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Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

EIN FRÖHLICHER BURSCH (continued 2)

Max Bamberger translation

Jetzt bin ich in der obersten Klasse, und da bleibe ich ein Jahr, bis ich fertig bin; aber die meisten von meinen Kameraden sind fort, und ich habe Heimweh. Mir ist zu Mut, als wenn ich ganz allein in der Welt stände, wenn es auch durchaus nicht wahr ist; aber es ist so merkwürdig, wenn man lange fortgewesen ist. Ich dachte früher, ich würde hier sehr tüchtig werden, aber damit sieht es schlecht aus.

Was soll ich wohl anfangen, wenn ich hier fortkomme? Zuerst will ich natürlich nach Hause, und später muß ich mir dann wohl eine Stelle suchen, aber zu weit weg darf's nicht sein.

Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grüßt alle, die nach mir fragen, und sagt ihnen, es ginge mir gut, aber ich hätte Heimweh.

Euer dankbarer Sohn Öyvind Thoresen Pladsen.

Lieber Herr Lehrer!

Hierdurch bitte ich Dich, den beigelegten Brief abzugeben und keinem Menschen davon zu sagen. Und wenn Du nicht willst, so verbrenne ihn bitte.

Öyvind Thoresen Pladsen.

An die ehrsame Jungfrau Margit, Nordistuen, Tochter des Knut auf dem Oberen Heidehof.

Du wirst Dich gewiß sehr wundern, einen Brief von mir zu bekommen. Das brauchst Du aber nicht, denn ich wollte nur fragen, wie es Dir geht. Darüber mußt Du mich möglichst bald und in jeder Hinsicht unterrichten. Von mir selbst kann ich melden, daß ich in einem Jahr hier fertig bin.

Ergeben Öyvind Pladsen.

An Herrn Öyvind Pladsen auf der Ackerbauschule.

Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister bekommen, und ich will antworten, weil Du mich darum bittest. Aber ich habe Angst davor, weil Du so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der will nicht passen. So muß ich's denn selbst versuchen, und Du mußt den guten Willen für die Tat nehmen, aber Du darfst ihn niemandem zeigen, denn dann bist Du nicht der, für den ich Dich halte. Du sollst ihn auch nicht aufheben, weil ihn dann doch leicht einer finden kann, sondern Du sollst ihn verbrennen, und das mußt Du mir versprechen. Ich wollte Dir über so vieles schreiben, aber ich wage das nicht so. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehen hoch im Preis, und hier auf den Heidehöfen sind reichlich gewachsen. Aber ein Bär hat im Sommer bös im Viehstand gehaust; bei Ole auf dem Niederhof hat er zwei Rinder zerrissen, und unserm Häusler hat er eins so zugerichtet, daß es geschlachtet werden mußte. Ich webe an einem sehr großen Tuch; es ist ähnlich wie das schottische Zeug, und das ist sehr schwierig. Und jetzt will ich Dir erzählen, daß ich noch immer zu Hause bin, und daß manchen Leuten das gar nicht recht ist. Jetzt weiß ich für diesmal nichts mehr zu schreiben, und deshalb leb' wohl.

Margit, Tochter des Knut.

Nachschrift.

Du mußt diesen Brief sofort verbrennen.

An den Ackerbauschüler Öyvind Thoresen Pladsen!

Ich habe Dir immer gesagt, Öyvind, wer mit Gott wandert, hat das beste Teil erwählt. Jetzt aber sollst Du meinen Rat hören, den nämlich: daß Du Dir Dein Leben nicht mit Sehnsucht und allerlei Ungemach ausfüllst, sondern auf Gott vertraust und Dein Herz sich nicht in Sehnsucht verzehren läßt; denn dann hast Du einen anderen Gott neben ihm. Ferner will ich Dir mitteilen, daß es Deinem Vater und Deiner Mutter gut geht; ich selbst habe Schmerzen in der Hüfte; da meldet sich der Krieg wieder und alles, was man dabei durchgemacht hat. Was die Jugend sät, wird das Alter ernten, am Geist wie am Körper, der mir brennt und schmerzt und mich zum Wehklagen bringen will. Aber klagen soll das Alter nicht, denn aus Wunden rinnt Weisheit, und die Schmerzen predigen Geduld, auf daß der Mensch stark werde zu seiner letzten Reise. Heute habe ich aus mancherlei Gründen zur Feder gegriffen, zuerst und zunächst um Margits willen, die ein gottesfürchtiges Mädchen geworden ist, aber leichtfüßig wie ein Renntier und voll mancherlei Pläne. Denn sie möchte sich wohl gern an eins halten, kann es aber ihrer Natur wegen nicht; doch ich habe oft erlebt, daß unser Herrgott mit so schwachen kleinen Herzen glimpflich und langmütig umgeht und sie nicht über Vermögen in Versuchung führt, auf daß sie nicht in Stücke brechen; denn die sind sehr zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr richtig gegeben, und sie verbarg ihn vor allen, außer vor ihrem eigenen Herzen. Und wenn der liebe Gott dieser Sache gnädig ist, so habe ich nichts dagegen; denn Margit gefällt den jungen Burschen wohl, wie man deutlich sieht, und sie ist reich an irdischen Gütern, wie auch trotz aller Unbeständigkeit an himmlischen. Denn die Gottesfurcht in ihrem Herzen ist wie Wasser in einem seichten Teich; es ist da, wenn's regnet, aber es verschwindet, wenn die Sonne scheint. Jetzt wollen meine Augen nicht mehr, denn sie sehen zwar gut in die Ferne, aber in der Nähe schmerzen sie und tränen. Zum Schluß will ich Dir noch sagen, Öyvind: was Du auch erstrebst und was Du anfängst, Deinen Gott nimm mit; denn es steht geschrieben: Es ist besser eine Hand voll mit Ruhe, denn beide Fäuste voll mit Mühe und Jammer. (Pred. Sal. 4, 6.)

Dein alter Lehrer Baard Andersen Opdal.

An die ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.

Schönen Dank für Deinen Brief; ich habe ihn gelesen und verbrannt, wie Du gewollt hast. Du schreibst von vielem, aber gar nichts von dem, was ich gern wissen wollte. Eher darf ich auch von etwas Gewissem nicht schreiben, bis ich nicht weiß, wie es Dir in allen Stücken geht. In dem Brief vom Schulmeister steht nichts, worauf man bauen könnte, aber er lobt Dich, und doch sagt er, Du bist unbeständig. Das warst Du schon immer. Jetzt weiß ich nicht, was ich denken soll, und deshalb mußt Du mir schreiben; denn ich habe keine Ruhe, bis Du nicht geschrieben hast. In dieser Zeit denke ich immer dran, wie Du am letzten Abend auf den Berg kamst, und was Du da sagtest. Mehr will ich diesmal nicht schreiben, und deshalb leb' wohl.

Ergeben Öyvind Pladsen.

An Herrn Öyvind Thoresen Pladsen.

Der Schulmeister hat mir wieder einen Brief von Dir übergeben, und ich habe ihn jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn nicht recht, und das kommt wohl daher, daß ich nicht gelehrt genug bin. Du willst wissen, wie es mir in allen Stücken geht. Nun, ich bin gesund und munter, und mir fehlt nicht das geringste. Ich mag gern essen, besonders wenn es Milchreis gibt. Nachts schlafe ich, und zuweilen tags auch noch. Ich habe viel getanzt in diesem Winter, denn hier ist viel los gewesen, und es ging immer sehr lustig zu. Ich gehe in die Kirche, wenn nicht zuviel Schnee liegt; aber im Winter lag er sehr hoch. Jetzt weißt Du doch wohl alles, und wenn nicht, so bleibt nichts weiter übrig, als daß Du mir noch einmal schreibst.

Margit, Tochter des Knut.

An die ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.

Deinen Brief habe ich bekommen, aber mir scheint, Du willst mich nicht klüger werden lassen. Vielleicht ist das ja auch eine Antwort, ich weiß es nicht. Ich darf von dem, was ich schreiben möchte, kein Wort sagen, denn ich kenne Dich ja nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch nicht.

Du mußt nicht glauben, daß ich noch der weiche Käse bin, aus dem Du das Wasser herausdrücktest, als ich dasaß und Dich tanzen sah. Ich habe seit der Zeit auf manchem Brett zum Trocknen gelegen. Ich bin auch nicht mehr wie die langhaarigen Hunde, die gleich die Ohren hängen lassen und den Schwanz einziehen, wie ich es früher getan; jetzt lasse ich es an mich herankommen.

Dein Brief war sehr spaßig; aber er spaßte, wo er lieber nicht hätte spaßen sollen; denn Du verstandest mich recht gut, und da hättest Du wissen müssen, daß ich nicht zum Spaß fragte, sondern weil ich in der letzten Zeit nur an das gedacht habe, wonach ich fragte. Ich war in großer Not und wartete, und da bekam ich als Antwort bloß Albernheiten und Gelache.

Leb' wohl, Margit vom Heidehof, ich will nicht mehr, wie bei jenem Tanz, zuviel nach Dir schauen. Mögest Du gut essen und schön schlafen und Dein neues Tuch fertig weben, und schaufle vor allen Dingen den Schnee weg, der vor der Kirchtür liegt.

Ergeben Öyvind Thoresen Pladsen.

An den Ackerbauschüler Öyvind Thoresen, Ackerbauschule.

Trotz meines hohen Alters und meiner schwachen Augen und der Schmerzen in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend nachgeben; denn sie braucht uns Alten, wenn sie sich festgerannt hat. Sie bittet und jammert, bis sie wieder flott ist, aber dann rennt sie gleich wieder davon und hört nicht mehr auf uns.

Also die Margit; sie schmeichelt mit vielen süßen Worten, ich möge zur Gesellschaft mitschreiben, denn sie traut sich nicht allein zu schreiben. Ich habe Deinen Brief gelesen; sie dachte eben, sie habe Jon Hatlen oder sonst einen Waschlappen vor sich, aber nicht einen, den Schulmeister Baard erzogen hat; und nun drückt sie der Schuh. Aber Du bist zu streng gewesen; denn es gibt Mädchen, die scherzen, um nicht weinen zu müssen, und zwischen beidem ist kein Unterschied. Aber es gefällt mir, daß Du das Ernste ernst nimmst, denn sonst könntest Du über das, was Scherz ist, nicht lachen.

Daß Euer Sinnen aufeinander gerichtet ist, scheint mir jetzt aus vielem ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie war wie eine Wetterfahne; aber jetzt weiß ich, daß sie Jon Hatlen doch abgewiesen hat, worüber ihr Großvater in hellen Zorn geraten ist. Sie war glücklich, als Dein Schreiben kam, und wenn sie scherzte, so tat sie es nicht aus böser Absicht, sondern aus lauter Freude. Sie hat viel erdulden müssen, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem ihr Sinn stand. Und jetzt willst Du nichts von ihr wissen und stößt sie zurück wie ein unartiges Kind.

