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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2

Geschichte von England (continued 4)

Wilhelm Beseler translation

Religiöse Uneinigkeit. Noch erbitterter wurde der politische Kampf durch einen religiösen Streit. Der König fand die Kirche in einem eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des Bürgerkrieges hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von Falkland unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die Bischöfe ihres Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat aber und die Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. Das lange Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution hervorgerufen. Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch als das, welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die Rathschläge des äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß gefaßt, die weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. Sie hatten sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form der Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß von allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz an das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-, Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in Middlesex und Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von Bevollmächtigten, welche den Namen „Prüfer“ (Triers) führten und von denen die meisten Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige wenige presbyterianische Pfarrer sowie einige Laien in diesem Kollegium Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese Prüfer gaben, vertrat die Stelle sowohl der Einsetzung als der Einführung, und Niemand konnte eine geistliche Pfründe erhalten, wenn er nicht ein solches Zeugniß besaß. Ohne Zweifel war dies eine Handlung des Despotismus, wie sie wohl selten von einem Beherrscher Englands ausgegangen, aber bei der allgemeinen Überzeugung, daß ohne eine solche Maßregel das Land von liederlichen und unwissenden Menschen überschwemmt werden müsse, welche den Namen von Geistlichen trügen und deren Einkommen verzehrten, erhoben mehrere Männer, die in hoher Achtung standen, ihre Stimme, und, obgleich keine Freunde Cromwells, erklärten sie laut, daß er in diesem Falle als ein öffentlicher Wohlthäter gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die Prüfer zur Bekleidung eines geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen ihre Pfarreien in Besitz, bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten, beteten ohne Buch und Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an Kommunikanten, welche an langen Tafeln saßen.

In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung. Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlaments­verordnung hatte die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte Gesetz noch die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. Die Kirche in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger Körper, zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge von Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.

Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium. Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen. Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzial­versammlung gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser gesetzmäßig „Bischof“ genannt werden könne. Man könne eine revidirte Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse, einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls, bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach. Ihr Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm waren, hielten es mit der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin ihrer Feinde war. Gebete und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem Troste, welcher ihnen daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches den Rundköpfen dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel, durch Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche zur Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit hauptsächlich deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.

Unpopularität der Puritaner. So tadelnswerth diese Gefühle auch immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern auch wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten, treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in’s Feuer geworfen werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben, welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter, selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt. So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals eine Lieblings­unter­haltung für Vornehme und Geringe. Es ist bemerkenswerth, daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem Gefühle hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich in’s Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit der Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die Bärenhetze nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die Zuschauer daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude ersonnen, nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.1

Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden Kinder in’s Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen, die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln, und daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen. Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste brachen an verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die Konstabler wurden mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die Häuser bekannter Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das verbotene Gebet des Tages abgehalten.

So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer wie der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich in Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten zu lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich ein Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener Ansicht und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich selbst unter seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir Hudibras. Sie störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben mit roher Gewalt festliche Versammlungen auseinander und warfen die Fiedler in das Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer der Soldaten. Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und Glockenläuten unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London unterbrachen sie zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, welche durch kein Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors gestört worden waren.

Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren die Eigenthüm­lichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine Kleidung, seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel Gegenstände des Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen viel widerlicher bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen Reiches führte, als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es schon lächerlich erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus dem Munde von Tribulation Wholesome (heilsame Trübsal) und Zeal-of-the-Land Busy (geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel lächerlicher, wenn sich Heerführer und hohe Staats­beamte desselben bedienten. Hierbei ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution einige Sekten in’s Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was man bis dahin in England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein wahnsinniger Schneider, zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend verkündete er ewige Qualen allen denjenigen, welche an seiner Versicherung zweifelten, daß das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei und die Entfernung der Sonne von der Erde genau vier Meilen betrage.2 Die größte Heiterkeit erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es eine Verletzung der christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person in der Mehrheit anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und Wodan, wenn man vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. Wenige Jahre später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und sie gelangte zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die verächtlichsten Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der Meinung des Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie mit großer Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste verfolgt. Das Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen kümmert, verwechselte die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker und haßten das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche Manieren hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und Vergnügungen. Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so wurden sie doch von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine Kategorie geworfen, und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich hatten, vermehrte die Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge gegen beide fühlte.

Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog, und daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche annehmen, ihre Eigenthüm­lichkeiten nachahmen, überhaupt in allen äußeren Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald übertreffen. Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre schärfste Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen solcher heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das Unkraut vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen, daß die frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt dann nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren Zeichen, welche man früher als Eigenthüm­lichkeiten der Heiligkeit betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet werden.

So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie unterdrückt waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie aber übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben, ohne ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war nur dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten Beschlüsse von Barebones Parlament, welches von allen das am meisten puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des Staates treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit genügend überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit galt, der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht. Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs ein Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig durch die Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit den puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte.

So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen Feindseligkeiten sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der Monarchie die Hand gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in politischer wie religiöser Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des Volkes hielt zu den Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen Straffords und Lauds, die Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen Kommission, und Niemand gedachte mehr der großen Dienste, welche das Lange Parlament in dem ersten Jahre seines Bestehens dem Staate geleistet hatte. An die Ermordung Karls I., die finstere Tyrannei des Rumpfs und die Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit Entrüstung, und die Massen waren geneigt, Alle, welche dem vorigen Könige Widerstand entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus hervorgegangenen unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen.

Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der unduldsamen Loyalität der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten. Als ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen Karl I. die Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie diejenigen, welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen, und erhielt von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der allgemeine aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten so zu ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt würden; eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das Volk.

Charakter Karls II. Der neueingesetzte König besaß um diese Zeit die Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer seiner Vorgänger. Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der heldenmüthige Tod seines Vaters, die vielen Leiden und romantischen Abenteuer, welche er erlebt, machten ihn zum Gegenstande allgemeiner Theilnahme. Durch seine Rückkehr wurde England von einer drückenden Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen durch die Stimmen der beiden streitenden Parteien, war er der geeignete Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in gewisser Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die Natur hatte ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen Temperament ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten, daß sie seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem Königs­schlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der Gefahren und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich, nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe, Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt. Man kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen Begriff von wahrem Ruhme hat, wird auch den scheinbaren verachten.

Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz der schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von Menschen­freund­lichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht schön und lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden zu bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben, blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt, die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute, von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staats­geheimnisse und Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war, daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden, denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen.

Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten, waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungs­theorie oder die Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von Ehrgeiz, verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe unterzogen hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen, würde er lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine Arbeitsscheu sowie seine Unkenntniß der Staats­geschäfte waren so groß, daß selbst die Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im Geheimen Rathe zu beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine läppischen Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten. Seine Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache geleitet, denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen ebensowenig wie geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und rasch vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König zu sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der zur Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den Staats­schatz benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an sich fesseln konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und welcher, wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige Wahrheit aus dem Bereiche seines Serails fern halten und nichts sehen und hören wollte, was ihn in seiner üppigen Trägheit hätte stören können. Zu diesen Zwecken, aber auch nur zu diesen Zwecken, wünschte er eine willkürliche Gewalt, vorausgesetzt daß sie ohne Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte. Bei den religiösen Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten hervorriefen, blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine Ansichten schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn aber auch sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und Presbyterianer unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen Neigungen. Gerade diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die wenigste Nachsicht zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von guter Erziehung, der mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten einer Sache erkannte, ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über die puritanischen Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu leugnen, daß er einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu sein. In einem Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen, und der Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige Monate in Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber ein Staats­gefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer. Nicht genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb, ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt hatte.

Charakter­schilderung des Herzogs von York und des Earl von Clarendon. Nach demselben Ziele strebte des Königs Bruder, Jacob, Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der Sinnenlust ergeben, war Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität und Beschäftigung. Sein Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein Charakter starr, hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein Wohlgefallen an den freien Institutionen Englands und an der Partei finden konnte, welche für diese Institutionen die wärmste Theilnahme hegte, leuchtet ein. Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche hatte der Herzog doch schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten Protestanten ernstlich beunruhigten.

Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs, welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst ehrenvoll unter den Senatoren aus, welche ernstlich bemüht waren, den Beschwerden der Nation abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen Beschwerden, welche das Concil von York betraf, wurde hauptsächlich durch seine Bemühungen beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als die Reformpartei und die Partei der Conservativen sich gegen einander schaarten, trat er mit vielen weisen und braven Männern auf die Seite der Conservativen. Von jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs, genoß König Carls I. volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende Charakter und die gewundene Politik dieses Monarchen solches einem Minister überhaupt gewähren konnten, und ging später mit Carl II. in die Verbannung, wo er dessen politisches Verhalten leitete.

Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein engverwandt­schaft­liches Verhältniß getreten, indem durch eine bisher geheimgehaltene Vermählung seine Tochter Herzogin von York und deren Nachkommenschaft dadurch zur Thronfolge berechtigt worden sei. In Folge dieser hohen Verbindung gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn über die ältesten und angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in mancher Hinsicht war er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen gewachsen, indem nicht nur in Abfassung wichtiger Staats­schriften, sondern auch in Rath und Parlament er sehr anerkennungswerthe diplomatische Befähigung zeigte. Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der Staatskunst, verstand es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten der Charaktere mit geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht nur ein starkes Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, sondern auch eine tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und aufrichtige Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er stolz und anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, daß ein Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung getrieben, und der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem Augenblicke, wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an die Spitze der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer und gewandter Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der Fall. Als er, dem Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen hatte, erbittert durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner Partei und seines Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in dem Zeitraume von 1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande ereignete, vom fernen Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten von dem Stande der Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter Parteimänner, deren zerrüttete Vermögens­verhältnisse ihren Geist mit Wuth und Verzweiflung erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse beurtheilte er nicht nach dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und den Ruhm seines Volkes vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die sie ihm zur Rückkehr boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht verhehlte, war, daß niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, bis die alte Königs­familie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz genommen habe. Als er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu unterrichten, und zu ermitteln welche Veränderungen vierzehn ereignißvolle Jahre in dem Charakter und den Gesinnungen des englischen Volks herbeigeführt, sofort die Leitung des Staates übergeben. In solchem Falle würde wohl selbst ein Minister von größter Umsicht und bei aller Geneigtheit gute Lehre anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; Takt aber, und Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah in England noch das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein Antlitz verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, welche die Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht daran dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der Gemeinen aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf die zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das gemein­schaftliche Gebetbuch vereinigte sich mit einem racheglühenden Hasse gegen die Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch dem Christen zur Ehre gereichte.

Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die Königs­familie zurückrief, versammelt war, war eine Wiederherstellung des alten kirchlichen Systems unausführbar. Nicht allein, daß der Hof seine Pläne völlig geheim hielt, der König hatte auch in feierlichster Weise Zusicherungen ertheilt, durch welche die Gemüther der gemäßigten Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er hatte vor seiner Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen Unterthanen völlige Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses Versprechen jetzt erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit allen Kräften dahin wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine Vereinigung herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß Bischöfe und Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, und daß eine Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern bestehend, eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in Betreff des Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei der Taufe, sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise gelöst werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, welche er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses geschehen war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit wenigen Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen politischer Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, hatte er bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren jährlicher Betrag auf eine Million zweimal­hundert­tausend Pfund geschätzt ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, reichte damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt, die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf’s heftigste erbittert und beunruhigt haben.

Allgemeine Wahl von 1661. Zu Anfang des Jahres 1661 fand eine allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in’s Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für Krone und Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und Demüthigungen noch nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe angethan. Als die Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, unter deren Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere Jahre hindurch war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum eingenommen als der König selbst, und günstiger gestimmt für das Episcopat als die Bischöfe. Carl und Clarendon waren über die Vollständigkeit ihres Erfolgs fast bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit mit der Ludwigs XVIII. und des Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 die Kammer versammelt war. Hätte der König auch wirklich die Absicht gehabt, die Versprechungen, welche er den Presbyterianern gemacht, zu erfüllen, es würde jetzt gar nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. Nur seinen eifrigen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche Adel verhindert wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und erbarmungslose Rache auszuüben für die erduldeten Leiden.

Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente. Die Gemeinen eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid, daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen, zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt. Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten. Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses Beispiel nachzuahmen.

Verfolgung der Puritaner. Bald erschienen Strafgesetze gegen die Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte, ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag. Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte, seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden, welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.

Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie. Die englische Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung gekommen; sie war mit ihm durch gemein­schaftliche Interessen, Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich, daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden, welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte, überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer, welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den Waffen in der Hand gegenüber.

Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer. Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe, die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel: sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt, aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer Handlungsweise tragen.

Veränderung in den Sitten der Gesellschaft. Während die erwähnten Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein. Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah, nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde, welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster. Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley, Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war, einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen Staats­angelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman. Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit. Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley’s wurden in Anwesenheit und mit besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser von des „Pilgers Reise“ für das Verbrechen, den Armen das Evangelium verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.

Verworfenheit der Politiker. Kaum ein Rang und Beruf entging der Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen, versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen, wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht, muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick, den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern eine Spur verfolgt.

