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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2

Geschichte von England (continued 3)

Wilhelm Beseler translation

Die Remonstration. Am 22. November 1641 fand nach einem Vorspiele von einigen Wochen der erste große parlamentarische Kampf zwischen den Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung der Nation gestritten haben und noch darum streiten. Die Opposition stellte den Antrag, das Haus der Gemeinen möge dem Könige eine Vorstellung übergeben, in der die Fehler, die er seit seiner Thronbesteigung in der Verwaltung begangen, aufgezählt würden, und die zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das Volk seine Politik betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig Monaten einstimmig die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war jetzt in zwei heftig erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke getheilt. Nach einer mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte Remonstration mit nur elf Stimmen angenommen.

Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue gegen seine Unterthanen an den Tag legte.

Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das Unterhaus verletze.

Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.

Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, haßte, ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn in beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber, die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen, aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths Pläne des „Durch“ wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.

Anklage der fünf Mitglieder. Einige Tage nach dem den Häuptern der constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein wichtiger Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym, Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in Person, unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.

Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. Die gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs über sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß er schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen seiner Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit hinreißen zu lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines weit schwerern Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine Unterthanen, lange durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit Gefühlen des Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, führte er einen tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die Vorrechte des Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der Geschwornen­gerichte, und zeigte, daß er eine Opposition gegen seine Willkürpläne für eine nur durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er war nicht nur seinem großen Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen eigenen Anhängern untreu geworden, und hatte einen Schritt zu thun gewagt, der wahrscheinlich einen blutigen Kampf an dem Stuhle des Sprechers hervorgerufen haben würde, wenn ihn ein unvorhergesehener Zufall nicht verhindert hätte. Es fühlten jetzt die einflußreichsten Männer im Unterhause, daß nicht nur ihre Macht und Popularität, sondern auch ihre Güter und Köpfe von dem Ausgange des Kampfes, in den sie verwickelt waren, abhingen. Der gesunkene Eifer der dem Hofe entgegenstehenden Partei erhob sich plötzlich wieder zu neuem Leben. Die ganze Nacht, die auf den Frevel folgte, stand die City von London unter Waffen. Die der Hauptstadt zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden schon mit Schaaren von Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der Parlamentssache an den Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im Hause der Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös’t. Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach, und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der Ehrerbietung, zum Staats­gefangenen zu machen.

Karls Abreise von London. Er verließ London, um nicht eher dorthin zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen Könige seit undenklichen Zeiten waren und noch bis auf den heutigen Tag sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser kein Minister ernannt, kein Pair gewählt werden, und vor Allem sollte der Souverain sich der höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer Zeit, deren sich niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört hatte.

Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch irgend ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es würde auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit Sicherheit weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation hielt fest an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten waren nur noch wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut auszusprechen. Die Abschaffung des Königthums war daher eine Unmöglichkeit; aber zugleich war es klar, daß man in den König kein Vertrauen setzen durfte. Es hätten Diejenigen, die sein Streben nach ihrer Vernichtung aus jüngster Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, wenn sie sich damit begnügt hätten, ihm eine andere Bitte um Recht einzureichen, und von ihm neue, denen ähnliche Versprechungen anzunehmen, die er wiederholt gegeben und nicht gehalten hatte. Nur der Mangel einer Armee hatte ihn verhindert, die alte Reichsverfassung völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung Irlands hatte die Aufstellung einer großen regelmäßigen Armee nöthig gemacht, es wäre daher reiner Wahnsinn gewesen, hätte man die volle Militairgewalt, wie sie seine Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen wollen.

Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England befand, wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die dasselbe verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte man meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde des Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der Entthronung Richards II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit der Thronentsetzung Jakobs II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß die Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen.

Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem Minister möglich war, länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn das Haus der Gemeinen widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die Gewalt Pairs zu ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes; aber er ist seit der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von Räthen umgeben gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen. Die Führer der Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staats­männer, die vielleicht ein halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen, verfolgten in der That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den Streit zwischen der Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen, daß man dem Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung zuertheilte. Die Staats­männer der Revolution bewirkten dies indirekt durch einen Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen direkten Weg zum Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht bewirken konnten.

Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der Opposition, die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der Krone bisher angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene große Partei abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor gesetzlicher Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren. Diese Partei hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des Übergewichts in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu bewirken; in dieser Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch seine Treulosigkeit die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl gemäßigter und im Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der Mißvergnügten zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief gekränkt, daß sie sich eine Zeit lang beschämt und entrüstet zurückzogen. Jetzt aber mußten die constitutionellen Royalisten unter zwei Gefahren wählen, und sie hielten es für Pflicht, eher zu einem Fürsten zu stehen, dessen bisheriges Verfahren sie verabscheuten und dessen Worten sie wenig Vertrauen schenkten, als eine Entwürdigung des königlichen Amtes und eine völlige Umgestaltung der Reichsverfassung zu dulden. Mit diesen Gefühlen traten viele Männer, deren Tugenden und Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre gereicht haben würden, auf die Seite des Königs.

Anfang des Bürgerkriegs. Im August 1642 griff man endlich zum Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob. Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in den Zeiten der größten Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige Besteuerung, die willige und zähe Zahler zugleich drückt, nur eine dürftige finanzielle Hilfsquelle ist.

Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an Vorräthen und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut benützt hätte, sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung, einige Monate lang die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen kämpften anfangs viel besser, als die des Parlaments. Bestanden auch beide Armeen fast nur aus Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen hatten, so war dennoch der Unterschied ein großer. In den Reihen der Parlamentstruppen standen eine Menge Miethlinge, die Mangel und Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben zu lassen. Hampdens Regiment hielt man für eins der Besten; aber selbst dieses Regiment schildert Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande von unbeschäftigten Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen bestand größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den Tod der Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe geübt, als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen Lust der Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche Männer, ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die aus ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend, stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine Zeit lang fast immer mit Glück.

Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich gewesen. Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem der bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf dem Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte, überrumpeln und zersprengen zu lassen.

Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die Hauptposten anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte. Das Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem Reiche, in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war, suchte man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit, mußte daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von diesen denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder durch ihre im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten. Aber auch nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder die großen Herren noch die großen Redner zeigten sich als gute Soldaten. Der Graf von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des hohen Adels, ward bei Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel Fiennes, der an Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner Zeitgenossen nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe von Bristol mit Schmach. Von allen Staats­männern, die in jener Zeit hohe Militairposten empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die Fähigkeit und Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik auszeichnete.

Erfolge der Royalisten. Nach Verlauf eines Jahres waren alle Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den westlichen und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten dem Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären.

Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit, nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster zurück.

Erstehen der Independenten. Neue beunruhigende Symptome zeigten sich nun in dem kranken Staats­körper. Von Anfang an hatte die Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, vor denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer waren Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten, um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert, hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte theils der Tod geraubt, theils hatten sie selbst das öffentliche Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen Ehren neben den Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner würdig gefallen, indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen Reitern Ruprechts standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges Beispiel geben wollte; Bedford war der Sache untreu geworden; Northumberland war als ein lauer Anhänger bekannt, und Essex sammt seinen Unterbefehlshabern hatte wenig Kraft und Befähigung zur Leitung der Kriegsoperationen bewiesen. Unter diesen Umständen begann die feurige, entschlossene und hartnäckige Independenten-Partei sowohl im Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt zu erheben.

Oliver Cromwell. Die Seele dieser Partei war Oliver Cromwell. Er war zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte aber doch, schon über vierzig Jahre alt, eine Stelle in der Parlamentsarmee angenommen. Kaum Soldat geworden, erkannte er mit dem hellen Blicke des Genie’s, was Essex und Genossen, trotz aller ihrer Erfahrung, nicht erkannt hatten. Ihm ward sofort klar, worin die Stärke der Royalisten bestand, und welche Mittel zur Bewältigung derselben anzuwenden seien. Er erkannte, daß eine Reorganisation des Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu diesem Zwecke reiches und vortreffliches Material vorhanden sei, wenn auch nicht so glänzendes, aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die tapfern Schwadronen des Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten beschafft werden, die nicht nur als Miethlinge dienten, sondern aus anständigen Lebensverhältnissen kamen, und einen ernsten Charakter, Gottesfurcht und Eifer für die öffentliche Freiheit besaßen. Solche Männer stellte er in die Reihen seines eigenen Regimentes, und indem er sie einer strengen, bis dahin in England unbekannten Disziplin unterwarf, wirkte er zugleich durch Reizmittel von außerordentlicher Kraft auf ihre geistige und sittliche Natur.

Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter Essex’ Oberbefehl, erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein, daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich verloren, wieder gewonnen hatten.

Selbst­verleugnungs­verordnung. Die Selbstverleugnungs­verordnung und die neue Organisation der Armee waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex und die meisten derjenigen Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen hatten, wurden unter schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der Achtung entlassen; die Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben. Fairfax, ein tapferer Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten und unentschlossenem Charakter, wurde dem Namen nach Generalissimus der Armee, Cromwell aber war das eigentliche Haupt derselben.

Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.

