Geschichte von England (continued 4)
Reading edition
Große Aufregung. Es war ein schrecklicher Augenblick. Der König war fort, der Prinz noch nicht da und keine Regentschaft war ernannt. Das zur Verwaltung der ordentlichen Rechtspflege unentbehrliche große Siegel war verschwunden, und bald erfuhr man, daß Feversham bei Empfang des königlichen Befehls seine Truppen auf der Stelle entlassen hatte. Welche Achtung vor dem Gesetz und den Eigenthumsrechten konnte man von bewaffneten und zusammenhaltenden Soldaten erwarten, welche aller Beschränkungen der Disciplin entledigt waren und denen es an den nothwendigsten Lebensbedürfnissen fehlte? Auf der andren Seite hatte auch der Pöbel von London seit einigen Wochen eine starke Neigung zu Tumulten und Räubereien gezeigt. Die dringende Gefahr des Augenblicks vereinigte auf kurze Zeit alle Diejenigen mit einander, die ein Interesse an der Ruhe und Sicherheit der Gesellschaft hatten. Rochester hatte bis zu diesem Tage fest zur Sache des Königs gehalten. Jetzt sah er nur noch ein Mittel, um einer allgemeinen Verwirrung vorzubeugen. „Rufen Sie Ihre Abtheilung Garden zusammen,“ sagte er zu Northumberland, „und erklären Sie sich für den Prinzen von Oranien.“ Der Rath wurde sofort befolgt. Die zur Zeit in London anwesenden höheren Offiziere der Armee hielten in Whitehall eine berathende Versammlung und beschlossen, sich der Autorität Wilhelm’s zu unterwerfen, ihre Truppen zusammenzuhalten bis er seinen Willen kund thun würde, und die Civilgewalt in der Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung zu unterstützen.1
Die Lords versammeln sich in Guildhall. Die Peers begaben sich nach der Guildhall, wo sie von dem Magistrat der Stadt mit allen Ehrenbezeigungen empfangen wurden. Streng gesetzlich waren sie so wenig als irgend ein andrer Verein von Personen befugt, die ausübende Gewalt zu übernehmen. Aber im Interesse der öffentlichen Sicherheit war eine provisorische Regierung durchaus nöthig und zu dem Ende richtete sich der Blick des Publikums natürlich auf die erblichen Magnaten des Reichs. Die Größe der Gefahr trieb auch Sancroft aus seinem Palaste. Er nahm den Präsidentenstuhl ein und unter seinem Vorsitze beschlossen der neue Erzbischof von York, fünf Bischöfe und zweiundzwanzig weltliche Lords eine Erklärung aufzusetzen, zu unterzeichnen und zu veröffentlichen. Sie erklärten in diesem Aktenstücke, daß sie treu zur Religion und Verfassung ihres Vaterlandes hielten, daß sie die Hoffnung gehegt hätten, die öffentlichen Mißstände durch das vor kurzem vom Könige einberufene Parlament abgestellt zu sehen, daß aber seine Flucht diese Hoffnung zerstört habe. Sie hätten daher beschlossen, sich dem Prinzen von Oranien anzuschließen, damit die Freiheit der Nation und die Rechte der Kirche gesichert, den Dissenters gebührende Gewissensfreiheit gewährt und der Protestantismus durch die ganze Welt befestigt werde. Bis zur Ankunft Seiner Hoheit wollten sie die Verantwortlichkeit für die zur Aufrechthaltung der Ordnung nöthigen Maßregeln übernehmen. Es wurde sofort eine Deputation abgesandt, welche dem Prinzen diese Erklärung vorlegen und ihm sagen sollte, daß er mit Ungeduld in London erwartet werde.2
Die Lords schritten nun zur Berathung der Maßregeln, welche ergriffen werden mußten, um Ruhestörungen vorzubeugen. Sie schickten nach den beiden Staatssekretären. Middleton wollte sich einer Autorität, die er für widerrechtlich angemaßt hielt, nicht unterwerfen; Preston aber, der über die Flucht seines Gebieters ganz bestürzt war und nicht wußte, was er zu erwarten hatte, noch wohin er sich wenden sollte, kam der Aufforderung nach. Es wurde ein Bote an Skelton, den Gouverneur des Tower gesandt, um ihn in die Guildhall zu berufen. Er kam und ward bedeutet, daß man seiner Dienste nicht länger bedürfe und daß er augenblicklich seine Schlüssel abzuliefern habe. Zu seinem Nachfolger wurde Lord Lucas ernannt. Zu gleicher Zeit wurde auf Befehl der Peers an Dartmouth ein Brief geschrieben, welcher die Weisung enthielt, daß er sich jeder feindseligen Operation gegen die holländische Flotte enthalten und alle unter ihm commandirenden papistischen Offiziere entlassen solle.3
Die Rolle, welche Sancroft und einige andere Personen, die bis zu diesem Tage das Prinzip des passiven Gehorsams streng festgehalten hatten, bei diesen Maßnahmen spielten, verdient besondere Erwähnung. Den Oberbefehl über die Land- und Seemacht des Staats eigenmächtig zu übernehmen, die Offiziere zu entlassen, denen der König seine Schlösser und Schiffe anvertraut, und seinem Admiral alle Operationen gegen seine Feinde zu verbieten: dies war gewiß nichts Geringeres als offener Aufruhr. Indessen redeten sich mehrere rechtschaffene und talentvolle Tories aus Filmer’s Schule dennoch ein, daß sie dies Alles thun könnten, ohne sich des Widerstandes gegen ihren Souverain schuldig zu machen. Die Unterscheidung, welche sie dabei machten, war wenigstens sinnreich. Die Regierung, sagten sie, ist eine göttliche Anordnung. Die erbliche monarchische Regierung ist vorzugsweise eine göttliche Anordnung. So lange der König befiehlt was recht und gesetzlich ist, müssen wir ihm bereitwillig gehorchen, und wenn er etwas Ungesetzliches befiehlt, müssen wir ihm passiv gehorchen. Selbst im äußersten Falle sind wir nicht berechtigt, ihm gewaltsamen Widerstand entgegenzusetzen. Legt er aber freiwillig seine Functionen nieder, so erlöschen dadurch seine Rechte über uns. So lange er uns, wenn auch schlecht, regiert, sind wir ihm Gehorsam schuldig; will er uns aber gar nicht mehr regieren, so sind wir nicht verbunden, für immer ohne Regierung zu bleiben. Anarchie ist keine göttliche Anordnung und Gott wird es uns gewiß nicht als Sünde anrechnen, wenn ein Fürst, den wir trotz der heftigsten Provokationen niemals die Ehrerbietung und den Gehorsam verweigert haben, plötzlich abreist, ohne daß wir wissen wohin und ohne daß er einen Stellvertreter hinterlassen, und wir schlagen dann das einzige Verfahren ein, durch das wir die völlige Auflösung der Gesellschaft verhindern können. Wäre unser Monarch bei uns geblieben, so würden wir, so wenig er auch unsre Liebe verdiente, mit Freuden zu seinen Füßen gestorben sein. Hätte er, als er uns verließ, eine Regentschaft eingesetzt, die uns während seiner Abwesenheit mit stellvertretender Autorität regieren sollte, so würden wir dieser Regentschaft allein die Leitung der Geschäfte überlassen haben. Aber er ist verschwunden, ohne für die Erhaltung der Ordnung oder für die Verwaltung der Justiz Vorsorge getroffen zu haben. Mit ihm und seinem großen Siegel ist auch das ganze Triebwerk verschwunden, durch welches ein Mörder bestraft, das Recht auf einen Besitz entschieden und das Vermögen eines Bankerotteurs vertheilt werden kann. Seine letzte Handlung war, daß er viele Tausende bewaffneter Männer von den Zügeln der militairischen Disciplin befreite und sie in die Lage versetzte, entweder plündern oder darben zu müssen. Noch einige Stunden, und Jedermann wird sich an seinem Nachbar vergreifen. Leben, Eigenthum und Frauenehre werden allen Ungesetzlichkeiten preisgegeben sein. Wir befinden uns diesen Augenblick thatsächlich in dem Naturzustande, über den die Theoretiker soviel geschrieben haben, und in diesen Zustand sind wir nicht durch unsre Schuld, sondern durch den freiwilligen Abfall des Mannes versetzt worden, der unser Beschützer hätte sein sollen. Sein Abfall darf mit Recht freiwillig genannt werden, denn weder sein Leben noch seine Freiheit war gefährdet. Seine Feinde hatten sich eben bereit erklärt, auf einer von ihm selbst vorgeschlagenen Grundlage mit ihm zu unterhandeln und sich unter Bedingungen, deren Billigkeit er nicht leugnen konnte, erboten, alle feindseligen Operationen sofort einzustellen. Unter solchen Umständen hat er sein Amt niedergelegt. Wir widerrufen nichts, wir sind in nichts inconsequent, wir halten noch immer ohne Unterschied an unseren alten Prinzipien fest, wir sind noch immer der Meinung, daß es in allen Fällen sündhaft ist, sich der Obrigkeit zu widersetzen; aber wir sagen, es giebt keine Obrigkeit mehr, der wir uns widersetzen könnten. Der Mann, der die Obrigkeit war, hat seine Gewalt, nachdem er sie lange gemißbraucht, endlich niedergelegt. Der Mißbrauch berechtigte uns nicht dazu ihn abzusetzen, die Abdankung aber giebt uns das Recht, zu erwägen, wie wir seine Stelle am besten wieder besetzen.
Aus diesen Gründen gewann die Partei des Prinzen viele neue Anhänger, die sich bisher von ihm fern gehalten hatten. Seit Menschengedenken war man der vollkommenen Einigkeit aller verständigen Engländer noch nie so nahe gewesen, als bei dieser Gelegenheit; nie hatte man aber auch der Einigkeit so sehr bedurft. Eine gesetzliche Autorität gab es nicht. Alle die schlimmen Leidenschaften, welche eine Regierung zu zügeln verpflichtet ist und welche auch die besten Regierungen nur unvollkommen zu zügeln vermögen, waren plötzlich von jedem Zwange befreit: Habgier, Sittenlosigkeit, Rachsucht, Seelenhaß und Nationalhaß. Bei solchen Gelegenheiten wird man stets finden, daß das menschliche Ungeziefer, das, von den Dienern des Staats und der Kirche vernachlässigt, inmitten der Civilisation und des Christenthums in heidnischer Rohheit und mit allen möglichen physischen und moralischen Lastern befleckt in den Kellern und Dachkammern der großen Städte nistet, sich mit einem Male zu furchtbarer Bedeutung erhebt. So war es damals auch in London.
Tumulte in London. Als die Nacht, zufällig die längste Nacht im Jahre, hereinbrach, spieen alle Höhlen des Lasters, der Bärenzwinger von Hockley und das Labyrinth von Kneipen und Bordellen in den Friars, Tausende von Einbrechern und Straßenräubern, Taschendieben und Gaunern aus. Zu ihnen gesellten sich Tausende von Lehrbuben und Gesellen, denen lediglich nach der Aufregung eines Tumults gelüstete. Selbst friedliebende und achtbare Leute wurden durch die religiöse Erbitterung angetrieben, sich dem gesetzlosen Theile der Bevölkerung anzuschließen. Denn der Ruf: „Kein Papismus!“ ein Ausruf, der mehr als einmal die Existenz Londons gefährdet hat, war das Signal zu Gewaltthätigkeiten und Räubereien. Zuerst fiel der Pöbel über die katholischen Andachtshäuser her. Die Gebäude wurden demolirt. Bänke, Kanzeln, Beichtstühle und Breviarien wurden auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Ein ungeheurer Berg von Büchern und Geräthschaften brannte in der Gegend des Klosters von Clerkenwell. Ein andrer Haufen wurde neben den Trümmern des Franziskanerklosters in Lincoln’s Inn Fields angezündet. Die beiden Kapellen in Lime Street und in Bucklersbury wurden niedergerissen. Die Gemälde, Bilder und Kruzifixe wurden beim Scheine der von den Altären genommenen Wachskerzen im Triumph durch die Straßen getragen. Die Prozession starrte von Schwertern und Stöcken, an welche Orangen gespießt waren. Die Druckerei des Königs, aus der während der letzten drei Jahre unzählige Schriften zur Vertheidigung der päpstlichen Oberhoheit, des Bilderdienstes und der Klostergelübde hervorgegangen waren, wurde, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, welcher damals zum ersten Male aufkam, vollständig ausgeweidet (gutted). Die großen Papiervorräthe, welche zum Theil noch nicht bedruckt waren, lieferten das Material zu einem ungeheuren Freudenfeuer. Von den Klöstern, Tempeln und öffentlichen Anstalten wendete sich die Wuth der Menge auf Privatwohnungen. Mehrere Häuser wurden ausgeplündert und zerstört; die Geringfügigkeit der Beute aber befriedigte die Plünderer nicht, und bald verbreitete sich das Gerücht, daß die werthvollsten Effecten der Papisten den auswärtigen Gesandten zur Aufbewahrung übergeben worden seien. Der rohe und unwissende Pöbel fragte nichts nach dem Völkerrechte und nach der Gefahr, die gerechte Rache von ganz Europa auf das Vaterland zu bringen. Die Häuser der Gesandten wurden belagert. Ein großer Haufe sammelte sich vor Barillon’s Palaste in St. James’ Square. Er kam jedoch leichteren Kaufes davon, als man hätte erwarten sollen, denn obgleich die Regierung, welche er repräsentirte, allgemein verhaßt war, so hatten doch sein gastfreier Haushalt und seine pünktlichen Zahlungen ihn persönlich beliebt gemacht. Überdies hatte er die Vorsicht gebraucht, um eine militairische Schutzwache zu bitten, und da mehrere andere in seiner Nähe wohnende Männer von Rang das Nämliche gethan, so war auf dem Platze eine ansehnliche Streitmacht versammelt. Die Tumultuanten ließen ihn deshalb unbelästigt, nachdem er versichert hatte, daß keine Waffen oder Priester in seinem Hause versteckt seien. Auch der venetianische Gesandte war durch eine Truppenabtheilung geschützt; die Häuser aber, welche die Gesandten des Kurfürsten von der Pfalz und des Großherzogs von Toskana bewohnten, wurden zerstört. Einen werthvollen Kasten konnte der toskanische Gesandte vor den Plünderern retten. Derselbe enthielt neun Bände Memoiren, von Jakob eigenhändig geschrieben. Diese Bände kamen unversehrt nach Frankreich, wo sie nach Verlauf von mehr als einem Jahrhunderte in den Stürmen einer noch weit furchtbareren Revolution als die, weicher sie glücklich entronnen waren, zu Grunde gingen. Einige Bruchstücke davon sind indessen noch vorhanden, und obgleich diese arg verstümmelt und in Massen lächerlicher Erdichtungen gekleidet sind, so verdienen sie doch aufmerksam studirt zu werden.
