hatte. Konnte es also wohl einem Zweifel unterliegen, daß er selbst jetzt noch die Puritaner willig aufopfern würde, wenn die Anglikaner sich seinen Wünschen fügten? Sein wiederholt gegebenes Versprechen hatte ihn nicht abgehalten, die gesetzlichen Rechte der Geistlichkeit anzutasten, welche so viele sprechende Beweise von treuer Anhänglichkeit an sein Haus gegeben hatte. Welche Sicherheit konnte sonach sein Wort Secten gewähren, welche durch die Erinnerung an tausend geschlagene und empfangene, nicht wieder gut zu machende Wunden von ihm geschieden waren?
Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell. Als die durch Bekanntmachung der Indulgenz verursachte Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, zeigte es sich, daß in der puritanischen Partei eine Spaltung eingetreten war. Die Minorität, mit einigen wenigen thätigen Männern an der Spitze, deren Urtheil mangelhaft oder durch das Interesse geleitet war, unterstützte den König. Heinrich Care, welcher lange Zeit der heftigste und thätigste Pamphletist unter den Nonconformisten gewesen war und der in den Tagen des papistischen Complots Jakob in einer Schrift unter dem Titel Packet of Advice from Rome (Nachrichtenpacket von Rom) mit schrankenloser Wuth angegriffen hatte, schmeichelte ihm jetzt eben so laut, als er ihn früher geschmäht und verleumdet hatte.41 Der Hauptagent, dessen sich die Regierung zur Bearbeitung der Presbyterianer bedient hatte, war Vincenz Alsop, ein Geistlicher, der als Prediger wie auch als Schriftsteller nicht unbekannt war. Sein Sohn, der wegen Hochverraths bestraft worden war, wurde begnadigt, und daher widmete der Vater seinen ganzen Einfluß dem Hofe.42 Mit Alsop verbunden war Thomas Rosewell. Rosewell war während der durch die Entdeckung des Ryehousecomplots herbeigeführten Verfolgung der Dissenters fälschlich angeklagt worden, daß er gegen die Regierung gepredigt habe. Jeffreys hatte auf seine Verurtheilung zum Tode angetragen und eine bestochene Jury hatte ihn den klarsten Beweisen von seiner Unschuld zum Trotz für schuldig erklärt. Die Ungerechtigkeit des Urtheils war so himmelschreiend, daß selbst die Höflinge sich darüber empört zeigten. Ein angesehener Tory, der den Verhandlungen des Prozesses beigewohnt hatte, ging augenblicklich zu Karl und erklärte, daß der Hals des loyalsten Unterthanen in England nicht mehr sicher sein würde, wenn man Rosewell hinrichtete. Die Geschwornen selbst wurden von Reue ergriffen, als sie überlegten, was sie gethan hatten, und boten Alles auf, um dem Gefangenen das Leben zu retten. Endlich wurde seine Begnadigung bewilligt, aber Rosewell mußte drückende Bürgschaft für sein ferneres Wohlverhalten stellen und zu bestimmten Zeiten persönlich vor dem Gerichtshofe der Kings Bench erscheinen. Seine Bürgschaften wurden jetzt auf königlichen Befehl erlassen und dadurch seine Dienste gewonnen.43
Lobb. Das Geschäft, die Independenten zu gewinnen, war vornehmlich einem ihrer Geistlichen, Namens Stephan Lobb, übertragen. Lobb war ein schwacher, heftiger und ehrgeiziger Mann. Er hatte die Opposition gegen die Regierung so weit getrieben, daß sein Name in mehreren Proklamationen geächtet worden war, söhnte sich aber jetzt mit dem Hofe aus und ging in der Servilität eben so weit als er je in der Opposition gegangen war. Er schloß sich der jesuitischen Cabale an und rieth eifrig zu Maßregeln, vor denen die verständigsten und ehrenwerthesten Katholiken zurückschauderten. Man bemerkte, daß er fortwährend im Palaste und häufig im Privatkabinet des Königs war, daß er in einem Glanze lebte, an den die puritanischen Geistlichen nicht gewöhnt waren, und daß er beständig von Bittstellern belagert war, denen er durch seinen Einfluß Stellen und Begnadigungen verschaffen sollte.44
Penn. Mit Lobb eng befreundet war Wilhelm Penn. Penn war nie ein characterfester Mann gewesen, das Leben, das er seit zwei Jahren führte, hatte sein sittliches Zartgefühl nicht wenig verhärtet, und wenn sein Gewissen ihm einmal Vorwürfe machte, so tröstete er sich immer wieder mit dem Gedanken, daß er einen guten und edlen Zweck verfolge und daß ihm seine Dienste nicht mit Geld bezahlt würden.
Durch den Einfluß dieser und anderer weniger hervorragender Männer wurden mehrere Dissentergemeinden bewogen, Dankadressen an den König zu richten. Toryistische Schriftsteller haben mit Recht bemerkt, daß die Sprache dieser Adressen so widerlich servil war wie nur in irgend einer der überschwenglichsten Lobreden, welche den Stuarts von Bischöfen gespendet worden sind. Bei genauer Untersuchung stellt es sich heraus, daß die Schmach nur einem sehr kleinen Theile der puritanischen Partei zur Last fällt. Es gab kaum einen Marktflecken in England, der nicht wenigstens ein kleines Häuflein Separatisten gehabt hätte, und man sparte keine Mühe, um sie zu einer Äußerung ihrer Dankbarkeit für die Indulgenz zu bewegen. Rundschreiben, welche sie zur Unterzeichnung aufforderten, wurden nach allen Gegenden des Landes in solchen Massen geschickt, daß, wie man scherzweise sagte, die Postfelleisen den Pferden zu schwer waren. Indessen belief sich die Gesammtzahl der Adressen, die man von allen über ganz England zerstreuten Presbyterianern, Independenten und Baptisten erlangen konnte, noch nicht auf sechzig; auch ist kein Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß diese Adressen zahlreiche Unterschriften hatten.45
Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter. Die große Masse der protestantischen Nonconformisten, welche fest an den bürgerlichen Freiheiten hing und den Versprechungen des Königs und der Jesuiten nicht traute, weigerte sich standhaft, für eine Begünstigung zu danken, hinter der man mit gutem Grund eine Schlinge argwöhnen durfte. Dies war die Stimmung aller angesehensten Oberhäupter der Partei. Zu ihnen gehörte Baxter. Er war, wie wir gesehen haben, bald nach Jakob’s Thronbesteigung in Untersuchung gezogen, von Jeffreys gröblich insultirt und von einer Jury, wie die höfischen Sheriffs der damaligen Zeit sie zu wählen pflegten, für schuldig erklärt worden. Baxter befand sich seit ungefähr anderthalb Jahren im Gefängniß, als der Hof ernstlich darauf zu denken begann, die Nonconformisten zu gewinnen. Er wurde nicht allein in Freiheit gesetzt, sondern auch bedeutet, daß er, wenn er sonst wollte, seinen Aufenthalt in London nehmen könnte, ohne die Anwendung der Fünfmeilenacte gegen sich zu fürchten. Die Regierung hoffte wahrscheinlich, daß die Erinnerung an vergangene Leiden und das Gefühl der gegenwärtigen Erlösung auf ihn die nämliche Wirkung äußern werde, wie auf Rosewell und Lobb. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als irrig. Baxter war weder zu bestechen, noch zu täuschen; er weigerte sich, irgend eine Dankadresse für die Indulgenz zu unterzeichnen und verwendete seinen ganzen Einfluß zur Herbeiführung eines guten Vernehmens zwischen der Staatskirche und den Presbyterianern.46
Howe. Wenn es irgend einen Mann gab, der in der Achtung der protestantischen Dissenters noch höher stand als Baxter, so war dies Johann Howe. Howe hatte, wie Baxter, durch den neuerlichen Umschwung der Politik persönlich gewonnen. Die nämliche Tyrannei, welche Baxter ins Gefängniß warf, hatte ihn in die Verbannung getrieben und bald nach Baxter’s Entlassung aus dem Gefängnisse der Kings Bench kehrte Howe von Utrecht nach England zurück. Man erwartete in Whitehall, daß Howe den ganzen Einfluß, den er auf seine Glaubensgenossen ausübte, zu Gunsten des Hofes verwenden werde. Der König selbst ließ sich herab, den Unterthan, den er unterdrückt hatte, um seinen Beistand zu bitten. Howe scheint geschwankt zu haben; der Einfuß Hampden’s aber, mit dem er intim befreundet war, vermochte ihn, der Sache der Verfassung treu zu bleiben. Eine Versammlung presbyterianischer Geistlichen wurde in seinem Hause gehalten, um über die Lage der Dinge zu berathen und über den einzuschlagenden Weg einen Beschluß zu fassen. Im Palaste erwartete man mit ängstlicher Spannung das Ergebniß. Zwei königliche Abgesandte wohnten der Verhandlung bei, und sie kamen mit der unwillkommnen Nachricht zurück, daß Howe sich entschieden gegen das Dispensationsrecht erklärt und nach langer Debatte die Majorität der Versammlung für sich gewonnen habe.47
Bunyan. Neben Baxter und Howe muß noch ein andrer Mann genannt werden, der nach seiner Stellung und Gelehrsamkeit tief unter ihnen, an Tugend aber ihnen gleich, und an Genie hoch über ihnen stand, Johann Bunyan. Bunyan war ursprünglich Kesselflicker gewesen und hatte als gemeiner Soldat in der Parlamentsarmee gedient. Schon in seinen früheren Jahren hatten ihn furchtbare Gewissensbisse wegen seiner Jugendsünden gequält, von denen jedoch die schlimmsten solche gewesen zu sein scheinen, welche die Welt für verzeihlich hält. Seine große Reizbarkeit und seine glühende Phantasie machten seine inneren Kämpfe ganz besonders qualvoll. Er bildete sich ein, daß ein Verdammungsurtheil über ihn verhängt sei, daß er den heiligen Geist gelästert, daß er Christum verkauft habe und daß er thatsächlich von einem bösen Geiste besessen sei. Bald vernahm er laute Warnungsstimmen vom Himmel, bald versuchte ihn der Teufel durch gottlose Einflüsterungen. Er hatte Visionen von entfernten Berggipfeln, welche die Sonne glänzend beleuchtete, von denen er aber durch eine Schneewüste getrennt war. Er fühlte wie der Teufel ihn an den Kleidern zupfte; er glaubte, das Kainszeichen sei ihm aufgedrückt; er fürchtete daß er zerbersten werde, wie Judas. Diese Seelenkämpfe zerrütteten seine Gesundheit. Den einen Tag zitterte er wie ein vom Schlage Getroffener; ein andermal brannte es ihn wie Feuer in der Brust. Es ist kaum zu begreifen, daß er so entsetzlichen und andauernden Qualen nicht unterlag. Endlich zertheilten sich die Wolken. Aus dem Abgrunde der Verzweiflung erhob sich der Büßende in einen Zustand heiterer Glückseligkeit. Ein unwiderstehlicher Drang trieb ihn an, auch Andere des Segens theilhaftig werden zu lassen, dessen er selbst genoß.48 Er schloß sich den Baptisten an und wurde Prediger und Schriftsteller. Seine Erziehung war die eines Handwerkers gewesen und er verstand keine andre Sprache als die englische, wie sie von dem niederen Volke gesprochen wird. Er hatte kein großes Musterwerk studirt, mit der einzigen, allerdings sehr bedeutenden Ausnahme unsrer herrlichen Bibelübersetzung. Seine Orthographie war schlecht; er machte häufige Verstöße gegen die Regeln der Grammatik. Doch sein angebornes Genie und seine durch eigene Erfahrung erworbene Kenntniß aller religiösen Gefühle, von der Verzweiflung bis zur Verzückung, ersetzten in ihm reichlich den Mangel an Gelehrsamkeit. Seine natürliche Beredtsamkeit erhob und rührte Zuhörer, welche bei den fleißig ausgearbeiteten Vorträgen großer Dialektiker und Hebraisten kalt blieben. Seine Werke waren unter den niederen Klassen weit verbreitet. Eines davon, des Pilgers Reise, wurde schon zu seinen Lebzeiten in mehrere fremde Sprachen übersetzt. Den Gelehrten und höher Gebildeten war es jedoch kaum bekannt, und die frommen Hüttenbewohner und Handwerker hatten sich bereits seit einem Jahrhundert daran erfreut, als es endlich von einem in der Literatur sehr hochstehenden Manne öffentlich empfohlen wurde. Die Kritik ließ sich nun herab, das Geheimniß einer so ausgedehnten und dauernden Popularität zu erforschen. Sie mußte gestehen, daß die unwissende Menge richtiger geurtheilt hatte als die Gelehrten und daß das verachtete Büchlein wirklich ein Meisterwerk war. Bunyan ist in der That ebenso gewiß der erste Allegoriker, wie Demosthenes der erste Redner und Shakespeare der erste Dramatiker ist. Zwar haben andere Allegoriker eine gleiche Erfindungsgabe gezeigt; aber kein andrer ist je im Stande gewesen, das Herz zu rühren und abstracte Begriffe zu Gegenständen des Entsetzens, des Mitleids und der Liebe zu machen.49
