Geschichte von England (continued 5)
Wilhelm Beseler translation
Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern nur die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem bleibenden Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den Börsenmännern und den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft hervorzurufen. Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien abwechselnd, verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den Häuptern der Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen Übergriffen des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem Parlament die Willkürpläne des Hofes.
Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf die englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt zu werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes, unfähig war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine Begierden erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit verkürzten. Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von einer Frau von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als Englands König von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner Freigebigkeit Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen Augen buhlten. Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara Palmers, und die naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn gefallen. Ludwig war der höchst richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London schicken könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin, und eine solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren Madame Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward zur Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende ging.
Vertrag von Dover. Die wichtigsten Bedingungen des Bündnisses zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage enthalten, welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre nach dem Tage, an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und den Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war.
In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich, bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum Beistande seines Bundesgenossen zu stellen.
Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs Wochen nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter Willfährigkeit.
Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder zu fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug, einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören, welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt, daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle; sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle nicht mehr.
Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben, wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen.
Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen mit Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe.
Natur des englischen Cabinets. Wenige Vorfälle in der Geschichte Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das Wachsthum der Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester Zeit unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem das Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug. Jahrhunderte hindurch berathschlagte dieses Collegium über die bedeutungsvollsten und kitzlichsten Staatsangelegenheiten; doch änderte sich allmälig sein Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für rasche That und Geheimhaltung. Die Stellung eines Geheimen Rathes wurde oft als ehrende Auszeichnung an Leute vergeben, denen man nichts anvertraute, und um deren Meinung man sich nicht kümmerte. Der Souverain beschränkte sich bei wichtigen Angelegenheiten auf den Rath eines kleinen Kreises leitender Minister. Die Vortheile und Nachtheile dieses Verfahrens sind von Bacon schon frühzeitig mit seiner bekannten, treffenden und scharfsinnigen Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst nach Beendigung der Restauration zog der innere Rath die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das Cabinet als eine nicht verfassungsmäßige und gefährliche Behörde. Gleichwohl gewann es an Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende Gewalt an sich, und wird jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen wesentlichen Bestandtheil unserer Staatsverfassung angesehen. Seltsamer Weise ist das Cabinet dem Gesetze aber noch immer unbekannt, die Namen der Personen des hohen und niedern Adels, aus denen es besteht, werden dem Publikum nie amtlich bekannt gemacht, es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und Beschlüsse, und keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt.
Die Cabale. Einige Jahre hindurch gebrauchte man im Volke das Wort Cabal gleichbedeutend mit Cabinet. Durch ein sonderbares Zusammentreffen bestand nämlich das Cabinet im Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren Namen die Anfangsbuchstaben das Wort Cabal bildeten, es waren Clifford, Arlington, Buckingham, Ashley und Lauderdale. Durch diese Anwendung erhielt das Wort eine so üble Bedeutung, daß es seitdem nur als ein Vorwurf gebraucht wird.
Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause der Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der Cabale das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht.
Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staatssekretair, hatte seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich jene kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen zu eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische; gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die katholische. Bei einigem Unterhaltungstalente, sowie ziemlicher Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte Arlington im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens die Kunst erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft anzupassen, in der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im Unterhaltungszimmer amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen und Zusammenkünften imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt, sowohl durch geleistete Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich einen bedeutenden Anhang zu verschaffen.
Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die Unsittlichkeit, die unter den Staatsmännern jener Zeit epidemisch war, in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib den Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu abgewandt haben würden.
Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren Ehrgeize, hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe nicht Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er hatte einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für seine Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß alle Revolutionen sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über ein Glück, welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so dauernd anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und verglich ihn mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß sein Rath gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt hätte.
Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische Parlament schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den guten Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete und noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern vorzog.
Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley’s und Lauderdale’s wagte man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und Arlington. Diese beiden Staatsmänner nahmen Partei für die alte Kirche, welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald darauf ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle Arlington verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit abzwang. Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu täuschen, und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt hatte. Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit Frankreich in’s Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.
Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den letzten englischen Staatsmännern gehörten, welche die ernstliche Absicht hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die ersten englischen Staatsmänner, welche dasselbe zu bestechen versuchten, und ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von Straffords „Durch“ und die erste Spur von jener systematischen Bestechung, welche nach der Zeit Walpole’s ausgeübt wurde. Sehr bald erkannten sie aber, daß, obgleich das Haus der Gemeinen fast durchgängig aus Cavalieren bestand, und französisches Gold und Stellen an die Mitglieder verschwendet wurden, doch keine Aussicht war, auch nur die am wenigsten gehässigen Punkte des Vertrags von Dover durch die Majorität unterstützt zu sehen; man mußte also nothwendig zum Betrug greifen. Der König heuchelte daher großen Eifer für die Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den französischen Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei. Die Gemeinen ließen sich fangen, und bewilligten achthunderttausend Pfund. Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle entledigte Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen Planes.
Zahlungseinstellung der Schatzkammer. Die finanziellen Verlegenheiten waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte ungeheure Kosten erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben nur hin, um die Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die achthunderttausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt hatte, waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch nur auf ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, die das Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, wieder ein Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit empfahlen Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem öffentlichen Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht blos Handel mit edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren daran gewöhnt, der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche Darlehen sie Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der Steuererhebung mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine Million und dreihunderttausend Pfund der Ehre des Staates anvertraut worden. Da erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es nicht möglich sei, das Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich mit den Zinsen begnügen müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren eigenen Verpflichtungen nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, mehrere große Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen über die ganze Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus entgegen. Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.
Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben. Wenige Tage nach dem Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den Vereinigten Provinzen der Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer mit Ehren, zu Lande aber wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche Gewalt bezwungen. Ein großes französisches Heer ging über den Rhein, eine Festung nach der andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von den sieben Provinzen des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von dem Dache des Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von außen so hart bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten heimgesucht. Die Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen Oligarchie mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter Stadträthe, welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetätsrechte ausübten; diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten, und die Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser Staatseinrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich unbestimmte Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen. Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war, betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung, ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich mit einem fast königlichen Glanze.
Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer bürgerlicher Unruhen, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie befanden sich einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt wurde unter die Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten vertheilt.
Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm und die Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide Grundlage zu geben.
Wilhelm Prinz von Oranien. Dieser Prinz mit dem Namen Wilhelm Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge für die zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit für die Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, als das Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa’s, als ein souverainer Fürst des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem Geblüte Englands, vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der batavischen Freiheit, genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige Amt, welches seine Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht wieder besetzt, und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte nie wieder ein Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten Magistratsperson vertrat zum großen Theile der Großpensionair der Provinz Holland, Johann de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und Redlichkeit ihn zu einem hohen Ansehen im Rathe der municipalen Oligarchie erhoben hatten.
Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung hervor. Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar gegen die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten Heerführer und die geschicktesten Staatsmänner der Regierung her. De Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von Oranien war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser Gelegenheit, sowie zwanzig Jahre später bei einer anderen beklagenswerthen Veranlassung, beurtheilte er die Verbrechen, welche in seinem Interesse verübt wurden, so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm befleckt wurde. Er trat ohne Nebenbuhler an die Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein feuriger unbeugsamer Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren Außenseite verborgen, gar bald den Muth seiner zagenden Landsleute. Jeder Versuch seines Oheims, sowie des französischen Königs, ihn durch die glänzendsten Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu machen, war vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine schwungreiche, begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen Vorschlag zu machen, der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte, und der, wenn er zur Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein Epos sein würde, der im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er erklärte den Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr Heimathsland und die Wunder, mit denen menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean verschlungen wären, noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten Holland überleben; Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch von Tyrannen und Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens entferntesten Inseln eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den Häfen der Republik ankerten, würden ausreichen, um zweihunderttausend Auswanderer nach dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die holländische Republik ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter dem Kreuze des Südens, umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die Börse eines reicheren Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren Leyden errichten. Der Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die Bedingungen, welche die Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen, die Dämme wurden durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren See verwandelt, aus dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie Inseln hervorragten. Die Feinde retteten sich nur durch den eiligsten Rückzug vor Vernichtung; Ludwig aber, welcher es zuweilen für vortheilhaft hielt, sich an der Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch einen Palast bequemer fand als ein Kriegslager, war bereits heimgekehrt, um in den neuangelegten Alleen von Versailles sich der Schmeicheleien der Dichter und des Lächelns seiner Damen zu erfreuen.
Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der gemeinschaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden Deutschlands marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der englischen Regierung, welche man durch Beraubung der Staatsgläubiger zusammen gebracht, waren erschöpft, von der City ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch durch königlichen Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich eine Revolution hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem halben Europa in Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der Verfassung, die Mittel zur Bezwingung des englischen Volkes herbeizuschaffen. So war es nothwendig, das Parlament einzuberufen.
Versammlung des Parlaments. Im Frühlinge des Jahres 1673 versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley, jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ. Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte, daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung.
Indulgenzerklärung. Der unpopulärste Schritt, den die Regierung jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung dieser Erklärung. Die verschiedenartigsten Gefühle waren verletzt durch eine an sich zwar freisinnige, aber in höchst despotischer Weise ausgeführte Maßregel. Die Feinde religiöser, und die Freunde bürgerlicher Freiheit waren eng verbunden, und aus diesen beiden Klassen bestanden neunzehn Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der Staatskirche beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem Papisten wie dem Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute sich zwar über das Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war aber eben nicht besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem Antichrist theilen sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und Gerechtigkeit achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den die Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte.
Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte. Daß es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein, die Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht, welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war, so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze, er sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in’s Spiel kam. Die Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen, mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.3
Die Wahrheit ist, daß die Dispensationsbefugniß eine große Anomalie in Staatssachen war. In der Theorie war sie mit den Grundsätzen gemischter Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in einer Zeit entstanden, wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In der Praxis hatte man diese Befugniß niemals auf gröbliche Art gemißbraucht, sie war deshalb geduldet worden, und endlich allmälig zu einer Art Verjährung gekommen. Nach einem langen Zwischenraume wurde sie endlich in einem fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen Veranlassung und zwar in früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem allgemein verabscheuten Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer strengen Untersuchung unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte sie geradezu für verfassungswidrig zu erklären, so kam man doch zu der Erkenntniß, daß sie in directem Widerspruche mit der Verfassung stehe, und wenn sie willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer beschränkten Regierung in eine absolute verwandeln würde.
Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte. Durch solche Befürchtungen veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere, jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar. Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick, daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals in Anwendung gebracht werden solle.
Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs IV. geltend geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung „Testakte“ bekannt, bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen Entwaffnung der Katholischen den protestantischen Nichtconformisten Hilfe werden solle, erhoben nur geringen Widerspruch, und auch der König, der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen seine Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge davon der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord Großadmirals aufzugeben.
Auflösung der Cabale. Noch hatten die Gemeinen sich nicht gegen den holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus Dankbarkeit für die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan seiner inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß, welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford, der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington vertauschte den Posten eines Staatssecretairs mit einer ruhigen, ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts zu schaffen hatte.
Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu schließen und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu diesem Kriege bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig weigere, auf annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun jeden Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der Aufrichtigkeit seines Hofes.
Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte er daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.
Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre 1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite gelegt.
Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby’s innere Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa’s einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten — diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes Vernehmen mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.
So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn, eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur die Augen zudrücken, sondern auch — obgleich mit Verdruß und Widerstreben — dabei mitwirken.
Verwickelte Lage der Vaterlandspartei. Mittlerweile wurde die Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten. Diejenigen Geschichtschreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden.
Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft. Dieser Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby’s im Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können, daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte, so würde sie ihn auf’s Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß, daß die französische Regierung und die englische Opposition — sonst in allen Ansichten von einander abweichend — wenigstens darin übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und solchen englischen Staatsmännern, welche stets Abneigung und Furcht vor dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Niederträchtigkeit beschuldigen, Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten. Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft, war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden, und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher die Tugend und der Stolz Algernon Sidney’s unterlagen, als alles Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde.
Frieden von Nimwegen. Die Folge dieser Intriguen war, daß England, wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678 durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den ganzen Verlust zu tragen.
