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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11)

Geschichte von England (continued 2)

Reading edition

Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland’s Unterstützung mündlich durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth des Sturmes sich gelegt haben würde.53

Wilhelm’s Befürchtungen. Der Beistand Sunderland’s war höchst willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte Zeitpunkt heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm’s ängstliche Besorgniß zu. Vor gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter der eiskalten Ruhe seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein ganzes Herz. Die Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der König von Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, das Haupt erhob, so war Alles vorbei. „Meine Angst und meine Besorgniß,“ schrieb der Prinz, „sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue. Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der göttlichen Leitung.“54 Bentinck’s Gemahlin war um diese Zeit gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. „Gott halte Sie aufrecht,“ schrieb Wilhelm, „und gebe Ihnen die Kraft, Ihren Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.“55

Jakob wird gewarnt. Es war in der That unmöglich, daß ein so umfassender Plan, wie der gegen den König von England entworfene war, viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht konnte es verhindern, daß scharfblickende Leute Wilhelm’s großartige Kriegsrüstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser Rüstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu, daß ein großes Ereigniß im Anzuge sei. Der schwache und bestochene Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war überzeugt oder stellte sich wenigstens so, daß die holländische Regierung keine feindlichen Absichten gegen England hege. Aber während Albeville’s Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschäfte eines französischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausführliche Nachrichten. Avaux war fest überzeugt, daß eine Landung in England beabsichtigt wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte ernste Warnungen mit.56 Jakob aber war in einer Täuschung befangen, in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde. Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie wagen, eine überseeische Expedition zu unternehmen und Holland von Vertheidigungsmitteln zu entblößen. Die Generalstaaten würden sich in Erinnerung dessen, was sie während des furchtbaren Kampfes von 1672 gelitten und zu fürchten gehabt hätten, gewiß nicht der Gefahr aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings große Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion liege noch eine große Kluft. Männer von Rang und Vermögen seien nicht so leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf’s Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs hätten zu der Zeit, als Monmouth in den Niederlanden war, eine übermüthige Sprache geführt! Und welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein Banner aufgepflanzt? Es sei leicht erklärlich, warum Ludwig sich stellte, als ob er diesen leeren Gerüchten Glauben schenke. Er hoffte ohne Zweifel, den König von England durch Ängstigung zu bestimmen, daß er in dem kölner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche Argumente ließ Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.57 Ludwig’s Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton seiner Briefe wurde immer schärfer und heftiger.58 Er sagte, er könne diese Gleichgültigkeit am Vorabende einer großen Krisis nicht begreifen. Sei denn der König behext? Seien seine Minister blind? Sei es möglich, daß Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent vorging? Eine so thörichte Sicherheit könne doch kaum die Wirkung bloßer Unvorsichtigkeit sein, dahinter müsse absichtliche Täuschung stecken, Jakob müsse offenbar in treulosen Händen sein. Barillon wurde dringend ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstören konnten.

Ludwig’s Bemühungen, um Jakob zu retten. Ludwig regte sich nachdrücklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit überlegen war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwöhnischem Blicke betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Unterstützung durch Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den Generalstaaten zu erklären, daß Frankreich den König Jakob unter seinen Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach der holländischen Grenze bereit gehalten. Dieser kühne Versuch, den verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen Einverständniß mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England’s am Hofe von Versailles war.

Avaux verlangte seinen Instructionen gemäß eine Audienz bei den Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung war ungewöhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, daß er eine Eröffnung in Bezug auf den Handel machen werde, und der Präsident hatte sich mit einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, äußerten sich unverkennbare Zeichen von Mißbehagen. Diejenigen, von denen man glaubte, daß sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankündigte, daß sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit Seiner Großbritannischen Majestät verbunden sei und daß jeder Angriff auf England als eine Kriegserklärung gegen Frankreich betrachtet werden würde. Der völlig unvorbereitete Präsident stammelte einige ausweichende Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den Staaten angekündigt worden, daß Ludwig den Cardinal Fürstenberg und das kölner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.59

Die Deputirten waren in der größten Bestürzung. Einige empfahlen Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach mit Heftigkeit von der französischen Anmaßung und bat seine Collegen dringend, sich durch Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er sagte, die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstärkung des Heeres und die Ausrüstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige Besprechung mit dem Kurfürsten von Brandenburg hatte.

Jakob vereitelt dieselben. Doch man brauchte nicht ängstlich zu sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu stürzen und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als daß er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich befleißigte, allen seinen billigen Wünschen entgegenzukommen, als auswärtige Königreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können, erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von Wilhelm’s Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig’s Absichten seien mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge. „Mein guter Bruder,“ sagte Jakob, „hat vortreffliche Eigenschaften; aber Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrückt.“60 Adda, dem an Cöln mehr gelegen war, als an England, nährte diese sonderbare Täuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurückgekehrt war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht übel ausgenommen haben würden. „Mein Gebieter,“ sagte er, „steht durch seine Macht und seinen Muth hoch über der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es ist ein kleiner Unterschied zwischen einem König von England und einem Erzbischof von Cöln.“ Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl aufgenommen. Die von ihm offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar nicht geradezu abgelehnt, aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie des Hauses Österreich wurden benachrichtigt, daß seine Sendung dem Könige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate geführt habe. Nach der Revolution rühmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Unterstützung Frankreichs zurückzuweisen.61

Die unvernünftige Thorheit Jakob’s erregte natürlich den Unwillen seines mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische Regierung ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten können, angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er bemerkte ganz richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen Frankreich und Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach, doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen lernen.62

Trotz Jakob’s Verblendung und Undankbarkeit würde Ludwig aber doch klug gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekündigten Entschlusse beharrt hätte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und seines richtigen Urtheils ein Wilhelm’s würdiger Gegner war, erkannte das vollkommen. Das Bestreben der französischen Regierung — so dachte der kluge Gesandte — müsse vor Allem dahin gehen, die beabsichtigte Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, müsse man in die spanischen Niederlande einrücken und die batavischen Grenzen bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings für seinen Lieblingsplan so sehr eingenommen, daß er denselben ausführen werde, selbst wenn die weiße Fahne schon auf den Wällen von Brüssel wehte, denn er hatte wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum nächsten Frühjahr halten könnten, so würde er dann mit einer Streitmacht von England zurückkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der Generalstaaten. Diese würden es gewiß nicht so leicht zugeben, daß ihr Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee über die Nordsee fahre, während ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.63

Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein. Ludwig gab die Haltbarkeit dieser Gründe zu, aber er hatte sich schon zu einem andren Verfahren entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhöflichkeit und Verkehrtheit der englischen Regierung gereizt und er ließ sich zu seinem Nachtheile von seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er auch durch die Rathschläge seines Kriegsministers Louvois irregeführt, der großen Einfluß hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge betrachtete. Kurz, es wurde beschlossen, auf einer von Holland entfernten Seite einen großen und unerwarteten Schlag zu führen. Ludwig zog plötzlich seine Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland. Ein Armeecorps unter dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit aber geleitet vom Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der Befestigungskunst, belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen des Marquis von Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter dem Marquis von Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von Karlsruhe bis Cöln waren die französischen Waffen siegreich. Die Nachricht von der Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in Versailles ein, während der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst hörte. Der König winkte dem Prediger inne zu halten, kündigte der Versammlung die frohe Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott für diesen großen Sieg zu danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.64 Die Nachricht wurde von dem sanguinischen und leicht entzündlichen französischen Volke mit Jubel begrüßt. Dichter besangen die Triumphe ihres freigebigen Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die Weisheit und Großmuth des ältesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde mit ungewohntem Pomp gesungen und die feierlichen Töne der Orgel vermischten sich mit dem Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der Trompeten. Es war indessen wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der große Staatsmann, der an der Spitze der europäischen Coalition stand, lächelte im Stillen über die nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig hatte zwar durch sein rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland errungen, aber diese Vortheile konnten ihm nur wenig nützen, wenn England, nachdem es unter vier aufeinanderfolgenden Königen unthätig und ruhmlos gewesen, plötzlich wieder seinen früheren Rang in Europa einnahm. Wenige Wochen genügten zur Ausführung des Unternehmens, von dem das Schicksal der ganzen Welt abhing, und für einige Wochen waren die Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit.

Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für seine Expedition. Wilhelm betrieb nun seine Rüstungen mit unermüdlicher Thätigkeit und nicht mehr so heimlich, als er es bisher für nöthig gehalten hatte. Täglich gingen Unterstützungszusagen von auswärtigen Höfen ein. Im Haag war die Opposition zum Schweigen gebracht. Umsonst bot Avaux noch in diesem letzten Augenblicke seine ganze Gewandtheit auf, um die Partei, welche gegen drei Generationen des Hauses Oranien gekämpft hatte, zu ermuthigen. Die Häupter dieser Partei sahen zwar den Statthalter noch immer nicht mit günstigem Auge an, denn sie hatten Grund zu der Besorgniß, daß er, wenn sein Unternehmen gegen England gelang, er auch unumschränkter Beherrscher von Holland werden möchte. Aber die Fehler des Hofes von Versailles und die Geschicklichkeit, mit der er dieselben benutzt hatte, machten es unmöglich, ferner noch gegen ihn zu kämpfen. Er sah ein, daß es jetzt Zeit war, um die Genehmigung der Generalstaaten nachzusuchen. Amsterdam war das Hauptquartier der seinem Hause, seinem Amte und seiner Person feindlich gesinnten Partei, und selbst von Amsterdam hatte er diesen Augenblick nichts zu befürchten. Mit mehreren der vornehmsten Beamten dieser Stadt hatte er schon zu wiederholten Malen in Anwesenheit Dykvelt’s und Bentinck’s geheime Unterredungen gehabt und hatte sie zu dem Versprechen bewogen, daß sie das große Unternehmen fördern, oder sich demselben wenigstens nicht widersetzen wollten. Andere waren über Ludwig’s Handelsverordnungen erbittert, noch Andere waren besorgt um ihre von den französischen Dragonern tyrannisirten Verwandten und Freunde; wieder Andere fürchteten die Verantwortlichkeit, eine Spaltung herbeizuführen, welche dem batavischen Bunde verderblich werden konnte, und Einige endlich fürchteten das gemeine Volk, welches, durch die Ermahnungen eifriger Prediger aufgestachelt, bereit war, an jedem Verräther des Protestantismus eine summarische Justiz auszuüben. Daher erklärte sich die Majorität dieses Stadtraths, der so lange Zeit Frankreich ergeben gewesen war, zu Gunsten der Unternehmung Wilhelm’s. Von diesem Augenblicke an war jede Besorgniß wegen einer Opposition in irgend einem Theile der Vereinigten Provinzen gehoben und die Föderation ertheilte ihm in geheimer Sitzung die volle Genehmigung zu seiner Expedition.65

Der Prinz hatte sich bereits für einen zum Unterbefehlshaber trefflich geeigneten General entschieden. Dies war in der That kein unwichtiger Gegenstand. Ein zufälliger Schuß oder der Dolch eines Meuchelmörders konnte in einem Augenblicke die Expedition ihres Anführers berauben, und für diesen Fall mußte im Voraus ein Nachfolger bestimmt werden, der die Lücke sofort ausfüllte. Einen Engländer konnte man jedoch dazu nicht wählen, ohne entweder den Whigs oder den Tories zu nahe zu treten; auch hatte noch kein damals lebender Engländer bewiesen, daß er das zur Leitung eines Feldzugs nöthige militairische Geschick besaß. Auf der andren Seite war es nicht leicht, einem Ausländer den Vorzug zu geben, ohne das Nationalgefühl der stolzen Insulaner zu verwunden. Einen Mann gab es in Europa, aber auch nur diesen einen, gegen den sich nichts einwenden ließ; Friedrich, Graf von Schomberg, ein Deutscher aus einem edlen Hause der Pfalz. Er galt allgemein für den größten damals lebenden Meister der Kriegskunst. Seine oftmals durch starke Versuchungen geprüfte, aber nie erschütterte Rechtschaffenheit und Frömmigkeit hatten ihm allgemeine Achtung und Vertrauen erworben. Obgleich Protestant, hatte er mehrere Jahre im Dienste Ludwig’s gestanden und durch eine Reihe glänzender Waffenthaten seinem Gebieter trotz aller Ränke der Jesuiten den französischen Marschallsstab abgenöthigt. Als die Verfolgung zu wüthen begann, weigerte sich der tapfere Veteran standhaft, die königliche Gunst durch Abtrünnigkeit zu erkaufen, legte ohne Murren alle seine Ehrenstellen und Commando’s nieder, verließ sein zweites Vaterland für immer und zog sich an den berliner Hof zurück. Er war bereits über siebzig Jahre alt, aber geistig und körperlich noch sehr rüstig. Er war in England gewesen und dort außerordentlich geliebt und geehrt worden. Allerdings hatte er eine Empfehlung, der sich damals wenige Ausländer rühmen konnten: er sprach unsre Sprache, und zwar nicht nur verständlich, sondern elegant und rein. Er wurde mit Bewilligung des Kurfürsten von Brandenburg und zur aufrichtigen Freude der Oberhäupter aller englischen Parteien zu Wilhelm’s Stellvertreter ernannt.66

Britische Abenteurer im Haag. Inzwischen wimmelte es im Haag von Abenteurern aller der verschiedenen Factionen, welche Jakob’s Tyrannei zu einer sonderbaren Coalition verbunden hatte: alte Royalisten, die ihr Blut für den Thron vergossen hatten, alte Agitatoren von der Parlamentsarmee, Tories, welche in den Tagen der Ausschließungsbill verfolgt worden waren, und Whigs, die wegen ihrer Theilnahme am Ryehousecomplot sich auf den Continent geflüchtet hatten.

