Geschichte von England (continued 4)
Wilhelm Beseler translation
Shrewsbury war Lordlieutenant von Staffordshire und Oberst eines der Kavallerieregimenter, die in Folge des Aufstandes im Westen errichtet worden waren. Er weigerte sich jetzt, seine Thätigkeit durch die Regulatoren bestimmen zu lassen und wurde deshalb seiner beiden Stellen entsetzt.
Der Earl von Dorset. Kein englischer Adeliger erfreute sich der Volksgunst in einem reicheren Maße als Karl Sackville, Earl von Dorset. Er war in der That ein merkwürdiger Mann. In seiner Jugend war er einer der bekanntesten Wüstlinge der zügellosen Zeit gewesen, welche auf die Restauration folgte. Er war der Schrecken der londoner Nachtwächter, hatte manche Nacht auf der Wache zubringen müssen und zum mindesten einmal eine Zelle in Newgate bewohnt. Seine Liebe zu Betty Morrice und zu Lorchen Gwynn, die ihn ihren Karl I. zu nennen pflegte, hatte der Stadt nicht wenig Stoff zur Unterhaltung und zum Ärgerniß gegeben.40 Doch bei all’ seinen Thorheiten und Lastern hatte er sich durch hochherzigen Muth, durch scharfen Verstand und durch natürliche Herzensgüte ausgezeichnet. Die Leute meinten, die Ausschweifungen, denen er sich hingäbe, theile er mit dem ganzen Geschlechte der lebenslustigen jungen Kavaliere, aber sein Mitgefühl für die Leiden der Menschheit und die Großmuth, mit der er diejenigen, welche durch seine muthwilligen Streiche verletzt wurden, zu entschädigen suchte, sei nur ihm allein eigen. Seine Freunde wunderten sich darüber, daß das Publikum zwischen ihm und ihnen einen Unterschied machte. „Der kann thun was er will,“ sagte Wilmot; „ihm geschieht nie etwas.“ Das Urtheil der Welt über Dorset gestaltete sich noch günstiger, als er mit den Jahren und in der Ehe gesetzter wurde. Jedermann pries seine herablassenden Manieren, seine geistreiche Unterhaltung, sein weiches Gemüth und seine Freigebigkeit. Man sagte es vergehe kein Tag, ohne daß eine bedrängte Familie Ursache habe, seinen Namen zu segnen. Und doch war bei aller seiner Herzensgüte sein Witz so beißend, daß Spötter, deren Sarkasmus die ganze Stadt fürchtete, vor dem Sarkasmus Dorset’s zitterten. Alle politischen Parteien achteten und liebten ihn; ihm selbst aber behagte die Politik überhaupt nicht sonderlich. Hätte ihn die Nothwendigkeit zu Anstrengungen gespornt, so würde er wahrscheinlich zu den höchsten Posten im Staate gestiegen sein; aber er nahm schon durch seine Geburt einen so hohen Rang ein und war dabei so reich, daß ihm viele Beweggründe fehlten, welche die Menschen antreiben, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten zu befassen. Er nahm gerade nur so viel Theil an parlamentarischen und diplomatischen Geschäften, als hinreichte, um zu beweisen, daß ihm nichts weiter fehlte als die Lust dazu, um mit Danby und Sunderland zu rivalisiren, und richtete seine Thätigkeit auf Bestrebungen, die ihm besser zusagten. Gleich vielen anderen Männern, welche mit großen natürlichen Fähigkeiten eine angeborne und gewohnheitsmäßige Indolenz verbinden, wurde er ein geistiger Genußmensch und ein Meister in allen unterhaltenden Zweigen des Wissens, die man sich ohne ernstes Studium aneignen kann. Er war anerkanntermaßen der beste Richter in der Malerei, der Sculptur, der Baukunst und der Schauspielerkunst, den der Hof aufzuweisen hatte. In Angelegenheiten der schönen Künste und Wissenschaften galt sein Urtheil in allen Kaffeehäusern für unwiderruflich maßgebend. Mehr als ein hübsches Theaterstück, das bei der ersten Aufführung durchfiel, wurde lediglich durch seine Autorität gegen das Geschrei des ganzen Parterres siegreich vertheidigt und bestand mit glücklichem Erfolge die zweite Probe. St. Evremond und Lafontaine rühmten die feine Eleganz seines französischen Styls. Noch nie hatte England einen solchen Gönner der Literatur gehabt. Er übte seine Freigebigkeit mit eben so richtiger Einsicht als liberaler Unparteilichkeit, keine Secte oder Faction wurde dabei von ihm bevorzugt. Geniale Männer, welche durch literarische Eifersucht oder durch Verschiedenheit ihrer politischen Meinung einander entfremdet waren, stimmten in der Anerkennung seiner unparteiischen Güte überein. Dryden gestand, daß Dorset’s fürstliche Freigebigkeit ihn vom Untergange gerettet habe. Und dennoch wurden Montague und Prior, welche Dryden durch beißende Satiren getadelt hatten, von Dorset ins öffentliche Leben eingeführt, und das beste Lustspiel von Dryden’s Todfeind, Shadwell, war auf Dorset’s Landsitze geschrieben. Hätte der freigebige Earl sonst gewollt, so hätte er sehr gut mit Denen rivalisiren können, deren Wohlthäter er zu sein sich begnügte, denn die Verse, die er gelegentlich dichtete, zeigen bei aller unkünstlerischen Form Spuren eines angebornen Genies, das bei sorgfältiger Pflege Großes hätte schaffen können. In dem kleinen Bande seiner Werke finden sich Lieder, welche die ungezwungene Lebendigkeit Suckling’s besitzen, und kleine Satiren, deren glänzender Humor dem eines Butler nicht nachsteht.41
Dorset war Lordlieutenant von Sussex und auf Sussex blickten die Regulatoren mit besonders ängstlicher Spannung, denn in keiner andren Grafschaft, Cornwall und Wiltshire ausgenommen, befanden sich so viele kleine Wahlorte. Er erhielt Befehl, sich auf seinen Posten zu begeben. Keiner von Denen, die ihn kannten, erwartete, daß er gehorchen werde. Er gab eine Antwort, wie sie sich für ihn ziemte, und wurde bedeutet, daß man seiner Dienste nicht mehr bedürfe. Das allgemeine Interesse, das er seinen vielen edlen und liebenswürdigen Eigenschaften verdankte, wurde nicht wenig erhöht, als man erfuhr, daß er durch die Post einen anonymen Brief erhalten hatte, worin ihm angekündigt wurde, daß, wenn er sich nicht sofort den Wünschen des Königs füge, ihn all’ sein Geist und seine Popularität nicht vor der Ermordung schützen werde. Eine ähnliche Warnung erhielt auch Shrewsbury. Drohbriefe waren damals viel seltener als sie es späterhin geworden sind, und man kann sich daher nicht darüber wundern, daß das ohnehin schon aufgeregte Volk zu dem Glauben geneigt war, die besten und edelsten Engländer seien wirklich für papistische Dolche ausersehen.42 Gerade zu der Zeit, als diese Briefe in ganz London das Tagesgespräch bildeten, wurde der verstümmelte Leichnam eines angesehenen Puritaners auf der Straße gefunden. Es zeigte sich indessen bald, daß der Mörder die That nicht aus religiösen oder politischen Beweggründen verübt hatte. Aber der erste Verdacht des gemeinen Volkes fiel auf die Papisten. Die verstümmelten Überreste des Ermordeten wurden in feierlicher Prozession nach dem Jesuitencollegium im Savoy getragen und einige Stunden lang war die Furcht und Wuth der Menge kaum weniger heftig als an dem Tage, wo Godfrey zu Grabe getragen ward.43
Mit den übrigen Entlassungen muß ich mich kürzer fassen. Der Herzog von Somerset, dem vor einigen Monaten schon sein Regiment wieder abgenommen worden war, wurde nun auch seiner Stelle als Lordlieutenant des Ostbezirks44 von Yorkshire enthoben. Die Statthalterschaft des Nordbezirks verlor der Viscount Fauconberg, die von Shropshire der Viscount Newark und die von Lancashire der Earl von Derby, der Enkel des tapferen Kavaliers, der auf dem Schlachtfelde sowohl als auf dem Schaffot für das Haus Stuart dem Tode so muthig ins Auge geblickt hatte. Der Earl von Pembroke, der unlängst der Krone gegen Monmouth treu und tapfer gedient hatte, wurde in Wiltshire, der Earl von Rutland in Leicestershire, der Earl von Bridgewater in Buckinghamshire, der Earl von Thanet in Cumberland, der Earl von Northampton in Warwickshire, der Earl von Abingdon in Oxfordshire, der Earl von Scarsdale in Derbyshire abgesetzt. Scarsdale verlor außerdem auch sein Reiterregiment und seine Stelle im Hofstaate der Prinzessin von Dänemark. Diese weigerte sich, ihn aus ihren Diensten zu entlassen und gab nur einem peremptorischen Befehle ihres Vaters nach. Der Earl von Gainsborough wurde nicht nur der Statthalterschaft von Hampshire, sondern auch des Gouverneurpostens von Portsmouth und des Wildmeisteramts im Neuen Forste entsetzt, zwei Stellen, die er erst vor wenigen Monaten für fünftausend Pfund gekauft hatte.45
Der König konnte keine angesehenen Lords und namentlich gar keine protestantischen auftreiben, welche die erledigten Stellen anzunehmen bereit waren. Man mußte zwei Grafschaften Jeffreys, einem Manne von sehr jungem Adel und von geringem Grundbesitz, und zwei andere Preston, der nicht einmal Peer von England war, zuertheilen. Die übrigen ihrer Statthalter beraubten Grafschaften wurden fast ohne Ausnahme bekannten Katholiken oder solchen Höflingen überwiesen, welche dem Könige im Geheimen versprochen hatten, zur römisch-katholischen Kirche überzutreten, sobald die Klugheit es ihnen gestatten würde.
An die Obrigkeiten gerichtete Fragen, und Antworten darauf. Endlich wurde die neue Maschinerie in Bewegung gesetzt und bald kam aus allen Gegenden des Landes die Nachricht von der vollständigen und hoffnungslosen Niederlage. Der Katechismus, nach welchem die Lordlieutenants die Gesinnungen der Landgentry erforschen sollten, bestand aus drei Fragen. Jeder Magistratsbeamte und jeder Stellvertreter des Lordlieutenants mußte gefragt werden, erstens ob er, im Fall er gewählt würde, um im Parlamente zu dienen, für eine im Sinne der Indulgenzerklärung gefaßte Bill stimmen wolle; zweitens ob er als Wähler seine Stimme solchen Candidaten geben wolle, die sich verpflichteten, für eine derartige Bill zu stimmen; und drittens ob er als Privatmann die wohlwollenden Zwecke des Königs fördern wolle, indem er mit Leuten jeder religiösen Überzeugung in Frieden lebte.46
Sobald diese Fragen bekannt geworden waren, wurde ein mit seltener Geschicklichkeit entworfenes Antwortformular im ganzen Lande verbreitet und allgemein angenommen. Es lautete folgendermaßen: „Im Fall mir die Ehre zu Theil werden sollte, einen Sitz im Hause der Gemeinen einzunehmen, werde ich als Mitglied dieses Hauses es für meine Pflicht halten, die Gründe, welche für und gegen eine Indulgenzbill im Laufe der Debatte geltend gemacht werden, sorgfältig zu erwägen, und dann nach meiner gewissenhaften Überzeugung zu stimmen. Als Wähler werde ich meine Stimme solchen Candidaten geben, deren Begriffe von den Pflichten eines Volksvertreters mit meinen eigenen übereinstimmen. Als Privatmann hege ich den Wunsch, mit Jedermann in Frieden und Eintracht zu leben.“
Scheitern der Pläne des Königs. Diese Antwort, die noch viel trotziger war als eine förmliche Weigerung, weil sie einen leichten Anflug von milder und anständiger Ironie hatte, über die man sich nicht wohl gereizt zeigen konnte, war Alles was die Emissäre des Hofes von den meisten Landgentlemen erlangen konnten. Gegenvorstellungen, Versprechungen und Drohungen wurden vergebens angewendet. Der Herzog von Norfolk, obgleich Protestant und mit dem Verfahren der Regierung unzufrieden, hatte sich zu ihrem Werkzeuge in zwei Grafschaften hergegeben. Er begab sich zuerst nach Surrey, wo er aber bald sah, daß er nichts ausrichten konnte.47 Dann ging er nach Norfolk, von wo er ebenfalls bald zurückkehrte, um dem Könige zu melden, daß ihm von siebzig Gentlemen, welche in dieser großen Provinz öffentliche Ämter bekleideten, nur sechs Hoffnung gemacht hätten, die Politik des Hofes zu unterstützen.48 Der Herzog von Beaufort, dessen Autorität sich über vier englische Grafschaften und über das ganze Fürstenthum Wales erstreckte, kam mit einem nicht minder niederschlagenden Berichte nach Whitehall.49 Rochester war Lordlieutenant von Hertfordshire. Sein ganzer kleiner Schatz von Tugend war in dem Kampfe gegen die starke Versuchung, seine Religion für Geld zu verkaufen, aufgezehrt worden; er war noch durch einen Jahrgehalt von viertausend Pfund an den Hof gebunden, und zum Dank dafür war er zu jedem wenn auch noch so ungesetzlichen und erniedrigenden Dienste bereit, vorausgesetzt, daß man nicht die Formalität einer Aussöhnung mit Rom von ihm verlangte. Er hatte sich bereitwilligst der Aufgabe unterzogen, seine Grafschaft zu bearbeiten, und er ging dabei, wie immer, mit übereilter Heftigkeit und Gewaltthätigkeit zu Werke. Aber er verschwendete seinen Eifer vergebens an die starrsinnigen Squires, mit denen er es zu thun hatte. Sie erklärten ihm einstimmig, daß sie keinen Mann ins Parlament schicken wollten, der für die Beseitigung der Schutzwehren des protestantischen Glaubens stimmen würde.50 Dieselbe Antwort erhielt der Kanzler auch in Buckinghamshire.51 Die Gentry von Shropshire weigerte sich in einer zu Ludlow veranstalteten Zusammenkunft einhellig, sich durch das von dem Könige verlangte Versprechen zu binden.52 Der Earl von Yarmouth berichtete aus Wiltshire, daß von sechzig Magistratsbeamten und Statthaltersubstituten, mit denen er gesprochen, nur sieben eine günstige Antwort gegeben hätten und daß man selbst diesen nicht trauen könne.53 Der Renegat Peterborough richtete eben so wenig in Northamptonshire aus.54 Nicht glücklicher war sein Genosse Dover in Cambridgeshire.55 Auch Preston brachte schlechte Nachrichten aus Cumberland und Westmoreland; Dorsetshire und Huntingdonshire waren von dem nämlichen Geiste beseelt. Der Earl von Bath kehrte nach langem Stimmenwerben mit trostlosen Nachrichten aus dem Westen zurück. Er war ermächtigt worden, den Bewohnern dieser Gegenden die verführerischesten Anerbietungen zu machen. Insbesondere hatte er versprochen, daß, wenn die Wünsche des Königs gebührend berücksichtigt würden, der Zinnhandel von den auf ihm lastenden drückenden Beschränkungen befreit