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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Geschichte von England (continued 3)

Reading edition

Plötzlich erhielten drei von den in Salisbury stehenden Kavallerieregimentern Befehl zum Abmarsch nach dem Westen. Cornbury stellte sich an ihre Spitze und führte sie zuerst nach Blandford und dann nach Dorchester. Von Dorchester brachen sie nach einer kurzen Rast von einigen Stunden nach Axminster auf. Einige von den Offizieren begannen Verdacht zu schöpfen und verlangten eine Erklärung dieser sonderbaren Bewegungen. Cornbury antwortete, er habe Befehl, einen nächtlichen Angriff auf eine Truppenabtheilung zu machen, die der Prinz von Oranien bei Honiton postirt habe. Doch der Argwohn war einmal rege, es wurden weitere Fragen gestellt, aber ausweichend beantwortet. Endlich wurde Cornbury geradezu aufgefordert, seine Instruction vorzuzeigen. Er sah ein, daß es ihm nicht nur unmöglich sein würde, mit allen drei Regimentern überzugehen, sondern daß er sich auch selbst in einer höchst gefährlichen Lage befand. In Folge dessen stahl er sich mit einigen wenigen Begleitern fort in das holländische Hauptquartier. Der größte Theil seiner Truppen kehrte nach Salisbury zurück; ein andrer Theil aber, der von dem Hauptcorps detaschirt worden war und die Absichten des Befehlshabers nicht ahnete, marschirte bis Honiton. Hier sahen sie sich inmitten eines zu ihrem Empfange vollständig gerüsteten starken Armeecorps. Widerstand war unmöglich. Ihr Anführer drang in sie, unter Wilhelm zu dienen. Es wurde ihnen ein Monatssold als Geschenk angeboten, und die Meisten nahmen dies an.111

Die Nachricht von diesen Vorgängen kam am Fünfzehnten nach London. Jakob war am Morgen dieses Tages sehr heiterer Laune gewesen. Der Bischof Lamplugh hatte eben nach seiner Ankunft von Exeter dem Hofe seine Aufwartung gemacht und war sehr gnädig empfangen worden. „Mylord,“ sagte der König zu ihm, „Sie sind ein ächter alter Kavalier.“ Lamplugh erhielt zum Lohn für seine Loyalität sofort das schon seit mehr als dritthalb Jahren erledigte Erzbisthum York. Am Nachmittage, als der König sich eben zu Tisch setzte, kam ein Expresser mit der Nachricht von Cornbury’s Abfall. Jakob erhob sich von der Tafel, ohne die Speisen zu berühren, genoß nichts als eine Brotrinde und ein Glas Wein und zog sich in sein Privatkabinet zurück. Er erfuhr später, daß nach seinem Weggange aus dem Speisesaale mehrere anwesende Lords, in die er das größte Vertrauen setzte, sich in der anstoßenden Gallerie die Hände geschüttelt und einander beglückwünscht hatten. Als die Botschaft der Königin mitgetheilt wurde, brach sie mit ihren Damen in Thränen und Wehklagen aus.112

Der Schlag war allerdings hart. Zwar belief sich der unmittelbare Verlust der Krone und der unmittelbare Gewinn der Feinde auf kaum zweihundert Mann und eben so viele Pferde. Aber wo konnte der König von nun an hoffen, diejenigen Gesinnungen zu finden, welche die Stärke der Staaten und der Armeen bilden? Cornbury war der Erbe eines Hauses, das sich stets durch seine Anhänglichkeit an die Monarchie ausgezeichnet hatte. Sein Vater Clarendon und sein Oheim Rochester waren Männer, deren Loyalität für unerschütterlich galt. Wie stark mußte das Gefühl sein, gegen welches die am tiefsten wurzelnden angeerbten Vorurtheile nicht Stand hielten, das Gefühl, das einen jungen Offizier von vornehmer Geburt zu einer durch Vertrauensbruch und grobe Falschheit verschlimmerten Desertion bewegen konnte? Daß Cornbury kein besonders talentvoller und unternehmender Mann war, machte den Vorfall nur noch beunruhigender. Man konnte unmöglich daran zweifeln, daß er irgendwo einen mächtigen und gewandten Verführer hatte. Wer dieser Verführer war, das sollte sich bald zeigen. Mittlerweile aber konnte Niemand im königlichen Lager sicher sein, daß er nicht von Verräthern umgeben war. Politische Stellung, mititairischer Rang, Kavalierehre, Soldatenehre, die stärksten Betheuerungen, das reinste Adelsblut boten keine Sicherheit mehr. Jedermann konnte mit Grund zweifeln, ob nicht jeder Befehl, den er von seinem Vorgesetzten erhielt, den Zwecken des Feindes dienen sollte. Der pünktliche Gehorsam, ohne den eine Armee nichts als ein zügelloser Pöbelhaufe ist, mußte nothwendig vorbei sein. Welche Disciplin konnte man von Soldaten erwarten, welche eben einer Schlinge entgangen waren, indem sie sich weigerten, ihren commandirenden Offizier zu einer geheimen Expedition zu folgen, und indem sie auf Vorzeigung seiner Befehle drangen?

Cornbury wurde bald durch eine Menge in Rang und Fähigkeiten hoch über ihm stehender Überläufer unterstützt; einige Tage lang aber stand er ganz allein mit seiner Schande da und wurde von Vielen, welche nachher seinem Beispiele folgten und ihn darum beneideten, daß er zuerst den entehrenden Schritt gethan, heftig geschmäht. Unter diesen war sein eigner Vater. Der erste Ausbruch von Clarendon’s Zorn und Schmerz war ergreifend. „O Gott!“ rief er aus, „daß einer meiner Söhne ein Rebell werden mußte!“ Vierzehn Tage später entschloß er selbst sich dazu, ein Rebell zu werden. Man würde ihm jedoch Unrecht thun, wollte man ihn für einen bloßen Heuchler erklären. In Revolutionen lebt der Mensch schnell; die Erfahrung von Jahren drängt sich in wenigen Stunden zusammen; alte Gewohnheiten im Denken und Handeln werden gewaltsam gebrochen; man wird mit Neuerungen, die auf den ersten Anblick Entsetzen und Abscheu erwecken, binnen wenigen Tagen vertraut, man findet sie erträglich, ja anziehend. Viele weit tugendhaftere und muthigere Männer als Clarendon waren vor dem Schlusse jenes denkwürdigen Jahres zu Handlungen bereit, die sie am Anfange desselben für ruchlos und entehrend erklärt haben würden.

Der unglückliche Vater tröstete sich so gut er konnte und hielt um eine Privataudienz beim Könige an. Sie wurde ihm bewilligt. Jakob sagte mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit, daß er Cornbury’s Verwandte aufrichtig bedaure und sie von aller Schuld an dem Verbrechen ihres entarteten Familienmitgliedes durchaus freispreche. Clarendon kehrte nach Hause zurück und wagte es kaum, seinen Freunden ins Auge zu blicken. Bald aber erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß der Schritt, den er anfangs für seine Familie auf immer entehrend gehalten hatte, von vielen hochstehenden Personen gelobt wurde. Seine Nichte, die Prinzessin von Dänemark, fragte ihn, warum er sich so zurückziehe. Er antwortete ihr, daß die Schändlichkeit seines Sohnes ihn völlig zu Boden drücke. Anna schien diesen Kummer durchaus nicht zu begreifen. „Das Volk,“ sagte sie, „ist der Herrschaft des Papismus müde. Ich glaube, daß Viele von der Armee das Nämliche thun werden.“113

Der König rief nun in seiner Angst alle noch in London anwesenden hohen Offiziere zusammen. Churchill, welcher kurz vorher zum Generallieutenant befördert worden war, erschien mit der heiteren Ruhe, die weder Gefahr noch Schande je zu erschüttern vermochten. Heinrich Fitzroy, Herzog von Grafton, der sich unter den natürlichen Kindern Karl’s II. durch seine Verwegenheit und Thätigkeit auszeichnete, wohnte der Zusammenkunft bei. Grafton war Oberst des ersten Regiments der Fußgarden. Er scheint damals ganz unter Churchills Einfluß gestanden zu haben und war bereit, bei der ersten günstigen Gelegenheit die königliche Fahne zu verlassen. Außerdem waren noch zwei andere Hochverräther anwesend, Kirke und Trelawney, welche die damals unter der Bezeichnung der tangerschen Regimenter bekannten zwei wilden und zügellosen Heerhaufen befehligten. Sie hatten Beide, wie alle anderen protestantische Offiziere der Armee, die Parteilichkeit, welche der König für die Mitglieder seiner eigenen Kirche an den Tag legte, schon seit langer Zeit mit großem Mißfallen betrachtet, und Trelawney erinnerte sich mit bitterem Grolle der Verfolgung seines Bruders, des Bischofs von Bristol. Jakob hielt eine Ansprache an die Versammlung, die eines besseren Mannes und einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Es könnte sein, sagte er, daß einige von seinen Offizieren Gewissensbedenken hätten, für ihn zu kämpfen. Wenn dem so wäre, sei er bereit, ihre Patente zurückzunehmen. Aber er beschwöre sie als Gentlemen und Soldaten, das schmachvolle Beispiel Cornbury’s nicht nachzuahmen. Alle schienen tief ergriffen zu sein, am tiefsten Churchill. Er war der Erste, der mit vortrefflich gespielter Begeisterung gelobte, daß er sein Blut bis auf den letzten Tropfen für seinen huldvollen Gebieter zu vergießen bereit sei. Grafton ergoß sich in ähnliche laute Betheuerungen und seinem Beispiele folgten auch Kirke und Trelawney.114

Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments. Durch diese Versicherungen getäuscht, schickte der König sich zum Aufbruch nach Salisbury an. Vor seiner Abreise wurde er benachrichtigt, daß eine beträchtliche Anzahl weltlicher und geistlicher Peers ihn um eine Audienz bitten ließen. Sie kamen mit Sancroft an ihrer Spitze um eine Petition zu überreichen, in der sie um Einberufung eines freien und gesetzlichen Parlaments und um Einleitung von Unterhandlungen mit dem Prinzen von Oranien baten.

Die Geschichte dieser Petition ist interessant. Die Idee scheint zwei wichtigen Parteihäuptern, welche lange Nebenbuhler und Feinde gewesen waren, Rochester und Halifax, zu gleicher Zeit gekommen zu sein. Sie zogen Beide unabhängig von einander die Bischöfe deshalb zu Rathe. Diese zollten dem Vorschlage warmen Beifall. Es wurde nun darauf angetragen, eine Generalversammlung der Peers anzuberaumen, um über die Form der dem Könige zu überreichenden Adresse zu berathen. Es war gerade Terminzeit der Gerichtshöfe, und zu dieser Zeit war Westminsterhall jeden Tag von hochgestellten und vornehmen Männern angefüllt, wie gegenwärtig die Clubs in Pall Mall und St. James Street. Nichts war leichter, als daß die dort versammelten Lords sich zu einer Berathung in ein Nebenzimmer begaben. Allein es erhoben sich unerwartete Schwierigkeiten. Halifax wurde zuerst kalt und dann sogar der Sache abgeneigt. Es lag in seiner Natur, gegen Alles Einwendungen zu entdecken und in gegenwärtigem Falle wurde seine Erfindungsgabe durch die Eifersucht noch besonders geschärft. Der Plan, der seinen Beifall gehabt hatte, so lange er ihn als seinen eigenen betrachtete, begann ihm zu mißfallen, sobald er entdeckte, daß es auch der Plan Rochester’s war, der ihm so lange hinderlich im Wege gestanden und ihn endlich verdrängt hatte, und gegen den er eine so starke Abneigung empfand, als er bei seinem sanften Character überhaupt gegen Jemanden empfinden konnte. Nottingham stand damals bedeutend unter Halifax’ Einflusse. Sie erklärten Beide, daß sie die Adresse nicht unterzeichnen würden, wenn Rochester sie mit unterzeichnete. Clarendon’s Vorstellungen blieben erfolglos. „Es ist nicht meine Absicht,“ sagte Halifax, „Mylord Rochester zu beleidigen, aber er ist Mitglied der kirchlichen Commission gewesen, die Proceduren dieses Gerichtshofes werden bald einer strengen Untersuchung unterzogen werden, und es ist unpassend, daß ein Mann, der einen Sitz darin eingenommen hat, sich an unseren Maßregeln betheiligt.“ Nottingham sprach unter lebhaften Versicherungen seiner persönlichen Hochachtung für Rochester die nämliche Ansicht aus. Die Autorität der beiden dissentirenden Lords hielt mehrere andere Kavaliere ab, die Petition zu unterschreiben; aber die Hyde und die Bischöfe blieben bei ihrem Vorhaben. Es kamen neunzehn Unterschriften zusammen und die Petenten begaben sich in pleno zu dem Könige.115

Er nahm ihre Adresse sehr ungnädig auf. Er versicherte zwar, daß er selbst den Zusammentritt eines freien Parlaments dringend wünsche und versprach ihnen auf sein königliches Wort, ein solches einzuberufen, sobald der Prinz von Oranien die Insel wieder verlassen haben würde. „Aber,“ setzte er hinzu, „wie kann ein Parlament frei sein, so lange ein Feind im Lande ist und nahe an hundert Stimmen gewinnen kann?“ Zu den Prälaten sprach er mit besonderer Gereiztheit. „Neulich,“ sagte er, „konnte ich Sie nicht dazu bewegen, Sich gegen die Invasion zu erklären; jetzt aber sind Sie völlig bereit, Sich gegen mich zu erklären. Damals wollten Sie Sich nicht in die Politik mischen; heute tragen Sie kein Bedenken mehr, Sich in dieselbe zu mischen. Sie haben den Geist der Empörung unter Ihren Heerden erregt, und jetzt schüren Sie ihn noch an. Sie würden Ihre Zeit besser anwenden, wenn Sie sie lehrten mir zu gehorchen, anstatt daß Sie mich lehren wollen zu regieren.“ Sehr aufgebracht war er auch gegen seinen Neffen Grafton, dessen Name unmittelbar unter Sancroft’s Namen stand, und er sagte mit großer Heftigkeit zu dem jungen Manne: „Sie verstehen nichts von Religion, Sie kümmern Sich auch gar nicht darum, und doch wollen Sie behaupten, daß Sie ein Gewissen haben!“ — „Es ist wahr, Sire,“ erwiederte Grafton mit schamloser Offenheit, „ich habe sehr wenig Gewissen; aber ich gehöre einer Partei an, die sehr viel hat“.116

So gereizt die Sprache des Königs gegen die Bischöfe selbst war, so wurde sie doch noch viel bitterer, nachdem sie sich entfernt hatten. In der Hoffnung, sein pflichtvergessenes und undankbares Volk zufrieden zu stellen, sagte er, habe er schon viel zu viel gethan. Der Gedanke an Zugeständnisse sei ihm von jeher verhaßt gewesen, doch er habe sich überreden lassen, und jetzt habe er wie sein Vater gesehen, daß Zugeständnisse die Unterthanen nur noch anspruchsvoller machten. Er wolle nun aber nichts mehr bewilligen, kein Atom, welche letzten zwei Worte er seiner Gewohnheit nach mehrere Male mit Heftigkeit wiederholte. Er wolle den Angreifern nicht nur keine Eröffnungen machen, sondern auch keine von ihnen annehmen. Sollten die Holländer Parlamentaire schicken, so würde der erste ohne Antwort zurückgeschickt und der zweite gehängt werden.117