Es dürfte zu bezweifeln sein, ob irgend ein englischer Dissenter die Last der Strafgesetze schwerer empfunden hat als Johann Bunyan. Von den siebenundzwanzig Jahren, welche seit der Restauration verstrichen waren, hatte er zwölf im Gefängniß zugebracht. Dennoch fuhr er fort zu predigen, aber um dies zu können, mußte er sich als Fuhrmann verkleiden. Oft wurde er, im Fuhrmannskittel und mit der Peitsche in der Hand, durch eine Hinterthür in die Versammlung eingeführt. Hätte er nur an seine eigene Ruhe und Sicherheit gedacht, so würde er die Indulgenzerklärung freudig begrüßt haben. Jetzt durfte er endlich am hellen Tage predigen und ermahnen. Seine Gemeinde wuchs mit reißender Schnelligkeit. Tausende hingen an seinen Lippen und in Bedford, wo er sich größtentheils aufhielt, gingen reiche Beisteuern zum Bau eines Bethauses für ihn ein. Er stand in so hohem Ansehen bei dem gemeinen Volke, daß die Regierung ihm gern ein städtisches Amt übertragen hätte; aber sein scharfer Verstand und sein treues englisches Herz widerstanden siegreich allen Versuchungen und Täuschungen. Er war fest überzeugt, daß die angebotene Duldung nur ein Köder sei, um die puritanische Partei damit ins Verderben zu locken; auch wollte er nicht durch Annahme einer Stelle, zu der er nicht gesetzlich qualificirt war, die Gültigkeit der Dispensationsgewalt anerkennen. Eine der letzten edlen Handlungen seines tugendreichen Lebens war die Ablehnung einer Unterredung, zu der er durch einen Agenten der Regierung eingeladen wurde.50
Kiffin. So groß Bunyan’s Ansehen bei den Baptisten war, Wilhelm Kiffin’s Ansehen war noch größer. Kiffin war in Bezug auf Rang und Reichthum der Erste unter ihnen. Er pflegte seine geistlichen Talente bei ihren Versammlungen auszuüben, erwarb sich aber nicht durch Predigen seinen Unterhalt. Er machte große Handelsgeschäfte, stand an der Börse in hohem Ansehen und hatte sich ein bedeutendes Vermögen gesammelt. Niemand hätte vielleicht unter den dermaligen Verhältnissen dem Hofe werthvollere Dienste leisten können als er. Aber zwischen ihm und dem Hofe stand die Erinnerung an ein entsetzliches Ereigniß. Er war der Großvater der Gebrüder Hewling, der beiden muthigen Jünglinge, welche von allen Opfern der blutigen Assisen vielleicht am allgemeinsten bedauert worden waren. Für das traurige Loos des einen von ihnen war Jakob ganz besonders verantwortlich. Jeffreys hatte dem jüngeren Bruder einen Aufschub bewilligt. Churchill hatte der Schwester der beiden jungen Männer eine Audienz beim Könige verschafft, und sie hatte um Gnade gefleht; aber des Königs Herz war unerbittlich gewesen. Es war für die ganze Familie ein harter Schlag; am meisten aber war Kiffin zu bedauern. Er war siebzig Jahr alt, als er vereinsamt dastand. Diejenigen überlebend, die ihn hatten überleben sollen. Die herzlosen und feilen Schmarotzer von Whitehall glaubten, indem sie nach sich selbst urtheilten, der alte Mann werde durch einen Aldermansmantel und durch eine Geldentschädigung für das verwirkte Vermögen seiner Enkel leicht wieder zu gewinnen sein. Penn wurde zu dem Verführungswerke ausersehen; aber seine Bemühungen waren vergebens. Der König beschloß hierauf, die Wirkung seiner persönlichen Artigkeit zu versuchen. Kiffin wurde in den Palast beschieden. Er fand einen glänzenden Kreis von Kavalieren und Gentlemen versammelt. Jakob kam ihm sogleich entgegen, redete ihn sehr freundlich an und schloß mit den Worten: „Ich habe Sie zu einem der Aldermen von London bestimmt, Herr Kiffin.“ Der alte Mann sah den König fest an, brach in Thränen aus und antwortete: „Sire, ich bin abgenutzt, ich bin nicht mehr fähig, Eurer Majestät oder der Hauptstadt zu dienen. Und überdies, Sire, hat der Tod meiner armen Jungen mir das Herz gebrochen. Diese Wunde ist noch heute so frisch wie jemals, und ich werde sie mit ins Grab nehmen.“ Der König schwieg einige Augenblicke sichtlich bewegt und sagte dann: „Ich werde einen Balsam für diese Wunde finden, Herr Kiffin.“ Es war gewiß nicht Jakob’s Absicht, etwas Kränkendes oder Übermüthiges zu sagen, im Gegentheil, er scheint sich in einer ungewöhnlich weichen Stimmung befunden zu haben. Dennoch wirft keine Äußerung die uns von ihm berichtet wird, ein so nachtheiliges Licht auf seinen Character als diese wenigen Worte. Es sind die Worte eines hartherzigen, niedrig denkenden Mannes, der sich keine Verwundung des Gefühls denken kann, welche durch eine Stelle oder durch eine Pension nicht vollkommen zu heilen wäre.51
Der Theil der Dissenters, der sich der neuen Politik des Königs günstig zeigte, war von Anfang an klein gewesen und begann bald noch mehr zusammenzuschmelzen. Denn die Nonconformisten erkannten in nicht langer Zeit, daß ihre geistlichen Privilegien durch die Indulgenz eher geschmälert als erweitert worden waren. Der characteristische Zug des Puritaners war Abscheu gegen die Eigenthümlichkeiten der römischen Kirche. Er hatte sich nur deshalb von der anglikanischen Kirche losgetrennt, weil er meinte, daß sie ihrer hochmüthigen und üppigen Schwester, der Zauberin mit dem goldenen Becher und dem Purpurgewande, zu ähnlich sähe. Jetzt fand er, daß eine von den stillschweigenden Bedingungen des Bündnisses, welches einige seiner Seelenhirten mit dem Hofe geschlossen hatten, die war, daß die Religion des Hofes mit Achtung und Schonung behandelt werden sollte. Er begann bald sich nach den Tagen der Verfolgung zurückzusehnen. So lange die Strafgesetze noch angewendet wurden, hatte er die Worte des Lebens zwar im Geheimen und mit persönlicher Gefahr angehört, aber er hatte sie doch gehört. Wenn die Brüder in ihrer Stube versammelt waren, wenn die Schildwachen ausgestellt und die Thüren verschlossen waren, wenn der Prediger in der Kleidung eines Metzgers oder Fuhrmanns über das Dach hereingekommen war, dann wurde wenigstens ein wirklicher Gottesdienst gehalten. Kein Theil der göttlichen Wahrheit ward aus weltlichen Rücksichten unterdrückt oder verstümmelt, alle unterscheidenden Lehren der puritanischen Theologie wurden vollständig und sogar in ihrer ungeschminktesten Form dargestellt. Der römischen Kirche ward kein Pardon gegeben. Das Thier, der Antichrist, der Mensch der Sünde, die mystische Isabel, das mystische Babylon waren die Ausdrücke, mit denen man jenen hehren und bezaubernden Aberglauben zu bezeichnen pflegte. Dies war einst die Sprache Alsop’s, Lobb’s, Rosewell’s und anderer Geistlichen gewesen, welche kürzlich im Palast wohl aufgenommen worden waren; aber so sprachen sie jetzt nicht mehr. Geistliche, die nach einer hohen Stufe in der Gunst und dem Vertrauen des Königs strebten, durften es nicht wagen, in harten Worten von der Religion des Königs zu sprechen. Die Gemeinden beklagten sich daher laut, daß sie seit dem Erscheinen der Indulgenzerklärung, welche ihnen dem Wortlaute nach doch völlige Gewissensfreiheit gewähren wollte, das Evangelium nie mehr kühn und rein hätten verkünden hören. Früher hatten sie ihre geistliche Nahrung verstohlen erhaschen müssen, aber wenn sie sie erhascht hatten, so fanden sie sie wenigstens ganz nach ihrem Geschmacke zubereitet. Jetzt konnten sie sie öffentlich und in aller Bequemlichkeit zu sich nehmen, aber sie hatte ihren ganzen Wohlgeschmack verloren. Sie versammelten sich bei Tage und in geräumigen Lokalen; aber sie hörten Predigten, die ihnen bei weitem nicht so gefielen, als die, welche der Rector ihnen gehalten haben würde. In der Pfarrkirche wurde der selbstgeschaffene Gottesdienst und die Abgötterei Roms jeden Sonntag energisch angegriffen; im Versammlungshause aber hütete sich der Pastor, der noch vor wenigen Monaten die Geistlichen der Landeskirche für nicht viel besser als die Papisten erklärt hatte, jetzt sorgfältig, den Papismus zu tadeln, oder kleidete seinen Tadel wenigstens in ein so mildes Gewand, daß er selbst das Ohr eines Pater Petre nicht beleidigt haben würde. Auch war es nicht möglich, für diesen Wechsel einen stichhaltigen Grund aufzufinden. Die römisch-katholischen Lehren hatten sich nicht verändert; seit Menschengedenken waren die katholischen Priester noch nie so eifrig im Proselytenmachen gewesen; noch nie waren so viele katholische Schriften aus der Presse hervorgegangen; noch nie hatten Alle, die sich um die Religion kümmerten, den Streit zwischen Katholiken und Protestanten mit so gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Was konnte man also von der Aufrichtigkeit von Theologen halten, welche nicht müde geworden waren, den Papismus zu schmähen, so lange derselbe vergleichsweise harmlos und wehrlos war, und die jetzt, wo eine Zeit wirklicher Gefahr für den reformirten Glauben gekommen, sorgfaltig jedes Wort vermieden, das einem Jesuiten Anstoß geben konnte? Ihr Benehmen war in der That nicht schwer zu erklären. Es war bekannt, daß einige von ihnen Begnadigungen erlangt, es wurde vermuthet, daß andere Geld bekommen hatten. Ihr Vorbild war der schwache Apostel, der aus Angst den Herrn verleugnete, dem er prahlerisch die unverbrüchlichste Treue gelobt hatte, oder der noch schlechtere Apostel, der seinen Herrn um eine Handvoll Silberlinge verkaufte.52
So verloren die vom Hofe gewonnenen Dissentergeistlichen rasch den Einfluß, den sie einst auf ihre Glaubensbrüder besessen hatten. Auf der andren Seite fühlten sich die Sektirer durch eine starke religiöse Sympathie zu den anglikanischen Prälaten und Priestern hingezogen, welche trotz königlicher Befehle, Drohungen und Versprechungen einen heftigen Krieg gegen die römische Kirche unterhielten. Die so lange durch tödtliche Feindschaft getrennt gewesenen Anglikaner und Puritaner, näherten sich einander mit jedem Tage mehr und mehr und jeder Schritt zur Einigung vermehrte den Einfluß des Mannes, der ihr gemeinsames Oberhaupt war. Wilhelm eignete sich in jeder Beziehung zum Vermittler zwischen diesen beiden großen Parteien der englischen Nation. Man konnte nicht sagen, daß er einer von beiden angehöre; aber keine von beiden konnte sich bei ruhiger Überlegung weigern, ihn als einen Freund zu betrachten. Sein theologisches System stimmte mit dem der Puritaner überein. Zu gleicher Zeit betrachtete er das Episcopat wenn auch nicht als eine göttliche Einrichtung, doch als eine vollkommen rechtmäßige und höchst nützliche Form des Kirchenregiments. Fragen über Stellungen, Gewänder, Festtage und Liturgien waren in seinen Augen keine Lebensfragen. Ein einfacher Gottesdienst wie der, an den er von jeher gewöhnt war, würde seinem persönlichen Geschmacke am meisten zugesagt haben, aber er war dabei gern bereit, sich jedem Ritual zu fügen, das der Nation angenehm war, und bestand nur darauf, daß man ihm nicht zumuthete, diejenigen seiner protestantischen Brüder zu verfolgen, denen ihr Gewissen es nicht zuließ, seinem Beispiele zu folgen. Zwei Jahre früher würde er von zahlreichen Bigotten auf beiden Seiten für einen bloßen Laodicäer erklärt, worden sein, der weder kalt noch warm war und zu nichts taugte als ausgestoßen zu werden. Aber der Eifer, der Anglikaner gegen Dissenters und Dissenters gegen Anglikaner entflammt hatte, war durch gemeinsame Widerwärtigkeiten und Gefahren so gedämpft worden, daß die Lauheit, die man ihm früher als Verbrechen angerechnet, jetzt als eine seiner Haupttugenden betrachtet wurde.
Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die Indulgenzerklärung. Jedermann war gespannt auf seine Ansicht über die Indulgenzerklärung. Eine Zeit lang nährte man in Whitehall die Hoffnung, daß seine bekannte Achtung vor den Rechten des Gewissens ihn wenigstens abhalten werde, öffentlich seine Mißbilligung einer Politik auszusprechen, die einen unleugbaren Anstrich von Freisinnigkeit hatte. Penn schickte zahlreiche Auseinandersetzungen nach dem Haag und begab sich sogar persönlich dahin, in der Hoffnung daß seine Beredtsamkeit, von der er eine hohe Meinung hatte, sich als unwiderstehlich erweisen werde. Aber obgleich er sein Lieblingsthema mit einer Redseligkeit entwickelte, die seine Zuhörer ermüdete und obgleich er sie versicherte, daß ein Mann, der mit den Engeln verkehre, ihm das Herannahen eines goldenen Zeitalters der Religionsfreiheit geoffenbart habe, so machte er doch keinen Eindruck auf den Prinzen.53 „Ihr verlangt von mir,“ sagte er zu einem der Agenten des Königs, „daß ich einen Angriff auf meine eigne Religion unterstützen soll. Das kann ich mit gutem Gewissen nicht thun, und ich werde es nicht thun, nein, nicht um die Krone Englands, nicht um die Herrschaft der Welt!“ Diese Worte wurden dem Könige mitgetheilt und sie beunruhigten ihn nicht wenig.54 Er schrieb mit eigner Hand eindringliche Briefe. Zuweilen nahm er den Ton des Beleidigten an. Er sei das Oberhaupt der königlichen Familie, als solches sei er berechtigt, von den jüngeren Mitgliedern Gehorsam zu erwarten, und es sei sehr hart, daß er in einer Angelegenheit, die ihm über Alles am Herzen liege, auf Widerstand stoße. Andere Male wurde ihm ein Köder vorgehalten, den man für unwiderstehlich hielt. Wenn Wilhelm nur in diesem einen Punkte nachgäbe, so würde die englische Regierung ihm dafür kräftigen Beistand gegen Frankreich leisten. Er ließ sich aber nicht bethören. Er wußte, daß Jakob selbst beim besten Willen ohne die Unterstützung eines Parlaments nicht im Stande sein würde, der gemeinschaftlichen Sache Europa’s einen wirksamen Dienst zu leisten, und es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß wenn ein Parlament zusammenkam, die erste Forderung beider Häuser die Cassirung der Indulgenzerklärung sein würde.
Die Prinzessin stimmte allen Meinungsäußerungen ihres Gemahls bei, und ihre gemeinschaftliche Ansicht wurde dem Könige in entschiedenen aber gemäßigten Ausdrücken mitgetheilt. Sie erklärten, daß sie das von Seiner Majestät eingeschlagene Verfahren lebhaft bedauerten. Sie seien überzeugt, daß er sich ein Hoheitsrecht angemaßt habe, das ihm gesetzlich nicht zustehe. Gegen diese Anmaßung protestirten sie, nicht nur als Freunde der bürgerlichen Freiheit, sondern auch als Mitglieder des königlichen Hauses, als welche sie ein hohes Interesse an der Erhaltung der Rechte dieser Krone hätten, die sie einst tragen könnten. Denn die Erfahrung habe gelehrt, daß Willkürherrschaft in England unfehlbar eine Reaction nach sich ziehe, die noch verderblicher sei als jene selbst, und man müsse mit Grund befürchten, daß die durch die Aussicht auf Despotismus beunruhigte und entrüstete Nation selbst gegen die constitutionelle Monarchie einen Widerwillen fassen würde. Sie gäben daher dem Könige den Rath, daß er in allen Dingen streng nach dem Gesetze regieren möge. Sie geständen sehr gern zu, daß das Gesetz mit Nutzen durch die competente Autorität abgeändert werden könne und daß ein Theil seiner Erklärung es wohl verdiene, einer Parlamentsacte einverleibt zu werden. Sie seien keine Verfolger, sie würden mit Vergnügen römische Katholiken so gut als protestantische Dissenters in geeigneter Weise von allen Strafgesetzen befreit, und ebenso gern protestantische Dissenters in zweckmäßiger Weise zu bürgerlichen Ämtern zugelassen sehen. Weiter aber könnten Ihre Hoheiten nicht gehen. Sie könnten sich der ernsten Besorgniß nicht enthalten, daß die Zulassung römischer Katholiken zu Staatsämtern große Nachtheile hervorrufen würden, und es war nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß der Grund zu dieser Besorgniß namentlich in Jakob’s Handlungsweise liege.55
Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen Katholiken. Die ausgesprochene Ansicht des Prinzen und der Prinzessin über die Ausschließungen, denen die römischen Katholiken unterworfen waren, theilten fast alle Staatsmänner und Philosophen, welche damals der politischen und religiösen Freiheit eifrig das Wort redeten. In unsrer Zeit dagegen haben erleuchtete Männer oft mit Bedauern sich dahin geäußert, daß Wilhelm in diesem einen Punkte gegen seinen Schwiegervater im Nachtheil stehe. Das Wahre ist, daß einige Erwägungen, welche nothwendig sind, wenn man sich ein richtiges Urtheil bilden will, von vielen Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts nicht berücksichtigt worden zu sein scheinen.
Es sind zwei einander entgegengesetzte Irrthümer, in welche Diejenigen, die sich mit dem Studium unsrer vaterländischen Geschichte beschäftigen, in steter Gefahr sind zu verfallen: der Irrthum, daß sie die Gegenwart nach der Vergangenheit, und der Irrthum, daß sie die Vergangenheit nach der Gegenwart beurtheilen. Dem ersteren sind Diejenigen unterworfen, welche geneigt sind alles Alte zu verehren, dem zweiten Diejenigen, welche von allem Neuen angezogen werden. Auf den ersteren stößt man beständig in den Raisonnements conservativer Politiker über die Fragen ihrer Zeit, der zweite findet sich immer in den Betrachtungen von Schriftstellern der liberalen Richtung, wenn sie die Ereignisse einer früheren Zeit besprechen. Der erstere ist bei einem Staatsmanne, der andre bei einem Geschichtsschreiber verderblicher.
Es ist für Niemanden, der es in Unsrer Zeit unternimmt, über die Revolution zu schreiben, welche die Stuarts stürzte, so leicht, die rechte Mittelstraße zwischen diesen beiden Extremen stetig einzuhalten. Die Frage, ob es gerathen sei, Mitglieder der katholischen Kirche zum Parlament und zu Staatsämtern zuzulassen, erschütterte unser Vaterland während der Regierung Jakob’s II., durch seinen Sturz wurde sie in den Hintergrund zurückgedrängt, und nachdem sie über ein Jahrhundert lang geruht hatte, kam sie in Folge der großen Aufregung der Gemüther, welche dem Zusammentritt der französischen Nationalversammlung folgte, wieder zur Sprache. Dreißig Jahre währte der Streit in beiden Häusern des Parlaments, in jedem Wahlkörper, in jedem Kreise der Gesellschaft. Er stürzte Ministerien, zerriß Parteien, machte in einem Theile des Landes jede Regierung unmöglich und brachte uns zuletzt an den Rand des Bürgerkrieges. Selbst nach Beendigung des Kampfes gohren die Leidenschaften, die er aufgeregt hatte, noch immer fort. Ein Mann, dessen Geist unter dem Einflusse dieser Leidenschaften stand, konnte fast unmöglich die Ereignisse der Jahre 1687 und 1688 in einem vollkommen richtigen Lichte erblicken.
Eine Klasse von Politikern, welche von dem richtigen Vordersatze ausging, daß die Revolution eine große Wohlthat für unser Land gewesen sei, gelangte zu dem irrigen Schlusse, daß keine Bürgschaft, die von den Staatsmännern der Revolution zum Schutze unsrer Religion und unsrer Freiheit für nöthig erachtet worden war, ohne Gefahr abgeschafft werden könnte. Eine andre Klasse, die von dem ebenfalls richtigen Vordersatze ausging, daß die über die Katholiken verhängten Ausschließungen lange Zeit nichts als Unheil verursacht hätten, kam zu dem falschen Schlusse, daß diese Ausschließungen zu keiner Zeit nützlich und nothwendig gewesen sein könnten. Der erste Trugschluß durchdrang die Reden des geistreichen und gelehrten Eldon, der andre blieb selbst auf einen so ruhigen und philosophischen Kopf wie Mackintosh nicht ganz ohne Einfluß.
Bei näherer Prüfung wird es sich jedoch vielleicht zeigen, daß wir das von allen großen englischen Staatsmännern des siebzehnten Jahrhunderts einstimmig gebilligte Verfahren rechtfertigen können, ohne die Weisheit des von allen großen englischen Staatsmännern unsrer Zeit eben so einstimmig gebilligten Verfahrens in Zweifel zu ziehen.
Es ist unbestreitbar ein Übel, wenn ein Bürger seiner religiösen Meinung halber vom Staatsdienste ausgeschlossen sein soll; aber der menschlichen Weisheit bleibt zuweilen nichts andres übrig als die Wahl zwischen zwei Übeln. Eine Nation kann in eine Lage kommen, in der die Mehrheit entweder Ausschließungen verhängen oder sich solche gefallen lassen muß und wo das was unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Recht als Verfolgung verdammt werden würde, noch innerhalb der Grenzen der Selbstvertheidigung liegt. In einer solchen Situation befand sich England im Jahre 1687.
Nach der Verfassung des Reichs hatte Jakob das Recht, fast alle öffentlichen Beamten, bei der Regierung, bei den Gerichten, in der Kirche, beim Militair und bei der Flotte zu ernennen. Bei der Ausübung dieses Rechts war er nicht, wie unsere gegenwärtigen Souveraine, genöthigt, in Übereinstimmung mit dem Rathe von Ministern, die das Haus der Gemeinen billigte, zu handeln. Es lag also auf der Hand, daß es, wenn er durch das Gesetz nicht streng verbunden war, nur Protestanten anzustellen, ihm frei stand, lauter Katholiken anzustellen. Die Anzahl der römischen Katholiken war unbedeutend, und es gab nicht einen einzigen Mann unter ihnen, dessen Dienste der Staat ernstlich vermißt haben würde. Das Verhältniß, in dem ihre Zahl zur Gesammtbevölkerung stand, war noch viel geringer als es gegenwärtig ist, denn gegenwärtig ergießt sich ein ununterbrochener Auswanderungsstrom von Irland in unsere großen Städte, während es im siebzehnten Jahrhunderte noch nicht einmal in London eine irische Colonie gab. Neunundvierzig Funfzigstel der Bewohner des Königreichs, neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens des Königreichs, fast alle politischen, juristischen und militairischen Talente und Kenntnisse, die das Land besaß, waren protestantisch. Trotzdem hatte der König in thörichter Verblendung sich vorgenommen, sein unbegrenztes Ernennungsrecht als Mittel zum Proselytenmachen zu benutzen. Seiner Kirche angehören war in seinen Augen der erste Befähigungstitel für ein Amt. Der Landeskirche angehören war entschieden ein Grund der Nichtbefähigung. Er verwarf zwar in einer Sprache, welche den Beifall einiger leichtgläubigen Freunde der Glaubensfreiheit fand, die monströse Ungerechtigkeit des Religionseides, der eine kleine Minderheit der Nation von öffentlichen Ämtern ausschloß; zu gleicher Zeit aber führte er einen andren Religionseid ein, der die Mehrheit ausschloß. Es schien ihm hart, daß ein guter Finanzmann und loyaler Unterthan lediglich deshalb weil er ein Papist war, von dem Posten eines Lordschatzmeisters ausgeschlossen sein sollte; aber er selbst hatte einen Lordschatzmeister, den er als einen tüchtigen Finanzmann und loyalen Unterthan anerkannt, bloß deshalb abgesetzt, weil er Protestant war. Er hatte wiederholt und bestimmt erklärt, er sei fest entschlossen, den weißen Stab niemals in die Hände eines Ketzers zu geben. Mit vielen anderen hohen Staatsämtern war er ebenso verfahren. Bereits waren der Lordpräsident, der Geheimsiegelbewahrer, der Oberkammerherr, der Garderobeaufseher, der erste Lord des Schatzes, ein Staatssekretär, der Lordobercommissar von Schottland, der Kanzler von Schottland und der Sekretär von Schottland Katholiken oder gaben sich wenigstens dafür aus. Die meisten von diesen Beamten waren von Haus aus Anglikaner und hatten sich des offenen oder geheimen Abfalls schuldig gemacht, um ihre hohen Stellen zu erlangen oder zu behalten. Jeder Protestant, der noch einen wichtigen Staatsposten bekleidete, bekleidete ihn in beständiger Ungewißheit und Angst. Wir würden nicht fertig werden, wollten wir die untergeordneteren Stellen anführen, welche von Mitgliedern der begünstigten Klasse besetzt waren. In jedem Zweige der Verwaltung wimmelte es schon von Katholiken. Sie waren Lordlieutenants, stellvertretende Lieutenants, Richter, Friedensrichter, Zollcommissare, Gesandte an fremden Höfen, Regimentsobersten und Festungscommandanten. Der Antheil, den sie binnen wenigen Monaten von den durch die Krone zu besetzenden weltlichen Ämtern erlangt hatten, war weit über zehnmal so groß, als er unter einem unparteiischen Systeme gewesen sein würde. Dies war indessen noch nicht das Schlimmste. Man hatte sie auch zu Beherrschern der anglikanischen Kirche gemacht. Männer, die den König versichert hatten, daß sie seines Glaubens seien, saßen in der Hohen Commission und übten die höchste geistliche Gerichtsbarkeit über alle Prälaten und Priester der Landeskirche aus. Kirchliche Pfründen von hohem Ansehen waren theils erklärten, theils verkappten Papisten verliehen worden. Und dies Alles war geschehen, während die Gesetze gegen den Papismus noch in Kraft waren und Jakob noch gegründete Ursache hatte, Achtung vor den Rechten des Gewissens zu heucheln. Was war also von ihm zu erwarten, wenn seine Unterthanen einwilligten, ihn durch ein Gesetz von jedem Schatten der Beschränkung vollends zu befreien? Kann man wohl daran zweifeln, daß Protestanten durch eine streng gesetzmäßige Anwendung der königlichen Prärogative eben so wirksam von Anstellungen ausgeschlossen worden wären, als jemals römische Katholiken durch eine Parlamentsacte ausgeschlossen worden sind?
