Geschichte von England (continued 5)
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Die Bewegung verbreitete sich bald bis in die Gegend des Schlosses Drummond. Perth sah, daß er unter seinen eigenen Dienern und Pächtern nicht mehr sicher war. Er überließ sich daher einer eben so trostlosen Verzweiflung, als in welche seine unbarmherzige Tyrannei oft viel bessere Menschen als er war, gestürzt hatte. In seiner Todesangst suchte er Trost in den Gebräuchen seiner neuen Kirche. Er quälte seine Priester um geistlichen Zuspruch, betete, beichtete und communicirte; aber sein Glaube war schwach und er gestand, daß trotz aller seiner Andachtsübungen die Todesfurcht ihn überwältige. Um diese Zeit erfuhr er, daß er Aussicht hatte, auf einem vor Brentisland liegenden Schiffe zu entkommen. Er verkleidete sich so gut als möglich und nach einer langen und beschwerlichen Reise über die ungangbaren Pfade des damals mit tiefem Schnee bedeckten Ochillgebirges gelang es ihm sich einzuschiffen; aber trotz aller beobachteten Vorsicht war er erkannt und Lärm gemacht worden. Sobald es bekannt wurde, daß der blutdürstige Renegat sich auf der See befinde, und daß er Gold bei sich habe, waren ihm von Haß und Habgier erfüllte Verfolger auf den Fersen. Ein von einem alten Freibeuter befehligtes Boot holte das fliehende Schiff ein und enterte es. Perth, der Frauenkleider angelegt hatte, wurde aus dem Kielraume aufs Verdeck geschleppt, ausgezogen, gemißhandelt und geplündert. Man setzte ihm Bajonnette auf die Brust. Mit weibischem Gejammer um Schonung seines Lebens flehend wurde er ans Land zurückgebracht und in die Frohnfeste von Kirkaldy geworfen. Von dort wurde er auf Befehl des Geheimen Raths, dem er kürzlich noch präsidirt hatte und in welchem Männer saßen, die seine Schuld theilten, nach dem Schlosse Stirling transportirt. Es war an einem Sonntage während des öffentlichen Gottesdienstes, als er unter militairischer Eskorte in sein Gefängniß abgeführt wurde; aber selbst strenge Puritaner vergaßen die Heiligkeit des Tages und des Gottesdienstes. Die Andächtigen verließen die Kirchen, als der Tyrann vorüberkam und laute Drohungen, Verwünschungen und Ausbrüche des Hasses begleiteten ihn bis an den Eingang seines Gefängnisses.57
Mehrere angesehene Schotten befanden sich in London, als der Prinz daselbst ankam, und viele andere eilten jetzt dahin, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Am 7. Januar ersuchte er sie, sich ihm in Whitehall vorzustellen. Die Versammlung war zahlreich und bestand aus sehr achtbaren Männern. An der Spitze des Zuges erblickte man den Herzog von Hamilton und seinen ältesten Sohn, den Earl von Arran, die Oberhäupter eines Hauses von fast königlichem Ansehen. Sie waren begleitet von dreißig Lords und ungefähr achtzig angesehenen Gentlemen. Wilhelm sprach den Wunsch aus, daß sie sich mit einander berathen und ihm dann sagen möchten, wie er das Wohl ihres Landes am besten fördern könnte. Dann entfernte er sich, damit sie, durch seine Anwesenheit nicht beengt, sich mit einander besprechen konnten. Sie gingen in das Berathungszimmer und übertrugen dem Herzoge von Hamilton den Vorsitz. Obgleich nur wenig Meinungsverschiedenheit stattgefunden zu haben scheint, dauerten die Verhandlungen doch drei Tage, ein Umstand, der sich durch Sir Patrick Hume’s Betheiligung an der Debatte genügend erklären läßt. Arran wagte es, eine Unterhandlung mit dem Könige vorzuschlagen. Dieser Antrag aber wurde von seinem Vater und von der ganzen Versammlung übel aufgenommen und fand gar keine Unterstützung. Endlich wurden Beschlüsse gefaßt, ganz ähnlich denen, welche die englischen Lords und Gemeinen einige Tage vorher dem Prinzen überreicht hatten. Er wurde ersucht, eine Convention der schottischen Stände einzuberufen, ihren Zusammentritt auf den 14. März zu bestimmen und bis zu diesem Tage die Civil- und Militairverwaltung selbst zu übernehmen. Er kam diesen Wünschen nach und die Regierung der ganzen Insel war von nun an in seinen Händen.58
Stand der Parteien in England. Der entscheidende Augenblick rückte heran und die Aufregung der Gemüther stieg auf den Höhepunkt. Kleine Clubs von Politikern steckten überall flüsternd und berathend die Köpfe zusammen. Die Kaffeehäuser waren in heftiger Gährung, und die Pressen der Hauptstadt standen keine Minute still. Von den damals erschienenen Flugschriften könnte man noch jetzt mehrere Bände füllen und man kann sich aus diesen Flugschriften unschwer eine richtige Vorstellung von dem Stande der Parteien bilden.
Eine sehr kleine Faction wollte Jakob ohne irgend eine Bedingung zurückrufen. Eine andre, ebenfalls sehr kleine Faction wünschte eine Republik zu errichten und die Verwaltung einem Staatsrathe unter der Präsidentschaft des Prinzen von Oranien zu übertragen. Diese extremen Meinungen wurden jedoch allgemein mit Abscheu verworfen. Die Nation bestand zu Neunzehn Zwanzigsteln aus Leuten, welche mit der Liebe zur erblichen Monarchie die Liebe zur constitutionellen Freiheit verbanden, wenn auch nicht alle in gleichem Verhältnisse, und die von der gänzlichen Abschaffung des Königstitels eben so wenig etwas wissen wollten, als von der unbedingten Wiedereinsetzung des Königs.
Doch in der weiten Entfernung, welche die noch den Lehren Filmer’s anhängenden Bigotten von den Schwärmern trennte, die noch an die Verwirklichung der Träume Harrington’s dachten, war Raum für viele Meinungsschattirungen. Läßt man die unwichtigen Unterabtheilungen unberücksichtigt, so wird man finden, daß die große Majorität der Nation und der Convention in vier Abtheilungen zerfiel. Drei von diesen Abtheilungen bestanden aus Tories und die vierte bildete die Whigpartei.
Die Freundschaft zwischen den Whigs und Tories hatte die Gefahr, welche sie erzeugt, nicht überdauert. Während des Marsches des Prinzen aus dem Westen hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten Spaltungen unter seinen Anhängern gezeigt. So lange der Ausgang seines Unternehmens noch zweifelhaft war, hatte seine geschickte Leitung diese Zerwürfnisse ohne Mühe geschlichtet. Aber von dem Tage seines triumphirenden Einzugs in den St. Jamespalast an war eine solche Leitung nicht mehr möglich. Indem sein Sieg die Nation von der Furcht vor papistischer Tyrannei befreite, hatte er ihm zugleich die Hälfte seines Einflusses entzogen. Alte Antipathien, welche geschlummert hatten, so lange die Bischöfe im Tower und die Jesuiten im Staatsrathe saßen, so lange loyale Geistliche zu Dutzenden ihres Lebensunterhalts beraubt und loyale Gentlemen zu Hunderten ihres Friedensrichteramtes entsetzt wurden, erwachten jetzt mit erneuter Heftigkeit wieder. Der Royalist schauderte bei dem Gedanken, daß er mit allen Denen verbündet sei, die er von Jugend auf am meisten gehaßt habe: mit ehemaligen Anführern der Parlamentsarmee, die sein Landhaus erstürmt, mit ehemaligen Parlamentscommissaren, die sein Vermögen sequestrirt hatten, mit Männern, welche das Ryehouse-Gemetzel angestiftet und an der Spitze der Insurrection im Westen gestanden hatten. Auch die theure Kirche, der zu Liebe er nach einem qualvollen Kampfe seine Unterthanentreue gegen den Thron gebrochen, war sie wirklich in Sicherheit? Oder hatte er sie von einem Feinde befreit, nur um sie einem andren preis zu geben? Allerdings waren die papistischen Priester in der Verbannung, in Verstecken oder im Gefängniß. Kein Jesuit oder Benedictiner, dem sein Leben lieb war, wagte es jetzt, sich in seiner Ordenstracht zu zeigen. Aber die Presbyterianer- und Independentenprediger zogen in langer Procession zu dem Oberhaupte der Regierung, um ihm ihre Huldigung darzubringen und wurden eben so freundlich empfangen, wie die wahren Nachfolger der Apostel. Einige Schismatiker sprachen die Hoffnung aus, daß bald jede Schranke, die sie von geistlichen Ämtern ausschlösse, fallen werde, daß die Artikel gemildert, die Liturgie gesichtet, daß Weihnachten aufhören werde ein Fest, der Charfreitag ein Fasttag zu sein, daß Canonici, deren Haupt nie ein Bischof berührt, ohne das heilige Gewand von weißen Linnen in den Chören der Kathedralen das Brot und den Wein des Abendmahls an auf Bänken sitzende Communicanten austheilen werden. Der Prinz war zwar kein fanatischer Presbyterianer, aber höchstens ein Latitudinarier. Er trug kein Bedenken, nach anglikanischem Ritus zu communiciren, aber es war ihm auch gleichgültig, nach welchem Ritus andere Leute communicirten. Es stand zu befürchten, daß seine Gemahlin nur zuviel von seinem Geiste eingesogen hatte. Burnet war ihr Gewissensrath; sie hörte Prediger von verschiedenen protestantischen Secten, und hatte unlängst geäußert, daß sie zwischen der Kirche Englands und den anderen reformirten Kirchen keinen wesentlichen Unterschied erblicke.59 Es war daher nothwendig, daß die Kavaliere in diesem Augenblicke das von ihren Vätern im Jahre 1641 gegebene Beispiel befolgten, sich von den Rundköpfen und Sectirern trennten und trotz aller Fehler des erblichen Monarchen die Sache der erblichen Monarchie aufrecht erhielten.
Die von solchen Gesinnungen beseelte Partei war zahlreich und achtungswerth. Sie schloß ungefähr die Hälfte des Hauses der Lords, etwa ein Drittel des Hauses der Gemeinen, die Mehrheit der Landgentry und mindestens neun Zehntel der Geistlichkeit in sich; aber sie war durch Spaltungen zerrissen und auf allen Seiten von Schwierigkeiten umgeben.
Sherlock’s Plan. Eine Section dieser großen Partei, die besonders unter der Geistlichkeit stark vertreten und deren Hauptorgan Sherlock war, wünschte, daß Unterhandlungen mit Jakob eröffnet und daß er unter Bedingungen, welche die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs vollkommen sicher stellten, zur Rückkehr nach Whitehall eingeladen werden sollte.60 Es springt in die Augen, daß dieser Plan, so energisch er auch von der Geistlichkeit unterstützt wurde, doch in directem Widerspruche mit den Doctrinen stand, welche der Klerus seit vielen Jahren lehrte. Es war in der That ein Versuch, einen Mittelweg einzuschlagen, wo kein Mittelweg möglich war, und einen Vergleich zwischen zwei Dingen herbeizuführen, welche keinen Vergleich zulassen: zwischen Widerstand und Nichtwiderstand. Die Tories hatten sich früher zu dem Prinzipe des Nichtwiderstandes gehalten. Aber diesen Boden hatten die meisten von ihnen jetzt verlassen und waren nicht geneigt, denselben wieder einzunehmen. Die englischen Kavaliere in ihrer Gesammtheit waren bei der letzten Erhebung gegen den König direct oder indirect so stark betheiligt gewesen, daß sie in diesem Augenblicke nicht ohne die größte Schande von der geheiligten Pflicht, einem Nero zu gehorchen, sprechen konnten; auch hatten sie überhaupt keine Lust, den Fürsten, unter dessen schlechter Regierung sie so viel hatten leiden müssen, zurückzurufen, ohne ihm Bedingungen vorzuschreiben, die es ihm unmöglich machten, seine Gewalt abermals zu mißbrauchen. Sie befanden sich deshalb in einer schiefen Stellung. Ihre alte Theorie, mochte sie nun vernünftig oder unvernünftig sein, war wenigstens vollständig und folgerichtig. War diese Theorie zweckmäßig, so mußte der König unverweilt zur Rückkehr aufgefordert und es ihm, wenn anders er wollte, gestattet werden, Seymour und Danby, den Bischof von London und den Bischof von Bristol wegen Hochverraths hinrichten zu lassen, die kirchliche Commission wiederherzustellen, die Kirche mit papistischen Würdenträgern zu füllen und die Armee unter das Commando papistischer Offiziere zu stellen. Wenn aber, wie die Tories jetzt selbst zuzugeben schienen, die Theorie unpraktisch war, warum dann mit dem Könige unterhandeln? Gestand man zu, daß er rechtmäßigerweise vom Throne ausgeschlossen werden dürfe, bis er befriedigende Garantien für die Sicherheit der kirchlichen und staatlichen Verfassung gebe, so konnte man schwerlich leugnen, daß er auch für immer rechtmäßigerweise ausgeschlossen werden durfte. Denn welche befriedigenden Garantien konnte er geben? Konnte wohl eine Parlamentsacte in klarerer Sprache gefaßt sein als die, welche vorschrieben, daß der Dechant des Christchurch-Collegiums ein Protestant sein müsse? Konnte ein Versprechen klarer und deutlicher sein als die, in denen Jakob wiederholt erklärt hatte, daß er die gesetzlichen Rechte der anglikanischen Geistlichkeit streng respectiren werde? Wenn Gesetz oder Ehrgefühl etwas Bindendes für ihn gehabt hätten, so würde er nie gezwungen gewesen sein, aus seinem Königreiche zu fliehen. Wenn aber weder Gesetz noch Ehre in seinen Augen bindend für ihn waren, konnte es dann wohl rathsam sein, ihn zurückzurufen?
