Geschichte von England (continued 3)
Wilhelm Beseler translation
Inmitten dieser Festlichkeiten erfuhr Castelmaine schwere Kränkungen und Demüthigungen. Der Papst behandelte ihn mit äußerster Kälte und Zurückhaltung. So oft der Gesandte ihn um eine Antwort auf das zu Gunsten Petre’s gestellte Anliegen bat, bekam Innocenz einen heftigen Hustenanfall, der dem Gespräch ein Ende machte. Ganz Rom unterhielt sich von diesen sonderbaren Audienzen. Pasquino schwieg nicht und die ganze neugierige und geschwätzige Bevölkerung der müßigsten aller Städte, mit alleiniger Ausnahme der Jesuiten und der Prälaten der französischen Faction, lachte über Castelmaine’s verunglückte Mission. Sein von Natur unfreundlicher Character wurde bald auf’s Heftigste erbittert und er verbreitete eine Denkschrift mit Betrachtungen über den Papst. Dadurch gerieth er in eine schiefe Stellung, der kluge Italiener hatte einen Vortheil gewonnen und er ließ sich denselben nicht wieder entreißen. Er erklärte gerade heraus, die Regel, welche die Jesuiten von kirchlichen Würden ausschließe, dürfe zu Gunsten Petre’s nicht übertreten werden. Der immer mehr gereizte Castelmaine drohte jetzt Rom zu verlassen. Innocenz erwiederte ihm mit sanfter Impertinenz, die um so kränkender war, weil sie sich kaum von treuherziger Einfalt unterscheiden ließ. Seine Excellenz könne gehen, wenn es ihm beliebe. „Wenn wir ihn aber verlieren müssen,“ setzte der ehrwürdige Pontifex hinzu, „so hoffe ich wenigstens, daß er unterwegs seine Gesundheit schonen wird. Ein Engländer weiß nicht, wie gefährlich es ist, hier zu Lande während der Tageshitze zu reisen. Man thut am besten, wenn man vor Tagesanbruch aufbricht und zu Mittag Rast macht.“ Mit diesem wohlmeinenden Rathe und einem Rosenkranze wurde der unglückliche Gesandte entlassen. Wenige Monate darauf erschien eine pomphafte Geschichte seiner Sendung in einer prachtvollen Folioausgabe mit Kupferstichen in italienischer und englischer Sprache. Das Titelkupfer zeigte zum großen Ärgerniß aller Protestanten Castelmaine in der Peersrobe und mit der Adelskrone in der Hand, wie er Innocenz den Fuß küßt.71
Achtes Kapitel.
Jakob II.
Inhalt.
Seite
[7. Kapitel]
Consecration des Nuntius im St. Jamespalaste 5
Sein officieller Empfang. — Der Herzog von Somerset 5
Auflösung des Parlaments 6
Gesetzwidrige Bestrafung militairischer Vergehen 7
Verfahren der Hohen Commission 8
Die Universitäten 9
Verfahren gegen die Universität Cambridge 10
Der Earl von Mulgrave 11
Zustand Oxford’s 13
Das Magdalenen-Collegium in Oxford 15
Anton Farmer, vom Könige als Präsident empfohlen 17
Wahl des Präsidenten 18
Die Mitglieder des Magdalenen-Collegiums werden vor die Hohe Commission geladen 18
Parker zum Präsidenten empfohlen 19
Die Karthause 19
Rundreise des Königs 20
Der König in Oxford 21
Er giebt den Collegiaten des Magdalenenstifts einen Verweis 22
Penn sucht zu vermitteln 22
Eine kirchliche Specialcommission wird nach Oxford gesandt 24
Hough’s Protest 24
Einsetzung Parker’s 25
Vertreibung der Collegiaten 26
Das Magdalenen-Collegium in ein papistisches Seminar verwandelt 27
Groll der Geistlichkeit 28
Pläne der jesuitischen Cabale in Bezug auf die Thronfolge 29
Jakob’s und Tyrconnel’s Plan, die Prinzessin von Oranien von der Erbfolge im Königreich Irland auszuschließen 30
Schwangerschaft der Königin 31
Allgemeiner Zweifel 31
Stimmung der Wahlkörper und der Peers 33
Jakob beschließt, ein bestochenes Parlament zusammenzusetzen 34
Die Regulatoren 36
Entlassung vieler Lordlieutenants 36
Der Earl von Oxford 36
Der Earl von Shrewsbury 37
Der Earl von Dorset 38
An die Obrigkeiten gerichtete Fragen, und Antworten darauf 41
Scheitern der Pläne des Königs 42
Liste der Sheriffs 45
Character der katholischen Landgentlemen 45
Stimmung der Dissenters 47
Regulirung der Corporationen 47
Untersuchung in allen öffentlichen Verwaltungszweigen 50
Entlassung Sawyer’s 51
Williams Generalprokurator 52
Zweite Indulgenzerklärung 53
Die Geistlichkeit erhält Befehl, sie von der Kanzel zu verlesen 53
Die Geistlichkeit ist unschlüssig 54
Patriotismus der protestantischen Nonconformisten Londons 54
Berathung der londoner Geistlichkeit 55
Berathung im Palast zu Lambeth 57
Die Petition der sieben Bischöfe dem Könige überreicht 57
Die londoner Geistlichkeit gehorcht dem königlichen Befehle nicht 60
Unschlüssigkeit der Regierung 61
Es wird eine gerichtliche Verfolgung der Bischöfe wegen Libells beschlossen 63
Sie werden im Geheimen Rathe verhört 63
Geburt des Prätendenten 65
Man hält ihn allgemein für untergeschoben 65
Die Bischöfe werden vor die Kings Bench gestellt und müssen Bürgschaft leisten 69
Aufregung der Gemüther 70
Sunderland’s Angst 71
Er erklärt sich für einen Katholiken 72
Prozeß der Bischöfe 72
Das Verdict der Geschwornen; Freude des Volks 80
Eigenthümlicher Zustand der öffentlichen Meinung zu jener Zeit 84
Consecration des Nuntius im St. Jamespalaste. Die auffallende Unhöflichkeit des Papstes hätte wohl den sanftmüthigsten Fürsten reizen müssen. Auf Jakob aber machte sie keinen andren Eindruck, als daß er mit Schmeicheleien und Komplimenten noch verschwenderischer wurde. Während Castelmaine, das Herz von Zorn und Unwillen erfüllt, auf der Rückreise nach England begriffen war, wurde der Nuntius mit Ehrenbezeigungen überhäuft, die sein eigner Verstand verwerfen mußte. Er war in Folge einer bei der römischen Kirche häufig in Anwendung kommenden Fiction unlängst zur Bischofswürde ohne Bischofssitz erhoben worden. Jetzt wurde er zum Erzbischof von Amasia, einer Stadt am Pontus, dem Geburtsorte Strabo’s und Mithridates’, erhoben. Jakob bestand darauf, daß die Ceremonie der Consecration in der Kapelle des St. Jamespalastes stattfinden sollte. Der apostolische Vikar Leyburn und zwei irische Prälaten versahen den Dienst. Die Thüren wurden dem Publikum geöffnet und man bemerkte unter den Zuschauern einige von den Puritanern, die sich neuerdings dem Hofe angeschlossen hatten. Am Abend erschien Adda in seiner neuen Amtstracht im Gesellschaftszirkel der Königin. Jakob fiel angesichts des ganzen Hofes auf die Knie und bat um seinen Segen. Trotz aller Vorschriften der Etikette konnten die Umstehenden ihr Erstaunen und ihren Widerwillen nicht unterdrücken.1 Es hatte in der That seit langer Zeit kein englischer Souverain vor einem Sterblichen gekniet und wer das sonderbare Schauspiel mit ansah, erinnerte sich unwillkürlich des schmachvollen Tages, an welchem Johann sich seine Krone von Pandolph aufs Haupt setzen ließ.
Sein officieller Empfang. — Der Herzog von Somerset. Bald darauf fand eine noch prächtigere Schaustellung zu Ehren des Heiligen Stuhles statt. Es wurde beschlossen, daß der Nuntius sich in feierlicher Prozession an den Hof begeben sollte. Bei dieser Gelegenheit zeigten mehrere Personen, auf deren Gehorsam der König gerechnet hatte, zum ersten Male eine Neigung zur Widersetzlichkeit. Der Hervorragendste unter ihnen war der zweite Peer des Königreichs, Karl Seymour, gewöhnlich der stolze Herzog von Somerset genannt. Er war in der That ein Mann, bei dem Geburts- und Rangstolz fast zu einer krankhaften Manie geworden war. Sein ererbtes Vermögen war der hohen Stelle, die er unter dem englischen Adel einnahm, nicht angemessen; aber durch seine Vermählung mit der Tochter und Erbin des letzten Percy, der die alte Krone von Northumberland trug, war er in den Besitz des größten Vermögens in England gelangt. Somerset war erst fünfundzwanzig Jahre alt und im Publikum noch wenig bekannt. Er war Kammerherr des Königs und Oberst eines der Regimenter, welche zur Zeit des Aufstandes im Westen neu errichtet worden waren. Er hatte kein Bedenken dagegen erhoben, bei feierlichen Gelegenheiten das Staatsschwert in die königliche Kapelle zu tragen; diesmal aber weigerte er sich entschieden, an dem Festzuge zu Ehren des Nuntius Theil zu nehmen. Einige Mitglieder seiner Familie baten ihn dringend, sich das königliche Mißfallen nicht zuzuziehen; aber ihr Bitten war fruchtlos. Der König setzte ihn nun selbst zur Rede. „Ich hätte geglaubt, Mylord,“ sagte er, „daß ich Ihnen eine große Ehre erzeigte, indem ich Sie dazu ausersah, den Gesandten des ersten aller gekrönten Häupter zu begleiten.“ — „Sire,“ entgegnete der Herzog, „ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß ich Eurer Majestät nicht gehorchen kann, ohne das Gesetz zu verletzen.“ — „Ich will Sie lehren, mich ebenso zu achten wie das Gesetz,“ erwiederte der König in hochfahrendem Tone. „Wissen Sie noch nicht, daß ich über dem Gesetz stehe?“ — „Eure Majestät mögen über dem Gesetz stehen, ich aber nicht, und wenn ich dem Gesetz gehorche, fürchte ich nichts.“ Der König entfernte sich höchlich erzürnt und Somerset wurde augenblicklich seiner Stellen im Hofstaate und in der Armee entsetzt.2
In einem Punkte zeigte jedoch der König einige Klugheit. Er wagte es nicht, den päpstlichen Gesandten in feierlichem Aufzuge der ganzen Bevölkerung der Hauptstadt vorzuführen. Die Ceremonie fand am 3. Juli 1687 in Windsor statt. Eine große Menschenmenge strömte nach dem Städtchen. Der Schaulustigen waren so viele, daß sie weder Speise und Trank noch ein Unterkommen fanden und eine Menge vornehmer Leute den ganzen Tag in ihrem Wagen zubringen mußten, um das Schauspiel mit anzusehen. Spät am Nachmittag endlich erschienen die Leute des Hofmarschalls zu Pferde. Hierauf folgte ein langer Zug von Läufern und dann in einem königlichen Staatswagen Adda im Purpurmantel und mit einem Brillantenkreuze auf der Brust. Hinter ihm fuhren die Equipagen der vornehmsten Hofkavaliere und der Staatsminister. Mit großem Mißfallen bemerkte das Volk in dem Zuge die Wappen und Livreen Crewe’s, Bischofs von Durham, und Cartwright’s, Bischofs von Chester.3
Auflösung des Parlaments. Am folgenden Tage erschien in der Gazette eine Proklamation, welche das Parlament auflöste, das von allen durch die Stuarts einberufenen Parlamenten das fügsamste gewesen war.4
Mittlerweile hatten sich neue Schwierigkeiten in Westminsterhall gezeigt. Erst vor wenigen Monaten waren mehrere Richter entlassen und andere an deren Stelle gesetzt worden, um in dem Prozesse gegen Sir Eduard Hales ein Erkenntniß zu Gunsten der Krone zu erlangen, und schon waren neue Änderungen nöthig.
Gesetzwidrige Bestrafung militairischer Vergehen. Der König hatte kaum die Armee gebildet, auf die er zur Ausführung seiner Pläne namentlich rechnete, so erkannte er auch schon, daß er sie selbst nicht regieren konnte. Wenn ein Krieg im Lande wüthete, so konnte ein Meuterer oder Deserteur vor ein Kriegsgericht gestellt und das Urtel durch den Generalprofoß vollzogen werden. Aber man war jetzt im tiefsten Frieden. Das englische Landrecht, das aus einem Zeitalter herrührte, wo erforderlichenfalls Jedermann, Niemand aber beständig die Waffen trug, machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen einem Soldaten und jedem andren Unterthan, und es gab kein Gesetz ähnlich dem, durch welches heutzutage dem Souverain alljährlich die zum Oberbefehl über die reguläre Truppenmacht nöthige Autorität verliehen wird. Zwar erklärten einige alte Verordnungen die Desertion in gewissen angeführten Fällen für Felonie; aber diese Verordnungen galten nur für die Soldaten, welche dem Könige im wirklichen Kriege dienten und konnten nicht ohne die arglistigste Willkür so weit ausgedehnt werden, daß sie auch auf einen Mann Anwendung fanden, der in einer Zeit der vollständigsten inneren und äußeren Ruhe des Lagers von Hounslow überdrüssig wurde und daher in sein heimathliches Dorf zurückkehrte. Die Regierung hatte offenbar über einen solchen Mann keine andre Macht, als die, welche ein Bäcker- oder Schneidermeister über seine Gesellen hat. Er und seine Offiziere standen vor dem Gesetz auf gleicher Stufe. Fluchte er gegen sie, so konnte er wegen Schwörens mit einer Geldstrafe belegt werden; schlug er sie, so konnte er wegen thätlicher Mißhandlung verklagt werden. Das stehende Heer stand factisch unter einer milderen Disciplin als die Miliz, denn die Miliz war durch eine Parlamentsacte errichtet worden, in welcher zugleich bestimmt war, daß Disciplinarvergehen summarisch mit leichten Strafen geahndet werden könnten.
Es scheint nicht, daß die aus diesem Zustande des Gesetzes entspringenden praktischen Nachtheile sich unter der Regierung Karl’s II. sehr fühlbar gemacht hatten, was sich vielleicht dadurch erklären läßt, weil bis zum letzten Jahre seiner Regierung die Streitmacht, die er in England unterhielt, hauptsächlich aus Haustruppen bestand, welche einen so hohen Sold bekamen, daß die Entlassung aus dem Dienste von den Meisten sehr schmerzlich empfunden worden wäre. Eine Anstellung als Gemeiner in der Leibgarde war für den jüngeren Sohn eines Gentleman eine gute Versorgung; selbst die Fußgarden wurden so gut bezahlt als Fabrikarbeiter unter besonders günstigen Verhältnissen, und sie befanden sich daher in einer Lage, um die sie die große Masse der arbeitenden Bevölkerung wohl beneiden konnte. Die Rückkehr der Garnison von Tanger und die Errichtung der neuen Regimenter hatte eine große Veränderung herbeigeführt. Es gab jetzt in England viele Tausend Soldaten, welche nur acht Pence den Tag erhielten. Die Furcht vor der Verabschiedung war nicht mehr hinreichend, um sie der Dienstpflicht treu zu erhalten, und körperliche Strafen durften die Offiziere gesetzlich nicht zuerkennen. Jakob hatte daher nur die Wahl, entweder die Armee ihrer Auflösung entgegengehen zu lassen oder die Richter zu der Erklärung zu bewegen, daß das Gesetz das sei, was es, wie jeder Student wußte, nicht war.