Der König begiebt sich nach Salisbury. In dieser Stimmung reiste Jakob nach Salisbury ab. Sein letzter Act vor seiner Abreise war die Ernennung eines Rathes von fünf Lords, die ihn während seiner Abwesenheit in London vertreten sollten. Zwei davon waren Papisten und deshalb gar nicht befähigt zu diesem Amte. Ihnen zur Seite stand Jeffreys, zwar ein Protestant, aber von der Nation mehr verabscheut, als irgend ein Papist. Gegen die übrigen zwei Mitglieder des Collegiums, Preston und Godolphin, war nichts Erhebliches einzuwenden. An dem Tage, an welchem der König London verließ, wurde der Prinz von Wales nach Portsmouth geschickt. Diese Festung hatte eine starke Besatzung und Berwick war Gouverneur. Die von Dartmouth commandirte Flotte lag nahe zur Hand, und so hoffte man, wenn die Dinge eine unglückliche Wendung nahmen, den kleinen Prinzen ohne Schwierigkeit von Portsmouth nach Frankreich bringen zu können.118

Am Neunzehnten traf der König in Salisbury ein und stieg im bischöflichen Palaste ab. Von allen Seiten kamen ihm nun in rascher Aufeinanderfolge schlimme Nachrichten zu. Die westlichen Grafschaften hatten sich endlich erhoben. Sobald Cornbury’s Abfall bekannt wurde, faßten sich viele reiche Grundeigenthümer ein Herz und eilten nach Exeter. Unter ihnen befand sich Sir Wilhelm Portman von Bryanstone, einer der angesehensten Männer von Dorsetshire, und Sir Franz Warre von Hestercombe, der in Somersetshire großen Einfluß hatte.119

Seymour. Der Bedeutendste von den Neuangekommenen aber war Seymour, der unlängst eine Baronetschaft geerbt hatte, welche jedoch seinen Rang wenig erhöhte, und der in Folge seiner Geburt, seines politischen Ansehens und seiner parlamentarischen Talente entschieden der erste Torygentleman Englands war. Bei seiner ersten Audienz soll er seinen characteristischen Stolz in einer Weise geäußert haben, die den Prinzen überraschte und ergötzte. „Soviel ich weiß, Sir Eduard,“ sagte Wilhelm, der sehr artig zu sein glaubte, „gehören Sie zur Familie des Herzogs von Somerset?“ — „Entschuldigen Sie, Sire,“ entgegnete Sir Eduard, der nie vergaß, daß er das Oberhaupt der älteren Linie der Seymour war, „der Herzog von Somerset ist ein Mitglied meiner Familie“.120

Wilhelm’s Hoflager in Exeter. Das Hauptquartier Wilhelm’s fing nun an das Aussehen eines Hofes zu gewinnen. Mehr als sechzig angesehene und vermögende Männer wohnten in Exeter und die tägliche Schaustellung von glänzenden Livreen und sechsspännigen Equipagen auf dem Domplatz verlieh diesem stillen Orte etwas von dem in Whitehall herrschenden Glanze und Leben. Das gemeine Volk konnte es kaum erwarten, die Waffen zu ergreifen, und man hätte mit Leichtigkeit mehrere Bataillone Infanterie bilden können. Schomberg aber, der auf frisch vom Pfluge genommene Soldaten wenig Werth legte, war der Meinung, daß, wenn das Unternehmen nicht ohne solche Hülfe gelingen könne, es überhaupt gar nicht gelingen würde, und Wilhelm, der das Kriegshandwerk eben so genau kannte als Schomberg, theilte diese Ansicht. Es wurden daher nur wenige neue Regimenter errichtet und nur auserlesene Rekruten dazu genommen.

Man hielt es jetzt für wünschenswerth, daß der Prinz die sämmtlichen in Exeter anwesenden Edelleute und Gentlemen öffentlich empfing. Er hielt eine kurze, aber würdevolle und wohl durchdachte Anrede an sie. Er sagte, er kenne nicht alle um ihn Versammelten persönlich, aber er habe eine Liste ihrer Namen und wisse, wie hoch sie in der Achtung ihres Vaterlandes ständen. Er tadelte mit milden Worten ihr spätes Erscheinen, sprach aber die zuversichtliche Hoffnung aus, daß es noch nicht zu spät sei, das Königreich zu retten. „Somit,“ schloß er, „heißen wir Euch, Gentlemen, Freunde und Mitprotestanten, sowie Eure Begleiter an unsrem Hofe und in unsrem Lager herzlich willkommen.“121

Seymour, ein seit langer Zeit an die Parteitaktik gewöhnter Staatsmann von scharfem Blicke, erkannte sogleich, daß die Partei, welche sich um den Prinzen zu schaaren begonnen hatte, der Organisation bedurfte. Bis jetzt, sagte er, sei sie nur ein Sandhaufen, kein gemeinsamer Zweck sei öffentlich und feierlich angekündigt worden, Niemand habe sich noch zu etwas verpflichtet. Sobald die Versammlung in der Dechanei wieder auseinander gegangen war, ließ er Burnet rufen und schlug ihm vor, daß ein Bund gebildet werden und alle englischen Anhänger des Prinzen eine Urkunde unterzeichnen sollten, durch welche sie sich zur Treue gegen ihren Führer und gegen einander verpflichteten. Burnet theilte diesen Vorschlag dem Prinzen und Shrewsbury mit, die ihn Beide billigten. Es wurde eine Versammlung in der Kathedrale gehalten und Burnet legte einen Entwurf vor, der angenommen und eifrig unterzeichnet wurde. Die Unterzeichner verpflichteten sich, die in der Erklärung des Prinzen dargelegten Zwecke einmüthig zu verfolgen, ihm und sich selbst gegenseitig beizustehen, gegen Jeden, der ein Attentat auf seine Person unternehmen sollte, exemplarische Rache zu üben und selbst wenn ein solches Attentat unglücklicherweise gelingen sollte, in ihrem Unternehmen zu beharren, bis die Freiheiten und die Religion des Volks wirksam gesichert seien.122

Um die nämliche Zeit kam ein Bote vom Earl von Bath, der in Plymouth commandirte, in Exeter an. Bath erklärte, daß er seine Person, seine Mannschaft und die Festung, deren Gouverneur er war, dem Prinzen zur Verfügung stelle. So hatten die Angreifenden keinen einzigen Feind mehr im Rücken.123

Aufstand im Norden. Während der Westen sich so gegen den König erhob, stand hinter ihm auch schon der ganze Norden in Flammen. Am Sechzehnten griff Delamere in Cheshire zu den Waffen. Er rief seine Pächter zusammen, forderte sie auf, ihm beizustehen, versprach ihnen, daß, wenn sie im Kampfe fielen, die Pachtungen ihren Hinterlassenen aufs neue bewilligt werden sollten, und ermahnte Jeden, der ein gutes Pferd habe, entweder selbst ins Feld zu ziehen, oder einen Ersatzmann zu stellen.124 Er erschien mit funfzig bewaffneten und berittenen Männern in Manchester und bevor er Boaden Downs erreichte, hatte sich seine Truppe verdreifacht.

Die benachbarten Grafschaften waren in heftiger Gährung. Es war festgesetzt worden, daß Danby York nehmen und Devonshire in Nottingham erscheinen sollte. In Nottingham erwartete man keinen Widerstand zu finden, in York aber lag eine kleine Garnison unter dem Commando Sir John Reresby’s. Danby ging mit großer Klugheit und Umsicht zu Werke. Auf den 22. November war eine Versammlung der Gentry und der Freisassen von Yorkshire ausgeschrieben, um eine Adresse wegen der Lage der Dinge an den König zu berathen. Alle Statthaltersubstituten der drei Bezirke, mehrere Kavaliere und eine Menge reicher Esquires und wohlhabender Freisassen hatten sich zu dieser Versammlung in der Provincialhauptstadt eingefunden. Vier Abtheilungen Miliz waren zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung commandirt. Das Rathhaus war gedrängt voll Freisassen und die Berathung hatte eben begonnen, als sich plötzlich der Ruf vernehmen ließ, die Papisten hätten sich erhoben und metzelten die Protestanten nieder. Die Papisten von York waren viel wahrscheinlicher darauf bedacht, sich zu verbergen, als einen Feind anzugreifen, der ihnen um das Hundertfache überlegen war. Aber damals konnte eine Geschichte von Papistenwuth noch so übernatürlich und wunderbar sein, sie fand dennoch bereitwilligen Glauben. Die Versammlung ging erschreckt auseinander. Die ganze Stadt war in Aufruhr. In diesem Augenblicke ritt Danby an der Spitze von etwa hundert Reitern der Miliz entgegen und erhob den Ruf: „Keinen Papismus! ein freies Parlament! die protestantische Religion!“ Die Miliz stimmte ein. In einem Nu war die Garnison überrumpelt und entwaffnet. Der Gouverneur wurde in Gewahrsam gebracht, die Thore geschlossen und überall Schildwachen ausgestellt. Man ließ den Pöbel ungehindert eine katholische Kapelle niederreißen; sonst aber scheint kein Unfug verübt worden zu sein. Am folgenden Morgen war die Guildhall von den vornehmsten Gentlemen der Grafschaft und den höchsten Magistratsbeamten der Stadt angefüllt. Der Lordmayor wurde zum Vorsitzenden ernannt. Danby schlug eine Erklärung vor, in der die Gründe dargelegt werden sollten, welche die Freunde der Verfassung und der protestantischen Religion bewogen hatten, zu den Waffen zu greifen. Diese Erklärung wurde mit allgemeinem Beifall angenommen und war binnen wenigen Stunden von sechs Peers, fünf Baronets, sechs Rittern und vielen hochangesehenen Gentlemen unterzeichnet.125

Inzwischen verließ Devonshire an der Spitze einer starken Truppe von Freunden und Untergebenen den Palast, den er eben in Chatsworth bauen ließ, und erschien bewaffnet in Derby. Hier übergab er der städtischen Behörde in aller Form eine Schrift, in der die Beweggründe seines Unternehmens auseinandergesetzt waren. Dann marschirte er nach Nottingham, das bald das Hauptquartier des Aufstandes im Norden wurde. Hier erließ er eine in kühnen und harten Ausdrücken abgefaßte Proklamation. Das Wort Rebellion, hieß es darin, sei ein Popanz, der keinen verständigen Mann schrecken könne. Sei es Rebellion, die Gesetze und den Glauben zu vertheidigen, zu deren Aufrechthaltung jeder englische König sich eidlich verpflichte? Wie dieser Eid neuerdings gehalten worden sei, darüber werde hoffentlich bald ein freies Parlament entscheiden. Die Insurgenten erklärten, daß sie es, bis diese Entscheidung erfolge, nicht für Rebellion, sondern nur für rechtmäßige Nothwehr hielten, sich einem Tyrannen zu widersetzen, der kein andres Gesetz kenne, als seinen Willen. Im Norden gewann der Aufstand mit jedem Tage eine größere Ausdehnung. Vier mächtige und reiche Earls, Manchester, Stamford, Rutland und Chesterfield, begaben sich nach Nottingham, wo sich ihnen Lord Cholmondely und Lord Grey de Ruthyn anschlossen.126

Währenddem kamen die feindlichen Heere im Süden einander immer näher. Als der Prinz von Oranien erfuhr, daß der König in Salisbury angekommen war, hielt er es für an der Zeit, Exeter zu verlassen. Er stellte diese Stadt und ihre Umgegend unter das Commando Sir Eduard Seymour’s und brach Mittwoch den 21. November in Begleitung vieler der angesehensten Gentlemen der westlichen Grafschaften nach Axminster auf, wo er mehrere Tage blieb.

Der König wünschte sehnlichst, daß es zu einem Kampfe kommen möchte, was offenbar in seinem Interesse lag. Jede Stunde entriß ihm etwas von seiner Stärke und vermehrte die seiner Feinde. Überdies war es sehr wichtig, daß seine Truppen sich ans Feuer gewöhnten. Eine große Schlacht, welchen Ausgang sie auch nehmen mochte, konnte die Popularität des Prinzen nur vermindern. Dies Alles erkannte Wilhelm sehr wohl und er nahm sich deshalb vor, einen Zusammenstoß so lange als möglich zu vermeiden. Als Schomberg die Nachricht erhielt, daß der Feind anrücke und zu einer Schlacht entschlossen sei, soll er mit der Gelassenheit eines sich seiner Geschicklichkeit bewußten Taktikers gesagt haben: „Das wird lediglich von uns abhängen.“ Es war indessen nicht möglich, alles Scharmützeln zwischen den Vorposten der beiden Armeen zu verhindern. Wilhelm wünschte, daß bei diesen Scharmützeln nichts geschah, was den Stolz der Nation, die er befreien wollte, verletzen oder ihr Rachegefühl aufstacheln könnte. Daher stellte er mit bewundernswerther Klugheit seine britischen Regimenter dahin, wo die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes am größten war. Die Vorposten der königlichen Armee waren Irländer, und in Folge dessen hatten die Eingedrungenen bei den kleinen Gefechten dieses kurzen Feldzugs die aufrichtige Sympathie aller Engländer für sich.

Gefecht bei Wincanton. Das erste derartige Treffen fand bei Wincanton statt. Mackay’s Regiment, das aus britischen Soldaten bestand, lag in der Nähe einer Abtheilung irischer Truppen des Königs, welche ihr Landsmann, der tapfere Sarsfield, befehligte. Mackay schickte ein kleines Detachement unter einem Lieutenant Namens Campbell aus, um Bagagepferde herbeizuschaffen. In Wincanton fand Campbell was er brauchte, und als er eben die Stadt wieder verließ, um zur Armee zurückzukehren, rückte eine starke Abtheilung von Sarsfield’s Truppen heran. Die Irländer waren ihren Gegnern um das Vierfache überlegen, dennoch aber entschloß sich Campbell bis zum Äußersten zu kämpfen. Mit einem Häuflein tapferer Männer stellte er sich auf der Straße auf, und seine übrigen Soldaten besetzten die Hecken zu beiden Seiten der Straße. Der Feind kam heran. „Halt!“ rief Campbell, „für wen seid Ihr.“ — „Ich bin für König Jakob,“ antwortete der Anführer der feindlichen Truppe. „Und ich für den Prinzen von Oranien,“ versetzte Campbell. „Wir wollen Euch beprinzen!“ rief der Irländer mit einem Fluche. „Feuer!“ commandirte Campbell, und augenblicklich knatterte ein wohlgezieltes Feuer hinter den Hecken hervor. Die königlichen Truppen erhielten drei kräftige Salven, ehe sie das Feuer erwiedern konnten. Endlich gelang es ihnen, eine der Hecken zu nehmen, und sie würden die ihnen entgegenstehende kleine Schaar überwältigt haben, hätte nicht das Landvolk, das die Irländer gründlich haßte, falschen Lärm gemacht, daß noch mehr Truppen des Prinzen anrückten. Sarsfield rief seine Leute ab und zog sich zurück und Campbell setzte mit den Bagagepferden seinen Marsch ungehindert fort. Dieses Gefecht, das zwar dem Muthe und der Disciplin der Armee des Prinzen Ehre machte, wurde durch die Fama zu einem Siege vergrößert, den britische Protestanten über eine bedeutende Übermacht von papistischen Barbaren davongetragen, welche aus Connaught herübergeholt worden seien, um unsre Insel zu unterdrücken.127

Wenige Stunden nach diesem Scharmützel ereignete sich ein Vorfall, der jeder Wahrscheinlichkeit eines ernsten Kampfes zwischen den beiden Armeen ein Ende machte. Churchill und einige von seinen Hauptcomplicen befanden sich in Salisbury. Zwei der Verschwornen, Kirke und Trelawney, hatten sich nach Warminster begeben, wo ihre Regimenter standen. Alles war reif zur Ausführung des lange erwogenen Verraths.

Churchill rieth dem Könige, Warminster zu besuchen und die dort stehenden Truppen zu inspiciren. Jakob willigte ein und sein Wagen hielt schon am Thore des bischöflichen Palastes, als er mit einem Male heftiges Nasenbluten bekam. Er mußte die Reise aufschieben und sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Drei Tage vergingen, ehe die Blutung völlig gestillt war und während dieser drei Tage kamen ihm beunruhigende Gerüchte zu Ohren.

