Geschichte von England (continued 2)
Wilhelm Beseler translation
Ihr eigenthümlicher Charakter. Noch heute zeigt die Kirche in Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze, an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei.
Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien, die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus, daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig unnütz sei.
In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt und absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen haben schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen, in Indien wie in Lithauen, in Irland wie in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache abgehaltene Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der großen Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie demselben mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier schlug die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in die Volkssprache übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre Stimme mit der des Priesters zu vereinigen.
Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst; aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme, behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte zwar eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, „heilig“ zu benennen. Obgleich die Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System; aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den Geist des alten Glaubens athmet. — Man kann im Allgemeinen sagen, sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz.
Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand. Nichts jedoch unterschied die englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr Verhältniß zur Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der Macht, die er als ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und sind auch nie genau angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum Oberherrn der Kirche ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen Ausdrücken abgefaßt. Prüfen wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu deuten, die Schriften und das Leben der Gründer der englischen Kirche, so werden wir in noch größere Verlegenheit gerathen, denn diese schrieben und wirkten in einer Zeit großer geistigen Gährung, in einer Zeit steten Strebens und Gegenstrebens. Sie standen daher nicht nur untereinander, sondern oft auch mit sich selbst im Widerspruch. Der Lehrsatz, daß der König nächst Christus das alleinige Haupt der Kirche sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt; aber diesen Worten wurde von Verschiedenen, selbst von Einem und Demselben unter verschiedenen Umständen, eine sehr verschiedene Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem Souverain nicht selten eine Gewalt zu, mit der sich ein Hildebrand zufrieden erklärt haben würde; dann wieder ward sie dergestalt eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war als jene, welche alte englische Fürsten beanspruchten, die stete Gemeinschaft mit der römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was Heinrich und seine vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war nichts Geringeres, als die ganze Macht des Papstes; der König sollte der Papst seines Reiches, der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der katholischen Wahrheit, der Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er maßte sich die rechtsgültige Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei an, das Entwerfen und Anordnen von Glaubensbekenntnissen, und religiöse Unterweisungen für das Volk. Er erklärte, daß alle geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit ihm allein zustehe, und daß er die Macht besitze, die bischöfliche Würde zu verleihen und zurückzunehmen; er ging selbst so weit, daß er den Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach diesen ihre Amtsverrichtungen nur auf so lange übertragen wurden, als er es für gut befinden würde, sein Siegel beifügte. Nach diesem, von Cranmer aufgestellten Systeme, war der König nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten Eigenschaft mußte er seine Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche Beamte zur Bewahrung seiner Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und zur Ausübung des Rechts in seinem Namen bestellte, so ernannte er auch Geistliche verschiedenen Ranges, um das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu ertheilen; das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig. Nach Cranmer’s klar und deutlich ausgesprochener Meinung konnte der König, kraft seiner ihm von Gott verliehenen Gewalt, einen Priester bestellen, und der so bestellte Priester bedurfte keiner weitern Ordination. Trotz der Opposition einiger eben nicht höfisch ggesinnten Geistlichen, verfuhr Cranmer nach diesen Ansichten in allen ihren gesetzlichen Consequenzen; er hielt seine eigenen geistlichen Funktionen für beendet, wie die des Kanzlers und des Schatzmeisters, sobald die Krone auf ein anderes Haupt übergehe. — Demnach holten, bei Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine Suffragane neue Bestallungen ein, die sie ermächtigten, so lange zu ordiniren und geistliche Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch anders verfügen würde. Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen und zu binden, die der Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der weltlichen Gewalt ganz verschieden, so antworteten die Theologen dieser Schule, daß die Macht zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit allein, sondern auf die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und von der höchsten Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft, geübt werden müsse. Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von bestimmten Personen gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und Hirten der Gläubigen erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König Heinrich sei eben der Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt habe, und auf den sich die Worte des heiligen Paulus bezögen.3
Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat, das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe. Die Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter, den ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer’s Ansicht durch göttliche Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden sei, ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubensbekenntnisses erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an Heinrich’s Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.4 Der siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche. Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben, ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die königliche Autorität allein genügte, die Kirchenversammlungen einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in’s Leben gerufen, in ihrer schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen. In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich IV., und beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen Calvinisten Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die Waffen gegen Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte Calvinisten und Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht beharrlicher und dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die Fürsten.
Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit der Staatskirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit dem des Baal zu vereinigen. Unter Eduard VI.. hatten die Scrupel dieser Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt.
Die Puritaner. Nach den von Maria verübten Grausamkeiten war der Geist des Protestantismus viel heftiger und unduldsamer, als zuvor. Viele eifrige Anhänger der neuen Glaubensmeinungen waren in jener schlimmen Zeit nach der Schweiz und nach Deutschland geflüchtet, hatten dort bei ihren Glaubensbrüdern gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen der großen Doctoren von Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren einige Jahre hindurch an einen einfachen Gottesdienst und eine demokratischere Form der Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis dahin existirt hatte. Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr Vaterland zurück, daß die unter König Eduard stattgehabte Reform nicht so gründlich und umfassend gewesen sei, als es die Interessen einer reinen Religion erforderten. Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein Zugeständniß zu erlangen, blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das System der Letztern in allem, worin es sich von dem ihres Bruders unterschied, schlechter sei, als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in Glaubensangelegenheiten irgend einer menschlichen Autorität zu unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden. Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen, unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen, abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit, höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom’s nachzuahmen begann.
Ihr republikanischer Geist. Da man diese Leute nicht überzeugen konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung äußerte ihre natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und machte daraus eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich nun auch der Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, indem eines die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der Puritaner über das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und Beherrschten waren von denen weit verschieden, die in den Homilien eingeschärft wurden. Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch Wort und Beispiel zum Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger ermuthigt; die calvinistischen Genossen in Frankreich, Holland und Schottland hatten die Waffen gegen götzendienerische und grausame Regenten ergriffen, und die Ansichten derselben über Staatsregierung nahmen die Färbung der Ansichten von der Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in einem Parlamente bewahrt sei.
Wie nun der Priester der Staatskirche aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war, so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.
Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische parlamentarische Opposition. Schon in den ersten Regierungsjahren Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität in dem Hause der Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze Aufmerksamkeit auf die innern Angelegenheiten hätten richten können, so unterliegt es keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem Parlamente sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für innere Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die festeste Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die ihnen drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich, mit sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen verzweifelten Kampf um Religion und Unabhängigkeit zu bestehen haben würden, und von der Befürchtung eines argen Verrathes im eignen Lande waren sie keinen Augenblick frei, denn damals war es auch für viele edle Charaktere ein Gewissens- und Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der Religion zu opfern. Eine Reihe schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen gegen das Leben der Königin und die Existenz der Nation ausgebrütet, hielt die Gesellschaft in steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre Fehler gehabt haben, es ist dennoch klar, daß, nach menschlichem Ermessen, das Schicksal des Reichs und aller reformirten Kirchen von der Sicherheit ihrer Person und von dem Glücke ihrer Regierung abhing. Es war daher die erste Pflicht eines Patrioten und Protestanten, die Autorität derselben zu kräftigen, und diese Pflicht ward treulich erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, wohin Elisabeth sie gesendet hatte, beteten die Puritaner mit ungeheuchelter Inbrunst, daß die Königin vor dem Dolche des Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der Aufruhr zu ihren Füßen niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser und zu Lande siegreich sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger jener hartnäckigen Sekte, dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte, weil er sich durch seinen maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte hinreißen lassen, schwenkte unmittelbar nach der Exekution mit der ihm gebliebenen Hand seinen Hut und rief: Gott erhalte die Königin! Das Gefühl, das diese Leute bei ihrem Anblicke beseelte, ist auf die Nachkommen übergegangen, und die Nonconformisten, obgleich sie von ihr sehr streng behandelt wurden, haben in der Gesammtheit stets ihr Andenken ehrend bewahrt.5
Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die Puritaner im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so versuchten sie doch nie, in einer systematischen Opposition ihr entgegenzutreten. Als aber durch die Niederlage der Armada, den glücklichen Widerstand der Vereinigten Niederlande gegen die spanische Macht, die Befestigung des Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und durch den Tod Philipps II. Staat und Kirche gegen alle Gefahr von Außen gesichert war, begann sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der mehrere Generationen hindurch dauern sollte.