Unter dieser großen Menge zeichnete sich Karl Gerard, Earl von Macclesfield aus, ein alter Kavalier, der für Karl I. gekämpft und Karl’s II. Exil getheilt hatte; ferner Archibald Campbell, der älteste Sohn des unglücklichen Argyle, der aber von seinem Vater nichts geerbt hatte als einen erlauchten Namen und die unwandelbare Liebe eines zahlreichen Clan; Karl Paulet, Earl von Wiltshire, unzweifelhafter Erbe des Marquisats von Winchester, und Peregrine Osborne, Lord Dumblane, unzweifelhafter Erbe des Earlthums Danby. Mordaunt, der vor Begierde nach Abenteuern brannte, die für sein feuriges Temperament einen unwiderstehlichen Reiz hatten, war einer der Ersten unter den Freiwilligen. Fletcher von Saltoun hatte, während er die Grenzen der Christenheit gegen die Ungläubigen beschützte, erfahren, daß sein Vaterland wieder einmal Hoffnung auf Befreiung hatte, und er hatte sich beeilt, sein Schwert anzubieten. Sir Patrick Hume, der seit seiner Flucht aus Schottland sehr bescheiden und eingezogen lebte, trat jetzt wieder aus seinem Dunkel hervor; zum Glück aber konnte seine Redseligkeit diesmal wenig Schaden anrichten, denn der Prinz von Oranien war durchaus nicht geneigt, der abhängige General einer debattirenden Gesellschaft zu sein wie die, welche Argyle’s Unternehmen zum Verderben gereicht hatte. Der verschmitzte und ruhelose Wildman, der vor kurzem die Überzeugung gewonnen, daß England ein unsicherer Aufenthalt für ihn war und der sich deshalb nach Deutschland begeben hatte, erschien ebenfalls an Wilhelm’s Hofe. Eben so auch Carstairs, ein presbyterianischer Priester aus Schottland, der an Schlauheit und Muth keinem Politiker seiner Zeit nachstand. Fagel hatte ihm einige Jahre vorher wichtige Geheimnisse anvertraut und er hatte sie trotz der fürchterlichsten Qualen, die ihm der spanische Stiefel und die Daumschraube bereitet, treu bewahrt. Seine seltene Standhaftigkeit hatte ihm das Vertrauen und die Achtung des Prinzen in eben so hohem Grade erworben, als irgend ein Andrer, außer Bentinck, sich derselben erfreute.67 Ferguson konnte nicht ruhig bleiben, wenn eine Revolution im Werke war. Er sicherte sich einen Platz zur Überfahrt auf der Flotte und entfaltete eine große Thätigkeit unter seinen Mitemigranten; aber er fand überall Mißtrauen und Verachtung. Unter der Schaar von unwissenden und heißblütigen Verbannten, welche den schwachen Monmouth ins Verderben geführt, war er ein großer Mann gewesen; unter den ernsten Staatsmännern und Generälen aber, welche die Sorgen des entschlossenen und umsichtigen Wilhelm theilten, war kein Platz für einen niedrigdenkenden, halb wahnsinnigen und halb schurkischen Agitator.

Wilhelm’s Erklärung. Der Unterschied zwischen der Expedition von 1685 und der von 1688 zeigte sich schon deutlich genug in der Verschiedenheit der Manifeste, welche die Führer der beiden Unternehmungen erließen. Für Monmouth hatte Ferguson ein abgeschmacktes und gemeines Libell über den Brand von London, die Ermordung Godfrey’s und Essex’ und die Vergiftung Karl’s geschmiert. Wilhelm’s Erklärung war von dem Großpensionär Fagel verfaßt, der als ausgezeichneter Publicist bekannt war. Obgleich gehaltvoll und wohldurchdacht, war sie doch in ihrer ursprünglichen Form zu weitschweifig; aber sie wurde von Burnet, der populär zu schreiben verstand, abgekürzt und ins Englische übersetzt. Sie begann mit einer feierlichen Einleitung, in welcher gesagt war, daß in jedem Staate die strenge Beobachtung des Gesetzes für das Wohl der Nationen wie für die Sicherheit der Regierung gleich nothwendig sei. Der Prinz von Oranien habe daher mit tiefer Betrübniß gesehen, daß die Grundgesetze eines Reiches, mit dem er durch Bande des Bluts und durch Verheirathung so eng verbunden sei, durch den Rath schlimmer Rathgeber gröblich und systematisch verletzt worden seien. Das Recht von Parlamentsacten zu dispensiren, sei bis zu einem solchen Punkte ausgedehnt worden, daß die ganze legislative Gewalt auf die Krone übertragen worden sei. Von den Gerichten habe man dem Geiste der Verfassung widerstreitende Erkenntnisse erlangt, indem man einen Richter nach dem andren abgesetzt, bis die Bank nur aus Männern bestanden habe, welche bereit gewesen seien, den Befehlen der Regierung blindlings zu gehorchen. Trotz der wiederholten Versicherungen des Königs, daß er die Staatsreligion aufrechterhalten werde, seien anerkannten Feinden dieser Religion nicht nur bürgerliche Ämter, sondern auch geistliche Pfründen verliehen worden. Trotz ausdrücklicher Gesetze sei das Kirchenregiment einem Collegium übertragen worden, das eine neue Hohe Commission sei und in diesem Collegium sitze ein erklärter Papist. Gute Unterthanen seien deshalb, weil sie sich weigerten, ihre Pflicht und ihre Eide zu verletzen, der Magna Charta der englischen Freiheiten zum Hohn aus ihrem Eigenthum vertrieben worden. Dagegen seien Leute, welche dem Gesetze nach die Insel gar nicht betreten dürften, zur Verderbniß der Jugend an die Spitze von Seminarien gestellt worden. Grafschaftsstatthalter, stellvertretende Statthalter und Friedensrichter seien massenhaft abgesetzt worden, weil sie sich geweigert hätten eine verderbliche und verfassungswidrige Politik zu unterstützen. Die Freiheiten fast jedes Boroughs im Lande seien verletzt worden. Die Gerichtshöfe seien in einem Zustande, daß ihre Erkenntnisse selbst in Civilklagen kein Vertrauen mehr einflößten und daß ihre Servilität in Criminalsachen das Königthum mit unschuldigem Blute befleckt habe. Alle diese Mißbräuche, deren das englische Volk müde sei, sollten nun, wie es scheine, durch ein Heer irischer Papisten vertheidigt werden. Und dies sei noch nicht Alles. Die willkürlichsten Fürsten hätten es einem Unterthanen nie als ein Verbrechen angerechnet, wenn er bescheiden und friedlich seine Beschwerden angebracht und um Abhülfe gebeten habe. Aber das Petitioniren werde jetzt in England als ein schweres Vergehen betrachtet. Die Väter der Kirche seien wegen keines andren Verbrechens, als weil sie dem Landesherrn eine in den ehrerbietigsten Ausdrücken abgefaßte Petition überreicht, ins Gefängniß geworfen und ihnen der Prozeß gemacht worden, und jeden Richter, der sich zu ihren Gunsten ausgesprochen, habe man ohne weiteres abgesetzt. Die Einberufung eines freien und gesetzlichen Parlaments könne allerdings diesen Übeln wirksam abhelfen, aber die Nation dürfe nicht hoffen ein solches Parlament zu erhalten, wenn nicht der ganze Geist der Verwaltung ein andrer werde. Es sei offenbar die Absicht des Hofes durch neu organisirte Wahlkörper und papistische Wahlbeamte eine Versammlung zusammenzubringen, welche nur dem Namen nach ein Haus der Gemeinen sein werde. Endlich erregten gewisse Umstände den dringenden Verdacht, daß das Kind, welches den Namen eines Prinzen von Wales erhalten habe, nicht wirklich von der Königin geboren sei. Aus diesen Gründen habe der Prinz, eingedenk seiner nahen Verwandtschaft mit dem königlichen Hause und dankbar für die Zuneigung, die das englische Volk seiner geliebten Gemahlin und ihm selbst stets bewiesen habe, sich entschlossen, der Aufforderung vieler geistlichen und weltlichen Lords und vieler anderer Personen aus allen Ständen Folge zu leisten und an der Spitze einer zur Begegnung gewaltsamen Widerstandes hinreichenden Streitmacht nach England hinüberzugehen. Jeden Gedanken an Eroberung wies er entschieden zurück. Er erklärte, daß seine Truppen während ihres Aufenthalts auf der Insel unter strengster Kriegszucht gehalten und daß sie sobald die Nation von der Tyrannei befreit sei, wieder zurückgeschickt werden sollten. Sein einziger Zweck sei die Versammlung eines freien und gesetzlichen Parlaments, und er verpflichtete sich feierlich, alle öffentlichen und privaten Fragen der Entscheidung eines solchen Parlaments zu überlassen.

Sobald Exemplare von dieser Erklärung im Haag ausgegeben waren, begannen auch schon Zeichen von Meinungsverschiedenheit sichtbar zu werden. Der im Unheilstiften unermüdliche Wildman bewog einige seiner Landsleute, unter Anderen den starrsinnigen und leichtfertigen Mordaunt, zu der Erklärung, daß sie auf solche Gründe hin die Waffen nicht ergreifen würden. Das Manifest sei nur darauf berechnet, den Kavalieren und den Geistlichen zu gefallen. Die Gewaltthätigkeiten gegen die Kirche und der Prozeß der Bischöfe seien zu sehr in den Vordergrund gestellt und es sei gar nichts von der Tyrannei gesagt, mit der die Tories vor ihrem Bruche mit dem Hofe die Whigs behandelt hätten. Wildman legte hierauf einen von ihm selbst verfaßten Gegenentwurf vor, der, wenn er angenommen worden wäre, der ganzen anglikanischen Geistlichkeit und vier Fünftheilen des grundbesitzenden Adels mißfallen haben würde. Die Whighäupter opponirten ihm energisch. Russell insbesondere erklärte, daß, wenn ein so verkehrter Weg eingeschlagen würde, es mit der Coalition, von welcher allein die Nation Befreiung erwarten könne, vorbei sei. Der Streit wurde endlich durch einen Machtspruch Wilhelm’s geschlichtet, der mit gewohntem richtigen Takt entschied, daß das Manifest im Wesentlichen so wie Fagel und Burnet es entworfen hatten, beibehalten werden solle.68

Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen. Während dies in Holland geschah, hatte Jakob endlich die ihm drohende Gefahr erkannt. Von verschiedenen Seiten kamen Nachrichten, die man nicht unbeachtet lassen konnte, bis endlich eine Depesche von Albeville jedem Zweifel ein Ende machte. Als der König sie gelesen hatte, sollen seine Wangen sich entfärbt haben und er soll eine Weile sprachlos geblieben sein.69 Er hatte in der That auch Ursache zu erschrecken. Der erste Ostwind sollte eine feindliche Flotte an die Küsten seines Reiches bringen. Ganz Europa, mit Ausnahme einer einzigen Macht, erwartete ungeduldig die Nachricht von seinem Sturze, und den Beistand dieser einzigen Macht hatte er thörichterweise abgelehnt. Ja, er hatte sogar die freundschaftliche Intervention, die ihn hätte retten können, mit Beleidigungen vergolten. Die französischen Armeen, welche zur Einschüchterung der Generalstaaten hätten verwendet werden können, wenn er nicht so verblendet gewesen wäre, belagerten Philippsburg und hielten Mainz besetzt. In wenigen Tagen mußte er vielleicht auf englischem Boden für seine Krone und für das Geburtsrecht seines Sohnes kämpfen.

Seine Seemacht. Anscheinend standen ihm allerdings große Mittel zu Gebote. Die Flotte war in einem viel besseren Zustande als zur Zeit seiner Thronbesteigung, und diese Verbesserung muß zum Theil seinen eigenen Anstrengungen zugeschrieben werden. Er hatte keinen Lordgroßadmiral oder Admiralitätsrath ernannt, sondern die Hauptleitung der Marineangelegenheiten in seiner eignen Hand behalten und Pepys hatte ihn dabei kräftig unterstützt. Ein Sprichwort sagt, daß der Blick eines Meisters sicherer ist, als der eines Stellvertreters, und in einer Zeit der Bestechung und der Unterschleife kann man annehmen, daß ein Verwaltungszweig, dem der Souverain selbst, sei er auch von noch so beschränkten Gaben, genaue persönliche Aufmerksamkeit zuwendet, von Mißbräuchen verhältnißmäßig ziemlich frei bleiben wird. Ein geschickterer Marineminister als Jakob würde nicht schwer zu finden gewesen sein; schwerlich aber würde man unter den damaligen Staatsmännern einen Marineminister gefunden haben, der nicht Vorräthe nutzlos vergeudet, von Lieferanten Bestechungen angenommen und der Krone Kosten für Reparaturen aufgebürdet haben würde, welche nie gemacht worden waren. Der König war in der That fast der Einzige, von dem man überzeugt sein konnte, daß er den König nicht bestehlen würde. Daher waren denn auch während der letzten drei Jahre auf den Schiffswerften viel weniger Veruntreuungen und Diebereien vorgekommen als früher. Es waren wirklich seetüchtige Schiffe gebaut worden und durch eine zweckmäßige Verordnung waren die Gehalte der Kapitaine erhöht, zu gleicher Zeit aber auch ihnen streng verboten worden, ohne besondere königliche Erlaubniß Waaren von einem Hafen zum andren zu führen. Die Wirkung dieser Reformen machte sich schon bemerkbar, und es wurde Jakob nicht schwer, in kurzer Zeit eine ansehnliche Flotte auszurüsten. Dreißig Linienschiffe dritten und vierten Ranges wurden unter dem Commando Lord Dartmouth’s in der Themse versammelt. Dartmouth’s Loyalität war über jeden Zweifel erhaben, und er galt für eben so geschickt und kenntnißreich in seinem Fache als irgend einer der patrizischen Seeleute, die sich damals ohne ordentliche seemännische Erziehung und Ausbildung zu den höchsten Schiffscommando’s emporschwangen und welche zu gleicher Zeit Flaggenoffiziere zur See und Infanterieobersten im Landheere waren.70

Seine militairischen Mittel. Die reguläre Armee war die stärkste, die je ein König von England zu seiner Verfügung gehabt hatte, und sie wurde rasch noch verstärkt. Alle vorhandenen Regimenter wurden um neue Compagnien vermehrt und neue Regimenter ausgehoben. Die Stärke des englischen Heeres wurde dadurch um viertausend Mann erhöht; dreitausend Mann wurden eiligst aus Irland gesendet und eine gleiche Anzahl erhielt Befehl, aus Schottland nach dem Süden zu marschiren. Jakob schätzte die Streitmacht, die er den Einfallenden entgegenstellen konnte, auf vierzigtausend Mann, ungerechnet die Miliz.71

Flotte und Landheer waren sonach mehr als ausreichend, um eine holländische Invasion zurückzuschlagen. Konnte man sich aber auf die Flotte und auf die Armee verlassen? Mußte man nicht befürchten, daß die Milizen zu Tausenden zu der Fahne ihres Befreiers übergehen würden? Die Partei, welche vor einigen Jahren für Monmouth das Schwert gezogen, konnte es gewiß kaum erwarten, den Prinzen von Oranien willkommen zu heißen. Und was war aus der Partei geworden, welche siebenundvierzig Jahre lang das Bollwerk der Monarchie gewesen? Wo waren jetzt die tapferen Gentlemen, welche stets bereit gewesen waren, ihr Blut für die Krone zu vergießen? Mißhandelt und verhöhnt, von der Richterbank vertrieben und aller militairischen Commando’s beraubt, sahen sie die Gefahr ihres undankbaren Gebieters mit unverhohlener Schadenfreude. Wo waren die Priester und Prälaten, welche auf zehntausend Kanzeln die Pflicht des Gehorsams gegen den gesalbten Stellvertreter Gottes gepredigt hatten? Einige waren eingekerkert. Andere ausgeplündert. Alle waren unter das eiserne Regiment der Hohen Commission gestellt worden und hatten beständig gefürchtet, daß eine neue Laune der Tyrannei sie ihrer Pfründen berauben und ohne ein Stück Brot lassen würde. Daß die Männer der Staatskirche den Grundsatz, auf den sie immer das größte Gewicht gelegt hatten, so vollständig vergessen würden, um sich dem thätigen Widerstande anzuschließen, schien auch jetzt noch unglaublich. Aber konnte ihr Unterdrücker erwarten, daß er bei ihnen noch den Geist finden werde, der unter der vorhergehenden Generation die Armeen Essex’ und Waller’s besiegt, und sich nur nach einer verzweifelten Gegenwehr dem Genie und der Kraft Cromwell’s unterworfen hatte?

Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen. Der Tyrann wurde von der Angst überwältigt. Er sagte nicht mehr, daß Nachgiebigkeit die Fürsten jederzeit ins Verderben gestürzt habe, und gab gezwungen zu, daß er sich herablassen müsse, den Tories noch einmal zu schmeicheln.72 Man hat Grund zu der Annahme, daß um diese Zeit Halifax eingeladen wurde, wieder ein Ministerium zu übernehmen und daß er auch nicht abgeneigt dazu war. Die Rolle eines Vermittlers zwischen den Throne und der Nation war diejenige, zu der er sich am besten eignete und nach der er am eifrigsten strebte. Warum die betreffende Unterhandlung mit ihm abgebrochen wurde, ist nicht bekannt, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Dispensationsfrage das unübersteigliche Hinderniß war. Sein Widerwille gegen diese Befugniß war vor drei Jahren die Veranlassung zu seiner Ungnade gewesen, und es war seitdem nichts geschehen, was geeignet gewesen wäre ihn andren Sinnes zu machen. Jakob seinerseits hatte sich fest vorgenommen, in diesem Punkte kein Zugeständniß zu machen.73 In anderen Dingen war er minder starrsinnig. Er erließ eine Proklamation, in der er feierlich versprach, die anglikanische Kirche zu schützen und die Uniformitätsacte aufrecht zu erhalten. Er erklärte sich bereit, um der Eintracht willen große Opfer zu bringen. Er wolle nicht mehr darauf beharren, daß Katholiken ins Unterhaus zugelassen würden und er hege das gute Vertrauen zu seinem Volke, daß es einen solchen Beweis von seinem aufrichtigen Willen, ihren Wünschen zu entsprechen, gebührend anerkennen werde. Drei Tage später kündigte er an, daß es seine Absicht sei, alle Magistratsbeamten und stellvertretenden Lieutenants, welche entlassen worden waren, weil sie seine Politik nicht hatten unterstützen wollen, wieder anzustellen. Den Tag nach dem Erscheinen dieser Ankündigung wurde Compton’s Suspension wieder aufgehoben.74

Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz. Zu gleicher Zeit gab der König allen damals in London anwesenden Bischöfen eine Audienz. Sie hatten um eine solche nachgesucht, um ihm in seiner kritischen Lage ihren Rath anzubieten. Der Primas führte das Wort. Er bat ehrerbietig darum, daß die Verwaltung den Händen gehörig qualificirter Personen übergeben, daß alle unter dem Vorwande des Dispensationsrechts vorgenommenen Acte widerrufen, daß die kirchliche Commission abgeschafft, daß die dem Magdalenen-Collegium zugefügte Unbill wieder gutgemacht und daß die alten Privilegien der Municipalkörperschaften wiederhergestellt werden möchten. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß es ein wünschenswerthes Mittel gebe, durch welches der Thron vollkommen gesichert und das erschütterte Reich wieder beruhigt werden könne. Wenn Seine Majestät die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden Streitpunkte nochmals in Erwägung ziehen wolle, so würde er durch die Gründe, welche sie ihm vorzutragen wünschten, unter Gottes Beistande vielleicht zu der Überzeugung gebracht werden, daß es seine Pflicht sei, zu dem Glauben seines Vaters und seines Großvaters zurückzukehren. Bis hierher, fuhr Sancroft fort, habe er die Ansicht seiner Collegen ausgesprochen. Aber es sei noch ein Punkt, über den er sich nicht mit ihnen berathen habe, auf den er jedoch den König aufmerksam machen zu müssen glaube. Allerdings sei er auch das einzige Mitglied seines Standes, welches diesen Gegenstand berühren dürfe, ohne sich dem Verdachte eines eigennützigen Beweggrundes auszusetzen. Der erzbischöfliche Stuhl von York war seit drei Jahren erledigt. Der Erzbischof bat den König dringend, er möge denselben schleunigst mit einem frommen und gelehrten Geistlichen besetzen, und fügte hinzu, es werde sich unter den eben Anwesenden leicht, ein solcher Mann finden. Der König verstand es sich hinreichend zu beherrschen, um für diesen bitteren Rath zu danken und zu versprechen, daß er denselben in Erwägung ziehen wolle.75 Von dem Dispensationsrecht aber wollte er durchaus nichts nachlassen. Keine gesetzlich unqualificirte Person wurde von irgend einem bürgerlichen oder militairischen Amte entfernt. Aber einige von Sancroft’s Vorschlägen wurden befolgt. Binnen zweimal vierundzwanzig Stunden war der Gerichtshof der Hohen Commission abgeschafft.76 Es ward beschlossen, der Hauptstadt ihren vor sechs Jahren entzogenen Freibrief zurückzugeben und der Kanzler selbst mußte das ehrwürdige Pergament feierlich nach der Guildhall tragen.77 Acht Tage später erfuhr das Publikum, daß der Bischof von Winchester, der vermöge seiner amtlichen Stellung Visitator des Magdalenen-Collegiums war, vom Könige beauftragt sei, alle Mißstände in diesem Collegium abzustellen. Zu dieser letzten Demüthigung hatte sich der König nicht ohne langen inneren Kampf und bitteren Schmerz entschlossen. Er verstand sich in der That erst dazu, nachdem der apostolische Vikar Leyburn, der sich bei jeder Gelegenheit als einsichtsvoller und rechtschaffener Mann benommen zu haben scheint, erklärt hatte, daß seiner Ansicht nach den vertriebenen Collegiaten und ihrem Präsidenten Unrecht gethan worden sei und daß ihre Wiedereinsetzung aus religiösen wie aus politischen Gründen erfolgen müsse.78 Nach wenigen Tagen erschien eine Proklamation, welche die entzogenen Privilegien aller Municipalkörperschaften wiederherstellte.79

Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen. Jakob schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß die ausgedehnten Zugeständnisse, die er im Laufe eines Monats gemacht, ihm die Herzen seines Volks wieder gewinnen würden. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß diese Zugeständnisse, wenn sie gemacht worden wären, als noch kein Grund zu der Befürchtung eines Einfalls von Seiten Hollands vorhanden war, viel zur Versöhnung der Tories beigetragen haben würden. Aber Fürsten, welche der Angst zugestehen, was sie der Gerechtigkeit verweigert haben, dürfen keinen Dank erwarten. Seit drei Jahren war der König gegen alle Vorstellungen und Bitten taub gewesen. Jeder Minister, der sich erlaubt hatte, seine Stimme zu Gunsten der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs zu erheben, war in Ungnade gefallen. Ein ausgezeichnet loyales Parlament hatte es gewagt, bescheiden und ehrerbietig gegen eine Verletzung der Grundgesetze Englands zu protestiren; es hatte dafür einen strengen Verweis erhalten und war prorogirt und aufgelöst worden. Ein Richter nach dem andren war des Hermelins beraubt worden, weil er sich geweigert hatte, Erkenntnisse abzugeben, welche dem gemeinen Rechte und dem Gesetzbuche zuwiderliefen. Die achtungswerthesten Kavaliere waren von jeder Theilnahme an der Verwaltung der Grafschaften ausgeschlossen worden, weil sie sich geweigert hatten, die öffentlichen Freiheiten zu verrathen. Geistliche waren zu Dutzenden abgesetzt worden, weil sie ihre Eide nicht brechen wollten. Prälaten, deren unerschütterlicher Treue der König seine Krone verdankte, hatten ihn auf den Knien gebeten, daß er ihnen nicht befehlen möchte, die Gesetze Gottes und des Landes zu verletzen. Ihre bescheidene Bittschrift war als ein aufrührerisches Libell betrachtet worden. Sie waren hart angelassen, bedroht, ins Gefängniß geworfen, gerichtlich verfolgt worden und waren mit genauer Noth dem gänzlichen Verderben entronnen. Jetzt endlich begann die Nation, da sie sah, daß das Recht durch die Macht mit Füßen getreten und selbst Bitten als ein Verbrechen betrachtet wurden, auf den Gedanken zu kommen, das Kriegsglück zu versuchen. Der Tyrann erfuhr, daß ein bewaffneter Befreier zur Hand sei, der von Whigs und Tories, von Dissenters und Anglikanern freudig begrüßt werden würde. Da wurde mit einem Male Alles anders. Die nämliche Regierung, welche treue und eifrige Dienste mit Beraubung und Verfolgung vergolten, die Regierung, welche auf gewichtige Gründe und rührende Bitten nur mit Beleidigungen und Schmähungen geantwortet hatte, wurde in einem Augenblicke merkwürdig freundlich. Jede Nummer der Gazette brachte die Abstellung einer neuen Beschwerde. Man sah es also deutlich, daß man sich auf die Billigkeit, die Humanität und das verpfändete Wort des Königs nicht verlassen konnte und daß er nur so lange gut regieren würde, als er gewaltsamen Widerstand fürchtete. Seine Unterthanen waren daher durchaus nicht geneigt, ihm ein Vertrauen wieder zu schenken, das er sich völlig verscherzt hatte, oder den Druck zu lindern, der ihm die einzigen guten Maßregeln seiner ganzen Regierung abgepreßt hatte. Die allgemeine Ungeduld, mit der man die Ankunft der Holländer erwartete, nahm mit jedem Tage zu. Das Volk verwünschte den Wind, der um diese Zeit beharrlich aus dem Westen kam, die Flotte des Prinzen am Auslaufen hinderte und zugleich immer neue Regimenter von Dublin nach Chester brachte. Man sagte, es sei papistisches Wetter. In Cheapside standen fortwährend Massen von Menschen, welche nach der Wetterfahne auf der Spitze des schlanken Thurmes der Bowkirche blickten und den Himmel um protestantischen Wind baten.80

Die allgemeine Stimmung wurde noch mehr erbittert durch einen Vorfall, der zwar rein zufällig war, aber leicht erklärlicherweise der Perfidie des Königs zugeschrieben wurde. Der Bischof von Winchester kündigte an, daß er auf königlichen Befehl die vertriebenen Mitglieder des Magdalenen-Collegiums wieder einzusetzen gedenke. Er bestimmte zu der Feierlichkeit den 21. October und traf am 20. in Oxford ein. Die ganze Universität war in erwartungsvoller Spannung. Die vertriebenen Collegiaten waren aus allen Theilen des Landes herbeigekommen, um ihre geliebte Heimath wieder in Besitz zu nehmen. Dreihundert berittene Gentlemen geleiteten den Visitator nach seiner Wohnung. Während seines Zuges durch die Stadt, gingen alle Glocken und High Street war mit einer jubelnden Zuschauermenge gefüllt. Er begab sich zur Ruhe. Am andren Morgen versammelte sich eine freudig bewegte Menge an den Eingängen des Magdalenen-Collegiums; aber der Bischof erschien nicht. Bald erfuhr man, daß er durch einen königlichen Boten aus dem Schlafe geweckt und aufgefordert worden war, unverzüglich nach Whitehall zu kommen. Diese rücksichtslose Täuschung erregte große Verwunderung und Angst; in einigen Stunden aber trafen Nachrichten ein, welche Gemüthern, die nicht ohne Grund das Schlimmste zu glauben geneigt waren, die Sinnesänderung des Königs genügend zu erklären schienen. Die holländische Flotte war ausgelaufen, aber durch einen Sturm zurückgetrieben worden. Das Gerücht vergrößerte den Unfall. Eine Menge Schiffe sollten zu Grunde gegangen und tausende von Pferden umgekommen sein. Jeder Gedanke an ein Unternehmen gegen England müsse, wenigstens für dieses Jahr aufgegeben werden. Hier mache die Nation wieder eine schöne Erfahrung. So lange Jakob einen nahe bevorstehenden Einfall und Aufstand erwartet, habe er Befehl zur Wiedereinsetzung Derer gegeben, die er gesetzwidrig beraubt; sobald er sich aber wieder für sicher gehalten habe, sei dieser Befehl widerrufen worden. Obgleich diese Beschuldigung damals allgemein geglaubt und später von Schriftstellern wiederholt wurde, welche hätten gut unterrichtet sein können, war sie doch völlig ungegründet. Es ist erwiesen, daß die Nachricht von dem Mißgeschick der holländischen Flotte auf keinem Wege früher nach Westminster gelangen konnte, als einige Stunden nachdem der Bischof von Winchester den Befehl erhalten hatte, der ihn von Oxford zurückrief. Der König hatte jedoch wenig Recht, sich über den Argwohn seines Volkes zu beschweren. Es war lediglich seine Schuld, wenn es zuweilen ohne genaue Untersuchung der Beweise etwas seiner unehrlichen Politik zuschrieb, was in Wirklichkeit nur Folge eines Zufalls oder eines Versehens war. Daß Leute, welche gewohnheitsmäßig ihr Wort brechen, auch dann keinen Glauben finden, wenn sie es einmal wirklich zu halten gedenken, ist ein Theil ihrer gerechten und natürlichen Strafe.81

Es ist bemerkenswerth, daß Jakob sich bei dieser Gelegenheit eine unverdiente Beschuldigung lediglich durch das eifrige Bestreben zuzog, sich von einer andren eben so unverdienten zu reinigen. Der Bischof war so eilig von Oxford zurückberufen worden, um einer außerordentlichen Staatsrathssitzung, oder vielmehr einer nach Whitehall berufenen Versammlung von Notablen beizuwohnen. Außer den wirklichen Mitgliedern des Geheimen Raths nahmen an dieser feierlichen Sitzung alle geistlichen und weltlichen Lords Theil, welche zufällig in der Hauptstadt oder doch in der Nähe derselben waren, außerdem die Richter, die Kronanwälte, der Lordmayor und die Aldermen von London. Petre hatte den Wink bekommen, er werde wohl daran thun, wenn er wegbliebe. Es würden auch in der That wenige Peers Lust gehabt haben, neben ihm zu sitzen. In der Nähe des obersten Sitzes war ein Staatssessel für die Königin Wittwe bereit gestellt. Auch die Prinzessin Anna war zur Theilnahme an der Sitzung eingeladen worden, hatte sich aber mit Unwohlsein entschuldigt.

Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt des Prinzen von Wales vorgelegt. Jakob sagte dieser zahlreichen Versammlung, daß er es für nöthig halte, Beweise für die Geburt seines Sohnes beizubringen. Die Einflüsterungen böser Menschen hätten die öffentliche Meinung in einer solchen Ausdehnung vergiftet, daß Viele den Prinzen von Wales für ein untergeschobenes Kind hielten. Die Vorsehung aber habe es mit weiser Hand gefügt, daß kaum je ein andrer Prinz in Anwesenheit so vieler Augenzeugen zur Welt gekommen sei. Diese Zeugen traten nun auf und gaben ihre Aussagen ab. Nachdem sie sämmtlich zu Protokoll genommen waren, erklärte Jakob mit großer Feierlichkeit, daß die ihm zur Last gelegte Beschuldigung durchaus falsch sei und daß er lieber einen tausendfachen Tod sterben als einem seiner Kinder Unrecht thun würde.

Alle Anwesenden schienen befriedigt zu sein. Die Zeugenaussagen wurden sogleich veröffentlicht und einsichtsvolle und unparteiische Personen erkannten die Glaubwürdigkeit derselben an.82 Aber die Verständigen bilden immer eine Minorität, und unparteiisch war damals kaum irgend Jemand. Die ganze Nation war überzeugt, daß jeder aufrichtige Papist es für seine Pflicht hielt, einen falschen Eid zu schwören, wenn er dadurch dem Interesse seiner Kirche diente, und Leute, welche ursprünglich Protestanten, um des Gewinnes willen aber scheinbar zum Papismus übergetreten waren, verdienten womöglich noch weniger Glauben als aufrichtige Papisten. Die Aussagen aller Derjenigen, welche diesen beiden Klassen angehörten, wurden daher von vornherein als null und nichtig betrachtet, und dadurch wurde das Gewicht des Beweises, von dem sich Jakob viel versprochen hatte, bedeutend verringert. Was übrig blieb wurde boshaft bekrittelt. Gegen jeden der protestantischen Zeugen, welche etwas Wesentliches ausgesagt, hatte man etwas einzuwenden. Der Eine war notorisch ein habgieriger Schmarotzer; der Andre hatte zwar seinen Glauben nicht abgeschworen, war aber nahe verwandt mit einem Apostaten. Die Leute fragten, wie sie von Anfang an gefragt hatten, warum, wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der König nicht dafür gesorgt habe, daß die Geburt genügender bewiesen werden könne, da er doch gewußt habe, daß Viele an der wirklichen Schwangerschaft der Königin zweifelten? Lag etwa nichts Verdächtiges in der falschen Berechnung der Zeit, sowie in der Abwesenheit der Prinzessin Anna und des Erzbischofs von Canterbury? Warum war kein Prälat der Landeskirche anwesend? Warum war der holländische Gesandte nicht zugezogen worden? Warum vor Allem hatten die Hyde, diese loyalen Diener der Krone, diese treuen Söhne der Kirche und natürlichen Wächter der Interessen ihrer Nichten, sich nicht unter den Schwarm von Papisten mischen dürfen, welcher in und neben dem Schlafgemache der Königin versammelt war? Warum mit einem Worte befand sich in der langen Liste der Anwesenden nicht ein einziger Name, der das Vertrauen und die Achtung des Publikums genoß? Die wahre Antwort auf diese Fragen war, daß der König einen beschränkten Verstand und einen despotischen Character besaß und daß er mit Freuden eine Gelegenheit ergriffen hatte, um seine Geringschätzung der Meinung seiner Unterthanen an den Tag zu legen. Der große Haufe aber, dem diese Erklärung nicht genügte, schrieb das, was lediglich die Wirkung von Thorheit und Verkehrtheit war, einer vorsätzlichen bösen Absicht zu. Und diese Meinung beschränkte sich nicht allein auf den großen Haufen. Lady Anna sprach am Morgen nach der Staatsrathssitzung bei ihrer Toilette so höhnisch von den Zeugenaussagen, daß selbst die Kammerfrauen, welche sie ankleideten, sich Scherze darüber erlaubten. Einige von den Lords, welche in der Sitzung zugegen gewesen waren und befriedigt zu sein schienen, waren in der That keineswegs überzeugt. Lloyd, Bischof von St. Asaph, dessen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemeine Achtung gebot, glaubte bis ans Ende seines Lebens, daß ein Betrug gespielt worden sei.

Sunderland’s Ungnade. Die vor dem Geheimen Rathe abgegebenen Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Händen des Publikums, als sich das Gerücht verbreitete, daß Sunderland aller seiner Stellen entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint die Kaffeehauspolitiker überrascht zu haben, kam aber Denen, welche die Vorgänge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen können; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn stark in dem Verdachte, daß er auf diesem oder jenem Wege mit den Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm, Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wünschte er alles zeitliche und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte, sein einziger Fehler bestehe darin, daß er der Krone zu eifrig gedient habe. Habe er der königlichen Sache nicht Bürgschaften gegeben? Habe er nicht jede Brücke abgebrochen, über die er im Fall eines Unglücks seinen Rückzug hätte bewerkstelligen können? Habe er nicht fortwährend das Dispensationsrecht aufs äußerste vertheidigt, in der Hohen Commission gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischöfe unterzeichnet und sei er nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwünschungen der Tausende, welche damals Westminsterhall füllten, als Zeuge gegen sie aufgetreten? Habe er nicht den glänzendsten Beweis von seiner Treue gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und öffentlich zu einer der Nation verhaßten Kirche übergetreten sei? Was habe er von einer Veränderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu fürchten? So plausible diese Gründe waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit hervorgehoben wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert verschiedenen Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflüsterungen und Gerüchte nicht zu verwischen. Der König wurde von Tag zu Tag kälter. Sunderland versuchte es nun, sich an die Königin anzulehnen, erlangte auch eine Audienz bei Ihrer Majestät und befand sich gerade in ihrem Zimmer, als Middleton eintrat und ihm auf Befehl des Königs die Siegel abverlangte. An diesem Abend hatte der gefallene Minister die letzte Privatunterredung mit dem Fürsten, dem er geschmeichelt und den er hintergangen hatte. Die Unterredung war höchst merkwürdig. Sunderland spielte den verleumdeten Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte, er bedaure den Verlust des Staatssekretariats und der Präsidentschaft im Geheimen Rathe nicht, wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und Gebieters bliebe. „Machen Sie mich nicht zum unglücklichsten Unterthan Ihres Reichs, Sire, indem Sie mir die Erklärung verweigern, daß Sie mich von Illoyalität freisprechen.“ Der König wußte nicht was er denken sollte. Ein bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und der Pathos, womit Sunderland log, hätte einen schärferen Verstand als der war, mit dem er es zu thun hatte, täuschen können. Bei der französischen Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer Glauben. Dort erklärte er, daß er noch einige Tage in London bleiben und sich am Hofe zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in Althorpe zurückziehen und seinen zerrütteten Finanzen durch Sparsamkeit wieder aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so müsse er nach Frankreich flüchten; seine schlecht vergoltene Loyalität lasse ihm keine andre Zufluchtsstätte übrig.83

Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston übergeben. Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankündigte, enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die holländische Flotte betroffen.84 Dieser Unfall war zwar ernster Art, aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der König und seine wenigen durch ihre Wünsche irregeleiteten Anhänger zu glauben geneigt waren.

Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten. Am 16. October nach englischer Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der Staaten von Holland gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied zu nehmen. Er dankte ihnen für die freundliche Fürsorge, mit der sie über ihn gewacht, als er eine verlassene Waise gewesen, für das Vertrauen, das sie ihm während seiner Verwaltung geschenkt und für den Beistand, den sie ihm in dieser wichtigen Krisis gewährt hätten. Er bat sie überzeugt zu sein, daß er das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge gehabt und es zu fördern gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht auf immer. Wenn er im Kampfe für den reformirten Glauben und für die Unabhängigkeit Europa’s fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes Weib ihrer Fürsorge. Der Großpensionair antwortete mit gebrochener Stimme und kein Mitglied des ernsten Senates konnte sich der Thränen enthalten. Aber Wilhelm’s eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er stand ruhig und ernst unter seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur zu einem kurzen Ausfluge nach seinen Jagdgründen bei Loo hätte verlassen wollen.85

Die Deputirten der vornehmsten Städte begleiteten ihn bis zu seiner Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser Höflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem Tage öffentliche Gebete für ihn gehalten.

Er schifft sich ein und segelt ab. Am Abend kam er in Helvoetsluys an und begab sich an Bord einer Fregatte, die „Brill“ genannt. Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehißt. Sie zeigte das Wappen des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fuß hohen Buchstaben eingestickte Devise war glücklich gewählt. Das Haus Oranien führte seit langer Zeit die elliptische Devise: „Ich werde aufrechterhalten“ (Je maintiendrai); der fehlende Nachsatz wurde jetzt durch die Worte ergänzt: „Die Freiheiten Englands und die protestantische Religion.“

Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen. Der Prinz befand sich kaum einige Stunden an Bord, so wurde der Wind günstig. Am neunzehnten stach die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefähr den halben Weg zwischen den Küsten Hollands und Englands zurück. Plötzlich aber sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die holländische Küste wieder. Die „Brill“ langte am einundzwanzigsten vor Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung bemerkt, daß weder Gefahr noch Mißgeschick nur einen Augenblick seine ernste Ruhe gestört hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, daß sein Bleiben an Bord Europa am deutlichsten zeigen werde, daß der ihn betroffene Unfall die Ausführung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzögern könne. In einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermißt. Nur einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.86

Seine Erklärung kommt in England an. Seine Erklärung gelangte nur einige Stunden vor seiner Ankunft nach England. Am 1. November begannen die londoner Politiker heimlich davon zu flüstern, sie ging von Hand zu Hand und wurde in die Briefkästen des Postamts geworfen. Einer der Agenten wurde verhaftet und die Packete, die er zu besorgen hatte, nach Whitehall gebracht. Der König las die Proklamation und sie machte einen erschütternden Eindruck auf ihn. Sein erster Gedanke war, das Papier vor jedem menschlichen Blicke zu verbergen. Er ließ daher sämmtliche ihm überbrachte Exemplare bis auf eines verbrennen, und dieses eine wagte er kaum aus den Händen zu geben.87

Jakob befragt die Lords. Der Paragraph des Manifestes, der ihn am meisten beunruhigte, war der, in welchem gesagt war, daß einige von den geistlichen und weltlichen Peers den Prinzen von Oranien zu einem Einfall in England aufgefordert hätten. Halifax, Clarendon und Nottingham, welche gerade in London waren, wurden sogleich in den Palast beschieden und über diesen Punkt befragt. Halifax weigerte sich anfangs, eine Antwort zu geben, obgleich er sich seiner Unschuld bewußt war. „Eure Majestät fragt mich, ob ich einen Hochverrath begangen habe,“ sagte er. „Wenn ich eines solchen verdächtig bin, so lassen Sie mich vor den Gerichtshof meiner Peers stellen. Kann Eure Majestät der Antwort eines Angeklagten, dessen Leben auf dem Spiele steht, Glauben schenken? Selbst wenn ich Seine Hoheit ersucht hätte herüberzukommen, würde ich mich ohne Bedenken für nichtschuldig erklären.“ Der König erwiederte ihm, daß er ihn durchaus nicht als einen Angeklagten betrachte, sondern ihn nur gefragt habe, wie ein Gentleman einen Andren, der verleumdet worden sei, frage, ob die Verleumdung irgend eine Begründung habe. „In diesem Falle,“ sagte Halifax, „nehme ich als Gentleman, der mit einem Gentleman spricht, keinen Anstand, bei meiner Ehre, die mir eben so heilig ist als ein Eid, zu versichern, daß ich den Prinzen von Oranien nicht veranlaßt habe herüberzukommen.“88 Clarendon und Nottingham sagten das Nämliche. Noch mehr wünschte der König, die Gesinnung der Prälaten zu ergründen. Wenn diese ihm feindlich gesinnt waren, dann war sein Thron wirklich in Gefahr. Aber das konnte nicht sein. Daß ein Bischof der anglikanischen Kirche sich gegen seinen Souverain empören sollte, war etwas Unerhörtes. Compton wurde ins königliche Kabinet gerufen und gefragt, ob der Prinz den geringsten Grund zu seiner Behauptung habe. Der Bischof war in Verlegenheit, denn er gehörte zu den Sieben, welche die Einladung unterzeichnet hatten, und sein nicht sehr weites Gewissen wollte ihm wahrscheinlich nicht gestatten, eine positive Unwahrheit zu sagen. „Sire,“ antwortete er, „ich bin fest überzeugt, daß es unter meinen Amtsbrüdern keinen giebt, der in dieser Angelegenheit nicht eben so schuldlos wäre, als ich selbst.“ Die Zweideutigkeit war gut ersonnen; ob aber der Unterschied zwischen der Sünde einer solchen Zweideutigkeit und der Sünde einer Lüge irgend eines Aufwandes von Erfindungsgeist werth war, mag vielleicht bezweifelt werden. Der König war zufriedengestellt. „Ich spreche Sie Alle vollkommen frei,“ sagte er; „aber ich halte es für nöthig, daß Sie öffentlich die ehrenrührige Beschuldigung zurückweisen, die Ihnen in der Erklärung des Prinzen zur Last gelegt wird.“ Der Bischof bat natürlich darum, das Papier lesen zu dürfen, dem er widersprechen sollte; der König aber wollte ihn keinen Blick darauf werfen lassen.