Indessen würde trotz dieser Argumente wahrscheinlich ein Antrag auf Eröffnung von Unterhandlungen mit Jakob in der Convention gestellt und von der Hauptmasse der Tories unterstützt worden sein, wäre er nicht bei dieser, wie bei jeder andren Gelegenheit sein eigner schlimmster Feind gewesen. Jede von Saint-Germains kommende Post brachte Mittheilungen, welche den Eifer seiner Anhänger abkühlten. Er hielt es nicht einmal der Mühe werth, Reue über seine früheren Fehler zu heucheln oder Besserung zu geloben. Er erließ ein Manifest, in welchem er seinem Volke sagte, daß es stets sein eifriges Bestreben gewesen sei, mit Gerechtigkeit und Mäßigung zu regieren und daß es sich durch eingebildete Beschwerden selbst ins Verderben habe locken lassen.61
Sancroft’s Plan. Die Folge seiner Thorheit und seines Starrsinns war, daß selbst Diejenigen, welche am meisten wünschten, ihn unter billigen Bedingungen wieder auf den Thron zu setzen, erkannten, daß sie der Sache, der sie dienen wollten, nur schaden würden, wenn sie in diesem Augenblicke die Eröffnung von Unterhandlungen vorschlügen. Sie beschlossen daher, sich mit einer andren Abtheilung der Tories zu verbinden, deren Oberhaupt Sancroft war. Sancroft glaubte ein Mittel gefunden zu haben, durch welches für die Regierung des Landes gesorgt werden könnte, ohne Jakob zurückzurufen, aber auch ohne ihn deshalb seiner Krone zu berauben. Dieses Mittel war eine Regentschaft. Die unfügsamsten unter denjenigen Theologen, welche die Lehre vom passiven Gehorsam eingeschärft, hatten doch nie behauptet, daß man diesen Gehorsam einem Kinde oder einem Wahnsinnigen schuldig sei. Es war allgemein anerkannt, daß, wenn der rechtmäßige Souverain zur Verwaltung seines Amtes geistig unfähig sei, ein Stellvertreter für ihn erwählt werden könne, und daß Jeder, der sich diesem Stellvertreter widersetzte und sich zu seiner Entschuldigung auf den Befehl eines Fürsten berief, der noch in der Wiege lag oder geistesschwach war, mit vollem Rechte den auf Empörung gesetzten Strafen verfiele. Dummheit, Unverstand und Aberglaube — so raisonnirte der Primas — hätten Jakob eben so unfähig gemacht, sein Land zu regieren, wie nur ein in den Windeln liegendes Kind oder ein auf dem Stroh von Bedlam grinsender und Unsinn schwatzender Wahnsinniger es sein könnte. Es müsse daher der Weg eingeschlagen werden, den man ergriffen habe, als Heinrich VI. noch ein Kind war, und dann wieder, als er in Schlafsucht verfiel. Jakob könne factisch nicht mehr König sein, aber er müsse es doch dem Anscheine nach bleiben. Die Regierungsdecrete müßten noch unter seinem Namen erlassen, und sein Bildniß und sein Namenszug müßten noch immer auf den Münzen und im Staatssiegel figuriren. Die Parlamentsacten müßten nach wie vor mit den Jahren seiner Regierung bezeichnet, die Verwaltung aber müsse ihm entzogen und einem von den Ständen des Reichs ernannten Regenten übertragen werden. Auf diese Weise, behauptete Sancroft allen Ernstes, werde das Volk seiner Unterthanenpflicht treu bleiben, die Eide der Treue, die es seinem Könige geschworen, würden streng beobachtet werden, und die orthodoxesten Anglikaner könnten ohne die geringsten Gewissensscrupel unter dem Regenten Ämter übernehmen.62
Sancroft’s Meinung hatte bei der ganzen Torypartei und ganz besonders bei der Geistlichkeit großes Gewicht. Eine Woche vor dem Tage, auf den die Convention einberufen war, versammelte sich im Lambethpalaste eine ehrwürdige Gesellschaft, hörte in der Kapelle eine Betübung an, speiste bei dem Primas und berieth sich dann über den Stand der öffentlichen Angelegenheiten. Fünf Suffraganen des Erzbischofs, die im vergangenen Sommer seine Gefahren und seinen Ruhm getheilt hatten, waren anwesend. Die Earls von Clarendon und von Ailesbury vertraten die toryistische Laienschaft. Die ganze Versammlung schien einmüthig der Ansicht zu sein, daß Diejenigen, welche Jakob den Unterthaneneid geleistet hatten, ihm mit vollem Rechte den Gehorsam verweigern, aber nicht mit gutem Gewissen den Königstitel einem Andren beilegen könnten.63
Danby’s Plan. So stimmten zwei Sectionen der Torypartei (diejenigen, welche eine Verständigung mit Jakob wünschten, und die, welche von einer solchen Verständigung nichts wissen wollten) in der Unterstützung der Regentschaftsidee überein. Eine dritte Section jedoch, die zwar nicht sehr zahlreich war, aber großes Gewicht und großen Einfluß hatte, empfahl einen ganz andren Plan. Die Oberhäupter dieser kleinen Schaar waren im Hause der Lords Danby und der Bischof von London, im Hause der Gemeinen Sir Robert Sawyer. Sie meinten ein Mittel ausfindig gemacht zu haben, um unter streng gesetzlichen Formen eine völlige Revolution zu bewerkstelligen. Sie sagten, es widerstreite allem Prinzip, daß ein König durch seine Unterthanen abgesetzt werden solle. Durch seine Flucht habe er selbst seiner Macht und Stellung entsagt. Der Thron sei factisch erledigt und könne nach der Ansicht aller verfassungskundigen Juristen keinen Augenblick unbesetzt bleiben. Der nächste Erbe sei daher an seine Stelle getreten. Aber wer sei der nächste Thronerbe? Was den nach Frankreich übergeführten unmündigen Prinzen anlange, so sei dessen Eintritt in die Welt von vielen verdächtigen Umständen begleitet gewesen. Man sei es den anderen Mitgliedern des königlichen Hauses und der Nation schuldig, jeden Zweifel hierüber zu heben. Der Gemahl der Prinzessin von Oranien habe daher in ihrem Namen feierlich eine Untersuchung verlangt, welche auch vorgenommen worden wäre, hätten nicht die des Betrugs angeklagten Parteien einen Weg eingeschlagen, der in jedem gewöhnlichen Falle als ein entscheidender Schuldbeweis gegolten haben würde. Sie hätten sich nicht für bemüßigt gehalten, den Ausgang einer feierlichen Parlamentsuntersuchung abzuwarten, sie hätten sich heimlich in ein fremdes Land begeben und nicht allein das Kind, sondern auch alle diejenigen französischen und italienischen Kammerfrauen mit sich genommen, welche in den Betrug, falls ein solcher stattgefunden haben sollte, eingeweiht sein müßten und daher einem strengen Verhör zu unterwerfen gewesen wären. Die Ansprüche des Prinzen ohne Untersuchung anzuerkennen, sei nicht möglich, und Diejenigen, die sich seine Eltern nennten, hätten jede Untersuchung unmöglich gemacht. Das Urtheil müsse daher in contumaciam gegen ihn gefällt werden. Geschehe ihm dann Unrecht, so geschehe ihm nicht von Seiten der Nation, sondern von Seiten Derer Unrecht, deren auffallendes Benehmen bei seiner Geburt die Nation berechtigt habe, eine Untersuchung zu verlangen, und die sich einer solchen Untersuchung durch die Flucht entzogen hätten. Er könne daher mit vollkommenem Rechte als ein Prätendent betrachtet werden. Und so sei die Krone gesetzmäßig auf die Prinzessin von Oranien übergegangen. Sie sei thatsächlich regierende Königin und die beiden Häuser hätten nichts weiter zu thun, als sie zu proclamiren. Sie könne, wenn sie sonst wolle, ihren Gemahl zu ihrem ersten Minister ernennen und ihm sogar mit Bewilligung des Parlaments den Königstitel verleihen.
Nur wenige Personen zogen diesen Plan jedem andren vor und es war mit Gewißheit zu erwarten, daß sich demselben sowohl Diejenigen, welche Jakob noch zugethan waren, wie auch alle Anhänger Wilhelm’s widersetzen würden. Indessen gab Danby, der auf seine Kenntniß der parlamentarischen Taktik vertraute und wohl wußte, was ein kleines Streifcorps auszurichten vermag, wenn große Parteien einander ziemlich die Wage halten, noch keineswegs die Hoffnung auf, daß er im Stande sein werde, den Ausgang des Kampfes so lange in der Schwebe zu erhalten, bis Whigs und Tories, an einem vollkommenen Siege verzweifelnd und die Folgen der Verzögerung fürchtend, ihn als Schiedsrichter annehmen würden. Auch ist es durchaus nicht unmöglich, daß er reussirt haben würde, wenn die Frau, die er auf den höchsten Gipfel irdischer Größe erheben wollte, unterstützt oder doch wenigstens nicht behindert worden wäre. So scharfblickend und wohlerfahren er in Staatsgeschäften war, so kannte er doch weder den Character Mariens noch die Gefühle, mit denen sie ihren Gemahl betrachtete, und selbst ihr alter Lehrer Compton war nicht besser unterrichtet. Wilhelm’s Manieren waren trocken und kalt, seine Constitution war schwächlich und kränklich und seine Gemüthsart nichts weniger als sanft; er war daher nicht der Mann, der nach gewöhnlichen Begriffen für geeignet gehalten werden konnte, einer sechsundzwanzigjährigen schönen jungen Frau eine heftige Leidenschaft einzuflößen. Es war bekannt, daß er seiner Gemahlin nicht immer ganz treu geblieben war und der Leumund hatte ausgesprengt, daß sie nicht glücklich mit ihm lebe. Die scharfsichtigsten Politiker ahneten daher nicht, daß er bei allen seinen Fehlern eine solche Herrschaft über ihr Herz erlangt hatte, als selbst Fürsten, die wegen ihres Glücks in der Liebe am berühmtesten waren, wie Franz I. und Heinrich IV., Ludwig XIV. und Karl II. sie niemals über ein weibliches Herz besessen hatten, und daß die drei Königreiche ihrer Voreltern in ihren Augen hauptsächlich deshalb einen Werth hatten, weil sie ihrem Gemahl durch die Verleihung derselben die Innigkeit und Uneigennützigkeit ihrer Liebe beweisen konnte. Danby versicherte ihr in seiner völligen Unkenntniß ihrer Gesinnungen, daß er ihre Rechte vertheidigen und daß, wenn sie ihn unterstütze, er sie allein auf den Thron setzen zu können hoffe.64
Der Plan der Whigs. Das Verfahren der Whigs war inzwischen einfach und consequent. Nach ihrer Doctrin war die Grundlage unsrer Regierung ein Vertrag, der auf der einen Seite durch den Unterthaneneid, auf der andren durch den Krönungseid ausgedrückt sei, und die durch diesen Vertrag auferlegten Pflichten waren gegenseitig. Sie hielten dafür, daß einem Fürsten, der seine Macht gröblich mißbrauchte, von seinem Volke mit vollem Rechte der Gehorsam verweigert und er des Thrones entsetzt werden könne. Daß Jakob seine Macht gröblich gemißbraucht hatte, wurde nicht bestritten, und die ganze Whigpartei war bereit, es offen auszusprechen, daß er sie verwirkt habe. Ob der Prinz von Wales untergeschoben war oder nicht, sei ein Punkt, der gar nicht der Untersuchung werth sei. Es gebe jetzt viel gewichtigere Gründe, ihn vom Throne auszuschließen als die, welche aus den Vorgängen bei seiner Geburt hergeleitet werden könnten. Ein Kind, das in einer Wärmpfanne ins Bett der Königin gelegt worden sei, könne möglicherweise auch ein guter König von England werden. Dies sei aber nicht von einem Kinde zu erwarten, das von seinem Vater, dem stupidesten und starrsinnigsten Tyrannen von der Welt, in einem fremden Lande, dem Sitze des Despotismus und des Aberglaubens erzogen werde, in einem Lande, wo jede Spur von Freiheit verschwunden sei, wo die Stände des Reichs sich nicht mehr versammelten, wo die Parlamente seit langer Zeit, ohne Gegenvorstellungen zu machen, die drückendsten Erlasse des Landesherrn zu Gesetzen erhoben hätten, wo Tapferkeit, Genie und Gelehrsamkeit nur da zu sein schienen, um einen einzelnen Mann zu vergrößern, wo kriechende Schmeichelei das Hauptstreben der Presse, der Kanzel und der Bühne, und wo die grausamste Verfolgung der reformirten Kirche ein Hauptgegenstand jener kriechenden Schmeichelei sei. Könne man wohl erwarten, daß der Knabe unter solcher Leitung und in solcher Umgebung die Institutionen seines Vaterlandes werde achten lernen? Könne man daran zweifeln, daß er zu einem Sklaven der Jesuiten und der Bourbons erzogen und ihm wo möglich noch heftigere Vorurtheile gegen die Gesetze Englands eingeimpft werden würden als irgend einem der vorhergehenden Stuarts?
Auch glaubten die Whigs nicht, daß bei der damaligen Lage des Landes eine Abweichung von der gewöhnlichen Thronfolge an sich ein Übel sei. Sie waren der Meinung, daß, wenn man diese Ordnung nicht unterbreche, die Lehre von dem unveräußerlichen Erbrechte und dem passiven Gehorsam dem Hofe stets gefallen, von Seiten der Geistlichkeit eingeschärft werden und in der öffentlichen Meinung einen starken Anhang behalten würde. Es würde die Ansicht vorherrschend bleiben, daß das Königthum eine göttliche Anordnung in einem andren Sinne sei, als in welchem jede Regierungsform eine solche Anordnung ist. Es liege auf der Hand, daß die Verfassung niemals gesichert sein könne, so lange dieser Irrwahn nicht zerstört sei. Denn eine wirklich beschränkte Monarchie könne in einer Gesellschaft, welche die Monarchie als etwas Göttliches und die Beschränkungen derselben als bloße menschliche Erfindungen betrachte, nicht lange bestehen. Wenn das Königthum in vollkommenem Einklange mit unseren Freiheiten bestehen solle, dürfe es sich auf keinen höheren oder ehrwürdigeren Rechtstitel berufen können, als den, auf welchen sich unsere Freiheiten gründeten. Der König müsse hinfüro als ein Beamter betrachtet werden, allerdings als ein hoher und hochzuachtender Beamter, der aber wie jeder andre Beamte dem Gesetze unterworfen sei und seine Macht in keinem andren Sinne vom Himmel herleiten könne, als man von den Lords oder den Gemeinen sagen dürfe, daß sie ihre Macht vom Himmel herleiteten. Das beste Mittel, um diese heilsame Veränderung zu bewirken, werde eine Unterbrechung der Erbfolge sein. Unter Souverainen, die es kaum für etwas Geringeres als für Hochverrath ansähen, wenn die Lehre vom Nichtwiderstande und die patriarchalische Regierungsform gepredigt würde, unter Souverainen, deren auf Beschlüsse der beiden Häuser sich gründende Autorität niemals höher steigen könne als die Quelle, aus der sie entsprungen sei, würde man schwerlich solche Bedrückungen zu fürchten haben, welche bereits zwei Generationen von Engländern gezwungen hätten, sich mit bewaffneter Hand gegen zwei Generationen von Stuarts zu erheben. Aus diesen Gründen waren die Whigs bereit, den Thron für erledigt zu erklären, ihn durch Wahl wieder zu besetzen und dem Fürsten ihrer Wahl Bedingungen vorzuschreiben, welche das Land gegen schlechte Regierung sichern konnten.
Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Die Zeit der Entscheidung dieser großen Fragen war jetzt gekommen. Am 22. Januar mit Tagesanbruch füllte sich das Haus der Gemeinen mit Rittern und Boroughvertretern. Auf den Bänken erblickte man viele Gesichter, welche unter der Regierung Karl’s II. hier wohlbekannt gewesen, unter seinem Nachfolger aber nicht daselbst gesehen worden waren. Die Mehrzahl der Torysquires und der mittellosen Anhänger des Hofes, welche massenweise in das Parlament von 1685 gewählt worden waren, hatten den Männern der ehemaligen Vaterlandspartei Platz gemacht, welche die Cabale gestürzt, die Habeascorpusacte durchgesetzt und die Ausschließungsbill vor die Lords gebracht hatten. Unter ihnen befand sich Powle, gründlich bewandert in der Geschichte und dem Rechte der Parlamente und ausgezeichnet durch die Beredtsamkeit, welche erforderlich ist, wenn hochwichtige Fragen feierlich der Erwägung von Senaten unterbreitet werden sollen, und Sir Thomas Littleton, wohlerfahren in der europäischen Politik und mit einer heftigen, scharfen Logik begabt, welche oftmals, wenn nach langer Sitzung die Lichter angezündet worden waren, das erschöpfte Haus neu belebt und die Debatte entschieden hatte. Hier saß auch Wilhelm Sacheverell, ein Redner, dessen große parlamentarische Fähigkeiten viele Jahre später ein Lieblingsthema alter Leute waren, welche die Kämpfe von Walpole und Pulteney erlebten.65 Diesen hervorragenden Männern zur Seite stand Robert Clayton, der reichste Kaufmann von London, dessen Palast in der alten Judenstadt die aristokratischen Gebäude in Lincoln’s Inn Fields und Conventgarden an Glanz übertraf, dessen Landgut zwischen den Hügeln von Surrey als ein wahres Eden geschildert ward, dessen Gastmähler mit denen der Könige wetteiferten und dessen einsichtsvolle Freigebigkeit, von der noch heute zahlreiche öffentliche Denkmale Zeugniß ablegen, ihm in den Annalen der City eine Stelle verschafft hat, welche nur der Gresham’s untergeordnet ist. In dem Parlamente, welches 1681 zu Oxford tagte, hatte Clayton als Vertreter der Hauptstadt und auf Ersuchen seiner Wähler um die Erlaubniß gebeten, die Ausschließungsbill einzubringen und Lord Russel hatte ihn darin unterstützt. Im Jahre 1685 hatte die ihrer Privilegien beraubte und von Creaturen des Hofes regierte Hauptstadt vier toryistische Vertreter gesandt. Jetzt aber war der alte Freibrief wieder zurückgegeben und Clayton war durch Acclamation wieder gewählt worden.66 Auch Johann Birch darf nicht unerwähnt bleiben. Er hatte seine Laufbahn als Fuhrmann begonnen, hatte aber in den Bürgerkriegen sein Geschirr im Stich gelassen, war Soldat geworden, hatte sich zum Range eines Obersten in der Armee der Republik emporgeschwungen, hatte in hohen fiskalischen Ämtern großes Geschäftstalent gezeigt, hatte viele Jahre im Parlament gesessen und obgleich er bis zuletzt die derben Manieren und den plebejischen Dialect seiner Jugend beibehielt, hatte er doch durch gesunden Verstand und Mutterwitz das Ohr der Gemeinen gewonnen und wurde von den ausgezeichnetsten Parlamentsrednern seiner Zeit als ein furchtbarer Gegner betrachtet.67 Dies waren die hervorragendsten unter den Veteranen, welche jetzt nach langer Abgeschiedenheit ins öffentliche Leben zurückkehrten. Sie wurden jedoch sehr bald durch zwei jüngere Whigs in den Schatten gestellt, welche an jenem wichtigen Tage zum ersten Male ihre Sitze einnahmen, bald zu den höchsten Ehrenstellen im Staate emporstiegen, gemeinsam die heftigsten Parteistürme bestanden und nachdem sie lange weit und breit als Staatsmänner, als Redner, als freigebige Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit berühmt gewesen waren, bald nach dem Regierungsantritte des Hauses Braunschweig wenige Monate hintereinander starben. Diese waren Karl Montague und Johann Somers.
Außerdem muß noch ein Name erwähnt werden, ein Name, welcher damals nur einem kleinen Kreise von Philosophen bekannt war, der aber jetzt bis über den Ganges und den Mississippi hinaus mit einer höheren Verehrung genannt wird, als man sie dem Gedächtniß der größten Krieger und Herrscher zollt. Unter der Menge der schweigenden Mitglieder erschien auch die majestätische Stirn und das gedankenvolle Antlitz Isaak Newton’s. Die berühmte Universität, der sein Genie schon einen eigenthümlichen noch nach Verlauf von hundertsechzig Jahren deutlich erkennbaren Character aufzudrücken begonnen, hatte ihn in die Convention gesandt, und hier saß er in seiner bescheidenen Größe als anspruchsloser, aber unerschütterlicher Freund der bürgerlichen und religiösen Freiheit.
Wahl eines Sprechers. Die Gemeinen schritten vor Allem zur Wahl eines Sprechers, und das Ergebniß dieser Wahl deutete schon unverkennbar ihre Ansicht über die großen Fragen an, die sie entscheiden sollten. Bis zum Vorabend der Versammlung hatte man geglaubt, daß Seymour zum Präsidenten gewählt werden würde. Er hatte dieses Amt früher mehrere Jahre bekleidet und hatte mehrfache gewichtige Ansprüche auf Beachtung: Herkunft, Vermögen, Kenntnisse, Erfahrung und Beredtsamkeit. Er hatte ferner lange an der Spitze eines einflußreichen Vereins von Mitgliedern aus den westlichen Grafschaften gestanden. Obgleich ein Tory, hatte er doch im letzten Parlament die Opposition gegen Papismus und Willkürherrschaft mit ausgezeichnetem Geschick und Muth geleitet. Er war einer der ersten Edelleute gewesen, der sich ins holländische Hauptquartier nach Exeter begeben, und war der Urheber der Verbindung, durch welche die Anhänger des Prinzen sich gegenseitig verpflichtet hatten, zusammen zu siegen oder zu fallen. Aber einige Stunden vor dem Zusammentritt der Häuser hatte sich das Gerücht verbreitet, Seymour sei gegen die Erklärung, daß der Thron erledigt sei. Sobald sich daher die Bänke gefüllt hatten, erhob sich der Earl von Wiltshire, welcher Hampshire vertrat, und schlug Powle zum Sprecher vor. Sir Vere Fane, Vertreter von Kent, unterstützte den Antrag. Es hätte allerdings ein plausibler Einwurf dagegen erhoben werden können, denn es war bekannt, daß eine Petition gegen Powle’s Wahl zum Präsidenten dem Parlament vorgelegt werden sollte; aber die allgemeine Stimme des Hauses berief ihn auf den Präsidentenstuhl, und die Tories hielten es für gerathen, sich damit einverstanden zu erklären.68 Das Scepter wurde auf den Tisch gelegt, die Liste der Mitglieder verlesen und die Namen der fehlenden vorgemerkt.
Inzwischen hatten sich auch die Peers in einer Anzahl von etwa hundert versammelt, hatten Halifax zum Sprecher gewählt und mehreren ausgezeichneten Juristen diejenigen Functionen übertragen, welche in ordentlichen Parlamenten den Richtern zukommen. Die beiden Häuser setzten sich im Laufe des Tages häufig mit einander in Vernehmen. Sie vereinigten sich zu dem Ersuchen, daß der Prinz die Zügel der Regierung in der Hand behalten möchte, bis er Weiteres von ihnen hören würde, zum Ausdrucke ihres Dankes für die Befreiung der Nation, die er mit Gottes Hülfe bewerkstelligt, und zu der Bestimmung, daß der 31. Januar als Dankfest für diese Befreiung gefeiert werden solle.69
Bis dahin hatte sich keine Meinungsverschiedenheit gezeigt; aber beide Parteien rüsteten sich zum Kampfe. Die Tories waren im Oberhause stark, im Unterhause schwach vertreten, und sie wußten, daß bei einer solchen Gelegenheit dasjenige Haus, welches zuerst zu einem Entschlusse kam, einen großen Vortheil über das andre haben mußte. Es war nicht die geringste Aussicht vorhanden, daß die Gemeinen einen Beschluß zu Gunsten des Regentschaftsplanes der Lords vorlegen würden, wenn aber ein solcher Beschluß von den Lords den Gemeinen vorgelegt wurde, so war es nicht ganz unmöglich, daß selbst viele von den whiggistischen Volksvertretern geneigt sein würden, sich lieber damit einverstanden zu erklären, als die große Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, in einer Krisis, welche Einmüthigkeit und rasches Handeln erforderte, Uneinigkeit und Verzögerung verursacht zu haben. Die Gemeinen hatten beschlossen, am Montag den 28. Januar die Lage der Nation in Erwägung zu ziehen. Daher schlugen die toryistischen Lords am Freitag, den 25. vor, sofort an das wichtige Geschäft zu gehen, um derentwillen sie sich versammelt hatten. Ihre Beweggründe wurden jedoch von Halifax, der seit seiner Rückkehr von Hungerford erkannt hatte, daß die Regierung nur nach whiggistischen Prinzipien eingerichtet werden konnte und der sich daher für den Augenblick eng an die Whigs angeschlossen hatte, klar durchschaut und ihre Taktik vereitelt. Devonshire trug darauf an, daß Dienstag, der neunundzwanzigste, der Tag sein solle. „Bis dahin,“ sagte er mit mehr Wahrheit als Überlegung, „können wir einige Aufklärungen von unten erhalten, die uns zur Richtschnur dienen können.“ Sein Antrag ging durch, seine Sprache aber wurde von einigen seiner Mitpeers als ihres Standes unwürdig streng getadelt.70
Debatte über die Lage der Nation. Am 28. erklärten sich die Gemeinen zu einem Comité des ganzen Hauses. Ein Mitglied, das vor mehr als dreißig Jahren einer von Cromwell’s Lords gewesen war, Richard Hampden, Sohn des berühmten Führers der Rundköpfe und Vater des Unglücklichen, der nur durch große Bestechungen und erniedrigende Demüthigungen mit genauer Noth der Rache Jakob’s entgangen war, wurde zum Präsidenten gewählt und die große Debatte begann.
Es zeigte sich sehr bald, daß eine überwiegende Majorität Jakob nicht mehr als König betrachtete. Gilbert Dolben, der Sohn des verstorbenen Erzbischofs von York, war der Erste, der sich zu dieser Ansicht bekannte, und er wurde darin von vielen Mitgliedern unterstützt, besonders von dem kühnen und heftigen Wharton, von Sawyer, dessen beharrliches Opponiren gegen das Dispensationsrecht seine früheren Vergehen einigermaßen wieder gut gemacht hatte, von Maynard, dessen Stimme, obgleich vom Alter so geschwächt, daß sie auf den entfernteren Bänken nicht vernommen werden konnte, doch noch immer die Achtung aller Parteien genoß und von Somers, dessen glänzende Beredtsamkeit und vielseitige Kenntnisse sich zum ersten Male in den Räumen des Parlaments entfalteten. Auch die schamlose Stirn und die geläufige Zunge Sir Wilhelm Williams’ waren auf derselben Seite zu finden. Er war schon stark betheiligt bei den Excessen der schlechtesten Opposition und der schlechtesten Regierung. Er hatte unschuldige Papisten und unschuldige Protestanten verfolgt, er war der Beschützer Oates’ und das Werkzeug Petre’s gewesen, sein Name war mit aufrührerischen Gewaltthätigkeiten, deren sich alle ehrenwerthen Whigs mit Bedauern und Beschämung erinnerten, und mit Handlungen des Despotismus verknüpft, welche alle ehrenwerthen Tories verabscheuten. Wie ein Mensch unter der Last solcher Schande noch leben kann, ist schwer zu begreifen; aber selbst eine solche Schande war für Williams noch nicht genug. Er schämte sich nicht, den gefallenen Gebieter anzugreifen, dem er sich zu Dienstleistungen, die kein rechtschaffener Mann irgend eines Justizcollegiums übernommen haben würde, vermiethet, und von dem er erst vor einem halben Jahre als Belohnung für seine Servilität eine Baronetschaft angenommen hatte.
Nur drei Mitglieder wagten es, sich der offenbar allgemeinen Ansicht der Versammlung zu widersetzen. Sir Christoph Musgrave, ein Torygentleman von großem Ansehen und Talent äußerte einige Zweifel. Heneage Finch ließ ebenfalls einige Äußerungen fallen, welche so verstanden wurden, als ob er die Eröffnung von Unterhandlungen mit dem Könige wünschte. Diese Andeutung wurde so übel aufgenommen, daß er sich beeilte, sie weg zu erklären. Er versicherte, daß er falsch verstanden worden sei. Er sei überzeugt, daß unter einem solchen Fürsten keine Sicherheit für Religion, Freiheit und Eigenthum denkbar sei. König Jakob zurückzurufen oder mit ihm zu unterhandeln, würde ein verderblicher Schritt sein; aber Viele, welche nie ihre Einwilligung dazu geben würden, daß er die königliche Gewalt wieder ausübte, könnten es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren, ihm auch den Königstitel zu nehmen. Es gebe jedoch einen Ausweg, der alle Schwierigkeiten beseitigte: eine Regentschaft. Dieser Vorschlag fand so wenig Beifall, daß Finch es nicht wagte, die Abstimmung darüber zu verlangen. Richard Fanshaw, Viscount Fanshaw aus Irland sprach einige Worte über Jakob und empfahl einen Aufschub; aber sein Vorschlag erregte allgemeines Mißfallen. Ein Mitglied nach dem andren stand auf, um die Wichtigkeit der Beschleunigung hervorzuheben. Jeder Augenblick, wurde gesagt, sei kostbar, die Erwartung des Volks sei aufs Höchste gespannt, so daß alle Geschäfte stockten. Die Minorität fügte sich murrend und räumte der überwiegenden Partei das Feld.
Worin das Verfahren der Majorität bestehen würde, war noch nicht recht klar, denn sie zerfiel in zwei Abtheilungen. Die eine bestand aus eifrigen und heftigen Whigs, die, wenn sie ihren Weg hätten gehen können, dem Verfahren der Convention einen entschieden revolutionären Character gegeben haben würden. Die andre gab zu, daß eine Revolution nothwendig sei, betrachtete sie aber als ein nothwendiges Übel und wünschte sie soviel als möglich unter dem Scheine der Gesetzmäßigkeit zu verhüllen. Die erstere Abtheilung verlangte die bestimmte Anerkennung des Rechtes der Unterthanen, schlechte Fürsten des Thrones zu entsetzen. Die andre Abtheilung wollte nur das Land von einem schlechten Fürsten befreien, ohne ein Prinzip aufzustellen, das leicht zu den Zwecke gemißbraucht werden könnte, die rechtmäßige und heilsame Autorität zukünftiger Monarchen zu schwächen. Die erstere Abtheilung hob namentlich die schlechte Regierung des Königs, die andre seine Flucht hervor; jene war der Ansicht, daß er seine Krone verwirkt, diese, daß er ihr freiwillig entsagt habe. Es war nicht leicht, eine Beschlußformel zu entwerfen, welche Allen gefiel, deren Zustimmung zu erlangen von Wichtigkeit war; endlich aber wurde aus den von verschiedenen Seiten gemachten Vorschlägen ein Beschluß gebildet, der alle Theile befriedigte.
Beschluß, durch den der Thron für erledigt erklärt wird. Es wurde beantragt, daß König Jakob II., indem er es versucht, durch einen Bruch des ursprünglichen Vertrags zwischen König und Volk die Verfassung des Reichs umzustürzen, und indem er auf den Rath der Jesuiten und anderer übelgesinnter Personen die Grundgesetze verletzt und sich aus dem Lande entfernt, die Regierung niedergelegt habe und daß der Thron dadurch erledigt worden sei.