Eine so weitverzweigte Verschwörung wie die, an deren Spitze Churchill stand, konnte unmöglich lange streng geheim gehalten werden. Man hatte zwar keine Beweise, die einer Jury oder einem Kriegsgericht hätten vorgelegt werden können, aber es circulirten sonderbare Gerüchte im Lager. Feversham, der das Obercommando führte, meldete, daß ein schlechter Geist in der Armee herrsche. Man machte den König darauf aufmerksam, daß gewisse Personen seiner nächsten Umgebung nicht seine Freunde seien und daß es nur ein Schritt weiser Vorsicht sein würde, wenn er Churchill und Grafton unter Bedeckung nach Portsmouth sendete. Jakob verwarf diesen Rath. Neigung zum Argwohn gehörte nicht zu seinen Fehlern. Im Gegentheil, er setzte ein so großes Vertrauen in Versicherungen der Treue und Anhänglichkeit, wie man es wohl von einem gutmüthigen und unerfahrenen jungen Menschen, nicht aber von einem in Jahren vorgerückten Staatsmann hätte erwarten sollen, der die Welt kennen gelernt, der von schurkischen Ränken und Intriguen viel zu leiden gehabt hatte und dessen eigner Character keineswegs ein vortheilhaftes Muster der menschlichen Natur war. Es dürfte schwer sein, einen zweiten Mann zu finden, der sein Wort so leichtsinnig brach, als Jakob und der dabei so schwer zu dem Glauben zu bringen war, daß Andere ihr Wort gegen ihn brechen könnten. Nichtsdestoweniger machten ihn die ihm zukommenden Berichte über die Stimmung seiner Armee sehr besorgt. Er sehnte sich jetzt nicht mehr nach einer Schlacht, ja er begann sogar an den Rückzug zu denken. Samstag Abend, den 24. November berief er einen Kriegsrath zusammen, dem auch diejenigen Offiziere beiwohnten, gegen die er ernstlich gewarnt worden war. Feversham sprach sich dahin aus, daß der Rückzug wünschenswerth sei. Churchill stimmte für das Gegentheil. Die Berathung dauerte bis Mitternacht. Endlich erklärte der König, daß er sich zu dem Rückzuge entschieden habe.

Churchill’s und Grafton’s Abfall. Churchill bemerkte oder glaubte zu bemerken, daß man ihm nicht traute und vermochte trotz seiner nicht gewöhnlichen Selbstbeherrschung seine Angst nicht zu verbergen. Er entfloh daher noch vor Tagesanbruch mit Grafton ins Lager des Prinzen.128

Er ließ eine schriftliche Erklärung zurück, welche in dem anständigen Tone gehalten war, den er bei aller Strafbarkeit und Ehrlosigkeit doch stets beobachtete. Er erkannte an, daß er der Gunst des Königs Alles verdanke. Interesse und Dankbarkeit, sagte er, zogen ihn nach der nämlichen Seite hin. Unter keiner andren Regierung könne er hoffen so einflußreich und mächtig zu werden, als er es gewesen sei; aber alle solche Rücksichten müßten einer höheren Pflicht weichen. Er sei Protestant und sein Gewissen gestatte ihm nicht, gegen den Protestantismus das Schwert zu ziehen. Übrigens aber werde er stets bereit sein, zur Vertheidigung der geheiligten Person und der gesetzlichen Rechte seines gnädigen Gebieters Gut und Leben aufzuopfern.129

Am nächsten Morgen war im königlichen Lager Alles in der größten Bestürzung. Die Freunde des Königs waren wie vernichtet und seine Feinde konnten ihre Freude nicht unterdrücken. Jakob’s Bestürzung wurde noch durch Nachrichten vermehrt, welche denselben Tag von Warminster einliefen. Kirke, welcher dort commandirte, hatte Befehlen, die er von Salisbury erhalten, den Gehorsam verweigert. Es konnte keinem Zweifel mehr unterliegen, daß auch er mit dem Prinzen von Oranien im Bunde stand. Es hieß, er sei schon mit allen seinen Truppen zum Feinde übergegangen, und obgleich dieses Gerücht falsch war, fand es doch einige Stunden lang vollen Glauben.130 Jetzt ging dem unglücklichen Könige wieder ein neues Licht auf. Er glaubte zu errathen, warum man ihn vor einigen Tagen gedrängt hatte, Warminster zu besuchen. Er würde dort hülflos in der Gewalt der Verschwörer und in der Nähe der feindlichen Vorposten gewesen, Die, welche es versucht hätten ihn zu vertheidigen, würden leicht überwältigt und er als Gefangener in das Hauptquartier der feindlichen Armee gebracht worden sein. Vielleicht wäre ein noch schwärzerer Verrath verübt worden, denn Menschen, die einmal ein strafbares und gefährliches Unternehmen begonnen haben, sind nicht mehr Herren ihrer selbst und werden oft durch ein Verhängniß, das einen Theil ihrer verdienten Strafe bildet, zu Verbrechen getrieben, an die sie vorher nur mit Schaudern hätten denken können. Gewiß war es das Werk irgend eines Schutzheiligen, daß ein der katholischen Kirche ergebener König in dem Augenblicke, wo er blindlings der Gefangenschaft, ja vielleicht dem Tode entgegenzueilen im Begriffe war, plötzlich durch eine Unpäßlichkeit aufgehalten wurde, die er damals als ein Unglück betrachtete.

Rückzug der königlichen Armee von Salisbury. Dies Alles bestärkte Jakob in dem am vorhergehenden Abend gefaßten Entschlusse. Es wurde Befehl zum unverweilten Rückzuge gegeben. Ganz Salisbury war in Aufruhr. Das Lager wurde mit der Verwirrung einer Flucht abgebrochen. Kein Mensch wußte mehr, wem er trauen und wem er gehorchen sollte. Die materielle Stärke der Armee hatte sich nur unbedeutend vermindert, aber ihre moralische Kraft war vernichtet. Viele, die sich geschämt haben würden, mit dem Übertritt zu dem Prinzen voranzugehen, folgten nun bereitwillig einem Beispiele, das sie nie gegeben haben würden, und viele Andere, die zu ihrem Könige gehalten haben würden, so lange er muthig gegen den Feind vorzurücken schien, hatten keine Lust, bei einer zurückweichenden Fahne zu bleiben.131

Jakob ging an diesem Tage bis Andover. Sein Schwiegersohn, Prinz Georg, und der Herzog von Ormond begleiteten ihn. Beide gehörten zu den Verschwornen und würden wahrscheinlich mit Churchill geflohen sein, hätte dieser es in Folge der Vorgänge im Kriegsrathe nicht für rathsam gehalten, seine Abreise zu beschleunigen. Dem Prinzen Georg kam seine Geistesbeschränktheit in diesem Falle besser zu statten, als es Klugheit gethan haben würde. Wenn ihm eine Nachricht gemeldet wurde, pflegte er auf Französisch auszurufen: „Est-il possible?“ (ist es möglich?) Diese Phrase war ihm jetzt sehr nützlich. „Est-il possible?“ rief er, als man ihn benachrichtigte, daß Churchill und Grafton vermißt wurden. Und als die schlimme Botschaft von Warminster kam, rief er abermals: „Est-il possible?“

Abfall des Prinzen Georg und Ormond’s. Prinz Georg und Ormond wurden in Andover eingeladen, mit dem Könige zu Abend zu speisen. Dies muß eine traurige Mahlzeit gewesen sein. Der König war von seinem Unglück zu Boden gedrückt, und sein Schwiegersohn war der langweiligste Gesellschafter, den es geben konnte. Karl II. sagte einmal: „Ich habe den Prinzen Georg nüchtern gesehen und habe ihn betrunken gesehen, aber mag er nüchtern oder betrunken sein, es ist nichts an ihm.“132 Ormond, der während seines ganzen Lebens schweigsam und zurückhaltend gewesen, war in einem solchen Augenblicke gewiß auch nicht heiter. Sogleich nach beendeter Mahlzeit ging der König zur Ruhe. Für den Prinzen und Ormond standen schon Pferde bereit; sobald sie sich von der Tafel erhoben hatten, saßen sie auf und sprengten davon. In ihrer Begleitung befand sich der Earl von Drumlanrig, der älteste Sohn des Herzogs von Queensberry. Der Abfall dieses jungen Kavaliers war kein unwichtiges Ereigniß, denn Queensberry war das Oberhaupt der protestantischen Episcopalen Schottlands, einer Klasse, im Vergleich zu welcher die entschiedensten englischen Tories whiggistisch genannt werden konnten, und Drumlanrig selbst war Oberstlieutenant von Dundee’s Regiment, eines Corps, das die Whigs noch mehr haßten, als Kirke’s Lämmer. Dieses neue Unglück wurde dem Könige am nächsten Morgen gemeldet. Er war von der Nachricht weniger ergriffen, als man hatte erwarten sollen. Der Schlag, der ihn vierundzwanzig Stunden früher getroffen, hatte ihn auf fast jedes nur mögliche Unglück vorbereitet, und er konnte dem Prinzen Georg, der kaum zurechnungsfähig war, unmöglich ernstlich zürnen, daß er den Kunstgriffen eines Verführers wie Churchill erlegen war. „Wie?“ rief Jakob, „ist Est-il possible auch fort? Nun, im Grunde würde ein guter Dragoner ein größerer Verlust gewesen sein.“133 Der Zorn des Königs schien sich in der That, und nicht ohne Grund, damals auf eine einzige Person zu concentriren. Von glühendem Rachedurst gegen Churchill erfüllt, reiste er weiter nach London und erfuhr bei seiner Ankunft daselbst ein neues Verbrechen des Erzverräthers. Seit einigen Stunden wurde die Prinzessin Anna vermißt.

Flucht der Prinzessin Anna. Anna, welche keinen andren Willen als den der Churchill hatte, war vor acht Tagen durch sie bewogen worden, eigenhändig dem Prinzen Wilhelm zu versichern, daß sie sein Unternehmen billige. Sie schrieb ihm, daß sie ganz in den Händen ihrer Freunde sei und ganz nach deren Bestimmung entweder im Palaste bleiben oder in der Stadt einen Zufluchtsort suchen werde.134 Am Sonntag, den 25. November mußte sie und Diejenigen, welche für sie dachten und handelten, plötzlich einen Entschluß fassen. An diesem Nachmittag brachte ein Courier von Salisbury die Nachricht, daß Churchill verschwunden sei, daß Grafton ihn begleitet habe, daß auch Kirke untreu geworden und die ganze königliche Armee im vollen Rückzüge begriffen sei. Wie gewöhnlich, wenn wichtige Nachrichten, gleichviel ob gute oder schlimme, in der Stadt anlangten, so versammelte sich auch an diesem Abende eine große Menschenmenge in den Gallerien von Whitehall. Neugierde und ängstliche Spannung sprach aus allen Gesichtern. Die Königin ergoß sich in wohl zu entschuldigende Äußerungen des Unwillens über den Hauptverräther und schonte dabei auch seine allzu parteiische Gebieterin nicht ganz. An den Zugängen des Palastflügels, den Anna bewohnte, wurden die Schildwachen verstärkt. Die Prinzessin war in der größten Angst. In wenigen Stunden mußte ihr Vater in Westminster eintreffen. Daß er sie persönlich mit Strenge behandeln würde, war nicht anzunehmen, aber sie durfte nicht hoffen, daß er ihr fernerhin den Umgang mit ihrer Freundin gestatten werde. Es war kaum daran zu zweifeln, daß Sara festgenommen und einem strengen Verhör durch gewandte und rücksichtslose Inquisitoren unterworfen werden würde. Jedenfalls wurden ihre Papiere mit Beschlag belegt, und vielleicht fand man darunter Beweise, die ihr Leben in Gefahr brachten. In diesem Falle war das Schlimmste zu fürchten. Die Rache des unerbittlichen Königs kannte keinen Unterschied des Geschlechts; um viel geringfügigerer Vergehen willen als diejenigen, deren Lady Churchill möglicherweise überführt werden konnte, hatte er Frauen aufs Schaffott und auf den Scheiterhaufen geschickt. Ihre starke Zuneigung zu Lady Churchill verlieh dem Geiste der Prinzessin eine ungewöhnliche Energie. Es gab kein Band, das sie um des Gegenstandes ihrer abgöttischen Liebe willen nicht zerrissen, keine Gefahr, der sie sich für sie nicht ausgesetzt haben würde. „Eher springe ich aus dem Fenster,“ rief sie aus, „als daß ich mich von meinem Vater hier finden lasse!“ Die Freundin übernahm es, ihre Flucht zu bewerkstelligen. Sie berieth sich in aller Eil mit einigen Oberhäuptern der Verschwörung und binnen wenigen Stunden waren alle Anstalten zur Flucht getroffen. Am Abend zog sich Anna wie gewöhnlich in ihre Gemächer zurück. Sobald es völlig dunkel geworden war, stand sie auf und schlich leise, von ihrer Freundin Sara und einigen Kammerfrauen begleitet, im Morgenrock und Hausschuhen die Hintertreppe hinunter. Die Flüchtlinge gelangten unangefochten auf die Straße, wo ein Miethwagen sie erwartete. Zwei Männer bewachten die bescheidene Equipage: Compton, Bischof von London, der alte Lehrer der Prinzessin, und der prachtliebende, talentvolle Dorset, den die Größe der öffentlichen Gefahr aus seiner üppigen Ruhe aufgerüttelt hatte. Der Wagen fuhr sogleich nach Aldersgate Street, wo damals der städtische Palast der Bischöfe von London im Schatten ihrer Kathedrale stand. Hier brachte die Prinzessin die Nacht zu. Am folgenden Morgen reiste sie nach dem Eppingwalde ab, wo Dorset ein altes Schloß besaß, das schon vor langer Zeit zerstört worden ist. In dieser gastlichen Wohnung, viele Jahre lang der Lieblingsaufenthalt von Schöngeistern und Dichtern, hielten die Flüchtlinge eine kurze Rast. Sie konnten es nicht ohne Gefahr versuchen, Wilhelm’s Hauptquartier zu erreichen, denn der Weg dahin führte durch eine von königlichen Truppen besetzte Gegend. Es wurde daher beschlossen, daß Anna sich zu den Insurgenten im Norden begeben sollte. Compton legte für diese Zeit seinen geistlichen Character völlig ab. Gefahr und Kampf hatten in seiner Brust wieder das ganze kriegerische Feuer entzündet, das ihn achtundzwanzig Jahre früher beseelte, als er unter der Leibgarde diente. In einem Büffelwams und Reiterstiefeln, das Schwert an der Seite und Pistolen in den Holstern, ritt er vor dem Wagen der Prinzessin her. Lange vor ihrer Ankunft in Nottingham war sie bereits von einer Leibwache von Gentlemen umgeben, die sie aus eignem Antriebe begleiteten. Sie ersuchten den Bischof, sich als Oberst an ihre Spitze zu stellen, und er erfüllte ihren Wunsch mit einer Bereitwilligkeit, welche bei den strengen Kirchenmännern großes Ärgerniß erregte und seinem Rufe selbst in den Augen der Whigs keinen Vortheil brachte.135