Monopolfrage. In dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition, die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte, ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. — Der Boden war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet; wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden, wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten — da versammelte sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. — Ein wüthender Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone, verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden, daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle. Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei, entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu leisten nicht möglich ist.
Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und desselben Reichs. Im Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt. Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde. Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft. Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII. war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth, einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen. Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten, hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die letzten O’Donnell und O’Neill, die bisher in dem Range unabhängiger Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.
Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.
Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch, und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.
Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer, Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den Nationen des nördlichen Europa’s besaßen sie allein die Empfänglichkeit, die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit, so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen, die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser’s dennoch eine schöne, reine Poesie zu enthalten schienen.
Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen vereinigt.
Es gab einen König, anstatt einen zu empfangen; es behielt seine eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine Gerichtshöfe und Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig unabhängig. Die Verwaltung Schottland’s lag in schottischen Händen, denn es fühlte sich kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war. Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land, das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.
Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr; die englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit Füßen traten. — Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte ohne vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein Gesetz erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich über Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die entweder England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, und in beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als Fremde, selbst als Feinde betrachtet.
Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit Irlands und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland war protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa’s so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur, zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet, der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden, als es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.
Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der alten Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande beizumessen, daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige Jahrhunderte nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. Die Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit, sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der Patriotismus der Iren hatte eine eigene Richtung genommen; — sie waren nicht auf Rom, sondern auf England erbittert, und hatten besondere Gründe die englischen Fürsten zu hassen, welche die Häupter des großen Schisma gewesen: Heinrich VIII. und Elisabeth. Religiöse und nationale Begeisterung waren während des fruchtlosen Kampfes, den zwei Generationen milesischer Fürsten gegen die Tudors unterhalten hatten, in den Gemüthern des besiegten Volksstammes auf das Innigste verschmolzen. Der neue Hader zwischen Protestanten und Papisten fachte den alten zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen Eroberer vernachlässigten dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man sorgte weder für Lehrer, die der besiegten Nation sich verständlich machen konnten, noch für eine Übersetzung der Bibel in die ersische Sprache. Die Regierung begnügte sich mit der Einsetzung einer ausgedehnten Hierarchie protestantischer Erzbischöfe, Bischöfe und Rectoren, die nichts thaten, und für ihr Nichtsthun mit dem Raube bezahlt wurden, den man an einer von der großen Masse des Volks geliebten und verehrten Kirche verübte.
Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, das in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu erregen geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, denn alle britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem Scepter vereinigt.
Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige. Die Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.
Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung Jakobs I. In allen diesen Erwartungen wurde man jedoch arg getäuscht. Von dem Tage der Thronbesteigung Jakobs I. an sank unser Vaterland von der Höhe herab, in der es sich bis dahin gehalten, und man begann es als eine Macht kaum zweiten Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander folgenden Fürsten aus dem Hause Stuart war die große britische Monarchie viele Jahre hindurch kaum ein wichtigeres Glied in dem europäischen Staatensysteme, als das kleine Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies ist jedoch nicht zu bedauern. Man kann von Jakob I. wie von Johann sagen, daß seine Regierung, wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne Zweifel unserm Vaterlande Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen Schwächen und Jämmerlichkeiten mehr verdanken, als der Weisheit und Kraft viel besserer Regenten. Er kam in einem kritischen Augenblicke zur Regierung. Der Zeitpunkt, wo entweder der König absolut werden, oder das Parlament die ganze ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen mußte, rückte schnell heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und staatskluger Regent gewesen wie Heinrich IV., Moritz von Nassau oder wie Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze der Protestanten Europa’s gestellt, hätte er große Siege über Tilly und Spinola erfochten, Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern und flamländischen Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und castilianische Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, nachdem er große Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend tapfern, disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, befunden — das englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein Name gewesen. Zum Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle spielen konnte. Er begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der viele Jahre lang zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende machte, und von da an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, welche der Hohn seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen nicht zu erschüttern vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines Sohnes, seines Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte ihm bis zu seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die, welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.