Am folgenden Tage erschien eine Proklamation, in der einem Jeden, der es wagen sollte, Wilhelm’s Manifest zu verbreiten, oder es auch nur zu lesen, die härtesten Strafen angedroht wurden.89 Der Primas und die wenigen in London anwesenden geistlichen Peers waren vor den König beschieden worden. Preston war, mit der Erklärung des Prinzen in der Hand, bei der Audienz zugegen. „Mylords,“ sagte der König, „hören Sie folgende Stelle. Dieselbe geht Sie an.“ Preston las nun den Paragraph vor, in welchem die geistlichen Peers erwähnt waren. „Ich glaube kein Wort von dem Allen,“ fuhr der König fort; „ich bin von Ihrer Unschuld überzeugt; aber ich halte es für nöthig Ihnen mitzutheilen, wessen Sie beschuldigt sind.“

Der Primas erklärte dem Könige mit vielen Versicherungen der Ehrerbietung, daß Seine Majestät ihm nur Gerechtigkeit widerfahren lasse. „Ich bin als treuer Unterthan Eurer Majestät geboren,“ sagte er, „und ich habe meine Unterthanentreue zu wiederholten Malen eidlich bekräftigt. Ich kann nur einen König auf einmal haben. Ich habe den Prinzen nicht eingeladen herüberzukommen, und ich glaube nicht, daß ein einziger von meinen Amtsbrüdern es gethan hat.“ — „Ich weiß gewiß, daß ich es nicht gethan habe,“ sagte Crewe von Durham. „Ich auch,“ setzte Cartwright von Chester hinzu. Crewe und Cartwright konnte man wohl glauben, denn sie hatten Beide in der Hohen Commission gesessen. Als Compton an die Reihe kam, umging er die Frage mit einer Gewandtheit, um die ihn ein Jesuit hätte beneiden können. „Ich gab schon gestern Eurer Majestät meine Antwort.“

Jakob wiederholte ihnen immer und immer wieder, daß er sie alle vollkommen freispreche. Trotzdem dürfte es aber doch für ihn nützlich und zu ihrer Ehrenrettung nöthig sein, daß sie sich öffentlich rechtfertigten. Er verlangte daher von ihnen die schriftliche Erklärung, daß sie den Plan des Prinzen verabscheuten. Sie schwiegen, ihr Stillschweigen wurde als Zustimmung betrachtet und sie durften sich entfernen.90

Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel. Unterdessen schwamm Wilhelm’s Flotte auf der Nordsee. Am Abend des Donnerstag, den 2. November, ging er wieder unter Segel. Der Wind blies frisch aus Osten. Zwölf Stunden lang steuerte die Flotte in nordwestlicher Richtung. Die von dem englischen Admiral auf Recognoscirung ausgesandten leichten Fahrzeuge brachten Nachrichten, welche die vorherrschende Ansicht, daß der Feind in Yorkshire zu landen versuchen werde, bestätigten. Plötzlich aber machte die ganze Flotte auf ein vom Schiffe des Prinzen gegebenes Signal eine Wendung und steuerte nach dem britischen Kanal. Der nämliche Wind, der die Reise der Angreifer begünstigte, verhinderte Dartmouth, aus der Themse auszulaufen. Seine Schiffe mußten Raaen und Stengen einziehen, und zwei von seinen Fregatten, welche die hohe See gewonnen hatten, wurden von dem heftigen Sturme arg zugerichtet und in den Fluß zurückgetrieben.

Inzwischen segelte die holländische Flotte rasch vor dem Winde und erreichte die Meerenge am Samstag den 3. November ungefähr um zehn Uhr Morgens. Wilhelm selbst fuhr mit der „Brill“ voraus, und mehr als sechshundert Fahrzeuge folgten ihm mit vollen Segeln. Die Transportschiffe befanden sich in der Mitte, und die Kriegsschiffe, über fünfzig an Zahl, bildeten den äußeren Wehrgürtel. Herbert befehligte die ganze Flotte unter dem Titel eines Generallieutenant-Admirals. Sein Schiff segelte unter der Nachhut und viele englische Seeleute, die von Haß gegen den Papismus erfüllt und durch hohen Sold angelockt waren, dienten unter ihm. Es hatte dem Prinzen viele Mühe gekostet einige hohe holländische Offiziere dazu zu bewegen, daß sie sich dem Oberbefehl eines Ausländers unterwarfen. Diese Anordnung aber war höchst weise. Auf der Flotte des Königs herrschte große Unzufriedenheit und ein glühender Eifer für den protestantischen Glauben. Aber innerhalb der Erinnerung alter Seeleute hatten die holländische und die englische Flotte dreimal mit heldenmüthiger Tapferkeit und wechselndem Glücke um die Herrschaft auf der See gekämpft. Unsere Seeleute hatten den Besen noch nicht vergessen, mit dem Van Tromp den Kanal zu fegen gedroht hatte, und eben so wenig das Feuer, welches De Ruyter auf den Werften des Medway angezündet. Hätten sich die beiden rivalisirenden Nationen noch einmal auf dem Elemente begegnet, auf welchem jede von ihnen die Herrschaft für sich in Anspruch nahm, so würde die gegenseitige Erbitterung keinen andren Gedanken haben aufkommen lassen. Eine blutige und hartnäckige Schlacht würde stattgefunden haben und eine Niederlage wäre für Wilhelm der Todesstoß gewesen. Selbst ein Sieg würde alle seine tief durchdachten politischen Pläne zerstört haben. Er hatte daher wohlweislich beschlossen, die Verfolger, falls er mit ihnen zusammentreffen sollte, in ihrer Muttersprache zu begrüßen und sie durch einen Admiral, unter dem sie gedient hatten, und den sie hochachteten, bitten zu lassen, daß sie nicht gegen alte Kameraden für papistische Tyrannei fechten sollten. Eine solche Aufforderung konnte möglicherweise einem Zusammenstoße vorbeugen. Erfolgte aber dennoch ein solcher, so standen wenigstens zwei englische Befehlshaber einander gegenüber, und der Stolz der Inselbewohner wurde nicht verwundet, wenn sie erfuhren, daß Dartmouth vor Herbert hatte die Flagge streichen müssen.91

Er passirt die Meerenge. Zum Glück war Wilhelm’s Vorsicht überflüssig. Bald nach Mittag passirte er die Meerenge. Seine Flotte breitete sich auf eine Meile Entfernung von Dover im Norden und von Calais im Süden aus. Die Kriegsschiffe auf der äußersten Rechten und der äußersten Linken begrüßten beide Festungen gleichzeitig. Die Truppen traten auf dem Verdeck unters Gewehr, und das Geschmetter der Trompeten, der Klang der Cymbeln und der Trommelwirbel wurden an der englischen und der französischen Küste zu gleicher Zeit deutlich gehört. Eine unzählige Menge Neugieriger verdunkelte das weiße Gestade von Kent. Eine nicht minder zahlreiche Menge bedeckte die Küste der Picardie. Rapin de Thoyras, der durch Verfolgung aus seinem Vaterlande vertrieben, in der holländischen Armee Dienste genommen hatte und den Prinzen nach England begleitete, schilderte viele Jahre später das Schauspiel als das prächtigste und erhabenste, das je ein menschliches Auge gesehen. Bei Sonnenuntergang befand sich die Flotte auf der Höhe von Beachy Head. Jetzt wurden die Lichter angezündet. Das Meer strahlte davon viele Meilen im Umkreise. Aber die Blicke aller Steuermänner waren die ganze Nacht hindurch auf drei kolossale Laternen gerichtet, welche am Spiegel der „Brill“ leuchteten.92

Unterdessen war von Dover ein Courier nach Whitehall abgeschickt worden mit der Nachricht, daß die holländische Flotte die Meerenge passirt habe und westwärts steure. Dies machte eine sofortige Abänderung aller militairischen Anordnungen nöthig. Nach allen Richtungen hin wurden Eilboten ausgesandt, die Offiziere mitten in der Nacht aus den Betten geholt. Am Sonntag Morgen um drei Uhr fand in Hyde Park eine große Musterung bei Fackelschein statt. In der Voraussetzung, daß Wilhelm in Yorkshire landen werde, hatte der König mehrere Regimenter nach dem Norden geschickt. Es wurden unverzüglich Expresse abgefertigt, um sie zurückzurufen. Alle Truppen bis auf diejenigen, welche zur Aufrechthaltung der Ruhe in der Hauptstadt nöthig waren, wurden nach dem Westen beordert. Salisbury war zum Sammelplatz bestimmt; da man es aber für möglich hielt, daß Portsmouth der erste Angriffspunkt werden könnte, so brachen drei Bataillone Garden und ein starkes Kavalleriecorps nach dieser Festung auf. In einigen Stunden erfuhr man, daß Portsmouth sicher sei, und die Truppen erhielten deshalb sofort den Befehl, umzukehren und nach Salisbury zu eilen.93

Seine Landung bei Torbay. Als der Sonntag, der 4. November, anbrach, hatte die holländische Flotte die Klippen der Insel Wight in Sicht. Dieser Tag war zu gleicher Zeit Wilhelm’s Geburtstag und Hochzeitstag. Während der ersten Stunden des Morgens wurden die Segel losgemacht und auf den Schiffen Gottesdienst gehalten. Am Nachmittag und die Nacht durch steuerte die Flotte in der bisher verfolgten Richtung weiter. Torbay war der Ort, wo Wilhelm zu landen gedachte. Der Morgen des 5. November war trübe und nebelig, so daß der Steuermann der „Brill“ die Seezeichen nicht erkennen konnte und die Flotte zu weit westlich führte. Die Gefahr war groß. Dem Wind entgegen wieder umzukehren war unmöglich. Der nächste Hafen war Plymouth, aber dort lag eine Garnison unter dem Commando des Lord Bath. Diese konnte sich der Landung möglicherweise widersetzen und ein Unfall konnte schlimme Folgen haben. Überdies konnte man kaum daran zweifeln, daß die königliche Flotte jetzt die Themse verlassen hatte und mit vollen Segeln dem Kanal zusteuerte. Russell erkannte die ganze Größe der Gefahr und sagte zu Burnet: „Sie können immer beten, Doctor. Es ist Alles vorbei.“ In diesem Augenblicke sprang der Wind um, es erhob sich eine leichte Südbrise, der Nebel zerstreute sich, die Sonne schien, und bei dem matten Lichte eines Herbstnachmittags wendete sich die Flotte, umschiffte das hohe Cap Berry Head und lief wohlbehalten in den Hafen von Torbay ein.94

Seit der Zeit, als Wilhelm auf diesen Hafen blickte, hat sich die Gestalt desselben sehr verändert. Das Amphitheater, welches das weite Becken umgiebt, bietet jetzt überall Zeichen von Wohlstand und Civilisation dar. Am nordöstlichen Ende ist ein großer Badeort entstanden, dessen milder italienischer Himmel Gäste aus den entferntesten Theilen der Insel anzieht, denn hier blüht die Myrthe im Freien und selbst der Winter ist milder als in Northumberland der April. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf ungefähr zehntausend Seelen. Die neuerbauten Kirchen und Kapellen, die Bäder und Leseinstitute, die Gasthöfe und öffentlichen Gärten, das Krankenhaus und das Museum, die sich terrassenförmig an der Küste hinaufziehenden weißen Straßen, die hinter Buschwerk und Blumenbeeten hervorschimmernden freundlichen Landhäuser gewähren einen Anblick, wie ihn England im siebzehnten Jahrhunderte nirgends aufweisen konnte. Auf der andren Seite der Bucht liegt, durch Berry Head geschützt, der lebhafte Marktort Brixham, der wohlhabendste Sitz unsres Fischhandels. Zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts wurde hier ein Molo und ein Hafen angelegt, die sich aber für den zunehmenden Verkehr bald als ungenügend erwiesen. Die Bevölkerung beträgt etwa sechstausend Seelen und der Schiffsverkehr beläuft sich auf mehr als zweihundert Segel. Der Tonnengehalt der ein- und auslaufenden Schiffe übertrifft sehr oft den des Hafens von Liverpool zu den Zeiten der Stuarts. Als aber die holländische Flotte in der Torbay vor Anker ging, war sie nur als ein Hafen bekannt, in den sich zuweilen die Schiffe vor den Stürmen des atlantischen Oceans flüchteten. Das Gewühl des Handels und des Vergnügens störte noch nicht die Ruhe ihrer stillen Ufer und nur spärliche Bauer- und Fischerhütten lagen zerstreut umher auf dem Boden, der jetzt mit belebten Marktorten und prächtigen Lusthäusern bedeckt ist.

Die Landleute an der Küste von Devonshire gedachten noch in Liebe des Namens Monmouth und verabscheuten den Papismus. Sie kamen daher ans Ufer herbeigeströmt, um Lebensmittel und Dienstleistungen anzubieten. Die Ausschiffung begann unverzüglich. Sechzig Böte brachten die Truppen ans Ufer. Zuerst wurde Mackay mit den britischen Regimentern ans Land gesetzt. Ihm folgte bald nachher der Prinz. Er landete an der Stelle, wo sich gegenwärtig der Quai von Brixham befindet. Die Gegend hat jetzt ein ganz andres Aussehen. Wo wir jetzt einen mit Fahrzeugen angefüllten Hafen und einen von Käufern und Verkäufern wimmelnden Marktort erblicken, brachen sich damals die Wogen an einer öden Küste; aber ein Stück von dem Felsen, auf den der Befreier beim Aussteigen aus seinem Boote trat, ist sorgsam aufbewahrt und in der Mitte des geräuschvollen Quais als ein Gegenstand der öffentlichen Verehrung aufgestellt worden.

Sobald der Prinz den Fuß auf festen Boden gesetzt hatte, verlangte er Pferde, und zwei Thiere, wie die kleinen Gutsbesitzer sie damals zu reiten pflegten, wurden aus dem nächsten Dorfe herbeigeschafft. Wilhelm und Schomberg bestiegen dieselben und ritten fort, um die Gegend zu recognosciren.