Als am Morgen des Sechsundzwanzigsten Anna’s Gemächer leer gefunden wurden, war die Bestürzung in Whitehall groß. Während ihre Kammerfrauen jammernd und händeringend durch die Höfe des Palastes liefen, während Lord Carven, der die Leibgarde zu Fuß commandirte, die Wachen in der Gallerie ausfragte, während der Kanzler die Papiere der Churchill versiegelte, stürzte die Amme der Prinzessin in die königlichen Gemächer und rief aus, ihre geliebte Herrin sei von den Papisten ermordet worden. Die Nachricht gelangte nach Westminsterhall. Hier erzählte man sich, Ihre Hoheit sei gewaltsam in ein Gefängniß gebracht worden. Als es nicht mehr geleugnet werden konnte, daß sie freiwillig entflohen war, wurden eine Menge Geschichten zur Motivirung ihrer Flucht erdichtet. Sie sei gröblich beleidigt und bedroht, ja sogar von ihrer gefühllosen Stiefmutter geschlagen worden, obgleich sie sich in Umständen befand, in denen eine Frau Anspruch auf eine besonders zarte Behandlung hat. Das durch eine mehrjährige schlechte Regierung argwöhnisch und reizbar gemachte Volk wurde durch diese Verleumdungen so aufgebracht, daß die Königin ihres Lebens kaum sicher war. Viele Katholiken und mehrere protestantische Tories von erprobter Loyalität eilten in den Palast, um sie im Fall eines Ausbruchs vertheidigen zu können. Inmitten dieses Schreckens und Entsetzens kam die Nachricht von der Flucht des Prinzen Georg. Dem Courier, welcher diese schlimme Botschaft überbrachte, folgte der König selbst auf dem Fuße. Es war bereits völlig dunkel, als der König ankam und von dem Verschwinden seiner Tochter unterrichtet wurde. Nach Allem, was er schon gelitten hatte, preßte dieser neue Schlag ihm einen Jammerschrei aus. „Gott stehe mir bei!“ rief er aus; „meine eigenen Kinder haben mich verlassen!“136

Jakob hält eine Berathung mit den Lords. Noch denselben Abend hielt er mit seinen ersten Ministern eine bis spät in die Nacht dauernde Berathung. Es wurde beschlossen, daß er alle zur Zeit in London anwesenden geistlichen und weltlichen Lords am folgenden Tage zu sich entbieten und sie feierlich um Rath fragen sollte. Demgemäß versammelten sich die Lords am Dienstag Nachmittag, den 27. November, im Speisesaale des Palastes. Die Versammlung bestand aus neun Prälaten und zwischen dreißig und vierzig weltlichen Edelleuten, sämmtlich Protestanten. Auch die beiden Staatssekretäre, Middleton und Preston, waren anwesend, obgleich sie nicht Peers des Reichs waren. Der König selbst präsidirte. Die Spuren schwerer körperlicher und geistiger Leiden waren in seinen Gesichtszügen und in seiner Haltung deutlich zu erkennen. Er eröffnete die Verhandlung mit der Erwähnung der Petition, die ihm kurz vor seiner Abreise nach Salisbury überreicht worden war. Der Inhalt dieser Petition war die Bitte um Einberufung eines freien Parlaments. In seiner damaligen Lage, sagte er, habe er es nicht für zweckmäßig gehalten, der Bitte zu willfahren. Während seiner Abwesenheit von London aber seien wichtige Veränderungen eingetreten; auch habe er bemerkt, das sein Volk überall den Zusammentritt der Kammern sehnlichst wünsche. Daher habe er seine getreuen Peers zu sich entboten, um ihren Rath zu hören.

Es trat eine Pause ein. Dann sagte Oxford, dem sein in Alter und Glanz unerreichter Stammbaum ein gewisses Übergewicht in der Versammlung gab, seiner Ansicht nach müßten die Lords, welche die von Seiner Majestät erwähnte Petition unterzeichnet hätten, ihre Meinungen jetzt aussprechen.

Diese Worte bestimmten Rochester zu reden. Er vertheidigte die Petition und erklärte, daß er noch immer nirgends eine Hoffnung für den Thron und das Land sehe, als in einem Parlament. Er wage es nicht zu behaupten, daß in einer so unheilvollen Bedrängniß selbst dieses Mittel wirksamen Erfolg haben werde; aber er wisse kein andres vorzuschlagen. Er setzte hinzu, daß es rathsam sein dürfte, Unterhandlungen mit dem Prinzen von Oranien zu eröffnen. Nach ihm sprachen Jeffreys und Godolphin, und Beide erklärten sich mit ihm einverstanden.

Jetzt stand Clarendon auf und ergoß sich zum Erstaunen Aller, die sich seiner lauten Loyalitätsversicherungen und der heftigen Äußerungen von Scham und Schmerz erinnerten, die ihm noch vor wenigen Tagen die Nachricht von dem Abfalle seines Sohnes entrissen hatte, in eine Schmährede gegen Tyrannei und Papismus. „Noch in diesem Augenblicke,“ sagte er, „errichtet Seine Majestät in London ein Regiment, in welches keine Protestanten aufgenommen werden.“ — „Das ist nicht wahr!“ rief Jakob mit Heftigkeit aus. Clarendon bestand auf seiner Behauptung und verließ dieses beleidigende Thema nur um auf ein noch beleidigenderes überzugehen. Er beschuldigte den unglücklichen König des Kleinmuths. Warum sei er nicht in Salisbury geblieben? warum habe er nicht das Glück einer Schlacht versucht? Könne man es dem Volke verargen, daß es sich dem Angreifer unterwarf, wenn es seinen König an der Spitze seiner Armee davonlaufen sehe? Jakob fühlte diese Vorwürfe tief und vergaß sie nicht so bald. In der That, selbst Whigs hielten Clarendon’s Sprache für unpassend und unedel. Halifax sprach in einem ganz andren Tone. Seit mehreren Jahren der Gefahr hatte er mit bewundernswürdigem Talent die bürgerliche und kirchliche Verfassung seines Vaterlandes gegen die Prärogative vertheidigt. Aber sein klarer, für Begeisterung durchaus unempfänglicher und Extremen entschieden abgeneigter Verstand begann sich gerade in dem Augenblicke, wo die großsprecherischen Royalisten, welche noch vor Kurzem die Trimmers als wenig besser denn Rebellen verwünscht hatten, sich überall zum Aufstande erhoben, zur Sache des Königthums hinzuneigen. Er setzte seine Ehre darein, in diesem kritischen Augenblicke der Friedensstifter zwischen dem Throne und der Nation zu werden. Seine Talente und sein Character befähigten ihn zu diesem Amte und wenn sein Versuch scheiterte, so ist dies Ursachen zuzuschreiben, gegen die keine menschliche Geschicklichkeit etwas auszurichten vermochte, ganz besonders der Thorheit, Wortbrüchigkeit und Hartnäckigkeit des Fürsten, den er zu retten versuchte.

Halifax sprach manche bittere Wahrheit aus, aber mit einer so zarten Rücksicht, daß er sich den Vorwurf der Schmeichelei von Leuten zuzog, welche viel zu niedrigdenkend waren, als daß sie hätten begreifen können, daß Worte, die mit Recht Schmeichelei genannt werden mögen, wenn man sie an einen Mächtigen richtet, einer gefallenen Größe gegenüber ein Tribut der Humanität sind. Er erklärte es unter vielen Versicherungen von Theilnahme und Ehrerbietung als seine Ansicht, daß der König sich zu großen Opfern entschließen müsse. Es sei nicht genug, daß er ein Parlament einberufe und mit dem Prinzen von Oranien in Unterhandlung trete. Wenigstens einige von den Beschwerden, über welche die Nation klage, müßten augenblicklich abgestellt werden, ohne darauf zu warten, bis die Häuser oder der Anführer des feindlichen Heeres die Abstellung verlangten. Nottingham erklärte sich in eben so ehrerbietiger Sprache mit Halifax vollkommen einverstanden. Es waren drei Hauptzugeständnisse, zu denen die Lords den König zu bewegen suchten. Er sollte, sagten sie, alle Katholiken sofort aus dem Staatsdienste entlassen, sich ganz von Frankreich lossagen und Denen, welche bewaffnet gegen ihn aufgestanden, unbedingte Amnestie zusichern. Man sollte denken, daß der letzte von diesen drei Vorschlägen keinen Einwand zugelassen hätte. Denn hatten auch Einige von Denen, die sich gegen den König zusammengeschaart, so gegen ihn gehandelt, daß er sich dadurch bitter gekränkt fühlen mußte, so war es doch viel wahrscheinlicher, daß er bald von ihrer Gnade abhängen würde, als sie je von der seinigen. Es wäre geradezu kindisch gewesen, mit Wilhelm Unterhandlungen zu eröffnen und zu gleicher Zeit Männern, welche Wilhelm nicht im Stiche lassen konnte, ohne eine Schändlichkeit gegen sie zu begehen, mit Rache zu drohen. Aber der umwölkte Verstand und der unversöhnliche Character Jakob’s sträubten sich lange gegen die Gründe der Männer, die ihn zu überzeugen suchten, daß er wohl daran thun werde, Kränkungen zu verzeihen, die er nicht bestrafen konnte. „Ich kann es nicht thun,“ rief er aus; „ich muß ein Exempel statuiren, vor Allem an Churchill, den ich so hoch erhoben habe. Er, und nur er allein hat dies Alles gethan. Er hat meine Armee verführt, er hat meine Tochter verführt und er würde mich ohne den besonderen Schutz Gottes dem Prinzen von Oranien überliefert haben. Sie sind auffallend besorgt um die Sicherheit von Verräthern, Mylords; keiner von Ihnen aber kümmert sich um meine Sicherheit.“ Als Antwort auf diesen Ausbruch ohnmächtigen Zornes stellten Diejenigen, welche zur Amnestie gerathen hatten, mit tiefster Ehrerbietung, aber mit Entschiedenheit vor, daß ein von mächtigen Feinden angegriffener Fürst nur durch einen Sieg oder durch Nachgiebigkeit gerettet werden konnte. „Wenn Eure Majestät nach Allem was geschehen ist noch von den Waffen Rettung erwartet, so sind wir fertig, wo nicht, können Sie nur dadurch gerettet werden, daß Sie die Zuneigung Ihres Volks wieder zu gewinnen suchen.“ Nach einer langen und lebhaften Debatte hob der König die Versammlung auf, indem er sagte: „Mylords, Sie haben Sich viel Freiheit herausgenommen, aber ich zürne Ihnen deshalb nicht. In einem Punkte bin ich zu einem Entschlusse gekommen. Ich werde ein Parlament einberufen. Die anderen Rathschläge, die Sie mir gegeben haben, sind von ernster Bedeutung, und Sie werden Sich nicht wundern, wenn ich mir eine Nacht zur Überlegung vorbehalte, ehe ich mich entscheide.“137

Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm. Anfangs schien Jakob die ausbedungene Bedenkzeit vortrefflich anwenden zu wollen: der Kanzler erhielt die Weisung, Ausschreiben zur Einberufung eines Parlaments auf den 13. Januar zu erlassen. Halifax wurde ins königliche Kabinet beschieden, hatte eine lange Audienz und sprach mit mehr Freimuth, als er in Anwesenheit einer zahlreichen Versammlung zu zeigen für schicklich gehalten hatte. Es wurde ihm angekündigt, daß er zu einem der Commissare ernannt sei, welche mit dem Prinzen von Oranien unterhandeln sollten. Nottingham und Godolphin waren ihm beigegeben. Der König erklärte, daß er im Interesse des Friedens große Opfer zu bringen bereit sei. Halifax antwortete ihm darauf, daß es auch ohne Zweifel großer Opfer bedürfen werde. „Eure Majestät,“ sagte er, „darf nicht erwarten, daß Diejenigen, welche die Macht in Händen haben, auf Bedingungen eingehen werden, welche die Gesetze in die Gewalt der Prärogative geben.“ Mit dieser deutlichen Erklärung seiner Ansichten nahm er den Auftrag an, den der König ihm ertheilen wollte.138 Jetzt wurden die vor wenigen Stunden noch hartnäckig verweigerten Zugeständnisse auf das Bereitwilligste gewährt. Es wurde eine Proklamation erlassen, durch welche der König nicht nur Allen, die sich gegen ihn empört hatten, unbedingte Verzeihung zusicherte, sondern sie sogar als wählbar für das bevorstehende Parlament erklärte. Nicht einmal die Niederlegung der Waffen wurde als Bedingung der Wählbarkeit gestellt. Dieselbe Nummer der Gazette, welche den bevorstehenden Zusammentritt der Häuser anzeigte, enthielt auch die Ankündigung, daß Sir Eduard Hales, der als Papist, als Renegat, als Hauptvorkämpfer für die Dispensationsgewalt und als der strenge Kerkermeister der Bischöfe einer der unpopulärsten Männer des ganzen Reichs war, nicht mehr Gouverneur des Tower sei und seinen kürzlichen Gefangenen Bevil Skelton, der zwar in der Achtung seiner Landsleute eben nicht hoch stand, aber wenigstens nicht gesetzlich vom Staatsdienste ausgeschlossen war, zum Nachfolger erhalten habe.139

Die Unterhandlung eine Finte. Diese Zugeständnisse hatten jedoch nur den Zweck, die Lords und die Nation über die wahren Absichten des Königs zu täuschen. Im Stillen hatte er sich vorgenommen, selbst in dieser äußersten Bedrängniß nicht nachzugeben. An dem nämlichen Tage, an welchem er das Amnestiedecret erließ, sprach er seine wirklichen Gesinnungen offen gegen Barillon aus. „Diese Unterhandlung,“ sagte Jakob, „ist eine bloße Finte. Ich muß Commissare an meinen Neffen senden, damit ich Zeit gewinne, um meine Frau und den Prinzen von Wales fortschaffen zu können. Sie kennen die Stimmung meiner Truppen. Nur die Irländer werden mir treu bleiben, und sie sind nicht stark genug, um dem Feinde Widerstand zu leisten. Ein Parlament würde mir Bedingungen vorschreiben, die ich nicht ertragen könnte. Ich würde Alles was ich für die Katholiken gethan habe, wieder zurücknehmen, und mit dem Könige von Frankreich brechen müssen. Sobald daher die Königin und mein Kind in Sicherheit sind, werde ich England verlassen und mich nach Irland, Schottland oder zu Ihrem Gebieter flüchten“.140

Jakob hatte bereits die nöthigen Anstalten zur Ausführung dieses Planes getroffen. Dover war mit Instructionen, für den Prinzen von Wales zu sorgen, nach Portsmouth geschickt worden, und Dartmouth, welcher die dort liegende Flotte befehligte, hatte Ordre erhalten, allen Anordnungen Dover’s in Betreff des Kronprinzen Folge zu leisten und eine mit zuverlässigen Matrosen bemannte Yacht bereit zu halten, damit sie jeden Augenblick nach Frankreich unter Segel gehen könnte.141 Jetzt sandte der König den bestimmten Befehl ab, daß der Prinz augenblicklich nach dem nächsten Hafen des Continentes gebracht werden solle.142 Nächst dem Prinzen von Wales war der Hauptgegenstand seiner Sorge das große Staatssiegel. Diesem Symbole der königlichen Autorität haben unsere Juristen jederzeit eine besondere, fast geheimnißvolle Wichtigkeit beigelegt Man ist der Ansicht, daß, wenn der Siegelbewahrer es auch ohne königliche Genehmigung einem Peerspatent oder einer Begnadigung aufdrückt, er sich zwar eines schweren Vergehens schuldig macht, die Gültigkeit des Instruments aber von keinem Gerichtshofe angefochten und nur durch eine Parlamentsacte annullirt werden kann. Jakob fürchtete wahrscheinlich, daß seine Feinde dieses Organ seines Willens in die Hände bekommen und dadurch Maßregeln, die ihn nachtheilig berühren könnten, gesetzliche Gültigkeit geben könnten. Seine Besorgnisse können auch nicht unbegründet erscheinen, wenn man bedenkt, daß gerade hundert Jahre später das große Siegel eines Königs mit Bewilligung der Lords und der Gemeinen und unter Gutheißung von Seiten vieler großen Staatsmänner und Juristen zu dem Zwecke benutzt wurde, um seine Hoheitsrechte auf seinen Sohn zu übertragen. Damit der Talisman, der so furchtbare Kräfte besaß, nicht in unrechte Hände komme, beschloß Jakob, ihn wenige Schritte von seinem Kabinet aufzubewahren. Jeffrey’s erhielt zu dem Ende Befehl, sein erst kürzlich mit großem Kostenaufwande erbautes Haus in Duke Street zu verlassen und ein kleines Apartement in Whitehall zu beziehen.143

Der König hatte bereits alle Anstalten zur Flucht getroffen, als ein unerwartetes Hinderniß ihn zwang, die Ausführung seines Vorhabens aufzuschieben. Seine Agenten in Portsmouth fingen an Bedenklichkeiten zu hegen. Selbst Dover ließ, obgleich er Mitglied der jesuitischen Cabale war, Zeichen von Unschlüssigkeit merken. Noch weniger war Dartmouth geneigt, den Wünschen des Königs zu willfahren. Er war bisher dem Throne treu gewesen und hatte mit einer mißgestimmten Flotte und bei widrigem Winde sein Möglichstes gethan, um die Landung der Holländer in England zu verhindern; aber er war ein eifriges Mitglied der anglikanischen Kirche und durchaus nicht befreundet mit der Politik der Regierung, welche zu vertheidigen er für eine Pflicht und eine Ehrensache hielt. Die meuterische Stimmung der unter seinem Befehle stehenden Offiziere und Mannschaften hatte ihm viel zu schaffen gemacht und die Nachricht von der Einberufung eines freien Parlaments und der Ernennung von Commissaren, welche mit dem Prinzen von Oranien unterhandeln sollten, hatte ihn sehr erfreut. Die ganze Flotte gab ihre Freude darüber laut zu erkennen. An Bord des Admiralschiffs wurde eine Adresse entworfen, welche dem Könige für diese der öffentlichen Meinung gemachten gnädigen Zugeständnisse den wärmsten Dank aussprach. Der Admiral unterzeichnete zuerst und achtunddreißig Kapitäne schrieben ihre Namen unter den seinigen. Dieses Schriftstück kreuzte sich auf dem Wege nach Whitehall mit dem Boten, der den Befehl nach Portsmouth brachte, daß der Prinz von Wales unverzüglich nach Frankreich übergeführt werden sollte. Dartmouth erkannte nun mit bitterem Schmerz und Unwillen, daß das freie Parlament, die allgemeine Amnestie und die Unterhandlung nur Theile eines gegen die Nation zu verübenden großartigen Betrugs waren und daß er bei diesem Betruge eine Rolle spielen sollte.

Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich zu senden. In einem ergreifenden und männlichen Schreiben erklärte er, daß er in seinem Gehorsam schon so weit gegangen sei, als ein Protestant und Engländer nur irgend gehen könne. Den muthmaßlichen Erben der britischen Krone den Händen Ludwigs zu überliefern, würde nichts Geringeres als ein Verrath gegen die Monarchie sein. Die dem Könige nur zu sehr schon entfremdete Nation würde aufs Äußerste erbittert werden. Der Prinz von Wales würde entweder gar nicht, oder in Begleitung einer französischen Armee zurückkehren. Wenn Seine Königliche Hoheit auf der Insel bliebe, so wäre das Schlimmste was zu befürchten stände, daß er als Mitglied der Landeskirche erzogen würde, und jeder loyale Unterthan müßte den Himmel bitten, daß dies geschehen möchte. Er schloß mit der Erklärung, daß er bereitwillig sein Leben zur Vertheidigung des Thrones opfern werde, sich aber nimmermehr an der Überführung des Prinzen nach Frankreich betheiligen könne.144

Dieser Brief warf alle Pläne Jakob’s über den Haufen. Zu gleicher Zeit erfuhr er, daß er bei dieser Gelegenheit nicht einmal passiven Gehorsam voll seinem Admiral erwarten durfte, denn Dartmouth war so weit gegangen, daß er mehrere Sloops am Eingange des Hafens aufgestellt, welche Befehl hatten, kein Schiff ununtersucht passiren zu lassen. Der Plan mußte somit abgeändert werden. Das Kind mußte nach London zurückgebracht und von hier aus nach Frankreich befördert werden. Dies konnte aber erst nach Verlauf mehrerer Tage geschehen, und während dieser Zwischenzeit mußte die öffentliche Meinung durch die Hoffnung auf ein Parlament und durch eine Scheinunterhandlung hingehalten werden. Die Ausschreiben zu den Wahlen wurden erlassen. Zwischen der Hauptstadt und dem holländischen Hauptquartier gingen Trompeter hin und her. Endlich kamen auch die Pässe für die königlichen Commissare und die drei Lords traten ihre Gesandtschaftsreise an.

Aufregung in London. Die Hauptstadt war bei ihrer Abreise in einem Zustande furchtbarer Gährung. Die Leidenschaften, welche im Laufe dreier unruhiger Jahre nach und nach immer heftiger geworden, zeigten sich jetzt, wo sie von dem Zügel der Furcht befreit und durch Sieg und Sympathie aufgestachelt waren, unverhohlen, selbst im Bereiche des königlichen Schlosses. Die große Jury von Middlesex nahm eine Anklage gegen den Earl von Salisbury, weil er Papist geworben war, an.145 Der Lordmayor ließ bei den Katholiken der City eine Haussuchung nach Waffen halten. Der Pöbel stürmte das Haus eines dem verhaßten Glauben anhängenden achtbaren Kaufmanns, um sich zu überzeugen, ob er nicht von seinem Keller aus unter die benachbarte Pfarrkirche eine Mine angelegt habe, um den Geistlichen mit der Gemeinde in die Luft zu sprengen.146 Die Ausrufer schrien in den Straßen einen Aufruf zur Festnehmung Pater Petre’s aus, der seine Gemächer im Palaste gerade noch zur rechten Zeit verlassen hatte.147 Wharton’s berühmtes Lied wurde mit vielen neu hinzugefügten Versen lauter als je in allen Straßen der Hauptstadt gesungen. Selbst die Schildwachen des Palastes sangen auf ihrer Runde:

„Der Engländer auf den Untergang des Papismus trinkt, Lillibullero bullen a la.“

Falsche Proklamation. Die geheimen Pressen von London waren unausgesetzt in Thätigkeit. Tagtäglich kamen Flugschriften durch Mittel und Wege in Circulation, welche die Behörden nicht entdecken konnten oder nicht hindern wollten. Eine davon ist durch die Gewandtheit und verwegene Rücksichtslosigkeit, mit der sie geschrieben war, sowie durch den ungeheuren Eindruck, den sie machte, der Vergessenheit entrissen worden. Sie gab sich für eine ergänzende Erklärung von der Hand und unter dem Siegel des Prinzen von Oranien aus, war aber in einem ganz andren Style gehalten als sein ächtes Manifest. Allen Papisten, die es wagen sollten, sich der königlichen Sache anzuschließen, war mit einer bei christlichen und civilisirten Nationen unbekannten Rache gedroht. Sie sollten nicht als Soldaten oder Gentlemen, sondern wie Freibeuter behandelt werden. Das bis jetzt durch eine starke Hand im Zaume gehaltene Heer der Feinde sollte in seiner ganzen Wildheit und Zügellosigkeit auf sie gehetzt werden. Die guten Protestanten, namentlich diejenigen, welche die Hauptstadt bewohnten, wurden bei Allem was ihnen theuer sei beschworen und bei Strafe des allerhöchsten Mißfallens des Prinzen angewiesen, ihre katholischen Nachbarn festzunehmen, zu entwaffnen und einzusperren. Das Manuscript dieser Schrift war angeblich von einem whiggistischen Buchhändler eines Morgens unter seiner Ladenthür gefunden worden. Er beeilte sich, es drucken zu lassen. Viele Exemplare wurden mit der Post versandt und gingen rasch von Hand zu Hand. Scharfsichtige Leute erkannten es jedoch ohne Mühe als das falsche Machwerk irgend eines unruhigen und characterlosen Abenteurers, wie sie in bewegten Zeiten stets bei den unreinsten und schwärzesten Parteiumtrieben thätig sind. Der große Haufe aber ließ sich vollkommen täuschen. Der nationale und religiöse Abscheu gegen die irischen Papisten war in der That so stark erregt, daß die Mehrzahl von Denen, welche die Proklamation für ächt hielten, sie als eine ganz zeitgemäße Entfaltung von Energie mit Beifall begrüßten. Als es bekannt wurde, daß ein solches Dokument von Wilhelm selbst nicht ausgegangen war, fragte man neugierig, wer wohl der Betrüger sein möchte, der so kühn und so glücklich die Rolle des Prinzen gespielt hatte. Einige hatten Ferguson, Andere Johnson im Verdacht, bis endlich nach Verlauf von siebenundzwanzig Jahren Hugo Speke sich zum Autor der Fälschung bekannte und für diesen der protestantischen Religion geleisteten großen Dienst vom Hause Braunschweig eine Belohnung verlangte. Er behauptete in dem Tone eines Mannes, der etwas höchst Lobenswerthes und Ehrenvolles gethan zu haben glaubt, er habe, als die holländische Invasion Whitehall in Bestürzung versetzt, dem Hofe seine Dienste angeboten, habe vorgegeben, mit den Whigs zerfallen zu sein und sich erboten, bei ihnen den Spion zu spielen. So habe er Zutritt in das königliche Kabinet erlangt, habe Treue gelobt, dafür das Versprechen großer Geldbelohnungen erhalten und sich Geleitsbriefe verschafft, die ihn in den Stand setzten, die feindlichen Linien zu passiren. Dies Alles versicherte er nur in der Absicht gethan zu haben, damit er, ohne in Verdacht zu kommen, der Regierung einen tödtlichen Streich versetzen und einen heftigen Ausbruch des Nationalgefühls gegen die Katholiken herbeiführen konnte. Die falsche Proklamation erklärte er für sein Werk; ob sie dies aber wirklich war, dürfte in Zweifel zu ziehen sein. Er machte seinen Anspruch so spät erst geltend, daß wir mit Recht vermuthen dürfen, er habe auf den Tod Derer gewartet, die ihn widerlegen konnten; auch berief er sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes.148

Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes. Während dies in London vorging, brachte jede Post aus jedem Theile des Landes die Nachricht von einem neuen Aufstande. Lumley hatte sich Newcastle’s bemächtigt und die Bewohner hatten ihn freudig willkommen geheißen. Die Statue des Königs, die auf einem hohen Piedestale von Marmor stand, war umgerissen und in den Tyne gestürzt worden. In Hull erinnerte man sich noch lange des 3. Decembers als des Jahrestages der Einnahme der Stadt. In dieser Stadt lag eine Garnison unter den Befehlen Lord Langdale’s, eines Katholiken. Die protestantischen Offiziere entwarfen im Einverständniß mit dem Magistrat den Plan zu einem Aufstande; Langdale und seine Anhänger wurden festgenommen und Soldaten und Bürger erklärten sich gemeinsam für die protestantische Religion und ein freies Parlament.149

Inzwischen hatten sich auch die örtlichen Grafschaften erhoben. Der Herzog von Norfolk erschien mit einem Gefolge von dreihundert bewaffneten und berittenen Gentlemen auf dem stattlichen Marktplatze von Norwich. Hier begrüßten ihn der Mayor und die Aldermen und verpflichteten sich, ihm gegen Papismus und Willkürherrschaft beizustehen.150 Lord Herbert von Cherbury und Sir Eduard Harley griffen in Worcestershire zu den Waffen.151 Bristol, die zweite Stadt des Reichs, öffnete Shrewsbury ihre Thore. Trelawney, der Bischof, der im Tower das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig verlernt hatte, war der Erste, der die Truppen des Prinzen bewillkommnete. Die Stimmung der Einwohner war so, daß man es für unnöthig hielt, eine Garnison unter ihnen zurückzulassen.152 Das Volk von Gloucester erhob sich ebenfalls und befreite Lovelace aus dem Gefängniß. Es sammelte sich bald ein irreguläres Truppencorps um ihn. Einige von seinen Reitern hatten nur Stricke anstatt der Zügel und viele von seinen Fußsoldaten hatten keine andre Waffe als einen Knotenstock. Aber diese Truppe marschirte unangefochten durch Grafschaften, welche einst dem Hause Stuart ergeben waren, und zog endlich triumphirend in Oxford ein. Die Behörden bewillkommneten die Aufständischen mit feierlichem Gepränge. Selbst die durch neuerliche Kränkungen noch erbitterte Universität war nicht geneigt, den Aufstand zu tadeln. Schon hatten die Oberhäupter angesehener Familien eines ihrer Mitglieder abgesandt, um den Prinzen von Oranien zu versichern, daß sie aufrichtig für ihn seien und ihm gern ihr Silbergeräth zum Einschmelzen überlassen würden. Der whiggistische Anführer ritt daher unter allgemeinem Jubel durch die Hauptstadt des Toryismus. Vor ihm her schlugen die Tambours den Lillibullero. Hinter ihm folgte ein langer Zug von Reiterei und Fußvolk. Ganz High Street war mit orangefarbenen Bändern freundlich geschmückt, denn das orangefarbene Band hatte bereits die doppelte Bedeutung, die es noch jetzt, nach Verlauf von hundertsechzig Jahren besitzt. Es war schon für den protestantischen Engländer das Sinnbild der bürgerlichen und religiösen Freiheit, für den katholischen Celten das Sinnbild der Unterjochung und Verfolgung.153

Während sich so rings um den König Feinde erhoben, wichen die Freunde mehr und mehr von seiner Seite. Jedermann hatte sich mit dem Gedanken des Widerstandes vertraut gemacht. Viele, die mit Abscheu die Nachricht von den ersten Abfällen vernommen, machten sich jetzt Vorwürfe, daß sie die Zeichen der Zeit so spät erkannt hatten. Man konnte jetzt ohne Schwierigkeit und Gefahr mit Wilhelm verkehren. Indem der König die Nation zur Erwählung von Vertretern aufforderte, hatte er Jedermann stillschweigend ermächtigt, sich an diejenigen Orte zu begeben, wo er Stimmen oder Einfluß hatte, und viele von diesen Orten waren schon von Truppen Wilhelm’s oder von Insurgenten besetzt. Clarendon ergriff begierig diese Gelegenheit, um sich von der verlornen Sache loszusagen. Er wußte, daß er mit seiner Rede in der berathenden Versammlung der Peers unverzeihlichen Anstoß gegeben hatte, und es verdroß ihn, daß er nicht mit zum königlichen Commissar ernannt worden war. Er hatte Besitzungen in Wiltshire. Er beschloß, daß sein Sohn, von dem er noch unlängst mit tiefem Schmerz und Abscheu gesprochen, ein Wahlcandidat für diese Grafschaft werden sollte und unter dem Vorwande, für diese Wahl die nöthigen Veranstaltungen zu treffen, begab er sich nach dem Westen. Seinem Beispiele folgte sehr bald der Earl von Oxford und Andere, welche bisher jede Connection mit der Unternehmung des Prinzen von sich gewiesen hatten.154

Inzwischen waren die Eingedrungenen, langsam aber unaufgehalten vorrückend, der Hauptstadt bis auf siebzig Meilen nahe gekommen. Obgleich die Mitte des Winters vor der Thür war, hatte man doch schönes Wetter, der Weg war angenehm und die grünen Wiesen der Ebene von Salisbury erschienen den Truppen, die sich durch die kothigen Gleise der Landstraßen von Devonshire und Somersetshire hindurchgearbeitet hatten, von üppiger Weichheit. Der Marsch der Armee ging über Stonehenge, wo ein Regiment nach dem andren Halt machte, um diese geheimnißvolle Ruine anzusehen, die auf dem ganzen Continent als das größte Wunder unsrer Insel bekannt ist. Wilhelm zog mit demselben militairischen Pomp, den er in Exeter entfaltet hatte, in Salisbury ein und stieg in dem Palaste ab, den wenige Tage zuvor der König bewohnt hatte.155

Clarendon schließt sich in Salisbury dem Prinzen an. Hier wurde sein Gefolge durch die Earls von Clarendon und von Oxford und andere hochgestellte Männer vermehrt, welche noch vor einigen Tagen als eifrige Royalisten betrachtet worden waren. Auch Citters erschien im holländischen Hauptquartier. Er war seit einigen Wochen in seinem Hause bei Whitehall unter der beständigen Aufsicht einander ablösender Spione fast ein Gefangener gewesen. Doch trotz dieser Spione und vielleicht mit ihrer Beihülfe hatte er sich von Allem was im Palast vorging genaue Kenntniß zu verschaffen gewußt und er kam nun mit werthvollen Notizen über Menschen und Dinge reich versehen, um Wilhelm durch seinen Rath zu unterstützen.156

Spaltung im Lager des Prinzen. Bis hieher hatte die Unternehmung des Prinzen einen die sanguinischesten Hoffnungen übertreffenden glücklichen Fortgang gehabt. Jetzt aber begann das Glück nach dem allgemeinen Gesetz, das die irdischen Dinge regiert, Uneinigkeit zu erzeugen. Die in Salisbury versammelten Engländer spalteten sich in zwei Parteien. Die eine davon bestand aus Whigs, welche die Lehren vom passiven Gehorsam und vom unveräußerlichen Erbrechte stets als knechtischen Aberglauben betrachtet hatten. Viele von ihnen hatten Jahre lang im Exil zugebracht. Alle waren lange von jedem Antheil an den Gunstbezeigungen der Krone ausgeschlossen gewesen. Jetzt frohlockten sie über die nahe Aussicht auf Größe und Rache. Von glühendem Zorne beseelt und von Sieg und Hoffnung aufgebläht, wollten sie von keinem Vergleiche hören. Nur die Absetzung ihres Todfeindes konnte sie zufriedenstellen, und es läßt sich nicht leugnen, daß sie hierin durchaus consequent waren. Neun Jahre früher hatten sie sich bemüht, ihn vom Throne auszuschließen, weil sie fürchteten, daß er ein schlechter König werden möchte, und nachdem er sich als ein viel schlechterer König erwiesen, als irgend ein vernünftiger Mensch es hätte vermuthen können, durfte man wohl kaum erwarten, daß sie ihn gutwillig auf dem Throne lassen würden.