werden solle. Aber dieser Köder, dem man zu einer andren Zeit nicht widerstanden haben würde, wurde jetzt mit Verachtung zurückgewiesen. Alle Friedensrichter und Statthaltersubstituten von Devonshire und Cornwall erklärten ohne eine einzige Ausnahme, daß sie Gut und Blut für den König opfern würden, daß aber die protestantische Religion ihnen noch theurer sei als Gut und Blut. „Und,“ setzte Bath hinzu, „wenn Eure Majestät alle diese Gentlemen absetzte, so würden ihre Nachfolger ganz die nämliche Antwort geben“.56 Wenn es irgend einen Bezirk gab, in welchem die Regierung auf einen günstigen Erfolg hoffen durfte, so war es Lancashire. Man hatte starke Zweifel gehegt, ob das Resultat in dieser Provinz mit dem der meisten anderen Grafschaften übereinstimmen werde. In keinem Theile des Landes gab es so viele reiche und angesehene Familien, welche dem alten Glauben anhingen, und die Oberhäupter vieler dieser Familien waren kraft der Dispensationsgewalt zu Friedensrichtern und Commandanten der Miliz ernannt worden. Doch auch von dort meldete der neue Lordstatthalter, selbst ein Katholik, daß zwei Drittel seiner Substituten und der Magistratsbeamten dem Hofe feindlich gesinnt seien.57 Noch viel schmerzlicher verletzte das Ergebniß in Hampshire den Stolz des Königs. Arabella Churchill hatte ihm vor mehr als zwanzig Jahren einen Sohn geboren, der späterhin als einer der geschicktesten Generäle Europa’s weit und breit berühmt wurde. Der junge Mann hieß Jakob Fitzjames und bis dahin hatte noch nichts in ihm vermuthen lassen, daß er sich einst zu hoher Auszeichnung emporschwingen würde; aber sein Character und sein Benehmen waren so sanft und herzgewinnend, daß er keinen Feind hatte, außer Marien von Modena, welche den Sohn der Concubine schon seit langer Zeit mit dem bitteren Ingrimm einer kinderlosen Gattin haßte. Ein kleiner Theil der jesuitischen Faction hatte, bevor die Schwangerschaft der Königin angekündigt wurde, ganz ernstlich daran gedacht, ihn als Kronprätendenten neben der Prinzessin von Oranien aufzustellen.58 Wenn man bedenkt, wie vollständig dem Herzoge von Monmouth, obgleich das niedere Volk ihn für legitim hielt und obgleich er der Vorkämpfer des nationalen Glaubens war, ein ähnlicher Versuch mißlang, so muß es unbegreiflich erscheinen, wie ein Mann durch den Fanatismus so ganz verblendet sein konnte, daß er nur auf die Idee kam, einen jungen Menschen, der allgemein als ein papistischer Bastard bekannt war, auf den Thron erheben zu wollen. Es läßt sich nicht mit Gewißheit sagen, ob der König diesem albernen Plane seinen Beifall zollte. Der junge Mann war übrigens als Prinz anerkannt und wurde mit allen Auszeichnungen überschüttet, welche ein nicht aus königlichem Blute entsprossener Unterthan nur irgend zu erlangen hoffen konnte. Er war zum Herzog von Berwick erhoben worden und bekleidete jetzt mehrere ehrenvolle und einträgliche Stellen, welche Edelleuten, die sich den königlichen Befehlen nicht hatten fügen wollen, abgenommen worden waren. Er war der Nachfolger des Earls von Oxford als Oberst der Blauen und des Earls von Gainsborough als Lordlieutenant von Hampshire, Wildmeister des Neuen Forstes und Gouverneur von Portsmouth. Berwick erwartete, daß ihn an der Grenze von Hampshire, der Sitte gemäß, ein langer Zug von Baronets, Rittern und Squires empfangen werde; aber nicht eine einzige angesehene Person hatte sich zu seiner Begrüßung eingefunden. Er sendete Schreiben aus, durch welche er die Gentry zu sich entbot, aber nur fünf oder sechs beachteten diese Einladung. Die Übrigen warteten ihre Entlassung gar nicht ab; sie erklärten im voraus, daß sie keinen Theil an der Civil- oder Militairverwaltung ihrer Grafschaft haben möchten, so lange der König daselbst durch einen Papisten vertreten sei, und legten ihre Stellen freiwillig nieder.59
Sunderland, der an die Stelle des Earls von Northampton zum Lordlieutenant von Warwickshire ernannt worden war, fand eine Ausflucht, um nicht in diese Grafschaft zu gehen und die Entrüstung und Verachtung der dortigen Gentry auf sich zu laden, und seine Entschuldigung wurde um so bereitwilliger angenommen, da der König endlich einzusehen begann, daß sich der Sinn der Landgentry nicht beugen ließ.60
Es muß bemerkt werden, daß Diejenigen, welche diesen trotzigen Sinn an den Tag legten, nicht die alten Feinde des Hauses Stuart waren. Die Listen der Friedensrichter und Statthaltersubstituten waren schon längst von allen republikanischen Namen sorgfältig gesäubert. Die Männer, denen die Regierung vergebens das Versprechen der Unterstützung abzuzwingen versucht hatte, waren fast ohne Ausnahme Tories. Die älteren von ihnen konnten noch Narben, welche von den Schwertern der Rundköpfe herrührten, und Empfangsbescheinigungen über Silbergeschirr aufweisen, das sie Karl I. in seiner Noth geschickt hatten. Die Jüngeren hatten gegen Shaftesbury und Monmouth fest zu Jakob gehalten. Dies waren die Männer, welche jetzt von dem nämlichen Fürsten, dem sie so glänzende Beweise von treuer Anhänglichkeit gegeben hatten, in Masse ihrer Ämter entsetzt wurden. Die Entlassung machte sie aber nur noch entschlossener; es war bei ihnen zu einer heiligen Ehrensache geworden, in dieser Krisis fest zusammenzuhalten. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn bei der Stimmenzählung ehrlich zu Werke gegangen wurde, nicht ein einziger der Regierungspolitik günstiger Grafschaftsabgeordneter gewählt werden würde. Die Leute fragten einander daher mit nicht geringer Besorgniß, ob man wohl erwarten könne, daß bei der Stimmenzählung ehrlich zu Werke gegangen werden würde.
Liste der Sheriffs. Mit Ungeduld sah man der Liste der Sheriffs für das neue Jahr entgegen. Sie erschien, während die Lordlieutenants noch auf ihrer Werbungsreise begriffen waren, und wurde mit einem allgemeinen Schrei des Zornes und Unwillens aufgenommen. Die Mehrzahl dieser Beamten, welche bei den Grafschaftswahlen die Oberleitung hatten, waren entweder Katholiken oder protestantische Dissenters, die ihre Zustimmung zur Indulgenzerklärung ausgesprochen hatten.61 Eine Zeit lang hegte man die schlimmsten Befürchtungen, die aber bald wieder schwanden. Man hatte guten Grund, anzunehmen, daß über einen gewissen Punkt hinaus der König auch nicht auf die Unterstützung der seiner eigenen Kirche angehörenden Sheriffs rechnen könne.
Character der katholischen Landgentlemen. Zwischen dem katholischen Höflinge und dem katholischen Landgentleman herrschte nur sehr geringe Sympathie. Die in Whitehall dominirende Cabale bestand theils aus Fanatikern, welche zum Zwecke der Verbreitung ihres Glaubens bereit waren, alle Gesetze der Moral über den Haufen zu werfen und die ganze Welt in eine heillose Verwirrung zu stürzen, theils aus Heuchlern, welche um des Gewinnes willen von dem Glauben, in dem sie erzogen worden, abgefallen waren und die jetzt den allen Neubekehrten eigenen Eifer auf die Spitze trieben. Sowohl die Fanatiker als auch die Heuchler am Hofe hatten zum größten Theil keine Spur von englischer Anschauungsweise. In einigen von ihnen hatte die unbedingte Hingebung für ihre Kirche alles Nationalgefühl erstickt; andere waren Irländer, deren Patriotismus in einem tödtlichen Hasse gegen die sächsischen Eroberer Irlands bestand; noch andere waren Verräther, die von einer auswärtigen Macht einen regelmäßigen Sold bezogen, und wieder andere hatten einen großen Theil ihres Lebens im Auslande zugebracht, und waren entweder bloße Kosmopoliten oder hegten einen positiven Widerwillen gegen die Sitten und Staatseinrichtungen des Landes, das sie jetzt zu regieren hatten. Diese Leute hatten mit einem noch der alten Kirche anhängenden Gutsbesitzer von Cheshire oder Staffordshire kaum irgend etwas gemein. Er war weder Fanatiker noch Heuchler, er war Katholik, weil sein Vater und Großvater Katholiken gewesen waren, und er hing an seinem ererbten Glauben, wie die Menschen in der Regel an demselben hängen, aufrichtig aber ohne sonderliche Begeisterung. In jeder andren Beziehung war er nichts weiter als eben ein englischer Squire, der sich von den benachbarten Squires höchstens dadurch unterschied, daß er noch etwas ungebildeter und bäuerischer war als sie. Die auf ihm lastenden Ausschließungen hatten ihn verhindert, sich bis zu der allerdings selbst nur mäßig hohen Bildungsstufe zu erheben, auf der die meisten protestantischen Landgentlemen standen. Als Knabe von Eton und Westminster, als Jüngling von Oxford und Cambridge, als Mann vom Parlament und von der Richterbank ausgeschlossen, vegetirte er still und ruhig hin, wie die Ulmen der Allee, die zu dem ererbten Meierhofe seiner Vorfahren führte. Seine Kornfelder, seine Milchwirthschaft, seine Ciderpresse, seine Jagdhunde, seine Angelruthe und seine Flinte, sein Bier und sein Tabak beschäftigten fast allein seine Gedanken. Mit seinen Nachbarn stand er trotz der Glaubensverschiedenheit in der Regel auf gutem Fuße. Sie kannten ihn als einen harmlosen Mann ohne Ehrgeiz, er stammte fast durchgängig aus einer guten und alten Familie und war immer ein Kavalier. Er drang Niemandem seine persönlichen Ansichten auf und wurde Niemandem lästig damit, er quälte nicht, wie ein Puritaner, sich selbst und Andere mit Gewissensskrupeln über alle Genüsse des Lebens; im Gegentheil, er war ein eben so leidenschaftlicher Jagdliebhaber und ein eben so heiterer Gesellschafter als irgend Einer, der den Suprematseid und die Erklärung gegen die Transsubstantiation angenommen hatte. Er ging mit seinen Nachbarsquires auf die Jagd, hielt bis zum Hallali bei ihnen aus und nahm sie nach beendeter Jagd mit sich nach Hause zu einer Wildpretpastete und zu einem Kruge Octoberbier, das seine vier Jahre auf Flaschen lag. Die Bedrückungen, die er erduldet, waren nicht so arg, daß sie ihn zu einem verzweifelten Entschlusse hätten treiben können; selbst als seine Kirche schonungslos verfolgt wurde, waren sein Leben und sein Eigenthum nicht in großer Gefahr. Der schamloseste falsche Zeuge würde es schwerlich gewagt haben, der Wahrheit so frech ins Gesicht zu schlagen, daß er ihn beschuldigt hätte, ein Verschwörer zu sein. Die Papisten, welche Oates zu seinen Angriffen auswählte, waren Peers, Prälaten, Jesuiten, Benedictiner, thätige politische Agenten, Juristen mit ausgedehnter Praxis und Hofärzte. Der katholische Landgentlemen konnte unter dem Schutze seiner Verborgenheit, seines leutseligen Wesens und der Zuneigung seiner Umgebungen unbelästigt seine Ernte einbringen und seine Waidtasche mit Wild füllen, während Coleman und Langhorne, Whitbread und Pickering, Erzbischof Plunkett und Lord Stafford durch den Strick oder durch das Beil starben. Eine Bande elender Schurken machte zwar den Versuch, gegen Sir Thomas Gascoigne, einen bejahrten katholischen Baronet in Yorkshire, eine Anklage auf Hochverrath zu erheben, aber zwölf der besten Gentlemen des Westbezirks, die seinen Lebenswandel kannten, hielten es nicht für möglich, daß ihr ehrenwerther alter Bekannter Banditen zur Ermordung des Königs gedungen haben sollte, und sprachen trotz mancherlei der Richterbank eben nicht zur Ehre gereichender Versuche ein „Nichtschuldig“ aus. Wohl mochte es für das Oberhaupt einer alten, angesehenen Familie in der Provinz ein schmerzlicher Gedanke sein, daß er seines Glaubens wegen von ehrenvollen Stellen und Ämtern ausgeschlossen war, zu deren Bekleidung Männer von niedererer Herkunft und geringerem Vermögen für berechtigt gehalten wurden; aber er hatte nicht Lust, Land und Leben im Kampfe gegen eine erdrückende Übermacht auf’s Spiel zu setzen, und sein gerader, ächt englischer Character würde, vor Mitteln, wie ein Petre und Tyrconnel sie anwendeten, mit Abscheu zurückgebebt sein. Deshalb würde er jedoch eben so bereitwillig, als irgend einer seiner protestantischen Nachbarn zur Vertheidigung seines Vaterlandes gegen einen Einfall der Franzosen oder irischen Papisten das Schwert um die Lenden gegürtet und die Pistolen in die Halfter gesteckt haben. Dies war der allgemeine Character der Männer, in denen Jakob jetzt die sichersten Werkzeuge zur Leitung der Grafschaftswahlen zu erblicken glaubte. Er überzeugte sich jedoch bald, daß sie nicht geneigt waren, sich durch einen ihm zu leistenden schimpflichen und strafbaren Dienst die Achtung ihrer Nachbarn zu verscherzen und Leben und Vermögen zu gefährden. Mehrere von ihnen weigerten sich, Sheriffs zu werden, und von denen, welche die Ernennung annahmen, erklärten viele, daß sie eben so gewissenhaft, als wenn sie Mitglieder der Staatskirche wären, ihre Pflicht erfüllen, und keinen Wahlcandidaten, der nicht eine wirkliche Stimmenmehrheit hätte, in’s Parlament schicken würden.62
Stimmung der Dissenters. Konnte der König schon auf seine katholischen Sheriffs wenig rechnen, so konnte er sich noch viel weniger auf die puritanischen verlassen. Seit dem Erscheinen der Indulgenzerklärung waren mehrere Monate verflossen, Monate voll wichtiger Ereignisse und fortwährender Streitigkeiten. Die öffentliche Besprechung der Angelegenheiten hatte vielen Dissenters die Augen geöffnet, aber die Maßregeln der Regierung, und vorzugsweise das strenge Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium, hatte mehr als selbst die Feder eines Halifax dazu beigetragen, alle Klassen der Protestanten aufzurütteln und zu vereinigen. Die meisten von den Sectirern, die sich hatten verleiten lassen, ihren Dank für die Indulgenz auszudrücken, schämten sich jetzt ihres Irrthums und wünschten sehnlichst, ihn dadurch wieder gut zu machen, daß sie sich der großen Masse ihrer Landsleute anschlossen.