Bei Staats­männern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit. Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind zu erhalten, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen sein lassen zu verbessern. Es giebt im Staate nichts, zu dessen Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit; die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut, eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz, welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist, wird jetzt, jedem edleren und menschen­freund­licheren Gefühle entfremdet, eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter den Staats­männern, welche von der Restauration bis zum Regierungs­antritt des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staats­geschäften Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war.

Zustand von Schottland. Während diese Veränderungen der Politik, Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die königliche Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der britischen Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die Restauration der Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich wurde das von Cromwell aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die Stände versammelten sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und die Senatoren des Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische Recht in der früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs bestand mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem der König, so lange er England auf seiner Seite hatte, eine Unzufriedenheit in den anderen Gebietstheilen nicht zu fürchten brauchte. Er befand sich jetzt in solcher Lage, daß er den Versuch, der seinen Vater in’s Verderben stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen Schicksal fürchten zu müssen. Karl I. hatte es versucht, seine eigene Religion durch königliche Gewalt den Schotten zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion, als auch die königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht genug, daß ihm diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen, welche daraus entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben. Die Zeiten hatten sich geändert; England schwärmte für Monarchie und Prälatenthum, und deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem Menschenalter höchst unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr für den Thron wieder aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in Schottland eine bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber von jedem vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die Prärogative des Königs eingenommene schottische Staats­männer waren als Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch Gewissensfragen beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für die Religion ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den Herzen ihrer Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich gegen den Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte es ihnen an der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, die ihren Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos und niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu verfolgen, welche sie in ihrem Gewissen für die reinste hielten. Die Einrichtung des schottischen Parlaments war der Art, daß es schwerlich selbst schwächeren Königen, als dem damals ziemlich machtlosen Karl, einen ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben würde. Das Episkopat ward daher durch Gesetze eingeführt, und was die Form des Gottesdienstes anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein weiter Spielraum bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische Liturgie an; in anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie diejenigen Gebete und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem Volke am wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber wurde am Schlusse des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang angestimmt und bei der Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß gesprochen. Der größte Theil des schottischen Volkes haßte die neue Kirche als eine abergläubische und ausländische, besudelt mit den Verderbnissen Roms, und als ein Zeichen der englischen Oberherrschaft. Trotzdem kam es zu keinem allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht mehr, das es vor zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und Fremdherrschaft hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, welche bei den mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem Ansehen stand, hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen Karl II. zeigte sie sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen Puritaner konnte man nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, geächtet durch Gesetz und öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich daher die Masse des schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des Gewissens, wohnten sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder derjenigen presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit finden lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht, den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten, Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die Unbilden, welche die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein neues und um so hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer Wohlthat geben wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper tödten, die schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie aus den Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und Gebirgen; wurden sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten sie der Gewalt unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel erschienen sie bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie wurden zwar ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen stählte sich nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre Gebeine zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu Zwanzigen aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten preisgegeben, morgen der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen, vertheidigten sie sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der kühnste und mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die Verzweiflung angefachten Muth zu fürchten.

Zustand von Irland. So war unter der Regierung Karls II. der Zustand von Schottland; aber Irland war nicht minder zerrüttet. Auf dieser Insel bestanden Fehden, welche sich mit den heftigsten Feindschaften der englischen Politiker nicht vergleichen ließen. Die Feindseligkeiten zwischen den irischen Cavalieren und den irischen Rundköpfen waren fast vergessen über der grimmigeren Feindschaft, welche zwischen der englischen und der celtischen Race wüthete. Die Kluft zwischen den Episkopalen und Presbyterianern verschwand, wenn man sie mit der verglich, welche Beide von den Papisten trennte. In den letzten bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des irischen Grundeigenthums von dem unterjochten Volke auf die Sieger übergegangen. Auf die Gunst der Krone konnten sowohl von den alten wie von den neuen Besitzern nur wenige Anspruch machen, denn die Plünderer wie die Geplünderten waren in der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde des Streites der beiden ergrimmten Parteien über entgegengesetzte Ansprüche und gegenseitige Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. Diejenigen Kolonisten, unter welche Cromwell das eroberte Land vertheilt hatte, und deren Abkömmlinge man noch immer Cromwellianer nannte, gaben zu bedenken, daß die englische Nation unter jeder Dynastie, und die protestantische Religion in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das Heftigste angefeindet würde. Sie schilderten mit Übertreibung die Gräuel, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten, sie beschworen den König, die Politik des Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, und schämten sich nicht es auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur dann bestehen könne, wenn der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt sein werde. Die Katholiken stellten ihr Vergehen möglichst gering dar und jammerten kläglich über die Härte ihrer Strafe, die auch in der That eben nicht gelind gewesen war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen zu verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer Theil der Schuldigen ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt waren und seine Rechte gegen die Henker seines Vaters in Schutz nahmen. Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen keine auf seine Liebe Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof einen Vergleich, und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, aber höchst praktische und energische System, durch welches Cromwell Irland durchweg englisch machen wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer veranlaßt, ein Drittel ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene Land wurde willkürlich unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die Regierung begünstigen wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche versicherten, daß sie sich keiner Illoyalität schuldig gemacht, und einzelne Personen, die sich rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste bewiesen zu haben, erhielten weder Zurückerstattung noch Entschädigung, und erfüllten Frankreich und Spanien mit lauten Klagen über die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Stuarts.