Wie hartnäckig Jakob entschlossen war, den Mitgliedern seiner Kirche einen Antheil an den öffentlichen Ämtern zu gewähren, der zu ihrer Zahl und zu ihrer Bedeutung außer allem Verhältniß stand, geht aus den Instructionen hervor, die er im Exil und im hohen Alter als Leitfaden für seinen Sohn aufzeichnete. Es ist unmöglich, diese Ergüsse eines Mannes, an dem alle Lehren der Erfahrung und des Unglücks spurlos vorübergegangen waren, ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung zu lesen. Dem Prätendenten wird anempfohlen, wenn er einmal zur Regierung in England gelangen sollte, die Ämter zu theilen und den Mitgliedern der römischen Kirche einen Antheil zu reserviren, der groß genug für sie gewesen sein würde, wenn sie die Hälfte, anstatt ein Funfzigstel der Nation gebildet hätten. Ein Staatssekretär, ein Schatzcommissar, der Kriegssekretär, die Mehrheit der Großwürdenträger des Hofstaates und die Mehrzahl der Offiziere der Armee müßten immer Katholiken sein. Dies waren Jakob’s Ansichten selbst dann noch, als seine thörichte Bigotterie ihm eine Strafe zugezogen hatte, über welche die ganze Welt erschrocken war. Kann man also wohl in Zweifel darüber sein, wie er gehandelt haben würde, wenn sein Volk, durch den leeren Namen der religiösen Freiheit geblendet, ihn ohne Zügel hätte fortregieren lassen?
Selbst Penn scheint trotz seiner blinden und maßlosen Begeisterung für die Indulgenzerklärung eingesehen zu haben, daß man sich nicht wundern durfte, wenn die Parteilichkeit, mit der römische Katholiken mit Ehrenstellen und Einkünften überschüttet wurden, die Eifersucht der Nation erregte. Er gab zu, daß die Protestanten im Fall der Aufhebung der Testacte Anspruch auf ein Äquivalent hätten, und ging sogar so weit, daß er verschiedene Äquivalente vorschlug. Schon seit mehreren Wochen war das Wort Äquivalent, damals erst kürzlich aus Frankreich eingeführt, im Munde aller Kaffeehausredner; endlich aber machten einige Seiten scharfsinniger Logik und feiner Sarkasmen aus Halifax’ Feder diesen hohlen Projecten ein Ende. Einer von Penn’s Plänen bestand darin, daß ein Gesetz erlassen werden sollte, welches die von der Krone zu verleihenden Ämter in drei gleiche Theile theilte, von denen nur einer den Mitgliedern der katholischen Kirche zufallen sollte. Selbst unter einem solchen System würden die Katholiken noch immer zwanzigmal den ihnen eigentlich zustehenden Antheil erhalten haben, und doch kann man nicht annehmen, daß der König selbst in eine solche Anordnung gewilligt haben würde. Hätte er aber auch darein gewilligt, welche Garantie konnte er bieten, daß er auch wirklich an diesem Übereinkommen festhielt? Man hatte keine Antwort auf das von Halifax aufgestellte Dilemma: wenn Gesetze für Euch bindend sind, so beobachtet das jetzt bestehende Gesetz; sind sie nicht bindend für Euch, so ist es auch nutzlos, uns ein Gesetz als Bürgschaft zu bieten.56
Es ist sonach klar, daß es sich gar nicht darum handelte, ob weltliche Ämter allen Religionsparteien ohne Unterschied offen stehen sollten. So lange Jakob König war, war Ausschließung unvermeidlich, und es fragte sich nur, wer ausgeschlossen werden sollte, ob Papisten oder Protestanten, die Wenigen oder die Vielen, hunderttausend Engländer oder fünf Millionen.
Dies sind die gewichtigen Gründe, durch welche das Verfahren des Prinzen von Oranien gegen die englischen Katholiken mit den Grundsätzen der Glaubensfreiheit in Einklang gebracht werden kann. Diese Gründe haben, wie man bemerken wird, mit keinem Theile der katholischen Theologie etwas zu thun. Ebenso wird man einsehen, daß sie ihr ganzes Gewicht verlieren mußten, als die Krone an ein protestantisches Herrscherhaus gekommen und die Macht des Unterhauses im Staate ein so entschiedenes Übergewicht erlangt hatte, daß kein Souverain, mochten seine Ansichten oder Neigungen sein, welche sie wollten, das Beispiel Jakob’s nachahmen konnte. Die Nation befand sich indessen nach ihren Schrecken, ihren Kämpfen und ihrer mit genauer Noth erlangten Rettung in einer mißtrauischen und rachsüchtigen Stimmung. Daher wurden Vertheidigungsmittel, welche die Nothwendigkeit gerechtfertigt hatte, die aber auch nur die Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, noch lange, nachdem die Nothwendigkeit nicht mehr vorhanden war, hartnäckig beibehalten, und erst aufgegeben, nachdem das herrschende Vorurtheil einen langjährigen Kampf gegen die Vernunft bestanden hatte. Zu den Zeiten Jakob’s aber standen Vernunft und herrschendes Vorurtheil auf der nämlichen Seite. Der Fanatiker und Ignorant wollte den Katholiken vom Staatsdienste ausschließen, weil er Klötze und Steine anbetete, weil er das Zeichen des Thieres an sich trug, weil er London angezündet und Sir Edmondsbury Godfrey erwürgt hatte, und der einsichtsvollste und toleranteste Staatsmann wurde, während er über den Irrwahn lächelte, in dem das gemeine Volk befangen war, auf einem ganz andren Wege zu dem nämlichen Schlusse geführt.
Wilhelm’s großer Plan war jetzt, die zahlreichen Theile des großen Körpers, der ihn als sein gemeinschaftliches Oberhaupt betrachtete, zu einem Ganzen zu vereinigen. Bei diesem Werke hatte er mehrere geschickte und zuverlässige Mitarbeiter, von denen zwei, Burnet und Dykvelt, ihm ganz besonders nützlich waren.
Jakob’s Feindschaft gegen Burnet. Burnet’s Dienste mußten allerdings mit einiger Vorsicht angewendet werden. Die freundliche Aufnahme, die er im Haag gefunden, hatte Jakob heftig aufgebracht, und Marie erhielt von ihrem Vater zwei Briefe voll Invectiven gegen den frechen und wühlerischen Theologen, den sie beschützte. Diese Beschuldigungen aber machten einen so geringen Eindruck auf sie, daß sie Antworten darauf zurücksandte, welche Burnet selbst dictirt hatte. Im Januar 1687 endlich schritt der König zu energischeren Maßregeln. Skelton, der die englische Regierung bei den Vereinigten Provinzen vertreten hatte, wurde nach Paris versetzt und erhielt Albeville, das schwächste und gemeinste Mitglied der ganzen jesuitischen Cabale, zum Nachfolger. Geld war Albeville’s einziger Lebenszweck, und er nahm es von Jedem, der es ihm anbot. Er wurde zu gleicher Zeit von Frankreich und von Holland bezahlt. Er verschmähte sogar den erbärmlichen Anstand, den auch die Bestechlichkeit zu beobachten pflegt, und nahm so kleine Geschenke an, wie sie eher einem Lastträger oder einem Bedienten zukommen als einem Gesandten, der mit einer englischen Baronie und einem ausländischen Marquisate beehrt worden war. Einmal steckte er mit der größten Gemüthsruhe ein Trinkgeld von fünfzig Pistolen für einen Dienst ein, den er den Generalstaaten geleistet hatte. Dieser Mann war beauftragt, zu verlangen, daß Burnet im Haag nicht länger begünstigt werde. Wilhelm, der keine Lust hatte, sich von einem so werthvollen Freunde zu trennen, antwortete zuerst mit seiner gewohnten Kälte: „Ich wüßte nicht, Sir, daß der Doctor seit seinem Hiersein etwas gethan oder gesagt hätte, worüber Seine Majestät sich mit Grund beklagen könnte.“ Jakob aber bestand entschieden auf seiner Forderung, und da die geeignete Zeit zu einem offenen Bruche noch nicht gekommen war, so mußte Wilhelm nachgeben. Über anderthalb Jahr lang kam Burnet weder mit dem Prinzen, noch mit der Prinzessin in persönliche Berührung; aber er wohnte in ihrer Nähe, wurde von Allem, was vorging, genau unterrichtet, sein Rath ward beständig in Anspruch genommen, seine Feder bei jedem wichtigen Anlasse benutzt und viele der schärfsten und wirksamsten Aufsätze und Flugschriften, welche damals in London erschienen, wurden ihm mit Recht zugeschrieben.
Jakob’s Wuth entbrannte. Er war von jeher für zornige Leidenschaften nur zu empfänglich gewesen, aber noch keinen seiner Feinde, selbst die nicht, welche sich gegen sein Leben verschworen oder es versucht hatten, ihm durch Meineid die Schuld des Verraths und des Mordes aufzubürden, hatte er mit einer solchen Erbitterung gehaßt, als er jetzt Burnet haßte. Seine Majestät schimpfte täglich in höchst unköniglicher Sprache auf den Doctor und sann auf ungesetzliche Rache. Selbst Blut genügte diesem wüthenden Hasse nicht; der unverschämte Theolog mußte gefoltert werden, ehe er sterben durfte. Zum Glück war er ein Schotte von Geburt, und in Schottland konnten seine Beine erst in den spanischen Stiefeln zerquetscht werden, bevor er auf dem Grasmarkte gehängt wurde. Zu dem Ende wurde in Edinburg der Prozeß gegen ihn eingeleitet; aber er war in Holland naturalisirt, hatte eine vermögende Frau aus dieser Provinz geheirathet und es war gewiß, daß sein Adoptivvaterland ihn nicht ausliefern würde. Man beschloß daher, ihn wegfangen zu lassen. Mit großen Summen wurden einige Bösewichter für diesen gefährlichen und schändlichen Dienst gedungen; im Staatssekretariat wurde zu diesem Zwecke eine Anweisung auf dreitausend Pfund Sterling ausgestellt. Ludwig wurde von dem Plane unterrichtet und interessirte sich außerordentlich dafür; er sicherte seinen kräftigen Beistand zu, damit der Schurke nach England gebracht werde, und versprach, daß die Werkzeuge der Rache Jakob’s in Frankreich eine Freistätte finden sollten. Burnet kannte die ihm drohende Gefahr wohl, aber Furcht gehörte nicht zu seinen Fehlern. Er veröffentlichte eine beherzte Antwort auf die in Edinburg gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Er wisse, sagte er, daß man ihn ohne Prozeß hinzurichten gedenke, aber er vertraue auf den König aller Könige, zu dem unschuldiges Blut selbst gegen die mächtigsten Fürsten der Erde nicht vergebens schreien werde. Er gab einigen Freunden ein Abschiedsmahl, und nach demselben nahm er als ein Mann, der dem Tode verfallen sei und mit dem sie ohne Gefahr nicht mehr umgehen könnten, feierlich Abschied von ihnen. Dessenungeachtet zeigte er sich nach wie vor so furchtlos auf allen öffentlichen Plätzen im Haag, daß seine Freunde ihm wegen seiner Tollkühnheit bittere Vorwürfe machten.57
Sendung Dykvelt’s nach England. Während Burnet Wilhelm’s Sekretär für die englischen Angelegenheiten in Holland war, wurde Dykvelt mit nicht geringerem Nutzen in London verwendet. Dykvelt war einer von den ausgezeichneten Staatsmännern, welche in der edlen Schule des Johann de Witt ihre politische Bildung erhalten hatten und nach dem Falle dieses großen Ministers ihre Pflichten gegen die Republik dadurch am besten zu erfüllen glaubten, daß sie sich um den Prinzen von Oranien schaarten. Keiner von den Diplomaten im Dienste der Vereinigten Provinzen stand in Bezug auf Gewandtheit, Character und Manieren über Dykvelt, und ebenso scheint keiner ihm in der Kenntniß der englischen Verhältnisse gleichgekommen zu sein. Es fand sich ein Vorwand, um ihn zu Anfang des Jahres 1687 mit Beglaubigungsschreiben von den Generalstaaten in einer besonderen Mission nach England zu senden. Eigentlich aber galt seine Sendung nicht der Regierung, sondern der Opposition, und er handelte nach Privatinstructionen, welche von Burnet entworfen und von Wilhelm genehmigt waren.58
Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern. Dykvelt berichtete, daß Jakob sich durch das Benehmen des Prinzen und der Prinzessin tief gekränkt fühle. „Die Pflicht meines Neffen ist, meine Hand zu stärken“, sagte der König, „aber es hat ihm von jeher Vergnügen gemacht, wenn er mir hat hinderlich sein können.“ Dykvelt antwortete, in Privatangelegenheiten habe Seine Hoheit stets die Wünsche des Königs berücksichtigt und werde dies auch in Zukunft jederzeit thun, aber es sei doch kaum recht und billig, die Unterstützung eines protestantischen Fürsten gegen die protestantische Kirche zu erwarten.59 Der König war zum Schweigen gebracht, aber nicht besänftigt. Mit einem Verdrusse, den er nicht verhehlen konnte, sah er, daß Dykvelt alle die verschiedenen Abteilungen der Opposition mit einer Geschicklichkeit musterte und einschulte, welche dem gewandtesten englischen Staatsmanne zur Ehre gereicht haben würde und die bei einem Ausländer bewundernswürdig war. Der Geistlichkeit wurde gesagt, daß sie in dem Prinzen einen Freund des Episcopats und der Liturgie finden werde. Den Nonconformisten wurde Hoffnung gemacht, daß sie von ihm nicht nur Duldung, sondern sogar Gleichstellung zu erwarten hätten. Selbst die römischen Katholiken wurden versöhnt und einige der Angesehensten unter ihnen sagten dem Könige ins Gesicht, daß sie mit dem, was Dykvelt ihnen biete, zufrieden seien und daß sie eine durch das Gesetz verbürgte Duldung einem gesetzwidrigen und unsicheren Übergewichte vorzögen.60
Danby. Die Oberhäupter aller wichtigen Parteien der Nation hielten häufige Besprechungen in Gegenwart des geschickten Gesandten. Die Ansicht der Torypartei war bei diesen Zusammenkünften hauptsächlich durch die Earls von Danby und von Nottingham vertreten. Obgleich seit Danby’s Sturze bereits über acht Jahre vergangen waren, so stand sein Name doch bei den alten Kavalieren Englands noch in hohem Ansehen, und selbst viele von denjenigen Whigs, die ihn früher verfolgt hatten, gaben jetzt bereitwillig zu, daß er für die Sünden Anderer habe büßen müssen und daß sein Eifer für die Hoheitsrechte ihn zwar oft irre geleitet habe, aber bei alledem durch zwei ehrenwerthe Gefühle gemildert worden sei: durch Eifer für die Staatsreligion und durch Eifer für die Würde und Unabhängigkeit seines Vaterlandes. Auch im Haag wurde er hoch geschätzt, denn man vergaß es ihm dort nie, daß er es gewesen war, der Karl trotz des Einflusses Frankreichs und der Papisten bewogen hatte, die Hand der Prinzessin Marie ihrem Vetter zu geben.
