Einundzwanzigstes Kapitel. Wilhelm III. (continued 3)
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Die so oft eingebrachte und so oft verworfene Bill wurde von den Gemeinen ohne Abstimmung angenommen und den Lords zugesandt. Sie kam bald mit der lange streitigen Klausel zurück, welche die Verfassung des Gerichtshofes des Lord High Steward abänderte. Eine zahlreiche Partei unter den Vertretern des Volks war noch immer nicht geneigt, dem Hochadel irgend ein neues Privilegium zu bewilligen; aber der Moment war kritisch. Die Meinungsverschiedenheit, welche zwischen den beiden Häusern wegen der Umprägungsbill entstanden war, hatte Nachtheile erzeugt, die auch einen beherzten Staatsmann wohl beunruhigen konnten. Man mußte ein Zugeständniß durch ein andres erkaufen. Die Gemeinen traten mit hundertzweiundneunzig gegen hundertfunfzig Stimmen dem Amendement bei, auf dem die Lords vier Jahre lang so hartnäckig bestanden hatten, und die Lords genehmigten dagegen unverzüglich die Umprägungsbill ohne Amendement.
Man hatte sich viel über den Zeitpunkt gestritten, zu welchem das neue System des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen in Kraft treten sollte, und die Bill war einmal in Folge eines Streites über diesen Punkt gescheitert. Viele waren der Meinung, daß die Aenderung nicht vor dem Ende des Kriegs Platz greifen dürfe. Es sei notorisch, sagten sie, daß der auswärtige Feind von nur zu vielen einheimischen Verräthern aufgehetzt werde, und zu solchen Zeiten dürften die Gesetze, welche den Staat gegen die Machinationen schlechter Bürger schütze, nicht gelockert werden. Endlich wurde beschlossen, daß die neuen Vorschriften mit dem 25. März, nach dem alten Kalender dem ersten Tage des Jahres 1696, in Kraft treten sollten.
Parlamentsverhandlungen wegen der Verleihung von Kronländereien in Wales an Portland.
Am 21. Januar erhielten die Umprägungsbill und die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen die königliche Genehmigung. Am folgenden Tage begaben sich die Gemeinen in einer Angelegenheit, die sowohl ihnen als auch dem Könige durchaus nicht angenehm war, nach Kensington. Sie waren in ihrer Gesammtheit fest entschlossen, um jeden Preis und auf jede Gefahr hin den König gegen jeden äußeren wie inneren Feind zu schützen. Aber sie waren, wie jede Versammlung von fünfhundertdreizehn englischen Gentlemen, gleichviel durch welches Verfahren sie zusammengebracht sein mochte, es naturgemäß sein mußte, eifersüchtig auf die Gunst, die er seinen Jugendfreunden bewies. Er hatte sich vorgenommen, das Haus Bentinck in Ruhm und Glanz auf gleiche Stufe mit den Häusern Howard und Seymour, Russell und Cavendish zu stellen. Einige der schönsten Erbdomänen der Krone waren Portland verliehen worden, nicht ohne Murren von Seiten der Whigs wie der Tories. Es war allerdings nichts geschehen, was nicht mit dem Buchstaben des Gesetzes und mit einer langen Reihe von Präcedenzfällen im Einklang gestanden hätte. Seit undenklichen Zeiten hatte jeder englische Souverain die Güter, in deren Besitz er kraft seines Amtes getreten war, als sein Privateigenthum betrachtet. Jede Familie, die in England mächtig gewesen war, von den De Vere bis herab zu den Hyde, war durch königliche Schenkungen bereichert worden. Karl II. hatte aus seinen Erbgütern Herzogthümer für seine Bastarde herausgeschnitten. Auch enthielt die Rechtsbill nicht ein Wort, welches dahin hätte gedeutet werden können, daß es dem Könige nicht vollkommen freistände, sich jeden Theils der Krongüter zu entäußern. Anfangs rief daher Wilhelm’s Freigebigkeit gegen seine Landsleute, wenn sie auch viel Unzufriedenheit erregte, keine Remonstrationen von Seiten des Parlaments hervor. Aber er ging endlich zu weit. Im Jahre 1695 befahl er den Lords des Schatzes eine Urkunde auszufertigen, welche Portland eine prachtvolle Herrschaft in Denbighshire verlieh. Diese Herrschaft sollte über hunderttausend Pfund werth sein. Der jährliche Ertrag derselben kann sich daher auf kaum weniger als sechstausend Pfund belaufen haben, und die der Krone vorbehaltene Jahresrente betrug nur sechs und acht Pence. Dies war jedoch noch nicht das Schlimmste. Mit dem Besitze waren ausgedehnte Regalien untrennbar verbunden, welche die Bewohner von Nordwales nicht geduldig in den Händen irgend eines Unterthanen sehen konnten. Mehr als hundert Jahre früher hatte Elisabeth einen Theil des nämlichen Gebiets ihrem Günstling Leicester verliehen. Bei dieser Gelegenheit hatte sich das Volk von Denbighshire mit bewaffneter Hand erhoben, und nach vielen tumultuarischen Auftritten und mehreren Hinrichtungen hatte Leicester es für rathsam gehalten, die Schenkung seiner Gebieterin zurückzugeben. Die Opposition gegen Portland war minder gewaltthätig, aber eben so erfolgreich. Einige der angesehensten Gentlemen des Gebiets machten den Ministern, durch deren Bureaux das Dokument gehen mußte, nachdrückliche Vorstellungen und brachten endlich den Gegenstand bis vor das Unterhaus. Es wurde einstimmig eine Adresse votirt, welche den König ersuchte, die Schenkung zurückzunehmen; Portland bat, daß man ihn nicht zu einem Zankapfel zwischen seinem Gebieter und dem Parlamente machen möchte, und der König fügte sich, wenn auch tief verletzt, dem allgemeinen Wunsche der Nation.[94]
Diese unglückliche Geschichte hinterließ, wenn sie auch nicht in einen offenen Streit ausging, doch viel böses Blut. Der König war aufgebracht gegen die Gemeinen und noch aufgebrachter gegen die whiggistischen Minister, die es nicht gewagt hatten, seine Schenkung zu vertheidigen. Die loyale Zuneigung, welche das Parlament ihm in den ersten Tagen der Session bewiesen hatte, war merklich erkaltet, und er war fast so unpopulär wie er es je gewesen, als ein Ereigniß eintrat, das ihm plötzlich die Herzen von Millionen wiedergewann und ihn auf einige Zeit in eben dem Grade zum Abgott der Nation machte, wie er es zu Ende des Jahres 1688 gewesen war.[95]
Zwei jakobitische Complots geschmiedet.
Der im vergangenen Frühjahr entworfene Mordplan war in Folge der Abreise Wilhelm’s nach dem Continent aufgegeben worden. Der im Sommer entworfene Insurrectionsplan war wegen Mangel an Beistand von Seiten Frankreich’s ebenfalls aufgegeben worden. Vor Ende des Herbstes aber wurden beide Pläne wieder aufgenommen. Wilhelm war nach England zurückgekehrt, und die Möglichkeit, sich seiner durch einen glücklichen Schuß oder Degenstoß zu entledigen, wurde wieder ernstlich discutirt. Die französischen Truppen hatten ihre Winterquartiere bezogen, und das Armeecorps, welches Charnock vergebens verlangt hatte, als der Kampf um Namur wüthete, konnte jetzt ohne Nachtheil entbehrt werden. Es wurde daher jetzt ein Complot geschmiedet, furchtbarer als irgend eines, das bisher den Thron und das Leben Wilhelm’s bedroht hatte, oder es wurden vielmehr, wie dies mehr als einmal in unsrer Geschichte vorgekommen ist, zwei Complots geschmiedet, eines in dem andren. Der Zweck des größeren Complots war ein offener Aufstand, ein Aufstand, der durch eine ausländische Armee unterstützt werden sollte. In dieses Complot waren fast alle angesehenen Jakobiten mehr oder weniger verwickelt. Einige häuften Waffen auf, andere kauften Pferde, noch andere entwarfen Listen von den Dienern und Untergebenen, auf die sie sich fest verlassen konnten. Die minder kriegerischen Mitglieder der Partei konnten wenigstens Humpen auf den König über dem Wasser leeren und durch bedeutungsvolles Achselzucken und Geflüster zu verstehen geben, daß er nicht lange mehr über dem Wasser sein werde. Es wurde allgemein bemerkt, daß die Unzufriedenen weiser als sonst aussahen, wenn sie nüchtern waren, und daß sie lauter als sonst schwatzten, wenn sie betrunken waren.[96] In das kleinere Complot, das die Ermordung Wilhelm’s zum Zweck hatte, waren nur einige wenige auserlesene Hochverräther eingeweiht.
Berwick’s Complot.
Jedes dieser beiden Complots stand unter der Leitung eines speciell dazu von Saint-Germains abgeschickten Führers. Die ehrenhaftere Sendung war Berwick anvertraut. Er war beauftragt, sich mit der jakobitischen Noblesse und Gentry in Vernehmen zu setzen, auszumitteln, welche Streitmacht sie ins Feld stellen konnten und einen Zeitpunkt für die Erhebung festzusetzen. Er war ermächtigt ihnen zu versichern, daß die französische Regierung Truppen und Transportschiffe bei Calais zusammenziehe und daß, sobald man dort erführe, daß ein Aufstand in England ausgebrochen sei, sein Vater sich mit zwölftausend Veteranen einschiffen und in einigen Stunden bei ihnen sein würde.
Das Ermordungscomplot; Sir Georg Barclay.
Eine gefährlichere Rolle war einem Emissär von niedererem Range aber großer Gewandtheit, Thätigkeit und Unerschrockenheit übertragen. Dies war Sir Georg Barclay, ein schottischer Gentleman, der mit Ehren unter Dundee gedient und der sich, als der Krieg in den Hochlanden zu Ende war, nach Saint-Germains zurückgezogen hatte. Barclay wurde in das königliche Cabinet beschieden und empfing seine Instructionen aus dem Munde des Königs selbst. Er erhielt Befehl, sich heimlich über den Kanal nach London zu begeben. Es wurde ihm gesagt, daß einige auserlesene Offiziere und Soldaten ihm zu Zweien und Dreien auf dem Fuße folgen würden, und damit sie ihn leicht finden könnten, sollte er Montags und Donnerstags nach Einbruch der Dunkelheit unter dem Säulengange vom Coventgarden umhergehen und ein weißes Tuch aus seiner Rocktasche hervorblicken lassen. Er erhielt eine bedeutende Summe Geldes und eine Vollmacht, welche Jakob nicht nur unterzeichnet, sondern, von Anfang bis zu Ende eigenhändig geschrieben hatte. Diese Vollmacht autorisirte den Inhaber von Zeit zu Zeit diejenigen Acte von Feindseligkeit gegen den Prinzen von Oranien und seine Anhänger zu unternehmen, welche den Zwecken des Königs am meisten entsprechen würden. Welche nähere Erklärung Jakob diesen weit umfassenden Worten mündlich gab, wissen wir nicht.
Damit Barclay’s Abwesenheit von Saint-Germains keinen Verdacht erweckte, wurde ausgesprengt, daß sein lockerer Lebenswandel ihn in die Nothwendigkeit versetzt habe, sich von einem Arzte in Paris behandeln zu lassen.[97] Er reiste mit achthundert Pfund Sterling in seinem Koffer ab, eilte nach der Küste und schiffte sich an Bord eines Kapers ein, den die Jakobiten als regelmäßiges Packetboot zwischen Frankreich und England benutzten. Dieses Fahrzeug brachte ihn nach einem einsamen Orte im Romney Moor. Ungefähr eine halbe Meile von dem Landungsplatze wohnte ein Schmuggler, Namens Hunt, auf einer öden und ungesunden Sumpfstrecke, wo er keine anderen Nachbarn hatte als einige halbwilde Hirten. Seine Wohnung hatte eine Lage, die sich für den Schleichhandel mit französischen Waaren vortrefflich eignete, Ladungen von Lyoneser Seidenwaaren und Valencienner Spitzen, hinreichend, um dreißig Packpferde zu beladen, waren mehr als einmal in dieser traurigen Einöde gelandet worden, ohne Aufsehen zu erregen. Seit der Revolution aber war Hunt dahinter gekommen, daß von allen Ladungen eine Ladung Hochverräther am besten rentirte. Sein entlegener Wohnplatz wurde der Aufenthaltsort für hochangesehene Männer, für Earls und Barone, für Ritter und Doctoren der Theologie. Einige davon wohnten viele Tage unter seinem Dache in Erwartung einer Gelegenheit zur Ueberfahrt. Zwischen seinem Hause und London bestand eine geheime Postverbindung. Couriere eilten fortwährend hin und her; sie machten die Reise stets zu Fuße; aber sie sahen wie Gentlemen aus, und man raunte sich zu, daß einer von ihnen der Sohn eines vornehmen Mannes sei. Die aus Saint-Germains kommenden Briefe waren an Zahl und Umfang klein; um so zahlreicher und voluminöser aber waren die dahin abgehenden. Sie wurden wie Packete von Modewaaren verpackt und in dem Sumpfe vergraben, bis der Kaper sie abforderte.
