Zweiundzwanzigstes Kapitel. Wilhelm III.
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Inhalt.
Seite
Militärische Operationen in den Niederlanden5
Handelskrisis in England5
Finanzkrisis8
Anstrengungen um dem Geldmangel abzuhelfen11
Noth des Volks; seine Stimmung und sein Verhalten12
Unterhandlungen mit Frankreich; der Herzog von Savoyen fällt von der Coalition ab15
Nachforschungen nach jakobitischen Verschwörern in England; Sir Johann Fenwick17
Ergreifung Fenwick’s18
Fenwick’s Bekenntniß19
Wilhelm’s Rückkehr nach England24
Zusammentritt des Parlaments; Lage des Landes25
Rede König Wilhelm’s bei Eröffnung der Session26
Beschlüsse des Hauses der Gemeinen26
Rückkehr des Wohlstandes28
Einfluß der Maßnahmen des Hauses der Gemeinen auf die auswärtigen Regierungen28
Besserung der Finanzen29
Folgen des Fenwick’schen Bekenntnisses30
Godolphin’s Rücktritt31
Stimmung der Whigs über Fenwick31
Wilhelm verhört Fenwick32
Verschwinden Goodman’s33
Parlamentarische Maßnahmen in Bezug auf Fenwick’s Geständnisse34
Bill zur Verurtheilung Fenwick’s35
Debatten der Gemeinen über die Verurtheilungsbill36
Die Verurtheilungsbill den Lords überreicht43
Monmouth’s Kunstgriffe44
Debatten der Lords über die Verurtheilungsbill46
Schritte gegen Monmouth49
Stellung und Gesinnung Shrewsbury’s51
Die Verurtheilungsbill angenommen52
Versuche, Fenwick zu retten53
Fenwick’s Hinrichtung53
Bill zur Regulirung der Wahlen54
Bill zur Regulirung der Preise55
Bill zur Abschaffung der Vorrechte von Whitefriars und dem Savoy56
Schluß der Session; Beförderungen und Ernennungen58
Zustand Irland’s60
Zustand Schottland’s61
Eine Parlamentssession in Edinburg61
Acte zur Errichtung von Schulen61
Der Prozeß Thomas Aikenhead’s62
Militärische Operationen in den Niederlanden64
Von Frankreich offerirte Friedensbedingungen64
Verhalten Spaniens65
Verhalten des Kaisers65
Congreß von Ryswick66
Wilhelm eröffnet eine bestimmte Unterhandlung68
Zusammenkünfte Portland’s mit Boufflers69
Die Friedensbedingungen zwischen Frankreich und England werden festgesetzt71
Schwierigkeiten, durch Spanien und den Kaiser veranlaßt72
Versuche Jakob’s, einen allgemeinen Friedensschluß zu verhindern74
Der Tractat von Ryswick unterzeichnet75
Spannung in England75
Ankunft der Friedensnachricht in England75
Schrecken der Jakobiten76
Allgemeine Freude76
Einzug des Königs in London77
Der Tag des Dankgottesdienstes78
Militärische Operationen in den Niederlanden.
Am 7. Mai 1696 landete Wilhelm in Holland.[1] Von da begab er sich nach Flandern und übernahm das Commando der in der Nähe von Gent zusammengezogenen verbündeten Truppen. Villeroy und Boufflers waren bereits im Felde. Ganz Europa erwartete mit Ungeduld wichtige Nachrichten aus den Niederlanden; aber es wartete vergebens. Es fand keine aggressive Bewegung statt. Die Hauptaufgabe der beiderseitigen Generäle bestand darin, ihre Truppen vor dem Hungertode zu bewahren, und es war dies eine keineswegs leichte Aufgabe. Der Staatsschatz Frankreich’s sowohl wie England’s war leer. Ludwig hatte im Winter mit großer Mühe und großem Kostenaufwande in Givet an der Grenze seines Reichs ein großartiges Magazin errichtet. Die Gebäude waren zweckmäßig und geräumig und die Masse der darin aufgehäuften Proviantvorräthe war ungeheuer. Die Anzahl der Rationen für die Mannschaften wurde gewöhnlich auf drei bis vier Millionen geschätzt. Aber zu Anfang des Frühjahrs hatten Athlone und Cohorn durch eine kühne und geschickte Bewegung Givet überrumpelt und die Magazine sowohl wie die Vorräthe total vernichtet.[2] Das vor Erschöpfung bereits einer Ohnmacht nahe Frankreich war nicht im Stande einen solchen Verlust zu ersetzen. Belagerungen, wie die von Mons und Namur waren zu kostspielige Operationen für seine Mittel. Die Aufgabe seiner Armee war jetzt nicht zu erobern, sondern zu subsistiren.
Wilhelm’s Armee war zu nicht minder harten Entbehrungen gezwungen. Der materielle Wohlstand England’s hatte zwar durch den Abzug, den der Krieg verursacht, nicht erheblich gelitten, aber es seufzte schwer unter dem schlechten Zustande des Werkzeugs, durch das sein materieller Wohlstand vertheilt wurde.
Handelskrisis in England.
Sonnabend der 2. Mai war vom Parlament als der letzte Tag bestimmt worden, an welchem die beschnittenen Kronen, halben Kronen und Schillinge bei Entrichtung der Steuern angenommen werden sollten.[3] Die Schatzkammer war von Tagesanbruch bis Mitternacht von einer unzähligen Menge belagert. Man mußte die Garden herbeirufen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Am darauffolgenden Montag begann eine angstvolle Periode von einigen Monaten, auf welche dann viele Jahre eines fast ununterbrochenen Wohlstandes folgen sollten.[4]
Der größte Theil des alten Silbers war verschwunden und das neue begann sich kaum erst zu zeigen. Ungefähr vier Millionen Pfund Sterling in Barren und gemünztem Gelde lagen in den Kellern der Schatzkammer und das geprägte Geld kam bis jetzt nur sehr langsam aus der Münze.[5] Die Aengstlichen prophezeiten, das reichste und gebildetste Land Europa’s werde bald zu dem Zustande der barbarischen Nationen herabsinken, bei denen eine Matte für ein Beil und ein paar Moccassins für ein Stück Wild gekauft würden.
Es gab zwar noch etwas gemünztes Geld, das der Verstümmelung entgangen war, und Sixpencestücke, die nicht bis über den innern Rand beschnitten waren, coursirten noch in ziemlicher Menge. Dieses alte Geld bildete mit dem neuen einen dürftigen Silbervorrath, der mit Hülfe des Goldes der Nation den Sommer über durchhelfen sollte.[6] Die Fabrikanten wußten es im Allgemeinen, wenn auch mit größter Mühe, einzurichten, daß sie ihre Arbeiter mit Münze bezahlen konnten.[7] Die höheren Stände scheinen in bedeutendem Maße auf Credit gelebt zu haben. Selbst ein wohlhabender Mann besaß selten die Mittel, um die Wochenrechnungen seines Bäckers und Fleischers bezahlen zu können.[8] Eine Schuldverschreibung von der Hand eines solchen Mannes wurde jedoch in der Gegend, wo man seine Vermögensverhältnisse und seinen Character genau kannte, gern genommen. So circulirten die Noten der reichen Geldwechsler von Lombard Street in weiten Kreisen.[9] Die Billets der Bank von England thaten gute Dienste und würden ohne den unglücklichen Mißgriff, zu dem sich das Parlament kürzlich durch Harley und Foley hatte verleiten lassen, noch bessere Dienste gethan haben. Das Vertrauen des Publikums zu dieser mächtigen und reichen Compagnie war durch das Edict, welches die Landbank errichtete, erschüttert worden. Man konnte mit gutem Grunde zweifeln, ob die beiden rivalisirenden Institute neben einander würden bestehen können, und das jüngere von beiden schien der Liebling der Regierung und der Legislatur zu sein. Die Actien der Bank von England waren rasch von hundertzehn auf achtundachtzig gefallen. Zu gleicher Zeit verschworen sich die Goldschmiede gegen diese reiche Compagnie, der sie von vornherein nicht hold gewesen waren. Sie kauften überall ihre Noten auf, und am 4. Mai, als die Schatzkammer eben den größten Theil des alten Geldes verschlungen hatte und von dem neuen noch so viel wie nichts ausgegeben war, strömten sie nach Grocers’ Hall und drangen auf sofortige Umwechselung. Ein einziger Goldschmied verlangte dreißigtausend Pfund. Die Directoren handelten in dieser bedrängten Lage mit Einsicht und Festigkeit. Sie verweigerten die Einlösung der böswillig aufgesammelten und präsentirten Noten und stellten es den Inhabern anheim, in Westminster Hall ihr Recht zu suchen. Andere Creditoren, welche bona fide das ihnen Gebührende verlangten, wurden befriedigt. Die Verschwörer triumphirten nun über die mächtige Corporation, die sie haßten und fürchteten. Die Bank, welche erst vor Kurzem unter so glänzenden Auspicien ins Leben getreten, die anscheinend dazu bestimmt gewesen sei, eine Revolution im Handel und Geldwesen hervorzubringen, die der Stolz London’s und der Neid Amsterdam’s gewesen, sei schon insolvent, ruinirt, entehrt. Es erschienen erbärmliche Pasquille, wie unter andren: „The Trial of the Land Bank for Murdering the Bank of England,” „The Last Will and Testament of the Bank of England,” „The Epitaph of the Bank of England,” „The Inquest on the Bank of England.” Doch trotz all’ dieses Geschreis und Gespötts berichteten die Correspondenten der Generalstaaten, daß die Bank von England in der öffentlichen Achtung thatsächlich nicht gesunken sei und daß das Verfahren der Goldschmiede allgemein getadelt werde.[10]
Die Directoren überzeugten sich bald von der Unmöglichkeit, selbst das zur Befriedigung der bona fide an sie gemachten Anforderungen benöthigte Silber herbeizuschaffen. Sie ersannen daher ein neues Auskunftsmittel. Sie verlangten von den Actionären einen Zuschuß von zwanzig Procent und brachten dadurch eine Summe auf, die sie in den Stand setzte, jedem Applikanten fünfzehn Procent von seiner Forderung in gemünztem Gelde auszuzahlen. Sie gaben ihm die Note zurück, nachdem sie die geleistete theilweise Zahlung auf derselben bemerkt hatten.[11] Ein paar Noten mit dieser Bemerkung werden noch zur Erinnerung an jenes schlimme Jahr in den Archiven der Bank aufbewahrt. Das Papier des Instituts circulirte nach wie vor; aber der Werth schwankte heftig von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde, denn die öffentliche Meinung war in einem so reizbaren Zustande, daß die absurdeste Lüge, die ein Stockjobber erfinden konnte, hinreichte, um den Cours zum Steigen oder zum Fallen zu bringen. Einmal betrug der Discont nur sechs Procent, ein andermal vierundzwanzig Procent. Eine Zehnpfundnote, die am Morgen zu mehr als neun Pfund genommen worden, war oft gegen Abend keine acht Pfund mehr werth.[12]
Ein andres und unter den damaligen Umständen zweckentsprechenderes Ersatzmittel für klingendes Courantgeld verdankte sein Entstehen dem Scharfsinn Montague’s. Es war ihm gelungen, in Harley’s Landbankbill eine Klausel aufnehmen zu lassen, welche die Regierung ermächtigte, ein Papiergeld auszugeben, das täglich drei Pence Zinsen für hundert Pfund trug. Inmitten der altgemeinen Noth und Verwirrung erschienen die ersten Schatzkammerscheine, auf verschiedene Beträge von hundert Pfund bis herab zu fünf Pfund lautend. Dieses Zahlungsmittel wurde durch die Post rasch über das ganze Land verbreitet und war überall willkommen. Die Jakobiten zogen in jedem Kaffeehause heftig darüber her und schrieben viel schlechte Verse dagegen, doch mit nur geringem Erfolg. Der Plan fand so günstige Aufnahme, daß die Minister einmal beschlossen, Zwanzigschillingscheine und sogar Funfzehnschillingscheine zur Bezahlung der Truppen auszugeben. Dieser Beschluß scheint jedoch nicht zur Ausführung gekommen zu sein.[13]
Man kann sich schwer denken, wie ohne die Schatzkammerscheine die Regierung des Landes während dieses Jahres hätte ihren regelmäßigen Gang beibehalten können. Jede Einnahmequelle war durch den Stand des Geldmarktes geschmälert und eine Quelle, von der das Parlament zuversichtlich mehr als die Hälfte der zur Bestreitung der Kriegskosten erforderlichen Summe erwartet, hatte nicht einen Farthing eingetragen.
Finanzkrisis.
Die von der Landbank gehoffte Summe betrug nahe an zwei Millionen sechshunderttausend Pfund. Von dieser Summe war die Hälfte zu zeichnen und ein Viertel am 1. August einzuzahlen. Der König hatte noch unmittelbar vor seiner Abreise ein Decret unterzeichnet, welches bestimmte Commissare, unter denen Harley und Foley die bedeutendsten waren, zur Empfangnahme der Namen der Subscribenten ernannte.[14] Es wurde im Saale des mittleren Temple eine zahlreiche Versammlung von Personen gehalten, die bei dem Plane interessirt waren. Ein Subscriptionsbureau wurde in Exeter Change, ein andres in Mercers’ Hall eröffnet. Vierzig Agenten reisten durch das Land und verkündeten der Landgentry aller Grafschaften das Herannahen des goldenen Zeitalters hoher Renten und niedriger Zinsen. Der Regentschaftsrath zeichnete, um der Nation mit gutem Beispiele voranzugehen, fünftausend Pfund für den König, und die Zeitungen versicherten der Welt, daß die erforderliche Summe sehr bald voll werden würde.[15] Als aber drei Wochen vergangen waren, fand es sich, daß zu den vom Könige beigesteuerten fünftausend Pfund nur noch funfzehnhundert gekommen waren. Viele wunderten sich darüber; allein es war sehr wenig Grund dazu. Die Summe, welche die Freunde des Planes aufzubringen übernommen hatten, konnte nur von den Feinden des Planes beschafft werden. Die Landgentlemen waren dem Plane Harley’s hold; aber nur deshalb, weil sie Geld zu niedrigem Zinsfuße entlehnen wollten, und da sie Geld entlehnen wollten, waren sie natürlich nicht im Stande, welches herzugeben. Nur die vermögende Klasse konnte das zum Bestehen der Landbank Nöthige liefern, und die Landbank hatte eingestandenermaßen den Zweck, den Gewinn der vermögenden Klasse zu vermindern, ihren politischen Einfluß zu vernichten und ihre sociale Stellung zu erniedrigen. Da die Wucherer nicht Lust hatten, die Kosten der Unterdrückung des Wuchers selbst zu bezahlen, so scheiterte der ganze Plan in einer Weise, die im höchsten Grade lächerlich gewesen wäre, wenn die öffentlichen Angelegenheiten ein minder beunruhigendes Aussehen gehabt hätten. Der Tag rückte heran, und die sauber linirten Seiten des Einzeichnungsbuches in Mercers’ Hall waren noch immer leer. Die Commissare wußten nicht was sie denken sollten. In ihrer Noth baten sie die Regierung um Nachsicht. Viele große Kapitalisten, sagten sie, möchten gern unterzeichnen; aber sie zögerten damit, weil die Bedingungen zu hart seien. Das verlangte Kapital müsse vermindert werden. Wolle der Regentschaftsrath sich nicht zu einem Nachlasse von dreihunderttausend Pfund verstehen? Die Finanzen befanden sich in einem so traurigen Zustande und die Briefe, in denen der König seine Bedürfnisse darstellte, waren so dringend, daß der Regentschaftsrath schwankte. Die Commissare wurden gefragt, ob sie sich bei Bewilligung des verlangten Abzugs verbindlich machen würden, die ganze Summe aufzubringen. Ihre Antwort lautete unbefriedigend. Sie wagten nicht zu behaupten, daß sie über mehr als achthunderttausend Pfund gebieten könnten. In Folge dessen wurde die Unterhandlung abgebrochen. Der 1. August erschien, und der ganze Betrag, den die ganze Nation zu dem glänzenden Unternehmen beigesteuert hatte, von dem man sich so viel versprochen, belief sich auf zweitausendeinhundert Pfund.[16]
Gerade zu diesem Zeitpunkte kam Portland vom Continent an. Wilhelm hatte ihn mit dem Auftrage abgesandt, um jeden Preis Geld zu schaffen, gleichviel wie und woher. Der König hatte sich in Holland schon seines Privatcredits bedient, um seiner Armee Brot geben zu können. Aber es reichte Alles nicht hin. Er schrieb seinen Ministern, daß, wenn sie ihm nicht schleunigst Geld schicken könnten, seine Truppen sich entweder empören oder zu Tausenden desertiren würden. Er wisse wohl, sagte er, daß es bedenklich sein würde, in seiner Abwesenheit das Parlament einzuberufen; aber wenn kein andres Mittel ausfindig gemacht werden könne, müsse man es riskiren.[17] Der in die größte Verlegenheit versetzte Regentschaftsrath begann jetzt zu wünschen, daß die von den Commissaren in Mercers’ Hall angebotenen Bedingungen bei aller ihrer Härte angenommen worden wären. Die Unterhandlung wurde wieder angeknüpft. Shrewsbury, Godolphin und Portland, als Agenten der Regierung, hatten mehrere Conferenzen mit Harley und Foley, welche vor Kurzem behauptet hatten, daß achthunderttausend Pfund bereit seien, für die Landbank gezeichnet zu werden. Die Minister gaben die Zusicherung, daß, wenn in diesem Augenblicke nur die Hälfte dieser Summe vorgestreckt werden könnte, Diejenigen, welche dem Staate diesen Dienst erzeigt hätten, in der nächsten Session als Nationallandbank incorporirt werden sollten. Harley und Foley versprachen zuerst mit zuversichtlicher Miene das Verlangte aufzubringen. Aber sie nahmen bald ihr Wort zurück und zeigten große Lust, wegen Kleinigkeiten peinlich und streitsüchtig zu sein; schließlich schrumpften die achthunderttausend Pfund zu vierzigtausend zusammen, und selbst diese vierzigtausend waren nur unter harten Bedingungen zu haben.[18] So endete die große Täuschung der Landbank. Die Vollmacht erlosch und die Bureaux wurden geschlossen.