Die Lehre vom göttlichen Rechte. Da der König kein stehendes Heer besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungsformen, besonders wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der Ordnung der Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die christliche Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß keine menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, keine Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte ausmache, dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben könne; daß seine Gewalt nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht beschränkenden Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur eine vom Souverain freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach Belieben zurückziehen könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der König mit seinem Volke abschließt, nur eine Erklärung seiner augenblicklichen Absichten und nicht eine Verbindlichkeit sei, deren Erfüllung gefordert werden könne. Obwohl diese Theorie die Grundlagen der Regierung befestigen sollte, so ist es doch augenscheinlich, daß sie nur dazu beitrug, sie völlig wanken zu machen. Ließ das göttliche und unabänderliche Gesetz der Erstgeburt Frauen zu, oder schloß es dieselben aus? In der einen wie in der andern Voraussetzung wären die Hälfte der europäischen Regenten Usurpatoren, die trotz der Befehle des Himmels regierten und von den rechtmäßigen Erben außer Besitz gebracht werden könnten. Diese widersinnigen Theorien fanden keine Begründung in dem alten Testamente, denn wir lesen darin, daß das auserwählte Volk getadelt und bestraft ward, weil es einen König haben wollte, und daß es später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu verweigern. Die ganze Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die Ansicht von der göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie scheint vielmehr anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter seinen besondern Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn Abrahams, Jakob nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der Isais, Salomon nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei herrscht, wird die Altersordnung unter den Kindern selten streng beobachtet. Durch die Stellen des neuen Testamentes, welche die Regierung als eine Anordnung Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben so wenig unterstützt, denn die Regierung, unter der die Autoren des neuen Testaments lebten, war keine erbliche Monarchie. Die römischen Kaiser waren vom Senate ernannte Magistratspersonen, und keiner derselben behauptete, kraft des Rechtes der Geburt zu regieren; Aweder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie nach faktisch UsurpatorenA. Im Mittelalter würde man die Lehre vom unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie war mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. Auch den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie über die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen Regierungstheorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe, Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., Heinrich VI., Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, ohne sich an die strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die Legitimität Maria’s und Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß Katharina von Aragonien und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen Heinrichs VIII. gewesen, war unmöglich, und die höchste Autorität des Reichs hatte beide Fälle geleugnet. Die Tudors betrachteten das Erbfolgegesetz so wenig als eine göttliche unantastbare Einsetzung, daß sie stets daran zu ändern suchten. Heinrich VIII. erlangte einen Parlamentsbeschluß, wonach er ermächtigt war, testamentarisch über die Krone zu verfügen, und wirklich machte er auch zum Nachtheile der königlichen Familie von Schottland ein Testament. Eduard VI. nahm sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente, ein ähnliches Recht, und die bedeutendsten Reformatoren billigten es. Elisabeth, überzeugt, daß ihr eigener Rechtsanspruch ernsten Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und Feindin, der Königin von Schottland, auch nur das Recht der Anwartschaft zu belassen, wußte das Parlament zur Beschließung eines Gesetzes zu bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß des regierenden Herrschers, mit Genehmigung der Reichsstände die Thronfolge zu ändern, anfechten würde, den Tod des Verräthers erleiden solle. Aber die Lage Jakobs war eine ganz andere, als die Elisabeths. Wenn auch an Fähigkeiten ihr nachstehend, und weniger bei dem Volke beliebt, wenn auch von den Engländern als ein Fremder betrachtet und durch das Testament Heinrichs VIII. vom Throne ausgeschlossen, war der König von Schottland dennoch der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des Eroberers und Egberts. Deshalb hatte er ein naheliegendes Interesse, wenn er die abergläubische Ansicht einschärfte, die Geburt verleihe Rechte, die über dem Gesetze ständen, und das Gesetz könne diese Rechte nicht ändern. Diese Ansicht war übrigens seinem Verstande und seinem Charakter entsprechend, auch fand sie nicht nur bald viel Vertheidiger unter denen, die um seine Gunst buhlten, sondern machte auch schnelle Fortschritte unter den Geistlichen der Staatskirche.