Hier landete Barclay im Januar 1696, und von hier aus schlug er den Weg nach London ein. Wenige Tage später folgte ihm ein schlanker junger Mann, der seinen Namen verschwieg, aber Accreditive von höchster Autorität vorzeigte. Dieser junge Mann begab sich ebenfalls nach London. Hunt erfuhr nachher, daß sein bescheidenes Dach die Ehre gehabt hatte, den Herzog von Berwick zu beherbergen.[98]
Die Rolle, welche Barclay zu spielen hatte, war schwierig und gefährlich, und er unterließ keine Vorsichtsmaßregel. Er war selten in London gewesen und sein Aeußeres war daher den Agenten der Regierung unbekannt. Gleichwohl hatte er mehrere Wohnungen, verkleidete sich so gut, daß seine ältesten Freunde ihn am hellen Tage nicht erkannt haben würden, und doch wagte er sich selten auf die Straße, außer im Dunklen. Sein Hauptagent war ein Mönch, der mit Gefahr seines Kopfes unter verschiedenen Namen Beichte abnahm und Messe las. Dieser Mann theilte einigen von den Zeloten, mit denen er verkehrte, mit, daß ein Specialagent der königlichen Familie an gewissen Abenden zu einer gewissen Stunde in Coventgarden zu sprechen und an gewissen Zeichen kenntlich sei.[99] Auf diese Weise lernte Barclay mehrere für seine Zwecke geeignete Männer kennen. Die Ersten, denen er sich völlig offenbarte, waren Charnock und Parkyns. Er sprach mit ihnen über das Complot, das sie mit einigen ihrer Freunde im vergangenen Frühjahr gegen das Leben Wilhelm’s geschmiedet hatten. Charnock sowohl als Parkyns erklärten, daß der Plan leicht ausführbar sei, daß es unter den Royalisten nicht an beherzten Männern fehle und daß es nur eines Zeichen von Zustimmung von Seiten Sr. Majestät bedürfe.
Barclay producirte nun seine Vollmacht. Er bewies seinen beiden Complicen, daß Jakob ausdrücklich allen guten Engländern anbefohlen hatte, nicht allein sich mit bewaffneter Hand zu erheben, nicht allein gegen die Regierung des Usurpators Krieg zu führen, nicht allein Festungen und Städte einzunehmen, sondern auch von Zeit zu Zeit solche anderweitige Acte von Feindseligkeit gegen den Prinzen von Oranien vorzunehmen, wie sie dem Könige dienlich wären. Diese Worte, sagte Barclay, autorisirten offenbar einen Angriff auf die Person des Prinzen. Charnock und Parkyns waren befriedigt. Wie konnten sie in der That Zweifeln, daß Jakob’s vertrauter Agent seine Worte richtig deutete? Ja, wie hätten sie die umfassenden Worte der Vollmacht anders als in dem einen Sinne verstehen können, selbst wenn Barclay nicht dagewesen wäre, um sie zu commentiren? Wäre der Gegenstand niemals Jakob zur Erwägung unterbreitet worden, so hätte man allerdings glauben können, daß jene Worte seiner Feder ohne eine bestimmte Bedeutung entschlüpft seien. Aber es war ihm wiederholt mitgetheilt worden, daß einige seiner Freunde in England eine blutige That im Sinne hätten und daß sie nur auf seine Zustimmung warteten. Sie waren in ihn gedrungen, ein Wort zu sprechen, einen Wink zu geben. Er hatte lange geschwiegen, und jetzt wo er das Stillschweigen brach, sagte er ihnen bloß, sie möchten Alles thun, was ihm nützlich und dem Usurpator nachtheilig sein könnte. Sie hatten seine Erlaubniß in so deutlichen Ausdrücken, wie sie dieselbe in einem solchen Falle vernünftigerweise nur erwarten konnten.[100]
Es kam nur noch darauf an, eine genügende Anzahl muthiger und zuverlässiger Helfershelfer zu finden, für Pferde und Waffen zu sorgen und Ort und Stunde der Ermordung zu bestimmen. Vierzig bis fünfzig Mann wurden für ausreichend gehalten. Die Reiter von Jakob’s Garde, welche Barclay bereits über den Kanal gefolgt waren, bildeten ziemlich die Hälfte von dieser Anzahl. Jakob hatte selbst mit einigen dieser Leute vor ihrer Abreise von Saint-Germains gesprochen, ihnen Reisegeld gegeben, ihnen gesagt, welchen Namen jeder von ihnen in England annehmen sollte, ihnen befohlen, nach Barclay’s Weisungen zu handeln, und sie unterrichtet, wo Barclay zu finden und an welchem Zeichen er zu erkennen war.[101] Sie hatten Ordre, in kleinen Gruppen abzureisen und verschiedene Beweggründe für ihre Reise anzugeben. Einige waren krank, Andere waren des Dienstes überdrüssig; Cassels, einer der Lautesten und Profansten unter ihnen, sagte, daß er, weil er beim Militär keine Beförderung erlangen könne, in das schottische Collegium eintreten und eine Brotwissenschaft studiren wolle. Unter derartigen Vorwänden verließen etwa zwanzig auserwählte Männer den Palast Jakob’s, gingen über Romney Marsh nach London und fanden ihren Anführer im düstren Lampenlichte der Colonnade mit aus der Tasche herabhängendem Sacktuche auf und nieder gehen. Einer dieser Leute war Ambrosius Rookwood, der den Grad eines Brigadiers hatte und eines hohen Rufes von Muth und Ehrenhaftigkeit genoß; ein Andrer war der Major Johann Bernardi, ein Abenteurer von genuesischer Abkunft, dessen Name eine traurige Berühmtheit erlangt hat durch eine Strafe, die sich so unglaublich verlängerte, daß sie endlich noch eine Generation zu Mitleid rührte, die sich seines Verbrechens nicht erinnern konnte.[102]
Auf diese Abenteurer aus Frankreich setzte Barclay hauptsächlich sein Vertrauen. In einem Augenblicke emphatischer Ueberhebung nannte er sie seine Janitscharen und sprach die Hoffnung aus, daß sie ihm das St. Georgskreuz und den Hosenbandorden verschaffen würden. Aber es waren mindestens noch zwanzig Mörder nöthig. Wahrscheinlich erwarteten die Verschwörer werthvollen Beistand von Seiten Sir John Friend’s, der ein von Jakob ausgestelltes Oberstenpatent erhalten und um die Zeit, wo die Franzosen an der Küste von Kent erscheinen sollten, mit großer Thätigkeit Mannschaften angeworben und Waffen herbeigeschafft hatte. Der Plan wurde ihm mitgetheilt, aber er hielt ihn für so unüberlegt und war so fest überzeugt daß er der guten Sache nur schaden konnte, daß er seinen Freunden keinen Beistand leihen wollte, obgleich er ihr Geheimniß gewissenhaft bewahrte.[103] Charnock nahm es auf sich, acht entschlossene und zuverlässige Männer zu finden. Er theilte den Plan Porter mit, was Barclay nicht ganz billigte, denn er meinte, daß man einem Wirthshausraufbold, der noch kürzlich im Gefängniß gesessen, weil er betrunken in den Straßen umher renommirt und Hurrahs zu Ehren des Prinzen von Wales gerufen hatte, nicht wohl ein Geheimniß von so gefährlicher Wichtigkeit anvertrauen könne. Porter ging mit Begeisterung auf das Complot ein und versprach, noch Andere mit hereinzuziehen, welche nützlich sein würden. Zu Denen, deren Unterstützung er gewann, gehörte sein Diener, Thomas Keyes. Keyes war ein viel gefährlicherer Verschwörer, als man es bei seiner socialen Stellung hätte erwarten sollen. Die Haustruppen waren im allgemeinen Wilhelm ergeben; unter den Blauen aber herrschte ein Anflug von Abneigung gegen ihn. Die Hauptverschwörer hatten sich schon mit einigen bei diesem Regiment stehenden Katholiken in Vernehmen gesetzt, und Keyes war hierzu ganz besonders gut zu brauchen, denn er war früher Trompeter des Corps gewesen, und obwohl er seinen Abschied genommen, stand er doch noch immer in einem freundschaftlichen Verhältnisse mit einigen von den alten Soldaten, in deren Gesellschaft er nach der Schlacht bei Sedgemoor auf Kosten der Pächter von Somersetshire gelebt hatte.
Parkyns, der alt und gichtbrüchig war, konnte nicht persönlich Antheil an dem Mordwerke nehmen. Aber er beschäftigte sich mit Besorgung von Pferden, Sätteln und Waffen für seine jüngeren und thätigeren Complicen. In dieser Beschäftigung wurde er durch Karl Cranburne unterstützt, einen Menschen, der schon längst als Mäkler zwischen jakobitischen Verschwörern und Leuten diente, die mit Hieb- und Schußwaffen handelten. Barclay gab speciellen Befehl, daß die Degen mehr zum Stechen als zum Schlagen eingerichtet werden sollten. Er selbst warb Eduard Lowick an, der als Major in der irischen Armee gedient hatte und seit der Capitulation von Limerick sehr still und eingezogen in London lebte. Der Mönch, den Barclay zuerst ins Vertrauen gezogen hatte, empfahl zwei geschäftige Papisten, Richard Fisher und Christoph Knightley, und diese Empfehlung wurde für genügend erachtet. Knightley zog Eduard King, einen römisch-katholischen Gentleman von heißblütigem und unruhigem Temperament, herbei, und King verschaffte die Mithülfe eines französischen Spielers und Bramarbas, Namens De la Rue.[104]
Mittlerweile hielten die Häupter der Verschwörung häufige Zusammenkünfte in hochverrätherischen Tavernen, um einen Operationsplan zu verabreden. Mehrere Pläne wurden vorgeschlagen, beifällig aufgenommen, nach reiflicherer Erwägung aber fallen gelassen. Einmal war man der Meinung, daß ein nächtlicher Angriff auf Kensington wahrscheinlich gelingen werde. Die äußere Mauer sei leicht zu übersteigen, und wenn einmal vierzig bewaffnete Männer im Garten seien, würde der Palast bald erstürmt oder in Brand gesteckt sein. Einige waren der Ansicht, daß es am besten sein würde, den Handstreich an einem Sonntage zu unternehmen, wenn Wilhelm sich von Kensington in die Kapelle des St. Jamespalastes begebe, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Die Mörder sollten sich auf der Stelle versammeln, wo jetzt Apsley House und Hamilton Palace stehen. In dem Augenblicke wo der Wagen des Königs Hyde Park verließe, um in den jetzigen Green Park einzulenken, sollten Dreißig von den Verschwörern, wohl beritten, über die Garden herfallen. Die Garden waren gewöhnlich nur fünfundzwanzig Mann stark, der Angriff müßte ihnen natürlich ganz unverhofft kommen und sehr wahrscheinlich würde die Hälfte von ihnen todtgeschossen oder niedergehauen sein, bevor sie einen Schlag thun könnten. Währenddem sollten zehn bis zwölf beherzte Männer zu Fuß durch Niederschießen der Pferde den Wagen anhalten, worauf sie dann ohne Schwierigkeit mit dem Könige fertig werden würden. Endlich gab man einem ursprünglich von Fisher entworfenen und von Porter weiter ausgeführten Plane den Vorzug. Wilhelm pflegte jeden Sonnabend zur Jagd nach Richmond Park zu fahren. Damals war zwischen London und Kingston noch keine Brücke über die Themse. Der König fuhr daher in einem von wenigen Leibgardisten begleiteten Wagen über Turnham Green nach dem Flusse. Hier bestieg er ein Boot, setzte über den Fluß und fand auf der Surreyseite einen andren Wagen mit einem andren Trupp Leibgardisten seiner wartend. Der erste Wagen und die erste Eskorte erwarteten am nördlichen Ufer seine Zurückkunft. Die Verschwörer ermittelten mit großer Genauigkeit das ganze Arrangement bei diesen Ausflügen und untersuchten sorgfältig das Terrain auf beiden Seiten der Themse. Sie waren der Meinung, daß sie den König vortheilhafter auf der Middlesexseite als auf der Surreyseite, und besser auf dem Rückwege als auf dem Hinwege angreifen würden. Denn auf der Hinfahrt wurde er oft von einem zahlreichen Gefolge von Lords und Gentlemen bis zum Flusse begleitet; auf der Rückfahrt aber hatte er nur seine Garden bei sich. Ort und Zeit wurden festgesetzt. Der Ort sollte eine enge und krumme Gasse sein, die vom Landungsplatze auf der Nordseite des Flusses nach Turnham Green führte. Die Stelle ist noch jetzt leicht zu finden. Der Boden ist seitdem durch Gräben entwässert worden; im 17. Jahrhundert aber war er eine Sumpflache, durch welche der königliche Wagen nur mit Mühe im Schritt gezogen werden konnte. Der Zeitpunkt sollte der Nachmittag des 15. Februars, eines Sonnabends, sein. An diesem Tage sollten sich die Vierzig in kleinen Gruppen in verschiedenen öffentlichen Häusern unweit des Angers versammeln. Sobald das Zeichen gegeben wurde, daß der Wagen sich nähere, sollten sie aufsitzen und sich an ihre Posten begeben. Wenn die Cavalcade die Gasse heraufkam, sollte Charnock die Gardisten im Rücken, Rookwood von der einen und Porter von der andren Seite angreifen. Unterdessen sollte Barclay mit acht zuverlässigen Männern den Wagen anhalten und die That vollbringen. Damit den Verschwörern keine Bewegung des Königs entging, wurden zwei Ordonnanzen ernannt, die den Palast bewachen sollten. Einer von diesen beiden Männern, ein kühner und thätiger Flamländer, war speciell beauftragt, Barclay von Allem genau zu unterrichten. Der Andere, der mit Charnock Communication unterhalten sollte, war ein Raufbold, Namens Chambers, der in der irischen Armee gedient, am Boyne eine schwere Wunde in die Brust erhalten hatte und wegen dieser Verwundung einen heftigen persönlichen Haß gegen Wilhelm empfand.[105]
Berwick’s Complot scheitert.