Jetzt nahm der der Verzweiflung nahe Regentschaftsrath seine Zuflucht zur Bank von England. Zweihunderttausend Pfund waren die geringste Summe, welche zur Bestreitung der dringendsten Bedürfnisse des Königs genügte. Würde die Bank von England diese Summe vorstrecken? Die Kapitalisten, welche die erste Stimme bei diesem Institute hatten, waren übelgestimmt und nicht ohne Grund. Aber freundliche Worte, dringende Bitten und glänzende Versprechungen wurden nicht gespart, der ganze Einfluß Montague’s, der mit Recht groß war, wurde aufgeboten; die Directoren versprachen ihr Möglichstes zu thun; aber sie fürchteten, daß es ihnen nicht möglich sein würde die Summe herbeizuschaffen, ohne von ihren Actionären eine zweite Einzahlung von zwanzig Procent zu verlangen. Die Frage mußte einer Generalversammlung vorgelegt werden, in einer solchen Versammlung waren über sechshundert Personen stimmberechtigt und das Ergebniß war sehr zweifelhaft. Die Actionäre wurden zu einer Versammlung in Mercers’ Hall für den 15. August eingeladen. Während der peinlichen Zwischenpause der Ungewißheit schrieb Shrewsbury in einem so tragischen Tone an seinen Gebieter, wie man ihn in officiellen Briefen nicht häufig findet. „Wenn dies nicht gelingt, dann weiß Gott was geschehen soll. Doch es muß Alles versucht und gewagt werden, ehe wir uns hinlegen und sterben.”[19] Am 15. August, der eine wichtige Epoche in der Geschichte der Bank bezeichnet, wurde die Generalversammlung abgehalten. Den Vorsitz führte Sir Johann Houblon, der Gouverneur, der zugleich Lordmayor von London, und, was unsrer Zeit sonderbar vorkommen würde, ein Commissar der Admiralität war. Sir John schilderte in einer Rede, von der jedes Wort niedergeschrieben und von den Directoren reiflich erwogen worden war, den Stand der Sache und bat die Versammlung dringend, dem Könige Wilhelm beizustehen. Es wurde anfangs ein wenig gemurrt. „Wenn unsere Noten genügten,” sagte man, „so würden wir gern bereit sein, Sr. Majestät zu Hülfe zu kommen; aber zweihunderttausend Pfund in klingender Münze zu einer Zeit wie die gegenwärtige —.” Der Gouverneur erklärte kurz und entschieden, daß nur Gold oder Silber den Bedürfnissen der Armee in Flandern genügen könne. Es wurde endlich über die Frage abgestimmt, und jede Hand im Saale erhob sich für die Uebersendung des Geldes. Die Briefe von der holländischen Gesandtschaft benachrichtigten die Generalstaaten, daß das Ergebniß dieses Tages die Bank und die Regierung eng mit einander verbunden habe und daß mehrere Minister unmittelbar nach der Versammlung Actien gekauft hätten, nur um dem Institute, das dem Staate einen so großen Dienst erzeigt, einen Beweis ihrer Anhänglichkeit zu geben.[20]
Anstrengungen um dem Geldmangel abzuhelfen.
Inzwischen wurden energische Anstrengungen gemacht, um die Umprägung zu beschleunigen. Seit der Restauration war die Münze, wie alle anderen öffentlichen Anstalten im ganzen Lande, ein Nest von Müßiggängern und Arbeitsmaschinen gewesen. Der wichtige Posten des Münzmeisters, der zwischen sechs- und siebenhundert Pfund jährlich eintrug, war eine bloße Sinekure geworden und mit einer Reihe eleganter Gentlemen besetzt gewesen, die am Hazardspieltische zu Whitehall wohl bekannt waren, die sich aber nie herabließen, dem Tower zu nahe zu kommen. Dieser Posten war eben vakant geworden und Montague hatte ihn für Newton erlangt.[21] Die Geschäftstüchtigkeit, der Fleiß und die strenge Rechtschaffenheit des großen Philosophen bewirkten bald eine vollständige Revolution in dem seiner Leitung anvertrauten Departement.[22] Er widmete sich seiner Aufgabe mit einer Thätigkeit, die ihm keine Zeit zu den Studien übrig ließ, in denen er Archimedes und Galilei übertroffen hat. Bis das große Werk vollendet war, widerstand er mit Festigkeit und fast mit Unmuth jedem Versuche, den Männer der Wissenschaft sowohl im Inlande als auf dem Continente machten, ihn von seinen Amtspflichten abzuziehen.[23] Die bisherigen Beamten der Münze hatten es für wunder etwas Großes gehalten, wenn in einer Woche funfzehntausend Pfund Sterling Silbergeld geprägt wurden. Als Montague von dreißig- bis vierzigtausend sprach, erklärten diese Männer der Form und des Hergebrachten die Sache für unausführbar. Aber die Energie des jungen Kanzlers der Schatzkammer und seines Freundes, des Münzwardeins, bewirkte noch viel größere Wunder. Bald gingen neunzehn Prägewerke zu gleicher Zeit im Tower. So schnell als in London Leute zu der Arbeit angelernt werden konnten, wurden Gruppen derselben nach anderen Theilen des Landes geschickt. In Bristol, York, Exeter, Norwich und Chester wurden Münzen errichtet. Diese Maßregel war im höchsten Grade populär. Die Maschinen und Arbeiter wurden an den neuen Bestimmungsorten mit Glockengeläute und Kanonensalven empfangen. Die wöchentliche Emission stieg auf sechzigtausend, auf achtzigtausend, auf hunderttausend und endlich auf hundertzwanzigtausend.[24] Doch selbst diese Emission, die nicht nur alle bisherigen Emissionen, sondern auch alle Erwartungen übertraf, war unbedeutend im Vergleich zu dem Bedarf der Nation. Auch kam nicht alles neugeprägte Silber in den Verkehr, denn während des Sommers und Herbstes waren diejenigen Politiker, welche eine Erhöhung des Nominalwerthes der Münzen wünschten, thätig und laut und man erwartete allgemein, daß sogleich nach dem Wiederzusammentritt des Parlaments der Münzfuß herabgesetzt werden würde. Natürlich wollte Niemand, der es für wahrscheinlich hielt, daß er in nicht ferner Zeit eine Schuld von einem Pfund Sterling mit drei Kronenstücken anstatt mit vier werde bezahlen können, bis zu dieser Zeit ein Kronenstück ausgeben, das meiste gemünzte Geld wurde daher zurückgelegt.[25] Die Monate Mai, Juni und Juli vergingen ohne eine merkliche Zunahme in der Quantität des guten Geldes. Erst im August konnte ein aufmerksamer Beobachter die ersten schwachen Anzeichen des wiederkehrenden Wohlstandes erkennen.[26]
Noth des Volks; seine Stimmung und sein Verhalten.
Die Noth der unteren Volksklassen war groß und wurde noch vermehrt durch die Thorheiten der Magistratsbeamten und durch die Kunstgriffe der Mißvergnügten. Ein Squire, der zu dem Quorum gehörte, hielt es zuweilen für seine Schuldigkeit, in dieser schweren Prüfungszeit gegen seine Nachbarn die Billigkeit vorwalten zu lassen; da aber nicht zwei von diesen ländlichen Prätoren genau dieselben Begriffe von der Billigkeit hatten, so wurde durch ihre Edicte die Verwirrung immer ärger. In dem einen Kirchspiele wurde den Leuten, in offenem Widerspruch mit dem Gesetz, Gefängnißstrafe angedroht, wenn sie sich weigerten, beschnittene Schillinge in Zahlung anzunehmen. Im nächsten Kirchspiel war es gefährlich, solche Schillinge anders als nach dem Gewicht auszugeben.[27] Die Feinde der Regierung waren zu gleicher Zeit in ihrem Berufe unermüdlich thätig. Sie haranguirten an allen öffentlichen Orten, vom Chokoladenhause in Saint-James Street bis zu der mit Sand bestreuten Küche der Dorfschenke. In Versen und in Prosa stachelten sie die leidende Menge zur bewaffneten Erhebung auf. Von den Schriften, welche sie damals erscheinen ließen, war die bemerkenswertheste von einem abgesetzten Priester, Namens Grascombe, geschrieben, dessen Heftigkeit und Gemeinheit sich die achtungswertheren Eidverweigerer schon längst schämten. Er that jetzt sein Möglichstes, um den Pöbel zu überzeugen, daß diejenigen Parlamentsmitglieder, welche für die Wiederherstellung der Valuta gestimmt hatten, in Stücken zerrissen werden müßten.[28] Es wäre zuviel gesagt, wollte man behaupten, daß das böswillige Treiben dieses Mannes und Anderer seines Gelichters auf eine Bevölkerung, die ohne Widerrede schwer geprüft wurde, keinen Eindruck gemacht habe. Es fanden in verschiedenen Gegenden des Landes Unruhen statt, die aber mit leichter Mühe und, soweit es sich ermitteln läßt, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, unterdrückt wurden.[29] An einem Orte belagerte ein Haufen armer unwissender Geschöpfe, durch einen nichtswürdigen Agitator angereizt, das Haus eines whiggistischen Parlamentsmitgliedes und verlangte lärmend die Umwechselung ihres zu leichten Geldes. Der Gentleman willigte ein, es ihnen umzutauschen und fragte wieviel sie mitgebracht hätten. Nach einer Weile vermochten sie nicht mehr als eine einzige beschnittene halbe Krone aufzuweisen.[30] Tumulte wie dieser wurden in der Entfernung zu Aufständen und Metzeleien vergrößert. In Paris wurde in gedruckten Schriften allen Ernstes versichert, daß in einer englischen Stadt, welche nicht genannt war, ein Soldat und ein Fleischer wegen eines Goldstücks in Streit gerathen seien, daß der Soldat den Fleischer getödtet, daß der Gehülfe des Fleischers hierauf ein Hackmesser ergriffen und den Soldaten erschlagen habe, daß sich ein großer Kampf entsponnen habe und daß funfzig Todte auf dem Platze geblieben seien.[31] In der Wirklichkeit aber war das Benehmen der großen Masse des Volks über alles Lob erhaben. Als die Richter im September von ihren Rundreisen zurückkehrten, berichteten sie, daß die Stimmung der Nation vortrefflich sei.[32] Sie zeige eine Geduld, eine Einsicht, eine Gutherzigkeit und eine Zuverlässigkeit, die Niemand erwartet habe. Jedermann sehe ein, daß nur gegenseitige Unterstützung und gegenseitige Nachsicht die Gesellschaft vor Auflösung bewahren könne. Auf einen hartherzigen Gläubiger, der streng auf den Tag Bezahlung in klingender Münze verlange, werde mit Fingern gezeigt und er von seinen eigenen Gläubigern mit Forderungen bestürmt, die ihn bald zur Vernunft brächten. Sehr besorgt war man wegen der Truppen gewesen. Es war kaum möglich, sie regelmäßig zu bezahlen; wenn sie nicht regelmäßig bezahlt wurden, mußte man mit gutem Grunde befürchten, daß sie ihren Bedürfnissen durch Raub genügen würden, und solche Räubereien ließ sich die Nation, welche ganz und gar nicht an militärische Erpressung und Tyrannei gewöhnt war, gewiß nicht ruhig gefallen. Merkwürdigerweise herrschte jedoch während dieses prüfungsreichen Jahres ein besseres Einvernehmen zwischen den Soldaten und der übrigen Gesellschaft, als man es je gekannt hatte. Die Gentry, die Landwirthe und die Krämer lieferten den Rothröcken ihre Bedürfnisse in so freundlicher und liberaler Weise, daß es weder Zwistigkeiten noch Marodiren gab. „So schmerzlich diese Calamitäten empfunden worden sind,” schreibt L’Hermitage, „haben sie doch etwas Erfreuliches bewirkt: sie haben gezeigt, wie gut der Geist des Landes ist. Kein Mensch, möge er eine noch so günstige Meinung von den Engländern gehabt haben, hätte erwarten können, daß eine Zeit solcher Noth eine Zeit solcher Ruhe sein würde.”
Männer, welche in dem so außerordentlich verwickelten Labyrinth der menschlichen Dinge die Spuren einer mehr als menschlichen Weisheit zu erkennen meinten, waren der Ansicht, daß ohne die Einmischung einer allgütigen Vorsehung der von großen Staatsmännern und großen Philosophen so mühsam entworfene Plan vollständig und schmachvoll gescheitert sein würde. Oftmals seit der Revolution waren die Engländer mürrisch und streitsüchtig, unvernünftig eifersüchtig auf die Holländer und geneigt gewesen, jeder Handlung des Königs die schlimmste Deutung zu geben. Hätte der 4. Mai unsere Vorfahren in einer solchen Stimmung gefunden, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß der drückende Nothstand, indem er schon gereizte Gemüther noch mehr reizte, einen Ausbruch veranlaßt haben würde, der Wilhelm’s Thron unfehlbar erschüttert, vielleicht sogar umgestürzt hätte. Zum Glück war der König in dem Augenblicke wo die Loyalität der Nation auf die härteste Probe gestellt wurde, populärer als er es seit dem Tage, an welchem ihm im Bankethause die Krone überreicht worden, je gewesen war. Die gegen sein Leben angezettelte Verschwörung hatte allgemeinen Unwillen und Abscheu erweckt. Sein zurückhaltendes Wesen, seine Anhänglichkeit an Ausländer waren vergessen. Er war für sein Volk ein Gegenstand der persönlichen Theilnahme und der persönlichen Zuneigung geworden. Allenthalben strömte es massenhaft herbei, um das Actenstück zu unterzeichnen, das sie verpflichtete, ihn zu vertheidigen und zu rächen. Allenthalben trugen sie Zeichen ihrer Loyalität gegen ihn an den Hüten. Nur schwer war es abzuhalten, den Wenigen, die sein Recht auf den Thron noch offen zu bestreiten wagten, eine summarische Bestrafung zu Theil werden zu lassen. Jakobit war jetzt gleichbedeutend mit Kehlabschneider. Angesehene jakobitische Laien hatten so eben einen schändlichen Mordanschlag gemacht. Angesehene jakobitische Priester hatten ganz unverhohlen und bei der Ausübung eines feierlichen Kirchendienstes ihre Billigung dieses Mordanschlags ausgesprochen. Viele rechtschaffene und fromme Männer, die der Meinung waren, daß ihre Unterthanentreue noch immer Jakob gebühre, hatten entrüstet jede Verbindung mit Zeloten abgebrochen, welche zu glauben schienen, daß ein guter Zweck die schlechtesten Mittel heilige. So war die Gesinnung der Nation während des Sommers und Herbstes 1696, und daher kam es, daß ein drückender Nothstand, der in jedem der vorhergehenden sieben Jahre sicherlich einen Aufstand, vielleicht eine Contrerevolution hervorgerufen haben würde, nicht eine einzige Ruhestörung veranlaßte, welche zu ernst gewesen wäre, um durch den Stab des Constablers unterdrückt werden zu können.