Große Unzufriedenheit in England. Kaum waren die Feindseligkeiten auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen 1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament zusammentrat.
Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der verschiedenartigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist des protestantischen Europa’s war. Seine Hilfsquellen waren nicht schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische Ländchen, welches fünftausend Soldaten in’s Feld schicken konnte, ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa’s bildete.
Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu; man raunte sich sogar in’s Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige, die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!
Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria’s, Unmenschlichkeiten, die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer wieder neue Nahrung erhielt.
Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel, hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer, vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle. Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende Staatskirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen; der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte, war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen, wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.
Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand Alles in Flammen.
Danby’s Sturz. Der französische Hof, welcher Danby als seinen bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen, schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr.
Die papistische Verschwörung. Die Aufregung, welche die erwähnte Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates, Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft, katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden Staatsmänner und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden, und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.
Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die Anschuldigung Oates’ zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus, welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war. Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens enthalten haben müßten.
Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten Nachforschungen entdeckte man Godfrey’s Leichnam auf einem Felde in der Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind ermordet worden; am unwahrscheinlichsten aber ist die Annahme, die dem Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungsgeschichte einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die lügenhaften Beschuldigungen Oates’ und die Beleidigungen der Menge zur höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren, wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im Belagerungszustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen; Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren, Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die Königin wurden beschlossen. Einen Staatssecretair ließen die Gemeinen in’s Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen, welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden hatte.
Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen Allianz an’s Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des Jahres 1679 aufgelöst. — Es hatte seit Anfang des Jahres 1661 bestanden, — und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.
Erste allgemeine Wahl von 1679. Während mehrerer Wochen wurde der Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln, um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher, um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt hatten.
Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen, Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um’s Leben zu bringen. Einer wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen um’s Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit, unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch. Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den größeren Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. Männer wie Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze Sache ein Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem verhärteten Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so gleichgültig, als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter dem Einflusse der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, und wurden von der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, schrie und lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten auftraten und jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen ward. Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres früheren Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem Vorurtheile befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so eher gegen die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens behaupteten sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen weggezogen ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß ein guter Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, nicht nur als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.
Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen. Während unter der Form der Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand der Dinge blickten. Die Anklage Danby’s wurde wieder aufgenommen. Er bat um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt, daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne ausschließe.
Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder, dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte, veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige. Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen einstimmte.
Temple’s Regierungssystem. In dieser höchsten Bedrängniß nahm der König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen Staatsmännern jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen Mannes erhalten. Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich geweigert, an der Politik der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet die Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller Zurückgezogenheit geblieben. Auf den Ruf Danby’s war er aus seiner Einsamkeit hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und England vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der Vermählung der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von Oranien, entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen Guten, das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den vielen Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm keines zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht streng, war anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war nicht möglich ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte allerdings an dem Charakter dieses vortrefflichen Staatsmannes: seine Vaterlandsliebe besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche Ruhe und Würde ging ihm über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger Furcht vor jeder Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren nicht geeignet, ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu lassen. Er war fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente gesessen zu haben, und seine Geschäftserfahrungen hatte er fast ausschließlich fremden Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für einen der ersten Diplomaten Europa’s, aber die Talente und Fertigkeiten eines Diplomaten sind himmelweit verschieden von denjenigen, welche einen Staatsmann befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu leiten.
Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungsgrundsätze nachgedacht, und sein geistiger Blick war durch Geschichtsstudien und Aufenthalt im Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer als die meisten seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten erkannt zu haben, welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der englischen Staatsverfassung fing an, sich zu verändern, das Parlament erhob, wenn auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über die der Prärogative. Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der executiven Gewalt war in der Theorie so genau abgemessen wie jemals, aber in der Praxis schwand sie mehr und mehr. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König selbst seine Minister zu wählen; das Haus der Gemeinen aber hatte nach einander Clarendon, die Cabale und Danby von der Leitung der Staatsgeschäfte entfernt. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden; er war durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, Frieden mit Holland zu schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, Krieg mit Frankreich zu beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand dem Könige allein die Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um Begnadigungen handelte; er hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause der Gemeinen, daß er es nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, von denen er gar wohl wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids fielen. Es scheint, daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre unzweifelhaft verfassungsmäßigen Gewalten zu belassen, und sie zugleich, wenn möglich, zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der ausübenden Verwaltung zu thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen den Landesherrn und das Parlament einen Körper zu stellen, welcher im Stande wäre, die Heftigkeit ihres Zusammenstoßes zu mildern. Es existirte ein altes, ehrenwerthes, von dem Gesetze sanctionirtes Institut, das nach seiner Meinung zu diesem Zwecke umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem Geheimen Rathe einen neuen Charakter und eine neue Bestimmung in der Verfassung zu verleihen. Die Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt, funfzehn davon sollten die ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege und der Kirche sein, die anderen funfzehn sollten aus Adeligen und Herren bestehen, die sich in keinem Amte befanden, aber ein großes Vermögen besaßen und eines hohen Ansehens genossen. Ein engeres Kabinet sollte nicht bestehen. Diese dreißig sollten mit allen Staatsgeheimnissen betraut und zu jeder Versammlung berufen werden, der König aber sich verpflichten, bei allen Gelegenheiten ihrem Rathe Folge zu leisten.
Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.
Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft, um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente, sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen. Und doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.
Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein; auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt. Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax, und Robert Spencer, Earl von Sunderland.
Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es zu sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche auch für den Staat günstig wäre.
Charakter des Halifax. Halifax war unter den Staatsmännern jener Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war fruchtbaren, hellen und umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche und lebendige Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines Sprachorgans, war der Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war reich an Gedanken, Phantasie und Witz, und seine politischen Abhandlungen sind es werth, wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes studirt zu werden, und berechtigen ihn in vollem Maße, unter den Klassikern Englands genannt zu werden. Mit der Bedeutung, zu der so große und vielseitige Talente ihn erhoben, vereinigte er den ganzen Einfluß, den Rang und Reichthum verliehen. Doch hatte er in seinem politischen Wirken weniger glückliche Erfolge als Andere, welche sich nicht so bedeutender Vorzüge rühmen konnten. Und in der That hinderten ihn die genialen Eigenthümlichkeiten, welche seinen Schriften so hohen Werth verleihen, sehr oft in den Streitigkeiten des praktischen Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des Tages nicht immer aus dem Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem darstellen, der an ihnen lebhaften Antheil nimmt, sondern aus dem, in welchem sie nach Jahren dem philosophischen Schriftsteller erscheinen. Bei dieser Richtung des Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend einem Vereine von Männern im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile, alle Übertreibungen der beiden großen Parteien erregten seinen Spott; er verabscheute die elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der Demagogen; aber er verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht und dem passiven Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er über die Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der Hofkirche. Es war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der Heiligen und Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen könne, weil er solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das, was man in neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er Republikaner. Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung des verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab, durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu sein.
Er war das Haupt derjenigen Staatsmänner, welche die beiden großen Parteien verächtlich „Trimmer“ nannten; anstatt aber über diesen Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel, und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. „Das Gute hält zwischen den Extremen die Mitte“, pflegte er zu sagen. „Die gemäßigte Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden, und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt, ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung zu stören.“4 So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es aber auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war scharf, skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend, sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte. Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl wie der Tories geworfen hat.
Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und dadurch das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß er nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich, er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus diesem Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die Seite der Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz frei von Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel, und man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.