Regulirung der Corporationen. In Folge dieses Umschwungs in den Gesinnungen der Nonconformisten stieß die Regierung in den Städten auf fast eben so große Schwierigkeiten, wie auf dem platten Lande. Als die Regulatoren ihre Arbeit begannen, hatten sie fest darauf gerechnet, daß jeder Dissenter, der sich zu Gunsten der Indulgenz ausgesprochen hatte, auch die Politik des Königs unterstützen werde. Sie waren daher überzeugt, daß sie im Stande sein würden, alle Municipalämter des Königreichs mit zuverlässigen Freunden zu besetzen. In den neuen Städteordnungen hatte sich die Krone das Recht vorbehalten, Magistratsbeamte nach ihrem Belieben zu entlassen. Dieses Recht wurde jetzt ohne alle Beschränkung ausgeübt. Durchaus nicht so klar war es jedoch, daß Jakob auch das Recht hatte, neue Magistratsbeamte zu ernennen; aber mochte es ihm nun zustehen oder nicht, er beschloß, es sich zu nehmen. Allenthalben, vom Tweed bis Landsend, wurden toryistische Beamte abgesetzt und Presbyterianer, Independenten und Baptisten an ihrer Stelle ernannt. In dem neuen Freibriefe der Hauptstadt hatte sich die Krone das Recht vorbehalten, alle Vorsteher, Pfleger und Beisitzer der Innungen zu entlassen. In Folge dessen wurden über achthundert angesehene Bürger, sämmtlich Mitglieder der Partei, die sich der Ausschließungsbill widergesetzt hatte, durch einen einzigen Erlaß ihrer Ämter enthoben. Bald darauf erschien ein Nachtrag zu dieser langen Liste.63 Aber die neuen Angestellten waren kaum vereidigt, so zeigte es sich, daß sie eben so unfügsam waren, als ihre Vorgänger. In Newcastle am Tyne ernannten die Regulatoren einen katholischen Mayor und puritanische Aldermen. Man zweifelte keinen Augenblick, daß die so umgestaltete Municipalbehörde eine Adresse beschließen werde, in der sie die Maßregeln des Königs zu unterstützen versprach. Die Adresse wurde jedoch verweigert. Der Mayor reiste wüthend nach London und sagte dem Könige, die Dissenters seien alle Schurken und Rebellen und die Regierung könne in der ganzen Corporation auf nicht mehr als vier Stimmen rechnen.64 In Reading wurden vierundzwanzig toryistische Aldermen entlassen und vierundzwanzig neue ernannt. Von diesen erklärten sich dreiundzwanzig sofort gegen die Indulgenz und wurden deshalb ebenfalls wieder entlassen.65 Im Laufe weniger Tage wurde der Stadtbezirk von Yarmouth nacheinander durch drei verschiedene Magistratskörper verwaltet, welche sämmtlich dem Hofe gleich feindlich gesinnt waren.66 Dies sind nur einzelne Beispiele von dem was im ganzen Lande geschah. Der holländische Gesandte berichtete an die Generalstaaten, daß in manchen Städten die Magistratsbeamten in einem Monate zwei und selbst dreimal, aber dennoch vergebens gewechselt worden seien.67 Aus den Acten des Geheimen Raths geht hervor, daß die Zahl der Regulationen, wie sie genannt wurden, zweihundert überstieg.68 Die Regulatoren fanden in der That, daß in nicht wenigen Städten die Veränderung eine Verschlimmerung war. Die mißvergnügten Tories hatten, wenn sie auch über die Politik des Königs murrten; doch wenigstens stets Achtung für seine Person und seinen Thron an den Tag gelegt und jeden Gedanken an Widerstand verworfen. Ganz anders war die Sprache einiger neuen Mitglieder der Corporationen. Man sagte, daß alte Soldaten der Republik, welche zu ihrem eignen wie zum Erstaunen des Publikums zu Aldermen ernannt worden waren, den Agenten des Hofes deutlich zu verstehen gäben, es müsse erst Blut fließen, bevor Papismus und Willkürgewalt in England zur Herrschaft gelangten.69
Die Regulatoren sahen, daß mit dem was sie bis jetzt gethan hatten, wenig oder nichts gewonnen war. Es gab indessen noch ein Mittel, aber auch nur dieses eine, durch das sie hoffen konnten ihren Zweck zu erreichen. Die Gemeindeordnungen der Wahlflecken mußten zurückgezogen und durch neue ersetzt werden, welche das Wahlrecht auf sehr kleine, vom König zu ernennende Wahlkörper beschränkten.70
Aber wie war dieser Plan auszuführen? In einigen der neuen Freibriefe hatte sich die Krone zwar das Recht der Wiederentziehung vorbehalten, aber die übrigen konnte Jakob nur durch freiwillige Zurückgabe von Seiten der Corporationen oder durch einen Ausspruch der Kings Bench wieder in die Hand bekommen. Aber nur wenige Corporationen waren jetzt geneigt, ihre Gemeindeordnungen freiwillig aufzugeben, und ein Richterspruch, wie er den Zwecken des Hofes diente, war selbst von einem Sklaven wie Wright nicht zu erwarten. Die Quo-Warranto-Erlasse,71 welche vor einigen Jahren erschienen waren, um die Whigpartei zu vernichten, waren von allen Unparteiischen einhellig verdammt worden. Doch hatten diese Erlasse wenigstens einen Anschein von Recht für sich, denn sie waren gegen alte Municipalkörper gerichtet, und unter diesen gab es wenige, in denen im Laufe der Zeit nicht Mißbrauche eingerissen waren, welche genügenden Anhalt zu einem Prozeßverfahren darboten. Die Corporationen aber, welche jetzt angegriffen wurden, befanden sich noch im Alter der kindlichen Unschuld, die ältesten von ihnen hatten kaum ihr fünftes Lebensjahr erreicht, und es war unmöglich, daß viele von ihnen schon so schwer gesündigt haben sollten, daß sie eine Zurücknahme ihrer Privilegien verdienten. Den Richtern selbst war nicht wohl zu Muthe. Sie gaben zu bedenken, daß das, was man von ihnen verlange, den einfachsten und klarsten Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit schnurstracks zuwiderlaufe; aber alle Vorstellungen waren umsonst. Die Wahlorte wurden zur Rücksendung ihrer Freibriefe aufgefordert. Einige wenige kamen der Aufforderung nach; aber das Verfahren, welches der König gegen diese wenigen einschlug, war eben nicht geeignet, bei den anderen Vertrauen zu erwecken. In mehreren Städten wurde der Gesammtbürgerschaft das Wahlrecht entzogen und auf eine kleine Anzahl Personen beschränkt und diese mußten sich eidlich verpflichten, die von der Regierung empfohlenen Candidaten zu unterstützen. In Tewkesbury zum Beispiel wurde das Wahlrecht dreizehn Personen übertragen. Doch selbst diese Anzahl war noch zu groß. Haß und Furcht hatten sich so weit verbreitet, daß es kaum möglich war, auch durch die unredlichsten Mittel nur dreizehn Männer zu finden, auf die sich der Hof unbedingt verlassen konnte. Es hieß, daß die Mehrheit des neuen Wahlkörpers von Tewkesbury von dem nämlichen Sinne beseelt sei, welcher in der ganzen Nation überwiege, und daß derselbe an dem entscheidenden Tage zuverlässige Protestanten in’s Parlament schicken werde. Die Regulatoren drohten in heftigem Zorne, die Zahl der Wähler auf drei zu reduciren.72 Inzwischen weigerte sich die große Mehrzahl der Wahlorte entschieden, ihre Privilegien aufzugeben. Barnstaple, Winchester und Buckingham zeichneten sich durch die Kühnheit ihres Widerstandes besonders aus. In Oxford wurde der Antrag, daß die Stadt ihr Wahlrecht dem Könige zurückgeben solle, mit achtzig gegen zwei Stimmen verworfen.73 Der Tempel und Westminsterhall kamen durch die plötzliche Häufung von Aufträgen aus allen Theilen des Landes in ungewohnte Bewegung. Jeder Advokat von bedeutender Praxis erhielt Vollmachten über Vollmachten von den städtischen Corporationen, und die gewöhnlichen Clienten beklagten sich, daß ihre Angelegenheiten vernachlässigt würden.74 Es lag auf der Hand, daß eine geraume Zeit darüber hingehen mußte, ehe eine so große Anzahl Prozesse entschieden werden konnten. Diese Verzögerung war der Tyrannei unerträglich. Es wurde nichts unterlassen, um die widerspenstigen Wahlkörper durch Drohungen zur Unterwerfung zu bringen. In Buckingham hatten einige Municipalbeamten sich in nicht eben lobender Weise ausgesprochen. Man machte ihnen den Prozeß und kündigte ihnen an, daß mit schonungsloser Strenge gegen sie verfahren werden würde, wenn sie sich nicht durch Herausgabe ihres Freibriefs loskauften.75 In Winchester griff man zu noch strengeren Gewaltmaßregeln. Eine bedeutende Truppenabtheilung wurde in die Stadt gelegt, einzig und allein zu dem Zwecke, die Einwohner zu belästigen und zu quälen.76 Die Stadt blieb fest und die öffentliche Stimme beschuldigte den König laut, daß er die schlimmsten Verbrechen seines Bruders von Frankreich nachahme; die Dragonaden hätten begonnen, sagte man. Man hatte auch wirklich Grund zu ernsten Besorgnissen. Jakob war auf den Einfall gekommen, daß er den Widerstandsgeist einer hartnäckigen Stadt nicht wirksamer brechen könne, als indem er den Einwohnern Soldaten in’s Quartier legte. Er mußte wissen, daß diese Maßregel sechzig Jahre früher heftigen Unwillen erregt und durch die Bitte um Recht, ein Gesetz, das von den Engländern kaum weniger verehrt wurde, als die Magna Charta, feierlichst für gesetzwidrig erklärt worden war. Aber er hoffte von den Gerichtshöfen eine Erklärung zu erlangen, daß selbst die Bitte um Recht die Prärogative nicht beschränken könne. Er fragte in der That den Oberrichter der Kings Bench über diesen Gegenstand um Rath;77 aber das Resultat der Besprechung wurde geheim gehalten, und in einigen Wochen gestalteten sich die Dinge so, daß eine Furcht, welche noch stärker war, als selbst die vor der königlichen Ungnade, sogar einen so servilen Mann wie Wright bewog, ein wenig einzuhalten.
Untersuchung in allen öffentlichen Verwaltungszweigen. Während die Lordlieutenants die Friedensrichter ausforschten und die Regulatoren die Wahlkörper umgestalteten, wurden alle Zweige des Staatsdienstes einer strengen Untersuchung unterworfen. Zuerst wurde der Palast gesäubert. Jeder mit Narben bedeckte alte Kavalier, der zum Ersatz für das der Sache des Königs geopferte Blut und Grundeigenthum ein Ämtchen in der königlichen Garderobe oder im Marstalle erhalten hatte, wurde aufgefordert, zwischen dem Könige und der Kirche zu wählen. Die Zoll- und Steuercommissare wurden zu Seiner Majestät ins Schatzamt beschieden, hier das Versprechen von ihnen verlangt, daß sie seine Politik unterstützen wollten, und ihnen bedeutet, daß sie allen ihren Unterbeamten ein ähnliches Versprechen abzunehmen hätten.78 Ein Zollbeamter motivirte seine Unterwerfung unter den Willen des Königs in einer Weise, welche Heiterkeit und zugleich Mitleid erregte. „Ich habe,“ sagte er, „vierzehn Gründe, die mich bestimmen, Seiner Majestät Befehlen zu gehorchen: eine Frau und dreizehn unerzogene Kinder“.79 Gegen solche Gründe ließ sich allerdings nichts einwenden; dennoch aber kamen nicht wenig Fälle vor, wo die religiösen und patriotischen Gefühle selbst solche Gründe überwogen.
Man hat Grund zu der Vermuthung, daß die Regierung um diese Zeit ernstlich mit dem Plane umging, einen Schlag zu führen, der viele tausend Familien an den Bettelstab gebracht und auf die socialen Zustände aller Landestheile störend eingewirkt haben würde. Niemand durfte Wein, Bier oder Kaffee ohne Concession verkaufen. Es hieß nun, daß jeder Inhaber einer solchen Concession demnächst aufgefordert werden sollte, entweder dieselben Verpflichtungen einzugehen, welche den öffentlichen Beamten auferlegt worden waren, oder sein Geschäft aufzugeben.80 Wäre ein solcher Schritt gethan worden, so würden ohne allen Zweifel die Wirthshäuser und öffentlichen Vergnügungsorte im ganzen Lande zu Hunderten geschlossen worden sein. Welche Wirkung ein solcher Eingriff in die Lebensgenüsse aller Stände hervorgebracht haben würde, läßt sich nur muthmaßen. Der durch Übel erzeugte Unwille steht nicht immer im Verhältnisse mit der Wichtigkeit derselben, und es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß die Einziehung von Schankconcessionen das bewirkt haben würde, was die Entziehung von Freibriefen nicht bewirkt hatte. Die Vornehmeren würden ihr Chokoladenhaus in St. James Street, die Geschäftsmänner ihre Kaffeekanne, bei der sie in Change Alley zu rauchen und zu politisiren pflegten, schmerzlich vermißt haben. Die Hälfte der Clubs hätte sich neue Versammlungslokale suchen müssen. Der Reisende würde des Nachts den Gasthof, in welchem er gewohnt war abzusteigen und seine Abendmahlzeit einzunehmen, verödet gefunden haben. Der Landmann würde die Bierschenke vermißt haben, wo er im Sommer auf der Bank vor der Thür, im Winter am Kamin seinen Krug zu trinken gewohnt war. Es war leicht möglich, daß die auf solche Art gereizte Nation sich zu einem allgemeinen Aufstande erhob, ohne auf die Hülfe fremder Verbündeter zu warten.
Entlassung Sawyer’s. Es war nicht zu erwarten, daß ein Fürst, der von allen niederen Dienern der Regierung bei Strafe der Entlassung Unterstützung seiner Politik verlangte, einen Generalfiskal behalten würde, dessen Abneigung gegen diese Politik kein Geheimniß war. Sawyer hatte noch über anderthalb Jahr in seiner Stellung bleiben dürfen, nachdem er sich gegen die Dispensationsgewalt erklärt hatte. Diese ungewöhnliche Nachsicht verdankte er nur der außerordentlichen Schwierigkeit, die es der Regierung machte, einen Nachfolger für ihn zu finden. Es war um der pekuniären Interessen der Krone willen nothwendig, daß wenigstens einer der beiden ersten Staatsanwälte ein talentvoller und kenntnißreicher Mann war, und es war keineswegs leicht, einen diesen Anforderungen genügenden Juristen zu bewegen, daß er sich durch das tägliche Begehen von Handlungen, welche das nächste Parlament wahrscheinlich als schwere Übertretungen und Verbrechen betrachtete, sehr ernster Gefahr aussetzte. Es war nicht möglich gewesen, einen besseren Generalprokurator als Powis aufzutreiben, ein Mann, der sich zwar aus nichts ein Gewissen machte, der aber auch nicht einmal den gewöhnlichsten Pflichten seines Postens gewachsen war. Unter diesen Umständen hielt man es für wünschenswerth, die Arbeit zu theilen. Ein Fiskal, dessen Berufstüchtigkeit durch Gewissensskrupel bedeutend beeinträchtigt wurde, hatte einen Prokurator zur Seite, dessen Gewissenlosigkeit seinen Mangel an Befähigung einigermaßen ersetzte. Wenn es der Regierung um energische Durchführung des Gesetzes zu thun war, so wendete sie sich an Sawyer; wollte sie das Gesetz mit Füßen treten, so hielt sie sich an Powis. Dieses Arrangement wurde so lange beibehalten, bis der König die Dienste eines Anwalts erlangte, der zu gleicher Zeit noch gewissenloser als Powis und geschickter als Sawyer war.