Unterhandlungen mit Frankreich; der Herzog von Savoyen fällt von der Coalition ab.
Die Rückwirkung der commerciellen und finanziellen Krisis in England wurde gleichwohl bei allen Flotten und Armeen der Coalition empfunden. Die reiche Quelle der Subsidien war versiegt. Nirgends konnte eine wichtige militärische Operation unternommen werden. Zu gleicher Zeit waren Friedensvorschläge gemacht und Unterhandlungen eröffnet worden. Callieres, einer der geschicktesten von den vielen geschickten Gesandten im Dienste Frankreich’s, war nach den Niederlanden gesandt worden und hatte eine Menge Conferenzen mit Dykvelt gehabt. Diese Conferenzen wären vielleicht zu einem baldigen und befriedigenden Schlusse gelangt, hätte nicht Frankreich um diese Zeit auf einer andren Seite einen großen diplomatischen Sieg errungen. Seit sieben Jahren dachte und laborirte Ludwig vergebens daran, die große Potentatenphalanx zu zerreißen, welche die Furcht vor seiner Macht und seinem Ehrgeize zusammengebracht hatte und zusammenhielt. Aber seit sieben Jahren waren alle seine Kunstgriffe durch Wilhelm’s Geschicklichkeit vereitelt worden, und als der achte Feldzug begann, war die Conföderation noch nicht durch einen einzigen Abfall geschwächt. Bald jedoch begann man zu argwöhnen, daß der Herzog von Savoyen im Geheimen mit dem Feinde unterhandle. Er versicherte Galway, dem Vertreter England’s am Hofe von Turin, feierlich, daß nicht der mindeste Grund zu einem solchen Verdachte vorhanden sei und schrieb Wilhelm Briefe, in denen er seinen Eifer für die gemeinsame Sache betheuerte und dringend um mehr Geld bat. Diese Verstellung dauerte so lange, bis ein französisches Armeecorps unter den Befehlen Catinat’s in Piemont erschien. Jetzt warf der Herzog die Maske ab, schloß Frieden mit Frankreich, vereinigte seine Truppen mit denen Catinat’s, rückte in’s mailändische Gebiet ein und zeigte den Verbündeten, die er eben verlassen hatte, an, daß sie Italien für neutralen Boden erklären müßten, wenn sie ihn nicht zum Feinde haben wollten. Die Höfe von Wien und Madrid unterwarfen sich in großer Angst den von ihm vorgeschriebenen Bedingungen. Wilhelm beschwerte sich und protestirte vergebens; sein Einfluß war nicht mehr das was er gewesen war. Europa war allgemein der Ansicht, daß der Reichthum und Credit England’s völlig erschöpft seien, und seine Verbündeten wie seine Feinde glaubten es ungestraft mit Geringschätzung behandeln zu können. Der spanische Hof, getreu seinem feststehenden Grundsatze, daß Alles für ihn und Nichts durch ihn geschehen müsse, hatte die Frechheit, dem Prinzen, dem er es verdankte, daß er nicht die Niederlande und Catalonien verloren, Vorwürfe zu machen, weil er nicht Truppen und Schiffe zur Vertheidigung der spanischen Besitzungen in Italien gesandt habe. Die kaiserlichen Minister faßten und vollzogen Beschlüsse, welche die Interessen der Coalition sehr ernst berührten, ohne Den zu fragen, der der Schöpfer und die Seele der Coalition gewesen war.[33] Ludwig hatte sich nach dem Scheitern des Mordanschlags in die unangenehme Nothwendigkeit gefügt, Wilhelm anzuerkennen, und hatte Callieres ermächtigt, eine Erklärung in diesem Sinne abzugeben. Aber der Abfall Savoyen’s, die Neutralität Italien’s, die Uneinigkeit unter den Verbündeten und vor Allem die Verlegenheiten England’s, die in allen Briefen der Jakobiten in London an die Jakobiten in Saint-Germains noch übertrieben wurden, bewirkten eine Sinnesänderung. Callieres’ Ton wurde hochmüthig und anmaßend, er nahm sein Wort zurück und verweigerte jede Zusage, daß sein Gebieter den Prinzen von Oranien als König von Großbritannien anerkennen würde. Die Freude der Eidverweigerer war groß. Sie seien stets überzeugt gewesen, sagten sie, daß der große Monarch seines eignen Ruhmes und des gemeinsamen Interesses der Souveraine nicht so uneingedenk sein würde, daß er die Sache seiner unglücklichen Gäste aufgeben und einen Usurpator seinen Bruder nennen könnte. Sie wüßten aus sicherster Quelle, daß Se. Allerchristlichste Majestät vor kurzem in Fontainebleau dem Könige Jakob befriedigende Zusicherungen in dieser Hinsicht gegeben habe. Es ist in der That Grund zu dem Glauben vorhanden, daß der Plan einer Invasion unsrer Insel von neuem in Versailles ernsthaft erwogen wurde.[34] Catinat’s Armee war jetzt frei. Frankreich, das von Seiten Savoyen’s nichts mehr zu fürchten hatte, konnte zwanzigtausend Mann zu einer Landung in England entbehren, und wenn die Noth und Unzufriedenheit bei uns wirklich so groß war, als es allgemein hieß, so konnte die Nation wohl geneigt sein, fremde Befreier mit offenen Armen zu empfangen.
So trübe waren Wilhelm’s Aussichten, als er im Herbst 1696 sein Lager in den Niederlanden mit England vertauschte. Seine englischen Diener sahen inzwischen seiner Ankunft mit sehr lebhaften und sehr verschiedenen Gefühlen entgegen. Die ganze politische Welt war durch eine Ursache in heftige Aufregung versetzt worden, die auf den ersten Anblick einer solchen Wirkung nicht zu entsprechen schien.
Nachforschungen nach jakobitischen Verschwörern in England; Sir Johann Fenwick.
Während seiner Abwesenheit waren die Nachforschungen nach Jakobiten, welche bei den Comploten vom vergangenen Winter betheiligt gewesen waren, nicht eingestellt worden, und von diesen Jakobiten war keiner in größerer Gefahr als Sir Johann Fenwick. Seine Geburt, seine Connectionen, die hohe Stellung, die er eingenommen, die unermüdliche Thätigkeit, mit der er mehrere Jahre lang auf den Umsturz der Regierung hingearbeitet, und die persönliche Rohheit, mit der er die verstorbene Königin behandelt hatte, bezeichnete ihn als eine geeignete Persönlichkeit für ein zu statuirendes Exempel. Es gelang ihm jedoch, sich den Dienern der Gerechtigkeit zu entziehen, bis die erste Hitze der Verfolgung vorüber war. In seinem Versteck sann er auf eine List, durch die er dem Schicksale seiner Freunde Charnock und Parkyns entgehen zu können meinte. Es bedurfte zweier Zeugen, um ihn zu überführen. Aus dem Gange der Prozesse seiner beiden Complicen schien ihm klar hervorzugehen, daß es nur zwei Zeugen gebe, die seine Schuld beweisen könnten: Porter und Goodman. Sein Kopf war gerettet, wenn einer von diesen beiden Männern überredet werden konnte sich zu verbergen.
Fenwick war nicht der Einzige, der gewichtige Gründe hatte zu wünschen, daß Porter und Goodman bewogen werden möchten, England zu verlassen. Aylesbury war verhaftet und im Tower untergebracht worden, und er wußte sehr gut, daß, wenn diese beiden Männer gegen ihn auftraten, sein Kopf in ernster Gefahr sein würde. Seine und Fenwick’s Freunde brachten eine Summe zusammen, die sie für genügend hielten, und zwei Irländer oder, wie die damaligen Zeitungen sich ausdrückten, Sumpftraber (bogtrotter), ein Barbier, Namens Clancy, und ein verabschiedeter Hauptmann, Namens Donelagh, übernahmen das Werk der Bestechung.
Der erste Versuch wurde bei Porter gemacht. Clancy richtete es so ein, daß er in einem Wirthshause mit ihm zusammentraf, ließ bedeutungsvolle Winke fallen, und da er sah, daß diese Winke günstig aufgenommen wurden, eröffnete er eine ordentliche Unterhandlung. Die offerirten Bedingungen waren lockend: dreihundert Guineen sogleich, weitere dreihundert, sobald der Zeuge über dem Wasser war, eine anständige Leibrente, eine unbedingte Amnestie von König Jakob und einen sichern Aufenthalt in Frankreich. Porter schien geneigt einzuwilligen, und er war es vielleicht wirklich. Er sagte er sei noch immer Derselbe, der er gewesen, im Herzen ein treuer Anhänger der guten Sache; aber er sei über seine Kräfte geprüft worden. Das Leben sei schön. Leute, die nie in Gefahr gewesen seien, könnten leicht sagen, daß nur ein Schurke sich dadurch rette, daß er seine Genossen an den Galgen brächte; ein paar Stunden in Newgate mit der nahen Aussicht auf eine Schleifpartie nach Tyburn würden diese Großsprecher wohl lehren, milder zu urtheilen. Nach wiederholten Besprechungen mit Clancy wurde Porter der Gattin Lord Fenwick’s, Lady Marie, einer Schwester des Earls von Carlisle, vorgestellt, und bald war Alles geordnet. Donelagh traf die Vorkehrungen zur Flucht. Es wurde ein Boot in Bereitschaft gehalten und Fenwick schrieb die Briefe, welche dem Flüchtlinge den Schutz König Jakob’s sichern sollten. Zeit und Ort waren festgesetzt, wo er die erste Rate der versprochenen Belohnung in Empfang nehmen sollte. Aber sein Muth verließ ihn. Er war in der That so weit gegangen, daß es Wahnsinn von ihm gewesen wäre, wieder umzukehren. Er hatte Charnock, King, Keyes, Friend, Parkyns, Rookwood und Cranburne an den Galgen gebracht. Einem solchen Judas konnte unmöglich jemals wirklich vergeben werden. In Frankreich, unter den Freunden und Kameraden Derer, die er vernichtet hatte, würde er keinen Tag seines Lebens sicher gewesen sein. Kein Begnadigungsbrief mit dem großen Siegel würde den Streich des Bluträchers abgewendet haben. Ja, wer konnte wissen, ob die ihm verheißene Belohnung nicht ein Köder war, durch den man das Opfer an den Ort locken wollte, wo ein furchtbares Geschick seiner wartete? Porter beschloß, derjenigen Regierung treu zu sein, unter der er allein sicher sein konnte; er zeigte die ganze Intrigue in Whitehall an und empfing ausführliche Instructionen von den Ministern. Am Vorabend des zu seiner Abreise festgesetzten Tages hatte er in einem Wirthshause noch eine Abschiedszusammenkunft mit Clancy. Dreihundert Guineen waren auf dem Tische aufgezählt. Porter nahm sie an sich und gab ein Zeichen. Im nächsten Augenblicke traten mehrere Boten vom Staatssekretariat ins Zimmer und zeigten einen Verhaftsbefehl vor. Der unglückliche Barbier wurde ins Gefängniß abgeführt, wegen seines Vergehens in Untersuchung gezogen, für schuldig erkannt und mit Ausstellung am Pranger bestraft.[35]
Ergreifung Fenwick’s.
Dieser Unfall machte Fenwick’s Lage gefährlicher als je. Bei der nächsten Session für die City von London wurde der großen Jury eine Anklagebill auf Hochverrath gegen ihn vorgelegt. Porter und Goodman traten als Kronzeugen auf und die Anklage wurde für begründet erklärt. Jetzt dachte Fenwick, es sei hohe Zeit, daß er sich nach dem Continent aus dem Staube mache. Er traf Anstalten zu seiner Ueberfahrt, verließ seinen Versteck und begab sich nach Romney Marsh. Hier hoffte er bis zur Ankunft des Schiffes, das ihn über den Kanal bringen sollte, ein schützendes Obdach zu finden. Denn obgleich Hunt’s Etablissement aufgehoben worden war, gab es doch in dieser einsamen Gegend noch immer Schmuggler, die mehr als ein unerlaubtes Gewerbe trieben. Der Zufall wollte, daß gerade zwei von diesen Leuten wegen Beherbergung von Hochverräthern verhaftet worden waren. Als der Staatsbote, der sie festgenommen, mit ihnen nach London zurückkehrte, begegnete er auf der Heerstraße Fenwick. Zu seinem Unglück war kein Gesicht in ganz England so bekannt wie das seinige. „Das ist Sir John,” sagte der Beamte zu seinen beiden Gefangenen; „steht mir bei, Kinder, und ich garantire Euch Eure Begnadigung und einen Beutel voll Guineen dazu.” Das Anerbieten war zu lockend, um es von der Hand zu weisen; aber Fenwick war besser beritten als seine Gegner, er sprengte mit dem Pistol in der Hand zwischen ihnen durch und war ihnen bald aus dem Gesicht. Sie setzten ihm nach, es wurde Lärm gemacht, die Glocken aller Kirchen des Moores gingen, die ganze Gegend war in Aufruhr; jeder Pfad wurde besetzt, jedes Dickicht und jede Hütte durchsucht und der Flüchtling endlich im Bett gefunden. Gerade in diesem Augenblicke kam eine Barke von sehr verdächtigem Aussehen in Sicht; sie näherte sich dem Ufer und zeigte die englische Flagge; aber dem erfahrenen Auge der Kentischen Fischer kam sie ganz wie ein französischer Kaper vor. Es war nicht schwer, den Zweck ihres Erscheinens zu errathen. Nachdem sie eine Weile vergebens ihren Passagier erwartet hatte, ging sie wieder in See.[36]
Zu seinem Unglück gelang es Fenwick, die Wachsamkeit seiner Hüter in so weit zu täuschen, daß er mit Bleistift einen kurzen Brief an seine Frau schreiben konnte. Jede Zeile enthielt Beweise für seine Schuld. Es sei Alles vorbei, schrieb er, er sei ein todter Mann, wenn seine Freunde ihm nicht durch Fürsprache Begnadigung auswirken könnten. Vielleicht gelinge es den vereinten Bitten aller Howards. Er wolle außer Landes gehen, wolle feierlich versprechen, nie wieder den Fuß auf englischen Boden zu setzen und nie wieder den Degen gegen die Regierung zu ziehen. Oder vielleicht würde es auch möglich sein, einen oder zwei Geschworne zu erkaufen, damit sie die übrigen durch Hunger zur Nachgiebigkeit zwängen. „Dies allein kann mich retten,” schrieb er. Das Billet wurde auf dem Wege zur Post aufgefangen und nach Whitehall geschickt. Fenwick kam bald darauf in London an und wurde vor die Lords Justices gebracht. Zuerst schlug er einen hohen Ton an und bot seinen Anklägern Trotz. Man hielt ihm entgegen, daß er nicht immer so zuversichtlich gewesen sei, und legte ihm den Brief an seine Frau vor. Er hatte noch keine Ahnung davon gehabt, daß derselbe in andere Hände gekommen sei als für die er bestimmt war. Seine Angst und Bestürzung waren groß; er sah ein, daß, wenn er sogleich vor ein Geschworengericht gestellt wurde, seine Verurtheilung unvermeidlich war. Eine Hoffnung blieb ihm. Wenn er den Beginn seines Prozesses einige Zeit hinziehen konnte, so verließen die Richter die Stadt, um ihre Rundreise anzutreten; dadurch wurden einige Wochen gewonnen und im Laufe dieser paar Wochen konnte etwas gethan werden.