Das mußte ich Dir sagen, und den Rat möchte ich Dir noch geben, daß Du Dich mit ihr wieder aussöhnst, denn Streit gibt es auch doch genug in der Welt. Ich bin wie jener Greis, der drei Geschlechter gesehen hat. Ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.

Von Vater und Mutter soll ich Dich grüßen, sie warten sehnlichst auf Dich. Aber davon habe ich Dir nicht eher schreiben wollen, damit Du kein Herzweh bekämst. Deinen Vater kennst Du noch gar nicht; denn er ist wie ein Baum, der keinen Laut von sich gibt, bis er gefällt wird. Aber wenn Dir einmal etwas zustößt, dann wirst Du ihn kennen lernen, und Du wirst staunen wie einer, der einen Schatz findet. Er ist gedrückt und wortkarg in weltlichen Dingen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemüt von der weltlichen Angst frei' gemacht, und jetzt klärt sich sein Lebenstag auf.

Nun werden meine Augen trüb, und die Hand will nicht mehr. Also befehle ich Dich dem, dessen Auge immerdar wacht und dessen Hände nimmer müde werden.

Baard Andersen Opdal.

An Öyvind Pladsen.

Du bist wohl böse auf mich, und das tut mir sehr weh. Denn so habe ich es nicht gemeint; ich meinte es gut. Ich weiß, daß ich oft nicht so gegen Dich gewesen bin, wie ich hätte sein sollen, und deshalb will ich jetzt an Dich schreiben, aber Du darfst es keinem Menschen zeigen. Einmal ist mir's ergangen, wie ich's wünschte, und da war ich nicht nett; aber jetzt will keiner mehr was von mir wissen, und mir geht es recht schlecht. Jon Hatlen hat ein Spottlied auf mich gemacht, und das singen alle Burschen, und ich kann mich auf keinem Tanz mehr blicken lassen. Die beiden Alten wissen davon, und ich bekomme böse Worte zu hören. Ich aber sitze allein und schreibe, und Du darfst es keinem zeigen.

Du hast viel gelernt und könntest mir einen Rat geben, aber Du bist so weit fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner Mutter geplaudert, und wir sind gute Freunde geworden; aber ich darf nichts sagen, denn Du hast so sonderbar geschrieben. Der Schulmeister macht sich jetzt über mich lustig, und er weiß nichts von dem Spottlied, denn kein einziger im ganzen Dorf wagt ihm so etwas vorzusingen. Jetzt bin ich allein und habe keinen, mit dem ich sprechen kann; ich denke daran, als wir noch Kinder waren, und Du so nett zu mir warst, und ich immer auf Deinem Schlitten sitzen durfte. Und da möchte ich wünschen, daß ich wieder ein Kind wäre.

Ich darf Dich nicht mehr bitten, mir zu antworten; ich darf es nicht. Aber wenn Du mir nur noch ein einziges Mal schreiben wolltest, so würde ich Dir das nie vergessen, Öyvind.

Margit, Tochter des Knut.

Lieber Öyvind, verbrenne diesen Brief; ich weiß gar nicht, ob ich ihn überhaupt abschicken darf.

Liebe Margit!

Dank für Deinen Brief; den hast Du in einer guten Stunde geschrieben. Jetzt will ich Dir auch sagen, Margit, daß ich Dich so lieb habe, daß ich es beinahe hier nicht mehr aushalten kann, und wenn Du mich ebenso lieb hast, dann sollen Jons Spottlieder und alle bösen Worte bloß Blätter sein, wie sie an jedem Baum hängen. Seit ich Deinen Brief bekommen habe, bin ich ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich gekommen, und ich fürchte mich vor nichts in der Welt. Als ich den vorigen Brief abgeschickt hatte, tat es mir so leid, daß ich fast krank davon geworden bin. Und nun sollst Du hören, was das für eine Folge hatte. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehle; er glaubte, ich arbeitete zu viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr hier zu Ende sei, sollte ich noch eins hier bleiben und ganz umsonst; ich solle ihm hier und da an die Hand gehen, er aber wollte mich noch in vielem unterrichten. Da dachte ich, Arbeit sei das einzige, das mich aufrecht halten könne, und ich bedankte mich vielmals; und ich bereue es auch nicht, wenn ich jetzt auch Sehnsucht nach Dir habe; denn je länger ich hier bin, desto mehr Recht habe ich später, um Dich zu werben. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite für drei, und ich will nie in irgend etwas zurückstehen. Ich will Dir aber ein Buch schicken, das ich jetzt lese, denn da steht viel von Liebe drin. Ich lese immer abends darin, wenn die andern schlafen, und dann lese ich auch Deinen Brief immer wieder durch. Hast Du Dir vorgestellt, wenn wir uns wiedersehen? Das male ich mir so oft aus, und das mußt Du auch versuchen und sollst sehen, wie schön es ist. Ich freue mich, daß ich soviel geschrieben und gearbeitet habe, trotzdem es oft schwer war; aber jetzt kann ich Dir alles sagen, was ich mag, und lache dabei in meinem Sinn.

Ich will Dir viele Bücher zu lesen geben, damit Du sehen sollst, wieviel Widerwärtigkeiten alle gehabt haben, die sich innig lieb hatten, und daß sie lieber aus Kummer gestorben sind, als daß sie voneinander gelassen haben. Und so wollen wir es auch halten, und zwar freudigen Herzens. Wohl dauert es fast zwei Jahre, bis wir uns sehen, und noch länger, bis wir uns kriegen; aber mit jedem Tag, der vergeht, ist es doch ein Tag weniger; daran wollen wir bei unserer Arbeit denken.

Nächstes Mal muß ich Dir über vieles schreiben, heut abend aber habe ich kein Papier mehr, und die andern schlafen alle. Darum will ich auch zu Bett gehen und an Dich denken, bis ich einschlafe.

Dein Freund Öyvind Pladsen.

Neuntes Kapitel

Eines Sonntags im Hochsommer ruderte Tore Pladsen über den Fjord, um seinen Sohn zu holen, der am Nachmittage von der Ackerbauschule heimkommen sollte, denn jetzt war er fertig. Die Mutter hatte ein paar Tage lang eine Scheuerfrau gehabt, alles war geputzt und gesäubert, die Kammer war nach langer Zeit wieder in Stand gesetzt, es war ein Ofen hineingestellt; da sollte Öyvind wohnen. Heute brachte die Mutter frisches Grün hinein, holte reines Leinzeug heraus, machte das Bett zurecht und schaute zwischendurch immer einmal aus, ob noch kein Boot dahergerudert komme. Unten in der Stube war der Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch etwas, oder die Fliegen waren wegzujagen, und oben in der Kammer lag noch Staub, und immer wieder Staub. Noch war kein Boot zu sehen. Sie lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus; da hörte sie dicht neben sich Schritte vom Wege her und wandte den Kopf; es war der Schulmeister, der langsam, auf einen Stock gestützt, herunterkam, denn mit seiner Hüfte ging es schlecht. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er blieb stehen und ruhte sich aus und nickte ihr zu: "Na, noch nicht da?"—"Nein, sie müssen aber jeden Augenblick kommen."—"Schönes Wetter zum Heuen heut!"—"Aber zu heiß für alte Leute zum Gehen."—Der Schulmeister sah sie schmunzelnd an. "Sind junge Leute heut schon hier gewesen?"—"Freilich, sind aber wieder fortgegangen."—"Ja, gewiß, ja; die treffen sich wohl heut abend irgendwo."—"Kann schon sein, ja; Tore sagt, sie sollen sich nicht bei ihm im Hause treffen, bis die Alten ihre Zustimmung gegeben haben."—"Sehr richtig, sehr richtig."—Nach einer Weile rief die Mutter: "Jetzt glaub' ich beinahe, sie kommen." Der Schulmeister spähte lange in die Ferne. "Ja, das sind sie"; sie trat vom Fenster zurück, und er ging ins Haus. Als er sich ein bißchen ausgeruht und erfrischt hatte, gingen sie langsam an die See hinunter, während das Boot in voller Fahrt heranschoß, denn Vater und Sohn ruderten beide. Die Ruderer hatten die Jacken ausgezogen, es sprühte weiß unter den Rudern, und bald war das Boot dicht bei ihnen, Öyvind wandte den Kopf und blickte hinauf; er gewahrte die beiden an der Landungsstelle, zog die Ruder ein und rief: "Guten Tag, Mutter,—guten Tag, Schulmeister!"—"Hat der 'ne Mannsstimme bekommen!" sagte die Mutter mit strahlendem Gesicht. "So was, so was! er ist noch gerade so hellblond", fügte sie hinzu. Der Schulmeister holte das Boot heran, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind sprang an ihm vorbei an Land, gab erst der Mutter die Hand und dann dem Schulmeister, lachte und lachte und fing, ganz gegen Bauernart, gleich in einem reißenden Strom an zu erzählen vom Examen, von der Reise, von dem Empfehlungsschreiben des Direktors und günstigen Anerbietungen. Er fragte nach der Ernte und nach allen Bekannten, außer nach einer; der Vater wollte das Gepäck aus dem Boot tragen, aber weil er auch etwas hören wollte, dachte er, das habe ja auch noch Zeit, und ging mit. Und so zogen sie ihres Wegs; Öyvind lachte und erzählte, und seine Mutter lachte auch, denn sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Der Schulmeister schlenderte langsam daneben und sah ihn verständnisvoll an; der Vater ging bescheiden in etwas größerer Entfernung. Und so kamen sie heim. Er freute sich über alles, was er sah; zuerst darüber, daß das Haus frisch gestrichen, und daß die Mühle ausgebaut war, dann darüber, daß die Butzenscheiben in Stube und Kammer herausgenommen waren, weißes Glas an Stelle des grünen eingesetzt und der Fensterrahmen vergrößert war. Als er hineintrat, kam ihm alles so merkwürdig klein vor, wie er sich es gar nicht vorgestellt hatte, aber so lustig. Die Uhr gackerte wie eine fette Henne, die geschnitzten Stühle sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick zu reden anfangen; jede Tasse auf dem gedeckten Tisch kannte er; der weißgetünchte Herd lächelte ihm ein Willkommen zu; grünes Laub hing duftend an den Wänden, Wacholderbüschel waren auf den Fußboden gestreut und verkündeten den Festtag. Sie setzten sich zum Essen, aber es wurde nicht viel daraus, denn er schwatzte unaufhörlich. Sie betrachteten ihn sich jetzt mit mehr Muße, sahen die Veränderungen und die Ähnlichkeiten, sie achteten auf alles, was neu an ihm war, bis hin zu dem blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er gerade eine lange Geschichte von einem seiner Kameraden erzählt hatte und endlich aufhörte, so daß eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: "Ich verstehe beinahe kein Wort von dem, was Du sagst, Junge, Du sprichst so übermäßig schnell."—Alle lachten herzlich, und Öyvind nicht am wenigsten; er wußte recht gut, daß es sich so verhielt, aber es war ihm nicht möglich, langsamer zu sprechen. Alles Neue, was er während seiner langen Abwesenheit gesehen und gelernt hatte, hatte seine Phantasie und seinen Verstand gepackt und ihn aus der gewohnten Haltung aufgerüttelt, so daß die Kräfte, die lange geruht hatten, aufgescheucht wurden, und der Kopf in unablässiger Arbeit war. Weiter fiel ihnen auf, daß er sich angewöhnt hatte, ganz willkürlich zwei, drei Worte zu wiederholen vor lauter Geschäftigkeit, fast, als stolpere er über sich selbst. Manchmal klang's geradezu komisch, aber dann lachte er, und vergessen war es. Der Schulmeister und der Vater saßen da und lauerten, ob er wohl seine alte Umsicht verloren habe, aber es schien nicht so: er dachte an alles und er erinnerte auch daran, daß sie wohl das Boot ausladen müßten; er packte gleich seine Sachen aus und hängte sie hin, zeigte seine Bücher, seine Uhr und alles Neue, und alles sei gut imstande, sagte seine Mutter. Über sein kleines Gemach freute er sich unbändig; er wolle fürs erste zu Hause bleiben, sagte er, beim Heuen helfen und lernen. Wo er nachher hinwollte, wußte er noch nicht, aber das war ja auch noch gleich. Sein Denken hatte eine erfrischende Kraft und Raschheit bekommen, und seine Ausdrucksweise eine Lebendigkeit, die jedem wohltut, der Jahr für Jahr bestrebt ist, sich zurückzuhalten. Der Schulmeister fühlte sich um zehn Jahre verjüngt.