Nottingham. Daniel Finch, Earl von Nottingham, ein Edelmann, dessen Name in der Geschichte dreier ereignißvoller Regierungen häufig genannt werden wird, stammte aus einer Familie von unvergleichlicher juristischer Auszeichnung. Einer seiner Verwandten hatte das Siegel Karl’s I. geführt, hatte seine eminenten Talente und Kenntnisse zu schlechten Zwecken gemißbraucht und war von der Rache der Gemeinen Englands, mit Falkland an der Spitze, verfolgt worden. Einen ehrenvolleren Ruf erlangte unter der folgenden Generation Heneage Finche. Er war unmittelbar nach der Restauration zum Staatsprokurator ernannt worden und war nacheinander zum Lordsiegelbewahrer, zum Lordkanzler, zum Baron Finch und Earl von Nottingham emporgestiegen. Während dieser ganzen glänzenden Laufbahn hatte er die Hoheitsrechte stets so hoch gehalten, als er es mit Ehren und Anstand konnte; nie aber war er bei irgend einer Machination gegen die Grundgesetze des Reichs betheiligt gewesen. Inmitten eines verderbten Hofes hatte er seine persönliche Rechtschaffenheit unbefleckt zu erhalten gewußt. Auch als Redner genoß er eines hohen Rufes, obwohl seine nach Mustern aus der Zeit vor dem Bürgerkriege gebildete Diction gegen das Ende seines Lebens von den Schöngeistern der heranwachsenden Generation steif und pedantisch genannt wurde. In Westminsterhall wird er noch immer mit Achtung als der Mann erwähnt, welcher aus dem Chaos, dem man in alter Zeit den Namen der Billigkeit gab, zuerst ein neues juristisches System bildete, das ebenso geregelt und vollständig ist wie das nach welchem die Richter des gemeinen Rechts verfahren.61 Ein wesentlicher Theil der sittlichen und geistigen Eigenschaften dieses großen Staatsmannes ging mit dem Titel Nottingham auf seinen ältesten Sohn über. Dieser Sohn, der Earl Daniel, war ein rechtschaffener und tugendhafter Mann. Obwohl er in einigen abgeschmackten Vorurtheilen befangen und sonderbaren Anfällen von Launenhaftigkeit unterworfen war, kann man ihn doch nicht beschuldigen, daß er um unredlichen Gewinns oder strafbaren Genusses willen vom Pfade des Rechts abgewichen wäre. Er war, wie sein Vater, ein ausgezeichneter Redner und sprach eindringlich, aber weitschweifig und mit zu monotoner Gemessenheit. Seine Persönlichkeit entsprach ganz seiner Rede. Seine Haltung war steif, seine Gesichtsfarbe so dunkel, daß man ihn für den Eingebornen eines wärmeren Himmelstrichs hätte halten können, und seine scharf markirten Gesichtszüge hatten einen Ausdruck, welcher dem des Hauptleidtragenden bei einem Begräbnisse glich. Man pflegte von ihm zu sagen, daß er eher wie ein spanischer Grande als wie ein englischer Gentleman aussähe. Spottvögel gaben ihm die Spitznamen Dismal (Trübselig), Don Dismallo und Don Diego, welche noch heute nicht vergessen sind. Er hatte auf das Studium der Wissenschaft, durch die seine Familie sich so hoch emporgeschwungen, großen Fleiß verwendet und war für einen vornehm und reich gebornen Mann in den Gesetzen seines Vaterlandes erstaunlich bewandert. Er war ein treuer Sohn der Hochkirche und bewies seine Achtung vor derselben auf zwei Wegen, welche bei den Lords, die sich zu seiner Zeit als ihre besonderen Freunde gerirten, nicht gewöhnlich war, nämlich dadurch, daß er Schriften zur Vertheidigung ihrer Glaubenssätze herausgab und daß er sich in seinem Privatleben nach ihren Gebeten richtete. Wie viele andre eifrige Anglikaner hatte er bis vor Kurzem die monarchische Regierungsform kräftig unterstützt. Die Politik aber, welche seit der Unterdrückung des Aufstandes im Westen befolgt wurde, empörte ihn auf das heftigste, und zwar deshalb nicht weniger, weil sein jüngerer Bruder Heneage in Folge seiner Weigerung, die Dispensationsgewalt des Königs zu vertheidigen, seines Amtes als Generalprokurator entsetzt worden war.62
Halifax. Mit diesen beiden großen toryistischen Earls war jetzt Halifax, das ausgezeichnete Oberhaupt der Trimmers, verbunden. Auf Nottingham’s Gesinnungen scheint Halifax damals in der That einen entschiedenen Einfluß ausgeübt zu haben. Zwischen Halifax und Danby bestand eine Feindschaft, welche am Hofe Karl’s begonnen hatte und nachher auch den Hof Wilhelm’s beunruhigte, während der Tyrannei Jakob’s aber wie viele andere Feindschaften ruhte. Die beiden Gegner trafen häufig in den von Dykvelt veranstalteten Conferenzen zusammen und stimmten in dem Ausdrucke des Mißfallens an der Politik der Regierung und der Verehrung für den Prinzen von Oranien überein. In ihrem Verkehr mit den holländischen Gesandten trat die Characterverschiedenheit der beiden Staatsmänner stark hervor. Halifax zeigte ein bewundernswürdiges Talent für Auseinandersetzungen, scheute sich aber vor kühnen und unwiderruflichen Entschlüssen. Danby war minder fein und beredt, besaß aber mehr Energie, Entschlossenheit und praktischen Scharfblick.
Devonshire. Mehrere ausgezeichnete Whigs waren mit Dykvelt in fortwährender Verbindung; aber die Oberhäupter der großen Häuser Cavendish und Russel konnten keinen so thätigen und vorwiegenden Antheil an den Unterhandlungen nehmen, als man nach ihrer Stellung und ihren Ansichten hätte erwarten dürfen. Der Ruhm und das Glück Devonshire’s wurden im Augenblicke durch eine Wolke verdunkelt. Er hatte einen beklagenswerthen Streit mit dem Hofe, der nicht aus einer öffentlichen und ehrenvollen Angelegenheit, sondern aus einem Privatzwist entsprungen war, in welchem selbst seine wärmsten Freunde ihn nicht von aller Schuld freisprechen konnten. Als er einmal nach Whitehall kam, um seine Aufwartung zu machen, war er von einem gewissen Colepepper insultirt worden, einem jener Raufbolde, welche die Umgebungen des Hofes unsicher machten und die sich durch Beleidigung von Mitgliedern der Opposition bei der Regierung in Gunst zu setzen suchten. Der König selbst äußerte seine Entrüstung über die einem seiner ausgezeichneten Peers unter dem königlichen Dache widerfahrene Behandlung und Devonshire wurde durch die Versicherung besänftigt, daß der Beleidiger den Palast nie wieder betreten solle. Dieses Verbot wurde jedoch bald wieder aufgehoben und der Groll des Earls erwachte von neuem. Seine Diener nahmen sich der Sache an und die Straßen von Westminster wurden durch Händel beunruhigt, die in ein roheres Zeitalter gehörten. Die Zeit des Geheimen Raths ward durch Anklagen und Gegenanklagen der streitenden Parteien in Anspruch genommen. Colepepper’s Frau erklärte: sie und ihr Gatte seien ihres Leben nicht sicher und ihr Haus sei beständig von Banditen in der Livree der Cavendish belagert; Devonshire erwiederte, es sei aus Colepepper’s Fenstern auf ihn geschossen worden. Dies wurde heftig geleugnet. Es wurde zwar eingeräumt, daß ein blind geladenes Pistol abgefeuert worden sei, aber dies sei nur in einem Augenblicke des Schreckens geschehen, um die Wache zu alarmiren. Wahrend diese Fehde ihren Höhepunkt erreicht hatte, traf der Earl im Empfangzimmer zu Whitehall mit Colepepper zusammen und er glaubte in den Mienen des Raufboldes triumphirenden Übermuth zu erkennen. Vor den Augen des Königs geschah nichts Unziemliches; sobald aber die beiden Gegner das Audienzzimmer verlassen hatten, machte Devonshire den Vorschlag, den Streit auf der Stelle mit dem Degen zu entscheiden. Die Herausforderung wurde zurückgewiesen. Da vergaß der stolze Peer die Achtung, die er dem Orte an dem er sich befand, und seiner eignen Würde schuldig war, und schlug Colepepper mit einem Stocke ins Gesicht. Diese Handlung wurde allgemein als übereilt und unschicklich getadelt und Devonshire selbst konnte, nachdem sein Blut sich abgekühlt hatte, nicht ohne Verdruß und Beschämung daran denken. Die Regierung aber verfuhr mit gewohntem Unverstande so streng gegen ihn, daß das Publikum bald ganz auf seine Seite trat. Es wurde eine Criminalanklage bei der Kings Bench anhängig gemacht. Der Angeklagte berief sich auf seine Vorrechte als Peer des Königsreichs; dieser Punkt aber wurde sogleich zu seinem Nachtheile entschieden, und es läßt sich auch nicht leugnen, daß diese Entscheidung, mochte sie den technischen Regeln der englischen Gesetzgebung entsprechen oder nicht, in vollkommenem Einklange mit den großen Prinzipien stand, welche die Grundlage jeder Gesetzgebung sein sollen. Es blieb ihm somit nichts übrig, als sich dem Erkenntnisse zu unterwerfen. Der Gerichtshof war durch eine Reihe von Entlassungen zu so vollständigem Gehorsam gebracht worden, daß die Regierung, welche die Untersuchung eingeleitet hatte, die Strafe selbst vorschreiben konnte. Die Richter machten Jeffreys in pleno ihre Aufwartung und dieser bestand auf der Zuerkennung einer Geldbuße von dreißigtausend Pfund. Dreißigtausend Pfund waren im Verhältniß zu den damaligen Einkünften der englischen Großen ungefähr soviel als hundertfunfzigtausend im neunzehnten Jahrhundert. In Anwesenheit des Kanzlers wurde kein Wort der Mißbilligung geäußert; als aber die Richter sich entfernt hatten, bemerkte Sir Johann Powell, in welchem sich das wenige Rechtsgefühl des ganzen Collegiums concentrirte, daß die beantragte Strafsumme übermäßig hoch und ein Zehntel derselben vollauf genug sei. Seine Collegen waren nicht dieser Meinung und er zeigte in diesem Falle nicht den Muth, durch den er einige Monate später an einem denkwürdigen Tage seinen Ruf glänzend wiederherstellte. Der Earl wurde demnach in eine Geldbuße von dreißigtausend Pfund und bis zur Bezahlung dieses Betrags zu persönlicher Haft verurtheilt. Eine solche Summe konnte damals auch der reichste Edelmann nicht in einem Tage aufbringen. Indessen war das Hafturtel leichter gesprochen, als vollzogen. Devonshire hatte sich nach Chatsworth zurückgezogen, wo er eben damit beschäftigt war, das alte gothische Stammschloß seiner Familie in ein Gebäude umzuwandeln, das Palladio’s würdig war. Der Peak war damals ein fast ebenso unwirthbarer Bezirk als gegenwärtig Connemara, und der Sheriff erkannte oder behauptete wenigstens, daß es schwer sein dürfte, den Lord in einer so wilden Gegend und inmitten treu ergebener Diener und Pächter zu verhaften. Darüber vergingen einige Tage, endlich aber wurde nicht nur der Earl, sondern auch der Sheriff zur Haft gebracht. Inzwischen verwendeten sich eine Menge Fürsprecher mit ihrem ganzen Einflusse. Es hieß die verwittwete Gräfin von Devonshire habe eine Privataudienz beim Könige erlangt, sie habe ihn daran erinnert, daß ihr Schwager, der tapfere Karl Cavendish, im Kampfe für die Krone bei Gainsborough gefallen sei, und ihm schriftliche Empfangsbescheinigungen von Karl I. und Karl II. über bedeutende Summen vorgelegt, die ihr Gemahl während der bürgerlichen Unruhen beiden Monarchen geliehen hatte. Diese Darlehen waren nie zurück gezahlt worden und