Charakter Sunderlands. Sunderland war Staatssekretair. Dieser Mann war ein verkörpertes Bild der politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit. Er besaß einen durchdringenden Verstand, ein geschäftiges, boshaftes Temperament, ein fühlloses Herz und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter hatte eine Schule von Lastern durchgemacht, welche darin zur üppigsten Reife gediehen waren. Bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte er verschiedene Jahre auf auswärtigen diplomatischen Stationen zugebracht, und einige Jahre als Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder Beruf ist seinen besonderen Versuchungen unterworfen, und es wird Niemand in seinem Rechte verletzt, wenn man behauptet, daß die Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von jeher durch ihre Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der sie sich des Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun haben, und durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder Gesellschaft, in der sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr ausgezeichnet haben, als durch edlen Enthusiasmus oder strenge Rechtschaffenheit, und die Beziehungen zwischen Karl und Ludwig waren von der Art, daß kein englischer Cavalier lange als Gesandter in Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen und redlichen Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen Schule, in der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei von jedem Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche Verbindung machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den Cavalieren gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und verdammten in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen trotzige englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet hätten. Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an republikanischen Staatseinrichtungen, das sich mit der vollkommenen Bereitwilligkeit vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug willkürlicher Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und Unterhändlern war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu durchschauen und auf ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte, die Gefühle der Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen vorauszusehen. Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge und erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus kannten, keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu widerstehen und seinen Versicherungen der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber bei seiner Anstrengung, Einzelne zu studiren und für sich einzunehmen, vergaß er die Stimmung des Volkes zu beobachten, weshalb er sich in Bezug auf die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede wichtige Bewegung und jeder Umschlag der öffentlichen Meinung überraschte ihn, und die Welt, der es unbegreiflich war, wie ein so ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht erkannte, die der Kaffeehauspolitik klar waren, hielt seine Maßregeln bisweilen für tief durchdachte Pläne, während es in der That nur gewaltige Fehler waren.
Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei Privatunterhandlungen. Im königlichen Kabinet, sowie in kleineren Kreisen besaß er einen außerordentlichen Einfluß, in der Rathsversammlung aber war er schweigsam und im Hause der Lords kam kein Laut über seine Lippen.
Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben, mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung, daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.
Prorogation des Parlaments. Der Tag dieser Prorogation, der 26. Mai 1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, indem an demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung empfing. Seit der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen Freiheit der Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast dasselbe, was es zu unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines thatkräftigen Systems, und einer geschickten Handhabung desselben hatte es sich bis jetzt ohne Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, sondern nur ein gutes gründliches Schutzmittel, und solches war die Habeas-Corpus-Akte.
Habeas-Corpus-Akte. Der König würde ohne Zweifel die Genehmigung dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er beabsichtigte über die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu appelliren, und durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht wagen, eine Bill zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär war.
An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. In früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung des Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe zwar aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.
Zweite Allgemeine Wahl von 1679. Kurz nach der Prorogation fand die Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht der Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen, und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.
Popularetät Monmouths. Als Karl noch auf dem Continent als Wanderer lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches Mädchen kennen, welche zwar außerordentlich schön, aber dabei beschränkten Geistes und sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und bald darauf Mutter eines Sohnes, gegen dessen Echtheit ein eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken erhoben haben würde, denn die Dame hatte verschiedene Anbeter, und es wurde behauptet, daß sie gegen keinen derselben unerbittlich sei. Karl glaubte jedoch ihren Worten, und äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts, wie das Kind genannt wurde, eine ungemeine Zärtlichkeit, welche bei diesem kalten, sorglosen Charakter höchst überraschend erscheint. Bald nach der Restauration kam der junge Liebling, welcher in Frankreich die Erziehung eines vollkommenen Gentleman genossen, nach Whitehall. Er bezog eine Wohnung im Palaste, erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß verschiedene Bevorzugungen, welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu Theil geworden waren. Noch in zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna Scott, der Erbin des edlen Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen seiner Gemahlin an, und trat durch diese Verbindung in den Besitz sehr bedeutender Güter, so daß man das Vermögen, welches er besaß, auf nicht weniger als zehntausend Pfund jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde mit Titeln und Gunstbezeugungen, von einträglicherer Art als Titel, förmlich überschüttet. Man ernannte ihn zum Herzog von Monmouth in England, zum Herzog von Buccleuch in Schottland, zum Ritter des Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber der ersten Abtheilung der Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom Trent, und Kanzler der Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm dieses Glück. Er besaß ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von sanftem Gemüth und liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein Wüstling, gewann er doch die Herzen der Puritaner und wenn es auch allgemein bekannt war, daß er um den abscheulichen Angriff auf Sir John Coventry gewußt, wurde es ihm doch nicht schwer, die Vergebung der Vaterlandspartei zu erhalten. Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, daß an einem derartigen Hofe von einem Kinde, das mit einem Kinde vermählt worden sei, strenge eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, und selbst Vaterlandsfreunde entschuldigten den heftigen Knaben, der eine Beleidigung gegen seinen Vater mit übertriebener Rache vergalt. Bald aber wurde der Schatten, den Liebschaften und nächtliche Streiche auf seinen Charakter geworfen, durch ehrenvolle Handlungen verwischt. Als Karl und Ludwig sich gegen Holland waffneten, befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen, welche nach dem Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer Soldat und als tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der populärste Mann im Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der Krone, und selbst diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu sein. Die Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm und Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben, während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen. Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen. Es ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als Monmouth noch ein Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten gehalten wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern auch in Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König mit Lucie Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn Prinz von Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in welchem nach dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte. Als Monmouth aus den Niederlanden heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war. Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet: sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten. Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten, Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen zu verfügen habe. Sein Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er nicht nur in seinem Wappen die Löwen von England und die französischen Lilien, jedoch ohne den linken Querbalken — nach der Heraldik ein Zeichen illegitimer Geburt — führte, sondern es sogar wagte, des „Königs Krankheit“ (Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu heilen. Zu gleicher Zeit verabsäumte er keinen Kunstgriff der Herablassung, der ihm die Liebe der Massen erwerben konnte. Er stand bei den Kindern der Landleute Gevatter, machte ländliche Lustbarkeiten mit, versuchte sich im Ringkampf oder mit dem Kampfstock und erreichte beim Wettlauf das Ziel eher in seinen Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in Schuhen.
Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie sich für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts besaß, und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, sondern auch der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der protestantischen Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten mit Elisabeth an der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu vereinigen. In derselben Art griff hundertdreißig Jahre später ein Theil der Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, nicht nur die Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens und ihrer Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der Prinzessin von Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch persönliche Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und reformirten Kirchen ausersehen waren.
Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor der Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke der Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem die Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, daß sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.
Temple’s Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben im königlichen Dienste.
In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden, war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei Staatsmänner, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der Macht, den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, zogen bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies Lawrence Hyde und Sidney Godolphin.
Lawrence Hyde. Lawrence Hyde war der zweite Sohn des Kanzlers Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von York. Er besaß vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische und diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf, wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem Augenblick an, wo die Leidenschaftlichkeit in ihm die Oberhand gewann, war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten tief unter den seinigen standen.
Wie die meisten leitenden Staatsmänner jener Zeit, war er ein consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt. Er besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern; namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.
Er war Essex’ Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen werden, daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch nicht die Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es einen Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen, so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines Staatssekretairs. Erst seit Walpole’s Zeit betrachtete man den ersten Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.
Sidney Godolphin. Godolphin war als Page in Whitehall erzogen worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und Selbstbeherrschung eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war fleißig, besaß einen hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des Finanzwesens, daher war er für jede Regierung ein höchst brauchbarer Mann, in dessen Ansichten und Charakter sich nichts befand, was ihn hätte hindern können, irgend einer Regierung gute Dienste zu leisten. Karl pflegte von ihm zu sagen: „Sidney Godolphin ist niemals im Wege und niemals vom Wege.“ Diese treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge in Godolphins Leben.
Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an, ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staatsgeschäfte übrig ließen, verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er saß jetzt unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und Kenntnisse sehr bemerkbar.
Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte, verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat. Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen, dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen vereinigten.
Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill. Jede Grafschaft wie jede Stadt und jede Familie war in gewaltiger Aufregung. Nachbarliche Artigkeit und Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten Bande der Geselligkeit und Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst Schulknaben bildeten wüthende Parteien, und der Herzog von York wie der Earl von Shaftesbury besaßen eifrige Anhänger in den Schulstuben von Westminster und Eton. Die Theater dröhnten von dem Geschrei der streitenden Parteien. Aufgeregte Protestanten brachten die Päpstin Johanna auf die Bühne, und wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und Epiloge mit Lobeserhebungen des Königs und des Herzogs. Die Mißvergnügten bestürmten den Thron mit Bitten um sofortige Einberufung des Parlaments. Die Loyalen sandten Addressen, voller Ausdrücke der tiefsten Verachtung gegen diejenigen, welche es wagten dem Souverain Vorschriften zu machen. Die Bürger Londons liefen zu Tausenden zusammen, um den Papst im Bilde zu verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie bei Templebar und schweres Geschütz um Whitehall auf. In diesem Jahre vermehrte sich unsere Sprache um zwei Worten: mob (Pöbel) und sham (Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen einer Zeit des Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man: Birminghams, Petitionäre und Ausschließungsmänner (exclusionists) die auf des Königs Seite standen: Anti-Birminghams, Verabscheuer (abhorrers) und Rennthiere (tantivies).