Williams Generalprokurator. Keiner der damals lebenden Advokaten hatte der Regierung giftiger opponirt als Wilhelm Williams. Er hatte sich unter der vorigen Regierung als Whig und Exclusionist hervorgethan. Als die Parteiwuth den höchsten Grad erreicht hatte, war er zum Sprecher des Unterhauses erwählt worden. Nach der Prorogation des oxforder Parlaments war er der gewöhnliche Rechtsbeistand der heftigsten Demagogen gewesen, die des Aufruhrs angeklagt wurden. Er besaß anerkanntermaßen bedeutende juristische Gewandtheit und Kenntnisse. Unbesonnene Überstürzung und Parteigeist hielt man für seine Hauptfehler; daß er noch andere Fehler hatte, in Vergleich mit denen die genannten als Tugenden gelten konnten, ahnete man damals noch nicht. Die Regierung suchte eine Gelegenheit, um ihm etwas anzuhaben, und es wurde ihr nicht schwer, eine solche zu finden. Er hatte auf Befehl des Hauses der Gemeinen einen von Dangerfield verfaßten erzählenden Bericht herausgegeben. Hätte ein Privatmann diese Schrift veröffentlicht, so würde sie unbestreitbar als ein aufrührerisches Libell zu betrachten gewesen sein. Es wurde bei der Kings Bench eine Criminaluntersuchung gegen Williams eingeleitet; er berief sich umsonst auf die Privilegien des Parlaments und wurde zu einer Geldbuße von zehntausend Pfund verurtheilt. Einen großen Theil dieser Summe bezahlte er baar und über den Rest gab er eine Schuldverschreibung. Der Earl von Peterborough, der in Dangerfield’s Erzählung in beleidigender Weise erwähnt war, wurde durch den Erfolg der Criminaluntersuchung ermuthigt, eine Civilklage auf eine bedeutende Entschädigungssumme anhängig zu machen. Williams gerieth dadurch in die größte Verlegenheit. Da bot sich ihm ein rettender Ausweg dar. Allerdings war es ein Ausweg, der einem Manne von festen Grundsätzen und edlem Character noch schrecklicher gewesen sein würde, als Armuth, Gefängniß und selbst Tod. Er konnte sich der Regierung verkaufen, deren Feind und Opfer er gewesen war; er konnte sich erbieten, bei jedem Angriffe auf die Freiheiten und die Religion, für welche er einen maßlosen Eifer gezeigt hatte, den gefährlichsten Posten zu übernehmen; er konnte seinen Whiggismus durch Dienste wieder gut machen, vor denen selbst die eingefleischtesten Tories, an deren Händen das Blut Russell’s und Sidney’s klebte, mit Abscheu zurückbebten. Der Handel wurde abgeschlossen. Der noch schuldige Rest der Strafsumme wurde erlassen und Peterborough durch Vermittelung des Königs zu einem Vergleich bewogen. Sawyer wurde abgesetzt, Powis wurde Generalfiskal, Williams wurde zum Generalprokurator ernannt, in den Adelstand erhoben und war bald ein Günstling des Königs. Obgleich im Range nur der zweite Kronjurist, gelang es ihm doch sehr bald, durch seine Gewandtheit, Gelehrsamkeit und Energie seinen Vorgesetzten völlig in den Schatten zu stellen81.
Williams war noch nicht lange im Amte, als er aufgefordert wurde, in dem denkwürdigsten Staatsprozesse, von dem die Annalen der britischen Justiz berichten, eine Hauptrolle zu übernehmen.
Zweite Indulgenzerklärung. Am 27. April 1688 erließ der König eine zweite Indulgenzerklärung. In diesem Schriftstücke führte er die Erklärung vom vorjährigen April in ihrer ganzen Länge auf. Sein bisheriges Leben, sagte er dann, habe sein Volk überzeugen können, daß er nicht der Mann sei, der sich von einem einmal gefaßten Beschlusse so leicht abbringen lasse. Da aber heimtückische Menschen es versucht hätten, die Welt glauben zu machen, daß man ihn doch noch zum Nachgeben in dieser Angelegenheit werde bestimmen können, halte er es für nöthig, zu erklären, daß sein Vorsatz unwiderruflich fest stehe, daß er entschlossen sei, nur solche Männer anzustellen, welche bereit wären, ihn bei der Ausführung seiner Pläne zu unterstützen, und daß er in Gemäßheit dieses Entschlusses viele seiner ungehorsamen Diener von Civil- und Militairämtern habe entheben müssen. Schließlich zeigte er an, daß er spätestens im November ein Parlament einzuberufen gedenke, und ermahnte seine Unterthanen, solche Vertreter in dasselbe zu wählen, die ihn bei dem begonnenen großen Werke zu unterstützen geneigt wären82.
Die Geistlichkeit erhält Befehl, sie von der Kanzel zu verlesen. Diese Erklärung machte anfangs nur wenig Sensation. Sie enthielt nichts Neues und die Leute wunderten sich, daß der König es für nöthig hielt, ein feierliches Manifest zu erlassen, blos um ihnen zu sagen, daß er seinen Sinn nicht geändert habe83. Die Gleichgültigkeit, mit der die Ankündigung seines festen Entschlusses vom Publikum aufgenommen wurde, verdroß ihn wahrscheinlich und er glaubte ohne Zweifel, daß seine Würde und Autorität leiden könnten, wenn er nicht unverzüglich etwas Neues und Auffallendes thue. In Folge dessen verfügte er unterm 4. Mai durch einen Geheimrathsbefehl, daß seine Erklärung von vergangener Woche an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen beim öffentlichen Gottesdienste von den dienstthuenden Geistlichen aller Kirchen und Kapellen des Reiches verlesen werden solle. In London und seinen Vorstädten sollte die Verlesung am 20. und 27. Mai, in den anderen Landestheilen am 3. und 10. Juni stattfinden. Die Bischöfe waren angewiesen, Exemplare der Erklärung in ihren respectiven Diöcesen zu vertheilen84.
Wenn man berücksichtigt, daß die Geistlichen der anglikanischen Kirche fast ohne Ausnahme die Indulgenzerklärung als eine Verletzung der Landesgesetze, als einen Wortbruch des Königs und als einen verderblichen Gewaltstreich gegen die Interessen und die Würde ihres Standes betrachteten, so wird man schwerlich daran zweifeln können, daß der Geheimrathsbefehl darauf berechnet war, als eine tiefe Kränkung von ihnen empfunden zu werden. Man glaubte im Volke, daß Petre diese Absicht durch ein der orientalischen Redeweise entlehntes rohes Gleichniß ausgesprochen habe. Er sollte gesagt haben, er wolle sie Koth essen lassen und zwar den abscheulichsten und ekelhaftesten Koth. Aber konnte man annehmen, daß die anglikanische Geistlichkeit diesem tyrannischen und gehässigen Befehle den Gehorsam verweigern werde? Der Character des Königs war willkürlich und streng und das Verfahren der kirchlichen Commission eben so summarisch wie das eines Kriegsgerichts. Wer sich aufzulehnen wagte, konnte in Zeit von acht Tagen seiner Stelle entsetzt, seines ganzen Einkommens beraubt, der ferneren Bekleidung jedes geistlichen Amts unfähig erklärt und in die Nothwendigkeit versetzt werden, von Haus zu Haus sein Brot zu erbetteln. Wenn der ganze Stand sich einmüthig dem königlichen Willen widersetzte, dann war es allerdings wahrscheinlich, daß selbst Jakob nicht den Muth haben würde, zehntausend Schuldige auf einmal zu bestrafen. Aber zu einer allgemeinen Verständigung in dieser Angelegenheit war keine Zeit. Am 7. Mai erschien der Befehl in der Gazette und schon am 20. sollte die Erklärung von allen Kanzeln Londons und dessen Umgegend verlesen werden. Er wäre damals mit der größten Anstrengung nicht möglich gewesen, binnen vierzehn Tagen die Ansichten nur des zehnten Theiles der im ganzen Lande zerstreuten Pfarrgeistlichen einzuholen, ja nur die Stimmen der Bischöfe hätten nicht leicht in so kurzer Zeit gesammelt werden können. Auch stand zu befürchten, daß, wenn die Geistlichkeit das Verlesen der Erklärung verweigerte, die protestantischen Dissenters die Weigerung falsch auslegen, die Hoffnung, von den Mitgliedern der anglikanischen Kirche Duldung zu erlangen, aufgeben und ihr ganzes Gewicht in die Wagschale des Hofes werfen würden.
Die Geistlichkeit ist unschlüssig. Die Geistlichkeit war daher unschlüssig und diese Unschlüssigkeit läßt sich wohl entschuldigen, denn einige hochgestellte Laien, welche das öffentliche Vertrauen in hohem Maße genossen, waren geneigt, zur Unterwerfung zu rathen. Sie waren der Meinung, ein allgemeiner Widerstand stehe kaum zu erwarten und ein theilweiser werde für die Einzelnen verderblich und für die Kirche und die Nation im Allgemeinen nur von geringem Nutzen sein. Dies war die ausgesprochene Ansicht von Halifax und Nottingham. Der Tag rückte heran und noch war keine Verständigung und kein bestimmter Entschluß erzielt.85
Patriotismus der protestantischen Nonconformisten Londons. In diesem Augenblicke erwarben sich die protestantischen Dissenters der Hauptstadt einen Anspruch auf die ewige Dankbarkeit ihres Vaterlandes. Die Regierung hatte sie bisher als einen Theil ihrer Stärke betrachtet. Einige von ihren thätigsten und lautesten Predigern hatten, durch die Gnadenbezeigungen des Hofes bestochen, Adressen zu Gunsten der Politik des Königs zu Stande gebracht. Andere, welche durch die Erinnerung an viele schwere Unbilden sowohl der anglikanischen Kirche als dem Hause Stuart entfremdet waren, hatten mit boshafter Schadenfreude gesehen, wie der tyrannische Fürst und die tyrannische Hierarchie durch bittere Feindschaft von einander getrennt waren und sich gegenseitig überboten, um den Beistand von Secten zu erlangen, die sie noch unlängst verfolgt und verachtet hatten. Aber so natürlich dieses Gefühl auch sein mochte, man hatte sich demselben lange genug hingegeben. Die Zeit war gekommen, wo man eine Wahl treffen mußte, und die Nonconformisten traten in einer hochherzigen Regung auf die Seite der Anglikaner, um gemeinschaftlich mit ihnen die Grundgesetze des Reichs zu vertheidigen. Baxter, Bates und Howe zeichneten sich durch ihre Anstrengungen, dieses Bündniß zu Stande zu bringen, besonders aus; aber die edle Begeisterung, welche die Gesammtheit der Puritaner beseelte, erleichterte ihnen die Aufgabe. Der Eifer der Pfarrer wurde von dem ihrer Gemeinden noch übertroffen. Diejenigen Presbyterianer- und Independentenprediger, welche Lust zeigten, mit dem Könige Partei gegen die Landeskirche zu nehmen, wurden nachdrücklich bedeutet, daß, wenn sie ihr Verfahren nicht änderten, ihre Gemeinden sie fernerhin weder hören noch bezahlen würden. Alsop, der sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatte, daß er im Stande sein werde, einen großen Theil seiner Anhänger dem Könige zuzuführen, sah sich plötzlich von Denen, die ihn kurz zuvor noch als ihren geistlichen Führer verehrt hatten, verachtet und verabscheut, verfiel darüber in eine tiefe Schwermuth und verbarg sich vor den Blicken der Welt. Bei mehreren londoner Geistlichen erschienen Deputationen, um sie zu bitten, daß sie die Masse der Dissenters nicht nach den kriechenden Schmeicheleien beurtheilen möchten, welche kürzlich die Spalten der Gazette gefüllt hätten, und forderten sie, als bei dem großen Kampfe in vorderster Reihe stehend, auf, mit männlicher Tapferkeit für die Freiheiten Englands und den den Heiligen überlieferten Glauben zu streiten. Diese Versicherungen wurden freudig und dankend aufgenommen. Unter Denen aber, die sich zu entscheiden hatten, ob sie am nächsten Sonntage, den 20. Mai, dem Befehl des Königs nachkommen wollten oder nicht, herrschte noch immer große Ängstlichkeit und Meinungsverschiedenheit.
Berathung der londoner Geistlichkeit. Die londoner Geistlichkeit, welche damals allgemein als die Elite ihres Standes anerkannt war, veranstaltete eine berathende Versammlung. Funfzehn Doctoren der Theologie waren anwesend. Tillotson, Dechant von Canterbury, der berühmteste Kanzelredner der damaligen Zeit, kam vom Krankenlager dahin. Sherlock, Vorsteher des Tempels, Patrick, Dechant von Peterborough und Oberpfarrer des wichtigen Kirchspiels St. Paul in Coventgarden, sowie auch Stillingfleet, Archidiakonus von London und Dechant der St. Pauls-Kathedrale, nahmen daran Theil. Die Versammlung im Allgemeinen schien der Ansicht zu sein, daß es im Grunde doch gerathen sei, dem Geheimrathsbefehl zu gehorchen. Der Streit begann hitzig zu werden und hätte vielleicht schlimme Folgen haben können, wäre er nicht durch die Festigkeit und Einsicht des Unterpfarrers von St. Giles, Cripplegate, Doctor Eduard Fowler, beendigt worden. Dieser Mann gehörte zu der kleinen aber ausgezeichneten Klasse von Theologen, welche die der Schule Calvin’s eigene Liebe zur bürgerlichen Freiheit mit der Theologie der Schule des Arminius verbanden86. Er erhob sich und sprach: „Ich will offen meine Meinung sagen. Die Sache ist so klar und einfach, daß lange Erörterungen kein neues Licht auf sie werfen können, sondern nur die Leidenschaften aufregen müssen. Lassen Sie einem Jeden blos Ja oder Nein sagen. Ich für meine Person kann mich durch das Votum der Majorität nicht binden lassen. Es würde mir leid thun, wenn dadurch unsre Einigkeit gestört werden sollte, aber mein Gewissen erlaubt mir nicht, diese Erklärung zu verlesen.“ Tillotson, Patrick, Sherlock und Stillingfleet erklärten, daß sie der nämlichen Meinung seien, und die Majorität fügte sich einer so achtbaren Minorität. Es wurde ein Beschluß schriftlich ausgefertigt, durch den sich alle Anwesenden gegen einander verpflichteten, die Erklärung nicht zu verlesen. Patrick war der Erste, der seinen Namen unterschrieb, Fowler der Zweite. Das Papier wurde dann in der Stadt herumgeschickt und war bald von fünfundachtzig Pfründeninhabern unterzeichnet87.