"So weit wären wir jetzt glücklich", sagte er strahlend, als er aufbrach.

Als die Mutter ihn wie gewöhnlich hinausbegleitet hatte, rief sie Öyvind in seine Kammer. "Es wartet jemand auf Dich um neun", flüsterte sie.—"Wo?"—"Auf dem Berge."

Öyvind sah nach der Uhr; es ging auf neun. Drinnen konnte er es nicht abwarten, sondern er ging hinaus, klomm den Berg empor, blieb oben stehen und hielt Umschau. Das Hausdach lag dicht unter ihm; die Büsche auf dem Dach waren groß geworden, all die jungen Bäume um ihn herum waren auch gewachsen, und er kannte jeden einzigen. Er sah den Weg hinunter, der am Berg entlang führte und an der andern Seite vom Walde begrenzt war. Der Weg lag grau und eintönig da, der Wald aber trug Laub mancherlei Art; die Bäume waren hoch und gerade gewachsen, in der kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen Segeln; es war mit Brettern beladen und wartete auf Wind. Er sah aufs Wasser hinaus, auf dem er fortgezogen und jetzt wieder heimgekehrt war; es lag still und blank da, ein paar Seevögel schwebten drüber hin, lautlos, denn es war spät. Der Vater kam von der Mühle her, blieb vor der Haustür stehen und blickte gerade wie sein Sohn ins Land, dann ging er zum Strand hinunter, um das Boot für die Nacht zu bergen. Die Mutter kam aus der Seitentür heraus, sie war in der Küche gewesen, und sie sah zum Berge hinauf, als sie über den Hof ging, um den Hühnern Futter zu bringen; sie sah noch einmal hinauf und summte vor sich hin. Er setzte sich und wartete; das Gestrüpp um ihn war so dicht geworden, daß er nicht drüber wegsehen konnte, aber er lauschte auf das kleinste Geräusch. Erst waren es nur Vögel, die aufflatterten und ihn neckten, dann ein Eichkätzchen, das von Baum zu Baum sprang. Schließlich knackte es weiter hinten, und nach einem Weilchen knackte es wieder. Er stand auf, das Herz klopfte ihm, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. Da raschelte es in den Büschen dicht neben ihm, aber es war nur ein großer zottiger Hund, der ihn anblickte, auf drei Beinen stehen blieb und sich nicht rührte. Das war der Hund vom Oberen Heidehof, und dicht hinter ihm knackte es wieder; der Hund drehte den Kopf und wedelte mit dem Schwanz; da kam Margit.

Ein Busch hakte sich in ihrem Kleide fest, sie drehte sich um und machte ihn los, und dann erst konnte er sie sehen. Ihr Kopf war unbedeckt und das Haar aufgesteckt, wie es die Mädchen an Werktagen tragen; sie hatte ein grobes kariertes Kleid an ohne Ärmel und um den Hals nur einen umgelegten Leinenkragen; sie hatte sich geradenwegs von der Feldarbeit fortgeschlichen und hatte sich nicht erst putzen können. Jetzt sah sie schräg in die Höhe und lächelte; die weißen Zähne und die halbgeschlossenen Augen blitzten. So stand sie ein Weilchen da und zupfte an ihrem Kleide, dann aber kam sie auf ihn zu und wurde röter bei jedem Schritt. Er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand in seine beiden. Sie sah zu Boden, und so standen sie einander gegenüber.

"Ich dank' Dir für all Deine Briefe", war das erste, was er sagte, und als sie da ein klein bißchen aufsah und lachte, merkte er, daß sie das lustigste Hexlein war, dem man je im Walde begegnen konnte; aber doch war er befangen, und sie war es nicht minder. "Wie groß Du geworden bist!" sagte sie und meinte eigentlich etwas ganz anderes. Sie wagte allmählich, ihn genauer anzusehen und lachte immer mehr, und er lachte auch, aber sie sagten kein Wort. Der Hund hatte sich an den Abhang gesetzt und schaute auf das Gehöft hinunter. Tore sah den Hundekopf vom Wasser aus und konnte sich absolut nicht denken, was das da oben auf dem Berge wohl sein könnte.

Die beiden aber hatten sich jetzt losgelassen und fingen bei kleinem zu erzählen an. Und als er erst angefangen hatte, kam er bald so ins Fahrwasser, daß sie über ihn lachen mußte. "Ja, siehst Du, das ist immer so, wenn ich mich so freue, so richtig freue, siehst Du; und als zwischen uns beiden alles gut wurde, da war's, als wenn ein Schloß in mir aufsprang, aufsprang, siehst Du." Sie lachte. Nach einer Weile sagte sie: "Die Briefe, die Du mir geschrieben hast, kann ich alle beinah auswendig."—"Ich Deine auch! Aber Du hast immer nur so kurz geschrieben."—"Weil Du immer so lange Briefe haben wolltest."—"Und wenn ich wollte, wir sollten mehr von dem einen schreiben, dann rücktest Du immer aus."—"Ich bin am hübschesten, wenn man bloß den Schwanz sieht", sagt die Waldhexe.—"Aber Du hast mir nie geschrieben, wie Du Jon Hatlen losgeworden bist."—"Ich hab' gelacht."—"Was?"—"Gelacht; weißt Du nicht, was lachen ist?"—"Doch, lachen kann ich."—"Mach' mal vor!"—"Na, so was! Ich muß doch erst was zum Lachen haben."—"Das brauche ich nicht, wenn ich glücklich bin."—"Bist Du jetzt glücklich, Margit?"—"Lache ich denn etwa?"—"Ja, das tust Du!"—Er faßte ihre beiden Hände und schlug sie ineinander, klatsch, klatsch, und sah sie dabei an. Da fing der Hund zu knurren an, seine Borsten sträubten sich, und er bellte nach unten, lauter und lauter, zuletzt ganz wütend. Margit lief erschrocken weg, Öyvind aber trat vor und sah hinunter. Das Bellen galt seinem Vater; er stand unten dicht am Berge, die Hände in den Taschen und sah zu dem Hund hinauf. "Du bist auch da oben? Was hast Du denn da für einen verrückten Köter?"—"Das ist ein Hund vom Heidehof", antwortete Öyvind etwas verlegen. "Wie zum Teufel kommt der da hin?"—Die Mutter aber sah aus dem Küchenfenster, denn sie hatte den fürchterlichen Lärm gehört; sie ahnte den Zusammenhang, lachte und sagte: "Der Hund treibt sich immer hier herum; das ist weiter nichts Besonderes."—"Das ist aber ein ganz gefährlicher Hund."—"Er ist nicht so schlimm, wenn man ihn streichelt", sagte Öyvind und liebkoste den Hund; da wurde er still,—er knurrte nur noch. Der Vater kehrte arglos um, und die beiden waren vor Entdeckung sicher.

"Das ging noch gut ab", sagte Margit, als sie wieder zusammen waren.—"Es kommt noch schlimmer, meinst Du?"—"Ich weiß, daß uns jemand belauern wird."—"Dein Großvater?"—"Natürlich."—"Aber er soll uns nichts anhaben!"—"Nicht so viel."—"Versprichst Du mir das?"—"Ja, das verspreche ich, Öyvind."—"Wie hübsch Du bist, Margit!"—"Das sagte der Fuchs auch zum Raben und stahl ihm den Käse."—"Ich will eben den Käse auch gern haben."—"Du kriegst ihn aber nicht."—"Ich nehme ihn mir aber." Sie drehte den Kopf weg, und er bekam den Käse nicht. "Jetzt will ich Dir mal was sagen, Öyvind!" sie sah ihn von der Seite an. "Nun?"—"Wie häßlich Du geworden bist!"—"Du wirst mir den Käse trotzdem geben."—"Nein, das werde ich nicht", und sie wandte sich wieder ab.

"Ich muß jetzt gehen, Öyvind."—"Ich begleite Dich."—"Aber nur durch den Wald; nachher kann Großvater Dich sehen."—"Ja, nur durch den Wald. Aber warum läufst Du denn so?"—"Wir können hier doch nicht nebeneinander gehen."—"Aber dann ist es doch keine Begleitung!"—"So fang mich doch!"—Sie lief davon, er hinterher, bald blieb sie hängen, und er fing sie.—"Habe ich Dich jetzt für immer gefangen, Margit?" er hatte den Arm um sie gelegt.—"Ich glaube", sagte sie leise und lachte, aber dann errötete sie und wurde ernst. "Jetzt muß es aber gehen", dachte er, und er zog sie an sich und wollte sie küssen; doch sie steckte den Kopf unter seinen Arm, lachte und lief ihm davon. Zwischen den letzten Bäumen blieb sie aber stehen. "Wann treffen wir uns wieder?" fragte sie leise. "Morgen, morgen", rief er ebenso zurück. "Ja, morgen!"—"Leb' wohl!" sie lief weiter. "Margit!" sie stand still.—"Du, das war fein, daß wir uns zuerst oben auf dem Berge trafen."—"Ja, das war's!" und sie lief wieder weiter. Er sah ihr lange nach; der Hund lief ihr voran und bellte, sie hinterher und beschwichtigte ihn. Er kehrte um, nahm seine Mütze und warf sie in die Luft, fing sie und warf sie noch einmal in die Höhe. "Jetzt, glaube ich, wirklich, ich fange an, froh zu werden", sagte der Bursch und ging singend heimwärts.