Sieg des Parlaments. Der erste große Zusammenstoß der Royalisten und der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei Naseby statt; der Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, und andere Triumphe reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate genügten, und die Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen Königreiche hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese lieferten ihn seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die ihrem Nationalcharakter wenig Ehre machte.

Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen. Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen. Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte Leute wurden in kurzer Zeit reich.

Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten, ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten unterwerfen.

Herrschaft und Charakter der Armee. Nun folgte ein Zeitraum von dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer Militairdictatur unterworfen gewesen.

Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen denen sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die Löhnung des gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die unterste Klasse der Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand aufzugeben. Der Gemeine ist von dem höhern Offizier durch eine fast unübersteigliche Schranke getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt sind, hat die größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten Besitzungen Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den Kriegsdienst Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, oder einige Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit und Kraft eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen Parlaments war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des gemeinen Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse des Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht und Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So kam es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und Bildung die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu denken gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt, sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.

Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger aufgeklärten Obersten leitete, oder einen vom Glauben abgefallenen Major Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet, waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß, unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren, zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf dem Kampfplatze aus.

Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das System Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke eigen ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer haben eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht minder glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man strenge Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit von Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine Truppen zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat das Heer weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen Feind gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England, Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet, so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen Europa’s entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei, mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde in’s Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.

Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen waren die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen zeigte. Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldaten­herrschaft das Eigenthum friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig gehalten worden sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die siegreiche Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es hatte sich keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, und kein Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen sei; aber eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die Jungfrau mit dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen dergestalt auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder beruhigen konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen auf die Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man sich zu jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine der Haupt­schwierig­keiten dar, und viele unserer Kathedralen tragen jetzt noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister auf jede Spur des Papstthums blickten.

Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldaten­herrschaft. Es war selbst für diese Armee keine leichte Aufgabe, das englische Volk im Zaume zu halten. Sobald die Nation, an eine solche Knechtung nicht gewöhnt, den ersten Druck der militairischen Tyrannei fühlte, begann sie einen heftigen Kampf dagegen. Selbst in den Grafschaften, die während des letzten Krieges dem Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren, brachen Aufstände los. Das Parlament verabscheute in der That seine alten Vertheidiger mehr als seine alten Feinde, und mit Karl auf Unkosten der Truppen einen Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester Wunsch. In Schottland erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen den Royalisten und einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren der Independenten verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die Themseflotte zog plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und bedrohte die südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung überschritt die Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle diese Bewegungen von einem großen Theile der Lords und der Gemeinen mit stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, läßt sich nicht mit Unrecht vermuthen.

Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.

Verfahren gegen den König. Nun bildete sich ein Plan zu einer festen Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges auch nur anzudeuten gewagt haben würde und der mit der feierlichen Ligue und dem Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können, mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab, daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse, daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre Karl I. offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, als Karl II. Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, würde jeder Cavalier seine Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. Karl I. war ein Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. Karl I. war selbst bei denen ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung, die bei dem Gedanken an seine Ermordung zurückbebten; Karl II. würde alle die Theilnahme für sich gehabt haben, die unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt sich unmöglich annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit so naheliegende und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten. Das Wahre ist, daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen dem Throne und dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des königlichen Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes wieder aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er durch den widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare Treulosigkeit des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im Lager forderte den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln vorschlug. Es wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut gedroht, und eine Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner Kraft und Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er auch durch eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung wieder her, so entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade schwierig und gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen, die den gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern auch als den Feind Gottes betrachteten.

Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt, wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das natürlichste Vertheidigungs­mittel, und ein Fürst, der auf dem Gipfel seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in schwierigen Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der Aufrichtigkeit nicht befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu heucheln war, eben so unglücklich war er auch darin, denn keinem Staatsmanne sind soviel Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich nachgewiesen, als ihm. Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster als ein gesetzliches Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen Rathe die Erklärung ab, daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte sich öffentlich, daß er nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in das Land zu rufen; heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und Lothringen. Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste nähme; gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, jeden Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu Oxford das Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie begünstigen wolle; im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, daß er das Papstthum in England dulden werde, und Lord Glamorgan ermächtigte er zu dem Versprechen, daß das Papstthum in Irland eingeführt werden solle; dann versuchte er, sich auf Kosten dieses Bevollmächtigten rein zu waschen: Glamorgan empfing von der Hand des Königs geschriebene Verweise, die zum Lesen für Andere bestimmt waren; aber auch lobende Anerkennungen, die nur er allein lesen solle. Und wahrlich, es beherrschte in der That die Falschheit den ganzen Charakter des Königs dergestalt, daß seine treuesten Freunde sich nicht enthalten konnten, sich gegenseitig mit bitterm Schmerze und tiefer Scham über seine unredliche Politik zu beklagen. Seine Niederlagen, äußerten sie, verursachten ihnen weniger Kummer als seine Intriguen. Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft suchte er jeden Theil der siegreichen Partei durch Schmeicheleien und Umtriebe zu berücken, aber keiner seiner Versuche war je so unglücklich ausgefallen, als der, Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu stürzen.

Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II.. Einen solchen Verrath hatte er indeß nicht zu fürchten, denn die, welche ihn unter ihren Händen hatten, waren keine nächtlichen Meuchelmörder; was sie thaten, sollte ein Schauspiel für Himmel und Erde sein und ein ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, das sie gaben, hatte für sie den höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung und die öffentliche Meinung Englands mit dem Königsmorde im schroffsten Widerspruche standen, ließ einer Partei, die eine vollständige politische und sociale Revolution bewirken wollte, den Mord in einem verführerischen Lichte erscheinen. Die Erreichung dieses Zweckes machte das Zerbrechen jedes einzelnen Theils der Staats­maschine nöthig, und diese Nothwendigkeit berührte sie mehr angenehm, als schmerzlich. Die Gemeinen stimmten für den Abschluß eines Vergleichs mit dem Könige; die Soldaten schlossen die Majorität gewaltsam aus. Die Lords verwarfen einstimmig den Vorschlag, den König vor Gericht zu stellen; ihr Haus ward sofort geschlossen. Kein ordentlicher Gerichtshof wollte die Verantwortung auf sich nehmen, den zu richten, der die Quelle der Gerechtigkeit repräsentirte.

Seine Hinrichtung. Da ward ein revolutionaires Tribunal errichtet, und dieses Tribunal erklärte Karl für einen Tyrannen, für einen Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen Feind. Vor Tausenden von Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes gegenüber ließ man seinen Kopf von dem Rumpfe trennen.

Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer, denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten, auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten, Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte, dem Tode furchtlos in’s Angesicht sah und den Gefühlen seines unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine Rechtfertigung vor einem dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe verweigerte, von der Soldaten­gewalt an die Grundsätze der Verfassung appellirte, nach dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner achtbarsten Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen beraubt sei, und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur seine, sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königs­hauses, trat an diesem Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner vollen alten Würde wieder aufgebaut war.

Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem blutigen Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer von der großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft fänden. England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der Gemeinen, auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen nach die höchste Staats­gewalt; in der That aber regierten die Armee und ihre ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die Herzen seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner Mitbürger sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der Grenzen seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener Macht, die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn verbunden. Aber Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig, daß er Alles vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er eingeschlagen hatte, um sich zu einen unumschränktern Gebieter seines Vaterlandes zu machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige desselben gewesen, und um es gefürchteter und geachteter hinzustellen, als es Generationen hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten gestanden hatte.

England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche, die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II.

Unterwerfung Irlands und Schottlands. Aber nichts konnte der Kraft und Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften, glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten Schutzgesetze.

Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er schon längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen Heere, wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, der zur presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant unterzeichnet, und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu Edinburg die Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone zu tragen, und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu halten. Diese Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete in zwei großen Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl rettete sich durch die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater betroffen. Zum ersten Male war nun das alte Königreich der Stuarts völlig zur Unterwürfigkeit gebracht, und von der Unabhängigkeit, die einst gegen die tüchtigsten Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, blieb keine Spur. Das englische Parlament gab Schottland Gesetze, englische Richter hielten dort Assisen, und selbst die hartnäckige Kirche, die ihre Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, wagte nicht einmal leise zu murren.

Das lange Parlament wird vertrieben. Zwischen den Kriegern, die Irland und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu.

König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf. Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die unwissende und undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein anderes auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen und traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch und Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel, selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs anzunehmen wagte.

Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten, wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen, wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen, und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell noch nicht beobachten. Der große Königs­mörder ward durch die Erinnerung an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer getrennt; ihm blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen und im Sinne der alten englischen Staats­verfassung zu regieren. Gelang ihm dies, so durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten Staats­körpers bald wieder verharrschen würden; es hätten sich viele redliche und besonnene Männer um ihn gesammelt, und diejenigen Royalisten, die mehr an den Institutionen als den Personen, mehr an dem königlichen Amte als an König Karl I. oder Karl II. hingen, würden bald die Hand des Königs Oliver geküßt haben. Es würden die Peers, die still auf ihren Landgütern wohnten und mürrisch die Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten verweigerten, mit Freuden ihre alten Functionen wieder übernommen haben, wenn sie das Ausschreiben eines im Besitz des Thrones befindlichen Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; Northumberland und Bedford, Manchester und Pembroke würden stolz gewesen sein, wenn sie dem Manne, der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone und Sporen, Scepter und Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk würde nach und nach durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen Dynastie verbunden worden sein und bei dem Tode des Gründers dieser Dynastie wäre die königliche Würde unter allgemeiner Billigung auf seine Nachkommen übergegangen.

Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung, die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder „Barebones Parlament“ getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu entwerfen.

Oliver Cromwell’s Protektorat. Sein Plan hatte Anfangs nur eine große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht „Se. Majestät“, sondern „Se. Hoheit.“ Man krönte und salbte ihn nicht in der Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit einem Staats­schwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und in der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man hatte sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen Nachfolger zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen würde.

Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende Männer dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach denselben Grundsätzen, nach denen Pitt einhundert­dreißig Jahre später es zu verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit wirklich verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der Grafschafts­mitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben; zu diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der britischen Inseln Gesetze geben sollte.

Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit. Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist. Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs, die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei — Levellers — zürnte ihm darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, welche für die großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe hegte, verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner und Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die sich fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.

Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die Verwaltung zu führen. Eine verfassungs­mäßige Regierung, und an Stelle der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter zwischen Euch und mir!

Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das Tragen des Königs­titels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt, die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre; aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines Palastes.

Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt, eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer Theologen in London eine Synagoge bauen.

Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen sei, und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß der Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem Vaterlande Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit Ruhm zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa’s gehabt, als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Nieder­landen Friedensbedingungen vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der ganzen Christenheit zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu Meer, bemächtigte sich einer der schönsten westindischen Inseln und gewann an der flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz für den Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem Weltmeere; es stand an der Spitze des protestantischen Interesses; Cromwell ward von allen in katholischen Königreichen zerstreuten reformirten Kirchen als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von Languedoc, die Hirten, die sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern Protestantismus als den von Augsburg bekannten, wurden durch den Schrecken allein vor Verfolgung gesichert, den sein großer Name verbreitete. Selbst der Papst mußte papistischen Fürsten Menschlichkeit und Mäßigung einschärfen, denn eine Stimme, die selten vergebens drohte, hatte erklärt, daß die englischen Kanonen in der Engelsburg gehört werden sollten, wenn man dem Volke Gottes nicht Duldung angedeihen lasse. Es gab in der That Nichts, was Cromwell wegen seiner und seiner Familie hätte mehr wünschen können, als einen allgemeinen europäischen Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre er der Führer der protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre mit ihm gewesen; man hätte seine Siege mit einer allgemeinen Begeisterung begrüßt, wie sie das Land seit der Vernichtung der Armada nicht geäußert, und der Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen Nation verdammte Handlung auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen, würde durch sie verlöscht worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm keine Gelegenheit, außer gegen die britischen Inseln, sein bewundernswürdiges Feldherrntalent zu entwickeln.

Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest. Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten. Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn getrieben.

Richard, Cromwells Nachfolger. Man hat oft behauptet, und anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit, wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde. Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte, daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge, wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt ist.

Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war, seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters; er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe, die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er, überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer beschränkten Monarchie zu sein.

Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung fähiger Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen hatte. Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ man in der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber wenn auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine Befriedigung.

Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition; aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt, die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen. Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von Oliver Cromwell ernannten Lords gemein­schaftlich die Staats­geschäfte zu verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an, daß diejenigen Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der öffentlichen Freiheit angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des Parlaments zu sitzen das Recht haben sollten.

Bis hierher waren die Staats­männer, deren Rath Richard befolgte, glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staats­verwaltung hatte man eben so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen. Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen, so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht, vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand, und durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel, daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften, die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. Andere wieder strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld, Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus.

Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments. Denselben Tag, an dem Richard den Thron bestiegen, traten die Offiziere zu einer Verschwörung gegen ihren neuen Gebieter zusammen. Das gute Einvernehmen zwischen ihm und seinem Parlamente beschleunigte das Herannahen der Krisis. In dem Lager entstanden Unruhe und Erbitterung, sowohl die religiösen Gefühle als die des Standes der Armee waren tief verletzt, und es schien, als sollten sich die Independenten den Presbyterianern, und die Männer des Schwerts den Männern der Robe unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der Armee und der republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen bildete sich eine Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und den eisernen Muth seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch zweifelhaft, ob er diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr gewiß, daß seine Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit nicht entsprachen. Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen, erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle.