Dieser Beschluß ist häufig einer so genauen und strengen Kritik unterworfen worden wie irgend eine von Menschenhand geschriebene Sentenz, und doch giebt es vielleicht keine von Menschenhand geschriebene Sentenz, die eine solche Kritik weniger vertrüge. Daß ein König seine Macht durch groben Mißbrauch derselben verwirken kann, ist wahr. Daß man von einem Könige, der auf und davon geht, ohne Vorsorge für die Verwaltung der Regierungsgeschäfte zu treffen, und sein Volk in einem Zustande von Anarchie zurückläßt, ohne gewaltsame Wortverdrehung sagen kann, er habe seine Funktionen niedergelegt, ist ebenfalls wahr. Aber kein gewissenhafter Schriftsteller wird behaupten, daß lange fortgesetzte schlechte Regierung und Flucht zusammengenommen einen Abdankungsact constituiren. Ebenso klar ist es, daß die Erwähnung der Jesuiten und anderer schlechter Rathgeber Jakob’s die Beschuldigung gegen ihn schwächt, anstatt sie zu bekräftigen. Denn ein durch schlimme Rathgeber irregeleiteter Mann verdient gewiß mehr Nachsicht als einer, der lediglich aus eigenem Antriebe Unrecht thut. Es ist jedoch ein eitles Beginnen, diese denkwürdigen Worte zu analysiren, wie wir ein Kapitel von Aristoteles oder von Hobbes untersuchen. Derartige Worte sind nicht als Worte, sondern als Thaten zu betrachten, und wenn sie das bewirken, was sie bewirken sollen, so sind sie vernünftig, mögen sie auch an sich widersinnig sein. Erreichen sie aber ihren Zweck nicht, so sind sie absurd, wenn sie auch Beweiskraft in sich tragen. Die Logik läßt keine Auslegung zu. Das Wesen der Politik aber ist die Auslegung. Es ist daher nicht zu verwundern, daß einige der wichtigsten und nützlichsten politischen Dokumente zu den unlogischesten Aufsätzen gehören, welche je geschrieben wurden. Somers, Maynard und die anderen ausgezeichneten Männer, welche den berühmten Antrag entwarfen, hatten dabei nicht den Zweck, der Nachwelt ein Muster von Definition und Eintheilung zu hinterlassen, sondern die Wiedereinsetzung eines Tyrannen unmöglich zu machen und einen Fürsten auf den Thron zu erheben, unter welchem Gesetz und Freiheit gesichert waren. Diesen Zweck erreichten sie durch die Anwendung von Worten, welche in einer philosophischen Abhandlung mit Recht als ungenau und unklar getadelt worden wären. Es kümmerte sie wenig, ob der Vordersatz und der Schlußsatz zu einander paßten, wenn nur der Vordersatz ihnen zweihundert Stimmen und der Schlußsatz weitere zweihundert Stimmen verschaffte. Die einzige Schönheit des Beschlusses ist in der That seine Inconsequenz. Sie enthielt eine Phrase für jede Unterabtheilung der Majorität. Die Erwähnung des ursprünglichen Vertrags befriedigte die Anhänger Sidney’s. Das Wort Abdankung beschwichtigte Politiker einer zurückhaltenderen Schule. Vielen eifrigen Protestanten gefiel ohne Zweifel der gegen die Jesuiten ausgesprochene Tadel. In den Augen des wirklichen Staatsmanns war der einzige wichtige Satz der, welcher den Thron für erledigt erklärte, und wenn nur dieser Satz angenommen wurde, so war es ihm ziemlich gleichgültig, welche Einleitung demselben vorausging. Eine so vereinigte Macht ließ keiner Hoffnung auf Widerstand Raum. Der Antrag wurde vom Ausschusse ohne Abstimmung angenommen, und es wurde unverzügliche Berichterstattung darüber beschlossen. Powle nahm den Präsidentenstuhl wieder ein, das Scepter wurde auf den Tisch gelegt, Hampden trug auf Erhebung zum Beschluß an, das Haus gab seine Zustimmung und die sofortige Überreichung an die Lords wurde anbefohlen.71
Der Beschluß wird den Lords vorgelegt. Am folgenden Morgen frühzeitig versammelten sich die Lords. Die Bänke der geistlichen wie der weltlichen Lords waren dicht besetzt. Hampden erschien in der Schranke und überreichte Halifax den Beschluß der Gemeinen. Das Oberhaus constituirte sich hierauf zu einem Comité und Danby nahm den Präsidentenstuhl ein.
Die Discussion wurde bald durch das nochmalige Erscheinen Hampden’s unterbrochen, der eine andre Botschaft überbrachte. Das Haus constituirte sich wieder als solches und vernahm, daß die Gemeinen es so eben als unvereinbar mit der Sicherheit und dem Wohle der protestantischen Nation erklärt habe, von einem papistischen Könige regiert zu werden. So wenig sich dieser Beschluß mit dem Prinzipe des unveräußerlichen Erbrechts vertrug, so gaben die Peers doch auf der Stelle und einmüthig ihre Zustimmung zu demselben. Der dadurch aufgestellte Grundsatz ist bis auf unsre Zeit von allen protestantischen Staatsmännern stets heilig gehalten worden und kein verständiger Katholik hat ihn je als Einwendungen zulassend betrachtet. Wenn unsere Souveraine, wie die Präsidenten der Vereinigten Staaten, bloße bürgerliche Beamte wären, so würde es allerdings schwer sein, eine solche Beschränkung zu rechtfertigen. Allein mit der englischen Krone ist zugleich die Oberhauptswürde über die englische Kirche verbunden, und es ist keine Intoleranz, wenn man sagt, daß eine Kirche nicht einem Oberhaupte unterthan sein kann, das sie als schismatisch und ketzerisch betrachtet.72
Debatte im Oberhause über den Regentschaftsplan. Nach dieser kurzen Unterbrechung constituirten sich die Lords wieder zum Comité. Die Tories drangen darauf, daß ihr Plan berathen werden sollte, ehe der Beschluß der Gemeinen, welcher den Thron für erledigt erklärte, in Betracht gezogen würde. Dies ward ihnen zugestanden und die Frage gestellt, ob eine Regentschaft, die während Jakob’s Lebzeiten in seinem Namen die königliche Gewalt ausübe, das beste Mittel zur Aufrechthaltung der Gesetze und der Freiheiten der Nation sein würde.
Der Kampf war lang und heftig. Die Hauptsprecher zu Gunsten einer Regentschaft waren Rochester und Nottingham. Halifax und Danby waren die leitenden Häupter der andren Seite. Der Primas trat sonderbarerweise nicht auf, obgleich die toryistischen Peers ihn dringend ersucht hatten, sich an ihre Spitze zu stellen. Seine Abwesenheit zog ihm vielfachen bitteren Tadel zu, und selbst seine Lobredner waren nicht im Stande, eine seinem Character zur Ehre gereichende Erklärung zu finden.73 Der Regentschaftsplan war von ihm ausgegangen und er hatte erst vor wenigen Tagen in einem von ihm eigenhändig geschriebenen Aufsatze diesen Plan für den unzweifelhaft besten erklärt, den man annehmen könnte. Die Besprechungen der Lords, welche diesen Plan unterstützten, hatten unter seinem eigenen Dache stattgefunden. Seine Stellung machte es ihm unbestreitbar zur Pflicht, seine Ansicht öffentlich auszusprechen. Den Verdacht persönlicher Feigheit oder niedriger Habsucht kann Niemand auf ihn werfen. Wahrscheinlich that er aus einer krankhaften Besorgniß, etwas Unrechtes zu thun, in diesem wichtigen Augenblicke nichts, aber er hätte wissen sollen, daß bei einem Manne in seiner Stellung nichts thun so viel hieß als Unrecht thun. Ein Mann, der zu scrupulös ist, um in einer wichtigen Krisis eine große Verantwortlichkeit zu übernehmen, sollte auch zu scrupulös sein, um die Stelle eines ersten Dieners der Kirche und eines ersten Peers des Reichs anzunehmen.
Ein Wunder war es jedoch nicht, daß Sancroft nicht wohl zu Muthe war, denn er konnte wohl kaum gegen die auf der Hand liegende Wahrheit blind sein, daß der Plan, den er seinen Freunden empfohlen, durchaus unverträglich war mit Allem, was er und seine Amtsbrüder seit vielen Jahren gepredigt hatten. Die anglikanische Kirche hatte sich lange mit der Lehre gebrüstet, daß der König ein göttliches und unveräußerliches Recht auf die königliche Gewalt habe und daß man sich der königlichen Gewalt, selbst wenn sie gröblich gemißbraucht würde, nicht widersetzen dürfe, ohne eine Sünde zu begehen. Hatte denn diese Lehre wirklich nur die Bedeutung, daß der König ein göttliches und unveräußerliches Recht habe, sein Bildniß und seinen Namen in ein Petschaft stechen zu lassen, welches täglich gegen seinen Willen dazu gebraucht werden konnte, seine Feinde zum Krieg gegen ihn zu ermächtigen und seine Freunde an den Galgen zu schicken, weil sie ihm gehorcht hatten? Bestand denn die ganze Pflicht eines guten Unterthanen in der Anwendung des Wortes König? Dann hatten Fairfax bei Naseby und Bradshaw im Hohen Gerichtshofe ihre ganze Pflicht als gute Unterthanen erfüllt, denn Karl war von den gegen ihn befehligenden Generälen und selbst von den ihn verurtheilenden Richtern als König bezeichnet worden. Nichts hatte die Kirche in dem Verfahren des langen Parlaments schärfer getadelt als den sinnreichen Einfall, den Namen Karl’s gegen ihn selbst zu gebrauchen. Alle ihre Diener waren aufgefordert worden, eine Erklärung zu unterschreiben, welche die Fiction, wodurch die Autorität des Souverains von seiner Person getrennt worden war, als hochverrätherisch verdammte.74 Gleichwohl würde diese hochverrätherische Fiction jetzt von dem Primas und vielen seiner Suffraganen als die einzige Grundlage betrachtet, auf der sie in strenger Übereinstimmung mit christlichen Prinzipien eine Regierung aufrichten konnten.
Die Unterscheidung, welche Sancroft von den Rundköpfen der vorhergehenden Generation entlehnt hatte, stürzte von Grund aus das ganze politische System um, das die Kirche und die Universitäten vom Apostel Paulus gelernt zu haben behaupteten. Tausendmal war es wiederholt worden, daß der heilige Geist den Römern befohlen habe, sich Nero zu unterwerfen. Jetzt schien dieses Gebot nur den Sinn gehabt zu haben, daß die Römer den Nero Augustus nennen sollten. Es stand ihnen vollkommen frei, ihn über den Euphrat zu jagen, ihn von der Freigebigkeit der Parther leben zu lassen, ihm gewaltsamen Widerstand zu leisten, wenn er einen Versuch zur Rückkehr machen sollte, Alle die ihm beistanden oder mit ihm verkehrten, zu bestrafen, und die tribunitische und consulatorische Gewalt, den Vorsitz im Senat und den Oberbefehl über die Legionen auf Galba oder Vespasian zu übertragen.
Die Analogie, welche der Erzbischof zwischen einem thörichten König und einem wahnsinnigen König entdeckt zu haben glaubte, hält keinen Augenblick gründlicher Prüfung aus. Es war klar, daß Jakob sich nicht in einem solchen Geisteszustande befand, wo ihn, wäre er ein Landedelmann oder ein Kaufmann gewesen, ein Gerichtshof für unfähig erklärt haben würde, einen Vertrag abzuschließen, oder ein Testament zu machen. Er war nur in so weit geistesschwach, als alle schlechten Könige geistesschwach sind, wie Karl I. geistesschwach war, als er aufbrach, um die fünf Parlamentsmitglieder festzunehmen, wie Karl II. geistesschwach war, als er den Vertrag von Dover schloß. Wenn diese Art der Geisteskrankheit Unterthanen nicht das Recht gab, ihren Fürsten den Gehorsam zu verweigern, so war der Regentschaftsplan offenbar nicht zu vertheidigen. Im entgegengesetzten Falle war das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig aufgegeben und Alles gutgeheißen, was ein gemäßigter Whig je behauptet hatte.
Was den Unterthaneneid anlangt, um den Sancroft und seine Anhänger so sehr besorgt waren, so ist wenigstens das klar, daß sie Unrecht hatten, mochte übrigens Recht haben wer da wollte. Die Whigs waren der Ansicht, daß der Unterthaneneid gewisse Bedingungen enthalte, das der König diese Bedingungen verletzt und daß der Eid dadurch seine Kraft verloren habe. War aber die whiggistische Meinung irrig, und der Eid noch bindend, konnten dann verständige Männer wirklich glauben, daß sie sich keines Eidbruches schuldig machten, wenn sie für eine Regentschaft stimmten? Konnten sie behaupten, daß sie die Unterthanentreue gegen Jakob nicht verletzten, wenn sie trotz seiner angesichts ganz Europa’s erhobenen Protestationen einen Andren ermächtigten, die königlichen Revenuen zu beziehen, Parlamente einzuberufen und zu prorogiren, Herzöge und Earls zu creiren, Bischöfe und Richter zu ernennen, Verbrecher zu begnadigen, über die Streitkräfte des Staats zu verfügen und mit fremden Mächten Verträge zu schließen? Hatte Pascal wohl in allen Folianten der jesuitischen Casuistiker einen verachtungswertheren Sophismus finden können als der war, welcher jetzt, wie es schien, hinreichte, um das Gewissen der Väter der anglikanischen Kirche zu beruhigen?
Es konnte nichts Augenfälligeres geben, als daß sich der Regentschaftsplan nur vom whiggistischen Standpunkte vertheidigen ließ. Über die Rechtsfrage konnte zwischen den vernünftigen Anhängern des Planes und der Majorität des Hauses der Gemeinen kein Streit obwalten. Es blieb nur eine Zweckmäßigkeitsfrage übrig. Und konnte wohl irgend ein Staatsmann im Ernst behaupten, daß es zweckmäßig sei, eine Regierung mit zwei Oberhäuptern einzusetzen und dem einen dieser beiden Oberhäupter die königliche Macht ohne die königliche Würde, dem andren die königliche Würde ohne die königliche Macht zu ertheilen? Es war notorisch, daß eine solche Einrichtung, selbst wenn sie durch die Unmündigkeit oder Geistesschwäche eines Fürsten geboten war, ernste Nachtheile hatte. Daß Regentschaftsperioden Zeiten der Schwäche, der Unruhen oder des Unheils sind, war eine durch die ganze Geschichte Englands, Frankreichs und Schottlands bewiesene, fast sprichwörtlich gewordene Wahrheit. Indessen war der König im Fall der Unmündigkeit oder Geistesschwäche wenigstens passiv, und er konnte dem Regenten nicht thätig entgegenwirken. Der gegenwärtige Vorschlag aber hieß so viel als England zwei Staatsoberhäupter von reifem Alter und gesundem Verstande geben, die einen unversöhnlichen Krieg gegeneinander führten. Es war lächerlich, davon zu reden, daß man Jakob bloß den Königstitel lassen und ihm alle königliche Macht entziehen wolle. Denn der Titel war ein Theil der Macht. Das Wort König war ein Zauberwort, mit dem sich bei vielen Engländern die Idee einer von oben stammenden geheimnißvollen Eigenschaft und bei allen Engländern der Begriff einer rechtmäßigen und ehrwürdigen Autorität verband. Wenn der Titel eine solche Macht in sich trug, so konnten Diejenigen, welche behaupteten, daß Jakob alle Macht entzogen werden müsse, gewiß nicht leugnen, daß man ihm auch den Titel nehmen mußte.
Und wie lange sollte die von Sancroft’s Genie ersonnene anomale Regierung dauern? Jeder Grund, der überhaupt für ihre Errichtung angeführt werden konnte, konnte mit gleicher Beweiskraft für Beibehaltung derselben bis ans Ende der Zeiten geltend gemacht werden. War der nach Frankreich gebrachte Knabe wirklich von der Königin geboren, so mußte er später das göttliche und unveräußerliche Recht erben, König genannt zu werden, und das nämliche Recht ging dann sehr wahrscheinlich durch das ganze achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert von Papist zu Papist über. Beide Häuser aber hatten einstimmig beschlossen, daß England nicht von einem Papisten regiert werden sollte. Es konnte daher leicht kommen, daß, von Geschlecht zu Geschlecht Regenten die Regierung im Namen vacirender und bettelnder Könige verwalteten. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Regenten vom Parlament ernannt werden mußten, und so würde diese Erfindung, welche das geheiligte Prinzip der erblichen Monarchie ungeschwächt aufrechterhalten sollte, zur Folge gehabt haben, daß die Monarchie factisch eine Wahlmonarchie geworden wäre.