Es war besonders wichtig, die Mitwirkung zweier Gerichtshöfe zu gewinnen: der Kings Bench, welche der erste Criminalgerichtshof des Landes war, und des Gerichtshofs für Leerung der Gefängnisse, der in der Old Bailey saß und über die in der Hauptstadt begangenen Vergehen abzuurtheilen hatte. In beiden Gerichtshöfen aber stieß man auf große Schwierigkeiten. Herbert, der Oberrichter der Kings Bench, wollte trotz aller bis dahin bewiesenen Servilität nicht weiter gehen. Ein noch entschiedenerer Widerstand war von Sir Johann Holt zu erwarten, der als Syndikus der City von London auf der Bank der Old Bailey saß. Holt war ein ausgezeichnet gelehrter und aufgeklärter Jurist, dabei ein rechtschaffener und muthiger Mann und seine politische Meinung hatte eine whiggistische Färbung, obgleich er sich von allem Parteitreiben stets fern hielt. Dem Willen des Königs mußten jedoch alle Hindernisse weichen. Holt wurde seines Syndikats entsetzt. Herbert und ein andrer Richter von der Kings Bench entfernt, und die erledigten Stellen mit Männern besetzt, auf die sich die Regierung verlassen konnte. Allerdings mußte man in ziemlich niedere juristische Regionen hinabsteigen, ehe man Leute fand, welche zu Dienstleistungen, wie man sie jetzt brauchte, bereit waren. Der neue Oberrichter, Sir Robert Wright, war sprichwörtlich ein Ignorant, und die Unwissenheit war noch nicht sein ärgster Fehler. Seine Laster hatten ihn zu Grunde gerichtet. Um sich Geld zu verschaffen, hatte er zu unredlichen Mitteln seine Zuflucht genommen und einmal einen falschen Eid abgelegt, um in den Besitz von fünfhundert Pfund zu gelangen. Arm, ausschweifend und schamlos war er einer von den Schmarotzern Jeffreys’ geworden, der ihn beförderte und verächtlich behandelte. Dies war der Mann, den Jakob zum Lord Oberrichter von England erkor. Ein gewisser Allibone, der in der Rechtskunde noch unwissender war als Wright und als Katholik eigentlich gar nicht fähig war, ein öffentliches Amt zu bekleiden, wurde zum Unterrichter der Kings Bench ernannt. Sir Bartholomäus Shower, als serviler Tory und langweiliger Redner gleich bekannt, wurde Syndikus von London. Nachdem diese Veränderungen bewirkt waren, wurden mehrere Deserteurs zur Untersuchung gezogen und dem Wortlaute und dem Geiste des Gesetzes zum Hohn für schuldig befunden. Einige von ihnen vernahmen ihr Todesurtheil vor den Schranken der Kings Bench, Andere vor den Schranken der Old Bailey. Sie wurden vor den Augen der Regimenter, denen sie angehört hatten, gehängt und dafür Sorge getragen, daß diese Hinrichtungen durch die London Gazette, welche derartige Vorgänge nur selten berichtete, zur Öffentlichkeit gelangten.5
Verfahren der Hohen Commission. Man kann wohl denken, daß das Gesetz, das so gröblich von denjenigen Gerichtshöfen verletzt wurde, deren ganze Autorität sich auf dasselbe gründete und die es als Richtschnur zu betrachten pflegten, von einem durch tyrannische Willkür errichteten Tribunale eben so wenig geachtet wurde. Während der ersten Monate ihres Bestehens hatte die neue Hohe Commission Geistlichen nur die Ausübung ihrer Amtshandlungen verboten; die Eigenthumsrechte waren noch unangetastet geblieben. Zu Anfang des Jahres 1687 aber beschloß man auch gegen die Pfründeneinkünfte einen Schlag zu führen und jedem anglikanischen Priester und Prälaten die Überzeugung beizubringen, daß, wenn er seine Beihülfe zur Vernichtung der Kirche, deren Diener er war, verweigerte, er in einer Stunde zum Bettler gemacht werden würde.
Die Universitäten. Es würde der Klugheit angemessen gewesen sein, das erste Exempel an einem unbekannten Individuum zu statuiren. Die Regierung aber war in einer so unseligen Verblendung befangen, daß man dieselbe in einem naiveren Zeitalter als eine göttliche Strafe betrachtet haben würde. Es wurde daher ohne weiteres gleich von Anfang an den beiden ehrwürdigsten Korporationen des Reichs, den Universitäten Oxford und Cambridge, der Krieg erklärt.
Die Macht dieser beiden Körperschaften war schon seit vielen Jahrhunderten groß; in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber hatte sie ihren Höhepunkt erreicht. Kein Nachbarland konnte sich so glänzender und reicher Sitze der Wissenschaft rühmen. Die Hochschulen von Edinburg und Glasgow, von Leyden und Utrecht, von Löwen und Leipzig, von Padua und Bologna kamen Gelehrten, welche in den prächtigen Stiftungen Wykeham’s und Wolsey’s, Heinrich’s VI. und Heinrich’s VIII. gebildet waren, ärmlich vor. Literatur und Wissenschaft waren in dem akademischen Systeme Englands mit Gepränge umgeben, mit obrigkeitlicher Gewalt bekleidet und mit den vornehmsten Institutionen des Landes eng verbunden. Kanzler einer Universität zu werden, war eine Auszeichnung, nach der die Magnaten des Reichs eifrig strebten; eine Universität im Parlament zu vertreten, war das Lieblingsziel des Ehrgeizes von Staatsmännern. Edelleute und selbst Fürsten waren stolz darauf, wenn eine Universität ihnen das Recht verlieh, den Scharlach der Doctorwürde zu tragen. Die Neugierigen wurden von den Universitäten angezogen durch alte, mit mittelalterlichen Verzierungen reich ausgestattete Gebäude, durch neuere Gebäude, welche glänzendes Zeugniß von dem künstlerischen Genie eines Jones und Wren gaben, durch imposante Hallen und Kapellen, durch Museen, durch botanische Gärten und durch die einzigen öffentlichen Bibliotheken, welche das Königreich damals besaß. Der Prunk, den namentlich Oxford bei feierlichen Gelegenheiten entfaltete, wetteiferte mit dem souverainer Fürsten. Wenn der Kanzler, der ehrwürdige Herzog von Ormond, in seinem geflickten Mantel auf seinem Throne unter der gemalten Decke der Sheldon’schen Tribüne saß, umgeben von vielen hundert Graduirten in der ihrem verschiedenen Range entsprechenden Kleidung, während die vornehmsten Jünglinge Englands ihm als Bewerber um akademische Ehren feierlich vorgeführt wurden, spielte er eine kaum minder königliche Figur als sein Gebieter im Bankethause zu Whitehall. Auf den Universitäten waren fast alle ausgezeichneten Geistlichen, Rechtsgelehrten, Ärzte, Schriftsteller, Dichter und Redner des Landes und zum großen Theil auch der hohe Adel und die reiche Gentry gebildet. Auch ist zu bemerken, daß die Verbindung zwischen dem Schüler und der Schule durch seinen Abgang nicht aufgelöst wurde. Er blieb oft während seines ganzen Lebens Mitglied des akademischen Körpers und behielt bei allen wichtigen Wahlen eine Stimme. Er hing daher an seinem alten Lieblingsaufenthalte am Cam und Isis mit weit größerer Zuneigung, als gebildete Leute sie in der Regel zu ihren Bildungsstätten empfinden. Es gab in England keinen Winkel, wo nicht beide Universitäten dankbare und treuergebene Söhne gehabt hätten. Jeder Angriff auf die Ehre oder die Interessen von Cambridge oder Oxford mußte nothwendig den Unwillen einer mächtigen, thätigen und intelligenten Klasse erregen, die über alle Grafschaften, von Northumberland bis Cornwall, zerstreut war.
Die seßhaften Graduirten waren vielleicht im Ganzen genommen den seßhaften Graduirten unsrer Zeit nicht überlegen, aber im Vergleich zu den anderen Gesellschaftskreisen standen sie damals auf einer viel höheren Stufe; denn Cambridge und Oxford waren die beiden einzigen Provinzialstädte im ganzen Königreiche, wo man eine bedeutende Anzahl hochgebildeter Männer fand. Selbst die Hauptstadt hatte große Achtung vor der Autorität der Universitäten, nicht nur in Fragen der Theologie, der Naturwissenschaften und des klassischen Alterthums, sondern auch in solchen Angelegenheiten, in denen die Hauptstädte in der Regel für die höchsten Instanzen gelten wollen. Von Will’s Kaffeehaus und dem Parterre des Drurylanetheaters appellirte man noch an die beiden großen Nationalsitze des Geschmacks und der Gelehrsamkeit. Schauspiele, die in London mit enthusiastischem Beifalle aufgenommen worden waren, galten erst dann für außer Gefahr, wenn sie die strenge Prüfung eines mit Sophokles und Terenz vertrauten Zuhörerkreises bestanden hatten.6
Die englischen Universitäten hatten ihren großen moralischen und intellectuellen Einfluß energisch zu Gunsten der Krone angewendet. Das Hauptquartier Karl’s I. war in Oxford gewesen und die silbernen Krüge und Teller sämmtlicher Collegien waren zur Unterstützung seiner Kriegskasse eingeschmolzen worden. Cambridge war nicht weniger loyal gesinnt. Es hatte ebenfalls einen großen Theil seines Silbergeräths in’s königliche Lager gesandt, und der Rest würde auch nachgefolgt sein, wäre die Stadt nicht von den Parlamentstruppen genommen worden. Beide Universitäten waren von den siegreichen Puritanern mit der äußersten Strenge behandelt worden, beide hatten die Restauration mit Freuden begrüßt, beide hatten sich der Ausschließungsbill standhaft widersetzt und ihren tiefsten Abscheu über das Ryehousecomplot ausgesprochen. Cambridge hatte nicht nur seinen Kanzler Monmouth abgesetzt, sondern seinen Unwillen über den Verrath des Herzogs sogar in einer eines Sitzes der Gelehrsamkeit unwürdigen Weise zu erkennen gegeben, indem es die Leinwand, auf der Kneller seine einnehmende Physiognomie und Gestalt mit künstlerischer Vollendung dargestellt hatte, den Flammen übergab.7 Oxford, das dem Herde des westlichen Aufstandes näher lag, hatte noch stärkere Beweise von Loyalität gegeben. Die Studenten hatten mit Bewilligung ihrer Professoren zu Hunderten die Waffen zur Vertheidigung der erblichen Thronrechte ergriffen. Und diese Körperschaften beschloß Jakob jetzt in offenem Widerspruch mit den Gesetzen und mit seinem verpfändeten Worte zu beschimpfen und zu berauben.
Verfahren gegen die Universität Cambridge. Mehrere Parlamentsacte, die so klar waren als nur irgend eine Verordnung des Gesetzbuches, hatten vorgeschrieben, daß auf beiden Universitäten Niemand zu irgend einem Grade zugelassen werden sollte, ohne den Suprematseid und einen andren ähnlichen Eid, der Gehorsamseid genannt, abgelegt zu haben. Dessenungeachtet wurde im Februar 1687 ein königliches Schreiben nach Cambridge gesandt, worin die Aufnahme eines Benedictinermönches, Namens Alban Francis, als Magister der freien Künste anbefohlen wurde.
Die akademischen Würdenträger, zwischen der Ehrerbietung gegen den König und der Achtung vor dem Gesetz schwankend, waren in großer Verlegenheit. Es wurden in aller Eile Boten an den Herzog von Albemarle gesandt, der Monmouth’s Nachfolger als Kanzler der Universität war, und er wurde dringend ersucht, dem Könige die Sache in geeigneter Weise vorzustellen. Unterdessen begaben sich der Registrator und die Pedelle zu Francis und erklärten ihm, daß er sogleich aufgenommen werden solle, wenn er die gesetzlich vorgeschriebenen Eide leiste. Er weigerte sich dessen, machte den Beamten Vorwürfe wegen ihrer Nichtachtung des königlichen Befehls, und da sie nicht nachgaben, reiste er auf der Stelle wieder ab, um sich in Whitehall zu beschweren.
Die Vorsteher der Collegien versammelten sich zu einer Berathung. Die Gutachten der ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten wurden abgehört und sie sprachen sich entschieden zu Gunsten des beobachteten Verfahrens aus. Aber schon war ein zweites hochmüthiges und drohendes Schreiben von Sunderland unterwegs. Albemarle antwortete der Universität unter vielen Versicherungen seiner Theilnahme und seines Bedauerns, daß er alles Mögliche gethan habe, aber vom Könige sehr kalt und unfreundlich aufgenommen worden sei. Der akademische Körper, durch die königliche Ungnade erschreckt und von dem aufrichtigen Willen beseelt, den Wünschen Seiner Majestät nachzukommen, dabei aber auch fest entschlossen, das klare Gesetz des Landes nicht zu verletzen, unterbreitete die bescheidensten und ehrerbietigsten Auseinandersetzungen, aber ohne Erfolg. Bald darauf kam eine Vorladung, welche den Vicekanzler und den Senat auf den 24. April vor die Hohe Commission nach Westminster beschied. Der Vicekanzler sollte in Person erscheinen, der Senat, der aus allen Doctoren und Magistern der Universität besteht, eine Deputation senden.
Der Earl von Mulgrave. Als der festgesetzte Tag erschien, füllte sich der Sitzungssaal mit einer großen Zuschauermenge. Jeffreys fungirte als Präsident der Commission. Rochester war, seit ihm der weiße Stab abgenommen worden, nicht mehr Mitglied, anstatt seiner erschien der Lordkammerherr Johann Sheffield, Earl von Mulgrave. Das Schicksal dieses Edelmanns glich in einer Beziehung dem seines Collegen Sprat. Mulgrave schrieb Verse, die sich kaum über die absolute Mittelmäßigkeit erhoben, da er aber ein in den politischen und vornehmen Kreisen hochangesehener Mann war, so fanden seine Verse doch Bewunderer. Die Zeit zerstörte den Zauber, zu seinem Unglücke aber erst nachdem seine Gedichte bereits ein unveräußerliches Recht auf eine Stelle in allen Sammlungen englischer Dichtungswerke erlangt hatten. Dennoch werden bis auf den heutigen Tag seine, abgeschmackten Reimereien und seine jämmerlichen Lieder an Amoretta und Gloriana in Gesellschaft des „Comus“ und des „Festes Alexander’s“ immer wieder gedruckt. Die Folge davon ist, daß unsre Generation Mulgrave hauptsächlich als einen Dichterling kennt und ihn als solchen verachtet. Er war jedoch, wie selbst Diejenigen zugaben, die ihn weder liebten noch achteten, ein durch schöne Talente ausgezeichneter Mann und in der parlamentarischen Beredtsamkeit stand er kaum einem Redner seiner Zeit nach. Dagegen verdiente sein moralischer Character keine Achtung. Er war ein Wüstling, aber ohne jene Offenheit des Herzens und der Hand, welche zuweilen auch die Ausschweifung liebenswürdig, und ein stolzer Aristokrat ohne jene Hoheit der Denkungsart, welche zuweilen den aristokratischen Hochmuth achtungswerth macht. Die damaligen Satiriker gaben ihm den Spottnamen Lord Allpride (Ganzstolz). Sein Stolz vertrug sich indessen mit allen schmachvollen Lastern. Viele wunderten sich darüber, wie ein Mann, der ein so übertriebenes Gefühl seiner Würde zur Schau trug, in Geldangelegenheiten so zäh und knauserig sein konnte. Er hatte der königlichen Familie großes Ägerniß dadurch gegeben, daß er den Gedanken zu hegen wagte, das Herz und die Hand der Prinzessin Anna zu erobern. In dieser Hoffnung getäuscht, hatte er sich bemüht, durch kriechende Gemeinheit die durch Anmaßung verwirkte Gunst wieder zu gewinnen. Seine von ihm selbst verfaßte Grabschrift sagt noch heute jedem Besucher der Westminsterabtei, daß er in religiösen Dingen als Zweifler lebte und starb, und aus seinen hinterlassenen Memoiren ersehen wir, daß der römische Aberglaube ein Lieblingsthema seines Spottes war. Dennoch begann er unmittelbar nach Jakob’s Regierungsantritt eine starke Hinneigung zum Papismus zu zeigen und gerirte sich endlich privatim als Convertit. Der Lohn für diese verworfene Heuchelei war seine Anstellung bei der Hohen Commission.8
Vor diesem gefürchteten Tribunal erschien jetzt der Vicekanzler der Universität Cambridge, Doctor Johann Pechell. Er selbst war kein Mann von ausgezeichneter Befähigung und Energie, aber es begleiteten ihn acht vom Senat gewählte vorzügliche Akademiker. Einer davon war Isaak Newton, Fellow des Trinity-Collegiums und Professor der Mathematik. Sein Genie stand damals in seiner vollsten Kraft. Das große Werk, welches ihm die erste Stelle unter den Geometern und Naturforschern aller Zeiten und aller Nationen sichert, wurde seit einiger Zeit unter der Sanction der Königlichen Societät gedruckt und war seiner Vollendung nahe. Er war der entschiedenste Freund der bürgerlichen Freiheit und der protestantischen Religion, aber seine Gewohnheiten machten ihn für die Kämpfe des praktischen Lebens durchaus nicht geeignet. Er verharrte daher in bescheidenem Stillschweigen unter den Delegirten und überließ anderen Männern, welche im Geschäftsleben mehr bewandert waren, die Aufgabe, seine geliebte Universität zu vertheidigen.