Während Barclay alle seine Anstalten zur Ermordung traf, bemühte sich Berwick, die jakobitische Aristokratie zur bewaffneten Erhebung zu überreden. Dies war jedoch keine leichte Aufgabe. Es wurden mehrere Berathungen gehalten und es fand eine große Musterung der Partei unter dem Vorwande einer Maskerade statt, zu welcher Billets zu einer Guinee das Stück unter die Eingeweihten vertheilt wurden.[106] Alles lief jedoch auf Reden, Singen und Trinken hinaus. Viele angesehene und wohlhabende Männer erklärten zwar, daß sie das Schwert für ihren rechtmäßigen Souverain ziehen würden, sobald ihr rechtmäßiger Souverain mit einer französischen Armee auf der Insel erschiene, und Berwick war ermächtigt worden, ihnen zu versichern, daß eine französische Armee geschickt werden solle, sobald sie das Schwert gezogen haben würden. Aber zwischen dem was sie verlangten und dem was er zuzusagen ermächtigt war, bestand eine Differenz, die keinen Vergleich gestattete. Ludwig wollte in seiner damaligen Lage nicht elf- bis zwölftausend Soldaten auf bloße Versprechungen hin opfern. Aehnliche Versprechungen waren schon 1690 gemacht worden, und doch hatten sich, als die Flotte Tourville’s an der Küste von Devonshire erschienen war, die westlichen Grafschaften wie ein Mann zur Vertheidigung der Regierung erhoben, und nicht ein einziger Mißvergnügter hatte auch nur einen Laut zu Gunsten der Angreifer zu äußern gewagt. Aehnliche Versprechungen waren auch 1692 gemacht worden, und dem Vertrauen, das man in diese Versprechungen gesetzt hatte, mußte die große Niederlage von La Hogue zugeschrieben werden. Zum dritten Male wollte sich der König von Frankreich nicht täuschen lassen. Er wollte den englischen Royalisten sehr gern helfen, aber er wollte erst sehen, daß sie sich selbst halfen. Dies hatte guten Grund, aber was die Jakobiten auf der andren Seite geltend machten, hatte ebenfalls guten Grund. Wenn sie, sagten sie, ohne ein einziges disciplinirtes Regiment zur Seite zu haben, sich gegen einen durch eine reguläre Armee unterstützten Usurpator erhöben, so würden sie Alle in Stücken gehauen sein, bevor die Nachricht von ihrer Erhebung nach Versailles gelangte. Da Berwick keine Hoffnung machen konnte, daß eine Invasion erfolgen würde, bevor eine Insurrection stattfand, und da der Entschluß seiner englischen Freunde, keine Insurrection zu veranlassen, bevor eine Invasion stattfand, unerschütterlich war, so hatte er hier nichts mehr zu thun und sehnte sich danach wieder abzureisen.
Er sehnte sich um so mehr nach der Abreise, als der 15. Februar herannahte. Denn er stand in fortwährender Communication mit Barclay und war genau von allen Details des Verbrechens unterrichtet, das an diesem Tage verübt werden sollte. Er galt im allgemeinen für einen Mann von starrer und selbst unfreundlicher Rechtschaffenheit. Aber sein Sinn für Recht und Unrecht war durch seinen Eifer für die Interessen seiner Familie und durch seinen Respect vor den Lehren seiner Priester dergestalt verwirrt worden, daß er, wie er selbst offen bekannt hat, sich nicht verpflichtet glaubte, die Mörder von der Ausführung ihres Vorhabens abzubringen. Er hatte in der That nur ein Bedenken gegen den Plan, und dieses Bedenken behielt er für sich. Es bestand einfach darin, daß alle Betheiligten sehr wahrscheinlich gehängt werden würden. Das war jedoch ihre Sache, und wenn sie Lust hatten, sich für die gute Sache einer solchen Gefahr auszusetzen, so stand es ihm nicht zu, ihnen davon abzurathen. Seine Mission war von der ihrigen völlig gesondert; er sollte nicht im Verein mit ihnen handeln, und er war daher auch nicht geneigt, mit ihnen zu leiden. Demgemäß eilte er zurück nach dem Romney Moor und setzte nach Calais über.[107]
In Calais fand er Vorbereitungen zu einer Landung in Kent im Werke. Die Stadt war mit Truppen, der Hafen mit Transportschiffen angefüllt. Boufflers hatte Befehl erhalten, sich aus Flandern dahin zu begeben und das Commando zu übernehmen. Jakob selbst wurde täglich erwartet. Er war in der That bereits von Saint-Germains abgereist. Doch Berwick wollte nicht warten. Er schlug die Straße nach Paris ein, traf in Clermont mit seinem Vater zusammen und erstattete ihm ausführlichen Bericht über die Lage der Dinge in England. Seine Sendung, sagte er, sei gescheitert. Die royalistische Noblesse und Gentry seien entschlossen, sich nicht eher zu erheben, als bis eine französische Armee auf der Insel ankäme. Es sei indeß noch eine Hoffnung: binnen wenigen Tagen werde wahrscheinlich die Nachricht eintreffen, daß der Usurpator nicht mehr sei, und diese Nachricht werde die ganze Gestalt der Dinge ändern. Jakob beschloß, sich nach Calais zu begeben und dort den Ausgang von Barclay’s Complot zu erwarten. Berwick eilte nach Versailles zurück, um Ludwig von Allem genau zu unterrichten. Welcher Art seine Mittheilungen waren, ersehen wir aus Berwick’s eigner Erzählung. Er sagte dem Könige von Frankreich geradezu, daß eine kleine Schaar loyaler Männer demnächst ein Attentat auf das Leben des großen Feindes Frankreich’s machen werde. Die nächste Post könne die Meldung eines Ereignisses bringen, die wahrscheinlich die englische Regierung stürzen und die europäische Coalition auflösen werde. Man hätte denken sollen, daß ein Fürst, der den Character eines frommen Christen und eines hochsinnigen Cavaliers so prunkend zur Schau trug, augenblicklich Maßregeln ergriffen haben würde, um seinem Rivalen einen warnenden Wink zu geben, der vielleicht noch zur rechten Zeit kam, und daß er die Gäste, die seine Gastfreundschaft so gröblich mißbrauchten, scharf tadeln würde. Doch Ludwig that nichts von dem Allen. Wäre er um seine Einwilligung zu einem Morde angegangen worden, so würde er sie wahrscheinlich mit Entrüstung verweigert haben. Die Mittheilung aber, daß ohne seine Einwilligung wahrscheinlich ein Verbrechen begangen werden würde, daß seinen Interessen weit förderlicher sein mußte als zehn solcher Siege wie der von Landen, erregte keineswegs seinen Unwillen. Er schickte den Befehl nach Calais, daß seine Flotte in Bereitschaft gehalten werden solle, damit er im Stande sei, aus der großen Krisis, die er erwartete, Nutzen zu ziehen. Inzwischen erwartete Jakob in Calais mit noch größerer Ungeduld das Zeichen, daß sein Neffe nicht mehr war. Dieses Zeichen sollte durch ein Feuer gegeben werden, zu dem das Holz bereits auf den Klippen von Kent zusammengetragen wurde und das über dem Kanal sichtbar sein sollte.[108]
Entdeckung des Mordanschlags.
Doch über Verschwörungen wie die Barclay’s und Charnock’s hat bei uns zu Lande immer ein eignes Verhängniß geschwebt. Die Engländer betrachten den Meuchelmord mit einem ihnen eigenen Widerwillen und haben ihn seit mehreren Jahrhunderten stets so betrachtet. Dieses Gefühl ist in der That so specifisch englisch, daß es selbst heute noch nicht irisch genannt werden kann und bis vor Kurzem auch nicht schottisch war. In Irland wird der Schurke, der aus einem Hinterhalte auf seinen Feind schießt, noch jetzt nur zu oft durch die öffentliche Sympathie gegen die Gerechtigkeit in Schutz genommen. In Schottland wurden Mordpläne während des 16. und 17. Jahrhunderts nicht selten glücklich ausgeführt, obgleich eine Menge Leute darum wußten. Die Ermordungen Beaton’s, Rizzio’s, Darnley’s, Murray’s und Sharpe’s sind sprechende Beispiele. Die Royalisten, welche Lisle in der Schweiz ermordeten, waren Irländer; die Royalisten, welche Ascham in Madrid ermordeten, waren Irländer; die Royalisten, welche Dorislaus im Haag ermordeten, waren Schotten. Sobald in England ein solcher Plan aufhört, ein in den Falten eines unzufriedenen und verderbten Herzens verborgenes Geheimniß zu sein, ist die Gefahr der Entdeckung und des Scheiterns sehr groß. Felton und Bellingham vertrauten sich keinem menschlichen Wesen an, und sie waren daher im Stande, ihr böses Vorhaben auszuführen. Aber Babington’s Verschwörung gegen Elisabeth, Fawke’s Verschwörung gegen Jakob, Gerard’s Verschwörung gegen Cromwell, das Ryehousecomplot, die Verschwörung von Cato Street wurden alle entdeckt, vereitelt und bestraft. Einer solchen Verschwörung droht bei uns in der That gleich große Gefahr von Seiten der guten wie der schlechten Eigenschaften der Verschwörer. Ein Engländer, der nicht ohne alles Gewissen und Ehrgefühl ist, wird sich schwerlich in ein Complot zur Ermordung eines nichtsahnenden Mitmenschen einlassen; und ein Schurke, der weder Gewissen noch Ehrgefühl hat, wird sehr wahrscheinlich viel über die Gefahr, der er ausgesetzt ist, wenn er seinen Genossen treu bleibt, und über die Belohnung nachdenken, die er zu erwarten hat, wenn er sie verräth. Allerdings giebt es auch Menschen, in denen der religiöse oder politische Fanatismus jedes moralische Gefühl in einem gewissen Punkte erstickt, im allgemeinen aber dieses Gefühl unversehrt gelassen hat. Ein solcher Mensch war Digby. Er trug kein Bedenken, König, Lords und Gemeinen in die Luft zu sprengen. Seinen Mitschuldigen aber war er gewissenhaft und ritterlich treu, und selbst die Furcht vor der Folter vermochte nicht ihm ein Wort auszupressen, das ihnen hätte nachtheilig werden können. Doch diese Vereinigung von Schlechtigkeit und Heroismus ist höchst selten. Die große Mehrzahl der Menschen ist nicht verderbt genug oder nicht tugendhaft genug, um treue und aufopfernde Mitglieder verrätherischer und blutiger Bündnisse zu sein, und wenn ein einziges Mitglied entweder nicht die nöthige Schlechtigkeit oder nicht die nöthige Tugend besitzt, so ist das ganze Bündniß in Gefahr. Einen Verein von vierzig Engländern zusammenzubringen, die sämmtlich gefühllose Kehlabschneider und dabei doch so rechtschaffen und hochherzig sind, daß weder die Hoffnung auf Reichthum noch die Furcht vor dem Galgen Einen von ihnen verleiten könnte, gegen die Uebrigen falsch zu sein, ist bisher unmöglich gewesen und wird es hoffentlich immer bleiben.
Es befanden sich unter Barclay’s Anhängern Leute, die zu schlecht, und Leute, die zu gut waren, als daß man ihnen ein Geheimniß wie das seinige hätte anvertrauen können. Der Erste, dem der Muth sank, war Fisher. Schon ehe noch Zeit und Ort des Verbrechens festgesetzt waren, suchte er um eine Audienz bei Portland nach und theilte diesem Lord mit, daß ein Anschlag auf das Leben des Königs im Werke sei. Einige Tage darauf brachte Fisher noch genauere Nachrichten. Doch sein Ruf war nicht von der Art, daß seine Aussagen besonderen Glauben verdient hätten, und die Schurkereien Fuller’s, Young’s, Whitney’s und Taafe’s hatten verständige Männer etwas ungläubig gegen Verschwörungsgeschichten gemacht. Portland scheint daher, obgleich er in der Regel sehr leicht zu beunruhigen war, wo es sich um das Wohl und Wehe seines Gebieters und Freundes handelte, wenig Gewicht auf die Sache gelegt zu haben. Am Abend des 14. Februars aber erhielt er einen Besuch von Jemandem, dessen Aussage er nicht leicht nehmen konnte. Dies war ein katholischer Gentleman von anerkanntem Muthe und ehrenhafter Gesinnung, Namens Pendergraß. Er war den Tag vorher aus Hampshire in die Stadt gekommen in Folge einer dringenden Einladung von Porter, der bei aller seiner Sittenlosigkeit und Characterlosigkeit Pendergraß stets der liebevollste Freund, ja fast ein Vater gewesen war. Bei einem jakobitischen Aufstande würde Pendergraß wahrscheinlich einer der Ersten gewesen sein. Aber mit Entsetzen vernahm er, daß man von ihm die Betheiligung an einer abscheulichen und schimpflichen That erwartete. Er sah sich in einer von den Lagen, welche für edle und gefühlvolle Naturen am quälendsten sind. Was sollte er thun? Sollte er einen Mord begehen? Sollte er einen Mord geschehen lassen, den er verhindern konnte? Doch sollte er einen Mann verrathen, der, wie strafbar er auch sein mochte, ihn stets mit Wohlthaten überhäuft hatte? War es nicht vielleicht möglich, Wilhelm zu retten, ohne Porter zu schaden? Pendergraß beschloß, den Versuch zu machen. „Mylord,” sagte er zu Portland, „wenn Ihnen das Leben des Königs Wilhelm lieb ist, so lassen Sie ihn morgen nicht zur Jagd fahren. Er ist der Feind meiner Religion; aber meine Religion gebietet mir, ihm diesen Wink zu geben. Die Namen der Verbrecher bin ich jedoch entschlossen zu verschweigen; einige von ihnen sind meine Freunde, einer insbesondere ist mein Wohlthäter, und ich mag sie nicht verrathen.”
Portland begab sich sogleich zum Könige; dieser aber nahm die Mittheilung sehr kalt auf und schien entschlossen, sich durch eine solche müßige Geschichte nicht das Vergnügen eines guten Jagdtages verderben zu lassen. Portland demonstrirte und bat vergebens. Endlich sah er sich gezwungen, die Drohung auszusprechen, daß er die ganze Geschichte auf der Stelle öffentlich bekannt machen würde, wenn Se. Majestät nicht einwilligte, den folgenden Tag zu Hause zu bleiben; und diese Drohung wirkte.[109]
Sonnabend der 15. erschien. Die Vierzig waren bereit zu Pferde zu steigen, als sie von den Ordonnanzen, welche Kensington House bewachten, die Meldung erhielten, daß der König diesen Morgen nicht auf die Jagd zu gehen gedenke. „Der Fuchs,” sagte Chambers mit rachsüchtiger Bitterkeit, „bleibt in seinem Baue.” Dann öffnete er sein Hemd, zeigte die große Narbe auf seiner Brust und gelobte Wilhelm Rache.