Unterdessen beriethen sich mehrere Bischöfe in banger Sorge über das einzuschlagende Verfahren. Am 12. Mai war ein ernster und gelehrter Kreis um den Tisch des Primas zu Lambeth versammelt. Compton, Bischof von London, Turner, Bischof von Ely, White, Bischof von Peterborough, und Tenison, Oberpfarrer des Kirchspiels St. Martin, befanden sich unter den Anwesenden. Der Earl von Clarendon, ein warmer und unerschütterlicher Freund der Kirche, war ebenfalls eingeladen worden. Cartwright, Bischof von Chester, drängte sich, wahrscheinlich als Spion, in die Versammlung. So lange er anwesend war, konnten vertrauliche Mittheilungen nicht stattfinden; nach seinem Weggange aber wurde die große Frage, welche alle Gemüther erfüllte, zur Sprache gebracht und erörtert. Die allgemeine Ansicht war, daß die Erklärung nicht verlesen werden solle. An mehrere der achtbarsten Prälaten der Provinz Canterbury wurden sogleich Briefe geschrieben, durch welche dieselben aufgefordert wurden, unverzüglich nach London zu kommen, um ihren Metropoliten in dieser Angelegenheit zu unterstützen88. Da man kaum zweifeln konnte, daß diese Briefe geöffnet werden würden, wenn sie durch das Postamt in Lombard Street gingen, so wurden sie bis zu den nächsten Poststationen in den verschiedenen Richtungen durch reitende Boten befördert. Der Bischof von Winchester, dessen Loyalität sich bei Sedgemoor so glänzend erprobt hatte, beschloß trotz eines ernstlichen Unwohlseins der Aufforderung nachzukommen und sofort abzureisen, sah aber, daß er die Erschütterung des Fahrens nicht vertragen konnte. Der an Wilhelm Lloyd, Bischof von Norwich, gerichtete Brief wurde ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln von einem Postmeister zurückgehalten, und dieser Prälat, welcher keinem seiner Amtsbrüder in Muth und Eifer für die gemeinsame Sache seines Berufs nachstand, kam zu spät in London an89. Sein Namensvetter, Wilhelm Lloyd, Bischof von St. Asaph, ein frommer, rechtschaffener und gelehrter Mann, aber von schwacher Urtheilskraft und halb aufgerieben durch seine beharrlichen Anstrengungen, aus Daniel und der Offenbarung einige Aufschlüsse über den Papst und den König von Frankreich zu gewinnen, eilte nach der Hauptstadt und traf am Sechzehnten ein90. Am nächstfolgenden Tage kamen auch der treffliche Ken, Bischof von Bath und Wells, Lake, Bischof von Chichester, und Sir Johann Trelawney, Bischof von Bristol, ein Baronet aus einer alten und angesehenen Familie in Cornwall.
Berathung im Palast zu Lambeth. Am Achtzehnten wurde im Palast des Primas zu Lambeth eine Versammlung von Prälaten und anderen ausgezeichneten Theologen gehalten. Tillotson, Tenison, Stillingfleet, Patrick und Sherlock waren dabei anwesend. Vor dem Beginn der Berathung wurde eine feierliche Betstunde gehalten. Nach einer langen Besprechung setzte der Erzbischof eigenhändig eine Petition auf, in der die allgemeine Ansicht ausgesprochen war. Sie war nicht im elegantesten Style abgefaßt. Sancroft zog sich durch den schwülstigen und unschönen Periodenbau sogar spöttelnden Tadel zu, den er mit weniger Geduld ertrug, als er bei viel härteren Prüfungen gezeigt hatte. Dem Inhalte nach aber konnte nichts geschickter entworfen sein, als dieses denkwürdige Actenstück. Man verwahrte sich entschieden gegen alle Illoyalität und Intoleranz, versicherte dem König, daß die Kirche noch immer, wie von jeher, dem Throne treu ergeben sei und daß die Bischöfe seiner Zeit am geeigneten Orte als Lords des Parlaments und als Mitglieder des Oberhauses der Convocation beweisen wurden, wie es ihnen keineswegs an humaner Rücksicht auf die Gewissensbedenken der Dissenters fehle. Aber das Parlament habe sowohl unter der vorigen wie unter der gegenwärtigen Regierung ausgesprochen, daß der Souverain nach der Verfassung nicht berechtigt sei, in kirchlichen Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Deshalb sei die Erklärung gesetzwidrig und Klugheit, Ehre und Gewissen gestatte den Petenten nicht, sich bei der feierlichen Veröffentlichung einer ungesetzlichen Erklärung im Hause Gottes und während der Zeit des Gottesdienstes zu betheiligen.
Diese Petition wurde von dem Erzbischof und sechs seiner Suffraganen, Lloyd von St. Asaph, Turner von Ely, Lake von Chichester, Ken von Bath und Wells, White von Peterborough und Trelawney von Bristol, unterzeichnet. Der Bischof von London unterzeichnete nicht mit, weil er suspendirt war.
Die Petition der sieben Bischöfe dem Könige überreicht. Es war spät am Freitag Abend, und am Sonntag Morgen sollte die Erklärung in den Kirchen von London verlesen werden. Die Petition mußte daher dem Könige unverweilt überreicht werden. Die sechs Bischöfe brachen sofort nach Whitehall auf; der Erzbischof, dem schon seit geraumer Zeit der Zutritt bei Hofe untersagt war, begleitete sie nicht. Lloyd ließ seine fünf Collegen im Hause des Lord Dartmouth in der Nähe des Palastes zurück, begab sich zu Sunderland und bat den Minister, die Petition zu lesen und sich zu erkundigen, wann der König geneigt sein werde, sie in Empfang zu nehmen. Sunderland wollte, aus Furcht sich zu compromittiren, die Petition gar nicht ansehen, begab sich aber sogleich ins königliche Kabinet. Jakob befahl, die Bischöfe vorzulassen. Er hatte von seinem Spion Cartwright erfahren, daß sie wohl geneigt wären, dem königlichen Befehle zu gehorchen, aber einige kleine Änderungen in der Form wünschten und eine unterthänige Bitte in diesem Sinne vorlegen wollten. Seine Majestät war daher sehr gut gelaunt. Als die Prälaten vor ihm knieten, bat er sie freundlich, aufzustehen, nahm das Papier, aus Lloyd’s Händen und sagte: „Das ist Mylord Canterbury’s Hand.“ — „Ja, Sire, seine eigene Hand,“ war die Antwort. Jakob las die Petition, brach sie dann zusammen und sprach, während seine Stirn sich verfinsterte: „Dies ist eine große Überraschung für mich. Ich hätte dies von Ihrer Kirche, insbesondere von einigen unter Ihnen, nicht erwartet. Das heißt die Fahne des Aufruhrs aufpflanzen.“ Die Bischöfe ergossen sich in die wärmsten Versicherungen ihrer Loyalität; der König aber wiederholte seiner Gewohnheit nach die gesprochenen Worte von Anfang bis zu Ende. „Ich sage Ihnen, es ist eine Fahne des Aufruhrs!“ — „Des Aufruhrs?“ rief Trelawney auf die Knie fallend. „Um des Himmels willen, Sire, sprechen Sie nicht so hart von uns. Ein Trelawney kann nie ein Rebell werden. Erinnern Sie Sich, daß meine Familie für die Krone gekämpft hat, erinnern Sie Sich, wie ich Eurer Majestät gedient habe, als Monmouth im Westen war.“ — „Wir haben den letzten Aufstand unterdrückt,“ sagte Lake, „und wollen gewiß nicht einen neuen hervorrufen.“ — „Wir, Rebellen!“ rief Turner; „wir sind bereit, zu den Füßen Eurer Majestät zu sterben.“ — „Sire,“ hob jetzt Ken in einem männlicheren Tone an, „ich hoffe, Sie werden uns die Gewissensfreiheit zugestehen, die Sie Jedermann gewähren.“ Jakob aber wiederholte abermals: „Das ist Aufruhr! das ist eine Fahne des Aufruhrs! Hat jemals ein guter Diener der Staatskirche das Dispensationsrecht in Frage gestellt? Haben nicht einige von Ihnen zu Gunsten desselben gepredigt und geschrieben? Ich will durchaus, daß meine Erklärung verlesen werde!“ — „Wir haben zwei Pflichten zu erfüllen,“ erwiederte Ken, „unsre Pflicht gegen Gott und unsre Pflicht gegen Eure Majestät. Wir ehren Sie, aber wir fürchten Gott.“ — „Habe ich das um Sie verdient?“ versetzte der König mit wachsendem Zorne; „bin ich nicht stets ein Freund Ihrer Kirche gewesen? Ich hätte dies nicht von Ihnen erwartet. Aber ich verlange Gehorsam. Meine Erklärung muß verlesen werden. Sie sind die Trompeter des Aufruhrs. Was wollen Sie hier? Gehen Sie in Ihre Diöcesen und sorgen Sie dafür, daß meinen Befehlen gehorcht wird. Dieses Papier will ich behalten. Sie bekommen es nicht zurück. Ich werde Sie, die Unterzeichner, nicht vergessen.“ — „Gottes Wille geschehe,“ sagte Ken. — „Gott hat mir die Dispensationsgewalt verliehen,“ fuhr der König fort, „und ich werde sie zu behaupten wissen. Ich sage Ihnen, es sind noch Siebentausend in Ihrer Kirche, die das Knie nicht vor dem Baal gebeugt haben.“ Die Bischöfe entfernten sich ehrerbietig91. Noch den nämlichen Abend erschien die Petition, die sie dem Könige überreicht hatten, Wort für Wort, in Druck und wurde in allen Kaffeehäusern ausgelegt und in den Straßen zum Verkauf ausgeboten. Allenthalben standen die Leute aus den Betten wieder auf und gingen hinunter auf die Straße, um zu sehen, was es gab. Man sagte, daß der Drucker binnen wenigen Stunden durch dieses Pennyblatt tausend Pfund verdient habe. Dies mag übertrieben sein, aber es beweist wenigstens, daß der Absatz ungeheuer war. Wie die Petition in die Öffentlichkeit kam, ist noch heute ein Geheimniß. Sancroft versicherte, daß er jede erdenkliche Vorsicht beobachtet habe und von keinem andren Exemplare wisse, als von dem, welches er selbst geschrieben und das der König aus Lloyd’s Händen entgegengenommen hatte. Die Wahrhaftigkeit des Erzbischofs ist über alle Zweifel erhaben. Nicht unwahrscheinlich aber ist es, daß einige von den anwesenden Geistlichen das kurze Schriftstück ihrem Gedächtniß genau eingeprägt und es zum Druck befördert hatten. Die vorherrschende Meinung war jedoch, daß eine Person aus der nächsten Umgebung des Königs eine Indiscretion oder einen Verrath begangen habe92. Kaum weniger Aufsehen machte ein kurzer, mit großer logischer Schärfe und in kräftiger Sprache geschriebener Brief, der im Geheimen gedruckt und an dem nämlichen Tage durch die Post und durch die gewöhnlichen Botenfuhrleute verbreitet wurde. Jedem Geistlichen im ganzen Lande wurde ein Exemplar zugesandt. Der Verfasser versuchte es nicht, die Gefahr zu verhehlen, der sich Diejenigen aussetzten, welche dem königlichen Befehle nicht gehorchten; aber er schilderte mit lebhaften Farben die noch größere Gefahr der Unterwerfung. „Wenn wir die Erklärung verlesen,“ sagte er, „so fallen wir, um uns nicht wieder zu erheben. Und wir werden nicht bedauert, sondern nur verachtet werden; wir fallen unter den Verwünschungen einer Nation, die unsre Willfährigkeit ins Verderben gestürzt hat.“ Einige waren der Meinung, die Schrift sei aus Holland herübergekommen, Andere schrieben sie Sherlock zu. Aber Prideaux, Dechant von Norwich, der bei der Verbreitung besonders thätig war, hielt sie für das Werk Halifax’.
Das Verfahren der Prälaten fand allgemeinen und lebhaften Beifall; aber hier und da ließ sich auch ein Murren vornehmen. Man sagte, daß so ernste Männer, wenn ihr Gewissen ihnen geboten hätte, beim Könige zu remonstriren, dies früher hätten thun sollen. Wäre es recht gegen ihn gehandelt, daß sie ihn bis sechsunddreißig Stunden vor der zur Verlesung der Erklärung festgesetzten Zeit im Dunkeln ließen? Selbst wenn er den Geheimrathsbefehl hätte zurücknehmen wollen, wäre es dazu zu spät gewesen. Aus dem Allen scheine hervorzugehen, daß die Petition nicht den Zweck gehabt habe, den König andren Sinnes zu machen, sondern nur die Unzufriedenheit des Volks zu erregen93. Diese Beschwerden waren jedoch völlig grundlos. Der König hatte den Bischöfen einen neuen, unerwarteten und in Verlegenheit setzenden Befehl gegeben. Es war ihre Pflicht, mit einander in Vernehmen zu treten und so weit als möglich die Ansicht des Standes, dessen Oberhäupter sie waren, einzuholen, ehe sie irgend einen Schritt thaten. Die Mitglieder waren im ganzen Lande zerstreut, einige waren eine volle Tagereise von einander entfernt. Jakob hatte ihnen nur vierzehn Tage Zeit gelassen, um sich zu erkundigen, zu berathschlagen und einen Entschluß zu fassen, und er konnte sich gewiß nicht darüber beklagen, daß diese vierzehn Tage zu Ende gingen, bevor er ihren Entschluß erfuhr. Ebenso ist es auch nicht wahr, daß sie ihm nicht Zeit ließen, seinen Befehl zurückzunehmen, wenn er hätte so klug sein wollen, dies zu thun. Er hätte am Samstag Morgen den Geheimen Rath zusammenberufen können und vor dem Abend konnte es in ganz London und dessen Vorstädten bekannt sein, daß er den Bitten der Väter der Kirche nachgegeben. Der Samstag ging jedoch ohne ein Zeichen von Sinnesänderung seitens der Regierung vorüber und der Sonntag kam heran, ein Tag, dessen man sich noch lange erinnerte.