Zehntes Kapitel

Eines Nachmittags gegen Ende des Sommers, als die Mutter mit einer Magd Heu zusammenrechte, und der Vater und Öyvind es einbrachten, kam ein barfüßiges, barhäuptiges Bürschchen den Hügel hinuntergesprungen, lief über die Wiese auf Öyvind zu und gab ihm einen Zettel. "Du kannst fein laufen", sagte Öyvind. "Ich krieg's auch bezahlt", antwortete der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort haben wolle, sagte er nein und trat schleunigst den Rückzug über den Berg an, denn es komme einer hinter ihm her, sagte er. Öyvind machte mit vieler Mühe das Zettelchen auf; es war in einen Streifen zusammengefaltet, dann geknifft und dann zugesiegelt, und auf dem Zettel stand:

"Jetzt ist er im Anmarsch; aber es geht langsam. Lauf in den Wald und versteck' Dich!

Die Bewußte."

"Nein, das tu' ich nicht", dachte Öyvind und sah trotzig nach dem Hügel hinauf. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein alter Mann dort oben zum Vorschein, verpustete sich, ging ein paar Schritte und verpustete sich wieder. Tore und seine Frau hielten mit der Arbeit inne und blickten hinauf. Tore lächelte, seine Frau aber wechselte die Farbe. "Kennst Du den?"—"Ja, den soll man wohl kennen."

Vater und Sohn fingen wieder an, ihr Heu einzutragen, und Öyvind wußte es so einzurichten, daß sie immer hintereinander hergingen. Der Alte oben auf dem Hügel kam langsam heran wie ein schwerer Wolkenschauer von Westen. Er war sehr groß und stark; weil er schlimme Füße hatte, mußte er mühsam Schritt für Schritt am Stock gehen. Er war jetzt schon so dicht dabei, daß sie ihn deutlich sehen konnten; er stand still, nahm die Mütze vom Kopf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab. Sein Kopf war ganz kahl; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine lebhafte, zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Mund. Seine Stimme war scharf und kreischend, als gehe sie über Stock und Stein; doch ab und zu verweilte sie so recht behaglich auf dem r, schnarrte es ein paar Ellen lang und machte zugleich einen mächtigen Sprung. Er hatte in seiner Jugend für einen lustigen, etwas heißblütigen Menschen gegolten; auf seine alten Tage war er durch mancherlei Unannehmlichkeiten mißtrauisch und jähzornig geworden.

Tore und sein Sohn mußten noch verschiedene Male hin und her pendeln, bis Ole herangestelzt kam; sie wußten beide, daß er nichts Gutes im Schilde führte, aber um so drolliger war es, daß er nur so langsam herankam. Sie mußten beide ganz ernste Gesichter machen und ganz leise sprechen; doch auf die Dauer wirkte das komisch. Ein einziges zündendes Wort kann unter solchen Umständen zum Lachen reizen, zumal wenn mit dem Lachen eine Gefahr verbunden ist. Als er schließlich bloß noch ein paar Klafter weit fort war, die aber kein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind trocken und leise: "Der Mann muß schwere Ladung haben", und mehr war nicht nötig. "Ich glaube, Du bist nicht recht klug", flüsterte der Vater, dem das Lachen nahe war.—"Hm, hm", räusperte sich Ole auf der Höhe. "Er bringt schon seine Kehle in Ordnung", flüsterte Tore. Öyvind kniete vor dem Heuhaufen hin, grub das Gesicht hinein und lachte; auch sein Vater bückte sich hinunter. "Komm in die Scheune", flüsterte er, lud sein Heu auf und trabte davon; Öyvind bog sich vor Lachen, nahm auch ein kleines Bündel, lief hinterher und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster Mann; aber brachte ihn einer zum Lachen, dann gluckste es erst ein bißchen in ihm, und dann kamen lange, abgebrochene Triller, bis sie sich zu einem einzigen langen Brüllton vereinigten, worauf dann Welle auf Welle mit immer längerem Schnaufen hervorbrach. Jetzt war er ins Fahrwasser gekommen; der Sohn lag auf dem Boden, der Vater stand dabei, und beide lachten, daß es schallte. Sie hatten immer mal zwischendurch solchen Lachtag; aber "diesmal kommt es sehr ungelegen", sagte der Vater. Schließlich wußten sie gar nicht, was werden sollte, denn der Alte mußte ja inzwischen da sein. "Ich gehe nicht 'raus," sagte der Vater, "ich habe nichts mit ihm zu schaffen."—"Ja, dann geh' ich auch nicht", sagte Öyvind.—"Hm—hm", hörten sie es draußen vor der Scheune. Der Vater drohte dem Burschen mit der Faust: "Du machst, daß Du 'rauskommst!"—"Ja, geh Du voran!"—"Willst Du gleich hingehen!"—"Ja, geh voran!" und sie klopften sich gegenseitig die Röcke ab und gingen mit ernsten Mienen hinaus. Als sie unten an die Scheunenbrücke kamen, sahen sie Ole an der Küchentür stehen, als besinne er sich; er hatte Mütze und Stock in einer Hand und trocknete sich mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen Schädel und zupfte auch die Borsten hinter den Ohren und im Nacken zurecht, daß sie wie Stacheln abstanden. Öyvind hielt sich dicht hinter dem Vater; dieser mußte also stehen bleiben, und um endlich ein Ende zu machen, sagte er mit sehr ernstem Gesicht: "Na, alte Leute noch auf den Beinen?" Ole drehte sich um, sah ihn scharf an und setzte die Mütze zurecht, bis er antwortete: "Ja, scheint so!"—"Du bist gewiß müde; willst Du nicht hereinkommen?"—"Ach, ich ruhe mich hier im Stehen aus; mein Geschäft dauert nicht lange."—Da klinkte jemand die Küchentür auf, zwischen der Frau in der Tür und Tore stand der alte Ole, den Mützenschirm tief über die Augen gezogen; denn seit er kein Haar mehr hatte, war ihm die Mütze zu groß geworden. Um sehen zu können, bog er den Kopf ganz hintenüber; den Stock hielt er in der rechten Hand, die linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht damit gestikulierte; aber auch dann streckte er sie nur halb von sich und ließ sie in dieser Stellung, um gewissermaßen seiner Würde nichts zu vergeben. "Ist das Dein Sohn, der da hinter Dir steht?" fragte er mit rauher Stimme. "Ich denke."—"Öyvind heißt er, nicht?"—"Ja, er heißt Öyvind."—"Er ist auf einer Ackerbauschule da unten im Süden gewesen?"—"So was war's ja wohl."—"Na, das Mädel, meine Großtochter, die Margit, ja, die ist jetzt ganz verrückt geworden."—"Das wär' schlimm."—"Sie will nicht heiraten."—"Na nu?"—"Sie will keinen von den Bauernsöhnen, die sich um sie bemühen."—"Ach so!"—"Aber der da ist schuld dran."—"Soo?"—"Er hat ihr den Kopf verdreht; ja, der da, Dein Sohn Öyvind."—"Teufel auch!"—"Siehst Du, ich mag nicht, daß mir einer meine Pferde stiehlt, wenn ich sie in die Koppel bringe, und ich mag auch nicht, daß mir einer meine Töchter nimmt, wenn ich sie zum Tanz lasse, das mag ich ganz und gar nicht."—"Nein, das versteht sich!"—"Ich kann nicht hinterherlaufen; ich bin alt, ich kann nicht immerzu aufpassen."—"Nein, nein!"—"Siehst Du, bei mir muß alles seine Art haben; hier muß der Hauklotz stehen, und da die Axt liegen, und da das Messer, und da soll gekehrt werden, und da sollen sie das Holz hinwerfen, nicht vor die Tür, da in die Ecke, ja gerade dahin und nirgends anders. Ebenso: wenn ich zu ihr sage: nicht der, sondern jener,—dann soll es eben auch der sein—und nicht jener!"—"Ganz richtig."—"Aber so ist das nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und seit drei Jahren können wir uns nicht mehr vertragen. Das ist schlimm; und wenn der da schuld dran ist, so kann ich ihm sagen, daß Du, sein Vater, es hörst: es nützt ihm alles nichts; es ist Schluß."—"Ja, ja." Ole sah Tore eine Weile an, dann sagte er: "Du bist ja so kurz angebunden."—"Länger ist die Wurst eben nicht!"

Da mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumut war. Aber bei freudigen Menschen liegt die Furcht immer an der Grenze des Lachens, und jetzt neigte er zum Lachen. "Worüber lachst Du?" fragte Ole kurz und scharf.—"Ich?"—"Lachst Du über mich?"—"Gott bewahre!" aber seine eigene Antwort reizte seine Lachlust noch mehr. Das sah Ole, und er wurde ganz wütend. Tore und Öyvind wollten es wieder gut machen durch ein ernstes Gesicht, und sie baten ihn, mit hineinzukommen; aber ein dreijahrelanger Ärger mußte sich Luft machen, und der ließ sich nicht eindämmen. "Du brauchst mich nicht zum Narren zu halten," fing er an, "ich bin in meinem Recht; ich sorge für das Glück meiner Enkelin, so gut ich es verstehe, und das Gefeixe eines Lümmels soll mich nicht hindern. Man zieht keine Mädels groß, um sie in die erste beste Kate, die sich auftut, hinzugeben, und man steht nicht vierzig Jahre lang einem Hof vor, um das alles dem ersten besten an den Hals zu werfen, der dem Mädel den Kopf verdreht. Meine Tochter jammerte und wehklagte so lange, bis sie an einen Landstreicher verheiratet war, der sie alle beide zu Tode soff, und ich mußte das Kind zu mir nehmen und den Spaß bezahlen; aber gnade Gott, wenn es mit meiner Großtochter ebenso gehen sollte, jetzt weißt Du's.—Ich will Dir sagen, so wahr ich Ole Nordistuen vom Heidehof bin, eher wird der Pfarrer das Hexenvolk im Walde von Norddal trauen, ehe er Margit und Dich, Du Scheusal, aufbieten soll.—Du willst wohl alle anständigen Freier vom Hof weggraulen? Versuch's nur und komm, dann fliegst Du den Berg 'runter, daß Dir die Schuhe um die Ohren schlagen. Du Affenkerl! Du glaubst wohl, ich weiß nicht, was Ihr denkt, Du und das Mädel,—Ihr denkt, der alte Ole Nordistuen wird bald die Nase in die Luft strecken da draußen auf dem Kirchhof—und dann—hast du nicht gesehen—wollt Ihr vor den Altar. Ich habe jetzt sechsundsechzig Jahre gelebt und ich will Dir zeigen, Bengel, daß ich lebe, bis Ihr alle beide die Gelbsucht darüber kriegt! Meinetwegen kannst Du Dich wie Neuschnee ums Haus legen, aber nicht mal ihre Fußsohlen wirst Du zu sehen bekommen, denn ich schick' sie weg; ich schicke sie wohin, wo sie sicher ist; dann kannst Du hier ja wie 'ne Lachmöve 'rum flattern und Dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich Dir nichts zu sagen; aber jetzt kennst Du, sein Vater, meine Ansicht, und wenn Du sein Bestes willst, das hier auf dem Spiel steht, dann sorg' dafür, daß er den Fluß so gräbt, wie das Wasser laufen kann; über mein Eigentum geht kein Weg."—Er ging mit kleinen, raschen Schritten zurück, wobei er den rechten Fuß etwas höher hob als den linken und leise vor sich hinschimpfte.