Das Haus des spanischen Gesandten geplündert. Das kostbare Silbergeräth der königlichen Kapelle war nach Wild House, unweit Lincoln’s Inn Fields, der Wohnung des spanischen Gesandten Ronquillo, gebracht worden. Ronquillo, der sich bewußt war, daß er und sein Hof keine üble Behandlung von Seiten der englischen Nation verdienten, hatte es nicht für nöthig erachtet, um Soldaten zu bitten; aber der Pöbel war nicht in der Stimmung, um feine Unterschiede zu machen. Der Name Spanien wurde in der öffentlichen Meinung seit langer Zeit mit der Inquisition und der Armada, mit den Grausamkeiten Mariens und den Anschlägen gegen Elisabeth in Verbindung gebracht. Auch hatte sich Ronquillo selbst unter dem Volke viele Feinde gemacht, indem er sich seines Vorrechts bediente, um der Nothwendigkeit, seine Schulden zu bezahlen, überhoben zu sein. Sein Haus wurde daher ohne Gnade geplündert und eine von ihm gesammelte prächtige Bibliothek den Flammen überliefert. Sein einziger Trost war, daß die Hostie in seiner Kapelle dem gleichen Schicksale entging.4
Die Morgensonne des 12. Decembers beleuchtete ein grauenvolles Schauspiel. Die Hauptstadt bot an vielen Stellen den Anblick einer mit Sturm genommenen Stadt dar. Die Lords versammelten sich in Whitehall und bemühten sich, die Ruhe wieder herzustellen. Die Milizen wurden unter die Waffen gerufen und ein Kavalleriedetaschement in Bereitschaft gehalten, um tumultuarische Zusammenrottungen zu zerstreuen. Für die den fremden Regierungen zugefügten Insulten wurde Genugthuung gewährt, so weit es in jenem Augenblicke möglich war. Es wurde eine Belohnung auf die Entdeckung der aus Wild House geraubten Effecten ausgesetzt, und Ronquillo, der kein Bett und keine Unze Silbergeschirr mehr besaß, wurde in dem verlassenen Palaste der Könige von England glänzend einquartirt. Eine splendide Tafel wurde ihm gehalten und die königlichen Leibwachen erhielten Befehl, ihn in seinem Vorzimmer mit der nämlichen Aufmerksamkeit zu bewachen, die sie dem Souverain zu erzeigen gewohnt waren. Diese Beweise von Achtung beschwichtigten selbst den empfindlichen Stolz des spanischen Hofes und beugten jeder Gefahr eines Bruches vor.5
Verhaftung Jeffreys’. Trotz der wohlmeinenden Bemühungen der provisorischen Regierung nahm jedoch die Aufregung stündlich in erschreckendem Maße zu. Sie wurde noch vermehrt durch einen Vorfall, der selbst nach so langer Zeit nicht ohne ein Gefühl von Schadenfreude berichtet werden kann. Ein in Wapping wohnender Geldmäkler, dessen Hauptgeschäft darin bestand, daß er den dortigen Seeleuten Geld auf hohe Zinsen vorstreckte, hatte vor einiger Zeit eine Summe auf Bodmerei ausgeliehen. Der Schuldner suchte bei dem Billigkeitsgericht um Entbindung von seiner schriftlich eingegangenen Verpflichtung nach, und der Fall kam vor Jeffreys. Da der Rechtsbeistand des Schuldners sonst wenig zu sagen wußte, so sagte er, der Darleiher sei ein Trimmer. Der Kanzler gerieth sogleich in Flammen. „Ein Trimmer?“ rief er aus; „wo ist er? ich will ihn sehen, ich habe von dieser Gattung Ungeheuer gehört. Wie mögen sie aussehen?“ Der unglückliche Gläubiger mußte vortreten. Der Kanzler sah ihn mit einem durchbohrenden Blicke an, überhäufte ihn mit einer Fluth von Schmähungen und schickte ihn dann halb todt vor Angst wieder fort. „Dieses fürchterliche Gesicht,“ sagte der arme Mann, während er aus dem Gerichtssaale wankte, „werde ich zeitlebens nicht vergessen.“ Jetzt aber war der Tag der Vergeltung gekommen. Auf einem Gange durch Wapping sah der Trimmer am Fenster eines Alehauses ein ihm wohlbekanntes Gesicht. Er konnte sich nicht irren. Zwar waren die Augenbrauen abrasirt und der von Kohlenstaub geschwärzte Anzug war der eines gemeinen Matrosen; aber Jeffreys’ wilder Blick und boshafter Mund waren nicht zu verkennen. Es wurde Lärm gemacht, und in einem Augenblicke war das Haus von mehreren hundert Leuten aus dem Volke, die unter lauten Verwünschungen gewaltige Knittel schwangen, belagert. Eine Compagnie Miliz rettete dem Flüchtling das Leben und führte ihn vor den Lordmayor. Dieser war ein einfacher Mann, der sein ganzes Leben in Dunkelheit zugebracht hatte und jetzt ganz bestürzt war, als er sah, daß er in einer großen Revolution eine wichtige Rolle spielen sollte. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden und der gefahrdrohende Zustand der seiner Obhut anvertrauten Stadt, hatte seine geistigen und körperlichen Kräfte fast erschöpft. Als der große Mann, bei dessen Zornesblicke noch vor wenigen Tagen das ganze Königreich gezittert hatte, von Ruß geschwärzt, halb todt vor Angst und von einem tobenden Pöbelhaufen verfolgt, in das Gerichtszimmer geschleppt wurde, stieg die Aufregung des unglücklichen Mayors auf’s Höchste. Er bekam Nervenzufälle und wurde zu Bett gebracht, um nie wieder aufzustehen. Inzwischen wurde die Volksmenge draußen immer zahlreicher und wüthender. Jeffreys bat darum, daß man ihn ins Gefängniß führen solle. Man holte von den in Whitehall tagenden Lords einen dazu nöthigen Verhaftbefehl herbei und Jeffreys wurde in einem Wagen nach dem Tower gebracht. Zwei Regimenter Miliz waren zur Eskorte aufgeboten worden, und sie hatten ein schweres Stück Arbeit. Sie waren zu wiederholten Malen genöthigt, sich so zu formiren, als ob sie einen Kavallerieangriff abzuwehren hätten, und dem Pöbel einen Wald von Lanzen entgegenzuhalten. Die Tausende, die sich in ihren rachsüchtigen Hoffnungen getäuscht sahen, verfolgten den Wagen unter wüthendem Gebrüll bis zum Eingang in den Tower, dabei beständig ihre Stöcke schwingend und dem Gefangenen Stricke vor die Augen haltend. Der Unglückliche war vom Entsetzen und der Angst wie gelähmt. Er rang die Hände, blickte bald aus diesem, bald aus jenem Fenster und man hörte ihn trotz des betäubenden Lärms deutlich ausrufen: „Haltet sie zurück, Gentlemen! um des Himmels willen, haltet sie zurück!“ Endlich nachdem er weit mehr als die Qualen des Todes gelitten, wurde er in dem Staatsgefängnisse, in welchem einige von seinen erlauchtesten Schlachtopfern ihr Leben beschlossen hatten und in welchem auch er seine Tage in unsäglicher Schmach und Angst beschließen sollte, in Sicherheit gebracht.6
Diese ganze Zeit über wurde eifrig auf katholische Priester gefahndet. Viele wurden festgenommen und zwei Bischöfe, Ellis und Leyburne, wurden nach Newgate abgeführt. Der Nuntius, welcher kaum erwarten durfte, daß die Menge seinen geistlichen oder weltlichen Character respectiren werde, entkam als Bedienter verkleidet, im Gefolge des Gesandten des Herzogs von Savoyen.7
Die irische Nacht. Ein zweiter Tag der Aufregung und des Schreckens ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und grauenvollste Nacht, welche England je gesehen. Gegen Abend machte der Pöbel einen Angriff auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten für Lord Powis erbaut worden war, unter Georg II. die Wohnung des Herzogs von Newcastle wurde und sich noch jetzt unter den Gebäuden der nordwestlichen Seite von Lincoln’s Inn Fields auszeichnet. Es wurden einige Truppen hingeschickt, welche den Pöbel zerstreuten; die Ruhe schien hergestellt zu sein und die Bürger gingen sorglos zu Bett. In diesem Augenblicke tauchte ein Gerücht auf, das rasch zu einem furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer Stunde von Piccadilly bis Whitechapel flog und sich durch alle Straßen und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hieß, die Irländer, welche Feversham entlassen, marschirten nach London und machten unterwegs Alles, Männer, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens schlugen die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die geängstigten Frauen und rangen die Hände, während ihre Väter und Gatten sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewährte die Stadt das Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewiß Respect eingeflößt haben würde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wäre. An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den öffentlichen Plätzen war es so hell wie am Tage. Alle Hauptzugänge waren verbarrikadirt. Mehr als zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straßen entlang. Die späte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, daß kein Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung des Gerüchts zu entdecken, das eine so große Aufregung veranlaßt hatte. Es stellte sich heraus, daß einige Personen, welche aussahen und gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor Mitternacht das Gerücht zuerst in den Vorstädten ausgesprengt hatten; woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb ein Geheimniß. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das Publikum noch bestürzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf London allein beschränkt. Das Gerücht, daß irische Soldaten im Anzuge seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in vielen weit von einander entfernten Städten zu gleicher Zeit verbreitet worden. Eine große Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefaßt waren, um das unwissende Volk zu ängstigen, waren durch Diligencen, Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre Bestimmungsorte. In hundert Städten zugleich bemächtigte sich des niederen Volkes der Wahn, daß bewaffnete Barbaren in der Nähe seien, welche eben so empörende Verbrechen verüben wollten, wie die, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten. Kein Protestant sollte verschont bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern zu ermorden, Säuglinge sollten auf Lanzen gespießt oder in die brennenden Trümmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen geworfen werden. Große Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen Orten fing man schon an, die Brücken abzubrechen und Barrikaden zu errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen Districten erfuhren die so schändlich Betrogenen mit einer mit Beschämung gemischten Freude, daß sich bis auf die Entfernung eines Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von Irländern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als Verbrechen anrechnen, daß sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist durch nichts bewiesen, daß sie irgend einen muthwilligen Frevel verübten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich plötzlich, ohne Anführer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken Bevölkerung erblickten, von der sie mit Gefühlen betrachtet wurden, wie man sie etwa gegen eine Heerde Wölfe empfindet. Von allen Unterthanen Jakob’s hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als diese unglücklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines Thrones.8
Es macht dem englischen Character Ehre, daß trotz des Widerwillens, mit welchem die katholische Religion und das irische Volk damals betrachtet wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob’s Flucht herbeiführte, und trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet wurden, um die Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei dieser Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verübt ward. Allerdings wurde viel Eigenthum zerstört und geraubt, die Häuser vieler Katholiken wurden angegriffen, Parke wurden verwüstet und Wild geschossen und gestohlen. Manch’ ehrwürdiges Denkmal der häuslichen Baukunst des Mittelalters zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthätigkeit des Volks. Die Straßen waren an vielen Stellen durch eine selbst errichtete Polizei gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er bewies, daß er kein Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten heimgesucht, welche unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu fahnden, jedes vorüberfahrende Boot durchstöberten. Mißliebige Personen wurden insultirt und hin und her gestoßen. Andere gerade nicht mißliebige waren froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch loskaufen durften, daß sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne gesetzliche Autorität das Amt von Untersuchungsrichtern angemaßt hatten, einige Guineen gaben. Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere Tage währte und sich über viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein einziger Katholik ums Leben. Der Pöbel zeigte kein Verlangen nach Blutvergießen, ausgenommen bei Jeffreys, und der Haß, den dieser abscheuliche Mann erweckte, stand der Menschlichkeit näher als der Grausamkeit.9
Viele Jahre später behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt, und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich, aber sie stützt sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes Wort. Er war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch eben so fähig, sich fälschlich einer solchen That zu rühmen.10
In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte nicht, daß seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald wieder herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzögerung, wegen der er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war ursprünglich seine Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu begeben, wo ihm ein ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die Ankunft der Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu ändern und direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, daß Feversham dem Befehle des Königs zufolge die royalistische Armee entlassen habe und daß Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin enthoben und an dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, durch welche der Weg nach London führte, zerstreut umherirrten. Wilhelm hätte daher nicht ohne große Gefahr, nicht allein für seine Person, um die er sich wenig zu kümmern pflegte, sondern auch für die wichtigen Interessen, die er wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter vordringen können. Er mußte seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen seiner Truppen regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten Winter nur langsam auf den Heerstraßen vorwärts bewegen. Er kam bei dieser Gelegenheit doch ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. „So darf man mir nicht kommen,“ rief er mit Bitterkeit aus; „Mylord Feversham soll das bald erfahren.“ Es wurden sofort die geeigneten Maßregeln getroffen, um den durch Jakob herbeigeführten Übeln abzuhelfen. Churchill und Grafton wurden beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu sammeln und zu ordnen. Die englischen Soldaten wurden aufgefordert, ihren militairischen Character wieder anzunehmen, und die Irländer erhielten Befehl, ihre Waffen abzuliefern, widrigenfalls sie als Banditen betrachtet werden würden; zugleich aber wurde ihnen versprochen, daß, wenn sie sich gutwillig fügten, sie mit allem Nothwendigen versehen werden sollten.11
Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten, ausgeführt. Einer von diesen drückte ein Pistol auf Grafton ab. Es verfehlte, und der Mörder wurde von einem Engländer auf der Stelle niedergeschossen. Ungefähr zweihundert der unglücklichen Fremden machten einen tapferen Versuch zur Rückkehr in ihr Vaterland. Sie bemächtigten sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie fanden jedoch keinen und mußten sich daher ihrer eigenen Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergießen gezwungen, die Waffen zu strecken.12
Wilhelm befand sich jetzt seit fünf Wochen auf englischem Boden und während dieser ganzen Zeit war ihm das Glück nicht einen Augenblick untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glänzend bewährt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer für ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der vollständigste Erfolg seine Pläne krönen sollte, wurden sie durch einen jener unerwarteten Zwischenfälle zerstört, welche so oft die klügsten Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen.
Der König wird unweit Sheerneß angehalten. Am Morgen des 13. Decembers wurde die Bevölkerung von London, die sich noch nicht ganz von der Aufregung der irischen Nacht erholt hatte, durch das Gerücht überrascht, der König sei angehalten worden und befinde sich noch auf der Insel. Im Laufe des Tages gewann das Gerücht an Consistenz und erhielt noch vor dem Abend die vollkommenste Bestätigung.
Jakob war mit untergelegten Pferden das südliche Ufer der Themse entlang gereist und hatte am Morgen des 12. Decembers Emley Ferry, in der Nähe der Insel Sheppey, erreicht. Hier lag das Fahrzeug, auf welchem er sich einschiffen wollte. Er ging an Bord, aber der Wind blies frisch und der Schiffer wollte es nicht wagen, ohne mehr Ballast in See zu gehen. Darüber wurde die günstige Gelegenheit einer Ebbe verloren. Es war nahe an Mitternacht, ehe das Boot flott zu werden begann. Inzwischen hatte sich die Nachricht, daß der König verschwunden, daß das Land ohne Regierung und London in der größten Bestürzung sei, rasch die Themse stromabwärts verbreitet und überall Gewaltthätigkeiten und Unruhen erzeugt. Die rauhen Fischer der Küste von Kent betrachteten das Boot mit argwöhnischen und gierigen Blicken. Es hieß, einige vornehm gekleidete Herren seien eiligst an Bord desselben gegangen. Vielleicht waren es Jesuiten, und vielleicht waren sie reich! Fünfzig bis sechzig Schiffer, vom Haß gegen den Papismus und vom Hang zum Plündern angetrieben, hielten das Boot an, als es eben wieder abfahren wollte. Sie erklärten den Passagieren, daß sie ans Land gehen und sich bei einem Magistratsbeamten legitimiren müßten. Das Aussehen des Königs erregte Verdacht. „Das ist Pater Petre!“ rief Einer von der Horde; „ich erkenne ihn an seinen hohlen Backen.“ — „Durchsucht den alten Jesuiten mit dem Fratzengesicht!“ erscholl es nun von allen Seiten. Er wurde sehr unsanft hin und her gestoßen und man nahm ihm seine Börse und seine Uhr. Er hatte seinen Krönungsring und einige andere werthvolle Kleinodien bei sich; aber diese entgingen den Nachforschungen der Räuber, die sich überhaupt so wenig auf Juwelen verstanden, daß sie die Diamanten auf seinen Schuhschnallen für Glasstückchen hielten.