Die Regierung in England wird unpopulär. Selbst in England hatte um diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß, erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung, mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt. Die Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner, verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben, vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen, aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott, und nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief, daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die finstere Grübelei von „Preise Gott, Barebone“ der abscheulichen Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley’s vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte, dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man könne es einem Könige vergeben, wenn er seine Mußestunden durch Wein, Witz und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse des Staates vernachlässigt sowie der Staats­dienst und die Finanzen in Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und Schmarotzer sich bereicherten.

Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es auch immer den Übrigen ergehen möchte — wenigstens er für Alles, was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche Entschädigung erhalten, und der Herstellung der Monarchie die Verbesserung seiner eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. Keiner von diesen Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth zurückzuhalten, als er sah, daß er unter der Herrschaft des Königs eben so arm war, wie zur Zeit des Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit des Hofes erregte den heftigsten Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hälfte der Summen, welche der König an Concubinen und Hofnarren verschwende, die Herzen von vielen hundert alten Cavalieren erfreuen würde, welche, nachdem sie ihre Wälder gelichtet, und ihr Silbergeschirr eingeschmolzen, um seinem Vater zu unterstützen, jetzt in ärmlichen Kleidern herumgingen, und nicht wüßten, wie sie ihren Hunger stillen sollten.

Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund. Der Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld, welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen Günstlinge gewandert.

Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche Akt Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin Katharina von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber allgemein, und das Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, daß der König muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. Dünkirchen, das Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., Frankreichs König, verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die Engländer beobachteten bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der französischen Macht, und betrachteten das Haus der Bourbons mit denselben Empfindungen, welche ihre Großväter gegen das Haus Österreich gehegt hatten. War es wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so gewaltigen Monarchie einen Zuwachs zu geben? — Außerdem ward Dünkirchen von dem Volke nicht nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel zu den Nieder­landen, sondern auch als eine Trophäe englischer Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war für die Zeiten Karls, was Calais einer früheren Generation gewesen, und was der Felsen von Gibraltar, — so ritterlich unheilvolle Jahre hindurch gegen die Flotten und Heere einer mächtigen Allianz vertheidigt, — für uns ist. Die Rücksicht auf finanzielle Ursachen wäre ein Entschuldigungs­grund gewesen, wenn ihn eine sparsame Regierung geltend gemacht hätte; es war aber kein Geheimniß, daß die Kosten, welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung erschienen gegenüber den Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und Thorheiten vergeudet wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der in allen seinen Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, den Knauser spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes galt.

Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, während man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die Festung Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit ungeheuren Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz knüpften sich keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe konnte in keiner Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde England in einen ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit halbwilden arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die Gesundheit und Kraft des englischen Volks höchst nachtheiligen Klima.