Die Zurückbleibenden waren plötzlich sehr ernst geworden; eine böse Ahnung hatte sich in ihr Lachen und Scherzen gemischt, und still war's einen Augenblick im Hause wie nach einem großen Schrecken. Die Mutter, die in der Küchentür alles mitangehört hatte, sah Öyvind bekümmert an; die Tränen waren ihr nahe, aber sie wollte ihm das Herz nicht durch irgend ein Wort noch schwerer machen. Als sie alle schweigend hineingegangen waren, setzte sich der Vater ans Fenster und sah Ole mit tiefernsten Blicken nach. Öyvinds Augen hingen an jeder seiner Mienen, denn mit dem ersten Wort, das er sprechen würde, mußte sich die Zukunft der beiden jungen Menschen entscheiden. Setzte Tore sein Nein gegen das Oles, so war kaum daran vorbeizukommen. Seine Gedanken liefen geängstigt von einem Hindernis zum andern; er sah einen Augenblick nichts als Armut, Widrigkeiten, Mißverständnisse und gekränktes Ehrgefühl, und alles wankte und wich vor seinen Augen. Seine Unruhe wuchs, weil die Mutter so dastand, die Hand an der Klinke der Küchentür, ungewiß, ob sie den Mut finden würde, dazubleiben und die Aussprache abzuwarten, bis sie zuletzt alle Courage verlor und hinausschlich. Öyvind sah unverwandt seinen Vater an, dessen Auge scheinbar nicht wieder in die Stube zurückfinden konnte; der Sohn wagte nichts zu sagen, denn der andere mußte erst mit seinen Gedanken zu Ende sein. Aber gerade jetzt hatte seine Seele den Kreis der Angst durchlaufen und raffte sich wieder auf: "niemand als Gott allein vermag uns schließlich zu trennen", dachte er bei sich selbst und blickte auf die gerunzelten Brauen seines Vaters;—jetzt kam's wohl bald. Tore seufzte schwer, erhob sich, sah auf und begegnete dem Blick seines Sohnes. Er blieb stehen und sah ihn lange an.—"Mein Wille wäre, daß Du von ihr ließest, denn man soll sich nie etwas erbetteln oder ertrotzen. Willst Du aber nicht von ihr lassen, so kannst Du mir's gelegentlich sagen; vielleicht kann ich Dir dann helfen." Er ging an seine Arbeit, und sein Sohn folgte ihm.

Am Abend aber war Öyvind mit seinem Plan im reinen; er wollte sich um die Stelle des Amtsagronomen bewerben und den Direktor und den Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. "Bleibt sie fest, dann werde ich sie mir mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit erringen."

Er wartete diesen Abend vergebens auf Margit, aber er sang, während er dort auf- und abging, sein Lieblingslied:

Hoch den Kopf, du frischer Gesell! Schwand eine Hoffnung, wird dir schnell Vor Augen die neue glühen Und flugs entflammen und sprühen.

Hoch den Kopf, blicke weit und frei! Etwas ist da, das ruft: "komm herbei!" Mit tausend Zungen, die preisen Den Frohmut in sieghaften Weisen.

Hoch den Kopf; denn im Herzensgrund Blauet auch dir ein Himmelsrund, Drin Jubelchöre und Schwingen Bei Harfenakkorden klingen.

Hoch den Kopf und sing es heraus! Nie erstickst du des Frühlings Braus; Doch, wo die Kräfte gären, Da treiben die Halme bald Ähren.

Hoch den Kopf, laß Paten dir fein Droben die Hoffnungsstrahlen sein, Die Welten umwölben, die beben In jedem Fünklein Leben.

Elftes Kapitel

In der Mittagspause war's; auf den großen Heidehöfen schliefen die Leute. Das Heu lag auf den Wiesen aufgeworfen und die Rechen staken in der Erde. Vor dem Scheunentor standen die Heuwagen, das abgezäumte Sattelzeug lag daneben, und die Pferde waren eine Strecke weiter angebunden. Außer ihnen und ein paar Hühnern, die auf die Äcker hinausgelaufen waren, war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen.

In dem Felsen jenseits der Höfe war eine Kluft; von da führte der Weg zu den Heidehofalmen, großen, grasreichen Hochebenen. Oben in der Kluft stand heut ein Mann und hielt Umschau, als warte er auf jemand. Hinter ihm war ein kleiner Bergsee, wo der Bach entsprang, der die Kluft in den Felsen gegraben hatte; um diesen See herum führten zu beiden Seiten die Viehsteige nach den Almen hinüber, die man in der Ferne sehen konnte. Jodeln und Gekläff klang zu ihm hin, die Kuhglocken läuteten auf den Höhen; denn die Kühe rasten umher und wollten Wasser, und Hunde und Hirten versuchten vergeblich, sie zusammenzutreiben. Die Kühe machten die wunderlichsten Grimassen und Sprünge und liefen mit kurzem, wütendem Gebrüll und hocherhobenem Schweif gerade in den See hinein; da blieben sie stehen; ihre Glocken läuteten bei jeder Kopfbewegung über den See hin. Die Hunde tranken auch, aber sie blieben am Lande stehen, und die Hirten kamen hinterdrein und setzten sich auf den warmen glatten Felsen. Da holten sie ihr Vesperbrot heraus, tauschten es gegenseitig aus, prahlten mit ihren Hunden, ihren Ochsen und ihrer Herrschaft, zogen sich dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde wollten nicht mit; sie schlichen träge umher mit hängendem Kopf und brennenden Augen, und die Zunge hing ihnen aus der Schnauze. Rings auf den Hängen war kein Vogel zu sehen, kein Laut zu hören außer dem Geplauder der Mägde und dem Läuten der Glocken; das Gras war verdorrt und versengt; die Sonne brannte auf die Halden, daß alles in der Hitze erstickte.

Öyvind war's, der da oben in der Mittagssonne saß und wartete. Er saß in Hemdärmeln dicht am Bach, der aus dem See herauskam. Noch immer war auf dem ganzen Heidehof keiner zu sehen, und allmählich wurde ihm ängstlich zumute; da kam plötzlich ein großer Hund schwerfällig auf Nordistuen aus einer Tür, und hinter ihm ein Mädchen in Hemdärmeln. Sie lief über die Wiesen den Berg hinan; er hatte große Lust, ihr zuzujauchzen, aber er wagte es nicht. Er behielt aufmerksam den Hof im Auge, ob auch keiner komme und sie sehe, aber schon war sie in Sicherheit, und er sprang ein paarmal ungeduldig auf.

Dann war sie endlich mühsam am Bach heraufgeklommen, der Hund dicht vor ihr schnupperte in der Luft; sie hielt sich am Gebüsch fest, aber ihre Schritte wurden immer müder. Öyvind lief ihr entgegen, der Hund knurrte, wurde aber gleich zum Schweigen gebracht; als Margit ihn kommen sah, setzte sie sich rot wie Blut, müde und abgespannt von der Hitze auf einen großen Stein. Er schwang sich auf den Stein neben sie. "Ich danke Dir, daß Du kommst."—"Aber die Hitze und dieser Weg! Hast Du lange gewartet?"—"Nein! Wenn man uns abends aufpaßt, müssen wir eben die Mittagsstunde ausnutzen. Aber ich denke, fortan brauchen wir nicht mehr so heimlich und umständlich zu verfahren; ich wollte mit Dir darüber reden."—"Nicht heimlich?"—"Ich weiß ja, Dir gefällt gerade das Heimliche am besten; aber Mut magst Du doch auch zeigen. Ich habe heute viel mit Dir zu besprechen, und Du mußt gut zuhören."—"Ist es wahr, daß Du Amtsagronom werden willst?"—"Ja, und ich werde es auch erreichen. Ich habe dabei eine doppelte Absicht, erstens die, eine Stellung zu bekommen, außerdem aber und vor allen Dingen, etwas zu erreichen, was Deinem Großvater auffallen muß. Es trifft sich so glücklich, daß die meisten Bauern hier auf den Heidehöfen junge Leute sind, die Verbesserungen einführen möchten und dazu Hilfe brauchen; Geld haben sie auch. Da fange ich an; ich bringe alles in Ordnung, von ihren Kuhställen an bis zu ihren Wasserleitungen; ich werde Vorträge halten und arbeiten und den Alten sozusagen durch gute Taten bekehren."—"Das ist fein; weiter, Öyvind!"—"Ja, das andere betrifft uns beide. Du darfst nicht fort."—"Wenn er es aber befiehlt?"—"Und nichts mehr verheimlichen was uns beide angeht."—"Und wenn er mich quält?"—"Wir erreichen nämlich mehr und können uns besser schützen, wenn wir alles öffentlich tun. Wir wollen gerade vor aller Leute Augen zusammen sein, damit sie davon reden, wie lieb wir uns haben; um so eher wünschen sie, daß es uns gut geht. Du darfst nicht fort. Es ist immer eine Gefahr in der Trennung, und es kann allerhand Klatsch dazwischen kommen. Im ersten Jahr glaubt man's nicht, aber nachher im zweiten leuchtet es einem so allmählich ein. Wir beide wollen uns einmal in der Woche treffen und alles Böse hinweglachen, das man zwischen uns säen will; wir treffen uns auch beim Tanz und treten den Takt, daß es nur so klappt, während alle unsere Verleumder um uns herumsitzen. Wir treffen uns in der Kirche und nicken uns zu, daß auch die es sehen, die uns hundert Meilen auseinander haben möchten. Macht einer einen Vers auf uns, dann setzen wir uns hin und versuchen, eine Antwort drauf zu machen; das wird schon gehen, wenn wir uns gegenseitig helfen. Keiner kann uns was anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, daß wir es tun. Unglücklich in der Liebe können bloß die furchtsamen Leute sein oder die Schwachen und Kranken und die Berechnenden, die immer auf eine bestimmte Gelegenheit warten, oder die Schlauen, die schließlich sich an ihrer eigenen Schlauheit verbrennen, oder die Sinnlichen, die sich nicht so lieb haben, daß sie Stand oder Unterschied darüber vergessen,—die verkriechen sich, schreiben Briefe, beben bei jedem Wort und am Ende halten sie diese Angst, diese beständige Unruhe und das Prickeln im Blut für Liebe, fühlen sich unglücklich und zergehen wie Zucker. Pah, wenn die sich richtig lieb hätten, so hätten sie eben keine Angst; dann würden sie lachen und, offen in jedem Lächeln und jedem Wort, geradenwegs auf die Kirchtür zugehen. Ich habe darüber in den Büchern gelesen und habe es selbst mit angesehen: mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht, ist's jämmerlich bestellt. Die Liebe muß in Heimlichkeit beginnen, weil sie in Scheu beginnt,—aber leben muß sie in Offenheit, weil sie in Freude lebt. Das ist wie beim jungen Laub. Was wachsen will, das kann sich auch nicht verbergen, und immer wirst Du bemerken, daß alles Dürre am Baum in derselben Stunde abfällt, da das Laub knospen und keimen will. Einer, über den die Liebe kommt, wirft alles hin, was er an altem toten Kram noch festhielt; die Säfte schwellen und treiben, und das sollte man nicht merken? Hei, Mädel, die sollen sich mitfreuen, wenn sie uns fröhlich sehen. Zwei Brautleute, die sich treu bleiben, sind eine Wohltat für das Volk, denn sie schenken ihm ein Gedicht, das ihre Kinder zur Schande der ungläubigen Eltern auswendig lernen. Ich habe von vielen solchen Gedichten gelesen; auch hier im Gau leben welche im Volksmund, und eben die Kinder derer, die einst alles Schlimme verschuldet haben, erzählen jetzt davon und weinen darüber. Ja, Margit, jetzt wollen wir uns die Hand geben,—so, ja, und dann wollen wir uns versprechen, zusammenzuhalten,—so, ja, und dann wird's schon gehen, hurra!—" Er wollte sie beim Kopf fassen, aber sie drehte den Kopf zur Seite und ließ sich vom Stein heruntergleiten.