Endlich wurden die Gefangenen ans Land gebracht und in einen Gasthof geführt. Hier hatte sich ein Volkshaufen versammelt, um sie zu sehen, und obgleich sich Jakob durch eine Perrücke von andrer Form und Farbe, als er sie gewöhnlich trug, entstellt hatte, wurde er doch sofort erkannt. Einen Augenblick schien der Pöbel von ehrfurchtsvoller Scheu ergriffen, aber die Zureden der Führer gaben ihm wieder Muth und der Anblick Hales’, den sie genau kannten und tödtlich haßten, entflammte ihre Wuth. Sein Park lag in der Nähe und eine Horde Tumultuanten war eben damit beschäftigt, sein Haus zu demoliren und sein Wild zu schießen. Die Menge versicherte den König, daß sie ihm nichts zu Leibe thun wolle, ihn aber nicht abreisen lassen werde. Der Earl von Winchelsea, ein Protestant, aber eifriger Royalist, das Oberhaupt der Familie Finch und ein naher Verwandter Nottingham’s, befand sich damals zufällig in Canterbury. Sobald er erfuhr was geschehen war, eilte er in Begleitung einiger kentischen Gentlemen nach der Küste. Durch ihre Verwendung erhielt der König eine anständigere Wohnung, aber er blieb ein Gefangener. Der Pöbel bewachte fortwährend das Haus, in das er gebracht worden war, und einige von den Rädelsführern lagen an der Thür seines Schlafzimmers. Er benahm sich dabei wie ein Mann, den die Last des Mißgeschicks völlig zu Boden drückt. Zuweilen sprach er in einem so hochmüthigen Tone, daß die Bauern, die ihn bewachten, zu unehrerbietigen Antworten gereizt wurden. Dann nahm er wieder zu Bitten seine Zuflucht. „Laßt mich gehen,“ sagte er, „verschafft mir ein Boot. Der Prinz von Oranien trachtet mir nach dem Leben. Wenn Ihr mich jetzt nicht fliehen laßt, so wird es zu spät sein. Mein Blut wird dann über Euch kommen. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Über diesen letzten Text predigte er eine halbe Stunde lang. Er sprach über eine Menge verschiedener Gegenstände: über den Ungehorsam der Collegiaten des Magdalenenstiftes, über die durch den Brunnen der heiligen Winfrede bewirkten Wunder, über die Illoyalität der Schwarzröcke und über die Wunderkräfte eines Splitters vom wahrem Kreuze des Erlösers, den er leider verloren habe. „Was habe ich gethan?“ fragte er die anwesenden kentischen Squires. „Sagen Sie mir die Wahrheit: welchen Fehler habe ich begangen?“ Diejenigen, an welche er diese Frage richtete, waren zu human, als daß sie ihm die Antwort hätten geben sollen, die ihnen gewiß auf den Lippen schwebte, und sie hörten daher sein verworrenes Geschwätz mit mitleidigem Stillschweigen an.13
Als die Nachricht, daß er angehalten, insultirt, mit roher Härte behandelt und ausgeplündert worden sei und daß er sich noch in der Gewalt roher Bauern befinde, in der Hauptstadt ankam, äußerten sich verschiedenartige Leidenschaften. Strenge Staatskirchenmänner, welche wenige Stunden zuvor angefangen hatten zu glauben, daß sie ihrer Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden seien, wurden wieder schwankend. Er hatte sein Reich nicht verlassen und also die Abdankung nicht vollendet. Sollte er sein königliches Amt wieder übernehmen, konnten sie ihm dann nach ihren Grundsätzen den Gehorsam verweigern? Einsichtsvolle Staatsmänner sahen mit tiefer Betrübniß voraus, daß alle Streitigkeiten, welche seine Flucht auf einen Augenblick beschwichtigt hatte, durch seine Rückkehr wieder angeregt und mit vermehrter Erbitterung fortgesetzt werden würden. Viele Leute aus dem Volke wurden, obgleich sie noch den Schmerz der ihnen unlängst zugefügten Unbilden fühlten, von Mitleid für einen von Räubern mißhandelten großen Fürsten ergriffen und waren zu der Hoffnung geneigt, welche mehr ihrer Gutherzigkeit als ihrem Verstande zur Ehre gereichte, daß er jetzt noch die Fehler bereuen könnte, die eine so entsetzliche Strafe über ihn gebracht hatten.
Von dem Augenblicke an, wo es bekannt wurde, daß der König sich noch in England befand, erschien Sancroft, der bis dahin als Präsident der provisorischen Regierung fungirt hatte, nicht mehr in den Sitzungen der Peers. Halifax, der eben aus dem holländischen Hauptquartier angekommen war, übernahm den Vorsitz. Seine Ansichten hatten sich in einigen Stunden völlig verändert. Sowohl politische als religiöse Gefühle bestimmten ihn jetzt, sich den Whigs anzuschließen. Wer die auf uns gekommenen Beweisstücke unbefangen prüft, muß der Meinung sein, daß er das Amt eines königlichen Commissars in der aufrichtigen Hoffnung übernahm, er werde eine Verständigung zwischen dem Könige und dem Prinzen unter billigen Bedingungen zu Stande bringen. Die Unterhandlung hatte mit günstigen Aussichten begonnen; der Prinz hatte Bedingungen gestellt, die der König selbst als billig anerkennen mußte und der beredte und geniale Trimmer durfte sich mit der Hoffnung schmeicheln, daß er im Stande sein werde, zwischen den erbitterten Parteien zu vermitteln, zwischen extremen Meinungen einen Vergleich zu dictiren, die Freiheiten und die Religion seines Vaterlandes zu sichern, ohne es den von einem Dynastiewechsel und einer streitigen Thronfolge unzertrennlichen Gefahren auszusetzen. Während er sich in derartigen, seinem Character so wohl zusagenden Gedanken wiegte, erfuhr er, daß er hintergangen worden war und daß man sich seiner als eines Werkzeugs bedient hatte, um die Nation zu hintergehen. Seine Sendung nach Hungerford war eine bloße Komödie gewesen. Der König hatte nicht daran gedacht, an den Bedingungen festzuhalten, welche die Commissare auf seinen Befehl vorschlagen hatten. Er hatte ihnen aufgetragen, zu erklären, daß es sein Wille sei, alle streitigen Fragen dem von ihm einberufenen Parlamente zur Entscheidung vorzulegen, und während sie sich dieses Auftrags entledigten, hatte er die Wahlausschreiben verbrannt, war mit dem Staatssiegel entflohen, hatte die Armee entlassen, die Justizverwaltung suspendirt, die Regierung aufgelöst und war aus der Hauptstadt entflohen. Halifax sah nun ein, daß eine gütliche Verständigung nicht mehr möglich war. Wahrscheinlich empfand er wohl auch den Verdruß, welcher bei einem durch seine Weisheit weltberühmten Manne, der die Erfahrung macht, daß ein in jeder Beziehung tief unter ihm stehender Geist ihn betrogen hat, und bei einem großen Meister der Satire, der sich selbst in eine lächerliche Situation versetzt sieht, sehr natürlich ist. Sein Verstand und sein Unwille bewogen ihn in gleichem Maße, die Versöhnungspläne, auf welche er bisher hingearbeitet hatte, aufzugeben und sich an die Spitze Derer zu stellen, welche den Prinzen Wilhelm auf den Thron erheben wollten.14
Es existirt noch ein von ihm eigenhändig geschriebenes Tagebuch über die Vorgänge in der Rathsversammlung der Lords während seiner Präsidentschaft in derselben.15 Es wurde keine Vorsichtsmaßregel, welche zur Verhütung von Gewaltthätigkeiten und Räubereien nöthig erschien, verabsäumt. Die Peers erließen auf ihre Verantwortung den Befehl, daß, wenn der Pöbel noch einmal aufstände, die Soldaten scharf schießen sollten. Jeffreys wurde nach Whitehall gebracht und über das Schicksal des Staatssiegels und der Wahlausschreiben befragt. Auf seine eigenen dringenden Bitten wurde er wieder in den Tower geschickt, als den einzigen Ort, wo er seines Lebens sicher sei, und er entfernte sich unter Dankesversicherungen und Segenswünschen gegen Diejenigen, die ihm den Schutz eines Gefängnisses gewährt hatten. Ein whiggistischer Edelmann trug darauf an, daß Oates in Freiheit gesetzt werden solle; aber dieser Antrag wurde verworfen.16
Die Geschäfte des Tages waren so ziemlich erledigt und Halifax wollte sich eben erheben, als ihm gemeldet wurde, daß ein Bote von Sheerneß angekommen sei. Kein Vorfall konnte unangenehmer und störender sein. Man lud eine große Verantwortlichkeit auf sich, mochte man etwas thun oder nicht. Halifax, der wahrscheinlich Zeit zu gewinnen wünschte, um sich mit dem Prinzen in Vernehmen zu setzen, hatte die Versammlung am liebsten vertagt; Mulgrave aber ersuchte die Lords, auf ihren Plätzen zu bleiben und führte den Boten ein. Der Mann erzählte seine Geschichte mit Thränen in den Augen und überreichte einen Brief, der vom König selbst geschrieben, aber an keine bestimmte Person gerichtet war, sondern nur den Beistand aller guten Engländer anrief.17
Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung. Eine solche Bitte konnte man kaum unbeachtet lassen. Die Lords gaben Feversham Befehl, mit einer Abtheilung der Leibgarde an den Ort zu eilen, wo der König zurückgehalten wurde, und Seine Majestät in Freiheit zu setzen.
Middleton und einige andere Anhänger des Königs waren bereits aufgebrochen, um ihrem unglücklichen Gebieter beizustehen und ihn zu trösten. Sie fanden ihn in strengem Gewahrsam und sie wurden nicht eher zu ihm gelassen, als bis sie ihre Degen abgegeben hatten. Er war von einer ungeheuren Menge Volks umgeben. Einige whiggistische Gentlemen aus der Umgegend hatten eine starke Abtheilung Miliz zu seiner Bewachung herbeigeführt. Sie waren der sehr irrigen Meinung gewesen, daß sie sich durch seine Festhaltung bei seinen Feinden beliebt machen würden, und waren nicht wenig erstaunt, als sie vernahmen, daß die dem Könige zu Theil gewordene Behandlung von der provisorischen Regierung in London gemißbilligt werde, und eine Kavallerieabtheilung unterwegs sei, um ihn zu befreien. Feversham kam bald an. Er hatte seine Truppe in Sittingbourne zurückgelassen; aber man hatte nicht nöthig, Gewalt anzuwenden. Der König durfte ungehindert abreisen und wurde von seinen Freunden nach Rochester gebracht, wo er sich einige Ruhe gönnte, deren er dringend bedurfte. Er war in einem traurigen Zustande. Nicht nur sein niemals sehr heller Verstand war völlig verwirrt, sondern auch der persönliche Muth, den er in seinen jüngeren Jahren in mehreren Schlachten, zur See wie zu Lande bewiesen, hatte ihn verlassen. Die harte körperliche Behandlung, die er jetzt zum ersten Male erfahren, scheint ihn mehr als irgend ein andres Ereigniß seines bewegten Lebens niedergedrückt zu haben. Der Abfall seiner Armee, seiner Günstlinge und seiner Familie erschütterte ihn weniger als die Rohheiten, die er beim Anhalten seines Bootes ertragen hatte. Die Erinnerung an diese Rohheiten nagte noch lange an seinem Herzen und äußerte sich einmal in einer Weise, welche den verächtlichen Spott von ganz Europa erregte. Im vierten Jahre seiner Verbannung versuchte er es seine Unterthanen durch das Versprechen einer Amnestie wieder zu gewinnen. Dieser Amnestie war jedoch eine lange Liste von Ausnahmen beigegeben, und auf dieser Liste standen neben Churchill und Danby auch die armen Fischer, welche seine Taschen so unsanft untersucht hatten. Aus diesem Umstande kann man schließen, wie schmerzlich er die ihm widerfahrene rücksichtslose Behandlung empfunden haben muß, als sie noch neu war.18
Hätte er indessen nur das gewöhnliche Maß von gesundem Verstande besessen, so würde er eingesehen haben, daß Diejenigen, welche ihn festnahmen, ihm unabsichtlich einen großen Dienst erzeigt hatten. Die Ereignisse, welche seit seiner Abwesenheit von der Hauptstadt daselbst eingetreten waren, hätten ihn überzeugen müssen, daß, wenn seine Flucht gelungen wäre, er nie hätte zurückkehren dürfen. Er war wider seinen Willen vom gänzlichen Untergange errettet worden. Jetzt hatte er noch eine Aussicht, die letzte und einzige, die ihm noch blieb. So groß auch seine Vergehen sein mochten, ihn zu entthronen, so lange er noch in seinem Reiche war und sich den Bedingungen fügte, die ein freies Parlament ihm vorschrieb, wäre fast unmöglich gewesen.
Eine Weile schien er geneigt, zu bleiben. Er sandte Feversham von Rochester mit einem Briefe an Wilhelm. Der Inhalt dieses Briefes war, daß Seine Majestät auf der Rückreise nach Whitehall begriffen sei, daß er eine persönliche Unterredung mit dem Prinzen wünsche und daß der St. Jamespalast zum Empfang Seiner Hoheit eingerichtet werden solle.19
Wilhelm’s Verlegenheit. Wilhelm befand sich jetzt in Windsor. Er hatte mit schmerzlichem Bedauern die an der Küste von Kent stattgehabten Vorfälle erfahren. Kurz vor dem Eintreffen der Nachricht hatten seine Umgebungen bemerkt, daß er ungewöhnlich heiter war. Er hatte auch in der That Ursache, sich zu freuen. Er stand am Fuße eines erledigten Thrones. Es schien, als würden alle Parteien ihn einstimmig auffordern, denselben zu besteigen. Doch plötzlich trübten sich seine Aussichten. Es ergab sich, daß die Abdankung nicht vollständig gewesen war. Ein großer Theil seiner Anhänger trug gewiß Bedenken, einen König abzusetzen, der noch unter ihnen war, der sie aufforderte, ihre Beschwerden auf parlamentarischem Wege anzubringen, und der vollständige Abstellung derselben versprach. Der Prinz mußte seine neue Stellung erwägen und ein neues Verfahren einschlagen. Kein Weg stand ihm offen, gegen den sich nicht Einwendungen hätten machen lassen, kein Weg, der ihn in eine so vortheilhafte Lage versetzen konnte, als die war, in der er sich vor wenigen Stunden noch befand. Etwas konnte indessen gethan werden. Der erste Fluchtversuch des Königs war gescheitert. Das Wünschenswertheste war jetzt, daß er einen zweiten Versuch mit besserem Erfolge unternehmen möchte. Er mußte zu gleicher Zeit geängstigt und geködert werden. Die Liberalität, mit der man ihm bei der Unterhandlung zu Hungerford entgegengekommen war, und die er mit einem Treubruche vergolten hatte, war jetzt nicht mehr angewandt. Vergleichsvorschläge durften ihm nicht mehr gemacht werden, und wenn er solche machte, so mußte man sie kalt aufnehmen. Aber auch Gewalt durfte nicht gegen ihn angewendet, ja ihm nicht einmal angedroht werden. Indessen war es vielleicht nicht unmöglich, einen so schwachen Mann auch ohne Anwendung oder Androhung von Gewalt um seine persönliche Sicherheit besorgt zu machen. Dann dachte er gewiß bald wieder an die Flucht, und in diesem Falle mußte ihm die Flucht auf jede Weise erleichtert und dafür gesorgt werden, daß er nicht wieder durch einen diensteifrigen Tölpel zurückgehalten wurde.