Krieg mit den Holländern. Das Murren aber, welches diese Fehlgriffe hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten Geschrei, das bald darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg mit den Vereinigten Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit größter Bereitwilligkeit unerhörte Summen, größer als die, welche die Flotten und Heere Cromwells zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in aller Welt gefürchtet war. Die Verschwendung, Unredlichkeit und Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so groß, daß diese Freigebigkeit sich schlimmer als nutzlos erwies. Die feigen Höflinge, ohne alle Befähigung den großen Männern entgegenzutreten, welche damals die holländischen Waffen befehligten, — einem Staatsmann, wie de Witte, und einem General wie de Ruyter — suchten sich schnell zu bereichern, während die halbverhungerten Matrosen in Empörung ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe leck und ohne Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive aufzugeben; aber sehr bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen Verwaltung selbst ein Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die holländische Flotte lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham sämmtliche Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage dieser harten Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei Tafel gesessen, und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale herumzujagen. Das Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte Anerkennung. Überall rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und seinen Patriotismus. Man erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft alle auswärtigen Mächte vor Englands Namen gezittert hatten, wie die jetzt so kecken Generalstaaten sein Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der Nachricht von seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer Errettung aus großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen umherliefen, vor Freude jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst Royalisten erklärten unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch zu bewerkstelligen, daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen rufe. Bald fühlte die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade. Feuerungsmaterial war kaum zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth mit männlichem Muthe gegen Spanien und Parma schnöden Spott geschleudert, wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber auch das letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze vernahmen. Im Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim Anrücken des Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse die Straßen, und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die Paläste und Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es erhielt ganz den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion auch einen Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog allerdings bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz abweichend von denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch einmal kehrte der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso gereizten und niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des Schiffsgeldes.

Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als hundert­tausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen seine Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande Roms unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen Aschenhaufen verwandelte.

Opposition in dem Hause der Gemeinen. Hätte man, während die Nation unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es ließ sich nicht verhindern, daß sie selbst einen Preis für ihre Bewilligung festsetzten. Dieser bestand darin, daß es ihnen erlaubt sei, sich in alle Prärogativen des Königs zu mischen, ihm die Zustimmung zu Gesetzen, welche er mißbilligte, abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den Gang der auswärtigen Politik vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung zu leiten. Der königlichen Würde und der Person des Souverains versprachen sie laut und offenherzig die treueste Anhänglichkeit. Clarendon aber waren sie keine Unterthanentreue schuldig, und so griffen sie ihn mit einer so heftigen Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst Strafford.

Sturz Clarendons. Die guten Eigenschaften, wie die Fehler dieses Staats­mannes beförderten gleichmäßig seinen Sturz. Er war das Haupt der Verwaltung, und wurde deshalb selbst für solche Handlungen verantwortlich gemacht, denen er in der Rathsversammlung lebhaften, wenn auch nutzlosen Widerstand entgegengestellt hatte. Die Puritaner und Alle, welche diese bemitleideten, hielten ihn für einen unverbesserlichen Zeloten, für einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand begabt als dieser. Er hatte stets behauptet, daß man die Amnestieakte streng handhaben müsse, und obgleich dieser Theil seines Verhaltens höchst ehrenwerth für ihn erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit allen Royalisten, welche ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen gegen die Rundköpfe wegen erlittener Verluste und entzogener Nutzungen wieder aufzuhelfen wünschten. Die Presbyterianer Schottlands beschuldigten ihn des Sturzes ihrer Kirche, die irländischen Papisten warfen ihm den Verlust ihrer Güter vor. Als Vater der Herzogin von York hatte er gegründete Ursachen, eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und kam daher in den Verdacht, absichtlich eine solche empfohlen zu haben. Den Verkauf Dünkirchens machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld an dem holländischen Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last gelegt. Sein reizbares Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose Sucht, Reichthümer zu erwerben, die prahlerische Art mit der er dieselben wieder verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks gefüllte Gemäldegallerie — dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere, — sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der bescheidenen Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein, vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein wichtiger Zweig der Staats­geschäfte werden, und daß es unmöglich sein würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des Hauses besaßen, das Ruder des Staats­schiffs zu führen. Er ließ sich nicht davon abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten, die in keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor vierzig Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der Rechtswissenschaft oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende Versammlung der Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung Englands ihr bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch natürlich und unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung abzuwenden, erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben, daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt, verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei, die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch — sagte er — wie dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen machten, welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur lediglich der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat werde sich nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden, ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen, wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen Staats­verhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten, behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in englischen Regierungs­angelegen­heiten, durchaus in keinem Verhältnisse zu seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines Lebens im Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach seiner Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem Alter nach seine Söhne sein konnten.

Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen Gründen auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik erinnerten an eine frühere Generation. Selbst als junger Student der Rechte, wo er mit so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen umging, hatten ihn sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze fast ganz vor der Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger war er geeignet, im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch ein Wüstling zu werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen betrachtete er die Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er nicht minder die tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der Sectirer hegte. Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen Possenreißer, Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast erfüllten, und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren nicht nur sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr lang. Es fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den doppelten Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und unangenehm waren. Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde mannhaft und treu, aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die tiefste Ungnade. Der König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen versetzten ihn in Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er entfloh aus England und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung verurtheilt; die aber, welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich um die Trümmer seiner Gewalt zu streiten.