sollten angeblich mehr betragen als die ungeheure Geldstrafe, welche die Kings Bench über den Earl verhängt hatte. Dazu kam noch ein andrer Punkt, der beim Könige noch mehr Gewicht gehabt zu haben scheint als die Erinnerung an früher geleistete Dienste. Es konnte nothwendig werden ein Parlament einzuberufen, und man glaubte, daß Devonshire in diesem Falle sofort eine Cassationsklage einreichen werde. Der Punkt, auf den er seine Appellation gegen das Erkenntniß der Kings Bench zu stützen gedachte, waren seine Privilegien als Peer, und das Tribunal, vor das die Appellation kommen mußte, war das Haus der Peers. In einem solchen Falle konnte der Hof nicht einmal auf die Unterstützung der ihm ergebensten Adeligen mit Gewißheit rechnen. Es stand kaum zu bezweifeln, daß das Urtel cassirt werde, und daß die Regierung dadurch, daß sie zu viel haben wollte, Alles verlieren würde. Jakob war daher zu einem Vergleiche geneigt. Es wurde dem Earl angekündigt, daß, wenn er eine Schuldverschreibung über die ganze Summe geben und sich des möglichen Vortheils einer Cassationsklage begeben wolle, er in Freiheit gesetzt werden solle. Ob er zur Bezahlung der Summe angehalten werden würde oder nicht, sollte von seinem ferneren Benehmen abhängen. Wenn er das Dispensationsrecht unterstützte, solle er nicht dafür in Anspruch genommen werden; trachte er aber nach Popularität, so müsse er die dreißigtausend Pfund bezahlen. Er weigerte sich eine Zeit lang, auf diese Bedingungen einzugehen; aber die Haft war ihm unerträglich. Er stellte die Verschreibung aus und wurde aus den Gefängnis entlassen; aber obgleich er sich dazu verstand seinem Vermögen diese drückende Schuldlast aufzubürden, konnte ihn doch nichts zu dem Versprechen bestimmen, daß er seinen Grundsätzen und seiner Partei untreu werden wolle. Er wurde nach wie vor in alle Geheimnisse der Opposition eingeweiht, aber einige Monate lang hielten seine politischen Freunde es um seiner selbst wie um ihrer Sache willen für gerathen, daß er im Hintergrunde blieb.63
Eduard Russell. Der Earl von Bedford hatte sich von dem harten Schlage, der ihm vor vier Jahren fast das Herz gebrochen, nie wieder erholen können. Seine persönlichen wie auch seine öffentlichen Gefühle machten ihn zum Gegner des Hofes; aber an der Verabredung von Maßregeln gegen denselben nahm er keinen thätigen Antheil. Seine Stelle in den Versammlungen der Mißvergnügten vertrat sein Neffe. Dies war der berühmte Eduard Russell, ein Mann von unbezweifeltem Muth und Talent, aber von lockeren Grundsätzen und ruhelosem Geiste. Er war Seemann, hatte sich in seinem Berufe ausgezeichnet und hatte unter der vorigen Regierung ein Hofamt bekleidet; aber durch den Tod seines Vetters Wilhelm Russell waren alle Bande, die ihn an den Hof ketteten, zerrissen worden. Der verwegene, unruhige und racheschnaubende Seemann saß jetzt in den von dem holländischen Gesandten berufenen Versammlungen als Vertreter des kühnsten und heftigsten Theiles der Opposition, der Männer, welche unter den Namen Rundköpfe, Exclusionisten und Whigs einen fünfundvierzigjährigen Kampf gegen drei aufeinanderfolgende Könige mit wechselndem Glück unterhalten hatten. Diese Partei, welche vor Kurzem niedergeworfen und fast vernichtet gewesen war, sich jetzt aber mit voller Lebenskraft rasch zu Ansehen und Einfluß erhob, wurde durch keine von den Bedenklichkeiten behindert, welche die Bewegungen der Tories und der Trimmers noch immer hemmten, und war bereit, das Schwert gegen den Tyrannen zu ziehen, sobald es mit gegründeter Aussicht auf den Sieg gezogen werden konnte.
Compton. — Herbert. — Churchill. Drei Männer sind noch zu erwähnen, mit denen Dykvelt in vertrauter Verbindung stand und mit deren Hülfe er sich die Mitwirkung von drei großen Ständen zu sichern hoffte. Bischof Compton war der Agent, der die Geistlichkeit zu bearbeiten hatte, Admiral Herbert übernahm es, seinen ganzen Einfluß bei der Flotte zu verwenden und durch Churchill suchte man die Armee zu gewinnen.
Das Benehmen Compton’s und Herbert’s bedarf keiner Erklärung. Nachdem sie der Krone in allen weltlichen Dingen mit Treue und Eifer gedient, hatten sie sich durch ihre Weigerung, als Werkzeuge der Zerstörung ihrer eignen Religion zu dienen, das Mißfallen des Königs zugezogen. Beiden hatte die Erfahrung gelehrt, wie bald Jakob eingegangene Verpflichtungen vergaß und mit welchem bitteren Groll er sich dessen erinnerte, was er als Beleidigung anzusehen für gut fand. Der Bischof war durch einen ungesetzlichen Richterspruch seiner bischöflichen Functionen enthoben, der Admiral in einer Stunde aus Reichthum in Armuth gestürzt worden. Ganz anders war die Lage Churchill’s. Er war durch königliche Gunst aus der Dunkelheit zu hohem Ansehen, aus der Dürftigkeit zum Reichthum erhoben worden. Als armer Fähndrich hatte er seine Laufbahn begonnen und jetzt war er, in seinem siebenunddreißigsten Jahre, Generalmajor, Peer von Schottland und Peer von England, befehligte eine Abtheilung der Leibgarde, bekleidete mehrere ehrenvolle und einträgliche Stellen und bis jetzt verrieth noch nichts, daß er den geringsten Theil von der Gunst verloren hatte, der er so viel verdankte. Er war nicht nur durch die allgemeine Pflicht der Unterthanentreue, sondern auch durch militairische Ehren, durch persönliche Dankbarkeit und, wie es oberflächlichen Beobachtern schien, durch die stärksten Bande des Interesses an Jakob gebunden. Aber Churchill selbst war kein oberflächlicher Beobachter, er wußte genau, worin sein wirkliches Interesse bestand. Er war überzeugt, daß, wenn sein Gebieter einmal volle Freiheit erhielt Papisten anzustellen, er nicht einen einzigen Protestanten mehr anstellen würde. Eine Zeit lang wurden vielleicht einige hochbegünstigte Diener der Krone noch von der allgemeinen Proscription ausgenommen, in der Hoffnung, daß sie sich dadurch bestimmen ließen, ihren Glauben zu wechseln, aber selbst diese mußten nach einer kurzen Frist Einer nach dem Andren fallen, wie Rochester schon gefallen war. Churchill konnte sich allerdings durch Übertritt zur katholischen Kirche gegen diese Gefahr sicher stellen und noch höher in der königlichen Gunst steigen; auch hätte man glauben können, daß ein Mann, der sich eben so sehr durch Habsucht und Characterlosigkeit, wie durch Talent und Tapferkeit auszeichnete, schwerlich an dem Gedanken, eine Messe anhören zu müssen, Anstoß nehmen würde. Aber die menschliche Natur ist so reich an Widersprüchen, daß selbst abgestumpfte Gewissen eine empfindliche Stelle haben. So hatte dieser Mann, der seine Erhebung der Schande seiner Schwester verdankte, der von der verschwenderischesten, herrschsüchtigsten und schamlosesten Buhlerin unterhalten worden war und dessen öffentliches Leben Jedem, der mit unbefangenem Blicke den schimmernden Glanz des Genies und des Ruhms zu durchdringen vermag, als ein Abgrund von Schändlichkeit erscheinen muß, einen blinden Glauben an die Religion, die ihm als Kind eingelernt worden war, und schauderte bei dem Gedanken, sie förmlich abzuschwören. Es stand ihm eine furchtbare Alternative bevor. Das irdische Übel, das er am meisten fürchtete, war die Armuth, das einzige Verbrechen, vor dem sein Herz zurückbebte, war der Glaubensabfall, und wenn die Pläne des Hofes gelangen, konnte er nicht zweifeln, daß er bald zwischen Armuth und Abfall wählen mußte. Daher entschloß er sich, diese Pläne zu durchkreuzen, und es zeigte sich bald, daß er bereit war, jede Schuld und jede Schmach auf sich zu laden, wenn er nur der Nothwendigkeit entging, entweder seine Stellen oder seine Religion aufgeben zu müssen.64
Lady Churchill und die Prinzessin Anna. Nicht bloß als militairischer Befehlshaber von hohem Range und ausgezeichnetem Geschick und Muth konnte Churchill der Opposition Dienste leisten. Es war für das Gelingen der Pläne Wilhelm’s wenn nicht absolut nothwendig, doch höchst wichtig, daß seine Schwägerin, welche nach der englischen Thronfolgeordnung zwischen ihm und seiner Gemahlin stand, in vollkommener Übereinstimmung mit ihm handelte. Alle ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten würden bedeutend vergrößert worden sein, wenn Anna sich günstig für die Indulgenz ausgesprochen hätte. Auf welche Seite sie treten würde, hing von dem Willen Anderer ab, denn ihr Verstand war träge, und obgleich in ihrem Character ein erblicher Eigenwille und Starrsinn verborgen lag, welche viele Jahre später durch große Macht und heftige Provocationen zum Vorschein gebracht wurden, so war sie doch zur Zeit die willige Sklavin einer Frau von viel lebhafterem und herrschsüchtigerem Character als der ihrige war. Diese Frau, welche sie völlig beherrschte, war Churchill’s Gattin, ein Weib, die nachmals auf die Geschicke England’s und Europa’s einen großen Einfluß ausübte.
Der Name dieser berühmten Günstlingin war Sara Jennings. Ihre ältere Schwester Franziska hatte sich durch Schönheit und Leichtfertigkeit selbst unter der Masse von schönen Gesichtern und leichtfertigen Characteren ausgezeichnet, welche Whitehall während des wilden Carnevals der Restauration zierten und schändeten. Einmal verkleidete sie sich als Apfelsinenmädchen und rief in den Straßen ihre Früchte aus.65 Gesetzte Leute meinten, daß ein Mädchen von so wenig Takt- und Schicklichkeitsgefühl nicht leicht einen Gatten finden werde. Sie war indessen zweimal verheirathet und jetzt die Gattin Tyrconnel’s. Sara war nicht so regelmäßig schön als ihre Schwester, aber vielleicht noch anziehender. Ihr Gesicht war ausdrucksvoll, ihre Gestalt entbehrte keines weiblichen Reizes, und die Fülle ihrer schönen Haare, welche noch nicht nach der barbarischen Mode, deren Einführung sie noch erlebte, durch Puder verunziert waren, erfüllten ihre zahlreichen Bewunderer mit Entzücken. Von den Freiern, die sich um ihre Hand bewarben, erhielt der junge, schöne, liebenswürdige, einschmeichelnde, beredte und tapfere Oberst Churchill den Vorzug. Er mußte sie wirklich lieben, denn außer der Leibrente, die er sich für den von der Herzogin von Cleveland erhaltenen schmachvollen Lohn gekauft hatte, besaß er wenig Vermögen, war unersättlich in seiner Gier nach Schätzen, Sara war arm, und es war ihm ein einfaches Mädchen mit einem großen Vermögen angetragen worden. Nach einem kurzen Kampfe trug die Liebe den Sieg über die Habsucht davon, die Ehe verstärkte nur noch seine Leidenschaft, und Sara genoß bis zum letzten Augenblicke seines Lebens das Vergnügen und die Auszeichnung, das einzige menschliche Wesen zu sein, das im Stande war, diesen weitsehenden und sicheren Blick auf sich zu fesseln, das von diesem kalten Herzen heiß geliebt und von diesem unerschrockenen Geiste knechtisch gefürchtet wurde.