Verhaftung Feversham’s. Dies war Wilhelm’s Plan, und die Geschicklichkeit und Entschlossenheit, womit er denselben ausführte, contrastiren auffallend mit der ihm gegenüberstehenden Thorheit und Feigheit. Bald bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit dar, sein Einschüchterungssystem zu beginnen. Feversham kam mit Jakob’s Brief in Windsor an. Die Wahl des Boten war eben keine glückliche. Er hatte die königliche Armee entlassen und ihm gab man vorzugsweise die Verwirrung und Angst der irischen Nacht Schuld. Sein Benehmen wurde von der öffentlichen Meinung entschieden getadelt. Wilhelm hatte sich zu einigen drohenden Worten reizen lassen, und einige drohende Worte aus Wilhelm’s Munde bedeuteten gewöhnlich etwas. Feversham wurde nach seinem Geleitsbriefe gefragt. Er hatte keinen. Indem er ohne einen solchen in einem feindlichen Lager erschien, hatte er sich nach den Kriegsgesetzen der strengsten Behandlung ausgesetzt. Wilhelm weigerte sich ihn zu empfangen und gab Befehl ihn festzunehmen.20 Zulestein wurde sofort abgesandt, um Jakob zu benachrichtigen, daß der Prinz die verlangte Unterredung ablehne und wünsche, daß Seine Majestät in Rochester blieb.
Ankunft Jakob’s in London. Aber es war zu spät. Jakob war bereits in London. Er war anfangs unschlüssig gewesen und hatte sich schon einmal wieder vorgenommen gehabt, einen neuen Versuch zur Flucht auf das Festland zu machen. Endlich aber gab er dem Andringen von Freunden, welche klüger waren als er, nach und reiste nach Whitehall ab. Am Sonntag Nachmittag den 16. December kam er daselbst an. Er hatte gefürchtet, das Volk, das während seiner Abwesenheit so viele Beweise von Haß gegen den Papismus gegeben, werde ihm einen schimpflichen Empfang bereiten. Aber gerade die Heftigkeit des neuerlichen Ausbruchs hatte eine Erschlaffung zur Folge gehabt. Der Sturm hatte sich selbst aufgezehrt. Heiterkeit und Mitleid waren auf die Wuth gefolgt. In keinem Stadttheile Londons äußerte sich die mindeste Neigung, den König zu beschimpfen; man hörte sogar einzelne Lebehochs, als er durch die City fuhr. Auf einigen Kirchthürmen läuteten die Glocken und ein paar Freudenfeuer wurden zu Ehren seiner Zurückkunft angezündet.21 Sein kurz zuvor von der Verzweiflung überwältigter schwacher Geist wurde durch diese unerwarteten Zeichen der Gutherzigkeit und Theilnahme des Volks mit übermäßiger Freude erfüllt. In der frohesten Stimmung betrat er seine Wohnung, welche sehr bald ihr früheres Aussehen wieder annahm. Katholische Priester, welche in der vergangenen Woche froh gewesen waren, wenn sie sich in Kellern und Dachkammern vor der Wuth der Menge hatten verbergen können, kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und machten Anspruch auf ihre früher innegehabten Gemächer im Palaste. Ein Jesuit sprach das Tischgebet an der königlichen Tafel. Der irische Jargon, damals jedem englischen Ohre der verhaßteste von allen Dialecten, wurde wieder überall in den Höfen und Gallerien vernommen. Der König selbst zeigte wieder seinen ganzen früheren Hochmuth. Er hielt einen Staatsrath, den letzten, dem er präsidirte, und berief selbst in dieser äußerst gefährlichen Lage Personen in denselben, welche gesetzlich nicht berechtigt waren, einen Sitz darin einzunehmen. Er sprach sein hohes Mißfallen über das Verfahren der Lords aus, die es gewagt hatten, während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Er meinte, es sei ihre Pflicht gewesen, eher die Gesellschaft sich auflösen, die Häuser der Gesandten niederreißen und London in Brand stecken zu lassen, als sich die Functionen anzumaßen, welche er niederzulegen für gut befunden hatte. Unter den so Getadelten befanden sich einige Kavaliere und Prälaten, die ihm trotz aller seiner Fehler stets treu geblieben waren und selbst nach dieser Provocation nie weder durch die Hoffnung noch durch die Furcht bewogen werden konnten, ihre Unterthanentreue von ihm auf einen andren Souverain zu übertragen.22
Doch sein Muth ward bald gebrochen. Kaum war er in seinen Palast eingezogen, so wurde ihm Zulestein gemeldet. Er überbrachte Wilhelm’s kalte und ernste Botschaft. Der König bestand noch immer auf einer persönlichen Unterredung mit seinem Neffen. „Ich würde Rochester nicht verlassen haben,“ sagte er, „wenn ich gewußt hätte, daß er dies nicht wünschte; da ich aber nun einmal hier bin, wird er hoffentlich in den St. Jamespalast kommen.“ — „Ich muß Eurer Majestät offen sagen,“ entgegnete Zulestein, „daß Seine Hoheit nicht nach London kommen wird, so lange Truppen hier sind, welche nicht unter seinen Befehlen stehen.“ Der König schwieg bestürzt über diese Antwort. Zulestein entfernte sich, und bald darauf trat ein Gentleman in das Schlafzimmer mit der Meldung, daß Feversham verhaftet worden sei.23 Jakob erschrak nicht wenig darüber. Doch die Erinnerung an den Beifall, mit dem er begrüßt worden war, hielt seinen Muth noch immer aufrecht. Eine kühne Hoffnung stieg in ihm auf. Er glaubte London, so lange das Bollwerk des Protestantismus und des Whiggismus, werde bereitwilligst zu seinem Schutze die Waffen ergreifen. Er ließ den Gemeinderath fragen, ob er sich verbindlich machen wolle, ihn gegen den Prinzen zu vertheidigen, wenn er, der König, seine Residenz in der City aufschlüge. Der Gemeinderath aber hatte die Entziehung des Freibriefs und den Justizmord Cornish’s nicht vergessen, und weigerte sich das verlangte Versprechen zu geben. Da sank dem Könige der Muth wieder. Wohin, fragte er, solle er sich um Schutz wenden? Es sei ganz das Nämliche, ob er holländische Truppen um sich habe, oder seine eigene Leibgarde. Was die Bürger betreffe, so wisse er jetzt, was ihre Lebehochrufe und ihre Freudenfeuer werth seien. Es bleibe ihm nichts Andres übrig als die Flucht, obgleich er recht wohl wisse, daß seine Feinde nichts sehnlicher wünschten, als daß er wieder fliehen möchte.24
Berathung in Windsor. Während er sich in diesem Zustande von Angst und Ungewißheit befand, war sein Schicksal in Windsor der Gegenstand ernster Berathung. Wilhelm’s Hof war jetzt mit ausgezeichneten Männern alter Parteien angefüllt. Die meisten Führer des Aufstandes im Norden hatten sich ihm zugesellt, und mehrere von den Lords, welche während der Anarchie der vergangenen Woche die Functionen einer provisorischen Regierung übernommen hatten, waren sogleich nach der Rückkehr des Königs von London ins holländische Hauptquartier abgereist. Einer von diesen war Halifax. Wilhelm hatte ihn mit großem Vergnügen willkommen geheißen, hatte aber ein sarkastisches Lächeln nicht unterdrücken können, als er diesen genialen und vollendeten Staatsmann, der so gern der Schiedsrichter in diesem großen Kampfe geworden wäre, gezwungen sah, den Mittelweg zu verlassen und auf eine Seite zu treten. Unter Denen, die sich damals nach Windsor begaben, waren auch Einige, welche Jakob’s Gunst durch schmachvolle Dienstleistungen erkauft hatten und die jetzt das Verbrechen, ihr Vaterland verrathen zu haben, durch Verrath an ihrem Gebieter wieder gut machen wollten. Ein solcher Mann war Titus, der in Widerspruch mit dem Gesetz im Geheimen Rath gesessen und sich bemüht hatte, die Puritaner mit den Jesuiten zu einem Bunde gegen die Verfassung zu vereinigen. Ein solcher Mann war auch Williams, ein gewesener Demagog, der aus Eigennutz zum Vertheidiger der Prärogative geworden und der jetzt zu einem abermaligen Abfalle bereit war. Diese Männer ließ der Prinz mit gerechter Verachtung in seinem Vorzimmer vergebens auf eine Audienz warten.25
Am Montag den 17. December wurden sämmtliche in Windsor anwesende Peers zu einer feierlichen Berathung in das Schloß berufen. Der Gegenstand der Besprechung war die Frage, wie es mit dem Könige gehalten werden sollte. Wilhelm hielt es nicht für passend, der Discussion beizuwohnen. Er entfernte sich daher und Halifax wurde aufgefordert, den Präsidentenstuhl einzunehmen. Über einen Punkt waren die Lords einig, daß nämlich der König da wo er war nicht bleiben dürfe. Jedermann fühlte, daß es unpassend sein würde, wenn der eine Fürst sich in Whitehall, der andre in St. James verschanzte und es auf einem Flächenraume von hundert Acres zwei feindliche Besatzungen gab. Eine solche Situation mußte fast unvermeidlich Argwohn, Beleidigungen und Reibungen hervorrufen, welche einen blutigen Ausgang nehmen konnten. Die versammelten Lords hielten es daher für zweckmäßig, daß Jakob aus London entfernt wurde. Ham, das Lauderdale von dem geraubten Gelde Schottlands und von den Geschenken Frankreichs am Ufer der Themse erbaut und ausgeschmückt hatte und das für das prächtigste Lustschloß Englands galt, wurde als ein geeigneter Aufenthaltsort vorgeschlagen. Sobald die Lords diesen Beschluß gefaßt hatten, ließen sie den Prinzen bitten, daß er zu ihnen kommen möchte, und Halifax theilte ihm ihre Meinung mit. Wilhelm hörte sie an und billigte sie. Es wurde sogleich ein kurzes Schreiben an den König aufgesetzt. „Durch wem sollen wir es ihm zu senden?“ fragte Wilhelm dann. — „Sollte es nicht durch einen Offizier Eurer Hoheit überbracht werden?“ entgegnete Halifax. — „Nein, Mylords, mit Verlaub,“ erwiederte der Prinz; „es wird auf Anrathen Eurer Herrlichkeiten abgesandt, und daher müssen Einige von Ihnen es überbringen.“ Und ohne weitere Einwendungen abzuwarten, ernannte er Halifax, Shrewsbury und Delamere zu Überbringern.26
Der Beschluß der Lords schien einhellig zu sein; aber es waren Einige darunter, welche die Entscheidung, mit der sie einverstanden zu sein vorgaben, keineswegs billigten und den König mit einer Strenge behandelt zu sehen wünschten, die sie nicht offen anzuempfehlen wagten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß das Oberhaupt dieser Partei ein Peer war, der ein heftiger Tory gewesen und der nachher als Eidverweigerer starb: Clarendon. Die Rapidität, mit der er in dieser Krisis von einem Extrem zum andren übersprang, muß Leuten, die in friedlichen Zeiten leben, unglaublich erscheinen, wird aber Diejenigen nicht Wunder nehmen, welche Gelegenheit hatten, den Gang von Revolutionen zu beobachten. Er wußte, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der er in Anwesenheit des Königs das ganze Regierungssystem getadelt, seinen ehemaligen Gebieter tief gekränkt hatte. Auf der andren Seite durfte er als Oheim der Prinzessinnen hoffen, bei der bevorstehenden neuen Ordnung der Dinge groß und reich zu werden. Die englische Colonie in Irland betrachtete ihn als ihren Freund und Beschützer, und er sah ein, daß von dem Vertrauen und der Zuneigung dieser wichtigen Partei seine zukünftige Bedeutung großentheils abhing. Diesen Rücksichten mußten jetzt die Prinzipien weichen, zu denen er sich während seines ganzen Lebens mit Ostentation bekannt hatte. Er begab sich ins Kabinet des Prinzen und stellte ihm vor, wie gefährlich es sein würde, wenn man den König frei ließe. Die irischen Protestanten seien dann in der größten Gefahr. Es gebe keinen andren Weg, um ihr Eigenthum und ihr Leben zu sichern, als die strenge Gefangenhaltung des Königs. Ihm ein englisches Schloß zu seinem Aufenthalt anzuweisen, dürfte nicht klug gehandelt sein; aber man könnte ihn über’s Meer schicken und in die Festung Vreda einschließen, bis die Angelegenheiten der britischen Inseln geordnet seien. Wenn der Prinz in Besitz einer solchen Geißel sei, würde Tyrconnel wahrscheinlich das Staatsschwert niederlegen und die Oberherrschaft Englands in Irland würde ohne einen Schwertstreich wiederhergestellt werden. Wenn dagegen Jakob nach Frankreich entkäme und an der Spitze einer fremden Armee in Dublin erschiene, so müßte dies die verderblichsten Folgen nach sich ziehen. Wilhelm gab zu, daß diese Gründe sehr gewichtig seien, erklärte aber, daß er sich dadurch nicht bestimmen lassen könne. Er kenne den Character seiner Gemahlin und wisse, daß sie nie in einen solchen Schritt willigen werde. Auch würde es ihm selbst nicht zur Ehre gereichen, wenn er seinen besiegten Verwandten so rücksichtslos behandelte. Übrigens könne man gar nicht wissen, ob Großmuth in diesem Falle nicht die beste Politik sei. Wer könne sagen, welchen Eindruck eine solche Strenge, wie Clarendon sie anempfahl, auf die öffentliche Meinung machen werde? Sei es unmöglich, daß die loyale Begeisterung, welche das verkehrte Benehmen des Königs erstickt hatte, wieder auflebte, sobald es bekannt würde, daß er sich innerhalb der Mauern einer ausländischen Festung befinde? Aus diesen Gründen beschloß Wilhelm, seinen Schwiegervater keinem persönlichen Zwange zu unterwerfen, und es ist kaum daran zu zweifeln, daß dies ein weiser Entschluß war.27
Jakob blieb, während über sein Schicksal deliberirt wurde, durch die Größe und Nähe der Gefahr gleichsam wie festgebannt, in Whitehall, eben so unfähig zu kämpfen, wie zu fliehen. Am Abend traf die Nachricht ein, daß die Holländer Chelsea und Kensington in Besitz genommen hatten. Dessenungeachtet schickte sich der König an, wie gewöhnlich zur Ruhe zu gehen. Die Coldstreamgarden hatten im Palaste den Dienst. Sie standen unter den Befehlen Wilhelm’s, Earl von Craven, eines hochbetagten Mannes, der sich fünfzig Jahre früher im Kriege und in der Liebe ausgezeichnet, der bei Kreuznach seine hoffnungslose Stellung mit solchem Muthe behauptet hatte, daß der große Gustav ihm auf die Schulter klopfte, und von dem man glaubte, daß er unter tausend Mitbewerbern das Herz der unglücklichen Königin von Böhmen erobert habe. Craven stand jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre; aber die Zeit hatte seinen Muth nicht gebrochen.28