Zweite Vertreibung des Langen Parlaments. Ein solcher Zustand der Dinge konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das Lange Parlament wieder in’s Leben trat, lebten auch die alten Zwistigkeiten mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals, daß er sein Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann wieder, sie als Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren des Hauses der Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den Offizieren ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der Staats­geschäfte.

Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch schlimmer werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren und den Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem Tode Karls I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt, aber erst nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für die Wiederherstellung des Königs­hauses. Für die Wiederherstellung der alten Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete Hoffnung mehr; man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee wählen. Die vertriebene Königs­familie hatte sich großer Vergehen schuldig gemacht, aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man durfte hoffen, daß sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren erhalten habe; es ließ sich annehmen, daß das Schicksal Karls I. für Karl II. ein warnendes Beispiel sein würde. Aber es waren auch, ohne Rücksicht hierauf, die dem Lande drohenden Gefahren der Art, daß man zu ihrer Abwendung wohl einige Ansichten aufgeben und sich einigen Wagnissen aussetzen konnte. England schien der gehässigsten und erniedrigendsten aller Regierungs­formen anheim zu fallen bestimmt zu sein, einer Form, die alle Übel des Despotismus mit allen Schrecken der Anarchie vereinigte. Alles Andere war dem Joche vorzuziehen, das eine Reihenfolge unfähiger und unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche nach Art der Dey’s der Berberei durch unausgesetzte Militair­revolutionen endlich zur Regierung gelangten. Lambert konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach Verlauf eines Jahres hätte er wahrscheinlich Desborough, und später Desborough dem Harrison weichen müssen. So oft der Kommandostab aus einer schwachen Hand in die andere übergegangen wäre, so oft würde die Nation den Erpressungen ausgesetzt gewesen sein, welche die Geschenke für die Truppen nöthig machten. Wenn die Presbyterianer hartnäckig auf ihrer Trennung von den Royalisten bestanden, wäre der Staat verloren gewesen, und ob es den vereinigten Anstrengungen Beider gelungen wäre, ihn zu retten, war sehr zweifelhaft, denn die Furcht vor der unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner der Insel bemächtigt, und die Cavaliere, durch hundert verlorene Schlachten belehrt, wie wenig die numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe.

Die Armee von Schottland rückt in England ein. So lange die Soldaten unter sich einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der Mißvergnügten ohne Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung des Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller, die entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude erfüllten. Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein einziger Mann gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war, hatte sich endlich in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche der Republik große Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller Kraft; mit einem dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am Euphrat stehenden römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß die prätorianischen Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie sich von der Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es unerträglich, daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von Westminster cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines halben Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen. Wäre die Regelung der Staats­angelegen­heiten durch Soldaten am rechten Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten. Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten — er trat als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf, verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten gegen England vor.

Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so das Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen; jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal schimpflich vertrieben hatte.

Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen. Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein solches die verbannte Königs­familie sofort zurückgerufen hätte. Der Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt. Man hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor, ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet.

Monk erklärt sich für ein freies Parlament. Die Verstellung oder Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich für ein freies Parlament erklärte.

Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel; überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen. Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen Souverain besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben, und zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine eigene Auflösung aus.

Allgemeine Wahl von 1660. Das Ergebniß der Wahlen entsprach dem, was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus der Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt, die ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer bildeten die Mehrheit.

Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde; aber es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel, den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß, so mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen, während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte. Bald stand diese Streitmacht, die mindestens einhundert­zwanzig­tausend Mann stark war, in jeder Grafschaft marschfertig. Über zwanzigtausend gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger ward in Hyde-Park Heerschau gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus ausbrachen, der zu der Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth tapfer für ihre Läden und Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt es mit der Nation. Es war eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber auch eine Zeit der Hoffnung. Man war allgemein der Ansicht, daß England, wenn auch durch einen verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und daß die, die so lange Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das Schwert umkommen würden.

Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet. Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von Neuem gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die Soldaten, so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen.

Die Restauration. Das neue Parlament, oder richtiger gesagt der Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne königliche Ausschreiben stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und die Lords kehrten wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger denn elf Jahren mit Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser luden sogleich den König ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem nie gesehenen Gepränge ward er wiederum proklamirt. Eine glänzende Flotte holte ihn von Holland und schiffte ihn an der Küste von Kent aus. Die Felsen von Dover waren mit Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter denen sich wohl nicht einer befand, der nicht vor Freude weinte. Seine Reise nach London war ein ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an war die ganze Straße mit Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem endlosen Markte glich; überall flatterten Fahnen, überall ertönten Glocken und Musik, überall floß der Wein und das Bier auf das Wohl dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit zurückbrachte. Aber inmitten der allgemeinen Freude gewährte ein düsterer Fleck einen drohenden Anblick. Zur Begrüßung des Herrschers hatte man die Armee auf Blackheath aufgestellt; ob er auch lächelte, sich verbeugte, den Obristen und Majoren seine Hand zum Kusse bot — sein freundliches Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten blieb eine düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben. Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen, zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner Vorfahren.