Fenwick’s Bekenntniß.
Er wendete sich speciell an den Obersthofmeister Devonshire, mit dem er früher auf ziemlich freundschaftlichem Fuße gestanden hatte. Der Unglückliche erklärte, er überlasse sich ganz und gar der königlichen Gnade, und erbot sich Alles zu enthüllen was er von den Anschlägen der Jakobiten wisse. Daß er viel davon wisse, konnte Niemand bezweifeln. Devonshire rieth seinen Kollegen mit der Untersuchung so lange anzustehen, bis man die Willensmeinung des Königs eingeholt habe. Dieser Rath wurde befolgt. Der König wurde vom Geschehenen benachrichtigt und in seiner bald eintreffenden Rückantwort befahl er Devonshire, das schriftliche Bekenntniß des Gefangenen entgegenzunehmen und es schleunigst nach den Niederlanden zu senden.[37]
Fenwick hatte nun zu überlegen, was er bekennen sollte. Hätte er seinem Versprechen gemäß Alles enthüllt was er wußte, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß seine Aussagen viele jakobitische Cavaliere, Gentlemen und Geistliche ernstlich compromittirt haben würden. Aber obgleich er gar nicht gern sterben wollte, so war doch die Anhänglichkeit an seine Partei bei ihm stärker als die Todesfurcht. Es kam ihm der Gedanke, eine Geschichte zusammenzusetzen, die möglicherweise für genügend erachtet werden könnte, um ihm Begnadigung zu gewähren, die zum mindesten seinen Prozeß um einige Monate verzögerte, dabei doch keinen einzigen aufrichtigen Anhänger der verbannten Dynastie Schaden brachte, den Feinden dieser Dynastie aber Angst und Verlegenheit bereitete und den Hof, den Staatsrath und das Parlament Wilhelm’s mit Furcht und Haß erfüllte. Er wollte nichts sagen, was die ächten Jakobiten compromittiren konnte, welche zu wiederholten Malen mit geladenen Pistolen und gesattelten Pferden die Landung des rechtmäßigen Königs in Begleitung einer französischen Armee erwartet hatten. Aber wenn es falsche Jakobiten gab, welche ihren verbannten Souverain Jahr aus Jahr ein mit Anhänglichkeitsversicherungen und Dienstversprechungen zum Besten gehabt und doch bei jeder wichtigen Krisis eine Entschuldigung dafür gefunden hatten, daß sie ihn hintergingen, und die in diesem Augenblicke zu den Hauptstützen des Thrones des Usurpators gehörten, warum sollte er sie schonen? Daß es solche falsche Jakobiten gab, die hohe Staatsämter und Militärcommandos bekleideten, hatte Fenwick guten Grund zu glauben. Er konnte zwar nichts gegen sie aussagen, worauf ein ordentlicher Gerichtshof gehört haben würde, denn keiner von ihnen hatte ihm je einen Auftrag oder einen Brief für Frankreich anvertraut und Alles was er von ihren Verräthereien wußte, hatte er aus zweiter und dritter Hand. Aber an ihrer Schuld zweifelte er nicht. Einer von ihnen war Marlborough. Er hatte, nachdem er Jakob an Wilhelm verrathen, dies wieder gut zu machen versprochen, indem er Wilhelm an Jakob verriethe, und hatte endlich nach vielem Intriguiren Jakob abermals verrathen und sich mit Wilhelm ausgesöhnt. Godolphin hatte ähnliche Täuschungen verübt. Er hatte lange Zeit schöne Worte nach Saint-Germains geschrieben, hatte dafür ein Begnadigungsversprechen erlangt und mit diesem Versprechen in seinem geheimen Schubkasten hatte er die Verwaltung der Finanzen der bestehenden Regierung beibehalten. Einen solchen Mann ins Verderben zu stürzen, wäre eine gerechte Strafe für seine Schlechtigkeit und ein großer Dienst für König Jakob gewesen. Noch wünschenswerther war es, den Ruf und Einfluß Russell’s und Shrewsbury’s zu zerstören. Beide waren ausgezeichnete Mitglieder der Partei, welche unter verschiedenen Namen durch drei Generationen eine unversöhnliche Feindschaft gegen die Könige des Hauses Stuart bewiesen hatte. Beide hatten eine große Rolle in der Revolution gespielt. Beide hatten das Schreiben unterzeichnet, welches den Prinzen von Oranien aufgefordert hatte, nach England zu kommen. Einer von ihnen war jetzt sein Minister für die Marineangelegenheiten, der andre sein erster Staatssekretär; aber keiner von beiden war ihm beständig treu geblieben. Beide hatten bald nach seiner Thronbesteigung mit heftigem Unwillen seine weise und hochherzige Unparteilichkeit gesehen, die ihren durch Parteigeist verblendeten Augen als ungerechte und undankbare Parteilichkeit gegen die Tories erschien und beide hatten in ihrem Grolle Agenten von Saint-Germains ein geneigtes Ohr geliehen. Russell hatte bei Allem was ihm heilig war geschworen, daß er selbst seinen verbannten Souverain zurückbringen werde. Aber das Gelübde war kaum ausgesprochen gewesen, als es auch schon gebrochen wurde, und er, indem die königliche Familie einen zweiten Monk zu finden gehofft, hatte die Hoffnungen dieser Familie bei La Hogue zertrümmert. Shrewsbury war nicht so weit gegangen. Doch auch er hatte, während er Wilhelm grollte, mit den Agenten Jakob’s verkehrt. Mit der Macht und dem Rufe dieser beiden hochstehenden Männer waren die Macht und der Ruf der ganzen Whigpartei innig verkettet. Diese Partei war jetzt, nach einigen Zwistigkeiten, die eigentlich keine größere Bedeutung gehabt hatten als Liebeszwiste, mit Wilhelm herzlich ausgesöhnt und durch die stärksten Bande an ihn gefesselt. Wenn diese Bande zerrissen, wenn er bewogen werden konnte, den einzigen Verein von Männern, der seinen Interessen aus Prinzip und mit Begeisterung zugethan war, mit Mißtrauen und Widerwillen zu betrachten, so hatten seine Feinde in der That Ursache sich zu freuen.
In dieser Absicht übergab Fenwick Devonshire ein Schriftstück, das mit solcher Schlauheit abgefaßt war, daß es wahrscheinlich ernstes Unheil über den Fürsten an den es gerichtet war, gebracht haben würde, wäre dieser Fürst nicht ein Mann von wunderbarem Scharfblick und wunderbarer Seelengröße gewesen. Die Schrift sagte soviel wie gar nichts über diejenigen jakobitischen Complots, bei denen der Verfasser selbst betheiligt gewesen war und deren Einzelheiten er alle genau kannte. Sie enthielt nichts, was irgend einer der bestehenden Ordnung der Dinge wirklich feindlich gesinnten Person den geringsten Nachtheil hätte bringen können. Die ganze Erzählung bestand aus größtentheils nur zu wahren, sich aber auf keine bessere Autorität als Hörensagen gründenden Geschichten von den Intriguen einiger hochgestellter Militärs und Staatsmänner, die, mochte ihr früheres Verhalten gewesen sein, welches es wollte, jetzt wenigstens Wilhelm aufrichtig unterstützten. Godolphin, behauptete Fenwick, habe einen Sitz im Schatzamte angenommen, mit Bewilligung und zum Nutzen König Jakob’s. Marlborough habe versprochen, mit der Armee, Russell, mit der Flotte überzugehen. Shrewsbury habe, während er nicht im Amte gewesen, mit Middleton gegen Regierung und König conspirirt. Die Whigs seien in der That jetzt die Günstlinge in Saint-Germains. Viele alte Freunde des erblichen Rechts seien durch die Bevorzugung, welche Jakob den Neubekehrten angedeihen lasse, eifersüchtig geworden. Ja, man habe ihn sogar die zuversichtliche Hoffnung äußern hören, daß die Monarchie durch die nämlichen Hände wieder aufgerichtet werden würde, die sie gestürzt hätten.
Dies war Fenwick’s Bekenntniß. Devonshire nahm es in Empfang und schickte es durch einen Expressen nach den Niederlanden, ohne seine Collegen im Staatsrathe von dem Inhalte zu unterrichten. Die angeschuldigten Minister beschwerten sich späterhin bitter über diese Handlungsweise. Devonshire führte zu seiner Vertheidigung an, er sei vom Könige speciell beauftragt worden, die Aussagen des Gefangenen entgegenzunehmen, und habe als treuer Diener der Krone die Verpflichtung gehabt, diese Aussagen Seiner Majestät, und nur Seiner Majestät mitzutheilen.
Der von Devonshire abgesandte Bote fand Wilhelm in Loo. Der König las das Bekenntniß und durchschaute sogleich in welcher Absicht es aufgesetzt worden war. Es enthielt wenig mehr als was er längst wußte, aber kluger- und hochherzigerweise nicht zu wissen sich gestellt hatte. Wenn er Männer, die falsch gegen ihn gehandelt hatten, schonte, anstellte und beförderte, so täuschte er sich deshalb noch keineswegs über sie. Er besaß eine scharfe und richtige Beobachtungsgabe, war gut unterrichtet und hatte seit einigen Jahren von vielem was Fenwick nur nach vagen Gerüchten kannte, Beweise in Händen. Es ist Manchen auffällig erschienen, daß ein Fürst von starrem Sinne und unfreundlichem Wesen, Diener, die ihn so schwer gekränkt, mit einer Milde behandelte, die man kaum von dem sanftesten Menschen hätte erwarten können. Aber Wilhelm war vor Allem Staatsmann. Ueble Laune, die natürliche und verzeihliche Folge großer körperlicher und geistiger Leiden, konnte ihn zuweilen zu einer barschen Antwort hinreißen. Nie aber ließ er sich bei irgend einem wichtigen Anlasse auf Kosten der großen Interessen, deren Hüter er war, von seinen Leidenschaften beherrschen. So stolz und gebieterisch er von Natur war, um dieser Interessen willen unterwarf er sich geduldig harten Beschränkungen, ertrug heftige Kränkungen und Enttäuschungen mit einem Anschein von Heiterkeit und verzieh nicht nur Beleidigungen, die ihn gewiß empörten, sondern stellte sich sogar, als ob er sie gar nicht bemerkt hätte. Er wußte daß er nun einmal mit solchen Werkzeugen arbeiten mußte, wie er sie hatte. Wenn er England regieren sollte, mußte er sich auch der Staatsmänner England’s bedienen, und zu seiner Zeit waren die Staatsmänner England’s bei großer Geschicklichkeit in vielen Dingen insgesammt niedrigdenkend und unmoralisch. Allerdings gab es Ausnahmen. Solche waren Nottingham unter den Tories und Somers unter den Whigs. Aber die Mehrheit der toryistischen wie der whiggistischen Minister Wilhelm’s waren Männer, deren Character in den Tagen der antipuritanischen Reaction ihre Richtung bekommen hatte. Sie waren in zwei schlimmen Schulen gebildet, an dem gewissenlosesten aller Höfe und in der gewissenlosesten aller Oppositionen, an einem Hofe, der seinen Character von Karl entlehnte, und einer Opposition, an deren Spitze Shaftesbury stand. Von so geschulten Männern uneigennützige und beharrliche Treue für irgend eine Sache zu erwarten, würde unvernünftig gewesen sein. Aber wenn sie auch kein Vertrauen verdienten, so waren sie doch zu brauchen und konnten nützlich werden. Auf ihre Grundsätze konnte man sich nicht verlassen, um so mehr aber konnte man auf ihre Hoffnungen und auf ihre Befürchtungen bauen, und von den beiden Königen, welche Anspruch auf den englischen Thron machten, war der im Besitz des Thrones befindliche derjenige, von dem am meisten zu hoffen und am meisten zu fürchten war. Wenn daher Wilhelm auch wenig Ursache hatte diese Staatsmänner für seine aufrichtigen Freunde zu halten, so hatte er doch noch weniger Ursache, sie zu seinen heftigen Feinden zu zählen. So tadelnswerth ihr Benehmen gegen ihn war, konnte es doch im Vergleich zu ihrem Benehmen gegen Jakob noch rechtschaffen genannt werden. Dem regierenden Souverain hatten sie werthvolle Dienste geleistet, dem verbannten Souverain wenig mehr als Versprechungen und Versicherungen gegeben. Shrewsbury mochte in einer Anwandlung von Groll oder Schwäche mit jakobitischen Agenten verkehrt haben; aber sein allgemeines Verhalten hatte bewiesen, daß er so weit davon entfernt war als je, ein Jakobit zu sein. Godolphin war gegen die verbannte Dynastie verschwenderisch mit schönen Worten gewesen, aber er hatte die Einkünfte der am Ruder befindlichen Dynastie sparsam und geschickt verwaltet. Russell hatte geschworen, daß er mit der englischen Flotte desertiren werde, aber er hatte die französische Flotte verbrannt. Selbst Marlborough’s bekannte Verräthereien — denn von seinem Antheil an dem Unglücke von Brest und an dem Tode Talmash’s hatte man keine Ahnung — hatte nicht soviel Schaden gethan, als seine Thaten bei Walcourt, bei Cork und bei Kinsale Nutzen gebracht. Wilhelm hatte sich daher wohlweislich vorgenommen, seine Augen einer Perfidie zu verschließen, die, so schändlich sie immer sein mochte, ihm keinen Nachtheil gebracht hatte, und sich noch immer mit gehöriger Vorsicht der ausgezeichneten Talente zu bedienen, die einige seiner ungetreuen Räthe besaßen. Da er sich einmal zu diesem Verfahren entschlossen und es seit langer Zeit mit glücklichem Erfolge beobachtet hatte, so mußte ihn Fenwick’s Bekenntniß nothwendig verdrießen und reizen. Es war klar, daß Sir John sich für einen Macchiavel hielt. Wenn sein Streich gelang, so wurde die Prinzessin, mit der man es um keinen Preis verderben durfte, durch Marlborough’s Entlassung der Regierung entfremdet, die gesammte Whigpartei, die festeste Stütze des Thrones, wurde durch die Entlassung Russell’s und Shrewsbury’s entfremdet, und doch konnte keinem von denjenigen Verschwörern, von denen Fenwick wußte, daß sie in Insurrections-, Invasions- und Ermordungspläne tief verwickelt gewesen waren, etwas geschehen. Der schlaue Plänemacher sollte jedoch erfahren, daß er es mit keinem Anfänger zu thun hatte. Anstatt daß Wilhelm seine angeschuldigten Diener von ihren Posten entfernte, übersandte er das Bekenntniß Shrewsbury mit der Weisung es den Lords Justices vorzulegen. „Ich bin erstaunt,” schrieb der König, „über die Frechheit dieses Menschen. Sie kennen mich zu gut, als daß Sie glauben sollten, daß derartige Geschichten den geringsten Eindruck auf mich machen können. Bemerken Sie nur die Aufrichtigkeit des wackeren Mannes. Er hat gegen Niemanden als gegen meine Freunde etwas zu sagen. Kein Wort von den Plänen seiner jakobitischen Genossen.” Der König schloß damit, daß er den Lords Justices befahl, Fenwick so schleunig als möglich vor ein Geschwornengericht zu stellen.[38]
Der Eindruck, den Wilhelm’s Brief machte, war eigenthümlich. Jede der angeschuldigten Personen benahm sich in ganz characteristischer Weise. Marlborough, der Schuldigste von Allen, bewahrte eine heitere, majestätische und etwas verächtliche Ruhe. Russell, der fast eben so strafbar war als Marlborough, gerieth in heftigen Zorn und schnaubte Rache gegen den schurkischen Angeber. Godolphin war besorgt, aber behutsam, zurückhaltend, sich vollkommen beherrschend, und machte sich bereit, die Defensive zu beobachten. Shrewsbury aber, der von allen Vieren den wenigsten Tadel verdiente, war ganz zu Boden geschmettert. Er schrieb in der größten Angst an Wilhelm, erkannte mit warmen Dankesversicherungen die seltene Großmuth des Königs an und betheuerte, daß Fenwick geringfügige Kleinigkeiten boshafterweise zu schweren Verbrechen übertrieben und entstellt habe. „Mylord Middleton” — das war der wesentliche Inhalt seines Briefes — „stand allerdings um die Zeit der Schlacht von La Hogue mit mir in Verbindung. Wir sind Verwandte, wir sahen uns häufig und gerade vor seiner Abreise nach Frankreich speisten wir noch zusammen, bei welcher Gelegenheit ich ihm versprach, seine hiesigen Interessen wahrzunehmen, während er sich dagegen erbot, mir dort gefällig zu sein; aber ich sagte ihm, daß ich zu tief verletzt habe, um Verzeihung erwarten zu können und daß ich mich auch nicht herablassen werde, um Verzeihung zu bitten.” Dies, versicherte Shrewsbury, sei sein ganzes Verbrechen.[39] Es ist nur zu vollständig erwiesen, daß dieses Geständniß kein offenes war, auch ließ sich Wilhelm dadurch wahrscheinlich nicht täuschen. Aber er hatte sich vorgenommen, dem reuigen Verräther die Demüthigung zu ersparen, einen Fehler einzugestehen und deshalb um Verzeihung zu bitten. „Ich kann,” schrieb der König, „in dem was Sie zugegeben haben, durchaus kein Verbrechen erblicken. Sein Sie versichert, daß diese Verleumdungen keinen ungünstigen Eindruck auf mich gemacht haben. Sie sollen sogar erfahren, daß sie mein Vertrauen zu Ihnen noch vermehrt haben.”[40]
Ein von Grund aus verdorbener Mensch würde durch eine so vollständige, ihm in so gnädigen Ausdrücken zugesicherte Freisprechung völlig beruhigt worden sein. Aber Shrewsbury war ganz vernichtet durch eine Milde, die er, wie er wohl wußte, nicht verdient hatte. Er erschrak vor dem Gedanken, dem Gebieter unter die Augen zu treten, gegen den er sich vergangen und der ihm verziehen hatte, und sich den scharfen Blicken der Peers auszusetzen, unter denen seine Geburt und seine Talente ihm eine Stellung erworben hatten, der er sich unwürdig fühlte. Der Feldzug in den Niederlanden war beendigt, die Parlamentssession stand bevor und man erwartete daher den König mit dem ersten günstigen Winde. Shrewsbury verließ die Stadt und zog sich in die Wolds von Gloucestershire zurück. In diesem Districte, damals einem der wildesten im Süden der Insel, besaß er einen von freundlichen Gartenanlagen und Fischteichen umgebenen kleinen Landsitz. Wilhelm hatte auf seiner Reise im vorhergehenden Jahre diesen Wohnsitz besucht, der weit von jeder Landstraße und von jeder Marktstadt entfernt lag, und war erstaunt gewesen über die Stille und Einsamkeit des Ortes, wo er den liebenswürdigsten und glänzendsten aller englischen Höflinge fand.