Es konnte keinen klareren Rechtsfall geben. Das Gesetz ließ keinen Zweifel zu und die Praxis hatte fast stets im Einklang mit dem Gesetz gestanden. Es konnte vielleicht schon vorgekommen sein, daß an einem besonders feierlichen Tage, wo viele Ehrengrade verliehen wurden, in der Menge Einer durchgeschlüpft war, der die Eide nicht abgelegt hatte; aber eine solche Unregelmäßigkeit, lediglich die Folge der Eil und Unachtsamkeit, konnte nicht als Vorgang geltend gemacht werden. Fremde Gesandte verschiedener Glaubensrichtungen, insbesondere ein Muselmann, waren ohne die Eide aufgenommen worden. Aber es war eine große Frage, ob solche Fälle im Bereiche der Ansicht und des Geistes der betreffenden Parlamentsverordnungen lagen. Es war nicht einmal behauptet worden, daß schon einmal Jemand, dem die Eide angesonnen wurden und der sie nicht leisten wollte, einen akademischen Grad erlangt habe, und in dieser Lage befand sich Francis. Die Delegirten erboten sich zu beweisen, daß unter der vorigen Regierung mehrere königliche Befehle unberücksichtigt geblieben waren, weil die empfohlenen Personen sich dem Gesetz nicht hatten fügen wollen, und daß die Regierung sich in solchen Fällen stets bei dem Verfahren der Universität beruhigt habe, da sie es als das richtige anerkennen mußte. Jeffreys aber wollte von nichts hören. Er kam bald dahinter, daß der Vicekanzler ein schwacher, unerfahrener und schüchterner Mann war und ließ daher der ganzen Unverschämtheit, welche so lange der Schrecken der Old Bailey gewesen war, freien Lauf. Der unglückliche Doctor, der an ein solches Auditorium und an eine solche Behandlung nicht gewöhnt war, wurde bald so eingeschüchtert, daß er gänzlich die Fassung verlor. Sobald andere zur Verfechtung ihrer Sache besser befähigte Akademiker das Wort ergreifen wollten, wurden sie auf die unsanfteste Weise zum Schweigen gebracht. „Sie sind nicht Vicekanzler; wenn Sie es einmal sein werden, dann mögen Sie sprechen, bis dahin aber geziemt es Ihnen, den Mund zu halten.“ Die Angeklagten wurden, ohne gehört worden zu sein aus dem Gerichtssaale gewiesen. Nach einer Weile wurden sie wieder hereingerufen und ihnen kundgethan, daß die Commission beschlossen habe, Pechell seiner Würde als Vicekanzler zu entheben und ihm alle Einkünfte vorzuenthalten, die er als Vorsteher eines Collegiums bezog und welche ganz den Character eines unantastbaren Eigenthums hatten. „Sie, meine Herren,“ sagte Jeffreys zu den Delegirten, „sind größtentheils Theologen, und ich will Sie daher mit einer Stelle aus der Schrift heimschicken: „Gehet hin und sündigt fortan nicht mehr, damit Euch nicht etwas Ärgeres widerfahre.“9
Zustand Oxford’s. Man sollte meinen, daß dieses Verfahren ungerecht und willkürlich genug war. Aber der König hatte schon angefangen, Oxford mit einer Strenge zu behandeln, im Vergleich zu welcher die gegen Cambridge bewiesene Milde genannt werden konnte. Schon war das University-Collegium durch Obadja Walker in ein römisch-katholisches Seminar verwandelt, schon stand das Christchurch-Collegium unter der Leitung eines römisch-katholischen Dechanten, schon wurde in diesen beiden Collegien täglich Messe gelesen. Die ruhige, majestätische Stadt, so lange das Bollwerk des monarchischen Prinzips, war von Leidenschaften aufgeregt, die sie bisher nie gekannt hatte. Die Untergraduirten verhöhnten mit stillschweigender Erlaubniß ihrer Vorgesetzten die Mitglieder von Walker’s Gemeinde und sangen Spottlieder unter ihren Fenstern. Einige Bruchstücke von den Serenaden, welche damals in High Street die Ruhe störten, sind der Nachwelt erhalten worden; der Refrain einer Ballade lautet:
„Der alte Obadja singt Ave Maria.“
Als die Schauspieler nach Oxford kamen, äußerte sich die öffentliche Meinung noch stärker. Es wurde Howard’s „Comité“ gegeben. Dieses bald nach der Restauration geschriebene Stück stellte die Puritaner in einem gehässigen und verächtlichen Lichte dar und war deshalb seit einem Vierteljahrhundert ein Lieblingsstück des oxforder Publikums. Jetzt war es beliebter als je zuvor, denn ein glücklicher Zufall wollte, daß eine der Hauptrollen ein alter Heuchler Namens Obadja war. Das Publikum brach in einen Beifallsjubel aus, als Obadja in der letzten Scene mit einem Strick um den Hals hereingeschleppt wurde, und der Applaus nahm zu, als einer der Schauspieler, von dem vorgeschriebenen Texte abweichend, ankündigte, daß Obadja wegen Glaubenabfalls gehängt werden solle. Der König war höchlich entrüstet über diesen Hohn. Die Stimmung der Universität war so rebellisch, daß eines der neu errichteten Regimenter, das welches gegenwärtig das zweite Gardedragonerregiment heißt, nach Oxford versetzt wurde, um einen Aufstand zu verhindern.10
Diese Vorgänge hätten Jakob überzeugen können, daß er einen Weg eingeschlagen hatte, der ihn ins Verderben führen mußte. An das Geschrei der Londoner war er schon längst gewöhnt. Es war zuweilen ungerechterweise, zuweilen vergebens gegen ihn erhoben worden; er hatte demselben wiederholt getrotzt und konnte ihm auch fernerhin trotzen. Daß aber Oxford, der Sitz der Loyalität, das Hauptquartier der Kavalierarmee, der Ort, wohin sein Vater und sein Bruder ihren Hof verlegten, wenn sie sich in ihrer stürmisch bewegten Hauptstadt nicht mehr sicher glaubten, der Ort, wo die Schriften der großen republikanischen Lehrer unlängst den Flammen überliefert worden waren, daß diese Stadt sich jetzt in einer unzufriedenen Gährung befand und die muthigen Jünglinge, die sich vor wenigen Monaten so eifrig als Freiwillige gemeldet hatten, um gegen die Insurgenten im Westen zu marschiren, jetzt nur mit Mühe durch Säbel und Karabiner im Schach gehalten wurden: das waren Zeichen von schlimmer Vorbedeutung für das Haus Stuart. Doch der abgestumpfte, starrsinnige und eigenwillige Tyrann beachtete den Warnungsruf nicht. Er hatte sich einmal vorgenommen, seiner Kirche die reichsten und glänzendsten Stiftungen Englands zu verschaffen. Umsonst machten ihm die besseren und verständigeren seiner römisch-katholischen Rathgeber Vorstellungen. Sie erklärten ihm, daß er der Sache seiner Religion viel nützen könne, ohne die Eigenthumsrechte zu verletzen. Eine Bewilligung von jährlich zweitausend Pfund aus seiner Privatchatulle würde hinreichen, um ein Jesuitencollegium in Oxford zu unterhalten, und diese Summe könne er leicht verschmerzen. Ein solches Collegium, mit tüchtigen, gelehrten und eifrigen Lehrern ausgestattet, würde ein gefährlicher Nebenbuhler für die alten akademischen Anstalten werden, welche nur zu deutliche Symptome einer von Reichthum und Sicherheit unzertrennlichen Erschlaffung zeigten. König Jakob’s Collegium würde bald selbst von den Protestanten hinsichtlich der Wissenschaften sowohl als auch der moralischen Zucht als die erste Bildungsanstalt der Insel anerkannt werden. Dies würde der wirksamste und zugleich glimpflichste Weg sein, um die anglikanische Kirche zu demüthigen und die römische zu Ansehen zu bringen. Der Earl von Ailesbury, einer der ergebensten Diener des königlichen Hauses, erklärte, daß er, obgleich Protestant und nicht reich, lieber selbst einen Beitrag von tausend Pfund zu diesem Zwecke hergeben wolle, als daß sein Gebieter die Eigenthumsrechte verletze und sein der Staatskirche gegebenes Wort breche.11 Der Plan fand jedoch keinen Beifall in den Augen des Königs. Allerdings entsprach er auch in mehr als einer Beziehung seinem unfreundlichen Character nicht. Denn es machte ihm Vergnügen, den Sinn der Menschen zu beugen und zu brechen, und von seinem Gelde konnte er sich nur schwer trennen. Was er auf seine Kosten zu unternehmen nicht hochherzig genug war, das beschloß er auf Kosten Anderer durchzuführen. Wenn er einmal etwas begonnen hatte, so hielt sein Stolz und sein Starrsinn ihn ab, wieder zurückzutreten, und er ließ sich endlich Schritt für Schritt zu Handlungen türkischer Tyrannei verleiten, zu Handlungen, welche die Nation zu der Überzeugung bringen mußten, daß das Vermögen eines protestantischen Freisassen Englands unter einem römisch-katholischen König ebenso unsicher war, wie das eines Griechen unter der Herrschaft eines Moslem.
Das Magdalenen-Collegium in Oxford. Das Magdalenen-Collegium, gegründet im funfzehnten Jahrhundert von Wilhelm von Waynflete, Bischof von Winchester und Lordgroßkanzler, war eine der hervorragendsten unserer akademischen Institute. Ein schlanker Thurm, auf dessen Zinnen alljährlich am Morgen des ersten Mai von Choristen eine lateinische Hymne gesungen wurde, fesselte schon von weitem die Aufmerksamkeit des von London her kommenden Reisenden. Wenn er sich näherte, bemerkte er, daß dieser Thurm sich von einem mit Zinnen versehenen, zwar niedrigen und unregelmäßigen, aber doch sehr ehrwürdig aussehenden Gebäude erhob, das von Bäumen beschattet und von den trägen Fluthen des Chervell bespült wurde. Er trat durch einen Thorweg,12 über dem eine stattliche Gallerie hinlief, in einen geräumigen Kreuzgang, der mit Emblemen der Tugenden und Laster, von den Bildhauern des funfzehnten Jahrhunderts roh in grauen Stein gemeißelt, verziert war. Der Tisch der Gesellschaft wurde in einem mit Gemälden und phantastischem Schnitzwerk reich ausgestatteten Refectorium gedeckt. Der Gottesdienst wurde früh und Abends in einer Kapelle gehalten, die von den Reformers und den Puritanern viel zu leiden gehabt hatte, aber trotz alledem ein wunderschönes Bauwerk war, das in unseren Tagen mit seltenem Geschmack und Geschick restaurirt worden ist. Die großen Gartenanlagen am Ufer des Flusses zeichneten sich durch hohe Bäume aus, unter denen ein Wunder der Pflanzenwelt unsrer Insel emporragte, eine riesige Eiche, welche hundert Jahre älter sein sollte, als das älteste Collegium der Universität.
Die Statuten der Gesellschaften bestimmten, daß die Könige von England und die Prinzen von Wales in dem Hause aufgenommen werden sollten, wie in ihrem eignen Palaste. Eduard IV. hatte das Gebäude bewohnt, als es noch nicht vollendet war. Richard III. hatte darin sein Hoflager gehalten, im großen Saale Disputationen mit angehört, war königlich bewirthet worden und hatte die Küche seiner Wirthe mit einem Geschenk von fetten Rehböcken aus seinen Forsten beehrt. Zwei muthmaßliche Thronerben, welche frühzeitig hinweggerafft wurden, Arthur, der ältere Bruder Heinrich’s VIII., und Heinrich, der ältere Bruder Karl’s I., hatten in dem Collegium studirt; ebenso auch ein andrer Prinz von Geblüt, der letzte und beste der römisch-katholischen Erzbischöfe von Canterbury, der menschenfreundliche Reginald Pole. Zur Zeit des Bürgerkriegs war das Collegium der Sache der Krone treu geblieben. Ruprecht hatte dort sein Hauptquartier aufgeschlagen, und ehe er zu einigen seiner kühnsten Unternehmungen auszog, hatte man in den stillen Kreuzgängen seine Trompeter zum Aufbruch blasen hören. Die Mehrzahl der Fellows waren Theologen und konnten den König nur mit Gebeten und Geldspenden unterstützen. Doch einer von den Mitgliedern der Gesellschaft, ein Doctor des Civilrechts, warb eine Truppe Untergraduirter und fiel an ihrer Spitze im tapferen Kampfe gegen die Soldaten von Essex. Als die Feindseligkeiten beendigt und die Rundköpfe Herren von England waren, verweigerten sechs Siebentel der Mitglieder der usurpirten Gewalt ihre Unterwerfung. In Folge dessen wurden sie aus ihren Wohnungen vertrieben und ihrer Einkünfte beraubt. Nach der Restauration kehrten die noch Lebenden an ihren lieblichen Wohnsitz zurück. Eine neue Generation war auf sie gefolgt, die ihre Ansichten und ihren Muth geerbt hatte. Zur Zeit des Aufstandes im Westen hatten diejenigen Collegiaten, welche nicht durch Alter oder Beruf zum Gebrauche der Waffen unfähig waren, sich bereitwilligst erboten, für die Krone zu kämpfen. Es dürfte schwerlich im ganzen Königreiche irgend eine Korporation zu finden sein, welche gerechteren Anspruch auf die Dankbarkeit des Hauses Stuart gehabt hätte.13
Die Gesellschaft bestand aus einem Präsidenten, vierzig Fellow’s, dreißig Studenten (Demies, Halbe genannt) und einer Anzahl von Kaplanen, Schreibern und Chorsängern. Zur Zeit der Generalvisitation unter Heinrich VIII. waren die Einkünfte viel bedeutender als die jeder andren ähnlichen Stiftung des Landes, fast um die Hälfte größer als die der reichen Stiftung Heinrich’s VI. in Cambridge und über noch einmal so groß als die, welche Wilhelm von Wykeham seinem Collegium in Oxford vermacht hatte. In den Tagen Jakob’s II. war der Reichthum des Magdalenen-Collegiums enorm und wurde durch das Gerücht noch übertrieben. Das Collegium wurde allgemein für reicher als die reichsten Abteien des Continents gehalten. Wenn die Pachtgelder alle eingingen, hieß es unter dem Volke, so beliefen sich die jährlichen Einkünfte auf die ungeheure Summe von vierzigtausend Pfund Sterling.14
Die Collegiaten waren durch die von dem Begründer festgesetzten Statuten ermächtigt, sich ihren Präsidenten unter Personen, welche Mitglieder ihrer Gesellschaft oder des Neuen Collegiums waren oder gewesen waren, selbst zu wählen. Dieses Recht war in der Regel mit völliger Freiheit ausgeübt worden. Nur in einzelnen Fällen waren königliche Zuschriften gekommen, welche dem Collegium befähigte Personen anempfahlen, die bei Hofe in Gunst standen, und es war in solchen Fällen Sitte gewesen, auf die Wünsche des Souverains gebührende Rücksicht zu nehmen.