Der erste Gedanke der Verschwörer war, daß ihr Vorhaben entdeckt sei. Aber sie wurden bald darüber beruhigt. Es wurde ausgesprengt, das Wetter habe den König zu Hause zurückgehalten, und der Tag war in der That kalt und stürmisch. Es zeigte sich keine ungewöhnliche Bewegung im Palaste. Es wurden keine außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Es fanden keine Verhaftungen statt. Man hörte in den Kaffeehäusern kein ominöses Geflüster. Die Verzögerung war unangenehm, aber im Grunde war der nächste Sonnabend, der 22., eben so gut.
Ehe jedoch der nächste Sonnabend herankam, war ein dritter Angeber, De la Rue, im Palaste erschienen. Sein Lebenswandel verlieh ihm zwar keinen großen Anspruch auf Achtung; aber seine Erzählung stimmte mit den Angaben Fisher’s und Pendergraß’ so genau überein, daß selbst Wilhelm an eine wirkliche Gefahr zu glauben begann.
Sehr spät am Freitagabend, dem 21., wurde Pendergraß, der bis jetzt noch viel weniger enthüllt hatte, als die beiden anderen Angeber, dessen einfaches Wort aber mehr werth war als Beider Eide zusammengenommen, ins königliche Cabinet beschieden. Der treue Portland und der tapfere Cutts waren die einzigen Zeugen der sonderbaren Unterredung zwischen dem Könige und seinem hochherzigen Feinde. Wilhelm drang mit einer Artigkeit und Lebhaftigkeit, die er selten zeigte, aber niemals anwendete, ohne damit einen tiefen Eindruck zu machen, in Pendergraß, sich offen auszusprechen. „Sie sind ein Mann von wahrer Rechtschaffenheit und Ehre, und ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet; aber Sie müssen einsehen, daß die nämlichen Betrachtungen, die Sie bewogen haben, uns so viel zu sagen, Sie bestimmen sollten, uns noch mehr zu sagen. Die warnenden Winke, die Sie bis jetzt gegeben haben, sind nur geeignet, mich gegen Jeden, der in meine Nähe kommt, mißtrauisch zu machen. Sie sind hinreichend, mir das Leben zu verbittern, nicht aber es mir zu erhalten. Sie müssen mir die Namen dieser Leute nennen.” Ueber eine halbe Stunde fuhr der König fort zu bitten, Pendergraß, sich zu weigern. Endlich sagte Pendergraß, daß er die verlangten Aufschlüsse geben wolle, wenn man ihm die Zusicherung gebe, daß sie nur zur Verhinderung des Verbrechens und nicht zum Verderben der Verbrecher benutzt werden sollten. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,” sagte Wilhelm, „daß Ihre Aussage gegen Niemanden ohne Ihre freie Zustimmung benutzt werden wird.” Es war längst Mitternacht vorüber, als Pendergraß die Namen der Hauptverschwörer aufschrieb.
Während dies in Kensington geschah, schwelgte ein großer Theil der Mörder in einem jakobitischen Wirthshause in Maiden Lane. Hier empfingen sie ihre letzten Befehle für den folgenden Tag. „Morgen oder nie,” sagte King. „Morgen Kinder,” rief Cassels mit einem Fluche, „wollen wir reine Wirthschaft machen.” Der Morgen kam. Alles war bereit; die Pferde waren gesattelt, die Pistolen geladen, die Degen geschliffen, die Ordonnanzen auf ihrem Posten. Letztere schickten frühzeitig die Meldung aus dem Palaste, daß der König gewiß auf die Jagd fahre; alle gewöhnlichen Anstalten seien getroffen, eine Abtheilung Garden sei über Kingston Bridge nach Richmond geschickt worden; die königlichen Wagen, jeder mit sechs Pferden bespannt, seien aus den Ställen von Charing Croß nach Kensington abgegangen. Die Hauptmörder versammelten sich in der heitersten Stimmung in Porter’s Wohnung. Pendergraß, der auf Befehl des Königs ebenfalls in ihrer Mitte erschien, wurde mit wildem Jubel empfangen. „Pendergraß,” sagte Porter, „Sie sind zu einem der Acht ernannt, die ihn hinüber befördern sollen. Ich habe ein Musketon für Sie, das acht Kugeln hält.” — „Mr. Pendergraß,” sagte King, „bitte, scheuen Sie sich nicht, die Glasscheiben zu zertrümmern.” Von Porter’s Wohnung begab sich die Gesellschaft nach den „Blue Posts” in Spring Gardens, wo sie einige Erfrischungen einzunehmen gedachte, bevor sie nach Turnham Green aufbrach. Sie saßen bei Tische, als von einer der Ordonnanzen die Meldung kam, daß der König sich anders besonnen habe und nicht auf die Jagd fahren werde; und kaum hatten sie sich von ihrem Erstaunen über diese unheilverkündende Botschaft erholt, als Keyes, der ausgegangen war, um unter seinen ehemaligen Kameraden zu recognosciren, mit noch unheilverkündenderen Nachrichten ankam, „Die Wagen sind nach Charing Croß zurückgekehrt. Die nach Richmond vorausgeschickten Garden sind so eben im gestreckten Galopp, die Flanken ihrer Pferde mit Schaum bedeckt, wieder in Kensington angelangt. Ich habe mit einem der Blauen einige Worte gesprochen, und er sagte mir, daß ganz wunderliche Dinge gemunkelt würden.” Die Gesichter der Mörder verlängerten sich und das Herz sank ihnen in der Brust. Porter machte einen schwachen Versuch, seine Unruhe zu verbergen. Er nahm eine Orange und zerdrückte sie. „Was heute nicht geschehen kann, kann ein andermal geschehen. Kommen Sie, meine Herren, lassen Sie uns, bevor wir auseinandergehen, noch ein Glas auf das Zerquetschen der faulen Orange trinken.” Man trank auf das Zerquetschen der faulen Orange und die Gesellschaft zerstreute sich.[110]
Noch wenige Stunden und sämmtliche Verschwörer gaben jede Hoffnung auf. Einige von ihnen schöpften Trost aus dem Gerücht, daß der König Arzenei eingenommen habe und daß dies der einzige Grund gewesen, warum er nicht nach Richmond gefahren sei. Wenn dies wahr sei, könne der Schlag noch immer geführt werden. Zwei Sonnabende seien ungünstig gewesen; aber der Sonntag stehe bevor, und man könne einen der früher besprochenen und aufgegebenen Pläne wieder in Erwägung ziehen. Man könne den Usurpator am Rande von Hydepark auf seinem Wege in die Kapelle überfallen. Charnock war zu jedem, auch noch so verzweifelten Unternehmen bereit. Wenn die Jagd einmal begonnen habe, meinte er, sei es besser, bis zum letzten Athemzuge um sich beißend und kratzend zu sterben, als sich ohne Widerstand oder Rache zu Tode hetzen zu lassen. Er berief einige seiner Complicen in eines der zahlreichen Häuser, in denen er eine Wohnung hatte, und setzte ihnen mit Toasten auf den König, die Königin, den Prinzen und den großen Monarchen, wie sie Ludwig XIV. nannten, hart zu. Aber die Angst und Muthlosigkeit der Bande waren stärker, als die Macht des Weines, und es hatten sich so Viele heimlich fortgeschlichen, daß die Zurückgebliebenen wenig ausrichten konnten. Im Laufe des Nachmittags erfuhr man, daß die Palastwachen verstärkt worden seien, und bald nach Einbruch der Dunkelheit eilten Boten des Staatssekretärs mit Fackeln, begleitet von Musketierpikets, durch die Straßen. Vor Anbruch des Sonntagmorgens war Charnock in Sicherheit gebracht. Ein wenig später wurden Rookwood und Bernardi in einem jakobitischen Alehause auf Tower Hill im Bett gefunden. Im Laufe des Vormittags wurden noch siebzehn weitere Verräther ergriffen und auch drei Mann von den Blauen in Arrest geschickt. Es wurde noch diesen Morgen eine Staatsrathssitzung gehalten, und sobald sie aufgehoben war, ging ein Expresser nach Flandern ab, um einige Regimenter von dort zurückzuberufen; Dorset reiste nach Sussex ab, dessen Lordlieutenant er war; Romney, der Aufseher der Fünfhäfen, begab sich an die Küste von Kent, und Russell eilte die Themse hinunter, um das Commando der Flotte zu übernehmen. Am Abend hielt der Staatsrath wieder Sitzung. Einige der Gefangenen wurden verhört und ins Gefängniß geschickt. Der anwesende Lordmayor wurde von der gemachten Entdeckung in Kenntniß gesetzt und speciell beauftragt, für die Ruhe der Hauptstadt zu sorgen.[111]
Am Montagmorgen waren alle Milizen der City unter den Waffen. Der König begab sich mit feierlichem Gepränge ins Haus der Lords, ließ die Gemeinen entbieten und sagte dem Parlamente vom Throne herab, daß er ohne den Schutz einer allgütigen Vorsehung in diesem Augenblicke eine Leiche und eine französische Armee unterwegs sein würde, um in das Königreich einzufallen. Die Gefahr einer Invasion, setzte er hinzu, sei noch immer groß, aber er habe bereits diejenigen Anordnungen getroffen, die, wie er hoffe, zum Schutze des Landes hinreichen würden. Einige Verräther seien eingezogen, gegen andere seien Verhaftsbefehle erlassen; er werde in dieser Krisis seine Schuldigkeit thun und hege das feste Vertrauen zu den Häusern, daß sie auch die ihrige thun würden.[112]
Parlamentarische Schritte bezüglich des Mordanschlags.
Die beiden Häuser votirten sofort eine gemeinschaftliche Adresse, in der sie dankbar die göttliche Güte anerkannten, die ihn seinem Volke erhalten, und ihn beschworen, mehr als gewöhnlich Acht auf seine Person zu haben. Sie schlossen mit der dringenden Mahnung, alle Diejenigen, die er für gefährlich halte, festnehmen und in Sicherheit bringen zu lassen. An dem nämlichen Tage wurden zwei wichtige Bills bei den Gemeinen eingebracht. Durch die eine wurde die Habeascorpusacte suspendirt. Die andre bestimmte, daß das Parlament durch Wilhelm’s Tod nicht aufgelöst werden solle. Sir Rowland Gwyn, ein achtbarer Landgentleman, stellte einen Antrag, dessen wichtige Folgen er gewiß nicht im entferntesten ahnete. Er schlug vor, daß die Mitglieder einen Verein zur Vertheidigung ihres Souverains und ihres Vaterlandes bilden sollten. Montague, der die besondere Gabe besaß, einen Wink rasch aufzufassen und zu benutzen, erkannte sogleich, wie sehr ein solcher Verein die Regierung und die Whigpartei kräftigen mußte.[113] Es wurde unverzüglich ein Dokument aufgesetzt, durch das die Vertreter des Volks, jeder für seine Person, feierlich Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König anerkannten und sich verpflichteten, ihm und einander unter sich gegen Jakob und dessen Anhänger beizustehen. Schließlich gelobten sie, daß, wenn Sr. Majestät Leben gewaltsam abgekürzt werden sollte, sie ihn exemplarisch an seinen Mördern rächen und einmüthig die durch die Rechtsbill festgestellte Thronfolge energisch aufrechterhalten würden. Es wurde angeordnet, daß die Mitglieder des Hauses am nächsten Morgen namentlich aufgerufen werden sollten.[114] Sie fanden sich in Folge dessen sehr zahlreich ein, die Associationsurkunde lag in einer Reinschrift auf Pergament auf dem Tische und die Mitglieder unterzeichneten dieselbe nach der Reihenfolge der Grafschaften.[115]
Stand der öffentlichen Stimmung.