Durch Clarendon’s Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs, denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte, zu besänftigen und einen Schritt zu thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel ist und der Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen wäre.

Zustand der europäischen Staats­angelegen­heiten und Überlegenheit Frankreichs. Wir sind jetzt bei dem Punkte angekommen, wo die Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt, sich mit der Geschichte der auswärtigen Staats­angelegen­heiten zu verflechten. Die spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen begriffen. Spanien besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden Sicilien, Belgien und die Franche Comté, und in Amerika lagen seine Besitzungen zu beiden Seiten des Äquators noch weit über die beiden Grenzen der heißen Zone hinaus; allein dieser große Körper war gelähmt, und nicht nur ohne Macht, andere Staaten zu belästigen, sondern auch außer Stande, ohne Unterstützung einen Angriff auszuhalten. Frankreich war jetzt ohne Zweifel die bedeutendste Macht Europa’s. Seit jener Zeit haben seine Hilfsquellen unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie die Hilfsquellen Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor einhundert­achtzig Jahren das russische Kaiserreich — jetzt eine Monarchie ersten Ranges — ebensoweit außer dem Bereich der europäischen Politik lag, wie Abyssinien oder Siam, daß das brandenburgische Haus damals kaum bedeutender war, als jetzt das Haus Sachsen, und daß die Republik der Vereinigten Staaten von Amerika zu jener Zeit noch nicht existirte. Die Bedeutung Frankreichs hat sich demnach, obgleich sie noch immer sehr groß ist, relativ vermindert. Zu den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs Gebiet noch nicht ganz so ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein großes, abgeschlossenes, fruchtbares Land, zum Angriff wie zur Vertheidigung trefflich geeignet, in einem glücklichen Klima gelegen, und bewohnt von einem tapferen, gewerbfleißigen und geistreichen Volke. Der Staat gehorchte völlig der Leitung eines einzigen Geistes. Die großen Lehen, welche in Allem — den Namen ausgenommen — souveraine Fürstenthümer gewesen, waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige hochbetagte Leute erinnerten sich noch der letzten Versammlung der Generalstaaten. Den Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die Parlamente der königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden großen Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation beherrscht hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens im Verkehr mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild als großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine Sitte. Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für jene Zeit von ungeheurer Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine allerdings etwas harte und ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf dem Landmann lastete, überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers; seine vorzüglich disciplinirte und von den größten damals lebenden Generälen befehligte Armee zählte bereits mehr als hundert­zwanzig­tausend Mann. Eine solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des römischen Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den Seemächten nahm Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es auch Rivalen auf dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem übertroffen. Seine Macht während der letzten vierzig Jahre des siebzehnten Jahrhunderts war so bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm unmöglich widerstehen konnte und daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen sich die halbe christliche Welt gegen Frankreich verbunden hatte, nichts auszurichten vermochten.

Charakter Ludwigs XIV. Die Achtung, welche Frankreichs Macht und Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen Eigenschaften seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die Majestät eines großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als er. Er war sein eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten dieser schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die man in der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in den Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern umgeben war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem Grade zwei für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener passend zu wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer Thätigkeit anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte er einigen Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche Bundesgenossen, welche mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich ihm zu Füßen warfen, beschützte er mit einer chevaleresken Uneigennützigkeit, die sich besser für einen irrenden Ritter schickte, als für einen Staatsmann; die heiligsten Bande der Treue aber galten ihm nichts, und er zerriß sie ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem Interesse, oder dem was er Ruhm nannte, widerstritten. Doch diese Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit waren weniger verletzend als der Übermuth, mit dem er seine Nachbarn unaufhörlich an seine eigene Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit erinnerte. Damals zeigte er noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche in späterer Zeit dem französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab; er war im Gegentheil ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch und träge wie sein Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger Katholik, und nicht nur sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit veranlaßten ihn, seine Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger, Chlodwig, Karl der Große und Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und Ausbreitung des wahren Glaubens zu verwenden.

Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet. Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich, noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen Löwen, im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte im sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das von Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber, welche Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide Platz, und Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der Verkauf Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des wieder eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich stand an der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon beschuldigten. Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine Stimmung. Wenn in den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den Dienern der französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand, so gab das Volk, obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst gehindert, doch die unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch nicht erloschen war.

Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander. Eine der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben hindurch die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem Grunde hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem Wege der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß die Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den Gipfel der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich; aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland, die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten, und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte.

Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte.

Die Tripleallianz. Der englische Resident zu Brüssel, Sir William Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und beliebtesten Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits vorgeschlagen, daß es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den Generalstaaten in Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht Frankreichs einen Damm entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine Winke unberücksichtigt gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen, ihnen Folge zu leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten deshalb zu unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu einem Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister Hollands. Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig Jahre vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter den europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England und den Nieder­landen zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet, die unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl Verdruß und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der Feindschaft Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab daher willig einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere bereits erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die englische Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner Verachtung, wurde einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit fast eben so hoher Achtung angesehen, als man früher dem Protektor gezollt hatte.

In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte sowohl den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war. Das Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel, welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei.

Die Vaterlandspartei. Dem Könige aber war diese Billigung des Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der Tripleallianz sah er blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung der herrschenden Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter anzunehmen schien. Er bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und Sicherheit, noch um die Würde der Nation, über die er herrschte, und hatte angefangen, die verfassungs­mäßigen Beschränkungen lästig zu finden. Schon hatte sich im Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei gebildet, welche man die Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus allen öffentlichen Männern, welche sich zum Puritanismus und Republikanismus hinneigten, und von denen Viele zwar der englischen Kirche und erblichen Monarchie zugethan, aber aus Furcht vor dem Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung, Üppigkeit und Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren. Die Macht dieses Vereins von Staats­männern war in stetem Wachsthum; alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch die loyale Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in Wegfall, und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen besetzt. Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine Versammlung von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine Rechnungen verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer von seinen Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt habe, welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen war. Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch die Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry, ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah, die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm das Begnadigungsrecht entzog.

Wie sehr er aber auch gegen die verfassungs­mäßigen Schranken eingenommen war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er konnte sich nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten machen, aber eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm zwar einige reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark genug, um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte Cromwellsche Soldaten lebten.

Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich. Da der König die Absicht hatte, sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er zu diesem Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen konnte, so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem Auslande richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs konnten der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte Monarchie in England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte aber jedenfalls starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen Dienst, Karl hätte zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen, und Krieg und Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen, welche ihm ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große Ähnlichkeit mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von Nagpore und der König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese Fürsten sind verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs- und Vertheidigungs­kriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt. Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen, ihre Paläste mit schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft ihrer Lieblinge dumm zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen mißfällt, ungestraft zu unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem Manne von Hochherzigkeit und gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber für den üppigen, trägen, abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles Bewußtseins persönlicher Würde ermangelnden Karl hatte eine solche Aussicht durchaus nichts Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem Plane, die Würde der Krone, welche er vermutlich einst selbst tragen würde, zu erniedrigen, die Hand geboten haben sollte, mag auffallend erscheinen, denn seine Gemüthsart war hochfahrend und herrschsüchtig, und er zeigte in der That ohne Unterbrechung durch Aufwallungen und gelegentliche Weigerungen seinen Haß gegen das französische Joch; er war jedoch durch Aberglauben fast ebenso verdorben, wie sein Bruder durch Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob war damals schon Katholik. Frömmelei war die vorherrschende Richtung seines beschränkten halsstarrigen Geistes geworden und so mit seiner Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden Leidenschaften kaum mehr zu unterscheiden waren. Es war sehr unwahrscheinlich, daß er ohne fremde Hilfe im Stande sein würde, das Übergewicht, oder auch nur Duldung für seinen Glauben zu erlangen, und bei seiner Gemüthsverfassung sah er in keinem Schritte etwas Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren Kirche befördert werden konnte.

Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen.

Pläne Ludwigs in Bezug auf England. Es scheint gewiß, daß es nie seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX. verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker Krieg zu führen. Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche Regierung wünscht, ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder wichtige Vortheil, den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer allgemeinen Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen eine gemein­schaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare, Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten, auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe, hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen, der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres Monarchen wie auf ihre eigene Loyalität, betrachteten unsere Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten, sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen.

Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch, die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles. Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen, deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688 alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich, mit viel geringeren Kosten als der Bau und die Einrichtung von Versailles oder Marly erforderten, England fast zwanzig Jahre hindurch zu einem eben so unbedeutenden Gliede des europäischen Staatenkörpers zu machen, wie die Republik San Marino. —

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