Die holländischen Truppen besetzen Whitehall. Es war zehn Uhr vorüber als ihm gemeldet wurde, daß drei Bataillone von der Infanterie des Prinzen, nebst einigen Reitern, mit brennenden Lunten und vollkommen kampffertig durch die lange Hauptallee des St. Jamesparks heranrückten. Graf Solms, der die fremden Truppen befehligte, sagte, er habe Befehl, die Posten in der Umgebung von Whitehall militairisch zu besetzen und forderte Craven auf, sich gutwillig zurückzuziehen. Craven schwur, er werde sich eher in Stücken hauen lassen; als aber der König, der sich eben auskleidete, erfuhr was vorging, verbot er dem tapferen alten Soldaten jeden Widerstandsversuch, der doch keinen Erfolg haben konnte. Um elf Uhr waren die Coldstreamgarden abgezogen und holländische Schildwachen machten auf allen Seiten des Palastes die Runde. Einige vom Gefolge des Königs fragten ihn, ob er es wagen wolle, sich, von Feinden umringt, niederzulegen. Er antwortete, daß sie ihn kaum schlechter behandeln könnten, als seine eigenen Unterthanen ihn behandelt hätten, und mit der gefühllosen Gleichgültigkeit eines durch das Unglück abgestumpften Mannes legte er sich zu Bett.29
Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht. Es war kaum erst wieder ruhig geworden im Palaste, so gerieth aufs neue Alles in Bewegung. Kurz nach Mitternacht kamen die drei Lords von Windsor an. Middleton wurde ersucht, sie zu empfangen. Sie erklärten ihm, daß sie mit einer Sendung betraut seien, welche keinen Aufschub gestatte. Der König ward aus seinem ersten Schlummer geweckt, und sie wurden in sein Schlafzimmer eingeführt. Sie überreichten ihm das ihnen anvertraute Schreiben und kündigten ihm an, daß der Prinz in einigen Stunden in Westminster eintreffen und daß Seine Majestät wohl thun werde, vor zehn Uhr nach Ham abzureisen. Jakob machte einige Einwendungen. Ham gefiel ihm nicht. Im Sommer sei es ein ganz angenehmer Aufenthalt, um Weihnachten aber sei es dort kalt und unbehaglich, und überdies sei auch das Schloß nicht möblirt. Halifax antwortete, daß sofort Möbeln hingeschickt werden sollten. Die drei Abgesandten entfernten sich; Middleton aber eilte ihnen nach, um ihnen zu sagen, daß Rochester dem Könige viel lieber sein werde als Ham. Sie erwiederten, daß sie keine Vollmacht hätten, den Wunsch des Königs zu erfüllen, daß sie aber augenblicklich einen Expressen an den Prinzen absenden wollten, der in Sion House zu übernachten gedenke. Es ging unverzüglich ein Courier ab, der noch vor Tagesanbruch mit Wilhelm’s Einwilligung zurückkam. Wilhelm gab seine Zustimmung in der That sehr gern, denn es unterlag keinem Zweifel, daß Rochester deshalb gewählt worden war, weil es große Erleichterungen für die Flucht darbot, und daß Jakob fliehen möchte, war der sehnlichste Wunsch seines Neffen.30
Jakob’s Aufbruch nach Rochester. Am Morgen des 18. December, einem regnerischen und stürmischen Morgen, hielt die königliche Barke frühzeitig an der Treppe von Whitehall, umgeben von acht bis zehn mit holländischen Soldaten gefüllten Böten. Mehrere Edelleute und Gentlemen begleiteten den König bis ans Wasser. Es wird erzählt und läßt sich wohl auch denken, daß viele Thränen vergossen wurden. Denn selbst der eifrigste Freund der Freiheit konnte das traurige und schmachvolle Ende einer Dynastie, welche so groß hätte sein können, nicht gleichgültig mit ansehen. Shrewsbury that sein Möglichstes, um den gestürzten Monarchen zu trösten. Selbst der erbitterte und heftige Delamere war ergriffen. Man bemerkte aber, daß Halifax, der sich sonst durch seine rücksichtsvolle Freundlichkeit gegen Besiegte auszeichnete, bei dieser Gelegenheit weniger theilnehmend war als seine beiden Collegen. Wahrscheinlich konnte er die Scheingesandtschaft nach Hungerford noch immer nicht vergessen.31
Während die königliche Barke langsam über die hochgehenden Wellen den Fluß hinabfuhr, zog eine Brigade von den Truppen des Prinzen nach der andren in London ein. Man hatte die sehr weise Anordnung getroffen, daß der Dienst in der Hauptstadt namentlich von den im Dienste der Generalstaaten stehenden britischen Soldaten verrichtet werden sollte. Die drei englischen Regimenter wurden in und um den Tower, die drei schottischen in Southwark einquartirt.32
Wilhelm’s Ankunft im St. Jamespalaste. Trotz des schlechten Wetters sammelte sich eine große Volksmenge zwischen Albemarle House und dem St. Jamespalaste, um den Prinzen zu bewillkommnen. Jeder Hut, jeder Stock war mit einem orangefarbenen Bande geschmückt. Alle Glocken von ganz London wurden geläutet, und an allen Fenstern standen Lichter zu einer Illumination bereit, während in den Straßen Reißigbündel zu Freudenfeuern aufgehäuft wurden. Wilhelm aber, der kein Freund vom Gedränge und vom Jubelgeschrei war; nahm seinen Weg durch den Park. Vor Einbruch der Nacht kam er, von Schomberg begleitet, in einem leichten Wagen im St. Jamespalaste an. In kurzer Zeit waren alle Zimmer und Treppen mit Leuten gefüllt, die ihm ihre Aufwartung machen wollten. Das Gedränge war so arg, daß die hochgestelltesten Männer nicht im Stande waren, sich bis in das Empfangszimmer hindurchzuarbeiten.33 Während sich Westminster in dieser Aufregung befand, entwarf der Gemeinderath in der Guildhall eine Dank- und Beglückwünschungsadresse. Der Lordmayor war nicht im Stande den Vorsitz zu führen. Er hatte das Bett noch nicht wieder verlassen, seitdem der Kanzler in dem Anzuge eines Kohlenschiffers in den Gerichtssaal geschleppt worden war. Die Aldermen aber und die übrigen Beamten der Corporationen waren auf ihren Plätzen. Am folgenden Tage kam der Magistrat der City in Gala, um dem Befreier zu huldigen. Ihre Dankbarkeit wurde mit beredten Worten durch ihren Syndikus, Sir Georg Treby ausgesprochen. Einige Prinzen aus dem Hause Nassau, sagte er, seien die ersten Beamten einer großen Republik gewesen. Andere hätten die Kaiserkrone getragen; der gegründetste Anspruch dieses berühmten Geschlechts auf die öffentliche Verehrung bestehe darin, daß Gott es zu dem hohen Amte auserwählt und geweiht habe, von Generation zu Generation die Wahrheit und die Freiheit gegen die Tyrannei zu vertheidigen. An dem nämlichen Tage machten auch alle in der Hauptstadt anwesenden Prälaten, mit Ausnahme Sancroft’s, dem Prinzen in corpore ihre Aufwartung. Dann kam, mit ihrem Bischof an der Spitze, die londoner Geistlichkeit, an Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Einfluß die ersten Männer ihres Standes. Ihnen hatten sich einige hervorragende Dissentergeistliche angeschlossen, welche Compton, was ihm zu großer Ehre gereichte, mit ausgezeichneter Artigkeit behandelte. Einige Monate vorher oder nachher würde diese Artigkeit von vielen Staatskirchenmännern als ein Verrath an der Kirche betrachtet worden sein, selbst damals konnte ein scharfes Auge nur zu deutlich erkennen, daß der Waffenstillstand, zu welchen die protestantischen Secten gezwungen worden waren, die Gefahr, aus der er entsprungen war, nicht lange überdauern werde. Ungefähr hundert in der Hauptstadt wohnende nonconformistische Geistliche überreichten eine Separatadresse. Sie wurden durch Devonshire vorgestellt und mit allen Achtungs- und Wohlwollensbezeigungen empfangen. Die Juristen brachten ihre Huldigung unter Anführung Maynard’s dar, der im Alter von neunzig Jahren noch so rüstig und so hellen Geistes war als zu der Zeit, da er in Westminsterhall als Ankläger Strafford’s auftrat. „Mr. Serjeant,“ sagte der Prinz zu ihm, „Sie müssen alle Juristen, die mit Ihnen studirten, überlebt haben.“ — „Ja, Sire,“ erwiederte der Greis, „und wäre Eure Hoheit nicht gekommen, so würde ich auch die Gesetze überlebt haben“.34
Aber obgleich die Adressen zahlreich und voll von Lobeserhebungen, obgleich die Jubelrufe laut und die Illumination glänzend, obgleich der St. Jamespalast für die Masse der Höflinge zu klein und obgleich die Theater jeden Abend vom Parterre bis zur letzten Gallerie von orangefarbenen Bändern strotzten, so fühlte Wilhelm doch, daß die Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen hatten. Er hatte eine Regierung gestürzt: jetzt galt es die Lösung der weit schwierigeren Aufgabe, eine neue zu errichten. Von dem Augenblicke seiner Landung bis zu seiner Ankunft in London hatte er die Autorität ausgeübt, welche nach den in der ganzen civilisirten Welt anerkannten Kriegsgesetzen dem Oberbefehlshaber einer im Felde stehenden Armee zukommt. Jetzt mußte er die Rolle eines Generals mit der eines Civilbeamten vertauschen, und dies war keine leichte Aufgabe. Ein einziger falscher Schritt konnte unheilbringend werden und es war unmöglich, irgend einen Schritt zu thun, ohne Vorurtheile zu verletzen und heftige Leidenschaften zu entzünden.
Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des Eroberungsrechtes aufzusetzen. Einige von den Rathgebern des Prinzen drangen in ihn, daß er sich die Krone ohne weiteres kraft des Eroberungsrechtes aufsetzen und dann als König unter seinem großen Siegel Einberufungsschreiben zu einem Parlamente erlassen solle. Dieses Verfahren wurde ihm von einigen ausgezeichneten Juristen eifrig anempfohlen. Sie sagten, es sei der kürzeste Weg zu dem Ziele, welches außerdem nur mit zahllosen Schwierigkeiten und Streitigkeiten erreicht werden könne. Es stimme genau mit dem glückverheißenden Beispiele überein, das vor ihm Heinrich VII. nach der Schlacht von Bosworth gegeben. Auch werde es die Bedenken vieler achtbarer Personen wegen Statthaftigkeit der Übertragung des Unterthaneneides auf einen andren Regenten zerstreuen. Weder das englische Recht noch die englische Kirche gestehe den Unterthanen die Befugniß zu, ihren Landesherrn abzusetzen. Aber kein Jurist und kein Theolog habe je geleugnet, daß eine im Kriege überwundene Nation sich dem Beschlusse des Gottes der Schlachten unterwerfen dürfe, ohne eine Sünde zu begehen. So hätten nach der chaldäischen Eroberung die gottesfürchtigsten und patriotischesten Juden die Pflichten gegen ihren angestammten König nicht zu verletzen geglaubt, indem sie dem neuen Herrscher, den die Vorsehung ihnen gesandt, mit Treue dienten. Die drei Bekenner, welche im feurigen Ofen so wunderbar erhalten worden waren, hätten in der Provinz Babylon hohe Ämter begleitet. Daniel sei nacheinander Minister des Assyrers, welcher Juda, und des Persers, welcher Assyrien unterjochte, gewesen. Ja, Christus selbst, der seinem Blute nach ein Prinz aus dem Geschlechte David’s gewesen, habe dadurch, daß er seinen Landsleuten befahl, dem Kaiser Tribut zu zahlen, ausgesprochen, daß fremde Eroberung erbliche Rechte aufhebt und wohlbegründeten Anspruch auf Herrschaft giebt. Es sei daher wahrscheinlich, daß eine große Anzahl Tories, wenn sie auch nicht selbst mit gutem Gewissen einen König wählen könnten, doch unbedenklich einen durch den Ausgang des Kriegs ihnen gegebenen König annehmen würden.35
Auf der andren Seite standen jedoch Gründe, welche bei weitem überwiegend waren. Der Prinz konnte die Krone als mit dem Schwerte erobert nicht beanspruchen, ohne sich eines groben Wortbruches schuldig zu machen. In seiner Erklärung hatte er versichert, daß es nicht seine Absicht sei, England zu erobern, daß, wer ihn einer solchen Absicht beschuldige, nicht nur ihn persönlich, sondern auch die patriotischen Kavaliere und Gentlemen, die ihn herübergerufen, schändlich verleumde, daß die Streitmacht, die er mitgebracht habe, zu einem so schwierigen Unternehmen offenbar nicht genüge und daß es sein fester Entschluß sei, alle öffentlichen Beschwerden, wie alle seine eigenen Ansprüche einem freien Parlamente anheim zu geben. Um keines irdischen Zweckes willen konnte es recht oder klug sein, das im Angesicht von ganz Europa gegebene Wort zu brechen. Auch war es keineswegs ausgemacht, ob er, wenn er sich als Eroberer gerirte, dadurch die Bedenken zerstreute, welche die strengen Hochkirchenmänner ungeneigt machten, ihn als König anzuerkennen. Denn er mochte sich nennen wie er wollte, Jedermann wußte, daß er in Wirklichkeit kein Eroberer war. Es wäre notorisch eine bloße Fiction gewesen, hatte man sagen wollen, daß dieses große Königreich, mit einer mächtigen Flotte auf der See, einer regulären Armee von vierzigtausend Mann und einer Miliz von hundertdreißigtausend Mann, ohne eine einzige Belagerung oder Schlacht durch eine fünfzehntausend Mann starke Invasionsarmee in eine abhängige Provinz verwandelt worden sei. Es war nicht anzunehmen, daß eine solche Fiction wirklich empfindliche Gewissen beruhigen würde, aber es war kaum zu bezweifeln, daß sie den ohnehin schon gereizten Nationalstolz verwundete. Die englischen Truppen waren in einer Stimmung, welche die zarteste Schonung erheischte. Sie wußten, daß sie im letzten Feldzuge eben keine glänzende Rolle gespielt hatten. Die Anführer wie die Soldaten sehnten sich danach zu beweisen, daß sie nicht aus Mangel an Muth einer geringeren Streitmacht gewichen waren. Einige holländische Offiziere waren so unbesonnen gewesen, sich in einem Wirthshause beim Weine zu rühmen, daß sie die Armee des Königs vor sich her getrieben hätten. Diese Beleidigung hatte unter den englischen Truppen eine Gährung hervorgebracht, welche ohne das rasche Einschreiten des Prinzen wahrscheinlich mit einem furchtbaren Gemetzel geendet haben würde.36 Welchen Eindruck mußte unter solchen Umständen eine Proklamation machen, welche verkündete, daß der Oberbefehlshaber der Fremden die ganze Insel als rechtmäßige Kriegsbeute betrachte?