Die Rede des Königs, die gemeinsame Adresse der beiden Häuser, der von den Gemeinen gebildete Verein und eine Proklamation, die eine Liste der Verschwörer enthielt und eine Belohnung von tausend Pfund auf die Ergreifung eines jeden derselben aussetzte, wurden bald in allen Straßen der Hauptstadt zum Verkauf ausgeboten und durch alle Posten über das ganze Land verbreitet. Ueberall wohin die Nachricht kam, gerieth das Volk in Bewegung. Die beiden verhaßten Worte Meuchelmord und Invasion wirkten wie ein Zauberspruch. Es bedurfte keines Preßgangs. Die Matrosen kamen zu Tausenden aus ihren Verstecken hervor, um die Flotte zu bemannen. Nur drei Tage nach der Berufung des Königs an die Nation verließ Russell mit einem starken Geschwader die Themse. Ein andres lag bei Spithead schlagfertig. Die Milizen aller Küstengrafschaften, vom Wash bis Land’s Ende standen unter den Waffen. Leute, welche bloßer politischer Vergehen wegen angeklagt waren, fanden in der Regel viel Theilnahme. Aber auf Barclay’s Mordgenossen machte die ganze Bevölkerung wie auf Wölfe Jagd. Der Abscheu, den die Engländer seit vielen Generationen gegen Haussuchungen und alle diejenigen Hindernisse empfinden, welche die Polizei der festländischen Staaten den Reisenden in den Weg legt, ruhte für einige Zeit. Die Thore der City von London wurden mehrere Stunden verschlossen gehalten, während drinnen genaue Durchsuchungen stattfanden. Die Behörden fast aller umwallten Städte des Königreichs folgten dem Beispiele der Hauptstadt. Auf jeder Landstraße waren Militärpikets postirt, mit dem Befehl, Reisende von verdächtigem Aussehen anzuhalten. Einige Tage lang war es fast unmöglich, ohne Paß zu reisen oder ohne besondere Autorisation eines Friedensrichters Postpferde zu erhalten. Und keine einzige Stimme erhob sich gegen diese Vorsichtsmaßregeln. Das gemeine Volk entwickelte sogar einen wo möglich noch größeren Eifer als die öffentlichen Beamten, um die Verräther in die Hände der Justiz zu bringen. Dieser Eifer mag vielleicht zum Theil der großen Belohnung zugeschrieben werden, welche die königliche Proklamation versprach. Der Haß, den jeder gute Protestant gegen die papistischen Mörder empfand, wurde nicht wenig verstärkt durch die Lieder, in denen die Straßenpoeten den glücklichen Miethkutscher besangen, der einen Hochverräther abgefaßt, seine tausend Pfund in Empfang genommen und sich als Gentleman zur Ruhe gesetzt hatte.[116] Der Eifer des Volks konnte an einigen Orten nur mit Mühe in den gesetzlichen Schranken gehalten werden. Auf Parkyns’ Landsitze in Warwickshire wurden Waffen und Armaturstücke zur Equipirung einer ganzen Reiterschwadron gefunden. Sobald dies bekannt wurde, rottete sich ein wüthender Pöbelhaufen zusammen, demolirte das Haus und verwüstete die Gartenanlagen vollständig.[117] Parkyns selbst wurde bis in eine Dachkammer im Temple verfolgt. Porter und Keyes, welche nach Surrey geflüchtet waren, wurden mit Steckbriefen verfolgt, bei Leatherhead durch das Landvolk angehalten, nach schwachem Widerstande festgenommen und ins Gefängniß geworfen. Friend wurde im Hause eines Quäkers versteckt gefunden. Knightley wurde in der Verkleidung einer eleganten Dame ergriffen und trotz Schönpflästerchen und Schminke erkannt. In wenigen Tagen waren alle Hauptverschwörer in sicherem Gewahrsam, mit Ausnahme Barclay’s, dem es gelang, nach Frankreich zu entkommen.
Zu gleicher Zeit wurden einige notorische Mißvergnügte eingezogen und eine Zeit lang auf Verdachtgründe hin in Haft gehalten. So wurde der greise Roger Lestrange, der jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre stand, ergriffen. Ferguson wurde in Gray’s Inn Lane unter einem Bett versteckt gefunden und zur allgemeinen Freude in Newgate eingesperrt.[118] Inzwischen wurde eine Specialcommission zur Prozessierung der Hochverräther eingesetzt. An Zeugen fehlte es nicht, denn von den ergriffenen Verschwörern waren zehn oder zwölf bereit, ihre Köpfe dadurch zu retten, daß sie als Belastungszeugen gegen ihre Genossen auftraten. Niemand war strafbarer und Niemand hatte eine verächtlichere Furcht vor dem Tode als Porter. Die Regierung willigte ein, sein Leben zu schonen und erlangte dadurch nicht nur sein Zeugniß, sondern auch das viel achtbarere Zeugniß Pendergraß’. Pendergraß war nicht in Gefahr, er hatte nichts begangen, sein Ruf war unbescholten und seine Aussagen mußten daher bei einer Jury viel größeres Gewicht haben als die Aussagen einer Menge von Angebern, welche nur schwuren, um ihre Hälse zu retten. Aber er hatte das Ehrenwort des Königs, daß er nicht ohne seine freie Zustimmung als Ankläger benutzt werden sollte, und er war fest entschlossen, nur dann als solcher aufzutreten, wenn ihm die Zusicherung gegeben wurde, daß Porter nichts geschehen sollte. Diese Zusicherung war jetzt gegeben und Pendergraß nahm nun keinen Anstand mehr, die ganze Wahrheit zu erzählen.
Prozeß Charnock’s, King’s und Keyes’.
Charnock, King und Keyes wurden zuerst prozessirt. Die Oberrichter der drei Civilgerichtshöfe und mehrere andere Richter waren auf der Bank, und unter den Zuhörern bemerkte man viele Mitglieder beider Parlamentshäuser.
Es war der 11. März. Die neue Acte, welche das Verfahren in Hochverrathsfällen regulirte, sollte erst am 25. in Kraft treten. Die Angeklagten verlangten, daß, da die Legislatur durch Erlassung dieser Acte den Anspruch eines des Hochverraths Beschuldigten auf Einsicht seiner Anklage als begründet anerkannt und ihm den Beistand eines Advokaten zugestanden habe, das Tribunal ihnen entweder das was die höchste Autorität für eine gerechte Vergünstigung anerkannt, bewilligen oder die Untersuchung vierzehn Tage aufschieben müsse. Die Richter aber wollten in keinen Aufschub willigen. Sie sind deshalb von späteren Schriftstellern beschuldigt worden, den todten Buchstaben des Gesetzes angewendet zu haben, um Menschen ins Verderben zu stürzen, die, wenn das Gesetz nach seinem wahren Geiste ausgelegt worden wäre, einige Aussicht gehabt hätten davonzukommen. Diese Beschuldigung ist ungerecht. Die Richter brachten unzweifelhaft die wirkliche Intention des Gesetzes zur Anwendung, und wenn eine Ungerechtigkeit begangen wurde, so ist die Legislatur und nicht die Richter dafür verantwortlich zu machen. Die Worte „25. März” haben sich nicht aus Versehen in die Acte eingeschlichen. Alle Parteien im Parlamente waren über das Prinzip der neuen Verordnungen längst einverstanden. Der einzige noch strittige Punkt war die Zeit, zu welcher diese Verordnungen in Kraft treten sollten. Nach langen Debatten, die sich durch mehrere Sessionen zogen, nach wiederholten Abstimmungen mit verschiedenen Resultaten, war ein Vergleich getroffen worden, und es stand den Gerichtshöfen sicherlich nicht zu, die Bestimmungen dieses Vergleichs abzuändern. Man kann sogar zuversichtlich behaupten, daß die Häuser, wenn sie das Mordcomplott vorausgesehen hätten, nicht einen früheren, sondern einen späteren Tag für den Anfang des neuen Systems bestimmt haben würden. Unbestreitbar verdiente das Parlament und insbesondere die Whigpartei ernsten Tadel. Denn wenn die alten Procedurregeln der Krone keinen unbilligen Vortheil gewährten, so war kein Grund vorhanden, sie abzuändern, und wenn sie, wie allgemein angenommen wurde, der Krone einen unbilligen Vortheil gewährten, und dies gegen einen auf Leben und Tod Angeklagten, so durften sie dieselben nicht einen einzigen Tag länger fortbestehen lassen. Den Gerichten aber kann man keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nicht in directem Widerspruch mit dem Buchstaben wie mit dem Geiste des Gesetzes handelten.
Die Regierung hätte allerdings die Untersuchungen so lange aufschieben können, bis die neue Acte in Kraft trat, und es würde eben so weise als gerecht gewesen sein, wenn sie dies gethan hätte, denn die Angeklagten würden dadurch nichts gewonnen haben. Der gegen sie vorliegende Fall war einer von Denen, auf welche der Scharfsinn der Juristenfacultäten keinen Eindruck machen konnte. Porter, Pendergraß, De la Rue und Andere gaben Aussagen ab, die keine Entgegnung zuließen. Charnock sagte das Wenige was er zu sagen hatte, mit Gewandtheit und Geistesgegenwart. Die Jury fand alle Angeklagten schuldig. Es gereicht der damaligen Zeit eben nicht zu großer Ehre, daß die Verkündigung des Verdicts von der Volksmenge, welche das Gerichtshaus umgab, mit lauten Hurrahs begrüßt wurde. Diese Hurrahs wiederholten sich, als die drei Unglücklichen, nachdem sie ihr Urtheil angehört, in Begleitung einer Wache fortgeführt wurden.[119]
Charnock hatte bisher kein Zeichen von Schwäche blicken lassen; als er aber wieder in seiner Zelle war, verließ ihn seine Standhaftigkeit und er bat flehentlich um Gnade. Er wolle zufrieden sein, sagte er, wenn er den Rest seiner Tage in leichter Haft zubringen dürfe. Nur um sein Leben bitte er. Dafür werde er dann auch von den Anschlägen der Jakobiten gegen die Regierung Alles entdecken was er wisse. Wenn es sich herausstellen sollte, daß er Winkelzüge mache oder etwas verschweige, so sei er bereit, sich der äußersten Strenge des Gesetzes zu unterwerfen. Dieses Anerbieten rief große Aufregung und einige Meinungsverschiedenheit unter Wilhelm’s Räthen hervor. Der König aber entschied, wie in solchen Fällen fast immer, mit Weisheit und Großmuth. Er sah, daß die Entdeckung des Mordcomplots die ganze Lage der Dinge verändert hatte. Sein vor kurzem schwankender Thron stand jetzt auf einer unerschütterlich festen Basis. Seine Popularität war mit ungestümer Schnelligkeit eben so hoch gestiegen, als zur Zeit seines Marsches von Torbay nach London. Viele, die mit seiner Verwaltung unzufrieden gewesen waren und in ihrem Unmuth mit Saint-Germains Verkehr gepflogen hatten, machten die betrübende Erfahrung, daß sie gewissermaßen mit Mördern verbündet gewesen waren. Er wollte diese Leute nicht zur Verzweiflung treiben, er wollte sie nicht einmal beschämen. Sie sollten nicht nur ungestraft bleiben, es sollte ihnen auch die Demüthigung einer Begnadigung erspart werden. Er wollte gar nicht wissen, daß sie gesündigt hatten. Charnock wurde jedoch seinem Schicksale überlassen.[120] Nachdem er die Ueberzeugung gewonnen, daß er keine Aussicht hatte, als Ueberläufer aufgenommen zu werden, affectirte er den würdevollen Stolz eines Märtyrers und führte seine Rolle bis zu Ende durch. Um mit möglichstem Anstande aus der Welt zu gehen, bestellte er sich einen schönen neuen Rock für seine Hinrichtung und ließ an seinem Todestage seine Perrücke mit besonderer Sorgfalt pudern und frisiren.[121] Unmittelbar vor seiner Aufknüpfung händigte er den Sheriffs ein Schriftstück ein, worin er gestand, daß er gegen das Leben des Prinzen von Oranien conspirirt, aber feierlich leugnete, daß Jakob den Mordplan irgendwie autorisirt habe. Diese Behauptung war allerdings buchstäblich richtig; aber Charnock leugnete nicht und hätte auch sicherlich nicht leugnen können, daß er eine von Jakob geschriebene und unterzeichnete Vollmacht gesehen, welche Worte enthielt, die, ohne der Wahrheit im Geringsten Gewalt anzuthun, als eine Autorisirung des mörderischen Ueberfalls von Turnham Green ausgelegt werden konnten und von Allen, denen sie zu Gesicht kamen, auch wirklich so ausgelegt wurden.
In einem andren Schriftstücke, das noch existirt, aber nie gedruckt worden ist, führt Charnock in der That eine ganz andre Sprache. Er sagt darin offen, daß er aus Gründen, welche zu nahe lägen, als daß sie besonderer Erwähnung bedürften, in dem Papiere, das er den Sheriffs übergeben, nicht die ganze Wahrheit habe sagen können. Er gab zu, daß das Complot, in das er verwickelt gewesen sei, selbst vielen loyalen Unterthanen als höchst strafbar erschiene. Sie nannten ihn einen Meuchelmörder und Todtschläger. Doch was habe er Schlimmeres gethan als Mucius Scävola? Ja, was habe er Schlimmeres gethan als Jeder gethan habe, der gegen den Prinzen von Oranien die Waffen getragen? Wenn plötzlich eine Armee von zwanzigtausend Mann in England gelandet wäre und den Usurpator überfallen hätte, so würde man dies rechtmäßigen Krieg genannt haben. Hänge der Unterschied zwischen Krieg und Mord lediglich von der Anzahl der dabei betheiligten Personen ab? Welches sei dann die geringste Anzahl, die einen Feind rechtmäßigerweise überfallen dürfe? Seien es fünftausend, tausend oder hundert Personen? Jonathan und sein Waffenträger seien ihrer nur Zwei gewesen, und doch hätten sie ein großes Blutbad unter den Philistern angerichtet. Sei das Mord gewesen? Nicht der Act an sich, sagte Charnock, könne das Tödten zum Meuchelmord machen, sondern nur die Ursache, aus der es geschieht. Daraus folge, daß es kein Mord sein könne, Jemanden zu tödten — und hier ließ der dem Tode Geweihte seinem ganzen Hasse freien Lauf — der allen loyalen Unterthanen einen Vernichtungskrieg erklärt, der Jeden, der für das Recht aufgestanden sei, gehängt, geschleift und geviertheilt, der England ausgesogen habe, um die Holländer zu bereichern. Charnock gab zu, daß sein Unternehmen nicht zu rechtfertigen gewesen wäre, wenn Jakob es nicht autorisirt gehabt hätte; aber er behauptete, daß Jakob es autorisirt habe, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch stillschweigend. Se. Majestät habe zwar früher ähnliche Attentate verboten, aber er habe sie nicht als an sich strafbar, sondern nur als unter diesen oder jenen Umständen unzweckmäßig verboten. Die Umstände hätten sich geändert, und man habe daher das Verbot mit gutem Grunde als aufgehoben betrachten dürfen. Sr. Majestät getreue Unterthanen hätten sich dann nur an die Worte seiner Vollmacht zu halten gehabt, und diese Worte autorisirten unbestreitbar zu einem Angriffe auf die Person des Usurpators.[122]
Hinrichtung Charnock’s, King’s und Keyes’.