Wilhelm’s Rückkehr nach England.
Am 6. October um ein Uhr Morgens landete der König in Margate, und spät am Abend traf er in Kensington ein. Am folgenden Morgen drängte sich ein glänzender Schwarm von Ministern und Edelleuten zum Handkusse; aber er vermißte ein Gesicht, das darunter hätte sein sollen, und er fragte wo der Herzog von Shrewsbury sei und wann er zurückerwartet werde. Am andren Morgen kam ein Brief von dem Herzoge, worin er versicherte, daß er eben auf der Jagd einen schlimmen Fall gethan habe. Er habe sich die Seite gequetscht, seine Lunge habe gelitten, er habe Blut gespuckt und dürfe es nicht wagen, eine Reise zu unternehmen.[41] Daß er gefallen war und sich verletzt hatte, war richtig; aber selbst Diejenigen, die ihm am meisten zugethan waren, vermutheten, und nicht ohne triftigen Grund, daß er den zu so gelegener Zeit eingetretenen Unfall schlimmer darstellte, als er wirklich war, und daß er die Reise ohne Schwierigkeit hätte machen können, wenn er sich nicht gescheut hätte, vor der Oeffentlichkeit zu erscheinen. Seine Freunde, mit denen er correspondirte, sagten ihm, daß er, wenn sein Zustand wirklich so schlimm sei, als er glaube, er wohl thun werde, die Aerzte und Chirurgen der Hauptstadt zu consultiren. Namentlich Somers bat ihn auf das Dringendste, nach London zu kommen. Jede Stunde Zeitverlust sei von Nachtheil. Se. Gnaden müsse seine Empfindlichkeit überwinden. Er brauche der Verleumdung nur muthig entgegenzutreten, und sie werde in nichts zerfallen.[42] Der König drückte in einigen freundlichen Zeilen sein Bedauern über den Unfall aus. „Sie fehlen uns hier sehr,” schrieb er: „ich kann es kaum erwarten, Sie zu umarmen und Ihnen zu versichern, daß meine Achtung gegen Sie sich nicht vermindert hat.”[43] Shrewsbury antwortete, daß er entschlossen sei, die Siegel abzugeben.[44] Somers beschwor ihn, keinen so folgenschweren Fehler zu begehen. Wenn Se. Gnaden diesen Augenblick aus dem Amte träte, was könnte die Welt dann Andres denken, als daß sein eignes Gewissen ihn verurtheilt habe? Er würde sich factisch für schuldig bekennen und würde einen Flecken auf seine Ehre wie auf die Ehre aller Derjenigen werfen, denen man Gleiches zur Last lege. Es würde dann nicht mehr möglich sein, Fenwick’s Geschichte als einen Roman zu behandeln. „Verzeihen Sie es mir,” schrieb Somers, „daß ich so freimüthig spreche; aber ich gestehe, daß ich in diesem Punkte mich schwer mäßigen kann.”[45] Wenige Stunden später schrieb Wilhelm noch einmal in dem nämlichen Sinne. „Ich achte Sie so hoch, daß ich, wenn ich könnte, Ihnen positiv verbieten würde, etwas zu thun, was einen so schweren Verdacht auf Sie bringen muß. Ich würde zu jeder Zeit Ihren Rücktritt als ein Unglück für mich betrachten; aber ich versichere Ihnen, daß ich diesen Augenblick Ihr Bleiben in meinem Dienste mehr um Ihret- als um meinetwillen wünsche.”[46] Sunderland, Portland, Russell und Wharton vereinigten ihre Bitten mit denen ihres Gebieters, und Shrewsbury willigte endlich ein, dem Namen nach Staatssekretär zu bleiben. Aber nichts konnte ihn bewegen, dem Parlamente, das im Begriff war, sich zu versammeln, unter die Augen zu treten. Man schickte ihm von London eine Sänfte, aber vergebens. Er reiste zwar ab, erklärte aber, daß es ihm nicht möglich sei, die Reise fortzusetzen, und er flüchtete sich wieder auf seinen einsamen Wohnsitz im Gebirge.[47]
Zusammentritt des Parlaments; Lage des Landes.
Während diese Dinge geschahen, begaben sich die Mitglieder der beiden Häuser aus allen Theilen des Landes nach Westminster. Nicht allein England, sondern ganz Europa sah der Eröffnung der Session mit der größten Spannung entgegen. Der öffentliche Credit hatte durch das Nichtzustandekommen der Landbank einen gewaltigen Stoß bekommen. Die Wiederherstellung der Valuta war noch nicht zur Hälfte vollendet. Der Mangel an Geld war noch immer äußerst empfindlich. Ein großer Theil des gemünzten Geldes wurde in geheime Schränke vergraben so wie es aus der Münze kam. Diejenigen Politiker, welche für die Erhöhung des Nominalwerthes der Münzen waren, hatten nur zu bereitwilliges Gehör bei einer unter schwerer Bedrängniß seufzenden Bevölkerung gefunden, und einmal schien die allgemeine Stimme der Nation auf ihrer Seite zu sein.[48] Natürlich häufte Jeder, der eine Herabsetzung des Münzfußes für wahrscheinlich hielt, soviel Geld auf als er irgend konnte, und so vermehrte das Geschrei nach kleinen Schillingen noch die Bedrängniß, aus der es entsprungen war.[49] Sowohl die Bundesgenossen als die Feinde England’s glaubten, daß seine Hülfsquellen erschöpft, daß sein Muth gebrochen sei, daß die Gemeinen, selbst in ruhigen und blühenden Zeiten so oft klagsüchtig und knauserig, sich jetzt entschieden weigern würden, eine neue Last zu tragen, und mit unwiderstehlichem Nachdruck darauf dringen würden, Frieden zu haben um jeden Preis.
Rede König Wilhelm’s bei Eröffnung der Session.
Doch alle diese Prophezeiungen wurden durch die Festigkeit und Geschicklichkeit der Whigführer und durch die Beharrlichkeit der Whigmajorität zu Schanden gemacht. Am 20. October traten die Häuser zusammen, Wilhelm hielt eine Rede an sie, die sich unter den vielen ausgezeichneten Reden, in denen seine eigenen Gedanken und Absichten in der würdevollen und verständigen Sprache Somers’ ausgedrückt sind, besonders auszeichnete. Man habe, sagte der König, alle Ursache, sich Glück zu wünschen. Allerdings seien die in der vorhergehenden Session zur Bestreitung der Kriegskosten votirten Gelder nicht aufgebracht worden und die Umprägung habe große Noth erzeugt. Dennoch aber habe der Feind auswärts keinen Vortheil erlangt, der Staat sei durch keine innere Erschütterung zerrissen worden, die Loyalität, welche die Armee und die Nation unter schweren Prüfungen bewiesen, habe alle Hoffnungen Derer vereitelt, welche England übelwollten. Es seien Friedensanträge gemacht worden, deren Erfolg noch ungewiß sei; soviel aber sei gewiß, daß es keinen sicheren und ehrenvollen Frieden für eine Nation geben könne, die nicht vorbereitet sei, den Krieg energisch fortzusetzen. „Ich bin überzeugt wir stimmen Alle in der Ansicht überein, daß wir nur mit dem Schwerte in der Hand mit Frankreich unterhandeln können.”
Beschlüsse des Hauses der Gemeinen.
Die Gemeinen kehrten in ihren Saal zurück und Foley verlas die Rede von seinem Stuhle herab. Darauf folgte eine Debatte, welche durch die ganze Christenheit wiederhallte. Das war der stolzeste Tag in Montague’s Leben und einer der stolzesten Tage in der Geschichte des englischen Parlaments. Im Jahre 1798 stellte Burke die Verhandlungen jenes Tages, den Staatsmännern, denen im Kampfe mit der riesigen Macht der französischen Republik der Muth gesunken war, als Beispiel auf. Im Jahre 1822 stellte Huskisson die Verhandlungen jenes Tages einer Legislatur, die sich unter dem Drucke einer harten Bedrängniß versucht fühlte, den Werthregulator zu ändern und gegen die Staatsgläubiger wortbrüchig zu werden, als Beispiel auf. Ehe das Haus auseinanderging, schlug der junge Kanzler der Schatzkammer, dessen überwiegender Einfluß seit dem lächerlichen Scheitern des toryistischen Finanzplanes unbestritten war, drei denkwürdige Beschlüsse vor und setzte sie durch. Der erste, der mit einem einzigen halblauten Nein angenommen wurde, erklärte, daß die Gemeinen den König gegen alle fremden und einheimischen Feinde unterstützen und ihn in den Stand setzen würden, den Krieg energisch fortzuführen. Der zweite, der zwar nicht ohne Opposition, doch ohne Abstimmung durchging, erklärte, daß der Münzfuß weder in Feingehalt, noch in Gewicht, noch in Benennung geändert werden sollte. Der dritte, gegen den nicht ein einziger Opponent der Regierung seine Stimme zu erheben wagte, machte es dem Hause zur Pflicht, alle Ausfälle in sämmtlichen seit der Thronbesteigung des Königs errichteten parlamentarischen Fonds zu decken. Die Aufgabe, eine Antwort auf die Thronrede zu entwerfen, wurde einem ausschließlich aus Whigs bestehenden Comité übertragen. Montague war Präsident, und die beredte und lebendige Adresse, die er aufsetzte, kann noch jetzt in den Protokollen mit Interesse und Stolz gelesen werden.[50]
Binnen vierzehn Tagen wurden dritthalb Millionen für den Militäraufwand des Jahres, und beinahe ebensoviel für den Marineaufwand bewilligt. Die Mittel zur Unterhaltung von vierzigtausend Seeleuten wurden ohne Streit bewilligt. Ueber die Stärke des Landheeres fand eine Abstimmung statt. Der König verlangte siebenundachtzigtausend Soldaten und die Tories hielten diese Zahl für zu hoch. Die Forderung des Königs wurde mit zweihundertdreiundzwanzig gegen siebenundsechzig Stimmen bewilligt.
Die Mißvergnügten schmeichelten sich einige Zeit mit der Hoffnung, daß die energischen Beschlüsse der Gemeinen nichts weiter als Beschlüsse bleiben, daß es sich als unmöglich herausstellen würde, den öffentlichen Credit wiederherzustellen, Vorschüsse von Kapitalisten zu erlangen, oder der nothleidenden Bevölkerung Steuern auszupressen, und daß daher die vierzigtausend Seeleute und die siebenundachtzigtausend Soldaten nur auf dem Papiere existiren würden. Howe, der am ersten Tage der Session schüchterner gewesen, als man es bei ihm gewohnt war, versuchte acht Tage später, dem Ministerium entgegenzutreten. „Der König,” sagte er, „muß schlecht unterrichtet sein, sonst würde Se. Majestät nimmermehr das Parlament über den ruhigen Zustand des Landes beglückwünscht haben. Ich komme aus Gloucestershire, und ich kenne diesen Theil des Königreichs genau. Die Leute leben dort alle von Almosen oder sind durch Almosengeben ruinirt. Der Soldat verschafft sich seine Bedürfnisse mit dem Säbel in der Hand. Es haben bereits ernste Tumulte stattgefunden und noch ernstere sind zu befürchten.” Die Mißbilligung des Hauses sprach sich nachdrücklich aus. Mehrere Mitglieder erklärten, daß in ihren Grafschaften Alles ruhig sei. Wenn Gloucestershire sich in einem unruhigeren Zustand befinde als das übrige England, könne dies nicht daher rühren, daß es mit einem böswilligeren und gewissenloseren Agitator beglückt sei als irgend ein andrer Theil England’s einen aufzuweisen habe? Einige Gentlemen aus Gloucestershire bestritten Howe auch die von ihm behaupteten Thatsachen. Es herrschte dort, sagten sie, keine solche Noth, keine solche Unzufriedenheit, keine solche Unruhe wie er sie geschildert habe. In dieser wie in jeder andren Grafschaft sei die große Masse der Bevölkerung fest entschlossen, den König so lange in der kräftigen Fortführung des Kriegs zu unterstützen, bis er einen ehrenvollen Frieden schließen könnte.[51]
Rückkehr des Wohlstandes.
Thatsächlich war die Fluth bereits im Zurückgehen begriffen. Von dem Augenblicke an wo die Gemeinen ihren festen Entschluß kundgaben, den Nominalwerth der Münzen nicht zu erhöhen, begann das geprägte Geld aus tausend Geldkassen und geheimen Fächern wieder zum Vorschein zu kommen. Es herrschte zwar noch Geldmangel, aber er wurde von Tag zu Tag weniger fühlbar. Die Nation war, obwohl noch immer leidend, von Freude und Dankbarkeit erfüllt. Ihre Stimmung glich der eines Menschen, welcher, nachdem er lange von einer Krankheit gepeinigt worden ist, die ihm das Leben verbitterte, sich endlich entschlossen hat, sich dem Messer des Wundarztes zu unterwerfen, eine schmerzhafte Operation glücklich bestanden hat und zwar noch die Schmerzen des Stahles fühlt, aber viele Jahre der Gesundheit und des heiteren Lebensgenusses vor sich sieht und Gott dankt, daß das Schlimmste überstanden ist.