Im weltlichen Sinne ward Churchill’s treue Liebe reich belohnt. Bei aller Dürftigkeit brachte seine Braut ihm doch ein Heirathsgut zu, das klug verwendet ihn endlich zum englischen Herzog, zum deutschen Reichsfürsten, zum Oberfeldherrn einer großen Coalition, zum Schiedsrichter zwischen mächtigen Fürsten und was in seinen Augen noch viel mehr werth war, zum reichsten Privatmann von ganz Europa machte. Sie war von früher Kindheit an mit der Prinzessin Anna aufgewachsen und es hatte sich eine innige Freundschaft zwischen den beiden Mädchen gebildet. Im Character glichen sie einander nur wenig. Anna war phlegmatisch und schweigsam. Gegen Diejenigen, die sie liebte, war sie sanft; ihr Zorn äußerte sich nur durch ein mürrisches Schmollen. Sie hatte einen starken religiösen Sinn und war den Gebräuchen und der Verfassung der anglikanischen Kirche mit wahrer Bigotterie zugethan. Sara war lebhaft und redselig, dominirte selbst Diejenigen, die sie am meisten liebte, und wenn sie gekränkt wurde, äußerte sich ihre Wuth durch Thränen und heftige Vorwürfe. Auf Frömmigkeit machte sie keinen Anspruch, ja sie entging sogar kaum der Beschuldigung der Irreligiosität. Sie war jetzt noch nicht das was sie später wurde, nachdem das Glück eine Klasse von Fehlern, das Unglück eine andre vollkommen entwickelt, als Siege und Huldigungen ihr den Kopf verrückt und Mißgeschick und Kränkungen ihren Character verbittert hatten. Sie wurde in ihren späteren Lebensjahren das verächtlichste und erbärmlichste Geschöpf: ein altes Weib, die in beständigem Hader lebte mit ihrem ganzen Geschlecht, mit ihren eigenen Kindern und Enkeln, zwar vornehm und reich, aber Vornehmheit und Reichthum hauptsächlich nur deshalb schätzend, weil dieselben sie in den Stand setzten, der öffentlichen Meinung Hohn zu sprechen und rückhaltlos ihrem Hasse gegen Lebende und Todte zu fröhnen. Unter der Regierung Jakob’s II. galt sie für nichts Schlimmeres als eine schöne, stolze junge Frau, die wohl zuweilen launenhaft und eigensinnig sein konnte, der man aber in Berücksichtigung ihrer Reize ihre Launen gern verzieh.
Es ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung, daß Verschiedenheit der Neigungen und Geistesfähigkeiten keine Hindernisse der Freundschaft sind und daß gerade zwei Herzen, die sich gegenseitig ergänzen, das Band der innigsten Zuneigung umschlingt. Lady Churchill wurde von der Prinzessin Anna geliebt, ja fast angebetet. Die Prinzessin konnte ohne den Gegenstand ihrer romanhaften Zärtlichkeit nicht leben. Sie vermählte sich und wurde eine treue, sogar liebevolle Gattin; aber Prinz Georg, ein beschränkter Mann, dessen Hauptgenüsse die Freuden der Tafel und der Flasche waren, erlangte keinen Einfluß auf sie, der sich mit dem ihrer Freundin vergleichen ließ, und gab sich bald mit stupider Geduld der Herrschaft des heftigen und gebieterischen Geistes hin, von dem seine Gemahlin sich leiten ließ. Das königliche Paar bekam Kinder und Anna entbehrte keineswegs der Gefühle einer Mutter; aber die Liebe zu ihren Kindern war lau im Vergleich mit ihrer hingebenden Zärtlichkeit für ihre Jugendfreundin. Endlich wurde die Prinzessin des Zwanges müde, den die Etikette ihr auferlegte, es war ihr unerträglich, die Worte Madame und Königliche Hoheit aus dem Munde einer Frau zu hören, die ihr mehr war als eine Schwester. In der Gallerie und im Empfangzimmer waren diese Worte nicht zu umgehen, aber im Boudoir wurden sie abgeschafft. Hier hieß Anna Mrs. Morley, Lady Churchill Mrs. Freeman, und unter diesen kindlichen Namen bestand zwanzig Jahre hindurch ein intimer Verkehr zwischen den beiden Freundinnen, von dem schließlich das Schicksal von Regierungen und Dynastien abhing. Bis jetzt hatte jedoch Anna noch keine politische Macht und nur geringen persönlichen Einfluß. Ihre Freundin bekleidete in ihrem Hausstaate das Amt der ersten Kammerdame mit nur vierhundert Pfund Sterling Gehalt. Gleichwohl hat man Grund zu glauben, daß es Churchill schon zu dieser Zeit möglich war, seine vorherrschende Leidenschaft durch den Einfluß seiner Gattin zu befriedigen. Obgleich die Prinzessin ein hohes Einkommen hatte und sehr einfach lebte, so machte sie doch Schulden, die ihr Vater mit einigem Unwillen bezahlte, und man sagte, daß der Grund ihrer finanziellen Verlegenheiten in ihrer verschwenderischen Freigebigkeit gegen ihren Liebling zu suchen sei.66
Endlich war die Zeit gekommen, wo diese sonderbare Freundschaft einen großen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausüben sollte. Man war äußerst gespannt darauf, welche Rolle Anna in dem Kampfe, der England erschütterte, spielen werde. Auf der einen Seite stand die Kindespflicht, auf der andren die Interessen der Religion, der sie aufrichtig zugethan war. Ein minder phlegmatischer Character würde zwischen so starken und wichtigen Beweggründen, die ihn nach entgegengesetzten Richtungen hinzogen, gewiß lange geschwankt haben. Der Einfluß der Churchill aber entschied die Frage und ihre Gönnerin wurde ein wichtiges Mitglied des umfassenden Bundes, dessen Oberhaupt der Prinz von Oranien war.
Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern nach dem Haag zurück. Im Juni 1687 kehrte Dykvelt nach dem Haag zurück. Er überreichte den Generalstaaten ein königliches Schreiben voll Lobeserhebungen über sein Benehmen während seines Aufenthalts in London. Diese Lobeserhebungen waren jedoch nur eine Formalität. In Privatmittheilungen von seiner eigenen Hand beschwerte Jakob sich bitter darüber, daß der Gesandte einen so vertrauten Umgang mit den heftigsten Oppositionsmännern seines Reiches gepflogen und sie in allen ihren Umsturzplänen bestärkt habe. Außerdem brachte Dykvelt auch eine Anzahl Briefe von den ausgezeichnetsten derjenigen Männer mit, mit denen er sich während seines Aufenthalts in London berathen hatte. Die Schreiber dieser Briefe versicherten den Prinzen allgemein ihrer unbegrenzten Verehrung und Hingebung und verwiesen ihn wegen der näheren Darlegung ihrer Ansichten an den Überbringer. Halifax erörterte den Zustand und die Aussichten des Landes mit gewohnter Schärfe und Lebendigkeit, hütete sich aber sorgfältig, für irgend ein gefährliches Verfahren die Verantwortung zu übernehmen. Danby schrieb in einem kühneren und entschlosseneren Tone und konnte sich nicht enthalten, über die Besorgnisse und Bedenklichkeiten seines genialen Nebenbuhlers zu spötteln. Der interessanteste Brief aber war der von Churchill. Er war mit der natürlichen Beredtsamkeit, an der es ihm trotz seines Mangels an höherer Bildung bei wichtigen Anlässen nie fehlte, und mit einem Anstrich von Hochherzigkeit geschrieben, den er sich, so perfid er auch war, mit seltener Geschicklichkeit zu geben verstand. Die Prinzessin Anna, sagte er, habe ihm befohlen, ihre erlauchten Verwandten im Haag zu versichern, daß sie mit Gottes Hülfe fest entschlossen sei, eher ihr Leben zu lassen, als sich eines Glaubensabfalls schuldig zu machen. Was seine Person betreffe, so lege er auf seine Stellen und auf die königliche Gunst einen weit geringeren Werth als auf seine Religion. Er schloß mit der hochtrabenden Erklärung, daß man ihn, obgleich er keinen Anspruch darauf mache, wie ein Heiliger gelebt zu haben, doch vorkommenden Falls bereit finden werde, den Märtyrertod zu sterben.67
Zulestein’s Sendung. Dykvelt’s Sendung hatte einen so glänzenden Erfolg gehabt, daß bald ein neuer Vorwand gefunden war, um einen andren Agenten abzusenden, der das so glücklich begonnene Werk fortsetzen sollte. Der neue Gesandte, nachmals der Gründer eines jetzt erloschenen englischen Adelshauses, war ein illegitimer leiblicher Vetter Wilhelm’s und führte einen der Herrschaft Zulestein entlehnten Namen. Seine Verwandtschaft mit dem Hause Oranien gab Zulestein in den Augen des Publikums ein bedeutendes Ansehen. Sein Benehmen war das eines tapferen Soldaten. In diplomatischen Talenten und Kenntnissen stand er Dykvelt weit nach, aber gerade diese Inferiorität hatte ihre Vortheile. Ein Militair, der sich anscheinend nie um die Politik gekümmert hatte, konnte ohne Verdacht zu erregen mit der englischen Aristokratie einen Verkehr unterhalten, der mit argwöhnischem Auge bewacht worden sein würde, wenn er ein bekannter Meister in der Staatskunst gewesen wäre. Nach kurzer Abwesenheit kehrte Zulestein mit nicht minder wichtigen Briefen und mündlichen Botschaften, als die welche seinem Vorgänger anvertraut worden waren, in sein Vaterland zurück. Von diesem Augenblicke an trat der Prinz mit der Opposition in einen regelmäßigen Briefwechsel. Geschäftsträger verschiedenen Ranges reisten beständig zwischen der Themse und dem Haag hin und her. Der nützlichste von diesen war ein Schotte von einigem Talent und großer Thätigkeit, Namens Johnstone. Er war Burnet’s Vetter und der Sohn eines angesehenen Covenanters, der bald nach der Restauration wegen Hochverraths hingerichtet worden war und von seiner Partei als Märtyrer verehrt wurde.
Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm. Die Entfremdung zwischen dem Könige von England und dem Prinzen von Oranien wurde mit jedem Tage vollkommener. Es hatte sich ein ernsthafter Streit in Betreff der sechs britischen Regimenter erhoben, welche im Solde der Vereinigten Provinzen standen. Der König wollte diese Regimenter unter das Commando römisch-katholischer Offiziere stellen, und der Prinz widersetzte sich diesem Ansinnen entschieden. Der König nahm seine Zuflucht zu seinen Lieblingsgemeinplätzen von der Duldung; der Prinz erwiederte daß er nur das Beispiel Seiner Majestät nachahme. Es sei notorisch erwiesen, daß loyale und tüchtige Männer in England lediglich deshalb, weil sie Protestanten waren, aus dem Staatsdienste entlassen worden seien, und dies berechtige den Statthalter und die Generalstaaten doch gewiß dazu, die Papisten von hohen öffentlichen Ämtern auszuschließen. Diese Antwort erbitterte Jakob dermaßen, daß er in seiner Wuth die Wahrhaftigkeit und den gesunden Verstand völlig aus den Augen verlor. Es sei nicht wahr, behauptete er mit Heftigkeit, daß er irgend Jemanden jemals aus religiösen Gründen abgesetzt habe. Und wenn er es wirklich gethan hätte, was ginge es dann dem Prinzen oder die Generalstaaten an? Wären sie etwa seine Herren? wären sie befugt, sich zu Richtern über die Handlungen fremder Fürsten aufzuwerfen? Von jetzt an wünschte er seine in holländischen Diensten stehenden Unterthanen zurückzuberufen, denn er glaubte durch diese Maßregel sich selbst zu verstärken und seine schlimmsten Feinde zu schwächen. Es traten ihm jedoch finanzielle Schwierigkeiten entgegen, die er unmöglich übersehen konnte. Die Zahl der bereits von ihm unterhaltenen Truppen war schon so groß, als es seine Einkünfte nur irgend zuließen, obgleich dieselben die aller seiner Vorgänger weit überstiegen und mit großer Sparsamkeit verwaltet wurden. Wenn aber die jetzt in Holland stehenden Bataillone noch zu dem vorhandenen Etat kamen, so war die Staatskasse bankerott. Vielleicht ließ Ludwig sich bewegen, sie in seinen Dienst zu nehmen. In diesem Falle wurden sie aus einem Lande entfernt, wo sie dem verderblichen Einflusse einer republikanischen Regierung und einer calvinistischen Kirchenverfassung ausgesetzt waren, und kamen in ein Land, wo Niemand die Autorität des Monarchen und die Lehren der wahren Kirche zu bestreiten wagte. Die Soldaten würden dann bald alle politische und religiöse Ketzerei wieder verlernen, ihr Landesfürst konnte zu jeder Zeit binnen kurzer Frist über ihre Hülfe verfügen und sich unter allen Umständen auf ihre Treue verlassen.