Außerdem war zu berücksichtigen, daß der Prinz durch Erlassung einer solchen Proklamation mit einem Male alle die Rechte vernichtet haben würde, zu deren Vertheidiger er sich erklärt hatte. Denn die Autorität eines fremden Eroberers wird nicht durch die Gebräuche und Gesetze der besiegten Nation beschränkt, sondern sie ist ihrem Wesen nach despotisch. Wilhelm war also entweder nicht berechtigt, sich zum Könige zu erklären, oder er war auch berechtigt, die Magna Charta und die Bitte um Recht für null und nichtig zu erklären, die Geschwornengerichte abzuschaffen und ohne Zustimmung des Parlaments Steuern zu erheben. Allerdings konnte er die alte Verfassung des Reichs wiederherstellen; aber wenn er dies that, so that er es ebenfalls kraft eines willkürlichen Beschlusses. Von diesem Augenblicke an würde die englische Freiheit auf eine niedere Stufe herabgesunken sein. Sie wäre dann nicht mehr ein uraltes Erbtheil gewesen, sondern ein neues Geschenk, welches der großmüthige Gebieter, der es verliehen, auch wieder entziehen konnte, wenn es ihm sonst beliebte.
Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente Karl’s II. zusammen. Wilhelm beschloß daher rechtschaffener und kluger Weise, die in seiner Erklärung gegebenen Versprechungen zu erfüllen und die Aufgabe der Einsetzung der Regierung der gesetzgebenden Gewalt zu überlassen. Er vermied Alles was für Usurpation hätte erklärt werden können, so sorgfältig, daß er es ohne einen Schein von parlamentarischer Autorität nicht über sich nehmen wollte, nur die Stände des Reichs einzuberufen oder während der Wahlen die ausübende Gewalt zu handhaben. Eine eigentlich parlamentarische Autorität gab es nicht im Staate; aber es war möglich, in einigen Stunden eine Versammlung zusammenzubringen, der die Nation wenigstens einen großen Theil der einem Parlamente gebührenden Achtung zollte. Die eine Kammer konnte aus den vielen geistlichen und weltlichen Lords, welche damals in London waren, die andre aus ehemaligen Mitgliedern des Unterhauses und den Magistratsbeamten der City gebildet werden. Dieser Plan war höchst sinnreich und er wurde rasch ins Werk gesetzt. Die Peers wurden auf den 21. December in den St. Jamespalast beschieden. Es erschienen etwa siebzig. Der Prinz forderte sie auf, die Lage des Landes in Erwägung zu ziehen und ihm das Ergebniß ihrer Berathungen vorzulegen. Bald darauf erschien eine Bekanntmachung, welche alle Gentlemen, die während der Regierung Karl’s II. einen Sitz im Unterhause gehabt hatten, aufforderte, am Morgen des Sechsundzwanzigsten vor Seiner Hoheit zu erscheinen. Die Aldermen von London wurden ebenfalls entboten und auch der Gemeinderath ersucht, eine Deputation zu schicken.37
Man hat oft in tadelndem Tone gefragt, warum diese Einladung nicht auf die Mitglieder des im vorhergehenden Jahre aufgelösten Parlaments ausgedehnt worden sei. Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Einer der Hauptmißstände, über welche die Nation klagte, war die Art und Weise der Erwählung jenes Parlaments. Die meisten Abgeordneten der Boroughs waren durch Wahlkörper gewählt worden, welche in einer allgemein als gesetzwidrig betrachteten und von dem Prinzen in seinem Manifeste für verwerflich erklärten Weise reorganisirt worden waren. Jakob selbst hatte unmittelbar vor seinem Sturze eingewilligt, die früheren municipalen Freiheiten wieder herzustellen. Es würde gewiß von Seiten Wilhelms die größte Inconsequenz gewesen sein, wenn er, nachdem er zur Vertheidigung der angetasteten Freibriefe der Corporationen die Waffen ergriffen, Personen, welche jenen Freibriefen zuwider gewählt worden waren, als rechtmäßige Vertreter der Städte Englands anerkannt hätte.
Am Sonnabend den 22. versammelten sich die Lords in ihrem Sitzungslokale. Dieser Tag wurde damit hingebracht, die Geschäftsordnung festzusetzen. Es wurde ein Schriftführer ernannt, und da man keinem der zwölf Richter Vertrauen schenken konnte, so wurden einige von den angesehendsten Sergeants und Barristers38 eingeladen, um über juristische Punkte ihren Rath abgeben zu können. Es wurde hierauf beschlossen, daß am nächsten Montag die Lage des Königreichs in Erwägung gezogen werden sollte.39
Die Zwischenzeit bis zur Montagssitzung war erwartungs- und ereignißvoll. Eine starke Partei unter den Peers nährte noch immer die Hoffnung, daß die Verfassung und die Kirche Englands auch ohne die Absetzung des Königs gesichert werden könnten. Diese Partei beschloß, eine feierliche Adresse an ihn zu beantragen, durch die er beschworen werden sollte, sich Bedingungen zu unterwerfen, welche die durch sein früheres Verfahren hervorgerufene Unzufriedenheit und Besorgniß beseitigen konnten. Sancroft, der seit der Rückkehr Jakob’s von Kent nach Whitehall keinen Theil an den öffentlichen Angelegenheiten genommen hatte, beschloß jetzt, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ans Licht zu treten und sich an die Spitze der Royalisten zu stellen. Mehrere Boten wurden mit Briefen an den König nach Rochester gesandt. Es wurde ihm darin versichert, daß seine Interessen energisch in Schutz genommen werden sollten, wenn er sich nur in diesem Augenblicke entschließen könnte, Plänen zu entsagen, die sein Volk verabscheue. Einige angesehene Katholiken begaben sich persönlich zu ihm, um ihn im Namen ihres gemeinsamen Glaubens zu bitten, daß er den fruchtlosen Kampf nicht weiter treiben möchte.40
Der Rath war gut; Jakob aber war nicht in der Stimmung, um ihn anzunehmen. Sein Verstand war stets stumpf und schwach gewesen, jetzt aber verhinderten ihn weibische Befürchtungen und kindische Einbildungen an dem Gebrauche desselben. Er wußte, daß seine Flucht das war, was seine Anhänger am meisten fürchteten und seine Feinde am sehnlichsten wünschten. Selbst wenn sein Bleiben mit ernster persönlicher Gefahr verknüpft gewesen wäre, so hätte er es doch unter den obwaltenden Umständen für schimpflich halten müssen, das Feld zu räumen, denn es handelte sich jetzt darum, ob er und seine Nachkommen auf dem Throne seiner Ahnen regieren oder heimathlose Bettler werden sollten. Doch die feige Angst um sein Leben hatte jedes andre Gefühl aus seiner Brust verdrängt. Auf die eindringlichen Bitten und unverwerflichen Gründe der Bevollmächtigten, die seine Freunde nach Rochester gesandt, hatte er nur die eine Antwort: sein Kopf sei in Gefahr. Umsonst versicherte man ihm, daß er durchaus keine Ursache zu einer solchen Besorgniß habe, daß der Prinz von Oranien schon durch den gesunden Verstand, wenn nicht durch seine Grundsätze abgehalten werden würde, die Schuld und Schande eines Königsmordes und eines Verwandtenmordes auf sich zu laden, und daß Viele, welche niemals in die Absetzung ihres Souverains willigen würden, so lange er noch auf englischem Boden war, durch seine Flucht sich der Unterthanentreue gegen ihn entbunden erachten würden. Die Furcht unterdrückte jedes andre Gefühl. Er beschloß abzureisen, und die Ausführung dieses Entschlusses war leicht. Er wurde sehr nachlässig bewacht, Jedermann hatte Zutritt bei ihm, segelfertige Schiffe lagen in geringer Entfernung bereit, und ihre Böte konnten bis dicht an den Garten des Hauses herankommen, das er bewohnte. Wäre er klug gewesen, so würde schon der Umstand, daß seine Wächter sich bemühten, ihm die Flucht zu erleichtern, hingereicht haben, um ihn zu überzeugen, daß er bleiben mußte, wo er war. In der That, die Schlinge lag so offen zu Tage, daß nur ein durch die Angst geblendeter Thor sie nicht sehen konnte.
Jakob’s Flucht von Rochester. Die Vorbereitungen wurden schleunigst getroffen. Am Samstag Abend, den Zweiundzwanzigsten, versicherte der König einigen von den Herren, welche von London aus mit Nachricht und gutem Rathe zu ihm gesandt worden, daß er sie am folgenden Morgen wiedersehen werde. Er legte sich zu Bett, stand mitten in der Nacht auf, stahl sich in Begleitung Berwick’s durch eine Hinterthür fort und ging durch den Garten bis ans Ufer des Medway. Hier erwartete ihn ein kleines Boot. Bald nach Tagesanbruch befanden sich die Flüchtlinge am Bord einer Schmacke, welche die Themse hinab fuhr.41
Am Nachmittag gelangte die Nachricht von der Flucht nach London. Die Anhänger des Königs waren ganz bestürzt, während die Whigs ihre Freude nicht verhehlen konnten. Die gute Nachricht ermuthigte den Prinzen zu einem kühnen und wichtigen Schritte. Er hatte erfahren, daß die französische Gesandtschaft mit der ihm feindlich gesinnten Partei fortwährende Communication unterhielt. Man wußte sehr wohl, daß diese Gesandtschaft sich vortrefflich auf alle Verführungskünste verstand, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß bei einer solchen Gelegenheit weder Ränke noch Goldstücke gespart werden würden. Barillon wollte gar zu gern noch einige Tage in London bleiben, und zu dem Ende ließ er kein Mittel unversucht, um die siegreiche Partei zu versöhnen. Auf den Straßen beruhigte er den Pöbel, der zornige Blicke auf seine Equipage warf, dadurch, daß er ihm Geld zuwarf. An seiner Tafel trank er öffentlich auf das Wohl des Prinzen von Oranien. Wilhelm aber ließ sich dadurch nicht bethören. Er hatte zwar die Ausübung der königlichen Autorität noch nicht auf sich genommen, aber er war commandirender General und als solcher nicht verbunden, einen Mann, den er als einen Spion betrachtete, innerhalb des von ihm militairisch besetzten Gebietes zu dulden. Noch vor dem Ende des Tages erhielt Barillon die Weisung, daß er England binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Er bat dringend um einen kurzen Aufschub, aber die Minuten waren kostbar, der Befehl wurde in noch bestimmteren Ausdrücken wiederholt und er reiste mit Widerstreben nach Dover ab. Um kein Zeichen von Geringschätzung und Trotz zu unterlassen, wurde er durch einen seiner protestantischen Landsleute, den die Verfolgung ins Exil getrieben, bis an die Küste begleitet. Der Ehrgeiz und die Anmaßung Frankreichs hatte so bitteren Groll erregt, daß selbst diejenigen Engländer, welche im Allgemeinen nicht geneigt waren, Wilhelm’s Verhalten mit günstigem Auge zu betrachten, ihm lauten Beifall dafür zollten, daß er dem Übermuth, mit dem Ludwig viele Jahre hindurch alle europäischen Höfe behandelt hatte, so herzhaft entgegentrat.42
Berathungen und Beschlüsse der Lords. Am Montag versammelten sich die Lords wieder. Halifax wurde zum Präsidenten gewählt. Der Primas war abwesend, die Royalisten traurig und muthlos, die Whigs heiter und guter Dinge. Es war bekannt, daß Jakob einen Brief zurückgelassen hatte. Einige von seinen Freunden stellten in der schwachen Hoffnung, daß der Brief vielleicht Vorschläge enthielt, welche als Grundlage zu einem gütlichen Abkommen dienen konnten, den Antrag ihn vorzulegen. Über diesen Antrag wurde abgestimmt und er wurde angenommen. Godolphin, der keineswegs als ein Feind seines ehemaligen Gebieters bekannt war, sprach einige Worte, welche den Ausschlag gaben. „Ich habe das Schreiben gesehen,“ sagte er, „und muß Ihnen zu meinem Bedauern bemerken, daß es nichts enthält, was Eure Herrlichkeiten irgend zufriedenstellen könnte.“ Es enthielt in der That keine Äußerung von Bedauern über frühere Fehler; es gab keiner Hoffnung Raum, daß diese Fehler in Zukunft vermieden werden würden, und es wälzte die Schuld an allem Geschehenen auf die Böswilligkeit Wilhelm’s und auf die Blindheit des Volks, das sich durch die schimmernden Worte Religion und Eigenthum habe bethören lassen. Niemand wagte den Vorschlag zu machen, daß Unterhandlungen mit einem Fürsten eingeleitet werden möchten, den die härteste Schule des Unglücks nur hartnäckiger im Unrecht gemacht zu haben schien. Es war die Rede von einer Untersuchung der Geburt des Prinzen von Wales; aber die whiggistischen Peers behandelten diesen Vorschlag mit Geringschätzung. „Ich hätte nicht erwartet, Mylords,“ rief Philipp, Lord Wharton, ein alter Rundkopf, der bei Edgehill gegen Karl I. ein Regiment commandirt hatte, „daß unter den gegenwärtigen Umständen Jemand das Kind erwähnen würde, das Prinz von Wales genannt worden ist, und ich hoffe, es wird zum letzten Male von ihm die Rede gewesen sein.“ Nach langer Berathung wurden zwei Adressen an Wilhelm beschlossen. Die eine ersuchte ihn, die Leitung der Regierung provisorisch zu übernehmen; die andre rieth ihm, durch eigenhändig unterzeichnete Rundschreiben alle Wahlkörper des Reichs zur Absendung von Vertretern nach Westminster aufzufordern. Zu gleicher Zeit nahmen die Peers es auf sich, eine Verordnung zu erlassen, welche alle Papisten, mit Ausnahme einiger weniger bevorzugter Personen, aus London und dessen nächster Umgebung verwies.43
Die Lords überreichten ihre Adressen dem Prinzen am folgenden Tage, ohne den Ausgang der Berathungen der von ihm einberufenen Gemeinen zu erwarten. Es scheint in der That, als ob der erbliche Adel in diesem Augenblicke um die Aufrechthaltung seines Ansehens sehr besorgt gewesen wäre und keine Lust gehabt hätte, einer Versammlung, von der das Gesetz nichts wußte, eine ebenbürtige Autorität zuzugestehen. Sie hielten sich für ein ächtes Haus der Lords; die andre Kammer aber verachteten sie als ein bloß nachgemachtes Haus der Gemeinen. Wilhelm lehnte es jedoch wohlweislich ab einen Entschluß zu fassen, bevor er sich von der Ansicht derjenigen Gentlemen überzeugt haben würde, welche früher mit den Vertrauen der Grafschaften und Städte Englands beehrt worden waren.44
Verhandlungen und Beschlüsse der von dem Prinzen einberufenen Gemeinen. Die einberufenen Gemeinen kamen in der St. Stephanskapelle zusammen und bildeten eine zahlreiche Versammlung. Sie ernannten zu ihrem Präsidenten Heinrich Powle, welcher Cirencester in mehreren Parlamenten vertreten und sich unter den Vertheidigern der Ausschließungsbill hervorgethan hatte.