Schon vier Tage nach dem Zusammentritt des Parlaments nahm der Handelsverkehr einen bemerkbaren Aufschwung. Der Discont auf Banknoten war um ein Dritttheil niedriger. Der Preis der Kerbhölzer, welche nach einem aus einem rohen Zeitalter auf uns gekommenen Gebrauch als Quittungen für an die Schatzkammer geleistete Zahlungen gegeben wurden, war gestiegen, der Wechselcours, der seit mehreren Monaten für England sehr ungünstig stand, begann in die Höhe zu gehen.[52]
Einfluß der Maßnahmen des Hauses der Gemeinen auf die auswärtigen Regierungen.
Bald machte sich die Wirkung der edlen Festigkeit des Hauses der Gemeinen an jedem europäischen Hofe fühlbar. Das Haus war sogar in einer so freudigen Stimmung, daß es dem Könige schwer wurde, die Whigs von der Beantragung und Durchsetzung einer Resolution abzuhalten, nach welcher ihm eine Adresse überreicht werden sollte, die ihn ersuchte, sich in keine Unterhandlung mit Frankreich einzulassen, bis es ihn als König von England anerkannt habe.[53] Eine solche Adresse war unnöthig. Die Beschlüsse des Parlaments hatten Ludwig bereits die Ueberzeugung aufgedrungen, daß keine Aussicht zu einer Contrerevolution war. Ebensowenig Aussicht war dazu vorhanden, daß es ihm gelingen werde, den Vergleich zu Stande zu bringen, auf den er im Laufe der Unterhandlungen hingedeutet hatte. Es war nicht zu hoffen, daß Wilhelm oder die englische Nation jemals darein willigen würde, die englische Thronfolge zu einem Handelsobjecte mit Frankreich zu machen. Und selbst wenn Wilhelm und die englische Nation geneigt gewesen wären, den Frieden mit einem solchen Opfer des Ansehens zu erkaufen, würde es auf einer andren Seite unüberwindliche Schwierigkeiten gegeben haben. Jakob konnte von dem Auskunftsmittel, welches Ludwig vorgeschlagen, gar nicht sprechen hören. „Ich kann es ertragen,” sagte der Verbannte zu seinem Wohlthäter, „ich kann es mit christlicher Geduld ertragen, von dem Prinzen von Oranien beraubt zu sein; nie aber werde ich darein willigen, von meinem eigenen Sohne beraubt zu werden.” Ludwig erwähnte den Gegenstand auch nie wieder, Callieres erhielt Befehl, das Zugeständniß zu machen, von welchem der Friede der civilisirten Welt abhing. Er und Dykvelt kamen zusammen in den Haag zu dem Baron Lilienroth, dem Repräsentanten des Königs von Schweden, dessen Vermittelung die kriegführenden Mächte angenommen hatten. Dykvelt theilte Lilienroth mit, daß der Allerchristlichste König sich verpflichtet habe, den Prinzen von Oranien als König von Großbritannien anzuerkennen, sobald der Friedenstractat unterzeichnet sein würde, und er setzte mit einer sehr deutlichen Anspielung auf den von Frankreich vorgeschlagenen Vergleich hinzu, daß die Anerkennung ohne Beschränkung, Bedingung, oder Vorbehalt stattfinden werde. Callieres erklärte sodann, daß er das was Dykvelt gesagt habe, im Namen seines Gebieters betätige.[54] Ein Brief von Prior, der die erfreuliche Nachricht enthielt, wurde Jakob Vernon, dem Unterstaatssekretär, im Hause der Gemeinen übergeben. Die Nachricht lief durch die Bänke — so drückt Vernon sich aus — wie Feuer über ein Stoppelfeld. Jedes Herz war von einer Last befreit und Alles war Freude und Triumph.[55] Die whiggistischen Mitglieder konnten sich allerdings mit gutem Grunde Glück wünschen, denn der Weisheit und Entschlossenheit, die sie in einem Augenblicke der größten Gefahr und Noth bewiesen hatten, verdankte ihr Vaterland die nahe Aussicht auf einen ehrenvollen Frieden.
Besserung der Finanzen.
Inzwischen war der öffentliche Credit, der im Herbste auf den Nullpunkt gesunken war, in raschem Steigen begriffen. Gewöhnliche Finanzmänner waren starr vor Entsetzen, als sie erfuhren, daß zur Deckung der Ausfälle früherer Jahre mehr als fünf Millionen erfordert würden. Montague aber war kein gewöhnlicher Finanzmann. Ein von ihm vorgeschlagener kühner und einfacher Plan, im Volksmunde die Generalverpfändung (General Mortgage) genannt, stellte das Vertrauen wieder her. Es wurden neue Steuern ausgeschrieben, alte erhöht oder verlängert und so ein consolidirter Fond gebildet, der hinreichte, um jeder gerechten Anforderung an den Staat zu begegnen. Zu gleicher Zeit wurde die Bank von England durch eine neue Subscription erweitert, und die Bestimmungen wegen Einzahlung der Subscriptionsbeträge wurden solchergestalt entworfen, daß sowohl der Werth der Noten der Corporation als auch der der Staatsschuldscheine stieg.
Inzwischen floß das neue Silbergeld rascher als je aus den Münzstätten. Die Noth, welche am 4. Mai 1696 begann, während der nächsten fünf Monate fast unerträglich war und von dem Tage, an welchem die Gemeinen erklärten, daß es ihr unabänderlicher Entschluß sei, den alten Münzfuß beizubehalten, leichter wurde, hörte im März 1697 auf, schmerzlich gefühlt zu werden. Einige Monate sollten jedoch noch vergehen, bevor sich der Credit von dem furchtbarsten Stoße, den er je erhalten hatte, vollkommen wieder erholte. Aber schon war der tiefe und feste Grund gelegt, auf dem sich das riesigste Gebäude von Handelsblüthe erheben sollte, das die Welt je gesehen. Die große Masse der Whigs schrieb die Wiedergenesung des Staats dem Genie und der Festigkeit ihres Führers Montague zu. Selbst seine Feinde mußten, wenn auch mit Unmuth und mit höhnischem Lächeln, gestehen, daß jeder seiner Pläne gelungen sei: die erste Banksubscription, die zweite Banksubscription, die Umprägung, die allgemeine Verpfändung und die Schatzkammerscheine. Einige Tories aber murmelten, daß er nicht mehr Lob verdiene als ein Verschwender, der sein ganzes Vermögen aufs Spiel setzt und der fortwährend Glück hat. England habe zwar glücklich eine furchtbare Krisis überstanden und sei um so kräftiger, weil es dieselbe bestanden; aber es sei in großer Gefahr gewesen unterzugehen, und der Minister, der es dieser Gefahr ausgesetzt habe, verdiene nicht gelobt, sondern gehängt zu werden. Andere gaben zu, daß die Pläne, welche allgemein Montague zugeschrieben wurden, vortrefflich seien, leugneten aber, daß diese Pläne Montague angehörten. Die Stimme der Verleumdung wurde jedoch auf einige Zeit durch den lauten Beifall des Parlaments und der City übertäubt. Die Autorität, welche der Kanzler der Schatzkammer im Hause der Gemeinen besaß, war ohne Beispiel und ohne Rivalität. Auch im Cabinet nahm sein Einfluß mit jedem Tage zu. Im Schatzamte war ihm Keiner mehr überlegen. In Folge des Fenwick’schen Bekenntnisses war der letzte Tory, der ein hohes und einflußreiches Amt im Staate bekleidete, entfernt worden, und es gab endlich ein reines Whigministerium.
Folgen des Fenwick’schen Bekenntnisses.
Man hatte es nicht verhindern können, daß Gerüchte über dieses Bekenntniß in Umlauf kamen. Der Gefangene hatte sogar Mittel gefunden sich mit seinen Freunden in Communication zu setzen und hatte ihnen wahrscheinlich zu wissen gethan, daß er nichts gegen sie, sehr viel aber gegen die Creaturen des Usurpators gesagt habe. Wilhelm wünschte die Sache den gewöhnlichen Gerichten zu überlassen und wollte durchaus nicht, daß sie anderwärts untersucht würde. Seine Räthe aber, welche die Denkweise zahlreicher und getheilter Versammlungen besser kannten als er, waren der Meinung, daß eine parlamentarische Discussion wenn auch vielleicht nicht wünschenswerth, doch unvermeidlich sei. Es stand in der Macht eines einzelnen Mitglieds jedes der beiden Häuser, eine solche Discussion zu erzwingen, und es gab in beiden Häusern Mitglieder, welche entweder aus Pflichtgefühl oder aus bloßem Hang zum Unheilstiften, entschlossen waren zu erfahren, ob der Angeklagte, wie erzählt wurde, gegen einige der vornehmsten Männer des Königreichs schwere Beschuldigungen erhoben habe. Wenn einmal eine Untersuchung stattfinden mußte, so war es gewiß wünschenswerth, daß die beschuldigten Staatsmänner zuerst darauf antrugen. Es war jedoch eine große Schwierigkeit dabei. Die Whigs, welche die Majorität des Unterhauses bildeten, waren bereit, wie ein Mann für die völlige Freisprechung Russell’s und Shrewsbury’s zu stimmen, und sie verlangten auch nicht danach, Marlborough, der nicht mehr im Staatsdienste war und daher wenig Neid erweckte, ein Brandmal aufzudrücken. Aber eine große Anzahl ehrenwerther Gentlemen, wie Wharton sie nannte, war durch nichts zu bewegen, einem Beschlusse beizutreten, der Godolphin freigesprochen hätte. Ihnen war Godolphin ein Dorn im Auge. Alle übrigen Tories, welche in den ersten Jahren der Regierung Wilhelm’s eine Hauptrolle bei der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gespielt hatten, waren nach einander entlassen worden. Nottingham, Trevor, Leeds waren nicht mehr am Ruder. Pembroke war kaum ein Tory zu nennen und war niemals wirklich am Ruder gewesen, Godolphin aber bekleidete seinen Posten in Whitehall noch, und den Männern der Revolution schien es unerträglich, daß ein Mann, der im Staatsrathe Karl’s und Jakob’s gesessen und für eine Regentschaft gestimmt hatte, erster Finanzminister war. Die so Denkenden hatten mit boshafter Schadenfreude erfahren, daß der erste Lord des Schatzes in dem Bekenntnisse genannt war, von dem Jedermann sprach, und sie hatten sich vorgenommen, eine so günstige Gelegenheit, ihn aus dem Amte zu vertreiben, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen. Auf der andren Seite mußte Jeder, der Fenwick’s Schrift gelesen und nicht im Rausche der Parteileidenschaft allen Sinn für Vernunft und Gerechtigkeit verloren hatte, nothwendig einsehen, daß es unmöglich war, zwischen zwei Theilen dieser Schrift einen Unterschied zu machen und alles auf Russell und Shrewsbury Bezügliche als falsch, alles auf Godolphin Bezügliche als wahr zu betrachten. Dies gab selbst Wharton zu, der von allen Staatsmännern am wenigsten von Gewissensscrupeln oder von Schamgefühlsregungen beunruhigt wurde.[56]
Godolphin’s Rücktritt.
Hätte Godolphin sich beharrlich geweigert, seine Stelle aufzugeben, so würden die Whighäupter in eine höchst unangenehme Verlegenheit gerathen sein. Aber ein Staatsmann von nicht gewöhnlicher Gewandtheit übernahm es, sie aus ihrer Verlegenheit zu reißen. In der Kunst, in den Herzen der Menschen zu lesen und sie zu leiten, hatte Sunderland nicht seines Gleichen, und er wünschte, wie er dies schon seit mehreren Jahren that, alle hohen Aemter im Königreiche mit Whigs besetzt zu sehen. Durch seine geschickte Bearbeitung wurde Godolphin bewogen, sich ins königliche Cabinet zu begeben und um die Erlaubniß zu bitten, sich aus dem Staatsdienste zurückzuziehen, und Wilhelm gab diese Erlaubniß mit einer Bereitwilligkeit, über welche Godolphin weit mehr erstaunt als erfreut war.[57]
Stimmung der Whigs über Fenwick.
Eines von den Mitteln, welche die Whigjunta anwendete, um in allen Reihen der Whigs eine noch nie dagewesene Disciplin einzuführen und aufrechtzuerhalten, war die häufige Abhaltung von Zusammenkünften der Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Einige dieser Zusammenkünfte waren zahlreich, andere waren gewählt. Die zahlreicheren wurden in der „Rose” gehalten, einer in den politischen Libellen jener Zeit häufig genannten Taverne;[58] die kleineren bei Russell in Covent Garden, oder bei Somers in Lincoln’s Inn Fields.
An dem Tage, an welchem Godolphin sein hohes Amt niederlegte, wurden zwei gewählte Meetings veranstaltet. Am Morgen war Russell’s Haus der Zusammenkunftsort. Am Nachmittag fand sich eine zahlreiche Gesellschaft bei dem Lordsiegelbewahrer ein. Fenwick’s Bekenntniß, das bis dahin wahrscheinlich den meisten Anwesenden nur vom Hörensagen bekannt war, wurde vorgelesen. Die Entrüstung der Zuhörer wurde in hohem Grade erregt, namentlich durch eine Stelle, welche sagen zu wollen schien, daß nicht allein Russell, nicht allein Shrewsbury, sondern die große Masse der Whigpartei im Herzen jakobitisch sei, und zwar schon seit langer Zeit. „Der Mensch behauptet,” sagte man, „daß selbst das Mordcomplot ein whiggistischer Anschlag gewesen sei.” Die allgemeine Ansicht war, daß man über eine solche Beschuldigung nicht leicht hinweggehen dürfe. Es müsse eine feierliche Debatte und Entscheidung im Parlamente stattfinden. Das beste Verfahren werde sein, wenn der König selbst zu dem Gefangenen ginge und ihn verhörte und wenn Russell dann um die königliche Erlaubniß nachsuchte, den Gegenstand vor das Haus der Gemeinen zu bringen. Da Fenwick für die Geschichten, die er erzählte, keine andre Autorität zu haben behaupte als bloßes Hörensagen, so könne es nicht schwer halten, eine Resolution, die ihn als Verleumder brandmarkte, und eine Adresse an den Thron durchzubringen, welche um seine sofortige Prozessirung wegen Hochverraths ersuchte.[59]
Wilhelm verhört Fenwick.
Die Ansicht der Versammlung wurde Wilhelm durch seine Minister mitgetheilt, und er verstand sich, wenn auch nicht ohne Widerstreben, dazu, mit dem Gefangenen zu sprechen. Fenwick wurde in das königliche Cabinet zu Kensington gebracht. Einige von den hohen Staatsbeamten und die Kronanwälte waren anwesend. „Ihre Schrift, Sir John,” sagte der König, „ist ganz und gar unbefriedigend. Anstatt mir eine Darstellung der von Ihnen und Ihren Mitschuldigen geschmiedeten Complots zu geben, deren Details Ihnen alle genau bekannt sein müssen, erzählen Sie mir Geschichten ohne Autorität, ohne Daten, ohne Ortsangaben, von Cavalieren und Gentlemen, mit denen Sie gar nicht in Verkehr gestanden zu haben behaupten. Kurz, Ihr Bekenntniß scheint offenbar eine Erdichtung zu sein, welche Diejenigen, die wirklich Anschläge gegen mich entworfen haben, meinen Blicken verbergen und mich veranlassen will, Diejenigen, denen ich guten Grund habe Vertrauen zu schenken, mit Mißtrauen zu betrachten und aus meiner Nähe zu entfernen. Wenn Sie auf irgend eine Vergünstigung von mir hoffen, so geben Sie mir diesen Augenblick und hier an dieser Stelle eine vollständige und offene Darlegung dessen was Sie aus Sich selbst wissen.” Fenwick erwiederte, dieses Verlangen treffe ihn zu unvorbereitet, und bat um Zeit. „Nein, Sir,” sagte der König, „wozu können Sie Zeit brauchen? Sie können nur dann Zeit brauchen, wenn Sie eine zweite Schrift wie diese aufsetzen wollen. Aber was ich von Ihnen verlange, ist eine einfache Erzählung dessen was Sie selbst gethan und gesehen haben, und eine solche Erzählung können Sie, wenn Sie sonst wollen, ohne Feder und Tinte geben.” Fenwick weigerte sich auf das Bestimmteste, irgend etwas zu sagen. „Nun, es sei denn,” sagte Wilhelm. „So will ich weder von Ihnen noch über Sie weiter etwas hören.”[60]
Fenwick wurde in sein Gefängniß zurückgeführt. Er hatte bei dieser Audienz eine Kühnheit und Entschiedenheit gezeigt, welche Diejenigen, die sein Benehmen beobachtet hatten, in Erstaunen setzten. Während der ganzen bisherigen Dauer seiner Haft hatte er stets ängstlich und muthlos geschienen und doch hatte er jetzt, bei dem Wendepunkte seines Schicksals, dem Zorne des Fürsten getrotzt, den er kurz zuvor demüthig um Nachsicht angefleht. In wenigen Stunden wurde das Räthsel aufgeklärt. Unmittelbar vor seiner Vorladung nach Kensington hatte er von seiner Gattin die Mittheilung erhalten, daß sein Leben nicht gefährdet sei, daß nur ein Belastungszeuge gegen ihn existire, daß es ihr und ihren Freunden gelungen sei, Goodman zu bestechen.[61]
Verschwinden Goodman’s.