Sobald Burnet ans Land gestiegen war, eilte er zu dem Prinzen, und es fand ein ergötzliches Gespräch zwischen ihnen statt. Burnet ergoß sich in freudige Beglückwünschungen und fragte dann begierig, was Seine Hoheit zu thun gedenke. Militairs haben selten Lust, sich über kriegerische Angelegenheiten mit Geistlichen zu berathen, und Wilhelm betrachtete die Einmischung von Laien in Kriegsfragen mit noch größerem Widerwillen als andere Soldaten bei solchen Gelegenheiten. Aber er war in diesem Augenblicke gerade besonders gutgelaunt, und anstatt daher durch einen kurzen, dem Gespräch sofort ein Ende machenden Verweis sein Mißfallen zu äußern, reichte er seinem Kaplan freundlich die Hand und antwortete auf dessen Frage mit einer andren, indem er sagte: „Nun, Doctor, was halten Sie jetzt von der Prädestination?“ Der Tadel war so mild, daß Burnet, der eben nicht sehr feinfühlend war, ihn gar nicht fühlte. Er antwortete mit großer Wärme, daß er nie vergessen werde, wie sichtbar der Himmel ihr Unternehmen begünstigt habe.95

Am ersten Tage hatten die ausgeschifften Truppen manche Unannehmlichkeiten zu ertragen. Der Boden war vom Regen erweicht, und die Bagage war noch auf den Schiffen. Hohe Offiziere mußten in durchnäßten Kleidern auf der feuchten Erde schlafen und der Prinz selbst hatte kein besseres Obdach als eine gewöhnliche Hütte. Auf dem Strohdache derselben wurde sein Banner aufgepflanzt und einige Betten, die man von seinem Schiffe mitgebracht hatte, wurden auf den Boden gebreitet.96 Die Ausschiffung der Pferde machte einige Schwierigkeiten, und es hatte ganz den Anschein, als würde dieses Geschäft mehrere Tage Zeit wegnehmen. Am folgenden Morgen aber erheiterte sich die Aussicht. Der Wind legte sich und das Wasser der Bai war eben wie ein Spiegel. Einige Fischer zeigten eine Stelle, wo sich die Schiffe der Küste bis auf sechzig Fuß nähern konnten. Dies geschah und in drei Stunden wurden mehrere hundert Pferde wohlbehalten ans Land geschafft.

Die Ausschiffung war kaum beendigt, so erhob sich der Wind von neuem und schwoll bald zu einem heftigen Weststurme an. Der zur Verfolgung den Kanal herabkommende Feind war durch den nämlichen Witterungswechsel, welcher dem Prinzen die Landung ermöglichte, aufgehalten worden. Seit zwei Tagen lag die königliche Flotte auf windstiller See angesichts Beachy Head. Endlich konnte Dartmouth wieder unter Segel gehen. Er fuhr bei der Insel Wight vorüber und eines seiner Schiffe bekam die Mastspitzen der bei Torbay liegenden Holländer in Sicht. Gerade in diesem Augenblicke erhob sich der ihm widrige Sturm, der ihn zwang, sich in den Hafen von Portsmouth zu flüchten.97 Jakob, der in Schifffahrtsangelegenheiten wohl ein Urtheil hatte, erklärte damals, er sei fest überzeugt, daß sein Admiral Alles gethan habe, was in eines Menschen Macht stehe und daß er nur der unüberwindlichen Feindschaft des Windes und der Wogen gewichen sei. Zu einer späteren Zeit begann der unglückliche Fürst mit schlechtem Grunde Dartmouth des Verraths oder wenigstens eines Mangels an Energie zu beschuldigen.98

Das Wetter hatte in der That die protestantische Sache so auffallend begünstigt, daß manche Leute, deren Frömmigkeit größer war als ihr Verstand, fest glaubten, die gewöhnlichen Gesetze der Natur seien um der Erhaltung der Freiheit und der Religion Englands willen außer Kraft gesetzt worden. Gerade vor hundert Jahren, sagten sie, sei die für unüberwindlich gehaltene Armada durch den Zorn Gottes vernichtet worden. Die bürgerliche Freiheit und die göttliche Wahrheit seien abermals in Gefahr gewesen, und wieder hätten die gehorsamen Elemente für die gute Sache gekämpft. Der Wind habe kräftig aus Osten geblasen, als der Prinz den Kanal hinabzusegeln wünschte, sei nach Süden umgesprungen, als er habe in die Torbai einfahren wollen, habe sich für die Dauer der Ausschiffung gelegt und sei sobald die Ausschiffung vollendet gewesen, wieder zu einem Sturme angeschwollen, der den Verfolgern gerade ins Gesicht wehte. Auch unterließ man nicht, auf das sonderbare Zusammentreffen Gewicht zu legen, daß der Prinz unsere Küsten gerade an dem Tage erreicht hatte, an welchem die anglikanische Kirche die wunderbare Errettung des königlichen Hauses und der drei Stände von dem schwärzesten Complot, das die Papisten jemals ersonnen, durch Gebet und Dankgottesdienst feierte. Carstairs, dessen Winke bei dem Prinzen stets beachtet wurden, rieth dazu, daß sogleich nach bewerkstelligter Landung ein öffentlicher Dankgottesdienst für den sichtbaren Schutz, den der Himmel dem Unternehmen habe angedeihen lassen, gehalten werden solle. Der Rath wurde befolgt und hatte außerordentlich gute Wirkung. Die Truppen, die sich nun als Günstlinge des Himmels betrachten lernten, wurden von neuem Muthe beseelt und das englische Volk faßte die günstigste Meinung von einem General und einer Armee, welche den Pflichten der Religion so große Aufmerksamkeit schenkten.

Am Dienstag den 6. November begann Wilhelm’s Armee landeinwärts zu marschiren. Einige Regimenter rückten bis Newton Abbot vor. Ein im Mittelpunkte dieses Städtchens errichteter Denkstein bezeichnet noch die Stelle, wo die Erklärung des Prinzen den Bewohnern feierlich vorgelesen wurde. Die Truppen konnten sich nur langsam vorwärts bewegen, denn der Regen fiel in Strömen und die Straßen Englands befanden sich damals noch in einem Zustande, der Leuten, welche die vortrefflichen Communicationswege Hollands gewohnt waren, entsetzlich vorkam. Wilhelm nahm auf zwei Tage sein Hauptquartier in Ford, einer Besitzung der alten und vornehmen Familie von Courtenay, unweit Newton Abbot. Er fand hier eine prächtige Wohnung und glänzende Bewirthung, aber es ist auffallend, daß der Hausherr, obgleich ein eifriger Whig, nicht der Erste sein wollte, der Leben und Eigenthum aufs Spiel setzte, und sich sorgfältig hütete, irgend etwas zu thun, was, im Fall der König die Oberhand behielt, als ein Verbrechen angesehen werden konnte.

Sein Einzug in Exeter. In Exeter herrschte inzwischen große Aufregung. Sobald der Bischof Lamplugh erfuhr, daß die Holländer in der Torbai angekommen waren, eilte er in Todesangst nach London. Der Dechant entfloh aus der Dechanei. Die Behörden waren für den König, die große Masse der Einwohner für den Prinzen. Alles gerieth in die größte Bestürzung, als am Morgen des 8. November ein Truppencorps unter Mordaunt’s Commando vor der Stadt erschien. Mit Mordaunt zugleich kam Burnet, dem Wilhelm aufgetragen hatte, die Geistlichkeit der Kathedrale vor Beleidigungen und Insulten zu schützen.99 Der Mayor und die Aldermen hatten die Thore schließen lassen, öffneten sie aber auf die erste Aufforderung. Die Dechanei wurde zum Empfang des Prinzen eingerichtet. Am folgenden Tage, Freitag den neunten, kam er an. Die Behörden waren dringend aufgefordert worden, ihn am Thore der Stadt mit Gepränge zu empfangen, hatten dies aber beharrlich verweigert. Der Pomp dieses Tages konnte sie auch entbehren. Ein solches Schauspiel hatte Devonshire noch nie gesehen. Viele kamen eine halbe Tagereise weit herbei, um den Vorkämpfer ihres Glaubens zu begrüßen. Alle umliegenden Dörfer sandten ihre Einwohnerschaft. Eine große Volksmenge, hauptsächlich aus jungen Landleuten bestehend, die ihre Knotenstöcke schwangen, hatte sich auf dem Gipfel des Haldonhügels versammelt, wo die von Chudleigh kommende Armee zum ersten Male das reiche Thal der Exe und die beiden massiven Thürme erblickte, welche aus der über der Hauptstadt des Westens lagernden Rauchwolke emporragten. Der ganze Weg den Abhang hinunter über die Ebene bis aus Ufer des Flusses war in seiner ganzen Länge mit Zuschauern bedeckt. Vom Westthore bis zum Domplatze war das Gedränge und der Jubel allenthalben so groß, daß anwesende Londoner sich dabei an den Umzug des Lordmayors erinnerten. Die Häuser waren festlich geschmückt und alle Thüren, Fenster, Balcons und Dächer mit Zuschauern besetzt. Ein an kriegerischen Pomp gewöhntes Auge würde jedoch an dem Schauspiele mancherlei zu tadeln gefunden haben, denn mehrere beschwerliche Tagemärsche bei Regenwetter und auf Straßen, wo ein Fußgänger bei jedem Schritte bis über die Knöchel in den Schmutz einsank, hatten das Aussehen der Mannschaften und ihrer Monturstücke eben nicht verbessert. Die Bevölkerung von Devonshire aber, welche an den Glanz wohlgeordneter Feldlager durchaus nicht gewöhnt war, wurde von Freude und Ehrfurcht überwältigt. Beschreibungen des kriegerischen Schauspiels wurden im ganzen Lande verbreitet, und sie enthielten Vieles, was wohl geeignet war, den Geschmack des gemeinen Volks an Wunderdingen zu befriedigen. Denn die holländische Armee, aus Männern zusammengesetzt, die unter verschiedenen Himmelsstrichen geboren waren und unter verschiedenen Fahnen gedient hatten, gewährte Inselbewohnern, welche größtentheils sehr undeutliche Begriffe von fremden Ländern hatten, einen zugleich grotesken, prächtigen und furchtbaren Anblick. Voran ritt Macclesfield an der Spitze von zweihundert Gentlemen meist britischer Abkunft, mit blitzenden Helmen und Brustharnischen, auf flämischen Schlachtrossen reitend. Jeder von ihnen hatte einen aus den Zuckerplantagen der Küste von Guiana mitgebrachten Neger bei sich. Die Bürger von Exeter, welche noch nie so viele Exemplare der afrikanischen Menschenrace beisammengesehen hatten, betrachteten mit Staunen die schwarzen Gesichter, welche durch gestickte Turbane und weiße Federn noch mehr hervorgehoben wurden. Dann kam eine Schwadron schwedischer Reiter mit gezogenen breiten Schwertern in schwarzer Rüstung und Pelzmänteln. Sie erweckten ganz besonderes Interesse, denn man sagte, daß sie aus einem Lande stammten, wo das Meer zugefroren und es die Hälfte des ganzen Jahres hindurch Nacht sei, und daß sie die riesigen Bären, deren Felle sie trugen, selbst erlegt hätten. Hierauf folgte, umgeben von einer eleganten Truppe Gentlemen und Pagen das hoch getragene Banner des Prinzen. Auf den breiten Falten desselben las die Menge, welche Fenster und Dächer besetzt hielt, mit Wonne die denkwürdige Inschrift: „Die protestantische Religion und die Freiheiten Englands.“ Der Jubel steigerte sich noch, als der Prinz selbst, mit Brust- und Rückenharnisch und einer weißen Feder geschmückt auf seinem weißen Streitrosse erschien. Mit welchem kriegerischen Anstande er sein Pferd lenkte, wie sinnend und gebieterisch der Ausdruck seiner breiten Stirn und seines Falkenauges war, kann man noch heute an Kneller’s Portrait von ihm sehen. Einmal milderten sich seine ernsten Gesichtszüge zu einem Lächeln, als eine alte Frau, vielleicht eine von den eifrigen Puritanerinnen, welche durch achtundzwanzig Jahre der Verfolgung im festen Glauben auf den Trost Israels ausgeharrt hatte, vielleicht die Mutter eines Rebellen, der in der blutigen Schlacht von Sedgemoor oder bei dem noch fürchterlicheren Gemetzel der blutigen Assisen umgekommen war, sich hervordrängte, sich mitten unter die gezogenen Schwerter und bäumenden Rosse stürzte, die Hand des Befreiers berührte und ausrief, daß sie jetzt glücklich sei. Nicht weit von dem Prinzen ritt ein Mann, der mit ihm die aufmerksamen Blicke der Menge theilte. Das, sagte man, sei der große Graf Schomberg, der erste Soldat in Europa, seitdem Turenne und Condé nicht mehr wären, der Mann, dessen Genie und Tapferkeit die portugiesische Monarchie auf dem Schlachtfelde von Montes Claros gerettet, der Mann, der sich noch höheren Ruhm dadurch erworben, daß er um seines Glaubens willen den Stab eines Marschalls von Frankreich niedergelegt. Man hatte nicht vergessen, daß die beiden Helden, welche, durch ihren gemeinsamen Protestantismus unauflöslich aneinander gekettet, jetzt zusammen in Exeter einzogen, vor zwölf Jahren einander unter den Mauern von Mastricht gegenüberstanden und daß damals der Feuereifer des jungen Prinzen dem kalten Wissen des Veteranen, der jetzt als Freund an seiner Seite ritt, nicht gewachsen war. Dann kam eine lange Colonne des bärtigen Fußvolks der Schweizer, die sich seit zwei Jahrhunderten in allen festländischen Kriegen durch vorzügliche Tapferkeit und Disciplin ausgezeichnet, aber bis diesen Augenblick noch nie auf englischem Boden gesehen worden waren. Hinter ihnen folgte eine Reihe von Truppencorps, welche nach ihren Anführern Bentinck, Solms und Ginkell, Talmash und Mackay genannt wurden. Mit besonderem Vergnügen mochten die Engländer ein tapferes Regiment betrachten, das noch den Namen des verehrten und bedauerten Ossory führte. Der Eindruck des ganzen Schauspiels wurde noch erhöht durch die Erinnerung an die denkwürdigen Ereignisse, an denen viele von den Kriegern, welche jetzt durch das Westthor einmarschirten, Theil genommen. Denn sie hatten ganz andren Dienst gesehen, als den der Miliz von Devonshire oder des Lagers von Hounslow. Einige von ihnen hatten den ungestümen Angriff der Franzosen auf dem Schlachtfelde von Seneff zurückgeschlagen, und Andere hatten an jenem hochwichtigen Tage, an welchem die Belagerung von Wien aufgehoben wurde, für das Christenthum mit den Ungläubigen die Schwerter gekreuzt. Selbst die Sinne der Menge wurden durch die Einbildungskraft getäuscht. Neuigkeitsbriefe verbreiteten nach allen Gegenden des Reichs fabelhafte Berichte von der Gestalt und Körperkraft der Eingedrungenen. Es wurde versichert, daß sie mit wenigen Ausnahmen sechs Fuß lang seien und daß sie so große Lanzen, Schwerter und Musketen trügen, wie man sie noch nie in England gesehen hätte. Das Erstaunen der Menge verminderte sich nicht, als die Artillerie ankam, bestehend aus einundzwanzig kolossalen ehernen Geschützen, deren jedes von sechzehn Lastpferden mit Mühe fortgeschleppt wurde. Große Bewunderung erregte ein sonderbares, auf Rädern ruhendes Gebäude. Es war eine ambulante Feldschmiede mit allen zur Ausbesserung von Waffen und Fuhrwerken nöthigen Werkzeugen und Materialien versehen. Nichts aber wurde mit so großem Erstaunen betrachtet, als die Brücke von Böten, welche zum Übersetzen der Wagen mit großer Leichtigkeit über die Exe geschlagen und dann eben so schnell wieder auseinandergenommen wurde, um weiter transportirt zu werden. Wenn man dem Gerücht glauben durfte, war sie nach einem Muster angefertigt, welches die an der Donau gegen die Türken kämpfenden Christen erfunden hatten. Die Fremden erweckten eben so große Zuneigung als Bewunderung. Ihr umsichtiger Führer sorgte dafür, die Einquartierungen so zu vertheilen, daß die Bewohner von Exeter und der umliegenden Ortschaften so wenig als möglich belästigt wurden. Es wurde die strengste Kriegszucht gehandhabt, und nicht allein Plünderung und Gewaltthätigkeiten wirksam verhindert, sondern auch den Truppen eingeschärft, daß sie sich gegen Jedermann, weß Standes er auch sei, artig zu benehmen hätten. Diejenigen, die sich ihre Vorstellungen von einer Armee nach dem Verfahren Kirke’s und seiner Lämmer gebildet hatten, waren ganz erstaunt, Soldaten zu sehen, welche niemals eine Hausfrau barsch anfuhren und kein Ei nahmen ohne es zu bezahlen. In Anerkennung dieses gesitteten Benehmens lieferte das Volk den Truppen Lebensmittel im Überfluß und zu mäßigem Preise.100