Die Namen Whig und Tory. Diese Bezeichnungen kamen bald aus der Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß einer dieser Spottnamen schottischen, der andere irländischen Ursprungs ist. In Schottland wie in Irland hatten sich in Folge der schlechten Regierung Banden von verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit noch durch Fanatismus erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des Covenants, durch den härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben, mordeten den Primas von Schottland, ergriffen gegen die Regierung die Waffen und fochten mit einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs. Sie wurden erst besiegt, nachdem Monmouth mit einigen englischen Streitkräften sie an der Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte. Diese Zeloten bestanden zum größten Theile aus Landleuten des westlichen Unterlands, welche gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die Benennung Whig mit dem Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in Schottland, und wurde auf diejenigen englischen Politiker übertragen, welche geneigt waren, dem Hofe zu opponiren, und protestantische Nichtconformisten mit Rücksicht zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands boten zu gleicher Zeit papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit denen hatten, welche man später Weißburschen (white-boys) nannte, einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem Namen Tory bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich sträubten zur Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne beizutragen.
Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen sein, wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie von dem gemeinschaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf Frankreichs Schutz zu rechnen.
Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden Auge nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich einer Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr — wie früher — von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter ihnen ein Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat, peinigte die Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen besseren Klang hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger Glauben. Die Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des allgemeinen Entsetzens, welches der Ermordung Godfrey’s folgte, und die Richter, während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes, hatten jetzt den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang für wahr gehalten.
Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen. Endlich, im Oktober des Jahres 1680, trat das Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen eine so große Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien ohne Beschwerde durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder seines eigenen Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten treulich festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine beharrliche Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen Bestreben nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte. Sunderland, stets falsch und verblendet, unfähig die Symptome der nahenden Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach seiner Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof zu stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art, welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und Richards II. erinnerte.
Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill. Der falsche Sunderland schloß sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber warf alle Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten Collegen und einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die Sache des Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach vielen Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit galten. Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung in der Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen beweist zur Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die außerordentliche Redekunst des Halifax die Stimmen geändert wurden. Die Bischöfe, treu ihrer Lehre, unterstützten das Prinzip des Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit großer Majorität verworfen.5
Hinrichtung Staffords. Die im Hause der Gemeinen vorherrschende Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere Kränkung, doch fand sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken fließen mußte. William Howard, Viscount Stafford, einer der Unglücklichen, welche bei dem Complot betheiligt sein sollten, wurde vor die Schranken seiner Pairs gestellt, auf die Beschuldigung Oates’ und zweier andern falschen Zeugen Dugdale und Turberville wegen Hochverraths verurtheilt und hingerichtet. Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief man ihm zu: „Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!“ Ein scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals vergossene Blut bald anderes nachfließen werde.
Allgemeine Wahlen von 1681. Der König wollte das Mittel einer Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März des Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury’s herbeieilen, wie sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König.
Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs noch immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der Tory-Geist allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte glauben, der scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den eintretenden Wechsel bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche seine Einwilligung geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik nicht mehr verfolgen zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um bei schlimmem Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine Position, in welcher er siegen oder seinen Untergang finden mußte. Vielleicht war ihm der Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die Gunst des Volkes, durch das Glück und durch die Aufregung des Kampfes schwindelnd geworden, vielleicht hatte er auch seine Partei so aufgestachelt, daß er sie nicht mehr beherrschen konnte und in wildem Laufe von denen mit fortgerissen wurde, die er zu leiten glaubte.