Auf der andren Seite waren nicht wenige von Wilhelm’s Anhängern eifrige Tories, welche bis vor ganz Kurzem die Lehre vom Nichtwiderstande in der absolutesten Form aufrechterhalten, deren Glaube an diese Lehre aber einen Augenblick durch die heftigen Leidenschaften erschüttert worden war, welche die Undankbarkeit des Königs und die Gefahr der Kirche in ihnen geweckt hatten. Keine Lage konnte peinlicher und beängstigender sein, als die des alten Kavaliers, der mit bewaffneter Hand dem Throne gegenüberstand. Die Gewissensscrupel, die ihn nicht abgehalten hatten, sich in das holländische Lager zu begeben, begannen ihn furchtbar zu quälen, sobald er sich dort befand. Eine innere Stimme sagte ihm, daß er ein Verbrechen begangen habe. Jedenfalls hatte er sich Vorwürfen ausgesetzt, indem er im directen Widerspruch mit den erklärten Prinzipien seines ganzen Lebens handelte. Er empfand einen unüberwindlichen Widerwillen gegen seine neuen Verbündeten. Es waren Leute, die er, so lange er denken konnte, geschmäht und verfolgt hatte: Presbyterianer, Independenten, Anabaptisten, alte Soldaten Cromwell’s, kecke Burschen Shaftesbury’s, Theilnehmer am Ryehousecomplot, gewesene Anführer des Aufstandes im Westen. Natürlich wünschte er eine Ausflucht zu finden, die sein Gewissen beruhigen, seine Consequenz rechtfertigen und zwischen ihm und der großen Masse schismatischer Rebellen, die er stets verachtet und verabscheut hatte, mit denen er aber jetzt in eine Kategorie geworfen zu werden fürchten mußte, eine Scheidewand ziehen konnte. Er verwahrte sich daher entschieden gegen den Gedanken, die Krone von dem gesalbten Haupte nehmen zu wollen, das der Wille des Himmels und die Grundgesetze des Reichs geheiligt hatten. Es war sein sehnlichster Wunsch, auf Grundlagen, welche die königliche Würde nicht herabsetzten, eine Versöhnung zu Stande kommen zu sehen. Er war ja kein Verräther, er widersetzte sich eigentlich gar nicht der königlichen Autorität; er stand nur deshalb unter Waffen, weil er überzeugt war, daß man dem Throne keinen besseren Dienst leisten könne, als indem man Seine Majestät durch ein wenig Zwang aus den Händen schlechter Rathgeber befreite.

Die schlimmen Folgen, welche die gegenseitige Erbitterung dieser Factionen herbeizuführen drohten, wurden zum großen Theile durch den Einfluß und die Weisheit des Prinzen verhütet. Umgeben von streitsüchtigen Disputanten, von zudringlichen Rathgebern, von kriechenden Schmeichlern, von wachsamen Spionen und böswilligen Verleumdern, bewahrte er stets seine heitere, undurchdringliche Ruhe. Er schwieg so lange als Schweigen möglich war, und wenn er sprechen mußte, brachte der ernste und gebieterische Ton, in welchem er seine reiflich erwogenen Ansichten kund that, bald jeden Andren zum Schweigen. Was auch einige seiner allzu eifrigen Anhänger sagen mochten, er äußerte kein Wort, das die mindeste Absicht auf den Besitz der englischen Krone verrieth. Er wußte sehr gut, daß zwischen ihm und dieser Krone noch Hindernisse standen, die vielleicht keine menschliche Klugheit zu beseitigen vermochte, die aber ein einziger falscher Schritt unüberwindlich machen konnte. Er hatte nur dann Aussicht, den glänzenden Preis zu erringen, wenn er sich desselben nicht mit rücksichtsloser Hand bemächtigte, sondern es ruhig abwartete, bis sein geheimer Wunsch ohne sichtbares Bemühen oder List von seiner Seite, durch den Drang der Umstände, durch die Mißgriffe seiner Widersacher und durch die freie Wahl der Stände des Reichs erfüllt werden würde. Diejenigen, die ihn auszuforschen wagten, erfuhren nichts, konnten ihn aber doch nicht der Winkelzüge beschuldigen. Er verwies sie ruhig auf seine Erklärung und versicherte, daß seit der Abfassung dieses Dokuments in seinen Ansichten keine Änderung eingetreten sei. Er behandelte seine Anhänger mit so kluger Gewandtheit, daß ihre Uneinigkeit seine Hand eher gestärkt als geschwächt zu haben scheint; aber sie brach mit Heftigkeit hervor, sobald seine Aufsicht nachließ, störte die Eintracht geselliger Zusammenkünfte und respectirte selbst die Heiligkeit des Gotteshauses nicht. Clarendon, welcher durch sein Prahlen mit loyalen Gesinnungen die unleugbare Thatsache, daß er ein Rebell war, bemänteln wollte, hörte mit heftiger Entrüstung einige seiner neuen Verbündeten bei der Flasche über die königliche Amnestie lachen, die ihnen so eben huldvoll angeboten worden war. Sie brauchten keine Verzeihung, sagten sie; im Gegentheil, der König müßte sie um Verzeihung bitten, ehe sie ihn laufen ließen. Noch beunruhigender und kränkender für jeden guten Tory war ein Vorfall, der sich in der Kathedrale von Salisbury ereignete. Sobald der fungirende Geistliche das Gebet für den König zu lesen begann, erhob sich Burnet, zu dessen vielen guten Eigenschaften Selbstbeherrschung und feines Schicklichkeitsgefühl nicht gehörten, von den Knien, setzte sich in seinen Stuhl und gab einige verächtliche Laute von sich, welche die Andacht der Gemeinde störten.157

Bald hatten die Factionen, welche das Lager des Prinzen spalteten, Gelegenheit, ihre Stärke zu messen. Die königlichen Commissare waren auf dem Wege zu ihm. Schon mehrere Tage waren seit ihrer Ernennung verstrichen, und eine solche Verspätigung in einer Angelegenheit von so dringender Wichtigkeit war auffallend. In Wahrheit aber wünschte weder Jakob noch Wilhelm die schleunige Anknüpfung von Unterhandlungen, denn Jakob wollte nur Zeit gewinnen, um seine Gemahlin und seinen Sohn nach Frankreich schicken zu können, und Wilhelm’s Stellung wurde mit jedem Tage gebietender. Endlich ließ der Prinz den Commissaren sagen, daß er in Hungerford mit ihnen zusammentreffen wolle. Er wählte diese Stadt wahrscheinlich deshalb, weil sie gerade auf halbem Wege zwischen Salisbury und Oxford lag und sich daher zu einer Zusammenkunft seiner bedeutendsten Anhänger am besten eignete. In Salisbury befanden sich diejenigen Kavaliere und Gentlemen, die ihn von Holland aus begleitet oder sich im Westen ihm angeschlossen hatten, und in Oxford waren viele Häupter des Aufstandes im Norden.

Ankunft des Prinzen in Hungerford. Donnerstag Abend, den 6. December traf er in Hungerford ein, und bald füllte sich die kleine Stadt mit Männern von hohem Rang und Ansehen, welche von allen Seiten herbeikamen. Der Prinz war von einer starken Truppenabtheilung begleitet, und die aus dem Norden kommenden Lords brachten Hunderte von irregulären Reitern mit, deren Armaturen und Reitkunst die Heiterkeit Derer erregte, welche an den glänzenden Anblick und an die präcisen Bewegungen regulärer Armeen gewöhnt waren.158

Gefecht bei Reading. Während des Prinzen Anwesenheit in Hungerford fand zwischen einem zweihundertfünfzig Mann starken Detaschement seiner Truppen und sechshundert in Reading stehenden Irländern ein heißes Gefecht statt. Bei dieser Gelegenheit bewährte sich die bessere Disciplin der Eingedrungenen auf das Glänzendste. Obgleich von weit geringerer Anzahl, trieben sie doch sogleich beim ersten Anlauf die königlichen Truppen in wilder Flucht durch die Straßen der Stadt bis auf den Marktplatz. Hier machten die Irländer einen Versuch, sich wieder zu sammeln, da sie aber von vorn kräftig angegriffen wurden und zu gleicher Zeit die Bewohner der umliegenden Häuser aus den Fenstern auf sie feuerten, so entsank ihnen bald der Muth und sie flohen mit dem Verlust ihrer Fahne und fünfzig Mann. Von den Siegern fielen nur fünf. Die Nachricht von diesem Kampfe erfüllte die Lords und Gentlemen, die sich Wilhelm angeschlossen hatten, mit ungetrübter Freude. Nichts an diesem ganzen Vorfall konnte ihren Nationalstolz kränken. Die Holländer hatten nicht die Engländer geschlagen, sondern hatten einer englischen Stadt geholfen, sich von der unerträglichen Herrschaft der Irländer zu befreien.159

Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford. Samstag Morgens, den 8. December, kamen die königlichen Commissare in Hungerford an. Die Leibgarde des Prinzen war in Parade aufgestellt, um sie mit militairischen Ehrenbezeigungen zu empfangen. Bentinck bewillkommnete sie und erbot sich, sie sofort zu seinem Gebieter zu geleiten. Sie sprachen die Hoffnung aus, daß der Prinz ihnen eine Privataudienz bewilligen werde; aber es wurde ihnen darauf erwiedert, daß er beschlossen habe, sie öffentlich anzuhören und ihnen ebenso zu antworten. Sie wurden in sein Schlafgemach eingeführt, wo sie ihn von einer Menge Lords und Gentlemen umgeben fanden.

Unterhandlung. Halifax, dem seine Stellung, sein Alter und seine Fähigkeiten den Vorrang gaben, führte das Wort. Der Vorschlag, den die Commissare zu machen beauftragt waren, bestand darin, daß die streitigen Punkte der Entscheidung des Parlaments, für welches die Wahlen bereits angeordnet seien, anheimgegeben werden und daß sich bis dahin die Armee des Prinzen der Hauptstadt nicht weiter als bis auf dreißig oder vierzig Meilen nähern sollte. Nachdem Halifax erklärt hatte, daß er und seine Collegen bereit seien, auf dieser Grundlage zu unterhandeln, überreichte er Wilhelm ein Schreiben vom Könige und entfernte sich dann. Wilhelm erbrach den Brief und schien ungewöhnlich bewegt zu sein. Es war der erste, den er von seinem Schwiegervater erhielt, seitdem sie erklärte Feinde geworden waren. Sie hatten einst auf gutem Fuße gestanden und einander vertraulich geschrieben; auch hatten sie selbst als sie schon anfingen, einander mit Mißtrauen und Abneigung zu betrachten, die freundschaftlichen Formen, welche nahe Verwandte zu gebrauchen pflegen, noch nicht aus ihren Briefen verbannt. Das von den Commissaren überbrachte Schreiben aber war von einem Sekretär in diplomatischer Form und in französischer Sprache abgefaßt. „Ich habe viele Briefe vom Könige erhalten,“ sagte Wilhelm, „aber sie waren alle in englischer Sprache und von ihm eigenhändig geschrieben.“ Er sprach mit einer Gemüthsbewegung, die er sonst nicht zu zeigen gewohnt war. Er dachte vielleicht in diesem Augenblicke daran, welche Vorwürfe sein Unternehmen, so gerecht, so wohlthätig und so nothwendig es auch sein mochte, ihm selbst und der ihm ergebenen Frau zuziehen mußte. Vielleicht beklagte er das harte Geschick, das ihn in eine Lage versetzt hatte, in der er seine Staatspflichten nur dadurch erfüllen konnte, daß er Familienbande zerriß, und beneidete die glücklichere Lage Derer, die für das Wohl von Nationen und Kirchen nicht verantwortlich sind. Doch wenn solche Gedanken wirklich in ihm aufstiegen, so wurden sie mit männlicher Festigkeit unterdrückt. Er forderte die Lords und Gentlemen, die er in Folge jenes Schreibens zusammenberief, auf, über die zu ertheilende Antwort zu berathschlagen, ohne daß er sie durch seine Anwesenheit irgendwie behindern wolle. Er selbst behielt sich nur das Recht vor, nach Anhörung ihrer Meinungen in letzter Instanz zu entscheiden. Hierauf verließ er sie und zog sich nach Littlecote Hall zurück, einem etwa zwei Meilen entfernten Schlosse, das bis auf unsere Tage nicht allein durch seine ehrwürdige Bauart und Einrichtung, sondern auch wegen eines entsetzlichen und geheimnißvollen Verbrechens berühmt ist, das zu den Zeiten der Tudors daselbst verübt wurde.160

Vor seiner Abreise von Hungerford erfuhr er, daß Halifax den dringenden Wunsch geäußert habe, mit Burnet zu sprechen. In diesem Wunsche lag nichts Auffallendes, denn Halifax und Burnet hatten lange auf freundschaftlichem Fuße gestanden. Allerdings konnte es wohl kaum zwei Männer geben, die einander so wenig glichen. Burnet fehlte es gänzlich an Takt und Zartgefühl. Halifax besaß dagegen ein außerordentlich feines Gefühl und sein Sinn für das Lächerliche war von krankhafter Reizbarkeit. Burnet betrachtete jede Handlung und jeden Character durch ein vom Parteigeist entstelltes und gefärbtes Medium. Halifax dagegen war stets geneigt, die Fehler seiner Verbündeten mit schärferem Blicke zu untersuchen als die Fehler seiner Gegner. Burnet war bei allen seinen Mängeln und Schwächen und durch alle Wechselfälle seines in Verhältnissen, welche der Frömmigkeit eben nicht günstig waren, hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiöser Mann. Der skeptische und sarkastische Halifax wurde für einen Ungläubigen gehalten. Halifax zog sich daher oft den unwilligen Tadel Burnet’s zu, und Burnet war oft die Zielscheibe von Halifax’ scharfem und feinem Witze. Dennoch fühlten sie sich zu einander hingezogen, fanden gegenseitig Gefallen an ihrer Unterhaltung, schätzten ihre beiderseitigen Talente, tauschten freimüthig ihre Ansichten aus und erwiesen einander auch in Zeiten der Gefahr gute Dienste. Indessen wünschte Halifax seinen alten Bekannten jetzt nicht aus rein persönlichen Rücksichten zu sprechen. Es mußte den Commissaren daran gelegen sein, den eigentlichen Endzweck des Prinzen zu erfahren. Er hatte sich geweigert, sie privatim zu empfangen, und aus dem, was er ihnen bei einer förmlichen und öffentlichen Zusammenkunft sagen konnte, war wenig zu ersehen. Fast Alle die sein Vertrauen besaßen, waren eben so verschwiegen und unergründlich als er selbst. Burnet bildete die einzige Ausnahme. Er war notorisch geschwätzig und indiscret, die Umstände aber hatten es nöthig gemacht, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und es unterlag keinem Zweifel, daß es dem gewandten Halifax gelingen würde, ihm eben so viele Geheimnisse als Worte zu entlocken. Wilhelm wußte dies sehr gut, und als er erfuhr, daß Halifax mit dem Doctor sprechen wollte, konnte er sich der Äußerung nicht enthalten: „Wenn die Beiden zusammenkommen, wird es ein schönes Geschwätz geben.“ Es wurde Burnet nicht erlaubt, privatim mit den Commissaren zu sprechen, ihm aber versichert, daß seine Treue in den Augen des Prinzen über jeden Verdacht erhaben sei, und damit er keinen Grund haben konnte, sich zu beklagen, wurde das Verbot allgemein gemacht.