Außerdem wurde noch ein unverwerflicher Grund gegen Sancroft’s Plan geltend gemacht. Die Gesetzsammlung enthielt ein Gesetz, daß bald nach Beendigung des langen und blutigen Kampfes zwischen den Häusern York und Lancaster zu dem Zwecke erlassen worden war, das Unheil abzuwenden, welches die abwechselnden Siege dieser beiden Häuser über den Adel und die Gentry des Reichs gebracht hatten. Dieses Gesetz bestimmte, daß Niemand deshalb, weil er es mit einem im Besitz der Macht befindlichen König gehalten, den auf Hochverrath gesetzten Strafen verfallen sollte. Als den Königsmördern nach der Restauration der Prozeß gemacht wurde, behaupteten einige von ihnen, ihr Fall sei nach diesem Gesetze zu richten. Sie sagten, sie hätten der Regierung gehorcht, die im Besitz der Macht gewesen, und sie seien daher keine Hochverräther. Die Richter gaben zu, daß dies eine gute Entschuldigung sein würde, wenn die Gefangenen unter der Autorität eines Usurpators gehandelt hätten, der, wie Heinrich IV. und Richard III. den Königstitel getragen, erklärten aber, daß ein solcher Entschuldigungsgrund Leuten, welche einen in der Anklageacte, im Todesurtheile und im Hinrichtungsbefehle als König bezeichneten Mann angeklagt, verurtheilt und hingerichtet hatten, nicht zu Gute kommen konnte. Daraus folgte sonach, daß Jeder, der einen Regenten gegen Jakob unterstützte, große Gefahr lief, gehängt, geschleift und geviertheilt zu werden, wenn Jakob einmal wieder zur höchsten Macht gelangte, daß aber Niemand ohne eine solche Verletzung des Gesetzes, wie selbst ein Jeffreys sie schwerlich zu begehen gewagt haben würde, bestraft werden könnte, weil er einen wenn auch unrechtmäßigerweise zu Whitehall regierenden Könige gegen einen zu Saint-Germain im Exil lebenden rechtmäßigen Könige gehalten hatte.75
Man sollte meinen, daß diese Gründe keinen Einwand zuließen, und sie wurden in der That von Danby, der die wundervolle Gabe besaß, jeden Gegenstand, den er behandelte, auch dem beschränktesten Verstande klar zu machen, und von Halifax, der in Gedankenreichthum und glänzender Diction unter den Rednern der damaligen Zeit seines Gleichen nicht hatte, mit Nachdruck hervorgehoben. Aber die Tories waren im Oberhause so zahlreich und mächtig, daß sie trotz der Unhaltbarkeit ihrer Sache, des Abfalls ihres Führers und der Geschicklichkeit ihrer Gegner bei einem Haare den Sieg davongetragen hätten. Hundert Lords stimmten ab. Neunundvierzig stimmten für eine Regentschaft, einundfünfzig dagegen. Bei der Minorität befanden sich die natürlichen Söhne Karl’s, die Schwäger Jakob’s, die Herzöge von Somerset und von Ormond, der Erzbischof von York und elf Bischöfe. Mit der Majorität stimmte außer Compton und Trelawney kein Prälat.76
Es war fast neun Uhr Abends, als das Haus auseinanderging. Der folgende Tag war der dreißigste Januar, der Todestag Karl’s I. Die große Körperschaft des anglikanischen Clerus hatte es seit vielen Jahren für eine heilige Pflicht gehalten, an diesem Tage die Lehren vom Nichtwiderstande und vom passiven Gehorsam einzuschärfen. Ihre früheren Predigten konnten sie jedoch jetzt nicht mehr brauchen und viele Geistliche waren sogar in Zweifel, ob sie es wagen dürften, die ganze Liturgie zu lesen. Das Unterhaus hatte erklärt, daß der Thron erledigt sei, das Oberhaus hatte noch gar keine Ansicht ausgesprochen, und es war daher nicht leicht zu entscheiden, ob die Gebete für den Souverain angewendet werden konnten. Jeder Gottesdienst haltende Geistliche handelte nach seinem persönlichen Ermessen. In den meisten Kirchen der Hauptstadt wurden die Gebete für Jakob weggelassen; in der Margarethenkirche aber las Sharp, Dechant von Norwich, welcher ersucht worden war, vor den Mitgliedern des Unterhauses zu predigen, nicht allein die ganzen Gebete, wie sie im Buche standen, sondern extemporirte auch vor seiner Predigt einen Segen für den König und sprach am Schlusse seines Vortrags gegen die jesuitische Lehre, daß Unterthanen berechtigt seien, ihre Fürsten abzusetzen. Der Sprecher beschwerte sich noch denselben Nachmittag vor dem Hause über diese Beleidigung. „Heute fassen Sie einen Beschluß,“ sagte er, „und morgen hören Sie denselben mit eigenen Ohren auf der Kanzel widersprechen.“ Sharp wurde von den Tories kräftig in Schutz genommen und hatte selbst unter den Whigs Freunde; denn es war noch nicht vergessen, daß er sich in schlimmen Zeiten durch den Muth, mit dem er trotz des königlichen Befehls gegen den Papismus gepredigt, ernsten Gefahren ausgesetzt hatte. Sir Christoph Musgrave bemerkte sehr treffend, das Haus habe den Beschluß, welcher den Thron für erledigt erklärte, noch nicht bekannt machen lassen. Sharp sei daher nicht allein nicht verpflichtet gewesen, von diesem Beschlusse etwas zu wissen, sondern er hätte sogar nicht Notiz davon nehmen können, ohne sich eine Verletzung des Privilegiums des Hauses zu Schulden kommen zu lassen, wofür er hätte vor die Schranken gefordert und kniend einen Verweis erhalten können. Die Majorität sah ein, daß es nicht weise gewesen wäre, in diesem Augenblicke mit der Geistlichkeit zu hadern und man ließ den Gegenstand daher fallen.77
Während die Gemeinen über Sharp’s Predigt discutirten, hatten sich die Lords wieder zu einem Comité zur Erwägung der Lage der Nation constituirt und hatten den Beschluß, der den Thron für erledigt erklärte, Satz für Satz vorlesen lassen.
Der erste Ausdruck, über den sich eine Debatte entspann, war der, welcher den ursprünglichen Vertrag zwischen König und Volk anerkannte. Es war nicht zu erwarten, daß die toryistischen Peers eine die Quintessenz des Whiggismus enthaltende Phrase ohne Einwendungen würden durchgehen lassen. Es wurde abgestimmt und mit dreiundfünfzig gegen sechsundvierzig Stimmen beschlossen, daß die Worte stehen bleiben sollten.
Der strenge Tadel, den die Gemeinen über die Verwaltung Jakob’s ausgesprochen hatten, wurde nun zunächst in Betracht gezogen und ohne eine einzige abweichende Stimme gebilligt. Nur gegen den Ausdruck, Jakob habe die Regierung niedergelegt, wurden einige redactionelle Einwendungen gemacht. Es wurde hervorgehoben, man könne richtiger sagen, daß er sie verlassen habe. Dieses Amendement wurde, wie es scheint, fast ohne alle Debatte, und ohne Abstimmung angenommen. Inzwischen war es spät geworden, und die Lords hoben daher die Sitzung auf.78
Spaltung zwischen den Whigs und den Anhängern Danby’s. Bis hieher hatte die kleine Anzahl Peers, welche unter Danby’s Leitung standen, in festem Bunde mit Halifax und den Whigs gehandelt. Das Ergebniß dieser Einigung war die Verwerfung des Regentschaftsplanes und die Bestätigung des Grundsatzes vom ursprünglichen Vertrag. Der Satz, daß Jakob aufgehört habe, König zu sein, war der Vereinigungspunkt der beiden Parteien gewesen, welche zusammen die Majorität gebildet hatten. Von diesem Punkte an aber gingen ihre Wege auseinander. Die nächste zu entscheidende Frage war, ob der Thron erledigt sei, und dies war keine bloße Formfrage, sondern eine Frage von ernster praktischer Bedeutung. Wenn der Thron erledigt war, so konnten die Stände des Reichs Wilhelm auf denselben erheben; war er nicht erledigt, so konnte er erst nach seiner Gemahlin, nach der Prinzessin Anna und nach deren Nachkommenschaft auf denselben gelangen.
Nach der Ansicht der Anhänger Danby’s war es ein feststehender Grundsatz, daß unser Land nicht einen Augenblick ohne einen rechtmäßigen Fürsten sein konnte. Der Mensch konnte sterben, aber der Regent war unsterblich; der Mensch konnte abdanken, der Regent aber war unabsetzbar. Wenn wir, sagten diese Politiker, einmal zugeben, daß der Thron erledigt ist, so geben wir auch zu, daß er durch Wahl besetzt werden kann. Der Souverain, den wir auf denselben erheben, wird dann nicht ein Souverain nach englischem, sondern einer nach polnischem Modus sein. Selbst wenn wir die Person wählten, welche dem Geburtsrechte nach zur Regierung kommen würde, so würde diese Person doch nicht kraft des Geburtsrechtes, sondern kraft unsrer Wahl regieren und würde als Geschenk erhalten was als Erbtheil betrachtet werden sollte. Die heilsame Ehrfurcht, mit der das königliche Blut und das Erstgeburtsrecht bisher betrachtet worden sind, würde bedeutend geschwächt werden. Noch schlimmer würde das Übel sein, wenn wir den Thron nicht allein durch Wahl, sondern mit einem Prinzen besetzten, der zwar unbestreitbar die Eigenschaften eines großen und guten Regenten hat und uns eine wunderbare Befreiung gebracht, der aber nicht der Erste, ja nicht einmal der Zweite in der Thronfolgeordnung ist. Wenn wir einmal sagen, daß Verdienste, so groß sie immer sein mögen, ein Anrecht auf die Krone geben, so erschüttern wir die Grundpfeiler unsrer Verfassung und liefern einen Precedenzfall, den jeder ehrgeizige Krieger oder Staatsmann, welcher dem Lande einen großen Dienst geleistet haben mag, in seinem Interesse zu benutzen sich versucht fühlen wird. Diese Gefahr vermeiden wir, wenn wir die Prinzipien der Verfassung logisch bis zu ihren Consequenzen festhalten. Es hat eine Niederlegung der Krone stattgefunden. Im Augenblicke der Niederlegung wurde der nächste Erbe unser rechtmäßiger Souverain. Wir betrachten die Prinzessin von Oranien als nächste Erbin, und sind der Meinung, daß sie unverzüglich als das was sie wirklich ist, als unsre Königin, proklamirt werden muß.
Die Whigs entgegneten hierauf, es sei nutzlos, die gewöhnlichen Regeln auf ein im Zustande der Revolution befindliches Land anzuwenden, die jetzt obschwebende große Frage dürfe nicht nach den Ansprüchen pedantischer Templer entschieden werden, und wenn sie so entschieden werden solle, so könnten derartige Aussprüche auf der einen Seite eben so gut wie auf der andren angeführt werden. Wenn es ein Rechtsgrundsatz sei, daß der Thron nie unbesetzt sein könne, so sei es auch ein Rechtsgrundsatz, daß ein noch lebender Mensch keinen Erben haben könne. Jakob lebte noch; wie könnte also die Prinzessin von Oranien seine Erbin sein? Das englische Recht habe allerdings vollständige Vorsorge für die Thronfolge getroffen, für den Fall, daß die Macht eines Souverains zu gleicher Zeit mit seinem Leben endete, nicht aber für die seltenen Fälle, in denen seine Macht vor dem Aufhören seines physischen Lebens endete, und mit einem dieser höchst seltenen Fälle habe die Convention es jetzt zu thun. Daß Jakob nicht mehr auf dem Throne sitze, hätten beide Häuser erklärt. Weder das gemeine Recht, noch das in den Gesetzen enthaltene Recht bezeichne irgend Jemanden als befugt, in der Zeit zwischen seiner Abdankung und seinem Ableben den Thron einzunehmen. Daraus folge, daß der Thron erledigt sei und daß die Häuser den Prinzen von Oranien ersuchen könnten, denselben einzunehmen. In der Geburtsordnung sei er allerdings nicht der Nächste, allein dies sei kein Nachtheil, sondern vielmehr gerade eine positive Empfehlung. Die erbliche Monarchie sei eine gute politische Institution, aber keineswegs heiliger als andere gute politische Institutionen. Leider hätten bigotte und servile Theologen es zu einem religiösen Mysterium gemacht, das fast eine eben so heilige Scheu erwecke und eben so unbegreiflich sei, als die Transsubstantiation selbst. Die Institution aufrecht zu erhalten, aber die nachtheiligen abergläubischen Begriffe zu entfernen, die man seit den letzten Jahren daran geknüpft, und die sie zu einem Fluche, anstatt zu einem Segen für die Gesellschaft gemacht hätten, müsse das Hauptbestreben der englischen Staatsmänner sein, und dieser Zweck werde am besten erreicht werden, wenn man einmal von der allgemeinen Erbfolgeordnung ein wenig abweiche und dann wieder zu derselben zurückkehre.
Versammlung bei dem Earl von Devonshire. Es wurden viele Versuche gemacht, um einen offenen Bruch zwischen der Partei des Prinzen und der Partei der Prinzessin zu verhüten. Eine große Versammlung wurde im Hause des Earl von Devonshire gehalten und daselbst lebhaft debattirt. Halifax war der Hauptsprecher für Wilhelm, Danby für Marien. Von Marien’s Gesinnungen wußte Danby nichts. Sie wurde seit einiger Zeit in London erwartet, war aber zuerst durch die Eismassen, welche die Flußmündungen versperrten, und nach eingetretenem Thauwetter durch heftige Westwinde in Holland, zurückgehalten worden. Wäre sie früher gekommen, so würde der Streit wahrscheinlich mit einem Male beigelegt worden sein. Auf der andren Seite war Halifax nicht ermächtigt irgend etwas im Namen Wilhelm’s zu thun. Der Prinz hatte, getreu seinem Versprechen, daß er die Einsetzung der Regierung der Convention überlassen werde, eine undurchdringliche Zurückhaltung bewahrt und hatte sich kein Wort, keinen Blick, keine Geberde entschlüpfen lassen, welche Zufriedenheit oder Mißfallen hätte verrathen können. Einer seiner Landsleute, der sein Vertrauen in hohem Maße genoß, war zu der Versammlung eingeladen und von den Peers dringend ersucht worden, daß er ihnen einige Aufschlüsse geben möchte. Er weigerte sich lange. Endlich aber gab er ihren Bitten insoweit nach, daß er sagte: „Ich kann die Gesinnung Seiner Hoheit nur muthmaßen. Wenn Sie es gern wissen wollen, was ich muthmaße, so will ich es Ihnen sagen: ich vermuthe, daß er nicht gern der Ceremonienmeister seiner Gemahlin werden möchte. Doch ich weiß nichts.“ — „Aber ich weiß nun etwas,“ erwiederte Danby. „Ich weiß genug, mehr als genug.“ Dann entfernte er sich und die Versammlung ging auseinander.79
Am 31. Januar wurde die so beendigte Privatdebatte im Hause der Peers öffentlich wieder aufgenommen. Dieser Tag war zur Feier des Nationaldankfestes bestimmt worden. Mehrere Bischöfe, darunter Ken und Sprat, hatten für diese Gelegenheit ein besonderes Gebet abgefaßt. Es ist vollkommen frei von Schmeicheleien wie von Gehässigkeiten, welche derartige Erzeugnisse damals nur zu oft verunzierten und hält vielleicht besser als irgend ein andres Gelegenheitsgebet, das seit zwei Jahrhunderten verfaßt wurde, einen Vergleich mit jenem herrlichen Muster reiner, erhabener und ergreifender Beredtsamkeit, mit dem allgemeinen Gebetbuche aus. Die Lords gingen am Morgen in die Westminsterabtei. Die Gemeinen hatten Burnet gebeten, in der Margarethenkirche vor ihnen zu predigen. Von ihm hatte man nicht zu fürchten, daß er in den Fehler verfallen werde, welcher den Tag vorher daselbst begangen worden war. Sein kräftiger und lebendiger Vortrag fand gewiß lauten Beifall bei seinen Zuhörern. Die Predigt wurde nicht allein auf Befehl des Hauses gedruckt, sondern auch zur Erbauung fremder Protestanten ins Französische übersetzt.80 Der Tag wurde mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen Festlichkeiten beschlossen. Die ganze Stadt strahlte von Feuerwerk und Freudenfeuern; der Kanonendonner und das Glockengeläute dauerten bis tief in die Nacht hinein; aber ehe die Lichter erloschen und die Straßen wieder still geworden waren, hatte ein Ereigniß stattgefunden, das die Freude des Volks dämpfte.