Sehr viel hing von dem Verfahren ab, welches in dieser wichtigen Krisis die Geistlichkeit der anglikanischen Kirche beobachtete, und die Mitglieder des Kapitels von Exeter waren die Ersten, welche aufgefordert wurden, ihre Gesinnungen offen zu erklären. Burnet kündigte den Canonici, welche durch die Flucht des Dechanten ihres Vorgesetzten beraubt waren, an, daß sie hinfüro das Gebet für den Prinzen von Wales nicht mehr sprechen dürften und daß zu Ehren der glücklichen Ankunft des Prinzen von Oranien ein feierlicher Gottesdienst gehalten werden müßte. Die Canonici fanden es nicht für gut, in ihren Chorstühlen zu erscheinen; aber einige von den Chorsängern und Pfründnern waren anwesend. Wilhelm begab sich mit militairischem Gepränge in die Kathedrale. Als er die prächtige Vorhalle betrat, ließ die berühmte Orgel, welche kaum von einer einzigen von denjenigen übertroffen wird, die der Stolz seines Geburtslandes sind, Triumphklänge ertönen. Er bestieg den Bischofssitz, einen prachtvollen Thron mit reichem Schnitzwerk aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Burnet stand am Fuße desselben und zu beiden Seiten versammelte sich ein zahlreiches Gefolge von Kriegern und Kavalieren. Die weißgekleideten Sänger stimmten das Tedeum an. Als der Gesang, zu Ende war, las Burnet die Erklärung des Prinzen vor; kaum aber hatte er die ersten Worte derselben gesprochen, so drängten sich Geistliche und Sänger eiligst aus dem Chore. Am Schlusse rief Burnet mit lauter Stimme: „Gott erhalte den Prinzen von Oranien!“ und viele Stimmen antworteten feierlich: „Amen!“101

Am Sonntag, den 11. November, predigte Burnet vor dem Prinzen in der Kathedrale und sprach über die sichtbare Gnade, welche Gott der englischen Kirche und Nation gewährt. Um dieselbe Zeit ereignete sich in einem bescheideneren Gotteshause ein sonderbarer Vorfall. Ferguson hatte sich vorgenommen, in dem presbyterianischen Versammlungshause zu predigen. Der Geistliche und die Ältesten wollten dies nicht zugeben; aber der heftige und halbwahnsinnige Schurke, der wahrscheinlich die Zeiten Fleetwood’s und Harrison’s zurückgekehrt glaubte, erbrach die Thür, schritt mit dem Schwert in der Hand durch die Versammlung, bestieg die Kanzel und hielt eine heftige Schmährede gegen den König. Die Zeit für solche Albernheiten war vorüber und der Skandal erregte nur Spott und Widerwillen.102

Unterredung des Königs mit den Bischöfen. Während dieser Vorgänge in Devonshire herrschte in London große Gährung. Die Erklärung des Prinzen war trotz aller Vorsichtsmaßregeln jetzt in Jedermanns Händen. Am 6. November beschied Jakob, der noch immer nicht wußte, auf welchem Theile der Küste die Eroberer gelandet waren, den Primas nebst drei anderen Bischöfen, Compton von London, White von Peterborough und Sprat von Rochester, zu einer Conferenz in sein Privatkabinet. Der König hörte die warmen Loyalitätsversicherungen der Prälaten gnädig an und gab ihnen sein Wort darauf, daß er sie nicht in Verdacht habe. „Aber wo ist die Rechtfertigung, die Sie mir bringen sollten?“ fragte er dann. „Sire,“ antwortete Sancroft, „wir haben keine solche mitgebracht, denn wir drängen uns nicht danach, uns vor der Welt rein zu waschen. Es ist uns nichts Neues, daß wir verleumdet und fälschlich angeklagt werden. Unser Gewissen und Eure Majestät sprechen uns frei: dies genügt uns.“ — „Ja,“ entgegnete der König, „aber eine Erklärung von Ihnen ist um meinetwillen nothwendig.“ Hierauf zeigte er den Prälaten ein Exemplar von dem Manifeste des Prinzen und sagte: „Lesen Sie, wie hier von Ihnen gesprochen ist“ — „Sire,“ versetzte einer von den Bischöfen, „nicht Einer unter Fünfhundert hält dieses Manifest für ächt.“ — „Nein!“ rief der König mit Heftigkeit; „dann würden diese Fünfhundert den Prinzen herbeirufen, um mich zu ermorden!“ — „Das wolle Gott verhüten!“ erwiederten die Prälaten einstimmig. Aber der niemals helle Verstand des Königs war jetzt völlig verwirrt. Es war eine seiner Eigenheiten, daß, wenn man seiner Ansicht nicht beipflichtete, er glaubte, man ziehe seine Wahrhaftigkeit in Zweifel. „Dieses Papier wäre nicht ächt?“ rief er aus, indem er die Blätter umwendete. „Verdiene ich keinen Glauben? Hat mein Wort gar keinen Werth?“ — „Jedenfalls, Sire,“ sagte einer der Bischöfe, „ist dies keine geistliche Angelegenheit, sondern sie gehört in das Bereich der Civilgewalt. Gott hat Eurer Majestät das Schwert in die Hand gegeben, und es kommt uns nicht zu, in Ihre Functionen einzugreifen.“ Dann sagte der Erzbischof mit der sanften und gemäßigten Ironie, welche die schmerzlichsten Wunden schlägt, der König müsse ihn entschuldigen, wenn er zu keinem politischen Schriftstück seine Hand leihe. „Ich und meine Amtsbrüder, Sire,“ setzte er hinzu, „haben für unsre Einmischung in Staatsangelegenheiten schon hart genug büßen müssen, und wir werden uns vor einem derartigen Wiederholungsfalle sorgfältig hüten. Wir unterschrieben einst eine durchaus harmlose Petition, wir überreichten dieselbe auf die ehrerbietigste Weise, und wir mußten erfahren, daß wir ein schweres Verbrechen begangen hatten. Nur durch Gottes gnädigen Schutz wurden wir vom Untergange gerettet. Und, Sire, der Grund, den Eurer Majestät Fiskal und Prokurator damals anführten, war der, daß wir außerhalb des Parlaments Privatleute seien und daß Privatleute eine strafbare Anmaßung begingen, wenn sie sich in die Politik mischten. Sie griffen uns mit einer solchen Heftigkeit an, daß ich meinestheils mich für verloren hielt.“ — „Ich danke Ihnen für diese Lection, Mylord von Canterbury,“ sagte der König; „ich hätte gedacht, daß Sie sich nicht für verloren halten würden, wenn Sie in meine Hände fielen.“ Eine solche Sprache würde einem milden Herrscher ganz wohl angestanden haben, aber sie klang sehr sonderbar aus dem Munde eines Fürsten, der eine Frau lebendig verbrannt hatte, weil sie einen seiner fliehenden Feinde bei sich aufgenommen, und dessen eigner Neffe in nutzloser Verzweiflung seine Knie flehend umschlungen hatte. Der Erzbischof ließ sich dadurch nicht zum Schweigen bringen. Er fuhr in seiner Rede fort und zählte die Beleidigungen auf, welche die Creaturen des Hofes der Kirche Englands zugefügt, wobei die Verhöhnung seiner eigenen Schreibart besonders hervorgehoben wurde. Der König wußte nichts weiter zu erwiedern, als daß es unnütz sei vergangene Beschwerden wieder aufzuwärmen und daß er geglaubt habe, diese Dinge seien völlig vergessen. Während er selbst nie die geringste Beleidigung vergaß, war es ihm unbegreiflich, wie Andere nur einige Wochen lang die empfindlichste Beleidigung, die er jemals zugefügt, im Gedächtniß behalten konnten.

Endlich kam das Gespräch wieder auf den Punkt, von dem es ausgegangen war. Der König bestand darauf, daß die Bischöfe öffentlich ihren Abscheu gegen das Unternehmen des Prinzen erklären sollten. Unter zahlreichen Versicherungen der unterwürfigsten Loyalität weigerten sie sich dessen beharrlich. Der Prinz, sagten sie, behaupte sowohl von weltlichen als von geistlichen Peers eingeladen worden zu sein. Die Beschuldigung sei gemeinsam, warum solle also nicht auch die Rechtfertigung gemeinsam sein? „Ich errathe Alles,“ sagte der König; „einige weltliche Peers sind bei Ihnen gewesen und haben Sie überredet, mir in dieser Angelegenheit einen Strich durch die Rechnung zu machen.“ Die Bischöfe versicherten feierlich, daß dem nicht so sei. Aber es würde sonderbar aussehen, bemerkten sie, wenn in einer Frage, bei welcher hochwichtige politische und militairische Rücksichten im Spiele seien, die weltlichen Peers völlig übergangen würden und die Prälaten allein eine hervorragende Rolle spielen sollten. „Ich will es nun einmal so,“ entgegnete Jakob. „Ich bin Ihr König und ich muß wissen, was das Zweckmäßigste ist. Ich will meinen eigenen Weg gehen, und ich verlange von Ihnen, daß Sie mich unterstützen.“ Die Bischöfe versicherten ihn, daß sie vollkommen bereit seien, ihn im Bereiche ihres Wirkungskreises zu unterstützen, als christliche Geistliche mit ihren Gebeten und als Peers des Königreichs mit ihrem parlamentarischen Rathe. Jakob, der weder die Gebete von Ketzern, noch den Rath von Parlamenten brauchte, sah sich bitter getäuscht. Nach einem langen Wortwechsel sagte er endlich: „Genug, ich will Sie nicht weiter belästigen. Da Sie mir nicht beistehen wollen, muß ich mich auf mich selbst und auf meine eigenen Waffen beschränken.“103

Ruhestörungen in London. Kaum hatten die Bischöfe den König verlassen, so brachte ein Courier die Nachricht, daß der Prinz von Oranien am vorigen Tage in Devonshire gelandet sei. Während der nächstfolgenden Woche war London in gewaltiger Aufregung. Am Sonntag, den 11. November, verbreitete sich das Gerücht, daß in dem unter dem Patronat des Königs zu Clerkenwell errichteten Kloster Messer, Bratroste und Siedekessel versteckt wären, welche zur Folterung von Ketzern hätten dienen sollen. Zahlreiche Menschenmassen belagerten das Gebäude und schickten sich eben an, es zu demoliren, als eine Truppenabtheilung ankam. Die Menge wurde auseinandergetrieben und mehrere von den Aufwieglern wurden niedergemacht. Die Leichen der Gefallenen wurden von einem Todtenschau-Gericht104 untersucht, und dieses gab einen Ausspruch ab, der für die allgemeine Volksstimmung sehr bezeichnend war. Die Jury erklärte sich dahin, daß gewisse loyale und wohlgesinnte Personen, welche ausgegangen seien, um eine Versammlung von Landesverräthern und öffentlichen Feinden in einem Meßhause aufzuheben, vorsätzlich von den Soldaten ermordet wären, und dieses sonderbare Verdict war von sämmtlichen Geschwornen unterzeichnet. Die Mönche von Clerkenwell, welche diese Symptome der Volksstimmung natürlich nicht wenig beunruhigte, sorgten ängstlich für die Sicherung ihres Eigenthums. Es gelang ihnen auch, den größten Theil ihres Mobiliars fortzuschaffen, ehe dieses Vorhaben ruchbar geworden war. Endlich aber wurde der Verdacht des Pöbels doch rege, die beiden letzten Lastwagen wurden in Holborn angehalten und Alles was sich darauf befand, auf offener Straße verbrannt. Die Angst unter den Katholiken war so groß, daß alle ihre Gotteshäuser mit Ausnahme derjenigen, welche der königlichen Familie und den auswärtigen Gesandten gehörten, geschlossen wurden.105

Im Ganzen hatten jedoch die Dinge bis jetzt noch kein für Jakob ungünstiges Aussehen. Die Eingedrungenen befanden sich schon über eine Woche auf englischem Boden und noch hatte sich keine hervorragende Persönlichkeit ihnen angeschlossen. Weder im Norden noch im Osten war ein Aufstand ausgebrochen; kein Diener der Krone schien noch seiner Pflicht untreu geworden zu sein; die königliche Armee sammelte sich rasch in Salisbury, und wenn sie auch dem Heere Wilhelm’s in der Kriegszucht nachstand, so war sie doch an Zahl demselben überlegen.

Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen. Der Prinz war ohne Zweifel überrascht und gekränkt durch die Lauheit Derer, die ihn nach England eingeladen hatten. Das Volk von Devonshire hatte ihn zwar mit allen Zeichen der Freude empfangen, aber kein Adeliger, kein angesehener Gentleman war bis jetzt in sein Hauptquartier gekommen. Die Erklärung dieser auffallenden Erscheinung ist wahrscheinlich in dem Umstande zu suchen, daß er in einem Theile der Insel gelandet war, wo man ihn nicht erwartet hatte. Im Norden hatten seine Freunde alle Anstalten zu einem Aufstande getroffen, in der Voraussetzung, daß er bald mit einer Armee bei ihnen sein werde. Seine Freunde im Westen aber hatten gar nichts vorbereitet und waren natürlich betroffen, als sie plötzlich aufgefordert wurden, sich an die Spitze einer so wichtigen und gefährlichen Bewegung zu stellen. Dazu kam noch, daß sie die traurigen Folgen eines Aufstandes: Galgen, abgeschlagene Köpfe, zerrissene Glieder, Familien, die noch um tapfere Dulder trauerten, welche ihr Vaterland aufrichtig aber nicht mit Klugheit geliebt, frisch im Gedächtniß, ja dicht vor Augen hatten. Nach einer so schrecklichen und so neuen Warnung war einige Unschlüssigkeit natürlich. Ebenso natürlich aber war es auch, daß Wilhelm, der im Vertrauen auf die ihm aus England zugekommenen Versprechungen, nicht nur seinen eignen Ruf und sein persönliches Glück, sondern auch das Wohl und die Unabhängigkeit seines Vaterlandes aufs Spiel gesetzt hatte, sich bitter gekränkt fühlte. Er war in der That so aufgebracht, daß er schon davon sprach, sich nach Torbay zurückzuziehen, seine Truppen wieder einzuschiffen, nach Holland heimzukehren und Die, welche ihn verrathen hatten, ihrem verdienten Schicksale zu überlassen. Endlich am Montag, den 12. November, schloß sich ein in der Nähe von Crediton wohnender Gentleman, Namens Burrington, der Fahne des Prinzen an, und diesem Beispiele folgten bald mehrere von seinen Nachbarn.

Lovelace. Schon waren aber auch Männer von wichtigerer Bedeutung aus verschiedenen Theilen des Landes nach Exeter aufgebrochen. Der erste von diesen war Johann Lord Lovelace, ein Mann, der sich durch feinen Geschmack, durch Prachtliebe und durch die tollkühne und maßlose Heftigkeit seines Whiggismus auszeichnete. Er war fünf- oder sechsmal wegen politischer Vergehen in Haft gewesen. Das letzte ihm zur Last gelegte Verbrechen war, daß er die Rechtsgültigkeit eines von einem römisch-katholischen Friedensrichter angestellten Verhaftbefehls verächtlich geleugnet hatte. Er war vor den Geheimen Rathe gefordert und streng verhört worden, aber mit geringem Erfolge. Er weigerte sich entschieden, sich schuldig zu bekennen und die Zeugenbeweise gegen ihn waren ungenügend. Er wurde entlassen, aber ehe er sich entfernte, rief Jakob ihm mit großer Heftigkeit zu: „Mylord, dies ist nicht der erste Streich, den Sie mir gespielt haben.“ — „Sire,“ entgegnete Lovelace unerschrocken, „ich habe weder Eurer Majestät noch sonst Jemandem je einen Streich gespielt. Wer mich dessen bei Eurer Majestät angeklagt hat, ist ein Lügner.“ Bald darauf war Lovelace von Denen, welche den Plan zu einer Revolution entworfen hatten, ins Vertrauen gezogen worden.106 Sein Schloß, das seine Vorfahren von der Beute indisch-spanischer Galleonen erbaut, stand auf den Trümmern eines Hauses Unserer Lieben Frau in dem schönen Thale, durch welches die Themse, noch nicht durch die Nähe einer großen Hauptstadt verunreinigt, noch mit der Ebbe und Fluth des Meeres fallend und steigend, unter Buchenwäldern zwischen den lieblichen Anhöhen von Berkshire dahin strömt. Unter dem von italienischen Malern decorirten Prunksaale befand sich ein gewölbtes Souterrain, in welchem hin und wieder Gebeine von vorzeitlichen Mönchen gefunden worden waren. In diesem finstren Gemache hatten eine Anzahl eifriger und verwegener Gegner der Regierung während der angstvollen Zeit, als England mit Ungeduld auf protestantischen Wind wartete, viele nächtliche Zusammenkünfte gehalten.107 Jetzt war der Augenblick zum Handeln gekommen, Lovelace brach mit siebzig wohl bewaffneten und berittenen Begleitern nach dem Westen auf. Er erreichte ohne Schwierigkeit Gloucestershire. Aber Beaufort, der Statthalter dieser Grafschaft, verwendete sein hohes Ansehen und seinen ganzen Einfluß zu Gunsten der Krone. Die Miliz war aufgeboten und eine starke Abtheilung derselben nach Cirencester verlegt worden. Als Lovelace hier ankam, wurde er bedeutet, daß ihm der Durchzug nicht gestattet werden könne. Er mußte daher entweder von seinem Vorhaben abstehen, oder sich durchschlagen. Er beschloß das Letztere zu versuchen und seine Freunde und Untergebenen schlugen sich tapfer. Es fand ein hitziges Gefecht statt. Die Miliz verlor einen Offizier und sechs oder sieben Mann; endlich aber wurde Lovelace’s Truppe überwältigt und er selbst gefangen genommen und nach Gloucester Castle geschickt.108

Colchester. Andere waren glücklicher. An dem Tage, an welchem das Scharmützel bei Circencester stattfand, kam Richard Savage, Lord Colchester, Sohn und Erbe des Earls Rivers und durch eine unerlaubte Liebe Vater jenes unglücklichen Dichters109, dessen Verbrechen und Mißgeschicke eine der dunkelsten Seiten der Literaturgeschichte füllen, mit sechzig bis siebzig Reitern in Exeter an. Mit ihm zugleich traf der kühne und unruhige Thomas Wharton ein. Wenige Stunden später kam Eduard Russell, Sohn des Earls von Bedford und Bruder des tugendhaften Edelmanns, dessen Blut auf dem Schaffot geflossen war. Kurz darauf wurde die Ankunft eines andren noch wichtigeren Mannes gemeldet.

Abingdon. Colchester, Wharton und Russell gehörten der Partei an, welche dem Hofe von jeher opponirt hatte. Jakob Bertin, Earl von Abingdon dagegen war stets als eine Stütze der Willkürherrschaft betrachtet worden. Er war in den Tagen der Ausschließungsbill Jakob treu geblieben, war als Lordlieutenant von Oxfordshire mit Energie und Strenge gegen die Anhänger Monmouth’s verfahren und hatte zur Feier der Niederlage Argyle’s Freudenfeuer angezündet. Aber die Furcht vor dem Papismus hatte ihn zur Opposition und Empörung getrieben. Er war der erste Peer des Reichs, der im Hauptquartier des Prinzen von Oranien erschien.110

Doch von Denen, die sich offen gegen seine Autorität auflehnten, hatte der König weniger zu befürchten, als von der im Dunklen schleichenden Verschwörung, deren Verzweigungen sich durch seine Armee und bis in seine Familie erstreckten. Als die Seele dieser Verschwörung muß Churchill betrachtet werden, der in Bezug auf Scharfblick und Gewandtheit seines Gleichen nicht hatte, den die Natur mit einer gewissen kaltblütigen Unerschrockenheit ausgestattet, die sich weder im Kampfe noch im Lügen je verleugnete, und welcher dabei einen hohen militairischen Rang einnahm und sich der Gunst der Prinzessin Anna in hohem Grade erfreute. Für ihn war jedoch die Zeit zu dem entscheidenden Schlage noch nicht gekommen. Indessen brachte er doch schon jetzt durch die Vermittelung eines untergeordneten Werkzeugs der Sache des Königs eine gefährliche, wenn nicht tödtliche Wunde bei.

Abfall Cornbury’s. Eduard Viscount Cornbury, der älteste Sohn des Earls von Clarendon, war ein junger Mann von unbedeutenden Geistesgaben, von lockeren Grundsätzen und heftigem Temperament. Man hatte ihn von Jugend auf gelehrt, seine Verwandtschaft mit der Prinzessin Anna als die Grundlage seines zukünftigen Glücks zu betrachten, und ihm eingeschärft, daß er ihr fleißig den Hof machen solle. Seinem Vater war es nie in den Sinn gekommen, daß die angestammte Loyalität der Hyde im Hause der Lieblingstochter des Königs gefährdet sein könnte; aber in diesem Hause führten die Churchill die unumschränkte Herrschaft und Cornbury wurde ihr Werkzeug. Er commandirte eines von den nach dem Westen gesandten Dragonerregimentern. Man hatte es so einzurichten gewußt, daß er am 14. November einige Stunden lang der höchste Offizier zu Salisbury war, so daß alle dort versammelten Truppen unter seinem Oberbefehl standen. Es muß auffallend erscheinen, daß zu einem so kritischen Zeitpunkte die Armee, auf welche Alles ankam, nur einen Augenblick dem Commando eines jungen Obersten überlassen werden konnte, der weder Talent noch Erfahrung hatte. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese Anordnung das Resultat eines geschickt angelegten Planes war, und eben so wenig kann man darüber in Zweifel sein, welchem Kopfe und welchem Herzen dieser Plan zuzuschreiben ist.

Notes in this chapter

Note 1 · London Gazette, April 25. 28. 1687. 49. Secret Consults of the Romish Party in Ireland. Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem ScNote 2 · 19.(29.) August 1688. 55. 4.(14.) Sept. 1688.Note 3 · Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.) Aug. 1688; Ludwig an Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug. 57. Barillon 20.(30.) Aug., 23. AugNote 4 · Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.) 1688.Note 5 · „Che l’adulazione e la vanità gli avevano tornato il capo.“ — Adda, 31. Aug. (10. Sept.) 1688. 61. Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(Note 6 · Frau von Sévigné, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.Note 7 · Witson’s MS., angeführt von Wagenaar; Lord Lonsdale’s Memoiren; Avaux, 4.(14.), 5.(15.) Oct. 1688. Die förmliche Erklärung der GeneralstaateNote 8 · Burnet I. 584; Mackay’s Memoirs.Note 9 · Burnet I., 775, 780.Note 10 · Eachard’s History of the Revolution, II. 2.Note 11 · Pepys’s Memoirs relating to the Royal Navy, 1690; Clarke’s Life of James the Second, II. 186. Orig. Mem.; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); CittersNote 12 · Clarke’s Life of James the Second. II. 186. Orig. Mem.; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)Note 13 · Adda, 28. Sept. (8. Oct.) 1688. In dieser Depesche ist Jakob’s Angst vor einem allgemeinen Abfalle seiner Unterthanen kräftig geschildert. 7Note 14 · Tanner MSS; Burnet I. 784. Burnet hat, wie ich glaube, diese Audienz mit einer andren verwechselt, welche einige Wochen später stattfand. 76Note 15 · „Vento Papista“, sagt Adda unterm 24. Oct. (3. Nov.) 1688. Der Ausdruck „protestantischer Wind“ scheint zuerst auf den Wind angewendet wordeNote 16 · Sie finden sich mit ausführlichen Erläuterungen in Howell’s Ausgabe der Staatsprozesse.Note 17 · Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25. Oct. (4. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda, 26. Oct. (5. Nov.). 84. LNote 18 · Protokolle der Staaten von Holland und Westfriesland; Burnet, I. 782.Note 19 · London Gazette, Oct. 29. 1688; Burnet, I. 782; Bentinck an seine Gattin, 21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24. Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Note 20 · Citters, 2.(12.) Nov. 1688; Adda, 2.(12.) Nov.Note 21 · Ronquillo, 12.(22.) Nov. 1688. „Estas respuestas,“ sagt Ronquillo, „son ciertas, aunque mas las encubrian en la corte.“ 89. London Gazette, Note 22 · Avaux, 12.(22.) Juli u. 14.(24.) Aug. 1688. Herr de Jonge, der mit den Nachkommen des holländischen Admirals Evertson verwandt ist, hat die Note 23 · Rapin’s History; Whittle’s Exact Diary. Ich habe einen aus der damaligen Zeit herrührenden Plan von der Ordnung gesehen, in welcher die FlotNote 24 · Burnet, I. 788; Auszüge aus den Legge’schen Papieren in der Mackintosh-Sammlung. 95. Ich glaube, wer Burnet’s Bericht von dieser UnterredungNote 25 · Burnet, I. 790. 100. Siehe in Whittle’s Tagebuch die Expedition Seiner Hoheit und den um diese Zeit erschienenen Brief von Exon. Ich habe seNote 26 · Clarke’s Life of James the Second, II. 210; Sprat’s Narrative; Citters, 6.(16.) Nov. 1688.Note 27 · In England muß der Coroner bei unnatürlichen Todesfällen eine Jury von zwölf Personen versammeln, welche darüber zu entscheiden hat, ob ein Note 28 · Johnstone, 27. Febr. 1688; Citters unter demselben Datum. 107. Lyson’s Magna Britannia, Berkshire. 108. London Gazette, Nov. 15. 1688; LuttrNote 29 · Richard Savage. — Der Übers.Note 30 · Burnet, I. 790; Life of William, 1703.
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