An jenem Nachmittage versammelten sich die Lords und Gentlemen, welche Wilhelm um ihren Rath ersucht hatte, in dem Hauptsaale des ersten Gasthofes zu Hungerford. Oxford präsidirte und die Eröffnungen des Königs wurden in Erwägung gezogen. Es zeigte sich bald, daß die Versammlung in zwei Parteien gespalten war, deren eine sehnlichst einen Vergleich mit dem Könige wünschte, während die andre seinen Sturz wollte. Die letztere Partei hatte das numerische Übergewicht; aber es wurde bemerkt, daß Shrewsbury, von dem man glaubte, daß er von allen englischen Kavalieren den größten Antheil an Wilhelm’s Vertrauen hatte, bei dieser Gelegenheit auf Seiten der Tories stand. Nach langem Hin- und Herreden wurde die Frage gestellt. Die Majorität war für die Verwerfung des Vorschlags, den die Commissare zu machen beauftragt waren. Der Beschluß der Versammlung wurde dem Prinzen nach Littlecote gemeldet. Bei keinem Anlasse während seines ganzen ereignißvollen Lebens zeigte er mehr Klugheit und Selbstbeherrschung. Er konnte unmöglich wünschen, daß die Unterhandlung Erfolg habe; aber er war viel zu klug, um nicht einzusehen, daß er die öffentliche Meinung nicht mehr für sich gehabt haben würde, wenn die Unterhandlung an unbilligen Forderungen von seiner Seite scheiterte. Er verwarf daher die Ansicht seiner allzueifrigen Anhänger und erklärte, daß er entschlossen sei, auf der vom Könige proponirten Grundlage zu unterhandeln. Viele von den in Hungerford versammelten Lords und Gentlemen erhoben Einwendungen dagegen, und ein ganzer Tag verging unter Hin- und Herstreiten; aber Wilhelm’s Entschluß stand unwiderruflich fest. Er erklärte sich bereit, die Entscheidung aller streitigen Punkte dem eben einberufenen Parlamente zu überlassen und sich London nur bis auf vierzig Meilen zu nähern. Er stellte seinerseits einige Forderungen, welche selbst Diejenigen, die am wenigsten für ihn eingenommen waren, als mäßig anerkannten. Er verlangte, daß die bestehenden Gesetze so lange befolgt würden, bis sie durch die competente Autorität abgeändert wären, und daß alle Diejenigen, welche ohne gesetzliche Qualification Ämter bekleideten, sofort entlassen werden sollten. Er war ferner der vollkommen begründeten Meinung, daß die Berathungen des Parlaments nicht frei sein könnten, wenn es von irischen Regimentern umgeben war, während er mit seiner Armee mehrere Tagemärsche weit von demselben entfernt stand. Er hielt es daher für recht und billig, daß, wenn seine Truppen sich im Westen der Hauptstadt nur bis auf vierzig Meilen nähern sollten, auch die königlichen Truppen im Osten sich auf gleiche Entfernung zurückziehen müßten. So wäre um den Ort herum, wo die Häuser tagten, ein großer Kreis neutralen Bodens gewesen. Allerdings befanden sich innerhalb dieses Umkreises zwei für die Bewohner der Hauptstadt höchst wichtige Festungen, der Tower, der ihre Häuser, und Tilbury Fort, das ihren Seehandel beherrschte. Ohne Besatzung konnten diese Plätze unmöglich bleiben, und Wilhelm schlug daher vor, sie einstweilen der Obhut der City von London zu übergeben. Ferner konnte es der König möglicherweise für angemessen erachten, sich zur Eröffnung des Parlaments mit einer Abtheilung Leibgarden nach Westminster zu begeben. Der Prinz kündigte an, daß er in diesem Falle das Recht beanspruchen werde, sich ebenfalls mit einer gleichen Anzahl Soldaten dahin zu begeben. Es schien ihm gerecht, daß, so lange die militairischen Operationen eingestellt waren, beide Armeen gleichmäßig im Dienste der Nation stehend betrachtet und gleichmäßig auf Kosten des englischen Staatsschatzes unterhalten würden. Endlich verlangte er noch eine Gewährschaft dafür, daß der König sich den Waffenstillstand nicht zu Nutze machte, um französische Truppen nach England zu ziehen. Der gefährlichste Punkt in dieser Beziehung war Portsmouth. Der Prinz bestand jedoch nicht darauf, daß ihm diese wichtige Festung überliefert werden sollte, sondern machte nur den Vorschlag, sie für die Dauer des Waffenstillstandes unter das Commando eines Offiziers zu stellen, zu dem er und Jakob Vertrauen habe.

Wilhelm’s Vorschläge waren mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit entworfen, wie sie eher von einem unbeteiligten Schiedsrichter, der sein Urtheil abgiebt, als von einem siegreichen Fürsten, der einem hülflosen Feinde Bedingungen vorschreibt, zu erwarten gewesen wären. Die Anhänger des Königs fanden nichts daran auszusetzen. Unter den Whigs aber wurde viel darüber gemurrt. Sie wollten von einer Versöhnung mit ihrem gewesenen Gebieter nichts wissen, sie glaubten sich aller Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden, sie wollten die Autorität eines durch ihn einberufenen Parlaments nicht anerkennen, waren einem Waffenstillstande entschieden abgeneigt und konnten nicht einsehen, warum ein solcher, wenn er dennoch abgeschlossen werden sollte, auf gleiche Bedingungen basirt sein müsse. Nach allen Regeln des Kriegs habe die stärkere Partei das Recht, aus ihrer Starke Vortheil zu ziehen, und sei Jakob’s Character von der Art, um eine außerordentliche Nachsicht zu rechtfertigen? Die, welche so raisonnirten, hatten keinen Begriff, aus welchem erhabenen Gesichtspunkte und mit welchem scharfen Blicke der von ihnen getadelte Führer die ganze Stellung Englands und Europa’s betrachtete. Sie wollten Jakob schlechterdings stürzen und würden sich daher entweder geweigert haben, unter irgend welchen Bedingungen mit ihm zu unterhandeln, oder sie würden ihm unerträglich harte Bedingungen gestellt haben. Wenn Wilhelm’s umfassender und tief durchdachter politischer Plan gelingen sollte, mußte Jakob durch Zurückweisung auffallend liberaler Bedingungen sich selbst ins Verderben stürzen. Die kommenden Ereignisse bewiesen sprechend die Weisheit des Verfahrens, welches die Mehrzahl der in Hungerford versammelten Engländer zu verdammen geneigt war.

Am Sonntag, den 9. December, wurden die Forderungen des Prinzen niedergeschrieben und Halifax übergeben. Die Commissare speisten in Littlecote mit einer glänzenden Gesellschaft, welche ihnen zu Ehren eingeladen worden war. Die alte Halle, geschmückt mit Panzerhemden, welche die Kriege der Rosen gesehen und mit den Bildnissen von Kavalieren, die eine Zierde des Hofes Philipp’s und Mariens gewesen waren, war an jenem Tage mit Peers und Generälen angefüllt. In einem solchen Gedränge konnte man leicht eine kurze Frage und Antwort wechseln, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Halifax benutzte die Gelegenheit, die sich ihm darbot, um Burnet Alles was er wußte und dachte zu entlocken. „Was wollt Ihr eigentlich?“ fragte der gewandte Diplomat; „wollt Ihr den König in Eure Gewalt haben?“ — „Durchaus nicht,“ antwortete Burnet, „wir würden seiner Person nicht das mindeste Leid anthun.“ — „Wenn er aber flüchtete?“ fuhr Halifax fort. „Dies wäre uns das Erwünschteste.“ Es kann nicht bezweifelt werden, daß Burnet die allgemeine Ansicht der Whigs im Lager des Prinzen aussprach. Sie wünschten Alle, daß Jakob das Land verlassen möchte, aber nur einige wenige von den weisesten unter ihnen sahen ein, wie wichtig es war, daß seine Flucht von der Nation seiner eignen Thorheit und Verblendung und nicht harter Behandlung oder begründeter Furcht zugeschrieben wurde. Wahrscheinlich wären selbst in der verzweifelten Lage, in die er versetzt war, alle seine Feinde zusammengenommen noch immer nicht im Stande gewesen, seinen völligen Sturz zu bewirken, wäre er selbst nicht sein schlimmster Feind gewesen; aber während seine Commissare an seiner Rettung arbeiteten, arbeitete er eben so eifrig daran, alle ihre Bemühungen nutzlos zu machen.161

Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich geschickt. Seine Pläne waren endlich reif zur Ausführung. Die Scheinunterhandlung hatte ihren Zweck erfüllt. An dem nämlichen Tage, an welchem die drei Lords in Hungerford eintrafen, kam der Prinz von Wales in Westminster an. Man hatte die Absicht gehabt, ihn die London-Brücke passiren zu lassen, und einige irländische Truppen waren ihm daher nach Southwark entgegengesandt worden. Aber sie wurden von einer zahlreichen Volksmenge mit solchem Geschrei und solchen Verwünschungen empfangen, daß sie es für gerathen hielten, schleunigst wieder umzukehren. Das unglückliche Kind passirte die Themse bei Kingston und wurde so in aller Stille nach Whitehall gebracht, daß Viele glaubten, es sei noch in Portsmouth.162

Den Prinzen und die Königin außer Landes zu schicken, war jetzt das Hauptziel Jakob’s. Aber wem konnte die Leitung der Flucht anvertraut werden? Dartmouth war der loyalste aller protestantischen Tories, und er hatte sich geweigert. Dover war eine Creatur der Jesuiten, und selbst er hatte sich nicht entschließen können. Es war nicht sehr leicht, einen Engländer von hohem Range und von Ehre zu finden, der es unternommen hätte, den wahrscheinlichen Erben der englischen Krone den Händen des Königs von Frankreich zu übergeben. Unter diesen Umständen dachte Jakob an einen damals in London lebenden Franzosen, Namens Antonin Graf von Lauzun.

Lauzun. Man hat von diesem Manne gesagt, sein Leben sei wunderbarer gewesen, als die Träume anderer Leute. In seiner Jugend war er Ludwig’s intimer Gesellschafter gewesen und man hatte ihm Aussicht auf die höchsten Ämter unter der französischen Krone gemacht. Dann hatte sein Glücksstern sich plötzlich verdunkelt. Ludwig hatte seinen Jugendfreund mit bitteren Vorwürfen von sich gestoßen und sollte sich angeblich kaum haben enthalten können, ihn zu schlagen. Der gefallene Günstling war als Gefangener auf eine Festung geschickt, aber wieder in Freiheit gesetzt worden, hatte sich aufs neue der Gunst seines Gebieters erfreut und das Herz einer der vornehmsten Damen in Europa, Anna Maria, Tochter des Herzogs Gaston von Orleans, Enkelin König Heinrich’s IV. und Erbin der unermeßlichen Besitzungen des Hauses Montpensier, erobert. Die beiden Liebenden wünschten sich zu vermählen, der König gab seine Einwilligung und einige Stunden lang wurde Lauzun vom Hofe als ein Mitglied des Hauses Bourbon betrachtet. Die Mitgift der Prinzessin wäre in der That der Bewerbung souverainer Fürsten werth gewesen, denn sie bestand aus drei großen Herzogthümern, einem unabhängigen Fürstenthume mit eigner Münze und eigenen Tribunalen, und einem Einkommen, das die Gesammteinkünfte des Königreichs Schottland weit überstieg. Aber diese glänzende Aussicht trübte sich, die Verbindung wurde abgebrochen und der Freier wurde viele Jahre in einem Alpenschlosse eingesperrt. Endlich ließ sich Ludwig wieder erweichen. Lauzun durfte nicht vor dem Könige erscheinen, aber es war ihm gestattet, fern vom Hofe seine Freiheit zu genießen. Er ging nach England und wurde im Palaste Jakob’s und in den vornehmen Cirkeln London’s wohl aufgenommen, denn damals galten die französischen Edelleute in ganz Europa für Muster von Eleganz, und viele Chevaliers und Vicomtes, welche in den Privatcirkeln zu Versailles nie Zutritt gehabt hatten, sahen sich in Whitehall von allgemeiner Neugierde und Bewunderung umgeben. Lauzun war der gegenwärtigen Anforderung in jeder Hinsicht gewachsen. Er hatte Muth und Ehrgefühl, war an excentrische Abenteuer gewöhnt und verband mit dem scharfen Beobachtungssinn und dem sarkastischen Witze eines vollendeten Weltmanns eine entschiedene Neigung zum irrenden Ritterthum. Alle seine nationalen Gefühle und alle seine persönlichen Interessen trieben ihn an, das Abenteuer zu wagen, vor dem die treuesten Unterthanen der englischen Krone zurückzuschrecken schienen. Als Beschützer der Königin von Großbritannien und des Prinzen von Wales in einer gefahrvollen Krisis, konnte er mit Ehren in sein Vaterland zurückkehren, es konnte ihm wieder gestattet werden, Ludwig ankleiden und speisen zu sehen und nach so vielen Wechselfällen konnte er am Abende seines Lebens noch einmal die so wunderbar bezaubernde Jagd nach der königlichen Gunst beginnen.