Debatte im Hause der Lords über die Frage der Thronerledigung. Die Peers hatten sich aus der Abtei in ihr Sitzungslokal begeben und die Discussion über die Lage der Nation wieder aufgenommen. Die letzten Worte des Beschlusses der Gemeinen wurden in Erwägung gezogen, und es zeigte sich bald, daß die Majorität nicht gemeint war, diesen Worten beizustimmen. Zu den nahe an fünfzig Lords, welche der Ansicht waren, daß Jakob noch der Königstitel gebühre, kamen jetzt noch sieben bis acht, welche behaupteten, daß derselbe schon auf Marien übergegangen sei. Als die Whigs sahen, daß ihre Gegner ihnen an Zahl überlegen waren, versuchten sie es, einen Vergleich zu Stande zu bringen. Sie schlugen deshalb vor, die Worte, welche den Thron für erledigt erklärten, wegzulassen und den Prinzen und die Prinzessin einfach zum König und zur Königin zu proklamiren. Es war augenscheinlich, daß eine solche Erklärung Alles was die Tories nicht zugestehen wollten, wenn nicht ausdrücklich aussprach, doch in sich schloß. Denn Niemand konnte behaupten, daß Wilhelm kraft des Geburtsrechts in das königliche Amt eingetreten war. Ein Beschluß, der ihn als König anerkannte, wäre demnach ein Wahlact gewesen, und wie konnte eine Wahl stattfinden ohne Erledigung?
Die Majorität für die Verneinung. Der Vorschlag der whiggistischen Lords wurde mit zweiundfünfzig gegen siebenundvierzig Stimmen verworfen. Dann wurde die Frage gestellt, ob der Thron erledigt sei. Hiermit waren einverstanden einundvierzig, nicht einverstanden fünfundfünfzig. Sechsunddreißig von der Minorität protestirten.81
Aufregung in London. Während der beiden folgenden Tage war London in einer unruhigen und angstvollen Stimmung. Die Tories begannen zu hoffen, daß sie ihren Lieblingsplan einer Regentschaft mit besserem Erfolge wieder zur Sprache würden bringen können. Vielleicht zog der Prinz selbst, wenn er sah, daß er keine Aussicht hatte, die Krone zu tragen, Sancroft’s Plan, dem Plane Danby’s vor. Es war allerdings besser, König zu sein als Regent; aber Regent war immer noch besser als Ceremonienmeister. Auf der andren Seite begann auch die niedere und heftigere Klasse der Whigs, die ehemaligen Emissäre Shaftesbury’s die alten Bundesgenossen College’s sich in der City zu regen. Volkshaufen versammelten sich im Palasthofe und führten eine drohende Sprache. Lord Lovelace, der im Verdacht stand, zu diesen Versammlungen aufgereizt zu haben, kündigte den Peers an, daß er beauftragt sei, eine Petition zu überreichen, in der sie aufgefordert würden, den Prinzen und die Prinzessin von Oranien unverzüglich zum König und zur Königin zu erklären. Auf die Frage, von wem die Petition unterzeichnet sei, antwortete er: „Sie hat noch keine Unterschriften, wenn ich sie aber das nächste Mal wieder mit hierher bringe, wird sie deren genug haben.“ Diese Drohung beunruhigte und verdroß seine eigne Partei. Die leitenden Whigs waren in der That noch ängstlicher besorgt, als die Tories, daß die Berathungen der Convention vollkommen frei seien und daß kein Anhänger Jakob’s behaupten könne, daß das eine oder das andre Haus unter dem Einflusse eines Zwanges gehandelt habe. Eine ähnliche Petition wie die von Lovelace überreichte, wurde auch im Hause der Gemeinen vorgelegt, aber mit Verachtung zurückgewiesen. Maynard war der Erste, der gegen den Versuch des Straßenpöbels, die Stände des Reichs einzuschüchtern, protestirte. Wilhelm ließ Lovelace zu sich kommen, setzte ihn sehr ernsthaft zur Rede und befahl den städtischen Behörden, gegen alle ungesetzlichen Versammlungen kräftig einzuschreiten.82 Nichts in der Geschichte unsrer Revolution verdient mehr Bewunderung und Nachahmung als die Art, wie sich die beiden Parteien der Convention gerade in dem Augenblicke, wo ihr Streit am heftigsten war, wie ein Mann zum Widerstand gegen die Vorschriften des Pöbels der Hauptstadt verbanden.
Brief von Jakob an die Convention. Obgleich aber die Whigs fest entschlossen waren, die Ordnung aufrecht zu erhalten und die Freiheit der Debatte zu achten, so waren sie doch nicht minder fest entschlossen, kein Zugeständniß zu machen. Am Samstag, den 2. Februar beschlossen die Gemeinen ohne Abstimmung, die ursprüngliche Fassung ihres Beschlusses beizubehalten. Jakob kam wie immer seinen Feinden zu Hülfe. Eben war ein Schreiben von ihm an die Convention angelangt. Der Apostat Melfort, der jetzt in St.-Germain in hoher Gunst stand, hatte es Preston überbracht. Der Name Melfort war jedem Anhänger der Staatskirche verhaßt. Daß er noch immer ein vertrauter Diener Jakob’s war, genügte an sich schon um zu beweisen, daß die Thorheit und Verkehrtheit seines Gebieters unheilbar waren. Kein Mitglied eines der beiden Häuser wagte es, die Vorlesung eines von solcher Seite kommenden Schreibens zu beantragen. Der Inhalt war jedoch der ganzen Stadt bekannt. Seine Majestät ermahnte die Lords und Gemeinen, an seiner Milde nicht zu verzweifeln und versicherte gnädigst, daß er Denen, die ihn verrathen hätten, verzeihen wolle, einige Wenige ausgenommen, die er nicht nannte. War es wohl möglich etwas für einen Fürsten zu thun, der besiegt, verlassen, verbannt und von Almosen lebend, Denjenigen, in deren Hand sein Schicksal lag, sagte, daß er, wenn sie ihn wieder auf den Thron setzten, nur einige wenige von ihnen hängen lassen würde?83
Debatte. Der Streit zwischen den beiden Parteien der gesetzgebenden Gewalt dauerte noch einige Tage. Montag, den 4. Februar, beschlossen die Lords auf ihren Amendements zu beharren; aber es wurde ein mit neununddreißig Namen unterzeichneter Protest in die Protokolle eingetragen.84
Unterhandlungen. Am folgenden Tage beschlossen die Tories, ihre Stärke im Unterhause zu versuchen. Sie erschienen in großer Anzahl und es wurde der Antrag gestellt, den Amendements der Lords beizutreten. Die, welche für Sancroft’s Plan und die, welche für Danby’s Plan waren, stimmten miteinander; allein sie wurden mit zweihundertundachtzig gegen hunderteinundfünfzig Stimmen geschlagen. Das Haus beschloß hierauf, um eine freie Conferenz mit den Lords nachzusuchen.85
Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby. Zu gleicher Zeit wurden außerhalb der Mauern des Parlaments energische Anstrengungen gemacht, um den Streit zwischen den beiden Zweigen der gesetzgebenden Versammlung zu beendigen. Burnet glaubte es durch die Wichtigkeit der Krisis gerechtfertigt, das ihm von der Prinzessin anvertraute große Geheimniß zu veröffentlichen. Er wisse aus ihrem eigenen Munde, sagte er, daß es schon längst ihr fester Entschluß sei, selbst wenn sie nach der regelmäßigen Erbfolge auf den Thron gelangen sollte, mit Genehmigung des Parlaments ihre Gewalt in die Hände ihres Gemahls niederzulegen. Danby erhielt von ihr einen ernsten, fast harten Verweis. Sie sei die Gattin des Prinzen, schrieb sie ihm, und hege keinen andren Wunsch als ihm unterthan zu sein; man könne ihr keine schwerere Beleidigung zufügen, als wenn man sie als seine Nebenbuhlerin darstelle und sie könne Niemanden, der ein solches Verfahren einschlage, als ihren wahren Freund betrachten.86
Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane einverstanden. Die Tories hatten noch eine Hoffnung. Anna konnte vielleicht auf ihren eigenen und auf den Rechten ihrer Kinder bestehen. Es wurde keine Mühe gespart, um ihren Ehrgeiz aufzustacheln und ihr Gewissen zu beunruhigen. Ihr Oheim Clarendon war ganz besonders thätig. Erst wenige Wochen waren vergangen, seitdem die Hoffnung auf Reichthum und Ansehen ihn bewogen hatte, die pomphaft zur Schau getragenen Glaubensbekenntnisse seines ganzen Lebens zu verleugnen, von dem Könige abzufallen, sich dem Wildman und dem Ferguson anzuschließen und sogar vorzuschlagen, daß der König als Gefangener in ein fremdes Land geschickt und in eine von ungesunden Sümpfen umgebene Festung eingesperrt werden sollte. Der Köder, der diese auffallende Sinnesveränderung bewirkt hatte, war das Vicekönigamt in Irland. Bald zeigte es sich jedoch, daß der Proselyt wenig Aussicht hatte, den glänzenden Preis, nach welchem sein Sinn strebte, zu erringen. Er sah, daß Andere über die irländischen Angelegenheiten zu Rathe gezogen wurden. Sein Rath wurde nie verlangt, und wenn er ihn zudringlicherweise anbot, wurde er mit Kälte aufgenommen. Er begab sich häufig in den St. Jamespalast, konnte aber kaum ein Wort oder einen Blick erlangen. Das eine Mal schrieb der Prinz eben; ein ander Mal sollte er frische Luft schöpfen und einen Spazierritt durch den Park machen; das dritte Mal hatte er eine Conferenz mit Offizieren über militairische Angelegenheiten und konnte Niemanden empfangen. Clarendon sah nun, daß er keine Aussicht hatte, durch die Aufopferung seiner Grundsätze etwas zu gewinnen, und er beschloß daher, zu denselben zurückzukehren. Im December hatte der Ehrgeiz ihn zum Rebellen gemacht; im Januar verwandelte Enttäuschung ihn wieder in einen Royalisten. Das drückende Bewußtsein, daß er kein standhafter Tory gewesen war, verlieh seinem Toryismus eine besondere Leidenschaftlichkeit.87 Im Hause der Lords hatte er Alles aufgeboten, um eine bestimmte Entscheidung zu hintertreiben. Jetzt verwendete er seinen ganzen Einfluß zu demselben Zwecke bei der Prinzessin Anna. Aber sein Einfluß auf sie war nur gering im Vergleich mit dem der Churchill, welche wohlweislich zwei mächtige Verbündete zu Hülfe nahmen: Tilletson, der als Gewissensrath damals ein großes Ansehen genoß, und Lady Russel, deren edle und liebenswürdige Tugenden, welche die schwerste aller Prüfungen bestanden, ihr den Ruf einer Heiligen erworben hatten. Bald ward es bekannt, daß die Prinzessin von Dänemark ihre Einwilligung zu Wilhelm’s lebenslänglicher Regierung zu geben geneigt war, und es lag auf der Hand, daß es ein vergebliches Beginnen gewesen wäre, die Sache der Töchter Jakob’s gegen sie selbst zu vertheidigen.88
Wilhelm spricht seine Absichten aus. Jetzt glaubte Wilhelm, die Zeit sei gekommen, wo er sich aussprechen müsse. Er berief daher Halifax, Danby, Shrewsbury und einige andere politische Parteihäupter von hohem Ansehen zu sich und richtete mit dem stoischen Gleichmuth, unter dem er von Kindheit auf seine stärksten Gefühlsregungen zu verbergen pflegte, einige tief durchdachte und gewichtige Worte an sie.
Er habe bis jetzt geschwiegen, sagte er, und weder Bitten noch Drohungen angewendet, ja nicht einmal eine Andeutung über seine Ansichten oder Wünsche laut werden lassen; jetzt aber sei der entscheidende Augenblick gekommen, wo er seine Absichten offen erklären müsse. Er habe weder das Recht, noch den Wunsch, der Convention Vorschriften zu machen. Er beanspruche weiter nichts als das Vorrecht, jedes Amt, das er nach seiner Überzeugung nicht mit Ehren für sich und zum Wohle des Staats würde verwalten können, ablehnen zu dürfen.
Eine starke Partei sei für eine Regentschaft. Die beiden Häuser hätten darüber zu entscheiden, ob eine solche Einrichtung dem Vaterlande zum Heile gereichen könne. Seine Meinung über diesen Punkt stehe fest und er halte es für nöthig, mit Bestimmtheit zu erklären, daß er für seine Person nicht Regent werden möchte.