Es wurden zwischen Whitehall und Versailles Unterhandlungen in dieser Angelegenheit eröffnet. Ludwig hatte soviel Soldaten als er brauchte, und wäre es auch anders gewesen, so würde er dennoch keine Lust gehabt haben, englische Truppen in Dienst zu nehmen, da der englische Sold, so niedrig er unsrer Generation erscheinen muß, doch viel höher war als der französische. Auf der andren Seite aber hätte er Wilhelm sehr gern um eine so schöne Brigade geschwächt. Nach einer mehrwöchentlichen Correspondenz wurde Barillon zu der Erklärung ermächtigt, daß, wenn Jakob die britischen Truppen aus Holland zurückriefe, Ludwig die Unterhaltungskosten für zweitausend Mann in England übernehmen wolle. Jakob nahm dieses Anerbieten mit dem wärmsten Danke an. In Folge des getroffenen Arrangements ersuchte er die Generalstaaten um Rücksendung der sechs Regimenter. Die Generalstaaten aber, welche Wilhelm ganz nach seinem Willen leitete, antworteten, daß ein solches Verlangen unter den obwaltenden Umständen durch die bestehenden Verträge nicht gerechtfertigt werde, und weigerten sich entschieden, demselben zu entsprechen. Es ist bemerkenswerth, daß Amsterdam, welches für Zurückhaltung dieser Truppen in Holland gestimmt hatte, als Jakob ihrer gegen die Insurgenten im Westen bedurfte, jetzt heftig für die Erfüllung seines Verlangens stritt. In beiden Fällen beabsichtigten die Behörden dieser großen Stadt nichts weiter, als dem Prinzen von Oranien zu opponiren.68
Einfluß der holländischen Presse. Die holländischen Waffen waren jedoch für Jakob kaum so gefährlich als die holländische Presse. Fast täglich erschienen im Haag englische Bücher und Flugschriften gegen die Regierung, und keine Wachsamkeit konnte es verhindern, daß viele Tausende von Exemplaren in die an der Nordsee gelegenen Grafschaften eingeschmuggelt wurden. Unter diesen Schriften zeichnete sich besonders eine durch ihre Wichtigkeit und durch den Eindruck, den sie machte, aus. Jedermann, der mit den öffentlichen Angelegenheiten vertraut war, kannte die Ansicht des Prinzen und der Prinzessin von Oranien in Betreff der Indulgenz; da aber keine officielle Erklärung dieser Ansicht erschienen war, so wurden Viele, denen gute Privatquellen nicht zugänglich waren, durch die Zuversicht, mit der die Anhänger des Hofes behaupteten, daß Ihre Hoheiten die letzten Maßregeln des Hofes billigten, getäuscht oder verwirrt gemacht. Es würde ein sehr einfacher und naheliegender Weg gewesen sein, diese Behauptungen öffentlich zu widerlegen, wenn Wilhelm keinen andren Zweck gehabt hätte, als seinen Einfluß in England zu befestigen. Allein er betrachtete England hauptsächlich als das zur Ausführung seines großen europäischen Planes nöthige Werkzeug. Er hoffte für diesen Plan die Mitwirkung der beiden Linien des Hauses Österreich, der italienischen Fürsten und selbst des Papstes zu gewinnen, und er hatte Grund zu der Befürchtung, daß jede die britischen Protestanten befriedigende Erklärung in Madrid, Wien, Turin und Rom Besorgniß und Unwillen erregen könnte. Deshalb enthielt sich der Prinz lange jeder officiellen Äußerung seiner Gesinnungen. Endlich aber wurde er darauf aufmerksam gemacht, daß sein beharrliches Stillschweigen unter den ihm Wohlwollenden viel Besorgniß und Mißtrauen erweckt habe und daß es hohe Zeit sei, sich offen auszusprechen. Er beschloß daher, sich zu erklären.
Stewart’s und Fagel’s Correspondenz. Ein schottischer Whig, Namens Jakob Stewart, war vor einigen Jahren nach Holland geflüchtet, um dem spanischen Stiefel und dem Galgen zu entgehen, und er war mit dem Großpensionär Fagel befreundet worden, der das Vertrauen und die Gunst des Statthalters in hohem Grade besaß. Stewart war der Verfasser des heftigen und gehässigen Manifestes von Argyle. Als die Indulgenz erschien, erkannte Stewart, daß sich ihm die Gelegenheit darbot, nicht nur Begnadigung, sondern noch obendrein eine Belohnung zu erlangen. Er bot der Regierung, deren Feind er gewesen war, seine Dienste an, diese wurden angenommen und er schrieb an Fagel einen Brief, zu dem er angeblich von Jakob selbst beauftragt war. In diesem Briefe wurde der Großpensionär dringend aufgefordert, seinen ganzen Einfluß bei dem Prinzen und der Prinzessin aufzubieten, um sie zur Unterstützung der Politik ihres Vaters zu bewegen. Nach einiger Zeit schickte Fagel eine tief durchdachte und ausgezeichnet geschriebene Erwiederung ein. Wer dieses interessante Dokument liest, muß bemerken, daß es zwar in einer Weise abgefaßt ist, welche geeignet war, die englischen Protestanten zu beruhigen und ihnen zu gefallen, dennoch aber kein Wort enthält, das selbst dem Vatikan Anstoß hätte geben können. Es war darin gesagt, daß Wilhelm und Marie mit Vergnügen zur Abschaffung jedes Gesetzes mitwirken würden, welches über irgend einen Engländer seiner religiösen Überzeugung wegen Strafe verhänge. Aber zwischen Strafen und Ausschließungen war ein Unterschied gemacht. Katholiken zu Staatsämtern zuzulassen, könne nach der Ansicht Ihrer Hoheiten weder im allgemeinen Interesse Englands, noch im Interesse der Katholiken selbst liegen. Dieses Manifest wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war auf dem Continent weit verbreitet. Von der durch Burnet besorgten englischen Ausgabe wurden nahe an funfzigtausend Exemplare in die östlichen Grafschaften eingeführt und rasch über das ganze Land verbreitet. Nie hat eine Staatsschrift einen vollständigeren Erfolg gehabt. Die Protestanten unsrer Insel priesen die männliche Entschiedenheit, mit der Wilhelm erklärte, daß er es nicht gutheißen könne, die Papisten Antheil an der Regierung nehmen zu lassen. Den katholischen Fürsten auf der andren Seite gefiel der milde und gemäßigte Ton, in welchem diese Erklärung gehalten war, sowie die ihnen eröffnete Aussicht, daß unter seiner Regierung kein Mitglied ihrer Kirche um seines Glaubens willen belästigt werden würde.
Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom. Es ist wahrscheinlich, daß der Papst selbst einer von Denen war, die den berühmten Brief mit Vergnügen lasen. Einige Monate zuvor hatte er Castelmaine auf eine Art entlassen, welche wenig Rücksicht auf die Gesinnungen des Königs zeigte. Innocenz war mit der ganzen inneren und äußeren Politik der englischen Regierung durchaus nicht zufrieden. Er sah, daß die ungerechten und unklugen Maßregeln der jesuitischen Cabale viel eher dazu beitrugen, das Fortbestehen der Strafgesetze als die Abschaffung des Testes zu bewirken. Sein Streit mit dem Hofe von Versailles wurde mit jedem Tage ernsthafter, und er konnte weder als weltlicher Fürst, noch als Oberhaupt der katholischen Kirche für einen Vasallen dieses Hofes eine herzliche Freundschaft fühlen. Castelmaine war nicht geeignet, diesen Widerwillen zu beseitigen. Er kannte zwar für einen Laien Rom ziemlich gut und war auch in der theologischen Polemik gründlich bewandert,69 besaß aber durchaus nicht das Geschick, welches sein Posten erforderte, und wenn er auch der talentvollste Diplomat gewesen wäre, so würde doch ein Umstand ihn für die besondere Mission, mit der er betraut war, untauglich gemacht haben. Er war in ganz Europa als der Gatte des schamlosesten Weibes bekannt, und als weiter nichts. Man konnte unmöglich mit ihm oder von ihm sprechen, ohne daran zu denken, wie er zu dem Titel gekommen war, bei dem er genannt wurde. Dieser Umstand würde wenig auf sich gehabt haben, wenn er an einem sittenlosen Hofe accreditirt gewesen wäre, wie zum Beispiel bei dem, an welchem unlängst die Herzogin von Montespan das Regiment geführt hatte. Aber es war offenbar ein grober Mißgriff, ihn mit einem Auftrage mehr geistlichen als weltlichen Characters an einen Papst von patriarchalischer Sittenstrenge zu senden. Die Protestanten von ganz Europa spöttelten darüber, und Innocenz, der ohnehin schon gegen die englische Regierung eingenommen war, betrachtete die ihm mit so großer Gefahr und so großen Kosten erzeigte Aufmerksamkeit als nicht viel besser denn eine Beleidigung. Der Gehalt des Gesandten war auf hundert Pfund die Woche festgesetzt. Castelmaine klagte, daß dies zu wenig sei und daß das Dreifache dieses Betrags kaum ausreichen werde. Denn in Rom bemühten sich die Gesandten aller großen Continentalmächte einander vor den Augen eines Volks, das durch den beständigen Anblick prächtiger Gebäude, Decorationen und Ceremonien verwöhnt war, im Glanz zu überbieten. Er erklärte stets, daß er bei seiner Gesandtschaft Geld zusetzen müsse. Es waren ihm mehrere junge Adelige aus den vornehmsten katholischen Familien Englands, wie die Ratcliffe, die Arundell und Tichborne, beigegeben, und er bewohnte in Rom den Palast der Familie Pamfili an dem prächtigen Navonaplatze. Eine Privatunterredung mit Innocenz wurde ihm bald bewilligt, die officielle Audienz aber wurde lange hinausgeschoben. Castelmaine’s Vorbereitungen zu diesem wichtigen Acte waren so prachtvoll, daß sie, obgleich schon zu Ostern 1686 begonnen, im darauffolgenden November noch nicht beendigt waren, und im November bekam der Papst einen wirklichen oder angeblichen Gichtanfall, der einen weiteren Aufschub verursachte. Im Januar 1687 endlich fand die feierliche Vorstellung und Aufwartung mit ungewöhnlichem Pompe statt. Die Staatswagen, welche zu der Auffahrt in Rom gebaut wurden, waren so prächtig, daß man sie für werth hielt, der Nachwelt in schönen Abbildungen überliefert und von Dichtern in mehreren Sprachen besungen zu werden.70 Die Façade des Gesandtschaftspalastes wurde an diesem hochwichtigen Tage mit geschmacklosen allegorischen Gemälden von riesenhafter Größe decorirt. Man sah hier den heiligen Georg mit dem Fuße auf dem Nacken des Titus Oates, und Herkules, wie er mit seiner Keule den protestantischen Tischler College zu Boden schlägt, der sich vergebens mit seinem Flegel zu vertheidigen sucht. Nach dieser öffentlichen Schaustellung lud Castelmaine alle damals in Rom anwesenden Notabilitäten zu einem Bankett in dem freundlichen und prächtigen Saale ein, den Peter von Cortona mit Gemälden von Scenen aus der Aeneide geschmückt hat. Die ganze Stadt drängte sich zu dem Schauspiele und nur mit Mühe konnte eine Compagnie der Schweizergarde die Ordnung unter den Zuschauern aufrechterhalten. Die Kavaliere des päpstlichen Hofstaates gaben hierauf ihrerseits dem Gesandten glänzende Gastmähler, und Dichter und Literaten überhäuften seinen Gebieter mit abgeschmackten und hyperbolischen Schmeicheleien, wie sie da am meisten floriren, wo Genie und Geschmack am tiefsten gesunken sind. An der Spitze der Schmeichler stand ein gekröntes Haupt. Mehr als dreißig Jahre waren verflossen, seit Christine, die Tochter des großen Gustav Adolph, freiwillig vom schwedischen Throne herabgestieqen war. Nach langen Wanderungen, während denen sie viele Thorheiten und Verbrechen begangen, hatte sie endlich in Rom ihren bleibenden Aufenthalt genommen, wo sie sich mit astrologischen Berechnungen und mit den Intriguen des Conclave beschäftigte und sich nebenbei mit Gemälden, Gemmen, Handschriften und Münzen die Zeit vertrieb. Jetzt dichtete sie einige italienische Stanzen zu Ehren des englischen Fürsten, der, wie sie selbst, einem Geschlecht von Königen entsprossen, welche zu ihrer Zeit als die Vorkämpfer der Reformation betrachtet wurden, sich, gleich ihr, mit der alten Kirche wieder ausgesöhnt hatte. Sie gab eine glänzende Gesellschaft in ihrem Palaste. Ihre in Musik gesetzten Verse wurden unter allgemeinem Beifalle vorgetragen und einer ihrer literarischen Günstlinge hielt über denselben Gegenstand eine Rede in so blühendem Style, daß er den Geschmack der englischen Zuhörer beleidigt zu haben scheint. Die dem Papste feindlich gesinnten, den Interessen Frankreichs ergebenen Jesuiten, denen jede Gelegenheit, Jakob Ehre zu erzeigen, willkommen war, empfingen den englischen Gesandten mit möglichstem Gepränge in dem fürstlichen Hause, wo die Überreste des Ignatius Loyola in einem Schrein von Lasurstein und Gold aufbewahrt werden. Bildhauerkunst, Malerei, Poesie und Beredtsamkeit wurden aufgeboten, um den Fremden zu bewillkommnen; aber alle diese Künste lagen tief im Argen. Es wurde viel schwülstige und unedle Latinität entfaltet, die eines so gelehrten Ordens unwürdig war, und einige von den die Wände zierenden Inschriften zeigten noch schlimmere Fehler als schlechten Styl. An einer Stelle war gesagt, daß Jakob seinen Bruder als Boten zum Himmel gesandt habe, an einer andren, daß Jakob die Schwingen geliefert, welche seinen Bruder in eine höhere Region emporgetragen. Außerdem gab es ein noch viel unglücklicheres Distichon, welches damals wenig beachtet wurde, dessen man aber einige Monate später mit boshaften Auslegungen gedachte. „O König,“ sagte der Dichter, „seufze nicht länger nach einem Sohne. Mag auch die Natur Deinen Wunsch nicht erfüllen, die Sterne werden Mittel finden, um ihn zu befriedigen.“