Im März 1687 starb der Präsident des Collegiums. Einer der Fellows, Doctor Thomas Smith, vom Volke spottweise Rabbi Smith genannt, ein ausgezeichneter Reisender, Büchersammler, Alterthumsforscher und Orientalist, der Kaplan bei der Gesandtschaft in Konstantinopel gewesen und mit der Vergleichung der alexandrinischen Handschriften beauftragt worden war, bewarb sich um den erledigten Posten. Er meinte als Gelehrter und als eifriger Tory einigen Anspruch auf die Begünstigung von Seiten der Regierung zu haben. Seine Loyalität war auch in der That so glühend und so unwandelbar, wie man sie in der ganzer englischen Kirche nur finden konnte. Er war lange mit dem Bischof Parker von Oxford intim befreundet gewesen und hoffte durch die Verwendung dieses Prälaten ein königliches Empfehlungsschreiben an das Collegium zu erhalten. Parker versprach sein Möglichstes zu thun, berichtete aber bald, daß er auf Schwierigkeiten gestoßen sei. „Der König,“ sagte er, „mag Niemanden empfehlen, der nicht ein Freund seiner Religion ist. Was können Sie in dieser Beziehung thun, um ihn zufrieden zu stellen?“ Smith antwortete, daß, wenn er Präsident werden sollte, er sich bemühen würde, Gelehrsamkeit, wahres Christenthum und Loyalität zu fördern. „Das wird nicht genügen,“ sagte der Bischof. „Nun so mag Präsident werden wer da will,“ versetzte Smith mannhaft; „ich kann nicht mehr versprechen.“
Anton Farmer vom Könige als Präsident empfohlen. Die Wahl wurde auf den dreizehnten April festgesetzt und die Fellows aufgefordert, derselben beizuwohnen. Es ging die Rede, daß ein königliches Schreiben einlaufen werde, das einen gewissen Anton Farmer für die erledigte Stelle empfehle. Das Leben dieses Mannes war eine Reihenfolge ehrloser Handlungen. Er war Mitglied der Universität Cambridge gewesen und der Ausstoßung nur durch rechtzeitige freiwillige Entfernung entgangen. Dann hatte er sich den Dissenters angeschlossen und hierauf war er nach Oxford gegangen, um in das Magdalenen-Collegium einzutreten, wo er sich bald durch alle möglichen Laster auszeichnete. In der Regel taumelte er spät in der Nacht so betrunken, daß er nicht sprechen konnte, seinem Collegium zu. Es war allbekannt, daß er an der Spitze eines unehrenvollen Aufruhrs in Abingdon gestanden hatte, und er war ein regelmäßiger Gast bekannter Lieblingsorte von Wüstlingen gewesen. Endlich war er Kuppler geworden, hatte sogar die gewöhnliche Gemeinheit seines abscheulichen Gewerbes noch übertroffen und hatte von liederlichen jungen Leuten für Dienste, welche die Geschichte nicht gut erzählen kann, Geld genommen. Dieser erbärmliche Mensch war jetzt zum Papismus übergetreten. Sein Abfall sühnte alle seine Laster, und obgleich noch sehr jung, wurde er zum Vorsteher einer ernsten religiösen Gesellschaft empfohlen, in welcher das Ärgerniß, das er durch seine Lasterhaftigkeit gegeben, noch im frischen Andenken war.
Durch das allgemeine Landesgesetz war er als römischer Katholik von allen akademischen Ämtern ausgeschlossen, und da er niemals Fellow des Magdalenen-Collegiums noch des Neuen Collegiums gewesen, so hatte er der besonderen Verordnung Wilhelm’s von Waynflete gemäß gar kein Recht, sich um die erledigte Präsidentenstelle zu bewerben. Überdies hatte Waynflete den Mitgliedern seiner Stiftung noch ausdrücklich eingeschärft, daß sie bei der Wahl ihres Vorstehers namentlich auf seinen moralischen Character Rücksicht nehmen sollten, und hätte er auch keine derartige Weisung hinterlassen, so konnte eine meist aus Theologen bestehende Gesellschaft einem Mann wie Farmer schicklicherweise nicht die Leitung einer Bildungsanstalt übertragen.
Die Collegiaten stellten dem Könige ehrerbietigst vor, in welche Verlegenheit sie kommen würden, wenn das Gerücht, daß Farmer ihnen empfohlen werden sollte, sich als begründet erwies, und baten darum, daß Seine Majestät, wenn es ihm beliebe, sich in die Wahl einzumischen, ihnen einen Mann vorschlagen möchte, für den sie gesetzlicherweise und mit gutem Gewissen stimmen könnten. Von dieser ergebenen Bitte wurde keine Notiz genommen. Das königliche Schreiben lief ein. Der Überbringer desselben war ein Fellow des Collegiums, der unlängst Papist geworden war, Namens Robert Charnock, ein Mann von Talent und Geist, aber von heftigem und ruhelosem Temperament, das ihn einige Jahre später zu einem abscheulichen Verbrechen und zu einem entsetzlichen Schicksale trieb. Das Collegium versammelte sich am 13. April in der Kapelle. Man hatte noch immer einige Hoffnung, daß der König sich durch die an ihn gerichteten Vorstellungen werde bewegen lassen, und die Versammlung vertagte sich deshalb bis auf den 15. April, als den letzten Termin, an welchem die Wahl nach den Statuten des Collegiums stattfinden mußte.
Wahl des Präsidenten. Der 15. April erschien und die Collegiaten versammelten sich wieder in ihrer Kapelle. Von Whitehall war keine Antwort gekommen. Einige der älteren Mitglieder, darunter Smith, waren der Meinung, die Wahl lieber noch einmal zu verschieben, als einen Schritt zu thun, der den König möglicherweise beleidigen konnte. Aber die Sprache der Statuten war klar und die Mitglieder des Collegiums hatten sich eidlich verpflichtet, dieselben zu befolgen. Die Ansicht der Mehrheit war daher, daß kein weiterer Aufschub stattfinden dürfe. Es erfolgte eine heftige Debatte. Die Wähler waren zu aufgeregt, als daß sie hätten auf ihren Plätzen bleiben können; die ganze Kapelle war in Aufruhr. Diejenigen, welche für die Vornahme der Wahl stimmten, beriefen sich auf ihre Eide und auf die Verordnungen des Stifters, dessen Brot sie aßen. Sie behaupteten ganz richtig, der König habe nicht das Recht, ihnen selbst einen geeigneten Candidaten aufzudringen. In der Hitze des Streits fielen einige für toryistische Ohren anstößige Äußerungen und Smith ließ sich zu der Bemerkung verleiten, der Geist Ferguson’s habe sich seiner Collegen bemächtigt. Mit großer Stimmenmehrheit wurde endlich der Beschluß gefaßt, die Wahl unverzüglich vorzunehmen. Charnock verließ die Kapelle. Die übrigen Fellows gaben, nachdem sie vorher das Sakrament empfangen, ihre Stimmen ab. Die Wahl fiel auf Johann Hough, einen Mann von seltener Tugend und Besonnenheit, der, nachdem er Verfolgungen mit hohem Muthe und das Glück mit ernster Würde ertragen, zu hohen Ehren emporgestiegen und noch höhere bescheiden abgelehnt hatte, mehr als sechsundfünfzig Jahre nach diesem ereignißvollen Tage in hohem Alter, aber noch in voller Kraft des Geistes starb.
Die Gesellschaft beeilte sich, dem Könige die Umstände auseinanderzusetzen, welche es nothwendig gemacht hatten, ohne weiteren Verzug zur Wahl eines Präsidenten zu schreiten, und ersuchte den Herzog von Ormond als Kanzler der ganzen Universität, und den Bischof von Winchester als Visitator des Magdalenen-Collegiums, das Amt der Vermittelung zu übernehmen. Der König aber war viel zu aufgebracht und viel zu befangen, als daß er auf derartige Verstellungen hätte hören können.
Die Mitglieder des Magdalenen-Collegiums werden vor die Hohe Commission geladen. Anfangs Juni wurden die Collegiaten vor die Hohe Commission nach Whitehall beschieden. Fünf von ihnen kamen als Deputirte der Korporation der Aufforderung nach. Jeffreys behandelte sie nach seiner gewohnten Manier. Als einer von ihnen, ein ehrwürdiger Doctor, Namens Fairfax, einigen Zweifel an der Rechtsgültigkeit der Commission äußerte, begann er zu brüllen wie ein wildes Thier: „Wer ist der Mann? Wer giebt ihm das Recht, hier unverschämt zu sein? Ergreift ihn und steckt ihn in ein finstres Zimmer! Wie kann man ihn ohne Wächter lassen? Er steht als Wahnsinniger unter meiner Aufsicht. Es wundert mich, daß noch Niemand bei mir darauf angetragen hat, daß er in sicheres Gewahrsam gebracht werde.“ Als aber der Sturm ausgetobt hatte und die Aussagen über den sittlichen Charakter des vom Könige empfohlenen Kandidaten verlesen waren, hatte keiner der Commissare die Frechheit zu behaupten, daß ein solcher Mensch sich zum Präsidenten eines großen Collegiums eigne. Obadja Walker und die übrigen oxforder Papisten, die sich eingefunden hatten, um ihren Proselyten zu unterstützen, waren nicht wenig bestürzt. Die Commission erklärte Hough’s Wahl für ungültig und suspendirte Fairfax von seiner Collegiatur; von Farmer aber war keine Rede mehr und im August kam ein königliches Schreiben an, welches dem Collegium den Bischof von Oxford, Parker, empfahl.
Parker zum Präsidenten empfohlen. Parker war kein erklärter Papist. Es lag jedoch ein Umstand gegen ihn vor, der, selbst wenn die Präsidentur erledigt gewesen wäre, hätte entscheidend sein müssen: er hatte weder dem Neuen Collegium noch dem Magdalenen-Collegium jemals angehört. Aber die Präsidentur war gar nicht erledigt, denn Hough war rechtskräftig gewählt und sämmtliche Mitglieder des Collegiums waren eidlich verpflichtet, ihn in seinem Amte zu erhalten. Sie entschuldigten sich daher mit vielen Versicherungen ihrer Loyalität und ihres Bedauerns, daß sie dem Befehle des Königs nicht Folge leisten könnten.
Die Karthause. Während Oxford so der Tyrannei energisch entgegen trat, leistete man an einem andren Orte nicht weniger tapferen Widerstand. Jakob hatte vor einiger Zeit den Administratoren der Karthause, Männern von hohem Rang und Ansehen im Königreiche, den Befehl gegeben, einen römischen Katholiken, Namens Popham, in das unter ihrer Verwaltung stehende Hospital aufzunehmen. Der Vorsteher der Anstalt, Thomas Burnet, ein durch Genie, Gelehrsamkeit und Tugend ausgezeichneter Geistlicher, hatte, obgleich der wilde Jeffreys im Collegium saß, den Muth, sie darauf aufmerksam zu machen, daß jene Zumuthung dem Willen des Stifters sowohl als einer Parlamentsacte zuwiderlaufe. „Was thut dies zur Sache?“ fragte ein dem Vorstande angehörender Höfling. „Ich meine, es thut sehr viel zur Sache,“ antwortete eine von Alter und Sorgen geschwächte Stimme, die aber in keiner Versammlung ohne Achtung gehört wurde, die Stimme des ehrwürdigen Ormond. „Eine Parlamentsacte,“ fuhr der Patriarch der Kavalierpartei fort, „ist meiner Ansicht nach keine Kleinigkeit.“ Es wurde die Frage gestellt, ob Popham zugelassen werden solle, und der Beschluß lautete auf seine Zurückweisung. Da der Kanzler seinem Grolle nicht wohl durch Fluchen und Verwünschungen gegen Ormond Luft machen konnte, so lief er in voller Wuth fort und mehrere von der Minorität folgten ihm. In Folge dessen blieb keine beschlußfähige Anzahl übrig und es konnte daher auf den königlichen Befehl keine formelle Antwort gegeben werden.
Die nächste Sitzung fand nur zwei Tage, nachdem die Commission Hough’s Wahl für ungültig erklärt und Fairfax suspendirt hatte, statt. Die Administratoren erhielten einen zweiten Befehl mit dem großen Staatssiegel; aber das tyrannische Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium hatte ihren Muth noch erhöht, anstatt ihn zu schwächen. Sie setzten ein Schreiben an Sunderland auf, durch welches er ersucht wurde, dem Könige mitzutheilen, daß sie im vorliegenden Falle Seiner Majestät nicht gehorchen könnten, ohne das Gesetz und ihre Amtspflicht zu verletzen.