Es wurden ähnliche Adressen wie die von den Lords bereits überreichten beantragt und angenommen. In keiner wichtigen Frage zeigte sich eine Meinungsverschiedenheit und einige schwache Versuche, über formelle Punkte eine Debatte zu eröffnen, wurden durch die allgemeine Verachtung vereitelt. Sir Robert Sawyer erklärte, er könne nicht begreifen, wie der Prinz ohne einen unterscheidenden Titel, wie Regent oder Protektor, die Regierung verwalten könne. Der greise Maynard, der als Jurist seines Gleichen nicht hatte und dabei ein mit der Taktik der Revolutionen wohl vertrauter Staatsmann war, versuchte es gar nicht, seinen Unwillen über einen so kindischen Einwand zu verhehlen, der in einem Augenblicke erhoben wurde, wo einmüthiges und rasches Handeln von der größten Wichtigkeit waren. „Wir werden sehr lange hier sitzen,“ sagte er, „wenn wir warten wollen, bis Sir Robert begreifen kann, wie so etwas möglich ist.“ Die Versammlung hielt diese Antwort der Krittelei ganz entsprechend.45
Eine Convention berufen. Die Beschlüsse der Versammlung wurden dem Prinzen mitgetheilt. Er erklärte sogleich seinen Entschluß, dem vereinten Ansuchen der von ihm einberufenen beiden Kammern zu entsprechen, Ausschreiben zur Einberufung einer Convention der Stände des Reichs zu erlassen und bis zum Zusammentritt dieser Convention die ausübende Verwaltung selbst zu übernehmen.46
Bemühungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung. Er hatte sich keine leichte Aufgabe vorgenommen. Die ganze Regierungsmaschine war in Unordnung. Die Friedensrichter hatten ihre Functionen eingestellt. Die Finanzbeamten hatten aufgehört, Steuern zu erheben. Die von Feversham aufgelöste Armee war noch immer in Verwirrung und zur Empörung bereit. Die Flotte befand sich in einem kaum weniger beunruhigenden Zustande. Die bürgerlichen und militairischen Diener der Krone hatten bedeutende Soldrückstande zu fordern und im Staatsschatze befanden sich nur noch vierzigtausend Pfund. Der Prinz ging mit Energie an die Wiederherstellung der Ordnung. Er erließ eine Proklamation, durch welche alle Magistratspersonen in ihren Ämtern bestätigt wurden, und eine andre, welche Anordnungen zur Erhebung der Staatseinkünfte enthielt.47 Die Reorganisation der Armee wurde rasch betrieben. Viele von den Kavalieren und Gentlemen, welche Jakob des Kommandos englischer Regimenter enthoben hatte, wurden wieder angestellt. Auch wurden Mittel und Wege gefunden, um die Tausende von irländischen Soldaten, welche Jakob nach England hatte kommen lassen, zu verwenden. In einem Lande, wo sie dem religiösen und nationalen Hasse preisgegeben waren, konnten sie nicht bleiben. Eben so wenig durfte man sie in ihre Heimath zurücksenden, wo sie Tyrconnel’s Armee verstärkt haben würden. Man beschloß daher, sie auf den Continent zu schicken, wo sie unter den Fahnen des Hauses Österreich der englischen Verfassung und der protestantischen Religion indirecte, aber wirksame Dienste leisten konnten. Dartmouth wurde seines Commando’s enthoben und die Seemacht durch das bestimmte Versprechen gewonnen, daß jeder Matrose so bald als möglich seinen rückständigen Sold erhalten solle. Die City von London nahm es auf sich, den Prinzen aus seiner finanziellen Verlegenheit zu reißen. Der Gemeinderath verpflichtete sich durch ein einstimmiges Votum, ihm zweimalhunderttausend Pfund zu verschaffen. Es wurde als ein großer Beweis von dem Reichthume und dem Gemeinsinne der londoner Kaufmannschaft betrachtet, daß binnen achtundvierzig Stunden die ganze Summe ohne ein andres Unterpfand als das Wort des Prinzen eingezahlt wurde. Wenige Wochen zuvor war Jakob nicht im Stande gewesen, eine viel kleinere Summe aufzubringen, obgleich er höhere Zinsen bot und werthvolles Eigenthum verpfänden wollte.48
Seine tolerante Politik. In sehr wenigen Tagen war die Unordnung, welche die Invasion, die Aufstände, die Flucht Jakob’s und das Aufhören aller regelmäßigen Verwaltung herbeigeführt hatten, zu Ende und das Königreich hatte wieder sein gewohntes Aussehen angenommen. Ein allgemeines Gefühl von Sicherheit war zurückgekehrt. Selbst diejenigen Stände, auf welche der öffentliche Haß vorzugsweise gerichtet war und die am meisten Ursache hatten, eine Verfolgung zu befürchten, wurden durch die weise Milde des Siegers beschützt. Leute, welche in die gesetzwidrigen Handlungen der vorigen Regierung tief verwickelt gewesen waren, gingen nicht nur unangefochten einher, sondern traten sogar als Candidaten für Sitze in der Convention auf. Mulgrave wurde im St. Jamespalaste nicht ungnädig empfangen. Feversham wurde seiner Haft entlassen und ihm gestattet, das einzige Amt zu verwalten, dem er gewachsen war: das eines Bankhalters am Bassettische der Königin Wittwe. Doch Niemand hatte so viel Ursache, Wilhelm dankbar zu sein, als die Katholiken. Es würde nicht rathsam gewesen sein, die strengen Verordnungen, welche die Peers gegen die Bekenner eines von der ganzen Nation verabscheuten Glaubens erlassen hatten, förmlich aufzuheben; durch die Klugheit und Menschlichkeit des Prinzen aber wurden diese Verordnungen praktisch nicht angewendet. Auf seinem Marsche von Torbay nach London hatte er Befehl gegeben, daß an den Personen oder Wohnungen von Papisten durchaus keine Gewaltthätigkeiten verübt werden sollten. Diesen Befehl erneuerte er jetzt und wies Burnet an, auf strengste Befolgung desselben zu sehen. Eine glücklichere Wahl hätte er nicht treffen können, denn Burnet war ein so edelmüthiger und gutherziger Mann, daß sein Herz stets in warmer Theilnahme für Unglückliche schlug, und sein Haß gegen das Papstthum bot zugleich auch den eifrigsten Protestanten hinreichende Gewähr dafür, daß die Interessen ihrer Religion in seinen Händen wohl aufgehoben waren. Er hörte die Klagen der Katholiken freundlich an, verschaffte Denen, die über das Meer gehen wollten, Pässe und besuchte selbst in Newgate die dort gefangensitzenden Prälaten. Er gab Befehl, daß sie in ein bequemeres Zimmer versetzt und ihnen jede mögliche Erleichterung verschafft werden sollte. Er gab ihnen die feierliche Versicherung, daß ihnen kein Haar gekrümmt werden und daß der Prinz, sobald er es wagen könnte, nach seinen Wünschen zu handeln, sie in Freiheit setzen würde. Der spanische Gesandte meldete seinem Hofe, und durch seinen Hof dem Papste, daß kein Katholik wegen der letzten englischen Revolution Gewissensscrupel zu hegen brauche, daß Jakob allein für die Gefahren, denen die Mitglieder der wahren Kirche ausgesetzt wären, verantwortlich sei und daß Wilhelm allein sie vor einer blutigen Verfolgung gerettet habe.49
Zufriedenheit der katholischen Mächte. In Folge dessen war die Befriedigung, mit der die Fürsten des Hauses Österreich und der Papst erfuhren, daß die langjährige Abhängigkeit Englands zu Ende sei, ziemlich ungetrübt. Als es in Madrid bekannt wurde, daß Wilhelm dem glücklichen Erfolge seines Unternehmens entgegenging, sprach nur eine einzige Stimme im spanischen Staatsrathe schüchtern sein Bedauern darüber aus, daß ein vom politischen Standpunkte betrachtet höchst erfreuliches Ereigniß den Interessen der wahren Kirche nachtheilig werden müsse.50 Aber die tolerante Politik des Prinzen zerstreute bald alle Besorgnisse und die bigotten Granden Castiliens betrachteten seine Erhebung fast mit eben so großer Befriedigung, als die englischen Whigs.
Stimmung in Frankreich. Mit ganz anderen Gefühlen war die Nachricht von der großen Revolution in Frankreich aufgenommen worden. Die Politik einer langen, ereignißreichen und ruhmvollen Regierung war in einem Tage über den Haufen geworfen worden. England war wieder das England der Elisabeth und Cromwell’s und alle Beziehungen zu sämmtlichen Staaten der Christenheit wurden durch die plötzliche Einführung dieser neuen Macht in das System völlig verändert. Die Pariser sprachen von nichts als von den Vorgängen in London. Nationale und religiöse Gefühle bewogen sie, für Jakob Partei zu nehmen. Sie kannten die englische Verfassung nicht, sie verabscheuten die englische Kirche und unsre Revolution erschien ihnen nicht als der Sieg der öffentlichen Freiheit über den Despotismus, sondern als eine grauenvolle Familientragödie, in der ein ehrwürdiger und frommer Servius durch einen Tarquin vom Throne gestürzt und unter den Wagenrädern einer Tullia zermalmt wurde. Sie schrien Zeter über die treulosen Heerführer, verwünschten die unnatürlichen Töchter und betrachteten Wilhelm mit einem heftigen Widerwillen, der jedoch durch die Achtung, welche Tapferkeit, Genie und Erfolg fast immer erwecken, gemildert wurde.51 Die Königin, dem Nachtwind und Regen ausgesetzt, den unmündigen Erben dreier Kronen an die Brust drückend und der von rohen Buben angehaltene, beraubte und gemißhandelte König waren in ganz Frankreich Gegenstände des Mitleids und der romanhaften Theilnahme. Ludwig aber betrachtete das Unglück des Hauses Stuart mit ganz besonders lebhaftem Mitgefühl. Alle egoistischen und alle edlen Seiten seines Characters wurden gleichmäßig erregt. Nach langen Jahren des Glücks traf ihn endlich ein großes Unglück. Er hatte auf die Unterstützung oder Neutralität Englands gerechnet; jetzt hatte er von diesem Lande nichts mehr als energische und beharrliche Feindseligkeit zu erwarten. Noch wenige Wochen zuvor hätte er nicht mit Unrecht hoffen können, Flandern zu unterjochen und Deutschland Gesetze zu geben. Jetzt konnte er froh sein, wenn er im Stande war, seine eigenen Grenzen gegen einen Staatenbund zu vertheidigen, wie ihn Europa seit vielen Menschenaltern nicht mehr gesehen hatte. Nichts konnte ihn aus dieser ganz neuen beunruhigenden Lage reißen, als eine Contrerevolution oder ein Bürgerkrieg auf den britischen Inseln. Ehrgeiz und Furcht bestimmten ihn daher, sich der gestürzten Dynastie anzunehmen. Man muß ihm jedoch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß auch edlere Motive als Ehrgeiz und Furcht ihn bei seinem Verfahren leiteten. Er besaß von Natur ein mitfühlendes Herz und der vorliegende Fall mußte nothwendig sein ganzes Mitgefühl erregen. Nur seine Stellung hatte die volle Entwickelung seiner guten Charactereigenschaften verhindert. Bei großer Ungleichheit der Standesverhältnisse wird selten ein starkes Mitgefühl aufkommen können, und er stand so hoch über der großen Masse seiner Nebenmenschen, daß ihre Drangsale nur geringe Theilnahme in ihm erweckten, ähnlich der, mit der wir die Leiden niederer Geschöpfe, eines verhungerten Vogels oder eines abgetriebenen Pferdes betrachten. So hatte die Verwüstung der Pfalz und die Verfolgung der Hugenotten kein theilnehmendes Gefühl in ihm erregt, das nicht durch Stolz und Bigotterie wirksam unterdrückt worden wäre. Aber die ganze Sympathie, deren er fähig war, wurde durch das Unglück eines großen Königs erweckt, der noch vor wenigen Wochen von knieenden Lords bedient worden und der jetzt ein verlassener Verbannter war. Mit dieser Rührung verband sich im Herzen Ludwig’s eine nicht unedle Eitelkeit. Er wollte der Welt ein Beispiel von Großmuth und Artigkeit geben. Er wollte der Menschheit zeigen, wie sich ein vollendeter Edelmann in der höchsten Stellung und bei der wichtigsten Veranlassung benehmen müsse, und sein Benehmen zeichnete sich in der That durch ritterliche Großmuth und Urbanität aus, wie sie die Geschichtsbücher Europa’s nicht wieder geziert hatten, seitdem der schwarze Prinz beim Souper auf dem Schlachtfelde von Poitiers hinter dem Stuhle König Johann’s gestanden.
Empfang der Königin von England in Frankreich. Sobald die Nachricht von der Landung der Königin von England an der französischen Küste nach Versailles kam, wurde ein Palast für sie in Bereitschaft gebracht. Equipagen und Garden wurden zu ihrer Verfügung abgesandt. Arbeiter wurden angestellt, um die Straße von Calais auszubessern, damit ihr die Reise möglichst erleichtert werde. Lauzun erhielt nicht nur die Zusicherung, daß ihm seine früheren Vergehen um ihretwillen vergeben sein sollten, sondern er wurde überdies mit einem eigenhändigen gnädigen Schreiben von Ludwig beehrt. Marie war schon auf dem Wege nach dem französischen Hofe, als sie die Nachricht erhielt, daß ihr Gemahl nach einer stürmischen Überfahrt glücklich bei dem kleinen Dorfe Ambleteuse gelandet war. Einige Personen von hohem Range wurden sogleich von Versailles abgesandt, um ihn zu begrüßen und zu begleiten. Unterdessen brach Ludwig selbst mit seiner Familie und seinem höchsten Adel auf, um die verbannte Königin mit Gepränge zu empfangen. Vor seiner prachtvollen Staatscarosse marschirten die schweizer Hellebardiere. Zu beiden Seiten und hinter derselben ritt die Leibgarde mit klingendem Spiel. Der glänzendste Adel von Europa folgte dem Könige mit hundert sechsspännigen Equipagen; Alles strotzte von Federn, Bändern, Juwelen und Stickereien. Der Zug war noch nicht weit gekommen, als die Annäherung Mariens gemeldet wurde. Ludwig stieg aus und ging ihr zu Fuß entgegen. Sie brach in leidenschaftliche Dankesversicherungen aus. „Madame,“ sagte der König, „es ist leider ein schmerzlicher Dienst, den ich Ihnen heute erzeige. Ich hoffe später im Stande zu sein, Ihnen größere und angenehmere Dienste zu erzeigen.“ Er küßte den kleinen Prinzen von Wales und ließ die Königin in seinem Staatswagen zur Rechten sitzen. Dann setzte sich der Zug nach Saint-Germains in Bewegung.