Er blieb sitzen; sie kam zurück, stützte die Arme auf seine Knie und sah zu ihm auf, während sie mit ihm sprach. "Hör' mal, Öyvind, wenn er nun will, ich soll fort, was dann?"—"Dann sagst Du nein, frei heraus."—"Geht denn das, Schatz?"—"Er kann Dich doch nicht selbst auf den Wagen setzen!"—"Wenn er das auch nicht gerade tut, so hat er doch viele andere Mittel, wodurch er mich zwingen kann."—"Das glaube ich nicht; Gehorsam bist Du ihm freilich schuldig, solange er keine Sünde von Dir verlangt; aber Du hast auch die Pflicht, ihm frei heraus zu sagen, wie schwer es diesmal für Dich ist, gehorsam zu sein. Ich meine, er kommt zur Vernunft, wenn er das sieht; jetzt glaubt er eben noch wie die meisten, es ist bloß Kinderei. Zeige ihm, daß es mehr ist."—"Mit ihm ist ja nicht zu spaßen. Er bewacht mich wie 'ne angebundene Ziege."—"Du reißt Dich aber ein paarmal am Tage los."—"Das ist nicht wahr."—"Doch, immer wenn Du heimlich an mich denkst, reißt Du Dich los."—"Ja dann. Aber weißt Du denn bestimmt, daß ich so oft an Dich denke?"—"Sonst wärst Du ja nicht hier."—"Aber Du hast mir doch sagen lassen, ich solle kommen."—"Du gingst aber doch, weil Deine Gedanken Dich dazu trieben!"—"Nein, bloß weil das Wetter so schön war."—"Du sagtest vorhin, es sei zu heiß."—"Zum Bergauf gehen, ja; aber bergab nicht."—"Warum gingst Du denn hinauf?"—"Um wieder hinunterlaufen zu können!"—"Warum hast Du das nicht schon lange getan?"—"Weil ich mich erst ausruhen mußte."—"Und mit mir von Liebe reden?"—"Ich konnte Dir doch die Freude machen, zuzuhören."—"Beim Vogelsang."—"Wo alles ruht."—"Und beim Glockenklang."—"In Waldeshut."

In diesem Augenblick sahen die beiden Margits Großvater auf den Hof gehumpelt kommen und nach der Glocke gehen, um die Leute zusammenzurufen. Die Leute kamen aus Scheunen, Schuppen und Häusern heraus, gingen schläfrig hin zu den Pferden oder den Rechen, verteilten sich über das Feld, und nach einer Weile war alles wieder Leben und Arbeit. Nur der Großvater ging von einem Haus ins andere und zuletzt auf die höchste Scheunenbrücke hinauf und hielt Umschau. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich hatte er ihn gerufen. Der Junge lief dann wahrhaftig nach der Richtung hin, wo Pladsen lag, der Großvater ging inzwischen rund ums Gehöft und blickte dabei häufig in die Höhe; ihm dämmerte wohl, daß das Schwarze da oben auf dem "Großen Stein" Margit und Öyvind seien. Und wieder war Margits großer Hund hinderlich. Er sah ein fremdes Pferd auf den Heidehof einbiegen, und da er dachte, es gehöre zu seinem Geschäft als Hofhund, fing er aus Leibeskräften zu bellen an. Sie suchten den Hund zu beschwichtigen, aber er war wütend geworden und wollte nicht aufhören, unten stand der Großvater und starrte in die Luft. Aber es wurde noch schlimmer, denn die Hunde von der Alm hörten mit Verwunderung die fremde Stimme und kamen herzugelaufen. Als sie sahen, daß es ein großer, wolfähnlicher Riese war, verbündeten sich die zottigen Finnenhunde gegen diesen einen; Margit bekam solche Angst, daß sie ohne Adieu davonlief; mitten auf dem Schlachtfeld stand Öyvind und trat und schlug um sich, aber sie flüchteten nur vom Kampfplatz, um sich unter grausigem Geheul und Gekläff ein Stück weiter wieder zusammenzurotten; er wieder hinter ihnen her, und so zogen sie allmählich zum Bachabhang hin; da lief er schnell hinzu, und die Folge war, daß sie alle miteinander ins Wasser purzelten, gerade an einer Stelle, wo es ordentlich tief war; da rannten sie beschämt auseinander, und so endete diese Schlacht am Walde. Öyvind ging quer durch den Forst, bis er auf die Dorfstraße kam, Margit aber lief ihrem Großvater unten am Zaun in die Arme; das hatte der Hund ihr eingebrockt.

"Wo kommst Du her?"—"Aus dem Wald!"—"Was hast Du da gemacht?"—"Beeren gepflückt."—"Das ist nicht wahr!"—"Nein, das ist es auch nicht!"—"Was hast Du denn gemacht?"—"Ich habe mit einem geredet."—"Mit dem Pladsenbengel?"—"Ja."—"Hör' mal, Margit, morgen reist Du—"—"Nein."—"Hör' mal, Margit, ich will Dir bloß eins sagen, bloß das eine: Du wirst reisen."—"Du kannst mich doch nicht selbst in den Wagen setzen?"—"So? Kann ich das nicht?"—"Nein, denn das willst Du nicht,"—"Will ich nicht? Hör' mal, Margit, bloß zum Spaß, siehst Du, bloß zum Spaß will ich Dir sagen, daß ich dem Lausbuben die Knochen im Leibe entzwei schlagen werde."—"Das wagst Du aber doch nicht."—"Das wage ich nicht? Du sagst, das wage ich nicht? Wer sollte mir wohl was tun?"—"Der Schulmeister."—"Der Schu-Schu-Schulmeister? Denkst Du, der kümmert sich um den?"—"Ja, der hat ihn doch auf die Ackerbauschule geschickt."—"Der Schulmeister?"—"Der Schulmeister!"

"Hör', Margit, ich will von dem Gelaufe nichts wissen; Du sollst hier weg. Du machst mir bloß Sorge und Kummer, gerade wie Deine Mutter, bloß Sorge und Kummer. Ich bin ein alter Mann, ich will Dich gut versorgt sehen, ich will nicht von den Leuten deswegen für einen Narren gehalten werden; ich will bloß Dein Bestes; das mußt Du doch zugeben, Margit. Wenn es mit mir zu Ende ist, stehst Du allein da; wie wäre es Deiner Mutter ergangen, wenn ich nicht gewesen wäre? Hör', Margit, sei vernünftig—hör', was ich sage; ich will bloß Dein Bestes."—"Nein, das willst Du nicht."—"So? Was will ich denn?"—"Deinen Willen durchsetzen, das willst Du; aber nach meinem fragst Du nicht."—"Du willst auch schon 'nen Willen haben, Du Kiekindiewelt? Du solltest schon wissen, was zu Deinem Besten ist, Du dummes Mädel? Ich werd' Dir mal den Stock zu schmecken geben, ja, das werd' ich, so groß und lang Du bist. Hör', Margit, ich will noch mal im Guten mit Dir reden. Du bist im Grunde gar nicht so dumm—das ist bloß 'ne fixe Idee von Dir. Du solltest auf mich hören, ich bin ein alter, vernünftiger Mann. Wir wollen noch mal im Guten drüber reden; mit mir' ist gar nicht soviel los, wie die Leute denken; ein armer lockerer Vogel hat bald mit dem bißchen aufgeräumt, was ich habe; Dein Vater hat schon den Anfang damit gemacht. Man muß in dieser Welt für sich selbst sorgen; besser verdient es keiner. Der Schulmeister hat gut schwatzen, der hat Geld, und der Pfarrer auch; da ist gut predigen. Aber bei uns, die sich ums tägliche Brot quälen müssen, ist das ganz was andres. Ich bin alt und habe viel erfahren und gesehen. Liebe, siehst Du, ist ja ganz schön, wenn man davon redet, aber sonst ist sie nichts wert; das ist bloß was für die Geistlichen und für solche Leute—die Bauern müssen die Sache anders anpacken. Erst das Essen, siehst Du, dann Gotteswort, und dann ein bißchen Schreiben und Rechnen und dann noch ein bißchen Liebe, wenn es sich gerade so macht. Aber es nützt blutwenig, wenn man zu oberst die Liebe stellt und ans Ende das Essen. Was sagst Du dazu, Margit?"—"Ich weiß nicht."—"Du weißt nicht, was Du sagen sollst?"—"Doch, das weiß ich."—"Nun, und?"—"Soll ich es sagen?"—"Ja, natürlich sollst Du es sagen!"—"Ich bin sehr für die Liebe." Er stand einen Augenblick verdutzt da, dann fielen ihm hundert ähnliche Gespräche mit ganz ähnlichem Ausgang ein, und er schüttelte den Kopf, drehte ihr den Rücken und ging.

Er ließ seinen Zorn an den Taglöhnern aus, schnauzte die Mägde an, prügelte den großen Hund und brachte beinahe ein Hühnchen um, das aufs Feld hinausgelaufen war; zu ihr aber sagte er nichts.

An dem Abend war Margit so fröhlich, als sie zu Bett ging, daß sie das Fenster aufmachte, sich hinauslehnte, lange hinausschaute und sang. Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied bekommen, und das sang sie:

Hältst du treu zu mir, Halt' ich treu zu dir Alle Tage, die mein eigen. Sommerzeit ging fort; Grün, das nun verdorrt, Kehrt zurück mit unserm Reigen.

Was dein Mund einst sprach, Laut klingt's in mir nach. Wie ein Vöglein auf dem Aste Singt und was verbricht, So mein Lied verspricht Glück in warmem Sonnenglaste.

Litli—litli—lu! Kannst mich hören du, Deinen Liebsten hinterm Hügel? Menschenwort verhallt,— Dunkel wird's im Wald; Doch vielleicht gibst du mir Flügel.