Von solchen Gefühlen beseelt, nahm Lauzun das ihm angebotene wichtige Amt bereitwilligst an. Die Vorkehrungen zur Flucht wurden schleunigst getroffen, ein Schiff erhielt Befehl, sich bei Gravesend bereit zu halten; aber nach Gravesend zu gelangen, war nicht leicht. Die City war in einer furchtbaren Aufregung. Die geringste Ursache war hinreichend, um einen Auflauf zu veranlassen, kein Fremder durfte sich auf den Straßen zeigen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, angehalten, ausgefragt und als verkappter Jesuit vor einen Magistratsbeamten geführt zu werden. Man mußte sich daher auf der Südseite der Themse halten. Es wurde keine Vorsichtsmaßregel versäumt, um jeden Verdacht zu zerstreuen. Der König und die Königin begaben sich wie gewöhnlich zur Ruhe. Jakob wartete, bis eine Zeit lang im Palaste Alles still gewesen war, dann stand er auf und rief einen Diener, zu dem er sagte: „Ihr werdet an der Thür des Vorzimmers einen Mann finden; bringt ihn hierher.“ Der Diener gehorchte und Lauzun wurde ins königliche Schlafgemach eingeführt. „Ich vertraue Ihnen meine Gemahlin und meinen Sohn an,“ sagte der König zu ihm; „sie müssen auf jede Gefahr hin nach Frankreich gebracht werden.“ Lauzun sprach mit ächt ritterlichem Sinne seinen Dank aus für die ihm zu Theil werdende gefährliche Ehre und bat um die Erlaubniß, sich der Mithülfe seines Freundes Saint-Victor, eines Edelmanns aus der Provence, dessen Muth und Treue vielfach erprobt sei, bedienen zu dürfen. Die Dienste eines so werthvollen Beistandes wurden bereitwillig angenommen. Lauzun reichte Marien die Hand, und Saint-Victor hüllte den unglücklichen Erben so vieler Könige in seinen warmen Mantel. Die Gesellschaft schlich leise die Hintertreppe hinab und stieg in einen offenen Kahn. Es war eine traurige Fahrt. Die Nacht war kalt, es regnete, der Wind heulte und der Wellenschlag war heftig. Endlich erreichte der Kahn Lambeth und die Flüchtlinge landeten in der Nähe eines Gasthofes, wo ein Wagen und Pferde sie erwarteten. Es dauerte eine Weile, bis die Pferde angeschirrt und angespannt waren. Marie wollte aus Furcht erkannt zu werden nicht in das Haus treten. Sie blieb bei ihrem Kinde, zum Schutz vor dem Unwetter unter dem Thurme der Lambethkirche kauernd und jedesmal vor Schreck zusammenfahrend, wenn der Hausknecht sich ihr mit seiner Laterne näherte. Sie hatte zwei von ihren Kammerfrauen bei sich; die eine nährte den Prinzen, die andre hatte das Amt, ihn zu wiegen; ihrer Gebieterin aber konnten Beide nur wenig nützen, denn sie waren Ausländerinnen, welche kaum englisch sprachen und beständig über das rauhe Klima Englands klagten. Der einzige tröstliche Umstand war, daß das Kind wohl war und nicht ein einziges Mal schrie. Endlich war der Wagen bereit. Saint-Victor begleitete denselben zu Pferde. Die Flüchtlinge kamen wohlbehalten in Gravesend an und schifften sich auf der sie erwartenden Yacht ein. Sie fanden auf derselben Lord Powis mit seiner Gattin und drei irische Offiziere. Diese waren dahin geschickt worden, um Lauzun in einem etwaigen verzweifelten Nothfalle beizustehen, denn es wurde nicht für unmöglich gehalten, daß der Kapitain des Schiffes sich als treulos erwies, und man hatte sich fest vorgenommen, ihn beim geringsten Verdacht von Verrätherei sofort niederzustoßen. Man kam jedoch nicht in die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen. Die Yacht fuhr mit günstigem Winde den Strom hinab und nachdem Saint-Victor sie hatte absegeln sehen, sprengte er mit der guten Nachricht nach Whitehall zurück.163

Am Montag Morgen, den 10. December, erfuhr der König, daß seine Gemahlin und sein Sohn ihre Reise unter günstigen Aussichten für die glückliche Vollendung derselben angetreten hatten. Um die nämliche Zeit kam ein Courier mit Depeschen von Hungerford im Palaste an. Wäre Jakob ein wenig scharfsichtiger und etwas weniger halsstarrig gewesen, so würden diese Depeschen ihn bestimmt haben, alle seine Pläne noch einmal zu erwägen. Das Schreiben der Commissare berechtigte zu guten Hoffnungen. Die von dem Sieger gestellten Bedingungen waren auffallend liberal. Der König selbst konnte sich der Bemerkung nicht enthalten, daß sie günstiger seien, als er es erwartet hätte. Zwar konnte er nicht ohne Grund annehmen, daß sie in keiner freundlichen Absicht gestellt wurden; allein dies kam hier nicht in Betracht; mochten sie ihm in der Hoffnung angeboten werden, daß er durch Annahme derselben den Grund zu einer gütlichen Ausgleichung legen werde, oder, und dies war wahrscheinlicher, in der Hoffnung, daß er sich durch ihre Zurückweisung der Nation als durchaus unvernünftig und unverbesserlich darstellen werde, jedenfalls war der Weg, den er hatte einschlagen sollen, vollkommen klar. In beiden Fallen würde es die Klugheit erfordert haben, sie ohne Besinnen anzunehmen und treulich zu halten.

Anstalten des Königs zur Flucht. Es zeigte sich aber bald, daß Wilhelm den Character, mit dem er es zu thun hatte, richtig beurtheilt und durch das Anerbieten jener Bedingungen, welche die in Hungerford anwesenden Whigs als zu nachsichtig getadelt, nichts gewagt hatte. Die feierliche Komödie, mit der das Publikum seit dem Rückzuge der königlichen Armee von Salisbury unterhalten worden war, wurde noch einige Stunden fortgesetzt. Alle noch in der Hauptstadt anwesenden Lords wurden in den Palast beschieden, um von den Fortschritten der auf ihren Rath eingeleiteten Unterhandlungen unterrichtet zu werden. Eine zweite Versammlung von Peers wurde auf den nächstfolgenden Tag festgesetzt. Der Lordmayor und die Sheriffs von London wurden ebenfalls vor den König geladen. Er ermahnte sie, ihre Pflichten mit ungeschwächtem Eifer zu erfüllen und gestand ihnen, daß er es für zweckmäßig erachtet habe, seine Gemahlin und seinen Sohn außer Landes zu schicken, versicherte aber, daß er selbst auf seinem Posten ausharren werde. Als er diese unkönigliche und unmännliche Lüge sagte, war es schon sein fester Entschluß, noch vor Tagesanbruch abzureisen. Er hatte bereits sein werthvollstes bewegliches Eigenthum mehreren fremden Gesandten zur Aufbewahrung übergeben. Seine wichtigsten Papiere hatte er dem toskanischen Gesandten anvertraut. Etwas aber mußte vor der Flucht noch geschehen. Der Tyrann schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er sich an dem Volke, welches seinen Despotismus nicht länger ertragen wollte, werde rächen können, indem er es bei seinem Scheiden allem Unheile der Anarchie preisgab. Er ließ das große Siegel und die Ausschreiben für das neue Parlament in sein Zimmer bringen. Die noch vorhandenen Ausschreiben warf er ins Feuer und die bereits abgesandten erklärte er durch eine in gesetzlicher Form abgefaßte Urkunde für ungültig. An Feversham schrieb er einen Brief, der nur als ein Befehl zur Auflösung der Armee verstanden werden konnte. Gleichwohl verhehlte der König selbst seinen ersten Ministern noch immer seine Absicht, zu entweichen. Ehe er sich zur Ruhe begab, befahl er noch Jeffreys, am andren Morgen bei Zeiten im Kabinet zu erscheinen, und als er ins Bett stieg, raunte er Mulgrave zu, die aus Hungerford angelangten Nachrichten seien höchst befriedigend. Jedermann entfernte sich hierauf, mit Ausnahme des Herzogs von Northumberland. Dieser junge Mann, ein natürlicher Sohn Karl’s II. und der Herzogin von Cleveland, war Commandant einer Abtheilung der Leibgarde und Kammerherr. Es scheint damals am Hofe Sitte gewesen zu sein, daß in Abwesenheit der Königin ein Kammerherr im Zimmer des Königs auf einem Feldbett schlafen mußte, und Northumberland war an der Reihe, diesen Dienst zu versehen.

Seine Flucht. Dienstag den 11. December um drei Uhr Morgens stand Jakob auf, nahm das große Siegel an sich, befahl Northumberland, die Thür des Schlafzimmers erst zur gewohnten Stunde zu öffnen und verschwand durch einen verborgenen Ausgang, wahrscheinlich derselbe, durch welchen Huddleston ans Bett des vorigen Königs gebracht worden war. Sir Eduard Hales erwartete ihn mit einer Miethkutsche. Jakob fuhr nach Millbank, wo er in einem kleinen Nachen über die Themse setzte. Als er bei Lambeth vorüberfuhr, warf er das große Siegel mitten in den Strom, wo es viele Monate darauf zufällig in ein Fischernetz gerieth und herausgezogen wurde.

In Vauxhall stieg er an’s Land. Hier erwartete ihn ein bekannter Reisewagen und er schlug ohne Aufenthalt den Weg nach Sheerneß ein, wo ein dem Zollhause gehörendes Boot für ihn in Bereitschaft gehalten wurde.164

Zehntes Kapitel.

Das Interregnum.

Inhalt.

Seite

Die Flucht des Königs wird bekannt 5

Große Aufregung 5

Die Lords versammeln sich in Guildhall 5

Tumulte in London 8

Das Haus des spanischen Gesandten geplündert 9

Verhaftung Jeffreys’ 10

Die irische Macht 11

Der König wird unweit Sheerneß angehalten 14

Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung 18

Wilhelm’s Verlegenheit 19

Verhaftung Feversham’s 19

Ankunft Jakob’s in London 20

Berathung in Windsor 21

Die holländischen Truppen besetzen Whitehall 24

Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht 24

Jakob’s Aufbruch nach Rochester 25

Wilhelm’s Ankunft im St. Jamespalaste 25

Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des Eroberungsrechtes aufzusetzen 27

Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente Karl’s II. zusammen 28

Jakob’s Flucht von Rochester 30

Berathungen und Beschlüsse der Lords 31

Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen einberufenen Gemeinen 32

Eine Convention berufen 33

Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung 33

Seine tolerante Politik 34

Zufriedenheit der katholischen Mächte 35

Stimmung in Frankreich 35

Empfang der Königin von England in Frankreich 36

Ankunft Jakob’s in St.-Germain 37

Stimmung in den Vereinigten Provinzen 39

Wahl der Mitglieder zur Convention 39

Die Angelegenheiten Schottlands 40

Stand der Parteien in England 42

Sherlock’s Plan 44

Sancroft’s Plan 45

Danby’s Plan 47

Der Plan der Whigs 48

Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses der Gemeinen 50

Wahl eines Sprechers 51

Debatte über die Lage der Nation 52

Beschluß, durch den der Thron für erledigt erklärt wird 54

Der Beschluß wird den Lords vorgelegt 55

Debatte im Oberhause über den Regentschaftsplan 55

Spaltung zwischen den Whigs und den Anhängern Danby’s 61

Versammlung bei dem Earl von Devonshire 62

Debatte im Hause der Lords über die Frage der Thronerledigung 63

Die Majorität für die Verneinung 64

Aufregung in London 64

Brief von Jakob an die Convention 65

Debatte 65

Unterhandlungen 65

Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby 65

Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane einverstanden 66

Wilhelm spricht seine Absichten aus 67

Die Conferenz zwischen den beiden Häusern 68

Die Lords geben nach 69

Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit vorgeschlagen 70

Streitigkeiten und Vergleich 71

Die Rechtserklärung 73

Ankunft Marien’s 73

Anbietung und Annahme der Krone 74

Wilhelm und Marie werden ausgerufen 75

Eigenthümlicher Character der englischen Revolution 75

Die Flucht des Königs wird bekannt. Northumberland gehorchte pünktlich dem erhaltenen Befehle und öffnete den Eingang zu den königlichen Apartements erst als es heller Tag geworden war. Das Vorzimmer war mit Höflingen, welche ihre Morgenvisite machen wollten, und mit den zu einer Berathung in den Palast beschiedenen Lords angefüllt. In einem Augenblicke verbreitete sich die Nachricht von Jakob’s Flucht von den Gallerien in die Straßen und die ganze Stadt kam in Aufruhr.

Notes in this chapter

Note 1 · Clarke’s Life of James the Second, II. 215. Orig. Mem.; Burnet, I. 790; Clarendon’s Diary, Nov. 15. 1688; London Gazette, Nov. 17. 112. ClarNote 2 · Clarendon’s Diary vom 8. bis 17. Nov. 1688. 116. Clarke’s Life of James the Second, II. 212. Orig. Mem.; Clarendon’s Diary, Nov. 17. 1688; CNote 3 · Clarke’s Life of James, 220, 221. 119. Eachard’s History of the Revolution.Note 4 · Seymour’s Antwort an Wilhelm wird von vielen Schriftstellern mitgetheilt. Sie hat große Ähnlichkeit mit einer Anekdote, die man sich von derNote 5 · Fourth Collection of Papers, 1688; Brief von Exon; Burnet, I. 792. 122. Burnet, I. 792; History of the Desertion; Second Collection of PaperNote 6 · First Collection of Papers, 1688; London Gazette, Nov. 22. 125. Reresby’s Memoirs; Clarke’s Life of James, II. 231. Orig. Mem. 126. Cibber’sNote 7 · Whittle’s Diary; History of the Desertion; Luttrell’s Diary.Note 8 · Clarke’s Life of James, II. 222. Orig. Mem.: Barillon, 21. Nov. (1. Dec.) 1688; Sheridan MS. 129. First Collection of Papers, 1688. 130. BriNote 9 · History of the Desertion; Luttrell’s Diary.Note 10 · Dartmouth’s Note zu Burnet, I. 643. 133. Clarendon’s Diary, Nov. 26; Clarke’s Life of James, II. 224; Prinz Georg’s Brief an den König ist oNote 11 · Der vom 18. Nov. datirte Brief ist in Dalrymple zu finden. 135. Clarendon’s Diary, Nov. 25, 26. 1688; Citters, 26. Nov. (6. Dec.); Ellis CorNote 12 · Clarke’s Life of James, II. 236: Orig. Mem.; Burnet I. 794; Luttrell’s Diary; Clarendon’s Diary, Nov. 27. 1688. Citters, 27. Nov. (7. Dec.) Note 13 · Brief des Bischofs von St. Asaph an den Prinzen von Oranien vom 17. Dec. 1688. 139. London Gazette, Nov. 29., Dec. 3. 1688; Clarendon’s DiarNote 14 · Barillon, 1.(11.) Dec. 1688. 141. Jakob an Dartmouth, 25. Nov. 1688. Die Briefe findet man in Dalrymple. 142. Jakob an Dartmouth, 1. Dec. 16Note 15 · Second Collection of Papers, 1688; Dartmouth’s Brief, datirt vom 3. Dec. 1688 findet sich in Dalrymple; Clarke’s Life of James, II. 233. OriNote 16 · Luttrell’s Diary. 146. Adda, 7.(17.) Dec. 1688. 147. Der Nuntius sagt: „Se lo avesse fatto prima di ora, per il Rè ne sarebbe stato meglio.“Note 17 · Siehe die Secret History of the Revolution, von Hugo Speke, 1715. In der Londoner Bibliothek befindet sich ein Exemplar dieses seltenen WerkNote 18 · Brand’s History of Newcastle; Tickell’s History of Hull. 150. Ein Bericht über die Vorgänge in Norwich findet sich noch in mehreren SammlungNote 19 · Citters, 20.(30.) Nov., 9.(19.) Dec. 1688.Note 20 · Clarendon’s Diary, Dec, 6, 7. 1688.Note 21 · Clarendon’s Diary. Dec. 7. 1688.Note 22 · History of the Desertion; Citters, 9.(19.) Dec. 1688; Exact Diary; Oldmixon, 760.Note 23 · Siehe eine höchst interessante Note zum fünften Gesange von Sir Walter Scotts Rokeby. 161. Die Quellen meiner Mittheilungen über die VorgängNote 24 · Clarke’s Life of James, II. 237. Burnet hat sonderbarerweise nichts davon gehört oder es vergessen, daß der Prinz nach London zurückgebrachtNote 25 · Clarke’s Life of James, II. 246; Père d’Orléans, Revolutions d’Angleterre, XI.; Frau von Sévigné, 14.(24.) Dec. 1688; Dangeau Mémoires, 13.(Note 26 · History of the Desertion; Clarke’s Life of James, II. 251. Orig. Mem.; Mulgrave’s Account of the Revolution; Burnet, I. 795.
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