Es dürfte kaum zu bezweifeln sein, daß, wenn diese Zuschrift nur von unbedeutenden Männern unterzeichnet gewesen wäre, der König irgend einen Gewaltschritt gethan haben würde. Aber selbst er erschrak beim Anblick der großen Namen Ormond, Halifax, Danby und Nottingham, der Oberhäupter aller Farben der großen Partei, der er seine Krone verdankte. Er begnügte sich deshalb, Jeffreys zu bedeuten, daß er das weiter einzuschlagende Verfahren in Erwägung ziehen solle. Einmal hieß es, es werde ein Prozeß bei der Kings Bench anhängig gemacht werden, ein andermal, die Kirchliche Commission werde den Fall in die Hand nehmen, aber diese Drohungen verstummten nach und nach wieder.15
Rundreise des Königs. Der Sommer war jetzt weit vorgerückt und der König trat eine Reise an, die längste und glänzendste, die man seit vielen Jahren gesehen hatte. Am 16. August begab er sich von Windsor nach Portsmouth, besichtigte die Festungswerke, berührte einige mit Kröpfen Behaftete und fuhr dann in einer seiner Yachten nach Southampton. Von hier reiste er nach Bath, wo er sich einige Tage aufhielt und die Königin zurückließ. Als er wieder abreiste, begleiteten ihn der Obersheriff von Somersetshire und eine große Anzahl Gentlemen bis an die Grenze der Grafschaft, wo ihn der Obersheriff von Gloucestershire mit einem nicht minder glänzenden Gefolge erwartete. Der Herzog von Beaufort kam bald darauf den königlichen Equipagen entgegen und geleitete dieselben nach Badminton, wo ein des Rufes, den sich der Herzog durch seinen glänzenden Haushalt erworben hatte, würdiges Mahl für ihn angerichtet war. Am Nachmittag ging der Zug weiter nach Gloucester. Zwei Meilen vor der Stadt wurde er vom Bischofe und der Geistlichkeit bewillkommnet. Am Südthore erwartete ihn der Mayor mit den Schlüsseln. Die Glocken gingen und aus allen Röhrtrögen floß Wein, während der König durch die Straßen nach dem Platze zog, der die ehrwürdige Kathedrale umgiebt. Er übernachtete in der Dechanei und brach am folgenden Morgen nach Worcester auf. Von Worcester ging er nach Ludlow, Shrewsbury und Chester, und wurde überall mit äußeren Zeichen der Freude und Ehrerbietung empfangen, die er schwach genug war, als Beweise zu betrachten, daß die durch seine Maßregeln hervorgerufene Unzufriedenheit gedämpft sei und ihm ein leichter Sieg bevorstehe. Der scharfblickendere Barillon benachrichtigte Ludwig, daß der König in einer Täuschung befangen sei, daß die Reise keinen wirklichen Nutzen gebracht habe und daß die nämlichen Gentlemen von Worcestershire und Shropshire, die es für ihre Pflicht gehalten, ihren Souverain und Gast mit allen Ehrenbezeigungen zu empfangen, sich so widerspenstig als je zeigen würden, wenn die Testangelegenheit zur Sprache käme.16
Unterwegs schlossen sich dem königlichen Zuge zwei Höflinge an, die in Character und Meinungen weit von einander verschieden waren. Penn war auf einer geistlichen Hirtenreise in Chester. Seine Popularität und sein Ansehen waren unter seinen Glaubensbrüdern tief gesunken, seitdem er ein Werkzeug des Königs und der Jesuiten geworden war.17 Jakob aber nahm ihn sehr freundlich auf und er durfte am Sonntage im Ballhause einen Vortrag halten, während Cartwright in der Kathedrale predigte und der König an einem in der Grafschaftshalle errichteten Altare die Messe hörte. Man sagt sogar, Seine Majestät habe geruht, einen Augenblick in das Ballhaus einzutreten und der melodischen Beredtsamkeit seines Freundes mit Anstand zuzuhören.18
Der wüthende Tyrconnel war von Dublin über den Kanal gekommen, um von seiner Verwaltung Bericht zu erstatten. Alle achtungswertheren englischen Katholiken behandelten ihn als einen Feind ihres Stammes und als eine Schande ihrer Religion mit Kälte. Sein Gebieter aber hieß ihn herzlich willkommen und entließ ihn mit Versicherungen seines ungeschwächten Vertrauens und seiner steten Unterstützung. Jakob vernahm mit großer Freude, daß bald die ganze Verwaltung Irlands in römisch-katholischen Händen sein werde. Die englischen Ansiedler waren schon ihrer ganzen politischen Macht beraubt, es blieb nur noch übrig, sie auch ihres Eigenthums zu berauben, und diese letzte Gewaltthat wurde so lange aufgeschoben, bis man sich die Mitwirkung eines irischen Parlaments gesichert haben würde.19
Von Cheshire wendete sich der König nach dem Süden und in der festen Überzeugung, daß die Fellows des Magdalenen-Collegiums es trotz ihres widerspenstigen Geistes nicht wagen würden, einem ihnen mündlich gegebenen Befehle den Gehorsam zu verweigern, reiste er nach Oxford. Auf dem Wege dahin machte er einige kleine Abstecher nach Orten, die ihn als König, als Bruder und als Sohn besonders interessirten. Er besuchte das gastliche Dach von Boscobel und die Überreste der Eiche, die in der Geschichte seines Hauses eine so wichtige Rolle spielt. Er fuhr über das Schlachtfeld von Edgehill, wo die Kavaliere zuerst mit den Soldaten des Parlaments die Schwerter kreuzten. Am 3. September speiste er mit großem Gepränge im Palast von Woodstock, einem alten berühmten Schlosse, von dem kein Stein mehr vorhanden ist, dessen Lage aber noch heute auf der Wiese des Blenheimparks durch zwei unweit der stattlichen Brücke stehende Platanen bezeichnet wird.
Der König in Oxford. Am Abend erreichte er Oxford, wo er mit den gewohnten Ehrenbezeigungen empfangen wurde. Die Studenten hatten sich in ihrer akademischen Tracht vom Stadtthore bis an den Haupteingang des Christchurch-Collegiums in einer Doppelreihe aufgestellt. Er stieg in der Dechanei ab, wo er unter anderen Bequemlichkeiten eine zum Meßdienst eingerichtete Kapelle vorfand.20
Er giebt den Collegiaten des Magdalenenstifts einen Verweis. Den Tag nach seiner Ankunft erhielten die Fellows des Magdalenen-Collegiums Befehl, ihm ihre Aufwartung zu machen. Als sie vor ihm erschienen, behandelte er sie mit einem Übermuth, wie ihn die puritanischen Visitatoren gegen ihre Vorgänger nie bewiesen hatten. „Sie haben Sich nicht wie Gentlemen gegen mich benommen,“ rief er aus; „Sie haben Sich eben so unschicklich als ungehorsam gezeigt.“ Sie fielen auf die Knie und überreichten ihm eine Petition. Er wollte sie nicht ansehen. „Ist das die Loyalität Ihrer englischen Kirche? Ich hätte nicht gedacht, daß so viele Geistliche der Kirche Englands sich bei einer solchen Sache betheiligen könnten. Gehen Sie nach Hause, gehen Sie. Ich bin König und ich verlange Gehorsam. Gehen Sie augenblicklich in Ihre Kapelle und nehmen Sie den Bischof von Oxford auf. Und wehe Denen, die sich weigern, sie sollen das ganze Gewicht meiner Hand fühlen, sie sollen erfahren, was es heißt, sich die Ungnade seines Souverains zuziehen!“ Die noch immer vor ihm knieenden Collegiaten reichten ihm wiederholt ihre Petition dar. Er warf sie zornig zu Boden. „Gehen Sie, sage ich, ich nehme nichts von Ihnen an, bis Sie den Bischof aufgenommen haben!“
Sie gingen und versammelten sich augenblicklich in ihrer Kapelle. Es wurde die Frage gestellt, ob sie sich dem Befehle Seiner Majestät fügen sollten. Smith war abwesend, nur Charnock antwortete mit Ja. Alle übrigen Collegiaten erklärten, daß sie in allen gesetzlichen Dingen dem Könige bereitwilligst gehorchen, ihre Statuten und ihre Eide aber nicht verletzen würden.
Voll Zorn und Ärger über seine Niederlage verließ der König Oxford und kehrte nach Bath zur Königin zurück. Seine Hartnäckigkeit und Willkür hatte ihn in eine sehr schwierige Lage versetzt. Er hatte zu fest auf die Wirkung seiner finstren Miene und seiner gebieterischen Rede gerechnet und unbesonnenerweise nicht nur das Ansehen seiner Regierung, sondern auch seine persönliche Würde aufs Spiel gesetzt. Konnte er Unterthanen nachgeben, denen er mit erhobener Stimme und zornigen Geberden gedroht hatte? Konnte er es auf der andren Seite wagen, an einem Tage eine Anzahl achtungswerther Geistlicher aus ihrer Heimath zu vertreiben, weil sie eine in den Augen der ganzen Nation heilige Pflicht gethan hatten? Vielleicht gab es noch einen Ausweg aus dieser Verlegenheit, vielleicht konnte das Collegium doch noch durch Drohungen, durch Zureden oder durch Bestechung zur Unterwerfung gebracht werden.
Penn sucht zu vermitteln. Man bediente sich Penn’s als Vermittler. Er hatte zuviel Rechtsgefühl, als daß er das gewaltsame und ungerechte Verfahren der Regierung hätte billigen können und er wagte es sogar, einem Theile seiner Gedanken Worte zu geben. Jakob beharrte wie gewöhnlich auf seinem Vorsatze, und der höfische Quäker that daher sein Möglichstes, um das Collegium vom Pfade des Rechts abzuziehen. Zuerst versuchte er es mit Einschüchterungen. Er sagte, der Gesellschaft drohe der Untergang, denn der König sei im höchsten Grade aufgebracht. Es sei allerdings ein schwerer Schritt für sie, das sahen die meisten Leute ein; aber jedes Kind wisse auch, daß Seine Majestät seinen Willen gern durchsetze und daß er Widerspruch nicht vertragen könne. Penn ermahnte daher die Collegiaten, nicht auf die Gerechtigkeit ihrer Sache zu pochen, sondern sich zu fügen oder wenigstens zu temporisiren. Ein solcher Rath klang sonderbar aus dem Munde eines Mannes, der selbst von der Universität vertrieben worden war, weil er wegen des Chorhemds einen Tumult hervorgerufen, der sich lieber der Gefahr der Enterbung ausgesetzt hatte, als daß er sich entschloß, vor einem königlichen Prinzen den Hut abzunehmen und der wegen seiner in Conventikeln gehaltenen Reden mehr als einmal in’s Gefängniß geschickt worden war. Es gelang ihm jedoch nicht, die Magdalenen-Collegiaten zu schrecken. In Antwort auf seine drohenden Winke wurde er daran erinnert, daß unter der vorigen Generation vierunddreißig von den vierzig Collegiaten lieber mit Freuden ihre geliebten Kreuzgänge und Gärten, ihre Halle und ihre Kapelle verlassen hätten und fortgegangen seien, ohne zu wissen wo sie ein Mahl oder ein Nachtlager finden würden, als daß sie ihren Unterthaneneid gebrochen hätten. Jetzt verlange der König die Verletzung eines andren Eides von ihnen, aber er solle erfahren, daß der alte Geist noch nicht erstorben sei.
Penn zog nun gelindere Saiten auf. Er hatte eine Besprechung mit Hough und einigen Collegiaten und begann endlich nach vielen Versicherungen von Theilnahme und Freundschaft die Möglichkeit eines Vergleichs in Aussicht zu stellen. Der König vertrage nun einmal keinen Widerspruch, sagte er, das Collegium müsse nachgeben und Parker annehmen. Aber seine Gesundheit sei schwankend und alle seine Ämter würden voraussichtlich bald erledigt sein. „Doctor Hough,“ setzte er hinzu, „kann dann Bischof von Oxford werden. Wie würde Ihnen das gefallen, meine Herren?“ Penn hatte während seines ganzen Lebens gegen eine Miethlingsgeistlichkeit gepredigt. Er hielt sich für verpflichtet, die Entrichtung von Zehnten zu verweigern, und dies selbst als er mit Zehnten belastete Ländereien gekauft hatte und ihm der Betrag der Zehnten von der Kaufsumme nachgelassen worden war. Nach seinen eigenen Grundsätzen würde er eine große Sünde begangen haben, wenn er sich dabei betheiligt hätte, dem frömmsten Geistlichen selbst unter den ehrenvollsten Bedingungen eine Pfründe zu verschaffen. Aber sein Character war durch schlechte Gesellschaft so verdorben und sein Verstand durch übermäßigen Eifer für einen einseitigen Zweck so verdunkelt, daß er keinen Anstand nahm, bei einer Simonie von ganz besonders unehrenhafter Art den Unterhändler abzugeben und ein Bisthum als Köder zu benutzen, um einen Geistlichen zum Eidbruche zu verführen. Hough erwiederte mit höflicher Geringschätzung, daß er von der Krone nichts weiter verlange als einfache Gerechtigkeit. „Wir sind an unsere Statuten und unsere Eide gebunden,“ sagte er; „aber auch ganz abgesehen von unseren Statuten und unseren Eiden fühlen wir uns verpflichtet, unsren Glauben zu vertheidigen. Die Papisten haben uns schon das University-Collegium und das Christchurch-Collegium geraubt, jetzt greifen sie auch das Magdalenen-Collegium an. Sie werden bald Alles haben.“
Penn war so unbesonnen, hierauf zu antworten, daß er ernstlich glaube, die Papisten würden nun zufrieden sein. „Das University-Collegium,“ sagte er, „ist ein schönes Collegium, Christchurch ein vortrefflicher Platz und Magdalenen ein herrliches Gebäude. Die Lage ist angenehm, die Gartenanlagen am Flusse reizend. Wenn die Katholiken vernünftig sind, werden sie sich damit begnügen.“ Diese alberne Erklärung würde allein schon Hough und seine Collegen in die Unmöglichkeit versetzt haben, nachzugeben. Die Unterhandlung wurde abgebrochen, und der König beeilte sich, seiner Drohung gemäß die Ungehorsamen fühlen zu lassen, was es hieß, sich seine Ungnade zuziehen.
Eine kirchliche Specialcommission wird nach Oxford gesandt. Cartwright, Bischof von Chester, Wright, Oberrichter der Kings Bench, und Sir Thomas Jenner, ein Baron des Schatzkammergerichts, erhielten eine Specialvollmacht zur Visitation des Collegiums. Am 20. October kamen sie in Oxford an, begleitet von drei Schwadronen Kavalerie mit gezogenen Säbeln. Am folgenden Morgen nahmen die Commissare im Hörsaale des Magdalenen-Collegiums ihre Sitze ein und Cartwright hielt eine loyale Rede, welche noch vor wenigen Jahren von den Oxfordern mit lautem Beifall aufgenommen worden wäre, die aber jetzt mit stummem Unwillen angehört wurde. Es erfolgte hierauf eine lange Debatte. Der Präsident vertheidigte seine Rechte mit Geschick, Mäßigung und Entschiedenheit. Er versicherte seine hohe Achtung vor der königlichen Autorität, behauptete aber fest, daß er nach den Gesetzen Englands ein Eigenthumsrecht an das Haus und an die mit der Präsidentur verbundenen Einkünfte habe. Dieses Rechts könne ihn ein Machtspruch des Landesherrn nicht berauben. „Wollen Sie sich unsrer Visitation unterwerfen?“ fragte der Bischof. „Ich unterwerfe mich derselben,“ antwortete Hough mit weiser Vorsicht, „in so weit sie mit dem Gesetz im Einklange steht, weiter nicht.“ — „Wollen Sie den Schlüssel zu Ihrer Wohnung ausliefern?“ fragte Cartwright. Hough schwieg. Die Frage wurde wiederholt, und Hough antwortete nun mild aber entschieden, daß er dies nicht thun werde. Die Commissare nannten ihn einen unberufenen Eindringling und forderten die Collegiaten auf, seine Autorität nicht mehr anzuerkennen und für die Aufnahme des Bischofs von Oxford zu stimmen. Charnock versprach bereitwilligst Gehorsam, Smith gab eine ausweichende Antwort, die Hauptmasse der Collegiaten aber erklärte auf das Bestimmteste, daß sie Hough noch immer als ihren rechtmäßigen Präsidenten betrachteten.
Hough’s Protest. Jetzt bat Hough um die Erlaubniß, selbst noch einige Worte an die Commissare richten zu dürfen. Sie bewilligten ihm dies sehr artig, vielleicht weil sie nach seinem ruhigen und gelassenen Benehmen erwarteten, daß er ein Zugeständniß machen werde. „Mylords,“ sprach er, „Sie haben mich heute meines freien Eigenthums beraubt; ich protestire hiermit gegen Ihr ganzes Verfahren als gesetzwidrig, ungerecht und nichtig und appellire an unsren erlauchten Gebieter, den König, in seinen Gerichtshöfen.“ Ein lautes beifälliges Gemurmel erhob sich unter den Studirenden, welche den Saal füllten. Die Commissare waren wüthend. Man suchte die Verbrecher, welche applaudirt hatten, herauszufinden, aber vergebens. Der ganze Zorn der Commission richtete sich nun gegen Hough. „Glauben Sie nicht, daß Sie uns trotzen können,“ rief Jenner mit einem Wortspiel auf den Namen des Präsidenten.21 „Ich werde die Autorität Seiner Majestät aufrecht erhalten, so lange ich Athem in meiner Brust habe,“ setzte Wright hinzu. „Das Alles kommt von Ihrem nach Popularität haschenden Protest. Sie haben den Landfrieden gebrochen und sollen sich dafür vor der Kings Bench verantworten. Ich verpflichte Sie bei Strafe von tausend Pfund, beim nächsten Termine zu erscheinen. Wir wollen sehen, ob die Civilgewalt Sie nicht bändigen wird. Reicht sie nicht aus, so sollen Sie auch die militairische haben.“ Oxford befand sich in der That in einer Stimmung, welche die Commissare nicht wenig beunruhigte. Die Soldaten erhielten Befehl, ihre Carabiner zu laden, und man sagte, es sei ein expresser Bote nach London geschickt worden, um schleunige Nachsendung von Verstärkungen zu verlangen. Es fand jedoch keine Ruhestörung statt.