Die londoner Geistlichkeit gehorcht dem königlichen Befehle nicht. In der City und den Vorstädten Londons gab es ungefähr hundert Pfarrkirchen. Nur in vier derselben wurde der Geheimrathsbefehl befolgt. In der St. Gregorskirche wurde die Erklärung von einem Geistlichen, Namens Martin, verlesen. Sobald er die ersten Worte sprach, stand die ganze Gemeinde auf und entfernte sich. In der St. Matthäuskirche in Friday Street wurde ein Elender, Namens Timotheus Hall, der seinen Priesterrock geschändet, indem er der Herzogin von Portsmouth bei dem Handel mit Begnadigungen als Zwischenträger gedient und der jetzt Hoffnung auf das erledigte Bisthum Oxford hatte, ebenfalls von seiner Gemeinde in der Kirche allein gelassen. In Serjeant’s Inn, in Chancery Lane, gab der Geistliche vor, er habe vergessen, ein Exemplar der Erklärung mitzubringen, und der Oberrichter der Kings Bench, welcher anwesend war, um darauf zu sehen, daß dem königlichen Befehle gehorcht werde, mußte sich mit dieser Entschuldigung begnügen. Samuel Wesley, der Vater Johann’s und Karl’s Wesley, Pfarrer in London, wählte an diesem Sonntage zum Text seiner Predigt die edle Antwort, welche die drei Juden dem chaldäischen Tyrannen gaben: „So sollst Du nun wissen, o König, daß wir Deine Götter nicht ehren, noch das güldene Bild, das Du hast setzen lassen, anbeten wollen.“ Selbst in der Kapelle des St. Jamespalastes hatte der dienstthuende Geistliche den Muth, dem Befehle nicht zu gehorchen. Die Knaben von Westminster erinnerten sich noch lange dessen, was an jenem Tage in der Abtei vorging. Sprat, Bischof von Rochester, fungirte hier als Dechant. Sobald er die Erklärung zu verlesen begann, übertäubte das Murren und das Geräusch des sich aus der Kirche drängenden Volks seine Stimme. Er zitterte so heftig, daß man das Papier in seiner Hand sich bewegen sah. Lange bevor er geendet hatte, war die Kirche von Allen verlassen, bis auf Diejenigen, die ihre Stellung zum Bleiben nöthigte.94
Noch nie war die Kirche der Nation so theuer gewesen, als an jenem Nachmittage. Der Geist der Zwietracht schien erloschen zu sein. Baxter hielt auf der Kanzel eine Lobrede auf die Bischöfe und die Pfarrer. Wenige Stunden später schrieb der holländische Gesandte an die Generalstaaten, daß die anglikanische Geistlichkeit in der Achtung des Publikums unglaublich gestiegen sei. Die Nonconformisten, sagte er, sprächen sich allgemein dahin aus, daß sie lieber unter dem Drucke der Strafgesetze bleiben, als ihre Sache von der der Prälaten trennen wollten.95
So verging noch eine Woche ängstlicher Aufregung, und der zweite Sonntag kam heran. Abermals waren die Kirchen der Hauptstadt mit Hunderttausenden gefüllt. Die Erklärung wurde nirgends anderwärts verlesen, als an den wenigen Orten, wo sie vor acht Tagen verlesen worden war. Der Geistliche, der in der Kapelle des St. Jamespalastes gepredigt hatte, war seines Amtes entsetzt worden und es erschien ein servilerer Geistlicher mit dem Papier in der Hand; aber er war so befangen, daß er nicht vernehmlich sprechen konnte. Die Stimmung der ganzen Nation hatte sich in der That so gestaltet, daß nur die besten und hochherzigsten, oder die schlechtesten und characterlosesten Menschen ihr ohne große Angst die Stirn bieten konnten.96
Unschlüssigkeit der Regierung. Selbst der König war einen Augenblick bestürzt über die Heftigkeit des von ihm heraufbeschworenen Sturmes. Was sollte er nun zunächst thun? Er mußte entweder vorwärts oder rückwärts gehen, und ersteres konnte er nicht ohne Gefahr, letzteres nicht ohne Demüthigung. Einmal nahm er sich vor, einen neuen Befehl zu erlassen, durch den er der Geistlichkeit in hochmüthigem und zornigem Tone gebot, seine Erklärung zu verlesen, und jedem Widerspenstigen mit augenblicklicher Amtsentsetzung drohte. Dieser Befehl wurde zu Papier gebracht und in die Druckerei geschickt, dann zurückgeholt, dann zum zweitenmal in die Druckerei geschickt und noch einmal zurückgeholt.97 Zu einem andren Plane riethen einige von Denen, welche für strenge Maßregeln waren. Sie meinten, die Prälaten, welche die Petition unterzeichnet hatten, könnten ja vor die kirchliche Commission citirt und ihrer Bischofssitze beraubt werden. Gegen dieses Verfahren aber wurden im Staatsrathe energische Einwendungen erhoben. Man habe angekündigt, daß die Kammern noch vor Ende des Jahres einberufen werden sollten und die Lords würden das Absetzungsurtel unzweifelhaft für null und nichtig erklären, auf der Einberufung Sancroft’s und seiner Mitpetenten bestehen und sich weigern, einen neuen Erzbischof von Canterbury oder einen neuen Bischof von Bath und Wells anzuerkennen. So würde die Session, die aller Wahrscheinlichkeit nach im günstigen Falle immer noch sehr stürmisch werden würde, sogleich mit einem erbitterten Streite zwischen der Krone und den Peers beginnen. Wenn daher eine Bestrafung der Bischöfe für nöthig gehalten würde, so müßte dieselbe nach dem bekannten Gange des englischen Rechtsverfahrens über sie verhängt werden. Sunderland hatte sich von Anfang an, soweit er es ohne Gefahr wagen konnte, dem Geheimrathsbefehl widersetzt. Jetzt rieth er zu einem Verfahren, das zwar nicht frei von Nachtheilen, aber doch das klügste und würdigste war, welches der Regierung nach einer Reihe von Fehlgriffen noch offen stand. Der König solle mit Huld und Majestät der Welt ankündigen, daß das ungehorsame Benehmen der anglikanischen Kirche ihn tief verletzt habe, daß er aber die vielen Dienste nicht vergessen könne, die diese Kirche in schweren Prüfungszeiten seinem Vater, seinem Bruder und ihm selbst geleistet; daß er als Freund der Gewissensfreiheit nicht streng gegen Männer verfahren wolle, deren allerdings irregeleitetes und über alle Maßen bedenkliches Gewissen ihnen nicht erlaubt habe, seinen Befehlen zu gehorchen, und daß er daher die Schuldigen der Strafe überlassen werde, die ihre eigne Überzeugung ihnen zuerkennen müsse, wenn sie ihre neuesten Schritte mit den loyalen Grundsätzen verglichen, deren sie sich so laut gerühmt hätten. Nicht allein Powis und Bellasyse, welche stets für gemäßigte Beschlüsse waren, sondern selbst Dover und Arundell neigten sich zu diesem Vorschlage hin. Jeffreys dagegen behauptete, daß die Regierung entehrt sein würde, wenn sie solche Verbrecher, wie die sieben Bischöfe, mit einem bloßen Verweise davon kommen ließe. Er wünschte jedoch nicht, daß sie vor die Hohe Commission, in welcher er als erster oder vielmehr einziger Richter saß, geladen würden, denn die Last des öffentlichen Hasses, die er bereits zu tragen hatte, war selbst für seine schamlose Stirn und sein verknöchertes Herz zu groß, und er erschrak vor der Verantwortlichkeit, die er durch eine gesetzwidrige Verurtheilung der Oberhäupter der Staatskirche und der Lieblinge des Volkes auf sich geladen haben würde.
Es wird eine gerichtliche Verfolgung der Bischöfe wegen Libells beschlossen. Jeffreys empfahl deshalb einen Criminalprozeß gegen sie anhängig zu machen. In Folge dessen wurde beschlossen, den Erzbischof und die sechs anderen Bittsteller unter der Anklage auf Abfassung eines aufrührerischen Libells vor den Gerichtshof der Kings Bench zu stellen. Daß sie für schuldig befunden werden würden, daran war kaum zu zweifeln, denn die Richter und ihre Unterbeamten waren Werkzeuge des Hofes. Seitdem der Hauptstadt ihr alter Freibrief entzogen worden, war kaum ein Gefangener, den die Regierung bestraft wissen wollte, von einer Jury freigesprochen worden. Die widerspenstigen Prälaten wurden höchst wahrscheinlich zu unerschwinglichen Geldbußen und langer Haft verurtheilt und waren dann froh, wenn sie sich dadurch loskaufen konnten, daß sie in und außer dem Parlament den Absichten des Königs dienten.98
Am 27. Mai wurde den Bischöfen angekündigt, daß sie am 8. Juni vor dem Könige im Geheimen Rathe erscheinen sollten. Warum eine so lange Frist gestattet wurde, ist uns nicht bekannt. Vielleicht hoffte Jakob, daß einige der Schuldigen sich aus Furcht vor seiner Ungnade bis zu dem zum Verlesen der Erklärung bestimmten Tage noch fügen und, um sich mit ihm auszusöhnen, die Geistlichen ihrer Diöcesen zum Gehorsam überreden würden. Wenn dies wirklich seine Hoffnung war, so wurde sie vollständig getäuscht. Der 3. Juni kam und alle Theile Englands folgten dem Beispiele der Hauptstadt. Die Bischöfe von Norwich, Gloucester, Salisbury, Winchester und Exeter hatten bereits Abschriften der Petition zum Beweis ihrer Zustimmung unterzeichnet; der Bischof von Worcester hatte sich geweigert, die Erklärung unter seine Geistlichen zu vertheilen; der Bischof von Hereford hatte sie vertheilt, wurde aber, wie allgemein bekannt war, deshalb von Reue und Scham gequält. Von fünfzig Pfarrern fügte sich noch nicht einer dem Geheimrathsbefehl. In der großen Diöcese Chester, welche die Grafschaft Lancaster umfaßt, konnte Cartwright nicht mehr als drei Geistliche zum Gehorsam gegen den König bewegen. Die Diöcese Norwich enthält viele hundert Pfarreien, und nur in vieren davon wurde die Erklärung verlesen. Dem höfischen Bischof von Rochester gelang es nicht, die Gewissensscrupel des Gefängnißpredigers von Chatham, der von der Regierung besoldet wurde, zu heben. Es existirt noch ein rührender Brief, den dieser wackere Geistliche an den Sekretär der Admiralität schrieb. „Ich kann wohl nicht erwarten,“ schrieb er darin, „daß Euer Ehren sich für mich verwenden. Der Wille Gottes geschehe. Ich will lieber leiden, als sündigen“99.
Sie werden im Geheimen Rathe verhört. Am Abend des 8. Juni begaben sich die sieben Prälaten, von den ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten Englands gehörig instruirt, in den Palast, wo sie alsbald in das Geheimrathszimmer gerufen wurden. Ihre Petition lag auf dem Tische. Der Kanzler nahm das Papier, zeigte es dem Erzbischofe und sagte: „Ist dies die Schrift, die Euer Gnaden aufgesetzt und welche die hier anwesenden Bischöfe Seiner Majestät überreicht haben?“ Sancroft warf einen Blick auf das Papier und sagte dann zum Könige: „Sire, ich stehe hier als Angeklagter. Ich war dies noch nie und hätte früher nicht geglaubt, daß ich es je einmal werden könnte. Am allerwenigsten aber habe ich daran gedacht, daß mir ein Vergehen gegen meinen König zur Last gelegt werden könnte. Da ich aber das Unglück habe, in diese Lage gekommen zu sein, so wird Eure Majestät es mir nicht übel nehmen, wenn ich von dem mir gesetzlich zustehenden Rechte Gebrauch mache, nichts zu sagen, was mich als schuldig erscheinen lassen könnte.“ — „Dies ist bloße Chikane,“ erwiederte der König. „Euer Gnaden werden hoffentlich nicht so gewissenlos sein, daß Sie Ihre eigne Hand verleugnen?“ — „Sire,“ sagte Lloyd, der die Casuistik gründlich studirt hatte, „alle Theologen stimmen darin überein, daß Jemand, der sich in unsrer Lage befindet, die Antwort auf eine solche Frage verweigern darf.“ Der König, der eben so beschränkten Verstandes, als heftigen Temperamentes war, wußte nicht sogleich was der Prälat meinte. Er beharrte jedoch auf seinem Verlangen und gerieth in sichtbaren Zorn. „Sire,“ hob der Erzbischof wieder an, „ich bin nicht verpflichtet, mich selbst anzuklagen. Dessenungeachtet will ich, wenn Eure Majestät es durchaus befiehlt, eine Antwort geben, in dem Vertrauen, daß ein gerechter und edelsinniger Fürst das was ich lediglich aus Gehorsam gegen Höchstdessen Befehl thue, nicht als Rechtsbeweis gegen mich anwenden lassen wird.“ — „Sie dürfen mit Ihrem Souverain nicht kapituliren,“ sagte der Kanzler. „Nein,“ setzte der König hinzu, „ich werde einen solchen Befehl nicht geben. Wenn Sie es vorziehen, Ihre eigenen Handschriften abzuleugnen, so habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen.“
Die Bischöfe wurden zu wiederholten Malen ins Vorzimmer hinausgeschickt und eben so oft wieder hereingerufen. Endlich gab ihnen Jakob den bestimmten Befehl, auf die Frage zu antworten. Er verpflichtete sich allerdings nicht ausdrücklich dazu, daß ihr Geständniß nicht gegen sie angewendet werden sollte; aber nach dem was vorausgegangen war, mußten sie natürlich annehmen, daß diese Zusage selbstverständlich mit in dem Befehle enthalten sei. Sancroft erkannte seine Handschrift an, und seine Collegen folgten seinem Beispiele. Hierauf wurden sie über den Sinn einiger in der Petition vorkommenden Worte und über den Brief befragt, der im ganzen Lande verbreitet worden war und so großes Aufsehen gemacht hatte; aber ihre Antworten waren so vorsichtig, daß durch das Verhör nichts gewonnen wurde. Der Kanzler sagte ihnen nun, daß eine Criminaluntersuchung bei der Kings Bench gegen sie eingeleitet werden würde und forderte sie auf, sich wegen ihres Erscheinens jeder für seine eigne Person zu verpflichten. Dies lehnten sie aber ab. Sie seien Peers des Reiches, sagten sie, die besten Rechtsgelehrten von Westminster Hall hätten ihnen gesagt, daß keinem Peer in einer Untersuchung wegen Libells persönliche Bürgschaft angesonnen werden könne, und sie hielten sich nicht für berechtigt, auf eines ihrer Standesvorrechte zu verzichten. Der König war einfältig genug, es als eine persönliche Beleidigung gegen sich zu betrachten, daß die Bischöfe in einer Rechtsfrage sich durch juristischen Rath leiten ließen. „Sie glauben ja auch jedem Andren eher als mir,“ sagte er. Er fühlte sich ernstlich gedemüthigt und beunruhigt, denn er war so weit gegangen, daß ihm, wenn sie auf ihrem Vorsatze beharrten, nichts Andres übrig blieb, als sie in’s Gefängniß zu schicken, und wenn er auch keineswegs alle Folgen eines solchen Schrittes voraussah, so sah er doch so viel davon voraus, daß ihm bange wurde. Sie blieben fest. Es wurde daher wirklich ein Befehl ausgefertigt, welcher den Gouverneur des Tower anwies, sie in sicherem Gewahrsam zu halten und eine Barke brachte sie den Fluß hinunter nach dem Staatsgefängnisse.100
Ganz London wußte, daß die Bischöfe vor dem Geheimen Rathe standen. Das Publikum war in gespannter Erwartung. Eine große Menschenmenge füllte die Höfe von Whitehall und alle umliegenden Straßen. Viele Leute pflegten sich damals an Sommerabenden an der kühlen Themseluft zu erlaben; an diesem Abend aber war der ganze Fluß mit Böten bedeckt. Als die sieben Bischöfe in Begleitung einer Wache erschienen, konnte das Volk seine Gefühle nicht mehr beherrschen. Tausende fielen auf die Knie und beteten laut für die Männer, welche mit dem christlichen Muthe eines Ridley und Latimer einem von der ganzen Bigotterie der Maria erfüllten Tyrannen Trotz geboten hatten. Viele sprangen in den Fluß und riefen, bis über den Hüften in Schlamm und Wasser stehend, die heiligen Väter um ihren Segen an. Auf der ganzen Strecke von Whitehall bis zur London-Brücke fuhr die königliche Barke zwischen Reihen von Böten, aus denen beständig der Ruf: „Gott segne Eure Lordschaften!“ ertönte. Der König gab in seiner Angst Befehl, daß die Besatzung des Tower verstärkt, die Garden zum Feuern bereit gehalten und zwei Compagnien von jedem Regiment im ganzen Reiche unverzüglich nach London berufen werden sollten. Die Militairmacht aber, die er als das zuverlässigste Werkzeug zur Bändigung des Volkes ansah, theilte alle Gefühle desselben. Selbst die Schildwachen, welche am Verrätherthore unter Waffen standen, baten die Märtyrer, die sie bewachen sollten, um ihren Segen. Der Gouverneur des Tower war Sir Eduard Hales. Er war nicht eben geneigt, seine Gefangenen freundlich zu behandeln, denn er war von der Kirche, für die sie litten, abgefallen und bekleidete kraft der Dispensationsgewalt, gegen die sie protestirt hatten, mehrere einträgliche Stellen. Mit Entrüstung vernahm er, daß seine Soldaten auf das Wohl der Bischöfe tranken, und er befahl seinen Offizieren, dies ein für allemal zu verbieten; aber diese brachten ihm die Meldung, daß es sich nicht mehr verhindern lasse und daß in der ganzen Besatzung keine andre Gesundheit mehr ausgebracht werde. Übrigens bewiesen die Truppen ihre Verehrung für die Väter der Kirche nicht allein durch Toaste. Im ganzen Tower herrschte eine so andächtige Stimmung, daß fromme Geistliche dem Himmel dankten, daß er aus Bösem Gutes hervorgehen ließe und die Verfolgung seiner treuen Diener zum Rettungsmittel für viele Seelen machte. Tag für Tag sah man die Equipagen und Livreen der vornehmsten Kavaliere Englands vor den Eingängen des Gefängnisses, und Tausende von Zuschauern aus den bürgerlichen Klassen bedeckten fortwährend Towerhill.101 Von den verschiedenen Zeichen der öffentlichen Verehrung und Theilnahme für die Prälaten erfüllte aber namentlich eines mehr als alle anderen den König mit Zorn und Besorgniß. Er erfuhr, daß eine Deputation von zehn nonconformistischen Geistlichen die Bischöfe im Tower besucht hatte. Er ließ vier von ihnen zu sich entbieten und machte ihnen persönlich heftige Vorwürfe; sie aber antworteten ihm muthig, daß sie es für ihre Pflicht hielten, vergangene Streitigkeiten zu vergessen und zu den Männern zu stehen, welche die Träger des protestantischen Glaubens seien.102
Geburt des Prätendenten. Kaum hatten sich die Thore des Tower hinter den Gefangenen geschlossen, so trat ein Ereigniß ein, welches die allgemeine Aufregung noch vermehrte. Es war angekündigt worden, daß die Königin erst im Juli ihre Entbindung erwarte. Den Tag nach dem Verhöre der Bischöfe aber bemerkte man, daß der König sich angelegentlich nach ihrem Befinden erkundigte. Sie saß jedoch diesen Abend noch bis gegen Mitternacht in Whitehall am Spieltisch. Dann aber wurde sie in einer Sänfte in den St. Jamespalast gebracht, wo in aller Eil Zimmer für sie eingerichtet worden waren. Bald darauf eilten Boten nach allen Richtungen hin, um Ärzte und Priester, Staatsräthe und Kammerdamen herbeizuholen. Binnen wenigen Stunden waren eine Menge Staatsbeamte und vornehme Damen im Zimmer der Königin versammelt, und hier wurde am Morgen des 10. Juni, einem Sonntage, der von den allzutreuen Freunden einer schlechten Sache lange in Ehren gehalten wurde, der unglücklichste aller Fürsten geboren, bestimmt zu siebenundsiebzig Jahren der Verbannung und des Umherirrens, zu einem Leben voll eitler Pläne, voll Ehrenbezeigungen, welche kränkender sind als offene Beleidigungen, und voll Hoffnungen, die das Herz vor Gram vergehen lassen.