Goodman war eine Freiheit gestattet worden, wegen der man nachmals die Regierung mit einigem Grunde getadelt hat. Denn seine Aussage war von der höchsten Wichtigkeit, sein Character war notorisch schlecht, die gemachten Versuche Porter zu verführen, bewiesen, daß, wenn Fenwick’s Leben mit Geld zu retten war, solches nicht gespart werden würde, und Goodman war nicht, wie Porter, behülflich gewesen, Jakobiten an den Galgen zu bringen, und war daher nicht, wie Porter, durch ein unauflösliches Band an die Sache Wilhelm’s gekettet. Die Familien der gefangenen Verschwörer bedienten sich der Vermittelung eines schlauen und kühnen Abenteurers, Namens O’Brien. Dieser Mann kannte Goodman genau. Sie hatten in der That einer und der nämlichen Räuberbande angehört. Im „Hund” in Drury Lane, einer Taverne, welche von gesetzlosen und verzweifelten Menschen frequentirt wurde, trafen sie miteinander zusammen. O’Brien war von einem andren Jakobiten von entschlossenem Character begleitet. Sie stellten Goodman die einfache Alternative, entweder zu verschwinden und als Belohnung ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund zu erhalten, oder auf der Stelle ermordet zu werden. Er willigte theils aus Habsucht, theils aus Furcht ein. O’Brien war nicht der Mann sich prellen zu lassen wie Clancy. Von dem Augenblicke an wo der Handel abgeschlossen, wich er nicht eher wieder von Goodman’s Seite als bis sie in Saint-Germains waren.[62]
Am Nachmittage des Tages, an welchem Fenwick vom Könige in Kensington befragt worden war, begann sich das Gerücht zu verbreiten, daß Goodman vermißt werde. Er war seit vielen Stunden vom Hause abwesend und man hatte ihn nicht an den Orten gesehen, die er zu besuchen pflegte. Zuerst entstand der Verdacht, daß die Jakobiten ihn ermordet hätten, und dieser Verdacht wurde durch einen sonderbaren Umstand verstärkt. Kurz nach seinem Verschwinden war ein vom Rumpfe getrennter Menschenkopf gefunden worden, der so furchtbar zerfleischt war, daß sich kein Zug im Gesicht mehr erkennen ließ. Die Menge, von dem Gedanken besessen, daß es kein Verbrechen gebe, zu dessen Verübung sich nicht ein irischer Papist finden würde, war zu dem Glauben geneigt, daß das Schicksal Godfrey’s ein neues Opfer betroffen habe. Bei näherer Untersuchung stellte es sich jedoch als gewiß heraus, daß Goodman sich absichtlich entfernt hatte. Es erschien eine Bekanntmachung, welche Demjenigen, der den Flüchtling ergreifen würde, eine Belohnung von tausend Pfund versprach; aber es war zu spät.[63]
Dieser Vorfall erbitterte die Whigs über die Maßen. Keine Jury konnte jetzt Fenwick des Hochverraths schuldig erklären. Sollte er also davon kommen? Sollte eine lange Reihe von Verbrechen gegen den Staat ungestraft bleiben, lediglich weil zu diesen Verbrechen noch das neue Verbrechen gekommen war, einen Zeugen zu bestechen, damit er seine Aussage unterdrücke und sich der Bürgschaftleistung durch die Flucht entziehe? Gab es kein außergewöhnliches Mittel, durch das die Justiz einen Verbrecher erreichen konnte, der einzig und allein weil er schlimmer war als andere Verbrecher außer dem Bereiche des gewöhnlichen Gesetzes stand? Es gab ein solches Mittel, das durch zahlreiche Präcedenzfälle autorisirt war, das während der Wirren des 16. Jahrhunderts die Papisten sowohl als die Protestanten, und während der Wirren des 17. Jahrhunderts die Rundköpfe sowohl als die Cavaliere angewendet hatten, ein Mittel, das kein Führer der Torypartei verdammen konnte, ohne sich selbst zu verurtheilen, und über das sich Fenwick anständigerweise nicht beklagen konnte, da er selbst wenige Jahre früher eifrig dafür gewesen war, es gegen den unglücklichen Monmouth anzuwenden. Zu diesem Mittel beschloß die Partei, die jetzt im Staate die Oberhand hatte, zu greifen.
Parlamentarische Maßnahmen in Bezug auf Fenwick’s Geständnisse.
Bald nachdem die Gemeinen am Morgen des 6. Novembers zusammengetreten waren, erhob sich Russell auf seinem Platze und bat um Gehör. Die Aufgabe die er übernommen hatte, erforderte einen Muth nicht von der ehrenwerthesten Art; aber ihm fehlte es an keiner Art von Muth. Sir John Fenwick, sagte er, habe dem Könige eine Schrift übersandt, in der schwere Beschuldigungen gegen einige Diener Sr. Majestät erhoben wären, und Se. Majestät habe auf Ersuchen seiner angeklagten Diener zu befehlen geruht, daß diese Schrift dem Hause vorgelegt werde. Das Bekenntniß wurde vorgelesen. Hierauf verlangte der Admiral mit einem Muthe und einer Würde, die eines besseren Mannes werth gewesen wären, Gerechtigkeit für sich und Shrewsbury. „Wenn wir unschuldig sind, so reinigen Sie uns. Wenn wir schuldig sind, so bestrafen Sie uns wie wir es verdienen. Ich übergebe mich Ihnen als meinem Vaterlande und bin bereit, nach Ihrem Urtheilsspruche zu stehen oder zu fallen.”
Es wurde sofort angeordnet, daß Fenwick schleunigst vor die Schranke gebracht werden solle. Cutts, der als Abgeordneter für Cambridgeshire im Hause saß, wurde angewiesen, für eine genügende Eskorte zu sorgen, und ihm noch besonders eingeschärft, darauf Bedacht zu nehmen, daß der Gefangene auf dem Wege von Newgate nach Westminster keine Gelegenheit habe, eine mündliche oder schriftliche Mittheilung zu geben oder zu empfangen. Dann vertagte sich das Haus bis zum Nachmittag.
Um fünf Uhr, damals eine späte Stunde, wurde das Scepter wieder auf den Tisch gelegt und das Haus und die Vorhallen sorgfältig von Fremden gesäubert. Fenwick wartete draußen unter starker Wache. Er ward hereingerufen und vom Sprecher aufgefordert, ein vollständiges und offenes Geständniß abzulegen. Er zögerte und machte Ausflüchte. „Ich kann ohne Erlaubniß des Königs nichts sagen. Es könnte Sr. Majestät mißfällig sein, wenn etwas, was nur er erfahren darf, Anderen mitgetheilt würde.” Es wurde ihm hierauf entgegnet, daß seine Besorgnisse ungegründet seien. Der König wisse sehr wohl, daß es das Recht und die Pflicht seiner getreuen Gemeinen sei, Alles zu untersuchen, was die Sicherheit seiner Person und seiner Regierung betreffe. „Mein Prozeß kann in einigen Tagen beginnen,” sagte der Gefangene. „Man kann nicht von mir verlangen, etwas zu sagen, was vor Gericht gegen mich sprechen könnte.” — „Sie haben nichts zu fürchten,” erwiederte der Sprecher, „wenn Sie nur vollständige und unumwundene Enthüllungen machen. Nie hat Jemand Ursache gehabt, es zu bereuen, daß er gegen die Gemeinen England’s aufrichtig gewesen war.” Nun bat Fenwick um Aufschub. Er sei kein gewandter Redner, er habe ein schlechtes Gedächtniß, er müsse Zeit haben, um sich vorzubereiten. Man sagte ihm, wie dies schon einige Tage vorher im königlichen Cabinet geschehen war, daß er, ob vorbereitet oder nicht, sich doch nothwendig der hauptsächlichsten Complots, bei denen er betheiligt gewesen sei, und der Namen seiner Hauptmitschuldigen erinnern müsse. Wenn er das was er unmöglich vergessen haben könne, ehrlich erzählte, so würde das Haus alle billigen Rücksichten nehmen und ihm Zeit lassen, sich auf untergeordnete Details zu besinnen. Dreimal wurde er von der Schranke entfernt und dreimal wurde er dahin zurückgebracht. Man machte ihn mit feierlichem Ernste darauf aufmerksam, daß die ihm jetzt gegebene Gelegenheit, sich die Gunst der Gemeinen zu erwerben, wahrscheinlich die letzte sein werde. Er beharrte in seiner Weigerung und wurde nach Newgate zurückgebracht.
Es wurde nun beantragt zu resolviren, daß sein Bekenntniß falsch und verleumderisch sei. Coningsby schlug den Zusatz vor, daß es den Zweck habe, Mißtrauen zwischen dem Könige und guten Unterthanen hervorzurufen, um wirkliche Verräther dem Arme der Gerechtigkeit zu entziehen. Einige unversöhnliche und starrköpfige Whigs, deren Haß gegen Godolphin durch seinen Rücktritt nicht gemildert worden war, sprachen Zweifel aus, ob das ganze Schriftstück verworfen werden dürfe. Aber nach einer Debatte, in der sich Montague besonders auszeichnete, wurde der Antrag angenommen. Ein paar Stimmen riefen zwar „Nein,” aber Niemand wagte es eine Abstimmung zu verlangen.
Bill zur Verurtheilung Fenwick’s.
So weit war Alles mit Ruhe abgegangen; aber in wenigen Minuten brach der Sturm los. Das furchtbare Wort Verurtheilungsbill wurde ausgesprochen und alsbald erwachten alle heftigen Leidenschaften der beiden großen Parteien. Die Tories waren überrascht worden und viele von ihnen hatten das Haus verlassen. Die Zurückgebliebenen erklärten laut, daß sie nie in eine solche Verletzung der ersten Grundsätze der Gerechtigkeit willigen würden. Die Whigs waren nicht minder heftig und ihre Reihen waren ungelichtet. Der Antrag auf Erlaubniß zur Einbringung einer Verurtheilungsbill gegen Sir John Fenwick wurde spät Abends mit hunderteinundsiebzig gegen einundsechzig Stimmen angenommen, aber es war unzweifelhaft, daß der Kampf lang und heiß werden würde.[64]
Der Parteigeist war in der That selten heftiger erregt gewesen. Es war allerdings auf beiden Seiten viel ehrlicher Eifer, aber ein beobachtendes Auge würde auf beiden Seiten auch Furcht, Haß und Habsucht unter den schimmernden Vorwänden der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls entdeckt haben. Die bedauerliche Hitze der Parteisucht brütete rasch eine Menge giftiges Gewürm aus, das lange erstarrt gelegen hatte: verabschiedete Spione und verurtheilte falsche Zeugen, welche die Peitsche, das Brenneisen und die Scheere verschont hatten. Selbst Fuller hoffte wieder Leichtgläubige zu finden, die ihn anhören würden. Seitdem er am Pranger gestanden, hatte die Welt ihn vergessen. Er hatte jetzt die Stirn an den Sprecher zu schreiben, um Gehör vor der Schranke zu bitten und viele wichtige Aufschlüsse über Fenwick und Andere zu versprechen. Am 9. November zeigte der Sprecher dem Hause den Empfang dieser Mittheilung an; aber das Haus weigerte sich geziemenderweise, den Brief eines so notorischen Schurken nur vorlesen zu lassen.
Debatten der Gemeinen über die Verurtheilungsbill.
An dem nämlichen Tage wurde die Verurtheilungsbill, nachdem sie von dem Generalfiskal und dem Generalprokurator vorbereitet worden, eingebracht und zum ersten Male gelesen. Das Haus war gefüllt und die Debatte heiß. John Manley, Mitglied für Bossiney, einer von den starren Tories, die sich während der vorhergehenden Session lange geweigert hatten, dem Verein beizutreten, beschuldigte die Majorität in nicht eben gemäßigten Ausdrücken, daß sie dem Hofe schmeichle und die Freiheiten des Volks verrathe. Seine Worte wurden zu Protokoll genommen und obgleich er sie wegzuerklären versuchte, wurde er doch in den Tower geschickt. Seymour sprach nachdrücklich gegen die Bill und führte die Rede an, welche Cäsar im römischen Senate gegen den Antrag hielt, daß die Mitschuldigen Catilina’s unregelmäßigerweise vom Leben zum Tode gebracht werden sollten. Ein whiggistischer Redner bemerkte hierauf sarkastisch, der würdige Baronet vergesse, daß Cäsar selbst sehr stark in dem Verdacht gestanden habe, bei Catilina’s Complot betheiligt gewesen zu sein.[65] In diesem Stadium stimmten hundertsechsundneunzig Mitglieder für die Bill, hundertundvier gegen dieselbe. Es wurde Fenwick eine Abschrift übersandt, damit er sich auf seine Vertheidigung vorbereiten könne. Er hielt darum an, sich durch einen Advokaten vertheidigen lassen zu dürfen; dieser Wunsch wurde ihm gewährt und der 13. zum Anhören der Vertheidigung anberaumt.
Die ältesten Mitglieder konnten sich nicht erinnern, daß jemals ein solcher Andrang nach dem Hause stattgefunden wie am Morgen des 13. Novembers. Es kostete einige Mühe, die Zugänge frei zu halten und keine Fremden, Peers ausgenommen, wurden eingeladen. Der Zudrang der Peers war so groß, daß ihre Anwesenheit einen bemerkbaren Einfluß auf die Debatte ausübte. Selbst Seymour, der als ehemaliger Sprecher des Rangtitels der Gemeinen ganz besonders eingedenk hätte sein sollen, vergaß sich einmal so auffallend, daß er sie mit „Mylords” anredete. Nachdem Fenwick von den Sheriffs von London der Form gemäß dem Stabträger übergeben worden, wurde er vor die Schranke gebracht, begleitet von zwei Advokaten, deren sich jakobitische Angeklagte gewöhnlich bedienten: von Sir Thomas Powis und Sir Bartholomäus Shower. Zur Vertheidigung der Bill hatte das Haus seinerseits Rechtsanwälte bestellt.