Einsetzung Parker’s. Der Bischof von Oxford wurde mittelst Vollmacht ruhig eingesetzt, aber nur zwei Mitglieder des Magdalenen-Collegiums wohnten der Feierlichkeit bei. Mancherlei Anzeichen bewiesen, daß der Geist des Widerstandes sich auch des Volks bemächtigt hatte. Der Thürsteher des Collegiums warf seinen Schlüssel weg. Der Kellermeister weigerte sich, den Namen Hough’s aus dem Wirthschaftsbuche zu streichen. In der ganzen Stadt war kein Schlosser aufzutreiben, der die Thür der Präsidentenwohnung aufsprengen wollte. Die eigenen Diener der Commissare mußten die Thür mit eisernen Stangen erbrechen. Die Predigten, welche am nächstfolgenden Sonntage in der Universitätskirche gehalten wurden, waren voll von Bemerkungen, welche Cartwright tief kränkten; aber sie waren so gehalten, daß er nichts dagegen thun konnte.
Wäre Jakob nicht ganz verblendet gewesen, so würde er hier innegehalten haben. Die Collegiaten waren im Ganzen genommen nicht geneigt, den Widerstand noch weiter zu treiben. Sie waren der Meinung, daß sie ihre Achtung vor ihren Statuten und Eiden hinreichend bewiesen hätten, indem sie ihre Mitwirkung bei der Einsetzung eines Unberufenen verweigerten, und daß sie sich ihm jetzt, da er im factischen Besitze des Amtes war, als ihrem Oberhaupte unterwerfen könnten, ohne einen Vorwurf auf sich zu laden, bis er durch den Ausspruch eines competenten Gerichts entfernt wurde. Nur ein Collegiat, Doctor Fairfax, weigerte sich, auch nur soweit nachzugeben. Die Commissare würden zu einer solchen Verständigung gern die Hand geboten haben und einige Stunden lang herrschte eine Waffenruhe, von der Viele glaubten, daß sie zu einem gütlichen Vergleich führen werde. Aber bald war Alles wieder in Aufregung. Die Collegiaten sahen, daß die öffentliche Meinung sie offen der Kleinmüthigkeit beschuldigte; in der Stadt sprach man schon ironisch von einem Magdalenengewissen und sagte, der tapfere Hough und der brave Fairfax seien verrathen und verlassen worden. Noch ärgerlicher waren die Spötteleien Obadja Walker’s und seiner Renegatensippschaft. Das also, sagten diese Apostaten, sei das Ende von all den hochtrabenden Worten, in denen die Gesellschaft ihren Entschluß erklärt habe, treu zu ihrem rechtmäßigen Präsidenten und zu ihrem protestantischen Glauben zu stehen! Während die Collegiaten, tief gekränkt durch den öffentlichen Tadel, ihre bedingte Unterwerfung bereueten, erfuhren sie, daß diese den König noch keineswegs zufriedengestellt habe. Es sei nicht genug, sagte er, daß sie sich erboten hätten, dem Bischof von Oxford als factischem Präsidenten zu gehorchen; sie müßten auch die Commission und Alles was dieselbe gethan habe, als gesetzlich anerkennen. Sie müßten eingestehen, daß sie pflichtvergessen gehandelt hätten, müßten ihr Benehmen bereuen und versprechen, daß sie sich in Zukunft besser betragen wollten, müßten Seine Majestät um Verzeihung bitten und ihm zu Füßen fallen. Nur zwei Collegiaten, Charnock und Smith, über welche der König nicht zu klagen hatte, wurden von der Verpflichtung, diese erniedrigenden Entschuldigungen zu machen, ausgenommen.
Nie that Jakob einen thörichteren Fehlgriff. Die Collegiaten, schon mit sich selbst unzufrieden, weil sie so weit nachgegeben hatten, und durch den Tadel des Publikums gereizt, ergriffen eifrig die ihnen jetzt gebotene Gelegenheit, die öffentliche Achtung wieder zu gewinnen. Sie erklärten einstimmig, sie würden niemals deshalb, daß sie in ihrem Rechte gewesen seien, um Verzeihung bitten, und eben so wenig anerkennen, daß die Visitation ihres Collegiums und die Beraubung ihres Präsidenten gesetzlich gewesen sei.
Vertreibung der Collegiaten. Jetzt ließ sie der König das angedrohte ganze Gewicht seiner Hand fühlen. Durch ein summarisches Edict wurden sie zur Vertreibung verurtheilt. Diese Strafe wurde indessen noch nicht für genügend erachtet. Man wußte, daß viele Edelleute und Gentlemen, welche ein kirchliches Patronatrecht hatten, sich bemühen würden, für Männer zu sorgen, welche für die Gesetze Englands und für den protestantischen Glauben so viel gelitten. Deshalb erklärte die Hohe Commission die Vertriebenen für unfähig, irgend ein geistliches Amt wieder zu bekleiden, und Diejenigen, welche noch nicht ordinirt waren, wurden für unfähig erklärt, die geistliche Ordination zu empfangen. So hatte Jakob die Genugthuung, Viele von ihnen aus einer Lage, in der sie alle möglichen Annehmlichkeiten des Lebens genossen und die schönsten Aussichten auf zukünftige Anstellungen hatten, in hoffnungslose Dürftigkeit zurückgeworfen zu haben.
Aber all’ diese Strenge hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung als er erwartete. Der Geist der Engländer, dieser trotzige Geist, den kein König aus dem Hause Stuart jemals durch Erfahrung erkennen lernte, empörte sich heftig gegen die Ungerechtigkeit. Oxford, der friedliche Sitz der Gelehrsamkeit und Loyalität, war in einem Zustande, ähnlich dem, in welchem sich London am Morgen nach dem Versuche Karl’s I., die fünf Parlamentsmitglieder festnehmen zu lassen, befunden hatte. Der Vicekanzler war am Tage der Vertreibung von den Commissaren zu Tische eingeladen worden. Er lehnte die Einladung ab. „Mein Geschmack,“ sagte er, „ist verschieden von dem des Obersten Kirke; ich kann unter dem Galgen nicht mit Appetit essen.“ Die Studenten weigerten sich, den neuen Vorsteher des Magdalenen-Collegiums zu grüßen. Smith erhielt den Spottnamen Dr. Schuft und wurde in einem Kaffeehause öffentlich insultirt. Als Charnock die Demies aufforderte, in seiner Gegenwart ihre akademischen Übungen vorzunehmen, antworteten sie ihm, daß sie ihrer rechtmäßigen Vorsteher beraubt seien und sich keiner widerrechtlichen Autorität unterwerfen würden. Sie versammelten sich zum Studiren wie zum Gottesdienst auf eigne Hand. Man versuchte es, sie durch das Anerbieten der einträglichen Collegiaturen, welche eben für erledigt erklärt worden waren, zu verführen, aber ein Untergraduirter nach dem andren antwortete mit männlichem Freimuth, daß sein Gewissen ihm nicht gestatte, aus einem Unrecht für sich Nutzen zu ziehen. Ein Student, der sich zur Annahme einer Collegiatur überreden ließ, wurde von seinen Comiletonen aus dem Saale gestoßen. Es wurden junge Leute aus anderen Collegien eingeladen, aber mit geringem Erfolg; die reichste Stiftung des Landes schien selbst für arme Studenten alle Anziehungskraft verloren zu haben. Inzwischen wurde in London und im ganzen Lande Geld zur Unterstützung der vertriebenen Collegiaten gesammelt. Die Prinzessin von Oranien zeichnete zur großen Freude aller Protestanten zweihundert Pfund. Der König, beharrte nichtsdestoweniger bei dem eingeschlagenen Verfahren. Auf die Vertreibung der Collegiaten folgte bald die Ausstoßung einer Menge Demies. Währenddem nahmen die körperlichen und geistigen Kräfte des neuen Präsidenten mehr und mehr ab. Er hatte zu der Zeit, als sein Kollegium sich in offener Empörung gegen seine Autorität befand, noch einen schwachen Versuch gemacht, der Regierung einen Dienst zu leisten, indem er eine Vertheidigung der Indulgenzerklärung oder vielmehr der Lehre von der Transsubstantiation erscheinen ließ. Diese Schrift rief viele Entgegnungen hervor, namentlich eine von Burnet, die mit außerordentlicher Kraft und Schärfe geschrieben war. Wenige Wochen nach der Vertreibung der Demies starb Parker in dem Hause, von dem er gewaltsam Besitz ergriffen hatte. Man sagte damals, Reue und Scham hätten sein Ende beschleunigt. Er ruht in der schönen Vorkapelle des Collegiums, aber kein Denkstein bezeichnet sein Grab.
Das Magdalenen-Collegium in ein papistisches Seminar verwandelt. Der ganze Plan des Königs wurde nun vollends ausgeführt: das Collegium wurde zu einem papistischen Seminar umgestaltet. Bonaventura Giffard, der katholische Bischof von Madura, ward Präsident. In der Kapelle wurde katholischer Gottesdienst gehalten und an einem Tage zwölf Katholiken als Collegiaten aufgenommen. Einige servile Protestanten bewarben sich um die Aufnahme, wurden aber abschläglich beschieden. Smith, der loyal bis zur Begeisterung, aber noch immer ein aufrichtiges Mitglied der anglikanischen Kirche war, konnte das veränderte Aussehen des Hauses nicht ertragen. Er entfernte sich, kam der Aufforderung zur Rückkehr in seine Wohnung nicht nach, und wurde daher abgesetzt. So war das Beraubungswerk vollendet.22
Das Universitätssystem Englands ist von der Art, daß jedes Ereigniß, das die Interessen oder die Ehre irgend einer Universität berührt, im ganzen Lande nothwendig einen starken Eindruck machen muß. Jeder neue Schlag gegen das Magdalenen-Collegium wurde daher bis an die äußersten Endpunkte des Königreichs gefühlt. In den londoner Kaffeehäusern, in den juristischen Hochschulen, unter den Geistlichen aller Domkapitel, in Pfarrwohnungen und Landschlössern selbst der entferntesten Grafschaften war das Mitleid mit den Duldern und der Unwille gegen die Regierung beständig im Zunehmen. Hough’s Protest fand überall Beifall, das Aufsprengen seiner Thür wurde überall mit Abscheu erzählt und das über die Collegiaten verhängte Beraubungs- und Vertreibungsurtheil zerriß endlich die einst so engen und theuren Bande, welche die anglikanische Kirche mit dem Hause Stuart verknüpften.
Groll der Geistlichkeit. Bitterer Groll und schlimme Befürchtungen traten an die Stelle der Liebe und des Vertrauens. Es gab keinen Pfründner, keinen Rector und keinen Vikar, der nicht von der Angst gequält worden wäre, daß er, so friedlich sein Character und so unbedeutend seine Stelle sein mochte, vielleicht in wenigen Monaten durch einen willkürlichen Machtspruch aus seinem Hause vertrieben werden könne, um im zerrissenen Priesterrocke mit Frau und Kindern zu betteln, während sein durch uralte Gesetze und durch das königliche Wort gesichertes Eigenthum von einem Apostaten in Besitz genommen wurde. Das war also der Lohn für die heldenmüthige Loyalität, die sich in allen Wechselfällen fünfzig stürmischer Jahre nicht ein einziges Mal verleugnet hatte! Deshalb also hatte die Geistlichkeit für Karl I. Plünderung und Verfolgung ertragen, deshalb hatte sie Karl II. in seinem harten Kampfe mit der whiggistischen Opposition unterstützt, deshalb hatte sie in der vordersten Reihe gegen Diejenigen gestanden, welche Jakob seines Geburtsrechtes berauben wollten! Ihrer Treue allein verdankte ihr Unterdrücker die Macht, die er jetzt zu ihrem Verderben anwendete. Lange genug hatten sie mit bitterem Schmerze die Leiden aufgezählt, die sie von den Puritanern in den Tagen ihrer Macht hatten erdulden müssen. Der Puritaner war indessen einigermaßen zu entschuldigen. Er war ein erklärter Feind, er hatte sich für erlittenes Unrecht zu rächen und selbst er war nicht ganz ohne Mitleid gewesen, als er die Kirchenverfassung des Landes umgestaltete und Alle, die seinen Covenant nicht unterschreiben wollten, absetzte. Er hatte denen, die er ihrer Pfründen beraubte, wenigstens so viel davon gelassen, als sie zu ihrem Lebensunterhalte nothwendig brauchten. Aber des Königs Haß gegen die Kirche, die ihn vor der Verbannung bewahrt und auf den Thron erhoben hatte, war nicht so leicht zu sättigen. Nur der völlige Ruin seiner Opfer konnte ihn zufrieden stellen. Nicht genug, daß sie aus ihren Wohnungen vertrieben und ihres Einkommens beraubt wurden, auch jede andre Laufbahn, auf der Männer ihrer Art ihren Unterhalt suchen konnten, war ihnen mit raffinirter Böswilligkeit verschlossen und es blieb ihnen nichts Andres übrig, als die unsichere und beschämende Hülfsquelle der öffentlichen Mildthätigkeit.
Die anglikanische Geistlichkeit und diejenigen Laien, welche dem protestantischen Episcopat mit Liebe zugethan waren, betrachteten daher jetzt den König mit Gefühlen, wie sie eine durch Undank noch verschlimmerte Ungerechtigkeit nothwendig, erregen muß. Indessen hatte der Anglikaner noch immer viele Bedenken des Gewissens und der Ehre zu überwinden, ehe er sich zum gewaltsamen Widerstande gegen die Regierung entschließen konnte. Man hatte ihn gelehrt, daß das göttliche Gesetz passiven Gehorsam ohne Bedingung oder Ausnahme vorschreibe. Diese Ansicht hatte er laut und offen ausgesprochen und die Insinuation, daß extreme Fälle eintreten könnten, welche dem Volke das Recht gäben, gegen königliche Tyrannei das Schwert zu ziehen, mit Verachtung zurückgewiesen. Sowohl Grundsatz als Scham hielten ihn demnach ab, das Beispiel der rebellischen Rundköpfe nachzuahmen, so lange noch einige Hoffnung auf friedliche und gesetzmäßige Befreiung vorhanden war, und eine solche Hoffnung konnte man vernünftigerweise wohl hegen, so lange die Prinzessin von Oranien die nächste Thronerbin war. Wenn er diese Glaubensprüfung geduldig überstand, so würden die Gesetze der Natur bald das für ihn thun, was er ohne Sünde und Schande nicht selbst für sich thun konnte. Die Bedrückungen der Kirche wurden dann abgestellt, ihr Eigenthum und ihre Würde durch neue Bürgschaften gesichert und die schändlichen Minister, die sie in Zeiten der Bedrängniß gekränkt und verhöhnt hatten, wurden exemplarisch bestraft.