Man hält ihn allgemein für untergeschoben. Die traurigen Schicksale des armen Kindes begannen schon vor seiner Geburt. Die Nation über welche er nach der gewöhnlichen Erbfolgeordnung einst regiert haben würde, war fest überzeugt, daß seine Mutter gar nicht schwanger sei. Wäre seine Geburt auch durch noch so viele Zeugen bewiesen worden, ein großer Theil des Volks würde trotzdem wahrscheinlich bei der Behauptung geblieben sein, daß die Jesuiten ein geschicktes Taschenspielerkunststück ausgeführt hätten; der Beweis für die Thatsache ließ aber, theils durch Zufall, theils durch grobe Versehen manchen Einwürfen und Zweifeln Raum. Es waren zwar viele Personen beiderlei Geschlechts im königlichen Schlafgemache anwesend, als das Kind das Licht der Welt erblickte, aber keine von ihnen erfreute sich des öffentlichen Vertrauens im besonderen Grade. Von den anwesenden Geheimräthen waren die Hälfte Katholiken und die, welche sich Protestanten nannten, galten allgemein für Verräther an Gott und Vaterland. Unter den Kammerdamen befanden sich viele Französinnen, Italienerinnen und Portugiesinnen, und von den englischen Damen waren einige selbst Papistinnen, andere die Gattinnen von Papisten. Mehrere Personen, welche vorzugsweise hätten anwesend sein sollen, und deren Zeugniß allen Verständigen genügt haben würde, fehlten und man legte die Schuld an ihrer Abwesenheit dem Könige zur Last. Die Prinzessin Anna war von allen Bewohnern der ganzen Insel am meisten bei der Sache interessirt. Ihr Geschlecht und ihre Erfahrung berechtigte sie, als Wächterin des Geburtsrechts ihrer Schwester und ihres eigenen aufzutreten. Sie hatte starken Verdacht geschöpft, in welchem sie täglich durch geringfügige oder imaginäre Umstände bestärkt wurde. Es schien ihr, als ob die Königin geflissentlich ihren Fragen auswiche und sie schrieb diese Zurückhaltung, welche vielleicht im Zartgefühl ihren Grund hatte, dem Schuldbewußtsein zu.103 In Folge dessen hatte Anna sich vorgenommen, an dem entscheidenden Tage anwesend zu sein und ein scharfes Auge zu haben. Sie hatte es aber nicht für nöthig gehalten, schon einen Monat vor diesem Tage auf ihrem Posten zu sein, sondern war mit Bewilligung und angeblich auf Anrathen ihres Vaters nach Bath gereist, um dort eine Brunnenkur zu gebrauchen. Sancroft, dessen hohe Stellung ihm die Pflicht auferlegte, anwesend zu sein, und in dessen Rechtschaffenheit die Nation volles Vertrauen setzte, war einige Stunden vorher von Jakob in den Tower geschickt worden. Die Hyde waren die geeigneten Beschützer der Rechte beider Prinzessinnen. Der holländische Gesandte konnte als der Vertreter Wilhelm’s betrachtet werden, der als der erste Prinz von Geblüt und als Gemahl der ältesten Tochter des Königs das größte Interesse an dem Ereignisse hatte. Jakob aber dachte nicht daran, ein männliches oder weibliches Mitglied der Familie Hyde herbeizurufen und eben so wenig wurde der holländische Gesandte zugezogen.
Die Nachwelt hat den König von dem Betrug, dessen sein Volk ihn beschuldigte, vollkommen freigesprochen. Unmöglich aber kann man ihn von der Thorheit und Verkehrtheit freisprechen, welche den Irrthum seiner Zeitgenossen erklären und entschuldigen. Er wußte recht gut, welche argwöhnischen Vermuthungen man im Publikum hegte,104 und er hätte eben so gut wissen können, daß dieser Argwohn nicht durch das Zeugniß von Mitgliedern der römischen Kirche oder solchen Personen zerstreut werden konnte, die sich zwar Mitglieder der anglikanischen Kirche nannten, aber sich ganz bereit gezeigt hatten, die Interessen dieser Kirche zu opfern, um seine Gunst zu gewinnen. Daß der Eintritt des Ereignisses ihn vor der erwarteten Zeit überraschte, ist wahr, aber er hatte immerhin zwölf Stunden vor sich, um seine Anordnungen zu treffen. So gut als er den St. Jamespalast mit Bigotten und Schmarotzern füllen konnte, deren Wort die Nation nicht traute, eben so gut hätte er auch für die Anwesenheit einiger angesehenen Personen sorgen können, deren treue Anhänglichkeit an die Prinzessinnen und an die Landeskirche außer Zweifel stand.
Zu einer späteren Zeit, als er für seine tollkühne Verachtung der öffentlichen Meinung schwer gebüßt hatte, pflegte man in Saint-Germain ihn dadurch zu entschuldigen, daß man die Schuld auf Andere wälzte. Einige Jakobiten behaupteten, Anna habe sich absichtlich fern gehalten, ja sie scheuten sich nicht zu sagen, Sancroft habe den König herausgefordert, ihn in den Tower zu schicken, damit das Zeugniß, welches die Verleumdungen der Unzufriedenen widerlegen konnte, mangelhaft wäre.105 Die Abgeschmacktheit dieser Beschuldigung ist handgreiflich. Konnte Anna oder Sancroft vermuthen, daß die Königin sich in ihrer Berechnung um einen ganzen Monat geirrt hatte? Wäre ihre Berechnung richtig gewesen, so würde Anna gewiß, um der Entbindung beiwohnen zu können, zur rechten Zeit von Bath zurückgekehrt und Sancroft nicht im Tower gewesen sein. Jedenfalls aber waren die mütterlichen Oheime der Tochter des Königs weder von London entfernt noch im Gefängniß. Die nämlichen Boten, welche die ganze Schaar der Renegaten, Dover, Peterborough, Murray, Sunderland und Mulgrave, herbeiholten, hätten ganz eben so leicht auch Clarendon herbeirufen können. Er war so gut Geheimer Rath als sie, und seine Wohnung befand sich in Jermyn Street, keine zweihundert Schritt von den Gemächern der Königin. Dennoch ließ man es ihn erst in der St. Jameskirche durch die Bewegung und das Geflüster der Gemeinde erfahren, daß seine Nichte aufgehört hatte, die präsumtive Thronerbin zu sein.106 Gehörte er etwa deshalb nicht in das Entbindungszimmer, weil er ein naher Verwandter der Prinzessinnen von Oranien und von Dänemark war, oder weil er unerschütterlich treu an der anglikanischen Kirche hing?
Die ganze Nation sprach es laut und offen aus, daß ein Betrug gespielt worden sei. Mehre Monate lang hätten die Papisten auf der Kanzel und durch die Presse, in Prosa und in Versen, in englischer und in lateinischer Sprache prophezeit, daß die Bitten der Kirche erhört und ein Prinz von Wales geboren werden würde, und sie hätten jetzt selbst ihre Prophezeiung erfüllt. Jeder nicht zu bestechende oder zu hintergehende Zeuge sei sorgfältig ausgeschlossen worden. Anna habe man arglistigerweise zu einer Reise nach Bath überredet. Der Primas sei gerade am Tage vor dem zur Ausführung des Betrugs bestimmten den Vorschriften des Gesetzes und der Privilegien der Peers zum Trotz ins Gefängniß geworfen worden. Nicht eine einzige männliche oder weibliche Person, die das geringste Interesse an der Enthüllung des Betrugs haben konnte, sei zugezogen worden. Man habe die Königin plötzlich mitten in der Nacht in den St. Jamespalast gebracht, weil dieses Gebäude, für unehrliche Zwecke passender eingerichtet als Whitehall, einige für die Absichten der Jesuiten vortrefflich geeignete Zimmer und Gänge enthalte. Hier sei inmitten eines Kreises von Zeloten, denen nichts, was die Interessen ihrer Kirche fördern konnte, ein Verbrechen dünkte, und von Höflingen, welche nichts, was zu ihrer Bereicherung und Erhebung beitragen konnte, für Sünde hielten, ein neugeborenes Kind ins Bett der Königin practicirt und dann triumphirend als Erbe dreier Königreiche herumgegeben worden. Durch diesen zwar unbegründeten, aber nicht ganz unnatürlichen Verdacht aufgeregt, drängten sich die Leute nur um so eifriger danach, den frommen Opfern des Tyrannen zu huldigen, der, nachdem er lange seinem Volke das empörendste Unrecht zugefügt, das Maß seiner Schändlichkeit voll machte, indem er sich noch empörender an seinen eigenen Kindern verging107.
Der Prinz von Oranien, der selbst keinen Betrug argwöhnte und den Zustand der Volksstimmung in England nicht kannte, ordnete Dankgebete für seinen kleinen Schwager unter seinem eigenen Dache an und schickte Zulestein mit einem förmlichen Beglückwünschungsschreiben nach London. Zulestein hörte zu seinem großen Erstaunen Jedermann ganz offen von dem schändlichen Betruge sprechen, den die Jesuiten eben begangen haben sollten, und erblickte jede Stunde ein neues Pasquill auf die Schwangerschaft und die Entbindung der Königin. Er schrieb sehr bald nach dem Haag, von zehn Personen glaube nicht eine, daß die Königin dieses Kind geboren habe108.
Das Benehmen der gefangenen Prälaten erhöhte inzwischen die allgemeine Theilnahme, die ihre Lage erweckte. Am Abend des „schwarzen Freitags“, wie man den Tag ihrer Einkerkerung nannte, kamen sie gerade zur Stunde des Gottesdienstes in ihrem Gefängnisse an. Sie begaben sich sogleich in die Kapelle. Der Zufall wollte, daß im zweiten Vorlesestück die Worte vorkamen: „In allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes in großer Geduld und Trübsalen, in Nöthen und Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen.“ Alle eifrigen Anhänger der Staatskirche freuten sich dieses Zusammentreffens und erinnerten sich, wie ein ganz ähnliches vor fast vierzig Jahren Karl I. in seiner Todesstunde getröstet und erhoben hatte.
Am Abend des folgenden Tages, Samstag den 9. Juni, kam ein Schreiben von Sunderland, welcher dem Kaplan des Tower befahl, am nächsten Morgen beim Gottesdienste die Erklärung zu verlesen. Da die in dem Geheimrathsbefehl zur Verlesung in London bestimmte Zeit längst verstrichen war, so konnte dieses Verfahren der Regierung nur als eine ganz gemeine und kindische persönliche Insulte gegen die ehrwürdigen Gefangenen betrachtet werden. Der Kaplan weigerte sich zu gehorchen; er wurde sofort entlassen und die Kapelle geschlossen109.
Die Bischöfe werden vor die Kings Bench gestellt und müssen Bürgschaft leisten. Die Bischöfe erbauten Alle, die sich ihnen näherten, durch die Standhaftigkeit und Freudigkeit, mit der sie ihre Haft ertrugen, durch die Bescheidenheit und Demuth, mit der sie die Beifallsbezeigungen und Segenswünsche der ganzen Nation aufnahmen, und durch die loyale Anhänglichkeit, die sie für den Tyrannen, der sie in’s Verderben stürzen wollte, an den Tag legten. Am Freitag den 15. Juni, dem ersten Sitzungstage der Kings Bench, wurden sie vor diesen Gerichtshof gestellt. Eine ungeheure Menschenmenge erwartete ihre Ankunft. Vom Landungsplatze bis zur Court of Requests gingen sie durch eine Doppelreihe von Zuschauern, welche ihnen Segenswünsche und Beifall zuriefen. „Lieben Freunde,“ sagten die Gefangenen im Vorübergehen, „ehret den König und gedenket unserer in Euren Gebeten.“ Diese demüthigen und frommen Worte rührten Viele bis zu Thränen. Als sich der Zug endlich durch das Gedränge einen Weg gebahnt hatte und vor den Richtern angekommen war, verlas der Generalfiskal die Anklage, welche er auf hohen Befehl ausgearbeitet hatte und stellte den Antrag, daß die Beklagten aufgefordert werden sollten, auf die Klage einzugehen. Der Vertheidiger wendete dagegen ein, die Bischöfe seien gesetzwidrig verhaftet worden, und ihr Erscheinen vor dem Gerichtshofe sei daher nicht ordnungsgemäß. Die Frage, ob ein Peer unter einer Anklage wegen Libells sein Erscheinen vor Gericht gehörig zu verbürgen habe, wurde ausführlich erörtert und endlich von der Mehrheit der Richter zu Gunsten der Krone entschieden. Die Gefangenen erklärten sich nun für nichtschuldig. Der vierzehnte Tag darauf, der 29. Juni, wurde zur Verhandlung ihres Prozesses anberaumt. Bis dahin wurden sie gegen das persönliche Versprechen, sich zu stellen, in Freiheit gesetzt. Die Kronanwälte thaten sehr weise daran, aß sie keine fremde Bürgschaft verlangten, denn Halifax hatte dafür gesorgt, daß einundzwanzig weltliche Peers vom höchsten Ansehen, je drei für einen Angeklagten, zur Bürgschaftleistung bereit waren, und eine solche Gesinnungsäußerung des hohen Adels würde für die Regierung ein harter Schlag gewesen sein. Eben so wußte man, daß einer der reichsten, Dissenters der Hauptstadt um die Ehre nachgesucht hatte, für Ken Bürgschaft leisten zu dürfen.