Eine andre Partei wünsche die Prinzessin auf den Thron zu erheben und ihm auf Lebenszeit den Königstitel und denjenigen Antheil an der Regierung zu gewähren, den sie ihm freiwillig zugestehen würde. Zu einer solchen Stellung könne er sich nicht herablassen. Er achte die Prinzessin so hoch, als nur irgend ein Mann ein Weib achten könne, aber selbst aus ihren Händen werde er eine untergeordnete und unsichere Stellung bei der Regierung nicht annehmen. Es liege einmal nicht in seiner Natur, daß er sich an die Schürzenbänder auch der besten Frau knüpfen lassen könne. Er dränge sich durchaus nicht danach, in der englischen Geschichte eine Rolle zu spielen, wenn er aber einwillige, eine solche Rolle zu übernehmen, so gebe es nur eine, die er mit Nutzen oder mit Ehren übernehmen könne. Wenn die Stände ihm die Krone auf Lebenszeit anböten, so würde er sie annehmen, wo nicht, würde er, ohne sich zu grämen, in sein Vaterland zurückkehren. Er schloß mit den Worten, er halte es für recht und billig, daß Lady Anna und ihre Nachkommen allen Kindern, die ihm eine andre Frau als Lady etwa schenken möchte, in der Thronfolge vorgezogen würden.89
Die Versammlung trennte sich und binnen wenigen Stunden war die Rede des Prinzen in ganz London bekannt. Daß er König werden mußte, war jetzt klar. Die einzige Frage war nur noch, ob er die königliche Würde allein oder mit der Prinzessin gemeinschaftlich bekleiden sollte. Halifax und einige andere Staatsmänner, welche die Gefahr einer Theilung der höchsten Executivgewalt in grellem Lichte erblickten, hielten es für wünschenswerth, daß Marie, so lange Wilhelm lebte, nur Königsgemahlin und Unterthanin sein sollte. Obgleich sich viel zu Gunsten eines solchen Arrangements sagen ließ, so beleidigte sie doch das Gefühl selbst derjenigen Engländer, welche dem Prinzen am meisten ergeben waren. Seine Gemahlin hatte ihm einen beispiellosen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gegeben, und die geringste Vergeltung dafür von seiner Seite war die Verleihung der Würde einer regierenden Königin. Wilhelm Herbert, einer der wärmsten Anhänger des Prinzen, war so entrüstet, daß er aus dem Bette sprang, an das die Gicht ihn fesselte, und mit Heftigkeit erklärte, daß er nie für Seine Hoheit das Schwert gezogen haben würde, wenn er geahnet hätte, daß eine so schmachvolle Anordnung getroffen werden solle. Niemand aber zeigte sich so gereizt über die Sache als Burnet. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an das seiner gütigen Beschützerin zugefügte Unrecht. Er gerieth in einen heftigen Streit mit Bentinck und bat um Enthebung von seinem Kaplanposten. „So lange ich ein Diener Seiner Hoheit bin,“ sagte der wackere, rechtschaffene Geistliche, „würde es mir nicht geziemen, einen Plan zu bekämpfen, der vielleicht seinen Beifall hat. Ich wünsche daher, meine Freiheit wieder zu erhalten, um mit allen mir von Gott verliehenen Kräften für die Prinzessin zu kämpfen.“ Bentinck bewog ihn, eine offene Kriegserklärung so lange aufzuschieben, bis Wilhelm’s Entschließungen näher bekannt sein würden. In wenigen Stunden war der Plan, der so viel böses Blut gemacht hatte, völlig aufgegeben, und alle Diejenigen, welche Jakob nicht mehr als König betrachteten, stimmten in der Art der Wiederbesetzung des Thrones überein. Wilhelm und Marie mußten König und Königin werden; die Münzen mußten beider Brustbilder zeigen, die Regierungsdecrete mußten in beider Namen erlassen werden, beide mußten alle persönlichen Ehren und Privilegien der Königswürde genießen; aber die Verwaltung, welche nicht füglich getheilt werden konnte, mußte Wilhelm allein bleiben.90
Die Conferenz zwischen den beiden Häusern. Inzwischen war die zu der freien Conferenz zwischen den Häusern festgesetzte Zeit herangekommen. Die Wortführer der Lords nahmen in vollem Ornat ihre Sitze auf der einen Seite der Tafel im sogenannten gemalten Saale (painted chamber) ein; aber auf der andren Seite drängte sich eine so große Anzahl von Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, daß die Herren, welche die Frage erörtern sollten, nicht hindurchkommen konnten. Nicht ohne große Schwierigkeit und erst nach geraumer Zeit gelang es dem Stabträger, ihnen einen Weg zu bahnen.91
Endlich begann die Verhandlung. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden sind vollständig auf uns gekommen. Es wird wenige Geschichtsforscher geben, welche den Bericht darüber nicht mit gespannter Neugierde zur Hand genommen und mit getäuschten Erwartungen wieder bei Seite gelegt hätten. Die zwischen den beiden Häusern obschwebende Streitfrage wurde von beiden Theilen als eine Rechtsfrage behandelt. Die Einwürfe der Lords gegen den Beschluß der Gemeinen waren formeller und technischer Art, ebenso auch die Entgegnungen. Somers vertheidigte den Gebrauch des Wortes Abdication durch Citate aus Grotius und Brissonius, Spigelius und Bartolus. Als er aufgefordert wurde, eine Autorität für die Behauptung anzuführen, daß England ohne Souverain sein könne, legte er die Parlamentsprotokolle vom Jahre 1399 vor, in denen ausdrücklich gesagt war, daß der Thron in der Zeit zwischen der Abdankung Richard’s II. und der Thronbesteigung Heinrich’s IV. vakant gewesen sei. Die Lords führten zur Widerlegung die Parlamentsprotokolle vom ersten Regierungsjahre Eduard’s IV. an, aus denen hervorging, daß die Urkunde von 1399 feierlich annullirt worden war. Sie behaupteten daher, der Precedenzfall, auf den Somers sich stützte, habe keine Gültigkeit mehr. Treby kam nun Somers zu Hülfe und legte die Parlamentsacten vom ersten Regierungsjahre Heinrich’s VII. vor, welche die Acte Eduard’s IV. aufhoben und demnach die Gültigkeit der Urkunde vom Jahre 1399 wiederherstellten. Nach einer mehrstündigen Discussion trennten sich die Disputanten.92 Die Lords versammelten sich in ihrem Sitzungslokale. Man wußte sehr wohl, daß sie auf dem Punkte standen, nachzugeben und daß die Conferenz eine bloße Formalität gewesen war. Die Freunde Mariens hatten eingesehen, daß sie sie tief gekränkt hatten, indem sie sie als Nebenbuhlerin ihres Gemahls hingestellt. Einige von den Peers, welche früher für eine Regentschaft gestimmt hatten, waren entschlossen, wegzubleiben oder den Beschluß des Unterhauses zu unterstützen. Sie sagten, ihre Ansicht habe sich nicht geändert, aber eine Regierung sei immer besser als gar keine und die Nation könne eine Verlängerung dieser qualvollen Ungewißheit nicht ertragen. Selbst Nottingham, der im gemalten Saale die Discussion gegen die Gemeinen geleitet hatte, erklärte, sein Gewissen erlaube ihm zwar nicht, nachzugeben, es freue ihn aber, daß die Gewissen Anderer nicht so ängstlich seien. Mehrere Lords, die in der Convention noch nicht mit abgestimmt hatten, waren bewogen worden zu erscheinen; so Lord Lexington, der eben in aller Eil vom Continent herübergekommen war, der halb wahnsinnige Earl von Lincoln, der an Krücken gehende Earl von Carlisle, und der Bischof von Durham, der sich verborgen gehalten, um über das Meer zu flüchten, aber den Wink erhalten hatte, daß sein Benehmen in der kirchlichen Commission nicht gegen ihn geltend gemacht werden sollte, wenn er für die Feststellung der Regierung stimmen würde. Danby, welcher die von ihm verursachte Spaltung zu heilen wünschte, mahnte das Haus in einer Rede, die seine gewöhnlichen Vorträge an Genialität noch übertraf, einen Kampf nicht länger fortzusetzen, der dem Staate verderblich werden könne. Halifax unterstützte ihn kräftig. Der Muth der Gegner war gebrochen.
Die Lords geben nach. Als die Frage gestellt wurde, ob König Jakob die Regierung niedergelegt habe, sagten nur drei Lords Nichteinverstanden. Über die Frage, ob der Thron erledigt sei, wurde die Abstimmung verlangt, und es ergaben sich zweiundsechzig Einverstandene und siebenundvierzig Nichteinverstandene. Unmittelbar darauf wurde der Antrag gestellt und ohne Abstimmung angenommen, daß der Prinz und die Prinzessin von Oranien zum König und zur Königin von England erklärt werden sollten.93
Nottingham trug nun darauf an, daß die Fassung des Unterthaneneides und des Supremateides dergestalt abgeändert werden möchte, daß auch Diejenigen ihn mit gutem Gewissen leisten könnten, die, wie er selbst, den Beschluß der Convention mißbilligten, sich aber dennoch vorgenommen hätten, loyale und gehorsame Unterthanen der neuen Souveraine zu sein. Gegen diesen Antrag wurde kein Einwurf erhoben. Es kann allerdings kaum bezweifelt werden, daß die Whigführer und diejenigen toryistischen Lords, deren Stimmen bei der letzten Abstimmung den Ausschlag gegeben, sich vorher über diesen Punkt verständigt hatten. Die neuen Eidformeln wurden den Gemeinen zu gleicher Zeit mit dem Beschlusse, daß der Prinz und die Prinzessin von Oranien als König und Königin proklamirt werden sollten, zugesandt.94
Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit vorgeschlagen. Man wußte nun, wem die Krone verliehen werden sollte. Jetzt waren noch die Bedingungen der Verleihung zu bestimmen. Die Gemeinen hatten einen Ausschuß ernannt, welcher die zweckmäßig erscheinenden Schritte zur Sicherung des Gesetzes und der Freiheit gegen die Angriffe zukünftiger Regenten erwägen sollte, und der Ausschuß hatte einen Bericht erstattet.95 Dieser Bericht empfahl erstens, daß die großen Prinzipien der Verfassung, welche der entthronte König verletzt hatte, feierlich bestätigt und daß zweitens verschiedene neue Gesetze zur Beschränkung der Prärogative und zur Läuterung der Justizpflege erlassen werden sollten. Die meisten Vorschläge des Ausschusses waren vortrefflich, aber es war schlechterdings unmöglich, daß die Häuser in einem Monate, und selbst in einem Jahre so zahlreiche, so mannichfaltige und so wichtige Angelegenheiten erledigen konnten. Es war unter andrem vorgeschlagen, daß die Miliz neu organisirt, das Recht des Souverains, die Parlamente zu prorogiren und aufzulösen, beschränkt und die Dauer der Parlamente begrenzt werden sollte; daß bei einer parlamentarischen Anklage keine Berufung an die königliche Gnade mehr zulässig sein, daß den protestantischen Dissenters Duldung gewährt, daß das Verbrechen des Hochverraths genauer bestimmt, daß Hochverrathsprozesse in einer die Unschuld mehr schützenden Weise geführt, daß die Richter auf Lebenszeit angestellt, daß die Ernennungsart der Sheriffs abgeändert werden, daß die Wahl der Geschwornen hinfüro in einer Weise stattfinden sollte, welche Parteilichkeit und Bestechung ausschloß, daß der Gebrauch, bei der Kings Bench Criminalklagen anhängig zu machen, abgeschafft, daß der Kanzleigerichtshof reformirt, daß die Gebühren der öffentlichen Beamten regulirt und daß die Quo-Warranto-Acte verbessert werden sollte. Es war augenscheinlich, daß eine umsichtige und besonnene Gesetzgebung über diese Gegenstände das Werk mehr als einer geschäftsreichen Session sein mußte, und eben so augenscheinlich war es, daß eine übereilte und unreife Gesetzgebung über so wichtige Dinge neue Mißstände erzeugen würde, schlimmer als die, welche sie vielleicht beseitigen konnte. Wenn der Ausschuß alle die Reformen aufzählen wollte, welche vor der Wiederbesetzung des Thrones bewerkstelligt werden mußten, so war die Liste unsinnig lang. Wollte er dagegen eine Liste aller Reformen geben, welche die gesetzgebende Versammlung zur geeigneten Zeit durchführen sollte, so war die Liste sehr unvollständig. Sobald der Bericht vorgelesen war, erhob sich in der That ein Mitglied nach dem andren, um einen Zusatz zu beantragen. Es wurde vorgeschlagen und angenommen, daß der Stellenverkauf verboten, die Habeascorpusacte wirksamer gemacht und das Gesetz über die Mandamus96 revidirt werden sollte. Der eine Gentleman griff die Herdgeldeinnehmer, ein andrer die Acciseeinnehmer an, und das Haus beschloß, daß den Mißbräuchen dieser beiden Beamtenklassen ein Ziel gesetzt werden sollte. Ein höchst merkwürdiger Umstand ist es, daß, während das ganze militairische, gerichtliche und fiskalische System so durchgemustert wurde, kein einziger Volksvertreter die Aufhebung des Gesetzes beantragte, welches die Presse einer Censur unterwarf. Selbst die aufgeklärtesten Männer begriffen damals noch nicht, daß die Freiheit der Discussion die Hauptschutzwehr aller anderen Freiheiten ist.97
Streitigkeiten und Vergleich. Das Haus war in großer Verlegenheit. Einige Redner erklärten mit Heftigkeit, man habe schon zu viel Zeit verloren und die Regierung müsse ohne noch einen einzigen Tag zu säumen, festgestellt werden. Die Gesellschaft sei besorgt, der Verkehr stocke, der englischen Colonie in Irland drohe die Gefahr des Untergangs, ein auswärtiger Krieg stehe zu befürchten, der verbannte Tyrann könne binnen wenigen Wochen mit einer französischen Armee in Dublin sein und von Dublin aus könne er bald nach Chester übersetzen. Sei es nicht wahnsinnig, in einer so kritischen Zeit den Thron unbesetzt zu lassen, und während die ganze Existenz der Parlamente gefährdet sei, die Zeit mit Debattirung über die Frage zu vergeuden, ob die Parlamente durch den Souverain oder durch sich selbst prorogirt werden sollten? Auf der andren Seite wurde gefragt, ob die Convention ihre Aufgabe damit gelöst zu haben glaube, daß sie einen Fürsten vom Throne gestürzt und einen andren auf denselben erhoben habe? Gewiß, jetzt oder nie sei es Zeit, die öffentliche Freiheit durch Schutzwehren zu sichern, welche den Übergriffen der Prärogative wirksam vorbeugen könnten.98 Die auf beiden Seiten geltend gemachten Gründe waren ohne Zweifel von großem Gewicht. Die talentvollsten Führer der Whigpartei, unter denen Somers rasch einen großen Einfluß erlangte, schlugen einen Mittelweg vor. Das Haus, sagten sie, habe zwei Ziele im Auge, welche streng von einander geschieden werden müßten. Das eine Ziel sei die Sicherung der alten Verfassung des Reichs gegen ungesetzliche Angriffe, das andre die Verbesserung dieser Verfassung durch gesetzliche Reformen. Das erstere Ziel könne dadurch erreicht werden, daß man den Anspruch der englischen Nation auf ihre alten Freiheiten durch Aufnahme in den Beschluß, welcher die neuen Souveraine auf den Thron erhob, feierlich verbriefe, so daß der König seine Krone und das Volk seine Rechte kraft einer und der nämlichen Urkunde besitze. Der letztere Gegenstand werde einen ganzen Band sorgfältig ausgearbeiteter Gesetze erfordern. Der erstere Zweck könne in einem Tage, der zweite kaum in fünf Jahren erreicht werden. Über jenen seien alle Parteien einig; über diesen herrsche große Meinungsverschiedenheit. Kein Mitglied beider Häuser werde einen Augenblick zögern dafür zu stimmen, daß der König die Steuern nicht ohne Bewilligung des Parlaments erheben dürfe; aber es werde schwerlich ein neues Gesetz über das Verfahren in Hochverrathsprozessen entworfen werden können, das nicht lange Debatten hervorrufen und von dem Einen als ungerecht gegen den Angeklagten, von dem Andren als ungerecht gegen die Krone verworfen werden würde. Die Aufgabe einer außerordentlichen Versammlung der Stände des Reiches sei nicht, die gewöhnlichen Arbeiten eines Parlaments zu erledigen, die Gebühren des Kanzleigerichts zu reguliren, und den ungesetzlichen Forderungen der Visitatoren vorzubeugen, sondern vielmehr die große Regierungsmaschine wieder in Gang zu bringen. Wenn dies geschehen sei, dann würde es an der Zeit sein zu fragen, welcher Verbesserungen unsere Institutionen bedürften, auch habe diese Verzögerung durchaus keine Gefahr, denn ein Souverain, der lediglich durch die Wahl der Nation regiere, könne einer Verbesserung, welche die Nation durch das Organ ihrer Vertreter verlange, seine Zustimmung unmöglich lange verweigern.
Aus diesen Gründen beschlossen die Gemeinen mit weiser Vorsicht, alle Reformen so lange aufzuschieben, bis die alte Verfassung des Reichs in allen ihren Theilen wiederhergestellt sein würde und unverzüglich den Thron zu besetzen, ohne Wilhelm und Marien eine andre Verpflichtung aufzulegen, als daß sie den bestehenden Gesetzen Englands gemäß regierten. Damit die zwischen den Stuarts und der Nation streitig gewesenen Fragen nie wieder aufgeregt werden möchten, wurde beschlossen, daß das Instrument, durch welches der Prinz und die Prinzessin von Oranien auf den Thron berufen und die Thronfolgeordnung festgestellt wurde, die Grundprinzipien der Verfassung auf das Bestimmteste und Feierlichste darlegen sollte.