Zweites Kapitel.

Geschichte Englands unter Karl II.

Inhalt.

Seite

[1. Kapitel]

Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht getadelt 5

Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft 6

Auflösung des Heeres 7

Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und Cavalieren 7

Religiöse Uneinigkeit 9

Unpopularität der Puritaner 11

Charakter Karls II. 15

Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl von Clarendon 18

Allgemeine Wahl von 1661 20

Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente 21

Verfolgung der Puritaner 21

Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie 22

Veränderung in den Sitten der Gesellschaft 23

Verworfenheit der Politiker 25

Zustand von Schottland 26

Zustand von Irland 28

Die Regierung in England wird unpopulär 29

Krieg mit den Holländern 31

Opposition in dem Hause der Gemeinen 32

Sturz Clarendons 33

Zustand der europäischen Staats­angelegen­heiten und Überlegenheit Frankreichs 35

Charakter Ludwigs XIV. 36

Die Tripleallianz 38

Die Vaterlandspartei 38

Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich 39

Pläne Ludwigs in Bezug auf England 40

Vertrag von Dover 42

Natur des englischen Cabinets 43

Die Cabale 44

Zahlungseinstellung der Schatzkammer 46

Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben 46

Wilhelm, Prinz von Oranien 47

Versammlung des Parlaments 48

Indulgenzerklärung 49

Cassirung der Indulgenzakte, Annahme der Testakte 50

Auflösung der Cabale 51

Verwickelte Lage der Vaterlandspartei 53

Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft 53

Frieden von Nimwegen 54

Große Unzufriedenheit in England 54

Danby’s Sturz 56

Die papistische Verschwörung 56

Erste allgemeine Wahl von 1679 58

Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen 60

Temple’s Regierungs­system 60

Charakter des Halifax 63

Charakter Sunderlands 65

Prorogation des Parlaments 66

Habeas-Corpus-Akte 66

Zweite allgemeine Wahl von 1679 67

Popularität Monmouths 67

Lawrence Hyde 70

Sidney Godolphin 70

Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill 71

Die Namen Whig und Tory 71

Zusammentritt des Parlaments und Durchgang der Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen 72

Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill 73

Hinrichtung Staffords 73

Allgemeine Wahlen von 1681 74

Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst 74

Toryreaction 75

Verfolgung der Whigs 76

Der Freibrief der City wird zurückgenommen 77

Verschwörung der Whigs 77

Entdeckung der Whigverschwörung 79

Strenge der Regierung 79

Entziehung von Privilegien 79

Einfluß des Herzogs von York 80

Halifax opponirt ihm 81

Lord Guildford 82

Politik Ludwigs 84

Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes 85

Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht getadelt. Englands Geschichte bietet während des siebzehnten Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer, nach Art des Mittelalters geschaffenen beschränkten Monarchie in eine, der höheren geistigen Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft angemessenere beschränkte Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung nicht blos in den Händen des Adels liegt, und deren finanzielle Bedürfnisse nicht ferner von dem Ertrage der Krongüter bestritten werden müssen. Die Staats­männer welche im Jahre 1642 die Spitze des Langen Parlaments bildeten, suchten diese Umwandlung dadurch herbeizuführen, daß sie den Reichsständen die Wahl der Minister, die Oberaufsicht über die gesammte Administration sowie den Oberbefehl über das Heer übertrugen; so vortrefflich dieser Plan aber auch immer durchdacht war, der Gang des herrschenden Bürgerkrieges ließ ihn nicht zur gewünschten Ausführung kommen. Es ist Thatsache, daß die Häuser endlich triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf bestehen müssen, durch den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen wurden, die zu überwachen sie nicht mächtig genug waren, und welche gar bald die Herrschaft über alle Parteien und Stände des Landes sich anzueignen begann. So lange der weise und hochherzige Cromwell den Oberbefehl führte, waren die von einer Militairherrschaft unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber das Heldenschwert, welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand entsank, als Führer an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen Verstand noch seine Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine Tugenden besaßen, da schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo Freiheit und Ordnung zu ruhmlosem Untergange übereinander stürzen würden.

Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und Nieder­trächtigkeit der Convention verdammt, welche die vertriebene Königs­familie aus der Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen schlechte Staats­verwaltung in der Hand zu haben; aber Alle, welche dieser Ansicht sind, haben nicht die Eigenthüm­lichkeit der Krisis durchschaut, welche nach Richard Cromwells Absetzung eintrat. England war von der Gefahr bedroht, unter den Despotismus von bedeutungslosen Menschen zu gerathen, welche die Willkür der Soldateska heute emporhob, und morgen wieder in das Nichts zurückwarf. Jeder einsichtsvolle Vaterlandsfreund erkannte die Nothwendigkeit, der Soldaten­herrschaft ein Ende zu machen, doch war die Lösung dieser Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich einig blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu benutzen, die Zukunft unseres Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich! es haben unsere Voreltern nicht gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke zur That zu schreiten. Alle Streitigkeiten über Reformen, welche unserer Verfassung nöthig waren, wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt, Cavalier und Rundkopf, Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen fest und einig zur Unterdrückung der militärischen Tyrannei und Aufrechthaltung der alten Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage über Vertheilung der Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu der nothwendigen Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin Englands Regierung in der Hand des Königs und des Volkes, oder in der bewaffneten Faust der Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die Staats­männer der Convention nicht durch lange Reden über Regierungs­prinzipien, durch Entwerfung einer neuen Constitution, oder durch Eröffnung von Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man wochenlang zwischen Westminster und den Nieder­landen Boten mit Plänen und Gegenplänen, Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her gesandt. Wäre es geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung der öffentlichen Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen sein; es wären Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den Presbyterianern ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich wahrscheinlich geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden unter einer Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus dem Stamme der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige Gelegenheit zur Abhilfe vorübergegangen sei.

Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft. So wurde denn durch allgemeine Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte Staats­verfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor achtzehn Jahren, wo König Karl I. die Hauptstadt verließ, gehabt hatte, und alle Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt hatte, behielten ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder eingesetzten Könige eine neue Concession bewilligt, welche für die Cavaliere von größerer Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor Jahrhunderten schon hatte man als das geeignetste Mittel der National­vertheidigung das militairische Lehnswesen eingeführt, das Nützliche aber was diese Einrichtung in sich trug, war im Laufe der Zeit verschwunden, und nichts als Beschwerden und leere Formen davon zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen ritterliche Dienstleistung in Lehn trug — und in dieser Weise war der größte Theil des Grundeigenthums von England vergeben — hatte bei der Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung derselben sie nicht etwa wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch ein Statut feierlich beseitigt, und mit Ausnahme einiger ehrendienstlichen Handlungen, welche noch jetzt bei der Krönung von einigen Vasallen der Person des Königs geleistet werden müssen, entschwanden diese alten, ritterdienstlichen Lehen für immer.

Auflösung des Heeres. Jetzt sollte das Heer aufgelöst werden. Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden verabschiedet und gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese große Menge brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in bedeutender Zahl hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung treiben würde; aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen Monaten war die furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und selbst die königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen Kriegsleute als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu erfreuen hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch Raub und Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute Meinung, welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß wenn z. B. ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und Redlichkeit bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst zu Oliver Cromwells alten Soldaten gehört haben. —

Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch im Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand, wie die Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, wodurch die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum Glück ein Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht der Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786 einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß, unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen, immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung gab.

Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und Cavalieren. Die Coalition, welche den König wieder auf den Thron erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in’s Leben gerufen; aber wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den Kampfplatz. Ihre einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung einiger Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte. Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes, der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln, aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber, nachdem sie von dem Blute der Königs­mörder gesättigt waren, wandten sich die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße, selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.

Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen? War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan, welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen, und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere, die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten? Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand? Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt, anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten, daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet; aber wer anders als sie habe ihn denn vorher umgestürzt? und noch jetzt huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar leicht zur Wiederholung einer solchen That führen könnten. Daß die königliche Gnade einige von denen berühren möchte, welche sich bei Wiederherstellung des Thrones besonders nützlich gezeigt, fand man zwar angemessen, aber die Pflicht der Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die Staats­klugheit geböten, daß der König seine Gnade über die treuen Männer ausschütte, welche in den Tagen des Glücks wie der Gefahr zu ihm und seinem Hause gestanden. Aus diesen Gründen beanspruchte der Adel natürlich Entschädigung für seine Leiden und besondere Rücksicht bei Austheilung der königlichen Gnadenbeweise. Einige exaltirte Männer dieser Partei gingen sogar noch weiter und verlangten ausgedehnte Proskriptionslisten.

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