Die Bischöfe durften nun in ihre Heimath zurückkehren. Das niedere Volk, welches von dem bei der Kings Bench beobachteten Gerichtsverfahren nichts wußte und nur sah, daß ihre Lieblinge, nachdem sie unter Bedeckung nach Westminster Hall gebracht worden waren, jetzt sich in voller Freiheit wieder entfernen durften, glaubte, die gute Sache habe gesiegt, und brach in lauten Beifallsjubel aus, während zugleich fröhliches Glockengeläute von allen Thürmen ertönte. Sprat erstaunte nicht wenig, als er die Glocken seiner eigenen Abtei lustig erklingen hörte. Er brachte sie sofort zum Schweigen, aber seine Einmischung erregte viel unwilliges Murren. Die Bischöfe wußten gar nicht, wie sie sich vor der zudringlichen Masse ihrer Freunde retten sollten. Lloyd wurde im Palasthofe von Verehrern zurückgehalten, die sich um die Gunst stritten, seine Hände zu berühren und den Saum seines Rockes zu küssen, bis endlich Clarendon ihn nicht ohne Anstrengung befreite und ihn durch eine Seitengasse nach Hause führte. Man sagte, Cartwright sei so unvorsichtig gewesen, sich unter das Volk zu mischen. Jemand, der ihn an seinem Bischofsgewand erkannte, erbat sich und erhielt seinen Segen. „Wißt Ihr, von wem Ihr Euch eben habt segnen lassen?“ rief einer der Umstehenden. „Nun, es war doch gewiß einer von den Sieben?“ versetzte Der, welcher eben mit dem Segen beehrt worden war. „Nein,“ entgegnete der Andere, „es war der papistische Bischof von Chester.“ — „Papistischer Hund!“ rief der Protestant wüthend, „nimm Deinen Segen zurück!“
Der Zusammenlauf und die Aufregung waren so groß, daß der holländische Gesandte sich wunderte, den Tag ohne einen Aufstand enden zu sehen. Dem Könige war durchaus nicht wohl zu Muthe gewesen. Um jede Ruhestörung sogleich unterdrücken zu können, hatte er am Morgen in Hydepark mehrere Bataillone Infanterie gemustert. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht, daß diese Truppen zu ihm gehalten haben würden, wenn er ihrer Dienste bedurft hätte. Als Sancroft am Nachmittag in Lambeth ankam, fand er die in dieser Vorstadt liegenden Grenadiergarden vor dem Eingange seines Palastes versammelt. Sie stellten sich in einer Doppelreihe auf und während er zwischen ihnen hinschritt, baten sie ihn um seinen Segen. Nur mit Mühe hielt er sie davon ab, daß sie zur Feier seiner Rückkehr in seine Wohnung ein Freudenfeuer anzündeten. Es brannten übrigens an jenem Abend mehrere Freudenfeuer in der Hauptstadt. Zwei Katholiken, welche so unbesonnen waren, einige Knaben zu schlagen, weil sie an diesen öffentlichen Freudenbezeigungen Theil nahmen, wurden vom Pöbel ergriffen, nackt ausgezogen und schimpflich gebrandmarkt110.
Jetzt forderte Sir Eduard Hales seine Gebühren von den Bischöfen, die seine Gefangenen gewesen waren. Sie weigerten sich, einem Beamten, dessen Bestallung sie nach ihren Grundsätzen für null und nichtig ansahen, etwas für eine in ihren Augen gesetzwidrige Haft zu bezahlen. Hierauf gab ihnen der Gouverneur sehr deutlich zu verstehen, daß, wenn sie noch einmal in seine Hände kämen, er sie in schwere Eisen legen und auf die nackten Steine betten werde. „Wir haben uns die Ungnade unsres Königs zugezogen,“ war ihre Antwort, „und wir empfinden dies sehr schmerzlich; ein Mitunterthan aber, der uns droht, strengt nutzlos seine Lunge an.“ Man kann leicht denken, mit welchem Unwillen das ohnehin schon gereizte Volk erfuhr, daß ein vom protestantischen Glauben Abgefallener, der den Grundgesetzen Englands zum Hohn einen Commandoposten bekleidete, es gewagt hatte, ehrwürdigen Geistlichen mit allen Barbareien von Lollard’s Tower zu drohen111.
Aufregung der Gemüther. Bis zu dem Tage des Prozesses hatte sich die Aufregung nach den entferntesten Winkeln der Insel verbreitet. Aus Schottland erhielten die Bischöfe Zuschriften, in denen sie der Sympathie aller Presbyterianer dieses dem Prälatenthum so lange und so bitter Feind gewesenen Landes versichert wurden112. Die Bevölkerung von Cornwall, ein trotziges, kühnes und herkulisches Geschlecht, das ein stärkeres Provinzialgefühl hatte, als man es in irgend einem andren Theile des Landes fand, nahm großen Antheil an der Gefahr, in welcher Trelawney schwebte, den sie weniger als einen Leiter der Kirche, denn als das Oberhaupt eines angesehenen Hauses und als den Erben von zwanzig Ahnen verehrten, welche schon in hohem Ansehen standen, ehe die Normannen den Fuß auf englischen Boden gesetzt hatten. In der ganzen Grafschaft sang das Landvolk eine Ballade, deren Refrain noch nicht vergessen ist:
„Und bringt man Trelawney um, bringt man Trelawney um, Wollen dreißigtausend cornische Burschen wissen warum?“
Die Bergleute sangen das Lied mit einer kleinen Variation:
„Wollen Zwanzigtausend unter der Erde wissen warum.“113
In manchen Theilen des Landes sprachen die Bauern laut eine sonderbare Hoffnung aus, welche nie aufgehört hat, in ihren Herzen fortzuleben. Sie meinten, ihr protestantischer Herzog, ihr geliebter Monmouth, werde plötzlich wieder erscheinen, sie zum Siege führen und den König wie die Jesuiten unter seinen Füßen zertreten114.
Die Minister waren in der größten Angst; selbst Jeffreys würde gern seine Maßregeln zurückgenommen haben. Er beauftragte Clarendon mit freundlichen Botschaften an die Bischöfe und wälzte die Schuld an der Verfolgung, zu der er selbst gerathen hatte, auf Andere. Sunderland wagte es noch einmal, Zugeständnisse anzuempfehlen. Die glückliche Geburt eines Prinzen, sagte er, biete dem Könige eine vortreffliche Gelegenheit, eine gefährliche und nachtheilige Stellung aufzugeben, ohne sich den Vorwurf der Zaghaftigkeit oder der Launenhaftigkeit zuzuziehen. Bei so erfreulichen Anlässen sei es stets Sitte gewesen, daß der Fürst die Herzen seiner Unterthanen durch Gnadenacte erfreue, und nichts könne dem Prinzen von Wales mehr zum Vortheile gereichen, als wenn er schon in der Wiege der Friedensstifter zwischen seinem Vater und der aufgebrachten Nation würde. Aber des Königs Entschluß stand fest. „Ich werde fortfahren,“ sagte er, „ich bin nur zu nachsichtig gewesen. Die Nachsicht war meines Vaters Verderben“115.
Sunderland’s Angst. Der schlaue Minister kam dahinter, daß sein Rath früher nur deshalb angenommen worden war, weil er denselben jederzeit nach dem Willen des Königs eingerichtet hatte, daß er aber von dem Augenblicke an, wo er wirklich guten ertheilte, kein Gehör mehr finden würde. Bei dem Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium hatte er einige Lauheit gezeigt. Er hatte ferner ganz neuerdings den König zu überzeugen gesucht, daß Tyrconnel’s Plan zur Confiscirung des Eigenthums der englischen Colonisten in Irland höchst gefährlich sei, und er hatte es mit Hülfe Powis’ und Bellasyse’s wenigstens dahingebracht, daß die Ausführung des Planes noch um ein Jahr aufgeschoben wurde. Aber diese zaghafte Bedenklichkeit hatte den Keim des Widerwillens und Mißtrauens ins Herz des Königs gelegt116. Der Tag der Vergeltung war jetzt gekommen. Sunderland war in der nämlichen Lage, in der sich einige Monate früher sein Nebenbuhler Rochester befunden hatte. Beide Staatsmänner lernten die Angst eines Menschen kennen, der sich krampfhaft an eine Stütze anklammert, die seinen Händen mehr und mehr entschlüpft. Beide sahen ihre Rathschläge verächtlich zurückgewiesen. Beide erlitten die Qual, in den Mienen und dem Benehmen ihres Gebieters Unzufriedenheit und Mißtrauen zu lesen, und doch wurden Beide von ihrem Vaterlande für die Verbrechen und Irrthümer, von denen sie ihn vergebens zurückzubringen versucht hatten, verantwortlich gemacht. Während er sie in dem Verdacht hatte, daß sie auf Kosten seiner Autorität und seiner Würde sich populär machen wollten, beschuldigte die öffentliche Stimme sie laut des Versuchs, auf Kosten ihrer eigenen Ehre und des Gemeinwohls die königliche Gunst zu gewinnen. Doch trotz aller Kränkungen und Demüthigungen hielten Beide ihren Ministerposten mit der verzweifelten Kraft Ertrinkender umklammert. Beide versuchten es, den König wieder günstig zu stimmen, indem sie sich stellten, als ob sie zum Anschluß an seine Kirche geneigt wären. Es gab aber eine Grenze, welche Rochester entschlossen war nicht zu überschreiten. Er ging bis an den Rand des Glaubensabfalls; hier aber blieb er stehen und in Berücksichtigung der Standhaftigkeit, mit der er sich weigerte, den letzten Schritt zu thun, verzieh ihm die Welt großmüthig seine frühere Willfährigkeit.
Er erklärt sich für einen Katholiken. Der weniger gewissenhafte und für das Schamgefühl weniger empfängliche Sunderland beschloß durch einen Schritt, der jedem von der Wichtigkeit der religiösen Überzeugung durchdrungenen Gemüth als eines der schändlichsten Verbrechen erscheinen mußte und den selbst weltlich gesinnte Menschen als das Übermaß von Verworfenheit betrachten, seine bisherige Mäßigung wieder gut zu machen und das Vertrauen des Königs wieder zu gewinnen. Ungefähr eine Woche vor dem zur Verhandlung des Prozesses anberaumten Tage erschien die öffentliche Ankündigung, daß er Papist geworden sei. Der König sprach mit Entzücken von diesem Siege der göttlichen Gnade. Die Höflinge und auswärtigen Gesandten bemühten sich nach Kräften ernsthaft zu bleiben, als der Renegat versicherte, daß er schon lange von der Unmöglichkeit überzeugt sei, außerhalb des Schooßes der römischen Kirche selig werden zu können, und daß sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen, bis er sich von dem Ketzerglauben losgesagt habe, in dem er erzogen worden. Die Neuigkeit verbreitete sich schnell. In allen Kaffeehäusern erzählte man sich, wie der Premierminister von England barfuß und mit einer Kerze in der Hand sich nach der königlichen Kapelle begeben und demüthig um Einlaß gebeten, wie die Stimme eines Priesters drinnen gefragt habe, wer da sei, wie Sunderland zur Antwort gegeben, ein armer Sünder, der lange fern von der wahren Kirche umherirre, flehe um Aufnahme und Absolution, wie hierauf die Thüren geöffnet worden seien und der Neubekehrte an den heiligen Mysterien habe Theil nehmen dürfen117.
Prozeß der Bischöfe. Dieser schmachvolle Abfall konnte das Interesse nur erhöhen, mit dem die Nation dem Tage entgegensah, an welchem das Schicksal der sieben muthigen Bekenner der anglikanischen Kirche entschieden werden sollte. Eine willfährige Jury zusammenzubringen war jetzt das Hauptziel des Königs. Die Kronanwälte erhielten Befehl, die Gesinnung der Männer, welche in das Verzeichniß der Freisassen eingetragen waren, genau zu erforschen. Sir Samuel Astry, Sekretär der Krone, dem die Auswählung der Namen in solchen Fällen oblag, wurde in den Palast beschieden und hatte eine Unterredung mit Jakob, an welcher der Kanzler Theil nahm118. Sir Samuel scheint sein Möglichstes gethan zu haben, denn es befanden sich, wie es hieß, unter den achtundvierzig Personen, die er auswählte, mehrere Diener des Königs und mehrere Katholiken119. Da aber der Vertheidiger der Bischöfe das Recht hatte, zwölf davon zu streichen, so waren diese natürlich die gestrichenen. Die Kronanwälte strichen ebenfalls zwölf und die Liste reducirte sich dadurch auf vierundzwanzig. Die ersten zwölf, welche aufgerufen wurden, hatten dann den Ausspruch zu thun.
Am neunundzwanzigsten Juni waren Westminsterhall, der alte und der neue Palasthof und alle benachbarten Straßen weithin mit einer dicht gedrängten Volksmasse angefüllt. Ein so zahlreiches Auditorium war nie zuvor und ist auch seitdem nie wieder im Gerichtssaale der Kings Bench versammelt gewesen. Man zählte fünfunddreißig weltliche Peers unter der Menge120.
Sämmtliche vier Richter des Gerichtshofes waren anwesend. Wright, der den Vorsitz führte, war einzig und allein wegen seiner gewissenlosen Servilität vielen tüchtigeren und gelehrteren Männern bei Besetzung seines hohen Postens vorgezogen worden. Allibone war Papist und verdankte seine Stellung der Dispensationsgewalt, deren Gesetzlichkeit eben in Frage stand. Holloway war seither ein willenloses Werkzeug der Regierung gewesen. Selbst Powell, der sich des Rufes strenger Rechtschaffenheit erfreute, hatte bei einigen Vorgängen eine Rolle gespielt, die sich nicht vertheidigen läßt. Er hatte in dem wichtigen Prozesse Sir Eduard Hales’, allerdings mit einigem Bedenken und nach einigem Zögern, mit der Mehrheit der Richter gestimmt und dadurch auf seinen Character einen Flecken geworfen, der aber durch sein ehrenwerthes Benehmen an diesem Tage völlig verwischt wurde.
Die beiderseitigen Rechtsanwälte waren einander durchaus nicht ebenbürtig. Die Regierung hatte von ihren Kronjuristen so gehässige und entehrende Dienste verlangt, daß die ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten und Advokaten der Torypartei nach einander ihre Mitwirkung verweigert hatten und ihrer Ämter entsetzt worden waren. Sir Thomas Powis, der Generalfiskal, war kaum ein Jurist dritten Ranges. Der Generalprokurator, Sir Wilhelm Williams, besaß zwar einen scharfen Verstand und einen unbeugsamen Muth, aber es fehlte ihm an der nöthigen Ruhe und Bedächtigkeit; er war streitsüchtig, konnte sein Temperament nicht beherrschen und wurde von allen politischen Parteien gehaßt und verachtet. Die hervorragendsten Beistände des Fiskals und des Prokurators waren Serjeant Trinder, ein Katholik, und Sir Bartholomäus Shower, Syndikus von London, der einige juristische Kenntnisse besaß, aber wegen seiner oft den Anstand verletzenden Vertheidigungen und seiner endlosen Wiederholungen das Gespött von ganz Westminsterhall war. Gern hätte die Regierung Maynard’s Dienste gewonnen; aber er hatte geradezu erklärt, daß er sich auf das, was man von ihm verlangte, mit gutem Gewissen nicht einlassen könne121.