King und Keyes erlitten zugleich mit Charnock den Tod. King benahm sich mit Muth und Anstand. Er bekannte sein Verbrechen und sagte, daß er es bereue. Er hielt es für eine Pflicht gegen die Kirche, deren Mitglied er war und auf die sein Benehmen einen Vorwurf gebracht, zu erklären, daß er nicht durch eine Casuistik über Tyrannenmord, sondern lediglich durch die Heftigkeit seiner eigenen bösen Leidenschaften irregeleitet worden sei. Der arme Keyes war in einer fürchterlichen Todesangst. Seine Thränen und Wehklagen machten das Mitleid einiger Zuschauer rege. Es wurde damals gesagt und ist seitdem oft wiederholt worden, daß ein Diener, der durch seinen Herrn zu einem Verbrechen verleitet wird, gegründeten Anspruch auf die königliche Gnade habe. Aber Diejenigen, welche die Strenge tadeln, die gegen Keyes geübt wurde, haben den wichtigen Umstand außer Acht gelassen, der ihn von jedem andren Verschwörer unterschied. Er hatte dem Corps der Blauen angehört und hatte bis zum letzten Augenblicke in Verkehr mit seinen ehemaligen Kameraden gestanden. Noch an dem für den Mord festgesetzten Tage hatte er sich unter sie gemischt, um etwas von ihnen zu erfahren. Das Regiment war so stark von Illoyalität angesteckt, daß man es für nöthig erachtet hatte, einige Leute zu verhaften und eine bedeutend größere Anzahl zu entlassen. Gewiß, wenn an irgend Jemandem ein Exempel statuirt werden mußte, so war es der Agent, durch dessen Vermittelung die Leute, die den König erschießen wollten, mit den Leuten verkehrten, welche die Obliegenheit hatten, ihn zu bewachen.
Prozeß Friend’s.
Friend wurde zunächst in Untersuchung gezogen. Sein Verbrechen war nicht so schwarzer Natur wie das der drei Verschwörer, welche so eben den Tod erlitten hatten. Er hatte zwar auswärtige Feinde aufgefordert, in das Land einzufallen, und hatte Anstalten getroffen, sich ihnen anzuschließen; aber wenn er auch um den Mordplan gewußt hatte, war er doch kein Theilnehmer an demselben gewesen. Doch sein großes Vermögen und der Gebrauch, den er, wie man sehr wohl wußte, davon gemacht hatte, bezeichneten ihn als ein passendes Strafobject. Er bat, wie Charnock, um einen Vertheidiger, aber eben so vergebens wie dieser. Die Richter konnten den Gang des Gesetzes nicht hemmen, und der Generalfiskal wollte den Prozeß nicht aufschieben. Die Verhandlungen jenes Tages sprechen stark zu Gunsten der Acte, von deren Wohlthat Friend ausgeschlossen war. Man kann sie, selbst nach so langer Zeit, nicht lesen, ohne Mitleid mit einem beschränkten und verbildeten, durch die Todesgefahr entmuthigten, einem kaltblütigen, klugen und erfahrenen Antagonisten gegenüberstehenden Manne zu empfinden. Charnock hatte sich und Die, welche mit ihm prozessirt wurden, so gut vertheidigt, wie irgend ein Advokat von Profession es vermocht hätte. Der arme Friend aber war hülflos wie ein Kind. Er wußte wenig mehr zu sagen, als daß er ein Protestant, und seine Ankläger Papisten seien, die von ihren Priestern Dispensationen zum Meineid hatten und die es für ein verdienstvolles Werk hielten, Ketzer ums Leben zu schwören. Er war so völlig unwissend in den Gesetzen und der Geschichte des Landes, daß er glaubte, das unter der Regierung Eduards III., zu einer Zeit, wo es nur eine Religion im westlichen Europa gab, erlassene Hochverrathsgesetz enthalte eine Bestimmung des Inhalts, daß kein Papist vor Gericht zeugen dürfe, so daß der Sekretär des Gerichtshofes sich genöthigt sah, die ganze Acte von Anfang bis zu Ende vorzulesen. Es war unmöglich, daß ein Vernünftiger an seiner Schuld zweifeln konnte. Er wurde für schuldig befunden, was sicherlich auch geschehen sein würde, wenn ihm die Vorrechte, die er beansprucht hatte, bewilligt worden wären.
Parkyns’ Prozeß.
Nach Friend kam Parkyns an die Reihe. Er war bei dem schlimmsten Theile des Complots tief betheiligt gewesen, und war in einer Beziehung weniger zu entschuldigen als irgend einer seiner Complicen, denn sie alle waren Eidverweigerer, er aber hatte der bestehenden Regierung Treue geschworen. Auch er verlangte, daß er nach den Bestimmungen der neuen Acte prozessirt werde. Aber die Staatsanwälte bestanden auf ihrem äußersten Rechte und sein Gesuch wurde abgeschlagen. Da er ein Mann von bedeutenden Talenten war und die Rechtswissenschaft studirt hatte, so machte er wahrscheinlich Alles zu seinen Gunsten geltend, was ein Advokat hätte geltend machen können, und dies Alles war sehr wenig. Er wurde für schuldig befunden und sechs Stunden vor dem Augenblicke wo das Gesetz, dessen Wohlthat er umsonst beansprucht hatte, in Kraft treten sollte, zum Tode verurtheilt.[123]
Die Hinrichtung der beiden Ritter wurde von der Bevölkerung London’s begierig erwartet. Die Generalstaaten wurden von ihrem Correspondenten benachrichtigt, daß das Hängen eines Menschen von allen Schauspielen dasjenige sei, an welchem die Engländer das meiste Vergnügen fänden, und daß von allen Hängescenen, die seit Menschengedenken stattgefunden, die Hinrichtung Friend’s und Parkyns’ das meiste Interesse erregte. Das gemeine Volk war durch Gerüchte über die unerhört schlechte Qualität des von ihm gebrauten Biers gegen ihn aufgereizt worden. Man hatte sogar ausgesprengt, daß er in seinem Eifer für die jakobitische Sache alles der Flotte gelieferte Bier vergiftet habe. In Folge dessen strömte eine unabsehbare Menschenmasse nach Tyburn. Es waren Gerüste erbaut worden, die ein ungeheures Amphitheater rund um den Galgen bildeten. Auf diesen Gerüsten standen die wohlhabenderen Zuschauer in dichtgedrängten Reihen, und die Erwartung war aufs Höchste gespannt, als die Meldung kam, daß das Schauspiel aufgeschoben sei. Die Menge entfernte sich in sehr übler Laune und nicht ohne zahlreiche Kämpfe zwischen Denen, die ihre Plätze bezahlt hatten, und Denen, die sich weigerten, das Geld zurückzugeben.[124]
Die Ursache dieser unangenehmen Enttäuschung war ein von den Gemeinen plötzlich gefaßter Beschluß. Ein Mitglied hatte vorgeschlagen, daß ein Ausschuß in den Tower geschickt werden sollte, mit der Ermächtigung, die Gefangenen zu verhören und ihnen Hoffnung zu machen, daß sie durch ein vollständiges und unumwundenes Geständniß die Fürsprache des Hauses erlangen könnten. Aus den dürftigen Mittheilungen, die auf uns gekommen sind, geht hervor, daß die Debatte höchst interessant gewesen sein muß. Die Parteien schienen die Rollen gewechselt zu haben. Man hätte erwarten sollen, daß die Whigs unerbittlich streng sein würden und daß, wenn sich einige Theilnahme für die Unglücklichen kund gäbe, diese Theilnahme auf Seiten der Tories hätte sein müssen. Aber viele von den Whigs hofften, daß sie durch Schonung zweier Verbrecher, welche unschädlich gemacht waren, zahlreiche Verbrecher vornehmen Standes und hoher amtlicher Stellung würden entdecken und vernichten können. Auf der andren Seite sah Jeder, der einmal in directem oder indirectem Verkehr mit Saint-Germains gestanden oder der sich für eine Person, die möglicherweise in einem solchen Verkehr gestanden haben könnte, interessirte, mit ängstlicher Besorgniß den Enthüllungen entgegen, welche die Furcht vor dem Tode den Gefangenen auspressen konnte. Seymour widersetzte sich einfach deshalb, weil er im Hochverrath weiter als irgend ein andres Mitglied des Hauses gegangen war, heftiger als irgend ein andres Mitglied des Hauses jeder Nachsicht gegen seine Mitverräther. Wollten die Gemeinen sich die geheiligtste Prärogative der Krone anmaßen? Seiner Majestät und nicht ihnen stehe es zu, zu beurtheilen, ob ein gesetzlich verwirktes Leben ohne Gefahr geschont werden könnte. Doch die Whigs setzten ihr Vorhaben durch. Ein aus allen im Hause anwesenden Staatsräthen bestehender Ausschuß brach unverzüglich nach Newgate auf. Friend und Parkyns wurden verhört, aber ohne Erfolg. Nachdem ihnen das Urtheil gesprochen war, hatten sie anfangs einige Symptome von Schwäche gezeigt; aber ihr Muth war durch die Ermahnungen eidverweigernder Geistlicher gehoben worden, welche Zutritt in das Gefängniß erlangt hatten. Man erzählte sich, daß Parkyns ohne die Bitten seiner Tochter, die ihn beschworen habe, wie ein Mann für die gute Sache zu sterben, nachgegeben haben würde. Die Verurtheilten gestanden ein, daß sie die Handlungen, deren sie für schuldig befunden worden, begangen hätten, weigerten sich aber mit einer Standhaftigkeit, die um so achtungswerther ist, als sie nicht aus natürlichem Trotze, sondern aus ehrenhafter Gesinnung und Religiosität entsprungen zu sein schien, etwas zu sagen, was Andere compromittiren konnte.[125]
Hinrichtung Friend’s und Parkyns’.
Nach wenigen Stunden versammelte sich das Volk wieder auf Tyburn, und diesmal wurden die Schaulustigen nicht um ihr Vergnügen gebracht. Sie genossen sogar einen Anblick, den sie nicht erwartet hatten und der größere Sensation erregte als die Hinrichtung selbst. Jeremias Collier und zwei andere minder berühmte eidverweigernde Geistliche, Namens Cook und Snatt, hatten die Gefangenen in Newgate besucht und waren mit in dem Richtkarren am Fuße des Galgens. Als die Gebete vorüber waren, kurz ehe der Henker sein Amt zu verrichten begann, erhoben sich die drei schismatischen Priester und legten ihre Hände auf die Köpfe der beiden Verurtheilten, welche noch auf den Knien lagen. Collier sagte eine aus dem Dienste für Krankenbesuche entlehnte Absolutionsformel her und seine Amtsbrüder sprachen Amen!
Diese Ceremonie rief ein lautes Geschrei hervor, das noch lauter wurde, als einige Stunden nach der Execution die Schriftstücke veröffentlicht wurden, welche die beiden Hochverräther den Sheriffs übergeben hatten. Man hatte erwartet, daß wenigstens Parkyns einige Reue über das Verbrechen, das ihn an den Galgen gebracht, an den Tag legen werde. Hatte er doch vor dem Ausschusse der Gemeinen selbst eingestanden, daß das Mordcomplot nicht zu rechtfertigen sei. In seiner letzten Erklärung aber bekannte er seine Theilnahme an diesem Complot nicht nur ohne ein Wort, das Reue verrathen hätte, sondern sogar mit einer Art von Frohlocken. War das ein Mann, den christliche Priester absolviren durften, dies vor den Augen vieler Tausende und mit einer Feierlichkeit, die offenbar darauf berechnet war, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und von der weder im allgemeinen Gebetbuche noch in den Gebräuchen der englischen Kirche eine Spur zu finden war!
In Journalen, Broschüren und Flugblättern wurde die Frechheit der drei Leviten, wie man sie nannte, scharf getadelt. Es wurden bald Verhaftsbefehle gegen sie erlassen. Cook und Snatt wurden ergriffen und ins Gefängniß geworfen; Collier aber gelang es sich zu verbergen, und er ließ mit Hülfe einer der Pressen, welche im Dienste seiner Partei standen, aus seinem Versteck eine Rechtfertigung seines Verfahrens vom Stapel. Er erklärte, daß er den Mord eben so verabscheue, wie irgend einer von Denen, die ihn schmähten, und sein allgemeiner Character berechtigt uns zu dem Glauben, daß diese Erklärung vollkommen aufrichtig war. Aber die übereilte Handlung, zu der er sich durch den Parteigeist hatte hinreißen lassen, lieferte seinen Gegnern sehr plausible Gründe, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Es erschienen eine Menge Antworten auf seine Vertheidigung. Von hervorragender Bedeutung war darunter ein feierliches Manifest, unterzeichnet von den beiden Erzbischöfen und sämmtlichen damals in London anwesenden Bischöfen, zwölf an der Zahl. Selbst Crew von Durham und Sprat von Rochester setzten ihre Namen unter dieses Dokument. Sie verurtheilten das Verfahren der drei eidverweigernden Geistlichen als der Form nach regelwidrig und dem Wesen nach gottlos. Die Sünden unbußfertiger Sünder zu vergeben, sei ein entweihender Mißbrauch der Gewalt, welche Christus seinen Dienern übertragen habe. Es werde nicht geleugnet, daß Parkyns einen Mord beabsichtigt habe. Es werde nicht behauptet, daß er Reue darüber an den Tag gelegt. Daraus ergebe sich die ganz natürliche Folgerung, daß die Geistlichen, die ihn absolvirt hatten, es nicht für eine Sünde hielten, König Wilhelm zu ermorden. Collier replicirte; aber obgleich ein schlagfertiger Polemiker, scheute er doch bei dieser Gelegenheit einen nachdrücklichen Kampf und zog sich so gut er konnte unter einer Wolke von Citaten aus Tertullian, Cyprian und Hieronymus, Albaspinäus und Hammond, dem Concil von Karthago und dem Concil von Toledo vom Kampfplatze zurück. Die öffentliche Meinung war entschieden gegen die drei Absolvirer. Aber die Regierung beschloß wohlweislich, ihnen nicht die Ehre des Märtyrerthums zu Theil werden zu lassen. Die große Jury von Middlesex fand Grund zu einer Anklage gegen sie; aber sie wurden nicht prozessirt. Cook und Snatt wurden nach kurzer Haft in Freiheit gesetzt, und Collier würde eben so mild behandelt worden sein, wenn er eingewilligt hätte, Bürgschaft zu stellen. Aber er hatte sich vorgenommen, nichts zu thun, was als eine Anerkennung der usurpirenden Regierung hätte ausgelegt werden können. Er wurde daher geächtet, und als er nach mehr als dreißig Jahren starb, war seine Acht noch nicht aufgehoben.[126]
Prozesse Rookwood’s, Cranburne’s und Lowick’s.