Pläne der jesuitischen Cabale in Bezug auf die Thronfolge. An das Ereigniß, von dem die anglikanische Kirche eine ehrenvolle und friedliche Erlösung von ihren Leiden erwartete, konnten auch die sorglosesten Mitglieder der jesuitischen Cabale nicht ohne quälende Besorgnisse denken. Wenn ihr Gebieter starb, ohne ihnen eine größere Sicherheit gegen die Strafgesetze zu hinterlassen als eine Indulgenzerklärung, welche die ganze Nation einstimmig für null und nichtig erklärt hatte, wenn ein von dem nämlichen Geiste, welcher in den Parlamenten Karl’s II. vorgeherrscht, beseeltes Parlament sich um den Thron eines protestantischen Landesoberhauptes versammelte, war dann nicht vorauszusehen, daß eine furchtbare Vergeltung ausgeübt, daß die alten Gesetze gegen den Papismus mit schonungsloser Strenge gehandhabt und daß noch härtere neue Gesetze dem Gesetzbuche einverleibt werden würden? Von diesen schlimmen Befürchtungen wurden die bösen Rathgeber der Krone schon seit langer Zeit gequält, und einige von ihnen hatten sonderbare und verzweifelte Schutzmittel ersonnen. Jakob hatte den Thron kaum bestiegen, so begann man sich in Whitehall schon zuzuflüstern, daß, wenn die Prinzessin Anna katholisch werden wollte, es mit Hülfe Ludwig’s vielleicht nicht unmöglich sein würde, das Geburtsrecht ihrer älteren Schwester auf sie zu übertragen. Bei der französischen Gesandtschaft fand diese Idee großen Beifall und Bonrepaux war der Meinung, daß Jakob’s Einwilligung nicht schwer zu erlangen sein werde.23 Bald jedoch zeigte es sich deutlich, daß Anna der Landeskirche unerschütterlich treu war. Der Gedanke, sie zur Königin zu machen, wurde daher wieder aufgegeben. Dessenungeachtet nährte ein kleines Häuflein Fanatiker noch immer die kühne Hoffnung, daß es ihnen gelingen könne, die Thronfolgeordnung zu ändern. Der Plan dieser Männer wurde in einem Entwurfe dargelegt, von dem noch eine schlechte französische Übersetzung vorhanden ist. Es sei zu hoffen, sagten sie, daß der König im Stande sein werde, den wahren Glauben zu befestigen, ohne zu extremen Mitteln zu greifen; im schlimmsten Fall aber könne er die Verfügung über seine Krone Ludwig anheimstellen. Es sei für die Engländer immer noch besser, wenn sie Vasallen Frankreichs wären, als Sklaven des Teufels.24 Dieses höchst merkwürdige Actenstück ging unter den Jesuiten und Höflingen von Hand zu Hand, bis endlich einige ausgezeichnete Katholiken, in denen die Bigotterie noch nicht allen Patriotismus erstickt hatte, dem holländischen Gesandten eine Abschrift anfertigten. Dieser zeigte den Aufsatz dem Könige, und Jakob erklärte denselben für eine erbärmliche Fälschung, die von einem holländischen Pamphletschmierer ersonnen sein müsse. Der holländische Gesandte antwortete mit Entschiedenheit, daß er durch das Zeugniß mehrerer ausgezeichneter Mitglieder der eigenen Kirche Seiner Majestät das Gegentheil beweisen könne, ja daß es sogar nicht schwer sein werde, den Verfasser ausfindig zu machen, welcher im Grunde nur das niedergeschrieben habe, wovon viele Priester und geschäftige Politiker täglich in den Gallerien des Palastes sprächen. Der König hielt es nicht für rathsam, nach dem Verfasser zu forschen, nahm den Vorwurf der Fälschung zurück und versicherte mit großer Heftigkeit und Feierlichkeit, daß es ihm nie in den Sinn gekommen sei, seine älteste Tochter zu enterben. „Niemand,“ sagte er, „hat es je gewagt, eine solche Idee gegen mich zu äußern, und ich würde auch nie darauf hören. Gott befiehlt uns nicht, die wahre Religion durch Ungerechtigkeit zu verbreiten, und dies würde die empörendste, widernatürlichste Ungerechtigkeit sein“.25 Trotz aller dieser Betheuerungen meldete Barillon wenige Tage später seinem Hofe, daß Jakob angefangen habe, auf Einflüsterungen in Betreff einer Änderung der Thronfolgeordnung zu hören, daß die Sache zwar sehr kitzlich sei, daß man aber gegründete Hoffnung habe, mit der Zeit und durch vorsichtiges Verfahren einen Weg zu finden, um die Krone mit Ausschließung der beiden Prinzessinnen auf ein römisch-katholisches Haupt zu bringen.26 Dieser Plan wurde noch viele Monate von den heftigsten und überspanntesten Papisten am Hofe besprochen, und es wurden wirklich Candidaten für den Königsthron genannt.27
Jakob’s und Tyrconnel’s Plan, die Prinzessin von Oranien von der Erbfolge im Königreich Irland auszuschließen. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß Jakob jemals einen so unsinnigen Schritt zu thun beabsichtigte. Er mußte wissen, daß England nicht einen einzigen Tag das Joch eines Usurpators ertragen hätte, der noch obendrein Papist war, und daß sowohl Diejenigen, welche die Ausschließungsbill unterstützt, als auch Die, welche sich ihr widersetzt hatten, jeden Versuch, die Prinzessin Marie bei Seite zu schieben, auf Leben und Tod bekämpft haben würden. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß der König bei einem minder unsinnigen, aber eben so unverantwortlichen Anschlage auf die Rechte seiner Kinder die Hand im Spiele hatte. Tyrconnel hatte im Einverständniß mit seinem Gebieter Anstalten getroffen, um Irland von dem Königreiche zu trennen und es unter Ludwig’s Protection zu stellen, sobald die Krone einem protestantischen Oberhaupte zufallen würde. Bonrepaux war zu Rathe gezogen worden, hatte seinem Hofe den Plan mitgetheilt und die Weisung erhalten, Tyrconnel zu versichern, daß Frankreich zur Ausführung dieser großartigen Idee kräftigen Beistand leisten werde.28 Diese Unterhandlungen, welche im Haag vielleicht nicht in ihrem ganzen Umfange genau bekannt waren, aber doch stark vermuthet wurden, dürfen nicht außer Acht gelassen werden, wenn man sich ein richtiges Urtheil über das Verfahren bilden will, das die Prinzessin von Oranien wenige Monate später einschlug. Wer sie einer Verletzung der Kindespflicht beschuldigt, muß zugeben, daß ihr Fehler durch das ihr zugefügte Unrecht wenigstens sehr gemildert wird. Wenn sie im Interesse ihres Glaubens die heiligsten Bande der Blutsverwandtschaft zerriß, so folgte sie nur dem Beispiele ihres Vaters. Sie lieh erst dann die Hand zu seiner Absetzung, als er einen Anschlag zu ihrer Enterbung geschmiedet hatte.
Schwangerschaft der Königin. Bonrepaux war kaum davon benachrichtigt, daß Ludwig beschlossen habe, Tyrconnel’s Vorhaben zu unterstützen, so wurde jeder Gedanke an diesen Plan wieder aufgegeben. Jakob erblickte den ersten Schimmer einer Hoffnung, die ihn mit Stolz und Entzücken erfüllte: die Königin war schwanger.
Allgemeiner Zweifel. Gegen Ende October 1687 begann sich die große Neuigkeit gerüchtweise zu verbreiten. Man hatte bemerkt, daß Ihre Majestät sich unter dem Vorwande der Unpäßlichkeit von mehreren öffentlichen Feierlichkeiten fern gehalten. Es hieß, daß ihr eine Menge Reliquien, denen man eine außerordentliche Wirkung zuschrieb, umgehängt worden seien. Die Geschichte fand bald ihren Weg aus dem Palaste in die Kaffeehäuser und verbreitete sich rasch durch das ganze Land. Nur sehr Wenige begrüßten das Gerücht mit Freuden, der bei weitem größte Theil der Nation vernahm es mit einem Gemisch von Zweifel und Besorgniß. Die Sache war jedoch keineswegs so unglaublich. Der König hatte eben erst sein vierundfünfzigstes Jahr vollendet und die Königin stand im Sommer ihres Lebens. Sie hatte vier Kinder geboren, welche jung starben, und lange nachher wurde sie von einem fünften entbunden, das Niemand ein Interesse hatte als untergeschoben zu betrachten und das daher auch nie für ein solches erklärt wurde. Da indessen seit dieser letzten Schwangerschaft fünf Jahre verstrichen waren, so hatte das Volk unter dem Einflusse der Täuschung, welche die Menschen so leicht verleitet, das zu glauben was sie wünschen, jede Besorgniß, daß sie noch einen Thronerben zur Welt bringen werde, aufgegeben. Auf der andren Seite schien nichts natürlicher und wahrscheinlicher, als daß die Jesuiten einen frommen Betrug ersonnen haben könnten. Es unterlag keinem Zweifel, daß sie die Thronbesteigung der Prinzessin von Oranien als einen der härtesten Schläge betrachten mußten, der ihre Kirche treffen konnte. Eben so gewiß war es, daß sie nicht sehr gewissenhaft in der Wahl der Mittel sein würden, mit deren Hülfe sie ein so großes Unglück von ihrer Kirche abwenden konnten. In Werken von ausgezeichneten Mitgliedern ihrer Gesellschaft, welche von ihren Oberen sanctionirt waren, war es deutlich ausgesprochen, daß selbst Mittel, welche allen Begriffen von Gerechtigkeit und Humanität noch viel ärger Hohn sprachen, als die Einschmuggelung eines unächten Erben in eine Familie, mit Fug und Recht zu minder wichtigen Zwecken angewendet werden dürften, als die Bekehrung eines ketzerischen Königreichs war. Es war ruchbar geworden, daß einige Räthe des Königs und sogar der König selbst Pläne geschmiedet hätten, um die Prinzessin Marie ganz oder theilweis um ihr rechtmäßiges Erbe zu betrügen. Es bemächtigte sich der öffentlichen Meinung ein Verdacht, der zwar nicht wohl begründet, aber keineswegs so abgeschmackt war, als man gewöhnlich glaubt, und die Unbesonnenheit einiger Katholiken bestärkte das allgemeine Vorurtheil. Sie sprachen von dem glücklichen Ereignisse wie von etwas Außerordentlichem und Wunderbaren, wie von einem Zeichen derselben göttlichen Allmacht, welche Sara durch Isaak stolz und glücklich machte und die Gebete Hanna’s mit Samuel belohnte. Marien’s Mütter, die Herzogin von Modena, war unlängst gestorben. Kurz vor ihrem Tode sollte sie mit inbrünstigen Gebeten und reichen Opfergaben die heilige Jungfrau von Loretto angefleht haben, daß sie Jakob einen Sohn schenken möge. Der König selbst hatte im vergangenen August auf seiner Reise einen Abstecher nach der sogenannten heiligen Quelle gemacht und dort die heilige Winifreda gebeten, daß sie ihm das Geschenk verschaffen möge, ohne welches seine großen Pläne zur Verbreitung des wahren Glaubens nur unvollkommen ausgeführt werden könnten. Die unbesonnenen Zeloten, die auf solche Geschichten ein großes Gewicht legten, prophezeiten mit Zuversicht, daß das ungeborne Kind ein Knabe sein werde und boten darauf eine Wette von zwanzig Guineen gegen eine an. Sie meinten, der Himmel werde sich nicht in’s Mittel gelegt haben, wenn er nicht einen großen Zweck dabei hätte. Ein Fanatiker verkündete sogar, die Königin werde Zwillinge gebären, von denen der ältere König von England, der jüngere Papst werden würde. Marie konnte das Vergnügen, mit dem sie diese Prophezeiungen anhörte, nicht verbergen, und ihre Hofdamen sahen, daß sie sich nicht besser bei ihr insinuiren könnten, als wenn sie davon sprachen. Die Katholiken würden klüger gethan haben, wenn sie von der Schwangerschaft als von einem ganz natürlichen Ereignisse gesprochen und ihr unverhofftes Glück mit mehr Mäßigung getragen hätten. Ihr übermüthiger Triumph erregte nur den Unwillen des Volks und ihre Prophezeiungen bestärkten es in seinem Verdacht. Von dem Prinzen und der Prinzessin von Dänemark herab bis zu den Lastträgern und Waschweibern erwähnte Niemand die verheißene Geburt ohne ein höhnisches Lächeln. Die londoner Spottvögel beschrieben das neue Wunder in Reimen, die, wie man leicht denken kann, nicht eben die zartesten waren. Die ungeschliffenen Landsquires brachen in ein schallendes Gelächter aus, wenn sie mit Jemandem zusammentrafen, der so einfältig war zu glauben, daß die Königin wirklich noch einmal Mutter werden würde. Es erschien eine königliche Verordnung, welche der Geistlichkeit befahl, ein von Crewe und Sprat für dieses freudige Ereigniß besonders verfaßtes Bitt- und Dankgebet zu verlesen. Die Geistlichen gehorchten, aber man bemerkte, daß die Gemeinden nicht respondirten und kein Zeichen von Ehrerbietung äußerten. Bald circulirte in allen Kaffeehäusern ein rohes Spottgedicht auf die höfischen Prälaten, deren Feder sich der König bedient hatte. Mutter East (Ost) war darin ebenfalls reichlich mit Schmähungen bedacht. Zu diesem einheimischen einsilbigen Wörtchen hatten unsere Vorfahren den Namen des großen Hauses Este, welches in Modena regierte, verstümmelt.29
Die neue Hoffnung, welche den Muth des Königs so sehr hob, war indessen mit mancherlei Besorgnissen vermischt. Es bedurfte noch etwas mehr als die Geburt eines Prinzen von Wales zum Gelingen der von der Jesuitenpartei entworfenen Pläne. Es war nicht anzunehmen, daß Jakob so lange lebte, bis sein Sohn das zur Ausübung der königlichen Functionen erforderliche Alter erreicht hatte. Das Gesetz hatte den Fall eines minderjährigen Thronerben nicht vorgesehen, und der regierende Landesherr war nicht berechtigt, für diesen Fall eine testamentarische Verfügung zu treffen. Die gesetzgebende Versammlung allein konnte die Lücke ausfüllen. Starb Jakob, bevor Letzteres geschehen war, und hinterließ er einen Nachfolger von zarter Jugend, so mußte die höchste Gewalt unfehlbar protestantischen Händen zufallen. Selbst diejenigen Tories, welche am festesten an dem Grundsatze hingen, daß nichts sie zum Widerstande gegen ihren Lehnsherrn berechtigen könne, würden gewiß kein Bedenken getragen haben, das Schwert gegen ein papistisches Weib zu ziehen, die es gewagt hätte, sich die Vormundschaft über das Reich und über den jugendlichen Souverain anzumaßen. Der Ausgang eines Kampfes konnte kaum zweifelhaft sein. Der Prinz von Oranien oder seine Gemahlin wurde Regent und der junge König kam in die Hände ketzerischer Lehrer, deren Kunstgriffe die Eindrücke, welche sein Gemüth in der Kinderstube empfangen hatte, jedenfalls bald verwischten. Er konnte ein zweiter Eduard VI. werden und der durch die Fürsprache der Mutter Gottes und der heiligen Winifreda erlangte Segen konnte sich in Fluch verwandeln.30 Gegen eine solche Gefahr konnte nur eine Parlamentsacte schützen, und eine solche Acte war nicht leicht zu erlangen.