So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann, so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.
Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er Königskunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren denken, das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als das seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen der Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen, die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen, seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands, mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, stolze, muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle hatten mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters redend, der Welt sich zeigen sollte.
A...A »weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie nach faktisch Usurpatoren.«
Satz ungeändert: übersetzungsfehler für
»sowohl Tiberius ... als auch Nero ...« (both Tiberius ... and Nero ... were ... usurpers)
Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer. Inzwischen waren die religiösen Zwistigkeiten, die seit der Zeit Eduard VI. die Protestanten bewegt hatten, furchtbarer als je geworden. Die Kluft zwischen der ersten Generation der Puritaner einerseits und Cranmer und Jewel andererseits, war in Vergleich zu der, welche die dritte Generation der Puritaner von Laud und Hammond trennte, eine kleine. So lange Maria’s Grausamkeiten noch in frischer Erinnerung standen, die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte, und so lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der Universalherrschaft trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines starken, gemeinsamen Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt. Ihre Erbitterung untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen Rom hegten, nur schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten hatten einen aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze gegen die Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes Jahrhundert ungestörten Besitzes der Staatskirche Zuversicht eingeflößt, als neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen, als England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den Papismus der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr zu fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden, dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit. Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin war bedeutend schwächer geworden ihre Abneigung gegen die Puritaner aber wuchs mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.
Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als eine alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber sie hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von Gott eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, haben wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere hervorragende Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths vertheidigten die Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das der Staat einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die Achtung jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine christliche Gemeinde ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat, nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen Staatskirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im Auslande mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth und Jakob in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den schwächern Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach anglikanischer Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die Kirchenversammlung der Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, welche damals bischöfliche Beaufsichtigung und Ordination noch nicht kannte, feierlich als einen Theil der heiligen, allgemeinen Kirche Christi an.6 Man hielt selbst presbyterianische Geistliche zu Sitz und Stimme in ökumenischen Konzilien als berechtigt. Als die Generalstaaten der Vereinigten Niederlande eine Synode von nicht bischöflich ordinirten Lehrern in Dortrecht versammelten, betheiligten sich ein englischer Bischof und ein englischer Dechant im Auftrag des Oberhauptes der englischen Kirche an den Sitzungen dieser Gottesgelehrten, predigten und stimmten mit ihnen über die wichtigsten theologischen Fragen ab.7 Es befanden sich auch viel englische Pfründen in den Händen von Geistlichen, die früher in der auf dem Festlande üblichen Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht waren, und man hatte die Reordination durch einen Bischof in solchen Fällen nicht für nöthig, selbst für ungesetzlich gehalten.
Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche bereits aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des Bischofs zur Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung der Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es gehören zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die menschliche Macht weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, sagten sie, welche die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so gut auch die Lehre von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung abschaffen, und die römische Kirche, welche bei allen ihren Verderbnissen die apostolische Nachfolge beibehalten, sei der ursprünglichen Reinheit näher, als jene reformirten Gemeinden, welche vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu entgegen, ein von Menschen ersonnenes System aufgestellt hätten.
Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt, daß das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete, begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen. Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche, die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken, welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die Viele für götzendienerisch hielten.
Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht, daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria’s den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der englischen Kirche wieder verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen verheirathete Priester, Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug auf das Cölibat Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und selbst ein Diener der Staatskirche habe ein Nonnenkloster gegründet, in welchem ein Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen sängen.8
Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei den Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der Puritaner wenig oder gar keine Meinungsverschiedenheit herrschte, rief nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, welche die protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, hatten sich fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche bezogen, und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen den streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die Lehren von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an denen die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man gewöhnlich calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr Lieblingsprälat, entwarf im Verein mit dem Bischof von London und andern Theologen gegen das Ende der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, die unter dem Namen der „Lambeth-Artikel“ bekannt ist. Es werden darin die stärksten calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, die vielen Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein Geistlicher, der entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin äußerte, wurde von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen angeklagt, und entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu den Lehren von der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und seine Reue über die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch seine Angriffe auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. Zwischen Cranmer’s und Lauds Schulen steht jene theologische, deren Haupt Hooker war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der neueren Zeit als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker Calvin für einen Mann, der allen andern Theologen, die Frankreich je hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber, Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der englische Name.
Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten, und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender, fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung. Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer und Dekaneien Englands.
Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären. In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger; den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie, ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt. Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung, Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen Verstande Zwingli’s verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten, und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit Abneigung. — Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die leichte Musik von Ben Jonson’s Maskenspielen galt für unsittlich; die eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen. Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten Eigenthümlichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.
Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften, und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken und Protestanten geherrscht hat.
Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste Übergewicht im Staate erlangen müsse.
Thronbesteigung und Charakter Karls I. In dieser verhängnißvollen Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist, dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten, ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang, dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.
Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen. Und nun begann das gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied. Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An der Spitze der Versammlung standen große Staatsmänner, die weit zurück und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern. Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten Rechte des Reichs.
Bitte um Recht. Der König berief ein drittes Parlament, und bald ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der, wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz, das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person, wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder das Volk den Kriegsgerichten zu unterwerfen.
Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten. — Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall dieses Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl nicht die Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von den Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös’t, die deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot, starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.
Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.
Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen Gelegenheiten verfassungswidriger Handlungen sich schuldig gemacht, aber keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem Despoten zu machen, und das Parlament bis zu einem Nichts herabzubringen. Und dies war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar strebte. Die Häuser wurden vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder zusammenberufen. Unsere Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren nach, der zwischen einem und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein Mal hat es einen halb so langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache allein widerlegt die Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets und Tudors getreten sei.
Die Bitte um Recht wird verletzt. Durch Zeugnisse der eifrigsten Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.
Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze verschiedener Verwaltungszweige.
Charakter und Absichten Wentworths. Thomas Wentworth, erst zum Lord Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger, beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge Taktik der leitenden Staatsmänner im Hause der Gemeinen fast vereitelt hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen Correspondenz unter der bezeichnenden Benennung: „Durch.“ Er beabsichtigte, in England Alles, und mehr noch als das, zu thun, was Richelieu in Frankreich gethan; Karl zu einem so unumschränkten Monarchen zu machen, wie nur irgend einer auf dem Festlande existirte; das Vermögen und die persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die Verfügung der Krone zu stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen Macht selbst in gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen Privatleuten zu berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu bestrafen, die bei Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, oder bei irgend einem Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.9
Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte, kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten, und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.10
Charakter Laud’s. Die Verwaltung der Kirche leitete indeß hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr als alle Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen der Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien, seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich, wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt und aufgelöst, selbst die Privatandachtsübungen der Familien entgingen den Späherblicken seiner Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß der tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger Herzen bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.
Sternkammer und Hohe Commission. Die Gerichtshöfe gewährten den Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission; die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses Inquisitionsgericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet, und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet, und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt, eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.
Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch, als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer, in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten, empfohlen hatte.
Schiffsgeld. Es hatten nämlich die alten englischen Könige die Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen. Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume, nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben — jetzt forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken; jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen, deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem beliebigen Zwecke verwenden konnte.
Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen Hampden so klein als nur möglich ausfiel — aber es war immer eine Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie nicht gewagt haben würden. — War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte, so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.
Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.
Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die Wildnisse Amerika’s für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen Gelingens seines „Durch“. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.
Widerstand gegen die Liturgie in Schottland. In dieser Krisis ward die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte. Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht werden, bevor nicht die Lords der Artikel, — ein Ausschuß, den die Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte — ihre Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II. erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch- und Niederlanden wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten: unter die der Grundherren und die der Prediger — Grundherren, von demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox’s repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten. Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland, einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in keinem andern Theile Europa’s einen so starken Haltpunkt in der öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen Abneigung.
Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht. Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt, den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten schlechter war, als jene.
Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung, die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die Einberufung eines Parlaments bot.
Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist Wentworth nicht verantwortlich zu machen,11 denn er verwirrte in der That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward ein solches einberufen.
Ein Parlament wird berufen und aufgelös’t. Bei der Aussicht auf Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Regierung und auf Abhilfe der Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere geworden. Das neue Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und ehrerbietiger gegen den Thron, als alle, die sich seit dem Tode Elisabeths versammelt hatten. Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die Mäßigung dieser Versammlung hoch gepriesen, aber den Häuptern der Opposition scheint sie nicht wenig Sorge und eine große Enttäuschung bereitet zu haben. Karl blieb indeß seiner eben so unpolitischen als unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen seines Volks so lange sich abhold zu zeigen, bis diese Wünsche drohend ausgesprochen wurden. Kaum legten die Gemeinen die Neigung an den Tag, die Beschwerden, unter denen das Land elf Jahre lang gelitten, in Betracht zu ziehen, als der König das Parlament mit allen Zeichen des Mißfallens auflös’te.
Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen Versammlung und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der unter dem Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, in denen das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der Volksgeist aber sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath ließ Mitglieder des Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen Verhaltens zur Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu stehen, in’s Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten; es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt ihre Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene Folter, und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit für ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten Male angewendet.
Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie gewaltsam fortgerissen, und die im ganzen Lande vorherrschenden religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem Könige gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei dem „Durch“, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.
Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug, als daß sie die verfassungswidrigen Funktionen übernahmen, die er ihnen zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst in seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. Die Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen und Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte gemacht hatten.
Das lange Parlament. Im November 1640 trat jenes berühmte Parlament zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und Mißgeschicke, gerechten Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit aller derer hat, die in irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen einer constitutionellen Regierung erfreuen.
Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine Meinungsverschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die bürgerliche und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so bedrückend und so verfassungswidrig ausgeübt worden, daß selbst diejenigen Klassen, die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit großem Eifer volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der Tyrannei vor Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward erlassen, wonach zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr als drei Jahre liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem großen Siegel nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, auch ohne ein solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der Vertreter einzuberufen. Die Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York wurden aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor Gericht gestellt und laut eines Parlamentsbeschlusses zum Tode verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging, stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete, das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.
Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit, vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit Gottes Wort erklärte, beruhigte.
Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien. Die Ferien des englischen Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des Wiederzusammentritts der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen unserer Geschichte. Von diesen Tage an existiren die beiden großen corporativen Parteien, die seitdem stets das Land abwechselnd regiert haben, obgleich der Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat, in einem gewissen Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß, denn er entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der Intelligenz und des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet und so lange finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch den Reiz der Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen leiten zu lassen. Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der Politik, sondern auch in der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in Chirurgie, Mechanik, dem Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in der Mathematik. Überall begegnen wir einer Menschenklasse, die mit Vorliebe an allem Alten hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß und bösen Ahnungen in die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für deren Wohlthätigkeit vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite Menschenklasse, die sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die Unvollkommenheiten des Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und Widerwärtigkeiten der Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt ist, jede Veränderung für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen beider Klassen liegt etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte Beider findet man in der Nähe der gemeinschaftlichen Grenze, der extreme Theil der einen besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der extreme Theil der andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.
Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung des Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren, konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper, und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte Digby gehalten. Die Anklage des Lord Siegelbewahrers hatte Falkland beantragt, und die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu halten, war an den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als das Gesetz in Betreff der Verurtheilung Strafford’s vorgeschlagen wurde, ließen sich die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst gegen dieses Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Es ist gewiß, daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß Falkland nicht nur mit der Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu Gunsten der Bill sprach. Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber hegte, ob eine die Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein könne, hielten es für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung den größten Abscheu auszudrücken.
Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen: Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.
Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine Lobrede zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch einigermaßen urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem Rufe der Partei, der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben und daß seine Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler heroischen Thaten und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste rühmen kann. Die Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie sich oft bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche Eigenthümlichkeit den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen zweier wetteifernden Verbindungen von Staatsmännern zuschreiben: der einen, die für Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und Fortschritt eiferte.
Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen den beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein Unterschied des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, zur Rechten wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine kleine Anzahl Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle unsere Rechte und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern Seite gab es ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr Lieblingsphantom, das einer Republik, durch endlose Bürgerkriege verfolgt hätten. Aber die große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem Despotismus nicht zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die Volksrechte wollte die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts stellten beide Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf ein, um ihre Kräfte zur Durchführung einer gemeinschaftlichen Sache zu vereinigen. Ihre erste Vereinigung stellte die erbliche Monarchie wieder her; ihre zweite rettete die verfassungsmäßige Freiheit.
Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse, die nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war; mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.
Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate. Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle, die aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie, Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle Katholiken. Die Königin, eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu ihrem Glauben; von dem Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin eben so sehr liebte, als er sie fürchtete, und daß er, obgleich unbezweifelt Protestant aus Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten Religion nicht mit Abneigung betrachtete, sondern ihnen gern eine größere Duldung gewährte, als er den Presbyterianern zu bewilligen bereit war. Wenn die Opposition den Sieg davon trug, so wären wahrscheinlich die unter der Regierung Elisabeths erlassenen Blutgesetze streng geübt worden; die Römisch-Katholischen hatten daher die triftigsten Gründe, sich der Sache des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie im Allgemeinen auch mit einer Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der Feigheit und Lauheit auf sich zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich, daß sie bei dieser großen Zurückhaltung nicht minder das Interesse des Königs als ihr eigenes im Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht heilbringend für ihn gewesen, wenn sie sich unter seinen Freunden besonders bemerkbar gemacht hätten.
Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf dem Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder der Staatskirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein nicht entschiedenes.
Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden: „Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen gebüßt — die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden Entschädigung erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter diesen Umständen ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals gerechtfertigt und nothwendig war, als wir nach einem langen Zwischenraume wieder zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen bestehend vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den Despotismus nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie anheimfallen. Die schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland noch vor Kurzem seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung erschütternde Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; jetzt aber, da diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht zögern, dasselbe Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer Frist unsere Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, daß wir mißtrauisch die Neuerungspläne in’s Auge fassen und alle jene Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.“
Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der vortreffliche Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite behaupteten nicht geringer befähigte und redliche Männer mit nicht minder ernstem Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des englischen Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof seine Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit der Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze, meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern, so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.
Der irische Aufstand. Noch beharrten beide Parteien in einer feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, als eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und Beide in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen Häuptlinge von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungsantritte der königlichen Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden Abhängigkeit müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und waren des Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen Besitzungen fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden englischer und schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler überragten an Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und mißbrauchten nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die Verschiedenheit des Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der Religion noch vermehrt. Unter Wentworth’s eiserner Herrschaft hatte sich zwar kaum ein leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke Druck aufgehoben, als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes geliefert, und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu thun hatte, da brach die verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen Gewaltthätigkeiten aus. Die Eingeborenen erhoben sich gegen die Colonisten. Ein Krieg, dem nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher. Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten. Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht, so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht, wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in Whitehall vorbereitet habe.