Parkyns war der letzte Engländer, der nach dem alten Procedursystem wegen Hochverraths gerichtet wurde. Der Erste, der nach dem neuen System prozessirt wurde, war Rookwood. Er wurde von Sir Bartholomäus Shower vertheidigt, der sich unter der vorhergehenden Regierung als ein serviler und herzloser Sykophant eben keine beneidenswerthe Berühmtheit erworben, der von Jakob die Stelle des Recorders von London erhalten, als Holt dieselbe ehrenvollerweise niederlegte, und der, als Recorder, Soldaten wegen Verstößen gegen die militärische Disciplin an den Galgen geschickt hatte. Seine servile Grausamkeit hatte ihm den Beinamen des Menschenjägers verschafft. Shower verdiente mehr als irgend ein Verbrecher von der Indemnitätsacte ausgenommen und der ganzen Strenge der Gesetze überlassen zu werden, die er so schamlos verdreht hatte. Doch er war durch Wilhelm’s Milde verschont worden und hatte diese Milde mit hartnäckiger und hämischer Opposition vergolten.[127] Shower wurde ohne Zweifel wegen seiner bekannten Hinneigung zum Jakobitismus bei dieser Gelegenheit als Vertheidiger benutzt. Er erhob einige technische Einwendungen, welche der Gerichtshof verwarf. Die Sache selbst konnte er nicht vertheidigen. Das Verdict der Jury lautete auf Schuldig. Hierauf wurden Cranburne und Lowick prozessirt und ebenfalls schuldig befunden. Sie erlitten mit Rookwood den Tod und damit hatten die Hinrichtungen ein Ende.[128]
Der Verein.
Die Stimmung der Nation war von der Art, daß die Regierung noch viel mehr Blut hätte vergießen können, ohne den Vorwurf der Grausamkeit auf sich zu laden. Die Gesinnung, welche durch die Entdeckung des Complots erweckt worden war, nahm noch mehrere Wochen lang mit jedem Tage zu. Diese Gesinnung benutzten die an der Spitze der Whigpartei stehenden talentvollen Männer mit ausgezeichneter Umsicht. Sie sahen ein, daß die öffentliche Begeisterung, wenn sie sich selbst überlassen bliebe, in Hurrahs, Toasten und Freudenfeuern verrauchen würde, daß sie aber unter einer klugen Leitung das Mittel werden könnte, eine große und nachhaltige Wirkung zu erzeugen. Der Verein, den die Gemeinen gebildet hatten, während ihnen die Rede des Königs noch in den Ohren klang, bot das Mittel dar, um vier Fünftel der Nation zu einem großen Club zur Vertheidigung der Thronfolgeordnung, mit der die kostbarsten Freiheiten des englischen Volks untrennbar verknüpft waren, und zur Einführung eines Testes zu verbinden, welcher Diejenigen, die für jene Thronfolgeordnung begeistert waren, von Denen unterscheiden würde, die sie nur mit Unmuth und Widerstreben acceptirten. Von den fünfhundertdreißig Mitgliedern des Unterhauses unterzeichneten ungefähr vierhundertzwanzig freiwillig das Dokument, welches Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König von England anerkannte. Im Oberhause wurde beantragt, die nämliche Form zu adoptiren; aber die Tories erhoben Einwendungen dagegen. Der stets gewissenhafte und ehrenwerthe, aber engherzige Nottingham erklärte, daß er den Worten „rechtmäßig” und „gesetzlich” nicht beistimmen könne. Er war noch immer der Meinung, der er von Anfang an gewesen war, daß ein Fürst, der die Krone nicht kraft seines Geburtsrechts, sondern als ein Geschenk der Convention trug, von Rechtswegen nicht so genannt werden könne. Wilhelm sei allerdings factischer König und habe als solcher Anspruch auf den Gehorsam der Christen. „Kein Mensch,” sagte Nottingham, „hat Sr. Majestät treuer gedient und wird ihm auch fernerhin treuer dienen als ich. Aber unter dieses Dokument kann ich meinen Namen nicht setzen.” Rochester und Normanby führten eine ähnliche Sprache. Dagegen ermahnte Monmouth die Lords in einer dritthalbstündigen Rede dringend, den Gemeinen beizutreten. Burnet sprach heftig für dieselbe Ansicht. Wharton, dessen Vater unlängst gestorben war und der nunmehr Lord Wharton hieß, stand ebenfalls in der vordersten Reihe der whiggistischen Peers. Am meisten aber zeichnete sich in der Debatte ein Mann aus, dessen öffentliches sowohl als Privatleben eine lange Reihe von Sünden und Unglücksfällen war: der blutschänderische Geliebte Henriette Berkeley’s, der unglückliche Leutnant Monmouth’s. Seit kurzem führte er nicht mehr den befleckten Namen Grey von Wark, sondern hieß jetzt Earl von Tankerville. Er sprach an diesem Tage mit großer Energie und Beredtsamkeit für die Worte „rechtmäßig und gesetzlich.” Leeds übernahm das Amt eines Vermittlers, nachdem er sein Bedauern ausgedrückt, daß eine Frage über eine bloße Phrase unter Edelleuten, welche alle dem regierenden Souverain mit gleicher Treue ergeben seien, Uneinigkeit hervorgerufen habe. Er schlug vor, daß Ihre Lordschaften, anstatt Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König anzuerkennen, erklären sollten, er habe das gesetzliche Recht auf die englische Krone und kein Andrer habe irgend ein Recht auf diese Krone. Sonderbarerweise waren fast alle Tories durch den Vorschlag Leeds’ vollkommen befriedigt. Die Whigs jedoch waren zum Theil nicht geneigt, in eine Veränderung zu willigen, die trotz ihrer Geringfügigkeit zu dem Glauben Anlaß geben konnte, daß über einen Gegenstand von hoher Wichtigkeit zwischen beiden Häusern eine Meinungsverschiedenheit stattfinde. Aber Devonshire und Portland erklärten sich zufrieden, ihre Autorität drang durch, und die Aenderung wurde vorgenommen. In wiefern ein rechtmäßiger und gesetzlicher Besitzer sich von einem Besitzer unterscheidet, der nach dem Gesetz das ausschließliche Recht hat, ist eine Frage, die ein Whig ohne irgend ein peinliches Gefühl von Beschämung als über seinen Horizont gehend bezeichnen und deren Erörterung er den Hochkirchlichen überlassen kann. Dreiundachtzig Peers setzten auf der Stelle ihre Namen unter die amendirte Associationsformel, und Rochester war unter ihnen. Nottingham, noch nicht ganz befriedigt, bat um Bedenkzeit.[129]
Außerhalb der Mauern des Parlaments kümmerte man sich nicht um diese Wortklaubereien. Die Ausdrucksweise des Hauses der Gemeinen wurde vom ganzen Lande adoptirt. Die City von London ging voran. Binnen sechsunddreißig Stunden, nachdem die Vereinsurkunde auf Anordnung des Sprechers bekannt gemacht worden war, wurde sie von dem Lordmayor, den Aldermen und fast allen Mitgliedern des Gemeinderaths unterzeichnet. Diesem Beispiele folgten die Municipalcorporationen des ganzen Königreichs. Die Frühjahrsassisen begannen eben, und in jeder Grafschaftsstadt unterschrieben die Mitglieder der großen Jury und die Friedensrichter ihre Namen. Bald kamen Krämer, Handwerker, Freisassen, Pächter und Landwirthe zu Tausenden an die Tische, auf denen die Pergamente auslagen. Westminster zählte siebenunddreißigtausend Vereinsmitglieder, die Towerortschaften achttausend, Southwark achtzehntausend. Die Landbezirke von Surrey lieferten siebzehntausend. In Ipswich unterzeichneten sämmtliche Wahlbürger bis auf zwei. In Warwick unterschrieben alle männlichen Einwohner, die das sechzehnte Jahr erreicht hatten, mit Ausnahme von zwei Papisten und zwei Quäkern. In Taunton, wo die blutigen Assisen noch in frischem Andenken waren, erklärte jeder des Schreibens Kundige seinen Anschluß an die Regierung. Alle Kirchen und Bethäuser der Stadt waren in einem Maße wie noch nie mit Leuten gefüllt, welche kamen um Gott für die Erhaltung des Mannes zu danken, den sie liebevoll Wilhelm den Befreier nannten. Von allen Grafschaften England’s war Lancashire die jakobitischeste. Gleichwohl lieferte Lancashire funfzigtausend Unterschriften. Von allen großen Städten England’s war Norwich die jakobitischeste. Die Magistratspersonen dieser Stadt galten für Freunde der exilirten Dynastie. Die Eidverweigerer waren zahlreich und hatten kurz vor der Entdeckung des Complots ungewöhnlich guten Muths geschienen und hatten sich ungewöhnlich viele Freiheiten herauszunehmen gewagt. Einer der vornehmsten Geistlichen des Schismas hatte daselbst eine Predigt gehalten, welche zu einem sonderbaren Verdacht Anlaß gab. Er hatte zum Text den Vers gewählt, in welchem der Prophet Jeremias verkündigt, daß der Tag der Rache gekommen sei, daß das Schwert trunken sein werde von Blut, daß der Herr der Heerschaaren ein Schlachtopfer haben werde im Lande gegen Mitternacht am Flusse Euphrat. Ganz kurz darauf erfuhr man, daß zur Zeit als diese Rede gehalten wurde, wirklich unter Barclay’s und Parkyns’ Leitung Schwerter geschliffen wurden zu einem blutigen Opfer am nördlichen Ufer der Themse. Der Unwille des gemeinen Volks von Norwich war nicht zu halten. Obgleich durch die Municipalbehörden eingeschüchtert, kam es in Masse herbei, um Wilhelm, dem rechtmäßigen und gesetzlichen Könige, Treue zu schwören. In Norfolk belief sich die Zahl der Unterschriften auf achtundvierzigtausend, in Suffolk auf siebzigtausend. Ueber fünfhundert Listen gingen aus allen Theilen England’s nach London. Die Anzahl der Namen, welche siebenundzwanzig von diesen Listen enthielten, betrug nach der London Gazette dreihundertvierzehntausend. Rechnet man die größtmögliche Zahl für betrügerische Angaben ab, so scheint doch soviel gewiß, daß der Verein die große Mehrheit der erwachsenen männlichen Bewohner England’s, die ihren Namen schreiben konnten, umfaßte. Die Fluth des Volksgefühls ging so hoch, daß Jemand, von dem man wußte, daß er nicht unterschrieben hatte, ernste Gefahr lief, öffentlich insultirt zu werden. An vielen Orten zeigte sich Niemand ohne ein rothes Band am Hute, worauf die Worte gestickt waren: General Association for King William. Einmal hatte ein Trupp Jakobiten die Dreistigkeit, in einer Straße London’s mit einer sinnbildlichen Devise zu paradiren, die ihre Verachtung des neuen feierlichen League und Covenant anzudeuten schien. Sie wurden augenblicklich durch den Pöbel auseinandergetrieben und ihre Anführer weidlich untergetaucht. Die Begeisterung verbreitete sich nach entlegenen Inseln, nach ausländischen Factoreien, nach entfernten Colonien. Die Association wurde unterzeichnet von den rauhen Fischern der Scilly Rocks, von den englischen Kaufleuten in Malaga, von den englischen Kaufleuten in Genua, von den Bürgern Newyork’s, von den Tabakpflanzern Virginien’s und von den Zuckerpflanzern auf Barbados.[130]
Durch den Erfolg kühn gemacht, wagten die Whighäupter noch einen Schritt weiter zu gehen. Sie brachten eine Bill zur Sicherung der Person und Regierung des Königs im Unterhause ein. Durch diese Bill wurde verordnet, daß Jeder, der während der Dauer des Kriegs ohne königliche Erlaubniß aus Frankreich nach England käme, den auf Hochverrath gesetzten Strafen verfallen, daß die Suspension der Habeascorpusacte bis zu Ende des Jahres 1696 fortdauern und daß alle von Wilhelm ernannten Beamten im Fall seines Ablebens ihre Stellen so lange behalten sollten, bis es seinem Nachfolger gefallen würde, sie zu entlassen. Die vom Hause der Gemeinen angenommene Associationsformel wurde feierlich bestätigt, und es wurde bestimmt, daß Niemand, der sie nicht unterzeichnete, einen Sitz in diesem Hause einnehmen oder ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleiden sollte. Den Lords wurde gestattet, sich ihrer eigenen Formel zu bedienen, und über den Klerus wurde nichts gesagt.
Die Tories, mit Finch und Seymour an ihrer Spitze, beschwerten sich bitter über diesen neuen Test und wagten es einmal abstimmen zu lassen, wurden aber geschlagen. Finch scheint geduldig angehört worden zu sein; die verächtliche Art und Weise aber, in der Seymour von der Association sprach, erregte trotz aller Beredtsamkeit einen Sturm, dem er nicht Stand zu halten vermochte. Der laute Ruf: „der Tower! der Tower!” wurde vielfach gehört. Trotz seines hochmüthigen und gebieterischen Wesens war er gezwungen, seine Worte hinwegzuerklären, und er konnte durch Entschuldigungen, an die er wenig gewohnt war, kaum der Demüthigung entgehen, vor die Schranke gerufen zu werden und kniend einen Verweis zu erhalten. Die Bill wurde den Lords zugesandt und trotz der Opposition Rochester’s und Nottingham’s rasch angenommen.[131]
Bill zur Regulirung der Wahlen.