Stimmung der Wahlkörper und der Peers. Es schien Alles anzudeuten, daß, wenn die Häuser einberufen werden sollten, sie von dem Geiste von 1640 beseelt nach Westminster kommen würden. Das Resultat der Grafschaftswahlen konnte kaum zweifelhaft sein. Die ganze Masse der Grundeigenthümer, hohe und niedere, geistlichen und weltlichen Standes, waren gegen die Regierung heftig aufgebracht. In der großen Mehrzahl derjenigen Städte, wo das Stimmrecht von der Entrichtung örtlicher Steuern oder von dem Besitze eines Grundstücks abhängig war, hätte sich kein höfisch gesinnter Kandidat blicken lassen dürfen. Ein sehr großer Theil des Unterhauses wurde von Mitgliedern von Municipalcorporationen gewählt. Diese Corporationen waren unlängst reorganisirt worden, um den Einfluß der Whigs und der Dissenters zu zerstören, mehr als hundert Wahlkörper waren durch der Krone ergebene Gerichtshöfe ihrer Freibriefe beraubt oder doch veranlaßt worden, einer gewaltsamen Entziehung ihrer Privilegien durch freiwilliges Aufgeben derselben zuvorzukommen. Jeder Mayor, jeder Alderman, jeder Stadtschreiber von Berwick bis Helstone war Tory und Anglikaner; aber Tories und Anglikaner waren jetzt dem Souverain nicht mehr ergeben. Die neuen Municipalbehörden waren noch unlenksamer als die früheren je gewesen waren, und sie wählten ohne allen Zweifel solche Abgeordnete, deren erster parlamentarischer Act eine Anklage gegen alle papistischen Geheimräthe und gegen alle Mitglieder der Hohen Commission war.
Bei den Lords waren die Aussichten fast eben so trübe als bei den Gemeinen. Es unterlag keinem Zweifel, daß die große Mehrzahl der weltlichen Peers gegen die Maßregeln des Königs sein würden, und auf der Bischofsbank, welche ihn vor sieben Jahren einstimmig gegen Diejenigen unterstützt hatte, die ihn seines Geburtsrechtes berauben wollten, konnte er nur auf den Beistand von vier oder fünf servilen Schmeichlern rechnen, die von ihren Berufsgenossen wie von der ganzen Nation verachtet wurden.31
Jedem, den die Leidenschaft nicht gänzlich verblendete, mußten diese Hindernisse unübersteiglich erscheinen. Die gewissenlosesten Sklaven der Gewalt ließen Zeichen von Besorgniß laut werden. Dryden äußerte, der König werde durch seinen Versuch, die Sache besser zu machen, sie nur verschlimmern, und er sehnte sich zurück nach den goldenen Tagen des sorglosen und gutmüthigen Karl.32 Selbst Jeffreys wurde schwankend. So lange er arm war, war er stets bereit gewesen, um des Gewinns willen dem bösen Leumunde und dem öffentlichen Hasse zu trotzen; aber er hatte sich jetzt durch Bestechlichkeit und Erpressungen große Reichthümer erworben, und es lag ihm mehr daran, sich den Besitz derselben zu sichern, als sie noch zu vermehren. Seine Lauheit zog ihm einen strengen Verweis aus königlichem Munde zu. Aus Furcht, das große Siegel zu verlieren, versprach er Alles was von ihm verlangt wurde; Barillon aber bemerkte in seinem hierauf bezüglichen Berichte an Ludwig, daß der König von England sich selbst auf Diejenigen, die etwas zu verlieren hätten, nicht mehr verlassen könne.33
Jakob beschließt, ein bestochenes Parlament zusammenzusetzen. Trotz alledem beschloß Jakob, seinen Weg beharrlich zu verfolgen. Die Zustimmung eines freien und gesetzlichen Parlaments zu erlangen, war offenbar unmöglich; aber nicht ganz unmöglich war es, durch Bestechung, Einschüchterung, gewaltthätige Anwendung der Prärogative und betrügerische Rechtsverdrehungen eine Versammlung zu Stande zu bringen, die sich ein Parlament nennen konnte und bereit war, jeden Befehl des Souverains als Gesetz zu registriren. Es mußten Wahlbeamte ernannt werden, die den geringsten Vorwand benutzten, um Freunde des Königs für rechtsgültig gewählt zu erklären. Jedem Angestellten, von den höchsten bis zu den niedrigsten, mußte zu verstehen gegeben werden, daß, wenn er sein Amt behalten wolle, er diesmal den Thron durch seine Stimme und seinen Einfluß unterstützen müsse. Zu gleicher Zeit mußte die Hohe Commission ein scharfes Auge auf die Geistlichkeit haben. Die Wahlorte, welche erst kürzlich reorganisirt worden waren, um dem einen Zwecke zu dienen, konnten noch einmal umgestaltet werden, um einem andren zu dienen. Auf diese Weise hoffte der König im Hause der Gemeinen eine Majorität zu erlangen. Das Oberhaus war dann ganz in seiner Gewalt, denn er hatte das unbestrittene gesetzliche Recht, Peers nach seinem Gutdünken zu ernennen, und er war fest entschlossen, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Er wünschte zwar nicht, was auch kein Souverain wünschen kann, die höchste Ehrenbezeigung, welche die Krone zu verleihen vermag, werthlos zu machen; aber er schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß es ihm durch Einberufung einiger nächster Erben in die Versammlung, in der sie doch früher oder später einmal ihren Sitz einnehmen mußten, und durch Verleihung englischer Adelstitel an schottische und irische Lords gelingen werde, sich eine Majorität zu sichern; ohne so viele Leute in den Adelsstand erheben zu müssen, daß dadurch die Adelskrone und der Hermelin an Ansehen verloren. Indessen hatte er sich vorgenommen, im Nothfall auch zu den äußersten Mitteln zu greifen. Als in einer zahlreichen Gesellschaft einmal die Meinung ausgesprochen wurde, daß sich die Peers unfügsam zeigen würden, sagte Sunderland zu Churchill: „Wie einfältig! Ihre Garde wird vor dem Hause der Lords stehen.“34
Nachdem Jakob beschlossen hatte, ein corrumpirtes Parlament zusammenzubringen, ging er energisch und planmäßig an die Ausführung. Es erschien in der Gazette eine Proklamation, welche ankündigte, daß der König sich entschlossen habe, die Bestallungen der Friedensrichter und der Grafschaftsstatthalter einer Revision zu unterwerfen und daß nur diejenigen Gentlemen im Staatsdienste bleiben sollten, welche geneigt waren, seine Politik zu unterstützen35. Ein Ausschuß von sieben Geheimräthen saß in Whitehall, um, wie man sich ausdrückte, die Municipalkörperschaften zu reguliren. In diesem Ausschusse vertrat Jeffreys allein das protestantische, Powis das gemäßigte katholische Interesse. Alle anderen Mitglieder gehörten der jesuitischen Faction an. Unter ihnen befand sich auch Petre, der in den Geheimen Rath vereidigt worden war. Seine Ernennung war bis zum factischen Antritt dieser Function vor Jedermann, mit alleiniger Ausnahme Sunderland’s, sorgfältig geheim gehalten worden. Der öffentliche Unwille über diese abermalige Verletzung des Gesetzes äußerte sich laut, und man bemerkte, daß die Katholiken sie noch rücksichtsloser tadelten als die Protestanten. Der eitle und ehrgeizige Jesuit war jetzt beauftragt, die Hälfte der Wahlkörper des Reichs aufzulösen und neu zu organisiren.
Die Regulatoren. Unter der Oberleitung des Ausschusses der Geheimräthe stand ein aus thätigen Agenten untergeordneten Ranges gebildeter Unterausschuß, der die Einzelheiten des Geschäfts zu besorgen hatte, und im ganzen Lande waren örtliche Ausschüsse von Regulatoren errichtet, welche mit dem Centralcomité in Westminster correspondirten.36
Die Personen, auf deren Unterstützung Jakob bei diesem neuen und schwierigen Unternehmen hauptsächlich rechnete, waren die Lordlieutenants. Sie erhielten sämmtlich den schriftlichen Befehl, sich unverweilt in ihre respectiven Grafschaften zu begeben. Dort sollten sie alle ihre Stellvertreter und Friedensrichter vor sich laden und ihnen eine Reihe Fragen vorlegen, um zu erfahren, wie sie sich bei einer allgemeinen Wahl verhalten würden. Die Antworten sollten sie niederschreiben und der Regierung einsenden. Ferner sollten sie ein Verzeichniß derjenigen Katholiken und protestantischen Dissenters anfertigen, welche für die Richterbank und für die Commandos in der Miliz am geeignetsten erschienen. Auch sollten sie die Stimmung aller Wahlorte der Grafschaft untersuchen und Berichte darüber einsenden, welche den Regulatoren bei ihrer Arbeit als Leitfaden dienen konnten. Schließlich war ihnen bedeutet, daß sie alle diese Pflichten in Person zu vollziehen hätten und keine Stellvertreter mit der Ausführung beauftragen dürften.37
Entlassung vieler Lordlieutenants. Der erste Eindruck, den diese Befehle machten, würde einen weniger verblendeten Fürsten als Jakob sofort zur Besinnung gebracht haben. Die Hälfte der Lordlieutenants von England verweigerten auf das Bestimmteste den gehässigen Dienst, den man von ihnen verlangte. Sie wurden auf der Stelle entlassen. Alle, welche diese ihnen zum Ruhme gereichende Ungnade traf, waren hochangesehene Peers, welche bisher als feste Stützen der Monarchie gegolten hatten. Einige Namen der Liste verdienen besondere Erwähnung.
Der Earl von Oxford. Der vornehmste Unterthan von England und, wie die Engländer gern sagten, von ganz Europa, war Aubray de Vere, der zwanzigste und letzte der alten Earls von Oxford. Sein Adelstitel schrieb sich durch eine ununterbrochene Reihenfolge männlicher Ahnen aus einer Zeit her, wo die Familien Howard und Seymour noch unbekannt waren, wo die Nevilles und die Percy erst eine provinzielle Berühmtheit hatten und wo selbst der große Name Plantagenet in England noch nicht gehört worden war. Ein Oberhaupt des Hauses de Vere hatte bei Hastings ein hohes Commando bekleidet, ein Andrer war mit Gottfried und Tancred über Haufen erschlagener Moslems nach dem Grabe Jesu Christi gezogen. Der erste Earl von Oxford war Minister Heinrich Beauclerc’s gewesen; der dritte hatte sich unter den Lords ausgezeichnet, welche von Johann die Magna Charta erpreßten; der siebente hatte bei Cressy und Poitiers tapfer gefochten; der dreizehnte war unter vielen Glückswechseln das Oberhaupt der Partei der Rothen Rose gewesen und hatte in der entscheidenden Schlacht von Bosworth die Vorhut angeführt; der siebzehnte hatte am Hofe der Königin Elisabeth geglänzt und sich einen ehrenvollen Platz unter den älteren Meistern der englischen Dichtkunst erworben; der neunzehnte war im Kampfe für den protestantischen Glauben und für die Freiheit Europa’s unter den Mauern von Mastricht gefallen. Sein Sohn Aubray, mit welchem der älteste und erlauchteste Adelsstamm, den England je gesehen, erlosch, ein Mann von lockeren Sitten, aber von harmlosem Charakter und artigen Manieren, war Lordlieutenant von Essex und Oberst der Blauen. Er war von Natur nicht widersetzlich und es lag in seinem Interesse, einen Bruch mit dem Hofe zu vermeiden, denn seine Güter waren mit Schulden belastet und sein Commando ein sehr einträgliches. Er wurde in das königliche Kabinet beschieden und eine bündige Erklärung über seine Gesinnungen von ihm verlangt. „Sire,“ antwortete Oxford, „ich werde bis zum letzten Blutstropfen gegen alle Feinde zu Eurer Majestät stehen; aber dies ist eine Gewissenssache, in der ich Ihnen nicht willfahren kann.“ Er wurde augenblicklich seiner Statthalterschaft und seines Commando’s entsetzt.38
Der Earl von Shrewsbury. Dem Hause de Vere, aber auch nur diesem, stand an Alter und Glanz das Haus Talbot nach. Seit der Regierung Eduard’s III. hatten die Talbot stets unter den Peers des Reichs gesessen. Das Earlthum Shrewsbury war im funfzehnten Jahrhundert Johann Talbot, dem Gegner der Jungfrau von Orleans, verliehen worden. Seine Landsleute hatten seiner noch lange in Liebe und Verehrung als eines der berühmtesten Krieger gedacht, welche auf dem europäischen Festlande ein großes englisches Reich zu gründen versuchten. Der unerschütterliche Muth, den er im Unglück gezeigt, hatten ihn zum Gegenstande einer größeren Theilnahme gemacht als glücklichere Feldherren sie erweckt haben, und sein Tod lieferte unsrer älteren Bühne den Stoff zu einer ungemein ergreifenden Scene. Seine Nachkommen waren zwei Jahrhunderte lang ein blühendes und ehrenvolles Geschlecht. Zur Zeit der Restauration war Franz, der elfte Earl, ein Katholik, das Oberhaupt der Familie. Sein Tod war von Umständen begleitet gewesen, die selbst in jenen zügellosen Zeiten, welche unmittelbar auf den Sturz der puritanischen Partei folgten, Abscheu und Mitleid erweckt hatten. Der Herzog von Buckingham war im Laufe seiner leichtfertigen Liebeshändel einen Augenblick von der Gräfin von Shrewsbury angezogen worden. Sie wurde leicht erobert. Ihr Gemahl forderte den Verführer zum Zweikampfe und fiel. Einige sagten, das pflichtvergessene Weib habe den Zweikampf in männlicher Verkleidung mit angesehen. Andere wollten sogar wissen, sie habe den siegreichen Geliebten ans Herz gedrückt, während sein Hemd noch vom Blute ihres Gatten geröthet war. Die Titel des Ermordeten gingen auf seinen unmündigen Sohn Karl über. Als der verwaiste Jüngling zum Manne heranwuchs, ward es allgemein anerkannt, daß kein andrer junger Adeliger Englands von der Natur so reich begabt sei. Er besaß ein einnehmendes Äußere, einen ungemein sanften Character und einen solchen Schatz von Talenten, daß er, selbst wenn er in einem niederen Stande geboren gewesen wäre, sich ohne Zweifel zu einer hohen Stellung im Staate emporgeschwungen haben würde. Alle diese natürlichen Vorzüge hatte er so gut angewendet, daß er schon vor seiner Volljährigkeit für einen der feinsten und kenntnißreichsten Gentlemen seiner Zeit galt. Für seine Gelehrsamkeit sprechen die noch vorhandenen eigenhändigen Anmerkungen von ihm zu Werken aus fast allen Zweigen der Literatur. Er sprach Französisch wie ein Kammerherr des Königs Ludwig und Italienisch wie ein Florentiner. Es war wohl natürlich, daß ein Jüngling von solchen Gaben nach den Gründen forschte, aus denen seine Familie sich der Staatsreligion nicht angeschlossen hatte. Er studirte sorgfältig die Streitpunkte, theilte seine Zweifel Priestern seines eignen Glaubens mit, legte deren Antworten Tillotson vor, erwog lange und aufmerksam die beiderseitigen Gründe und erklärte sich nach einer zweijährigen genauen Untersuchung zum Protestanten. Die anglikanische Kirche nahm den erlauchten Convertiten freudig in ihren Schooß auf. Er genoß einer großen Popularität, und diese nahm zu, als man erfuhr, daß der König umsonst Bitten und Versprechungen an ihn verschwendet hatte, um ihn zu dem Irrglauben zurückzuführen, den er abgeschworen. Der Character des jungen Mannes entwickelte sich jedoch nicht in einer Weise, welche Diejenigen, die an seiner Bekehrung den hauptsächlichsten Antheil hatten, vollkommen befriedigte. Seine Sittlichkeit entging der allgemeinen Ansteckung der modischen Ausschweifungen nicht. Der Stoß, der seine Jugendvorurtheile zerstört, hatte zu gleicher Zeit alle seine Überzeugungen erschüttert und ihn der schwankenden Leitung seiner Gefühle preisgegeben. Aber wenn auch seine Grundsätze ihren Halt verloren hatten, so waren doch die Triebfedern seines Handelns so edel, sein Gemüth so sanft, sein Benehmen so freundlich und gewinnend, daß es unmöglich war, ihn nicht zu lieben. Er wurde schon frühzeitig der König der Herzen genannt und verlor in seinem langen, ereignißvollen und bewegten Leben nie das Recht auf diese Bezeichnung.39