Bussi—bissi—buß! Klang im Lied ein Kuß? Nein, davon ist nicht die Rede. Wie, du hast's gehört? Bist du so betört, Dann geraten wir in Fehde.

Gute, gute Nacht! Träumen werd' ich sacht Von zwei milder Augen Strahlen, Von den Worten traut, Die sich ohne Laut Töricht aus der Seele stahlen.

Kind, nun schließ ich ab; War es dir zu knapp? Kehrt mein Lied im Echo wieder Lockend zu mir her? Wolltest du noch mehr?— Laue Nacht sinkt still hernieder.

Zwölftes Kapitel

Ein paar Jahre sind seit dem letzten Auftritt dahingegangen.

Es ist spät im Herbste; der Schulmeister ist nach Nordistuen hinaufgewandert, macht die Haustür auf, findet keinen, macht die nächste Tür auf, findet wieder keinen und geht so immer weiter bis in die hinterste Kammer des langen Gebäudes. Da sitzt Ole Nordistuen ganz allein vorm Bett und schaut auf seine Hände.

Der Schulmeister begrüßt ihn, zieht sich einen Holzstuhl heran und setzt sich Ole gegenüber. "Du hast nach mir geschickt", sagt er. "Das habe ich."

Der Schulmeister nimmt sich einen neuen Priem, sieht sich in der Kammer um, holt sich ein Buch, das auf der Bank liegt, und blättert darin. "Was wolltest Du denn von mir?"—"Das überlege ich mir gerade."

Der Schulmeister läßt sich Zeit, holt seine Brille heraus, um den Titel des Buches zu lesen, wischt sie ab und setzt sie auf. "Du wirst alt, Ole."—"Ja, darüber wollte ich ja gerade mit Dir reden. Es geht rückwärts mit mir; bald liege ich flach."—"Dann sorge dafür, daß Du gut liegst, Ole."—Er macht das Buch zu und sieht aus dem Fenster.

"Das ist ein gutes Buch, was Du da in der Hand hast."—"Es ist nicht schlecht; bist Du oft über den Einband hinausgekommen?"—"Jetzt in der letzten Zeit, ja—".

Der Schulmeister legt das Buch fort und steckt die Brille wieder ein. "Dir geht es wohl nicht nach Wunsch, Ole?"—"So lang ich denken kann, nicht."—"Ja, so ist's mir auch gegangen. Ich lebte mit einem guten Freund in Unfrieden und dachte, er müsse zu mir kommen, und solange war ich unglücklich. Schließlich kam ich auf den Einfall, zu ihm zu gehen, und seit der Zeit war alles gut."—Ole sieht auf und schweigt.

Der Schulmeister: "Wie findest Du denn, daß es mit Deinem Hof geht, Ole?"—"Rückwärts wie mit mir selbst."—"Wer soll ihn haben, wenn Du nicht mehr bist?"—"Das weiß ich ja eben nicht; das quält mich ja gerade!"

"Bei Deinen Nachbarn steht es jetzt sehr gut, Ole."—"Ja, die haben ja auch den Agronomen als Hilfe."

Der Schulmeister, der sich gleichgültig nach dem Fenster umwendet: "Du müßtest auch Hilfe haben, Ole. Sehen kannst Du nicht mehr ordentlich, und von der neuen Landwirtschaft verstehst Du nicht viel."

Ole: "Wer sollte mir wohl helfen?"—"Hast Du schon einen darum gebeten?" Ole schweigt.

Der Schulmeister: "Ich habe mich auch lange so mit dem lieben Gott gestanden.—Du bist gar nicht gut gegen mich, sagte ich zu ihm.—Hast Du mich darum gebeten? fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; da bat ich denn, und seit der Zeit ist es mir recht gut gegangen."—Ole schweigt, und da schweigt auch der Schulmeister.

Schließlich sagt Ole: "Ich habe ein Großkind; sie weiß, womit sie mir eine Freude machen könnte, ehe sie mich forttragen, aber sie tut es nicht."—Der Schulmeister lächelt: "Vielleicht wäre das für sie keine Freude." Ole schweigt.

Der Schulmeister: "Dich drückt allerhand, aber soweit ich es beurteilen kann, dreht sich doch alles schließlich um den Hof."—Ole sagt leise: "Er ist schon so lange in der Familie, und es ist guter Boden. Alles, was Vater und Großväter zusammengerackert haben, liegt in ihm, aber jetzt will nichts mehr gedeihen. Wenn sie mich hinausfahren, weiß ich ja nicht einmal, wer nach mir hineinfährt. In der Familie bleibt er nicht."—"Aber Deine Großtochter ist doch noch da."—"Wie wird aber der Mann, der sie bekommt, mit dem Hof umgehen? Das möchte ich wissen, ehe ich mich zur Ruhe lege. Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren, Baard,—nicht für mich noch für den Hof."

Sie schweigen beide; da sagt der Schulmeister: "Wollen wir nicht bei dem schönen Wetter ein bißchen an die Luft gehen?"—"Ja, das können wir. Auf den Halden draußen sind Arbeiter; sie sollen Laub holen, aber sie tun bloß was, wenn ich dabeistehe." Er stolpert nach der großen Mütze und dem Stock und sagt: "Sie mögen bei mir nicht arbeiten; ich kann das nicht begreifen." Als sie draußen waren und ums Haus bogen, blieb er stehen: "Hier, siehst Du? Keine Ordnung! Da ist das Holz durcheinandergeworfen und die Axt nicht in den Block gehauen", er bückte sich mühsam, hob sie auf und schlug sie ein. "Hier ist ein Fell heruntergefallen; aber hat ein Mensch es wieder aufgehängt?" Er tat es selbst. "Hier ist die Vorratsscheuer; meinst Du, sie haben die Treppe weggenommen?" Er trug sie beiseite. Dann blieb er stehen, sah den Schulmeister an und sagte: "So geht es einen Tag wie alle Tage."

Als sie weiter gingen, hörten sie von den Halden her fröhliches Singen. "Ach, da wird ja bei der Arbeit gesungen", sagte der Schulmeister.—"Das ist der kleine Knut Östistuen, der da singt; der holt Laub für seinen Vater; meine Leute arbeiten dahinten, die singen nicht."—"Das ist doch keine von unsern Weisen?"—"Nein, das höre ich auch."—"Öyvind Pladsen ist sehr viel auf Östistuen gewesen; es ist wohl eins von den Liedern, die er im Dorf eingeführt hat—der steckt immer voll Lieder." Hierauf kam keine Antwort.

Das Feld, über das sie gingen, stand nicht gut; ihm fehlte die rechte Pflege. Der Schulmeister äußerte das; da blieb Ole stehen. "Ich kann das nicht mehr machen", sagte er beinahe wehmütig. "Ohne Aufsicht werden fremde Arbeiter zu teuer. Aber es tut weh, über so ein Feld zu gehen, das kannst Du mir glauben."

Als sie dann davon sprachen, wie groß der Hof sei, und wo Hilfe am nötigsten täte, beschlossen sie, zu den Halden hinaufzugehen, von wo sie das Ganze überblicken konnten. Als sie nach geraumer Zeit einen hohen Punkt erreicht hatten, und das Ganze in Augenschein nahmen, wurde der Alte wehmütig: "Ich möchte nicht gerne so abgehen; ich und meine Vorfahren haben da unten redlich gearbeitet, aber viel ist nicht mehr davon zu sehen."

Da klang ein Lied über ihren Köpfen hin mit der eigentümlichen Herbheit, die eine Knabenstimme hat, wenn sie so recht forsch drauflos singt. Sie standen nicht weit von dem Baum, in dessen Wipfel der kleine Knut Östistuen saß und Laub für seinen Vater pflückte, und sie lauschten:

Willst du dich zu hohem Ziel Ins Gebirge wagen, Pack' ins Ränzlein nur so viel, Als sich leicht läßt tragen! Nimm nicht mit des Tales Zwang In die reinen Lüfte; Schüttle ihn mit keckem Sang Abwärts in die Klüfte!

Vögel grüßen dich im Chor, Fern dem giftigen Brodem, Und mit jedem Schritt empor Freier wird dein Odem. Frohen Herzens jauchze laut; Kindheit, längst vergangen, Nickt dir aus Gebüsch und Kraut Zu mit roten Wangen.

Stehst du still von Zeit zu Zeit, Andachtsvoll zu lauschen, Wird ins Ohr der Einsamkeit Hohes Lied dir rauschen. Wo ein Bach den Fels durchbricht, Wo ein Stein im Rollen, Hörst du der versäumten Pflicht Mächtiges Donnergrollen.

Zittre, bete, banges Herz, Sei zur Buße fertig! Heb den Blick dann gipfelwärts, Deines Heils gewärtig. Dort wie einst geht Jesus Christ, Wandeln die Propheten; Wohl dir, wenn du würdig bist, Ihnen nachzutreten.

Ole hatte sich niedergesetzt und das Gesicht in den Händen vergraben. "Nun will ich mit Dir reden", sagte der Schulmeister und setzte sich neben ihn.

* * * * *

In Pladsen war Öyvind gerade von einer längeren Reise nach Hause gekommen; die Postkutsche stand noch vor der Tür, weil die Pferde ausruhen mußten. Wenn auch Öyvind jetzt als Amtsagronom gute Einnahmen hatte, bewohnte er doch noch seine kleine Kammer in Pladsen und half in seiner freien Zeit in der Wirtschaft. Auf Pladsen war eine ganz neue Bewirtschaftung eingeführt, aber der Hof war so klein, daß Öyvind das Ganze Mutters Spielzeug nannte; denn sie war es, die hauptsächlich die Landwirtschaft betrieb.

Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war mehlbestaubt von der Mühle hereingekommen und hatte sich auch umgezogen. So standen sie und überlegten, ob sie vor dem Abendbrot noch ein bißchen ins Freie gehen sollten, da kam die Mutter mit ganz blassem Gesicht herein: "Es kommt seltener Besuch; seht doch!"—Die beiden Männer eilten ans Fenster, und Öyvind sagte gleich: "Das ist der Schulmeister und—ja, ich glaube beinahe,—ja natürlich ist er es!"—"Ja, das ist der alte Ole Nordistuen", sagte auch Tore und trat vom Fenster zurück, um nicht gesehen zu werden, denn die beiden waren schon dicht vorm Hause.

Öyvind fing einen Blick des Schulmeisters auf, als er gerade vom Fenster zurücktreten wollte; Baard lächelte und sah sich nach dem alten Ole um, der auf den Stock gestützt, mit kleinen kurzen Schritten heranstelzte, wobei er den einen Fuß immer etwas höher hob als den andern. Draußen hörten sie den Schulmeister sagen: "Er ist wohl eben nach Hause gekommen", worauf Ole zweimal "So—so" antwortete.