In Saint-Germains hatte Franz I. am Saume eines von Jagdwild reich bestandenen Forstes und auf dem Gipfel eines die Windungen der Seine beherrschenden Hügels ein Schloß erbaut und Heinrich IV. eine prächtige Terrasse angelegt. Keine von den Residenzen der Könige von Frankreich hatte eine gesundere Lage und eine herrlichere Aussicht. Die gewaltige Größe und das ehrwürdige Alter der Bäume, die Schönheit der Gärten und der Überfluß an Quellen waren weit berühmt. Ludwig XIV. war hier geboren, hatte hier als Jüngling sein Hoflager gehalten, hatte das Schloß Franz’ I. durch mehrere stattliche Pavillons erweitert und die Terrasse Heinrich’s vollendet. Bald aber bemächtigte sich des prachtliebenden Königs ein unerklärlicher Widerwille gegen seine Geburtsstätte. Er vertauschte Saint-Germains mit Versailles und verwendete ungeheure Summen auf das vergebliche Bemühen, einen ganz besonders unfruchtbaren und ungesunden Ort, dessen Boden nur aus Sand oder Lehm bestand und der weder Wald, noch Wasser, noch Wild hatte, in ein Paradies umzuschaffen. Saint-Germains war jetzt zum Wohnsitz für die königliche Familie Englands erwählt worden. Prachtvolle Mobilien waren in aller Eile dahin gesandt worden und die für den kleinen Prinzen von Wales bestimmten Gemächer waren mit Allem versehen, was ein Kind bedurfte. Einer von dem Gefolge überreichte der Königin den Schlüssel zu einer kostbaren Chatulle, die in ihrem Zimmer stand. Sie öffnete dieselbe und fand darin sechstausend Pistolen.
Ankunft Jakob’s in St.-Germains. Am folgenden Tage kam auch Jakob in St.-Germains an. Ludwig war schon dort, um ihn zu bewillkommnen. Der unglückliche Verbannte verbeugte sich so tief, als ob er die Knie seines Beschützers hatte umfassen wollen. Ludwig hob ihn auf und umarmte ihn mit brüderlicher Zärtlichkeit. Dann traten die beiden Könige ins Zimmer der Königin. „Hier ist ein Herr,“ sagte Ludwig zu ihr, „dessen Ankunft Sie gewiß erfreuen wird.“ Nachdem er hierauf seine Gäste eingeladen hatte, ihn am folgenden Tage in Versailles zu besuchen und ihm das Vergnügen zu verschaffen, ihnen seine Gebäude, seine Gemälde und seine Anlagen zu zeigen, verabschiedete er sich ohne alle Ceremonien, wie ein alter Freund.
Wenige Stunden darauf wurde dem königlichen Paare gemeldet, daß ihnen, so lange sie dem Könige von Frankreich die Ehre erzeigen würden, seine Gastfreundschaft anzunehmen, jährlich fünfundvierzigtausend Pfund Sterling aus seinem Staatsschatze ausgezahlt werden sollten. Zehntausend Pfund wurden zur ersten Einrichtung gesandt.
Viel rühmenswerther und bewundernswürdiger als Ludwig’s Freigebigkeit war jedoch die ausgezeichnete Delicatesse, mit der er sich bemühte, die Gefühle seiner Gäste zu beruhigen und ihnen die fast unerträgliche Last der Verbindlichkeiten, die er ihnen auflud, zu erleichtern. Er, der bisher in allen Fragen des Vorrangs empfindlich, streitsüchtig und anmaßend, der mehr als einmal bereit gewesen war, eher ganz Europa in Krieg zu verwickeln, als in dem geringfügigsten Punkte der Etikette nachzugeben, war jetzt übertrieben ängstlich, und zwar für seine Freunde gegen sich selbst. Er gab Befehl, daß Marien alle Ehrfurchtsbezeigungen zu Theil werden sollten, die seiner verstorbenen Gemahlin je erwiesen worden waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Prinzen des Hauses Bourbon berechtigt seien, sich in Anwesenheit der Königin niederzusetzen. Derartige Kleinigkeiten waren an dem alten französischen Hofe sehr wichtige Dinge. Es ließen sich auf beiden Seiten Precedenzfälle nachweisen; aber Ludwig entschied die Frage gegen sein eignes Blut. Einige vornehme Damen unterließen die Ceremonie, den Saum von Mariens Kleide zu küssen. Ludwig bemerkte die Unterlassung und rügte sie in einem Tone und mit einem Blicke, daß diese ganze Pairie von nun an bereit gewesen wäre, ihr den Fuß zu küssen. Als das so eben von Racine geschriebene Schauspiel „Esther“ in Saint-Cyr aufgeführt wurde, hatte Marie den Ehrenplatz. Jakob saß ihr zur Rechten, Ludwig nahm bescheiden zu ihrer Linken Platz. Ja er wünschte sogar, daß ein von seiner Freigebigkeit lebender Verbannter in seinem eigenen Palaste den Titel König von Frankreich führen, als König von Frankreich die Lilien mit dem englischen Löwen vereinigen und sich als König von Frankreich bei vorkommender Hoftrauer violett kleiden sollte.
Das Benehmen des französischen Adels bei feierlichen Anlässen wurde durchaus vom Souverain geregelt; aber es lag außer dem Bereiche seiner Macht, sie am freien Denken zu hindern und in Privatzirkeln ihre Gedanken mit dem ihrer Nation und ihrem Stande eigenen feinen und beißenden Witze auszudrücken. Ihre Meinung von Marien war eine günstige. Sie fanden ihre persönliche Erscheinung einnehmend und ihre Haltung würdevoll. Sie achteten ihren Muth und ihre Mutterliebe und beklagten ihr Mißgeschick. Jakob aber verachteten sie gründlich. Sein Stumpfsinn, die kalte Gleichgültigkeit, mit der er gegen Jedermann von seinem Sturze sprach, und das kindische Vergnügen, das er an dem Pomp und Luxus von Versailles fand, waren ihnen widerlich. Sie schrieben diese sonderbare Apathie nicht der Philosophie oder Religiosität, sondern einem beschränkten und niedrig denkenden Geiste zu und äußerten, daß Niemand der die Ehre gehabt habe, Seine Großbritannische Majestät seine Geschichte erzählen zu hören, sich darüber wundern könne, daß er in Saint-Germains und sein Schwiegersohn in Saint-James war.52
Stimmung in den Vereinigten Provinzen. In den Vereinigten Provinzen war die durch die Nachrichten aus England verursachte Aufregung noch größer als in Frankreich. Dies war der Zeitpunkt, wo der batavische Bund den Höhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes erreichte. Von dem Tage, an welchem die Expedition absegelte, war die ganze holländische Nation in ängstlicher Spannung. Nie waren die Kirchen so gefüllt, nie war die Begeisterung der Prediger so glühend gewesen. Man konnte es nicht verhindern, daß die Bewohner des Haag Albeville insultirten. Sein Haus war Tag und Nacht von so dichten Volkshaufen belagert, daß fast Niemand es wagte, ihn zu besuchen, und er fürchtete ernstlich, seine Kapelle würde in Brand gesteckt werden.53 Da jede Post Nachricht von dem immer weiteren Vorschreiten des Prinzen brachte, stieg der Muth seiner Landsleute mit jedem Augenblicke, und als es endlich bekannt wurde, daß er auf Ansuchen der Lords und einer Versammlung ausgezeichneter Gemeinen die ausübende Verwaltung übernommen hatte, brachen alle holländischen Parteien in einen einstimmigen Ruf des Stolzes und der Freude aus. Es wurde in aller Eil eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt, um ihn zu beglückwünschen. Dykvelt, dessen Beistand wegen seiner diplomatischen Geschicklichkeit und seiner gründlichen Kenntniß des englischen Staatswesens in diesem Augenblicke besonderen Werth hatte, war einer der Abgesandten, und ihm war Nikolaus Witsen, ein Bürgermeister von Amsterdam, beigegeben, welcher deshalb dazu auserwählt worden zu sein scheint, um ganz Europa zu beweisen, daß die lange Fehde zwischen dem Hause Oranien und der Hauptstadt Hollands zu Ende sei. Am 8. Januar erschienen Dykvelt und Witsen in Westminster. Wilhelm sprach mit einer Offenheit und Herzlichkeit zu ihnen, die man in seinen Unterredungen mit Engländern selten bemerkte. Seine ersten Worte waren: „Nun, was sagen jetzt unsere Freunde in der Heimath?“ In der That, der einzige Beifall, der auf sein stoisches Gemüth einen tiefen Eindruck machte, war der Beifall seines geliebten Vaterlandes. Von seiner großen Popularität in England sprach er mit kalter Geringschätzung und prophezeite nur zu wahr die wirklich eintretende Reaction. „Hier,“ sagte er, „ruft jetzt Alles Hosianna, und morgen wird man vielleicht rufen: Kreuziget ihn!“54
Wahl der Mitglieder zur Convention. Am folgenden Tage wurden die ersten Mitglieder der Convention gewählt. Die City von London machte den Anfang und wählte ohne allen Widerstreit vier große Kaufleute, welche eifrige Whigs waren. Der König und seine Anhänger hatten gehofft, daß viele Wahlbeamten das Schreiben des Prinzen als ungültig betrachten würden, aber seine Hoffnung wurde getäuscht. Die Wahlen gingen rasch und ohne Hindernisse von Statten. Kaum an einem einzigen Orte gab es Widerspruch. Denn die Nation war seit länger als einem Jahre in beständiger Erwartung eines Parlaments gehalten worden. Es waren zweimal Wahlschreiben erlassen und zweimal waren sie widerrufen worden. Einige Wahlkörper waren in Folge dieser Ausschreiben schon zu der Wahl von Abgeordneten geschritten. Es gab kaum eine Grafschaft, in der die Gentry und die Freisassenschaft nicht schon vor vielen Monaten über Candidaten einig gewesen wäre, lauter gute Protestanten, welche trotz König und Lordlieutenant durchzubringen man keine Anstrengung gespart haben würde, und diese Candidaten wurden ohne Opposition gewählt.
Der Prinz erließ strenge Befehle, daß kein Staatsdiener bei dieser Gelegenheit jene Kunstgriffe anwenden solle, welche der vorigen Regierung so viele Vorwürfe zugezogen hatten. Namentlich verfügte er, daß in keiner Stadt, wo eine Wahl vor sich ging, Soldaten erscheinen dürften.55 Seine Bewunderer konnten rühmend behaupten und seine Feinde scheinen nicht im Stande gewesen zu sein es zu leugnen, daß die Gesinnung der Wahlkörper einen unverfälschten Ausdruck erhielt. Allerdings wagte er auch nicht viel. Die ihm anhängende Partei war siegreich, voll Begeisterung und energischer Lebenskraft, und die Partei, von der allein er ernsten Widerstand zu fürchten gehabt hätte, war uneinig und muthlos mit sich selbst und noch mehr mit ihrem natürlichen Oberhaupte unzufrieden. Daher wählte ein großer Theil der Grafschaften und Boroughs whiggistische Abgeordnete.
Die Angelegenheiten Schottlands. Wilhelm’s Regentenautorität erstreckte sich nicht auf England allein. Auch Schottland hatte sich gegen seine Tyrannen erhoben. Alle regulären Soldaten, durch die es so lange niedergehalten worden, waren mit Ausnahme einer sehr kleinen Truppe, welche unter dem Commando des Herzogs von Gordon, eines angesehenen katholischen Lords, die Besatzung des Schlosses von Edinburg bildete, von Jakob zum Beistande gegen das holländische Invasionsheer aufgeboten worden. Jede während des ereignißvollen Monats November nach dem Norden gegangene Post hatte Nachrichten gebracht, welche die Leidenschaften der bedrückten Schotten aufstachelten. So lange der Ausgang der militairischen Operationen noch zweifelhaft war, gab es in Edinburg Tumulte und Demonstrationen, welche drohender wurden, nachdem Jakob sich von Salisbury zurückgezogen hatte. Große Volksmassen versammelten sich anfangs bei Nacht, dann selbst am hellen Tage. Päpste wurden öffentlich verbrannt, man rief laut nach einem freien Parlamente, und Plakate wurden angeschlagen, welche auf die Köpfe der Staatsminister Preise setzten. Der am meisten verhaßte unter diesen Ministern war Perth, der den hohen Posten des Staatskanzlers bekleidete, in der königlichen Gunst sehr hoch stand, vom reformirten Glauben abgefallen war und in dem Gerichtsverfahren seines Vaterlandes zuerst die Daumenschraube eingeführt hatte. Er war ein Mann ohne Energie und von niedriger Denkweise; der einzige Muth, den er besaß, war der entehrende Muth, welcher der Schande trotzt und die Qualen Anderer gleichgültig mit ansieht. Sein Posten war zu solchen Zeiten an der Spitze des Staatsrathes; aber er hatte nicht das Herz dazu und beschloß daher, sich der Gefahr, die nach den Blicken und Äußerungen des wilden und unerschrockenen Pöbels von Edinburg nicht fern war, dadurch zu entziehen, daß er sich auf seinen Landsitz flüchtete. Eine starke Wache begleitete ihn nach Schloß Drummond; kaum aber war er abgereist, so erhob sich die Stadt. Eine kleine Anzahl Truppen versuchten es, den Aufstand zu unterdrücken, aber sie wurden überwältigt. Der Palast Holyrood, der in ein katholisches Seminar und in eine Staatsdruckerei verwandelt worden war, wurde erstürmt und demolirt. Ungeheure Haufen von papistischen Büchern, Rosenkränzen, Kruzifixen und Bildern wurden in High Street verbrannt. Mitten in der Aufregung kam die Nachricht von der Flucht des Königs. Die Mitglieder der Regierung gaben jeden Gedanken an eine Bekämpfung der Volkswuth auf und wechselten mit einer bei den schottischen Staatsmännern damals sehr gewöhnlichen Schnelligkeit die Farbe. Der Geheime Rath erließ eine Verordnung des Inhalts, daß alle Papisten entwaffnet werden sollten, und durch eine andre Proklamation forderte er die Protestanten auf, sich zur Vertheidigung des reinen Glaubens zusammenzuschaaren. Die Nation hatte nicht erst auf diesen Aufruf gewartet; Stadt und Land standen schon für den Prinzen von Oranien unter den Waffen. Nithisdale und Clydesdale waren die einzigen Bezirke, in denen eine schwache Aussicht war, daß die Katholiken sich widersetzen würden; aber beide Bezirke waren bald von Schaaren bewaffneter Presbyterianer besetzt. Unter den Insurgenten befanden sich einige heftige und finstre Männer, welche früher Argyle verleugnet hatten und die jetzt eben so wenig von Wilhelm etwas wissen wollten. Seine Hoheit, sagten sie, habe offenbar Böses im Sinne. Er habe in seiner Erklärung kein Wort von dem Covenant erwähnt. Die Holländer wären ein Volk, mit dem kein wahrer Diener des Herrn gemeinschaftliche Sache machen würde. Sie hielten es mit den Lutheranern und ein Lutheraner sei eben so gut ein Kind der Verdammniß wie ein Jesuit. Die allgemeine Stimme des Königreichs erstickte jedoch wirksam das Murren dieser haßschnaubenden Faction.56