Die Rechtserklärung. Diese unter der Bezeichnung „Rechtserklärung“ bekannte Urkunde wurde durch einen Ausschuß, in welchem Somers den Vorsitz führte, entworfen. Daß dieser junge Advokat von niederer Herkunft schon zehn Tage, nachdem er zum ersten Male im Hause der Gemeinen gesprochen, zu einem so ehrenvollen und wichtigen Posten in einem mit geschickten und erfahrenen Männern gefüllten Parlamente ernannt wurde, beweist zur Genüge die Überlegenheit seines Geistes. In wenigen Stunden war die Erklärung entworfen und von den Gemeinen gebilligt. Die Lords nahmen sie ebenfalls mit einigen unwesentlichen Abänderungen an.99
Die Erklärung begann mit einer Aufzählung der Verbrechen und Fehler, welche eine Revolution nothwendig gemacht hatten. Jakob habe in das Gebiet der Gesetzgebung eingegriffen, er habe bescheidenes Petitioniren als Verbrechen behandelt, habe die Kirche durch ein gesetzwidriges Tribunal tyrannisirt, habe ohne Zustimmung des Parlaments Steuern erhoben und in Friedenszeiten ein stehendes Heer unterhalten, habe die Wahlfreiheit verletzt und den Gang der Rechtspflege willkürlich abgeändert. Handlungen, welche nach dem Gesetz nur vom Parlament untersucht werden könnten, wären zu Klagobjecten bei der Kings Bench gemacht worden. Es seien parteiische und bestochene Geschworne ernannt, von Gefangenen übermäßig hohe Kautionen verlangt, barbarische und ungebräuchliche Strafen verhängt und das Vermögen von Angeklagten noch vor ihrer Überführung anderweitig vergeben worden. Der Mann, unter dessen Autorität dies Alles geschehen sei, habe die Regierung niedergelegt. Der Prinz von Oranien, den Gott zum ruhmvollen Werkzeuge der Befreiung der Nation von Aberglauben und Tyrannei berufen, habe die Stände des Reichs aufgefordert, zusammenzutreten und sich über die Sicherung der Religion, des Gesetzes und der Freiheit zu berathen. Nach stattgefundener Berathung hatten die Lords und die Gemeinen beschlossen, zuerst nach dem Beispiele ihrer Vorfahren die alten Rechte und Freiheiten Englands zu bestätigen. Es werde demgemäß erklärt, daß die neuerdings angemaßte und ausgeübte Dispensationsgewalt gesetzlich nicht bestehe, daß der Souverain ohne Bewilligung des Parlaments von dem Unterthan kein Geld erheben dürfe und daß ohne Zustimmung des Parlaments in Friedenszeiten kein stehendes Heer gehalten werden könne. Das Petitionsrecht der Unterthanen, das Recht der Wahlmänner, die Volksvertreter nach ihrem freien Ermessen zu wählen, das Recht der Parlamente auf Freiheit der Discussion und das Recht der Nation auf eine reine und schonende, dem Geiste ihrer eigenen milden Gesetze entsprechende Ausübung der Rechtspflege werde feierlich anerkannt und bestätigt. Alle diese Dinge verlange die Convention im Namen der ganzen Nation als das unbestreitbare Erbtheil der Engländer. Nachdem die Lords und Gemeinen so die Grundprinzipien der Verfassung gewahrt, hätten sie in dem festen Vertrauen, daß der Befreier die von ihm geretteten Gesetze und Freiheiten heilig halten werde, beschlossen, daß Wilhelm und Marie, Prinz und Prinzessin von Oranien, auf gemeinsame und einzelne Lebenszeit zum König und zur Königin von England erklärt werden und daß während der Dauer ihres gemeinsamen Lebens die Verwaltung der Regierung dem Prinzen allein zustehen solle. Nach ihnen sollte die Krone der Nachkommenschaft Mariens, dann der Prinzessin Anna und ihrer Nachkommenschaft, und dann der Nachkommenschaft Wilhelm’s zufallen.
Ankunft Mariens. Inzwischen hatte der Wind aufgehört, aus Westen zu wehen. Das Schiff, an dessen Bord sich die Prinzessin von Oranien befand, lag am 11. Februar auf der Höhe von Margate und am folgenden Morgen ging es bei Greenwich vor Anker.100 Marie wurde mit vielen Äußerungen der Freude und Zuneigung empfangen; aber ihr Benehmen verletzte die Tories und wurde selbst von den Whigs nicht für tadellos gehalten. Eine junge Frau, welche durch ein so trauriges und verhängnisvolles Geschick wie das, welches über den fabelhaften Häusern des Labdacus und Pelops waltete, in eine solche Lage versetzt worden war, daß sie, ohne ihre Pflichten gegen Gott, gegen ihren Gemahl und gegen ihr Vaterland zu verletzen, sich nicht weigern konnte, den Thron einzunehmen, von dem so eben ihr Vater herabgestürzt worden war, hatte betrübt oder wenigstens ernst gestimmt sein sollen. Marie aber war nicht blos heiter, sondern sogar ausgelassen lustig. Es wurde versichert, sie habe Whitehall mit einer kindischen Freude darüber, daß sie nun die Herrin eines so schönen Schlosses sein sollte, betreten, sei durch alle Zimmer gelaufen, habe in alle Nebenkabinette geblickt und selbst die Kissen des Staatsbettes untersucht, ohne, wie es schien, daran zu denken, wer diese prachtvollen Gemächer zuletzt bewohnt hatte. Burnet, der sie bis dahin als einen Engel in Menschengestalt betrachtet hatte, konnte bei dieser Gelegenheit nicht umhin, sie zu tadeln. Er war um so mehr erstaunt über ihr Benehmen, da sie an dem Tage, als er im Haag von ihr Abschied nahm, wenn auch fest überzeugt, daß sie den Pfad der Pflicht ging, doch sehr niedergeschlagen gewesen war. Später erklärte sie ihm, als ihrem Gewissensrath, ihr damaliges Benehmen. Wilhelm hatte ihr geschrieben, daß einige von Denen, welche ihr Interesse von dem seinigen zu trennen versucht hatten, ihre Machinationen noch immer fortsetzten; sie hätten ausgesprengt, daß sie sich für beeinträchtigt halte, und wenn sie daher ein betrübtes Gesicht zeigte, so würde dies dem Gerede Grund geben. Er bat sie daher, bei ihrem ersten Erscheinen heiter und vergnügt auszusehen. Ihr Herz, sagte sie, sei allerdings von der Heiterkeit weit entfernt gewesen; aber sie habe ihr Möglichstes gethan und aus Besorgniß, daß sie eine ihren Gefühlen widerstreitende Rolle nicht gut werde durchführen können, habe sie dieselbe übertrieben. Ihr Benehmen rief ganze Riese von Spottschriften in Prosa und in Versen hervor; sie verlor dadurch in der Meinung einiger Personen, auf deren Achtung sie Werth legte, und die Welt erfuhr erst, nachdem sie dem Bereiche des Lobes und des Tadels entrückt war, daß das Benehmen, das ihr den Vorwurf des Leichtsinns und der Gefühllosigkeit zugezogen hatte, in Wirklichkeit ein seltener Beweis von der vollkommenen Uneigennützigkeit und Hingebung war, deren der Mann gar nicht fähig zu sein scheint und die man nur zuweilen bei dem Weibe findet.101
Anbietung und Annahme der Krone. Am Mittwoch den 13. Februar Morgens waren der Hof von Whitehall und alle benachbarten Straßen mit Neugierigen angefüllt. Das prächtige Bankethaus, das Meisterstück Inigo’s und mit Meisterwerken von Rubens ausgeschmückt, war zu einer großen Ceremonie hergerichtet. Die Wände entlang war die Leibgarde aufgestellt. Zur Rechten unweit des nördlichen Eingangs hatte sich eine große Anzahl Peers versammelt. Zur Linken standen die Gemeinen mit ihrem Sprecher und dem Scepterträger. Die südliche Thür wurde geöffnet und der Prinz und die Prinzessin von Oranien traten zusammen ein und nahmen unter dem Thronhimmel Platz.
Beide Häuser kamen nun mit tiefen Verbeugungen näher. Wilhelm und Marie gingen ihnen einige Schritte entgegen. Halifax und Powle, jener zur Rechten, dieser zur Linken, traten vor und Halifax sprach. Die Convention, sagte er, habe sich zu einem Beschlusse geeinigt, den er Ihre Hoheiten anzuhören bitte. Sie gaben ihre Einwilligung und der Schriftführer des Oberhauses las mit lauter Stimme die Rechtserklärung vor. Als er geendet hatte, bat Halifax den Prinzen und die Prinzessin im Namen aller Stände des Reichs, die Krone anzunehmen.
Wilhelm antwortete für sich und seine Gemahlin, daß die Krone in ihren Augen einen um so höheren Werth habe, weil sie ihnen als ein Zeichen des Vertrauens der Nation angeboten werde. „Wir nehmen das, was Sie uns angeboten haben, dankend an,“ sagte er, und versicherte dann für seine Person, daß die Gesetze Englands, die er schon einmal vertheidigt, die Richtschnur seines Verhaltens sein sollten, daß er sich bestreben werde, das Wohl des Landes zu fördern, daß er über die Mittel und Wege dazu stets den Rath der beiden Häuser einholen und auf ihr Urtheil mehr geben werde, als auf sein eignes.102 Diese Worte wurden mit einem Beifallssturme aufgenommen, den man unten auf den Straßen hörte und auf den alsbald ein tausendstimmiges Hurrah antwortete. Die Lords und Gemeinen verließen hierauf unter den gebührenden Ehrfurchtsbezeigungen das Bankethaus und begaben sich in feierlichem Zuge nach dem Haupteingange von Whitehall, wo die Herolde und Staatsboten in ihren prächtigen Wappenröcken warteten.
Wilhelm und Marie werden ausgerufen. Die ganze Strecke bis Charing Croß war ein Meer von Köpfen. Die Pauken erdröhnten, die Trompeten schmetterten und der Wappenkönig proklamirte mit lauter Stimme den Prinzen und die Prinzessin von Oranien als König und Königin von England, forderte alle Engländer auf, von diesem Augenblicke an den neuen Souverainen Treue und Gehorsam zu schenken und bat den Himmel, der schon eine so augenfällige Befreiung unsrer Kirche und unsrer Nation herbeigeführt, daß er Wilhelm und Marien mit einer langen und glücklichen Regierung segnen möchte.103
Eigenthümlicher Character der englischen Revolution. Die englische Revolution war somit vollendet. Wenn wir sie mit den Revolutionen vergleichen, welche während der letzten sechzig Jahre so manche Regierung gestürzt haben, so muß uns ihr eigenthümlicher Character nothwendig auffallen. Warum dieser Character so eigenthümlich war, ist leicht zu erklären, scheint aber doch von Lobrednern wie von Tadlern nicht immer begriffen worden zu sein.
Die festländischen Revolutionen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts fanden in Ländern statt, wo jede Spur der beschränkten Monarchie des Mittelalters längst verwischt war. Das Recht des Fürsten, Gesetze zu machen und Geld zu erheben, war seit vielen Generationen nicht bestritten worden. Sein Thron wurde durch ein großes stehendes Heer beschützt. Seine Verwaltung konnte ohne die größte Gefahr, selbst in den wildesten Ausdrücken nicht getadelt werden. Die persönliche Freiheit seiner Unterthanen hing lediglich von seinem Willen ab. Es gab keine einzige Institution mehr, die, soweit die ältesten Leute zurückdenken konnten, den Unterthan gegen die ärgsten Excesse der Tyrannei wirksamen Schutz gewährt hätte. Die großen Rathsversammlungen, welche ehemals die königliche Gewalt beschränkten, waren der Vergessenheit anheimgefallen. Ihre Zusammensetzung und ihre Privilegien waren nur noch Alterthumsforschern bekannt. Wir dürfen uns daher nicht wundern, daß, wenn es Menschen, die so regiert worden waren, gelang, einer im Stillen schon seit langer Zeit gehaßten Regierung die höchste Gewalt zu entreißen, sie voll ungeduldigen Verlangens waren, zu zerstören, und unfähig wieder aufzubauen, daß jede glänzende Neuerung sie bezauberte, daß sie alle an das alte System erinnernden Titel, Ceremonien und Ausdrücke verbannten, und daß sie, ihrer eigenen nationalen Vergangenheit und Tradition überdrüssig, in den Schriften von Theoretikern nach Regierungsprinzipien suchten, oder mit unwissender und widerlicher Affectation die Patrioten von Athen und Rom nachäfften. Eben so wenig dürfen wir uns wundern, daß auf den heftigen Ausbruch des revolutionairen Geistes eine nicht minder heftige Reaction folgte und die Unordnung sofort einen härteren Despotismus erzeugte als der, aus dem sie entstanden war.
Wären wir in der nämlichen Lage gewesen, wäre Strafford sein Lieblingsplan „Durch“ gelungen, hätte er eine eben so zahlreiche und wohl disciplinirte Armee gebildet, wie sie Cromwell einige Jahre später bildete, hätte eine Reihe ähnlicher Richtersprüche, wie die, welche das Schatzkammergericht in der Angelegenheit des Schiffsgeldes fällte, das Recht der Besteuerung des Volks auf die Krone übertragen, hätten die Sternkammer und die Hohe Commission nach wie vor einem Jeden, der seine Stimme gegen die Regierung zu erheben wagte, mit Geldstrafen belegt, verstümmelt und eingekerkert, wäre die Presse bei uns so vollständig geknechtet worden, wie in Wien oder in Neapel, hätten unsere Könige allmälig die ganze gesetzgebende Gewalt an sich gezogen, wären sechs Generationen von Engländern ohne eine einzige Parlamentssession vorübergegangen, und hätten wir uns dann endlich in einem Augenblicke wilder Aufwallung gegen unsere Herren erhoben, welch’ einen Ausbruch würde dies gegeben haben! Mit welch’ einem furchtbaren Krachen, das bis an die entferntesten Enden der Welt gehört und gefühlt worden wäre, würde das ganze gewaltige Gebäude der menschlichen Gesellschaft zusammengestürzt sein! Wie viele Tausende von Verbannten, einst die glücklichsten und gebildetsten Mitglieder dieses großen Volkes, würden in den Städten des Festlandes ihr Brot erbettelt oder in den ungelichteten Wäldern Amerika’s in Hütten von Baumrinde ein Obdach gesucht haben! Wie oft würden wir das Straßenpflaster von London zu Barrikaden aufgethürmt, die Häuser von Kugeln zerrissen, die Gassen von Blut schäumend gesehen haben! Wie oft würden wir selbst in wilder Leidenschaft von einem Extrem zum andren übergesprungen sein, gegen die Anarchie im Despotismus Hülfe gesucht haben und durch den Despotismus wieder zur Anarchie getrieben worden sein! Wie viele Jahre des Blutvergießens und der Verwirrung würde es uns gekostet haben, ehe wir nur die Anfangsgründe der Staatswissenschaft gelernt hätten! Wie viele kindische Theorien würden uns getäuscht haben! Wie viele rohe und schlecht erwogene Verfassungen würden wir aufgerichtet haben, nur um sie wieder umstürzen zu sehen! Glücklich hätten wir uns noch preisen können, wenn eine harte Schule von einem halben Jahrhundert genügt hätte, uns zum Genuß der wahren Freiheit tauglich zu machen.