Es blieb lange still auf der Diele; die Mutter war in die Ecke hinterm Milchschrank gekrochen. Öyvind stand in seiner Lieblingsstellung, mit dem Rücken gegen den großen Tisch und dem Gesicht nach der Tür, der Vater saß daneben. Schließlich wurde an die Tür geklopft, und herein kam der Schulmeister und nahm seinen Hut ab, hinter ihm Ole und nahm auch seine Mütze ab, dann drehte er sich nach der Tür um und klinkte sie ein; er brauchte sehr lange dazu; offenbar war er verlegen. Tore stand auf und lud die Eintretenden zum Sitzen ein; sie setzten sich nebeneinander auf die Fensterbank, und Tore setzte sich auch wieder nieder.

Und jetzt werden wir hören, wie es bei der Werbung zuging.

Der Schulmeister: "Wir haben doch noch recht schönes Herbstwetter bekommen."—Tore: "Ja, es hat sich die letzte Zeit gebessert."—"Jetzt wird es sich wohl noch eine Zeitlang halten, wo der Wind umgeschlagen ist."—"Seid Ihr da oben schon mit der Ernte fertig?"—"Noch nicht. Hier der Ole Nordistuen—Du kennst ihn wohl—möchte, Du sollst ihm helfen, Öyvind, wenn es Dir recht ist."—Öyvind: "Wenn es gewünscht wird, will ich tun, was ich kann."—"Ja, er meinte aber nicht bloß so vorübergehend. Es geht mit dem Hof nicht vorwärts, findet er, und er glaubt, es fehlt so die richtige Leitung und Aufsicht."—Öyvind: "Ich bin aber so wenig zu Hause."—Der Schulmeister sieht Ole an. Der merkt, daß er jetzt ins Feuer muß; er räuspert sich ein paarmal und legt los: "Das heißt, das soll,—ja—ich meine, Du solltest fest—Du solltest, ja, gewissermaßen Deine Wohnung bei uns haben,—das heißt, wenn Du nicht auf Reisen bist."—"Schönen Dank für das Anerbieten, aber ich bleibe lieber hier wohnen."—Ole sieht den Schulmeister an, und der sagt: "Mit Ole geht das heute ein bißchen kraus. Die Sache ist: er ist früher schon mal hier gewesen, und die Erinnerung daran bringt ihm die Worte ein bißchen durcheinander."—Ole rasch: "So ist es, ja; ich war damals nicht recht gescheit; ich hab' mich solange mit dem Mädel geplagt, bis das Holz in Splitter ging. Aber das mag vergessen sein; der Sturm knickt das Korn um, doch ein kaltes Lüftchen nicht; Regenbäche können die großen Steine nicht unterwühlen; Maischnee liegt nicht lange; der Donner hat noch keinen Menschen erschlagen." Alle lachen; der Schulmeister sagt: "Ole meint, Du sollst nicht mehr dran denken, und Du auch nicht, Tore." Ole sieht sie an und weiß nicht recht, ob er weiterreden darf. Da sagt Tore: "Der Rosenstrauch packt mit vielen Zähnen zu und reißt doch keine Wunden. In mir wenigstens ist kein Stachel zurückgeblieben."—Ole: "Ich kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe ich: was er säet, das gedeiht; wie die Saat, so die Ernte; in seinen Fingerspitzen sitzt Gold, und ich möchte mir ihn sichern."

Öyvind sieht den Vater an, der die Mutter, die von ihm zum Schulmeister blickt, und dann schauten alle Ole an. "Ole meint, er hat einen großen Hof—" Ole unterbricht: "Groß ist er, aber schlecht imstande; ich kann nicht mehr recht, ich bin alt, und die Beine wollen nicht mehr mit. Aber es lohnt sich, da oben anzupacken."—"Gut und gern der größte Hof im ganzen Kreise", fällt der Schulmeister ein.—"Der größte Hof im ganzen Kreise; das ist aber gerade das Elend; wenn die Schuhe zu groß sind, verliert man sie; es ist recht schön, wenn das Gewehr gut ist, aber man muß auch damit umzugehen wissen. (Mit einer raschen Wendung zu Öyvind:) Möchtest Du es mal damit versuchen?"—"Ich soll also Verwalter sein?"—"Ganz recht, ja, Du sollst den Hof haben."—"Ich soll den Hof haben?"—"Natürlich, ja, und sollst ihn verwalten."—"Aber—" "Willst Du nicht?"—"Doch, selbstverständlich."—"Ja, ja, dann ist es also abgemacht, sagte die Henne und flog aufs Wasser."—"Aber—" Ole sieht verwundert den Schulmeister an.—"Öyvind will wohl bloß fragen, ob er Margit auch mitbekommt?"—Ole energisch: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!"—Da fing Öyvind laut zu lachen an und machte einen Luftsprung; die andern drei lachten auch, und Öyvind rieb sich die Hände, lief in der Stube auf und ab und wiederholte unaufhörlich: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!" Tore lachte und gluckste, die Mutter hinten in der Ecke sah ihren Jungen unverwandt an, bis ihr Tränen in die Augen traten.

Nach einer Weile fragte Ole sehr gespannt: "Was hältst Du von dem Hof?"—"Feiner Boden!"—"Feiner Boden, nicht wahr?"—"Wundervolle Weiden!"—"Wundervolle Weiden! Wird es gehen?"—"Das soll weit und breit der beste Hof werden!"—"Weit und breit der beste Hof? Glaubst Du? Meinst Du das wirklich?"—"So wahr ich hier stehe!"—"Ja, hab' ich das nicht immer gesagt?!" Sie sprachen beide gleich schnell und griffen wie zwei Räder ineinander. "Aber mit dem Geld, siehst Du mit dem Geld! Ich habe keins."—"Ohne Geld geht es langsam, aber es geht!"—"Es geht, ja, natürlich geht es! Aber wenn wir Geld hätten, ginge es schneller, meinst Du?"—"Viel schneller."—"Viel? Wenn wir bloß Geld hätten! Ja, ja! na, einer, der nicht alle Zähne hat, kann auch kauen, und einer, der mit Ochsen fährt, kommt auch vorwärts."

Die Mutter stand da und zwinkerte Tore zu, der sie ein paarmal schnell von der Seite ansah, während er den Oberkörper hin- und herwiegte und mit den Händen über die Knie strich; der Schulmeister blinzelte mit den Augen, Tore machte den Mund auf und wollte etwas sagen, aber Ole und Öyvind sprachen unaufhörlich durcheinander, lachten und machten solchen Lärm, daß kein andrer zu Wort kommen konnte.

"Seid jetzt mal still; Tore möchte was sagen", fällt der Schulmeister ein; sie verstummen und sehen Tore an. Der fängt denn ganz leise an: "Es ist auf dieser Stätte immer so gewesen, daß wir eine Mühle gehabt haben; in letzter Zeit ist es so gewesen, daß wir zwei gehabt haben. Diese Mühlen haben in Jahr und Tag doch ein paar Groschen abgeworfen; weder mein Vater noch ich haben von dem Geld genommen, außer damals, als Öyvind fort mußte. Der Schulmeister hat es verwaltet, und er sagt, daß es sich da, wo es stand, gut verzinst hat; aber jetzt ist ja das beste, Öyvind nimmt es für Nordistuen." Die Mutter stand hinten in der Ecke und machte sich ganz klein, während sie mit leuchtenden Augen zu Tore hinsah, der jetzt sehr gewichtig dahockte und beinahe dumm aussah; Ole Nordistuen saß ihm mit weit offnem Mund gegenüber; Öyvind war der erste, der sich von der Überraschung erholte. "Ist das nicht, als wenn das Glück mich verfolgt?" rief er, ging auf seinen Vater zu und schlug ihm auf die Schulter, daß es dröhnte. "Du Prachtvater!" sagte er, rieb sich die Hände und ging auf und ab.

"Wieviel mag das wohl sein?" fragte schließlich Ole ganz zaghaft den Schulmeister. "Es ist gar nicht so wenig."—"Ein paar hundert Taler?"—"Noch ein bißchen mehr."—"Noch ein bißchen mehr? Öyvind, noch ein bißchen mehr! Herrgott, das soll ein Hof werden!" Er stand auf und lachte hell heraus.

"Ich will mit Dir zu Margit", sagte Öyvind. "Die Postkutsche steht ja noch draußen, da geht es schnell."—"Ja, schnell, schnell! Magst Du auch gern alles schnell haben?"—"Ja, schnell und forsch!"—"Schnell und forsch! Akkrat so, wie als ich jung war,—akkrat so!"—"Hier ist Mütze und Stock; jetzt jage ich Dich 'raus!"—"Du jagst mich 'raus, haha! aber Du kommst mit, nicht, Du kommst mit? Ihr andern kommt wohl nach? Heut abend wollen wir solange zusammensitzen, wie noch ein Funken auf dem Herd ist; kommt nur hin!"—Sie versprachen es, Öyvind half ihm in den Wagen und sie fuhren nach Nordistuen hinauf. Da oben war der große Hund nicht der einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit Öyvind Pladsen in den Hof einfuhr. Während Öyvind ihm aus dem Wagen half und die Knechte und Mägde sie neugierig angafften, kam Margit aus dem Hause und wollte sehen, was denn der Hund fortwährend zu bellen hatte, aber sie blieb wie angewurzelt stehen, wurde glühend rot und lief wieder hinein. Der alte Ole rief aber so fürchterlich laut nach ihr, als er in die Stube kam, daß sie wohl oder übel wieder zum Vorschein kommen mußte. "Geh hin und mach' Dich fein, Mädel, hier steht der Mann, der den Hof haben soll."

"Ist es wahr?" rief sie, ohne es selbst zu wissen, und so laut, daß es schallte. "Ja, es ist wahr", sagte Öyvind und klatschte in die Hände; da drehte sie sich auf den Fußspitzen herum, schleuderte das, was sie gerade in der Hand hatte, weit weg und lief aus der Stube; und Öyvind hinterher.

Nach kurzer Zeit kamen auch der Schulmeister, Tore und seine Frau. Der Alte hatte Lichter auf den weißgedeckten Tisch gestellt; es gab Wein und Bier, und er selbst war immerzu auf den Beinen und hob den Fuß noch höher als gewöhnlich, aber immer bloß den rechten.

* * * * *

Ehe diese kleine Erzählung zu Ende geht, soll noch berichtet werden, daß fünf Wochen später Öyvind und Margit in der Dorfkirche getraut wurden. Der Schulmeister leitete an diesem Tage selbst den Gesang, weil der Hilfsküster krank war. Seine Stimme war brüchig, denn er war alt; aber Öyvind fand doch, es höre sich wunderschön an. Und als er Margit die Hand gereicht und sie vor den Altar geführt hatte, da nickte ihm der Schulmeister vom Chor herunter zu, genau so, wie Öyvind es damals gesehen hatte, als er so wehleidig beim Tanz saß: er nickte ihm auch zu, und die Tränen wollten ihm in die Augen treten.

Die Tränen bei jenem Tanz waren das Tor zu diesen Tränen gewesen, und zwischen ihnen lag seine Arbeit und seine Treue.

Und hier ist die Geschichte von dem fröhlichen Burschen zu Ende.

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