Die Natur und der Umfang der Veränderung, welche die Entdeckung des Mordcomplots in der Stimmung des Hauses der Gemeinen und der Nation hervorgebracht hatte, wird durch die Geschichte einer Bill, betitelt: eine Bill zur ferneren Regulirung der Wahlen der Parlamentsmitglieder, treffend characterisirt. Die Geldmacht war fast durchgängig whiggistisch und daher ein Gegenstand der Abneigung für die Tories. Das rasche Wachsthum dieser Macht wurde von den Landeigenthümern, mochten sie Whigs oder Tories sein, mit neidischen Blicken betrachtet. Es war etwas Neues und Unerhörtes, einen Kaufmann aus Lombard Street, den kein Band an den Boden unsrer Insel fesselte und dessen Vermögen durchaus persönlich und beweglich war, mit einem Koffer voll Guineen nach Devonshire oder Sussex reisen, einem benachbarten Landgentleman gegenüber, dessen Vorfahren seit den Kriegen der Rosen stets gewählt worden waren, als Candidat für einen Burgflecken auftreten und an der Spitze der Wahlliste zurückkehren zu sehen. Und dies war noch nicht das Schlimmste. Mehr als ein Sitz im Parlament war angeblich bei einer Tasse Kaffee bei Garraway gekauft und verkauft worden. Man hatte von dem Käufer nicht einmal die Beobachtung der Formalität verlangt, sich den Wählern zu zeigen. Ohne sein Comptoir in Cheapside verlassen zu haben, war er zum Vertreter eines Ortes gewählt worden, den er in seinem Leben nicht gesehen. Solche Dinge waren unerträglich. Niemand, sagte man, solle einen Sitz in der englischen Legislatur einnehmen, der nicht einige hundert Acker englischen Grund und Bodens sein nenne.[132] Es wurde demgemäß eine Bill eingebracht, welche bestimmte, daß jedes Mitglied des Hauses der Gemeinen ein gewisses Grundeigenthum besitzen müsse. Für einen Grafschaftsritter war die Qualification auf fünfhundert Pfund, für den Vertreter eines Burgfleckens auf zweihundert Pfund jährlicher Grundrente festgesetzt. Anfang Februar wurde diese Bill zum zweiten Male gelesen und einem gewählten Ausschusse überwiesen. Es wurde beantragt, daß der Ausschuß angewiesen werden solle, eine Klausel einzuschalten, welche anordne, daß alle Wahlen vermittelst Stimmzetteln stattfinden sollten. Ob dieser Antrag von einem Whig oder einem Tory ausging, durch welche Argumente er unterstützt und auf welche Gründe hin er bekämpft wurde, können wir jetzt nicht mehr ermitteln. Wir wissen nur, daß er ohne Abstimmung verworfen wurde.
Bevor die Bill aus dem Ausschusse zurückkam, hatten einige der achtungswerthesten Wahlkörper des Königreichs ihre Stimmen gegen die neue Beschränkung erhoben, der sie unterworfen werden sollten. Es hatte im allgemeinen wenig Sympathie zwischen den Handelsstädten und den Universitätsstädten geherrscht. Denn die Handelsstädte waren die Hauptsitze des Whiggismus und der Nonconformität, die Universitäten aber waren eifrige Anhänger der Krone und der Kirche. Jetzt aber machten Oxford und Cambridge gemeinschaftliche Sache mit London und Bristol. Es sei hart, sagten die Akademiker, daß ein ernster und gelehrter Mann, der von einer zahlreichen Corporation ernster und gelehrter Männer in den Großen Rath der Nation gesandt würde, für weniger geeignet erachtet werden sollte, in diesem Rathe zu sitzen als ein roher Mensch, der kaum so viel wissenschaftliche Bildung besitze, um auf das privilegium clericale Anspruch zu haben. Es sei hart, sagten dagegen die Kaufleute, anzunehmen, daß ein Handelsfürst, der die erste Magistratsperson der ersten Stadt der Welt gewesen sei, dessen Name auf der Rückseite eines Wechsels in Smyrna und in Genua, in Hamburg und in Amsterdam unbedingtes Vertrauen erwecke, der Schiffe zur See habe, von denen jedes so viel werth sei als ein Rittergut, und der in Zeiten wo die Freiheit und Religion des Königreichs in Gefahr waren, zu wiederholten Malen der Regierung binnen einer Stunde fünf- oder zehntausend Pfund vorgestreckt habe, bei dem Gedeihen des Staates weniger interessirt sei als ein Squire, der seine Ochsen und seinen Hopfen in dem nächsten Marktflecken bei einem Kruge Ale verkaufte. Bei der Berichterstattung wurde beantragt, daß die Universitäten ausgenommen werden sollten, aber der Antrag wurde mit hunderteinundfunfzig gegen hundertdreiundvierzig Stimmen verworfen. Bei der dritten Lesung wurde beantragt, daß die City von London ausgenommen sein sollte; aber man hielt es nicht für rathsam, abstimmen zu lassen. Die Schlußfrage, ob die Bill angenommen sei, wurde an dem Tage vor der Entdeckung des Mordcomplots mit hundertdreiundsiebzig gegen hundertfunfzig Stimmen bejaht. Die Lords traten der Bill ohne Amendement bei.
Wilhelm hatte nun zu erwägen, ob er seine Genehmigung ertheilen sollte oder nicht. Die Handelsstädte des Reichs, darunter auch die City von London, welche stets treu zu ihm gehalten und ihn schon oft aus großen Verlegenheiten gerissen hatten, baten ihn um seinen Schutz. Man stellte ihm vor, daß die Gemeinen thatsächlich weit davon entfernt seien, in diesem Punkte eines Sinnes zu sein, daß bei der letzten Lesung die Majorität in einem vollen Hause nur dreiundzwanzig Stimmen betragen habe und daß der Antrag, die Universitäten auszunehmen, mit einer Majorität von nur acht Stimmen verworfen worden sei. Nach reiflicher Ueberlegung beschloß er die Bill nicht zu genehmigen. Niemand, sagte er, könne ihn beschuldigen, bei dieser Gelegenheit selbstsüchtig gehandelt zu haben; seine Prärogative sei bei der Sache nicht betheiligt, und er habe gegen das vorgeschlagene Gesetz weiter nichts einzuwenden, als daß es seinem Volke nachtheilig sein würde.
Am 10. April 1696, erhielt daher der Sekretär des Parlaments Befehl, den Häusern mitzutheilen, daß der König sich die Bill zur weiteren Regulirung der Wahlen überlegen wolle. Einige heftige Tories im Hause der Gemeinen schmeichelten sich, daß es ihnen gelingen werde, einen den König tadelnden Beschluß durchzubringen. Sie stellten den Antrag, daß Derjenige, der Sr. Majestät gerathen habe, ihrer Bill seine Genehmigung zu verweigern, für einen Feind des Königs und der Nation erklärt werden solle. Einen ärgeren Mißgriff konnte es nicht geben. Die Stimmung des Hauses war eine ganz andre als an dem Tage, wo die Adresse gegen Portland’s Schenkung durch Acclamation votirt worden war. Die Entdeckung einer mörderischen Verschwörung, die Besorgniß einer französischen Invasion hatten Alles verändert. Der König war populär. Jeden Tag wurden ihm zehn bis zwölf Pergamentstöße mit den Unterschriften von Vereinsmitgliedern zu Füßen gelegt. Nichts konnte unkluger sein, als in einem solchen Augenblicke ein dünn verschleiertes Tadelsvotum gegen ihn zu beantragen. Die gemäßigten Tories trennten sich daher von ihren aufgebrachten und unverständigen Gesinnungsgenossen. Der Antrag wurde mit zweihundertneunzehn gegen siebzig Stimmen verworfen und das Haus ordnete die öffentliche Bekanntmachung der Frage und der beiderseitigen Stimmen an, damit die Welt erfahren solle, wie vollständig der Versuch, Uneinigkeit zwischen dem Könige und dem Parlamente hervorzurufen, gescheitert war.[133]
Acte zur Errichtung einer Landbank.
Die Landgentlemen würden vielleicht geneigter gewesen sein, wegen des Scheiterns ihrer Bill zu grollen, wären sie nicht durch eine andre Bill, die ihnen noch wichtiger dünkte, in gute Laune versetzt worden. Das Project einer Landbank war wieder angeregt worden, und zwar nicht in der Form, in der es zwei Jahre früher dem Hause der Gemeinen zur Erwägung unterbreitet worden war, sondern in einer den gesunden Verstand viel weniger beleidigenden und der Lächerlichkeit weniger ausgesetzten Form. Chamberlayne protestirte allerdings laut gegen jede Modification seines Planes und proklamirte mit unverminderter Zuversichtlichkeit, daß er alle seine Landsleute reich machen wolle, wenn sie ihn nur gewähren ließen. Er sei nicht der erste große Entdecker, sagte er, den Fürsten und Staatsmänner als einen Träumer betrachtet hätten. Heinrich VII. habe sich in einer bösen Stunde geweigert, Christoph Columbus anzuhören, und die Folge davon sei gewesen, daß England um die Bergwerke von Mexico und Peru gekommen sei. Und doch, was seien die Bergwerke von Mexico und Peru gegen die Reichthümer einer mit einem unbegrenzten Papiergelde gesegneten Nation? Aber die vereinte Kraft der Vernunftgründe und des Spottes hatte die einst zahlreiche Anhängerschaar Chamberlayne’s auf einen kleinen Kreis unverbesserlicher Thoren reducirt. Selbst von den Squires glaubten jetzt nur noch wenige an seine beiden großen Lehrsätze: den Lehrsatz, daß der Staat, indem er ein Bündel alter Lumpen zehn Millionen Pfund Sterling nenne, das Nationalvermögen um zehn Millionen Pfund Sterling vermehren, und den Lehrsatz, daß eine Abtretung von Grund und Boden auf eine bestimmte Anzahl Jahre vielmal so viel werth sein könne als der unbeschränkte Besitz. Dagegen waren die Landgentlemen noch immer allgemein der Ansicht, daß eine Bank, welche die specielle Bestimmung habe, auf Grundeigenthum Geld vorzustrecken, ein großer Segen für die Nation sein könne. Harley und der Sprecher Foley schlugen jetzt vor, eine solche Bank durch Parlamentsacte zu errichten, und versprachen, daß, wenn ihr Plan adoptirt würde, der König reichlich mit Geld für den nächsten Feldzug versehen sein sollte.
Die Whigführer, und namentlich Montague, sahen ein, daß der Plan eine Illusion sei, daß er sehr bald scheitern müsse und daß er möglicherweise vor seinem Untergange ihr Lieblingsinstitut, die Bank von England, ruiniren könne. In diesem Punkte aber hatten sie nicht nur die ganze Torypartei, sondern auch ihren Gebieter und viele ihrer Anhänger gegen sich. Die Bedürfnisse des Staats waren dringend und die Anerbietungen der Projectenmacher lockend. Die Bank von England hatte zum Dank für die ihr verliehene Concession dem Staate nur eine Million zu acht Procent vorgeschossen; die Landbank wollte über dritthalb Millionen zu sieben Procent vorschießen. Wilhelm, dem jetzt hauptsächlich darum zu thun war, sich Geld zur Deckung der Ausgaben des laufenden Jahres zu verschaffen, war eben nicht sehr geneigt, über eine Quelle zu mäkeln, aus der sich dritthalb Millionen schöpfen ließen. Sunderland, der seinen Einfluß sonst gewöhnlich zu Gunsten der Whigführer anwendete, wurde ihnen bei dieser Gelegenheit untreu. Die whiggistischen Landgentlemen freuten sich der Aussicht, ihre Viehstände ergänzen, ihre Keller füllen und ihre Töchter ausstatten zu können. Gegen eine solche Vereinigung von Streitkräften zu kämpfen, war unmöglich. Es wurde eine Bill angenommen, welche die Regierung ermächtigte, zwei Millionen fünfhundertvierundsechzigtausend Pfund zu sieben Procent aufzunehmen. Ein hauptsächlich durch eine neue Salzsteuer gebildeter Fond wurde zur Zahlung der Zinsen bestimmt. Wenn vor dem 1. August die Hälfte dieser Anleihe gezeichnet und die Hälfte der gezeichneten Summe in die Schatzkammer eingezahlt war, sollten die Unterzeichner eine Corporation mit den Namen Nationallandbank werden. Da diese Bank ausdrücklich dazu bestimmt war, den Landgentlemen unter die Arme zu greifen, so war es ihr streng verboten, auf andre Sicherheit als Landhypothek Geld auszuleihen, und ihr zur Pflicht gemacht, jährlich mindestens eine halbe Million auf Hypothek auszuleihen. Die Zinsen für diese halbe Million sollten bei vierteljährlichen Zahlungen nicht dreiundeinhalb Procent, bei halbjährlichen Zahlungen nicht vier Procent übersteigen. Der gebräuchliche Zinsfuß für die besten Hypotheken war damals sechs Procent. Die schlauen Beobachter bei der holländischen Gesandtschaft glaubten daher, daß die Kapitalisten sich jeder Betheiligung bei einem Geschäft, daß ihnen nothwendig Verlust bringen mußte, enthalten und daß die erforderliche Summe nicht zur Hälfte gezeichnet werden würde, und man sollte nicht glauben, daß ein Mensch von gesundem Verstande hätte anders denken können.[134]
Doch alle Vernunftgründe vermochten nichts gegen die allgemeine Verblendung. Die Tories prophezeiten triumphirend, die Bank Robert Harley’s werde die Bank Karl Montague’s völlig in den Schatten stellen. Die Bill ging in beiden Häusern durch. Am 27. April erhielt sie die königliche Sanction und unmittelbar darauf wurde das Parlament prorogirt.