Die Vernehmung der Zeugen und die Ausführungen der Advokaten nahmen drei Tage in Anspruch. Porter wurde hereingerufen und vernommen. Es wurde zwar nicht durch juristischen Beweis, aber durch solchen moralischen Beweis, wie er das Verfahren der Menschen bei den Vorkommnissen des alltäglichen Lebens bestimmt, dargethan, daß Goodman’s Abwesenheit einem von Fenwick’s Freunden mit Fenwick’s Wissen und Willen entworfenen und ausgeführten Plane zuzuschreiben sei. Sekundäres Zeugniß für das was Goodman, wenn er anwesend gewesen wäre, hätte beweisen können, wurde nach lebhafter Debatte zugelassen. Sein eidlich bekräftigtes und von ihm eigenhändig unterschriebenes Bekenntniß wurde vorgelegt. Einige Mitglieder der großen Jury, welche Grund zur Anklage gegen Sir Sohn gefunden hatte, erstatteten Bericht über das was Goodman vor ihnen beschworen, und ihre Aussage wurde von einigen Mitgliedern der kleinen Jury, die einen andren Verschwörer für schuldig erklärt hatte, bestätigt. Zu Gunsten des Angeklagten wurde kein Zeugniß vorgelegt. Nachdem die für und gegen ihn sprechenden Anwälte angehört worden waren, wurde er in sein Gefängniß zurückgebracht.[66] Hierauf begann der eigentliche Kampf. Er war lang und heftig. Das Haus war zu wiederholten Malen von Tagesanbruch bis gegen Mitternacht versammelt. Einmal blieb der Sprecher funfzehn Stunden ununterbrochen auf seinem Stuhle. Fremde hatten freien Zutritt, denn man sah ein, daß das Haus, nachdem es für gut befunden hatte, die Functionen eines Gerichtshofes zu übernehmen, auch, wie ein Gerichtshof, bei offenen Thüren sitzen müsse.[67] Der wesentliche Inhalt der Debatten ist uns in Folge dessen in einem Berichte erhalten worden, der zwar im Vergleich zu den Berichten unsrer Zeit dürftig, für die damalige Zeit aber ungewöhnlich vollständig ist. Jeder Mann von Bedeutung im Hause betheiligte sich bei der Discussion. Die Bill wurde von Finch mit der fließenden und sonoren Beredtsamkeit, die ihm den Namen der Silberzunge eingebracht, und von Howe mit der ganzen Schärfe seines Geistes und seines Characters, von Seymour mit characteristischer Energie, und von Harley mit characteristischer Feierlichkeit bekämpft. Auf der andren Seite entfaltete Montague die Talente eines vollendeten Wortkämpfers und wurde durch Littleton kräftig unterstützt. In den ersten Reihen der feindlichen Parteien machten sich zwei ausgezeichnete Juristen, Simon Harcourt und Wilhelm Cowper, bemerkbar. Beide waren Gentlemen von achtbarer Herkunft, Beide zeichneten sich durch ein schönes Aeußeres und durch einnehmende Manieren aus; Beide waren wegen ihrer Beredtsamkeit berühmt, und Beide liebten die Gelehrsamkeit und die Gelehrten. Nebenbei mag auch bemerkt werden, daß Beide schon frühzeitig wegen ihrer Verschwendung und Vergnügungssucht bekannt gewesen waren. Die Verschwendung hatte sie arm, die Armuth hatte sie fleißig gemacht, und obwohl sie nach der Altersberechnung, die bei den Juristencollegien gebräuchlich ist, noch sehr junge Männer waren, Harcourt ein Sechsunddreißiger, Cowper ein Zweiunddreißiger, so hatten sie doch schon die stärkste advokatorische Praxis. Sie waren dazu bestimmt, noch höher zu steigen, die Bewahrer des großen Staatssiegels und die Gründer patrizischer Häuser zu werden. In der Politik waren sie directe Antipoden. Harcourt hatte die Revolution mit Widerwillen gesehen, hatte nicht Mitglied der Convention sein wollen, hatte sein Gewissen nur schwer mit den Eiden versöhnt und hatte die Vereinsurkunde spät und ungern unterzeichnet. Cowper hatte für den Prinzen von Oranien und ein freies Parlament die Waffen getragen und sich in dem kurzen und tumultuarischen Feldzuge, welcher Jakob’s Flucht vorausging, durch Intelligenz und Tapferkeit ausgezeichnet. Seitdem Somers auf den Wollsack versetzt worden war, hatten die Kronanwälte weder im Unterhause noch überhaupt irgendwo eine hervorragende Figur gespielt und ihre Mangelhaftigkeit war mehr als einmal durch Cowper ersetzt werden. Seine Geschicklichkeit hatte bei dem Prozesse Parkyns’ das Verdict gesichert, das durch das unrichtige Verfahren des Generalprokurators einen Augenblick zweifelhaft geworden war. Bei der allgemeinen Wahl von 1695 war er zum Abgeordneten für Hartford gewählt worden, und er hatte seinen Sitz kaum eingenommen, so schwang er sich zu einer hohen Stellung unter den Parlamentsrednern empor. Chesterfield schilderte viele Jahre später in einem Briefe an seinen Sohn Cowper als einen Redner, der nie ohne Beifall sprach, dessen Logik aber schwach war und der den Einfluß, den er lange auf große Versammlungen ausübte, dem eigenthümlichen Zauber seines Styls, seines Organs und seines Vortrags verdankte. Chesterfield war ohne allen Zweifel geistig befähigt, sich über einen solchen Gegenstand ein richtiges Urtheil zu bilden. Es muß aber daran erinnert werden, daß der Zweck seiner Briefe der war, Takt und Bildung im Gegensatz zu viel höheren Eigenschaften zu preisen. Er schrieb daher beständig und systematisch den Erfolg der ausgezeichnetsten Personen seiner Zeit ihrer Ueberlegenheit in äußeren Vorzügen der Diction und Manier, und nicht in gediegenen Talenten und Kenntnissen zu. Selbst Marlborough stellte er als einen Mann von ganz gewöhnlichen Geistesgaben dar, der sich lediglich durch eine feine Bildung und Redekunst aus Armuth und Dunkelheit auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes emporgeschwungen habe. Man kann jedoch mit Zuversicht behaupten, daß Chesterfield sowohl gegen Marlborough als gegen Cowper ungerecht war. Der General, der das deutsche Reich rettete und die Niederlande eroberte, war gewiß noch etwas mehr als ein feingebildeter Gentleman, und der Richter, der neun Jahre lang unter dem Beifalle aller Parteien den Court of Chancery präsidirte, muß wohl etwas mehr gewesen sein als ein eleganter Redner.
Jeder, der den Bericht von den Debatten aufmerksam und unparteiisch studirt, wird der Meinung sein, daß in vielen Punkten, welche mit großer Ausführlichkeit und Lebhaftigkeit discutirt wurden, die Whigs ein entschiedenes Uebergewicht in der Argumentation, daß aber die Tories in der Hauptsache Recht hatten.
Fenwick war allerdings des Verbrechens des Hochverraths durch Beweise überführt worden, die in dem Geiste keines Menschen von gesundem Verstande einen Zweifel übrig lassen konnten und die ihn auch nach den strengsten Regeln des Rechts überführt haben würden, wenn er sich nicht durch Begehung eines neuen Verbrechens der Gerechtigkeit der gewöhnlichen Tribunale entzogen hätte. Er hatte allerdings noch während er Reue an den Tag legte und um Gnade flehte, seine früheren Vergehen um ein neues Vergehen vermehrt, indem er, unter dem Vorgeben, daß er ein vollkommen offenes Geständniß ablege, mit durchtriebener Bosheit alles dasjenige, an dessen Bekanntwerden der Regierung gelegen sein mußte, verhehlt, und alles das, an dessen Verschweigung der Regierung gelegen sein mußte, ausgesagt hatte. Es war ein großes Uebel, daß ihn die verdiente Strafe nicht treffen sollte; es war klar, daß er nur durch eine Verurtheilungsbill erreicht werden konnte, und man konnte weder leugnen, daß schon viele derartige Bills angenommen worden waren, noch daß keine solche Bill je in einem klareren Schuldfalle und nach unparteiischerer Anhörung des Für und Wider angenommen worden war.
Alle diese Sätze scheinen die Whigs erschöpfend bewiesen zu haben. Auch waren sie in dem Streite über die Vorschrift, welche in Hochverrathsfällen zwei Zeugen verlangt, entschieden im Vortheil. Diese Vorschrift ist allerdings absurd. Es ist nicht zu begreifen, warum das Zeugniß, welches genügt, um zu beweisen, daß Jemand auf seinen Mitbürger geschossen hat, nicht genügen soll, um zu beweisen, daß er auf seinen Souverain geschossen hat. Es kann durchaus nicht als allgemeine Regel festgestellt werden, daß die Versicherung zweier Zeugen überzeugender sei als die Versicherung eines Zeugen. Die Aussage eines Zeugen kann schon an sich wahrscheinlich sein. Die Aussagen zweier Zeugen können extravagant sein. Die Aussage eines Zeugen kann unwiderleglich sein. Die Aussagen zweier Zeugen können durch vier andere Zeugen widerlegt werden. Die Aussage eines Zeugen kann durch eine Menge von Umständen bekräftigt werden. Die Aussagen zweier Zeugen können keine solche Bekräftigung zur Seite haben. Der eine Zeuge kann Tillotson oder Ken sein. Die zwei Zeugen können Oates und Bedloe sein.
Die Häupter der Torypartei behaupteten jedoch mit Heftigkeit, daß das Gesetz, welches zwei Zeugen vorschreibe, allgemein und ewig bindend, daß es ein Theil des Naturgesetzes, ein Theil des göttlichen Gesetzes sei. Seymour citirte das vierte und fünfte Buch Mosis, um zu beweisen, daß Niemand auf die Aussage eines einzelnen Zeugen hin zum Tode verurtheilt werden dürfe. „Kaiphas und sein Sanhedrin”, sagte Harley, „waren vollkommen bereit, eine Verletzung der Gerechtigkeit durch einen Zweckmäßigkeitsgrund zu rechtfertigen; sie sagten, — und auch wir haben Derartiges sagen hören —: „„Wir müssen diesen Menschen tödten, sonst werden die Römer kommen und uns Land und Leute nehmen.”” Doch selbst Kaiphas und sein Sanhedrin wagten es bei jenem abscheulichsten aller Justizmorde nicht, das geheiligte Gesetz bei Seite zu werfen, das zwei Zeugen vorschrieb.” — „Selbst Jesabel,” sagte ein andrer Redner, „wagte es nicht, Naboth seinen Weinberg wegzunehmen, bis sie zwei Männer des Belial als falsche Zeugen gedungen hatte.” — „Wenn das Zeugniß eines ernsten Aeltesten genügt hätte,” fragte Jemand, „wie würde es der keuschen Susanna ergangen sein?” Dieses letzte Citat veranlaßte den Ruf: „Apokryphisch! Apokryphisch!” in den Reihen der Niederkirchlichen.[68]
Ueber diese Argumente, welche selbst Denen, die sich herabließen, sie anzuführen, wohl schwerlich als schlagend erschienen sein können, erlangte Montague einen vollständigen und leichten Sieg. „Ein ewiges Gesetz! Wo war dieses ewige Gesetz vor der Regierung Eduard’s VI.? Wo ist es jetzt, außer in Statuten, die sich nur auf eine sehr kleine Klasse von Vergehen beziehen? Wenn diese Stellen aus dem Pentateuch und diese Präcedenzfälle aus dem Verfahren des Sanhedrin etwas beweisen, so beweisen sie, daß die ganze Strafrechtspflege des Reichs eine Masse von Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit ist. Ein Zeuge genügt, um einen Mörder, einen Einbrecher, einen Straßenräuber, einen Brandstifter, einen Schänder zu überführen. Ja, es giebt sogar Fälle von Hochverrath, in denen nur ein Zeuge erforderlich ist. Ein einziger Zeuge kann eine ganze Bande von Kippern und Falschmünzern nach Tyburn bringen. Wollen Sie denn behaupten, daß das ganze Beweisrecht, nach welchem die Menschen seit Jahrhunderten in unsrem Vaterlande wegen Vergehen gegen das Leben und Eigenthum gerichtet worden sind, mangelhaft ist und umgestaltet werden muß? Wenn Sie Sich scheuen dies zu behaupten, so müssen Sie zugeben, daß wir jetzt vorschlagen, nicht uns von einer göttlichen Vorschrift von allgemeiner und ewiger Bindungskraft, sondern einfach von einer englischen Procedurregel zu dispensiren, die nur auf einige wenige Verbrechen Anwendung findet, die noch keine hundertfunfzig Jahre in Kraft ist, deren ganze Autorität sich auf eine Parlamentsacte stützt und die daher, ohne Gott oder die Menschheit zu beleidigen, durch eine andre Acte abgeschafft oder suspendirt werden kann.”
Bei weitem nicht so leicht war es, den Häuptern der Opposition zu antworten, als sie behaupteten, daß es gefährlich sei, die Scheidewand niederzureißen, welche die Functionen des Gesetzgebers von denen des Richters trennt. „Dieser Mann,” wurde gesagt, „kann ein schlechter Engländer sein, und doch kann seine Sache die Sache aller guten Engländer sein. Erst im vorigen Jahre haben wir eine Acte zur Regulirung des Prozeßverfahrens der ordentlichen Gerichtshöfe in Hochverrathsfällen angenommen. Wir nahmen diese Acte an, weil wir der Ansicht waren, das bei diesen Gerichtshöfen das Leben eines der Regierung mißliebigen Unterthanen damals nicht hinlänglich gesichert sei. Gleichwohl war das Leben eines der Regierung mißliebigen Unterthanen damals viel sicherer, als es dies sein wird, wenn dieses Haus sich die höchste richterliche Gewalt in politischen Fällen beilegt.” Warme Lobreden wurden auf das alte nationale System der Aburtheilung durch zwölf zuverlässige Biedermänner gehalten; und die Vorzüge dieses Systems in politischen Fällen liegen in der That auf der Hand. Der Angeklagte darf jede Anzahl von Geschwornen aus Gründen und eine beträchtliche Anzahl ohne Grund verwerfen. Die Zwölf werden von dem Augenblicke an, wo sie mit ihrer kurzen Magistratur bekleidet werden, bis zu dem Augenblicke, wo sie dieselbe niederlegen, von der übrigen Gesellschaft getrennt gehalten. Jede Vorsicht wird beobachtet, um zu verhindern, daß ein Agent der Gewalt durch Bitten oder durch Bestechung auf sie einwirkt. Jeder von ihnen muß jedes Wort der Beweisaufnahme und jedes für und wider vorgebrachte Argument anhören. Der ganze Fall wird dann von einem Richter resumirt, welcher weiß, daß, wenn er sich der Parteilichkeit schuldig macht, er vor dem großen Richterstuhle der Nation zur Rechenschaft gezogen werden kann. In dem Prozesse Fenwick’s vor der Schranke des Hauses der Gemeinen fehlten alle diese Garantien. Einige hundert Gentlemen, von denen jeder schon vor Eröffnung der Untersuchung seinen Entschluß mehr als halb gefaßt hatte, übten zu gleicher Zeit die Functionen des Richters und der Jury aus. Sie wurden nicht wie es bei einem Richter der Fall ist, durch das Gefühl der Verantwortlichkeit in gewissen Schranken gehalten, denn wer konnte ein Parlament bestrafen? Sie waren nicht, wie eine Jury, in der Weise gewählt, daß der Angeklagte seine persönlichen und politischen Feinde ausschließen konnte. Die Männer, in deren Händen sein Schicksal lag, kamen und gingen nach ihrem Belieben. Sie hörten hier und da ein Bruchstück von dem was zu seinen Gunsten gesagt wurde. Während des Verlaufes der Untersuchung waren sie allen möglichen Einflüssen ausgesetzt. Ein Mitglied wurde von den Wählern seines Burgfleckens mit dem Verluste seines Sitzes bedroht, ein andres konnte für seinen Bruder von Russell eine Fregatte erhalten, die Stimme eines Dritten konnte durch die Schmeicheleien und den Burgunder Wharton’s gewonnen werden. In den Debatten wurden Kunstgriffe angewendet und Leidenschaften geweckt, welche wohlconstituirten Tribunalen unbekannt sind, von denen aber keine große volksthümliche Versammlung jemals frei gewesen ist, noch jemals sein wird. Der Vortrag des einen Redners rief lautes „Hört ihn!” hervor. Ein andrer wurde durch Räuspern und Scharren zum Schweigen gezwungen. Ein dritter sprach übermäßig lange, damit seine Freunde, welche zum Abendessen gegangen waren, zur Abstimmung wieder zurück sein konnten.[69] Wenn mit dem Leben des unwürdigsten Menschen ein solches Spiel getrieben werden konnte, war dann das Leben auch des Tugendhaftesten sicher?